Bresching, Frank – Ruf der Eule, Der

Der sechzehnjährige Alexander, von seinen Freunden bloß Alex genannt, meldet sich zu einem Schüleraustausch nach Cambridge in England an. Für zwei Wochen geht es zu einer Gastfamilie. Anschließend soll der Sohn der englischen Familie im Gegenzug bei ihm in Deutschland unterkommen. Nicht nur Alex, auch einige seiner Klassenkameraden machen bei dem Austausch mit, darunter auch sein bester Freund Dominik.

In Cambridge wird Alex von Familie Taylor aufgenommen, die aus der Mutter Kathryn und den beiden Jugendlichen Patricia und Marc besteht. Gleich bei seiner Ankunft erfährt Alex, dass Familienvater William vor zwei Jahren ums Leben gekommen ist. Kathryn bittet ihn, nicht mehr auf dieses schmerzhafte Thema zu sprechen zu kommen. Kathryn ist eine attraktive Frau um die Vierzig, die die meiste Zeit außer Haus ist, da ihr Job in einem medizinischen Unternehmen sie sehr fordert. Marc und Pat sind Zwillinge, ansonsten aber unterschiedlich wie Tag und Nacht. Marc ist ein rothaariger, ruhiger, zurückhaltender Junge, der immer darauf bedacht ist, es seinem Gast recht zu machen. Alex versteht sich gut mit ihm, verspürt aber auch eine gewisse Distanz. Pat hingegen ist nicht nur eine dunkle Schönheit, sondern strotzt auch vor Selbstbewusstsein und Laszivität. Ihre Ausstrahlung bringt Alex in Verwirrung, zumal er nicht ersehen kann, ob sie ihn leiden kann oder nicht.

Nach den ersten Tagen kommen sich Alex und Pat jedoch näher. Alex ist überglücklich, dass seine schöne Gastschwester sich ernsthaft für ihn zu interessieren scheint, obwohl er sich nach wie vor nicht ganz sicher ist, wie sie wirklich zu ihm steht. Aber kaum dass Alex sich eingewöhnt hat, warnt ihn eine alte Nachbrain vor der Familie, vor allem vor Kathryn. Ein düsteres Geheimnis scheint den Tod von William Taylor zu umgeben. Unheimlich wird es, als Alex herausfindet, dass Kathryns Firma sich mit Leichenkonservierung zur eventuellen Wiederbelebung befasst.

Wie hängt diese Entdeckung mit William Taylors Tod zusammen? Was für eine Bedeutung hat die Gedenkstätte im Keller des Hauses? Und warum träumt Alex in letzter Zeit ständig von seinem verstorbenen Großvater, der ihm offenbar etwas zu sagen versucht? Bald weiß Alex nicht mehr, ob er sich etwas zusammenphantasiert oder sein Verdacht gerechtfertigt ist. Die Atmosphäre im Haus der Taylors wird immer angespannter. Kann Alex ihnen trauen oder schwebt er wirklich in Gefahr? Immer tiefer verstrickt sich der Junge in ein Netz aus Todes- und Jenseitserfahrungen, grausigen Experimente und dunklen Prophezeihungen, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt …

Was kommt nach dem Tod? – Das ist die zentrale Frage, um die sich dieser Thriller dreht und mit der er den Leser konfrontiert. Eine Frage, die bereits vor Beginn der eigentlichen Geschichte aufgeworfen und im Verlauf der Handlung immer bestimmender wird.

|Protagonist als Identifikationsfigur|

Sympathischerweise präsentiert sich der Ich-Erzähler als normaler Durchschnittsjugendlicher, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Alex ist, im Gegensatz zu seinem Freund Dominik, weder im schulischen Bereich noch bei den Mädchen oder im Sport ein absoluter Überflieger. Lediglich sein Englisch ist überdurchschnittlich gut, ansonsten offenbart er angenehme Unsicherheiten, die man nachvollziehen kann. Enorm schwer tut er sich bei der Einschätzung von Patricias Gefühlen, obwohl er nicht gänzlich unerfahren in Sachen Mädchen und Beziehungen ist.

Trotzdem versteht es seine Gastschwester, ihn immer wieder aufs Neue zu verwirren, seine Gedanken durcheinander zu bringen, so dass seinem besten Freund sehr bald auffällt, dass Alex rettungslos verliebt ist. Auch die Unsicherheitlichen bezüglich seiner Gastfamilie sind gut dargestellt. Mehrere Punkte sprechen dafür, dass sich Alex wirklich in Gefahr befindet, dass sich Marc und vor allem Kathryn ihm gegenüber verändert haben, dass ihre Blicke dafür sprechen, dass er sich mitten in einer Verschwörung gegen sich befindet. Doch es fehlen ausschlaggebende Beweise, so dass Alex in seiner Einschätzung hin und her schwankt. Dem Leser ergeht es ähnlich, denn alles ist möglich: Vielleicht erweisen sich Alex‘ Verdächtigungen als haltlos, aber vielleicht steuert er auch direkt auf eine Katastrophe zu …

|Dichte Handlung|

Die Handlung ist straff gespannt und erlaubt sich keine unnötigen Abschweifungen. Zwar werden kleine Rückblicke in die Vergangenheit zu Alex‘ verstorbenem Opa eingebaut, doch diese sind von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf, wie sich bald herausstellt. Der Spannungsbogen steigert sich konsequent, bis man mit dem Protagonisten mitfiebert und sich eine Antwort auf all die Fragen herbeisehnt, die sich durch all die merkwürdigen und beunruhigenden Ereignisse ergeben haben. Dabei deutet, bis auf einen kurzen, düsteren Rückblick, zunächst nichts in der Haupthandlung auf eine ungewöhnliche Entwicklung hin.

Ein Schüleraustausch nach England, eine nette Gastfamilie, eine kleine Liebelei zwischen Teenagern bilden den harmlosen Einstieg, der dementsprechend fast belanglos daherkommt. Nach und nach häufen sich jedoch die Vorfälle, die Alex misstrauisch werden lassen, angefangen bei den seltsamen Traum-Visionen über seinen verstorbenen Großvater bis hin zu den Warnungen der alten Nachbarin. Alex wird von Neugierde gepackt und stellt eigene Nachforschungen an – und das Ergebnis beunruhigt ihn zutiefst. Spätestens an diesem Moment ist der Leser gefangen und hofft gemeinsam mit dem Protagonisten, dass sich alles zum Guten weden möge.

Positiv sticht zudem heraus, dass sich der Roman gleichermaßen für Jugendliche als auch für Erwachsene eignet. Das Thema ist ernst und durchaus beängstigend, doch für Leser in Alex‘ Alter gut aufbereitet. Die wissenschaftlichen Details halten sich in Grenzen und die Jugendlichkeit des Protagonisten macht das Buch ideal für diese Altersklasse. Dazu passt auch der leichte, sehr dialoglastige Stil, der für eine flüssige Lesbarkeit sorgt. In spätestens zwei Tagen, unter Umständen auch schon an einem, hat mal als Schnellleser die gut 240 Seiten hinter sich gebracht. Aber auch wenn längere Pausen eingelegt werden, hat man keine Probleme, sich rasch wieder ins Geschehen einzufinden. Es gibt keine verwirrenden Handlungszweige, stattdessen ist der Roman klar strukturiert aufgebaut. Am Ausgang der Geschichte mögen sich die Geister scheiden, feststeht jedoch, dass der Autor Mut zur Konsequenz bewiesen hat. Die Pointe kommt recht unerwartet, fügt sich aber ins Gesamtbild ein und schlägt einen unkonventionellen Weg ein, was selbst derjenige honorieren sollte, dem das Ende inhaltlich nicht gefällt.

|Kleine Schwächen|

Trotzdem ist „Der Ruf der Eule“ nicht frei von Mängeln. Da ist einmal der sehr geraffte Beginn, der zwar das zügige Lesen fördert, aber an manchen Stellen etwas mehr Ausführlichkeit verdient hätte. Zwischen dem Entschluss von Alex, an dem Schüleraustausch teilzunehmen, und seiner Ankunft bei seiner Gastfamilie herrscht ein harter Bruch. Ohne Zwischenstation wird zu einer Szene übergeblendet, in der Alex in England am Küchentisch sitzt. Der Leser weiß die Namen „Kathryn“ und „Marc“ daher zunächst gar nicht einzuordnen. Erst zwei Seiten später folgt ein kurzer Rückblick zu seinem Empfang bei der Ankunft. Grundsätzlich hat man das Gefühl, dass es der Handlung gut getan hätte, sie in einen weitgefassteren zeitlichen Rahmen unterzubringen. Da Alex insgesamt nur einen Aufenthalt von zwei Wochen in England hat, erscheint die Entwicklung der Ereignisse zu überhastet und zu gedrängt. Schöner wäre gewesen, die Zeit des Austausches großzügiger anzulegen und dafür die Entwicklung gemächlicher zu gestalten.

Glaubwürdigkeit büßt der Roman dadurch ein, dass Alex offenbar während seines ganzen Aufenthaltes keinerleih Sprachprobleme zu bewältigen hat. Man erfährt zwar kurz vor seiner Anreise, dass er ein sehr guter Englischschüler ist, aber trotzdem erscheint es unrealistisch, dass er von da an jedes Gespräch wie ein Muttersprachler zu bewältigen scheint. Man vergisst geradezu, dass er sich in einem fremden Land befindet. Nur bei der Begrüßung durch Marc wird erwähnt, dass Alex ihn „in einem guten Englisch“ anspricht – von da an ist es selbstverständlich, dass er sich fließend mit allen Engländern unterhält. Natürlich sollen keine Verständnisprobleme vom Inhalt der Handlung ablenken, aber um Oberflächlichkeit zu vermeiden, wäre es eleganter gewesen, wenigstens ab und zu die Hauptfigur Alex ein wenig ins Nachdenken zu versetzen, anstatt ihm ein fließendes Englisch zu verpassen. Gerade bei den langen Dialogen, die er beispielsweise mit der alten Nachbarin führt, ist es wesentlich glaubwürdiger, wenn der Protagonist angesichts der Ungewöhnlichkeit der Ereignisse kurz innehalten und überlegen muss.

Während sich am Anfang die Geschehnisse in rascher Abfolge ereignen, wird an anderer Stelle die Ausführlichkeit übertrieben. Das ist vor allem in ausufernden wörtlichen Reden der Fall. Als Patricia Alex vom Tod ihres Vaters erzählt, beschreibt sie minutiös alle Vorgänge in epischer Breite. Anstatt sich darauf zu beschränken, den schlechten Zustand ihres Bruder wiederzugeben, erwähnt sie sogar, dass „kleine, feine Schweißtropfen“ seine Schläfen säumten, ganz wie ein allwissender Erzähler, der sich detailgenau jede seiner Figuren vornimmt, was in einer wörtlichen Rede aber zu viel des Guten ist.

Insgesamt ist das Buch sauber lektoriert, wenn sich auch ein paar kleine Fehlerteufel eingeschlichen haben – so verzichtet der Verlag grundsätzlich auf das übliche Leerzeichen vor den Auslassungspunkten, mal werden Anführungszeichen oben statt unten oder fälschlicherweise vor den Satzpunkt gesetzt, aber diese Schludrigkeiten kommen nur vereinzelt vor und fallen nicht weiter auf.

_Unterm Strich_ ist „Der Ruf der Eule“ ein lesenswerter und unterhaltsamer Thriller, der sich sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche eignet. Nach harmlosen Beginn wird der Verlauf der Handlung immer mystischer und bedrohlicher bis hin zu einem überraschenden Ende. Kleine Schwächen in zu hastiger Erzählweise und Glaubwürdigkeit mindern das Lesevergnügen, doch dank des flüssigen Stils bietet sich eine leicht zu konsumierende Lektüre für alle Freunde der Spannungsliteratur.

_Der Autor_ Frank Bresching wurde 1970 geboren. Er verfasste zunächst einige Kurzgeschichten, bevor 1996 sein Debütoman „Der Teddybär“ erschien. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Koblenz.

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June Thomson – Alter Sarg für neue Leiche

thomson sarg cover kleinDas geschieht:

Auf einem brachliegenden Feld in der englischen Grafschaft Dorset graben Archäologen eine Leiche aus, die nur noch Skelett, doch ganz und gar nicht historisch ist. Chief Inspector Finch übernimmt einen seltsamen Fall, denn der tote Mann wurde zwar ermordet, aber nach seinem Ende vom Mörder sorgfältig aufgebahrt und in eine Wolldecke als Leichentuch gehüllt; sogar ein Kruzifix als Grabbeigabe wird entdeckt.

Das einsame Grab liegt auf der Grenze zwischen den Ländereien zweier nicht gerade befreundeter Bauern. George Stebbing ist ein scheinheiliger Schwätzer, der seine Nase allzu gern dorthin steckt, wo sie nichts zu suchen hat, Geoff Lovell ein grimmiger Sonderling, der seine Schwägerin Betty und seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Charlie auf dem Hof gefangen zu halten scheint.

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Johns, Geoff / Jimenez, Phil – Infinite Crisis 1 (von 7)

Lange, lange haben |DC Comics| diesen großen Comic-Crossover angekündigt, viele Vorboten zierten in den letzten Monaten bereits den Weg, und jetzt, im Sommer 2006, kann sie endlich beginnen: die größte Krise, die das Comic-Universum des legendären Superhelden-Verlags je erlebt hat, nämlich die „Infinite Crisis“. In sieben Teilen und zahlreichen Tie-ins wird die gewaltigste Bedrohung für die Welt der Superhelden geschildert und damit auch der Grundstein für einen großen Umschwung im Hause DC gesorgt. Alte Helden und Schurken gehen, neue kommen hinzu, und wie man bereits in den zahlreichen Vorausgaben lesen konnte, nehmen die Macher wirklich keine Rücksicht auf große Verluste und opfern im Laufe der „Infinite Crisis“ einige Charaktere, die schon seit Jahren das DC-Universum bevölkern. Man darf sich also auf eine der umfassendsten Serien der letzten Jahre freuen, und nun endlich liegt der erste reguläre Band vor.

_Story_

Große Ereignisse überschatten die Welt von Superman, Batman und ihren Verbündeten. Nach dem Tod des Blue Beetle stürzt die Welt ins Chaos: Erst wurde Superman von fremden Mächten kontrolliert, dann wurde der von Batman höchstpersönlich gebaute Satellit Brother Eye fehlgeleitet und rekrutierte eine ganze Armada von Killer-Robotern und anschließend formierte sich unter der Leitung eines zweiten Lex Luthor auch noch eine Reihe von Schurken aus der zweiten Reihe, um die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern und über den Tod der schützenden Superhelden die Herrschaft an sich zu reißen. Ein Skandal folgt dem nächsten, und bevor man überhaupt erfassen kann, wie gewaltig die Kraft der aktuellen Bedrohung tatsächlich ist, fällt es den beteiligten Akteuren von der guten Seite schon schwer genug, sich noch gegenseitig in die Augen zu schauen – schließlich wird jedem von ihnen die Schuld an den jüngsten Ereignissen angelastet …

_Meine Meinung_

Tatsächlich, es erscheint monströs, was sich DC mit dieser seit langem geplanten Serie vorgenommen haben. Auch wenn im ersten Heft nur ein recht zähes und überaus komplexes Vorgeplänkel stattfindet, wird einem schon bewusst, wie tief die Gedanken und Verschwörungen dieser neuen Serie reichen. Über ein ganzes Jahr wollen die beteiligten Autoren die Reihe laufen lassen und dabei grundlegende Dinge ändern, welche die gesamte Zukunft des Comic-Verlags maßgeblich beeinflussen werden. Wie weit man gehen wird, kann man nach den ersten Vorgeschichten sowie dem relativ losen Plot des ersten Magazins jetzt noch nicht sagen. Dass die Angelegenheit aber alleine schon durch die unheimlich starke Position der bösen Mächte in dieser Reihe massive Auswirkungen auf die ganze Umwelt der DC-Comic-Welt haben wird, merkt man sofort.

Zudem ist die Atmosphäre des einleitenden Bandes unheimlich düster. Fast schon melancholisch wirken Superman, Wonder Woman und Batman bei ihrem anfänglichen Aufeinandertreffen, bei dem sie die jüngsten Ereignisse Revue passieren lassen, und diese Stimmung zieht sich weiterhin auch wie ein roter Faden durch den gesamten Band. Überhaupt scheint die Situation dieses Mal wirklich aussichtslos. Lag sonst in den meisten Comics von Beginn an noch ein Fünkchen Hoffnung in der Luft, dass sich schon in Kürze wieder einiges zum Guten wenden wird, treffen hier derart viele negative Szenarien zusammen, dass für keinen der mitwirkenden Helden eine Aussicht auf Besserung besteht. Gemeinsam mit dem Wissen um die anstehenden Veränderungen macht diese besonders bedrohliche Grundstimmung die Magie hinter „Infinite Crisis“ aus. Das Ganze ist einfach so unglaublich groß, dass es selbst für diejenigen Fans, die von Marvel und Co. schon einiges gewöhnt sind, nur schwer greifbar ist.

Crossover hat es ja schon viele gegeben, aber bei kaum einem anderen Konstrukt hatte man dieses stets präsente Gefühl des Überdimensionalen, die Angst wegen des großen Umschwungs, oder aber die weise Voraussicht, hier das vielleicht hoffnungsvollste und zeitgleich gewagteste Projekt, an das sich DC je herangetraut hat, in den Händen zu halten. Eins ist nämlich klar: Sollte es dem Autoren-Team nicht gelingen, über diesen großen Zeitraum dieses hohe Maß an Spannung aufrechtzuerhalten, dann wird die ganze eh schon komplizierte Welt um Batman, Superman und Co. komplett ins Chaos stürzen – und dies wäre für den in Sachen Crossover eh schon leicht gebeutelten Verlag eine totale Katastrophe. Nach der es aber bislang absolut nicht ausschaut …

http://www.paninicomics.de

Felixa, Magdalena – Fremde, Die

Berlin, Berlin … Magdalena Felixa hat ein Buch geschrieben, in dem die Stadt eine Nebenrolle spielt und das sich wie ein modernes Großstadtmärchen liest – nur ohne den Kitsch und den Prinzessinnentüllquatsch.

Die Ich-Erzählerin ist dem Leser ganz nahe – schließlich breitet sie ihr Leben vor ihm aus – und doch wieder so entfernt. Das Ich in diesem Buch nennt noch nicht mal ihren Namen, sagt wenig über ihr Äußeres, zeigt kaum Gefühle und doch ist es das Beste, was diesem Buch passieren konnte. Selena, Hanna, Mimi oder Alice – um nur einige ihrer Namen zu nennen – ist immer auf der Flucht. Ihre Heimat liegt irgendwo im Osten und sie hält sich illegal in Berlin auf. Sie schlägt sich mit kleinen Jobs herum, wohnt bei einer der vielen Freunde, die sie kennt und die es zumeist nicht besser haben als sie selbst. Sie ist eine Schattenexistenz, die sofort weghuscht, wenn ein Lichtstrahl auf sie gerichtet wird.

Genau das passiert, als plötzlich zwei Männer auftauchen, die sie nach einem ehemaligen Chef von ihr befragen und nicht gerade zimperlich mit ihr umgehen. Doch es kommt noch schlimmer, denn die Polizei ist ebenfalls auf den Fersen von Roman, dem ehemaligen Chef. Immer wieder wird sie von ihren Verfolgern aufgespürt, doch schließlich bietet sich ihr eine Chance, um für immer aus der Stadt zu fliehen …

Magdalena Felixa hat ein großartiges kleines Buch geschrieben. Nüchtern und doch intensiv. Leuchtend, obwohl es im Halbdunkeln der Illegalität spielt. Ein Kleinod in den dreckigen Straßen Berlins. Ihre namenlose Hauptperson setzt sie nach dem Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ ein. Der Leser erfährt wenig von ihr oder von ihrer Vergangenheit, sondern begleitet sie eine Weile durch ihr beschwerliches Leben, ohne dass sie ihn dabei zu nahe heranlassen würde. Distanz ist das Zauberwort, welches das ganze Buch zu tragen scheint und obwohl es Schlimmes erahnen lässt, ein sehr geschickter Schachzug ist, denn diese Distanz verleiht der Hauptperson eine tragische Seriösität, die einem eine Gänsehaut auf den Rücken zaubert.

Diese Distanz, diese Bodenständigkeit, die Selena oder wie auch immer umgibt, schlägt sich auch im Schreibstil nieder, der sehr graziös und gleichzeitig trocken ist. Felixa braucht nur wenige Worte und eine Hand voll kurzer, einfacher Sätze, um in dem knapp 200 Seiten umfassenden Buch ein eigenes kleines Universum zu schaffen. Anders als man vielleicht vermutet, bedarf sie dafür keiner Gossensprache, sondern greift auf ein leicht verständliches, poetisches Deutsch zurück. Die Dichte von Metaphern und wunderschönen Beschreibungen ist hoch. Trotzdem drängen sie sich dem Leser niemals auf.

|“Um den Platz herum, wo einst die Grenze war, ist es seltsam still. Ich liebe die stummen Baustellen, die nachts mit offenen Augen schlafen, wie ich es tue.“| (Seite 5)

Der ganze Roman ist sehr unaufdringlich, distanziert eben, was sich schon bei den kurzen Kapiteln mit den teilweise sehr poetischen Titeln zeigt. Sie sind episodenhaft, wie herausgerissen aus dem Großstadtleben. Sie demonstrieren die Rastlosigkeit der Fremden, die überall und nirgendwo zu sein scheint.

|“Meine Freunde sind Neger, Kanaken, Schwule, Fliehende, Fremde. So wie ich. Ich mag Menschen, für die ich austauschbar bin, die nicht heucheln, verliebt zu sein. Ich sehe lieber ihre Begierden, als in ihre Seelen zu blicken. Ich will keine Fragen stellen. Ich mag, wen sie um mich herum sind und mir aus ihrem Leben erzählen. Ich selbst bleibe lieber unsichtbar, ziehe es vor, daß man sich nicht an mich erinnert. Das Zuhören ist keine tugendhafte Eigenschaft meines Charakters. Es ist ganz eigennützig. Das Stakkato beruhigt micht. Ich schließe die Augen und höre zu. Hunderte Geschichten vom verpaßten Glück. Berlin, Stadt der Entzauberten.“| (Seite 6)

Magdalena Felixa hat mit „Die Fremde“ ein beachtliches Buch geschaffen. Ein kleines, trauriges Großstadtmärchen mit einer wundervollen Hauptperson und einer klaren, poetischen Sprache, welche die Stimmung, die das Buch durchzieht, direkt auf den Punkt bringt. Bravo!

http://www.aufbauverlag.de

Miller, Frank / Varley, Lynn – 300

„Wanderer, kommst du nach Sparta, so verkündige dorten,
du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“
|Epigramm von Simonides am Thermopylen-Denkmal,
Übersetzung von Friedrich Schiller|

Ist sie Wahrheit oder Legende, die Geschichte um die [Schlacht bei den Thermopylen?]http://de.wikipedia.org/wiki/Erste__Schlacht__bei__den__Thermopylen Eine 300 Mann starke Armee von Spartanern leistet mutig bis zum letzten Mann dem zahlenmäßig weit überlegenen Heer von 120.000 Persern erbitterten Widerstand.

Der historische Hintergrund lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären. Welche Teile der Geschichte wahr und welche als Legenden einzustufen sind, ist umstritten. Strittig dürften die Überlieferungen auch aufgrund des unter Forschern immer wieder hinterfragten Rufes des Autors sein: [Herodot.]http://de.wikipedia.org/wiki/Herodot Schon Cicero bescheinigte dem Mann nicht nur, der „Vater der Geschichtsschreibung“ zu sein, sondern auch der „Erzähler zahlloser Märchen“. Und so wurde Herodot stets eine mangelnde Differenzierung zwischen Legenden und Wirklichkeit vorgeworfen.

Mythos oder historische Wahrheit – die Schlacht bei den Thermopylen dient so oder so als Kulisse einer Graphic Novel, die nicht ganz zu Unrecht im Laufe der Jahre einen gewissen Kultstatus erlangt hat. Autor dieses Comics ist kein Geringerer als Frank Miller, dessen Werk nicht zuletzt durch die Kinoverfilmung von „Sin City“ wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Auch „300“ wird derzeit verfilmt und soll Anfang 2007 in die Kinos kommen. Die Regie führt Zack Snyder. Grund genug, dass auch der längst vergriffene Comic noch einmal neu aufgelegt wird. Eine Sache, der man sich im Hause |Cross Cult| mit der Herausgabe einer edlen Hardcover-Edition von „300“ würdevoll gewidmet hat.

480 v. Chr. stehen die Perser unter der Herrschaft von König Xerxes I. vor den Thermopylen, einem Engpass des Kallidromos-Gebirges, bereit, Griechenland einzunehmen und zu unterwerfen. 120.000 Perser stehen etwa 7.000 teils zerstrittenen und uneinigen Griechen gegenüber – eine Übermacht gigantischen Ausmaßes. Auf griechischer Seite befehligt der spartanische König Leonidas die Truppen. Im unwegsamen und schwer zugänglichen Gelände der Thermopylen gelingt es Leonidas‘ Truppen, tagelang die Stellung zu halten und den Persern hohe Verluste zuzufügen. Die Spartaner werden zum Symbol für Heldenmut und Kampfstärke.

Als ein gewisser Ephialtes aus den Truppen Leonidas‘ Verrat begeht und zu den Perser überläuft, schlägt die letzte Stunde des Leonidas. Die Perser können dank der Informationen des Ephialtes von zwei Seiten angreifen. Leonidas kämpft mit seiner 300 Mann starken Armee aus Spartanern bis zum letzten Augenblick, kann das gigantische Heer der Perser aber letztendlich nicht aufhalten.

Die Schlacht bei den Thermopylen wurde im Folgenden immer wieder als herausragendes Beispiel für den großartigen Heldenmut und den unbändigen Kampfgeist der Spartaner herangezogen – vorzugsweise von den Spartanern selbst, versteht sich. Aus dieser Geschichte zwischen Legende und Historie hat Frank Miller ein bildgewaltiges Historienepos geschaffen.

Schon beim ersten Durchblättern wird klar, warum es irgendwann so weit kommen musste, dass „300“ verfilmt wird. Miller setzt viel Gewicht auf die Bilder und man sieht beim Lesen den fertigen Film schon fast vor sich. Miller hat ein Faible für besondere Perspektiven, versteht es, einzelne Augenblicke zu einem beeindruckenden Bild einzufrieren. „300“ wirkt wie reinstes Kopfkino.

Miller kreiert eine düstere Stimmung mit intensiven Bildern und würzt das Ganze mit knackigen Dialogen, die kein Drehbuchautor mehr zu verbessern braucht („Einhundert Völker werden über euch kommen. Unsere Pfeile werden die Sonne verdunkeln.“) Oft formuliert Miller kurz und knapp – geradezu spartanisch. Doch stets trifft er den Nagel auf den Kopf, nie werden Worte verschwendet.

Diese knappen, wohlakzentuierten Formulierungen ergeben zusammen mit den teils sehr intensiven Bildern eine nicht zu leugnende atmosphärische Dichte. „300“ ist ein Spiel aus Licht und Schatten, das sehr direkt auf den Leser einwirkt. Heldenmut und brutale Kriegswirklichkeit prallen hart aufeinander. Miller erzählt seine Geschichte mit viel Pathos, aber gleichzeitig mit einer Härte, welche die Brutalität historischer Schlachten ungeschönt darstellt.

Wie schon in „Sin City“, wird auch in „300“ viel Blut vergossen und Miller versucht gar nicht erst, den Leser vor der knallharten Brutalität der Bilder zu schützen. Allzu zart besaiteten Gemütern sei also zur Vorsicht geraten. Der potenzielle Kinogänger kann sich jedenfalls schon mal auf ein buntes Schlachtengetümmel à la „Herr der Ringe“ einstellen.

Gerade bei der erstmaligen Lektüre empfindet man die Figuren (in erster Linie die Spartaner) als geradezu unmenschlich. Scheinbar emotionslos wandeln sie durch die Handlung, mit verhärteten Gesichtszügen, unerschütterlicher Stärke und ohne den Hauch einer Schwäche. Dabei wirft Miller durchaus auch einen kleinen Blick hinter die kampferprobten Krieger Spartas. Ein wenig spartanisches Alltagsleben wird vermittelt, ein Einblick in spartanische Kriegstaktik und Lebensphilosophie vermittelt. Trotzdem tut man sich teils recht schwer, die menschliche Seite der Spartaner zu sehen. Sie leben und kämpfen, als kämen sie von einem anderen Stern.

Alles in allem ist „300“ eine sehr intensive Leseerfahrung. Zeichnungen, die vor Intensität strotzen, und wohlakzentuierte Texte, die es in sich haben. „300“ ist sicherlich ein Comic besonderer Güte, zu dem es wenig Vergleichbares am Markt gibt. Miller hat ein drastisches und intensives Historienepos kreiert, das wie geschaffen für eine [Verfilmung]http://www.powermetal.de/video/review-1048.html ist. Man darf also gespannt sein, was Zack Snyder aus dem Stoff macht. In „300“ steckt in jedem Fall ein großes Potenzial.

Cross Cult:
[www.cross-cult.de]http://www.cross-cult.de

[Offizielle Website zum Film]http://300themovie.warnerbros.com/

Sara Douglass – sterblichen Götter Tencendors, Die (Im Zeichen der Sterne 1)

Askam, Prinz des Westens, steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Nicht nur, weil er drei Jahre lang den koroleanischen Botschafter zu Gast hatte, sondern auch, weil er sein Geld in ein paar höchst riskante Vorhaben gesteckt hat, die prompt schief gegangen sind. Um seine Gläubiger bezahlen zu können, versucht er, eine ruinös hohe Steuer einzuführen, die vor allem Zared, Prinz des Nordens treffen soll, denn dessen Provinzen florieren. Unter anderem deshalb, weil die fähigsten Handwerker und Kaufleute vor Askams Steuern zu Zared geflüchtet sind.

Die Steuer bringt bei den Kaufleuten Karlons ein Fass zum Überlaufen; sie reisen zu Zared und bitten ihn, beim Sternensohn zu intervenieren. Caelum, Axis‘ Ältester, greift tatsächlich ein, allerdings auf eine Weise, die Zared zutiefst verbittert. Zugleich verweigert Caelum ihm aus politischen Gründen die Heirat mit Leah, Askams Schwester. Von den Gildenmeistern Karlons angefeuert, entschließt Zared sich, dem Sternensohn Widerstand entgegenzusetzen.

Während Zared Pläne schmiedet, um Askam und Caelum zur Vernunft zu bringen, wird Flussstern, Caelums lüsterne Schwester, tot in ihrem Gemach aufgefunden. Über ihr kniet, ein blutiges Messer in der Hand, Drago, ihr Zwillingsbruder, der einst für seinen Verrat an Caelum damit bestraft wurde, dass seine Mutter Aschure in seinem Blut die Dominanz seines Ikarischen Erbes aufhob und ihn damit zum Menschen machte. Caelum ist sofort davon überzeugt, dass Drago der Mörder ist, und lässt ihn in einem Schauprozess zum Tode verurteilen. Aber Zenit, Jüngste der Geschwister, hat Mitleid mit ihrem Bruder und verhilft ihm zur Flucht.

Unbemerkt von den Herrschenden, die mit ihrem eigenen Händel beschäftigt sind, nähert sich von außerhalb Tencendors eine Bedrohung, die zunächst niemand wahrnimmt und die in ihrem Ausmaß Gorgrael bei weitem in den Schatten stellt, Dämonen, die unbedingt durch das Sternentor nach Tencendor wollen …

An alldem zeigt sich bereits, dass die Fortsetzung des Weltenbaumzyklus auch in der nächsten Generation nichts von seiner Komplexität verloren hat!

Caelum ist der oberste Herrscher über Tencendor und voll der besten Vorsätze. Aber die Erinnerungen an den Verrat seines Bruders hat sein Wesen vergiftet. Caelum ist unsicher und von seiner Angst vor Drago beherrscht, obwohl Drago ihm ohne Magie gar nicht gewachsen ist und seit vierzig Jahren nichts tut als vor sich hinzualtern. So stark ist Caelums Angst vor Drago, dass er die erste Gelegenheit wahrnimmt, sich seiner zu entledigen.

Unterstützt wird Caelum darin nicht nur von seinen Eltern, sondern auch von Wolfstern. Der mächtige Zauberer, der für die Erfüllung der Prophzeiung gesorgt hat, ist immer noch damit beschäftigt, die Geschicke zu beeinflussen. Er als Einziger weiß von den Dämonen außerhalb des Sternentores, er weiß von ihrem Ziel und von dem Wächter dieses Ziels. Er weiß auch, es gibt nur einen, der diesem Wächter helfen kann, sollten sie nach Tencendor eindringen: den Sternensohn! Und er glaubt, Caelum wäre dieser Aufgabe ohne Drago besser gewachsen.

Drago ist von seinen Verwandten nichts anderes gewohnt als Abscheu und Hass. Dabei weiß er nicht einmal, ob er dieses Verbrechen, das ihm ständig vorgeworfen wird, tatsächlich begangen hat, denn als Mensch hat er im Gegensatz zu den Ikariern keine Erinnerungen an seine Kindheit vor dem dritten Lebensjahr. Seit er denken kann, wird er von allen für etwas bestraft, von dem er nichts weiß. Zutiefst verbittert klammert er sich dennoch an das bisschen Leben, das seine Mutter ihm gelassen hat.

Zenit ist die Einzige, die sich der Tatsache bewusst ist, dass Drago sich an sein Verbrechen nicht erinnern kann, und die Verständnis für seine Verbitterung hat. Aber sie hat auch genug mit sich selbst zu kämpfen. Seit Wolfstern auf Sigholt erschienen ist, kämpft sich eine fremde Präsenz in ihrem Innern an die Oberfläche. Aber erst aus einem Brief, den ihre Mutter für sie bei Caelum zurückgelassen hat, erfährt Zenit, dass es sich dabei um Aschures wiedergeborene Mutter Niah handelt! Ein zäher Kampf gegen die fremde Seele, die Zenit als Eindringling empfindet, beginnt.

Die verworrenen, komplexen Beziehungen der Charaktere untereinander führen zu einem regelrechten gordischen Knoten: Caelum hasst und fürchtet Drago, Drago seinerseits richtet seine Bitterkeit gegen die gesamte Welt, mit Ausnahme seiner Schwester Zenit und seines Großvaters Sternenströmer. Zenit mag sowohl Caelum als auch Drago, hasst aber dafür die rücksichtslose Niah, die Zenit in ihrem Hunger nach Leben einfach aus ihrem eigenen Körper drängt. Wolfstern wiederum hasst Zenit dafür, dass sie sich gegen Niah durchgesetzt hat. Askam hasst Zared, weil er neidisch auf seinen Erfolg ist und um seine Herrschaft fürchtet. Und Axis ist wütend auf Zared, weil er glaubt, dieser wolle Tencendor spalten, für dessen Einheit Axis so lange gekämpft hat.

Axis hat Zared bereits vor dessen Geburt für nichts anderes als eine Quelle von Problemen gehalten, einen neuen Bornheld. Dass Zared allerdings nicht selbst die Schwierigkeiten bedeutet, sondern ihnen lediglich eine Stimme verleiht, scheint weder Caelum noch Axis aufzufallen. Das eigentliche Problem ist Askam, der einfach ein unfähiger Regent ist, aber dennoch von Caelum und Axis Rückendeckung erhält, nur weil er Belials Sohn ist. Dabei hätte Belial sich im Grabe umgedreht, wüsste er, was sein Sohn für Mist baut! Und Askam zeigt in seinem Hass und seiner Eifersucht auf Zared mehr Eigenschaften Bornhelds, als Zared es jemals könnte!

Dazu kommt die extreme Angst der Ikarier vor einem Königreich der Achariten, das sie automatisch mit einem Wiederaufleben des Seneschalls und einer neuerlichen Verfolgung von Ikariern und Awaren gleichsetzen. Dabei wäre eine Neuerrichtung des Seneschalls ohne den dazugehörigen Gott Artor gar nicht möglich. Artor aber ist tot!

Caelum, dessen Aufgabe als oberster Herrscher es eigentlich wäre, in dieser konfliktgeladenen Situation die Balance zwischen den Parteien zu halten, versagt kläglich. Ein Mann mit über vierzig Jahren Lebenserfahrung sollte eigentlich etwas Besseres auf die Beine stellen können!

Die Einzige, die tatsächlich etwas Vernünftiges für Tencendor tut, ist Faraday. Nachdem Drago sie mit Hilfe des Regenbogenzepters sozusagen aus Versehen aus ihrer tierischen Gestalt befreit hat, ist sie von einer neuen Macht durchdrungen, die aus dem Zepter stammt. Sie ist die Einzige, die hinter das Offensichtliche sieht und deshalb nicht nur Zenit hilft, sondern auch Drago.

Na ja, fast die Einzige. Denn die Seewache, die ihrer eigenen Aussage nach treu dem Sternensohn dient, tut einige Dinge, die für Caelums Anhänger äußerst verwirrend wären, so sie denn davon wüssten. Zunächst jedoch können auch sie das Eindringen der Dämonen nicht verhindern, denn diese sind zu allem entschlossen!

Die Dämonen erinnern ein wenig an die Apokalyptischen Reiter, sind allerdings zu fünft. Aber nicht nur, dass sie das Grauen in die Welt Tencendors tragen, sie wollen auch etwas zurück, das ihnen gestohlen wurde und ihre Macht noch um ein Vielfaches steigern wird! Der zweite Band wird deshalb den Blickwinkel der Handlung wohl ein gutes Stück ausweiten und die Dämonen mehr in den Mittelpunkt rücken.

Bei den Bänden des Zyklus |Im Zeichen der Sterne| hat |Piper| darauf verzichtet, sie in zwei Teile zu hacken, was dem Zusammenhang sehr gut tut. Trotzdem ist „Die sterblichen Götter Tencendors“ nicht ganz so spannend, wie es der erste Band des Weltenbaumzyklus war. Dieser erste Band zumindest wird vor allem von seinen vielen zwischen“menschlichen“ Konflikten getragen. Die meisten davon erklären sich aus der Vergangenheit. Dennoch muss ich sagen, dass vor allem Caelums, Axis‘ und Aschures Verhalten manchmal von einer derartigen Verblendung zeugt, dass es schon fast unrealistisch ist!

Abgesehen davon jedoch las sich das Buch flüssig und interessant. An neuen Ideen ist lediglich das Labyrinth mit seinem brisanten Inhalt dazugekommen, wurde allerdings noch nicht weiter ausgebaut. In dieser Hinsicht darf sich ruhig noch etwas mehr tun.

Wer den Weltenbaumzyklus noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich, dies nachzuholen, ehe er mit dem Sternenzyklus anfängt. Zwar geht es diesmal um die jüngere Generation, aber viele der alten Charaktere tauchen wieder auf und die Geschehnisse aus dem ersten Zyklus wirken massiv in den zweiten hinein. Das Personen- und Sachregister am Ende mag zwar hilfreich sein, aber bei weitem nicht ausreichend.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres Weltenbaum-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten. Der zweite Teil des Sternenzyklus, „Die Wächter der Zeiten“, ist für September dieses Jahres angekündigt. In der Zwischenzeit schreibt die Autorin an ihrem neuen Zyklus |Darkglass Mountain|.

My Сreative


http://www.piper.de

_Sara Douglass bei |Buchwurm.info|:_
[Die Sternenbraut 577 (Unter dem Weltenbaum 1)
[Sternenströmers Lied 580 (Unter dem Weltenbaum 2)
[Tanz der Sterne 585 (Unter dem Weltenbaum 3)
[Der Sternenhüter 590 (Unter dem Weltenbaum 4)
[Das Vermächtnis der Sternenbraut 599 (Unter dem Weltenbaum 5)
[Die Göttin des Sternentanzes 604 (Unter dem Weltenbaum 6)
[Der Herr des Traumreichs 1037
[Die Glaszauberin 1811 (Die Macht der Pyramide 1)
[Der Steinwandler 2639 (Die Macht der Pyramide 2)

Finn, Thomas – unendliche Licht, Das (Die Chroniken der Nebelkriege 1)

_Handlung_

Kai ist ein Irrlichtfänger in der Ausbildung, und wohnt in einem kleinen Dorf namens Lychtermoor in der Nähe der großen Handelsstadt Hammaburg. Er lernt den Beruf bei seiner Großmutter und ist kurz vor dem Ende seiner Ausbildung. Und es geschieht etwas Besonderes, denn Kai fängt eines Abends so viele Irrlichter wie noch keiner vor ihm. Doch die Freude darüber wehrt nicht lange, denn seine Großmutter verbietet ihm, mit seinem großen Fang vor der Dorfjugend anzugeben. Anstatt auf seine Großmutter zu hören, nimmt Kai am nächsten Abend ein besonders großes Irrlicht mit zum Irrlichtfest, um den Dorfrüpel mit seinen Fangkünsten zu übertrumpfen.

Doch die Freude auf dem Fest währt nicht lange, denn schon nach kurzer Zeit überfallen Mort Eisenhand und seine untote Piratenbande das Dorf und rauben die ganzen Irrlichter. Kai überlebt nur, weil ihn der Elf Fi und die unheimliche und vermummte Dystariel aus den Klauen der Piraten retten. Doch als der Irrlichtfänger nach Hause eilt, um seine Großmutter zu retten, muss er feststellen, dass er zu spät, kommt denn sie wurde bereits von den Piraten getötet.

Beim anschließenden Kampf mit den Unholden kommt es zu merkwürdigen Ereignissen, die Fi und Dystariel veranlassen, Kai mit nach Hammaburg zu nehmen. Dort wird er zum berühmten Däumlingszauberer Eulertin gebracht, der den jungen Kai als seinen Zauberlehrling unter seine Fittiche nimmt. Auch in Hammaburg werden immer mehr Irrlichter geraubt. Was haben Mort Eisenhand und seine Komplizen nur mit den ganzen Irrlichtern vor, fragen sich Kai und Eulertin. Doch neben der harten Magierausbildung findet Kai etwas über eine Prophezeiung heraus, in der er eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen Morgoya spielen soll …

_Autor_

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren. Er war Chefredakteur eines großen Phantastik-Magazins sowie Lektor und Dramaturg in einem Drehbuch- und Theaterverlag. Bereits seit Jahren lebt und arbeitet der preisgekrönte Roman-, Drehbuch- und Theaterautor in Hamburg. Bekannt wurde er besonders wegen seiner |Gezeitenwelt|-Romane sowie einiger Rollenspiel-Publikationen für die Spiele „Das Schwarze Auge“ sowie „Plüsch, Power und Plunder“ und durch den Zeitreiseroman [„Der Funke des Chronos“. 2239

_Mein Eindruck_

Thomas Finn bleibt seiner Heimatstadt also treu. Nachdem er die Leser in seinem letzten Roman „Der Funke des Chronos“ ins Hamburg von 1843 entführt hat, lässt er sie diesmal nach Hammaburg, der Fantasy-Ausgabe von Hamburg, reisen. In der Welt von „Das unendliche Licht“ gibt es aber auch noch einige andere Städte und Länder, bei denen man leicht ein irdisches Äquivalent wiedererkennt, sei es die Insel der bösen Nebelhexe Morgoya, die Albion heißt (England), das von Kobolden bevölkerte Colona (passt irgendwie zu Köln) oder etwa die Schwarzen Wälder.

Dadurch erreicht Finn, dass sich der Leser gleich zu Beginn perfekt in die neue Fantasywelt einlesen kann, ohne vorher seitenlange Landschaftsbeschreibungen oder Geographieabhandlungen zu lesen, wie etwa bei J.R.R. Tolkien. Doch ist diese Welt natürlich nur geographisch unserer ähnlich, denn sie ist durch und durch mit Magie durchzogen. Ein Zitat aus dem Buch von Magister Eulertin trifft hier den Nagel auf den Kopf: „Die Magie ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Neben den Menschen bevölkern aber auch noch viele andere Lebewesen wie Elfen Zwerge, Feen, Klabauter, Kobolde, Däumlinge, Poltergeister, sprechende Tiere und noch so einiges Andere mehr die Welt des „unendlichen Lichtes“.

Dies alles verwebt Finn gekonnt zu einem enorm stimmungsvollen Mix, der nie Langeweile aufkommen lässt und einfach fesselt. Der Schreibstil ist einfach, aber prägnant und zudem äußerst bildhaft. Dadurch ist der Roman so konzipiert, dass er sowohl den Fans „klassischer“ Fantasy als auch jugendlichen Lesern und Anhängern eines anderen bekannten Zauberlehrlings gefallen dürfte. Dass der Roman als Jugendroman deklariert wird, ist sicherlich einerseits richtig, doch andererseits könnte so ein falscher Eindruck entstehen, der die ältere Käuferschicht abschreckt. Daher würde ich ihn einfach allgemein als Fantasy bezeichnen. Wie dem auch sei, Etikettierungen sind immer mühselig und diskussionswürdig.

Mit der bösen Hexe Morgoya gibt es ähnlich wie beim „Herr der Ringe“ einen klaren Antagonisten, der aber in diesem Band nur am Rande erwähnt wird und nicht aktiv vorkommt. Sie wird wohl erst in den beiden folgenden Bänden der Trilogie auftauchen. An deren Stelle spielen zuerst Mort Eisenhand nebst Komplizen die Bösewichte.

Doch eigentlich sind nicht die Feinde von Kai das Problem, sondern er selbst: Da er als nicht ausgebildeter Magier seine magischen Energien nicht kanalisieren kann, drohen sie ihn zu übernehmen, so dass er quasi selber böse würde. Das macht den Protagonisten menschlicher, man kann sich besser mit ihm identifizieren. Außerdem finde ich Finns Idee dazu, was mit nicht ausgebildeten Zauberern passieren kann, äußerst ansprechend.

Neben Kai sind es aber vor allem die anderen Figuren des Romans, die ihn so lesenswert machen. Indem immer wieder neue Figuren auftauchen, nimmt „Das unendliche Licht“ richtig Fahrt auf und bietet eine Menge Abwechslung. Besonders gut gefällt mir, dass der mächtigste bekannte Magier Magister Thaddäus Eulertin ein Däumling ist. Irgendwie ist der Gedanke, dass jemand so Kleines ein mächtiger Magier ist, schon abgefahren, oder? Die dahinter stehende Message ist jedenfalls eindeutig: „Länge ist nicht Größe“. Mal ganz davon abgesehen, dass man sich so beim Lesen automatisch mal mit einer anderen Perspektive befasst.

Aber auch die anderen Charaktere sind liebevoll dargestellt und regen immer wieder zum Schmunzeln an. So hätte der Klabautermann Koggs mit seinem vielen Seemansgarn sicher auch sein eigenes Buch verdient gehabt, sozusagen als Fantasy-Äquivalent von Käptn Blaubär oder Baron Münchhausen. Damit möchte ich nur verdeutlichen, wie viele interessante Ideen in diesem Roman stecken. Und ich könnte noch viele weitere aufzählen.

Zudem merkt man, dass sich Finn wirklich Mühe gibt, seinen Figuren ein richtiges Gesicht zu geben und sie nicht zu Füllmaterial für einen Protagonisten verkommen lässt, wie so manch anderer seiner Kollegen. Die Handlung im Allgemeinen ist spannend und beinhaltet einige unvorhergesehene Wendungen, die extrem fesseln, so dass es enorm schwer fällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Besonders Kais Ausbildung zum Magier und seine Streifzuge durch Eulertins bringen uns immer wieder zum Lachen.

Was sofort ins Auge sticht, ist die sehr gelungene Umschlaggestaltung: Passender und stimmiger kann als hier geht es wohl kaum. Das verwendete Papier ist ebenfalls von sehr ansprechender Qualität – rundum top!

_Fazit:_ „Das unendliche Licht“ hat alles, was ein hervorragender Fantasyroman benötigt: tolle Charaktere, ein gelungenes Setting und jede Menge Spannung, so dass er uneingeschränkt zu empfehlen ist. Mit dieser Reihe dürfte sich Thomas Finn endgültig in der Riege der großen deutschen Genreautoren etablieren. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die zwei Fortsetzungen!

[Unser Interview mit Thomas Finn]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=59
[„Der Funke des Chronos“ 2239
[„Das Greifenopfer“ 1849
http://www.ravensburger.de
http://www.thomas-finn.de

Simmons, Dan – Sommer der Nacht

Elm Haven ist ein kleines Städtchen, im ländlichen US-Staat Illinois dort gelegen, wo es beschaulicher kaum zugehen kann. Die Welt ist noch in Ordnung in diesem Sommer des Jahres 1960; Sorgen macht sich der Durchschnitts-Amerikaner höchstens wegen der ruchlosen Kommunisten, doch Präsident „Ike“ Eisenhower wird sie schon in Schach und im fernen Russland halten. Ansonsten herrscht Ruhe im Land – Arbeit gibt es für jedermann, die Zukunft sieht allgemein rosig aus, und die Schwarzen verharren bescheiden auf dem Platz, den ihnen der HERR, das Schicksal und der Ku-Klux-Klan zugewiesen haben.

So scheint denn die einzige Sorge der Kinder von Elm Haven zu sein, dass die Sommerferien einfach nicht beginnen wollen. Schuljahre sind keine Herrenjahre in dieser Stadt; das gehört sich einerseits so, wird andererseits jedoch unverhältnismäßig betont durch den stillen Schrecken, der von der „Old Central School“ ausgeht. Das riesige, verwinkelte, unwirtliche und an eine Festung erinnernde Gebäude wurde zu einer Zeit erbaut, als die Einwohner von Elm Haven wesentlich kopfstärker waren. Nun steht es weitgehend leer und ist ein recht unheimlicher Ort, über den der seelenlose Rektor Roon, die alte Mrs. Doubbets und der halb verrückte Hausmeister Van Syke herrschen. Glücklicherweise wird „Old Central School“ nun geschlossen und soll bald abgerissen werden.

Aber bevor die Lernfron endlich endet, verschwindet ein Schüler spurlos in den Korridoren des Gebäudes. Der Vorfall wird vertuscht, denn das Opfer gehört nur zum „weißen Abschaum“ Elm Havens, der den braven Bürgern und ihrer Polizei herzlich gleichgültig ist. Dieser Vorfall ist jedoch nur der erste in einer langen Kette mysteriöser Ereignisse, die ausschließlich den Kindern der Stadt und allen voran der „Fahrradpatrouille“, fünf verschworenen und aufmerksamen Freunden um den Sechstklässler Dale Stewart, aufzufallen scheinen. Zu ihnen gesellt sich Duane McBride, ein Genie im Körper eines Bauerntölpels, dem die „Patrouille“ wertvolles Hintergrundwissen über das Grauen verdankt, das sich quasi hinter den Kulissen der Stadt zu verdichten beginnt. Ausgerechnet Elm Haven ist die Brutstätte eines üblen magischen Bundes, der sechs Jahrhunderte zuvor im Rom der berüchtigten Borgia-Päpste seinen Anfang nahm und seinerseits nur die Fortsetzung eines fürchterlichen Kultes ist, der den altägyptischen Totengott Osiris verehrt. Die Kinder finden heraus, dass die Prominenz von Elm Haven zu den Götzendienern gehört und „Old Central School“ ihnen geheimes Hauptquartier und Tempel zugleich ist, an dem Osiris seit Jahrzehnten grausame Menschenopfer gebracht werden. Schlimmer noch: Nach vielen Jahren der Vorbereitung und Beschwörung steht die Rückkehr des Totengottes in diese Welt unmittelbar bevor!

Elm Haven ist der ideale Ort für dieses Ereignis, denn wer in diesem Tal der Satten und Ahnungslosen würde solchen Horror für möglich halten? So stehen die Kinder allein in ihrem Kampf, der zunehmend verbissener wird, als die Osiris-Jünger bemerken, dass man ihnen auf die Schliche gekommen ist. Unter die menschlichen Handlanger mischen sich Zombies und andere Schreckensgestalten, und dann beginnen bizarre Morde die schockierten Einwohner Elm Havens zu dezimieren …

Was klingt wie ein Opus aus der Feder des unermüdlichen Stephen King, ist tatsächlich dem Hirn seines nicht minder fleißigen Schriftsteller-Kollegen Dan Simmons (geboren 1948 in Illinois – aha!) entsprungen. Dieser gehört wohl zu den interessantesten Gestalten der modernen Unterhaltungsliteratur, denn es gibt kaum einen Autoren, der vielseitiger ist und sein Publikum mit immer neuen Geniestreichen zu überraschen weiß. Horror, Science-Fiction, historischer Krimi, Mainstream oder Thriller – Simmons springt nach Belieben zwischen den Genres und bedient sich mit traumwandlerischer Sicherheit der jeweiligen Regeln. Das hat ihn schon früh der Kritik (der man selten etwas recht machen kann) verdächtig werden lassen, die ihm vorwirft, ein zwar begnadeter, aber konturarmer Kopist zu sein, der sich des Tonfalls und der Methoden erfolgreicher Vorbilder bediene, ohne je zu einem eigenen Stil zu finden. Abgesehen davon, dass dies faktisch nicht zutrifft – man lese nur die großartigen Story-Sammlungen [„Lovedeath“ 2212 (1993, dt. „Liebe und Tod“) oder „Prayers to Broken Stones“ (1990, dt. „Styx“), in denen Simmons seine Eigenständigkeit und enorme schöpferische Bandbreite unter Beweis stellt -, muss dies den Leser und Freund des Unheimlichen nur am Rande interessieren: Selten gibt es Schriftsteller, die so zuverlässig wie Dan Simmons auf überdurchschnittlichem Niveau zu unterhalten verstehen. Er besitzt definitiv dieselbe Kragenweite wie Stephen King, Peter Straub oder Ramsey Campbell und deklassiert qualitativ schwankende Genre-Stars und Schreibautomaten wie Dean Koontz oder James Herbert mit ernüchternder Leichtigkeit.

„Sommer der Nacht“ gehört zu herausragenden Werken der ohnehin eindrucksvollen Simmons-Titelliste. Ich persönlich gehe sogar so weit, ihn als den besten Stephen-King-Roman zu bezeichnen, den der Meister nicht selbst geschrieben hat. Die Parallelen zu „It“ (1986, dt. „Es“) sind mehr als augenfällig, geradezu dreist wildert Simmons in Kings ureigenem Revier: der „coming-of-age“-Story, in welcher der Horror bevorzugt US-amerikanische Bilderbuch-Kleinstädte heimsucht. Simmons geht unerschrocken noch einen Schritt weiter und siedelt „Sommer der Nacht“ in jener „American Graffiti“-Epoche zwischen II. Weltkrieg und Vietnam an, da sich die Welt denen, die am richtigen Fleck geboren waren, als wunderbarer, geordneter Ort voller Möglichkeiten darstellte.

Der Verfasser verwandelt Elm Haven in eine geradezu aggressiv heile Welt. Doch nachdem Simmons seinem Publikum beinahe schmerzhaft süßlich ein Amerika im Stande der Unschuld vor Augen geführt hat, beginnt er seinen heimeligen Mikrokosmos sogleich gekonnt zu demontieren. Lange bevor der übernatürliche Horror Elm Haven heimzusuchen beginnt, legt der Verfasser wie nebenbei und dadurch um so drastischer offen, wo es kracht im Getriebe der Kleinstadt-Idylle. Korruption, schlecht verhohlene Vorurteile und Rassismus, Selbst- und Ungerechtigkeit, verdrängte Not, borniertes Kastenwesen, Duckmäuserei, Schubladendenken – die Liste der großen und kleinen Bosheiten, die das Leben finster machen, will kein Ende nehmen. Nicht einmal das höchste Heiligtum selbst ernannter Tugendwächter und -bolde wird geschont: Tatsächlich entpuppt sich die (amerikanische) Familie immer wieder als wahrer Hort des Horrors, mit dem selbst die untoten Horden des Osiris nicht mithalten können.

Mit trügerischer Leichtigkeit entwirft Simmons so ein atmosphärisch unerhört dichtes Stimmungs- und Sittenbild einer Zeit, die eben doch nicht so golden war wie sie nachträglich gern verklärt wird. Auch ohne Tanz der Vampire ist dies unerhört spannend zu lesen. Tatsächlich wirkt die Mär vom finsteren Urzeit-Kult lange Zeit beinahe störend in der Geschichte dieses Sommers von 1960. Als es dann ernsthaft zu spuken beginnt, flicht Simmons das Übernatürliche allerdings meisterhaft in die Handlung ein. Ganz verhalten beginnt sich das Böse einzuschleichen, umkreist und umzingelt die „Fahrradpatrouille“ wie den Leser gleichermaßen, verstört durch Andeutungen und grausames Geschehen zwischen den Zeilen, gewinnt zunehmend an Tempo und schlägt schließlich in eine wahrlich ungeheuerliche Tour de force um. An drastischen Effekten wird jedenfalls nicht gespart, gesplattert nach Herzenslust, und das Jenseits spart nicht an grotesken Besuchern mit abstoßenden Angewohnheiten.

An diesem Punkt beginnen Simmons freilich die Zügel seiner Geschichte zu entgleiten. Nachdem das Böse seine Maske endlich fallen ließ, muss es bekämpft und ausgerottet werden. Hier kann der Verfasser seine Herkunft nicht länger verleugnen: Das Grauen wird US-typisch mit brachialer Gewalt und großkalibrigen Waffen angegangen. Weil die Protagonisten nach wie vor Kinder im Alter von etwa 11 Jahren sind, wirkt ihre Verwandlung in Miniatur-Rambos reichlich unrealistisch. Das ist schade, weil Simmons bis zu diesem Zeitpunkt seinen jugendlichen Figuren mit traumwandlerischer Sicherheit Profil und echtes Leben zu verleihen wusste. Diese Sünde bleibt jedoch lässlich; den nachhaltig positiven Eindruck, den die ersten 500 oder 600 Seiten hinterlassen, kann die große Schlussabrechnung – mehr Spektakel als Finale – nicht wirklich zunichte machen.

Die Übersetzung von „Sommer der Nacht“ übernahm der inzwischen selbst als Autor hervorgetretene Joachim Körber. Zeitweise deutschte er für |Heyne| praktisch sämtliche „großen“ phantastischen Romane ein und zog besonders für seine King-Übertragungen einige Kritikerschelte auf sich. Auch „Sommer der Nacht“ liest sich an einigen Stellen etwas seltsam – zum Beispiel verliert ein „Ensign“ namens Pulver viel von seiner Rätselhaftigkeit, würde man ihn korrekt mit „Fähnrich Pulver“ übersetzen, und ein „Kick“ ist und bleibt ein schlichter Tritt. Trotzdem leistete Körber hier (und auch sonst) im Großen und Ganzen bessere Arbeit, als ihm gemeinhin zugebilligt wurde. Das gilt um so mehr, als inzwischen das Elend eines hauptberuflichen Übersetzers in Deutschland mehrfach namhaft gemacht wurde und man nun besser nachvollziehen kann, wieso für die Angehörigen dieser ausgebeuteten Zunft die heiße Nadel zum unverzichtbaren Rüstzeug gehört.

Simmons hat seine „Fahrradpatrouille“ übrigens im Blickfeld behalten. In „Children of the Night“ (1992, dt. „Kinder der Nacht“) finden wir die Überlebenden drei Jahrzehnte nach ihrem Kampf gegen Osiris in einem neuen Kampf gegen das Übernatürlich wieder. Nach dreißig Jahren kehren sie nach Elm Haven zurück („A Winter Haunting“, 2002; dt. „Im Auge des Winters“, Heyne-TB Nr. 52142), um dort zu entdecken, dass sie 1960 nicht so gründlich mit dem Grauen aufgeräumt haben wie gedacht …

Ross, Alex / Krueger, J. / Braithwaite, D. – Justice (1 von 6)

Alex Ross ist ein Verfechter des Silver Ages, einer Zeit aus dem Superhelden-Universum, in dem die Geschichten noch weitaus simpler und die Szenarien nicht ganz so aufgeblasen waren, wie es heuer oftmals der Fall ist. Dementsprechend hat er auch seine neue Serie „Justice“ an diese Zeit angegliedert und eine Story geschaffen, die sehr traditionell ausgerichtet ist, dabei aber die bewährten Stilmittel der Moderne beibehalten kann.

_Story_

Ein apokalyptischer Traum verfolgt die Welt der Superhelden; das Ende der Welt droht und alle sind sie von den grausamen Nachtmahren betroffen. Auch Aquaman kann sich der grausamen Vorstellung der endgültigen Vernichtung nicht entziehen und begibt sich auf der Suche nach Antworten hinaus in seine Meereswelt. Allerdings gehorcht dort niemand mehr seinen Anordnungen. Black Manta hat in der Zwischenzeit das Kommando über die Meerestiere übernommen und lässt den einstigen Helden unbeobachtet verschwinden.

Währenddessen ist Batman dem Riddler auf der Spur, dem es gelungen ist, sich in den Hauptcomputer des Batcaves einzuhacken, auf dem sich neben der Identität aller Superhelden auch weitere Daten befinden, die die Gemeinschaft der Schurke niemals in die Hände bekommen darf. Als er den mysteriösen Bösewicht aber dann stellt, gelingt ihm die Gefangennahme ungewöhnlich leicht. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen …

_Meine Meinung:_

„Justice“, die aktuelle Reihe von Star-Zeichner Alex Ross, wurde in den Staaten bereits Ende letzten Jahres als 12-teilige Serie gestartet. In Deutschland hingegen wird die – ausgehend vom ersten Band – sehr viel versprechende Reihe in sechs Sammelbänden auf den Markt gebracht, von denen nun der erste über |DC/Panini| erschienen ist.

Rein inhaltlich handelt es sich bei „Justice“ wiederum um einen (nicht ganz so umfangreichen) Crossover, bei dem die meisten Superhelden der JLA involviert sind. Im Mittelpunkt stehen dieses Mal zwar nicht wieder nur die üblichen Verdächtigen – sprich Batman und Superman –, allerdings sind es auch dieses Mal wieder genau diese, die die Welt vor der neuen, noch unbekannten Bedrohung retten müssen. Zu ihnen stoßen mit Flash und Aquaman zwei eher selten auftauchende Mitglieder der JLA, die jedoch im Gegensatz zu ihren schier übermächtigen Partnern nie so richtig zum Zuge kommen. Schließlich wird Aquaman entführt, wohingegen Flash lediglich als Superheld der zweiten Reihe vorgestellt wird – zumindest tritt er in den wenigen Szenen, in denen er herandarf, so auf.

Aber noch einmal zurück zur grundlegenden Ambition von Ross und seinem Co-Autor Jim Krueger. Die Idee, „back to the basics“ zu gehen, wurde vom diesem Team wunderbar umgesetzt und wirkt im direkten Vergleich zu den riesigen, umfassenden Serien dieser Zeit auch nicht kontraproduktiv. Vor allem die etwas erfahrenen Leser werden sich über die gradlinige, auch zeichnerisch relativ einfach inszenierte Handlung freuen, da man hier nie in Versuchung kommt, sich von äußeren Einflüssen vom Plot ablenken zu lassen.

Auch inhaltlich ist die neue Story wirklich sehr stark. Es liegen verschiedene, hier noch kaum fassbare Mysterien in der Luft; so zum Beispiel das genaue Verbleiben von Aquaman, die Motivation hinter dem Attentat von Black Manta sowie die sonderbare Aura des Riddlers; alles Sachen, die über mehrere Cliffhanger gekonnt zum nächsten Band überleiten und die eh schon hohe Spannung auch über die einleitenden Geschichten hinaus erhalten. Insofern kann man also auf jeden Fall von einer sehr gelungenen Umsetzung – und das in jeglicher Hinsicht – reden.

Das Fazit habe ich somit auch schon vorweggenommen. Hier reift ein neues Highlight im Universum von |DC Comics| heran, einerseits simpel, stilistisch und inhaltlich aber dennoch komplexer angelegt. Nicht zuletzt wegen der tollen Charakterzeichnungen der eher seltener auftretenden Figuren zum Abschluss des Heftes ist diese Investition absolut lohnenswert.

http://www.paninicomics.de

Elrod, P. N. – tanzende Tod, Der (Jonathan Barrett 4)

[„Der rote Tod“ 821
[„Der endlose Tod“ 863
[„Der maskierte Tod“ 1582

Wir befinden uns im London des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Jonathan Barrett ist zusammen mit seiner Schwester Elisabeth aus den Kolonien angereist, um seine lang verschollene Flamme Nora Jones wiederzufinden. Doch tut er dies nicht (nur) aus gänzlich romantischen Gründen. Jonathan ist nämlich ein Vampir, und Nora für seinen Zustand verantwortlich. Und da im 18. Jahrhundert Vampire lange noch nicht so berühmt sind wie heute, tappt Jonathan im Dunkeln, wenn es darum geht zu definieren, was es mit seinem Zustand genau auf sich hat. Und so hofft er darauf, dass Nora seine zahlreichen Fragen beantworten kann – sollte er sie denn finden.

P. N. Elrods „Der tanzende Tod“ ist nun schon Band vier der Romanreihe um die Abenteuer von Jonathan Barrett. Der Leser durfte ihn zum Studium begleiten, seine Vampirwerdung beobachten, seine ersten zaghaften Schritte als Untoter anfeuern und seine Suche nach Nora Jones begleiten. Doch wurde eben jene Suche im letzten Band, „Der maskierte Tod“, relativ zügig unterbrochen, da Jonathan zwischen die familiären Fronten geriet und – mal wieder – dem Tod mit einem gewagten Satz von der Schippe springen musste, schließlich bewahrt ihn auch sein Vampirismus nicht vor Intrigen, Anschlägen, Duellen und Morddrohungen.

Dies führt dazu, dass sein (Un)Leben in „Der tanzende Tod“ ziemlich auf den Kopf gestellt ist. Plötzlich ist er nämlich Vater (war er doch während seines Studiums in London längst kein Kostverächter) und bekommt den Jungen von dessen leiblicher (und nicht ganz zurechnungsfähigen) Mutter sofort untergeschoben, die das Balg loswerden will. Und so kehrt in Jonathans Haushalt wieder die Friedefreudeeierkuchen-Stimmung ein, die der Leser von P. N. Elrod gewohnt ist.

Doch halt: Ganz so einfach ist die Sache nicht. Wie immer will man Jonathan an den Kragen. Und so muss er auch in diesem Band einigen Kugeln und Anschlägen auf sein Leben ausweichen und nebenbei herausfinden, wer ihm denn eigentlich ans Leder will …

In „Der tanzende Tod“ fährt P. N. Elrod wieder alle Kaliber auf. Jonathan, Elisabeth und Oliver leben mittlerweile zusammen in einem Haushalt und Elrod ergeht sich darin, die Idylle dieser Patchwork-Familie ausgiebig zu beschreiben. Da sind Teestunden mit einer Extrakanne voll Blut für Jonathan nichts Außergewöhnliches. Und als dann auch noch der kleine Richard dazustößt, wird es vorrübergend schier unerträglich zuckersüß. Kein kleines Kind ist ständig so putzig und gut erzogen. Und all die Spielstunden, die Vater und Sohn abends unternehmen, sind relativ repetitiv und tragen darüber hinaus nichts zum Fortkommen der Handlung bei.

Nur gut, dass Elrod ihren Plot bei all dem familiären Zusammensein nicht aus den Augen lässt. Es scheint sich nämlich einiges zusammenzubrauen. Während Jonathan und Oliver genüsslich einen Puff besuchen, der sich als türkisches Bad tarnt, wird Jonathan prompt erschossen. Und als er sich danach anschickt herauszufinden, wer die maskierten Übeltäter waren, hat er schnell noch mehr Häscher auf den Fersen. Nach guter alter Elrod-Manier geht es für Jonathan danach erst einmal steil bergab, bevor er es schafft, die Verschwörung aufzudecken und zu zerschlagen. Und das ist durchaus wörtlich gemeint …

Jonathan hat endlich ein Maß von Vertrauen in seinen Zustand gewonnen. So schließt er nicht jedes Mal mit seinem Leben ab und betet zu sämtlichen Gottheiten (denn eigentlich ist Jonathan ein rechter Feigling), wenn ihm jemand Böses will. Dieses Schema wurde in den vergangenen Romanen langsam ermüdend und so ist es zu begrüßen, dass Elrod es aufgegeben hat. Das bedeutet nicht, dass es keine brenzligen Situationen für Jonathan gibt – der Roman ist voll davon. Doch geht er nun anders mit diesen Situationen um und spielt den Helden auch schon mal überzeugender als in den Anfängen seines untoten Zustands.

Ach, und dann ist da ja noch Jonathans verzweifelte Suche nach seiner verschollenen Liebe Nora Jones. Seit vier Bänden wartet der geneigte Leser nun darauf, dass die beiden sich endlich wiederfinden. Wird es in „Der tanzende Tod“ nun endlich so weit sein, dass die beiden sich in die Arme fallen können? Oder sind die Gerüchte tatsächlich wahr, dass Nora krank darniederliegt? Wird Jonathan eine weitere Seefahrt wagen, um sie in Italien zu suchen?

Um das herauszufinden, gibt es nur eine Möglichkeit: Selber lesen!

http://www.festa-verlag.de

Sara Douglass – Steinwandler, Der (Die Macht der Pyramide 2)

Buch 1: [„Die Glaszauberin“ 1811

Es ist so weit: Die Pyramide ist fertiggestellt! Zur Mittagsstunde wird die Sonne die Kammer der Unendlichkeit mit Licht fluten und das Tor öffnen, das den Magiern den Zugriff auf die Macht der Eins ermöglichen und damit Unsterblichkeit verleihen wird. Aber es kommt alles ganz anders! Die Präsenz, die von der Pyramide und damit von der Macht Besitz ergreift, nennt sich Nzame und unterwirft augenblicklich all jene, die so sehr nach Macht und Unsterblichkeit gegiert haben, allen voran die Magier und Chad Nezzar, den Herrscher von Ashdod.

Nur ein Bruchteil der Menschen, die diese Katastrophe miterlebten, konnte ihr entgehen, darunter Tirzah, Isphet, Yaqob, Boaz‘ Leibwächter Kiamet und Boaz selbst. Nun sind sie unter der Führung von Chad Nezzars Sohn Zabrze auf dem Weg nach Süden. Sie wollen die Heimat von Isphet erreichen, der Glasarbeiterin, in deren Werkstatt Tirzah als Sklavin gearbeitet hat. Von dort erhoffen sie sich Hilfe im Kampf gegen Nzame, der seine Macht täglich ausweitet und alles in seiner Reichweite zu Stein werden lässt. Tatsächlich werden dort einige der Elementisten zu Elementenmeistern ausgebildet, darunter Tirzah. Aber um Nzame zu besiegen, müssen sie die Bedeutung des Lieds der Frösche erkennen, und das ist nur jemandem möglich, der sowohl Elementenmeister als auch Magier ist. Der einzige Elementenmeister, der die Magie der Eins beherrscht, ist Boaz …

Bereits in „Die Glaszauberin“ war der Zwiespalt in Boaz‘ Charakter deutlich spürbar. Die Geschehnisse, die das Einsetzen des Schlusssteins begleiten, brechen schließlich die Herrschaft des Magiers über den Mann und lassen Boaz umkippen. Jetzt kämpft er zusammen mit den rebellischen Sklaven und Teilen von Chad Nezzars Armee gegen Nzame. Schuldgefühle und gelegentliche Andeutungen von Humor sowie seine Liebe zu Tirzah lassen ihn in diesem Band wesentlich menschlicher erscheinen als im ersten.

Der aufbrausende Yaqob will den Seitenwechsel zunächst nicht glauben und rammt Boaz ein Schwert in den Bauch. Tirzahs Entsetzen darüber, ihre Angst und ihr Kampf um Boaz‘ Leben zeigen ihm jedoch nur zu bald, dass er sie längst verloren hat. Dass Tirzah es ihm nicht früher gesagt hat, kränkt ihn tief. Zu meinem Erstaunen jedoch akzeptiert er sowohl Tirzahs Entscheidung als auch Boaz als neuen Verbündeten. Die deutliche spürbare Bitterkeit in seinem Verhalten verhindert dabei, dass die Entwicklung ins Unglaubwürdige abgleitet.

Tirzahs Charakter zeigt eher Stetigkeit als Entwicklung. Der Kampf gegen Nzame setzt Tirzah einer neuerlichen Zerreißprobe aus, denn sie droht nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr ungeborenes Kind zu verlieren. Dennoch klammert sie sich an das Leben ihres Babys mit derselben Unbeirrbarkeit, mit der sie sich auch an ihr eigenes Leben geklammert hat. Und an den Mann, der sich hinter der Mauer des Magiers verschanzt hatte.

Obwohl die Macht, gegen die es zu kämpfen gilt, inzwischen einen Namen trägt, wird sie nicht detaillierter ausgearbeitet. Sie bleibt eine vage, fast unbekannte Wesenheit, was im Grunde nur logisch ist, da sie aus einer anderen, fremdartigen Dimension stammt. Es genügt, dass sie unendlich blutgierig und machthungrig ist, grausam und boshaft.

Erstaunlich, dass ein Wesen, dem seine eigene Macht sowie die der Eins zur Verfügung steht, keine wirksameren Waffen als die klobigen Steinkrieger zustande bringt, die von den Soldaten Zabrzes ohne große Schwierigkeiten überwunden werden können, einfach indem man sie umwirft! Zwar bezeichnet Nzame in Tirzahs Träumen die Steinmänner als nur einen Bruchteil seiner Macht, erstaunlicherweise setzt er die Reste derselben aber kaum ein. Lediglich an Zabrzes Kindern vergreift er sich auf grausame Weise, um Zabrze zu zermürben. Wirklich aufhalten aber kann er damit niemanden, weder den König noch Boaz und seine Gefährten.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, der Kampf gegen Nzame ginge fast ein wenig zu glatt vonstatten. Nicht nur die Steinmänner wurden relativ problemlos besiegt. Auch Zabrzes Tochter Layla wurde recht schnell befreit. Am erstaunlichsten fand ich jedoch, dass Nzame Boaz die Pyramide betreten ließ! Er hatte solche Angst vor Boaz, dass er Tirzah mit den grausamsten Alpträumen quälte, nur damit sie Boaz davon abhielt, den Kampf gegen Nzame aufzunehmen. Wenn die Gefahr für ihn so groß war, dann hätte ich erwartet, dass er außerdem auch noch ein paar handfestere Maßnahmen ergreifen würde! Dass er versuchen würde, die Elementenmeister und ihr Heer um jeden Preis von der Pyramide fernzuhalten! Aber nichts dergleichen!

Insgesamt gesehen wird Nzame zwar der Bosheit und Grausamkeit gerecht, die von Anfang an angedeutet wird, nicht aber dem Machtumfang, den er eigentlich haben sollte, und blieb damit doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück, die beim Bau der Pyramide geweckt wurden.

Sara Douglass‘ Darstellungen von Schlachten und kämpfen wirken generell eher unspektakulär. Hier fällt der Endkampf sogar komplett weg! Die Geschichte ist in der Ich-Form aus Tirzahs Sicht erzählt, den eigentlichen Kampf gegen Nzame jedoch ficht Boaz aus. Da Tirzah nicht dabei ist, erfährt der Leser dazu auch keine Einzelheiten, lediglich die äußerlichen Veränderungen an der Pyramide werden festgestellt. Vielleicht sollten die nachfolgenden Komplikationen für diese doch recht lapidare Beschreibung eines Ereignisses, das eigentlich erwartungsgemäß ein Höhepunkt sein sollte, ein wenig entschädigen. Allerdings geht die Autorin auch hier nicht weiter ins Detail. Wer oder was die magische Froschin Fetizza eigentlich ist, und wie Tirzah eigentlich ihren Boaz aus dem Grenzland zwischen ihrer Welt und der Zuflucht im Jenseits herausgeholt hat, wird nicht erklärt. Auch die Funkionsweise des Froschkelches und des Buches der Soulenai bleibt unscharf.

Das ist durchaus ein Manko. Boaz‘ Zwiespalt, der einen Großteil des Flairs im ersten Band ausmachte, fällt im zweiten Band gleich zu Anfang weg. An innerer Handlung bleibt hauptsächlich Tirzahs Seelenqual angesichts der drohenden Verluste übrig. Somit wird die Geschichte nun vor allem vom Handlungsverlauf getragen. Dadurch fallen die Defizite, die problemlose Lösung der gestellten Aufgaben und die ziemlich nebulöse Ausarbeitung der magischen Elemente, stärker ins Gewicht und lassen diesen Teil der Erzählung schwächeln.

Weit störender als diese Schwachstellen empfand ich allerdings die Tatsache, dass das Buch überhaupt in zwei Teile gehackt wurde. Schon das abrupte Ende des ersten Bandes war ausgesprochen lästig. Der Neueinstieg in die Erzählung dagegen war schlicht unmöglich! Im ganzen Buch gibt es kaum eine ungeeignetere Stelle, um die Handlung zu unterbrechen, als die, die der Verlag gewählt hat! Der Leser wird gleich zu Anfang des zweiten Bandes in ein Chaos hineingeworfen. Die Ereignisse überstürzen sich, Charaktere sind im Umbruch, die Verhältnisse der Charaktere zueinander verschieben sich. Der Leser hat keine Gelegenheit, sich erst einmal wieder in die Situation und die Personen hineinzudenken, die er vor acht(!) Monaten verlassen hat. Er wird einfach überrollt!

Diese ganze Sache war nicht nur überflüssig, sie war kompletter Murks! Ich empfehle deshalb allen Interessenten, die „Glaszauberin“ und den „Steinwandler“ unmittelbar hintereinander zu lesen. Die einzige Alternative dazu ist, die Geschichte im englischen Original zu lesen. Da ist es nämlich nur |ein| Buch! Möglicherweise rettet der Zusammenhang in der Lektüre auch das Flair aus dem ersten Teil ein Stück weit in den zweiten hinüber und schwächt dadurch die kleinen Mankos ein wenig ab. Denn wenn „Tresholder“ (Originaltitel des Gesamtwerkes) auch nicht so akribisch auf- und ausgebaut ist wie der |Weltenbaumzyklus|, so hat er doch seinen ganz eigenen Zauber.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres Weltenbaum-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten. Im März erschien unter dem Titel „Die sterblichen Götter Tencendors“ auch der erste Band der |Wayfarer Redemption|, der Fortsetzung des Weltenbaumzyklus, auf Deutsch. Der zweite Teil „Die Wächter der Zeiten“ ist für September dieses Jahres angekündigt. In der Zwischenzeit schreibt die Autorin an ihrem neuen Zyklus |Darkglass Mountain|.

My Сreative


http://www.piper.de

_Sara Douglass bei |Buchwurm.info|:_
[Die Sternenbraut 577 (Unter dem Weltenbaum 1)
[Sternenströmers Lied 580 (Unter dem Weltenbaum 2)
[Tanz der Sterne 585 (Unter dem Weltenbaum 3)
[Der Sternenhüter 590 (Unter dem Weltenbaum 4)
[Das Vermächtnis der Sternenbraut 599 (Unter dem Weltenbaum 5)
[Die Göttin des Sternentanzes 604 (Unter dem Weltenbaum 6)
[Der Herr des Traumreichs 1037
[Die Glaszauberin 1811 (Die Macht der Pyramide 1)

Morrison, Grant / Quitely, Frank – All Star Superman 1

Mit der neuen Serie „All Star Superman“ hat sich Grant Morrison einen lange gehegten Traum erfüllt. Schon seit langer Zeit spielt der Autor solcher Comics wie „Doom Patrol“, „JLA“, „Arkham Asylum“ und „New X-Men“ mit der Idee einer eigenen Superman-Adaption, doch erst jetzt hat er seine Pläne in die Tat umgesetzt. Dieser Tage erscheint nun der erste Teil einer auf 12 Hefte ausgelegten Serie um den beliebten Superhelden, gleichzeitig aber auch eines der düstersten Kapitel in seiner Laufbahn als Retter der Menschheit.

_Story_

Bei der Rettung der Crew einer Weltraum-Sonde, die sich in unmittelbarer Nähe zur Sonne aufhielt, hat Superman eine riesige Menge Sternenstrahlung abbekommen, die seine Superkräfte noch einmal um ein Dreifaches vermehrt hat. Auch seine Intelligenz wurde durch das Übermaß der Strahlung enorm gesteigert. Allerdings hatte die Sache auch eine Kehrseite: Die Zellen des Helden konnten die gewaltige Strahlung nicht verarbeiten und sterben langsam ab. Damit ist Lex Luthor, der Superman in diese Falle gelockt hat, das gelungen, was ihm in unzähligen zuvor getätigten Versuchen nicht gelang: den Tod Supermans einzuleiten.

Vor seinem unvermeidbaren Ableben setzt sich Superman alias Clark noch einmal sehr intensiv mit seiner Kollegin Lois in Verbindung und offenbart ihr nach langen Jahren der Zusammenarbeit sein wahres Ich. Doch die Reporterin will ihm nicht Glauben schenken und glaubt bei ihrer Reise in die Festung der Einsamkeit sogar, dass sie einer Manipulation auf den Leim gegangen ist – bis sie dann tatsächlich hinter die wundersame, aber auch grausame Wahrheit blickt …

_Meine Meinung:_

Derzeit scheint der Tod verschiedener Superhelden im DC-Universum ein sehr beliebtes Thema zu sein, besonders stark durch die gerade begonnene „Infinite Crisis“ begleitet. Allerdings funktioniert diese Serie losgelöst vom gewaltigen Crossover der berühmten Comic-Schmiede. Grant Morrison hat hier eine gänzlich eigenständige, im Großen und Ganzen auch recht simple Story geschmiedet, die sich ausschließlich dem Schicksal von Superman widmet. Der immerstarke Superheld sieht sich erstmals ernsthaft mit dem Tod konfrontiert und legt nur noch auf zwei Dinge einen gehörigen Wert: Erstens muss ein adäquater Nachfolger gefunden werden, und zweitens soll die von ihm seit Jahren geliebte Lois endlich das Geheimnis seiner Identität in Erfahrung bringen.

Die Geschichte ist ganz ansprechend in Szene gesetzt worden, jedoch fehlt es dem Comic bisweilen ein wenig an Atmosphäre. Grundsätzlich ist die Handlung recht traurig, wird aber meines Erachtens besonders in den Dialogen zwischen Lois und Superman nicht immer genau so dargestellt. Zudem fehlt es der Story speziell in der zweiten Hälfte an fortschrittlichen Ideen. Die seltsame Kammer, die Lois auf Supermans Geheiß nicht betreten darf, ist der einzige echte Spannungsfaktor, wird aber anschließend ziemlich albern aufgelöst. Lediglich der Cliffhanger, der zum nächsten Band überleitet, lässt einiges erwarten und bietet auch eine echte Überraschung auf.

Davon abgesehen ist der Comic ganz ordentlich und in seiner Simplizität auch konsequent weiterentwickelt worden. Im Textepilog wird auch noch mal klar betont, dass der Autor nicht beabsichtigt hat, eine allzu komplexe Handlung zu kreieren, sondern stattdessen immer hautnah am Geschehen um Clark und Lois bleiben wollte. Diesbezüglich kann man Morrison auch ein Kompliment machen, denn das Verhältnis der beiden wird stringent bis zum Ende durchgearbeitet und bekommt durch die ständigen Zweifel von Seiten Lois’ stets neue Würze. Schade nur, dass der Mangel an Spannung dadurch nicht vollständig kompensiert werden kann, denn dieser ist – neben den ebenfalls sehr simplen Illustrationen von Frank Quitely – das einzige Kriterium, das in „All Star Superman“ nicht ganz befriedigend erfüllt wird. Ansonsten jedoch ist der Auftakt dieser neuen Reihe recht ordentlich geworden und sollte gerade für Fans der eher emotionalen Heldengeschichten ziemlich interessant sein.

http://www.paninicomics.de

Irtenkauf, Dominik – Subkultur und Subversion. Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen

_Die Grenzkünstler haben schon begonnen, sich zu versammeln._

Es war im Jahr 2003. Dominik Irtenkauf veröffentliche eine kleine, aber feine Schrift über die Subkultur. Die Schrift war schnell vergriffen! Irtenkaufs Thesen schwingen aber bis heute über einer Szene, die sich längst nicht mehr in dem Maße der Eigenreflexion bedient, wie dies vielleicht früher einmal der Fall war. Daher: ein Rückblick auf „Subkultur und Subversion“.

„Die Grenzkünstler haben schon begonnen, sich zu versammeln.“ Derartige Offenbarungen begegneten dem Leser des 2003 erschienenen Essays von Dominik Irtenkauf. Irtenkauf, selbst Grenzkünstler und Ausnahmeliterat, war bereits in einigen subkulturellen Magazinen (AHA, Ikonen, subKULTur.com) und in der Literaturwerkstatt im Rahmen des WGT auffällig geworden. Er lieferte mit seinem Werk „Subkultur und Subversion. Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen“ eine auf eigenen Erfahrungen basierende Beschreibung des Phänomens von Subkulturen ab. Dabei verzichtete er laut eigenem Bekunden auf überkanditelte Wissenschaftsdefinitionen, sondern bezog sich direkt auf die Aussagen von „Szenegängern“.

Wo aber findet man die Personen, die (reflexiv) über ihre Subkultur berichten? Irtenkauf „hatte sich seit vielen Jahren in der so genannten Subkultur herumgetrieben, sich in modrigen Kellern getroffen“; er ist selbst „durch sämtliche Szeneclubs im ganzen Land getingelt“. Trotz dieses persönlichen Bezugs wird an keiner Stelle deutlich, welche Szenen oder Subkulturen Irtenkauf meint. Es werden gerade keine plakativen Insider-Typologien, selbstdarstellerische Bekenntnisse oder pubertären Phantasien zitiert. Vielmehr begreift der Autor die subkulturellen Ausprägungen von Szenen als Chance, verborgene kulturelle Potenziale zu entfesseln.

Ein wirklich gelungenes Werk. Und, bei aller Lobpreisung, vielleicht entscheidet sich der |Crago|-Verlag doch für eine 2. Auflage!

Villatoro, Marcos M. – Minos

Neue Ermittler-Helden sprießen wie Pilze aus dem Boden und selten ist eine Person mit wirklich Substanz dabei. Anders Romilia Chacón, die temperamentvolle Latina aus der Feder von Marcos M. Villatoro, die sich schon alleine aufgrund ihres ethnischen Hintergrunds von den Tempe Brennans dieser Welt abhebt.

Romilia stammt eigentlich aus El Salvador, doch sie lebt schon seit längerem in Amerika und hat dort auch studiert. Sie arbeitet als Detective in Nashville, wo sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn Sergio und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung lebt. Romilia ist dafür bekannt, gerne mal die Nerven zu verlieren und auszurasten. Sie ist alles andere als frei von Fehlern und eigentlich nur von einer Aufgabe getrieben: den Mord an ihrer älteren Schwester Catalina von vor sechs Jahren zu rächen. Damals fand man sie, zusammen mit ihrem verheirateten Geliebten, aufgespießt in ihrem Bett, in eindeutiger Stellung. Der Mörder wurde niemals gefasst, obwohl er noch zwei weitere, bestialische Morde verübte.

Wir schreiben den Winter 2001, als er beschließt, erneut zu morden. Romilia ist gerade zur lokalen Heldin geworden, weil sie den gefürchteten Jadepyramidenmörder dingfest gemacht hat. Dabei hat sie einen Fan gewonnen, den sie lieber wieder loswerden möchte. Tekún Umán, der Drogenboss, verdankt ihr sein Leben und empfindet außerdem tiefere Gefühle für sie, die sie aber niemals zulassen würde, nachdem er einen ihrer Informanten, eine sechzehnjährigen Jungen, gefoltert hat. Zum Dank hackt er sich in die Datenbanken des FBI und besorgt Romina Informationen zum Mörder ihrer Schwester. Sie erfährt, dass es weit mehr Opfer gegeben hat als angenommen und außerdem muss sie ohnmächtig mitansehen, wie „Minos“, wie sie ihn wenig später taufen wird, weil er sich an Holzstichen von Dante orientiert, weitermordet. Ihr sind die Hände gebunden, denn wie sollte sie erklären, dass sie an solch wohlgehütetes Material kommt? Und doch geht sie aufs Ganze, von der Rache und dem Zorn angetrieben, bis sie eines Tages einen Schritt zu weit geht …

Romilia Chacón besticht. Sie ist eine starke Frau, eine Powerfrau, eine Sportskanone. Und sie ist intelligent. Und schlagfertig. Und eine temperamentvolle Latina, wenn es sein muss. Hm. Klingt ja fast so wie eine dieser perfekten Ermittlerinnen, deren Namen wir jetzt nicht nennen wollen, deren Charaktere so aalglatt gestaltet sind, dass man schon auf den ersten Seiten darauf ausrutscht.

Ob es daran liegt, dass hier ein Mann am Werke war? Marcos M. Villatoro hat es jedenfalls geschafft, eine sehr authentische Frauenfigur zu basteln, die durch und durch Mensch ist. Trotz der oben erwähnten Charaktereigenschaften ist sie alles andere als perfekt. Sie ist sehr auf dem Boden geblieben, schon alleine durch ihre Rolle als alleinerziehende Mutter, die nicht immer für ihren Sohn dasein kann. Romilia hat viel in ihrem Leben verloren, aber sie beweist, dass sie eine Kämpferin ist.

Auch die anderen Charaktere können sich sehen lassen. Sie sind liebevoll ausgearbeitet, auch wenn Romilias Mutter wohl ein wenig dem Klischee der lateinamerikanischen Matrone entspricht. Tekún dagegen ist weder ganz böse noch ganz lieb und seine „Beziehung“ zu Romilia ist alles andere als einfach. Und zuletzt wäre da noch der Mörder, der immer wieder ein Kapitel zwischen Romilias Ich-Perspektiven einschieben darf. Seine Charakterisierung unterscheidet sich kaum von denen anderer „Psychopathen“, doch da seine Auftritte selten sind, fällt das kaum auf.

Villatoro lässt den Leser virtuos ins Buch einsteigen, indem er den Mörder von den letzten Stunden vor dem Mord an Romilias Schwester erzählen lässt. Was genau passiert ist, erfährt man erst viel später, als Romilia die geheimen FBI-Daten von Tekún liest. Folglich gibt es keine blutrünstige, detailreiche Ausschlachtung der Morde, sondern der Fokus liegt beinahe völlig auf Romilias Ermittlerarbeit.

Trotzdem ist das Buch weit davon entfernt, langweilig zu sein. Spannung wird beinahe in jedem Kapitel aufgebaut und wenn nicht, gibt es ja immer noch unsere Ich-Erzählerin, die durch eine schöne, manchmal flappsige Sprache besticht. Villatoro verzichtet glücklicherweise auf lange Denkphasen oder ausschweifende private Ausrutscher, wodurch die Handlung wunderbar straff ist. Villatoro lässt uns nicht durchatmen. Er peitscht uns bis zum Ende des Buches, wo wir einem fulminanten Abschluss entgegenfiebern dürfen.

Bei der Schwemme von Neuveröffentlichungen, die im Bereich Thriller jeden Monat auf den Markt kommen, ist es kein Wunder, dass vieles wie von der Stange wirkt. „Minos“ hat sicherlich einige Elemente, die ebenfalls „von der Stange“ wirken, doch im Großen und Ganzen begeistert der Autor mit einem Buch, das durchgehend spannend ist und eine wirklich tolle Ermittlerin und Frau im Mittelpunkt zu stehen hat. „Minos“ ist ein Pageturner erster Güte und es ist schön zu hören, dass dies nicht das einzige Buch mit Romilia Chacón bleiben soll.

http://www.knaur.de

Koontz, Dean – zweite Haut, Die

_Handlung_

Martin Stillwater ist ein erfolgreicher Kriminalautor, liebender Ehemann und Vater. Er lebt mit seiner Frau Paige und seinen zwei kleinen Töchtern Charlotte und Emily in einem beschaulichen Städtchen in Kalifornien. Doch etwas stört die Idylle, denn Marty leidet plötzlich unter merkwürdigen Blackouts, während denen er immer wieder dieselben zwei Wörter minutenlang wiederholt: „Ich muss …“

Verängstigt geht er zum Arzt, doch dieser bescheinigt ihm beste Gesundheit. Aber die Blackouts verstärken sich immer mehr, und Martin leidet zudem unter Angstzuständen, denn er fühlt, dass irgendetwas oder irgendjemand nach ihm sucht … und eine telepathische Verbindung zu ihm hat. Der Autor verzweifelt zusehends in der Angst um seine geistige Gesundheit, als plötzlich ein Doppelgänger in seinem Haus auftaucht.

Der Doppelgänger behauptet, er sei der richtige Martin Stillwater und er wolle nun sein Leben zurückholen. Es kommt zum Kampf, in dem der mysteriöse Doppelgänger vermeintlich tödlich verletzt wird. Doch als die Polizei auftaucht, ist er verschwunden, so dass diese Martins Geschichte nicht glaubt. Sie denkt, er wolle nur sein neues Buch vermarkten. Also flieht Familie Stillwater, doch der Killer bleibt ihnen auf der Spur …

_Der Autor_

Dean Ray Koontz wurde 1946 in Bedfort, Pennsylvania, geboren und gewann mit 20 Jahren bereits den ersten Platz bei einem Schreibwettbewerb. Er besuchte das Shippensburg State Teachers College, heiratete 1966 und lebt heute mit seiner Frau in Orange County / Kalifornien. Seine Bücher erreichten eine Weltauflage von über 100 Millionen Exemplaren in 18 Ländern. Mehrere seiner Romane schafften es in die Bestsellerlisten.

_Mein Eindruck_

Dean Koontz dürfte eigentlich jedem Fan des Thriller-Genres ein Begriff sein. „Die zweite Haut“ wurde 1993 beim |G.P. Puntman’s Son|-Verlag veröffentlicht. Nun gibt der Roman sozusagen sein Deutschland-Comeback, denn der |Heyne|-Verlag hat ihn noch einmal neu aufgelegt (aber leider nicht neu übersetzt, siehe unten) und bietet ihn zum Schnäppchenpreis von 4,99 € an. Und das ist ein wirkliches Schnäppchen, denn „Die zweite Haut“ ist wirklich einer der besten Romane von Koontz, die ich bisher gelesen habe. Außer Stephen King dürfte kein anderer Autor für so gnadenlos rasante Thriller und Horror-Romane stehen wie Dean Koontz, wobei ich Letzteren eindeutig favorisiere.

Kommen wir zum Buch: Der Roman ist um das klassische Doppelgängermotiv gestrickt, das unter anderem wegen der anhaltenden Klon-Debatte aktueller denn je ist. Er greift das Klon-Thema auf und verbindet es geschickt mit der für seine Bücher fast schon obligatorischen kalifornischen Kleinstadtidylle. Hinzu kommen noch eine weltumspannende Organisation namens Network sowie eine Prise surrealen Horrors, und fertig ist der Thriller.

Den größten Schrecken erzeugt er dadurch, dass er drei verschiedene Perspektiven verwendet: Familie Stilwater, Alfie (Doppelgänger) und die zwei Agenten des Network, Oslett und Clocker. Die teilweise perversen Gedanken und Ansichten von Alfi und Oslett lassen den Leser einerseits nur den Kopf schütteln und erzeugen andererseits auch eine enorme Solidarisierung mit den Opfern (Familie Stillwater), so dass man richtig mitfiebert.

Das Motiv von Gleichheit und Verschiedenheit nimmt einen wichtigen Raum in diesem Buch ein, denn Marty und Alfie sind zwar genetisch (fast) identisch, doch unterscheiden sie sich in ihrem Wesen fundamental. Indem er die beiden Kontrahenten „durchleuchtet“, zeigt Koontz auf, dass der Mensch mehr ist als nur ein genetischer Code und dass die Lebensumstände und die gesellschaftliche Sozialisation großen Einfluss auf das Wesen des Menschen haben. So ist Marty in einem behüteten und glücklichen Elternhaus aufgewachsen, wohingegen Alfie von einer Organisation als Killer gezüchtet wurde und sich seine gesellschaftlichen Kontakte aufs Töten und aufs Anschauen von Kinofilmen beschränken. In der Art und Weise, wie Alfie über seine Kinohelden und Kinobekanntschaften spricht, ist zudem ganz deutlich eine Koontz’sche Kritik an der Traumfabrik Hollywood mit deren Heldenmythos und den für sie typischen Schwarzweiß-Schemata zu erkennen.

Zurück zu den Perspektiven: Der Autor wechselt diese äußerst geschickt, denn meistens klärt er den Leser über den Plan der Person auf, um dann zum Kontrahenten zu wechseln. Hierdurch schürt er eine Erwartungshaltung beim Leser, was die Spannung noch einmal deutlich erhöht. Als die drei Perspektiven, und somit die drei handelnden Parteien, beim Finale des Buches dann aufeinander treffen, endet das Ganze in einem grandiosen Showdown mit einem sehr unerwarteten Schluss.

So toll „Die zweite Haut“ auch geworden ist, so ärgerlich ist die vor Fehlern strotzende Übersetzung, die teilweise echte Slapstik-Qualitäten aufweist. Wenn Alfie erzählt, dass Morgan Freeman im Film „Lean On Me“ eine Rektor|in| spielt oder Drew Oslett auf eine |fünfwortige| Liturgie wartet, die da lautet: „Ich bin friedlich Vater“, so zerstört das jede noch so mühevoll aufgebaute Stimmung. Besonders interessant dabei ist, dass mir eine deutlich ältere Ausgabe von „Die zweite Haut“ in die Hände gekommen ist, bei der genau die gleichen Fehler vorkommen. Offensichtlich hat man über Jahre hinweg diese Mängel nicht bemerkt. Peinlich, peinlich …

_Fazit:_ Dean Koontz hat mit „Die zweite Haut“ einen rasanten Thriller der Extraklasse geschaffen, dessen ethische Motive heute aktueller denn je sind. Absoluter Pflichtkauf für Thriller- und Horrorfreunde.

http://www.heyne.de

Jonathan Coe – Das Haus des Schlafes

Ein Buch über den Schlaf – für so manch einen klingt das sicherlich nach Lektüre zum Einschlafen. Doch wer glaubt, „Das Haus des Schlafes“ vom britischen Autor Jonathan Coe sei lediglich ein Mittel, welches das Herabsenken der Augenlider beschleunigt, der liegt falsch. Coes Roman ist kein Schlafmittel, ganz im Gegenteil, seine raffinierte Figurenverknüpfung und seine ausgeklügelte Erzählweise wirken hellwach …

„Das Haus des Schlafes“ ist eine vielschichtige Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen abläuft. Beide Ebenen spielen am gleichen Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten im Abstand von ca. zwölf Jahren. Ort der Geschehnisse ist Ashdown, ein altes viktorianische Schloss an der englischen Küste. Früher war das pittoreske Gebäude ein Studentenwohnheim, wurde inzwischen aber zu einer Klinik für Patienten mit Schlafstörungen umfunktioniert.

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DiCamillo, Kate – wundersame Reise von Edward Tulane, Die

Kate DiCamillo zählt im Kinder- und Jugendbuchgenre zu den ganz Großen. Bereits mit ihrem Debütwerk „Winn-Dixie“, welches auch verfilmt wurde, gelang ihr der internationale Durchbruch. Die wundervolle Geschichte von „Despereaux – Von einem, der auszog das Fürchten zu verlernen“ stand in den USA monatelang in den Bestsellerlisten und wurde in Deutschland mit Preisen überhäuft, aber „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ steht dem in nichts nach …

Darf ich vorstellen – Edward Tulane: |“In einem Haus in der Egypt Street lebte einst ein Porzellanhase. Er hatte Arme aus Porzellan und Beine aus Porzellan. Er hatte Pfoten aus Porzellan und einen Kopf aus Porzellan, er hatte einen Porzellanbauch und eine Porzellannase. Seine Ellbogen und seine Knie ließen sich bewegen, weil die Gelenke mit Draht verbunden waren. Seine Ohren waren aus echtem Hasenfell und auch unter dem Fell steckten biegsame Drähte. Deshalb konnte man die Ohren so stellen, wie sie der jeweiligen Stimmung des Hasen entsprachen: fröhlich, müde, begeistert oder gelangweilt. Sein weiches, wohlgeformtes Hasenschwänzchen war ebenfalls aus Hasenpelz“.| Das ist also Edward Tulane, der Held der vorliegenden Geschichte.

Edward gehört der kleinen Abilene Tulane und ist ein ganz außergewöhnlicher Hase mit einer sehr exquisiten Garderobe aus feinen handgenähten Seidenanzügen. Jeden Morgen zieht Abilene Edward einen schicken Anzug an, setzt ihn liebevoll auf einen Stuhl, zieht seine Taschenuhr auf und zeigt ihm, wann sie wieder bei ihm zu Hause sein wird. Und jeden Abend zieht Abilene Edward einen Schlafanzug an und legt ihn behutsam in sein Hasenbettchen. Doch obwohl Abilene Edward über alles liebt und ihn wie einen Menschen behandelt, hat Edward wenig Gefühle für Abilene übrig, er mag sie zwar, aber wenn sie ihm etwas erzählt, hört er eher gelangweilt mit einem seiner biegsamen Hasenohren zu. Als Abilene mit ihren Eltern auf eine Kreuzfahrt geht, begleitet auch Edward seine Familie, doch an Bord wird er Opfer eines üblen Jungenstreiches. Ein paar freche Jungen entkleiden ihn völlig und werfen ihn über Bord. Edward fällt ins Wasser und sinkt und sinkt und sinkt.

Unten am Meeresboden liegt er dann für lange Zeit einsam und alleine und kann nicht einmal seine Augen schließen, weil diese ja nur aufgemalt sind und sich daher nicht zuklappen lassen. Auch die funkelnden Sterne kann Edward nicht mehr sehen, doch hat er die Hoffnung auf Rettung noch nicht aufgegeben. Bei einem Sturm wird Edward schließlich von einer Riesenwelle hoch gewirbelt und verfängt sich beim erneuten Sinken in einem Fischernetz. Edwards Rettung naht, denn der freundliche Fischer nimmt Edward zu seiner sympathischen Frau mit, die Edward kurzerhand Susanna nennt und den armen Edward in ein Rüschenkleid steckt …

Das ist natürlich noch nicht das Ende von Edward/Susanna Tulanes wundersamer Reise, doch soll jeder selbst lesen, welche Abenteuer Edward noch zu überstehen hat, welche Stationen er noch bereist und welchen Menschen er dabei begegnet. Selten habe ich ein so gefühlvolles und herzerweichendes Buch gelesen wie dieses. Kate DiCamillo beweist ein wunderbares Geschick und eine überragende Erzählkunst, in gefühlvollen Worten bringt sie uns Edwards stolzes, aber doch so verletzliches Wesen näher. Mit vielen Adjektiven wird die Erzählung ausgeschmückt, sodass wir uns alles ganz fantastisch vorstellen können. Unterstützt wird dies noch durch die herrlichen und lebensechten Zeichnungen von Bagram Ibatoulline, welche „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ zu einem optischen Hochgenuss machen. In meist farbigen und überaus detailreichen Zeichnungen haucht Ibatoulline Edward und seinen Bekannten Leben ein, seine Bilder sehen fast aus wie Fotos, so hervorragend schafft es Ibatoulline, die Stimmungen und Gesichtszüge der Figuren einzufangen.

An diesem Buch stimmt einfach alles, jede Zeile ist ein echter Leckerbissen. Kate DiCamillo hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die unglaublich viel enthält. DiCamillo preist die Liebe und zeigt anhand von Edwards herzzerreißendem Schicksal, wie wichtig Liebe und Hoffnung sind, denn ohne die Liebe zu Menschen und die Hoffnung auf Rettung hätte Edward Tulane seine gefährliche Reise sicher nicht überstanden. Am Ende ist es dann eine antike Puppe, die Edward die aufgemalten Augen öffnet für seine Zukunft.

Zu Beginn des Buches ist Edward Tulane ein eingebildeter und verwöhnter Hase, der sein komfortables Leben für selbstverständlich hält, doch bereits die Bekanntschaft mit dem dunklen und einsamen Meeresboden zeigt ihm, wie wertvoll das Leben gewesen ist, das er einst leben durfte. Doch auch in den düstersten Stunden unter Wasser gibt Edward die Hoffnung nicht auf, eines Tages von Abilene gerettet zu werden. Edward lernt die verschiedensten Menschen kennen auf seiner Reise, von denen er immer wieder etwas Wichtiges lernt. Besonders beeindruckend verhält sich der kleine Bryce, der ein großes Opfer bringt, um Edward zu retten und der trotz seiner Jugend bereits richtig erwachsen wirkt.

Fein eingewoben in diese traumhaft schöne Geschichte entdeckt der aufmerksame Leser kleine Botschaften fürs Leben von Kate DiCamillo, die eher für den erwachsenen Leser geschrieben sind. Zwar wird das Lesealter der „wundersamen Reise von Edward Tulane“ ab acht Jahren angegeben, doch würde ich dieses wunderschöne Buch eher älteren Buchfreunden ans Herz legen, die auch die kleinen Feinheiten entdecken können. Schon nach wenigen Seiten ist dieses Buch in meine persönliche Bestsellerliste aufgestiegen und wird dort mit Sicherheit auch immer bleiben. „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ habe ich zwar gerade erst ausgelesen, aber ich werde es gleich wieder von vorne beginnen und sicher noch viele weitere Male lesen. Bei diesem Buch gilt auf jeden Fall Elke Heidenreichs Motto: „Lesen!“.

http://www.cecilie-dressler.de

Robert A. Heinlein – Die Invasion

Vom sechsten Mond des Saturn wollen schleimige Parasiten, die ihre Opfer übers Rückenmark ‚fernsteuern‘, die Erde erobern. Wackere US-Agenten sagen ihnen den Kampf an und setzen schließlich zum Gegenschlag im All an … – SF-Klassiker, der vor kaum verhohlener Invasions-Paranoia aus der Ära des Kalten Krieges nur so trieft. Ansonsten ein merkwürdig sprunghafter, d. h. spannender aber absolut unlogischer Reißer, der nostalgisch amüsiert und mit einigen guten Detaileinfällen unterhalten kann.
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Irtenkauf, Dominik – Teufel in der Tasche, Der. Ein Reisebegleiter in seine Welt

Nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich … auch eine Reise in die literarischen Welten des Teufels, wie sie Dominik Irtenkauf in seinem Reisebegleiter versucht, dem Leser näher zu bringen, scheint Verwirrung stiften zu können. Das Buch ist eine Mischung aus Sachtext und fiktiver Prosa. Ein Lesebuch, das die Textformen derart mischt, dass man sich beim Lesen häufiger fragt: „Ist das jetzt wirklich passiert oder nur Fiktion?“ Ein herrliches Wirrsal!

Der Teufel selbst kommt auch zu Wort, gegen Ende des Buches offenbart er die Autorschaft eines kleinen Aufsatzes über seine teuflische Telephonie. Er betont, dass alles, was die Menschen über ihn geschrieben haben (Irtenkauf führt einen wahren Werkkanon des Teufels an: Namen wie Dvorak, Freud, Baudelaire, LaVey, Byron usw. dürfen da nicht fehlen), doch nur unzureichende Beschreibungen dessen waren, was er wirklich sei. In Irtenkaufs Buch wird in der Tat ein facettenreiches Bild des Teufels gezeichnet: Mal ist er der kleine Kinimod, mal der galante Musketier, dann wieder ein Neurotiker, der seiner Mutter Briefe schreibt. Das vielfältige Bild des Teufels wird durch die Figuren deutlich, seine nichtduale Verkörperung, die Irtenkauf betont, allerdings nicht immer. Dies kritisiert des Teufels Mutter selbst: Ihr geliebter Sohn suche zwar, die Dualität aufzulösen, denke aber selbst in dualen Schablonen.

Ich will nicht kleinlich erscheinen, aber Irtenkauf versieht den Teufel mit einem maskulinen Gestus, und dies obgleich er ihn inhaltlich zwiegespaltenen Geschlechtes einführt. Die besagte Mutter räumt mit dieser kleinen Unzulänglichkeit zwar auf („Ohne uns Frauen seid ihr nur halb so viel wert.“), das Bild, welches die unterschiedlichen Texte jedoch hinterlassen, ist zu stark geprägt von einer Reduzierung des Weiblichen auf Äußerlichkeit und mangelnde Rhetorik. (Und dies, obgleich das Buch Eva, dem Prototyp der Frau, gewidmet wurde.) Der Einsatz der weiblichen Figuren bestärkt diese Behauptung: Die Frau tritt größtenteils als Hure, Mutter oder schutzbedürftiges Fräulein auf.

Hiervon einmal abgesehen, stellt „Der Teufel in der Tasche“ ein empfehlenswertes Lesebuch zum Kulturphänomen des Teufels dar. Irtenkauf gelingt es mit seiner ganz persönlichen Art und Weise, einem Thema, wie es umfassender nicht sein könnte, eine literarisch spannende Plattform zu verschaffen.

Den Leser erwarten: die Erzählung „Aus Satans Retorte“, der herausragende Essay und Selbstbekenntnis des Autors „Was ich vom Teufel halte?“, die Erzählung „Der Teufel steckt im Punkt!“, ein Adressbuch des Teufels, welches im Vergleich zu den anderen Texten inhaltlich und formal etwas hinterherhinkt, sowie der Briefzyklus „Briefe an meine Mutter“, eine sehr gelungene Anklage des Teufels gegen festgefahrenes Denken, gegen Dualismus und Stagnation. Nichts und niemand kommt ungeschoren davon – ein Rundumschlag, wie wir es vom Teufel ja gewohnt sind.

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Remes, Ilkka – Hiroshima-Tor, Das

Nach [„Ewige Nacht“ 2039 öffnet der finnische Erfolgsautor Ilkka Remes in seinem zweiten auf Deutsch übersetzten Hochspannungsthriller das „Hiroshima-Tor“, welches die ganze Menschheit bedrohen kann. In packender und rasanter Weise schildert er die Hetzjagd zweier großer Nationen nach einem schier unglaublichen Geheimnis …

Auf der Pariser Brücke Pont Marie wird Tanja das Opfer eines Handtaschenraubs, doch enthält ihre Handtasche mehr als nur einen Lippenstift und einen Handspiegel – Tanja sprintet dem Dieb also hinterher. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse, die Handtasche wird von der Brücke aus in die Seine geworfen und Tanja springt angesichts des wertvollen Tascheninhalts hinterher. Allerdings ist Tanja nicht die Einzige, die hinter dieser Handtasche her ist, denn sie wird später tot geborgen, ihr wurde die Kehle aufgeschlitzt.

Timo Nortamo arbeitet für eine Antiterroreinheit in Brüssel und sucht dort für seine Frau Soile und den gemeinsamen Sohn Aaro ein Haus, doch ahnt Timo noch nicht, dass seine Frau, die als Physikerin am Schweizer CERN arbeitet, bereits eine Affäre mit einem Kollegen hat; dementsprechend wenig Freude zeigt sie angesichts des auserwählten Hauses. Noch bei der Hausbesichtigung wird Timo durch einen wichtigen Anruf gestört, denn der Bau eines Atomkraftwerkes und einer Endlagerungsstätte wurde ernsthaft sabotiert, aber damit nicht genug, erfährt Timo Nortamo bald auch von den seltsamen Ereignissen in Paris, die für ihn bald das Ende seiner Karriere bei der Antiterrorgruppe bedeuten werden.

Nicht nur zwei verschiedene Nationen jagen dem Inhalt der ominösen Handtasche hinterher, sondern auch Timo Nortamo, der auf eigene Faust ermittelt und dabei einige Grenzen überschreitet. Sein einziges Ziel ist es, die Echtheit der Unterlagen aus Tanjas Handtasche zu beweisen, die die finnische Präsidentin in Verruf bringen können. Eine Schnitzeljagd durch halb Europa geht los, die noch einige Opfer verlangen wird …

Ilkka Remes beweist von Anfang an, dass er ein Meister des Spannungsbogens ist. Bereits die erste Szene im Buch beginnt fulminant, als nämlich Tanja die wertvolle Handtasche entrissen und sie bei der Rettungsaktion ermordet wird. Schon diese erste Szene wirft etliche Fragen auf, die den Leser bewegen und an das Buch fesseln; doch damit nicht genug, eröffnet Remes weitere Handlungsstränge, von denen einige offenbar nur dazu dienen, seine Leser zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Nur mühsam gelingt es, sich durch die komplizierten Handlungsebenen zu manövrieren und in diesem Labyrinth den richtigen Ausgang zu finden. Einige düstere Mächte sind an dieser Geschichte beteiligt, von denen nicht alle direkt mit der sagenumwobenen Handtasche und ihrem geheimnisvollen Inhalt zu tun haben.

So muss einmal festgehalten werden, dass „Das Hiroshima-Tor“ ein absolut atemberaubender Thriller ist, den man nur schwer aus der Hand legen kann und der über die ganze Strecke der 439 Seiten fesselt. Auf der anderen Seite muss man nach dem Zuklappen des Buches für sich erst einmal alle Handlungsfäden entwirren und genau auseinander halten, in welche Schublade eigentlich welche Handlungsebene gehörte, wer also direkt mit dem eigentlichen Thema des Buches zu tun hatte und wer sozusagen bloß als Rahmengeschichte und zur Verwirrung diente. Diese nebensächlichen Handlungsebenen blähen das Buch unnötig auf, was Remes eigentlich nicht nötig hat, da er überzeugend beweist, dass er für genug Spannung sorgen kann. Meiner Meinung nach hätte er ruhig geradliniger schreiben können. Insbesondere die gesamte Geschichte rund um die finnische Präsidentin ist im Nachhinein völlig überflüssig, sie bringt die eigentliche Handlung nicht voran und spielt sich größtenteils neben den entscheidenden Erlebnissen ab. Das trübt im Nachhinein schon etwas den Lesegenuss, weil das richtige Aha-Erlebnis, bei dem am Ende alle Handlungsfäden zusammengeführt werden, zwangsläufig ausbleibt.

Thematisch hangelt sich Ilkka Remes bedenklich nah an einem von Dan Brown bereits ausgelutschten Problem entlang, was hier als ziemlich müder (und leider auch überzogener) Abklatsch beim Leser ankommt, da einen das eigentliche Thema das Buches kaum vom Hocker reißen kann. Interessant ist allerdings der Weg, auf dem Remes sich diesem hochexplosiven Thema nähert, da hier menschliche Schicksale im Mittelpunkt stehen, die dafür sorgen, dass man beim Lesen einen dicken Kloß im Halse hat. Hier wird man als Leser gezwungen, sich mit einem wichtigen und erschreckenden Ereignis der Geschichte auseinander zu setzen, das zwar bereits etliche Jahre zurückliegt, uns aber auch heute noch betrifft. Eines muss man Remes lassen, er versteht es, seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern sie auch zum Nachdenken anzuregen.

Gelungen sind auch die wissenschaftsethischen Fragen, die Ilkka Remes in diesem Zusammenhang aufwirft. Zwei talentierte und hochintelligente Physikerinnen mit sehr unterschiedlichen Ansichten stehen sich hier gegenüber, von denen die eine – nämlich Heli – in Wissenschaftskreisen unter „ferner liefen“ gehandelt wird, weil sie zu wenig (bis gar nicht) publiziert, während die andere – Soile – zwar viele Artikel veröffentlicht, von Heli deswegen aber verachtet wird, weil diese der Meinung ist, dass Soile sich mit diesen Artikeln selbst verkaufen würde. Die Frage, was Wissenschaft eigentlich darf und auch die Frage nach der Verantwortung eines jeden Wissenschaftlers ist stets aktuell und wird es auch immer bleiben, sodass es sich absolut lohnt, darüber genauer nachzudenken. Schade nur, dass Remes am Ende etwas zu dick aufträgt und eine Märtyrerfigur kreiert, die kein würdiges Ende für diesen spannenden Thriller darstellt.

Die beiden konträren Positionen der Wissenschaftsethik werden dabei durch die beiden weiblichen Hauptrollen repräsentiert, sodass sich auch die Sympathien verteilen, je nachdem, welche Position man selbst zu dieser Frage einnimmt. Während Heli allerdings eine sehr radikale Position einnimmt, ist Soile der Meinung, dass man Wissenschaft nicht aufhalten kann, sie ist Forscherin aus Leidenschaft und möchte ihre Ergebnisse auch veröffentlichen, selbst wenn sie irgendwann eventuell einmal Schaden anrichten könnten. So richtig sympathisch werden einem beim Lesen eigentlich beide Damen nicht; die eine handelt zu überzogen und unrealistisch für eine hochintelligente Physikerin, während die andere durch ihre Untreue auch nicht gerade punkten kann.

Im Zentrum der Erzählung steht glücklicherweise Timo Nortamo, den man bei seinen Nachforschungen gerne durch ganz Europa begleitet, da man ihm stets wünscht, dass er Erfolg haben möge bei seiner Mission. Nortamo ist in diesem Thriller wirklich arg gebeutelt; während der Leser bereits weiß, dass seine Frau Soile eine Affäre hat, muss Timo selbst erst einmal verkraften, dass er von einer Minute auf die andere seinen Job verloren hat und er sich durch den Hauskauf schrecklich verschuldet hat. Durch die sympathische und interessante Hauptfigur gewinnt das Buch sehr; die Abschnitte über Timo Nortamo sind es, die uns bei der Stange halten und immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen, da Ilkka Remes in all seinen anderen Handlungsebenen stets auf Verwirrung aus ist.

Unter dem Strich ist Ilkka Remes mit dem „Hiroshima-Tor“ durchaus ein überzeugender Thriller gelungen, der insbesondere in Sachen Spannung punkten kann. Wenn man das Buch einmal angefangen hat, kann man es eigentlich nicht mehr aus der Hand legen, da Remes einen immer wieder auf eine falsche Spur bringt und dadurch für Verwirrung sorgt. Leider ist dies auch schon ein Kritikpunkt, der festzuhalten ist, denn Remes eröffnet zu viele Handlungsstränge, die am Ende nicht konsistent zusammengeführt werden. Auf den einen oder anderen Nebenschauplatz hätte ich durchaus verzichten können, dann wäre das Buch wahrscheinlich sogar noch packender gewesen. Insgesamt gefällt das „Hiroshima-Tor“ allerdings sehr gut, insbesondere durch die vielen Aspekte, die den Leser zum Nachdenken anregen.

http://www.ilkka-remes.de/