
Zunächst arbeitet er jedoch streng nach Vorgaben, dann scheinen die Kontrollmodule weniger gut aufzupassen. Ein Strich des Roboters wird zu einer Welle, die ihn in ein spielerisches Bild zieht – Pixel saust über den welligen Strich, als würde er surfen. Ein Ausdruck von Freude und Freiheit. Doch das erneute Eingreifen der Kontrollmodule zeigt die Grenzen maschineller Kreativität, während die Szene gleichzeitig die Frage offenlässt, ob Maschinen Spaß empfinden können. Für Kinder und Erwachsene bietet sich auf verspielte Art und Weise die Möglichkeit über Kreativität, Emotionen und Kontrolle zu reflektieren.
Weil der Roboter durch sein „Herumfahren im Bild“ mit seiner Arbeit in Verzug ist, bekommt er nun Hilfe und dirigiert im Folgenden ein ganzes Team aus verschiedenen Robotern, die nach seiner Anweisung jeder in seiner eigenen Bildsprache malen – oder doch in einer Beauftragten? Der Unterschied ist nicht zu erkennen, man sieht jedoch, dass Kreativität nicht nur aus individueller Aktion entsteht, sondern durch Koordination, Kommunikation und das Zusammenspiel verschiedener Stile gesteigert werden kann. Gleichzeitig wird verdeutlicht, dass auch Maschinen innerhalb eines Rahmens frei experimentieren können. Die Mischung aus Struktur, Freiheit und Zusammenarbeit spiegelt zentrale Aspekte des künstlerischen Arbeitens wider.
Am Ende seines Arbeitstages und des Buches fragt ein Kind den Malroboter, ob er mitzeichnen möchte. Er entgegnet, er könne nicht, denn er brauche einen Auftrag. Da erwidert das Kind: „Mal deine Träume.“ Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen dem technischen Denken des Malroboters in Aufträgen und Regeln sowie dem kreativen Denken eines Kindes mit Träumen und Vorstellungskraft. Der Schluss deutet an, dass echte Kreativität vielleicht dort beginnt, wo Regeln und Aufträge enden. Der Vorschlag des Kindes öffnet dem Roboter eine Welt jenseits von Programmen und lässt das Ende des Bilderbuches mit einer Doppelseite voller unbeschriebener und unbemalter Blätter bewusst offen, sodass die Leser nachdenklich zurückbleiben.
Die auf ein Farbspektrum aus Grau, Rot und Blau reduzierten Illustrationen sind ein zentrales Element des Buches. Crameri kombiniert präzise, digital wirkende Grafiken mit freien, malerischen Farbspuren. Die geometrischen Formen spiegeln die Ordnung und Logik des Roboters wider, während die spontanen Farbstrukturen Experiment, Bewegung und Emotion darstellen. Besonders gelungen ist die visuelle Verschmelzung beider Stilrichtungen in den Szenen der Welle und der Teamarbeit. Sie zeigt, wie strukturiertes Arbeiten und künstlerische Freiheit miteinander interagieren können. Die Materialität der Illustrationen – sichtbare Pinselstriche, Farbkleckse und unterschiedliche Texturen – lässt Kinder die Bilder hautnah erleben, während Erwachsene die künstlerische Raffinesse und Symbolik erkennen.
Reto Crameri ist ein Schweizer Illustrator und Kinderbuchautor, der für seine experimentellen und visuell originellen Werke bekannt ist. Das Buch ist seinem Sohn Elio als Co-Autor gewidmet, was eine persönliche Note hinzufügt. Für die Illustrationen hat Crameri zwei gegensätzliche Bildsprachen in einen gestalterischen Dialog gesetzt: Die Roboter werden durch strenge Vektorformen dargestellt, während Pinselspuren, Farbkleckse und experimentelle Malmedien spielerische Freiheit und Lebendigkeit symbolisieren. Alle Elemente wurden schließlich in digitalen Collagen zusammengeführt, wodurch Struktur und Spontaneität harmonisch verschmelzen.
„MAL PIXEL MAL“ ist ein originelles, tiefgründiges und visuell beeindruckendes Bilderbuch, das sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Es wirft auf spielerische Weise zentrale Fragen über Kreativität, Kunst und die Rolle von Technik auf, ohne belehrend zu wirken. Die Kombination aus fantasievoller Handlung, spannenden Szenen und ausdrucksstarken Illustrationen lädt zum Entdecken, Staunen und Nachdenken ein. Besonders hervorzuheben ist die ästhetische Vielfalt der Illustrationen, die das Thema Kreativität versus Ordnung sowie Mensch versus Maschine eindrucksvoll transportiert und in Frage stellt.
Hardcover: 156 Seiten
ISBN 13: 978-3948743536
Kunstanstifter
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