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Marzi, Christoph – Somnia (Die Uralte Metropole, Band 4)
Es geschehen seltsame Dinge in New York. Scarlet Hawthorne erwacht in einer eisigen Winternacht im Battery Park und erinnert sich an gar nichts mehr – weder daran, wie sie dorthin gelangt ist, noch wer sie überhaupt ist. Und noch bevor sie herausfinden kann, was mit ihr geschehen ist, wird sie von Wendigo gejagt, boshafte Wolfskreaturen aus Schnee und Eis. Nur mit der Hilfe Anthea Atwoods, einer liebenswürdigen alten Dame, die ihr unverhofft zu Hilfe eilt, gelingt Scarlet die Flucht vor den Wendigo.
Atwood nimmt Scarlet mit zu sich nach Hause, in eine verzauberte Mühle mitten in New York, wo Scarlet erfährt, dass Anthea sie nicht zufällig vor den Wendigo gerettet hat: Scarlet ist in dunkle Machenschaften verstrickt, welche die ganze Uralte Metropole, die Stadt unter der Stadt, in Atem halten. In der Stadt wimmelt es von Eistoten, seit einiger Zeit verschwinden Kinder spurlos und es ist die Rede von einer Dame namens Lady Solitaire, die Scarlet zu suchen scheint. Wer ist sie und was spielt sie für eine Rolle für Scarlet und ihren Vater, den sie nie kennenlernen durfte?
Ohne zu wissen, was sie mit alldem zu tun hat, möchte Scarlet ihre Erinnerung wiederfinden und der Sache zusammen mit Anthea Atwood, dem Biker Jake Sawyer und dem Streifenschwanzmungo Buster Mandrake auf den Grund gehen – und schon bald müssen die vier erkennen, dass die Rätsel um Lady Solitaire und die verschwundenen Kinder bis weit in die düstere Vergangenheit New Yorks reichen …
_Eindrücke:_
„Somnia“ ist nun der Folgeband zu den ersten drei Büchern um die Uralte Metropole, der allerdings einige Änderungen mit sich bringt. So sind nicht mehr Emily Laing, das rothaarige Waisenmädchen mit dem Mondsteinauge, und der mürrische Alchimist Mortimer Wittgenstein die Protagonisten der Geschichte, sondern komplett neue Charaktere. Wir treffen auf eine junge Frau namens Scarlet Hawthorne, die vielleicht der eine oder andere Marzi-Fan schon aus seiner Anthologie „Nimmermehr“ kennen dürfte. Schon dort konnte man in der Geschichte „Scarlet“ einen kurzen Blick in das Leben unserer neuen Protagonistin werfen, das sich lange vor den Ereignissen in „Somnia“ abspielte, und man erfuhr, dass sie die Tochter von Mortimer Wittgenstein ist, von der er aber nichts weiß.
Und nun treffen wir auf Scarlet Hawthorne im Battery Park in New York, völlig verängstigt und zudem noch ohne Gedächtnis. Alles, was sie bei sich hat, sind ein eigenartiger Flickenmantel und ein Amulett, von dem sie ahnt, dass es eine große Bedeutung besitzt. Alles andere hat sie vergessen; es ist wie aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht. Sie ist verwirrt, weiß nicht, wohin sie gehen soll, und hat große Angst, da sie aus irgendeinem Grund weiß, dass die Kreaturen, deren Heulen ganz aus der Nähe an ihre Ohren dringt, nach ihr jagen.
Sofort versetzt man sich als Leser in Scarlet hinein und fiebert mit. Und obwohl ich anfangs wirklich große Bedenken dabei hatte, ob eine völlig neue Protagonistin und neue Nebencharaktere dem Buch so gut tun würden und ob es dann noch mit den vorigen Bänden würde mithalten können, war ich letztendlich positiv überrascht. Während mir Scarlet in der Kurzgeschichte in „Nimmermehr“ nicht besonders sympathisch erschien, mochte ich sie in „Somnia“ von Anfang an, und die Magie der Geschichte, die den Leser an das Buch bindet, sowie die düster-magische Atmosphäre, die in den Büchern um die Uralte Metropole so typisch ist, gehen durch sie in keiner Weise verloren.
Ein weiterer, wichtiger neuer Aspekt in „Somnia“ ist die veränderte Erzählperspektive. Nun mimt nicht mehr der mürrische Alchimist Mortimer Wittgenstein den Erzähler, sondern Anthea Atwood, eine lebhafte und liebenswürdige alte Dame, die Scarlet bei der Wiederfindung ihrer Erinnerungen und der Aufdeckung der rätselhaften Ereignisse in New York hilft. Als ich entdeckte, dass nun jemand Neues der Erzähler ist und nicht mehr Mortimer Wittgenstein, hatte ich auch in diesem Punkt zunächst meine Zweifel – die sich allerdings ebenfalls als unbegründet herausstellten. Anthea Atwood ist charakteristisch gesehen das vollkommene Gegenteil von Wittgenstein, aber deshalb ist sie keine weniger gute oder stimmige Erzählerin. Sie passt sogar mit ihrer lebhaften und etwas verrückten Art sehr gut in die Geschichte und lenkt diese in eine narrativ etwas andere Richtung als die vorherigen Bände.
Auch die anderen neuen Charaktere sind einzigartig und dem Leser sofort sympathisch. So lernen wir zum Beispiel noch Jake Sawyer kennen, ein junger Biker, der Scarlet ebenfalls zur Seite steht, während die beiden sich auch schon bald ein wenig näher kommen. Der Streifenschwanzmungo Buster Mandrake scheint hingegen so etwas wie ein ‚Ersatz‘ für die Ratten zu sein, was zwar nicht vollkommen gelingt, aber dennoch ist er ein ganz lustiges Kerlchen und passt gut als Begleiter Anthea Atwoods.
Doch obwohl die Protagonisten und die meisten Charaktere völlig neu sind, trifft man in „Somnia“ auch ab und zu noch auf alte Bekannte. Wie Christoph Marzi in seinen Journaleinträgen auf seiner Homepage bereits prophezeite, spielt Emilie Laing zwar keine große Rolle mehr, aber dennoch gibt es mit ihr und Tristan ein Wiedersehen. Auch Mr. Fox und Mr. Wolf durften in dem Buch natürlich nicht fehlen, ebenso wie der Lichtlord und Lilith. Und zu guter Letzt kommt auch noch Mortimer Wittgenstein vor, der ebenfalls in die Rätsel um Lady Solitaire und Lord Somnia verstrickt ist (ob Scarlet und Mortimer sich jedoch auch treffen, wird nicht verraten!).
Die meisten Wiedersehen mit alten Bekannten aus den vorigen Bänden verliefen gut und fügten sich stimmig zur restlichen Geschichte. Nur eines hat mich ziemlich gestört: das Wiedersehen mit Emily und Tristan. Leider haben die beiden überhaupt nicht mehr zu „Somnia“ gepasst, und ich hab die beiden Charaktere, mit denen ich in den vorigen Bänden mitgefiebert habe, nicht wirklich wiedererkannt. Beide haben sich im Gegensatz zu den anderen Bänden stark verändert und wirken nun irgendwie falsch und einfach fehl am Platz.
Etwas, das schon die Vorbände und jetzt auch „Somnia“ zu etwas Besonderem macht, sind die tollen Ideen, welche Christoph Marzi in seine Geschichte einbaut. Zwar muss man dazu sagen, dass bei weitem nicht jede Idee seine eigene ist, aber das, was er aus den vielen Ideen erschafft, ist einfach fabelhaft. Die Ideen mit der Uralten Metropole, den sprechenden Ratten und Mr. Fox und Mr. Wolf stammen hauptsächlich von Neil Gaimans „Neverwhere“, doch das, was Christoph Marzi aus diesen teilweise durchaus ‚entliehenen‘ Ideen macht, ist einfach absolut perfekt. Es gibt ein Labyrinth, das aus einem großen Drachen besteht, Wendigo, wölfische Kreaturen aus Schnee und Eis und eine Hölle, die ein Eispalast ist, in dem seelenlose Kinder mit Spiegelscherbenaugen herumlaufen. Christoph Marzi scheint es an passenden Ideen nie zu fehlen.
Was Christoph Marzi in seine Geschichte auch ganz bewusst einbaut, sind Mythen, Legenden und alte Geschichten. So trifft man während der Lektüre nicht nur auf die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln oder Peter Pans Krokodil, welches einen tickenden Wecker verschluckt hat, sondern auch auf den Zauberer von Oz. Alle möglichen Geschichten sind in „Somnia“ eingearbeitet, was eine weitere Besonderheit des Buches darstellt.
Der Verlauf der Geschichte in „Somnia“ war zu keiner Zeit vorhersehbar. Als Leser stapft man sozusagen mit einer Taschenlampe im Dunkeln, sodass man immer nur einzelne Bruchteile des Ganzen sehen kann. Erst nach und nach fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen. Dabei schafft es Christoph Marzi, seine Geschichte so zu gestalten, dass man als Leser nie weiß, was auf der nächsten Seite passieren wird. Erst am Ende, wenn alle Bruchstücke zueinander gefunden haben, kann der Leser schließlich einen Blick auf das Ganze werfen.
Etwas, das an den Büchern der Uralten Metropole generell einzigartig und besonders ist, ist der Schreibstil. Zunächst eben die außergewöhnliche Erzählperspektive, welche weder allwissend noch in Ich-Form aus der Sicht der Protagonistin gewählt wurde, sondern in Ich-Form aus der Sicht eines anderen Nebencharakters. Dann kommt noch hinzu, dass der Aufbau mit den Erzählzeiten ein wenig anders und komplexer ist als in ähnlich gelagerten Büchern. Der Schreibstil ist wunderschön, da Christoph Marzi mal poetisch, mal spannend und mal lustig schreibt und durch verschiedene sprachliche Mittel einen einzigartigen Schreibstil erschafft, den man sofort wiedererkennt.
Das Einzige, was ich noch ein wenig zu bemängeln habe, ist das etwas kurz geratene und geraffte Ende. Zum Schluss kommt alles auf einmal zusammen, und den Details wird somit kaum noch richtige Beachtung geschenkt, sodass diese etwas schnell abgehandelt werden. Da aber laut des Nachworts Christoph Marzis die Hoffnung auf weitere Fortsetzungen besteht, sehe ich dies als nicht weiter schlimm an.
_Fazit:_
„Somnia“ ist ein absolut würdiger Folgeband zu den Büchern der Uralten Metropole und gehört wie die Vorbände zu meinen Lieblingsbüchern. Die Geschichte, die Charaktere und der Schreibstil sind absolut perfekt und die vielen Neuheiten, die Christoph Marzi in „Somnia“ eingebaut hat, schaden dem Buch in keiner Weise.
_Der Autor:_
Christoph Marzi ist ein neuer deutscher Schriftsteller. Er wuchs 1970 in Obermending nahe der Eifel auf. Danach studierte er Wirtschaftspädagogik in Mainz, heute lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Saarland und arbeitet dort hauptberuflich als Lehrer an einem Gymnasium. Außerdem schreibt er phantastische Literatur, in der man seine Lieblingsschriftsteller von Boyle über Dickens bis Gaiman wiederfindet. Mit „Lycidas“ hat er seinen ersten Roman bei |Heyne| veröffentlicht, dicht gefolgt von „Lilith“. Mit „Lycidas“ gewann er den Deutschen Phantastik-Preis und wurde über Nacht zum Shootingstar der deutschen Phantastik.
http://www.christophmarzi.de
|Die Uralte Metropole:|
Band 1: [Lycidas 1081
Band 2: [Lilith 2070
Band 3: [Lumen 3036
Band 4: Somnia
Weitere Bände sind in Planung.
Mehr von Christoph Marzi auf |Buchwurm.info|:
[Interview mit Christoph Marzi]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=90
[Fabula 4503
[Malfuria 3398
[Malfuria – Die Hüterin der Nebelsteine 4167
Iain Banks – Die Sphären
Nach seinem letzten großartigen Roman »Der Algebraist«, der ein neues Universum mit Leben füllt, widmet sich Iain Banks mit dem vorliegenden Buch wieder seinem KULTUR-Universum. Der Heyne-Verlag preist diese Erzählung als »Opus Magnum« des Autors an und bietet mit dem Trade-Paperback eine schöne Plattform zwischen Taschenbuch und Hardcover. Die Titelbildgestaltung bedient sich eines Motivs aus dem Prolog des Romans und veranschaulicht wunderbar die Arbeit einer wichtigen Person des Geschehens.
Das war’s dann auch schon an Pluspunkten für den Verlag. Man schlägt das Buch auf und sieht große, angenehm lesbare Schrift auf dickem Papier, dem ein breiter unbedruckter Rand gelassen wird. Schon allein ohne diesen Rand bleibt die Größe eines Taschenbuchs, was sich natürlich im Preis widerspiegeln würde, denn mit 16 Euro ist er doch sehr hoch gesteckt.
Wie man bei der Lektüre feststellen wird, trifft der Klappentext in seinen wichtigen Aussagen daneben. Der Roman ist kein Trip durch die Galaxis in diesem Sinne. Wichtigste Bühne ist die Welt Sursamen. Die KULTUR, zu der auch die Menschen und ihre Modifikationen gehören, besteht keineswegs nur aus Menschen und widerlegt so die Behauptung, die Menschheit wäre bei ihrem Aufbruch ins All auf die Schalenwelten gestoßen. Und die Schalenwelten sind nach dem Tenor des Romans keinesfalls eine gigantische Falle für die menschliche Zivilisation.
Vielmehr handelt es sich um eine königliche Familiengeschichte voller Intrigen, Flucht und Suche nach Hilfe, in deren Begleitung eine äonenalte Gefahr für die ganze Welt befreit wird und bekämpft werden muss. Dabei entwickelt Banks neue interessante Facetten der Gesellschaftsform der KULTUR und der galaktischen Gemeinschaft und wirft neue Fragen auf, die nicht alle in dieser Geschichte beantwortet werden.
Trotz Banks‘ unbestreitbaren Hangs zu wortreichen Beschreibungen gibt es in Bezug auf technische Details keine unnötig pseudowissenschaftlichen Abhandlungen. Es wird nicht die Funktion beschrieben, sondern der Effekt, so dass von dieser Seite der Erzählfluss nicht verzögert wird. Anders ist es mit anderen Beschreibungen: Vor allem die Örtlichkeiten werden so detailliert und weitschweifig geschildert, dass man sich zeitweise gebremst fühlt und versucht ist, den Absatz zu überspringen. So wandern die Protagonisten mal durch einen endlosen Gang und verlieren sich in Gedanken über die Vergangenheit (teilweise wichtig zur Charakterisierung der Figur) oder komplett zusammenhangslosen Überlegungen. Hier hätte man sich einen rotstiftverliebteren Redakteur gewünscht.
An Sprache, Vokabular, Kreativität, Individualität und bewundernswerter Fantasie gibt es nichts zu kritteln. Es ist eine typisch Bankssche frische Erzählung von hohem Unterhaltungswert und mit diesem Adrenalin ausschüttenden Sog, der keine Müdigkeit zulässt.
Betrachtet man den Erzählungsverlauf, fällt Folgendes auf: Es läuft alles ganz zielgerichtet und flüssig und dreht sich auf zwei Ebenen um den Versuch der zwei Parteien, sich zu treffen. Hintergrund ist der Mord am König und Vater der beiden Personen. Der Weg dieser beiden Gruppen ist natürlich mit Problemen gepflastert. Ab dem Moment ihres Treffens strebt alles plötzlich dem Finale entgegen und wandelt sich in das kosmisch umfangreiche Thema, das nicht nur diese Familienkrise betrifft, sondern die ganze Galaxis. Es taucht ein unbemerkt eingeführter Gegner auf und fordert komplexen hochtechnischen Einsatz. Durch gnadenlose Vernichtung von Menschen löst sich der familiäre Konflikt auf und wandelt sich auf diesem letzten Abschnitt in den verzweifelten Versuch, diesen Gegner auszuschalten. Damit wird ein Großteil der erzählerischen Vorarbeit und Entwicklung des Romans in einem Schlag beiseite gewischt. Natürlich erhält das Ende durch seine kosmische Gültigkeit das wahre Flair der Science-Fiction-Erzählung gegenüber einem banalen Aufeinandertreffen von Mörder und Rächer. Aber der Weg dorthin liegt etwas zu sehr versteckt hinter dieser oberflächlichen persönlichen Geschichte.
Auf den Epilog kann man verzichten. Er dient nur als Rechtfertigung für die emotionale Entscheidung der Protagonistin im Prolog und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Dem Ende selbst fügt er keine spannende oder zu mehr Befriedigung führende Facette hinzu.
Insgesamt bietet der Roman ein sehr schönes, spannendes und befriedigendes Leseerlebnis in der grandiosen Welt von Iain Banks‘ KULTUR.
Originaltitel: Matter
Übersetzt von Andreas Brandhorst
Paperback, Broschur, 800 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52500-9
Der Autor vergibt: 



Bishop, Anne – Nacht (Die Schwarzen Juwelen 6)
|Die Schwarzen Juwelen|:
Band I: [„Dunkelheit“ 3375
Band II: [„Dämmerung“ 3437
Band III: [„Schatten“ 3446
Band IV: [„Zwielicht“ 3514
Band V: [„Finsternis“ 3526
Band VI: „Nacht“ (dt. im Oktober 2008)
Surreal hat die Kriminalromane des Landen Jervis Jenkell eigentlich immer gern gelesen. Bis der Autor anfing, Romane über die Angehörigen des Blutes zu schreiben. Seine Vorstellungen vom Leben der Hexen und ihrer Krieger erscheinen ihr ausgesprochen lächerlich, und da ist sie nicht die Einzige. Jaenelle ist deshalb sogar auf die exzentrische Idee verfallen, ein Spukhaus einzurichten, als Spaß für Kinder, was Saetan überhaupt nicht gefällt.
Jervis Jenkell dagegen fühlt sich durch die Angehörigen des Blutes auf den Schlips getreten und sinnt nun auf Rache. Ein perfides Katz-und-Maus-Spiel beginnt …
Jervin Jenkell ist der einzige neue Charakter. Und er ist ein eingebildeter, hinterhältiger, grausamer Kerl. Im Grunde ist er intelligent und findig, doch die Erkenntnis, dass er selbst, obwohl als Landen aufgewachsen, ein Angehöriger des Blutes ist, hat ihn offenbar völlig abheben lassen. So ist er zu eitel und zu hochmütig, einfach seine Bezirkskönigin aufzusuchen, ihr sein Juwel zu zeigen und sie um Rat und Hilfe zu bitten. Stattdessen hat er seine Entdeckung in einen Roman gekleidet und erwartet jetzt, von allen als einer der ihren behandelt, ja sogar regelrecht hofiert zu werden. Die Idee, dass seine versteckte Botschaft womöglich nicht verstanden werden könnte, kommt ihm gar nicht. Und da er keinerlei Vorstellung vom sozialen Gefüge innerhalb der Blutsangehörigkeit hat, ist ihm auch nicht klar, dass er keinesfalls auf derselben Stufe wie Daemon und Jaenelle steht. Er fasst ihre Reaktion schlicht als Beleidigung auf.
Ich muss ehrlich zugeben, dieser Band des Blutjuwelen-Zyklus hat mich schwer überrascht. Ungewöhnlich ist schon mal, dass Jenkell eigentlich recht wenig auftaucht. Er kommentiert nur gelegentlich das Geschehen und offenbart dadurch seine Art zu denken und die Beweggründe für sein Handeln: seinen Hochmut und seine gekränkte Eitelkeit. Das Handeln wiederum offenbart seine hinterhältige Bosheit. Die Intensität dieser Charakterzeichnung kann bei weitem nicht mit der Jaenelles und Daemons aus den ersten Bänden mithalten. Dennoch ist die Figur Jervis Jenkell glaubwürdig und nachvollziehbar ausgefallen.
Außerdem setzt sich das Buch dadurch von seinen Vorgängern ab, dass diesmal nicht Jaenelle und Daemon im Mittelpunkt stehen. Hauptsächlich ist es Surreal, die sich mit Jenkell herumschlagen muss. Da Surreal vor allem praktisch veranlagt ist, spielen Gefühle in diesem Band eine untergeordnete Rolle. Der spürbarste Unterschied zeigt sich jedoch im Grundtenor des Buches. Während die ersten drei Bände vom Niedergang und der Wiedergeburt einer ganzen Welt erzählen, spielt sich der neue Konflikt nur zwischen der Familie SaDiablo und Jenkell ab. Diese beiden Punkte – die Wahl Surreals als Hauptperson und der begrenzte Umfang des Konflikts – haben dafür gesorgt, dass die Wucht, die den ersten drei Bänden innewohnte, hier völlig fehlt. Waren die Bände eins bis drei wie das Ankämpfen gegen einen heftigen Sturm, so ist Band sechs wie die Überquerung eines Nagelbretts. Surreal und ihre Begleiter haben sich in einer Falle verheddert, und alles, was ihnen in dieser Falle an kleinen oder größeren Widrigkeiten begegnet, wirkt wie immer neue Nadelstiche: verwirrend, zermürbend. Und der Gegner beobachtet das Ganze insgeheim.
Die Art der Falle ist wirklich trickreich. Sie ist ein fieses kleines Spiel, das darauf ausgelegt ist, die Beute in der Falle dazu zu bringen, dass sie genau das tut, was sie eigentlich unbedingt vermeiden sollte. Gekonnt spielt sie mit Sein und Schein und ist deshalb ausgesprochen geeignet, um Leute wie Surreal oder Daemon einzufangen und zur Strecke zu bringen. Und diejenigen, die draußen stehen, haben keine Möglichkeit, das Spiel zu beenden, ohne das Leben derjenigen zu gefährden, die in der Falle sitzen. Es scheint, als wäre eine grausame Wahl zu treffen. Und dann taucht auch noch Lucivar am Schauplatz auf, drauf und dran, sich ebenfalls in die Falle zu stürzen!
Was mir dagegen eher negativ aufgefallen ist, war die Veränderung in der Ausdrucksweise, sodass ich mich schon fragte, ob hier ein anderer Übersetzer am Werk war. Das war nicht der Fall, weshalb sich mir als nächstes die Frage stellte, warum die Übersetzerin es auf einmal für nötig befunden haben mag, ein Wort, das in den ersten Bänden noch mit Geschlecht übersetzt wurde, jetzt auf einmal mit Schwanz zu übersetzen. Das macht die eigentliche Aussage keineswegs erotischer, eher ordinärer.
Von diesem sprachlichen Detail abgesehen fand ich „Nacht“ aber recht gelungen. Was diesem Band letzten Endes an Intensität und Dramatik fehlt, macht er locker durch Spannung und Einfallsreichtum wieder wett. Anne Bishop hat sich diesmal tatsächlich fast völlig von allen anderen Bänden des Blutjuwelen-Zyklus gelöst, indem sie nicht nur auf ihre alten Antagonisten Dorothea und Hekatah verzichtet hat, sondern auch eine Neben- zur Hauptfigur gemacht und sie in eine völlig neue Situation gestellt hat. „Nacht“ ist kein Epos mehr, auch nicht der Versuch, ein Epos fortzuführen oder auszubauen. „Nacht“ ist ein Krimi und eigenständig. Das hat dem Buch ausgesprochen gutgetan. Es hat Raum geschaffen für Ideen, die im Kontext dieses Zyklus neu und auch interessant umgesetzt waren, und einen neuen Antagonisten, der wesentlich mehr Biss hat als die beiden kleinen Hexchen Roxie und Lektra. Wer eine Geschichte von der Dimension der ersten drei Bände erwartet hat, wird vielleicht enttäuscht sein, denn die bietet „Nacht“ definitiv nicht. Das Flickwerk aus Band IV aber steckt diese neue Geschichte locker in die Tasche, und mit Band V kann sie durchaus mithalten.
_Anne Bishop_ lebt in New York, liebt Gärtnern und Musik, und hatte bereits einige Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht, ehe ihr mit dem Zyklus der |Schwarzen Juwelen| der internationale Durchbruch gelang. Außerdem stammen aus ihrer Feder die Trilogie |Tir Alainn|, die auf Deutsch bisher anscheinend nicht erschienen ist, sowie der Zweiteiler |Ephemera| mit den Bänden „Sebastian“ und „Belladonna“.
|Originaltitel: The Black Jewels Series: Tangled Webs
Deutsche Übersetzung von Ute Brammertz
398 Seiten, kartoniert
Mit Bonusmaterial: „Wenn das Hexenblut blüht“|
http://www.heyne.de
http://www.annebishop.com
_Mehr von Anne Bishop auf |Buchwurm.info|:_
|Die dunklen Welten|:
Band I: [„Sebastian“ 3671
Band II: [„Belladonna“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4799
Band II: [„Belladonna“ 4722 (zusätzliche Buchrezension)
Michael Connelly – Kalter Tod [Harry Bosch 13]

Michael Connelly – Kalter Tod [Harry Bosch 13] weiterlesen
Dasgupta, Rana – geschenkte Nacht, Die
_Märchenhaftes von den Rändern der menschlichen Fantasie_
Ein Flugzeug muss wegen eines Sturmes mitten im Nirgendwo notlanden. Verständlicherweise sind die Passagiere nicht gerade erfreut über den unfreiwilligen Aufenthalt; am wenigstens diejenigen, welche in keinem der umliegenden Hotels mehr untergebracht werden können. So kommt es, dass 13 Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt diese eine Nacht gemeinsam auf dem Flughafen zu verbringen gezwungen sind, obwohl jeder von ihnen eigentlich Termine oder andere Pläne gehabt hatte. Da ihnen in der unheimlichen Stille der Wartehalle schnell langweilig wird, schlägt einer der Wartenden vor, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen.
Solchermaßen führt der englische Autor indischer Abstammung Rana Dasgupta in seine Aneinanderreihung von märchenhaft fantastischen Geschichten aus der ganzen Welt ein. Sie spielen in Paris, London, Argentinien, Istanbul oder Odessa; stammen also aus so verschiedenen Orten wie die Erzählenden selbst und sind zeitgemäß global, trotz der märchenhaften Archetypen, die uns in Gestalt von Fabelwesen begegnen.
Einer Geschichte über einen unglücklichen Schneider folgen zwölf weitere, die einander an Erzählkraft ein ums andere Mal zu übertreffen vermögen. Dabei verarbeitet der Autor Probleme unserer Zeit, die man in einer solchen erzählerischen Form nicht vermuten würde. Da ist beispielsweise ein Paar, welches auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen kann und sich zu einer kostspieligen sowie höchst geheimen In-vitro-Befruchtung entschließt. Die Frau schenkt schließlich Zwillingen das Leben, von denen der Junge jedoch entstellt zur Welt kommt. Das Monster wird von der Familie verstoßen, die Tochter dafür umso stärker umhegt. Als sich jedoch unerklärliche Phänomene einstellen, die mit dem Mädchen zu tun haben müssen – so wachsen plötzlich Pflanzen im ganzen Haus und zerstören dabei auch das Mauerwerk -, droht das Geheimnis ans Licht zu kommen. Die Tochter wird daher in einem Turm versteckt und damit praktisch gefangen gehalten.
Der entstellte Junge wächst heran und findet seinen Platz im Leben, als er vom TV für Monsterrollen entdeckt wird. Das Monster, das eigentlich versteckt gehalten werden sollte, erreicht eine immense Popularität; bleibt jedoch im Grunde einsam, denn mit ihm als Persönlichkeit möchte niemand etwas zu tun haben, während man sich auf der anderen Seite gern in seinem Glanz als Star sonnt – und natürlich bleibt auch das Geheimnis des Mädchens nicht für immer unentdeckt.
Dem Autor gelingt es mit vordergründig märchenhaft absurden bis surrealen Geschichten Themen anzusprechen, die von aktueller Bedeutung sind, ohne dass man sich dessen sogleich bewusst wird. Sollte man mit Geld wirklich alles kaufen können? Kann der Mensch abschätzen geschweige denn verantworten, was er mit seinen Möglichkeiten zu erschaffen vermag? Wie behandeln wir unsere Nächsten, wenn sie nicht unseren Vorstellungen entsprechen, wenn wir die Grenzen unseres Handelns erkennen und Gegebenheiten akzeptieren müssen – ganz abgesehen davon, dass sich nichts geheimhalten lässt und Pläne, die wir mit anderen haben, nicht nur unseren eigenen Wünschen unterliegen.
„Die geschenkte Nacht“ ist ein Buch, das man nicht einfach zuschlägt und vergisst. Die Geschichten regen zum Nachdenken an. Vieles, was wir bereits als selbstverständlich hinnehmen, wird hier auf eine Art und Weise verarbeitet, die es nicht mehr selbstverständlich erscheinen lässt. Dasgupta schreibt über die Angst vor dem Verlust der Erinnerungen und die Möglichkeit, mit Ängsten wie diesen Geld zu machen. Er schreibt über Menschenhandel, das Klonen, illegale Einwanderung und maffiöse Strukturen auf eine poetische, zauberhafte und bezaubernde Art und Weise, so dass man selbst das fehlende märchentypische Happy-End in Geschichten verzeiht, in denen menschliche Grundwerte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Respekt auf die Probe gestellt werden und oft versagen. Wie es in der Geschichte von Deniz heißt: „Was für unsägliche Dinge häufen sich an den Rändern der Fantasie zivilisierter Menschen.“ Dabei handelt es sich gar nicht mehr um bloße Fantasie, sondern um das menschlich Vorstellbare unserer aktuellen Realität.
Es scheint nicht abwegig, dass Robert de Niro mit einer verheirateten Waschsalonbesitzerin einen Sohn zeugt, den diese aussetzt und der dadurch auf dem New Yorker Flughaften mit 19 illegal eingewanderten „Vätern“ groß wird und vom Taxifahren träumt. Magische Elemente wie in diesem Fall die Zauberkekse verleiten die Protagonisten dazu, ihren Träumen untreu zu werden und für die Gier nach Geld und einem vermeintlich besseren Dasein ihr Leben aufs Spiel zu setzen, denn wie in der Realität die Chancen müssen in der Fiktion die Zauberkräfte weise und überlegt genutzt werden.
Man erkennt, dass Rana Dasguptar mehr von Literatur versteht als so mancher Autor, der sich aktuell in den Bestsellerlisten befindet. Tatsächlich hat er Literatur und Medienwissenschaften studiert. Somit erklären sich technische Raffinessen wie der Vogel, der in der Geschichte von Natalia und Riad mit abgeschnittenen Flügeln als Metapher für die Schwierigkeiten auftritt, welche die beiden auf dem Weg in ein besseres Leben überwinden müssen. Die Flügel beginnen dann auch just in dem Moment wieder zu wachsen, in dem die beiden sicheres Land erreicht haben; als sich ihnen also die Möglichkeit bietet, nicht mehr nur ums nackte Überleben zu kämpfen, sondern sich und ihren Träumen ebenfalls wieder Flügel wachsen zu lassen. Es liest sich wunderbar, wenn man nicht nur die bloßen Fakten serviert, sondern die Menschlichkeit im Kampf gegen die Übel der Welt in den Mantel anspruchsvoller Worte gehüllt bekommt.
Dabei bedient sich der Autor nicht nur der Vorlagen aus Märchen, sondern passt diese seinen Intentionen an. Der Wechselbalg Bernard ist beispielsweise kein kränklicher Feensohn, der gegen ein gesundes Menschenkind getauscht wurde. Er ist vielmehr scheinbar unsterblich und stirbt schließlich doch zusammen mit Farid, dessen Suche nach einem unbekannten Wort er sich angeschlossen und mit dessen Leben er physisch und psychisch immer mehr verschmolzen ist. Der Leser fragt sich, ob damit der Grund seiner Ehefrau, ihn zu verlassen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie niemals mit ihm alt werden kann, nicht rückwirkend dadurch aufgehoben wurde und welchen weit glücklicheren Weg sein Leben bei ein wenig mehr Toleranz, weniger Angst vor Fremden, kurz: mit ein bisschen mehr Menschlichkeit hätte nehmen können. Durchaus philosophisch verarbeitet der Autor in Geschichten wie dieser Erkenntnisse über das Leben und die Welt, beispielsweise die ewige Frage nach dem Tod: Beginnt der Tod in der Mitte des Lebens, wenn der Körper und der Geist auf dem Höhepunkt der Entwicklung sind, setzt der Tod bereits mit der Geburt ein oder zählt im Leben doch nur der Moment; die „Syntime“ – ein faszinierendes Paradoxon, in welchem Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig mit der Gegenwart existieren?
Katyas Geschichte wiederum erzählt vom Spiel mit der Macht und der Erfüllung von Wünschen. Im Moment des Missbrauchs von Macht versagen die märchenhaften Gaben. Somit kann es auch kein Happy-End geben, sondern nur eine limitierte Version – einen Ausgang der Geschichte etwas besser als erwartet. Xiaosong hingegen erkennt rechtzeitig, dass Geld und Karriere nicht wichtiger sind als Liebe und Glück. Einem „Hans im Glück“ gleich tauscht er scheinbar seinen Klumpen Gold gegen einen Stein, doch kehrt Dasgupta das Motiv um, und auch der Leser wird verleitet, daran zu glauben, dass Xiaosong zwar die romantischere, aber dennoch die richtige Entscheidung getroffen hat. Zur erzählerischen Hochform läuft der Autor aber in der Geschichte vom Traumrecycler auf, in welcher der Leser bereits so in der fiktionalen Welt gefangen ist, dass er gar nicht mehr merkt, wo die erzählte Realität endet und der Traum beginnt. Dieses eigentümliche Verschmelzen von realen Elementen und märchenhafter Fiktion ist es denn auch, was den Reiz dieses Buches tatsächlich ausmacht. Die Geschichten hallen im Leser nach, auch wenn die letzte Seite bereits umgeschlagen ist.
Das Debüt des 1971 geborenen Rana Dagupta wurde vielfach mit Boccaccios „Decamerone“ und Chaucers „Canterbury Tales“ verglichen. Es erinnert im Aufbau mindestens ebenso stark an die „Geschichten aus 1001 Nacht“, welche im Stil des magischen Realismus zeitgemäß interpretiert wurden. Das Einzige, was der Leser eventuell vermissen könnte, ist eine stärker ausgebaute Rahmenhandlung. Der Flughafen und die 13 Reisenden bleiben ebenso blass wie die Handlungsorte der Geschichten zwar eindeutig lokalisierbar, aber dennoch beliebig austauschbar sind. Doch auch das darf man als zeitgemäße Umsetzung des Faktes nehmen, dass in unserer globalisierten Welt die Menschen und Orte, mindestens wenn es um deren Funktion geht, tatsächlich austauschbar sind. Daher darf man gespannt sein, was dem erfolgreichen und viel beachteten Debüt „Die geschenkte Nacht“ aus dem Jahr 2005, welches hiermit nun auch im kostengünstigeren Taschenbuchformat vorliegt, im kommenden Jahr unter dem Titel „Solo“ folgen wird.
|Originaltitel: Tokyo Cancelled
Originalverlag: Blessing, 2006
Aus dem Englischen von Barbara Heller
480 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-40524-0|
http://www.heyne.de
Gordon D. Shirreffs – Der Silberschatz von La Barranca

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David Gerrold – Die Bestie

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Morgan, Richard – Skorpion
_Ein Leben nach Takeshi Kovacs._
Nach „Das Unsterblichkeitsprogramm“, „Gefallene Engel“ und „Heiliger Zorn“ hat sich Richard Morgan abermals dafür entschieden, aus dem Universum auszubrechen, das er für seinen Helden Takeshi Kovacs geschaffen hat. Stattdessen schickt Morgan mit „Skorpion“ einen genetisch modifizierten Supersoldaten auf die Jagd nach Seinesgleichen und verteilt Seitenhiebe an jegliche Form von Bigotterie und Scheinheiligkeit.
_Vom Ende allen Skrupels._
„Dreizehner“ schimpfen sie ihn, eine genetische Abnormität, gezüchtet für den Krieg, völlig ohne Skrupel, aufgeputscht mit sämtlicher Biotechnik und fast unbesiegbar. Eigentlich hätte Carl Marsalis froh über diese Unbesiegbarkeit sein können, wäre nicht die Politik auf die Idee gekommen, sich ihrer gezüchteten Werkzeuge zu entledigen, indem sie sie unter Registrierungszwang stellte. Fortan ist jeder Mensch der „Variante Dreizehn“ meldepflichtig und wird aufs schärfste bewacht. Marsalis darf sich etwas größerer Freiräume erfreuen, allerdings zu dem Preis, dass er abtrünnige Vertreter seiner „Gattung“ aufspüren und an seine Regierung verraten muss. Nach einem dieser Schlachtfeste allerdings landet Marsalis im Gefängnis und die Regierung will nichts mehr von einer Zusammenarbeit mit diesem Dreizehner wissen …
Sevgi Ertekin bekommt es derweil mit einem anderen Fall zu tun: Ein Raumschiff vom Mars verliert die Kontrolle und kracht ins Meer, sämtliche Besatzungsmitglieder sind aufs Scheußlichste verstümmelt – aufgefressen, wie es scheint – und einer der Passagiere ist verlorengegangen; ausgerechnet ein Vertreter der Variante Dreizehn. Es wird zur obersten Priorität für Ertekin, nach dem Entflohenen zu suchen, besonders, da dieser damit anfängt, scheinbar wahllos Morde zu begehen. Und was wäre besser geeignet, um einen Dreizehner zu fangen, als ein Exemplar seinesgleichen, das gerade nach einem Blutbad im Gefängnis gelandet ist und bereits sämtliche Hoffnung auf Freiheit aufgegeben hat?
Scott Osborne indes fühlt sich in seiner aktuellen Situation nicht recht wohl. Er ist aus Jesusland abgehauen, einem strikt abgetrennten Mikrostaat, der seinem Namen alle Ehre macht und Bigotterie in Reinkultur ausübt. Scott hat illegal in einer Biotech-Anlage angeheuert und spürt, wie ihn der Werteverfall mitnimmt, stärker, als er das befürchtet hätte: Er fängt an zu fluchen, beginnt andere Frauen zu begehren und sehnt sich mit der Zeit fast nach der religiösen Klarheit von Jesusland. Diese Klarheit wird ihm allerdings geboten, als ein Verrückter in die Anlage eindringt und dort ein Blutbad anrichtet. Scott bleibt am Leben, mit ihm eine Kollegin. Er sei auserwählt worden, vertraut sie ihm an, er soll den Fremden auf seiner Mission unterstützen. Denn dieser Fremde ist niemand anderer als der auferstandene Jesus Christus, mit dem Knüppel in der Hand, um das jüngste Gericht einzuberufen und die Welt von der Sünde zu befreien.
_Schleichfahrt durch den Faktendschungel._
Richard Morgan hat in „Skorpion“ ein Universum erschaffen, das einen mit Details geradezu erschlägt. Die Regierungslandschaft wird dem Leser vorgestellt, die Tatsache, dass sich die Nationen aufgespalten haben, dass es eine Menge von Instanzen gibt, die sich gegenseitig um Zuständigkeiten prügeln, und dass überall in diesem Universum Konfliktherde brodeln. Die eigentliche Hauptfigur des Romans, Carl Marsalis, bekommt diese Konflikte sehr deutlich zu spüren, ist er doch ein Spielball der politischen Mächte, der irgendwann fallengelassen wird. Aber auch Sevgi Ertekin, die Polizistin, hat unter diesen Konflikten zu leiden, hat sogar ein schweres Trauma davongetragen, das sie im Laufe des Romans vor schwere Prüfungen stellen wird. Ähnlich ergeht es Scott Osborne, dem abtrünnigen Jesusländer, der sich plötzlich mit einer rachsüchtigen Reinkarnation von Jesus Christus konfrontiert sieht und seinen alten Glauben in sich erwachen spürt.
Die Wege dieser drei Parteien kreuzen sich natürlich, ist doch das, was sie verbindet, der Kern dieses Romans und das entscheidende Geheimnis, das es herauszufinden gilt. Schade nur, dass sich die komplexe Story viel zu oft in den Details verliert. Morgan hatte schon immer eine Vorliebe für ausgefeilte Arrangements, aber in „Skorpion“ überspannt er den Bogen deutlich. Natürlich werden Figuren lebendiger, je tiefer man sie zeichnet, je genauer man ihre Vergangenheit kennt, aber auch hier geht Morgan mit einer Detailversessenheit vor, die dem Leser viel Geduld abverlangt. Sevgi Ertekin etwa stammt aus der Türkei, ist Muslimin und hat viele Konflikte mit ihrem Vater ausgetragen. Der Glaube war einer der vielen Zankäpfel, und so erfährt der Leser, wie der muslimische Glaube in dieser Zukunft beschaffen ist, welche Hauptrichtungen es gibt, welche Randströmungen, sogar, wie die Hauptvertreter jener Splittergruppen heißen und gegebenenfalls wo, wann und wie sie in Erscheinung getreten sind.
Natürlich trägt das zur Tiefe des Universums bei, aber Morgan verliert dabei den eigentlichen Handlungsstrang aus den Augen – und der Leser gleich mit. Irgendwann verliert man den Überblick und muss sich den roten Faden in dem Dauerbeschuss aus Fakten selbst herausarbeiten. Es gibt Nebenhandlungen, in diesen Nebenhandlungen gibt es nochmals Nebenhandlungen, und auch wenn manches davon für die Auflösung des Romans wichtig ist, muss der Leser immer mehr Informationsballast schleppen, der die 827 Seiten zu einer echten Durststrecke werden lässt.
Trotzdem schreibt Morgan noch so drastisch wie eh und je; er lässt Blut spritzen, Knochen brechen, Schädel zerplatzen und beschränkt sich in der Darstellung sexueller Zweisamkeit nicht auf verklemmte Betbuben-Metaphorik. Auch hat er sein Händchen für Bildsprache nicht verloren und scheint sich originelle Metaphern geradezu aus dem Ärmel zu schütteln.
Dennoch kommt „Skorpion“ nicht in Fahrt. Die Story, die Figuren und das Universum sind einfach so mit Fakten angefüllt, dass die Story kaum vorankommt. „Skorpion“ ist komplex, aber auch anstrengend, anspruchsvoll, aber auch träge. Das wäre alles zu verkraften, wenn die tatsächliche Handlung etwas hermachen würde, aber stattdessen verkommt der anfangs so spannende Kriminalfall um den Raumschiffkannibalen zu einer oft ermüdenden Reise in die Vergangenheit der Figuren; die anfängliche Faktentiefe entpuppt sich zu einer Wüste voller staubtrockener Informationen, aber ohne Spannung. Dieser Info-Overkill geht so weit, dass die Auflösung des Romans einen Bremsweg von über zweihundert Seiten hinlegt, und wenn dann endlich alle Fäden entwirrt vor einem liegen, brummt einem erst mal ordentlich der Schädel und man ist froh, dass man das Buch zuschlagen kann.
Nein, leider kann ich keine Empfehlung für „Skorpion“ aussprechen, zu zerfasert ist die Story und zu ermüdend die Odyssee bis zur letzten Seite. Gesellschaftskritisch gibt es nichts Neues zu bestaunen, und auch sonst bietet „Skorpion“ nur wenige Lichtblicke, die dem Science-Fiction-Fan ein Glänzen in die Augen zaubern. Nun gut, aber auch ein Richard Morgan darf sich ein paar schwächere Momente gönnen, und so müssen wir Fans einfach darauf warten, dass er wieder zu seiner alten Stärke zurückkehrt.
|Originaltitel: Black Man
Übersetzt von Alfons Winkelmann
Taschenbuch, 832 Seiten|
http://www.heyne.de
http://www.RichardKMorgan.com
_Richard Morgan auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Unsterblichkeitsprogramm“ 464
[„Gefallene Engel“ 1509
[„Heiliger Zorn“ 2127
[„Profit“ 1661
Cory Doctorow – Upload
Das Internet bevölkern vor allem Menschen aller Länder auf der Suche nach Kommunikation mit Gleichgesinnten. Oder auf Konfrontationskurs in der Anonymität des Netzes, versteckt hinter ihren Konsolen. In »Upload« bilden sich auf diesem Wege Gemeinschaften heraus, so genannte Stämme, deren Zustand sich nach der Zeitzone (und damit der Zeit der größten Aktivität des Stammes) der meisten Angehörigen definiert. Dadurch kommt der Schlaf-Wachrhythmus der nicht in diesen Zeitzonen lebenden Stammesangehörigen gehörig durcheinander, da sie sich in ihrem wirklichen Leben nach den Gewohnheiten ihres Umfeldes richten müssen und womöglich ihre Schlafzeit zur Kommunikation mit dem Stamm auf der anderen Seite der Erde nutzen.
Art ist ein »Agent« seines Stammes. Er ist in London für eine Kommunikationsfirma tätig, nutzt aber seine Position, um gute Ideen an seinen Stamm weiterzuleiten und gleichzeitig in der Firma schlechte oder bremsende Ideen an den Mann zu bringen. Art ist ein genialer Kopf, und so stößt er eines Tages auf eine geniale Lösung des Musikdownloadproblems in PKW. Sein Kollege und Stammesgenosse hintergeht ihn und macht sich mit dieser Idee selbstständig, dazu entschärft er Art auf die beste Weise: Er lässt ihn einweisen.
So findet Art Ruhe in der Anstalt, Zeit zum Überlegen, und er erkennt die Zusammenhänge und seine Möglichkeiten …
Schon Doctorows Erstling »Backup« war ein Roman, wie er kreativer und unterhaltsamer kaum sein kann. Und dabei bedient sich Doctorow am heutigen Stand der Informationsgesellschaft und den Möglichkeiten des Internets und interpoliert glaubwürdig eine nahe Zukunft. War in »Backup« noch das Hochladen von Bewusstseinsinhalten und Seelen utopisches Wunschdenken, so greift »Upload« aktuelle Entwicklungen (wie das Filesharing) sehr realitätsnah auf.
Der Charakter des Art, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, begreift sein Schicksal voller Selbstironie und gibt Doctorow damit die Berechtigung für eine locker-humorvolle und sarkastische Stilistik. Über Art greift der Autor einige aktuelle Schattenzonen in der internet-ischen Rechtssituation an – ein Thema, dem eigentlich jeder Nutzer begegnen sollte und hinter dem sich vor allem Lizenzstreitigkeiten und Copyright-Bestimmungen verbergen.
Der Verlag schreibt über den Autor, er lebe im Internet. Damit ist Doctorow wohl einer der fortschrittlichsten Architekten der Zukunft und befindet sich offenbar selber in der Problematik der »Stämme«, die er in diesem Roman thematisiert. Es sind die Grundprobleme der aktiven Internetgeneration, mit denen er sich beschäftigt. Also zukunftsträchtige Themen, mit deren fiktiven Lösungsansätzen er vielleicht den Grundstein für spätere Entwicklungstendenzen legt. Richtig bearbeitet, ist dies sicherlich das erfolgversprechendste Gebiet für orakelige Offenbarungen.
Das Ganze ist verpackt in erfrischend schlanken Erzählungen ohne hunderte Seiten umfassende Beschreibungen. Sie lesen sich flüssig schnell und übertragen Merkmale der Kurzgeschichte auf den Roman; zum Beispiel durch die Entwicklung des Verständnis für komplexe Hintergründe aus dem Kontext und dem Anker in unserer Zeit lässt das Buch sich leicht auf ausschweifende Erklärungen verzichten.
Entscheidet man sich in der Buchhandlung vor dem Bücherregal mit ziegelsteindicken Schinken für diesen unzeitgemäß dünnen Roman auffallend futuristischer |Heyne|-Aufmachung, wird man positiv von hoher Qualität, hohem Unterhaltungswert und erzählerischer Dichte überrascht.
Doctorow ist ein neuer Autor in der Science-Fiction-Landschaft, den es sich lohnt zu beachten, da er neben Charles Stross einer der kreativsten und innovativsten Schriftsteller ist, die sich mit einer vorstellbaren Entwicklung unserer Informations- und Kommunikationszivilisation beschäftigen. Das Leben im Internet – heute schon Realität für viele Söhne und Töchter darunter leidender Mütter.
Der Autor vergibt: 




Sanderson, Brandon – Alcatraz und die dunkle Bibliothek
Alcatraz ist schon ein wirklich merkwürdiger Name für einen Jungen. Andererseits ist Alcatraz Smedry auch ein ziemlich seltsamer Junge. Immerhin geht nahezu alles zu Bruch, was er in die Hand nimmt, von komplizierter Technik bis hin zu einfachsten Dingen wie Kochtöpfen und Türklinken. Und als würde ihm diese absonderliche Tatsache im alltäglichen Leben nicht schon genug zu schaffen machen, steht eines Tages auch noch ein alter Mann vor der Tür und behauptet, sein Großvater zu sein. Innerhalb von Minuten verwandelt sich Alcatraz‘ Leben in völliges Chaos, gerade so, als hätte er es selbst in die Hand genommen …
Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist schlicht nur schräg!
Alcatraz scheint im Grunde ja ein recht normaler Teenager zu sein. Seine Kindheit bestand darin, ständig von einer Pflegefamilie zur nächsten abgeschoben zu werden, und die daraus resultierenden Verlustängste haben dazu geführt, dass er sich gegenüber seiner Umwelt komplett abgeschottet hat. Was natürlich nicht heißen soll, dass er sich nicht immer noch ein intaktes, stabiles Zuhause wünscht, nur scheint dieser Wunsch angesichts der Schäden, die Alcatraz bei jeder Gelegenheit anrichtet, völlig unerfüllbar.
Sein Großvater ist da schon ein wenig abgedrehter. Der wuselige und stets gutgelaunte kleine Mann mit dem weißen Haarkranz und Schnauzbart trägt nicht nur einen Frack und ständig wechselnde Brillen mit bunten Gläsern, er fährt auch einen Oldtimer, der gerade mal Schrittgeschwindigkeit schafft, und hält das Wort „schön“ für einen Fluch.
Außerdem wäre da noch Sing Sing erwähnenswert, ein Hüne von einem Mann, der in einem blauen Kimono herumläuft, aber statt eines Samuraischwertes ein Gewehr auf dem Rücken mit sich herumträgt, zusätzlich zu einer ganzen Anzahl großkalibriger Hand- und Schnellfeuerwaffen, die er in diversen Halftern an Arme und Beine geschnallt hat.
Das mürrische, junge Mädchen in Alcatraz‘ Alter dagegen hat außer seiner scharfen Zunge nur eine kleine Handtasche dabei, die sie, wenn sie sich ärgert, den Leuten um die Ohren haut.
Ihr Gegenspieler wirkt in seinem eleganten schwarzen Anzug und mit seinem verbindlichen Lächeln neben dieser seltsamen Gruppe geradezu gewöhnlich. So lange er vor sein verbliebenes Auge nicht ein Monokel hält, dessen Glas farbig ist …
Und das ist erst der Anfang. Denn mit den bereits mehrfach erwähnten bunten Brillengläsern hat es eine Bewandtnis. Sie sind das Werkzeug der Okulatoren. Und je nachdem, woraus diese unterschiedlichen Linsen hergestellt wurden, kann der Okulator sie für das Verfolgen von Spuren, das Auffinden von Auren, aber auch als Waffe benutzen. Überhaupt scheint Glas der Rohstoff schlechthin zu sein, denn aus ihm werden nicht nur Linsen, sondern auch dehnbare Wände, unzerstörbare Gefängnisgitter und einbruchsichere Tresore hergestellt. In Anbetracht dessen wundert es den Leser kaum noch, dass man die Fahrzeuge, die Großvater Smedry und seine Truppe benutzen, weder betanken noch lenken muss.
Spätestens hier wird klar, dass der Leser es mit Magie zu tun hat. Und natürlich stürzt Alcatraz, der in einer völlig nichtmagischen Welt aufgewachsen ist, erst mal in ziemliche Verwirrung, als er erfährt, dass das ständige Demolieren von allem Möglichen seine magische Gabe ist, so wie es die Gabe seines Großvaters ist, stets zu spät zu kommen, oder die seines Vetters Sing Sing zu stolpern.
Schließlich, als wäre das alles noch nicht skurril genug, stellt sich heraus, dass Alcatraz‘ wohlbekannte, nichtmagische Welt nur deshalb so ist, weil die Bibliothekare dabei sind, die Welt zu erobern, indem sie Wissen unterdrücken. Die Ausmaße dieser Verschwörung nehmen mit fortschreitender Enthüllung immer aberwitzigere Züge an und stellen bald sämtliche Verschwörungstheorien, die je auf dieser Welt in Umlauf waren, völlig in den Schatten.
Nicht minder aberwitzig als die Verschwörung sind die Versuche des Autors, den Leser davon zu überzeugen, dass er nicht nur kein Held, sondern sogar ein ziemlich schlechter Mensch ist, was er hauptsächlich dadurch zu beweisen sucht, dass er der Autor eines Buches ist. Die regelmäßig eingestreuten Kommentare des Erzählers dienen zum einen dazu, dem Leser klarzumachen, was für linke Tricks Autoren anwenden, wenn sie ihre Geschichten erzählen, aber auch dazu, ihn von der geschilderten Verschwörung zu überzeugen.
Das Schräge an der Sache ist, dass Brandon Sanderson dabei so ziemlich alles verdreht und ins Gegenteil verkehrt. Nicht nur, dass Alcatraz sich ständig mit der bissigen Bastille darüber streitet, ob nun Schwerter oder Schusswaffen, Feuer oder elektrisches Licht, Treppen oder Aufzüge moderner und fortschrittlicher sind. Auch die Bezeichnung von Büchern, die in der wirklichen Welt spielen, als Fantasy und umgekehrt gehört dazu. Diverse Absurditäten wie die mit den Dinosauriern (selber lesen!) runden die ganze Sache ab.
Um ehrlich zu sein: Ich würde das Buch nicht als spannend bezeichnen. Aber es ist so verrückt und gleichzeitig so trocken erzählt, so voller Überraschungen und voller ironischer Anspielungen – sei es nun auf den Boom der Verschwörungstheorien, den |american way of thinking| oder die Literatur im Allgemeinen und ihre Produzenten im Besonderen – dass ich mich jederzeit köstlich amüsiert habe und gelegentlich laut lachen musste. Das Lesen dieses Buches hat wirklich Spaß gemacht.
Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither hat er weitere Romane geschrieben. „The final Empire“ und „The Well of Ascension“ sind Teile seiner Trilogie Mistborn. Außerdem arbeitet der Autor an zwei weiteren Serien, Warbraker und Dragonsteel. „Alcatraz und die dunkle Bibliothek“ ist der erste Band einer Jugendbuchserie, deren Fortsetzung unter dem Titel „Alcatraz und das Pergament des Todes“ im November dieses Jahres erscheint.
Originaltitel: Alcatraz Versus the Evil Librarians
Übersetzt von Charlotte Lungstrass
Paperback, 304 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52414-9
www.brandonsanderson.com
http://www.heyne.de
Der Autor vergibt: 




Briggs, Patricia – Rabenzauber
Tieragan kommt aus dem Krieg. Er hat einen weiten Weg hinter sich, das Wetter ist mies, und der junge Mann freut sich auf ein trockenes Gasthaus und eine warme Mahlzeit. Stattdessen platzt er mitten in eine prekäre Situation: Auf dem Marktplatz brennt ein Scheiterhaufen, und im Wirtshaus ist der Wirt gerade dabei, die Schwester des Hingerichteten zu verkaufen, weil sie die überhöhte Rechnung nicht begleichen kann.
Spontan kauft Tieragan das junge Mädchen und macht sich mit ihm aus dem Staub. Dass der andere Interessent ihnen folgt und versucht, Tieragan zu töten und das Mädchen in seine Gewalt zu bringen, dem misst der junge Soldat zunächst keine Bedeutung bei. Erst viel später wird er sich daran erinnern, als es fast schon zu spät zu sein scheint …
Patricia Briggs hat mit den meisten Figuren in diesem Roman keine reine Charakterzeichnung abgeliefert. Der Großteil der Personen besitzt dafür besondere magische Begabungen, die so stark ausgeprägt sind, dass sie die eigentliche Persönlichkeit massiv beeinflussen.
Bei Seraph, dem Mädchen aus dem Wirtshaus, hält es sich noch am ehesten in Grenzen. Der Rabe ist das Symbol für den Zauberer und seine Gabe mehr mit Fähigkeiten gleichzusetzen als mit Eigenschaften. So kann Seraph – neben allgemeinen Kleinigkeiten wie einen Bann weben, mit Magie Feuer anzünden und Ähnliches – in einer Art Vision die Vergangenheit von Dingen sehen, die sie berührt. Allerdings ist für die Ausübung dieser Gabe Selbstbeherrschung notwendig, die Seraph sich immer wieder neu erarbeiten muss, denn eigentlich ist sie sehr gefühlsbetont, und ihre Gefühle, vor allem Trauer und Angst, neigen dazu, in Zorn umzuschlagen.
Die Eule dagegen, Symbol für den Barden, verleiht die Macht der Musik. Ein Barde kann durch seine Magie dem Inhalt seiner Lieder zusätzliche Substanz verleihen in Bildern, Geräuschen, ja sogar Gerüchen. Er kann die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer an sich binden, sie beeinflussen und im Extremfall sogar seinem Willen unterwerfen. Niemand kann einen Barden anlügen, ohne dass dieser es merkt. Bei einer solchen Macht stellt sich schon die Frage, ob Tieragans ausgeprägte Menschenkenntnis und seine überdurchschnittlichen diplomatischen Fähigkeiten zu seiner Person gehören oder zu seiner magischen Gabe.
Noch extremer ist es beim Adler. Der Adler ist der Beschützer und gegen Magie von außen nahezu unempfindlich. Seine eigene Magie jedoch, die Gabe des Hüters, ist zornig, aufbrausend und kann ziemlich mörderisch werden. Gleichzeitig sind alle Adler Empathen, also Menschen, die andere, vor allem deren Gefühle, spüren und verstehen können. So kann der Leser nie ganz sicher sein, ob das Einfühlungsvermögen von Jes Tieraganssohn oder seine Reizbarkeit in der Nähe von Menschenmengen oder bei Streit Aspekte seines eigenen Wesens sind oder eine Folge der Tatsache, dass er Adler ist.
Die Personen ohne Gabe, wie Tieragans zänkische Schwester, sein gutmütiger Schwager oder der freundliche Prister seines Heimatdorfes, sind eher Randfiguren. Nur einer davon ist wirklich wichtig: Phoran, der Kaiser des Reichs. Ein noch junger Mann, durchaus intelligent, aber einsam, ohne jedes Selbstbewusstsein und seit einiger Zeit schier erstarrt in Angst vor einem Geist, der ihn jede Nacht heimsucht. Er vertut seine Tage mit Gelagen und Huren, bis ihm irgendwann der Verdacht kommt, dass der einzige Mann, den er seinen Freund nennt, ihn womöglich ebenso verachtet wie der Rest seiner Umgebung.
Mir haben eigentlich alle Figuren in dieser Geschichte gut gefallen. Selbst die Nebenrollen besitzen ziemlich viel Persönlichkeit und wirken lebendig. Und auch die enge Verbindung zwischen Gabe und Charakter bei den Protagonisten empfand ich eher als Vorteil. Dadurch, dass die Übergänge fließend sind, wird die Magie mehr zu einem Teil der Person, was vor allem im Falle von Tieragan und Jes zu sehr exotischen und faszinierenden Ergebnissen geführt hat.
Dem Entwurf ihrer Welt hat die Autorin zunächst scheinbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Kaiserreich, ein beendeter Krieg, Fürsten, denen das Land gehört, Dörfer, Städte, der Palast in der Hauptstadt Taela … nichts Ungewöhnliches. Außerhalb dieses Gefüges aber gibt es noch die Reisenden, die von der übrigen Bevölkerung beargwöhnt, abgelehnt, ja oft genug sogar gehasst werden. Die Reisenden sind nicht etwa vergleichbar mit fahrendem Volk, sie sind kein Jahrmarkt oder Zirkus. Die Reisenden sind nur deshalb unterwegs, weil sie vor Jahrhunderten ihre Heimat verloren. Eine riesige Dummheit hatte grausame Konsequenzen, und nun versuchen die Reisenden, mit Hilfe ihrer magischen Gaben die angeschlagene Balance der Schöpfung zu erhalten. Nur ganz allmählich entwickelt die Autorin diese fantastische Seite ihrer Welt, weitet sie aus über Legenden und altes Wissen der Reisenden, bis sie irgendwann bei der Historie angekommen ist und schließlich den Kern der Geschichte stellt.
Bis dahin haben Tieragan, Seraph und ihre Kinder einige Turbulenzen zu überstehen. Denn ein Geheimbund versucht nicht nur, die Macht des Kaisertums auszuhöhlen, sondern auch, die Gaben der Reisenden an sich zu bringen – durch Entführung, Magie und Mord. Gleichermaßen durchtrieben und hinterlistig wie auch mit roher, rücksichtsloser Gewalt strebt irgendwo jemand nach unbeschränkter Macht. Die Familie macht sich auf die Suche, und tatsächlich begegnen ihr genügend Leute, die in die geheimen Machenschaften des Geheimbunds verwickelt sind. Doch keiner dieser Solsenti-Zauberer – der Unbegabten, die Magie nur mit Hilfe von Formeln und Ritualen beherrschen können – scheint der Anführer zu sein …
Tatsächlich hält die Autorin ihren obersten Bösewicht lange Zeit geheim. Auf ziemlich gemeine, höchst gelungene Art streut sie erst einen Verdacht, um ihn dann gleich wieder zu entkräften, und das macht sie so oft, dass der Leser den einen, entscheidenden, aber ziemlich unauffälligen darunter irgendwann zu übersehen droht. Das macht den Bösewicht nur umso interessanter, denn erst beim Showdown zeigt er das wahre Ausmaß seiner Boshaftigkeit. Es ist, als säße die ganze Zeit eine lauernde Spinne im Raum. Aber man sieht sie nicht. Nicht etwa deshalb, weil sie sich versteckt oder sich nicht rührt, sondern weil sie keinerlei sichtbare Ähnlichkeit mit einer Spinne hat.
Dieser Spannungsbogen trägt allerdings vor allem den zweiten Teil. Der erste Teil lebt von den diversen kleinen Scharmützeln gegen größere und kleinere Bedrohungen, die nicht mal alle dem Geheimbund angehören. Sie alle bieten Spannung, die nach dem Duell zwar schnell wieder abebbt, aber jedes Mal weitere und natürlich schwierigere Kämpfe in Aussicht stellt. Und wenn tatsächlich mal kein Kampf in Sicht ist, dann widmet sich die Autorin den Konflikten zwischen Reisenden und dem Rest der Bevölkerung oder zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Gruppe, was aufgrund der ungewöhnlichen Persönlichkeiten niemals langweilig ist.
Alle diese Bestandteile – die faszinierenden Charaktere, die Details ihrer Welt, die Spannungsbögen der Handlung – hat die Autorin lückenlos zusammengefügt. Alles ist überall miteinander verbunden, alles hängt miteinander zusammen, ohne dass es irgendwo knirscht oder knackt. Eine runde Sache, die ich sehr gerne gelesen habe.
Als sehr positiv empfand ich auch, dass Heyne, anstatt Bücher auseinanderzureißen, wie andernorts zur Zeit Mode, lieber zwei Teile zusammengefasst hat. Wie „Drachenzauber“ ist auch „Rabenzauber“ im englischen Original ein Zweiteiler. Und obwohl die Autorin zu Beginn des zweiten Teils noch gelegentlich Hinweise auf den ersten gibt, um das Verständnis zu erleichtern, war sie damit nicht allzu großzügig. Das Wegfallen einer größeren Veröffentlichungspause kommt dem Leser hier zusätzlich entgegen. Und auch das Lektorat war diesmal ausgesprochen gut.
Patricia Briggs schreibt bereits seit fünfzehn Jahren. Neben den Zweiteilern „Drachenzauber“ und „Rabenzauber“ schrieb sie einige Einzelromane wie „When Demons Walk“ oder „The Hob’s Bargain“ und wirkte in Anthologien mit, darunter „Silver Birch, Blood Moon“ und „On The Prowl“. Einige ihrer Bücher sind bereits wieder out of print. Außerdem schreibt sie derzeit an ihrer Mercedes-Thompson-Serie, die im englischen Original inzwischen bis Band vier gediehen ist. Der erste Band ist auf Deutsch bereits erschienen unter dem Titel „Ruf des Mondes“. „Bann des Blutes“ soll im Juli dieses Jahres, „Spur der Nacht“ im Februar 2009 in die Buchläden kommen.
Taschenbuch 990 Seiten
Originaltitel: „Raven’s Shadow“ und „Raven’s Strike“
Deutsch von Regina Winter
ISBN-13: 978-3453523159
http://www.heyne.de
http://www.hurog.com
http://www.patriciabriggs.com
John Niven – Kill Your Friends
Nur Erfolg zählt im Musikbusiness. Als ein bisher erfolgreicher Manager nicht mehr mithalten kann, bringt er einen Konkurrenten um. Was zunächst funktioniert, entwickelt eine verhängnisvolle Eigendynamik mit verheerenden Folgen … – Eher Gesellschafts-Komödie als Krimi, besticht „Kill Your Friends“ durch das Insiderwissen des Verfassers und die brutale Konsequenz der Handlung, die sich bar jeglicher Illusionen in nackter Gier und Bösartigkeit wälzt: eine Lektüre, die man einfach nicht aus der Hand legt. John Niven – Kill Your Friends weiterlesen
Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück

Bishop, Anne – Belladonna (Die dunklen Welten 2)
Band I: [„Sebastian“ 3671
_Oberflächlich gesehen_, ist Michael nicht mehr als ein schäbiger Vagabund, der sich sein Geld mit Flötespielen verdient. Das liegt daran, dass das, was unter dieser Oberfläche schlummert, bestenfalls mit Misstrauen, wenn nicht gar mit Ablehnung betrachtet wird. Doch nun scheint es, als müsse sich daran dringend etwas ändern! Grausame Dinge sind geschehen, die Menschen haben Angst, und die vernünftigeren unter ihnen sind eher dafür, dass Michael etwas dagegen unternimmt, anstatt ihn dafür verantwortlich zu machen.
Allerdings zieht Michael damit die Aufmerksamkeit des tatsächlichen Verursachers auf sich. Prompt wird er angegriffen, und die einzige Gegenwehr, die ihm einfällt, bringt ihn an einen Ort, der fremder und wundersamer kaum sein könnte: Ephemera …
_Unter den diversen neuen Charakteren_ dieses zweiten Bandes ist Michael der einzige wirklich wichtige. Erstaunlich dabei ist, dass es über ihn eine Menge zu sagen gäbe, allerdings kaum Eigenschaftswörter. Zumindest solche, die seinen Charakter beschreiben könnten. Bestenfalls könnte man sagen, er besäße Verantwortungsbewusstsein. Obwohl Bewusstsein hier auch schon übertrieben ist, denn tatsächlich ist Michael absolut ahnungslos, was seine wirkliche Tätigkeit betrifft. Seit zwölf Jahren ist er auf Wanderschaft, bereist regelmäßig dieselben Ortschaften, ohne zu wissen, warum das so ist und was es bedeutet. Inzwischen ist er seines Lebens als Außenseiter müde und sehnt er sich nach Zugehörigkeit, sowohl zu einem Ort als auch zu anderen Menschen, sprich: nach einem Zuhause.
Seine Schwester Caitlin besitzt ebenfalls eine besondere Gabe, für die sie misstrauisch beäugt und verspottet wird. Sie empfindet ähnlich wie Michael, nur noch viel stärker. Denn erstens ist sie ein Mädchen und deshalb einer zusätzlichen, besonders unangenehmen Art von Diskriminierung ausgesetzt. Zum zweiten ist sie im Gegensatz zu Michael nicht unterwegs. Wie ihr Bruder weiß auch sie nicht wirklich, was es mit ihrer Gabe auf sich hat, und da sie nicht fort kann, reagiert sie mit wachsendem Trotz und Zorn.
Brighid, die Tante, die die beiden aufgezogen hat, war ursprünglich die Oberste der Gemeinschaft auf der Insel des Lichts, ehe sie die Insel verließ, um die beiden verwaisten Kinder großzuziehen. Sie ist eine strenge, aufrechte Frau und kann die beiden Kinder, obwohl sie diese nach außen stets verteidigt hat, selbst nicht vorbehaltlos akzeptieren. So ist auch sie mit ihrer Situation nicht glücklich, nicht einmal, als sie wieder auf die Insel zurückkehrt.
_Im Vergleich zum ersten Band_ ist die Charakterzeichnung ein kleine wenig schwächer ausgefallen. Caitlin und Brighid sind nicht so stark ausgearbeitet wie Teaser oder Nadia, vielleicht auch, weil Brighid überhaupt eher wenig und Caitlin im letzten Drittel so gut wie gar nicht mehr vorkommt. Aber auch Michaels Darstellung ist nicht so intensiv ausgefallen wie Sebastians, was daran liegen mag, dass er sich den Mittelpunkt mit Glorianna Belladonna teilen muss. Gloriannas Charakter stand bereits, sodass die Autorin sich in diesem Fall mehr auf ihre Gefühlswelt konzentrieren konnte, was sie auch getan hat, allerdings ohne dabei die Balance zu verlieren. Insgesamt sind wir somit noch immer auf einem Niveau, das ein gutes Stück über dem Durchschnitt liegt.
Was „Belladonna“ weit mehr von „Sebastian“ unterscheidet, ist die Unwissenheit sämtlicher neuer Figuren in Bezug auf das wahre Wesen Ephemeras. Sie alle leben in dem Teil der Welt, der durch den Kampf gegen den Weltenfresser nahezu unversehrt geblieben ist. Offenbar waren dort keine Brückenbauer notwendig, die die einzelnen Bruchstücke miteinander verbanden. Trotzdem hat es mich doch ein klein wenig erstaunt, dass das Wissen um die Landschaffer und ihre Aufgaben dort so nahezu vollständig untergehen konnte. Zumindest Brighid, die ja immerhin noch wusste, was sie selber war, hätte erkennen müssen, was ihre Nichte und ihr Neffe waren!
Ein wenig verwirrt hat mich außerdem die Frage, wie sehr die beiden Gebiete – das unversehrte und das zersplitterte – nun eigentlich wirklich voneinander getrennt waren. Einerseits tauchten in den Orten auf Michaels Route gelegentlich Geschöpfe auf, die aus den dunklen Landschaften in der Nachbarschaft des Sündenpfuhls stammen, zum Beispiel Wasserpferde. Warum aber gab es dann keine weiteren Kontakte? Warum hat niemand aus Michaels Gegend daran gedacht, die Schule der Landschafferinnen zu besuchen, bevor das Wissen so weit verloren gehen konnte, dass niemand mehr eine Ahnung davon hatte? Warum hat niemand aus den anderen Landschaften je versucht, den unversehrten Teil der Welt zu erreichen? Schon eigenartig.
Andererseits fällt es im Hinblick auf die eigentliche Handlung nicht schwer, diese kleinen Unstimmigkeiten beiseite zu lassen. Nachdem die Autorin den Leser gleich im ersten Drittel beinahe in eine Katastrophe laufen lässt, die halb aus zwischenmenschlichen Konflikten, halb aus der Bedrohung durch den Antagonisten besteht, wird es eine Weile etwas ruhiger, nur um nach einem weiteren Drittel noch einmal massiv an Dramatik und Spannung zuzulegen. Auch der Schluss des Buches war nicht unbedingt vorherzusehen. Die Art und Weise, wie Belladonna den Weltenfresser bekämpft, ist wirklich erst ab dem Zeitpunkt klar, als Anne Bishop ihn verrät. Und das sagt noch gar nichts darüber aus, wie dieser Kampf endet.
Faszinierend finde ich auch stets aufs neue, wie die Autorin Licht und Schatten ausbalanciert. Immer wieder malt sie die düstersten Stimmungen und muss dabei nicht im Geringsten auf blutige Details zurückgreifen. Und ein paar Seiten weiter sprüht trockener Humor aus den Dialogen und bringt den Leser dazu, breit zu grinsen oder sogar zu lachen.
_Diese Mischung aus phantasievoller, interessanter Welt, menschlichen, lebendigen Charakteren, Spannung und Humor macht beinahe süchtig._ Zumindest gilt das für mich. Ephemera hat mir fast noch besser gefallen als der Juwelenzyklus. Der Zweiteiler ist nicht so brutal und auch stofflich noch nicht so sehr beansprucht wie sein großer Bruder, der immerhin schon fünf Bände umfasst. Und eigentlich gäbe es auch keinen Grund, aus Ephemera eine Trilogie zu machen, aber man weiß ja nie. Geschichten, die eigentlich abgeschlossen sind, noch einmal weiterzuspinnen, ist meistens keine gute Idee. Aber das muss ja nichts heißen, wie selbst Anne Bishop bereits bewiesen hat.
_Anne Bishop_ lebt in New York, liebt Gärtnern und Musik, und hatte bereits einige Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht, ehe ihr mit dem Zyklus der |Schwarzen Juwelen| der internationale Durchbruch gelang. Außerdem stammen aus ihrer Feder die Trilogie |Tir Alainn|, die auf Deutsch bisher anscheinend nicht erschienen ist. Dafür kommt im Oktober dieses Jahres unter dem Titel „Nacht“ noch mal ein weiterer Band aus dem Juwelenzyklus in die Buchläden.
|Originaltitel: Belladonna (Ephemera, Bd. 2)
Übersetzt von Kristina Euler
Mit Illustrationen von Animagic
Taschenbuch, 528 Seiten|
http://www.heyne.de
http://www.annebishop.com/
_Anne Bishop auf |Buchwurm.info|:_
|Die dunklen Welten|:
Band I: [„Sebastian“ 3671
Band II: [„Belladonna“ 4722 (zusätzliche Buchrezension)
|Die Schwarzen Juwelen|:
Band I: [„Dunkelheit“ 3375
Band II: [„Dämmerung“ 3437
Band III: [„Schatten“ 3446
Band IV: [„Zwielicht“ 3514
Band V: [„Finsternis“ 3526
Band VI: „Nacht“ (dt. im Oktober 2008)
Johanna Driest – Das Blaue vom Himmel

David Nicholls – Ewig Zweiter

Andreas Brandhorst – Feuerträume (Kantaki: Graken-Trilogie 3)
»Feuerträume« ist der Abschluss einer dreibändigen Erzählung um den großen Krieg der Milchstraßenvölker gegen die seelenfressenden Graken. Außerdem führt er die Suche nach den Kantaki zu Ende, die überraschend in dieser Trilogie fast nur als mytologische »Große K« bezeichnet werden, Wesen, die von großer Reife waren und irgendwie von der Bildfläche verschwanden. Um sie drehte sich noch die letzte Trilogie, die im gleichen Universum angesiedelt war. Umso erstaunlicher ist die Auflösung der großen Rätsel, die sich durch die Romane des Kantaki-Universums ziehen und einen wahrhaft gigantischen Hintergrund liefern. Brandhorst räumt mit den transzendenten Entwicklungen, die sich in seinen Geschichten aufschaukeln, schließlich wieder auf und führt sie mit »Feuerträume« zu einem endgültig erscheinenden Abschluss.
Dominique, die junge Tal Telassi mit den überragenden Fähigkeiten einer Großmeisterin, ist zusammen mit Rupert und einem alten Kantaki-Schiff unterwegs, auf der Suche nach den Kantaki, um von ihnen Hilfe gegen die Bedrohung der Graken zu gewinnen. Dabei geraten sie in die nichtlineare Zeit und stranden auf einem dortigen Planeten, der in vier Ebenen zergliedert ist. Dort müssen sie nach einer Möglichkeit zur Rückkehr suchen und geraten dabei auf die Spur der Kantaki, die es offenbar genau hierher verschlagen hat. Auf der fünften Ebene des Planeten existiert der Schlüssel zu den hohen Ebenen der Prävalenz, dem Bereich, den überlegenes Leben bevölkert, das für die Entstehung der Universen verantwortlich ist. Hier stößt Dominique mit ihrem verschollenen Vater Dominik auf Olkin, jenen »Spieler«, der schon in der Trilogie um Diamant und Valdorian (Kantaki 1-3) die Fäden zog. Olkin ist ein kranker Prävalenter, dessen Herrschsucht und Machtgier die Graken in die Milchstraße brachte. Er hat Zugriff auf hohe Schöpfungsenergien und ist damit ein gefährlicher Gegner für die beiden Tal Telassi.
In der Milchstraße ringen derweil die Völker mit den Graken um die letzten bewohnten Welten. Aus der Crotha-Affäre im letzten Roman entwickelte sich durch die Megatron genannten KI die Maschinenzivilisation, die mit atemberaubender Geschwindigkeit evolviert. Menschen brechen zu einer diplomatischen Mission auf, um die Emm-Zetts um Hilfe zu bitten. Dabei stoßen sie auf einen Gegner aus der Zukunft, Nachmenschen, die aus einer Symbiose von Emm-Zetts und Kriegsveteranen entstanden und nun in der Gegenwart den Verlauf der Geschichte beeinflussen wollen. Das gibt schließlich den Ausschlag bei den Verhandlungen mit den Maschinenzivilisationen. Der Krieg mit den Graken tritt in die finale Phase ein.
Brandhorst rollt seine Geschichte in verschiedenen Ebenen auf, verwebt einzelne Stränge miteinander, lässt aber schließlich zwei Hauptstränge parallel verlaufen, die ohne gegenseitiges Interagieren den Roman ergeben. Natürlich ist vom Erfolg Dominiques auch jener der Milchstraßenvölker abhängig, aber umgekehrt hat der Grakenkrieg keinerlei Bedeutung für die Handlung in der nichtlinearen Zeit.
Deutlich zeigt Brandhorst seine Stärken in der Entwicklung von Plots und großen Zusammenhängen und im Ideenreichtum, aber dabei bleiben die einzelnen Charaktere auf der Strecke. Einen Tako Karides, Valdorian oder Hegemon Tubond sucht man leider in diesem letzten Roman vergeblich, denn obwohl offenbar der versessene Nektar diesen Platz einnehmen sollte, gelingt es Brandhorst diesmal nicht, die Figur mit Leben zu erfüllen. Nichtsdestotrotz bleibt die große Faszination der Kantaki-Welt bestehen. Häppchenweise verfüttert Brandhorst seine Informationen an den hungrigen Leser und entwickelt den großen Spannungsbogen über das Herausfinden der Hintergründe – für den Exodus der Kantaki, die Flucht ihrer Piloten, die Ziele und Intrigen Olkins, das Entstehen der KI-Zivilisation der Zäiden und die Fähigkeiten der Tal Telassi.
Es bleibt ein unterhaltsames Buch mit umfassenden Informationen, nicht zu gedrängt, aber etwas auf Kosten der Lebendigkeit. Brandhorsts Widmung lässt vermuten, dass es ihm kein Leichtes war, diesen abschließenden Band zu vollenden. Vielleicht hat er deshalb alle Rätsel aufgelöst und verlässt nun mit dem Leser die spannende Welt der Kantaki. Vielleicht hat er darum nur im Epilog den letzten Anker in diesem Universum belassen, um doch noch einen Anknüpfpunkt zu behalten. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders und wir begegnen den Kantaki, Tal Telassi und Zäiden oder ihren Nachkommen bald wieder …
Der Autor vergibt: 




Charles Stross – Glashaus
Niemand hätte gedacht, dass »Accelerando« sich würde fortsetzen lassen.
Wer aber die Verlagsinformation so versteht – in ihr wird »Glashaus« als kongeniale Weiterführung bezeichnet -, der wird sich enttäuscht sehen. Dieser Roman ist mit »Accelerando« nicht stärker verwandt als mit Cory Doctorows »Backup« – er stützt sich nur auf das Fundament der posthumanen Gesellschaft, das Stross in »Accelerando« entwickelt. Die Zeit der Beschleunigung findet in Form einer Singularität in der menschlichen Gesellschaftsentwicklung Erwähnung und erwächst damit in Stross‘ Vision zu einer unumgänglichen Größe. In dem Sinne kann man »Glashaus« als Fortsetzung bezeichnen, nämlich insofern, als eine Beschleunigung vorangegangen sein muss und in ihrem Zuge die Erde zur Defragmentierung gefunden hat.
In welcher Verbindung steht der Roman mit Doctorows »Backup«? Ziemlich direkt: Auch bei Doctorow können die Menschen Backups ihres Zustandsvektors anlegen und sich im Falle des Todes aus diesen Daten rekonstruieren lassen. Allerdings führt Stross dieses Experiment konsequent fort, denn wo Datenspeicher benutzt werden, besteht auch die Möglichkeit der Veränderung und des Fälschens. »Identitätsklau«: im »Glashaus« das schwerwiegendste Verbrechen.
Der Protagonist, Robin, lebt in einer Nachkriegswelt, die sich für ihre Bewohner als unendlich darstellt. Ob es Weltraumhabitate oder planetare Gebäude sind, ist für sie nicht feststellbar, denn sie bewegen sich nur innerhalb dieser Sphären und überbrücken große Distanzen mit Toren, in denen sie aufgelöst, als Datenpaket verschickt und in einem anderen Tor neu synthetisiert werden. Dabei haben die Menschen die Möglichkeit, alte Erinnerungen löschen zu lassen. Robin scheint sein gesamtes früheres Leben gelöscht zu haben. Nun schließt er sich einem Experiment an, welches das Leben in der Zeit vor der Beschleunigung nachzuvollziehen versucht. Das heißt: keine Assembler, die jede Bestellung produzieren können, keine Backups und damit die Möglichkeit zum echten Tod, kein Zugriff auf das allgegenwärtige Netz.
Im Verlauf der Geschichte rücken immer wieder Erinnerungen an den Krieg in den Vordergrund und machen neugierig. Es sind nicht nur Hintergrundinformationen, aus denen sich diese Zukunft entwickelte, sondern sie haben ganz direkte Beziehungspunkte zur Geschichte. Robin entpuppt sich als Schläfer, der in das Experiment geschleust wurde, um die Machenschaften der als Forscher getarnten Terrorgruppe zu enthüllen. Hier geht es um ein Virus, das sich, über die Tore verbreitet, in die Backups der Menschen einnistet und gezielt Erinnerungen löschen kann.
Stross‘ besondere Stärke sind Charakterisierungen. Seine Protagonisten entwickeln sich sehr individuell weiter und werden zu lebenden Persönlichkeiten, die genau so und nicht anders handeln müssen. Dabei entwickelt gerade der Ich-Erzähler Robin zwei unterschiedliche Seiten, nämlich die der Frau Reeve, deren Handlungsweisen sehr gut einer Frau zugeordnet werden können und deren Stärken auf anderen Gebieten liegen als bei Robin, der männlichen Inkarnation des gleichen Selbst. Dieser Spagat zwischen den Geschlechtern ist faszinierend und von Stross in hoher Kunst dargestellt.
Der Kopf dieses Menschen muss förmlich bersten von abgedrehten Ideen. Jeder einzelne der Romane von Charles Stross ist ein Feuerwerk und nährt sich an Ideen, aus denen andere Autoren ganze Serien fabrizieren. »Glashaus« ist eine Studie menschlichen Verhaltens unter besonderen Bedingungen auf dem schillernden Boden übermenschlicher Fantasie. Wenn sich dem Leser zwischenzeitlich der Vergleich mit dem »Experiment« der Strugatzkis aufdrängt, wird doch schnell deutlich, dass sich hier ganz andere Beweggründe finden und dass ein solcher Vergleich nicht möglich ist. Die fast psychedelischen Aspekte am Strugazki-Roman finden in diesem streng reglementierten Kosmos keine Entsprechung. »Glashaus« ist ein eigenständiger, intelligenter Roman, der sehr deutlich die visionäre Kraft des Autors darstellt.
Originaltitel: Glasshouse
Übersetzt von Ursula Kiausch
Mit Fotos Illustrationen von Stephan Martinière
Taschenbuch, 496 Seiten
Der Autor vergibt: 




John Scalzi – Geisterbrigaden















