Melissa Eldredge ist als Kind durch die Hölle gegangen. Sie und ihr Bruder Michael wurden entführt und sind nur knapp mit dem Leben davongekommen, als ihre Mutter alles riskierte, um die beiden zu retten. Nun wiederholt sich die Geschichte: Kurz vor Melissas Hochzeitstag verschwindet ihre zweijährige Stieftochter Riley spurlos. Wurde sie ebenfalls entführt, und hat der Täter etwas mit dem Albtraum von damals zu tun? Melissa und Michael müssen sich ihren schlimmsten Ängsten stellen, um die kleine Riley zu finden. Jede Sekunde zählt. (Verlagsinfo)
Lyonesse – das ist ein Königreich auf den Älteren Inseln, die einst im Golf von Biskaya vor den Tagen König Arthurs lagen. Sie sind die Heimat von zehn – natürlich zerstrittenen – Königen, von Barbaren (den Ska), von Recken, Hexen und Zauberern, Ogern und Elfen.
Jeder König will Herrscher über ganz Lyonesse, die Hauptinsel, werden, allen voran der ehrgeizige König Casmir von Lyonesse, der seinen alten Gegenspieler Aillas von Süd-Ulfland bekämpft, wo es nur geht. Die Inseln werden jedoch in ihrer Gesamtheit von den Ska bedroht, die als Herrenmenschen alle anderen Völker als minderwertig einstufen und entsprechend behandeln.
Bevor Artus kam
Dies ist der erste Band von Vances „Lyonesse“-Trilogie, zu der noch die Bände „Die grüne Perle“ und „Madouc“ gehören. Die Ideen zu dieser Fantasy-Trilogie hatte Vance noch vor 1950 konzipiert, vor seinem großen Erfolg mit „Die Sterbende Erde“. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände ausgezeichnet ausgestattet: mit Landkarte, Glossar und neuer Titelillustration. Der Autor selbst führt in die Historie von Lyonesse ein, die zwei Generationen vor dem Beginn der Artus-Legende endet.
Hinweis
Der Leser dieses Epos sei eindringlich vor diversen Todesarten, einer Reihe von Sexualakten (S. 272, 275 und 291) und schließlich dem Auftreten von Kannibalismus (S. 289) gewarnt. Nein, in dieser Phantasiewelt geht es fast so schlimm zu wie in der hiesigen. Jack Vance – Herrscher von Lyonesse (Lyonesse-Trilogie Band 1) weiterlesen →
Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.
Mit einem ihrer selbst gebackenen Kuchen will Emilia ihren trauernden Großvater auf andere Gedanken bringen. Doch dann findet sie in seinem Keller einen alten Brief mit einer französischen Adresse und einem Herz aus Lavendelblüten, das den Namen Jette umrankt. Von einer Jette hat jedoch noch nie jemand aus der Familie gehört. Ihr Opa weigert sich, darüber zu sprechen. Also reist Emilia in die Provence, um nach der Unbekannten zu suchen. Sie hilft bei der Ernte auf der Lavendelfarm, auf der bereits ihr Großvater in jungen Jahren gearbeitet hat. Verzaubert vom magischen Licht und dem verführerischen Duft, kommt Emilia dem Rätsel des Lavendelherzens schließlich auf die Spur. Als sie dem attraktiven Besitzer der benachbarten Farm begegnet, muss sie sich jedoch fragen, warum ihr eigenes Herz plötzlich schneller schlägt. (Verlagsinfo)
Als die Fernsehjournalistin Anne nach Möwesand reisen soll, ist sie begeistert. Die Schokoladeninsel mit ihren süßen Köstlichkeiten ist legendär! Ihr Auftrag hingegen ist ziemlich heikel: Um den Sender vor dem Ruin zu retten, soll Anne ein Interview mit Joos Lorentz führen. Er wurde als Kind entführt, und bisher konnte ihm niemand Details dazu entlocken. Bei der Einweihung der neuen Kakaomanufaktur läuft Anne Joos über den Weg und ist sofort angetan von dem attraktiven Mann mit dem melancholischen Blick. Sanft versucht sie ihn zu dem Interview zu überreden. Als ihr klar wird, wie sehr seine Vergangenheit ihn quält, hadert sie mit sich. Längst ist Joos ihr wichtiger als ihre Arbeit. Doch dann stößt sie bei Recherchen auf einen Skandal, der die Zukunft der Schokoladeninsel zerstören, aber ihre Karriere vorantreiben könnte. Was soll sie tun? (Verlagsinfo)
Wenn man Baxters Buch verstehen will, muss man die Quantenmechanik verstanden haben – so möchte ich einmal einen Satz aus dem Buch selbst abwandeln (s.S. 316). Ich glaube, die wenigsten Leser verfügen jedoch über das nötige Hintergrundwissen, um wirklich zu verstehen, wovon der Autor hier fast ununterbrochen schreibt: Esoterische (real existierende) Physik und höhere Mathematik, durchmischt von offenbar spekulativen Abwandlungen und Extrapolationen oder gar völlig erdachten Weiterungen unserer heutigen Kenntnisse von der Natur des Universums. Da zu meinem Studium die theoretische Physik gehörte, konnte ich zumindest mit dem Begriffsapparat etwas anfangen. Andere dürfte Baxter aber schnell weit hinter sich lassen auf seinen Höhenflügen. Ob ihm das eine dankbare Leserschaft einbringt?
Kalifornien im Jahre 2025: Die Regierung ist handlungsunfähig, der Bundesstaat leidet unter Wasserarmut. Wer es sich leisten kann, lebt hinter dicken Mauern zum Schutz vor den kriminellen Banden, die ohne Gnade rauben, vergewaltigen und morden. In dieser Welt wächst die fünfzehnjährige Lauren Olamina als Tochter eines Baptistenpriesters auf. Sie ist hyperempathisch – sie fühlt die Schmerzen anderer am eigenen Leib. Als ihre kleine Gemeinde angegriffen und zerstört wird, macht sie sich auf eine gefährliche Reise nach Norden, um ihren Platz in dieser Welt zu finden … (Verlagsinfo) Octavia E. Butler – Die Parabel vom Sämann weiterlesen →
Berlin, 1989. Ria Nachtmann hat ihre große Liebe geheiratet und sich als Spionin zur Ruhe gesetzt. Ihre Tochter Annie verfolgt derweil einen gewagten Plan: Sie will eine Doku des DDR-Widerstands drehen und sie in den Westen schmuggeln. Als sie und ihr Freund Michael dabei versehentlich zwei Männer einer KGB-Geheimoperation filmen, gerät alles außer Kontrolle. Der in Dresden stationierte russische Agent Wladimir Putin hängt sich an ihre Fersen. Mutter und Tochter stehen bald zwischen allen Fronten und müssen erkennen, dass es um nichts weniger geht als um den Sturz der DDR-Regierung und die Zukunft Deutschlands. (Verlagsinfo) Das Buch wurde am 11. Mai 2023 veröffentlicht.
Der Autor
Titus Müller studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift »Federwelt« und veröffentlichte seither mehr als ein Dutzend Romane. Er lebt mit seiner Familie in Landshut, ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine Trilogie um »Die fremde Spionin« brachte ihn auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und wird auch von Geheimdienstinsidern gelobt. (Verlagsinfo)
Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider ein wahres Höllenloch: über 400° Grad heiß. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss.
„Abenteuer-SF im klassischen Stil von einem der größten SF-Autoren aller Zeiten: Nach dem großen Erfolg seiner Romane Mars und Rückkehr zum Mars schildert Ben Bova nun die atemberaubende Geschichte der ersten Expedition zur Venus – ein Planet, der ein tödliches Geheimnis birgt.“ (Verlagsinfo)
Juwelen des SF-Genres als Abschluss der Jahresband-Reihe
Ein wirklich lohnenswerter und umfangreicher Dank des Heyne-Verlags an seine Leser, dieser 2000er-Jahresband zum 40jährigen Jubiläum. Zehn Erzählungen preisgekrönter Autoren wie Robert Silverberg, Kim Stanley Robinson, George R. R. Martin oder Connie Willis warten auf die (Wieder-) Entdeckung: ein idealer Einstieg in das Genre. In diesen Olymp haben auch zwei weibliche Autoren Eingang gefunden, darunter die kürzlich verstorbene Ursula K. Le Guin. Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 2000 weiterlesen →
Dieser 50. Auswahlband aus dem bekannten amerikanischen SF- und Fantasymagazin bietet folgende Storys:
1) Die Titelstory von der alternden Diva, deren elektronischer Jungbrunnen recht makabere Effekte erzielt.
2) Die Story von dem engelsgleichen buckligen Jungen, den alle mochten, weil ihn die Natur so ungerecht behandelt hatte.
3) Die Story von dem wunderbaren Apparat, der dem Menschen endlich den ewigen Frieden bescherte – um den Preis seiner Privatsphäre.
4) Die Story von der Marsexpedition, deren Teilnehmer eine ganze Weile brauchen, bevor sie erkennen, dass man ihr Kommen längst erwartet hat.
Das Magazin
Das |Magazine of Fantasy and Science Fiction| besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem |HUGO| ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.
Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), [„Starship Troopers“ 495 von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.
Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, so genannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.
Seit Mitte der Sechzigerjahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei |Heyne|.
In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (|Heyne| SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei |Heyne| alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.
Die Erzählungen
1) Michael Coney: Die Cinderella-Maschine
Peninsula ist eine Gefängniswelt, wenn auch sehr hübsch mit einem tropischen Klima ausgestattet. Die Häftlinge werden nicht nur als Leibeigene „ausgeliehen“, sondern auch als lebende Organbanken benutzt. Nutznießer ist nicht nur der Ich-Erzähler Joe Sagar, der Knechte beschäftigt, sondern auch seine Bekannte, die alternde Filmdiva Carioca Jones. Die Diva ist Joe verhasst, seit sie die Hände seiner einstigen geliebten Joanne trägt …
Carioca bereitetet eine Art Auferstehung vor. Sie will nicht nur die alten 3D-Filme aus ihrer Jugend zeigen, sondern sich selbst ebenfalls verjüngen. Ein Mann namens Douglas Sutherland führt ihr und Joe seine Maschine vor, die er „Skulptograph“ nennt. Der Computer darin ist nicht nur in der Lage zu berechnen, wie irgendein menschliches Gewebe vor Jahren ausgesehen hat, sondern auch, wie es in der Zukunft aussehen könnte. Joe macht einen kleinen Test: Seine Warze am Finger wird zwar entfernt, aber dafür schält sich danach die abgestoßene Haut.
Als er beim Rennen eine sexy junge Frau aufgabelt, die sich als Carioca entpuppt, ahnt er, dass die Diva ihre Auferstehung ernst meint. Doch er freut sich schon darauf, wie sich ihre Haut schälen wird. Wie schlimm die Sache für sie ausgeht, hätte er sich allerdings nicht in den schlimmsten Albträumen ausgemalt …
|Mein Eindruck|
Die Story ist ein schönes Beispiel dafür, wie man mit nur wenigen Pinselstrichen eine komplexe Kultur zeichnen und ihre Fehler charakterisieren kann. Carioca ist nur der Exponent einer herrschenden Oberschicht von Ausbeutern. Eigentlich sollten wir uns freuen, wenn es ihr schlecht geht, aber das schadenfrohe Lachen bleibt uns im Halse stecken, so geschickt ist die Geschichte vom Autor erzählt. Die bitterböse Pointe hebt er sich für den letzten Satz auf. Carioca ist pars pro toto Opfer der selbst geschaffenen Verhältnisse geworden.
2) Tom Reamy: Der Detweiler-Bub
Bert Mallory ist Privatdetektiv im Los Angeles der sechziger Jahre, als er einen merkwürdigen Anruf erhält. Sein Kumpel Harry Spinner logiert gerade im Brewster Hotel, einer Absteige, als er einen seltsamen Jungen erwähnt, den Bert sich mal ansehen sollte. Als Mallory im Brester eintrifft, findet er Harry mit durchschnittener Kehle vor. Die Hotelbesitzerin, eine alternde, fette Diva, erwähnt diesen „Detweiler-Bub“, der so süß aussieht. Unter einem Vorwand sei er aber schon wieder ausgezogen. Das wird ja immer sonderbarer, findet Mallory. Da er die Sache persönlich nimmt, macht er sich auf die Suche nach dem Detweiler-Bub.
Der ist gar nicht mal so jung, schon über zwanzig, aber die Schwulen im Almsbury Hotel fanden, er habe eine Gesicht wie ein Engel. Rein zufällig ist auch im Almsbury jemand gestorben. Das wundert Mallory schon nicht mehr. In der |Los Angeles Times| der vergangenen vier Monate stößt er endlich auf ein Muster. Alle drei Tage fand ein blutiger Todesfall statt – und immer befand sich ein gewisser Andrew Detweiler in der Nachbarschaft. Er logierte immer nur drei Tage lang.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, mietet sich Mallory in eine Bungalow-Anlage ein, aus der tags zuvor ein blutiger Selbstmord einer jungen Frau gemeldet worden ist. Der Detweiler-Bub logiert in Bungalow Nr. 7. Doch als Mallory mit dem jungen Mann Karten spielt, kann er nichts Schlimmes an ihm feststellen. Der Junge mit dem Buckel und dem Engelsgesicht ist ein Schriftsteller, schreibt Horrorgeschichten. Na, und?
Erst in der Nacht nach dem dritten Tag lüftet sich das Geheimnis …
|Mein Eindruck|
Die Geschichte erinnert mich an Stephen Kings verfilmten Roman „Stark – The dark half“, in der die Hauptfigur, ein Schriftsteller, sich einen finsteren Doppelgänger erfindet, und zwar in seinen Romanen: Machine. Diese andere Hälfte ist zu furchtbaren Taten imstande, die unser Autor niemals wagen würde.
Auch in Tom Reamys Novelle (43 Seiten) hat der Schriftsteller, Detweiler, einen Doppelgänger, einen finsteren Zwilling, der zu finsteren Taten fähig ist. Der Widerspruch zwischen diesem Teufel und dem Engelsgesicht Detweilers ist offensichtlich und symbolisch aussagekräftig. Jeder kann sich selbst einen Reim darauf machen. Aber Detweiler interessiert es nicht, was sein dunkler Zwilling tut – Hauptsache, er gibt ihm, was er selbst braucht. Es ist eine Symbiose. Wenn der eine stirbt, muss auch der andere vergehen.
Die Erzählung liest sich hervorragend, denn Bert Mallory erwähnt nicht umsonst den Detektivroman „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett, aber erhält sich nicht für dessen Helden Sam Spade, sondern für eine Nummer kleiner. Dieser Selbsteinschätzung zum Trotz leistet Mallory saubere Arbeit, was die Story sehr spannend macht: eben eine klassische Detektivstory, mit viel Blut, vielen Frauen und viel trockenem Humor.
3) Damon Knight: Ich seh dich
Stell dir vor, du hättest einen Guckapparat, mit dem du nicht nur überallhin sehen könntest, sondern auch in jede beliebige Zeit. Nenn‘ das Ding einfach „Gucker“. Es hilft dir, die anderen Kinder zu sehen, wenn sie Verstecken spielen, und es hilft dir bei der sexuellen Aufklärung, wenn du zusiehst, was die Eltern im Bett treiben. Würdest du nicht dem Erfinder dieses tollen Gerätes danken wollen, das es dir erlaubt, alles zu sehen und zu hören, was du dir nur vorstellen kannst?
Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem du gewahr wirst, dass du selbst auch beobachtest wirst. Und du merkst, dass auch dein Beobachter beobachtet wird. Und so weiter. Bis in alle Ewigkeit …
|Mein Eindruck|
Damon Knight, ein renommierter SF-Autor und -Herausgeber, hat hier die Idee von Clarke & Baxters Romans [„Das Licht ferner Tage“ 1503 vorweggenommen. Er spielt durch, wie es wohl wäre, wenn es wirklich so einen Apparat gäbe, der nicht nur märchenhaftes Wissen über die Mitmenschen liefern, sondern auch alle Rätsel der Welt lösen würde, beispielsweise den Mord an John F. Kennedy (1963) oder das Rätsel des verlassenen Segelschiffes „Mary Celeste“ (1892). Man bräuchte sich auch nicht mehr auf den Mars zu bemühen oder auf andere fremde Welten. Denn man hat ja den Gucker. So wie heute das TV-Gerät.
Es wäre der absolute Horror und das Ende des Menschseins, wie wir es heute kennen. Nicht nur gäbe es keine Privatsphäre und keine Verbrechen mehr, sondern auch jeden Antrieb, irgendwohin zu gehen, irgendetwas zu verschicken oder in den Fernseher bzw. auf eine Kinoleinwand zu starren. Die Menschen würde paranoid werden, daheim bleiben, dick und fett und krank werden. Gott wäre sowieso als Erstes abgeschafft worden, und Menschen würden nicht mehr heiraten, weil sie ja bereits alle Schwächen des anderen kennen gelernt hätten. Mithin würde nnur noch uneheliche Kinder gezeugt werden – wenn überhaupt.
Stell dir vor, du hättest einen Gucker – und ich würde dich sehen.
4) John Varley: Im Audienzsaal der Marskönige
Die Marsoberfläche. Nach einer Explosion des Kuppelzeltes, die durch Dekrompression drei Viertel des Expeditionskorps tötet, sehen sich die fünf Überlebenden harten Entscheidungen gegenüber. Sie können nicht mehr zum Mutterschiff „Edgar Rice Burroughs“ hinauffliegen, denn Pilot und Kopilotin ihrer Landefähre „Podkayne“ sind tot. Aber sie haben Vorräte für mindestens ein Jahr, bei Rationierung sogar für eineinhalb Jahre, mit Abwürfen der „Burroughs“ sogar noch länger. Sie sind jetzt eine autarke Kolonie.
Die kritischen Faktoren sind jedoch Wasser und Atemluft. Wasser lässt sich aus der Atemluft zwischen Plastikbahnen kondensieren und sammeln. Doch um Atemluft zu produzieren, benötigen sie Pflanzen, welche sie nicht haben. Matthew Crawford, der Historiker, sieht schwarz. Doch seine Gefährten, allen voran die Kommandantin Mary Lang, eine Afroamerikanerin, werfen die Flinte nicht ins Korn, sondern werden von der einheimischen Fauna überrascht. Aus den nährstoffreichen Gräbern der Getöteten erheben sich interessante Gebilde, die wie Windmühlen aussehen: Kreisler. Sie scheinen Wasser zu pumpen. Später gibt es ein Gewächs, das weiße Trauben bildet. Die „Beeren“ enthalten Sauerstoff. Nun haben sie wieder Atemluft, und das Überleben ist gesichert.
Aber für eine Kolonie braucht man auch Paare und Kinder. Diese stellen sich sofort ein, sobald die „Burroughs“, die nichts mehr zu tun hat, wieder zur Erde gestartet ist. Alle ziehen sich nackt aus und treiben es miteinander, bis sich ein Gefühl des Kennens und Vertrauens einstellt. Nach dem Abflauen der Rivalitätskämpfe zwischen den drei Frauen und den zwei Männern stellt sich ein Gleichgewicht her, und es dauert nur acht Monate, bis Lucy McKillian feststellt, dass sie schwanger ist. Aber in welcher Welt wird ihr Baby aufwachsen?
Der Forschungsexpedition, die fast neun Jahre später eintrifft und eigentlich erwartet, nur noch Leichen vorzufinden, steht eine faustdicke Überraschung bevor …
|Mein Eindruck|
Es sind solche Erzählungen in der alten, zuversichtlichen Heinlein-Manier, welche die amerikanische Science-Fiction wieder so attraktiv machten, nachdem sie durch das tiefe Tal der sechziger und frühen siebziger Jahre ging. Dass John Varley ein Heinlein-Jünger ist wie Niven, Pournelle und Spider Robinson, belegt schon der Umstand, dass die Landefähre „Podkayne“ nach der Heldin von Heinleins Jugendroman „Podkayne of Mars“ benannt ist. Und die „Edgar Rice Burroughs“ beschwört die uralte Marsromantik, die der Schöpfer von „Tarzan“ in den Jahren 1912 bis 1943 durch seine vielen Marsromane auslöste.
Anders als bei skeptischen Europäern vom Schlage eines Stanislaw Lem [(„Der Unbesiegbare“) 2795 zeigen sich die Amis auf dem Mars als Pioniere mit Tatkraft und Zuversicht. Als die einheimischen Lebensformen aus dem Boden (und dem 20 Meter darunter liegenden Wassereis) sprießen, erweisen diese sich als an die Menschen angepasst. Gerade so, als wären die Menschen erwartet worden. Wer weiß: Vielleicht haben die Wesen, die diese Sporen zurückließen, einst die Erde während der Steinzeit besucht und wollten die Besucher belohnen.
Hier zeigt sich eine amerikanische Denkweise: Gott (oder Schicksal, Natur usw.) hat vorherbestimmt, dass der Mensch, der sich bemüht, auch belohnt wird, aber nach Gottes eigenem verborgenen Plan. Und der kann ja nun auch Marsbewohner vorsehen. Der grandiose Titel „In the hall of the Martian kings“ wandelt einen Titel aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Sinfonie ab, nämlich „In the hall of the mountain king“. Aber wo sind sie, die Marskönige? Kommen sie noch – oder sind sie mit den Pionieren bereits gekommen?
Die Übersetzung
An diesem schmalen Band von nur 140 Seiten waren gleich zwei Übersetzerinnen beteiligt: Birgit Reß-Bohusch und Keto von Waberer. Während Reß-Bohuschs Stil keinerlei Auffälligkeiten zeigt, ist bei Keto von Waberer genau das Gegenteil der Fall. Ich weiß ja nicht, in welcher Gegend man den Ausdruck „wie Schusser in den Höhlen“ (S. 42) gebraucht, aber in Deutschland dürfte er ziemlich wenig bekannt sein. Schusser sind laut DUDEN „Spielkügelchen“, d. h. der Ausdruck bedeutet so viel wie „herumkullern“.
Auf Seite 100 und 101 schreibt Waberer „Rationalisierung“ statt „Rationierung“ bzw. „Rationieren“. Das eine bedeutet „durch Maßnahmen Kosten/Aufwand/Personal etc. einsparen“, das andere „Nahrungsmittel begrenzen und einteilen“ – ein Riesenunterschied, den von Waberer offenbar nicht kannte.
Auf Seite 50 gibt es noch einen blöden Schreibfehler, der die Flüchtigkeit der Übersetzung belegt. Hier heißt es: „ich entdecke, die Spur des Detweiler-Buben …“ statt „ich entdeckte die Spur des D …“. Glücklicherweise war’s das aber auch schon.
Unterm Strich
Drei der vier hier gesammelten Erzählungen sind herausragende Beispiele für die hohe Qualität der Erzählungen während der siebziger Jahre – im Gegensatz zu einigen der Romane wie etwa Nivens „Luzifers Hammer“ oder Heinleins späte Machwerke. Es war eine Zeit des Umbruchs, die Zeit, als Konventionen abgestreift wurden und man nach neuen und aktuellen Ideen suchte; man denke an die Stories von Le Guin, Tiptree/Sheldon und Joanna Russ.
Dem widersprechen jedoch drei der vier Erzählungen in diesem Band. Varley knüpft an die Heinlein-Tradition der Weltraumeroberung an, und Reamy bedient sich der Folie des klassischen Detektivromans, um seine Aussage zu erzählen. Der gute alte Damon Knight erzählt noch in der Form der vierziger und fünfziger Jahre. Seine Story ist die einzige, die über keine Handlung im üblichen Sinne verfügt.
Nur bei Michael Coney kann ich keine alten Vorbilder erkennen, und deshalb ist mir diese Geschichte am sympathischsten. Coney hatte Anfang der siebziger Jahre begonnen, seine Storys zu veröffentlichen – sie sind in „Monitor im Orbit“ gesammelt – und entwickelte seine Kunstfertigkeit und seine Aussagekraft immer weiter, bis solche Werke wie „Die Cinderella-Maschine“ entstanden, die in hochverdichteter Form eine ganze Gesellschaft beschreiben und kritisieren.
Lesetipp
Wem diese Sammlung gefallen hat, der sollte auch zu den Nebula-Preisträger-Auswahlbänden greifen, die ab 1981 bei |Moewig| erschienen, so etwa „Der Plan ist Liebe und Tod“ (Nr. 6730, 1982).
Taschenbuch: 144 Seiten
Originaltitel: The magazine of fantasy and science fiction, 1976/77
Aus dem US-Englischen von Birgit Reß-Bohusch und Keto von Waberer www.heyne.de
Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: (No Ratings Yet)
Faszinierender Job: als Reporterin im Alien-Dschungel
Die ersten Sporen des Chaga fallen im Jahr 2004 auf den Kilimandscharo – und breiten sich von dort mit einer Geschwindigkeit von 50 Metern pro Tag in alle Richtungen aus. Ständig fallen neue Sporenpakete, überall auf der Südhalbkugel. Der Lebensraum wird knapp, und die Verdrängten finden das gar nicht witzig. Eine gigantische UNO-Hilfsmission wird weltweit gestartet, und die Reporterin Gaby McAslan berichtet darüber in Kenia. Sie wird Zeugin eines Verschwindens der Erde, einer Transformation durch das Chaga. Aber können Menschen in dieser außerirdischen Vegetation leben? Und was passiert mit den vom Chaga Infizierten?
„In der Nacht des 22. Dezember 2032 hörte das Universum, wie wir es kennen, auf zu existieren: Die Menschheit hat es nur noch nicht bemerkt…“ (Verlagsinfo) Die Fortsetzung von Ian McDonalds SF-Klassiker „Chaga oder Das Ufer der Evolution“ spielt 15 Jahre nach jenen Ereignissen, in denen die halbe Welt unter der außerirdischen Vegetation der Chaga begraben wurde. Die irische Exreporterin Gaby McAslan tritt ebenso wieder auf wie die sibirische Pilotin und Schamanin Oksana Michalowna.
Eine Hauptrolle spielt natürlich die Chaga sowie die menschlichen Staaten, die sich darin entwickelt haben: die Harambee. Chaga-Technologie hat sich global verbreitet, und das weckt Begehrlichkeiten. Über allem schwebt jedoch das Große Dumme Objekt (GDO), und immer wieder schaut Gaby McAslan hinauf zu den Ringen des Saturn: Dort oben ist im GDO Shepard, der Vater ihrer Tochter Serena, verschwunden. Eines Tages werden sie oder Serena dort nachschauen… Ian McDonald – Kirinja. SF-Roman weiterlesen →
Vol. 1: Nine Princes in Amber, 1970, dt. Corwin von Amber, Heyne, 1977, ISBN 3-453-30432-2.
Vol. 2: The Guns of Avalon, 1972, dt. Die Gewehre von Avalon, Heyne, 1977, ISBN 3-453-30445-4.
Vol. 3: Sign of the Unicorn, 1975, dt. Im Zeichen des Einhorns, Heyne, 1977, ISBN 3-453-30466-7.
Vol. 4: The Hand of Oberon, 1976, dt. Die Hand Oberons, Heyne, 1978, ISBN 3-453-30500-0.
Vol. 5: The Courts of Chaos, 1978, dt. Die Burgen des Chaos, Heyne, 1981, ISBN 3-453-30743-7.
Vol. 1–5: The First Chronicles of Amber, 1999, dt. Die Prinzen von Amber, Heyne, 1986, ISBN 3-453-31271-6.
Spannender Startband einer legendären Fantasyreihe
Ein Mann erwacht ohne Erinnerung in einer Privatklinik auf dem Lande. Er merkt schnell, dass man ihn hier bloß ruhigstellen will und kämpft sich seinen Weg nach draußen. Einziger Anhaltspunkt: sein „Schwester“. Hat er eine? Doch sie ist der Schlüssel zu seiner wahren Existenz: Er ist Corwin, einer der neun Prinzen von Amber, der wahren Welt. Und er muss gegen die anderen acht Brüder und vier Schwestern antreten, will er den Thron von Amber erringen …
Nebula Award 1981, das sagt (dem eingeweihten SF-Fan) alles! Dies ist ohne Zweifel einer der besten SF-Romane der letzten Jahrzehnte. Meisterhaft verknüpft Benford, selbst ein gestandener Physiker, wissenschaftliche Theorie mit einer packenden dramatischen Handlung. Kernthema ist die Nachrichtenübermittlung aus der Zukunft.
Kaum ein anderer Roman – SF oder Non-SF – hat ähnlich authentisch und überzeugend die Welt der Wissenschaftler dargestellt. Moderne physikalische Theorien werden allgemein verständlich dargelegt und treiben mit ihren Auswirkungen die spannende Handlung voran.
„Amtsrichter Siggi Buckmann hat sich geschworen, für Gerechtigkeit einzustehen – notfalls auch nach Feierabend. Als sein einstiger Mentor tot in einem Waldstück aufgefunden wird, macht er sich auf die Suche nach den Schuldigen. Schneller als gedacht handelt er sich dabei Ärger mit einer dubiosen Immobilienfirma, der russischen Mafia und dem Sohn des Ministerpräsidenten ein. Die einzige Verbündete gegen seine neuen Feinde ist die kluge Journalistin Robin Bukowsky. Aber kann er ihr wirklich trauen? Vieles scheint dagegen zu sprechen. Zum Beispiel Buckmanns nicht ganz so gesetzeskonforme Vergangenheit …“ (Verlagsinfo) Thorsten Schleif – Richter jagen besser (Siggi Buckmann 02) weiterlesen →
William Gibson ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der letzten zwanzig Jahre. Er hat, wie kein anderer SF-Autor, in kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Sein Erstlingswerk „Neuromancer“ wurde mit dem |Nebula Award|, dem |Hugo Award|, dem |Locus Award| und dem |Philip K. Dick Memorial|-Preis ausgezeichnet.
William Gibson entführt seine Leser in eine Welt immanenter, teils futuristischer Technik, die sich aber von ihrem sozialen und politischen Gefüge her kaum von unserer wirklichen Welt unterscheidet – multinationale Megakonzerne beherrschen die Wirtschaft und die Politik; die Ballungsräume haben sich zu immer größeren, geschwürartigen Gebilden entwickelt, bis sie irgendwann zusammengewachsen sind; ein sehr großer Teil der Bevölkerung lebt in den Randgebieten des Sprawl – in den Slums – und kämpft ums Überleben. Einige von ihnen haben sich die Technik zu Nutze gemacht und verdienen ihr Geld mit Datendiebstahl und Industriespionage.
|“Cyberpunks nennen sich die Computerfreaks mit implantierter Elektronik im Schädel, allesamt verrückt und süchtig nach irren Abenteuern jenseits der Realität. Die Direktschaltung von Gehirn und Computer verheißt Allgegenwart und nie dagewesene Sensationen. Eine neue Welt tut sich auf, intensiv wie ein elektrischer Schock.“| (Bruce Sterling)
Case war ein solcher Cyberpunk. Mit 22 Jahren war er einer der besten Deckjockeys im Sprawl – ein |Cowboy|, wie er es nannte. Er war ein Dieb, der für die großen, reicheren Diebe arbeitete. Seine Auftraggeber beschafften ihm die Software, die er benötigte, um in die riesigen Industrie-Komplexe mit ihren geheimen Forschungslaboratorien einzubrechen und dort all jene Daten zu stehlen, an denen sie interessiert waren.
Dann machte er den klassischen Fehler. Case behielt etwas von dem zurück, was ihm nicht gehörte. Er wollte das große Geld machen – und zwar schnell. Sie kamen ihm auf die Schliche, fanden ihn und bestraften ihn auf eine Art, die für Case schlimmer war als der Tod. |“Sie schädigten sein Nervensystem mit einem russischen Mykotoxin aus Kriegszeiten. In einem Hotel von Memphis ans Bett gefesselt, halluzinierte er dreißig Stunden lang. Mikron für Mikron brannte sein Talent aus. Der Schaden war gering, unauffällig, aber äußerst wirksam.“ (S. 14/15)| Seit dieser Nacht war der Cyberspace nur noch eine Erinnerung, ein Traum. Die Ärzte in den schwarzen Kliniken hatten seine Verstümmelung bestaunt, doch sie konnten ihn nicht heilen.
Darauf folgte der soziale und gesellschaftliche Abstieg. Er begann Drogen zu nehmen, Speed und Alkohol, und steigerte sich in eine akute Suizidgefahr hinein. Case stand mit einem Mal am Rande der Gesellschaft und agierte hart an der Grenze zur Unterwelt. Er war nur ein kleiner Gauner unter vielen.
|Heute| ist Case 24 Jahre alt. Er ist ein Punk, der orientierungslos einen Leitfaden durch sein Leben sucht. Case versucht den Eindruck zu erwecken, er habe mit seinem |früheren| Leben abgeschlossen, doch Drogen und mehr oder weniger unmotivierter Sex vermögen ihm nicht zu geben, was er außerhalb des Cyberspace entbehren muss.. |“(…) Der Körper war nur Fleisch. Case wurde ein Gefangener des Fleisches.“ (S. 15)|
Er ist einer der unzähligen Straßendealer in Ninsei, den Slums von Chiba City. Er schläft in den billigsten Absteigen und schlägt sich mit illegalen Geschäften für das organisierte Verbrechen und manchmal auch mit Mord durchs Leben. Die neuen Yen, die ihm seine Deals einbringen, investiert er direkt in den nächsten Auftrag und in Drogen.
Eines Abends tritt Molly in sein Leben. Molly ist eine kybernetisch aufgewertete Straßenkämpferin mit implantierten Linsen und Nagelmessern. Ihr Job ist es, Case zu ihrem Auftraggeber Armitage zu bringen – nur um zu reden, wie sie ihm versichert. Armitage unterbreitet ihm einen interessanten Deal. Er will Case’s Nervenschäden in einer illegalen Klinik heilen lassen, wenn dieser dafür einen Auftrag im Cyberspace übernimmt. Anfänglich zögert Case, da er zu oft enttäuscht wurde. Sein altes Leben wieder zum Greifen nah, willigt er dann aber doch ein, da er der Verlockung, endlich wieder den Cyberspace betreten zu können, nicht widerstehen kann …
Der Autor
William Gibson wurde am 17. März 1948 in Convay, South Carolina (USA), geboren. Nachdem 1966 seine Mutter starb, verließ er im Alter von 19 Jahren die USA und zog, um sich der Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen, nach Toronto (Kanada). Seit 1971 wohnt er in Vancouver, British Columbia (Kanada).
Auf der |University of British Columbia| begann William Gibson zu schreiben. 1977 verkaufte er, zu Beginn der Punkbewegung, seine Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“ (später im Heyne-Verlag veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“) an die wenig verbreitete Zeitschrift UnEarth.
Er begründete den Begriff |Cyberspace| und beschrieb die |Virtuelle Realität| (VR) und das |Internet|, bevor die meisten Menschen deren Existenz auch nur erahnten.
Der Cyberspace ähnelt im Großen und Ganzen unserem heutigen Internet. Während man, um das Internet zu benutzen, vor einem Bildschirm sitzt und seine Daten via Tastatur und Maus eingibt, |’steckt’| der User in Gibsons Vorstellung jedoch nur noch |’ein’|, worauf sein Geist in den Cyberspace eintaucht und dort agiert. Die Visualisierung basiert auf der Technologie der virtuellen Realität, die auf eine abstrakte Art und Weise an die reale Welt angelehnt ist.
Der Cyberspace wird z.B. genutzt, um Geschäftsprozesse von jedem Ort auf der Welt für die berechtigten Benutzer zugänglich zu machen. Aus den Mauern der realen Industriekomplexe und Banken werden im Cyberspace unsichtbare Mauern aus EIS (Elektronisches Invasionsabwehr-System). Auch hier gibt es, wie in der Realität, technische Möglichkeiten, diese Abwehrmechanismen zu umgehen. Genau wie in der realen Welt, treiben auch im Cyberspace Gauner, Diebe und Industriespione ihr Unwesen. Ihre Werkzeuge sind nur nicht mehr Dietrich und Schneidbrenner, sondern eigens zum Durchbrechen der Mauern aus EIS geschriebene Computerviren.
In Gibsons Vorstellung kann ein Deckjockey im Cyberspace auch sterben. Die Idee, welche dahintersteht, ist, dass, wenn der Geist im Cyberspace angegriffen und |getötet| wird, eine Rückkopplung erfolgt, die das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes grillt. Es besteht also ein gravierender Unterschied zwischen unseren heutigen Computerspielen, z.B. in Virtual-Reality-Cafés, und Gibsons Cyberspace. Wenn ein Deckjockey im Cyberspace einen schwerwiegenden Fehler begeht, dann wird kein virtuelles Leben abgezogen und es gibt auch keinen Schriftzug |Game Over|, der in roter Schrift im Blickfeld aufblinkt, der Deckjockey stirbt einfach – sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt.
Als Hommage an Gibsons „Neuromancer“ entstand das Pen&Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“, welches in der düsteren Welt von „Neuromancer“ spielt.
William Gibson gilt auch als Begründer einer neuen literarischen Strömung in der Science-Fiction, dem |Cyberpunk| oder – in Anlehnung an „Neuromancer“ – der |Neuromantik|.
Der Titel „Neuromancer“ ist ein Wortspiel zu |Necromancer| (dt.: Nekromant), was soviel wie Geisterbeschwörer bedeutet, und |neuro|, also Nervensystem. Case, der Protagonist der Geschichte, ist ein zeitgenössischer, in naher Zukunft angesiedelter Zauberer. Seine Hexerei besteht darin, das menschliche Nervensystem mit dem elektronischen neuronalen Netzwerk der Computerwelt zu |interfacen| und diese zu manipulieren bzw. von ihr manipuliert zu werden. Dieser Gedanke folgt analog dem wechselwirkenden Eintritt eines Schamanen in traditionelle mystische Bereiche (die Geisterwelt) mittels Drogen und/oder Trance.
Das Genre ist geprägt vom Lebensgefühl der Punkkultur, die sich in einer modernen, von Elektronik geprägten Welt wiederfindet. Im Mittelpunkt steht ein Computernetzwerk ähnlich unserem Internet, der Cyberspace oder auch die Matrix, welches dem Menschen mittels Interfaces ein völlig neues Terrain eröffnet.
William Gibson verbindet in seinen Romanen zwei Strömungen der Science-Fiction, die |Hard SF| und die |New Wave| der siebziger Jahre. Seine wissenschaftlich-technische Extrapolation entstammt der Hard SF, während seine stilistische Ausführung New Wave pur ist, das heißt, er schreibt gesellschaftskritisch mit einem romantischen Impuls und er bedient sich des in der New Wave verwendeten Archetypus der Protagonisten.
Die Hard SF zeichnet sich durch einen logischen Positivismus, traditionelle moralische Werte und ein wissenschaftliches Weltbild aus. Streng wissenschaftlich orientiert, werden in simpler, transparenter Erzählkunst die Geschichten gestählter Könnertypen und gefühlloser Technikmenschen dem Leser nahe gebracht. Die Archetypen dieser Stilrichtung sind beispielsweise Computerhacker oder Weltraumkommandanten, die meist aus mittelständischen oder aristokratischen Gesellschaftsschichten stammen.
Aus der Sicht der Hard-SF-Autoren vertreten die Autoren des New Wave eine nihilistische, gegen Wirtschaft und Technik gerichtete Einstellung.
Die New Wave hingegen begründet sich auf ein |gesundes| Volksempfinden, welches sich in der Rebellion gegen Establishment und Krieg manifestiert. Sie steht für sexuelle Befreiung und einen kulturellen Pluralismus, aus dem sich ein charakterologischer Realismus ergibt, der sich auch in den Archetypen, wie z. B. Hippies oder Punks widerspiegelt. Stilistische Experimente, wie z. B. Slang oder mehrere Erzählstränge und ein starker romantischer Impuls, der sich in der Einbeziehung und Beschreibung des Banden- und Straßenmilieus offen zeigt, runden das Bild der New Wave ab.
Die New-Wave-Autoren werfen den Autoren der Hard SF vor, sie seien naiv, da sie zu glauben scheinen, ein Aufschwung in Wirtschaft und Technik müsse eo ipso zur Verbesserung der menschlichen Bedingungen beitragen.
Die Merkmale dieser beiden Strömungen galten lange Zeit als unvereinbar. Doch Gibsons Werke scheinen genau den Nerv der Zeit zu treffen. Er vereinigt in seinen Romanen eine komplexe Synthese der Popkultur mit High-Tech und einem fortgeschrittenen Schreibstil. Seine Werke beheimaten dichte und bizarre Storys, eine kantige und düstere Leidenschaft und intensive Detailfreude. Hervorzuheben sind dabei neben der Neuromancer-Trilogie, welche durch „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ komplettiert wird, die |Sprawl-Serie|, zu der die Kurzgeschichten „Johnny Mnemonic“, „New Rose Hotel“ und das fabelhafte „Burning Chrome“ gehören. Die Charaktere sind ein Sammelsurium aus Verlierern, Gangstern, Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Irren, mit denen man sich durchaus zu identifizieren vermag. Gibson schreibt von |normalen| Menschen, die sich in unserer technisierten Welt zurecht finden müssen und nicht von den unfehlbaren |Super|-Helden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, wie es die Hard SF bevorzugt.
Im Vorwort von „Cyberspace“ schreibt Bruce Sterling über Gibsons Erzählungen:
„(…) In seiner Welt ist die Wissenschaft kein Wunderbrunnen schrulliger Genies, sondern eine allgegenwärtige, alles durchdringende, greifbare Kraft.
Die Geschichten zeichnen ein Bild der modernen Misere, das ein jeder auf den ersten Blick erkennt. Gibsons Extrapolationen führen uns mit überspitzter Klarheit den verborgenen Teil eines Eisbergs sozialen Wandels vor. Dieser Eisberg treibt mit finsterer Majestät durchs späte zwanzigste Jahrhundert, aber seine Proportionen sind gewaltig und düster.“
Gibsons Schreibstil, die kantige und düstere Leidenschaft seiner Geschichten, spiegelt sich in der Passage auf der ersten Seite des Buches wider. Er nutzt nicht nur in der wörtlichen Rede, sondern auch bei seinem Erzählstil eine Syntax, die dem Straßenslang sehr nahe kommt. Hier zeigt sich der Impuls des New Wave, der in Gibsons Geschichten eine große Rolle spielt.
Case schloss die Augen.
Fand den geriffelten EIN-Schalter.
Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosphene aus den Grenzen des Raumes auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information.
Bitte, betete er, jetzt …
Eine graue Scheibe, Himmelsfarbe von Chiba.
Jetzt …
Die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zur hellgrauen Sphäre. Weitete sich.
Und floß, entfaltete sich für ihn. Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit entfernt sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn.
Und irgendwo er, lachend, in einer weiß getünchten Dachkammer, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht mit Freudentränen überströmt.
in Liebe für Deb,
die es möglich gemacht hat
Mir liegen noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung auf der Seele.
Zum Einen wirkt es ein wenig befremdlich, wenn man anstelle des weit verbreiteten Begriffes |Cyberspace| immer wieder |Kyberspace| lesen muss. Noch schlimmer kann man ein englisches Wort wohl kaum verunstalten – das erste Teilwort auf Deutsch und das zweite weiterhin auf Englisch. Nun gut, diese Übersetzung ist in der Mitte der achtziger Jahre entstanden und so mag man es dem guten Reinhard Heinz nachsehen, aber ehrlich gesagt, habe ich mich da im gesamten Buch nicht dran gewöhnen können.
Dieser Hirnverdreher ist zwar in der neuen Auflage behoben, dafür ist aber der gesamte Sprachstil |geglättet| worden. Meiner Meinung nach verliert der Roman dadurch viel an Atmosphäre. Da „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ nicht mehr einzeln erhältlich sind, wird sich der geneigte Leser ein Bild davon machen können, wenn er die neue Fassung mit der alten vergleicht. Ich empfehle wirklich, den ersten Roman in der älteren Übersetzung zu lesen.
Leider tritt das gleiche Phänomen auch bei der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“ auf und auch hier verlieren die Geschichten an Atmosphäre.
Alles in allem ist dieses Buch in jedem Falle ein Leckerbissen für alle „Cyberpunk“- und „Shadowrun“-Rollenspieler, aber auch alle Nicht-Rollenspieler, die sich an diesem Genre erfreuen, werden ihre helle Freude daran haben.
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Gebundene Ausgabe : 512 Seiten
Heyne
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