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Sara Douglass – Wächter der Zeiten, Die (Im Zeichen der Sterne 2)

Band 1: [„Die sterblichen Götter Tencendors“ 2653

Nachdem es den Dämonen gelungen ist, nach Tencendor zu gelangen, sitzen Caelum und seine Armee erst einmal im Wald der schweigenden Frau fest. Denn mehrmals am Tag verteilen die Dämonen ihren grauen Brodem über das Land, um sich an den Seelen aller Lebewesen in ihrer Reichweite gütlich zu tun. Wer in diesen Brodem gerät, ganz gleich, ob Mensch oder Tier, verfällt völlig dem Wahnsinn. Nur der Schatten schützt vor dieser Macht. Auf dem Rückweg nach Karlon muss Zared seine Armee alle paar Stunden mühsam unter geflochtenen Matten verstecken! Aber das ist nicht sein einziges Problem. Er hat einen Verräter in seiner Mitte …

Während Zared nach Karlon zurückkehrt, sind die Dämonen aufgebrochen, um die einzelnen Teile, in die der Feind einst den Dämon Qeteb gespalten hat, im Körper von Sternenfreundes untotem Sohn wieder zusammenzufügen. Ihr erstes Ziel ist der Kesselsee. Und nicht nur die Dämonen sind dorthin unterwegs. Auch Wolfstern will den Kesselsee erreichen, in seinen Armen trägt er das tote Kind, das Zenit bei ihrem Kampf gegen Niah aus ihrem Leib gezwungen hat …

Axis, Aschure und Caelum sind unterdessen auf dem Weg zum Sternenfinger, der früher Krallenturm hieß. Sie hoffen, dass die Weisheit von Jahrhunderten, die sich dort angesammelt hat, ihnen helfen wird, ein Mittel gegen die Dämonen zu finden. Doch auch sie werden verfolgt …

Drago hingegen ist auf dem Weg nach Gorken, und wie einst sein Vater hadert er unterwegs mit seinem Schicksal, das Noah, der Wächter, ihm offenbart hat. Faraday begleitet ihn, denn sie hat Noah versprochen, Drago eine Freundin zu sein. Allerdings zeigt sich schon bald, dass das, was sich zwischen den beiden zu entwickeln scheint, weit über Freundschaft hinausgeht. Je mehr Drago sich, wenn auch widerwillig, an den Gedanken seiner Aufgabe gewöhnt, desto mehr wehrt sich Faraday gegen die Entwicklung.

Im zweiten Band des Sternenzyklus sieht der Leser zu, wie Tencendor unweigerlich in den Untergang schlittert! Zumindest erscheint es am Anfang so.

Caelum ist immer noch von seinen Ängsten zerrissen und nahezu handlungsunfähig. Insofern war die Reise zum Sternenfinger das beste, was Axis und Aschure mit ihm tun konnten. Die Angst und der Schrecken, durch die der Weg nach Norden ihn führen, wirken wie ein Katalysator für einige tiefgreifende Erkenntnisse, die Caelum bisher fehlten. Der Mann, der schließlich auf einer Bahre zum Gipfel des Turms getragen wird, ist ein anderer als jener, der im Wald der schweigenden Frau seinen Bruder mit Vorwürfen überhäuft hat.

Aschure scheint im Verlauf dieses Weges und der Ereignisse im Zusammenhang mit Katie ebenfalls endlich ein paar Einsichten zu gewinnen. Axis dagegen bleibt stur. Sein Hass auf Drago übertrifft selbst seinen Zorn auf Zared. Wieder einmal hatte ich den heftigen Wunsch, ihm ein paar Ohrfeigen zu verpassen, damit er endlich die Augen aufmacht! Und nicht nur ihm!

Auch Isfrael benimmt sich auf eine Weise, die mich des Öfteren an seinem Verstand zweifeln ließ. Die Vorwürfe gegen seine Mutter sind völlig lächerlich und klingen wie die eines verwöhnten Kindes, das sich immer beschwert, ganz gleich, wie seine Mutter sich entscheidet. Gleichzeitig bringt er mit seinem Egoismus sein ganzes Volk in Gefahr. Auf seine Weise ist Isfrael ein noch schlechterer Herrscher als Caelum.

Kurz gesagt: Das Ganze klingt eine Zeitlang wie ein Kindergarten.

Parallel dazu versinkt Tencendor immer tiefer in Zerstörung und Wahnsinn. Vor den Mauern Karlons sammeln sich ganze Scharen von rasenden Tieren und Menschen, die eine Möglichkeit suchen, die Stadt zu überrennen. Die Schiffe, die Zared aussendet, um zwanzigtausend Menschen zu retten, die sich im Norden des Landes in alten Bergwerksstollen verkrochen haben, werden von Meeresdrachen zerstört. Und die Dämonen vernichten einen magischen See nach dem anderen. An einigen Stellen wurden die Darstellungen regelrecht grausam; recht ungewohnt bei dieser Autorin.

Die Wende kommt an dem Punkt, an dem sowohl Caelum als auch Drago beginnen, ihr Schicksal zu akzeptieren. Da es sich um eine allmähliche Entwicklung handelt, ist der Punkt nicht genau festzumachen. Am ehesten könnte man den Zeitpunkt ihrer Versöhnung als Wende bezeichnen. Von da an geht es allmählich aufwärts, eine seltsame Feststellung angesichts der Tatsache, dass am Ende des Buches Qeteb wiedererweckt, Karlon in Schutt und Asche gelegt und die Wälder der Awaren völlig zerstört sind. Der Schlüssel zu dieser eigenartigen Entwicklung lautet Wiedergeburt.

Eng damit verknüpft ist die Person des kleinen Mädchens Katie. Das Kind, das in den Kellern des Sternenfingers gefunden wurde mit einem Liederbuch im Arm, spielt eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Dämonen. Wie genau diese Rolle aussehen wird, ist eines der Rätsel, die sich die Autorin für den dritten Band aufgehoben hat, ebenso wie jenes um das geheimnisvolle Liederbuch, das Caelum zwar in die Lage versetzt hat, ein Falkenkind zu töten, aber gegen Qeteb offenbar nicht im geringsten gewirkt hat!

Nachdem der deprimierende und – der ständig zankenden Personen wegen – ärgerliche Anfang also überwunden ist, entwickelt das Buch all das, was man vom Weltenbaumzyklus kennt: Spannung, Faszination, Neugierde. Noah und Urbeth, die alte Eisbärin, haben einige Zusammehänge offengelegt, die einen völlig neuen Blick auf die Magie in Tencendor werfen und gleichzeitig zu ein paar neuen Fragen führen, an denen der Leser herumknobeln kann; die Irrungen und Wirrungen zwischen Zenit und Sternenströmer sowie Drago und Farraday halten nach Dragos und Caelums Versöhnung den Handlungsstrang des Zwischenmenschlichen in Bewegung; und die vielen Verschachtelungen der Handlungsstränge sorgen immer wieder für Überraschungen. So war ich eigentlich ziemlich sicher, dass Wolfstern Dragos Zwillingsschwester Flußstern umgebracht hat. Fehlanzeige!

Was ich nicht ganz nachvollziehen konnte, war die Wandlung von Wolfsterns Gefühlen gegenüber Niah. War er am Ende des ersten Bandes noch untröstlich über ihren Verlust, scheint er sich am Beginn des zweiten hauptsächlich über sie zu ärgern. Hier fehlen ein paar detailliertere Gedankengänge, um diese Veränderung plausibel zu machen. Vielleicht kommt da ja noch was nach.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaum|-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten. Wann der dritte Teil des Sternenzyklus auf Deutsch erscheinen wird, war nicht herauszufinden. Der erste Band des neuen Zyklus |Darkglass Mountain| ist für Mai nächsten Jahres angekündigt.

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_Sara Douglass bei |Buchwurm.info|:_
[Die Sternenbraut 577 (Unter dem Weltenbaum 1)
[Sternenströmers Lied 580 (Unter dem Weltenbaum 2)
[Tanz der Sterne 585 (Unter dem Weltenbaum 3)
[Der Sternenhüter 590 (Unter dem Weltenbaum 4)
[Das Vermächtnis der Sternenbraut 599 (Unter dem Weltenbaum 5)
[Die Göttin des Sternentanzes 604 (Unter dem Weltenbaum 6)
[Der Herr des Traumreichs 1037
[Die Glaszauberin 1811 (Die Macht der Pyramide 1)
[Der Steinwandler 2639 (Die Macht der Pyramide 2)
[Die sterblichen Götter Tencendors 2653 (Im Zeichen der Sterne 1)

François Lelord – Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Handlung

Hector hat auf den ersten Blick keinen Grund, unglücklich zu sein: Er hat als Psychiater einen festen Kundenstamm, eine gut funktionierende Beziehung mit seiner Freundin Clara und muss nicht am Hungertuch knabbern. Was seinen Beruf angeht, so ist er ein richtig guter Psychiater, denn er besitzt eine Gabe, die ihn von anderen Vertretern seiner Zunft unterscheidet: Er interessiert sich für seine Patienten.

Zwar meinte seine Mutter, dass er ruhig mehr für eine Sitzung verlangen könnte, aber die Leute kommen gerne zu ihm (oder vielleicht gerade deshalb). Doch komischerweise ist er mit sich selbst unzufrieden, denn er konnte seine Patienten nie glücklich machen. Zwar fehlt es den meisten materiell an nichts und sie haben auch alle durch die Bank weg einen guten Job, doch trotzdem (oder gerade deswegen) haben sie alle eines gemeinsam: Sie sind nicht glücklich.

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Markus Heitz – Die Zwerge

_Trailer_

|Sie sind die schlagkräftigsten Helden aus Tolkiens »Herr der Ringe«: Zwerge sind klein, bärtig, und das Axtschwingen scheint ihnen in die Wiege gelegt. Doch wie lebt, denkt und kämpft ein Zwerg wirklich? Dies ist die rasante Geschichte des tapferen Tungdil, der im Kampf gegen Orks, Oger und dunkle Elfen beweist, daß auch die Kleinen Großes leisten können …

Nach Stan Nicholls »Die Orks« ist dies der sensationelle Bestseller über ihre ärgsten Feinde – diese Raufbolde sollte man nie zum Spaß reizen!|

_Rezension_

Als Erstes fiel mir ein Zitat auf, mit dem „Die Zwerge“ u. a. beginnt und das mir aus mehrfacher Sicht – gerade in der heutigen Gesellschaft – aus der Seele spricht, weil es nicht nur auf Makus Heitz‘ Zwerge hinzielen sollte, sondern auf alle, die Menschen und Wesen in Schubladen pressen und sie ihren optischen Regeln unterwerfen wollen:

|“Äußerlichkeiten sind dazu da, um darüber hinwegzusehen,
denn im kleinsten und seltsamsten Wesen
kann das größte Herz schlagen.
Wer die Augen aus Überheblichkeit verschließt,
wird dieses höchste Gut nicht entdecken.
Weder in sich noch in anderen.“|

Markus Heitz entführt den Leser in die phantastische Welt des Zwerges Tungdil und lässt ihn an dessen Kämpfen gegen tückische Gegner, wie die Orks, aber auch Dunkelelfen und andere Fantasywesen teilhaben. Der Autor legt dabei sein Augenmerk auf zwei Dinge: Detailtreue und Kampfszenen.

Besonders diese Detailtreue zeichnet Markus Heitz‘ Schreibstil aus – ohne dabei wortverliebt zu wirken. Darüber hinaus merkt man ihm die Freude am Schreiben und Be-Schreiben an. Da werden 636 Seiten handwerklich solide mit |Inhalten| gefüllt. Ein jeder Leser möge selbst entscheiden, ob ihn diese ansprechen oder nicht. Aber er wäre schlecht beraten, sich von der Seitenstärke und dem leider (gerade bei längerem Lesen) recht unhandlich großen Werk abschrecken zu lassen. Belohnt wird er allemal mit dem Buch eines Autors, in dessen Texten auch das verbale „Augenzwinkern“ nicht fehlt und der zu unterhalten weiß.

Das Volk der „Zwerge“ besteht aus fünf Stämmen, die wiederum meist aus mehr als einem Clan bestehen (am Anfang des Buches in „Dramatis Personae“ vorgestellt). Vraccas – ihr Gott – hat ihnen auferlegt, das Geborgene Land gegen alle Ungeheuer aus der Welt des Bösen zu verteidigen. Allen voran die Orks und Albae, denen es zu Anfang des Romanes beinahe spielerisch gelingt, in das Geborgene Land einzufallen. Wie sich herausstellt und was nicht verwundert, nicht völlig ohne Zauberkräfte.

Tundil, der Protagonist des Romans, der bei seinem Ziehvater Lot-Ionan – einem der sechs Magier des Geborgenen Landes – als Zwerg unter Menschen aufwächst, soll auf dessen Wunsch zum zweiten Zwergenstamm wandern. Damit fängt Tundils großes Abenteuer an. Auf Order des Rates der Zwerge soll er, der ein Meister darin ist, den Schmiedehammer tanzen zu lassen, gegen den König des vierten Stammes in einem Wettbewerb um das Amt des Großkönigs der Zwerge antreten.

Wer als Erster die sagenumwobene und magische |Feuerklinge| schmiedet, soll der neue Großkönig werden. Denn gemäß einer Prophezeiung soll diese Waffe die mächtigste im Kampf gegen die feindlichen Eindringlinge sein. Wird es Tundil gelingen, mit dieser die Feinde zu besiegen?

Bis der Leser die Antwort darauf erhält (oder auch nicht), muss er mit Tundil und dessen Freunden (einem ulkigen Zwergen-Zwillingspärchen, einem feigen und einem einäugigen Zwerg, einem Frauenheld, einem Schauspieler samt undurchsichtiger Freundin, einer dubiosen Zauberin und ihren unheimlichen Begleiter), die alle, wie in jedem klassischen Fantasy-Roman, spezielle Fähigkeiten besitzen, eine Unmenge gefahrvoller Abenteuer bestehen, Verräter entlarven und Feinde eliminieren. Ebenso entwickelt sich Tundel – nach bewährtem Fantasy-Muster – von einem anfangs unsicheren Jüngling zum Held des Romans.

Die Handlung, die im Wesentlichen aus zwei Strängen besteht, ist flüssig und spannend erzählt und vermag es, den Leser an die „Zwerge“ zu fesseln. Was Markus Heitz ebenfalls gelingt, ist der gekonnte Tempowechsel, der zu einem guten Buch und zu einem ordentlichen Spannungsbogen gehört.

Neugierig geworden? Dann lesen Sie selbst!

Doch kommen wir noch zur Aufmachung des Titels. Das minimalistische Covermotiv weiß auf jeden Fall zu überzeugen (weniger ist immer mehr!), auch Papier und Satz sind erstklassig und das Preis-Leistungverhältnis „erste Sahne“. Doch handlich ist der Titel nicht, den man dank seiner Seitenstärke ja so schnell nicht aus der Hand legt. Das Buch ist ein wahrer Klotz (man möge mir die Bezeichnung verzeihen). Das ist aber in der Tat der einzige Kritikpunkt an dem Werk, sieht man über den ein oder anderen Lektoratsfehler hinweg.

_Fazit_: Ein klassischer, solider Fantasy-Roman, der deutlich macht, dass sich wahre Größe nicht in Zentimetern bemessen lässt!

|Ergänzend:|
[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56

Walter Moers – Adolf: Der Bonker

Das geschieht:

Berlin, Ende April 1945. Der Krieg ist für das Deutsche Reich an allen Fronten längst verloren, der Feind steht bereits hinter den Toren der Hauptstadt Berlin. Dort sitzt in seinem „Bonker“ Adolf, die Nazi-Sau, einst „Größter Feldherr aller Zeiten“, nun ein geschlagener Diktator, der partout nicht einsehen will, dass seine Herrschaft zu Ende ist.

Keiner nimmt Adolf mehr Ernst. Der britische Premierminister Winston Churchill spielt ihm fiese Telefonstreiche, auf die der humorlose Tyrann stets hereinfällt. Freundin Eva Braun schläft mit jedem außer ihm, für den nur maulige Vorwürfe abfallen, wann der lästige Krieg endlich vorüber sei. Ehemalige Kampfgefährten wie Hermann Göring, Benito Mussolini oder der japanische Kaiser versuchen den störrischen Diktator zur Kapitulation zu bewegen. Aber sowohl sie als auch der Tod, Gott oder Michael Jackson, die in ähnlicher Mission im „Bonker“ auftauchen, bleiben erfolglos. Walter Moers – Adolf: Der Bonker weiterlesen

Sara Douglass – sterblichen Götter Tencendors, Die (Im Zeichen der Sterne 1)

Askam, Prinz des Westens, steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Nicht nur, weil er drei Jahre lang den koroleanischen Botschafter zu Gast hatte, sondern auch, weil er sein Geld in ein paar höchst riskante Vorhaben gesteckt hat, die prompt schief gegangen sind. Um seine Gläubiger bezahlen zu können, versucht er, eine ruinös hohe Steuer einzuführen, die vor allem Zared, Prinz des Nordens treffen soll, denn dessen Provinzen florieren. Unter anderem deshalb, weil die fähigsten Handwerker und Kaufleute vor Askams Steuern zu Zared geflüchtet sind.

Die Steuer bringt bei den Kaufleuten Karlons ein Fass zum Überlaufen; sie reisen zu Zared und bitten ihn, beim Sternensohn zu intervenieren. Caelum, Axis‘ Ältester, greift tatsächlich ein, allerdings auf eine Weise, die Zared zutiefst verbittert. Zugleich verweigert Caelum ihm aus politischen Gründen die Heirat mit Leah, Askams Schwester. Von den Gildenmeistern Karlons angefeuert, entschließt Zared sich, dem Sternensohn Widerstand entgegenzusetzen.

Während Zared Pläne schmiedet, um Askam und Caelum zur Vernunft zu bringen, wird Flussstern, Caelums lüsterne Schwester, tot in ihrem Gemach aufgefunden. Über ihr kniet, ein blutiges Messer in der Hand, Drago, ihr Zwillingsbruder, der einst für seinen Verrat an Caelum damit bestraft wurde, dass seine Mutter Aschure in seinem Blut die Dominanz seines Ikarischen Erbes aufhob und ihn damit zum Menschen machte. Caelum ist sofort davon überzeugt, dass Drago der Mörder ist, und lässt ihn in einem Schauprozess zum Tode verurteilen. Aber Zenit, Jüngste der Geschwister, hat Mitleid mit ihrem Bruder und verhilft ihm zur Flucht.

Unbemerkt von den Herrschenden, die mit ihrem eigenen Händel beschäftigt sind, nähert sich von außerhalb Tencendors eine Bedrohung, die zunächst niemand wahrnimmt und die in ihrem Ausmaß Gorgrael bei weitem in den Schatten stellt, Dämonen, die unbedingt durch das Sternentor nach Tencendor wollen …

An alldem zeigt sich bereits, dass die Fortsetzung des Weltenbaumzyklus auch in der nächsten Generation nichts von seiner Komplexität verloren hat!

Caelum ist der oberste Herrscher über Tencendor und voll der besten Vorsätze. Aber die Erinnerungen an den Verrat seines Bruders hat sein Wesen vergiftet. Caelum ist unsicher und von seiner Angst vor Drago beherrscht, obwohl Drago ihm ohne Magie gar nicht gewachsen ist und seit vierzig Jahren nichts tut als vor sich hinzualtern. So stark ist Caelums Angst vor Drago, dass er die erste Gelegenheit wahrnimmt, sich seiner zu entledigen.

Unterstützt wird Caelum darin nicht nur von seinen Eltern, sondern auch von Wolfstern. Der mächtige Zauberer, der für die Erfüllung der Prophzeiung gesorgt hat, ist immer noch damit beschäftigt, die Geschicke zu beeinflussen. Er als Einziger weiß von den Dämonen außerhalb des Sternentores, er weiß von ihrem Ziel und von dem Wächter dieses Ziels. Er weiß auch, es gibt nur einen, der diesem Wächter helfen kann, sollten sie nach Tencendor eindringen: den Sternensohn! Und er glaubt, Caelum wäre dieser Aufgabe ohne Drago besser gewachsen.

Drago ist von seinen Verwandten nichts anderes gewohnt als Abscheu und Hass. Dabei weiß er nicht einmal, ob er dieses Verbrechen, das ihm ständig vorgeworfen wird, tatsächlich begangen hat, denn als Mensch hat er im Gegensatz zu den Ikariern keine Erinnerungen an seine Kindheit vor dem dritten Lebensjahr. Seit er denken kann, wird er von allen für etwas bestraft, von dem er nichts weiß. Zutiefst verbittert klammert er sich dennoch an das bisschen Leben, das seine Mutter ihm gelassen hat.

Zenit ist die Einzige, die sich der Tatsache bewusst ist, dass Drago sich an sein Verbrechen nicht erinnern kann, und die Verständnis für seine Verbitterung hat. Aber sie hat auch genug mit sich selbst zu kämpfen. Seit Wolfstern auf Sigholt erschienen ist, kämpft sich eine fremde Präsenz in ihrem Innern an die Oberfläche. Aber erst aus einem Brief, den ihre Mutter für sie bei Caelum zurückgelassen hat, erfährt Zenit, dass es sich dabei um Aschures wiedergeborene Mutter Niah handelt! Ein zäher Kampf gegen die fremde Seele, die Zenit als Eindringling empfindet, beginnt.

Die verworrenen, komplexen Beziehungen der Charaktere untereinander führen zu einem regelrechten gordischen Knoten: Caelum hasst und fürchtet Drago, Drago seinerseits richtet seine Bitterkeit gegen die gesamte Welt, mit Ausnahme seiner Schwester Zenit und seines Großvaters Sternenströmer. Zenit mag sowohl Caelum als auch Drago, hasst aber dafür die rücksichtslose Niah, die Zenit in ihrem Hunger nach Leben einfach aus ihrem eigenen Körper drängt. Wolfstern wiederum hasst Zenit dafür, dass sie sich gegen Niah durchgesetzt hat. Askam hasst Zared, weil er neidisch auf seinen Erfolg ist und um seine Herrschaft fürchtet. Und Axis ist wütend auf Zared, weil er glaubt, dieser wolle Tencendor spalten, für dessen Einheit Axis so lange gekämpft hat.

Axis hat Zared bereits vor dessen Geburt für nichts anderes als eine Quelle von Problemen gehalten, einen neuen Bornheld. Dass Zared allerdings nicht selbst die Schwierigkeiten bedeutet, sondern ihnen lediglich eine Stimme verleiht, scheint weder Caelum noch Axis aufzufallen. Das eigentliche Problem ist Askam, der einfach ein unfähiger Regent ist, aber dennoch von Caelum und Axis Rückendeckung erhält, nur weil er Belials Sohn ist. Dabei hätte Belial sich im Grabe umgedreht, wüsste er, was sein Sohn für Mist baut! Und Askam zeigt in seinem Hass und seiner Eifersucht auf Zared mehr Eigenschaften Bornhelds, als Zared es jemals könnte!

Dazu kommt die extreme Angst der Ikarier vor einem Königreich der Achariten, das sie automatisch mit einem Wiederaufleben des Seneschalls und einer neuerlichen Verfolgung von Ikariern und Awaren gleichsetzen. Dabei wäre eine Neuerrichtung des Seneschalls ohne den dazugehörigen Gott Artor gar nicht möglich. Artor aber ist tot!

Caelum, dessen Aufgabe als oberster Herrscher es eigentlich wäre, in dieser konfliktgeladenen Situation die Balance zwischen den Parteien zu halten, versagt kläglich. Ein Mann mit über vierzig Jahren Lebenserfahrung sollte eigentlich etwas Besseres auf die Beine stellen können!

Die Einzige, die tatsächlich etwas Vernünftiges für Tencendor tut, ist Faraday. Nachdem Drago sie mit Hilfe des Regenbogenzepters sozusagen aus Versehen aus ihrer tierischen Gestalt befreit hat, ist sie von einer neuen Macht durchdrungen, die aus dem Zepter stammt. Sie ist die Einzige, die hinter das Offensichtliche sieht und deshalb nicht nur Zenit hilft, sondern auch Drago.

Na ja, fast die Einzige. Denn die Seewache, die ihrer eigenen Aussage nach treu dem Sternensohn dient, tut einige Dinge, die für Caelums Anhänger äußerst verwirrend wären, so sie denn davon wüssten. Zunächst jedoch können auch sie das Eindringen der Dämonen nicht verhindern, denn diese sind zu allem entschlossen!

Die Dämonen erinnern ein wenig an die Apokalyptischen Reiter, sind allerdings zu fünft. Aber nicht nur, dass sie das Grauen in die Welt Tencendors tragen, sie wollen auch etwas zurück, das ihnen gestohlen wurde und ihre Macht noch um ein Vielfaches steigern wird! Der zweite Band wird deshalb den Blickwinkel der Handlung wohl ein gutes Stück ausweiten und die Dämonen mehr in den Mittelpunkt rücken.

Bei den Bänden des Zyklus |Im Zeichen der Sterne| hat |Piper| darauf verzichtet, sie in zwei Teile zu hacken, was dem Zusammenhang sehr gut tut. Trotzdem ist „Die sterblichen Götter Tencendors“ nicht ganz so spannend, wie es der erste Band des Weltenbaumzyklus war. Dieser erste Band zumindest wird vor allem von seinen vielen zwischen“menschlichen“ Konflikten getragen. Die meisten davon erklären sich aus der Vergangenheit. Dennoch muss ich sagen, dass vor allem Caelums, Axis‘ und Aschures Verhalten manchmal von einer derartigen Verblendung zeugt, dass es schon fast unrealistisch ist!

Abgesehen davon jedoch las sich das Buch flüssig und interessant. An neuen Ideen ist lediglich das Labyrinth mit seinem brisanten Inhalt dazugekommen, wurde allerdings noch nicht weiter ausgebaut. In dieser Hinsicht darf sich ruhig noch etwas mehr tun.

Wer den Weltenbaumzyklus noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich, dies nachzuholen, ehe er mit dem Sternenzyklus anfängt. Zwar geht es diesmal um die jüngere Generation, aber viele der alten Charaktere tauchen wieder auf und die Geschehnisse aus dem ersten Zyklus wirken massiv in den zweiten hinein. Das Personen- und Sachregister am Ende mag zwar hilfreich sein, aber bei weitem nicht ausreichend.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres Weltenbaum-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten. Der zweite Teil des Sternenzyklus, „Die Wächter der Zeiten“, ist für September dieses Jahres angekündigt. In der Zwischenzeit schreibt die Autorin an ihrem neuen Zyklus |Darkglass Mountain|.

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[Die Sternenbraut 577 (Unter dem Weltenbaum 1)
[Sternenströmers Lied 580 (Unter dem Weltenbaum 2)
[Tanz der Sterne 585 (Unter dem Weltenbaum 3)
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[Das Vermächtnis der Sternenbraut 599 (Unter dem Weltenbaum 5)
[Die Göttin des Sternentanzes 604 (Unter dem Weltenbaum 6)
[Der Herr des Traumreichs 1037
[Die Glaszauberin 1811 (Die Macht der Pyramide 1)
[Der Steinwandler 2639 (Die Macht der Pyramide 2)

Sara Douglass – Steinwandler, Der (Die Macht der Pyramide 2)

Buch 1: [„Die Glaszauberin“ 1811

Es ist so weit: Die Pyramide ist fertiggestellt! Zur Mittagsstunde wird die Sonne die Kammer der Unendlichkeit mit Licht fluten und das Tor öffnen, das den Magiern den Zugriff auf die Macht der Eins ermöglichen und damit Unsterblichkeit verleihen wird. Aber es kommt alles ganz anders! Die Präsenz, die von der Pyramide und damit von der Macht Besitz ergreift, nennt sich Nzame und unterwirft augenblicklich all jene, die so sehr nach Macht und Unsterblichkeit gegiert haben, allen voran die Magier und Chad Nezzar, den Herrscher von Ashdod.

Nur ein Bruchteil der Menschen, die diese Katastrophe miterlebten, konnte ihr entgehen, darunter Tirzah, Isphet, Yaqob, Boaz‘ Leibwächter Kiamet und Boaz selbst. Nun sind sie unter der Führung von Chad Nezzars Sohn Zabrze auf dem Weg nach Süden. Sie wollen die Heimat von Isphet erreichen, der Glasarbeiterin, in deren Werkstatt Tirzah als Sklavin gearbeitet hat. Von dort erhoffen sie sich Hilfe im Kampf gegen Nzame, der seine Macht täglich ausweitet und alles in seiner Reichweite zu Stein werden lässt. Tatsächlich werden dort einige der Elementisten zu Elementenmeistern ausgebildet, darunter Tirzah. Aber um Nzame zu besiegen, müssen sie die Bedeutung des Lieds der Frösche erkennen, und das ist nur jemandem möglich, der sowohl Elementenmeister als auch Magier ist. Der einzige Elementenmeister, der die Magie der Eins beherrscht, ist Boaz …

Bereits in „Die Glaszauberin“ war der Zwiespalt in Boaz‘ Charakter deutlich spürbar. Die Geschehnisse, die das Einsetzen des Schlusssteins begleiten, brechen schließlich die Herrschaft des Magiers über den Mann und lassen Boaz umkippen. Jetzt kämpft er zusammen mit den rebellischen Sklaven und Teilen von Chad Nezzars Armee gegen Nzame. Schuldgefühle und gelegentliche Andeutungen von Humor sowie seine Liebe zu Tirzah lassen ihn in diesem Band wesentlich menschlicher erscheinen als im ersten.

Der aufbrausende Yaqob will den Seitenwechsel zunächst nicht glauben und rammt Boaz ein Schwert in den Bauch. Tirzahs Entsetzen darüber, ihre Angst und ihr Kampf um Boaz‘ Leben zeigen ihm jedoch nur zu bald, dass er sie längst verloren hat. Dass Tirzah es ihm nicht früher gesagt hat, kränkt ihn tief. Zu meinem Erstaunen jedoch akzeptiert er sowohl Tirzahs Entscheidung als auch Boaz als neuen Verbündeten. Die deutliche spürbare Bitterkeit in seinem Verhalten verhindert dabei, dass die Entwicklung ins Unglaubwürdige abgleitet.

Tirzahs Charakter zeigt eher Stetigkeit als Entwicklung. Der Kampf gegen Nzame setzt Tirzah einer neuerlichen Zerreißprobe aus, denn sie droht nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr ungeborenes Kind zu verlieren. Dennoch klammert sie sich an das Leben ihres Babys mit derselben Unbeirrbarkeit, mit der sie sich auch an ihr eigenes Leben geklammert hat. Und an den Mann, der sich hinter der Mauer des Magiers verschanzt hatte.

Obwohl die Macht, gegen die es zu kämpfen gilt, inzwischen einen Namen trägt, wird sie nicht detaillierter ausgearbeitet. Sie bleibt eine vage, fast unbekannte Wesenheit, was im Grunde nur logisch ist, da sie aus einer anderen, fremdartigen Dimension stammt. Es genügt, dass sie unendlich blutgierig und machthungrig ist, grausam und boshaft.

Erstaunlich, dass ein Wesen, dem seine eigene Macht sowie die der Eins zur Verfügung steht, keine wirksameren Waffen als die klobigen Steinkrieger zustande bringt, die von den Soldaten Zabrzes ohne große Schwierigkeiten überwunden werden können, einfach indem man sie umwirft! Zwar bezeichnet Nzame in Tirzahs Träumen die Steinmänner als nur einen Bruchteil seiner Macht, erstaunlicherweise setzt er die Reste derselben aber kaum ein. Lediglich an Zabrzes Kindern vergreift er sich auf grausame Weise, um Zabrze zu zermürben. Wirklich aufhalten aber kann er damit niemanden, weder den König noch Boaz und seine Gefährten.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, der Kampf gegen Nzame ginge fast ein wenig zu glatt vonstatten. Nicht nur die Steinmänner wurden relativ problemlos besiegt. Auch Zabrzes Tochter Layla wurde recht schnell befreit. Am erstaunlichsten fand ich jedoch, dass Nzame Boaz die Pyramide betreten ließ! Er hatte solche Angst vor Boaz, dass er Tirzah mit den grausamsten Alpträumen quälte, nur damit sie Boaz davon abhielt, den Kampf gegen Nzame aufzunehmen. Wenn die Gefahr für ihn so groß war, dann hätte ich erwartet, dass er außerdem auch noch ein paar handfestere Maßnahmen ergreifen würde! Dass er versuchen würde, die Elementenmeister und ihr Heer um jeden Preis von der Pyramide fernzuhalten! Aber nichts dergleichen!

Insgesamt gesehen wird Nzame zwar der Bosheit und Grausamkeit gerecht, die von Anfang an angedeutet wird, nicht aber dem Machtumfang, den er eigentlich haben sollte, und blieb damit doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück, die beim Bau der Pyramide geweckt wurden.

Sara Douglass‘ Darstellungen von Schlachten und kämpfen wirken generell eher unspektakulär. Hier fällt der Endkampf sogar komplett weg! Die Geschichte ist in der Ich-Form aus Tirzahs Sicht erzählt, den eigentlichen Kampf gegen Nzame jedoch ficht Boaz aus. Da Tirzah nicht dabei ist, erfährt der Leser dazu auch keine Einzelheiten, lediglich die äußerlichen Veränderungen an der Pyramide werden festgestellt. Vielleicht sollten die nachfolgenden Komplikationen für diese doch recht lapidare Beschreibung eines Ereignisses, das eigentlich erwartungsgemäß ein Höhepunkt sein sollte, ein wenig entschädigen. Allerdings geht die Autorin auch hier nicht weiter ins Detail. Wer oder was die magische Froschin Fetizza eigentlich ist, und wie Tirzah eigentlich ihren Boaz aus dem Grenzland zwischen ihrer Welt und der Zuflucht im Jenseits herausgeholt hat, wird nicht erklärt. Auch die Funkionsweise des Froschkelches und des Buches der Soulenai bleibt unscharf.

Das ist durchaus ein Manko. Boaz‘ Zwiespalt, der einen Großteil des Flairs im ersten Band ausmachte, fällt im zweiten Band gleich zu Anfang weg. An innerer Handlung bleibt hauptsächlich Tirzahs Seelenqual angesichts der drohenden Verluste übrig. Somit wird die Geschichte nun vor allem vom Handlungsverlauf getragen. Dadurch fallen die Defizite, die problemlose Lösung der gestellten Aufgaben und die ziemlich nebulöse Ausarbeitung der magischen Elemente, stärker ins Gewicht und lassen diesen Teil der Erzählung schwächeln.

Weit störender als diese Schwachstellen empfand ich allerdings die Tatsache, dass das Buch überhaupt in zwei Teile gehackt wurde. Schon das abrupte Ende des ersten Bandes war ausgesprochen lästig. Der Neueinstieg in die Erzählung dagegen war schlicht unmöglich! Im ganzen Buch gibt es kaum eine ungeeignetere Stelle, um die Handlung zu unterbrechen, als die, die der Verlag gewählt hat! Der Leser wird gleich zu Anfang des zweiten Bandes in ein Chaos hineingeworfen. Die Ereignisse überstürzen sich, Charaktere sind im Umbruch, die Verhältnisse der Charaktere zueinander verschieben sich. Der Leser hat keine Gelegenheit, sich erst einmal wieder in die Situation und die Personen hineinzudenken, die er vor acht(!) Monaten verlassen hat. Er wird einfach überrollt!

Diese ganze Sache war nicht nur überflüssig, sie war kompletter Murks! Ich empfehle deshalb allen Interessenten, die „Glaszauberin“ und den „Steinwandler“ unmittelbar hintereinander zu lesen. Die einzige Alternative dazu ist, die Geschichte im englischen Original zu lesen. Da ist es nämlich nur |ein| Buch! Möglicherweise rettet der Zusammenhang in der Lektüre auch das Flair aus dem ersten Teil ein Stück weit in den zweiten hinüber und schwächt dadurch die kleinen Mankos ein wenig ab. Denn wenn „Tresholder“ (Originaltitel des Gesamtwerkes) auch nicht so akribisch auf- und ausgebaut ist wie der |Weltenbaumzyklus|, so hat er doch seinen ganz eigenen Zauber.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres Weltenbaum-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten. Im März erschien unter dem Titel „Die sterblichen Götter Tencendors“ auch der erste Band der |Wayfarer Redemption|, der Fortsetzung des Weltenbaumzyklus, auf Deutsch. Der zweite Teil „Die Wächter der Zeiten“ ist für September dieses Jahres angekündigt. In der Zwischenzeit schreibt die Autorin an ihrem neuen Zyklus |Darkglass Mountain|.

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[Die Glaszauberin 1811 (Die Macht der Pyramide 1)

Jonathan Coe – Das Haus des Schlafes

Ein Buch über den Schlaf – für so manch einen klingt das sicherlich nach Lektüre zum Einschlafen. Doch wer glaubt, „Das Haus des Schlafes“ vom britischen Autor Jonathan Coe sei lediglich ein Mittel, welches das Herabsenken der Augenlider beschleunigt, der liegt falsch. Coes Roman ist kein Schlafmittel, ganz im Gegenteil, seine raffinierte Figurenverknüpfung und seine ausgeklügelte Erzählweise wirken hellwach …

„Das Haus des Schlafes“ ist eine vielschichtige Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen abläuft. Beide Ebenen spielen am gleichen Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten im Abstand von ca. zwölf Jahren. Ort der Geschehnisse ist Ashdown, ein altes viktorianische Schloss an der englischen Küste. Früher war das pittoreske Gebäude ein Studentenwohnheim, wurde inzwischen aber zu einer Klinik für Patienten mit Schlafstörungen umfunktioniert.

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Martinez, A. Lee – Diner des Grauens

_Umtriebiger Nachwuchs …_

… hat das Licht der Bücherwelt erblickt in den Reihen zwerchfellkitzelnder Phantasten: A. Lee Martinez, ein 33-jähriger Bursche aus Texas, verbeugt sich vor der Komikergilde um Asprin, Pratchett, Rankin, Adams und Co. und hat mit „Diner des Grauens“ einen locker-flockigen Horrorspaß aus seiner Feder gewrungen. Ob er die Eminenzen von ihrem Gelächter-Thron stoßen wird, bleibt fraglich, der Unterhaltungswert dieses Debüts ist es nicht:

_Willkommen im |Gil´s all Fright Diner|!_

Zunächst: Man möge dem Klappentext der deutschen Ausgabe nicht allzu großen Wert beimessen, spricht er doch von Earl als dem „coolsten Vampir“ und von Duke als dem „fettesten Werwolf“ aller Zeiten. Nun, Earl wäre darüber sicherlich sehr geschmeichelt. Er würde sich durch die vampirischen Geheimratsecken fahren und sich freuen, dass er einmal nicht als weinerliche, hochneurotische Vampirnervensäge bezeichnet wurde. Duke allerdings würde dem Verfasser via eingeschlagenem Schädel klarmachen, dass sich eine riesenhafte, jähzornige Kampfmaschine mit unmenschlichen Kräften eben ungern als „fettester Werwolf“ bezeichnen lässt.

Besagtes Pärchen jedenfalls schaukelt mit einem rostigen Pickup durch die Wüsten von Amerika, um schließlich im |Gil´s all Fright Diner| abzusteigen. Wie das Schicksal so will, kommt eine Meute Zombies zur gleichen Zeit auf die gleiche Idee, und ein paar beschäftigungsreiche Augenblicke später bekommen die beiden von Bardame Loretta einen Job, gleich nachdem sie diverse Zombieüberreste vor die Tür gefegt hat.

Das Städtchen Rockwood hat nämlich schon seit längerem unter derartigen Heimsuchungen zu leiden, nicht erst, seit Gil, der ursprüngliche Besitzer des Diners, spurlos verschwunden ist. Also greifen Earl und Duke der beleibten Loretta unter die Arme und stellen fest, dass Rockwood ein wahrer Magnet für übernatürliche Unbilden zu sein scheint. Bald schon finden sie den Grund dafür heraus …

_Zwerchfell- und Nervenkitzel in einem._

Wie das immer so ist, mit „Sensationsromanen“ und mit Werken, denen man „den größten Spaß seit Douglas Adams“ attestiert; die heraufbeschworenen Erwartungen bleiben auf der Strecke. So auch beim „Diner des Grauens“. Aber auch wenn das kein „Sensationsroman“ ist, ist es doch ein wunderbar unterhaltsamer Zeitvertreib, bei dem man mal an den Nägeln kaut, sich mal den Bauch hält, und dann plötzlich erschrocken feststellt, dass man schon am Ende angelangt ist.

Es macht einfach Spaß, die beiden Protagonisten bei ihrem skurrilen Abenteuer zu begleiten: Earl ist ein weinerlicher, empfindlicher Feigling, der sich den ganzen Tag mit Duke in den Haaren liegt. Duke hingegen hat für alles, wenn er denn mal spricht, nur staubtrockene Kommentare übrig und legt ansonsten einen äußerst werwölfigen Aktionismus an den Tag. Kompliziert (und hoch amüsant) wird es, als sich Earl in eine Geisterdame verliebt (und diese Peinlichkeit unbedingt vor Duke verbergen möchte), und als Duke sich gegen die Annäherungen einer attraktiven Teenagerin wehren muss, obwohl ihm das Tier im Manne ganz Anderes schmackhaft macht. Als ob sie mit dem Geheimnis um den verschwundenen Gil und seinen Horror-Diner nicht schon genug um die Ohren hätten …

Die Story an sich gießt ganze Kellen an Spott über die Konventionen des Horror-Genres aus: Da beklagt Earl sich bitterlich, dass ihm den ganzen Tag pubertäre Mädels an die Wäsche wollten, weil das die Ausstrahlung von Vampiren nun mal so mit sich bringe, und er leidet unter riesigen Minderwertigkeitskomplexen, da die Medien unerfüllbare Erwartungen an untote Liebhaber stellen. Es gibt Protoplasma-pinkelnde Geisterhunde, einen sturen Magic-Eight-Ball, der sich nur mit Bonanza zu einer Antwort bestechen lässt, Ghouls, die sich Komplimente machen, während sie auf den tödlichen Sonnenaufgang warten, Beschwörungen in pubertärer Silben-Geheimsprache, und dergleichen mehr, das der Leser wohl besser selbst entdecken sollte.

_Wildwasserfahrt im Comicpark._

Die Figuren sind Comic-Figuren mit Leib und Seele. Keine ihrer Anwandlungen hat etwas Natürliches an sich, alles ist überspitzt und überdreht, aber Tiefe besitzen sie trotzdem. Earl und Duke beispielsweise; es gibt eine Geschichte, wie sie sich getroffen haben, warum sie zusammenhalten und wie sie mit ihrem Schicksal allgemein klarkommen. Aber auch die Nebenfiguren aus Rockwood haben, für ein Comic-Universum, glaubwürdige Motive.

Und diese Motive verknüpfen sich überhaupt erst zu der gesamten Story: Durch den Klappentext erwartet man eigentlich eine Ansammlung unsinniger Skurrilitäten, die mit einem losen Handlungsfaden aneinandergeknüpft wurden, aber das ist im „Diner des Grauens“ überhaupt nicht der Fall. Alles hat seinen Grund: Warum der alte Gil aus seinem Diner verschwunden ist, warum plötzlich Zombie-Kühe auftauchen, warum es ausgerechnet einen Vampir und einen Werwolf an diesen Ort verschlägt. All das steigert sich zu einem Showdown, der nicht nur in sich schlüssig ist, sondern auch spannend, und der an seinem Ende keine offenen Fragen hinterlässt.

Pluspunkte gibt es außerdem für Tammy: Die Antagonistin ist eine hübsche Achtzehnjährige, ein typischer Vamp, die jeden Typen genau in die Richtung manipuliert, in die sie ihn haben möchte, obwohl der Verhexte genau weiß, dass er damit in das offene Messer rennt. Standard eigentlich, so sehr, dass man fast schon von archetypisch sprechen könnte, aber Martinez hat die Verführkünste seiner Gegenspielerin derart lebensecht und spürbar in Szene gesetzt, dass der Verfasser dieser Zeilen zugegebenermaßen recht kribblig geworden ist, das eine oder andere Mal …

_Schmackhaftes Desert nach schweren Gängen._

Nein, es bleiben kaum Wünsche offen nach dem Besuch von Gil’s Diner. Natürlich, um Hochliteratur handelt es sich dabei nicht, aber für einen luftigen Snack nach allzu schwerer Kost taugt es allemal. Zwar erreicht Martinez keinesfalls den Ideenreichtum eines Douglas Adams oder eines jungen Terry Pratchett, und auch ist „Diner des Grauens“ nicht so ausgeklügelt und augenzwinkernd wendungsreich wie die Dämonen-Abenteuer von Robert Asprin. Aber für einen Einstand in das Genre hat sich der junge Texaner hervorragend geschlagen.

Und, um den Brückenschlag zur einleitend erwähnten Umtriebigkeit zu vollführen: Martinez ruht sich auf diesen Lorbeeren keineswegs aus. Im August dieses Jahres wird sich „In the Company of Ogres“ zur Aufgabe machen, das Fantasy-Genre zu verhöhnen, „The Nameless Witch“ ist schon fertig verfasst und befindet sich in der Korrekturphase, während sich Agent und Verleger von Martinez schon über „Nessys Castle“ beugen, und über „Automatic Detective“, eine Verballhornung des Noir-Krimis mit „Robotern, Mutanten und anderem coolen Zeug“. Ob Martinez seinen Horizont erweitern wird? Oder ob er in Pratchett’sches Gag-Recycling verfallen wird? Ob er sein Pulver schon verschossen hat, oder ob er gerade mal anfängt, warm zu werden? Keine Ahnung. Seine Chance hat er sich jedenfalls mit dem „Diner des Grauens“ verdient!

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Silverberg, Robert (Hrsg) – Legenden – Das Geheimnis von Otherland

_Ein neuer Blick in den Silbernen Schrein._

1999 wurde „Der Silberne Schrein“ für uns geöffnet, und zwar von Robert Silverberg, der sich der lobenswerten Aufgabe verschrieben hat, dem interessierten Leser einen Einblick in die Welt der Fantasy-Giganten zu gewähren. Ursula Le Guin, George R. R. Martin, Stephen King, etc., sie alle haben kurze, eigenständige Erzählungen verfasst, die in ihren Universen spielen, die dem Leser ihre Figuren vorstellen, und die mit ihrer sprachlichen Geschicklichkeit begeistern. Jetzt, sieben Jahre später, präsentiert uns der |Piper|-Verlag die Fortsetzung, hat sie aber in zwei Teile aufgespalten. „Das Geheimnis von Otherland“ ist der zweite.

_Tad Williams – „Der glücklichste tote Junge der Welt“_ (Otherland)

Orlando Gardiner ist tot, sein Geist aber befindet sich noch in Otherland, wo er wichtige Kontrollaufgaben zu erledigen hat. Trotz seiner Macht in der virtuellen Welt schleicht sich die Depression an ihn heran, die Kontakte mit seinen Eltern sind peinlich und zermürbend, seine Freundin Lisa dagegen wird immer älter und entfremdet sich von ihm. Es bleibt ihm nichts übrig, als in den verschiedenen Subwelten von Otherland herumzuwandern und Zerstreuung zu suchen; wenn er sich zurückziehen möchte, tut er das in Bruchtal, wo er mit Elrond zu Abend isst. Mitten in seinem ganzen Frust taucht aber plötzlich eine junge Dame auf, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Irritiert macht er sich auf die Suche nach ihr, doch immer, wenn er sie fast erwischt, zerplatzt sie wie eine Seifenblase. Während er noch grübelt, stellt er fest, dass sich dieses Phänomen über ganz Otherland auszubreiten scheint …

Also alleine der Anfang ist es wert, diese Story zu lesen: Da sitzt Orlando Gardiner alias Tharagorn in einem virtuellen Bruchtal, als ein besonders haariger Hobbit hereinstürmt und ihn als Elbenknuddler verspottet, ehe er ihm dann die Termine unterbreitet, die heute noch zu erfüllen sind. Dieser Hobbit ist nämlich nichts anderes als Orlandos Terminplaner, eine rotzfreche KI, die nur köstliche Unverschämtheiten von sich gibt.

Aber auch sonst ist „Der glücklichste tote Junge der Welt“ eine tolle Leistung, die Figuren sind echt, die Konflikte mitreißend, und die Erklärung des Universums fügt sich fast meisterhaft in die Spannungsbögen ein. Auch wenn das Ende einen nicht von Hocker pfeift, die Stimmung ist toll, die Ideen sind spritzig und der Spaß, den Williams beim Schreiben hatte, sickert aus jeder Zeile. Unbedingt lesenswert!

_Terry Brooks – „Unbeugsam“_ (Shannara)

Jair Ohmsford hat seinerzeit das Ildatch zerstört, ein finsteres Buch voll schwarzer Magie, das beinahe die ganze Welt verschlungen hätte. Heute hat Jair eigentlich seinen Frieden gefunden, doch da taucht Kimber auf, eine hübsche Messerwerferin und alte Bekannte. Ihr Großvater, sagt sie, glaubt, dass eine Seite des Ildatch-Buches überlebt habe, und deswegen soll er ihr unbedingt zu folgen, um ihm das Gegenteil zu beweisen. Natürlich wird Jair von dem alten Mann überzeugt, dass tatsächlich eine solche Seite überlebt hat, und so machen sich die Drei auf die Reise, um sie zu vernichten.

Etwas Neues gibt es für den Fantasy-Fan hier nicht zu bestaunen. Brooks schleppt den Leser mit einer Standard-Story durch sein Shannara-Universum, seine Figuren zögern und zaudern auf ihrer Reise zum unvermeidlichen Showdown und erklären in diesen recht zähflüssigen Passagen die Welt von Shannara. Neben ein paar netten Bildern hat „Unbeugsam“ kaum etwas zu bieten, das Ende zeichnet sich schon auf den ersten Seiten ab und das Universum hat einfach Staub angesetzt. Natürlich muss man dabei bedenken, dass der erste Shannara-Band schon 1977 erschienen ist, dementsprechend ist es durchaus in Ordnung, wenn Brooks hier „Standard“ schreibt, immerhin hat er den „Standard“ mitbegründet. Trotzdem. Für Shannara-Fans bestimmt interessant, für den Neueinsteiger oder modernen Fantasyleser eher Baldrian in Bücherform.

_Anne McCaffrey – „Jenseits des Dazwischen“_ (Die Drachenreiter von Pern)

Thaniel wartet auf seinem Hof darauf, dass ihm ein Impfstoff gebracht wird, der ihn und seine Kinder vor einer Seuche bewahren soll, die Pern heimsucht. Endlich taucht die Weyherrin Moreta aus dem Dazwischen auf und bringt ihm die ersehnten Medikamente. Erstaunt stellt Thaniel fest, dass Moreta nicht auf „ihrem“ Drachen reitet, dabei ist es doch in ganz Pern bekannt, dass zwischen Drachen und Reiter ein immerwährendes Band herrscht; wenn der eine stirbt, sucht auch der andere den Tod. Thaniel wagt es nicht, die adlige Frau nach Gründen zu fragen, und so springt Moreta nach dem Abschied ins Dazwischen, jenem seltsamen Ort, der von den Drachenreitern durchschritten wird, um große Entfernungen in kurzer Zeit zurückzulegen. Nur diesmal bleiben Moreta und ihr Drachen im Dazwischen verschollen. Alle glauben schon, sie sei für immer verloren, doch da fangen Thaniels Pferde Nachts zu wiehern an, immer zur gleichen Zeit …

„Jenseits des Dazwischen“ ist ein gemächliches Stück Fantasy, das die komplexe Pernwelt erklärt, ohne in übermächtige Erzählpassagen umzukippen. Es ist nicht spannend, Konflikte gibt es kaum, und manches Ereignis wird überflüssigerweise aus mehreren Perspektiven erzählt, aber schlecht ist „Jenseits des Dazwischen“ trotzdem nicht. Es ist eine Geschichte wie ein Sonntagsspaziergang: nett, aber nicht umwerfend. Für den Pern-Kenner kann das natürlich wieder ganz anders aussehen! Mir hat aber „Die Läuferin von Pern“ im „Silbernen Schrein“ besser gefallen.

_Neal Gaiman – „Der Herr des Tals“_ (American Gods)

Die Menschen, die nach Amerika auswanderten, haben ihre Götter mitgebracht. Mr. Wednesday ist Odin, der den neuen Göttern Geld und Medien den Krieg angesagt hat, sein Helfer ist Shadow, um den es in dieser Novelle geht. Shadow sitzt in einer Kneipe in Schottland und wird plötzlich angesprochen, ob er nicht einen Leibwächterjob übernehmen möchte. Obwohl ihn die Bardame Jennie eindringlich davor warnt, nimmt er den Job an. Türsteher soll er sein, an einem abgelegenen Haus in den Bergen. Die Gäste reisen an, alle aus oberen Kreisen, und Shadow schwant allmählich, dass sein Job nicht so einfach ist, wie er sich das erhofft …

Ähnlich wie bei Tad Williams kommt der Leser hier in den Genuss einer Universenbeschreibung, die hervorragend in den Spannungsaufbau eingebunden ist. Hier gibt es keine langatmigen Erklärungspassagen, alles spielt sich während der Handlung ab und hält uns bis zur letzten Seite bei der Stange. „American Gods“ wirft ein seltsam entrücktes Licht auf unsere Welt: Es gibt Götter und Fabelwesen, sie wandeln unter uns in Menschengestalt und würden neben einem gewissen Hang zum Exzentrischen niemandem auffallen. Ständig spielt sich Mysteriöses ab, zwischen den Zeilen der Gesellschaft sozusagen, in den Mantel normaler Aktivitäten gehüllt, zum Beispiel Dinnerpartys in abgelegenen Häusern. Gaiman ist ein moderner Autor, wie er im Buche steht; er zeigt alles, labert kaum, und die Charakterzüge seiner Figuren reichen bis in die spritzigen Dialoge hinein. „Der Herr des Tales“ ist nicht wirklich spannend, aber hochinteressant und ein gelungener Appetizer! „American Gods“ sollte man im Auge behalten!

_Raymond E. Feist – „Der Bote“_ (Midkemia)

„Der Bote“ ist die Geschichte des jungen Melders Terrance, der vor dem großen Wintereinbruch seinen ersten wichtigen Botenauftrag zu erledigen hat. Dabei verläuft nicht alles so, wie er sich erhofft hat; Krankheit erschwert seinen Auftrag ebenso wie diverse Wendungen, die der Krieg von ihm verlangt.

Ähnlich wie „Unbeugsam“ ist „Der Bote“ eine sehr einfache Geschichte; anders als Brooks schafft es Feist aber wirklich spannend zu erzählen. Die Unbilden, die ein Melder zu ertragen hat, erlebt der Leser am eigenen Leib; man friert mit Terrance, fürchtet sich mit ihm und leidet mit ihm, wenn er trotz Fieber und Müdigkeit hinaus in den Schnee muss, wo der Feind schon auf ihn wartet. Feist erzählt bunt und detailreich, man kann sehen, riechen, fühlen und schmecken, dabei erfährt man allerhand über den Krieg mit Midkemia, und spannend ist es auch noch. Zwar hat „Der Bote“ seine Längen, ist aber durchweg unterhaltsam; ob Feist damit aber das Interesse für den kompletten Zyklus zu wecken vermag, bleibt jedem selbst überlassen.

_Elisabeth Haydon – „An der Schwelle“_ (Rhapsody)

Das Universum von Haydons Rhapsody-Saga ist so komplex, dass das zweiseitige Vorwort nicht genügt, um es zu bändigen. So oft man es auch liest, die Details erschlagen einen geradezu. Aber für „An der Schwelle“ braucht man all das gar nicht zu wissen: Es ist die Geschichte einer Gruppe Soldaten, die auf der Insel Serendair zurückgeblieben ist, obwohl deren Ende unmittelbar bevorsteht. Vor vielen Jahren ist ein Stern ins Meer gestürzt, vor der Insel, und löste eine Katastrophe aus. Eine Prophezeiung besagt, dass das „schlafende Kind“ aber in Kürze wieder erwachen würde, und die Anzeichen dafür häufen sich.

So warten die Soldaten also darauf, dass sie der erwachende Stern verschlingt. Dann allerdings taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der die Hoffnung weckt, dass die Prophezeiung zu verhindern sei …

Das Positive zuerst: Haydon hat eine Menge Ideen. Negativ: Sie schafft es nicht, diese Ideen in ihre Handlung einzubauen. In „An der Schwelle“ haben wir also eine Ansammlung klassischer Fantasy-Figuren, die klassische Fantasy-Dinge tun (den Wind beschwören, durch die Gegend reiten, geheimnisvolle Fremde begleiten). Und während diese Figuren so im Klischee schwelgen, erzählen sie dem Leser in todlangweiligen Laberpassagen von der wunderbaren Tiefe ihres Universums, von den verschiedenen Kulturen, die es gibt, von Kriegen, usw. usf. Tut mir leid, aber auch die halbherzigen Wendungen genügen kaum, um mich aus dem lesetechnischen Dämmerschlaf zu reißen, eher im Gegenteil.

_Seitenstechen auf der zweiten Etappe._

Zunächst: Die Landkarten der jeweiligen Welten fehlen auch hier schmerzlichst. Wie sieht denn nun Midkemia aus oder Shannara? Ich hoffe schwer auf eine Bereinigung dieses Makels, wenn ein dritter „Legenden“-Band herauskommen sollte …

Zu „Legenden – Das Geheimnis von Otherland“ sei gesagt, dass die „Hit-Dichte“ geringer ist als in „Lord John – Der magische Pakt“. Neal Gaiman und Tad Williams haben Tolles vollbracht, aber Anne McCaffrey und Raymond Feist müssen sich den Stempel „unterhaltsamer Durchschnitt“ gefallen lassen, während auf Elisabeth Haydon und Terry Brooks gar das „Langweilig!“-Brandzeichen wartet.

Aber Trotzdem. „Legenden“ ist ein tolles Projekt und in seiner Gänze unterstützenswert, einen Kauf wird weder der Einsteiger noch der Kenner bereuen.

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Silverberg, Robert (Hrsg.) – Legenden – Lord John, der magische Pakt

_Ein neuer Blick in den Silbernen Schrein._

1999 wurde „Der Silberne Schrein“ für uns geöffnet, und zwar von Robert Silverberg, der sich der lobenswerten Aufgabe verschrieben hat, dem interessierten Leser einen Einblick in die Welt der Fantasy-Giganten zu gewähren. Ursula Le Guin, George R. R. Martin, Stephen King, etc., sie alle haben kurze, eigenständige Erzählungen verfasst, die in ihren Universen spielen, die dem Leser ihre Figuren vorstellen, und die mit ihrer sprachlichen Geschicklichkeit begeistern. Jetzt, sieben Jahre später, präsentiert uns der |Piper|-Verlag die Fortsetzung, hat sie aber in zwei Teile aufgespalten. „Lord John, der magische Pakt“ ist der erste.

_Diana Gabaldon – „Lord John und der magische Pakt“_ (Highland-Saga)

1754. Lord John Grey ist Verbindungsoffizier des ersten Hannoveraner Infanterieregiments und als solcher hat er sich um den reibungslosen Ablauf der Dinge zwischen den preußischen Truppen und denen der Engländer zu kümmern. Wäre das nicht schon schwierig genug, weil ein Angriff der Franzosen bevorzustehen scheint, werden preußische und englische Soldaten plötzlich Opfer seltsamer Tode. Schnell breitet sich der Aberglaube aus. Bestimmte Verletzungen und der Zustand der Leichen deuten darauf hin, dass ein Sukkubus sein Unwesen treibt, um sich des Nachts den Samen der Männer zu stehlen. Die Soldaten werden darauf immer schwächer und unkonzentrierter, da es niemand mehr wagt, nachts einzuschlafen, und plötzlich taucht im Königshaus eine Hexe auf und will den Prinzen entführen …

Lord John Grey ist ein „Spin-off“ der eigentlichen Highland-Saga, tritt er dort doch eigentlich als mehr oder minder wichtige Nebenfigur auf. Diana Gabaldon hat dem homosexuellen Adligen aber bereits zwei eigenständige Romane geschenkt, von denen momentan leider nur [„Das Meer der Lügen“ 87 erhältlich ist. Lord John ist jedenfalls ein sympathischer Ermittler, und es ist ein Genuss, mit ihm durch das 18. Jahrhundert zu streifen, um das Geheimnis dieses magischen Paktes zu entlarven. Gabaldon hat ein Händchen für originelle Bilder und für überraschende Wendungen, die im „magischen Pakt“ außerdem noch auf ein wohlkomponiertes Finale zusteuern. Es braucht zwar eine konzentrierte Aufmerksamkeit, um all die Haken der Story mitverfolgen zu können, aber das zahlt sich mehr als aus! Für mich ist Diana Gabaldon jedenfalls zu einem weiteren Namen auf meinem Einkaufszettel geworden.

_George R. R. Martin – „Das verschworene Schwert“_ (Das Lied von Eis und Feuer)

Einige Zeit ist vergangen seit den Ereignissen in „Der Heckenritter“, in dem Ser Duncan der Hohe ein Gottesurteil gefochten hatte und seitdem den jungen Knappen Ei an seine Seite weiß.

Mittlerweile hat Dunk sein Schwert Eustace Osgrey verschworen, einem kleinen Lord, dessen Geschlecht ausstirbt, der gerade mal drei Dörfer zu seinem Herrschaftsgebiet zählt und der von seinen Untergebenen nicht ernst genommen wird. Vor allem nicht von Bennis, dem Braunen Ritter, der es vorzieht, „wie ein gammliger Käse zu stinken“, als den Aufwand eines Bades zu ertragen.

Es ist Sommer in den sieben Königslanden, und eine Dürreperiode obendrein, und so kommt es, dass die Bauern der „Roten Witwe“ einen Damm errichten und Lord Osgreys Land damit das Wasser abgraben. Osgrey schickt Dunk und den Braunen Ritter, um nach dem Rechten zu sehen, Blut wird vergossen, und Kampf scheint unvermeidbar, aber dann versucht sich Dunk als diplomatischer Mittler bei der gefürchteten „Roten Witwe“ …

George R.R. Martin ist der Inbegriff moderner Fantasy, derjenige, der das Genre in Gefilden auslotet, die fern von Kitsch und Klischee sind, und er ist ein Meister seiner Disziplin. „Das Lied von Eis und Feuer“ ist ein hochkomplexer Zyklus voller Verwicklungen und politischer Intrigen, ist dabei aber gleichzeitig so flüssig und mitreißend zu lesen, dass der Tag plötzlich viel zu kurz erscheint. Die Erzählungen um Dunk, den Heckenritter, und Ei, seinen Knappen, spielen etwa hundert Jahre vor den Ereignissen im „Lied von Eis und Feuer“ und sind damit ideal für den Einstieg geeignet: Dem „Neuling“ werden keine entscheidenden Wendungen aus dem Hauptwerk verraten, und der „alte Hase“ kann sich an den vielen kleinen Anspielungen erfreuen, die auf Geschehendes hindeuten.

„Das verschworene Schwert“ macht da keine Ausnahme, kommt allerdings erst gemächlich in die Gänge. Viel politischer Hintergrund muss erst vermittelt werden, damit der Leser den Konflikt zwischen Lord Osgrey und der „Roten Witwe“ versteht, und teilweise wird man dabei fast erschlagen von Fakten und Namen. Die Mühe lohnt sich aber, dafür hat Martin erneut Figuren erschaffen, die atmen, mit denen man zittert, die man bedauert oder einfach nur hasst, es gibt unerwartete Wendungen, und der Spannungsbogen spannt sich bis zum Schluss. Wenn man erst einmal drin ist, kann man einfach nicht mehr aufhören. „Das verschworene Schwert“ ist trotz gelegentlicher Längen ein Martin, wie er im Buche steht, und wiederum bleibt mir nichts anderes übrig, als den Hut vor der Feder dieses Mannes zu ziehen. Ganz großes Kino!

_Orson Scott Card – „Die Yazoo-Queen“_ (Die Legende von Alvin dem Schmied)

Alvin, der Schmied, ist mal wieder unterwegs, in diesem alternativen Amerika, das keine Unabhängigkeitskriege erlebt hat und das vor Magie und seltsamen Talenten nur so sprüht. Dabei hat er natürlich seinen jungen Gefährten Arthur Stuart, einen Schwarzen, der sich darin übt, ein ebensolcher „Schöpfer“ zu werden wie sein Herr, dem das aber nicht so leicht von der Hand geht, weil er eben nicht der siebte Sohn eines siebten Sohnes ist.

Jedenfalls besteigen Alvin und Stuart die Yazoo-Queen, um herauszufinden, ob es sich dabei um ein verkapptes Sklavenschiff handelt oder nicht. Dort wird Alvin von einem William Barret Travis angesprochen, der ihn zu einer Expedition anwerben will, auf der man sich der Ausrottung der „verderbten Mexika-Stämme“ widmet, und er wird von einem mysteriösen messerschwingenden Fremden auf seine Tasche angesprochen, in der er den magischen Pflug mit sich führt. Arthur Stuart indes, den es schrecklich anödet, sich wie ein „Boy“ verhalten zu müssen, bemüht sich um die Befreiung gefangener Sklaven.

Vorab: Für einen Orson Scott Card ist das eine erstaunlich schwache Story. Sicher, die Abrechnung mit dem Sklaventum trifft ins Schwarze, die schrägen Auftritte großer Persönlichkeiten aus der amerikanischen Geschichte sind unterhaltsam und Cards Dialoge sind so spritzig wie eh und je, aber einen wirklichen Spannungsbogen gibt es nicht. Zudem fehlt der „Yazoo-Queen“ der tolle trockene Humor, durch den sich „Der Grinsende Mann“ in der Vorgängeranthologie ausgezeichnet hat. Trotzdem ist „Die Yazoo-Queen“ ein unterhaltsamer Blick in die Welt von Alvin dem Schmied.

Vielleicht kann man diese Story erst dann richtig genießen, wenn man den kompletten Alvin-Zyklus gelesen hat, und das ist für den deutschsprachigen Leser ohnehin unmöglich. Die ersten vier Bände tauchen höchstens noch in Antiquariaten auf, und die beiden letzten Bände „Heartfire“ (1998) und „The Crystal City“ (2003) wurden bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Also bitte, lieber |Piper|-Verlag, übernehmen Sie!

_Robin Hobb – „Heimkehr“_ (Die Zauberschiffe)

Robin Hobb gilt seit ihrem Zyklus über den Assassinen Fitz Chivalry Weitseher als eine Fantasy-Virtuosin im Fahrwasser von George R. R. Martin. Ihr Zyklus „Die Zauberschiffe“ spielt in derselben Welt wie der Assassinen-Zyklus, jedoch weit südlich von den Herzogtümern: Auf den Pirateninseln und dem sagenhaften Regenwildfluss. Der Kurzroman „Heimkehr“ spielt vor dem ersten Band der Zauberschiffe-Saga.

Jathan Carrocks hat sich entehrt und wird deswegen vom Satrapen Esclepius enteignet und ins Exil geschickt. Er hat die zweifelhafte Ehre, eine Kolonie in den Ländern am Regenwildfluss aufzubauen, und darf sich dort eine neue Existenz verschaffen. Das alles geschieht sehr zum Missfallen seiner Gattin Carillion Waljin Carrock. Diese fühlt sich nicht ihrem Stand gemäß behandelt, sondert sich gegen die anderen „Gemeinen“ ab und hat schwer mit ihren Kindern zu kämpfen, da ihr Dienstmädchen sich gegen sie auflehnt. Besonders schwer ist das deswegen, weil sie ein Ungeborenes in sich trägt. Jedenfalls zieht sich die Fahrt mit den Schiffen schier endlos hin, und als endlich der verheißungsvolle Regenwildfluss angelaufen wird, wähnt sich Lady Carillion am Ende ihrer Strapazen. Aber die fangen gerade erst an; ätzendes Wasser, und lockende Stimmen sind noch die harmlosen Gefahren, die in dem sumpfigen Regenwald auf sie lauern …

In Zeiten moderner Fantasy ist man es eher gewohnt, mit einer Art „schriftstellerischen Kameraführung“ an die Ereignisse herangeführt zu werden. „Zeigen, nicht Erzählen!“ ist das Mantra, das jeder lernwillige Jungautor vor sich herzubeten hat, wenn er auf einen Verlag hoffen möchte. Robin Hobb ist aber keine Jungautorin mehr, und dementsprechend pfeifft sie auf derartige Konventionen und entstaubt den guten alten Tagebuch-Stil. Und anders hätte ich „Heimkehr“ nicht erzählt bekommen mögen!

Man begleitet Lady Carillion von Anfang an, beobachtet sie, wie sich die hochnäsige Adlige an das neue Leben herantastet, und sieht ihr dabei mitten in den Kopf. Auch wenn es sich anfangs etwas zäh entwickelt, „Heimkehr“ ist eine unglaublich intensive Story, Angst und Verzweiflung sind ständige Begleiter der Kolonialisten und man spürt selbst, wie einem die Endlosigkeit des Urwaldes aufs Gemüt drückt. Und dann sind da ja noch diese seltsam sirenenhaften Gesänge und rätselhaften Träume. Unbedingt lesenswert!

_Robert Silverberg – „Das Buch der Veränderung“_ (Majipoor)

Majipoor ist ein Planet, zehnmal so groß wie die Erde und von wundervoller Idylle. Seine Geschichte ist erfüllt von Kriegen mit den metamorphen Ureinwohnern, aber auch von Zeiten des Friedens. „Das Buch der Veränderung“ spielt etwa zehntausend Jahre nach der Besiedelung von Majipoor durch den Menschen, aber gleichzeitig viertausend Jahre vor den Ereignissen, die im ersten Majipoor-Roman beleuchtet wurden.

Prinz Aithin Furvain ist der fünfte Sohn eines Coronals, des „Vize-Herrschers“ von Majipoor, und als dieser hat er keine größeren Aufgaben zu übernehmen als ein angenehmes Leben zu führen. Er hat sich seinem Schicksal gefügt, frönt seiner Leidenschaft, leichte Gedichte zu verfassen, hat mit allerlei Frauen das Bett geteilt und hält auch sonst Ehrgeiz für eine schrecklich überbewertete Sache. Immer öfter jedoch drücken ihm die Errungenschaften seines Vaters auf die Seele und er hat das Bedürfnis, dieser sich ausbreitenden Seelenleere den Kampf anzusagen. So bricht er also auf, um die Schönheit Majipoors in aller Einsamkeit zu erkunden, und wird prompt gefangen genommen von Kasibinon, einem Banditenfürsten, der von Furvain nichts Geringeres erwartet als eine große dichterische Schöpfung …

Er liest sich Anfangs recht unterhaltsam, der Wandel des Taugenichtes Furvain, der auf seinen Reisen plötzlich mit Gefahren und Verantwortung konfrontiert wird. Öde wird es erst, als Furvain seine dichterische Größe entdeckt. Der Konflikt mit seinem Geiselnehmer schwindet plötzlich zu einem Randdasein, während die Entstehung von Furvains Großwerk zu ständigen Rückblenden missbraucht wird, die den Leser darüber hinaus mit einer Unmenge staubtrockener Infos über das Majipoor-Universum erschlagen. Schade! Wenn Silverberg damit beabsichtigte, einen Überblick über Majipoor zu vermitteln, hat er sich eine denkbar ungünstige Methode ausgesucht! Wenigstens der Anfang ist eine bildreiche Wanderung durch die Idylle des Planeten, mit den Augen glaubwürdiger Figuren betrachtet. Wenn der Schluss diesen guten Eindruck nicht so schändlich in den Staub getreten hätte, wäre „Das Buch der Veränderung“ nicht nur „nett“ gewesen, sondern richtig gut.

_Spannendes Projekt, spannend fortgesetzt._

„Legenden II“ ist in seiner Gänze eine würdige Fortsetzung zu „Der siebte Schrein“ und lohnt der Anschaffung, nicht nur, um dieses tolle Projekt zu unterstützen! Aber einen kräftigen Punktabzug gibt’s trotzdem:: Wo sind die Karten? Die sieben Königslande von Martin, die Pirateninseln von Hobb, und natürlich das alternative Amerika von Orson Scott Card … Es ist schon schwer genug, einen Eindruck von einem fremden Fantasy-Universum zu bekommen, wenn man mittels eines Kurzromans hineinschnuppert, aber ohne die Karten fühlt man sich wie ein Blinder in einem fremden Land. Wenn es also eine Fortsetzung von „Legenden“ geben sollte (Martin bastelt ja schon an einer dritten Dunk-Novelle), bitte, gebt uns Fantasy-Lesern die Landkarten, die wir so gerne mit dem Finger bereisen!

Aber auch so ist „Legenden – Lord John, der magische Pakt“ unbedingt kaufenswert, für Einsteiger und „Profis“ gleichermaßen.

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Fergus Fleming – Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol

Die vielen Versuche, den Nordpol zu erreichen, werden vom Verfasser zu einer „Entdeckungsgeschichte“ gebündelt, ein ehrgeiziges aber geglücktes Unterfangen, das unter Wahrung der historischen Tatsachen die absurden Aspekte eines an sich sinnlosen Wettlaufs betont. Als Sachbuch ebenso informativ wie spannend und witzig, wobei der Autor freilich manchmal literarisch etwas nachhilft, um für die gewünschten Humoreffekte zu sorgen.  Fergus Fleming – Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol weiterlesen

Meißner, Tobias O. – letzten Worte des Wolfs, Die (Im Zeichen des Mammuts 2)

_Totenschädel und Kreuzknochen …_

… für all jene, die den ersten Band [„Die dunkle Quelle“ 1938 noch nicht kennen, sich aber trotzdem diese Rezension einverleiben wollen. Ich bin ein (so weit es geht) beinharter Verfechter von „spoilerfreien“ Rezensionen, aber hier werden zwangsläufig Details angesprochen, die sich im ersten Band erst entwickeln mussten. Um trotzdem Interessierte nicht unverrichteter Dinge von dieser Seite zu scheuchen, sei wiederholt, dass „Im Zeichen des Mammuts“ ein origineller Fantasy-Zyklus ist, dessen kompletter Plot während einer siebenjährigen Rollenspiel-Kampagne entwickelt wurde. Keine ermüdende Endlosreihe also, sondern ein kompaktes Fantasy-Spektakel mit definitiv geplantem Ende.

_Können Mammuts schwimmen?_

Diese Frage muss sich die Truppe um Rodraeg Delbane und das Schmetterlingsmädchen Naenn bald stellen, denn eine neuer Auftrag ist in ihr Hauptquartier geflattert, losgeschickt vom geheimnisvollen „Kreis“ und dem rasch sich verjüngenden Kindgreis Riban Leribin. Ausgeruht vom Desaster in den Schwarzwachsminen und unter den ersten Ausläufern von Langeweile leidend, kommt den Streitern vom „Mammut“ die neue Aufgabe gerade recht: In der Hafenstadt Wandry soll eine Herde Buckelwale angespült werden und verenden, wenn das Mammut nichts dagegen unternimmt. Das Schmetterlingsmädchen vermutet „Fängermagie“, eine seit Generationen verbotene Form der Zauberei, die unbedingt verhindert werden muss.

Gar nicht so einfach das Ganze, denn mit Migal, der sich der Truppe „Erdbeben“ angeschlossen hat, fehlt ihnen ein Mann, Rodraeg hustet sich wegen seiner schlimmer werdenden Schwarzwachsvergiftung die Seele aus dem Leib, und als ob das nicht schon genug Motivationsbremsen wären, bekommt Rodraeg von dem Schmetterlingsmädchen noch eine richtig üble Enthüllung an den Kopf geknallt.

Wenigstens ein neuer Mitstreiter wird schnell gefunden. Eljazokad ist ein umgänglicher, bescheidener Lichtmagier, der ähnlich mystische Träume hat wie Rodraeg und glücklicherweise in einer Hafenstadt aufgewachsen ist, was ihn zu einem idealen Kompagnon für ihr Vorhaben macht. Außerdem hat das Mammut vom Kreis eine Kutsche nebst Kutscher gestellt bekommen und könnte sich eigentlich entspannt auf die Reise machen. Dumm nur, dass sich Rodraeg von einem unheimlichen Fremden überreden lässt, ihn als Fahrgast mitzunehmen …

Tja, und dann taucht man wieder mitten ein in eine Geschichte voller Rätsel und Aufgaben, begegnet einem unheimlichen Geisterschiff, das einen Mitstreiter des Mammuts versklaven möchte, erlebt die erste Fantasy-Rock-Kapelle mit menschlicher P.A., schlendert zwischen den Rotleuchten des käuflichen Gewerbes umher, trifft Magier, Piraten, Säufer und Kinderbanden und sieht sich Auge in Auge mit einer Truppe unheimlicher Gesellen, deren Herkunft sich niemand erklären kann …

_Abenteuerlust und Fernweh._

Das befällt einen unweigerlich, wenn man die ersten Zeilen gelesen hat. Zwar war „Die dunkle Quelle“ schon mitreißend und spannend, kam aber, nach dem rasanten Prolog, erst allmählich in die Gänge, da Meißner ja erst seine Truppe zusammenwachsen lassen musste. In „Die letzten Worte des Wolfs“ ist das ganz anders: Man ist schon mittendrin, kennt jeden und fühlt sich beinahe wie zu Hause im Hauptquartier des Mammuts. Man freut sich über Bestars Speerwundengenesung, sorgt sich um Rodraeg wegen seines brutalen Hustens und brennt unglaublich auf die Abenteuer, die am Ende der zwölftägigen Kutschfahrt auf die Gruppe warten werden.

Damit kommt dann schon der nächste Pluspunkt. Das Abenteuer gestaltet sich vollkommen anders als im Vorgängerbuch: Lag der Schwerpunkt des ersten Bandes noch auf Konflikten zwischen den Figuren und auf wilden Actionszenen, so liegt er in diesem Band auf den Rätseln, die dem Mammut in der Stadt Wandry gestellt werden. „Rätsel“ ist dabei ein entscheidendes Wort: Die werden nämlich immer zahlreicher und tauchen Dinge, die man im ersten Band einfach als gegeben hingenommen hat, in völlig neues Licht. Wie sagte noch das Mädchen aus Eljazokads Traum so passend: „Ein Irrgarten, verdunkelt durch ein Rätsel, entfernt durch einen Abgrund, und dennoch greifbar nah.“

„Die dunkle Quelle“ war tatsächlich nur ein Auftakt, und im zweiten Band eröffnen sich viel mehr Zusammenhänge, aber auch viele neue Fragen, die einen darüber staunen lassen, in welche Tiefe die Details wirklich hinabreichen.

Abgesehen davon, dass die Handlung wesentlich praller ist als im Vorgänger, gibt es diesmal auch mehr Gerüche und optische Eindrücke zu bestaunen. Meißners Erzählstil ist „sinnlicher“ geworden, und das füllt eine Story gerade dann mit den nötigen Facetten, wenn sie in einer stinkenden Hafenstadt spielt! Besonders hervorzuheben ist Rodraegs Husten. Man kann mit dem armen Kerl tatsächlich mitfühlen, ständig glaubt man diesen kitzelnden Hustenreiz selbst in sich zu spüren und fürchtet mit ihm, wenn er mal wieder in einem verstaubten Archiv recherchieren muss …

_Ein Mammut ohne Konditionsprobleme._

Es bleibt beim positiven Resümee, das schon „Die dunkle Quelle“ für sich verbuchen konnte: keine überflüssigen Informationen, rasante Dialoge, eine Fantasywelt, in der sich Düsternis und Feenstaub angenehm die Waage halten, und Figuren, die glaubwürdig und konsequent gezeichnet wurden. Auch wenn „Das Paradies der Schwerter“ von der Presse (zu Recht) hochgelobt wird, kann die Atmosphäre, die Meißner dort erschaffen hat, nicht mit der Magie mithalten, die uns in der Welt des Mammuts verzaubert.

Ich werde die Fährte des Mammuts jedenfalls begierig weiterverfolgen, so viel steht schon mal fest, und es sieht nicht so aus, als ob Meißner auf halbem Weg die Ideen-Puste ausgehen könnte. Wer den ersten Band mochte, wird auch diesen mögen. Schade nur, dass das Buch schon zu Ende ist, wenn man erst richtig Lust auf mehr bekommen hat; die 340 Seiten verdampfen einem geradezu unter den Fingern. Aber wenn wir Glück haben, ist die Wartezeit auf den nächsten Band ja ebenso angenehm kurz wie jene zwischen Band 1 und 2. Wiederum ein herzliches „Respekt!“, Herr Meißner!

http://www.piper.de

Meißner, Tobias O. – Paradies der Schwerter, Das

_Das Paradies der originellen Ideen._

Tobias O. Meißner steht für ehrgeizige literarische Projekte, deren Erschaffung nichts mit üblichen Herangehensweisen zu tun haben: [„Im Zeichen des Mammuts“ 1938 zum Beispiel, Meißners aktuelles Projekt, verarbeitet die Ergebnisse einer siebenjährigen Rollenspielkampagne.

„Das Paradies der Schwerter“ steht dem nicht nach. Es gibt keinen allmächtigen Autor, der die Story auf ein geplantes und geglättetes Finale zusteuert, stattdessen erschuf Meißner ein Ensemble aus sechzehn Kämpfern, versah sie mit Zahlenwerten, die ihre Stärken und Fähigkeiten repräsentierten, schickte sie in ein Turnier um Leben und Tod, loste die Kampfpaarung selbst aus und würfelte schließlich den Gewinner heraus …

_Rollenspiel-Reality._

Damit wäre über die Story an sich alles gesagt, aber wer nun eine tumbe Schlachtenorgie erwartet, liegt vollkommen falsch. Die erste Hälfte des Buches beschreibt sie erst einmal alle: Die zukünftigen Teilnehmer, die Favoriten, die Veranstalter, von jedem werden die Motive aufgedeckt, manche edel, manche naiv und manche schändlich. Ein Wilderer muss das Turnier bestreiten, als grausame Alternative zu seiner Todesstrafe, weil er ein ganzes Herzogtum aufgemischt hat, ein sadistischer Patrizier nimmt an den Kämpfen teil, ein gedungener Mörder, ein Menschenfresser, zwei naive Brüder, ein noch naiverer Mönch, ein schweigsamer Waffenloser, ein frustrierter Jahrmarktsboxer, ein Gladiator, ein verhüllter Edelmann mit blutroter Klinge, ein mürrischer Kopfgeldjäger, ein Messerkämpfer, ein Barbar mit einem Pflug (!!!), ein trunksüchtiger Söldner, und Publikumsliebling Cyril Brécard DeVlame, der mit zuckendem Degen schon zwei solcher Leben-Tod-Turniere gewonnen hat.

In spannenden kleinen Nebengeschichten entwickelt Meißner seine Kämpfer, und sofort beginnt man sich zu überlegen, ob derjenige auch eine Chance hat, das Turnier zu gewinnen, ob er es verdient hat, das Turnier zu gewinnen. Im zweiten Drittel des Buches marschieren sie dann endlich ein in die hölzerne Arena, und man kann es selbst kaum aushalten vor Spannung: Welcher Kämpfer ist wie gut? Wer wird gegen wen gelost werden? Die beiden Brüder doch nicht etwa gegeneinander!? Immerhin lost der Autor das aus; wenn es geschieht, wollte es das Schicksal …

Immer wieder lässt Meißner dann auch den Blick durch die Zuschauerränge schweifen, auf die Nebenfiguren, die ihre ganz eigenen Erwartungen an die Kämpfe haben, die sich den Tod Bestimmter wünschen, oder den Sieg Anderer, weil ihre materielle Existenz davon abhängt. Auch hier lässt der Autor den Leser alleine: Es gibt keinen Protagonisten, niemanden, der „die richtige Sicht der Dinge“ vertritt, sondern eine Ansammlung von Individuen und Standpunkten, die man entweder teilen oder verabscheuen kann oder irgendetwas dazwischen.

Und als ob die Spannung noch nicht knisternd genug wäre vor dem ersten Kampf, geben noch zwei Buchmacher ihre professionelle Meinung ab und lenken die Aufmerksamkeit auf Details, die dem Leser ohne Turniererfahrung nie aufgefallen wären: Kämpfer XY mag ja geschickt mit dieser Waffe sein, aber gegen die Rüstung von Kämpfer AB wird er seine Probleme haben …

_Aleae jactae sunt._

Die Würfel sind gefallen. In der zweiten Hälfte des Buches wird gelost und gekämpft, punktum. Mehr zu verraten, wäre vorsätzlicher Spannungsmord. Nur so viel sei dem Leser anvertraut: Meißners Würfel nehmen auf gar nichts Rücksicht … und es ist ein seltsames Gefühl, wenn man das Buch wieder zuschlägt, ein Gefühl, das lange hängen bleibt und immer wiederkehrt, wenn einem der Einband ins Auge springt.

_Fantasy fern vom Kindchenschema._

„Das Paradies der Schwerter“ ist ein kompromissloses, düsteres und nachhaltiges Buch, das man jedem Freund moderner Fantasy ans Herz legen kann. Meißner ist kein Schwafler, seine Szenen enthalten keinen unnötigen Info-Ballast und starten immer mitten in der Handlung. Zeit zum Verschnaufen gibt es nie, selbst die „Erklärungspassagen“ beschränken sich nicht auf schlichtes „Erzählen“, sondern sind immer in Handlungsabläufe oder Dialoge eingebettet.

Trotzdem mag ich mich nicht ganz den Lobgesängen der Presse hingeben, denn für einen „absoluten Triumph“ genügt es dann doch nicht. Die knappe Sprache sorgt für Rasanz, hat dafür aber auch wenig Platz für Bilder, Gerüche und lebendige Eindrücke. Dazu kommt, dass Meißner manchmal einen Hang zu recht unschönen Schachtelsätzen hat.

Aber das war’s dann auch schon mit der Kritik. „Das Paradies der Schwerter“ ragt nämlich kilometerweit aus der Masse zuckriger Zauberstab-Fantasy heraus, nicht nur durch die Art, wie es entstanden ist: Es gibt keine heroische Verklärung, das Turnier ist eine schmutzige, voyeuristische Angelegenheit, von Ehre weit und breit keine Spur. Der Leser selbst macht diese Entwicklung mit, von anfänglicher, naiver Begeisterung hinab zu angeekelter Ernüchterung.

|Jetzt fingen die Wächter an zu kichern. „Gerechtigkeit?“ gluckste einer von ihnen. „Und die suchst du ausgerechnet hier, du armes Schwein?“|

„Das Paradies der Schwerter“ ist eine straffe, abgeschlossene Story, die durch würfelbedingte Wendungen auch den erfahrensten Leser zum Mitfiebern nötigt. Wer auf der Suche nach Helden und großen Epen ist, braucht dieses Buch gar nicht erst anzufassen, dem Dark-Fantasy-Leser jedoch dürfte dieses dunkle Gebräu hervorragend munden: bitter wie das Leben, mit einem blutigen Nachgeschmack von Staub und Dreck. Nun denn. Wohl bekomm’s!

|Siehe dazu auch das [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=35 mit dem Autor über „Das Paradies der Schwerter“ vom Juli 2004.|

Christa Bernuth – Innere Sicherheit

Literarisch betrachtet ist die Auseinandersetzung mit dem System der DDR noch recht wenig abgegrastes Territorium. Besonders in der Unterhaltungsliteratur muss dieses Thema eher selten als Romanszenario herhalten. Umso schöner und interessanter, mit „Innere Sicherheit“ von Christa Bernuth einmal einen Krimiplot vor dem Hintergrund des DDR-Regimes serviert zu bekommen, verspricht doch allein schon dieser Umstand Abwechslung vom sonst oft so üblichen Einheitsbrei des Krimigenres.

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Thomas Finn – Der Funke des Chronos

Handlung

1842 in Hamburg: Polizeiaktuar Kettenburg arbeitet daran, eine grauenerregende Mordserie zu lösen, die schon sieben Menschen das Leben gekostet hat. Das Perverse daran ist, dass den Opfern voher bei lebendigem Leibe der Schädel aufgesägt wurde. Die letzte Leiche wurde auf einem Leiterwagen gefunden. Der Mörder scheint wohl bei der Beseitigung der Leiche gestört worden zu sein …

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Paul Chambers – Die Archaeopteryx-Saga. Das Rätsel des Urvogels

Kleiner Vogel – große Wirkung

In 15 Kapiteln informiert Verfasser Paul Chambers populärwissenschaftlich über die Stammesgeschichte der Vögel. Als ‚Aufhänger‘ dient ihm dabei der Archaeopterix, der als erster „Urzeitvogel“ 1861 im bayrischen Solnhofen als Versteinerung gefunden (Kap. 1: „Der Glücksfund des Doktors“) und zum ‚Leitfossil‘ für die Rekonstruktion des Vogel-Stammbaums wurde. Der Archaeopterix stellte für die Zeitgenossen vor ein Rätsel, da er die Merkmale eines Reptils und eines Vogels vereint.

Er tauchte in einem Augenblick auf, als die Forscherwelt sich in einem religiös begründeten Streit zusätzlich entzweite. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Theorie einer Evolution der Arten nicht nur neu, sie widersprach auch der kirchlichen Lehre, wonach Gott Tiere (und Pflanzen) wie in der Bibel beschrieben geschaffen habe und diese unveränderlich seien. Das ‚Mischwesen‘ Archaeopterix verkörperte jenen Widerspruch, den die Anhänger der Evolution erwartet und deren Gegner gefürchtet hatten (Kap. 2: „Das fehlende Glied“; Kap. 3: „Der gefiederte Rätsel“). Paul Chambers – Die Archaeopteryx-Saga. Das Rätsel des Urvogels weiterlesen

Joseph Conrad – Der Geheimagent

Mr Verloc besitzt einen kleinen, überteuerten Krämerladen in Londons unvorteilhaftem Viertel Soho. Die Treppe hoch hinter dem schäbigen Laden wohnt er mit seiner Frau Winnie, deren geistig behindertem Bruder Stevie und ihrer Mutter.

Mr Verloc ist fett und faul.

Als Mieter von Winnies Mutter erflirtete er sich zunächst vor allem deren Gunst, und die alte Dame war froh darüber, dass dieser ruhige Mann, der ihrem schwierigen Sohn, dem Schuhputzer, immer so großzügig Trinkgeld gab, ihrer Tochter den Hof machte. Und als Winnies Liebschaft mit einem jüngeren Mann zerfiel, wandte sie sich eben Verloc zu, der ihren einzigen vom toten Vater ungeliebten Bruder wenigstens akzeptierte. Und so heirateten die beiden, und Verloc eröffnete mit dem Geld der Schwiegermutter seinen kleinen Laden und nahm dafür die bettlägerige Alte und Winnies debilen Bruder bei sich auf.

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Sara Douglass – Glaszauberin, Die (Die Macht der Pyramide 1)

Tirzah ist eine begnadete Glasschleiferin. Aber sie ist auch eine Sklavin. Zusammen mit ihrem Vater wurde sie in den fernen Süden verkauft, zur Tilgung seiner Spielschulden. Nicht einmal ihren wirklichen Namen durfte sie behalten. Nun schleift sie Glasnetze für eine riesige Pyramide, deren Zweck sie nicht versteht. Doch schon beim ersten Betreten des riesigen Bauwerks spürt sie, dass damit etwas nicht stimmt. Das Glas schreit regelrecht vor Qual und bittet Tirzah um Hilfe. Nur was für Hilfe? Und wie sollte eine Sklavin helfen können? Noch dazu, wo ihre Gabe des Verstehens von Elementen und den ihnen innewohnenden Geistern sie sofort den Kopf kosten kann …

Yaqob, ein Glasarbeiter wie sie, will die Sache auf seine Weise lösen: durch bewaffneten Aufstand. Bevor die Männer jedoch losschlagen können, bringt eine Reihe von Ereignissen alles durcheinander:
Ein Baustein, der oben an der Spitze der Pyramide für die Einfassung des gläsernen Schlusssteins verwendet werden sollte, macht sich selbstständig und tötet einen Sklaven! Die Tatsache, dass niemand in der Nähe war, der ihn hätte anstoßen oder hinunterwerfen können, macht den Bauleiter Ta’uz aus irgendeinem Grund äußerst nervös.

Chad Nessar, der König des Landes, kommt, um die Baustelle zu inspizieren und lässt bei seiner Abreise zusätzlich zu weiteren 2000 Mann Bewachung seinen Neffen Boaz zurück, einen der fanatischsten und härtesten Magier der gesamten Kaste. Und Boaz lässt, kaum dass er angekommen ist, Tirzah zu sich holen …

Tirzah ist nicht unbedingt die typische Heldin. Sie ist nicht ausschließlich zu dem Zweck geboren worden, um das Land Ashdod vor dem Untergang zu retten, keine Prophezeiung zwingt sie gegen ihren Willen, über sich hinauszuwachsen. Was das junge Mädchen vor allem auszeichnet, ist ein ausgeprägter Wille zu überleben. Sie fügt sich in alles, was ihr an Unbill widerfährt, in dem Bewusstsein, dass ihr nichts anderes übrig bleibt, doch ertragen kann sie es nur, weil sie auf gar keinen Fall sterben will. Sonst hätte sie womöglich längst den Freitod gewählt, scharfes Werkzeug steht ihr ja in ausreichender Menge zur Verfügung. Ihr Überlebenswille erstreckt sich aber nicht nur auf ihr eigenes Leben, sondern auch auf das ihrer Freunde. Yaqobs Revolte flößt ihr deshalb mindestens so viel Angst ein wie die Pyramide.

Dennoch ist Tirzah etwas Besonderes aufgrund der Tatsache, dass sie so viel Zeit mit Boaz verbringt. Sie steht in unmittelbarer Nähe zu diesem Mann, hat Einblicke, die sonst niemand hat und hält damit den Schlüssel in der Hand. Sie weiß, dass sie ihn eigentlich benutzen sollte, doch unwillkürlich geht sie den Weg des geringsten Widerstandes. Sie fürchtet sich zu sehr vor der Unberechenbarkeit ihres Herrn.

Yaqob ist davon ziemlich enttäuscht. Eigentlich ist er ein recht sympathischer, netter Kerl. Aber obwohl Tirzah und er ein Paar sind, fällt ihm zu Boaz Aufforderung an Tirzah, in sein Haus zu kommen, als Erstes ein, dass sie damit in der idealen Position ist, um zu spionieren. Nicht, dass Tirzahs Situation ihm gleichgültig wäre, er hasst Boaz deswegen doppelt und dreifach und ist außerdem eifersüchtig. Trotzdem scheint die Revolte ihm wichtiger zu sein als Tirzah. Das und seine extreme Gewaltbereitschaft sind ein ziemlich dunkler Fleck auf seiner weißen Weste, zumal der Sklavenaufstand, selbst wenn er gelänge, das eigentliche Problem, nämlich die Fertigstellung der Pyramide, in keiner Weise lösen würde.

Der zwiespältigste Charakter ist Boaz. Nicht wirklich schizophren, aber mit zwei sehr unterschiedlichen Gesichtern, von denen er eines außerhalb der Wände seines Hauses niemals zeigt! In allererster Linie ist er ein Magier, der kurz davor steht, seinen Traum von einer ungeheuren Machtfülle zu verwirklichen. Diese machthungrige, rücksichtslose und auch grausame Seite hat die andere fest im Griff. Doch seit er Tirzah begegnet ist, gerät die Seite des Magiers aus zwei Richtungen zunehmend unter Druck, und das stürzt auch Tirzah in eine Menge Gewissenskonflikte.

Das alles zeigt bereits, dass die Autorin glaubhafte und stimmige Charaktere ohne Schwarz-Weiß-Zeichnung in eine Geschichte eingewoben hat, in der – wie im |Weltenbaum|-Zyklus auch – die innere Welt der Protagonisten eine ebenso große Rolle spielt wie die Geschehnisse um sie herum. In anderen Punkten unterscheidet sich dieses Buch wiederum erheblich von Sara Douglass‘ Erstlingswerk. Bis auf den Anfang und die Reise in den Süden, die relativ kurz gehalten wurden, spielt sich die gesamte Handlung auf der Baustelle der Pyramide und in der benachbarten Siedlung ab. Da Tirzah aus der Ich-Perspektive erzählt, gibt es nur einen einzigen Handlungsstrang. Die Komplexität von Boaz‘ Charakter, die durch die feine Beobachtungsgabe Tirzahs voll zur Geltung kommt, und Tirzahs eigene Zerissenheit bieten jedoch genügend Vielschichtigkeit auch für Leser, die es gerne etwas komplizierter haben.

Spannung bezieht das Buch nicht nur aus Boaz‘ Unberechenbarkeit, sondern auch aus der stetig wachsenden Bedrohung durch den Schatten, den die Pyramide über das Land wirft. Sara Douglass hat sich hier von Pythagoras und anderen griechischen Denkern inspirieren lassen, für die die Mathematik nicht nur eine Natur- sondern auch eine Geisteswissenschaft war. Das Aufstellen allgemeingültiger Lehrsätze führte in der philosophischen Betrachtung zu der Folgerung, dass Zahlen nicht einfach Mengendefinitionen von Menschenhand sind, sondern die Essenz aller Dinge. Für sie war die ganze Welt aus Zahlen aufgebaut, und die Untersuchung von Zahlen sollte sie daher zu Erkenntnissen über Funktion und Ordnung des Kosmos führen. Die Eins nahm dabei einen besonderen Raum ein. Als erste aller Zahlen sah man in ihr den Ursprung der Welt, sie galt deshalb als unteilbar.

Angelehnt an dieses philosophische Prinzip hat die Autorin ihren Kult von der Eins entworfen. Die Pyramide der Magier ist die Verkörperung der vollkommenen mathematischen Formel. Sie soll es den Magiern ermöglichen, die Eins nicht nur wie bisher kurz zu berühren, sondern mit ihr zu verschmelzen und damit ungeschränkt auf die ihr innewohnende Macht zuzugreifen.

Doch die Sache scheint einen Haken zu haben. Der Leser hat das Gefühl, dass da etwas unaufhaltsam auf ihn zukriecht, das er zwar nicht versteht, dessen Bösartigkeit aber in den diversen Unfällen an der Baustelle und den Veränderungen, die offenbar ganz von selbst mit der Pyramide vorgehen, deutlich zu Tage tritt. Die Aussicht auf den Tag der Fertigstellung und erst Recht auf den der Einweihung wird immer mehr zum Albtraum.

Was genau die Eins so mächtig macht, welche Nebenwirkungen die Magier mit ihrem Experiment heraufbeschwören und welche Folgen die Fertigstellung der Pyramide letztlich haben wird, erfährt der Leser leider nicht. Das ist allerdings nicht die Schuld der Autorin. Vielmehr liegt es daran, dass |Piper| das Buch einfach verkrüppelt hat. Genauer gesagt, es wurde nur die erste Hälfte veröffentlicht! Das geschieht nicht zum ersten Mal. Schon beim |Weltenbaum|-Zyklus hat der Verlag alle drei Bände einfach jeweils halbiert. Selbst bei einem Zyklus gibt es dafür keinen ersichtlichen Grund außer dem, mehr Profit zu machen. Dieses Buch aber war niemals als Zyklus gedacht, sondern als in sich abgeschlossener Einzelband! Trotzdem hat sich der Verlag das Recht herausgenommen, dem Leser das Ende vorzuenthalten und auf die zweite Hälfte zu vertrösten, deren Veröffentlichungsdatum noch nicht feststeht. Genauso gut könnte der Buchhandel beschließen, bei allen Harry-Potter-Büchern vor Verkauf die zweite Hälfte der Seiten herauszutrennen, und den Käufern erklären, diese stünden erst in einem halben Jahr zum Verkauf!

Für den Leser ist diese Vorgehensweise schlicht inakzeptabel. Und ich wage zu bezweifeln, dass die Autorin, die „Tresholder“ (der Originaltitel des Gesamtbuches) als eines ihrer Lieblingswerke bezeichnet hat, davon begeistert wäre. Sollte |Piper| davon künftig nicht Abstand nehmen, ist es wohl besser dazu überzugehen, die Bücher im Original zu lesen. Eine Mühe, die ich bisher gescheut habe, die mir eine unverstümmelte Version aber allemal wert ist!

Ein abschließendes Fazit ist mir zu diesem Buch also leider nicht möglich. Was ich jedoch bisher gelesen habe, hat mir ausnehmend gut gefallen, auch wenn der eigentliche Höhepunkt des Buches leider erst im nächsten Band zu finden sein wird. Glaubhafte Charaktere und ein ausgewogenes Verhältnis von innerer und äußerer Handlung ergeben eine Geschichte, die ein Stück außerhalb der üblichen Abläufe und Erzählformen der Fantasy liegt, aber dennoch zu fesseln versteht. Eine angenehme und gelungene Abwechslung und ein neuerlicher Beweis für die hohe Erzählkunst der Autorin.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaum|-Zyklus stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem Weltenbaumzyklus und „Tresholder“ schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten, von denen auf Deutsch bisher nur noch „Der Herr des Traumreiches“ erschienen ist.

My Сreative

_Sara Douglass bei |Buchwurm.info|:_
[Die Sternenbraut 577
[Sternenströmers Lied 580
[Tanz der Sterne 585
[Der Sternenhüter 590
[Das Vermächtnis der Sternenbraut 599
[Die Göttin des Sternentanzes 604
[Der Herr des Traumreichs 1037

Sara Paretsky – Die verschwundene Frau

Paretsky Verschwundene Frau Cover TB 2002 kleinDas geschieht:

Auf dem Heimfahrtüberrollt Privatdetektivin Vic Warshawski zu später Stunde in einem verrufenen Viertel ihrer Heimatstadt Chicago beinahe den leblosen Körper einer jungen Frau, die mitten auf der Straße liegt. Die Polizei scheint mit Warshawskis Schilderung zunächst zufrieden zu sein. Doch am nächsten Tag wirft man ihr plötzlich vor, den Tod verschuldet zu haben. Ganz offensichtlich sucht die Polizei einen Sündenbock. Die Leiche verschwindet, der Unfallbericht wird gefälscht. Der korrupte Detective Lemour wird Warshawski auf den Hals gehetzt, um sie einzuschüchtern.

Aus purer Not beginnt die Detektivin in eigener Sache zu ermitteln. Trotz der Verschleierungstaktik bringt sie in Erfahrung, dass es sich bei der Frau um die junge Immigrantin Nicola Aguinaldo handelt, die man fast tot geprügelt hatte, bevor man sie ihr vor das Auto legte. Nicola arbeitete als Kindermädchen für Robert Baladine, den Eigentümer von „Carnifice“, eines Sicherheitsdienst-Imperiums mit 3000 Beschäftigten, zu dem sogar eine eigene Haftanstalt vor den Toren der Stadt gehört. Hier saß Nicola als Gefangene ein, nachdem sie Eleanor, Baladines Gattin, ein wertvolles Schmuckstück gestohlen hatte. Auf mysteriöse Weise gelang es ihr später scheinbar zu fliehen. Sara Paretsky – Die verschwundene Frau weiterlesen

Jodi Picoult – Beim Leben meiner Schwester

Dürfen Eltern sich ihr Wunschkind aussuchen, um damit bestimmte Zwecke zu erfüllen? Was ist, wenn Eltern ein krebskrankes Kind haben und sich den idealen Spender „designen“ lassen? Die heutige Wissenschaft macht vieles möglich, doch führen manche Praktiken zu schier unlösbaren ethischen Problemen. Jodi Picoult schildert in ihrem neuen Roman eine dramatische Familiengeschichte, die genau diese Fragen aufwirft und den Leser zum Nachdenken anregen soll und auch wird.

Ich will leben

Anna Fitzgerald ist nur 13 Jahre alt, als sie ihrer krebskranken Schwester Kate eine Niere spenden soll. Dies ist der Moment, in dem Anna beschließt, sich einen Anwalt zu nehmen, um ihren Eltern die Entscheidungsgewalt in medizinischen Fragen wegnehmen zu lassen. In den Gelben Seiten findet sie den erfolgreichen Anwalt Campbell Alexander, der ihren Fall übernehmen soll. Der jedoch zeigt sich zunächst skeptisch und lässt sich nur durch die ihn erwartende Publicity zu diesem Pro-bono-Fall hinreißen. Annas Eltern Sara und Brian sind überrascht, als sie eine Vorladung vom Gericht bekommen. Sara, die früher als Anwältin gearbeitet hat, beschließt spontan, ihren Fall selbst zu vertreten.

Doch geht es nicht nur um Annas Leben, sondern auch um das ihrer älteren Schwester Kate. Im Alter von zwei Jahren wurde bei Kate eine spezielle Form der Leukämie festgestellt. Da ihr Bruder Jesse als Spender nicht in Frage kam, beschlossen Sara und Brian damals, noch ein Kind zu zeugen und zwar eines, das in allen Punkten als Spenderin für Sara passen würde. Schon das Nabelschnurblut wird für Kate gespendet, in den Jahren danach schließen sich Lymphozyten-, Granulozyten- und sogar eine Knochenmarksspende an. Einen Großteil ihrer Kindheit hat somit auch Anna im Krankenhaus verbracht, geholfen hat es ihrer Schwester immer nur zeitweise. Als schließlich Kates Nieren versagen, könnte nur Anna ein Organ spenden, da ansonsten das Risiko für Kate zu groß wäre. Die Zeit drängt, denn Kate geht es immer schlechter.

Die Verfahrenspflegerin Julia wird vom Gericht bestellt, um sich ein Bild von Anna und ihrer Familie zu machen. In vielen Gesprächen lernt sie Annas Motive und die ihrer Eltern kennen. Doch auch Julia ist ratlos angesichts der sich ihr dargestellten Situation. Gleichzeitig kämpft sie mit privaten Problemen, denn zu ihrer Highschoolzeit hatte sie einst eine kurze Affäre mit Campbell Alexander, damals allerdings hatte er sie sitzen gelassen. Nun flammt die alte Liebe erneut auf.

An allen Fronten erleben wir persönliche Dramen mit, denn in der Familie Fitzgerald liegt einiges im Argen …

Perspektivenwechsel

„Beim Leben meiner Schwester“ ist aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Zunächst lernen wir Anna kennen, die uns ihre Entscheidung mitteilt, dass sie keine Niere für ihre Schwester spenden möchte, da sie bereits oft genug im Krankenhaus gewesen ist. Anna schaltet daraufhin Campbell Alexander als ihren Anwalt ein. Auch aus der Sicht des erfolgreichen Staranwalts erfahren wir einen Teil der Geschichte, er gibt offen zu, dass er Annas Fall zunächst als reine Werbung für sich selbst ansieht und daher den Fall pro bono übernimmt. An Alexanders Seite begleitet ihn stets sein Servicehund Judge, obwohl der Anwalt doch gar nicht blind ist. Welche Funktion Judge in seinem Leben einnimmt, erleben wir hautnah mit, als Anna gerade vor Gericht ihre Aussage macht. Auch die Verfahrenspflegerin Julia erzählt ihren Teil der Geschichte, sie berichtet von den Verletzungen, die Campbell Alexander ihr zugefügt hat, als er sie damals zu Schulzeiten fallen gelassen hat, wir lernen ihre Schwester kennen und begleiten Julia auf ihren Besuchen bei Anna und ihrer Familie.

Aus Saras Perspektive wird die Familiengeschichte von Kates Krankheit erzählt. Dieser Teil der Geschichte setzt ein, als Kate zwei Jahre alt ist und Sara zum ersten Mal merkwürdige blaue Flecken bei ihr entdeckt, woraufhin nach etlichen Tests schließlich Leukämie diagnostiziert wird. Sara berichtet von ihrer Entscheidung, ein passendes Kind zu bekommen, das als Spenderin für Sara fungieren kann, und sie ertappt sich dabei, wie sie dieses ungeborene Kind gar nicht als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt, sondern nur als geeignete Spenderin: „Obwohl ich im neunten Monat bin, obwohl ich reichlich Zeit zum Träumen hatte, habe ich mir über dieses Kind noch keine besonderen Gedanken gemacht. Wenn ich an diese Tochter denke, dann nur daran, was sie für die Tochter tun kann, die ich bereits habe.“ Später erfahren wir aus Saras Sicht, wie Kates Krankheit sich weiterentwickelt, wie Kate schließlich bei der Chemotherapie einen anderen Patienten kennen lernt, in den sie sich verliebt. Wir werden Teil von Kates Krankengeschichte und erfahren insbesondere Saras Gründe für die vielen Behandlungen und auch für Annas Spenden.

Brian dagegen begleiten wir häufig zu seinen Einsätzen. Der Familienvater arbeitet als Feuerwehrmann und rettet andere Leben, wo ihm dies bei seiner eigenen Tochter so schwer fällt. Die Feuerwehr hat mit einem Brandstifter zu kämpfen, der verlassene Hütten anzündet und zunächst nicht gefasst werden kann. Doch aus Jesses Perspektive werden wir recht schnell Zeuge der Brandstiftungen, denn Jesse hat seine eigenen Probleme zu verarbeiten. Während seine Schwestern ständig im Mittelpunkt des Familiengeschehens stehen – die eine wegen ihrer schweren Krankheit und die andere wegen ihrer Spenden – bleibt er außen vor und rebelliert gegen die Nichtbeachtung durch seine Eltern. Sein Zimmer verfügt über einen separaten Eingang, sodass Jesse unbemerkt kommen und gehen kann.

Zunächst ist dieser ständige Perspektivenwechsel sehr gewöhnungsbedürftig, da man sich zu Beginn jedes Kapitels neu einfinden muss, doch später empfand ich dies als gelungenes Stilmittel, da uns die handelnden Personen dadurch sehr nahe gebracht werden. Wir erleben die Probleme und Sorgen jedes Einzelnen hautnah mit und lernen auch die Gründe für ihr Handeln kennen. So paradox es auch erscheinen mag, so verstehen wir dadurch sowohl Annas Weigerung zu einer Organspende als auch Saras Gründe für die Nierentransplantation. Jodi Picoult schafft es überzeugend, uns jede Perspektive deutlich zu machen, wir begleiten jeden Protagonisten immer wieder auf Schritt und Tritt und fühlen auch mit jedem mit. Das Handeln jeder Person wird verständlich, auch wenn besonders Annas und Saras Wünsche miteinander kollidieren.

Nach und nach wird offenkundig, welche Probleme die Familie Fitzgerald mit sich auszumachen hat. Die Interessen ihrer beiden Töchter stehen praktisch im Gegensatz zueinander. Um die kranke Tochter gesund zu machen, muss die gesunde Tochter immer wieder ins Krankenhaus und sogar eine schwere Knochenmarkstransplantation über sich ergehen lassen, die Anna nicht gut verträgt. Die Familie ist kurz vor dem Auseinanderbrechen, was auch den Eltern auffällt, die sich plötzlich nichts mehr zu sagen haben. Zusammengehalten werden die fünf eigentlich nur durch die zu überstehenden Krisen und durch Kates Krankheit, die nur bekämpft werden kann, wenn alle füreinander da sind. Doch speziell Jesses und Annas Interessen bleiben dabei häufig auf der Strecke. So darf Anna nicht auf das Eishockeyseminar fahren, auf das sie sich so gefreut hatte, weil sie in der Zeit eventuell für weitere Spenden gebraucht werden könnte.

„Bis dahin ist ausgeschlossen, dass sie nach Minnesota fährt. Nicht weil ich Angst habe, Anna könnte dort etwas passieren, sondern weil ich Angst habe, Kate könnte etwas passieren, wenn ihre Schwester nicht da ist. […] Und dann brauchen wir Anna – ihr Blut, ihre Stammzellen, ihr Gewebe – und zwar hier.“

Unlösbar

Jodi Picoult hat einen sehr persönlichen Roman vorgelegt, der uns die Personen wunderbar näher bringt und der es schafft, mit jedem mitfühlen zu lassen. Inhaltlich hat sie sich ein Thema herausgesucht, das ethisch schwierig zu beurteilen ist und gerade moralisch unlösbar erscheint. Wir können Annas Standpunkt sehr gut nachvollziehen, dass sie ihre Niere nicht spenden möchte, da dies einen schweren Eingriff in ihre eigene Gesundheit darstellen würde und sie danach ihr geliebtes Eishockeyspiel aufgeben müsste. Anna möchte mit ihren 13 Jahren endlich die Chance auf ein einigermaßen normales Leben haben und die Chance darauf, erwachsen zu werden (obwohl sie uns in den meisten Situationen doch schon sehr erwachsen vorkommt). Doch verbunden ist dies unweigerlich mit Kates Tod. Wie soll man hierzu eine Lösung finden? Jodi Picoult hat sich ein Ende ausgedacht, das dem Leser das Nach- und Weiterdenken ermöglicht. Sie präsentiert uns nicht ihre eigene Lösung, sondern schafft es sehr geschickt, diese Schwierigkeit zu umschiffen. Vielleicht trägt Picoult am Ende ein wenig dick auf, doch vielleicht war dies auch die einzig mögliche Auflösung in diesem Buch?!

„Beim Leben meiner Schwester“ regt zum eigenen Nachdenken an. Wie würde man selbst in dieser Situation reagieren? Ist es überhaupt gerechtfertigt, sich ein Wunschkind wie Anna erschaffen zu lassen, welches von Anfang an die Aufgabe des Spenders zu übernehmen hat? Aber ist es nicht auch völlig normal, dass Eltern alles Menschenmögliche versuchen wollen, um ihr krankes Kind zu retten? All dies sind Fragen, auf die es keine richtige und keine falsche Antwort gibt, daher fällt es uns schwer, das Buch aus der Hand zu legen und abzuschalten. Wenn wir das Buch am Ende zuklappen, rollt uns vielleicht sogar die eine oder andere Träne über die Wange, denn wir müssen loslassen von uns lieb gewonnenen Figuren. Durch die so persönlichen Schilderungen im Laufe der Geschichte haben wir uns besonders mit Anna richtig angefreundet, eine so „persönliche Beziehung“ habe ich nur selten zu Romanfiguren aufgebaut – und das, obwohl die reine Handlung des Buches nur eine gute Woche umfasst.


Etwas Besonderes

„Beim Leben meiner Schwester“ drückt auf die Tränendrüse, vielleicht ist es daher eher ein Buch für Frauen, ganz bestimmt ist es jedoch ein Buch, das Einfühlungsvermögen benötigt und die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Jodi Picoult hat ein Buch vorgelegt, das mich tief bewegt und mitgerissen hat. Der Roman ist flüssig geschrieben und schnell durchgelesen, dennoch ertappt man sich immer wieder dabei, dass man über die geschilderte Situation nachdenkt. Ein wenig störend empfand ich die beginnende Liebesgeschichte zwischen Campbell und Julia, ein reiner Familienroman wäre auch passend gewesen, insgesamt fügt sich aber sogar diese Liebelei ganz gut in das Gesamtgeschehen ein, da wir dadurch auch den Staranwalt aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen dürfen.

Das vorliegende Buch ist ein ganz persönliches Erlebnis, das ich jedem, der sich für dieses Thema und die damit verbundenen Fragen interessiert, nur wärmstens ans Herz legen kann.

Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: My Sister’s Keeper
ISBN-13: 978-3492247962
www.piper.de

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