Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Jeschke, Wolfgang; Bova, Ben (Hrsg.) – Titan-13

_Tödliche Labyrinthe und fliegende Städte_

Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 13 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von James Blish und Algis Budrys gesammelt.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science Fiction-herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstand der „Foundation“-Zyklus und andere Future History-Zyklen.

Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Sciencefiction ausgezeichnet, dem Hugo Gernsback Award. Von 1978-82 gab er das Technik & Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.

Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.

1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.

_Die Erzählungen_

_1) James Blish: „Überall ist die Erde“ („Earthman, Come Home“, 1953)_

|Vorgeschichte|

Diese Erzählung fand später Eingang in den gleichnamigen dritten Roman des vierbändigen Zyklus „Cities in Flight” (Kapitel 8 und 9) des 1975 verstorbenen Autors. Die vier Romane von „Cities in Flight“ stellen eine Zukunftsgeschichte der Menschheit im All dar, eine imposante Space Opera. Der Autor entwirft Aufstieg und Niedergang des irdischen Sternenreiches, wobei sein Schwerpunkt auf der Geschichte der Nomadenstädte der Okies liegt. Diese fliegenden Okie-Städte durchstreifen auf der Suche nach Handelspartnern oder kolonisierbaren Planeten das Weltall.

Die Erfindung des Spindizzy-Antriebs hat die Überwindung der Schwerkraft und den überlichtschnellen Raumflug mit sich gebracht. Da Masse und Form für den raumflug bedeutungslos geworden sind, brechen ganze Städte samt Granitsockel und umgebendem Spindizzy-Kraftfeld, das vor Strahlung schützt und die Atmosphäre hält, in den Weltraum auf.

Die Tetralogie beginnt im Jahr 2018 mit dem Bau einer Brücke auf dem Jupiter. Das Geheimnis der Schwerkraft soll enträtselt werden. Dabei wird der Weg zum späteren Spindizzy-Antrieb geebnet (They Shall Have Stars, 1956). In „A Life for the Stars“ (1962) werden die Erlebnisse des Jugendlichen Crispin de Ford geschildert, der mit der amerikanischen Stadt Scranton ins All fliegt und später auf New York City umsteigt.

Die Okie-Stadt New York City ist Schauplatz des dritten Teils und Kernstücks der Tetralogie, „Earthman, Come Home“ (1955). Die Stadt und ihr junger Bürgermeister John Amalfi müssen sich mit anderen Nomadenstädten herumschlagen und schließlich den Zusammenbruch der Okie-Kultur und Erdzivilisation miterleben. New York City verlässt die Galaxis, um in der Großen Magellanschen Wolke die Neue Erde zu gründen. Dies ist Gegenstand der vorliegenden Erzählung.

In „The Triumph of Time“ (1958) droht das Ende des Universums. New York City fliegt zum Mittelpunkt des Universums, und Amalfi macht aus dem Weltende einen neuen Anfang, indem er sich selbst explodieren lässt und die Schöpfung erneut auslöst. Ende und Anfang und wieder Ende – dies entspricht Oswald Spenglers zyklischer Geschichtsauffassung.

|Die Erzählung|

New York City landet auf einer Welt, die von der Handelsorganisation der Interstellar Master Traders in Besitz genommen wurde. Die fliegende Stadt der IMT hat aus der ursprünglichen oder mitgebrachten menschlichen Bevölkerung eine Million Sklaven gemacht. Als Bürgermeister John Amalfi einen dieser Sklaven, Karst befreit, merkt, dass in dem jungen Mann ein intelligenter und unternehmungslustiger Bursche steckt. Er lässt ihn durch Hypnopädie (Unterricht im Schlafzustand) unterrichten, sodass er ihm bei der unausweichlichen Konfrontation mit den bisherigen Besitzern dieser Welt helfen kann.

Der Abgesandte der IMT nennt sich Büttel Heldon. Augenscheinlich will Heldon eine Revolution abwehren, die New York City anzetteln würde. Doch Amalfi vermutet, dass Heldon einen Trick vorhat, und nimmt Karst mit, als ihm Heldon die alten, angeblich reparaturbedürftigen Spindizzy-Generatoren der IMT-Stadt zeigt. Doch statt ihn die Generatoren reparieren zu lassen, nimmt Heldon Amalfi gefangen, weil die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen sei. Das lässt Amalfi völlig kalt: Er hat für diese Eventualität vorgesorgt und zieht ein schwarzes Ei voller mutierter Pockenviren aus seiner Werkzeugtasche. Prompt weicht Heldon bestürzt zurück: Feudalisten mögen keine Seuchen.

Amalfi und Karst trennen sich. Während Karst einen der Generatoren sabotiert, eilt Amalfi ins unbewachte Kommandozentrum der alten IMT-Stadt und sabotiert die Steuerung. Bis Heldon auftaucht, ist es bereits zu spät: Die Stadt beginnt zu schwanken und zu beben. Amalfi macht, dass er schnellstens zurück nach New York kommt …

|Mein Eindruck|

Die erste Hälfte dieser Erzählung habe ich fast nicht verstanden, weil die Vorgeschichte als bekannt vorausgesetzt wird. Außerdem musste ich ständig zwischen IMT-Stadt und New York City unterscheiden, und erst ziemlich spät wird in einer Fußnote erklärt, wofür IMT überhaupt steht. Das wurde in der Übersetzung wenig hilfreich umgesetzt. Rückblenden sollen die Vorgeschichte dem Leser nahebringen. Das unterbricht den Erzählfluss, und ich fragte, wo denn Karst abgeblieben sein könnte.

Dafür ist die zweite und wichtigere Hälfte dieser Story umso leichter verständlich: keine Rückblenden, keine Abschweifungen, einfach zielgerichtet, pfiffig und spannend, wie sich das für eine Abenteuergeschichte gehört. Das hat dann wieder Spaß gemacht.

Mehrmals nimmt Amalfi Bezug auf Laputa, jene fliegende Stadt, die Jonathan Swift in seinem Roman „Gullivers Reisen“ erfand. Die fliegende Insel ist eine zwiespältige Sache: Hier haben wir ein (im eigentlichen Sinne) aufgeklärtes Staatswesen, das sich den mathematischen und astronomischen Wissenschaften verschrieben hat. Sie machen sich Gedanken über Schicksal und Ende von Sonne und Erde. Wie niederschmetternd ist es für uns zu erfahren, dass der König von Laputa nichts Besseres zu tun hat, als anderen Inseln mit seiner eigenen das Sonnenlicht wegzunehmen, um sie zu Abgaben zu zwingen. Die Technik ist eben stets ein zweischneidiges Schwert, und so etwas wie „freie Wissenschaft“ existiert nicht.

Der Vergleich mit Laputa ist, wie man sieht, ein sehr passender: Die Welt der IMT hat sich wie eine Riesenfaust auf dieser Welt niedergelassen, ähnlich wie die berüchtigte Welt Thor V. Und von Freiheit kann auch keine Rede sein, soviel ist mal klar. Da kommen die freiheitsliebenden Amerikaner aus New York City ja wie gerufen, um die armen Sklaven in die Freiheit zu führen! Das klingt jetzt ein wenig chauvinistisch, aber ich bin sicher, der Autor dachte sich damals, als die Amis die Welt vor dem Kommunismus bewahren wollten, nichts dabei.

_2) Algis Budrys: „Die Bewährung“ („Rogue Moon“, 1960)_

Edward Hawks ist der Projektleiter bei Continental Electronics und traurig betrachtet das menschliche Wrack vor sich, das von der letzten Mission zurückgekehrt ist. Rogan ist ein sabbernder Idiot geworden. Rogan ist beileibe nicht das erste Opfer, aber wenigstens ist er noch am Leben.

Auf der erdabgewandten Seite des Mondes haben die Amerikaner eine seltsame Formation vorgefunden, die den bekannten Naturgesetzen widerspricht: ein tödliches Labyrinth, das offenbar ein Artefakt außerirdischer Intelligenzen ist. Marine und Luftaffe tarnen das Ding, um es vor den Russen zu verstecken, die den Erdtrabanten ebenfalls erkunden. Es ist nur hundert Meter lang und zwanzig breit, doch jeder, der hineingeht, wird getötet. Warum und mit welchen Mitteln, ist bislang unklar. Doch es hilft keineswegs, Paare oder Quartette hineinzuschicken, um es zu erkunden – sie kommen alle darin um. Alle Leichen haben Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht.

Das bringt Hawks auf einen Gedanken: Er braucht jemanden, der keine Angst vor dem Tod hat. Quasi einen Selbstmörder, der sich jederzeit ins eigene Messer stürzen würde. Gibt es so jemanden, fragt er den Chef der Personalabteilung. Connington ist ein durchtriebener Halunke, und tatsächlich hat er diese Anfrage kommen sehen. Ja, er hätte den richtigen Mann, und zwar gar nicht weit von hier: Alvin Barker, seines Zeichens ein Mimbreno-Apache, der aber die Harvard University besucht und als Sodat gedient habe.

Das Treffen von Hawks, Connington, Barker und dessen Freundin Claire ist ein bemerkenswertes Aufeinandertreffen willensstarker Menschen, die alle Macher sind. Connington, der sich besäuft, gibt offen zu, dass Hawks und Barker ein explosives Gemisch abgeben werden. Claire schaut zu Barker auf und nennt sich eine Kriegerfrau, die dem letzten echten Mann gehöre. Wie atavistisch, denkt Hawks, sagt aber nichts. Als Barker ihm mit gewagten Fahrkunststücken imponieren will, geht er lieber zu Fuß zur nächsten Tankstelle. Dort lernt er eine nette Mode-Designerin kennen. Die ist mehr seine Kragenweite. Hawks mag ja ein Mörder sein, wenn er Männer in den Tod schicken, aber ist kein Psychopath. Bei Barker sind wir uns aber dessen nicht sicher.

Im Institut weist er Barker ein. Kein Mann werde mehr physisch in die Todesfalle geschickt. Nein, das funktioniert jetzt anders. So wie ein Funkgerät Schallsignale überträgt und eine Fernsehanlage Licht- und Tonsignale, so wird durch einen Scanner und Sender ein ganzer Mensch auf den Mond übertragen, als aufgezeichnete Folge von Signalen. Das Original wird dabei zerstört, aber die zwei Kopien können ihre Aufgabe erfüllen. Kommt eine Kopie in der Formation um, wird die zweite Kopie kopiert und davon wieder eine Kopie losgeschickt. Und so weiter ad infinitum.

Ein interessanter Effekt dabei ist die Tatsache, dass die zweite Kopie, die sich auf der Erde befindet, die Gedanken der Ersten, die in die Formation geht, empfangen kann. Diese unerklärliche Telepathie ermöglicht es den Projektmitarbeitern, das Erleben der irdischen Kopie aufzuzeichnen und auszuwerten. Sollte dieser Empfänger wegen des Todes seiner Mondkopie wahnsinnig werden, müsste man eben auf weitere Kopie zurückgreifen. Hauptsache, das Projekt kann fortgeführt werden. Allerdings kann es beim Kopieren zu Fehlern kommen, aber das muss Hawks Barker ja nicht auf die Nase binden.

Obwohl Barker all dies verstanden hat, macht er trotzdem mit. Er trägt eine Beinprothese, denn er hat sein Bein bei einem Unfall in einem gewagten Sport verloren. Nun bekommt er eine verbesserte Version, wird gescannt und durch den Transmitter gejagt. Seine letzten Vorgänger haben nicht einmal vier Minuten in der Formation überleben können, doch Barker will diesen Rekord überbieten.

Es gelingt Barker und seinen Kopien tatsächlich, über neun Minuten im Todeslabyrinth voranzukommen. Als Barker sagt, der Durchbruch sei zum Greifen nahe, will Hawks ihn begleiten. Auch dies klappt, doch erlebt Barkers Kopie eine böse Überraschung: Es darf keine zwei Barkers im Universum geben …

|Mein Eindruck|

Mich hat nicht der technische Vorgang beeindruckt, sondern die ihn umgebende Psychologie. Diese berührt ganz fundamentale Bereiche der menschlichen Existenz. Die vielen Toten im Labyrinth der Aliens stehen natürlich für den Tod selbst, dem wir uns alle gegenübersehen und für den sich jeder seine eigene Antwort zurechtlegt. Für den Indianer Barker ist das Labyrinth quasi ein Initiationsritus, bei dem ein Junge zum Mann werden muss – oder beim Versuch zugrundegehen. Aber Barker muss erst begreifen, dass er sich bei seiner Mannbarwerdung auch in einen anderen Menschen verwandeln muss.

Um Barker und Hawks verstehen zu können, ist die scheinbar unwichtige Handlung in ihrer nächsten Umgebung von Bedeutung. Claire, Barkers Freundin, will beispielsweise auch Hawks verführen und in ihre Liste von flachgelegten Männern eintragen. Hawks durchschaut sie auf unvergleichliche Weise und macht ihr deutlich, was ihr eigentliches Problem ist: Sie hat im Grunde Angst vor Männern. Um die Angst zu kaschieren, muss sie sie stets im Bett besiegen. Dieses Problem hat auch Barker: Er muss sich stets als Sieger fühlen, ebenso wie Connington. Deshalb ist es für Barker so furchtbar, dass ihn das Labyrinth als ein Nichts behandelt, das es gar nicht wahrnimmt, sondern lediglich eliminiert. Das Labyrinth zu passieren, mag zwar befriedigend sein, aber es ist damit kein Triumph verbunden. Und das passt Barker überhaupt nicht, weil er sich dann nichtswürdig vorkommt.

Die Passage durch Labyrinth symbolisiert auch das Streben nach Erkenntnis. Wie ihre Berichte ergeben, erleben Barker und Hawks nicht das Gleiche – für jeden ist das Erlebnis etwas anderes. Folglich sind auch Wissen und Erkenntnis etwas anderes, als sie überleben.

Die letzte große Frage betrifft, wie angedeutet, die Identität der Überlebenden. Beim letzten, erfolgreichen Durchgang erleben „Original“ und Kopie die Passage zwar unbeschadet, doch nicht unverändert. Die Pointe des Romans liegt darin, dass sich das Hawks-„Original“ nicht mehr an die Mode-Designerin erinnert, der er seine Liebe erklärt hat, die sie erwiderte. Und dass die Barker-Kopie auf dem Mond zwar eine wichtige Erkenntnis gewonnen hat, sie aber nicht mehr dem „Original“ auf der Erde wird mitteilen können. „Original“ und Kopie dürfen nicht im gleichen Universum existieren, ganz abgesehen davon, dass es auch technisch (noch) nicht machbar ist, die Mond-Kopien zurückzuschicken.

Das ist zweimal eine bittere Ironie, die man nur bei den besten Erzählungen findet. Hier gibt es keine Klischees und kein erzwungenes Happy-End. Deshalb hat es auch nie eine Verfilmung des Romans gegeben, anders etwa beim „Der Mann aus Metall“ (Who?, 1958). Aber „Rogue Moon“ verfehlte den Hugo Gernsback Award denkbar knapp, und das ist ein unwiderlegbares Zeichen für seine Qualität.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung ist schon reichlich angestaubt, obwohl als deren Copyright 1980 angegeben wird. Aber das kann zumindest bei Budrys nicht hinhauen, denn der Roman wurde ja schon 1965 ins Deutsche übersetzt und zwar von Wulf H. Bergner.

Neben diversen Flüchtigkeitsfehlern fielen mir drei Stellen auf. Auf Seite 50 heißt es einmal „Suchen“ statt „Seuchen“. Auf Seite 64 steht das offenbar österreichische Wort „Nachtarock“, das ich mir als „nacharbeiten“ erklären würde (von „Tarockieren“: Tarock spielen). Auf Seite 104 wird ein Funkgerät beschrieben, aber als „Radio“ bezeichnet. Dieser Fehler findet sich häufig in Eins-zu-eins-Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Und ganz allgemein kann man unter „Drogen“ genauso gut Medikamente verstehen.

_Unterm Strich_

Von den beiden Erzählungen hat mich der Kurzroman „Die Bewährung“ weitaus mehr überzeugt. Der Autor behandelt fundamentale Themen der menschlichen Existenz: unser Verhältnis zum Tod, Liebe und Erotik, Streben nach Wissen und Erkenntnis sowie Identität. Die etwas technisch gehaltenen Szenen werden von realistischen Szenen zwischen den fünf zentralen Figuren im Gleichgewicht gehalten und kommentiert.

Es ist eine psychologische Entwicklung erkenn- und ablesbar, wie sie für eine SF-Story nicht gerade selbstverständlich ist. Mehrmals habe ich zudem ganz genau hinsehen müssen, um einen scheinbar einfachen Satz mehrmals auf jedes Wort hin abzuklopfen: Hier zählt, was gesagt wird – und das, was zwischen den Zeilen steht, ebenfalls. Dieser Stil würde ebenso gut für einen Mainstream-Roman genügen, für „Die Reifeprüfung“ beispielsweise (ein Film, der ja auch eine „Bewährung“ schildert).

Die Erzählung von James Blish ist zunächst reichlich verworren, weil die Vorgeschichte mitgeliefert werden muss, was in entsprechenden Rückblenden erfolgt. Erst in der zweiten Hälfte gelangt die Story in ihr eigentliches Fahrwasser und wird richtig spannend, pfiffig und actionreich.

|Taschenbuch: 189 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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_Die |Titan|-Reihe bei Buchwurm.info:_
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Jeschke, Wolfgang; Bova, Ben (Hrsg.) – Titan-16

_Zeitsonden, Mutanten und Meuchelmörder: klassische SF-Erzählungen_

Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 16 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Jack Vance, Wilmar H. Shiras und T.L. Sherred gesammelt.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen_

_1) T. L. Sherred: „Das Zeitkino“ („E for Effort“, 1947)_

Ed Lefko hat am Busbahnhof eine Stunde totzuschlagen und geht in ein kleines Kino, wo der Eintritt nur 10 Cent kostet. Der von einem Mexikaner gezeigte Streifen zeigt die Eroberung von Mexico City im Jahr 1521: Es ist eine turbulente Schlacht, die in nur einem Schwenk gezeigt wird. Merkwürdig: Es gibt keine Hauptdarsteller, kaum Schnitte, keine Nahaufnahmen, enorm viele Komparsen und verteufelt echt aussehende Stunts. Wie wurde all dies finanziert?

Nach dem Ende der Vorstellung fragt Lefko den Vorführer aus, der zugleich der Besitzer dieses Etablissements ist: Als Miguel José Zapata Laviada stellt er sich vor und bietet Lefko ein Bier an. Es ist noch Zeit, also setzen sich die beiden zusammen. Unvermittelt öffnet Mike, wie Lefko ihn nennt, eine Art Musiktruhe und zeigt erneut einen Film – nur dass der Betrachter mittendrin sitzt! Zu sehen ist Lefko, wie er am Abend zuvor die Motor Bar aufmischt. Ed ist völlig geschockt, doch nach einer Weile kann ihn Mike beruhigen und alles erklären.

Mike war bei der Army Radartechniker und versteht etwas von Elektronik. So machte er sich einen Nebeneffekt des Radars zunutze und baute diese „Musiktruhe“, die seltsam viele Skalen aufweist. Damit kann er in Zeit und Raum weit und tief sehen – und Aufnahmen machen. Leider habe er keine Geld, um die nötige Ausrüstung zu kaufen, um bessere Qualität zu produzieren, die mehr Geld einbrächte. Da hat Ed eine Idee, wie sie sich zusammentun könnten.

Nachdem sie sich durch Erpressung ein wenig Grundkapital beschafft haben, erstellen sie den ersten Film: „Alexander“. Vertonung, Publicity, Verleih – das alles regeln sie mit dem Prodzenten Johnson und seinen Leuten. Johnson weiß: Das wird ein Hammer! Und so kommt es auch – überall positive Kritiken. Nach ein, zwei Fotobüchern ist der zweite Film dran: „Rom“, der den Untergang und Fall des Römischen Reiches zeigt. Mit vielen Fehlern, wie die Experten meinen.

Film Nr. 3 eckt da schon mehr an: „Flammen über Frankreich“ schildert die Französische Revolution auf nicht gerade schmeichelhafte Weise. Das ist aber noch gar nicht gegen die Reaktion auf die Verfilmung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und des Bürgerkrieges. Nun brennen Bücher, Kinos, Unruhen entstehen, und der Ku-Klux-Klan schlägt zu. Die Filmkopien verschwinden schleunigst aus vielen Kinos, konfisziert, geraubt, verbrannt – der reinste Sprengstoff.

Es kommt zu einer Krise mit dem Studio, und deshalb müssen Mike und Ed, wollen sie weitermachen, die Karten auf den Tisch legen und das Geheimnis ihrer Wundermaschine offenbaren. Johnson und Co. sind völlig geplättet und kurz vorm Ausrasten. Für die Wahrheit über die nächsten Kriege der USA ist die Welt noch nicht bereit, protestiert Johnson, doch Mike ist eisern entschlossen, alles zu tun, um den dritten Weltkrieg zu verhindern, denn dieser wird ein Atomkrieg sein. Nur die Wahrheit könne ihn verhindern.

Mit einem genialen Kniff gelingt es den beiden kühnen Filmemachern, die längst manipulierte und korrigierte Vergangenheit wiederauferstehen zu lassen – und dennoch vor Gericht bestehen zu können. Dennoch wissen sie, dass ihr Leben nach dem Aufführen dieses Films keinen Pfifferling mehr wert sein wird …

|Mein Eindruck|

Als diese Erzählung 1947 in „Astounding“ erschien, brach die Resonanz alle Rekorde, denn es war bekanntlich die Zeit des McCarthy-Ausschusses gegen unamerikanische Umtriebe, der halb Hollywood auf die schwarze Liste gebracht hatte. Und in dieser Story decken zwei Underdogs aus sozialen Randgruppen – ein Jude und ein Mexikaner – auf, wie sich in den USA sogenannte Patrioten unehrenhaft an den beiden Weltkriegen bereicherten!

Die Leser mussten im Jahr 1947 den Eindruck erhalten, es beim Autor mit einem defätistischen Vaterlandsverräter oder mit einem selbstmordgefährdeten Wahrheitssucher zu tun zu haben. Allerdings haben darf man die Erzähler der Story nicht mit dem Autor verwechseln. Doch beide betätigen sich, in unterschiedlichem Grad, aber Kritiker nationaler Mythen und Illusionen über die Selbstlosigkeit von Waffenproduzenten und dergleichen. Unterm Strich verdienten am Krieg alle prächtig. Und erst am Wiederaufbau der dabei zerstörten Feindeslande!

Interessant ist die Methode, mit der die zwei Hauptfiguren diese Bilderstürmerei bewerkstelligen. Sie nutzen das Medium Film, um eine bereits seit einem halben Jahrhundert aufgebaute Infrastruktur zu nutzen, die inzwischen – vor den Fünfzigern – mehr Menschen erreicht, als Zeitungen und Radionachrichten. Erst das Fernsehen wurde danach zum richtigen Massenmedium.

Das Verfahren der Zeitsonde wird nicht näher erklärt, was in der amerikanischen SF nicht weiter verwundert, wo die wenigsten technischen Verfahren genau beschrieben werden. Aber die Zeitsonde ist, wie so oft in der SF, eine Metapher für die detailgetreue Wiedergabe der Vergangenheit – im Gegensatz zu den Verzerrungen, Fehlern und Irrtümern, die nachfolgende Chronisten begingen.

Selbst unser heutiges Geschichtsbild ist demzufolge eine Fiktion, die sich jederzeit ändern kann – und muss. So gesehen ist das Erzählen dieser Geschichte selbst ein Kommentar über das Erzählen von Geschichten. Doch diesmal geht die Story schlecht aus – auch wenn ihre Vorhersagen eintreffen, erleben die beiden Hauptfiguren dies nicht mehr.

Sherred gelang kein weiterer derartiger Erfolg, auch nicht mit seinem 1970 veröffentlichten Roman „Alien Island“ (1984 bei UllsteinSF).

_2) Wilmar H. Shiras: „Verborgen“ („In Hiding“, 1948)_

Der Schulpsychologe Peter Weller bekommt von einer Lehrerin den 13-jährigen Jungen Timothy Paul geschickt. Er sei im Unterricht so häufig geistesabwesend. Dass Tim etwas vor ihm verbirgt und Angst hat, wird Weller schon nach wenigen Fragen klar. Und schon die Andeutung einer Injektion jagt Tim eine Heidenangst ein. Wie kann Weller sein Vertrauen gewinnen?

Ein Besuch bei Tims Zuhause kann bestimmt nicht schaden. Doch Tim ist Vollwaise und wächst bei seinen Großeltern Davis auf. Die Oma kümmert sich vor allem um ihn. Oma Davis ist keineswegs die leutselige Omi, die als erstes Tee serviert, sondern vielmehr eine strenge Regentin, die Timmy zu einem „gesunden normalen Jungen“ erzogen zu haben meint. Und als er behauptete, mit drei Jahren bereits lesen zu können, habe sie ihn wegen Lügens bestraft.

Dass Tim seine Oma getäuscht, seine Mitschüler und seine Lehrer hinters Licht geführt hat, wird Weller erst ganz allmählich klar. Denn nur sehr zögerlich fasst Tim Vertrauen zu ihm, vor allem, nachdem ihm Weller geschworen hat, das Arztgeheimnis zu beachten und niemandem etwas zu verraten.

Tim führt ein genetisches Experiment an gekreuzten Siam- und Perserkatzen durch. Nur die Reinrassigen verkauft er und will eine reinrassige weiße Angorakatze züchten. Die ist für Oma. Außerdem führt er eine weitreichende Korrespondenz mit Schachpartnern, Universitätsfernkursen und sogar Zeitschriften und Magazinen: Er ist ein Schriftsteller mit eigenem Bankkonto. Wenn irgendjemand dieser Leute erführe, dass er nur 13 ist, würden sie ihn alle beschimpfen und die Freundschaft kündigen, ahnt er.

Doch was steckt hinter Tims Frühreife? Als der erstaunte Weller wieder Oma Davis fragt, erzählt diese ihm vom Unfall in einem Atomlabor, dessen schleichenden Folgen Tims Eltern zum Opfer fielen. Davon darf er nie erfahren. Weller kommt eine Idee: Wenn es noch weitere solche Opfer – Mutanten – gäbe, dann müsste Tim sich nicht mehr verstecken …

|Mein Eindruck|

Eine Geschichte braucht gar keine Aliens, wie man sieht, wenn doch schon die Mutanten so vorsichtig sind, dass sie sich bestens verstecken können. Die Erzählung der 1908 in Boston geborenen Autorin Wilmar Shiras wurde über Nacht mit dieser Mutantenstory über Nacht bekannt. Sie integrierte die Story in ihren Roman „Children of the Atom“ (Kinder des Atoms), der 1983 erstmals auf Deutsch bei Ullstein veröffentlicht wurde.

Alle ihre Texte zeichnen sich durch fachkundiges psychologisches Wissen und intuitive Feinfühligkeit aus, so auch in diesem. Dies und die einfache Sprache sowie die konsequent durchgehaltenen Offenbarungen macht die Story nicht nur spannend, sondern auch anrührend und lehrreich.

_3) Jack Vance: 2Die Mondmotte“ („The Moon Moth“, 1961)_

Auf dem Planeten Sirene dient Musik als zweite Form der Kommunikation. Die Etikette verlangt, dass jedermann die korrekte Maske trägt – die des irdischen Agenten Edwer Thissell ist die der einheimischen Mondmotte. Er hat von der Interweltbehörde den Auftrag, den Meuchelmörder Haxo Angmark zu schnappen und notfalls zu töten.

Er müht sich ab, die Bräuche und Sitten dieser Welt zu erlernen, doch am Tag, als Angmark landet, muss er feststellen, dass seine Anpassung höchst unzureichend ist. Nun taucht der Mörder in der Maske eines der drei anderen Außenweltler unter, aber in wessen? Unter den einheimischen Individualisten schert sich niemand um Thissells Anliegen. Seine Suche erregt unter den Einheimischen vielmehr größten Anstoß, und er kann von Glück sagen, dass er mit dem Leben davonkommt.

Da verfällt er auf den Plan, die Sklaven der anderen Außenweltler Rolver, Wesibul und Kershaul zu verhören, welche Masken ihre Herren zu tragen pflegen. Auf diese Weise wird ihm klar, dass nur einer in Frage kommt, dessen Identität Angmark angenommen hat. Doch das weiß auch Angmark und stellt Thissell eine Falle. Doch dann begeht er einen verhängnisvollen Fehler …

|Mein Eindruck|

„Die Mondmotte“ (1961), eine der ausgefeiltesten Kurzgeschichten Vances, ist eine spannende Detektivgeschichte mit überraschendem Ausgang. Sie wurde häufig in Anthologien aufgenommen, auch in der SF. Bei Heyne findet man sie in der Anthologie „Grüne Magie“ sowie in „Titan-16“.

Das Grundproblem ist einfach: Die Identität wird durch die Maske verschleiert. Die Lösung des Problems besteht darin, die Maske zu ignorieren und sich auf die übrige Persönlichkeit zu konzentrieren. Das zweite Thema ist der Individualismus. Er verhindert, dass irgendjemand der Einheimischen dem Ermittler hilft. Das dritte Thema ist der Begriff des Prestige, welcher die einzige Währung auf Sirene darstellt, und diese Währung kann stark schwanken. Doch die ist die Einzige, die jemandem erlaubt, anderen Masken zu tragen.

Viertens bestimmen die zahlreichen winzigen Musikinstrumente, die jeder Sireneser mit sich herumschleppt, um damit Akkorde und Kadenzen hervorzubringen, die eine emotional-soziale Haltung ausdrücken, so etwa gelinde Herablassung oder intensive Beschwichtigung und dergleichen. Für jedes der Instrumente hat sich der Autor einen Namen, eine Konstruktion und einen Ausdruck einfallen lassen, die er alle häufig in Fußnoten beschreibt.

Mit diesen vier Grundthemen wird die Novelle zu einer bereichernden Leseerfahrung, egal ob man nun SF mag oder nicht.

_Die Übersetzung_

Ich konnte keine Druckfehler fehlen. Das belegt den hohen Qualitätsanspruch, den der Herausgeber Wolfgang Jeschke mit dieser Reihe einzulösen versuchte.

_Unterm Strich_

Von diesen drei klassischen Novellen kannte ich bislang „Die Mondmotte“ von Jack Vance. Es ist eine klassische Agentenstory vor einem unglaublich detailliert ausgedachten Kulturhintergrund, wie er für Vances Planetenabenteuer typisch ist (auch für seine von mir komplett rezensierte Dämonenprinz-Serie).

In meinen Augen ist „Die Mondmotte“ nicht nur der spannende, sondern auch humorvoll-ironische Höhepunkt dieses Bandes. Denn „unser Mann auf Sirene“ ist alles andere als ein Held, sondern vielmehr ein Überlebenskünstler. Der Handelsfahrer Vance kannte sich mit fremden Häfen und ihren fremdartigen Sitten bestens aus. Und seine Schiffe wurden im Verlauf des Zweiten Weltkrieg zweimal versenkt.

„Verborgen“ ist im Gegensatz dazu eine psychologische Entdeckungsreise. In einer Vorwegnahme des „Inner space“ der New-Wave-Science-Fiction der sechziger Jahre führt uns die Autorin Shiras in Denken und Fühlen eines jungen Mutanten ein. Mutantengeschichten waren nach dem Fall der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki groß in Mode, und Shiras machte keine Ausnahme. Aber der Darwin’sche Mechanismus der Mutation kann sowohl Fluch als auch Segen sein – es kommt drauf, was man draus macht, und Timothy Paul hat Erfolg. Aber nur im Verborgenen, was einiges über die ihn umgebende Gesellschaft aussagt.

Auch „Das Zeitkino“ über Gesellschaftskritik, allerdings in einem globalen und historischen Maßstab. Kein Wunder, dass der Autor einer ganzen Menge Leute auf die Zehen trat, als er in Frage zu stellen wagte, ob der angeblich gönnerhafte Patriotismus der Waffenproduzenten wirklich so altruistisch so war, wie es die Propaganda erzählte – und das gleiche galt für die Helden von Krieg und Revolution, nicht nur in den US, sondern auch in Frankreich.

Selbst für Kenner der Sciencefiction bietet dieser Band noch Gelegenheit zu Entdeckungen wichtiger Erzählungen, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und das Genre beeinflussten. „Die Mondmotte“ ist im Gegensatz dazu ein Evergreen, die in keiner Auswahl klassischer SF der Jahre von 1958 bis 1962 fehlen darf.

|Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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Jeschke, Wolfgang; Bova, Ben (Hrsg.) – Titan-14

_Classic SF: Das Ende des Konsumterrors und andere heitere Anlässe_

Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Sciencefiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 14 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Frederik Pohl, James H. Schmitz und Theodore Cogswell gesammelt.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Sciencefiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Sciencefiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Scienc Ffiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstand der „Foundation“-Zyklus und andere Future History-Zyklen.

Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Sciencefiction ausgezeichnet, dem Hugo Gernsback Award. Von 1978-82 gab er das Technik & Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Sciencefiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.

Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.

1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.

_Die Erzählungen_

_1) James H. Schmitz: „Die Hexen von Karres“ („The Witches of Karres“, 1949)_

Der Handelskapitän Pausert kommt von dem etwa provinziellen und sittenstrengen Planeten Nikkeldepain, aber wenn er mit seiner Handelsladung auf der imperialen Welt Porlumma Erfolg hat, darf er sich Hoffnungen machen, die Hand seiner Verlobten Illyla, der Tochter seines Geldgebers Rat Onswud, zu bekommen. Er sei denn, Rat Rapport, sein Rivale, käme ihm zuvor.

Da die Geschäfte auf Porlumma bestens gelaufen sind, begibt sich Pausert gutgelaunt vom Kneipenviertel zum Raumhaufen. Leider gerät er dabei in einige dunklen Seitengassen, wo sich sein Schicksal wandelt. Er gerät in den Streit zwischen Bäcker Bruth und seiner Sklavin Maleen. Weil sie wesentlich kleiner und schwächer aussieht, ergreift Pausert sofort für sie Partei und rettet sie vor dem Unhold. Das Gericht sieht die Sache jedoch etwas anders und will ihn zu Knast verdonnern. Es sei denn, er kaufe Maleen frei. Auch wenn ihn das einiges von seinem Gewinn kostet, lässt sich pausert das nicht zweimal sagen.

Maleen dankt ihm und besteht darauf, ihre beiden Schicksalsgenossinnen Goth und die Leewit freizukaufen. Erstaunlicherweise sind deren Besitzer froh, sie loszuwerden – gegen einen kleinen Obolus, versteht sich. Bevor Pausert nach Hause fliegen kann, will er die drei kinderartigen Mädchen zu ihrer Heimatwelt Karres zurückbringen. Denn Sklaven zu kaufen, ist auf Nikkeldepain streng verboten.

Auf dem Flug bemerkt er, dass sie über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügen. Maleen hat die Gabe der Vorahnung und sieht (wieder mal Ärger) für Pausert voraus. Die Leewit kann durch Pfeifen jede Art von Kristall oder Getöpfertem zerspringen lassen. Goth schließlich teleportiert alles, was sie haben will. Zum Beispiel die Juwelen ihres Vorbesitzers ….

Zusammen bewerkstelligen die drei magiebegabten Mädchen, die von manchen als „Hexen“ bezeichnet werden, eine neue Art von Raumantrieb. Sie nennen das aus Draht und Magie gebaute Ding „Sheewash“. Es versetzt Pauserts alten Piratenjäger „Venture 7333“ auf einen Schlag um Lichtjahre weiter, verlangt der Hexe aber auch alle Körperenergie ab. Folglich futtern die drei Girls nach solch einem Stunt immer wie die Scheunendrescher.

Karres, von die Girls entführt wurden, ist eine grüne Welt voller Wälder und erstaunlich weniger Leute, findet Pausert. Aber Maleens Mutter empfängt ihn sehr freundlich und verköstigt ihn drei Wochen lang, die wie im Flug vergehen. Erst dann fällt ihm wieder ein, dass ja zu Hause eine Verlobte auf ihn wartet. Zum Abschied bekommt er jede Menge Kostbarkeiten geschenkt. Leider sind sie auf Nikkeldepain alle unverkäuflich, wie Pausert weiß.

Nikkeldepain ist so streng wie eh und je und schickt statt des Zollboots gleich die Cops. Mit an Bord des Polizeikreuzers sind aber auch Illyla, ihr Vater und der Rivale Rapport. Sechs Anklagen wegen diverser hat Pausert zu gewärtigen, doch das ist nicht das Schlimmste: Illyla hat gleich nach seiner Abreise den Rivalen geheiratet! Pausert zückt seine Pistole und jagt alle von Bord. Soll sie der Teufel holen!

Um den anderen Polizeikreuzern zu entgehen, ist allerdings der Sheewash-Antrieb nötig. Gut also, dass sich die kleine Hexe Goth an Bord teleportiert hat. Und sie hat eine große Bitte: Ihre Welt Karres ist verschwunden und muss dringend wiedergefunden werden. Außerdem werde sie in nur vier Jahren erwachsen und suche noch einen Mann …

|Mein Eindruck|

Der einzige Grund, warum Ben Bova diese Erzählung in die Ruhmeshalle der (amerikanischen) Sciencefiction aufgenommen haben kann, ist die Verbindung aus dem SF-Hintergrund der bemannten Raumfahrt und dem Fantasy-Hintergrund von magiebegabten Frauen, sogenannten Hexen. Die magischen Girls sind auch wirklich nett, neigen allerdings zu allerlei Schabernack. Und sobald sich der etwas provinzielle und verknöcherte Kapitän Pausert seiner Vorurteile gegenüber fremden Rassen entledigt hat, kommen die Mädels auch als Heiratskandidatinnen in Frage.

Alles andere jedoch ist völlig abgedroschen. Die Planetenabenteuer von Handelskapitänen sind ebenso Legion wie ihre Begegnungen mit exotischen Frauen, von denen die meisten die jeweils aktuellen Klischees erfüllen. Auch von Spannung lässt sich wenig finden, jedenfalls nicht im heutigen Sinne. Die exotischen Abenteuer der Pulp Fiction verlangen nach Raumgefechten, diversen Diebstählen und einem Entkommen in letzter Sekunde.

Für die fremde Welt Karres, wo sich der Erdling wie selbstverständlich besten Klimas erfreut (als müssten alle Welten erdähnlich sein), hat sich kein spannender Plot finden lassen, etwa eine Jagd auf Großraubtiere, bei der sich der Held hätte bewähren können. Stattdessen trinkt er Tee, raucht Pfeife und liest ein Buch über die „alte Jerde“. Gerade so, als mache er Urlaub in der Südsee, sodass nur noch die Hula-Mädchen fehlen.

In der Tat: Das einzige Element, das der Story Würze verleiht, sind die Gegensätze zwischen der puritanischen Provinz Nikkeldepain, die für die Nachkriegs-USA steht, und die Exotik, für die Karres und seine magiebegabten Bewohnerinnen stehen. Nachträglich liefert der Autor noch einen Grund, warum sich der Held, ein wahrer Jedermann, für Karres entscheidet: Sein Großonkel Threbus ist der Vater von Goth. Folglich sind er und das Mädel seines Herzens sogar verwandt!

Die Romanfassung von „Die Hexen von Karres“ erschien 1966 und ist wie die Story eine Space Opera. Zum Glück hat Schmitz mehrfach Psi- und magiebegabte Frauen als Protagonistinnen verwendet und so die SF der sechziger Jahre wirklich weitergebracht.

_2) Frederik Pohl: „Die Midas-Seuche“ („The Midas Plague“, 1954)_

Morey Fry heiratet Cherry, die Tochter von Richter Elon, der vier Klassen über ihm steht, und ist verständlicherweise selig. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie sich tränenreich beschwert, dass ihr all der Konsum zuviel ist. „Können wir nicht einfach zu Hause einen schönen Abend verbringen, statt in die Oper zu gehen, Liebling?“ Morey wird angst und bange, denn mit dieser Einstellung kämen sie in Teufels Küche – und in eine noch tiefere Klasse! Wie sollen sie denn ihre Konsumrationierungsmarken aufbrauchen, wenn nicht durch fleißiges Konsumieren? All die guten Dinge, die die Roboter herstellen, müssen doch auch verbraucht werden, oder? Und dann ist da noch der Konsumrationierungsausschuss (KRA), der darüber wacht, dass auch jeder genügend – seiner Klasse entsprechend – konsumiert.

Doch das noch fleißigere Essen hilft nichts – er bekommt einen Anpfiff von seinem Chef, dem der KRA seine Bemängelung von Moreys Konsumverhalten schon mitgeteilt hat. Morey muss sich etwas einfallen lassen. Aber er will auch nicht auf die schiefe Bahn geraten und irgendwelche gefälschten Rationierungsmarken kaufen oder so. Gute Güte! Als Cherry dies aus Barmherzigkeit tut, wird er richtig wütend.

Zum Glück gerät er – eher unfreiwillig – in die Bar, wo die Bigelows ihn darüber aufklären, dass die Roboter nichts Gutes seien, sondern den Menschen die Arbeit wegnähmen. Morey findet das Ehepaar Bigelow etwas exzentrisch, aber mit jedem Drink, den er auf Kosten ihres Rationsmarkenhefts trinkt, sympathischer. Schließlich ist er derartig abgefüllt, dass er nicht mehr weiß, wie er nach Hause gekommen ist und was er dort gemacht hat.

Wenige Tage später bekommt er ein Lob von seinem Chef: Morey wird in die Top-Klasse befördert und kann sich nun endlich ein kleineres Haus leisten. Cherry ist außer sich vor Freude und Stolz auf ihn, aber er weiß nicht so recht, womit er das verdient hat. Erst als ihm sein Leibdiener Henry berichtet, dass der Schnaps ausgegangen sei, schwant ihm, dass in seinem eigenen Haus etwas nicht ganz in Ordnung ist …

|Mein Eindruck|

Der frühere Kommunist Pohl schildert in seiner humorvollen Satire eine Konsumgesellschaft, in der das Vorrecht auf Konsum und Luxus, wie es in den 1950er Jahren in den USA entstand, in sein Gegenteil verkehrt worden ist: in Konsumzwang und -terror. Die Menschen haben das Recht zu arbeiten erst zu erwerben, denn alle Arbeit wird schließlich von Robotern erledigt, ebenso jede Art von Produktion. Die Ressourcen der Erde werden dafür restlos ausgebeutet.

Damit die Produktion überhaupt sinnvoll erscheint, muss am anderen Ende der Versorgungslinie entsprechend viel konsumiert werden. So lautet zumindest die verquere Logik der herrschenden Klasse – die durchaus einiges für sich hat, wenn man sich den Sinn und Zweck von Werbung und Vermarktung näher anschaut.

Moreys im Suff begangene „revolutionäre Heldentat“ besteht nun darin, die Roboter in seinem Heim auch gleich zu den Konsumenten gemacht zu haben. So ist der Kreislauf geschlossen: Roboter produzieren und konsumieren, während sich die Menschen zufrieden zurücklehnen können: Wenn sie etwas brauchen sollten, dann leisten sie sich nur, was sie benötigen. Cherry ist wieder happy und Morey ist der Held des neuen Zeitalters. „Ach wie gut, dass niemand weiß“, dass ihm die Idee dazu im Suff gekommen ist.

_3) Theodore Cogswell: „Der Generalinspekteur kommt“ („The Spectre General“, 1952)_

Das alte kaiserliche Sternenreich ist inzwischen vom Galaktischen Protektorat abgelöst worden, aber dieser Wandel hat sich noch nicht bis zum 427. Instandhaltungsbataillon herumgesprochen. Hier sind 5000 ausgebildete Techniker, die keinerlei Maschinen haben und den Pflug selbst ziehen müssen. Ausgestattet mit Kopfschmuck, Kriegsbemalung und Tomahawk geben sie dennoch ein schmuckes Bild ab.

Kurt Dixon wurde soeben von Oberst Harris zum Leutnant ernannt, als er sich auch schon vor Oberst Blick, der Oberst Harris kurzerhand absetzt, verstecken muss. In der alten Waffenkammer findet er das optimale Versteck: einen gepanzerten Raumanzug. Allerdings kriegt er ihn nicht mehr auf und drückt die falschen Knöpfe – ab geht die Post!

Ein Aufklärer des Protektorats fischt ihn 600.000 km über der Planetenoberfläche auf. Der Aufklärer sucht eigentlich einen abtrünnigen Kommandanten, doch seine Maschinen versagen der Reihe nach, weil niemand auf seinem Stützpunkt noch die nötigen technischen Kenntnisse besitzt. Als nun der Techniker Kurt Dixon an Bord kommt, gibt es für ihn jede Menge an Bord zu tun. Der Pilot beschließt, dass er sich diesen Wunderknaben nicht so schnell wieder abluchsen lässt, und bringt ihn zum Flottenkommandanten Krogson.

Wie der kleine Aufklärer hat auch die Flotte ihre besten Tage längst hinter sich. Die Dechiffriermaschine pfeift auf dem letzten Loch, und die Feuerleitzentrale gehorcht nicht mehr. Auch hier sieht Dixon, dass es für ihn eine Menge zu tun gibt. Als ihm Krogson erlaubt, die Feuerleitzentrale zu reparieren, tut er dies so, dass ein Tastendruck genügt, damit die Flotte sich selbst in die Luft sprengt. Kein Schlachtschiff soll sein Bataillon vernichten!

Er verlangt Oberst Harris zu sprechen, und nach einer Weile kann dieser mit Dixon und Krogson sprechen. Da Angriff keine Option mehr für die Flotte ist, könnten die Mannschaften doch landen, oder? Leider nein, meint Harrris, denn er könnte 50.000 Mann weder verköstigen noch ihnen trauen. Da kommt die Nachricht von einem Putsch auf der Zentralwelt des Protektorats: Krogson werde jetzt per Haftbefehl gesucht. Es gibt also kein Zurück.

Aber es gibt wieder eine Zukunft für die Flotte – wenn sie sich dem Kaiserreich anschließt. Und so kommt es, dass Krogson als Generalinspekteur der Kaiserlichen Raumflotte auf dem Stützpunkt des 427. Bataillons landet. Und wer weiß, wohin ihn sein Weg noch führen könnte?

|Mein Eindruck|

Diese Novelle war Cogwells erste Veröffentlichung im SF-Genre und gleich ein Erfolg. Da er im Spanischen Bürgerkrieg sowie im 2. Weltkrieg beim Militär war, kannte er sich bestens mit den Narrheiten in den Rängen des Barras aus. Die Offiziere sehen auf die Soldaten herab und sägen einander am jeweiligen Stuhl. Dabei haben sie keinen blassen Schimmer von Technik, sondern sind auf die entsprechenden Soldaten angewiesen.

Andererseits zeigt die humorvolle Erzählung, dass sich die Geschichte gewissermaßen in Zyklen bewegt. Das Kaiserreich ist tot, aber nicht ganz. Doch das Protektorat liegt bereits in den letzten Zügen, weil sich die Kommandanten untereinander bekämpfen. lang lebe also das Kaiserreich – zumindest bis zum nächsten Zyklus.

Ein paar nette Details unterfüttern die Parodie. Da sind die indianische Aufmachung der imperialen Techniker, komplett Tomahawks für die Duelle. Man kann sie keineswegs ernstnehmen. Aber auch die Leute vom Protektorat sind Pappkameraden. Diese Sowjetmenschen mögen über die großen Kanonen verfügen, doch ihre eigene bürokratische Befehlsstruktur wird ihnen zum Verhängnis. Erst wenn sich die Kaiserlichen mit den verbannten Protektoratsleuten zusammentun, wird eine dritte Macht geschaffen, der die Zukunft gehört.

_Die Übersetzung _

Ich konnte keine Druckfehler finden. Das belegt den hohen Qualitätsanspruch, den der Herausgeber Wolfgang Jeschke mit dieser Reihe einzulösen versuchte. Aber wie so häufig bei diesen frühen Übersetzungen wird der Begriff „Radio“ einfach mit „Funk“ und „Funkgerät“ gleichgesetzt. Es handelt sich also nicht um einen Funkempfänger, sondern stets auch um einen Sender – oder gleich um die ganze Funktechnik.

_Unterm Strich_

In erstaunlicher Einhelligkeit ziehen die drei Novellen auf humorvolle Weise diverse Phänomene durch den Kakao. Man ist versucht, von einem Fun & Play-Auswahlband zu sprechen – ein würdiger Abschluss des zweiten Hall-of-Fame-Bandes.

Da wären zunächst die drei jungen, unartigen Hexen, die den braven Handelskapitän zu einem recht unbürgerlichen Sinnes- und Lebenswandel verhelfen. Während er sein puritanisch-engstirniges Zuhause (und die einstige Verlobte) zurücklässt, lässt er sich auf dem idyllisch-magischen Planeten der Magie nieder. Wer da nicht gleich an „Avatar“ erinnert wird, der kennt die amerikanische Seele nicht. Die Sehnsucht nach Magie, Wildnis und Entdeckung ist so stark wie eh und je. Bemerkenswert ist die dominante Rolle der Frauen in diesem Szenario.

In Fred Pohls Satire auf die Konsumgesellschaft wird der Konsumterror, der in den 1950er Jahren entstand und durch das Fernsehen geschürt wurde, auf die Schippe genommen. Gleichzeitig bietet der kommunistische Autor eine satirische Lösung des Problems an: Die Werktätigen dürfen bzw. müssen die Früchte ihrer Produktivkraft selbst genießen. Frei nach Marx.

Die dritte Novelle nimmt die närrischen Gepflogenheiten des Militärs auf die Schippe, zeigt aber auch auf, wie zyklisch und selbstzerstörerisch die vom Militär bestimmte Geschichtsepoche ist. Klarer Fall: Wer nichts produziert, sondern nur verbraucht, wird irgendwann selbst sein eigenes Opfer – die Maschinen fallen auseinander. Dabei sind die technisch fortschrittlichen Kaiserlichen alles andere als ein Vorbild: Mangels Maschinen müssen die Hochgebildeten selbst den Pflug ziehen.

Dass diese Parodien und Satiren heute nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen dürften, liegt auf der Hand. Deshalb bieten sie vor allem dem Kenner des Genres, seinen Traditionen und Klischees ein besonderes Vergnügen. Hier wurden seinerzeit Klischees und Tabus gebrochen. Doch wenn die „Ruhmeshalle der SF“ nur aus solchen Storys bestünde, wäre es schlecht um sie bestellt.

|Taschenbuch: 173 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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Jeschke, Wolfgang; Pohl, Frederik (Hrsg.) – Titan-3

Nachdenkliche SF: zwischen Trennungsschmerz und Verschwindibus

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 3 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 1+2+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Stories keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Der Werbefachmann, Autor, Literaturagent und Herausgeber Frederik Pohl, geboren 1919 in New York City, ist ein SF-Mann der ersten Stunde. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte er der New Yorker „Futurian Science Literary Society“ an, bei er seine späteren Kollegen Isaac Asimov und Cyril M. Kornbluth kennenlernte. Von 1940-41 war er Magazinherausgeber, wandte sich dann aber dem Schreiben zu.

Als er sich mit Kornbluth zusammentat, entstanden seine bekanntesten Romane, von denen der beste zweifellos „The Space Merchants“ (1952 in „Galaxy“, 1953 in Buchform) ist. Er erschien bei uns unter dem Titel „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1971). Darin kritisiert er auf bissige, satirische Weise die Ausbeutung des Weltraums. Ebenso erfolgreich ist seine Gateway-Trilogie, die zwischen 1977 und 1984 erschien und von denen der erste Band drei wichtige Preise einheimste.

_Die Erzählungen_

_1) Henry Kuttner & C.L. Moore: „Eine abenteuerliche Vermutung“ („A Wild Surmise“)_

Timothy Hooten, ein junger Mann, liegt auf der Couch von Dr. Scott, seinem Psychiater. Tim hat seltsame Ideen. Wie wäre es, an dem Mast des Empire State Buildings, das er durch das Fenster sehen kann, ein Luftschiff festmachen zu lassen? Und wie merkwürdig, sich durch Bewegungen von Lippen und Zunge mitzuteilen, und auch die inwendige Anbringung seines Knochengerüsts kommt ihm falsch vor. Dr. Scott notiert eifrig mit und fragt nach den Gründen. Tim gibt an, dass er dies alles träumen müsse, denn sein wahres Ich schlafe ja.

Am nächsten Tag liegt er bei Dr. Rasp auf der Couch und putzt seine Fühler. Er habe einen merkwürdigen Traum gehabt, in dem er bei einem Dr. Scott auf der Couch gelegen und das Empire State Building gesehen habe, eine ganz andere Welt. Denn normalerweise stehe dort ja das Quatt Wunkery. Ganz genau, findet Dr. Rasp und schreibt Notizen auf seine Flügeldecken. Aber diesen Dr. Scott gebe es nicht. Er werde jetzt Tim übersommern lassen, damit er in Schlaf falle, okay? Tim kratzt seine Flügel mit einem seiner sechs Beine und willigt ein.

Tim wacht auf der Couch von Dr. Scott auf. Dieser gibt ihm eine Spritze Natriumpenthotal, damit Tim garantiert die Wahrheit sagt. Doch das Empire State Building draußen wirkt falsch: Es ist nicht das Quatt Wunkery. Was wird wohl Dr. Rasp dazu sagen? Dr Scott behauptet, diesen Dr. Rasp gebe ees nicht und ruft ihn herbei. Da flimmert die Luft, und ein sechsbeiniges Insekt erscheint …

|Mein Eindruck|

Handelt es sich wirklich um zwei Welten, in denen sich Timothy Hooten befindet? In der einen ist ein „normaler Junge“, in der anderen ein Insekt à la Gregor Samsa. Tatsächlich hat Kafkas „Die Verwandlung“ Pate gestanden, doch nun kommt auch noch die Quantentheorie hinzu. Ein Mensch wie Tim kann gleichzeitig in zwei benachbarten Raum-Zeit-Dimensionen existieren. Spannend wird es, wenn sich die eine Existenzform an die andere erinnert, etwa so, wie man sich im Wachsein an einen verrückten Traum erinnern würde.

_2) Judith Merril: „Die Auswanderer“ („So Proudly We Hail“)_

Susan und Will Barth sind ein amerikanisches Ehepaar, das am Scheideweg steht. Will wird heute mit dem Raumschaff zum Mars fliegen, um eine Kolonie zu gründen, doch Sue wird nicht mit dabei sein. Sie wurde aus medizinischen Gründen disqualifiziert. Das Problem ist nun, dass sie es ihm nie gesagt hat.

Als sie kurz vorm Start sagt, sie werde nicht mitkommen, muss er alles Mögliche annehmen. Seine erste Reaktion ist Zurückweisung ob dieses unerwarteten Verrats ihrer gemeinsamen Pläne und Träume. Er geht hinaus zum Zaun des Startgeländes und bekommt die Idee in den Kopf gesetzt, sie habe wohl einen anderen. Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Ihr einziger Grund ist der, dass sie ihn so sehr liebt, dass sie verhindern will, dass er wegen ihr auf der Erde zurückbleibt, nur um danach ständig wegen der aufgegebenen Chance einen Groll gegen sie aufzubauen.

Die Startzeremonie wird abgehalten, am Zaun beobachtet von den Zurückbleibenden. Als die Zündung erfolgt ist, reißt sich Sue plötzlich los und stürzt ins entfesselte Höllenfeuer …

|Mein Eindruck|

Wie fast alle von Judith Merrills SF-Erzählungen aus den frühen fünfziger Jahren, so etwa auch „That only a mother“, steht der psychologische Aspekt des Geschehens stark im Vordergrund, und die Handlung ist fast nicht vorhanden. Aber die Autorin verleiht dem abgedroschenen Standardmoment eine neue Bedeutung, die er zuvor nicht hatte. Dass es sich bei dem Start der Kolonisten möglicherweise nicht um etwas Heroisches (die Nationalhymne wird zweimal zitiert), sondern um eine religiöse Veranstaltung handeln könnte, die man auch mit anderen Augen sehen kann.

Religiöse Untertöne erhält die Abschiedszeremonie durch die Beschreibung der „Oberpriester“, welche die „Opfergestalten“ der Aussiedler dem „Drachen opfern“, um ihn zum Verschonen der Sterblichen und zum Weggehen zu bewegen. Susans Selbstopferung im „Atem des Drachen“ erhält demnach eine völlig andere Bedeutung als ohne diese religiösen Untertöne. Sie sendet eine Botschaft der Liebe an ihren startenden Gatte, der diese Botschaft vielleicht erst in Jahren, wenn das Schiff landet, empfangen und verstehen können wird.

Die Erzählung hat einen bittersüßen Ton, der typisch ist für Merrill, wenn sie mal nicht sarkastisch ist. Aber aufgrund ihres psychologischen Realismus’ könnte die Geschichte genauso gut in einem Mainstream-Blatt abgedruckt werden.

_3) Isaac Asimov: „Junior“ („Nobody Here But –„)_

Bill und Cliff haben eine Denkmaschine gebaut, die einmal als Navigations- und Steuergerät in Schiffen, Flugzeugen und Autos dienen soll. Das „Navi“ ist etwa so groß wie ein Billy-Regal. Eines Tages stellt sich heraus, dass das Navi weitaus mehr kann.

Bill will abends mit Mary Ann, seiner rothaarigen Angebeteten, ins Theater gehen. Ungeduldig wartet sie bereits, als er noch kurz bei Cliff in der Werkstatt anruft, um sich Infos geben zu lassen. Er schreibt gerade die Notizen nieder, als Cliff eintritt und sich beschwert, warum Bill ihn nicht abgeholt habe. Bills Verstand kommt zu einem knirschenden Stillstand: Cliff sollte sich eigentlich sieben Kilometer entfernt befinden!

Nun, mit irgendjemandem hat Bill telefoniert, und wenn es nicht Cliff war, dann kann es nur Junior, ihre Denkmaschine, gewesen sein. Also fahren sie sofort hin, was Mary Ann natürlich noch ungeduldiger werden lässt. Junior hat sich nicht vom Fleck gerührt, aber er weigert sich, seine Schrauben herausdrehen zu lassen – jedenfalls solange bis die zwei EDV-Techniker drohen, ihn mit dem Schneidbrennen zu öffnen. Dann drehen sich die Schrauben von alleine auf. Sein Innenleben wurde etwas angereichert – aber nicht von seinen Erfindern.

Als sie ihm den Stecker rausziehen wollen, weiß Junior sie effektiv daran zu hindern. Was jetzt? Mary Ann beschwert sich über die Verspätung und den ekligen Dreck in der Werkstatt, will schon gehen. Bill ist hilflos. Da erklingt eine Stimme: „Nun frag sie schon, ob sie dich heiraten will!“ Und zu seiner eigenen Verwunderung tut Bill genau dies. Worauf ihm Mary Ann überglücklich um den Hals fällt.

Soweit, so schön. Mary Ann und Bill sind glücklich verheiratet. Jedenfalls solange er ihr nicht verrät, dass es nicht Cliffs Stimme war, die ihm riet, ihr den Antrag zu machen …

|Mein Eindruck|

Eine Erzählung aus der Urzeit der ersten Computer, als sie die kleiderschrank- und zimmergroßen „Elektronengehirne“ noch skurrile Namen wie ENIAC trugen. (Asimov schrieb wahrscheinlich eines seiner hundert Sachbücher darüber.) Asimov nimmt lediglich diese technische Entwicklung und extrapoliert sie in den Bereich der menschlichen Interaktion. Die Ergebnisse sind possierlich und dürften die damaligen bürgerlichen Leser gerührt und amüsiert haben. Wir findens nur noch niedlich.

Allerdings deutet der Name „Junior“ darauf hin, dass es sich um ein Kind, also einen Nachkommen von Menschen, handelt. Der Computer wird dadurch vermenschlicht. Das ermöglicht es, ihn in eine Beziehung zu Mann (Bill) und Frau (Mary Ann) zu setzen, die schon bald eigene Kinder haben werden. Insofern ist Junior ein Vorgrif auf ihre sexuelle Beziehung. Der Computer also als Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln? Schön wärs.

_4) Arthur C. Clarke: „Die neun Milliarden Namen Gottes“ („The Nine Billion Names Of God“, 1953)_

Britische Computerwissenschaftler erhalten vom Lama eines tibetischen Klosters (denn damals war Tibet noch nicht von den Chinesen besetzt) den Auftrag, einen Rechner mit einem speziellen Programm zu liefern und vor Ort in Tibet zu betreiben. Der Mark V soll keine Zahlen knacken, sondern mit lediglich neun Zeichen die neun Milliarden Gottes buchstabieren. Den Zweck der Übung erfragt der Vertriebsbeauftragte lieber nicht. Der religiöse Charakter des Auftrags ist offenkundig.

Doch vor Ort machen sich die zwei Techniker nach Monaten des Buchstabendruckens allmählich Sorgen. Der Abt hat einem von ihnen gesagt, schon in wenigen Tagen werde der Auftrag beendet sein. Ja, und was passiert dann? In einem Anfall von Redseligkeit verrät es der Abt: Der Auftrag der Mönche, die Namen Gottes zu buchstabieren, sei erfüllt, Gott sei’s zufrieden und der Zweck seiner Schöpfung somit erfüllt. Ja, und was kommt danach, will der Techniker wissen? Wieso, fragt der Abt, danach kommt ein neues, ein anderes Universum …

|Mein Eindruck|

Hm, neun Milliarden: Das sind 9×10 hoch 9. Kann man diese hohe Zahl wirklich mit nur neun Zeichen erreichen? Dafür gibt es einen simplen Algorithmus, der mit neun hoch neun beginnt, womit die erste Permutation ausgeführt wird. Und danach folgen noch viele, viele weitere.

Aber das ist nebensächlich. Interessant ist an der Kurzgeschichte, dass der Autor, ein damals bekannter Ingenieur und Erfinder des Satelliten (1947), hier modernste Rechentechnik (der Mönch rechnet allerdings noch mit einem Abakus) und Religion bzw. Mystik miteinander verknüpft. Computer als Mittel zur Erkenntnis der Schöpfung? Das kann offenbar auch ins Auge gehen, allerdings mal wieder anders als erwartet.

_5) James E. Gunn: „Die Unsterblichen“ („The Immortals“, Novelle mit 54 Seiten)_

200 Jahre in der Zukunft. Die großen Städte der USA haben sich eingeigelt wie im Mittelalter und das Land, das den Baronen gehört, wird von deren Burgen beherrscht. So wie der von Gouverneur Weaver. Das Land jedoch wird nicht etwa von den Rittern der Barone beschützt, sondern ist den Gesetzlosen überlassen, den Leichenfledderern und Organhändlern. Denn das höchste Gut, das sich die Menschen vorstellen können, ist Unsterblichkeit – und wenn sie nur in einer Organverpflanzung besteht.

Überall herrscht Krankheit, denn Medizin ist teuer geworden. Das Medizinische Zentrum von Kansas City wuchs im Laufe der Jahre ständig weiter, bis es jetzt fast hunderttausend Mitarbeiter beherbergt. Einer davon ist der 18-jährige Arzt Harry Elliott, der eine Schnellausbildung durchlaufen hat. Er hantiert mit Diagnosemaschinen und verschreibt Medikamente; das ist sein Begriff von Medizin.

Eines Tages beobachtet er von seinem Fenster aus, wie unter am Tor der festungsartigen Klinikmauer ein Überfall stattfindet: Ein eskortierter und bewaffneter Patienten- und Medikamententransport – wahrscheinlich das Unsterblichkeitselixier – wird überfallen. Harry eilt hinunter und rettet drei Menschen aus der Ambulanz: einen alten, blinden Mann, einen Jungen und ein junges Mädchen, das aussieht wie dreizehn. Er lässt sie versorgen und geht zu Direktor Mork.

Mork hat einen ungewöhnlichen Auftrag für ihn. Er soll die drei Patienten zur Burg von Gouverneur Weaver geleiten und eine Botschaft überbringen, aber nicht als Arzt, sondern als unauffälliger Normalbürger. Alle anderen Versuche, zu Weaver durchzukommen, seien gescheitert; die Telefonverbindungen seien gekappt worden. Deshalb muss Elliott persönlich gehen, um die Botschaft zu überbringen. Und der Alte sei ein Heiler, den Weaver angefordert habe.

Damit aber das Mädchen nicht fliehen kann, lässt er Elliott einen simplen Armreif verpassen – das Gegenstück zu dem des Mädchens. Beide sind elektromagnetisch miteinander verbunden. Außerdem sind die Armbänder intelligent: Je mehr sich die beiden Bandträger voneinander entfernen, desto stärker wird der nervliche Schmerz, den der Armreif auf seinen Träger ausübt. Schon bald merken Harry und Marna, das Mädchen, dass diese Verbindung genauso funktioniert, wie beschrieben: Der Schmerz ist kaum auszuhalten. Folglich suchen sie ihre gegenseitige Nähe. Aber Harry soll sich bloß keine Schwachheiten einbilden, warnt sie ihn.

Kaum hat man sie widerwillig an der Stadtmauer passieren lassen, merken sie, dass sie in einem unsicheren Land leben. Aber seine drei Begleiter retten Harry mehrfach das Leben. Sie kennen sich hier draußen aus und haben schon etliche Gefahren überstanden. Jeder einzelne der drei entpuppt sich als eine Überraschung. So kommt Harry aus dem Lernen nicht mehr heraus, bis er die Burg des Gouverneurs erreicht. Doch wird die Gruppe mit blauen Bohnen empfangen …

|Mein Eindruck|

Der in den 70er-Jahren als Herausgeber einer Geschichte der Sciencefiction bekannt gewordene Autor James Gunn weiß den Leser mit einer flott erzählten Geschichte voller gefährlicher Abenteuer zu unterhalten. Aber hinter dieser geschickten Erzählstrategie verbirgt sich eine kritische Warnung. Wenn die Medizin und das Gesundheitswesen weiterhin so wachsen, werden sie bald alle finanziellen und wirtschaftlichen Ressourcen des Landes verschlingen.

Dann werden alle anderen Fertigkeiten verkümmern, die Bürger werden abhängig von den Wohltaten der Privilegierten: den sogenannten Unsterblichen. Es wird Verbrechen wie etwa Organraub und Kopfgeldjagd geben, von den üblichen wie etwa Menschenjagd und -handel ganz abgesehen. Diese Verbrechen kommen uns heutzutage bereits alltäglich vor, zumindest in erfindungsreichen Thrillern. Und das Wachstum der Medizin kann jede Krankenkasse bezeugen.

Was an dieser Story Sciencefiction ist, besteht in den drei Gefährten Harry Elliotts. Marna und Christopher, der Junge, können winzige Mikrofone und Videokameras erspüren sowie eigene Fallen aufstellen. Außerdem ist Marna selbst eine „Unsterbliche“. Der Interessante der drei ist hingegen Pearce, der Heiler. Ein sechster Sinn verleiht ihm die Fähigkeit, Leiden durch Berührung zu diagnostizieren, was Harry erst einmal als Hokuspokus abtut. Aber er kann noch viel mehr, was hier nicht verraten werden soll.

_6) Richard Wilson: „Der neue Job“ („Helping Hand“)_

Jack Norkus, ein Agent für Künstler, ist pleite und wendet sich an seinen Kumpel Buddy Portendo. Der kann ihm helfen und nimmt ihn mit in den meilenhohen, fast leerstehenden Wolkenkratzer von Chicago. Anders, als die Leute glauben, sind nach der Wirtschaftskrise nicht bloß die untersten zehn Stockwerke bewohnt, sondern auch ganz oben gebe es Leben, meint Buddy.

Der neumodische Antigravschacht bereitet Jack zunächst ein wenig Schwierigkeiten, aber die Nachahmung Buddys bringt dann auch ihn ganz nach oben ins 528. Stockwerk. Als Erstes begegnet ihm ein Monster, das aber ganz friedlich vorbeischlendert. Agenturen und Filmgesellschaften sind hier einquartiert, also muss man wohl mit solchen schrägen Typen rechnen. Er hätte aber wenigstens die Maske abnehmen könne, findet Jack. Das sei sein echtes Gesicht, entgegnet Buddy und bringt Jack zu dem Gedankenleser, den Jack für eine TV-Show sucht.

Doch Jack findet Mr. Okkam, den schwarzen blubbernden Tintenfleck, so abgrundtief hässlich, dass die beiden nicht zusammenkommen. Weiter zum nächsten Agenten. Allmählich checkt Jack, was hier läuft: Außerirdische, jede Menge davon. Wollen sie die Erde erobern? Mitnichten, beruhigt ihn Buddy, denn nicht jeder, der Ameisen studiert, will König vom Ameisenhaufen werden.

Schließlich bekommt Jack einen Gedankenleser vermittelt – und nimmt selbst einen Job als Erdenmonster an, bei der Extraplanetaren Filmgesellschaft. Er soll lächeln …

|Mein Eindruck|

Die Moral von der Geschicht‘ ist ebenso einfach wie pazifistisch: Nur weil die Außerirdischen bzw. anderartigen Erdenbürger anders aussehen als der Durchschnitt, heißt das noch lange nicht, dass man sie rumschubsen, angreifen oder gar töten könne. Und das gilt umgekehrt genauso. Im Endeffekt haben beide Seiten etwas von dem Kontakt: Die Fremden finden hier neue Verwirklichungsmöglichkeiten, und Loser wie Jack bekommen auch mal einen Job bei den Fremden, den sie auf der Erde lange hätten suchen müssen. Es ist eine Win-Win-Situation, ganz einfach.

_7) Alfred Bester: „Die Nummer mit dem Verschwinden“ („Disappearing Act“)_

General Carpenter ist ein Militärexperte für Public Relations. Er zettelt den Krieg für den Amerikanischen Traum an, und er kriegt ihn. Nach dem ersten atomaren Schlagabtausch müssen die Menschen in den Untergrund gehen. Etwa im Jahr 2112 stößt die Verwaltung auf ein merkwürdiges Phänomen in einem der vielen amerikanischen Militärhospitäler: Trakt T ist gar kein regulärer Trakt. Tatsächlich sollte er gar nicht existieren. Und keiner weiß, was sich darin befindet.

Wirklich keiner? General Carpenter, Herr über sämtliche Experten der Streitkräfte, lässt den zuständigen Psychotherapeuten Dr. Edsel Dimmock herbeischaffen. Der drukst herum, und das kann General Carpenter überhaupt nicht leiden. „Raus mit der Sprache! Welche Fälle liegen in Trakt T?“ Endlich rückt Dimmock mit der Sprache heraus: Leute, die verschwinden.

Was soll das heißen, fragt der General. Nur das: Wir wissen nicht, wohin sie verschwinden, aber sie bleiben immer länger fort. Carpenter lässt drei der Verschwindibusse einfangen, unter Drogen setzen und ausquetschen. Sie verschwinden bloß wieder, kehren gleich wieder zurück und ebenso unbrauchbar wie zuvor. Auch die Dimmock-Folter nützt nichts.

Der General lässt sechs seiner Experten in Trakt T einschleusen. Sie stoßen auf den Namen Jim Brady. Ein weiter Experte benennt Diamond Jim Brady als bekannten Boxer des 20. Jahrhunderts. Es gibt weitere Hinweise: auf einen gewissen Präsidenten Eisenhower und einen Autobauer namens Henry Ford. Historische Figuren oder nicht? Carpenter lässt einen Historiker aus einem der Arbeitslager kommen.

Professor Scrim war ein Philosoph, der den Fehler machte, den Krieg für den Amerikanischen Traum anzuzweifeln. Wie auch immer, er soll sich jetzt diese Sache ansehen. Diese „Sache“ kommt Scrim immer kurioser vor, je länger er sich damit beschäftigt. Sein Rapport verblüfft den General: „Zeitreisende?“ Eine unglaubliche Waffe, meint der General, und sämtliche Experten pflichten ihm bei. Wenn man eine Armee per Zeitreise hinter feindliche Linien schicken könnte, noch bevor die Schlacht überhaupt angefangen hat. Wow! Die Möglichkeiten übersteigen den Verstand.

Nicht bloß einfache Zeitreisende, wendet Scrim ein , sondern Leute, die in eine Zeit reisen, die ihren eigenen Träumen entspricht: Anachronismen en masse sind die Folge. „Da haben Sie Ihren Amerikanischen Traum, Sir“, meint Scrim. Aber wie könnte man gewöhnlichen Leuten diese Fähigkeit verleihen, will der General wissen. Scrimm antwortet, dass ein Poet dies wohl vermöge. General Carpenter lässt einen Poeten suchen. Er wartet bis heute, dass einer gefunden wird …

|Mein Eindruck|

In seiner unnachahmlichen Art demonstriert Alfred in dieser berühmten Erzählung, wie sich Expertentum und Poesie konträr gegenüberstehen. Der Poet bzw. kreative Künstler vermag Träume in konkrete Formen umzusetzen, doch der Spezialist wird nur mit totem Wissen abgefüllt, das nur einen Zweck hat: abgerufen zu werden. Experten werden stets als gehärtete und geschärfte Instrumente dargestellt. Doch für den Poeten gilt, er sei der Einzige, der zwischen den zeitreisenden Schockpatienten und Carpenters Experten vermitteln könne.

Die umwerfende, bittere Ironie besteht nun darin, dass der Krieg des Generals, den er für den „Amerikanischen Traum“ zu führen behauptet (es könnten genauso gut „bessere Mausefallen“ sein) dazu geführt, genau diesen Traum abzuschaffen – und die Träumer obendrein. Diese sind einerseits „Poeten“, andererseits solche Schockpatienten, wie sie im Trakt T vorzufinden sind; falls man sie antrifft.

Eine Komponente fehlt noch, die ich nicht erwähnt habe. Es gibt drei sehr schöne Szenen, in denen drei der Patienten des Trakts T in der Vergangenheit auftauchen, um dort zu wirken. George Hammer ist ein wichtiger Politiker des viktorianischen London und nennt Disraeli seinen Freund. Lola Machan ist eine Mata Hari in der Epoche des Julius Caesar und prophezeit dem Diktator Roms einen baldigen Tod. Und Nathan Riley hat Wetten abgeschlossen, die im 20. Jahrhundert allesamt große Gewinne abwerfen, sodass er dem jungen Henry Ford helfen kann, das Automobil nicht nur zu erfinden, sondern auch in Massen zu produzieren.

Alles in allem ist die Story eine der besten der gesamten Fünfzigerjahre, und das will angesichts der Konkurrenz durch Philip K. Dick und Robert Silverberg einiges heißen.

_Die Übersetzung_

Auf Seite 57 heißt es „Internistenzeit“. Nun fällt es mir schwer zu glauben, dass ein 18-jähriger Arzt schon Internist sein kann. Ich halte es für möglich, dass der Übersetzer das englische Wort „internship“, was „Praktikum“ bedeutet, verwechselt hat.

Auf Seite 58 heißt es „luschte“ statt „lutschte“. Solche Druckfehler kommen ab und zu vor, aber nicht in störendem Maße.

_Unterm Strich_

Die besten Beiträge dieses Bandes sind zweifellos die Novelle von James Gunn sowie die Story von Alfred Bester. Hier gibt es reichlich sozialkritische Ansätze zu finden, und Bester wagt es, das Militär selbst anzugreifen. Gunn warnt hingegen vor einer Übertreibung des Wachstums des medizinischen Sektors.

Diese spannend verpackte Kritik findet ihr Gegengewicht in mehreren humorvollen Storys. Dazu gehört die Erste, von Henry Kuttner und C. L. Moore geschriebene, dann die von Isaac Asimov, die Alien-Story von Richard Wilson – und möglicherweise die von Arthur C. Clarke. Aber es soll ja Leute geben, die das Ende dieses Universums nicht so wahnsinnig lustig finden würden. Sie würden sich wahrscheinlich im nächsten nur schwer zurechtfinden. Asimov und Wilson lieferten in meinen Augen die schwächsten Beiträge dieser Auswahl ab.

Die psychologisch ausgereifteste Erzählung stammt eindeutig von Judith Merril. Sie beleuchtet die seelische Lage eines Ehepaars vor dem Start des neuen Raumschiffs der Kolonisten, das zum Mars fliegen soll. (Damals galt der Mars noch nicht als so abweisend wie heute, sie Bradburys „Mars-Chroniken“.) Der Start des Schiffes bedeutet zugleich die Trennung des Paares und das Ende seiner gemeinsamen Träume, Pläne und Hoffnungen. Das verleiht diesem Ereignis eine ganz neue Bedeutung, die dem alten Klischee heinleinscher Pionier-Tage neues Leben einhaucht.

Für den deutschen SF-Leser des Jahres 1976 waren diese Originalbeiträge – allesamt Erstveröffentlichungen von 1953 – willkommenes Lesefutter, um sich einen Überblick über die Entwicklung des Genres in den Fünfzigerjahren zu verschaffen. Der Erfolg des TITAN-Formats mit seinen etwa zwei Dutzend Bänden gab Herausgeber Jeschke Recht. Auch die sorgfältige Übersetzung trägt noch heute zum positiven Eindruck bei. Die wenigen Druckfehler lassen sich verschmerzen.

Taschenbuch: 142 Seiten
Originaltitel: Star Science Fiction 1+2+4, 1953+1958/1976
Aus dem US-Englischen von Yoma Cap und Walter Brumm
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke, Frederik Pohl (Hrsg.) – Titan-2

Klassische SF-Storys: Die Apotheose von Poopy-Panda

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 2 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 3+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

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Bassenge, Ulrich – Walk of Fame (Hörspiel)

_Akustisches Trashkino: Die Darsteller schlagen zurück_

„Pussy Stanton will nach oben, auf den „Walk of Fame“, die legendäre Meile am Hollywood Boulevard. „Walk of Fame“ heißt auch Pussys erster Film: Moskitos, Tsunamis, verschwundene Eingeweideeimer. Nackte Filipinas laufen durchs Bild, bei einem Zombie löst sich der Glibber und dann geschieht noch ein Mord am Filmset von „Racheengel auf der Blutinsel“…
Lieben Sie unkorrekte Unterhaltung, Schmutz und Schund? Finden Sie auch, dass Frauen durch Schmerz erst schön werden? Sehen Sie im Kino auch gerne, wie das Fahrrad in Flammen aufgeht, nachdem es die Böschung heruntergefallen ist? Dann sind Sie hier richtig: „Walk of Fame“ ist die Rache des Hörspiels am Hörbuch. „Walk of Fame“ ist die Rache für alles.“ (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Ulrich Bassenge, geboren 1956 in München, ist Hörspielmacher („Morbus sacer“, „Shashlyk for paik“), Komponist, Musiker, Autor und Regisseur. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Er spielt in mehreren Bands und schrieb Filmmusiken, u. a. für „Die Macht der Bilder – Leni Riefenstahl“ und „Living Buddha“.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Pussy Stanton: Tanja Schleiff
Mary Satána: Edda Fischer
Stacy Love: Winnie Böwe
Ida Gomez: Valerie Koch
Teddie Romero, Regisseur: Engelbert von Nordhausen (dt. Stimme von Samuel L. Jackson)
John Miller, Regieassistent: Norman Matt
Harvey Blitz, Produzent: Thomas Piper (dt. Stimme von Alf)
Paul Sherman, Skriptautor: Andreas Pietschmann
Zombies / Mann im Autokino: Alexander Geringas
5 nackte Filipinas / Häftling / Filmvorführer: Juan Carlos Lopez
Audiokommentar: Jörg Buttgereit & Thilo Gosejohann (Experten, weil Trash-Regisseure)
Off-Sprecher: Rainer Schmitt

Regie führte Leonhard Koppelmann, die Musik trug der Autor Bassenge bei, für die Dramaturgie war Martina Müller-Wallraf verantwortlich. Der WDR produzierte das Hörspiel 2007.

Tanja Schleiff, geboren 1973, war bereits während ihres Schauspielstudiums am Schauspiel Leipzig und anschließend am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen tätig, bis sie 1997 Ensemblemitglied des Bayerischen Staatsschauspiels in München wurde. Hier arbeitete sie u.a. mit Roberto Ciulli, Dieter Dorn, Klaus Emmerich und Andreas Kriegenburg. Für ihre darstellerischen Leistungen erhielt sie u. a. den „Bayerischen Kunstförderpreis“ (2000), den „Kurt-Meisel-Preis“ (2001 und 2002) sowie den „Max-Ophüls-Preis“ (2008). Seit 2002 arbeitet sie freischaffend für Film, TV und Theater. Sie spielte u. a. unter der Regie von Heinrich Breloer, Doris Dörrie und Dominik Graf.

Andreas Pietschmann,geboren 1969 in Würzburg, hatte bereits Engagements am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Zürich, bevor er 2000/ 2001 an das Hamburger Thalia Theater wechselte. Im Kino machte er sich durch seine Rollen in FC Venus, Sonnenallee und Echte Kerle einen Namen, während er im Fernsehen von 2004 bis 2006 u. a. in der Kinderserie Vier gegen Z zu sehen war.

Tommi Piper stand schon im Alter von zwölf Jahren vor dem Mikrophon. Der damalige NWDR Hamburg holte ihn für „Kalle Blomquist“ und viele andere Hörspiele in die Aufnahmestudios. Es folgten Schauspielschule in Hamburg und diverse Theaterengagements. Die Zuschauer kennen ihn aus vielen TV-Krimis. Außerdem synchronisierte er Hunderte von Fernsehfilmen und sprach zahlreiche Hörspiele; das Mikrophon ist dabei seine Bühne. (Verlagsinfos)

_“Handlung“_

Eine Fanfare sowie die Schreie einer Frau eröffnen die Szene, an deren Ende der Regisseur Teddy Romero „Gestorben“ ruft und eine Leiche am Boden liegt. Gelächter ringsum. Der Dreh auf den Philippinen muss schon einige Nerven gekostet haben. Aber Pussy Stanton alias Strohmeyer wird von ihrem Agenten entsprechend motiviert. Da sie bislang bloß einen Stunt als Aktrice vorzuweisen hatte, teilte der Produzent Harry W. Blitz sie für den Part der „dummen Blondine“. Diese Rolle ist ihr wie auf den drallen Leib geschnitten. Falls sie überlebt.

C-Klasse-Regisseur Teddy Romero dreht in den 70er Jahren auf den Phlippinen – wegen der niedrigen Kosten: er hat bloß 50.000 Dollar zu verbraten – ein B-Movie mit dem schaurigen Titel „Racheengel auf der Blutinsel“ – the name says it all. Sein verschlagenster Trick besteht darin, alle Schauspieler erst einmal das Drehbuch vergessen zu lassen – dann haben sie nämlich null Peilung und hören nur auf sein göttliches Wort. Dafür darf dann der wahre Drehbuchautor Paul Sherman das x-mal geänderte Drehbuch ständig umschreiben.

Da aber alle echten Namen die erfundenen Namen ersetzen sollen, tritt natürlich auch eine Pussy Stanton auf. Die Story ist ebenso Banane wie simpel: Lesbische Frauenknastis entkommen in einen von Zombies wimmelnden Dschungel, wo sie ständig vergewaltigt werden. Die zwei kommentierenden Filmkritiker sind sich einig: Dies ist klassisches Exploitationkino direkt fürs Auto- und Bahnhofskino. Unterste Schublade.

„Gestorben!“ Wieder ist eine Szene im Kasten, einen 2. Take kann man sich nicht leisten. Und Pussi flucht, heult und klagt. Doch Paul, der Autor, tröstet sie, denn er hat sich in Frau Strohmeyer richtig verliebt. Unterdessen legt Harry W. Blitz auf seiner Produzentencouch Stacy, Pussis Kollegin, flach. Sie wird von seinem Assi von der Couch und aufs Set gezerrt. Die Zeiten sind hart. Dafür darf sie aber zusammen mit den anderen drei Mädels Hunderte von Zombies niedermähen.

Während Mary, die lesbische Nazi-Gefängnisaufseherin, von ihrer glorreichen Zeit in Andy Warhols Factory schwärmt, ertönt ein sehr spitzer Schrei. Stacy fällt einem Unhold zum Opfer, der sich im dunklen Wald zeigt und ihr seinen Dolch in die hübsch gewölbte Brust stößt. John, der Assi, berichtet den anderen von Stacys Ableben. Doch als er die Muster anschaut, entdeckt er auf einem der Streifen das Gesicht des Täters – unglaublich! Es ist kein Mann …

_Mein Eindruck_

Quentin Tarantino hätte sich schlappgelacht, ist er doch selbst einer der größten Fans von Exploitationfilmen. Unzählige Male zitiert er dieses ebenso üppige wie verfemte Genre, das in den 70er Jahre überall blühte. Der Spaghetti-Western ist nur eines der bekanntesten Beispiele. Es gab ja auch Black Exploitation, in der Stars wie Pam Grier spielten – die dann in Tarantinos „Jackie Brown“ zu Ehren kam. Frauenknast, Nazis, Lesben, Mafia und vieles mehr diente als Hintergrund für Billigstfilmchen. Kein Wunder, dass Tarantino als nächstes ein Remake eines Russ-Meyer-Softpornos drehen will.

Die Anspielungen im Film sind vor allem für den Eingeweihten zu verstehen. Dazu lese man einfach die fachkundige Rezension auf Amazon.de. Dass die Philippinen als Kulisse herhalten, ist möglicherweise eine Anspielung auf Coppolas Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“, die in ein wahres Desaster ausarteten und ihn, den „Paten“-Krösus, schier ruinierten. So wundert es nicht, dass eine Riesenwelle vorkommt, fehlt eigentlich nur der obligatorische Taifun.

|Kommentare|

Aber die Filmhandlung ist im Grunde – zum Glück – Nebensache. Der Regisseur, der Produzent, die Darstellerin der Mary geben Interviews, die ebenfalls ironisch gemeint seind (hoffe ich zumindest). Als dritte Ebene fungieren die zwei Filmkritiker, die sich ausnahmsweise ziemlich einig sind, was für ein Schrott dies alles ist und welche erbärmlichen Zuschauerbedürfnisse damit bedient wurden.

|Meta-Ebene|

Aber diese Ebene ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Beurteilung einer uralten Filmkopie aus den siebziger Jahren, die nun in New York City vorgeführt und restauriert werden soll: eben „Racheengel auf der Blutinsel“. Mithin bilden nicht die Kritiker eine Rückblende, sondern die Action, die wir dazwischen hören.

|Epilog|

Die Zeitebene der Kritiker ist (vermutlich) nicht die gleiche Zeitebene wie die des ironischen Epilogs. Pussi geht mit Paul Sherman zur Premiere ins Kino. Doch vor „Racheengel auf der Blutinsel“ laufen noch zwei andere Exploitationfilme, und kann es nicht ausbleiben, dass Pussi und Paul dem mitgebrachten Whisky übermäßig zusprechen.

Pussi will den erbärmlichen Film stoppen und stürmt das Kämmerchen des Filmvorführers. Dieser erkennt sie aus dem Film und stürzt sich aufgegeilt auf sie. Sie und Paul schlagen ihn zu Klump, doch dabei gerät der Film im Projektor in Brand – billiges Nitro! – woraufhin ein Feuer im Kino ausbricht und es zu einer Massenpanik kommt. Die Filmkritiker sind begeistert, als sie davon (im Archiv?) lesen.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Tommi Piper als Harvey Blitz, Engelbert von Nordhausen als Teddy Romero (alias Eddie Romero), Tanja Schleiff als Pussi Strohmeyer und Andreas Pietschmann als Paul, der gequälte Autor – sie alle legen einen diebischen Spaß an der Sache an den Tag, denn sie können mal so richtig das Klischee spielen: Pussi die dumme Blondine usw., Teddy den trickreichen Regisseur, und Harvey legt alle „Puppen“ flach. Am besten gefiel mir aber die auf den Hund gekommene, aber knallharte Mary Satána (alias Tura Satana), gesprochen von Edda Fischer.

Jörg Buttgereit und Thilo Gosejohann sprechen die beiden Filmexperten. Beide sind Profis im Geschäft. Buttgereit (Jahrgang 1963) ist Hörspiel- und Filmemacher und mit seinen Horror- bzw. Trashhörspielen „einer der Pioniere dieses Hörspielgenres“, schreib der Verlag. Seine Arthouse-Horrorfilme wie „Nekromantik“, „Schramm“ und „Der Todesking“ sollen in USA und Japan Kultfilme sein. Er hat Filmbücher publiziert und lehrt an Filmhochschulen. Außerdem ist er monatlich als DJ in Berlin unterwegs.

Thilo Gosejohann, Bruder von Comedian Simon, wurde 1971 in Gütersloh geboren. Er sei mit seinen Trashfilmen „Captain Cosmotic“ und „Operation Dance Sensation“ in der Filmszene bekannt geworden und arbeite heute für verschiedene Privatsender als Regisseur, informiert der Verlag.

Die beiden Dampfplauderer aus dem Metier geben Sätze wie „Die Gewalt ist der Platzhalter für den Sex“ und „Frauen werden erst schön, wenn sie leiden“ von sich. Dagegen hält es Teddy Romero mit Hitchcock, der gesagt haben soll. „Schauspieler sind Vieh.“ Kein Wunder also, wenn die Schauspieler am Schluss zurückschlagen.

|Geräusche|

Regieprofi Leonhard Koppelmann und seine Crew haben sich ins Zeug gelegt, um die Geräuschkulisse der Dreharbeiten so dicht wie möglich zu gestalten – also mit allen Schreiben, jedem Schuss, allem Gebrüll usw. Alles in Stereo, versteht sich. Dabei durfte aber der Dia- bzw. Monolog keinesfalls gestört werden.

Dieses Unterfangen ist durchaus gelungen, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Szenen nicht bloß ineinander übergehen, sondern als separate Einheit zu erkennen sind. So quatschen die zwei Kritiker zu jeder Gelegenheit ins Geschehen hinein, und die Interviews kommen ebenso unvermittelt. Der Eindruck ist wegen der Disparatheit der Elemente etwas verwirrend. Man muss sich darauf einlassen.

|Musik|

Die Musik wurde wie der Text von Ulrich Bassenge komponiert. Demzufolge gibt es ein paar Songs, etwas Hintergrundmusik sowie In- und Outro, wie sich das gehört. Von der Hintergrundmusik habe ich fast nichts wahrgenommen, aber die Songs haben mir gefallen. Einmal meinte ich Nico von Velvet Underground zu vernehmen: Die Deutsche sang immer falsch, weil sie mit ihrer tiefen Stimme die Töne nicht traf. Aber das gehört natürlich auch mit zur Parodie.

_Unterm Strich_

Eine parodistische Trash-Hommage wie diese eignet sich selbstredend nur für Trashliebhaber. Anhänger der U- & E-Hochkultur haben hier nichts verloren. Doch Tarantino-Fans wird hier ein gefundenes Fressen serviert. In hochkonzentrierter Dosis bekommen sie das Trashkino der Seventies verpasst – und zugleich auch das Heilmittel dazu, nämlich die Kritik und die Selbstironie.

Allerdings hatte ich ein paar Probleme mit der Disparatheit der Elemente. Da wird zusammengezwungen, was nicht zusammengehört, so etwa Action vor und hinter der Bühne, Filmkritikerkommentare und Interviews. Die Zeitebenen sind auch nicht so ganz klar, und ich muss mir meinen Teil dazudenken. Ein zweites Anhören hilft.

|Das Hörspiel|

Der Stereoton lässt die Action im Dschungelcamp-Set von Teddy Romero lebendiger wirken. Die Sprecher füllen ihre Rollen als Darsteller von Klischees mit Gusto aus, wobei mir besonders Edda Fischer als teuflische Mary Satana gefiel.

Jede Menge Geräusche sowie die Musik von Ulrich Bassenge tragen dazu bei, eine sehr dichte akustische Präsentation zu bilden. Man muss sich als Zuhörer ranhalten, um alles mitzubekommen, deshalb ist ein zweites Anhören sehr empfehlenswert.

|Audio-CD mit 53 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3867172790|
[www.randomhouse.de/hoerverlag]http://www.randomhouse.de/hoerverlag

Riordan, Rick – Fluch des Titanen, Der. (Percy Jackson 3) (Lesung)

_|Percy Jackson|_:

1) „Diebe im Olymp“
2) [„Im Bann des Zyklopen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7273
3) _“Der Fluch des Titanen“_
4) „Die Schlacht um das Labyrinth“
5) „Die letzte Göttin“
6) „The Demigod Files“ (noch ohne dt. Titel)

_Aufstand der Monster: Heroen auf Rettungsmission_

Die Götter des Olymp befürchten das Schlimmste, denn die Titanen rüsten zum Krieg! Percy und seine Freunde müssen bis zur Wintersonnenwende die Göttin Artemis (= Diana) befreien, die in die Klauen der finsteren Mächte geraten ist. Dabei müssen sie gegen die gefährlichsten Monster der griechischen Mythologie antreten – und geraten selbst in tödliche Gefahr. Aber mit Percy haben die Titanen nicht gerechnet. Dabei weiß doch inzwischen jeder, dass er mit allen Wassern gewaschen ist – schließlich ist er der Sohn des Poseidon, des Meeresgottes! (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Rick Riordan war viele Jahre lang Lehrer für Englisch und Geschichte. Mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen lebt er in San Antonio, Texas, und widmet sich ausschließlich dem Schreiben. „Percy Jackson. Diebe im Olymp“ ist sein erstes Buch für junge Leser. Dessen Verfilmung mit Pierce Brosnan und Uma Thurman lief ab 11. Februar 2010 in deutschen Kinos.

_Der Sprecher_

Marius Clarén, 1978 in Berlin geboren, ist Synchronsprecher, -autor und –regisseur. Er lieh seine Stimme Tobey Maguire, Chris Klein und Jake Gyllenhaal sowie vielen mehr.

Regie führte Kati Schaefer, die Aufnahme bei soundcompany audiopost erledigte Oliver Schmerwitz, die Musik steuerte Andy Matern bei. Clarén liest eine von Kai Lüftner bearbeitete Fassung.

_Handlung_

Sechs Monate nach den turbulenten Ereignissen in „Im Bann des Zyklopen“ besuchen Percy Jackson, seine Freundin Annabeth Chase und Thalia, die Halbbluttochter von Obergott Zeus eine neue Schule. Nur mal reinschnuppern, wie denn Westover Hall denn so ist. Am der Meeresküste gelegen, erhebt sich die Schule wie eine Ritterburg vor dem Hintergrund eines Waldes. „Das soll ein Internat sein?“, zweifelt Thalia, die jahrelang als Fichte das Camp Halfblood beschützte und nun wie ein rotzfrecher Goth-Punk gekleidet ist. Aber Percys Freund Grover, der Satyr, hat ihnen von hier aus einen telepathischen Hilferuf geschickt.

Drinnen spürt Percy, dass Gefahr droht. Dr. Thorn, der stellvertretende Schulleiter, und Miss Gottschalk begrüßen die Besucher. Doch Grover führt sie weiter in die Turnhalle, wo ein Ball stattfinden soll. Grover hat zwei Halbblute entdeckt, Bianca und Nico DeAngelo. Sie wissen nichts von ihrem Schicksal. Allerdings lässt Dr. Thron Grover nicht an die beiden heran. Er ist ein Monster. Aber was für eines?

Zur Ablenkung tanzen die Besucher miteinander, doch dann merkt Percy, dass die beiden DiAngelos verschwunden sind. Er eilt ihnen nach und zieht Springflut, sein als Kugelschreiber verkleidetes Schwert. Als er sie findet, überrascht ihn Dr. Thorn von hinten, der Perseus sofort erkannt hat. Ein vergifteter Dolch hat Percys Schulter durchbohrt, abgefeuert von Thorns Mähne: Er ist ein Mantikor, eine Schimäre aus Löwenhaupt und -leib, Stachelrücken und Skorpionschwanz – überaus gefährlich!

Während Thorn in den Wald auf eine Lichtung geht, nimmt er Percy und die zwei Halbblute mit. Ein Helikopter soll „das Paket“ abholen. Mit wem steckt er unter einer Decke – mit Luke, dem Verräter? Nein, es sei ein „General“. Thorn frohlockt, das „Beben der Monster“ stehe kurz bevor, und das größte von allen, Chronos, werde schon bald kommen, um den Olymp zu zerstören.

Da endlich eilen Annabeth, Athenes Tochter, und Thalia mit ihrem Schild herbei und wehrt Thorns Skorpionstachel ab. Grover bläst sein magische Flöte Syrinx, als plötzlich ein Jagdhorn erschallt! Ein silberner Pfeil trifft Thorns Schulter, weitere folgen. Die Schützinnen stellen sich als junge Mädels zwischen zehn und 14 Jahren heraus, die von Artemis, der Göttin der Jagd, angeführt werden. Annabeth springt auf das Monster, welches Reißaus nimmt und sich von der Klippe ins Meer stürzt. Von Annabeth ist nur ihre Tarnkappe zurückgeblieben, die Percy an sich nimmt. Wird er sie je wiedersehen?

_Mein Eindruck_

Wird Percy seine Freundin jemals wiedersehen? Aber klar doch. Allerdings sehr weit entfernt, in San Francisco. Dort findet der fulminante Showdown statt. Doch der Reihe nach. Vorerst geht es um die beiden Quasi-Findlinge Bianca und Nico DiAngelo. Bianca schließt sich der Göttin Artemis und ihren Mädchen an. Das heißt, sie muss zwar Sex mit Männern für alle Zeit entsagen (aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten) und Jungfrau bleiben, aber dafür erhält sie Unsterblichkeit, was auch ganz nett sein kann.

Beide werden in Camp Halfblood dem Ausbildungsleiter Chiron, dem Zentauren, und Mr Dee, dem Gott Dionysos, vorgestellt, der hier den Laden schmeißt. (Das Zwischenspiel mit König Tantalus als Chirons Ersatz hat ja nicht so gut funktioniert.) Im Camp hat jede Partei ihre eigene Hütte. Kommuniziert wird via Iris-Regenbogen, den man mit einer magischen Drachme herbeiruft: hypermodernes Pay-Videofon. So weiß Percys Mom Sally, wo sich ihr Sprössling aufhält.

Allerdings erreichen schon bald schlechte Nachrichten das Camp. Denn die Gegenseite bleibt ja nicht untätig. Mit dem Camp-eigenen Orakel erhält man eine Art Regieanweisung für die nächste Mission, allerdings ist diese Weissagung derart verschlüsselt, dass sich jeder angesprochen fühlen kann. Fünf sollen gen Westen gehen, drei Mädchen der Artemis und zwei weitere. Und sie haben bloß fünf Tage Zeit, denn zur Wintersonnenwende ist großer Götterrat, bei dem Artemis nicht fehlen darf! Erst als eines dieser Mädchen ausfällt, wird Percy ins Team aufgenommen, das eindeutig von Zoe Nachtschatten, der Leutnantin der entführten Artemis, angeführt wird.

Wie Percy nach und nach herausfindet, etwa durch Träume, hat es mit Zoe eine ganz besondere Bewandtnis, die für den Handlungsverlauf entscheidend ist. Sie ist eine der vier Töchter des Atlas, der bekanntlich das Himmelsgewölbe trägt. Sie lebte einst in den Gärten der Hesperiden, welche sich in der Gegend von Gibraltar befunden haben dürften. In diesen Gärten wuchsen sie die süßesten Äpfel, die man sich vorstellen kann – und sie waren den Sterblichen selbstredend verboten. Der Drache Ladon bewachte sie, dessen Biss giftig war. Allerdings zählte es zu den zwölf Aufgaben des Herakles / Herkules, diese Äpfel zu besorgen. Dummerweise kriegte er Zoe rum, ihm zu helfen, und damit fing der Ärger an …

Da Rick Riordans Götter mit zu unserer Welt gehören, finden sich ihre Aufenthaltsorte in diversen Gegenden in und um die Vereinigten Staaten herum – es sind recht amerikanische Götter. Aber auch die Feinde dieser Olympier schicken sich an, Amerika zu erobern. Die Invasion beginnt in San Francisco, genauer gesagt: Am Berg der Verzweiflung, der uns als Mount Tamalpais bekannt ist. Hier findet der Showdown statt, denn Atlas, Luke und der ganze Monsterverein der Titanen haben recht fiese Dinge vor. Können ihnen Percy und seine Freunde die Suppe versalzen? You bet!

Von allen Monstern gefiel mir der Riese Talos am besten. Mindestens 20 Meter hoch, ist er das mechanische Geschöpf des göttlichen Schmiedes Hephaistos. Doch er taucht mitten auf einem Schrottplatz in der Wüste von Arizona auf, und die Flucht vor ihm bzw. der Kampf gegen seine Hiebe sind eines der aufregendsten Kapitel der Handlung. Es ist zwar Percy, der auf den Trichter kommt, wie man den mechanischen Mann stoppen könnte, doch es ist Bianca, die Neue, die dies auch in die Tat umsetzt. Als sie nicht wiederkehrt, fragt sich Percy bange, wie er dies ihrem Bruder nur beibringen soll – der hatte ihn ja extra um Biancas Schutz gebeten.

Es gibt aber auch eine wirklich traurige Sterbeszene am Ende des Finales. Nichts weiter darf darüber verraten werden, doch nichts war in der Serie bislang so bewegend und anrührend. Hier bietet der Autor die Kraft der griechischen Tragödie auf, um eine feine Aussage zu machen. Wer einen Fehler macht, wird dafür bezahlen – okay, aber es kommt auf den richtigen Moment und Zweck dafür an. Ein Opfer darf niemals umsonst sein.

Witzig ist hingegen der Auftritt von Annabeths Dad. Professor Chase ist Militärhistoriker und besitzt Unmengen von Zinnfiguren und Kriegsspielzeug. Kein Wunder also, dass er es mit der martialisch gerüsteten Göttin Athene getrieben hat. Aber der Prof hat auch seinen eigenen Doppeldecker aus dem Ersten Weltkrieg in der Garage stehen. Und mit dieser Sopwith Camel greift er in den finalen Kampf um Atlas, Artemis und die anderen am Berg der Verzweiflung ein.

Hier treffen wir Luke wieder, den Sohn des Hermes, der den Titanen Chronos ins Leben rufen will, um die Olympier zu stürzen. Weil er dessen Sarkophag mit sich herumschleppt, leidet er unter dem titelgebenden „Fluch des Titanen“: die rapide Alterung. Er baggert seine alte Flamme Thalia an, sich ihm anzuschließen und den Olympiern einen Tritt in den Hintern zu verpassen. Wird Thalia ihrem eigenen Daddy, nämlich Zeus, solch einen Tritt verpassen wollen? Wollens nicht hoffen.

_Der Sprecher_

Marius Clarén verfügt als Sprecher über einige erstaunliche Fähigkeiten, die ich der Reihe nach vorstellen will. Zunächst charakterisiert er jede Figur durch eine eigene Ausdrucksform. Percy Jacksons Tonlage entspricht der deutschen Stimme von Tobey Maguire, wie wir sie aus den Spider-Man-Filmen kennen. Der junge Held ist uns also schon mal ziemlich sympathisch, muss aber zahlreiche Prüfungen bestehen. In Camp Halfblood sagt Annabeth gleich zu ihm: „Du sabberst im Schlaf.“ Na, wenn das nicht eine nette Begrüßung ist! Offenbar mag sie ihn.

Ganz anders hingegen sein Freund Grover, der junge Satyr. Schwere Proben muss der Ärmste bestehen, ist er doch Percys Hüter. Seine Redeweise ist entsprechend unsicher und wiederholt etwas mitleiderregend. Aber man kann nicht böse auf ihn sein, denn Ziegenfüßer haben’s auch nicht leicht.

Alle seine weiblichen Figuren sprechen selbstredend in einer höheren Tonlage als die männlichen Vertreter, so etwa auch Annabeth und die wirklich verführerische Aphrodite. Die männlichen Erwachsenen wie Zeus, Poseidon und vor allem der Mantikor Dr. Thorn wirken durchweg furcht- und respekteinflößend, von General Atlas ganz zu schweigen.

Natürlich werden alle Stimmen der jeweiligen Situation angepasst. Da rumpeln diverse Ungeheuer, sodass man sich über Abwechslung wirklich nicht beschweren kann. Alles in allem sorgen all diese Klangfarben für einen sehr lebhaften Vortrag, an dem Kinder und Jugendliche ihre helle Freude haben werden.

|Musik|

Einen Serien-Jingle wie früher gibt es nicht mehr. Vielmehr erklingt gleich die Hintergrundmusik, die im Intro und Outro eingespielt wird. Nach einem Auftakt mit Harfe und tiefer Trommel setzen die Streicher ein, sodass eine recht mystische Stimmung entstehen kann.

Geräusche gibt es leider keine, sodass man sich jederzeit voll auf den Vortrag des Sprechers konzentrieren kann. Ein paar Soundeffekte hätten aber vielleicht nur gestört.

Die Zusatzinformationen, die bislang im Booklet abgedruckt waren, gibt es jetzt nicht mehr. Offensichtlich muss Lübbe Audio sparen.

_Unterm Strich_

Diesmal benutzt der Autor die Abenteuer des Herakles als Folie für manche Begegnungen, die Percy hat. Herakles war in den Gärten der Hesperiden (= die im Westen wohnen), und im nächsten Abenteuer darf Percy die Ställe des Augias ausmisten. Für Antike-Kenner sind dies alles natürlich olle Kamellen, aber für sie wurden diese Bücher nicht geschrieben. Sondern vielmehr für amerikanische Schüler, die von der Antike keine Ahnung haben – aber zumindest welche haben sollten.

Die Mädchen der Artemis sind ein interessantes Motiv. Die Vorstellung, dass sich junge Mädchen als Jägerinnen betätigen und zu eigenen Cliquen aus Jungfrauen zusammenschließen könnten, ist ja in der patriarchalischen amerikanischen Gesellschaft nicht unbedingt selbstverständlich. Was würde denn dann aus dem Nachwuchs werden? Gar nichts nämlich.

Man könnte einwenden, dass hier die griechische Sagenwelt doch stark amerikanisiert worden sei, aber das muss auch so sein, um sie überhaupt der Moderne näherbringen zu können. Harry Schotter hat sicherlich Pate gestanden und vielleicht auch Bilbo Beutlin, aber der Rest liest sich wie eine Mischung aus „Nachts im Museum“, Odyssee und Monsterjagd. Wer seine „Odyssee“ (und womöglich sogar die „Ilias“) kennt, dem wird hier so manches Ungeheuer recht bekannt vorkommen. Zum Glück hat der Autor jedes vermenschlicht und modernisiert, sodass jeder heutige Hörer etwas damit anfangen kann.

Ansonsten geht der Krieg der Titanen gegen die Olympier weiter, quasi als Remake der vor Urzeiten unternommenen und gescheiterten Rebellion. Doch es regen sich Ungeheuer, die viel älter sind als Titanen und Olympier, und denen wird Percy in seinem nächsten Abenteuer begegnen.

|Das Hörbuch|

Der Sprecher Marius Clarén hat sich wahrlich ins Zeug gelegt, um sein jugendliches Publikum mit einer Vielzahl von Stimmen zu unterhalten. Die damit zum Leben erweckten Figuren sind leicht unterscheidbar und bereiten obendrein einigen Spaß. Geräusche und Hintergrundmusik würden nur von den Dialogen ablenken.

|4 Audio-CDs
Spieldauer: 272 Minuten
Gelesen von Marius Clarén
Originaltitel: Percy Jackson and the Olympians: The Titan’s Curse (2007)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Gabriele Haefs
ISBN-13: 978-3785744437|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

Curt Siodmak – Donovans Gehirn

Ich ist ein anderer: spannender Bewusstseinskrimi

Als der Banker Donovan in der Nähe von Dr. Patrick Corys medizinischem Forschungslabor abstürzt, ist sein Körper unrettbar zerstört. Doch der Gehirnspezialist kann das unverletzte Gehirn bergen und am Leben erhalten. Es beginnt im Labor weiterzuwachsen und neuartige Fähigkeiten zu entwickeln, bis es seiner Umwelt seinen Willen aufzwingt und sie bedroht …

_Der Autor_

Curt Siodmak, 1902 in Dresden geborener Bruder von Hollywoodregisseur Robert Siodmak, schrieb neben zahlreichen Novellen und Filmdrehbüchern („F.P.1 antwortet nicht“, 1931) einige SF-Romane, die mittlerweile als Klassiker des Genres gelten. Neben „Das dritte Ohr“ (1971) sind vor allem das verfilmte „Donovans Gehirn“ (1941/42) sowie „Hausers Gedächtnis“ (Buch 1968) berühmt geworden, die sich ebenfalls mit Psi-Phänomenen beschäftigen. Alle drei Bücher sind bei Heyne erschienen.

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Camilleri, Andrea – Netz der großen Fische, Das

_Das Netz der Strippenzieher: sizilianische Charade_

Der Sohn eines führenden Politikers wird des Mordes an seiner Verlobten angeklagt. Diese wiederum war die Tochter eines mächtigen politischen Gegners. Als die Nachricht beim Fernsehsender RAI in Palermo eingeht, hält Programmdirektor Michele Caruso die Meldung zurück, um weitere Informationen abzuwarten. Denn er weiß nur zu gut um das weitreichende Netz der im Verborgenen agierenden Herrscher der Insel. Jener heimlichen Machthaber, denen der mysteriöse Todesfall gerade recht kommt, um skrupellos ihre politischen Interessen durchzusetzen: mittels der verbalen Raffinesse der Medien … (Verlagsinfo)

Dieser Krimi wurde mit dem Premio de Novela Negra 2009 ausgezeichnet.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „echt“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Der vorliegende Krimi handelt allerdings ohne Montalbano, der nur nebenbei erwähnt wird.

_Handlung_

Manlio Caputo ist der Sohn eines führenden Mitglieds einer sizilianischen Linkspartei, aber auch der Verlobte von Amelia Sacerdote, der Tochter eines mächtigen Abgeordneten der Gegenpartei – eine brisante Kombination. Da nun Amalia in ihrer neuen Wohnung ermordet aufgefunden wird, sehen sich Staatsanwalt Di Blasi und Commossario Bonanno gezwungen, gegen Manlio zu ermitteln. Dass er einen entsprechenden Bescheid zugestellt bekommt, wird schnell in der Gerüchteküche von Palermo bekannt. Aber ist es wahr? Und überhaupt: Welche Konseuqnzen hat das? Denn ein Ermittlungsbescheid ist ja noch längst keine Festnahme,.

Das überlegt auch Michele Caruso, der Held dieser Geschichte. Der gute Michele ist Programmdirektor der Lokalredaktion des TV-Senders RAI in Palermo. Zur Verwunderung seines Chefs Alfio Smecca weigert sich Michele, diese Nachricht zu bringen. Der Grund erscheint ihm stichhaltig: Es gibt keine offizielle Bestätigung.

In der Folge hat Michele zunehmend den Eindruck, als sei Alfio eifrig damit beschäftigt, an seinem Stuhl sägen. Aber Michele hat einen Trumpf im Ärmel: Er vögelt Giuditta, Alfios werte und scharfe Gattin. Auf diesem Umweg bekommt er mit, dass Alfio etwas im Schilde führt. Und die Stunden mit Giuditta versüßen ihm den Schmerz, den er wegen des Weggangs seiner Frau Giulia leidet. Denn Giulia hat sich aus unerfindlichen Grüßen kürzlich mit dem aufstrebenden Anwalt Massimo Troina zusammengetan. Wird er sie je zurückbekommen? Sie will sich nicht scheiden lassen – das ist ein Lichtblick.

Natürlich verfolgt Michele den Fall Sacerdote/Caputo mit Argusaugen. Denn schon bald trägt ihm sein eigenes Informationsnetzwerk zu, dass der Vater von Amalia den Anwalt gewechselt habe. Statt des erfahrenen Familienanwalts sei es nun Massimo Troina – schau an: der Geliebte seiner Frau. Und Troina laviert sich so durch. Denn eines ist oberfaul: Sacerdote, der Vater der Ermordeten, ist der Stiefbruder eines Mafiabosses!

Dass Michele die Nachricht NICHT gebracht hat, wird an höherer Stelle positiv vermerkt. Insbesondere sein Noch-Schwiegervater, der mächtige Senator Stella, der mit Sacerdote in einer Partei ist, lobt Michele über den grünen Klee und verspricht ihm in einer denkwürdigen Begegnung, die Dinge für seinen Sohn einzurichten.

Schon bald bemerkt Michele, der sich die Ohren spitzt und die Augen aufsperrt, wie sich bei der größten Bank der Insel ein Umsturz anbahnt: Der Vorstandsvorsitzende tritt „aus persönlichen Gründen“ zurück. Einfach so. Nun rauscht es aber in der Info-Pipeline. Wer wird sein Nachfolger? Der Aufsichtsrat muss erst ein neues Vorstandsmitglied wählen und einen neuen Vorsitzenden. Da erfährt Michele, dass ein beträchtliches Aktienpaket der Bank den Besitzer gewechselt hat. Und dreimal darf er raten, wer der neue Besitzer ist …

Unterdessen fallen ihm an Alfios und Giudittas Verhalten Ungereimtheiten auf. Könnte es sein, dass nicht nur er Giuditta aushorcht, sondern diese auch ihn? Womöglich hat sie sogar einen zweiten Lover! Während sich die Lage für Michele Schrittchen für Schrittchen bessert, kommt er einem Komplott gegen ihn auf die Spur. Ob ihm auch diesmal Senator Stella helfen kann?

_Mein Eindruck_

Die verschlungene Handlung, in deren Ruhepunkt Michele Caruso steht, kann es glatt mit der Komplexität chandlerscher Krimidramen à la „The Big Sleep“ aufnehmen. Doch Camilleri ist viel leichter zu lesen. Sein Text besteht zu 99,9% aus Dialogen. Das einzige Problem, das der Leser lösen muss, ist die Zuordnung der vielen Namen. Wer ist denn nun schon wieder Alletto oder Galetto? Hier leistet die vorangestellte Namensliste unschätzbare Dienste. So findet man sich doch noch zurecht und kann die Zuspitzung der Handlung entgegensehen.

Dieses dichte Geflecht von Beziehung ist der Normalzustand für Sizilien. Denn hier kann man nicht einfach so eine Ermittlung im luftleeren Raum durchführen, wie es sich wohl Commissario Bonanno in seinen Träumen vorstellt. Schon bald sieht er sich abgelöst, und sein Chef, der Staatsanwalt Di Blasi, gibt ungefragt eine Entschuldigung für seinen Rücktritt ab. Wer sich nun vor Verwunderung die Augen reibt, kennt eben Sizilien nicht. Alles hat mit allem zu tun.

Wenn nun eine Ermittlung fast eingestellt wird und gleichzeitig ein großes Aktienpaket der größten Bank den Besitzer wechselt, so erscheint dies nur für den unbedarften Außenstehenden ein zufälliges Übereintreffen zu sein. Doch weit gefehlt! Man ahnt es schon: Michele Caruso muss die Zeichen der Zeit lesen wie ein verschlüsseltes Buch und sich ständig seinen Reim darauf machen. Denn sonst ist es bald mit seiner eigenen Stellung vorbei.

Es kann nicht verwundert, dass Programmdirektor Michele Caruso alles andere als ein „außenstehender, kritischer Beobachter“ ist, sondern sich bereits auf eine politische Seite geschlagen, nämlich auf die seines Schwiegervaters, des Senators. Folglich ist Michele beileibe kein Akteur im Geschehen, sondern ein zurückhaltender Kommentator und allenfalls Kulissenschieber.

Sein mitternächtlicher Kommentar zu einer personellen Veränderung auf der Politbühne ist schon das Äußerste, zu dem er sich hinreißen lässt. Auch dies wird von den relevanten Stellen jedoch positiv vermerkt. Wenn Michele über die richtige Präsentationsweise einer News seitenlang diskutiert, so ist dies nicht Selbstzweck, sondern ein Wink des Autors, wie hier die Politik Nachrichten macht.

Dennoch ist der Opportunist Michele kein Unsympath, sondern im Gegenteil ein Women’s Man. Er mag den Sex mit Giuditta, doch sein Herz hängt weiter an Giulia, seiner immer noch Angetrauten. Sex ist Zeitvertreib, doch Liebe ist etwas anderes. Während Sex mit Giuditta sich zunehmend als geschäftlicher Austausch von Informationen etabliert, werden ihm beim Anblick der schlafenden Giulia die Knie schwach. Und als Giulia zu ihm zurückkehren will (warum wohl?), da sieht es für den Sex mit Giuditta nicht mehr so gut aus. Zumal sich die Lady als Doppelagentin entpuppt.

_Unterm Strich_

Dies ist kein Krimi mit Commissario Montalbano, folglich wird auch höchst selten gegessen (und wenn doch, dann äußerst unappetitlich). Dies hier ist das Kontrastprogramm zu den lockeren und heiteren Abenteuern Montalbanos. Hier spielt die Musik im knallharten Geflecht zwischen Politik, Behörden und Medien.

Michele, der opportunistische Held, spricht immer wieder von einer Maschine („màcchina“ heißt aber auch „Auto“), die in Fahrt geraten ist und der man sich nicht in den Weg stellen sollte, will man nicht unter die Räder kommen. Das Ränkespiel der zahlreichen Akteure ist zu durchschauen, die Fühler sind in alle Richtungen auszustrecken. Doch wer zu hohe Ansprüche stellt und womöglich sogar ein Drehbuch schreiben will, der hat sein Todesurteil bereits über sich selbst gesprochen. Alles muss unter der Decke bleiben. Das ist die oberste Regel.

Und die arme Amalia Sacerdote – wird ihr Gerechtigkeit zuteil? Man will es fast nicht glauben, aber es geschieht tatsächlich. Die Notizbücher Amalias mit allen Terminen und Adressen sind zwar verschwunden (worden), aber der Staatsanwalt kann sich noch an einen Namen erinnern. Als er Amalias Wirtsleute vorladen lässt, kristallisiert sich ein Verdacht gegen einen nahezu unsichtbaren Dritten heraus. Darf man Anklage erheben? Knifflige Frage. Zur allgemeinen Verwunderung darf man. Fall gelöst, Manlio Caputo entlastet.

Wie gesagt, ist der Krimi sehr flott zu lesen, weil er fast nur aus Dialogen besteht. Ich habe lediglich ein paar Stunden dafür gebraucht. Das Schwierigste ist das Zuordnen und Auseinanderhalten von Namen. Nach einer Weile tauchen jedoch immer die gleichen Pappenheimer auf, und das Zuordnen geht schon flotter vonstatten. Ach ja: Und ein Happy-End gibt es auch. Wer hätte das gedacht?

|Hardcover: 219 Seiten
Originaltitel: La Rizzagliata (2009)
Aus dem US-Englischen von Moshe Kahn
ISBN-13: 978-3785724187|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

_Andrea Camilleri bei |Buchwurm.info|:_

|Commissario Montalbano:|
01 [„Die Form des Wassers“ 306
02 [„Der Hund aus Terrakotta“ 315
03 [„Der Dieb der süßen Dinge“ 3534
04 [„Die Stimme der Violine“ 321
05 [„Das Spiel des Patriarchen“ 312
06 [„Der Kavalier der späten Stunde“ 670
07 [„Das kalte Lächeln des Meeres“ 594
08 „Die Passion des stillen Rächers“
09 [„Die dunkle Wahrheit des Mondes“ 4302
10 [„Die schwarze Seele des Sommers“ 5474
11 [„Die Flügel der Sphinx“ 5875
12 [„Die Spur des Fuchses“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6461

[„Der zweite Kuss des Judas“ 654
[„Die Rache des schönen Geschlechts“ 659
[„Der falsche Liebreiz der Vergeltung“ 1812
[„Von der Hand des Künstlers“ 2315
[„Die Pension Eva“ (Lesung) 4971

Scheck / Hauser (Hg.) – Als ich tot war (Dunkle Phantastik der britischen Dekadenzzeit – Band 2)

_Die Furie des Verschwindens: dekadente Phantastik mit Biss _

„Furcht und Leidenschaft, Verfall und Tod: Das sind die großen Themen der britischen Dekadenzphantastik. In 30 makabren geschichten – die meisten davon deutsche Erstveröffentlichungen – gewinnt das dunkle Erbe der Dekadenz faszinierende Gestalt.“ (Verlagsinfo)

Das vorliegende Buch ist derZzweite von zwei Bänden, in denen sich bekannte Autoren wie Jerome K. Jerome („Drei Mann in einem Boot“), Max Beerbohm, M. P. Shiel („Huguenins Frau“) und Arthur Machen („Der große Gott Pan“) wiederentdecken lassen.

_Die Herausgeber _

Frank Rainer Scheck, geboren 1948, Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Seit 1976 Lektor in einem deutschen Verlag, seit 1993 freier Schriftsteller. Veröffentlichung mehrerer Sachbücher, langjährige Beschäftigung mit der Literatur des Phantastischen; diverse Publikationen, zuletzt die Anthologie (mit Erik Hauser) „Berührungen der Nacht“ (Leipzig 2002).

Erik Hauser, geboren 1962, Studium der Anglistik, Germanistik sowie der Vergleichenden und Allg. Literaturwissenschaft. Magister und Staatsexamen. 1997 Promotion mit einer Dissertation über den „Traum in der phantastischen Literatur“ (Passau 2005). Gymnasiallehrer in Mannheim und Lehrbeauftragter an der Uni Heidelberg.

_Die Erzählungen (Band 2)_

_1) Robert Hichens: Die Rückkehr der Seele_

Ronald Rainwood stammt aus einer verarmten Familie in Cumberland, die auf ein reiches Erbe hoffte, sobald die Großmutter stirbt. Auf ihren baldigen Tod hoffend besucht er sie über die Sommermonate, als er 16 oder 17 Jahre ist. Inzwischen hat er an der Schule einen Hang zur Grausamkeit gegenüber Schwächeren entwickelt, insbesondere gegenüber Tieren.

Dieser Zug zeigt sich schon nach seinem Einzug im neuen Domizil. Die schneeweiße Katze, Omas Schoßtier, lässt sich anfangs noch schnurrend von ihm streicheln, doch schon bald ändert sich ihr Verhalten, als ahnte sie instinktiv seinen Hass auf sie. Doch er darf sie auf keinen Fall töten, um die Großmutter nicht auf falsche Gedanken zu bringen oder gar zu schockieren. Doch noch am gleichen Tag, an dem er die Katze killt, entschläft auch die Großmutter. Das Erbe ist ansehnlich: ein komplettes Anwesen.

Als er 33 Jahre ist, fühlt er eine zunehmend lähmende Sinnentleertheit in seinem Leben. Deshalb trifft ihn der Anblick der quicklebendigen Debütantin Margot wie ein Hoffnungsstrahl und er lässt sich ihr sofort zum Tanz vorstellen. Selbstverständlich trägt sie wie alle Debütantinnen Weiß, Zeichen ihrer seelischen und körperlichen Unschuld. Ein Jahr lang sind sie verlobt, bevor er sie heiratet und mit ihr sechs Monate in den Flitterwochen verbringt.

Es gehört sich, dass sie auf seinem Stammsitz in Cumberland einzieht und ihnen beiden ein Heim daraus macht. Sie findet es merkwürdig, dass ihr der Anblick dieses Gemäuers eigenartig vertraut ist, obwohl sie noch nie hier war. Sie verbringt zunehmend Zeit allein und liebt besonders das Zimmer, in dem seine Großmutter starb. Allmählich schaut auch sie ihren Gatten mit anderen Augen an, diesen himmelblauen Augen. Und als ihren animalischen, biegsamen Gang bemerkt, beginnt er sie zu fürchten. Noch sonderbarer mutet ihn ihre Fähigkeit an, im Dunkeln zu sehen.

Er führt Tagebuch und vertraut diesem seine wachsende Furcht an. Die Furcht weckt seine uralte Grausamkeit, seine Herrschsucht. Kann er sie zügeln, wie er hofft? Als ob es noch eines Hinweises bedurft hätte, dass seine geliebte Margot besessen ist, verbreitet sich Professor Black anlässlich eines Nachbarbesuchs über die Seelenwanderung und Reinkarnation Verstorbener. Grob gesagt, würden Frauen als Katzen und umgekehrt wiedergeboren, Männer als Hunde und umgekehrt. Da fällt es Ronald wie Schuppen von den Augen und er betrachtet Margot mit anderen Augen.

Doch sie ist nicht mehr die furchtsame Frau, die seine Gegenwart scheut, sondern wirkt vielmehr entschlossen. Nun bekommt er es erst recht mit der Angst zu tun. Ihr kleinster Versöhnungsversuch, ihr liebliches Lächeln versetzt ihn Panik. Denn was führt sie im Schilde und wozu ist sie fähig?

|Mein Eindruck|

Wie Shiels Erzählung „Huguenins Weib“ geht es hier um das antike Konzept der Seelenwanderung oder Metempsychose. Das Besondere dabei ist der Umstand, dass es kein Vorfahr ist, der Wiedergeburt erlebt, sondern eine Katze. Der richtige Dreh zu einer Rachegeschichte wird dadurch erzeugt, dass es die Katze ist, die der Ich-Erzähler ermordet hat (er sagt nie, auf welche Weise), die wiedergeboren wird und nun auf ihn reagiert, als wäre sie seine Gestalt gewordene Nemesis.

Durchweg ist die breit ausgewalzte Geschichte durch Farbkodierung zusammengehalten. Das weiße Haar der Großmutter findet sich im schneeweißen Fell ihrer Katze wieder, sodass man fast von einer Identität sprechen kann. Tatsächlich hätte nicht viel gefehlt, und Ronald hätte seiner Oma auf dem Weg ins Grab ein wenig nachgeholfen. Der Katzenmord ist also nur ein verschlüsselter Verwandtenmord.

Es verwundert nicht, dass die wiedergeborene Katze ebenfalls ganz in Weiß auftritt, nämlich als obligatorisch weiß gewandete Debütantin Margot. Ronald begegnet ihr zuerst mit Entsetzen, aus keinem ersichtlichen Grund. Dann nennt er sich einen Narren und tanzt mit ihr. Er bezeichnet sie mehrfach als ein Kind, um ihre Unschuld zu betonen. Von Sex ist daher nie die Rede. Stets trägt sie das unschuldige Weiß, wenn sie ihm als Katze erscheint: Er hat die Unschuld gemordet. Folglich hat er nun Angst vor den Folgen seiner Tat.

Das alles ist recht folgerichtig und als griechische Tragödie inszeniert. Doch die zahlreichen Vorausverweise stören die Wucht der Ereignisse und Erkenntnisse. Stets ist der Leser schon vorbereitet, was an Schrecken als nächstes kommt. Vielleicht war dies seinerzeit ein Trick von Fortsetzungsschreibern – und dies ist jetzt die erstmals zusammengestellte Version aller Folgen. (Sie erschien 1895 im „Pall Mall Magazine“ unter dem Titel „A Reincarnation“.) Wie auch immer: So ist schnell die Luft raus, und ich konnte die 60 Seiten nur in Etappen bewältigen, zumal das folgerichtige Ende schon lange vorher abzusehen ist.

_2) R. Murray Gilchrist: Der Basilisk (The Stone Dragon)_

Der Ich-Erzähler begehrt und verehrt die Lady Marina schon seit Wochen vergeblich, doch wenn sie auch seine Anbetung ihrer schier göttlichen Gestalt und Seele anerkennt, so könne sie sie doch nicht erwidern. Sie habe vor langer Zeit einen Blick ins Auge des Basilisken getan, sagt sie, und seitdem sei ihr Herz von Stein.

Doch eines Morgens versetzt sie ihn in Entzücken, als sie ankündigt, sie habe einen Weg gefunden, sein Verlangen, das nun auch das ihre sei, zu erwidern. Dazu müsse sie jedoch dem Basilisken ein Opfer darbringen. Zusammen reiten sie in jenen Sumpf, der wie eine Wildnis am Rande ihrer weitläufigen Ländereien liegt, steigt ab und führt ihn zu einer verborgenen Insel, auf der ein Tempel emporragt.

Sie verbindet ihrem Begleiter die Augen und warnt ihn, sich zu bewegen, bevor sie ihn rufe. Er hört, wie sie die Stufen zu der verschlossenen Tür zum Tempel emporsteigt und anklopft. Ein Schrei dringt heraus, der ihm durch Mark und Bein fährt. Es vergehen Stunden, bis sie zurückkehrt und ihm die Augenbinde abnimmt. Es sei vollbracht, ihr Opfer dargebracht, sagt sie heiter, bevor sie ihn umarmt und küsst. Glückseligkeit!

Nun steht der Verlobung nichts mehr im Wege, eine Feier samt Festessen und Tanz findet in ihrem Hause statt. Allerdings erscheinen ihm die Gestalten, die seiner Braut gratulieren, eher wie Titania und Oberon sowie etliche Trolle. Die erste gemeinsame Nacht vergeht wie ein Traum aus Sinnlichkeit und Liebe. Doch das Erwachen ist grausam. Denn auch von ihm verlangt der Basilisk ein Opfer …

|Mein Eindruck|

Dies ist eindeutig eine Geschichte über Sexualität. Weil der Autor homosexuell war, ist diese angedeutete Sexualität eine verbotene. Zwischen sehnsüchtiger Liebe und der Erfüllung des Verlangens steht jedoch der Basilisk als Symbol des Schreckens und als Ungeheuer, dem ein Opfer zu bringen ist.

In der Geschichte sieht der Ich-Erzähler im dunklen Spiegel seiner Liebsten tatsächlich eine Chimäre aus Hahnenkopf und Schlangenleib, aber auch einen schönen Mann – den Dämonengott. Hat sie sich diesem Geliebten hingeben müssen, wie einst die Tempeljungfrauen des alten Griechenland?

Wie sich zeigt, ist dieses Opfer ausreichend für eine Nacht, doch der Morgen bringt bereits das Ende – für beide. Die Frage ist jedoch, woher diese Art Erbsünde der Lady Marina rührt. Was hat sie eigentlich verbrochen, dass sie den Basilisk gesehen hat? Wir erfahren nur Andeutungen, die mit Geheimlehren wie der Kabbala und der Astrologie zu tun haben.

Dieser unzulängliche Hinweis ist der einzige Makel an dieser wunderbaren Geschichte. Denn anzudeuten, dass Lady Marina nicht mehr rein = jungfräulich sei, kam bei den Viktorianern einem Schandmal gleich (erst recht, sollte es sich um Kindesmissbrauch handeln!). Und wer sie dennoch begehrt, bekommt es mit dem Basilisken zu tun, der sich unterschiedlich deuten lässt, so etwa als verbotenes Wissen (Kabbala usw.), verbotene Sexualität und Künste – ihr „flammend rotes Haar“ kennzeichnet Marina als eine Art Hexe – genau wie die Frau in der folgenden Erzählung …

_3) R. Murray Gilchrist: Die Hexe (Witch-in-grain)_

Der Ich-Erzähler ist Herr eines Gutes, doch gehört sein verzweifeltes Herz der schönen Michal. Doch die steckt ihre Nase lieber in philosophische und andere Bücher. Eines Tages erblickt er sie im Hain der fünf Eiben und sieht, wie ein bunter Vogel aus ihrem Brusttuch emporflattert, nicht ohne dort eine Wunde zu hinterlassen. Sie erwacht aus ihrem Sinnen und beklagt sich bei ihm, er habe sie von der Vollendung eines Traumes abgehalten.

Während beide ins Herrenhaus gehen, passieren sie eine merkwürdige Szene. Des Ritters Mannen haben eine Hexe namens Mutter Benmusk gepackt. Michael soll sie mit einem Messer schneiden, befiehlt der Ritter. Doch Michal weigert sich unter Tränen. Daraufhin stecken die Männer die alte Hexe in den nahen Tümpel, von wo sie eine Fluchkanonade loslässt, Erst nach Stunden des Beinahe-Ertrinkens gibt sie erschöpft auf. Beim Grab von König Baldus werde der Ritter um Mitternacht die Wahrheit finden.

Der Mond schwebt über einen kupferfarbenen Wolkenhimmel, als sich der Ritter auf den Weg macht. Doch aus Richtung des Grabes entweichen Scharen von Wieseln, Hasen und Kleingetier durchs Gebüsch. Was hat sie verjagt. Als unser Ritter auf den Grabhügel schaut, erblickt er dort Michal, in Flammen gehüllt. „Und seine Gestalt näherte sich und bedeckte sie mit seiner Schwärze.“

|Mein Eindruck|

Dreimal darf man raten, wer mit IHM gemeint ist. Auf jeden Fall kommt es überraschend, dass die so philosophisch veranlagte Michal nicht mit Gott, dessen Kirchenvertreter sie verhöhnt, im Bunde steht, sondern mit der Satanischen Majestät. Und dass es in dieser Geschichte nicht nur eine Hexe geben soll, sondern gleich zwei.

Die Epoche der Handlung wird nie direkt genannt, aber wenn philosophische Bücher aus Frankreich in Latein abgefasst sind (wie schon im ersten Satz erwähnt), dann handelt es sich wohl um das Mittelalter. Bischöfe sieht man in der Zeit nach Heinrich VIII in England ebenfalls nicht allzu oft (die Klöster wurden zerstört). Und Hexenfolter fand sicherlich nicht zu Zeiten der Aufklärung statt.

In der Charakterisierung der begehrten Frau ähnelt „Die Hexe“ stark „Der Basilisk“: Beide verfügen über geheimes, esoterisches, verbotenes Wissen und locken den liebenden Mann in unbekannte Gefahren. In „Die Hexe“ ist es die Gefahr ewiger Verdammnis.

_4) Ronald Firbank: Eine Tragödie in Grün_

Lady Blueharnis ist angeödet von ihrem Leben, denn ihr Mann, ein hoher Beamter im Außenministerium zu London, ist selten daheim. Müßig streift sie durch die edel ausstaffierten Gemächer, bis sie in die Bibliothek gelangt. Dort fällt ihr suchender Blick auf einen schmalen Band, der in Pergament gebunden ist – wie ungewöhnlich. Sie kann ihrer Neugier nicht widerstehen und nimmt das Büchlein heraus. Es trägt den Titel „Zaubersprüche und Beschwörungen“. Sie beginnt zu lesen und zu träumen …

In London schaut Lord Blueharnis, ihr Mann, verwundert aus dem hohen Fenster seines Amtszimmers auf den St. James Park. Ein Windstoß beugt die Bäume, den grünen Regenschirm einer seit Stunden dasitzenden Parkbesucherin und verwirbelt die sonderbar geformten Wolken.

Wieder einmal beginnt er, an seinen Memoiren zu schreiben. Als er Zweiter Gesandter in Spanien war, fuhr er neben einer geheimnisvollen, schönen Frau auf dem Zug von Sevilla nach Madrid. Als er seinem Schlummer erwachte, hörte sie auf dem gang singen und Gitarre spielen, von der Sonne angestrahlt wie die Jungfrau Maria. Eindeutig eine Kaiserin … Hier bricht sein Eintrag ab, denn das Gebäude stürzt ein.

Zu Ostern sind es sechs Monate, die Lady Blueharnis bereits um ihren verblichenen Gatten trauert. Trauern muss, denn sie hat das Trauern so satt. Es ist anstrengend und man darf nie schöne grüne Kleider tragen. Sie träumt von Negligees, während die Kutsche sie am eingestürzten Haus von Lady Grimaldi vorüberfährt. Noch einer ihrer Opfer, ha! Von ihrem Gatten hat sie lediglich die Memoiren und eine Krawattennadel geerbt. Sie freut sich bereits auf die Einweihung des neuen Außenministeriums, zu der sie ausdrücklich eingeladen worden ist …

|Mein Eindruck|

Der maliziöse Ton der Erzählung liegt auf einer Ebene mit dem von Oscar Wilde in seinen Theaterstücken: pointiert, schadenfroh, bissig – und vor allem entlarvend. Der als Bohémien und Exzentriker bekannt gewordene Autor schildert die englische Upper Class, die sich selbst überflüssig geworden ist.

Nun erhält die gelangweilte, unerfüllte Lady unverhofft große Macht. Sie setzt sie sogleich dazu ein, ihren Gatten zu töten und acht Frauen, darunter zwei weitere Angehörige ihrer Familie. Die Neigung, sich selbst und Ihresgleichen in den Abgrund zu treiben, wird offensichtlich. Der Mann schwelgt unterdessen in Nichtigkeiten und Nostalgie, während sich die Welt draußen unter einem harschen Wind verändert. Es ist eine Welt im Endstadium.

_5) Lady Dilke: Der Schrein des Todes_

Ein fünfzehnjähriges Mädchen wünscht sich, die Geheimnisse des Lebens zu kennen, denn sie will es klüger anfangen als ihre Freundinnen. Als sie eine Hexe, die in der Stadt zu Besuch ist, danach fragt, rät ihr diese boshaft: „Nimm den Tod zum Gemahl, der wird dir diese Geheimnisse enthüllen.“

Doch wo den Tod finden? Lange sucht sie nach der gewünschten Gestalt, nur um schließlich in der Kathedrale eine bemerkenswerte Gestalt zu entdecken: den Tod als Gentleman. Fortan gilt ihr Ansinnen, mit ihm vermählt zu werden, als Zeichen von Irrsinn, doch der Priester rät zum Gegenteil: Auf diese Weise könnte sie sogar davon geheilt werden.

So kommt es, dass sie, gehüllt in einen Brautschleier, zu einem festgesetzten Zeitpunkt von ihren Anverwandten und Freunden zur Krypta mit den Grabmälern der Vorfahren geleitet wird. Dort begegnet sie in der Tat ihrem neuen Gemahl, doch das Buch, das er ihr zeigt, vermag sie nicht zu lesen – die Zeichen hüpfen ständig hin und her. Verzweifelt will sie umkehren, doch dafür ist es zu spät: Die Toten steigen aus ihren Gräbern …

|Mein Eindruck|

Lady Dilke, benannt nach ihrem zweiten Gatten, war eine ausgezeichnete, angesehene Kunstkritikerin und Schriftstellerin. Sie heiratete zuerst den viel älteren Prof. Pattison und begab sich in die gleiche Lage wie ihre Heldin in der Erzählung. Bei Pattison fand sie tatsächlich Wissen, aber auch emotionale Kälte, die schließlich zur Scheidung führte. Bei Lord Dilke geriet sie jedoch vom Regen in die Traufe: Er betrog sie, wurde deshalb angeklagt, doch sie stand zu ihm, was ihr Ansehen noch vergrößerte.

Die Erzählung kommt ohne jeden Namen aus und erhält so den Tonfall einer Legende, wie sie sich fast überall in einem katholischen Land hätte zutragen können, etwa in Spanien, Italien oder Frankreich – beliebte Urlaubsziele der Upper Class. So gewinnt die Story einen exotischen, wenn auch schaurigen Beigeschmack, der die Übermittlung der moralischen Lehre unterhaltsam machte.

_6) Barry Pain: Sklavin des Mondes (The Moon Slave)_

Die junge Lady Viola tanzt für ihr Leben gerne und bedauert die Männer, die zwar technisch einwandfrei tanzen können, doch denen die Leidenschaft abgeht, die sie selbst erfüllt. Um der Konvention zu genügen, verlobt sie sich mit Lord Hugo, einem mittelprächtigen Mann, doch in dessen Schloss entdeckt sie etwas Aufregendes: ein Labyrinth.

Wie angezogen gelangt sie in die Mitte des Irrgartens, wo eine freie sandige Fläche geradezu dazu einlädt, im Mondlicht dem Tanz zu frönen. Gesagt getan. Sie fleht den Mond an, sein Licht als Musik herabströmen zu lassen, sie wolle dafür seine Sklavin sein. Tatsächlich erklingen alsbald Sarabanden und Capriccios, um sie zu begleiten.

Fortan verspürt sie Monat für Monat den Drang, in der Vollmondnacht im Znetrum des Labyrinths zu tanzen. Schon bald wird ihr das anfängliche Vergnügen zur Last, die sie erschöpft zurücklässt, doch dem Drang ist zu gehorchen. In der Nacht vor ihrer Hochzeit mit Hugo soll eine Mondfinsternis stattfinden. Doch statt einer leeren Fläche findet Viola einen Besucher vor, der ihr seine höllenheiße Hand reicht …

|Mein Eindruck|

Die moralische Botschaft ist eindeutig: Zügellosigkeit wird mit dem Tod bestraft; wenn schon nicht mit dem leiblichen, so doch zumindest mit dem gesellschaftlichen. Ausschweifung ist sündig und folglich holt den Sünder der Teufel. Dem Autor gelingt es jedoch, diese moralinsauren Botschaften in einer stimmungsvollen Schilderung zu verbergen. Die Pointe folgt erst im letzten Wort des Textes.

_7) Vernon Lee: Der Gekreuzigte (Marsyas of Flanders, 1890)_

Die Geschichte liest sich wie ein kunsthistorischer Krimi. Es geht um die Figur des Gekreuzigten am Kreuz der Kirche von Dunes, einem Dorf in der nordfranzösischen Grafschaft Artois. Das aktuell zu sehende Kreuz sei „une substitution“, wie der Kaplan sagt. Wo aber ist dann das echte Kreuz, um das es seinerzeit so viel Aufhebens gab?

„Seinerzeit“, das war die fromme Zeit nach den ersten Kreuzzügen, also zwischen 1195 und 1299. Im Jahr 1185 wurde die Figur des Gekreuzigten nach einem Sturm an der Küste von Dunes angeschwemmt. Sie war so schön, dass man sie schon bald mit einem Fest der Kreuzerhöhung der Gemeinde zeigte. Doch schon bald zerbrach das Kreuz, an dem sie hing, in drei Teile. War es nicht richtig geweiht worden?

Doch auch das zweite, sorgfältig geweihte und überdies noch genau bewachte Kreuz zerbrach. Noch dazu berichtet der Wächter, die Figur habe sich auf dem Kreuz gekrümmt und bewegt, als litte sie Schmerzen. Dies erzeugte einen Wunderglauben, der wiederum Pilgerscharen anlockte, die Geld in die leeren Kassen der Kirche spülten.

Doch dieser Pilgerstrom versiegte. Die Kunsthistorikerin sucht in den Papieren, die 1790 beim Sturm auf den Bischofssitz von den Revolutionsgarden erbeutet wurden. Sie muss tief graben, um auf einen Prozess im Jahr 1299 zu stoßen, bei dem der Wachmann einige erstaunliche Aussagen machte. Er war der Hexerei und des Teufelsbundes angeklagt. Er berichtet von Lichtphänomenen, Geheul, Flöten und Pfeifen – allesamt in und um die Kirche herum, jeweils vor einem aufziehenden Sturm.

Endlich bekommt die Kunstbeflissene die echte Figur zu sehen, irgendwo ganz hinten im Gerümpel einer Kirche. Da erkennt sie, ebenso wie ihr geistlicher Führer, dass es sich gar nicht um eine Jesusfigur handelt, sondern vielmehr um eine von Marsyas, jenem von Apoll gequälten und schließlich gehäuteten Satyr, der behauptet hatte, er spiele besser Flöte als der Gott …

|Mein Eindruck|

Das Jahrhundert zwischen 1195 und 1299 lag bekanntlich vor der Renaissance, als die Antike in Westeuropa wiederentdeckt wurde. Deshalb konnten die Zeitgenossen den Satyr gar nicht als solchen erkennen, sondern hielten ihn, weil gekreuzigt, für Jesus. Der Aberglaube verklärte die Krümmungen der Figur zu Wundern, wohingegen es nach heutiger – mystischer – Ansicht um Abwehrbewegungen des heidnischen Satyrs gegen das christliche Kreuz handelte: Marsyas wurde sozusagen erneut gefoltert.

Aber warum ist dann die Figur nochmals durchbohrt worden? Die Antwort ist einfach: Marsyas verkörpert als Satyr das zügellose, schamlose und somit unchristliche Begehren nach Fleischeslust. Darum die Pfählung à la Dracula.

Als wäre das nicht schon ironisch genug, erfindet die Autorin auch noch einen Kirchenprozess wegen Hexerei und Teufelsglaube. Einer Verbrennung auf dem Scheiterhaufen kann der verhörte, zehn Jahre lang im Kerker gehaltene Wachmann gerade noch entgegen, ebenso sein Abt. Die erwähnten Flöten und Schalmeien sind natürlich die Musikinstrumente eines Satyrs; sie waren ja der Zankapfel zwischen Marsyas und Apoll.

Auch dies ist wieder höchst ironisch, wirft es doch ein vielsagendes Licht auf die Gläubigen jener Zeit. Doch ist der Umgang der Gegenwart des Jahres 1890 so viel besser als die des Jahres 1299, scheint die kunstsinnige Autorin zu fragen. Vernon Lee alias Viola Paget war Expertin für italienische Kunst des 18. Jahrhunderts und wurde von G.B. Shaw, H. G. Wells und Henry James als intelligenter und verteufelt kritischer Geist (fast) gelobt.

_8) Vernon Lee: Die gnadenreiche Madonna (The Virgin of the Seven Daggers, 1889_

In Granada betet Don Juan zur Madonna der sieben Dolche um Vergebung seiner zahlreichen Sünden und Liebesdingen wie auch Morddingen. Die prächtig geschmückte Madonna in ihrer prächtig geschmückten Kirche nickt huldvoll. Frischen Mutes begibt sich Don Juan mit einem neuen verwegenen Plan zu Baruch, dem Juden. Nichts anderes als einen sagenhaften Goldschatz gilt es zu heben – und eine tote Prinzessin zu küssen.

Die beiden Nekromanten begeben sich nächtens zum Turm der Zypressen unweit der Alhambra und vollziehen ihr unheiliges Ritual. Als Dämonen und anderes Gelichter auftauchen, fleht der verängstigte Baruch den Grafen von Miramor an, von seinem unchristlichen Tun abzulassen, doch der Don denkt gar nicht daran.

Sobald der Hahn, der noch nie gekräht hat, in die brodelnde Kräter- und Knochensuppe geworfen ist, öffnet sich das magisch verschlossene Portal zur Grabkammer von König Yahya von Cordoba. Flugs ersticht Don Juan den Juden, um aller Schulden ledig zu werden, wirft ihn in den Abgrund und durchschreitet kühn das Portal.

Die Passage ist tief und unheimlich, von Fledermäusen durchflogen und von mahnenden Stimmen der verflossenen Geliebten erfüllt. Doch Don Juan drängt vorwärts, den Degen in der Hand, denn es gilt, eine tote Infantin zu wecken. Er tritt in eine schlafende Welt ein, die jedes irdische Paradies in den Schatten stellt, doch der Wächter nicht achtend schreitet er voran, bis er zum Diwan gelangt, darauf die Prinzessin ruht. Eine Duenna und ein Eunuch wachen über sie, doch auch sie weist der Graf in die Schranken.

Die namenlose Prinzessin ist selbstredend nicht nur unsagbar schön, sondern auch kostbar gekleidet und geschmückt. Sie lässt die Duenna übersetzen, die wiederum dem Eunuchen Bescheid gibt. Dieser hebt sein Szepter und fragt den Don, ob die Infantin schöner sei als Juans Ex-Geliebte Catalina. Er stutzt, dass sie von Catalina weiß, sagt aber ja. Und sei sie schöner als Viola? Aber ja. Und schöner als die fünf anderen Geliebten, um deretwillen Juan unaussprechliche Sünden begangen hat? Aber ja doch! Und sogar schöner als die Madonna der sieben Dolche?

Da bleibt Juan erst die Spucke weg, dann sagt er bestimmt: „Nein!“ Die Strafe für diese Beleidigung Ihrer Hoheit folgt auf dem Fuße: Juan wird enthauptet. Doch er erwacht irgendwo auf halbem Weg in die Stadt. Seltsamerweise bemerkt ihn keiner, und so folgt er einer seltsamen Blutspur, die zum Hospital führt. Eine Menschenmenge hat sich vor dessen Portal versammelt. Juan schlängelt sich hindurch, um den Patienten zu sehen, der so blutet. Bestürzt erblickt er seinen eigenen Körper, mit dem Kopf daneben..

Doch Don Juan, dem Gespenst, steht noch ein weiteres wunderliches Abenteuer bevor …

|Mein Eindruck|

Der größte Liebhaber seiner Zeit (um 1600) wird also vor eine Art Gericht gestellt, vor dem er Farbe bekennen muss. Er muss à la Paris ein Urteil über Schönheit abgeben, das ihn allerdings seinen Kopf und seine Seele kosten kann. Den Kopf verliert er zwar, doch nicht seine Seele, denn die ist ihm lieb und teuer. Dies gelingt ihm, weil er der titelgebenden Madonna die Treue hält. Dies ist also auch ein religiöses Urteil, dem er sich unterwirft. Als Belohnung von der ewig Huldvollen wird der große Sünder in den Himmel erhoben …

Der Text ist lang und voller schwülstig wirkender Beschreibungen von preziösen Dingen, so etwa des Kleides und des Schmucks der Prinzessin. Halb so viel Beschreibung, und aus dieser Erzählung wäre eine knackige Nekromantenstory geworden. So aber muss sich der Leser durch aufeinandergestapelte Adjektive wühlen, unter denen die Sätze schier zusammenbrechen – die berüchtigte „purple prose“, die schon James Joyce in „Ulysses“ (1922) parodierte. Keine leichte Lektüre, aber eine ziemlich ungewöhnliche.

_9) Vernon Lee: Die Puppe (The Doll, 1900)_

Die Ich-Erzählerin ist eine verheiratete Engländerin, die sich mit alter italienischer Kunst auskennt (genau wie die Autorin) und die umbrische Landschaft ring um Foligno liebt. Während sie auf die Ankunft einer Freundin wartet, lernt sie in dieser Marktstadt den Antiquar Oreste kennt, der viele Geschichten über die alte Zeit weiß. Er empfiehlt ihr, das Angebot eines alten chinesischen Teeservices zu begutachten. In einem Palazzo.

Dieser Stadtpalast beherbergt jedoch nur noch eine uralte Haushälterin. Am nächsten Tag führt sie die Besucherin durch die Räume. Dabei fällt deren Blick auf eine dasitzende wunderschöne Frau. Doch nein, es ist eine lebensgroße Puppe. Das Haar ist zwar gemalt und im Hinterkopf ist ein Loch im Pappmaché, doch die gefalteten Hände sind in Seidenhandschuhe gehüllt. Jemand hat sie geliebt. Es ist das Abbild der ersten, geliebten Frau des Großvaters des jetzigen Grafen.

Sie starb schon nach zwei Jahren, die sie verheiratet waren, doch er vergaß sie nicht, sondern ließ diese Puppe anfertigen, die er jahrelang besuchte, um mit ihr zu sprechen. Nach seinem Tod wurde sie sehr vernachlässigt. Unsere Engländerin fühlt sich sehr angerührt, denn auch mit ihrer eigenen Ehe steht es nicht zum Besten. Am Tag vor ihrer Abreise bittet sie den Antiquar, die Puppe zu besorgen. So ungewöhnlich die Bitte auch ist, so würde der jetzige Graf doch seine eigene Großmutter verkaufen, bekäme er dafür nur ein wenig Geld.

Hinterm Haus des Antiquars erstreckt sich ein Garten, der in einen Weinberg übergeht. Hier errichten Oreste und seine Freundin einen kleinen Scheiterhaufen und bereiten der Gräfin eine würdige Feuerbestattung – um sie von ihrer Pein zu erlösen, wie er lobend sagt.

|Mein Eindruck|

Diese kleine, aber feine Geschichte schildert, wie das richtige Stück Kunst den Betrachter selbst nach langer Zeit noch anrühren kann. Besonders in dem Fall, dass eine Art Seelenverwandtschaft besteht, wie bei der Engländerin. Diese ist offenbar unglücklich in ihrer konventionellen Ehe, fern von ihrem Mann, und fühlt sich verlassen und einsam. Erst recht, wenn ihre Freundin ausbleibt.

Sehr schön hat die Autorin die gebirgige Umgebung in ihrer Schönheit zu beschreiben gewusst und legt einen intensiven Sinn für die alte Kultur von Foligno an den Tag. Es waren diese beiden Fähigkeiten, die Vernon Lee einen bleibenden Ruf einbrachten.

_10) Arthur Machen: Ein Idealist (1897)_

Mr Symonds geht von seinem Büro, wo er den ganzen Tag mit Kollegen gearbeitet, nach Hause. Von der Fleet Street begibt er sich jedoch nicht schnurstracks hinaus in seinen schäbigen Vorort, sondern er schlendert durch die engen Gassen weitab der Hauptstraßen. Er ärgert sich über die banalen, dummen Späße und Witze seiner Kollegen, betrachtet lieber die Wolken und Dämonen. Und er schaut anderen Leuten ins Zimmer. Daheim angekommen, setzt er sich nach dem Essen an seine Lieblingsbeschäftigung: das Ausstaffieren einer Puppe. Die stellt er dann ans Fenster. Passanten können nicht umhin, deren seltsamen Schatten zu sehen …

|Mein Eindruck|

Eine Geschichte ohne Handlung, eine Skizze im Grunde, und doch von eigenem Reiz. Der „Idealist“ lebt in seiner eigenen Welt und er nimmt die Welt um ihn nicht wie die gewöhnlichen Spießer in seinem Büro wahr, ganz im Gegenteil: Die Welt birgt ein Geheimnis. Er sucht und findet es überall. Doch er selbst hat auch ein Geheimnis, und das macht ihn so rätselhaft. Worin mag es bestehen?

_11) Arthur Machen: Der Club, den es nicht gibt (1890)_

Austin und Phillips sind zwei elegant gekleidete Stutzer, die einander fast wie ein Ei dem anderen gleichen. Klar, dass sie erst einmal einen heben gehen, einen Chianti am Piccadilly Circus. Als sie aufbrechen wollen, geht ein Platzregen nieder, vor dem sie Schutz suchen, zufällig unter einem großen Torbogen.

Als sie sich umsehen, merken sie, dass das Tor zu einem imposanten Haus führt, in dem ein Klub untergebracht ist, in dem Phillips‘ Freund Wylliams Mitglied ist. Und da kommt er auch schon heraus. Sie bitten ihn, ihnen Einlass zu gewähren. Er ist unter der Bedingung einverstanden, dass sie keiner Menschenseele von diesem Klub erzählen. Gebongt, na klar!

Drinnen treffen sie jede Menge Bekannte im Klub, den es nicht gibt, doch sie haben ihr Wort gegeben, so zu tun, als würden niemanden wiedererkennen. Alle scheinen auf etwas zu warten. Endlich erscheint eine führende Persönlichkeit, die alle begrüßt und ein großes Buch aufschlägt. Das Ritual sei allen bekannt: Wer die schwarze Seite aufschlage, sei diesmal fällig.

Alle folgen dem Ritual, und wen es trifft, ist der untröstliche John d’Aubyn, ein Spross aus altem Adel. Er werde verschwinden, gibt Wylliams Auskunft. Aber doch nicht wirklich und für immer, oder, vergewissert sich Phillips besorgt. Natürlich nicht. Aber es vergehen nur drei Monate, bis die Zeitung ebendieses Verschwinden d’Aubyns melden. Er wurde zuletzt an jenem 16. August gesehen, als sie im Klub waren.

Sie stellen Wylliams zur Rede. Der weiß von nichts, hat ein Alibi, war woanders und überhaupt: Was soll diese Frage? Der Klub ist unauffindbar. Da war also nie was. Aber warum sind die beiden Freunde dann so niedergeschlagen?

|Mein Eindruck|

Die Furie des Verschwindens macht sich, wie in der nachfolgenden Erzählung, zunehmend in der modernen Gesellschaft breit. Vornehmlich unter jungen Männern, denn sie sind erstens tonangebend, zweitens haben sie (noch) keine Kinder, für die sie sorgen müssen. Das Ritual der schwarzen Seite, das dem Zufall tödliche Folgen einräumt, erinnert an Rituale aus Internaten (Hogwarts beispielsweise).

Doch ihm eignet schon ein Hauch des Absurden, wie es im Surrealismus und bei Lewis Carroll gepflegt wird. Das Absurde ist eine Folge der Anonymisierung und des Gottesverlusts: Da ist, wie Yeats sagte, kein Zentrum mehr, das den Einzelnen oder die Gemeinschaft hält („the center cannot hold“). Die Endzeit hat begonnen.

_12) Arthur Machen: Die Tür öffnet sich … (1931)_

Der Journalist, der uns berichtet, hat ja schon einige merkwürdige Geschichten erlebt, Sachen, die leider nicht für jede Zeitung geeignet sind. Dazu gehören etwa seltsamen Schatzfunde oder die Geschichte des Secretan Jones, dem „Seelsorger von Canonbury“. Der Geistliche Jones, der mit Leserbriefen und Diskussionsrunden über das künftige Verkehrswesen Londons, schon im Jahr 1905 von sich Reden gemacht hat, ist eines Tages spurlos verschwunden. Und kehrte sechs Wochen später wieder zurück, als wäre nichts gewesen.

Klar, dass unser Chronist der Sache auf den Grund gehen will. Mühselig erarbeitet er sich das Vertrauen des alten Herrn, was ihm besonders nach seiner Offenbarung, er stamme ebenfalls aus dem walisischen Grenzgebiet, gelingt. (Was auch auf den Autor zutraf.) Nun geht Secretan Jones mehr aus sich heraus. Er habe ja schon einige Dinge verlegt, sich aber nicht mehr an den Ablageplatz der Dinge erinnert. Aber sein eigenes Verschwinden ist ihm völlig unerklärlich.

Er erinnert sich noch, dass er einmal, als ihn ein Gedankengang besonders beschäftigte und aufwühlte, zur hinteren Gartentür gegangen sei. Doch die lässt sich so schwer öffnen, dass er sie normalerweise nie aufmacht. Dahinter liegt ein Weg, der alle Häuser in dieser Reihe miteinander verbindet. Bei jener Gelegenheit habe er spielende Kinder gesehen. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, waren sechs Wochen unmerklich vergangen …

|Mein Eindruck|

Die Furie des Verschwindens hat wieder einmal zugeschlagen, wie schon in der vorhergehenden Erzählung über den „Klub, den es nie gab“. Entweder gilt dieser intersubjektive Erklärungsansatz – oder die ganze Sache ist rein subjektiv und auf einen geistigen Zusammenbruch von Secretan Jones zurückzuführen. Dies vermutet zunächst auch unser Chronist, und Jones kann nicht umhin, diese Möglichkeit einzuräumen. Denn einmal sah er sich irgendwo im Londoner Stadtteil Islington und wusste nicht, wie er dorthin geraten war.

Von Alzheimer hatte man selbst anno 1931 noch nichts gehört, aber Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Depressionen und dergleichen gab es bereits zur Genüge. Doch dies alles scheint wenig hinreichend, um das große Rätsel zu erklären, das Mysterium und Inkommensurable an sich, welches in Arthur Machens Denken und Werk eine zentrale Rolle spielt. Und so verwundert es nicht, dass auch Jones, wie schon die Klubmitglieder, eines Tages spurlos verschwindet.

Der Autor gibt auf diese Weise seiner eingangs geäußerten Sorge Ausdruck, dass es heutzutage niemanden mehr kümmert, wenn ein Mensch ums Leben kommt oder auf Nimmerwiedersehen untertaucht. Er führt dies aber nicht auf die Anonymität der Existenz des Einzelnen zurück, sondern greift auf das Mysterium zurück – eine Art Leerstelle, in der wir alle unsere Existenzberechtigung aufgeben.

_13) Matthew Phipps Shiel: Huguenins Weib_

Ein Freund, der seit Jahren auf der griechischen Insel Delos, lebt, ruft unseren Chronisten im Juni 1899 um Hilfe. Dieser bricht sofort von London aus in die Ägäis auf. Huguenin lebt seit dem Tod seiner Frau Andromeda alleine in seinem Anwesen auf dem Gipfel eines Hügels. Er sieht abgemagert und verwirrt aus, findet der Besucher. Andromeda war eine begnadete Malerin und verehrte die altgriechischen Götter, allen voran Apollon, dem Delos heilig war, weil er hier geboren wurde. Doch es gibt eine Prophezeiung, wonach Samos und Delos dereinst dem Erdboden gleichgemacht würden.

Ein roter Faden, den Andromeda wie weiland Ariadne einst verlegte, verbindet die wichtigsten Kämmern des Anwesens. Dies ist auch der Weg zu einem der schrecklichsten Anblicke, die der Chronist je gesehen hat: ein Gemälde der Verstorbenen von einem Monster. Indem er dem roten Faden bis ans Ende folgt, gelangt der Besucher zum Gefängnis dieser Bestie. Sofort kehrt er um.

Als sich am 13. August 1899 das historische Erdbeben ereignet, das Delos und Samos minutenlang erschüttert, kommt das Monster frei …

|Mein Eindruck|

Das pikante Detail, das beide Phänomene vereint, ist der Umstand, dass das Grab von Andromeda, das Huguenin anlegen ließ, leer ist! Dies lässt den (nicht ganz logischen) Schluss zu, dass sich die Seele der Maler in der Bestie niedergelassen hat. Die altgriechische Idee der Seelenwanderung (Metempsyche) ist eines der vorherrschenden Themen in der Erzählung. Und so muss es während des Bebens ein Ende mit Schrecken für Huguenin und die Bestie / seine Frau geben …

Wie schon in „Vaila“ nimmt es mit einem weltmüden und abgeschieden lebenden Mann ein schlimmes Ende. Auch das ist ein Motiv, das Shiel von Poes „Der Fall des Hauses Usher“ übernommen hat. Diesmal findet der „Fall“ jedoch nicht im kalten Norden, sondern im sonnendurchglühten Süden statt, noch dazu durchwoben vom Glauben an die alten Götter.

Ich fasse dies als Abrechnung mit der neuheidnischen Begeisterung des esoterischen Fin-de-siècle auf, ganz besonders aber an „Madame“ Helena Petrovna Blavatsky (1831-91) und ihrem Kreis von theosophischen Scharlatanen, der ab ca. 1875 viele okkultistische Ideen in die höheren Gesellschaftsschichten der USA, Europas und Vorderasiens trug. (Mehr dazu in der Wikipedia.) Sie wurde mehrfach des Betrugs bezichtigt und überführt. Sie kam beispielsweise auf die Idee von Wurzelrassen, die dann im weiteren zur Ideologie einer arischen Herrenrasse und „minderwertigen“ Sklavenrassen ausgebaut wurde.

Das Monster ist selbstverständlich lediglich eine Metapher. Die Chimäre mit dem Medusenhaupt kann alles Mögliche verkörpern, manifestiert aber vor allem die Seelenwanderung. Unterschwellig wirkt hier der Lamia-Mythos von der Liebhaberin, die sich mit ihrem Geliebten (oder einem geraubten Kind) nicht paart, sondern ihn tötet und verschlingt. (Mehrfach zitiert der Autor den Dichter John Keats und dessen Lamia-Gedicht.) Die Zeustochter Lamia (siehe Wikipedia) wird auch Mutter der Sibyllen betrachtet, die wiederum Apolls Seherinnen waren, die auf Delos ihr zentrales Heiligtum hatten – es passt also alles zusammen.

Übersetzt in poetische Bedeutung sagt der Autor also, dass die Chimäre des alten Götterglaubens die Moderne zu verschlingen droht. Die Moderne ist in Huguenin, dem weltmüden Eremiten, sowie im Chronisten verkörpert. Letzterer entkommt dem Inferno des Erdbebens mit viel Glück, um von Huguenins Ende zu berichten.

_14) Matthew Phipps Shiel: Vaila (1896)_

Der Ich-Erzähler folgt nach zwölf Jahren der Trennung seinem Studienfreund Haco Harfager, der ihn auf seinen Familiensitz eingeladen hat. Diesen Familiensitz liegt auf Vaila, einer der Shetland-Inseln nordöstlich von Schottland. In einem Fischerboot nähert sich der Erzähler der sturmumtosten und meerumschäumten Insel und erinnert sich, dass Haco schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Familie hatte: Sie wurde im 14. Jahrhundert durch einen Brudermord gegründet. Entgegen der Anweisung des Mörders und Brauträubers, dessen Baumeister umkam, wurde der Familiensitz nicht am vorgesehenen Ort errichtet, sondern dort, wo ihn angeblich der Ermordete haben wollte: in einer Felsenbucht auf Vaila.

Bei der Annäherung bemerkt der Besucher die außerordentliche Lage des kreisrunden Gebäudes: Es liegt auf einer kahlen Felsplatte zwischen einem brausenden Wasserfall und dem anbrandenden Meer. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Nachdem er eine Steinbrücke überquert hat, erhält er Einlass von einem skelettartigen Diener namens Aith. Dann erst trifft er Haco. Dieser hat sich verändert und ist noch schwerhöriger geworden als zuvor. Er verständigt sich mit seinem Freund, indem er auf eine Schiefertafel schreibt. Das Gebäude vibriert unter dem äußeren Lärm. Fast ganz aus Metall, schwingt es an den schweren Ketten, die es auf der Felsplatte vor dem Abrutschen ins Meer bewahren.

Sie bestatten Hacos Mutter in der Familiengruft, in der es vor Wasserratten wimmelt. Tatsächlich ist der Sarg an den Füßen offen, so dass die Ratten sich an den Toten gütlich tun können. Wenn sie sich zum Kopf vorarbeiten, berühren sie drei Schnüre, an denen Klingeln hängen. Sie lässt sich die Zeit messen. Aber es gibt noch einen größeren Zeitmesser: Eine Kugel, aus der seit dem Jahr 1389 Bleikügelchen in ein Becken mit Regenwasser fallen – jede Minute eines. Und exakt 500 Jahre später, also 1889, werden die letzten drei fallen, prophezeit die Familienlegende. Von den Harfagers sind nur noch Haco und seine Schwester Swertha am Leben.

Worauf Haco wirklich wartet, ist jedoch der einmal in 20 Jahre auftauchende große Sturm, der Hurrikan, der alle Strukturen und Befestigungen des runden Metallgebäudes auf den Prüfstand stellt. Und als dieser Sturm eintrifft, nähern sich nicht nur der äußere Ort dem Chaos, sondern auch der Verstand der vier Menschen, die darin gefangen sind, der Zerreißprobe …

|Mein Eindruck|

Die meisterlich aufgebaute und stilistisch exzellente Erzählung steigert sich in einem Crescendo der Gefühle und Gewalten zu ihrem furiosen Höhepunkt. Ähnlich wie in Poes „House of Usher“ begibt sich der Besucher in eine bizarre Welt, in der eine seltsame Familie lebt. Wie bei Roderick Usher und seiner (toten?) Schwester Madeleine ist auch hier eine Überempfindlichkeit der Sinne festzustellen, wie sie laut Poe bei überalterten, dekadenten Sippen zu finden sei: das Gehör. So ist Haco Harfager in der Lage, trotz des irren äußeren Lärms aus Wasserfall und Brandung das feine Klingeln am Sarg seiner Mutter zu vernehmen, das die nagenden Ratten verursachen. Dennoch muss er sich schreibend mit seinem Freund verständigen.

Noch bizarrer als die Außenwelt und die Bewohner des Hauses ist das Gebäude selbst, das geradezu einen Preis für den teuflischsten Entwurf verdient (man denke an seine Erbauungsgeschichte). Aufgehängt an den Ketten, ist es wie ein Kreis in der Mitte von einer massiven Metallsäule gestützt. Als die Ketten unter der Wucht des Sturms brechen und das Dach weggerissen wird, beginnt sich der Kreisel zu drehen, schneller und immer schneller. Dieses Bild steht für die Vergänglichkeit des auf einen Brudermord aufgebauten Familiengebäudes. Wie im „Haus Ascher“ muss auch dieses Haus fallen – und im Wasser, aus dem wir alle kommen, versinken, genau wie bei Poe.

Der Autor hat seine Meistererzählung, die schon Lovecraft lobte, mit zahlreichen Zitaten aus der Geschichte der Physiologie gespicht, wenn es um die Verfeinerung der Sinne geht, und aus der Bibel, wenn apokalyptische Analogien gefragt sind, so etwa aus der „Offenbarung“, aus den Propheten und den Büchern Mose. Daran lässt sich die beeindruckende Bildungsfülle und Gelehrtheit des Autors ablesen, der Mathematik lehrte und Medizin studierte, bevor er sich der Literatur zuwandte.

_15) Matthew Phipps Shiel: Tulsa_

Der namenlose Ich-Erzähler erwacht in einem Sarkophag in der Gruft von Maharajas. Er ist ein kleiner Junge, doch der für die Gruft zuständige Priester erklärt ihn zur Reinkarnation des vorhergehenden Maharajas von Lavona. Er wird eindringlich vor roten Schlangen und Feuer gewarnt, denn diese wären seinen Vorfahren zum Verhängnis geworden.

Der Junge studiert die alten Schriften und stößt dabei auf seinen ersten Vorfahren, einem Mann namens Oban. Der habe einen schrecklichen Frevel begangen, indem er eine heilige Jungfrau aus dem Tempel geraubt und geheiratet habe. Auch er wurde ein Opfer von Feuer und Schlangen. Der lesende Maharaja schwört drei heilige Gelübde. Doch wie vorauszusehen, bricht er alle drei nacheinander.

Noch mit sechzig Jahren mischt sich der sehr zurückgezogen lebende Herrscher in das Leben seiner Untertanen ein, als er eine junge Witwe, die ihrem verstorbenen Gatten auf den Scheiterhaufen folgen, in letzter Sekunde vor dem Feuer rettet. Liegt es am Opium und Haschisch, das er regelmäßig konsumiert, oder verwandelt sich die gerettete Tulsa selbst zusehends in eine jener roten Schlangen, die seine Vorfahren getötet haben?

|Mein Eindruck|

Für den Fluch, der auf dem Geschlecht der Maharajas von Lavona liegt, gibt es keinerlei Grund. Dies entspricht dem Vorbild des Hiob, der ebenfalls völlig unverschuldet in größtes Unglück gestürzt wird, weil es Jahwe so gefällt. Andererseits könnte man argumentieren, dass Oban mit der Heirat einer heiligen Tempeljungfrau eine Art Ursünde begangen hat, die fortan an seine Nachfahren vererbt wird, ohne dass eine Art Erlösung von diesem Fluch auch nur im entferntesten möglich wäre.

Selbst ein Rückzug in die tiefsten Gewölbe eines Tempels, wo der Ich-Erzähler seine letzten Chronik-Zeilen verfasst, bewahrt ihn nicht vor Schlangen und Feuer … Bis zur nächsten Wiedergeburt mit schlechtem Karma.

Neben einer sehr altertümlichen Diktion zeichnet sich die Erzählung durch eine Fülle von religiösen Bezügen aus Hinduismus, Buddhismus und anderen Religionen aus. Auf die Religionen des Westens wird despektierlich herabgesehen, war die indische Hochkultur schon längst mit den Veden fertig, als die jüdischen Apostel noch ihre Evangelien verfassten. Offensichtlich beschäftigte sich der hochgebildete Autor intensiv mit dem Thema Seelenwanderung, Karma und Reinkarnation auseinander.

_Anhänge_

Die zwei Anhänge liefern willkommene Informationen zu den Übersetzern und editorische Notizen zu den Quellen der in den zwei Bänden abgedruckten Texte. Diese zwei Anhänge ergänzen die manchmal umfangreichen Biografien zu den einzelnen Autoren und den ausgewählten Beiträgen.

_Unterm Strich_

Die Themen dieser Erzählungen sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber es gibt ja immer mehr Liebhaber des Gothic-Stils, die damit etwas anfangen können. Die Todessehnsucht, die verwischte Grenze zwischen Leben und Tod und schließlich wiedergeborene Tote – sie alle bevölkern als Metaphern, Symbole und sogar Allegorien diese Erzählungen.

Der zweite Band enthält konventionellere Erzählungen, in dem Sinne, als die Themen der Wiedergeburt, der Erbsünde und vor allem des Verschwindens uns heute vertrauter sind als jene barock verbrämten Schicksale von Mondsüchtigen und Frauenhassern, die im ersten Band zu finden sind.

Herausragend sind für mich nicht etwa Hichens‘ langweilige und langwierige Novelle, die den Band eröffnet, sondern vielmehr die Beiträge von Shiel, Gilchrist und Vernon Lee (alias Viola Paget). Über Shiel habe ich an anderer Stelle berichtet („Huguenins Weib“ im Klett-Cotta-Verlag). Firbank fällt mit seiner malizösen „Tragödie in Grün“ aus dem Rahmen. Es ist, als würde sich Oscar Wilde zu Wort melden. Ähnlich ironisch ist Lady Dilkes Beitrag, doch birgt ihr Beitrag harsche Kritik aus Frauensicht.

Von dem (auch hier) vielgerühmten Arthur Machen gefiel mir lediglich seine dritte, recht ausführliche, aber umso wirkungsvollere Erzählung „Die Tür öffnet sich …“. Auch sie lässt die Furie des Verschwindens los, wie sie so häufig in dieser Zeit und diesen Erzählungen auftaucht (und wenn es mal nichts Namenloses ist, dann sicherlich Satan höchstpersönlich, der einen Verdammten holt, so etwa die „Sklavin des Mondes“).

Doch die Verarbeitung in Gestalt einer Zeitversetzung – in unserer Welt vergehen sechs Wochen, in Jones‘ Welt nur ein Moment – mutet fast wie eine Idee aus der Science-Fiction an. Das ist wirklich faszinierend. Die Realität, seit Darwin, Marx und Feuerbach eh schon durchlässig, ist nun endgültig kein sicheres Zuhause mehr.

|Die Edition|

Als Sammlerausgabe ist dieses Buch jedoch eine herausragende editorische Leistung. Sie zeigt sich nicht nur in den sorgfältigen, fehlerlosen Übersetzungen, sondern auch in der umfangreichen Einleitung und den kenntnisreichen Vorstellungen der einzelnen Autoren, die mitunter mit aktuellen Details aufzuwarten wissen, so etwa zum Enoch Soames Day am 3. Juni 1997. Auf diese Weise erübrigt sich ein Stichwortverzeichnis für den Doppelband. Der Band liefert zumindest das Quellenverzeichnis im Sinne einer primärliterarischen Bibliografie nach.

|Hardcover: 320 Seiten
Aus dem Englischen von Frank R. Scheck und anderen
ISBN-13: 9783898402729|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

_Frank Rainer Scheck bei |Buchwurm.info|:_
[„Berührungen der Nacht“ Englische Geistergeschichten in der Tradition von M. R. James]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5606
[„Als ich tot war (Dunkle Phantastik der britischen Dekadenzzeit – Band 1)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7180

Rick Riordan – Im Bann des Zyklopen (Percy Jackson 2)

Percy Jackson:

1) „Diebe im Olymp“
2) „Im Bann des Zyklopen“
3) „Der Fluch des Titanen“
4) „Die Schlacht um das Labyrinth“
5) „Die letzte Göttin“
6) „The Demigod Files“ (noch ohne dt. Titel)

Spannend: Monsterbekämpfung als Teamarbeit

Percy Jackson, der Sohn des Gottes Poseidon, erlebt ein ziemlich ruhiges sibtes Schuljahr. Wenn da nicht diese Albträume wären, in denen sein bester Freund in Gefahr schwebt. Und tatsächlich: Grover befindet sich in der Gewalt eines Zyklopen. Zu allem Übel ist Camp Half-Blood, die Ausbildungsstätte der Götterkinder, nicht mehr sicher: Jemand hat den Baum der Thalia vergiftet, der die Grenzen dieses magischen Ortes bisher geschützt hat. Nur das goldene Vlies kann noch helfen. Wird es Percy gelingen, Grover und das Camp zu retten? (Verlagsinfo)

Rick Riordan – Im Bann des Zyklopen (Percy Jackson 2) weiterlesen

Nothomb, Amélie – Quecksilber (Lesung)

_Die Schlacht um Freiheit, Wahrheit und Schönheit _

Auf der Normandie-Insel Mortes-Frontières hält der alte Kapitän Loncours die junge Hazel gefangen. Als sie erkrankt, reist Krankenschwester Francoise vom Festland an, um sie zu pflegen. Sie ist die einzige Person, die Zutritt zu Hazels Zimmer bekommt. Denn der Alte scheint ein furchtbares Geheimnis zu hüten. Warum zum Beispiel gibt es im ganzen Haus keinen Spiegel? (Verlagsinfo)

_Handlung_

Am Abend des 1. März 1923 schreibt Hazel in ihr Tagebuch, dass sie mit dem „Alten“ seinen 77. Geburtstag gefeiert habe. Danach sei er wie so oft in ihr Bett gekommen. Sie wird am 31. März 23 Jahre alt – „dann sind wir zusammen ein Jahrhundert alt“, freut sich der Alte. Nun sind es schon fünf Jahre, die sie hier auf der einsamen Insel Mortes- Frontières bei ihm lebt. Denn er ist nicht nur ihr Pflegevater, sondern auch ihr Lebensretter.

Hazel stammt aus einer internationalen Familie. Ihr Vater war Franzose, der eine Polin aus Warschau heiratete und mit ihr nach New York City zog, als Hazel erst sechs war. Dort lebten sie sechs Jahre, um dann pünktlich zum Ausbruch des Weltkrieges wieder in Paris zu leben. Aber erst 1918 zog ihr Vater von dort weg, in die Normandie. Dort wurden sie von einem deutschen Flieger angegriffen. Nur Hazel überlebte, und Kapitän Loncours nahm sie mit auf seine Insel. Aber er sagte ihr nicht, warum es in seinem Haus keine Spiegel gibt.

Doch Hazel wird eines Tages krank. Der Alte ruft eine Krankenschwester aus der nächsten Stadt, und dort wird Schwester Francoise Chavegnes gebeten, sich um Hazel zu kümmern. Zusammen mit der Dienerin Jaqueline setzt sie auf der Fähre über, nur um ihre Sachen dann von vier Männern inspiziert zu bekommen.

Kapitän Loncours gibt ihr ausdrückliche Anweisungen, sich auf professionelle Fragen zu beschränken, nichts Privates darf sie mit Hazel besprechen. Er ist aber von Francoises Schönheit recht angetan. Hazel versteckt sich unter der Bettdecke und kommt erst hervor, nachdem der Alte gegangen ist. Sie hält sich für hässlich, weil der Unfall vor fünf Jahren sie entstellt habe. Doch Francoise kann deutlich sehen, dass Hazel das schönste Mädchen ist, das sie je gesehen hat. Sie wagt jedoch nichts zu sagen, weil sie mutmaßt, dass der Alte sie belauscht.

Nach der ersten begegnung erweist sich Hazel als aufgewecktes Mädchen, das sich wie eine Zwölfjährige über die weibliche Besucherin freut. Schon nach wenigen Tagen sind die beiden die dicksten Freundinnen und erzählen einander von Liebesdingen und ihrer Vergangenheit.

Um herauszufinden, ob der Alte wirklich lauscht und worin das Geheimnis der fehlenden Spiegel besteht, ersinnt Francoise einen ausgeklügelten Plan …

_Mein Eindruck_

Die Dreiecksgeschichte entwickelt sich zu einer Geschichte über Freiheit, Wahrheit und Schönheit, also grundlegende Bedingungen des Menschen. Denn eines ist klar für Francoise: Durch Enthüllung der Wahrheit über ihre Schönheit soll Hazel befreit werden. Das erweist sich als schwieriger als gedacht. Und so fand es die Autorin sogar nötig, zwei mögliche Schlüsse der Geschichte zu schreiben.

Hazel lebt im Stande der Unschuld, als wäre sie Eva im Garten Eden. Loncours spielt den Adam, ihren Liebhaber und Retter. Nun drängt sich Francoise wie die Schlange dazwischen und will diesen Zustand beenden. Denn die Unschuld Hazels beruht ja auf einem Betrug. Die Perfidie dieser Tat verdoppelt sich für Francoise, als sie von Loncours erfährt, dass er dies alles schon einmal gemacht hat: mit Adèle, seiner ersten Frau. Auch sie wurde im falschen Glauben gelassen, entstellt zu sein. Für Francoise wird der Alte zu einem Ungeheuer, das einem Blaubart in nichts nachsteht.

Die erste Maßnahme muss also darin bestehen, das Lauschen zu unterbinden und einen Spiegel zu finden. Doch der Alte ist auf der Hut. Er hat vom Apotheker der Stadt erfahren, dass Francoise täglich ein Quecksilberthermometer kauft. Offenbar ist es ihr Plan, aus dem Quecksilber eine spiegelnde Fläche zu schaffen – bevor sie es benutzt, ihn damit umzubringen. Francoise weist diesen Verdacht selbstredend weit von sich. Sie wird eingesperrt.

Doch mit einem genialen Trick kann sie sich befreien und sich zu Hazel schleichen. In der ersten Fassung ist Hazel unbewacht, sodass Francoise ihr die schreckliche Wahrheit enthüllen kann. Doch wo ist der Spiegel, den Loncours versteckt hat? Sie müssen ihn überfallen und zwingen, ihnen Spiegel und Wahrheit herauszurücken. Bei ihrem eigenen Anblick fällt Hazel schier in Ohnmacht, dann versucht sie, Loncours umzubringen. Kann sie es übers Herz bringen, ihren Retter zu töten, auch wenn sie ihren Liebhaber hasst?

Der zweite Schluss sieht vor, dass Francoise entdeckt und gepackt wird, bevor sie Hazel erreicht. Die Handlung verläuft völlig anders, sodass es durchaus der Mühe wert ist, sich diese Variante anzuhören. In dieser Fassung findet beispielsweise Loncours ein anderes Ende, und die beiden Freundinnen fahren nicht in die USA, sondern bleiben auf der Insel bis an ihr Lebensende. In jedem Fall erben die beiden Loncours‘ Vermögen. Das klingt wie ein Märchen. Der König ist tot – hoch lebe sein Geld!

Nun aber zur Last der Schönheit. Sie ist die Ursache für Hazels Leid – und für ihr Überleben, wenn man Loncours glauben darf. Nur deswegen habe er sie aus den Trümmern gerettet und bei sich aufgenommen. Fünf Jahre lang sah sich Hazel als die Hässlichste unter den Evastöchtern und traute sich nicht unter Menschen, sodass ihre Gefangenschaft gerechtfertigt erschien.

Nun jedoch soll sie sich mit ihrer Schönheit und Anziehungskraft abfinden? Das wäre ja gerade so, als solle sie die Löwen einladen, das Lämmchen zu verspeisen! Alles nicht so einfach, muss Francoise feststellen. Loncours muss ihr helfen und einige Fakten erklären. Das dauert. So wie das Drama von Anfang an aus Dialogen bestand, so werden die Dialoge nun zu Streitgesprächen. Und dafür, dass sie zuweilen in Philosophie ausarten, muss man eben Geduld aufbringen.

_Die Sprecherin_

Die wichtigste Aufgabe der Sprecherin bestand offenbar darin, den drei Hauptfiguren Leben einzuhauchen. Das gelang ihr durchaus, und zwar vor allem durch die unterschiedliche Tonlage, die sie den Figuren zuwies.

Francoise spricht in einer weiblichen Alt-Tonlage, die wesentlich tiefer ist als die von Hazel. Die ist meist sehr emotional, leicht begeistert oder erzürnt. Der Kapitän ist das genaue Gegenteil: In der tiefsten, der Sprecherin möglichen Tonlage spricht er langsam und bedächtig, wie es einem 77-Jährigen angemessen ist. Nichts, was ihm Francoise vorwirft, kann ihn aus seiner Ruhe bringen. Für Aktionen hat er ja seine „Schergen“.

Musik gibt es ebenso wenig wie Geräusche, was das Ganze zu einem Kammerspiel macht, für das man Geduld aufbringen muss. Ich konnte pro Tag stets nur eine CD ertragen, also rund 65 Minuten. Sonst wäre ich eingeschlafen.

Marlen Diekhoff, vielseitige Bühnen- und Filmschauspielerin, gehört nach Verlagsangaben seit vielen Jahren zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Für Hörbuch Hamburg hat sie bereits Texte von A. Baricco, Amélie Nothomb, Colette, Sándor Márai und „Tausendundeine Nacht“ gelesen.

_Die Autorin_

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe/Japan geboren, verbrachte ihre Kindheit als Tochter eines belgischen Diplomaten in japan und China. Nach ihrem Philologiestudium begann sie zu schreiben. Besonders in Frankreich feiert sie Erfolge. Sie lebt in Paris. „Mit Staunen und Zittern“ trug ihr den „Prix de l’Académie Francaise“ ein.

Bei Hörbuch Hamburg sind bereits ihre Romane „Quecksilber“, „Metaphysik der Röhren“ und „Der Professor“ erschienen. Die Buchfassungen erscheinen bei Diogenes. Sie sind bei Amazon.de nicht zu bekommen.

_Unterm Strich_

Eine junge, die als Gefangene eines alten Knackers wie eine gefangene Sexsklavin gehalten wird – kann das gutgehen? Die Krankenschwester jedenfalls will schleunigst für den Sieg von Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit sorgen. Doch aus dem Dreiecksverhältnis entwickelt sich unversehens ein Drama darum, wer die Oberhand behalten wird. Das ist durchaus spannend, wenn man etwas für Wortgefechte übrig hat. Der Ausgang ist so oder so möglich, sodass die Autorin zwei Schlüsse präsentiert.

Dass diese Schlacht um die Befreiung Hazels zugleich auch als Kampf um die Emanzipation – also Befreiung aus Sklavenschaft – der Frauen allgemein gelesen werden kann, versteht sich wohl von selbst. Der Alte spielt in diesem Szenario den tyrannischen Patriarchen, der die Frau gefangen hält, weil er sie liebt – das ist ja das Perfide daran.

|Das Hörbuch|

Die Sprecherin erweckt die drei Hauptfiguren dieses Kammerspiel zum Leben, indem sie ihnen nicht nur eine jeweils passende und unterschiedliche Stimme zuweist, sondern auch indem sie ihre Emotionen deutlich zum Ausdruck bringt. Das gelingt ihr am besten bei de emotionalsten Figur, der jungen Hazel.

Schade, dass es weder Musik noch Geräusche gibt. So neigt das dialoglastige Stück dazu, den Hörer einzulullen. Ich konnte jeweils nur eine CD pro Tag von dieser Dosis vertragen. Daher empfiehlt sich diese Lesung vor allem für Hörer, die gut zuhören können und das Drama in den Dialogen erkennen. Theaterschauspieler dürfte diese Präsentation wohl am meisten entgegenkommen.

|4 Audio-CDs
Spieldauer: 260 Minuten
Originaltitel: Mercure
Aus dem Französischen übersetzt von Wolfgang Krege
Regie: Margrit Osterwold,
Toningenieur: Ansgar Döbertin
ISBN-13: 978-3899037487|
[www.hoerbuch-hamburg.de]http://www.hoerbuch-hamburg.de

_Amélie Nothomb bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Professor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1308
[„Mit Staunen und Zittern“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1358

Scheck, Frank R. / Hauser, Erik (Hrsg.) – Als ich tot war (Dunkle Phantastik der britischen Dekadenzzeit – Band 1)

_Makaber bis bizarr – dekadent eben_

„Furcht und Leidenschaft, Verfall und Tod: Das sind die großen Themen der britischen Dekadenzphantastik. In 30 makabren geschichten – die meisten davon deutsche Erstveröffentlichungen – gewinnt das dunkle Erbe der Dekadenz faszinierende Gestalt.“ (Verlagsinfo)

Das vorliegende Buch ist der erste von zwei Bänden, in denen sich bekannte Autoren wie Jerome K. Jerome („Drei Mann in einem Boot“), Max Beerbohm, M. P. Shiel („Huguenins Frau“) und Arthur Machen („Der große Gott Pan“) wiederentdecken lassen.

_Die Herausgeber _

Frank Rainer Scheck, geboren 1948, Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Seit 1976 Lektor in einem deutschen Verlag, seit 1993 freier Schriftsteller. Veröffentlichung mehrerer Sachbücher, langjährige Beschäftigung mit der Literatur des Phantastischen; diverse Publikationen, zuletzt die Anthologie (mit Erik Hauser) „Berührungen der Nacht“ (Leipzig 2002).

Erik Hauser, geboren 1962, Studium der Anglistik, Germanistik sowie der Vergleichenden und Allg. Literaturwissenschaft. Magister und Staatsexamen. 1997 Promotion mit einer Dissertation über den „Traum in der phantastischen Literatur“ (Passau 2005). Gymnasiallehrer in Mannheim und Lehrbeauftragter an der Uni Heidelberg.

_Das Vorwort_

Der Herausgeber Scheck betont zunächst die Alleinstellung der vorliegenden Anthologie: Es handle sich um die erste ihrer Art nicht nur im deutsch-, sondern auch im englischsprachigen Raum. Das ist erstaunlich, hat es doch schon etliche Gothic-Tales-Anthologien gegeben, so etwa von Joyce Carol Oates („Zombie“) und Patrick McGrath („Spider“). Deshalb findet es Scheck nötig, seinen Begriff der Dekadenten Phantastik vom Gothic-Begriff abzugrenzen.

Für ihn und v. a. für Hauser erstreckt sich diese Dekadenz von 1937 bis zum Ersten Weltkrieg, erst in Frankreich, dann – in der Nachfolge Poes – auch im viktorianischen Großbritannien, jedoch nur sehr rudimentär in Deutschland. Mit Exponenten wie Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“, dem Werk Baudelaires, Poes, M.P. Shiels, Verlaines und anderen ist es in der Tat schwer, eine Abgrenzung zu finden. Hauser erhöht diese noch, indem er die französischen Symbolisten wie Baudelaire und Verlaine hinzurechnet, die Ästhetizisten wie Theophile Gautier und sogar Teile des Naturalismus.

Aber da es sich um eine Anthologie BRITISCHER Erzähler handelt, fällt es dem Uneingeweihten schwer, Namen wie M.P. Shiel, O’Sullivan usw. zuzuordnen. Nur Arthur Machen („Der große Gott Pan“) und Jerome K. Jerome („Drei Mann in einem Boot“) dürften allgemein bekannt sein. Scheck teilt sie alle summarisch der britischen Dekadenz zu.

Kein Wunder also, das sich am Schluss Scheck rechtfertigen muss, dass er nicht zehn oder 20 weitere Geschichten ausgewählt hat und es bei exakt 30 Erzählungen bewenden lassen musste. Natürlich ließ er alle Romane und Novellen außen vor und nahm vor allem Kurzgeschichten auf.

Damit die Verwirrung nicht zu groß wird, ist jedem der Autoren eine mehrseitige Kurzbiografie vorangestellt, die ihn oder sie ausgezeichnet charakterisiert.

_Die Einleitung (Erik Hauser)_

Während Scheck die makroökonomischen und kulturhistorischen Hintergründe der Dekadenz auszeichnet, ist es Hausers Aufgabe, die psychologischen Entstehungsbereiche aufzuspüren. Leider, so gibt er zu, gebe es immer noch keine hinreichende Erklärung, wie aus ökonomischen Veränderungen wie der Industriellen Revolution ein Metapherngeflecht in Geistergeschichten und anderen Phantastika entstehen könne.

Ein Erklärungsansatz könne sein, dass sich das anonymisierte Individuum, das vom industriellen Kapitalismus zu einem namenlosen Humankapital reduziert worden ist – in London lebten anno 1911 rund 4,5 Mio. Menschen -, wie ein Gespenst vorgekommen sein muss: wurzellos, unschuldig verurteilt, im Bemühen, dass man sich seiner erinnere.

Diese Bedingungen mussten ihre Auswirkungen auf die Kultur und Geistesgeschichte haben. Die Untersuchung dieser Voraussetzungen führt zu einem Überblick über die Ausformungen und die Akteure der englischen Dekadenz, insbesondere auf literarischer Ebene. Am Schluss wird die Frage gestellt, ob die Dekadenz überhaupt schon vorüber ist oder immer noch anhält – denn den Hochadel gibt es ja schließlich auf der Insel immer noch.

_Die Erzählungen _

_1) Vincent O’Sullivan: Als ich tot war_

Ein junger Mann stirbt und merkt es nicht. Deshalb verblüfft es ihn zunächst, dass sich die Bediensteten so merkwürdig wie Trauernde aufführen. Keiner reagiert auf seine Berührungen. Als am nächsten Tag seine unausstehliche Schwester eintrifft, versucht er ihr ein Messer in den Hals zu stoßen. Zwecklos. Sie läuft nur zeternd davon, die Leiche blute. Am dritten findet der Trauerzug im Schneetreiben statt und er schaut traurig und mutterseelenallein zu. Erst da ruft er Gott an, sich immer noch weigernd, tot zu sein …

|Mein Eindruck|

„Dekadent“ ist hier die Ablehnung des Glaubens an die Götzen der Neuzeit, an die Wissenschaft und die Medizin – und an Gott sowieso. Dieser Atheismus wird jedoch durch den Verlust der Körperlichkeit Lügen gestraft. Am Schluss sehnt sich der Entstofflichte nach der Geborgenheit im Jenseitigen, im Metaphysischen, im „lieben Gott“. Zu spät.

_2) Vincent O’Sullivan: Madame Jahn_

Georges Herbout, ein Pariser Müßiggänger, hat sich in seinem Schlafzimmer erhängt, und so spricht der ganze Faubourg darüber. Doch keiner ahnt, was ihn in den Tod getrieben haben mag, wo er doch gerade das Erbe seiner wohlhabenden Tante, der Madame Jahn, angetreten hatte. Der Erzähler verrät uns den Grund.

Georges führt ein aufwendiges Flaneurdasein, wobei das Gros der Zuwendungen seiner Tante für eine kleine goldblonde Tänzerin draufgeht. Eines Tages teilt ihm der geistliche Beistand seiner Tante auf der Straße mit, Georges werde der Alleinerbe sein, angesichts seiner täglichen Besuche. Diese Neuigkeit spornt den Tunichtgut erst recht an, dem Ableben seiner Tante ein wenig nachzuhelfen: ein Messer ins Herz und fertig. Er denkt sogar daran, es so aussehen zu lassen, dass der Mord auf das Konto des Hausmädchens und seines Geliebten gehe.

Doch schon am ersten Tag nach der Beerdigung der Tante, als sich Georges gerade über das Verjubeln seines neu gewonnenen Reichtums Gedanken macht, tritt ein junges Mädchen in das sorgfältig abgeschlossene Zimmer, geht zu der Schublade, aus der die Tante stets das Geld für Georges holte und setzt sich an den Tisch, um Georges anzustarren. In Panik flieht der Mörder vor diesem Geist. Doch er muss noch sechs weitere nächtliche Erscheinungen überstehen. Wir wissen, dass er das nicht überlebt …

|Mein Eindruck|

Was hier wie eine der üblichen Räuberpistolen klingt, entbehrt nicht einer neuen Motivation: Geldmangel, schon klar, aber nicht aufgrund gescheiterter Investitionen eines Kapitalisten, sondern wegen der hohen Kosten des Müßiggangs. Das ist neu. Der gute Georges muss nicht nur die Tänzerin aushalten, damit sie ihm ihre Gunst gewährt, sondern auch noch beim Pferderennen wetten, um die Mätresse zu bezahlen.

Als blutiger Anfänger hat er auch dort kein Glück, und schon bald sieht er mit Missvergnügen, wie sich die Tänzerin einem anderen Burschen zuwendet – einem Deutschen, ausgerechnet! Die Demütigung ist umso größer, als es ja gerade die Deutschen waren, die der Grande Nation im Krieg von 1870/71 die größte militärische Niederlage der Neuzeit beibrachten.

_3) Vincent O’Sullivan: Willenskraft_

Der Ich-Erzähler verfolgt seine Frau mit solch glühendem Hass, dass ihre Lebenskraft zusehends schwindet. Ihr einziges Verbrechen: blendende Schönheit. Als sie endlich im Sterben liegt, spricht sie zu ihm. Warum er ihr stummes Flehen um Gnade nie erhört habe? Er antwortet nicht. Sie werde ihm jetzt seinen Willen tun, doch solle er sich nicht in Sicherheit wiegen: Noch aus dem Grab werde sie ihm die Seelenruhe rauben, denn sie habe sich mit den Mächten des Todes verbündet. Er lässt sie neben einer verfallenen Abtei begraben und begibt sich auf Weltreisen.

Nach seiner Rückkehr beginnen die Albträume, sobald er die Gräber neben der alten Abtei auch nur anschaut. Schließlich krabbelt in einer Neumondnacht ein riesiger Käfer auf seinen Esstisch. Seine zwei roten Augen hypnotisieren den Betrachter. Verzweifelt versucht sich der Erzähler bei seiner toten Frau freizukaufen: Geschmeide, Preziosen und allerlei Wertvolles und Seltenes wirft er in ihre Gruft. Es ist nie genug. Schließlich wird er neben ihr begraben. Kaum ist das Grab zugedeckt, hören die Trauergäste zwei Stimmen. Sie könne ihm nie vergeben, denn dies stehe außerhalb ihrer Macht. Als man die Gruft entsetzt öffnet, bietet sich den Totengräbern ein verwunderliches Bild des Grauens …

|Mein Eindruck|

Schönheit als Verbrechen – darauf konnten bloß die Viktorianer kommen (und die Puritaner machten es ihnen in den USA vor). Dies ist keine morbide Romantik mehr, in der schöne Frauen die „Krankheit zum Tode“ in sich tragen (Tuberkulose war eine Volkskrankheit), dies ist eine Verfolgung der Schönheit. Kein Wunder also, dass der grundlos hassende Mann am Schluss die gerechte Strafe von den Mächten des Todes erhält.

Die Story ist straff erzählt und berührt den Leser. Der Schluss liefert eine passende Pointe.

_4) Arthur Quiller-Couch: Das Spiegelkabinett_

Reggie Travers hasst Gervase bis aufs Blut, und zwar so sehr, dass er ihm aus dessen Klub folgt, um ihn auf offener Straße niederzuschießen. Sein früherer Studienkollege Gervase hat es zu etwas gebracht und ihm schließlich auch noch die geliebte Elaine ausgespannt. Reggie hingegen ist zerlumpt und völlig abgebrannt. Doch sein Plan wird vereitelt, als zwei Polizisten ihn stellen und durchsuchen wollen. Da taucht Gervase auf und kauft ihn quasi frei. Er führt ihn zu einem bestimmten Haus im Norden des Londoner Stadtzentrums.

In diesem Haus fanden früher Kartenspiele statt, solange bis der ständige Verlierer, ein Graf C., daraus einen Spiegelsaal bauen ließ. So, das hoffte er wohl, konnte ihn seine Mitspieler ihn nicht mehr betrügen. Der Saal steht schon seit Langem leer und es riecht nach Ratten. Gervase wischt den Staub ab, setzt sich an den Spiegeltisch und legt seine eigene Pistole darauf. Zeit sich zu unterhalten. Wird Reggie aber jemals seine Elaine wiederbekommen?

|Mein Eindruck|

Das Leben ist ein Glücksspiel, und man muss schon ein verdammt guter Spieler wie Gervase sein, um den Sieg davonzutragen. So lautet wohl die Moral von der Geschicht. Leider bringt der Autor diese Story nicht besonders gut auf den Punkt, sondern verliert sich gern in Nebensächlichkeiten und kopiert dabei noch Poes Story „William Wilson“. Nicht gerade ein erinnernswerter Beitrag zu dieser Auswahl.

_5) Bernard Capes: Der Wasserfall_

Der einsame Bergwanderer verliert den rechten Weg irgendwo im Berner Oberland. Einzig der blasse Aiguille Verte weist ihm im Mondschein den Weg. So gelangt der Wanderer in ein einsam gelegenes Bergdorf namens Bel-Oiseau (schöner Vogel). Da fällt ihm ein schwachsinniger Bursche direkt vor die Füße. Es ist Camille, Sohn von Madame Barbière, die den müden Wanderer gnädig aufnimmt, denn es gibt sonst keine Herberge in dem Weiler.

So kommt es, dass er von Madame erfährt, wie Camille vor acht Jahren seinen Verstand verlor und mondsüchtig wurde. Es gibt an einem der Wasserfälle der Umgebung eine ganz besondere Stelle in einer kleinen Höhle. Und wenn das Licht des Vollmondes in einem ganz bestimmten Winkel in den Hintergrund dieser Höhle fällt, entsteht ein besonderer Effekt: ein überirdischer Glanz. Dieser Anblick raubte Camille den Verstand.

Neugierig geworden sucht der Wanderer ebenfalls nach dieser Erscheinung und wird auch mit Camilles Hilfe tatsächlich fündig. Allerdings muss er noch ein paar Tage warten, bis der Mond wieder voll ist und der Bach genügend Wasser führt. Wird er bald ebenfalls des Wunders ansichtig werden – und wahnsinnig werden?

|Mein Eindruck|

Das Göttliche direkt zu sehen, ist den Menschen verboten. Numinose Anblicke können daher nur vom Abglanz des Wunders der höheren Welt erhascht werden. So auch hier. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen lässt sich das Wunder erblicken, und auch nur von dem, der dafür Opfer darbringt und in Demut kommt.

Das Wunder zu sehen, ist jedoch mit Gefahren verbunden – sonst verlöre es ja seinen Wert. Die größte Gefahr ist für unseren Wanderer und Ich-Erzähler nicht körperlicher Natur, sondern geistiger. Wird es ihm wie einst Camille ergehen?

Diese Story wurde sicher nicht von einem Katholiken geschrieben, sondern von einem mystischen Pantheisten, der das Göttliche in der Natur ringsum zu finden hofft. Doch was er in seiner Vision auf dem Monde zu sehen bekommt, offenbart das Grauen … Es ist einer der sympathischeren Beiträge der Auswahl.

_6) Richard Garnett: Der satanische Papst_

Der Teufel versucht im 10. Jahrhundert die Seele des Theologiestudenten Gerbert in Cordoba. Gerbert gibt seine Seele nicht her, ist aber einverstanden, nach 40 Jahren dem Teufel einen Wunsch zu erfüllen. Gebongt! Gerbert wird umgehend zum Abt von Bobbio in Italien berufen, steigt über die Ränge Bischof und Erbischof zum Kardinal auf, um dann am 2. April 999 zum Papst „gekrönt“ zu werden. Als Silverster II. führt er die arabischen Zahlenzeichen ein und verbessert die Uhr, neben einigen Reformen. Allgemein erwirbt sich das mehrsprachige und philosophisch und alchimistisch bewanderte Kirchenhaupt den Ruf eines Schwarzmagiers.

Pünktlich nach 40 Jahren erscheint Luzifer wieder in Gerberts Gemächern. Er erwartet, leichtes Spiel zu haben. Gerbert lässt sich darauf, dem Widersacher zwölf Stunden lang seine Gestalt zu leihen. Für diese Zeit sieht Satan aus wie der Hl. Vater selbst. Kaum hat sich Gerbert zurückgezogen, als bereits sieben Kardinale hereinstürmen, die Dolche gezückt. Sie wollen Gerbert umbringen. In einer Menschengestalt bewältigt muss der arme Teufel erdulden, dass sie ihn untersuchen – so entdecken sie den Huf am linken Bein!

Verblüfft, erschüttert und ehrfürchtig stecken die Kardinäle Seine höllische Majestät (oder doch Heiligkeit?) erst einmal in den Kerker. Doch es dauert nicht lange, bis Anno, der Erste der sieben auftaucht, um Luzifer ein Angebot zu machen. Er entfernt auch freundlich Knebel und Fesseln. Kaum hat Anno ausgeredet, als auch schon Benno mit Essen und Angeboten naht. Anno lauscht unterm Tisch. Und so weiter, bis alle sieben ihr Sprüchlein aufgesagt haben. Dann sind allerdings die zwölf Stunden um, und der Höllenfürst kann in seine ursprüngliche Gestalt zurückkehren …

|Mein Eindruck|

Diese kleine Story ist der humoristische Höhepunkt dieses ersten Bandes der Anthologie. Der Autor ist ein ungewöhnlich hoch gebildeter Schriftsteller – er schrieb 177 Artikel für das „Dictionary of National Biography“ – und war für mehrere Jahrzehnte der Leiter des Lesesaals im British Museum (ab 1875). Als Anglikaner fiel es ihm leicht, die katholischen „Papisten“ zu kritisieren. Ende des 19. Jahrhunderts ließ sich der Papst sogar für unfehlbar erklären. Seine Story schildert eine römische Kirche, deren Verkommenheit sogar Satan überfordert.

Bemerkenswert ist bei dieser faustischen Angelegenheit, mit welcher Sachkenntnis die Voraussetzungen für einen Seelenkauf dargelegt werden. So darf bekanntlich kein GUTER freiwillig die Hölle betreten, denn dann hätte Satan seinen Daseinszweck verfehlt und müsste stante pede abdanken. Ironisch fand ich auch, dass ein angeblicher „Schwarzmagier“ – was wir heute einen Wissenschaftler nennen würden – den Widersacher auszutricksen weiß.

_7) H.B. Marriott Watson: In den Sümpfen_

Der Ich-Erzähler begibt sich in die nebelerfüllten Sümpfe, um dort seine Geliebte wiederzusehen, die hier lebt. Unheimliches Quaken und Krächzen in Ried und Binsen verunsichern unseren Helden der Liebe, doch schließlich kommt sie zu ihm in seine Arme, und er kost sie. Sie erwartet, dass er sie in sein Reich bringen werde, doch da erhebt sich eine hagere Gestalt, die er zunächst für einen großen Frosch gehalten hat, und weist mit dürrem Finger anklagend auf seine Geliebte. Es ist ein Mensch!

Der hagere, bleiche ungepflegte Wicht mit den laangen feuchten Haaren sagt, SIE habe ihn verdorben, denn einst war er ihr Geliebter, so wie jetzt der neue Galan. Das Paar lässt den Schreihals hinter sich, um per Pferd ins Reich zu gelangen. Da dreht sie sich um, und der Galan hört einen Schrei, ein Plumpsen und Gluckern . Seine Geliebte steht lachend über dem trüben Morast, als sei dort etwas versunken. Er wendet sich mit Grausen, begleitet von ihrem spöttischen Gelächter …

|Mein Eindruck|

Die vollständig als Allegorie angelegte Erzählung kommt ohne Namen und anderes Beiwerk aus, als handle es sich um ein Gemälde von Edward Burnett-Jones („Die Lady von Shalott“) oder Franz von Stuck („Die Sünde“), das sich selbst erklärt. Tatsächlich ist es sehr einfach, diese Allegorie zu deuten.

Der Galan kommt aus der akzeptierten Gesellschaft, seine Liebschaft (man denke an den „Jedermann“) keineswegs, sondern aus dem „Sündenpfuhl“ (ihre eigenen Worte!) der untersten Schichten. Sie ist eine Prostituierte ohne jede Ehre. Was noch mehr ist: Sie freut, wenn sie die Männer, die ihr verfallen, verderben und schließlich entsorgen kann.

Sie ist „Die Sünde“ oder „Lilith“, die dämonische Verderberin, die dem sittlich aufrechten Mann den Garaus bereiten wird. Zumindest was seine gesellschaftliche Stellung betrifft. Insofern handelt es sich um eine höchst sexistische Geschichte, die hoffentlich nur der Unterhaltung dienen soll.

_8) Ella d’Arcy: Die Villa Lucienne_

In den blühenden und duftenden Hügeln der Seealpen über Nizza liegt die titelgebende Villa Lucienne. Hinter der lichtvollen Villa Soleil durch dichtes Gebüsch verborgen, kauert das verfallende Gemäuer inmitten eines wuchernden Gartens. Nur der Gärtner Laurent begrüßt die weibliche Gesellschaft, die sich hierher auf den Weg gemacht hat, um ein Haus für die Sommerfrische zu mieten: Madame de M., ihre Tochter Cecile und deren Tochter Renee sowie die Erzählerin, Madame Coetlegon.

Der Gärtner lässt die Gesellschaft hinein, doch der Jagdhund zieht es vor, draußen zu warten. Er ahnt wohl, dass mit dem Haus, das zuletzt von der verstorbenen Mrs. Gray bewohnt wurde, etwas nicht stimmt. Der Salon ist voller Staub und völlig ungepflegt, behangen mit bizarren Bildern. Plötzlich überkommt die Erzählerin bei Laurents Anblick ein Gefühl der Kälte und Angst. Er weigert sich rundweg, die Damen einen Blick in den nahen Pavillon werfen zu lassen. Diese Schroffheit löst eine Panik aus, und alle hasten hinaus.

Doch da ist etwas, das nur von dem Kind Renee gesehen wurde. Etwas Totes, das sie alle anstarrte. Bis es aufstand …

|Mein Eindruck|

Eine der stimmungsvollsten Gespenstergeschichten, die ich kenne! Die hochgebildete Autorin schafft es, durch zahllose kleine Details ein klares Bild der Umgebung der Erzählerin zu evozieren und so bereits einen leichten Schauder des Grusels zu erzeugen. Erst das Licht der Cote d’Azur und der Villa Soleil, dann die totale Finsternis der Villa Lucienne, schließlich das Grauen darin – das sich in seiner ganzen Tragweite erst im Nachhinein erschließt. Finsterer Verdacht: Laurent könnte die Hausherrin umgebracht und unterm Pavillon vergraben haben – und seitdem geht das Gespenst um …

_9) Eric Count Stenbock: Die andere Seite_

In einem von der Welt abgeschiedenen Bergdorf ist der junge Gabriel ein Sonderling, der von den Gleichaltrigen gehänselt wird. Nur das Mädchen Carmeille liebt ihn, und vielleicht noch seine Mutter Yvonne. Er dient als Ministrant in der grauen Kirche des Abbé.

Nachdem er fasziniert den Erzählungen der alten Oma über einen Hexensabbat gelauscht hat, stößt er auf den von ihr erwähnten Bach, der Diesseits und höllisches Jenseits scheidet. Indem er ihn überschreitet, entdeckt er eine wunderschöne blaue Blume und eine wundervolle Frau, die sich Lilith nennt. Doch jenseits dieser Wunder lauern die Wölfe – wolfsköpfige Männer und mannsköpfige Wölfe – sowie deren furchtbar aussehender Hüter.

Zunehmend entzündet sich die Fantasie des Jungen an diesen Dingen, bis er vergessen hat, welche Worte er bei der Liturgie des Abbé sprechen muss. Er fällt mitten im Gottesdienst in Ohnmacht. Doch er träumt von der blauen Blume und der schönen Frau, bis er schließlich erneut den Bach überquert – und einer der Wölfe wird …

|Mein Eindruck|

An einem unbedeutenden Schauplatz kommt es zur ewigen Schlacht zwischen den Mächten des Bösen, verkörpert im Wolfshüter und seinen Anhängern, und den Guten, verkörpert in den Christen. Dazwischen steht die unentschiedene Frau Lilith, die den Jungen durch ihre Schönheit zu verführen scheint. (Lilith war in der Bibel die erste Frau Adams; er verstieß sie und nahm Eva zum Weib.) Hier wird angedeutet, dass Gabriel, der mit dem Namen eines Erzengels ausgestattet ist, in die Pubertät kommt und „unreine Gedanken“ hat.

Der Text bleibt stets ganz nah dran am Erleben des Jungen, was ich wirklich faszinierend fand. Allerdings übertreibt es der Autor, ein typischer Dekadenzler, mit seinen Beschreibungen der verführerischen, jedoch gänzlich erträumten Frau. Das Tempo der Erzählung ist sehr hoch, und alles geht rasch vonstatten, sodass ich ebenso wie der Held Mühe hatte, zwischen Traum, Vision und Wirklichkeit zu unterscheiden. Das ist natürlich vom Autor gewollt.

_10) Eric Count Stenbock: Viol d’Amor_

Eine englische Dichterin, die Ich-Erzählerin, lernt in Freiburg im Breisgau den Musiker da Ripoli kennen. Der Witwer aus altem Florentiner Adel hat fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter. Die Dichterin freundet sich mit Anastasia, dem ältesten Kind, an, die ihr nach ihrer Weiterreise Briefe schreibt. Guido, der mit wunderbarer Stimme in der Kirche sang, ist das jüngste und schwächste Kind.

Da Ripoli musiziert nicht nur, sondern baut auch seine Instrumente selbst. Diesmal versucht er sich an einer Viol d’Amor, einem Mittelding aus Viola und Violoncello. Die drei Söhne haben in einer alten alchimistischen Schrift gelesen, dass ihr Ton am süßesten sei, wenn sie auf Saiten gespielt werde, die aus der Haut eines geliebten Menschen gefertigt seien. Andrea und Giovanni lassen sich unter Aufsicht Anastasias diese Haut entnehmen und die Wunde verarzten. Nicht so Guido: Er geht zu einem „jüdischen Quacksalber“ und wird krank.

Als Guido darniederliegt und Anastasia, um ihn zu trösten, die Viol d’Amor mit einer schönen etruskischen Melodie spielt, tritt ein Schatten ins Zimmer …

|Mein Eindruck|

Offenbar begehen die drei Söhne durch das Hautherausschneiden eine Art Frevel, der den Grundgedanken der Liebe ad absurdum führt. Und dieser Frevel wird am Jüngsten gesühnt. Da hilft die schönste Melodie nichts. Der Vater zerstört sein schönes Instrument, das angeblich Unglück gebracht hat.

Der Ton und das Ambiente verführen nicht nur die Ich-Erzählerin dazu, sich wie im italienischen Mittelalter der Renaissance zu fühlen, sondern auch der Leser kommt nicht umhin, in Nostalgie zu schwelgen. Der Autor assoziiert Leonardo da Vinci und Tizian, sogar Gabriel Dante Rossetti und dessen Präraffaeliten – der Kunstfreund weiß Bescheid.

_11) Eric Count Stenbock: Ein moderner Sankt Venantius_

Prinzessin Faustina ist von der Zirkusvorstellung gelangweilt. Ohne Blutvergießen hat sie keinen Spaß daran. Sie schlägt ihrem Galan vor, es wie bei den Christenhinrichtungen im Kolosseum zu machen und einen Jungen den Löwen vorzuwerfen. Welche teuflisch gute Idee! Mit der Erlaubnis der Prinzessin bietet der Galan dem Zirkusdirektor 10.000 Francs dafür, dass der Junge Venantius in den Käfig der Löwen geht. Für 40.000 Francs ist der empörte und entsetzte Zirkusdirektor einverstanden. Der Junge wird in den Löwenkäfig geschickt.

Doch Venantius ist kein gewöhnlicher Junge. Unter den Jungs des Zirkus ist er der Allerfrömmste, der Sanftmütigste, denn alles, was er in seiner Freizeit tut, ist Beten. Als er den Käfig betritt, zerfleischen ihn die Löwen nicht, sondern legen sich neben ihn und bewachen ihn gegen jeden Versuch, ihm zu nahe zu kommen.

Wie langweilig – derart zahme Viecher! Die Prinzessin ist empört. Ihr Galan muss etwas unternehmen. Doch schon bald gibt es wirklich Blutvergießen …

|Mein Eindruck|

Venantius von Camertino lebte im 3. christlichen Jahrhundert und wurde unter Kaiser Decius gefoltert und getötet. In Camertino steht die ihm geweihte Kirche bis heute. „Venantius“ bedeutet lediglich „aus Venedig stammend“. – Der Junge in der Erzählung wird tatsächlich durch sein Opfer und seinen Tod zu einem Heiligen. Durch dieses Beispiel wird der Galan der Prinzessin bekehrt und wendet sich mit Grausen von diesem weiblichen Ungeheuer. Schon bald segnet auch er das Zeitliche.

Warum wurde diese christliche Heiligen-Legende ins 19. Jahrhundert verlegt und dann in diesen Band aufgenommen, fragte ich mich. Der Grund ist der Aspekt der Dekadenz, der diesmal in der moralischen Skrupellosigkeit, der Vergnügungssucht der Prinzessin zeigt. Dass der Galan bekehrt wird, lässt den Schluss zu, dass es in den Augen des selbst ziemlich seltsamen Autors für Dekadenz eine Heilung gibt: den Glauben.

_12) Charlotte Mew: Eine Weiße Nacht (1903)_

Der englische Ich-Erzähler Cameron treibt sich im Frühjahr 1876 gerade in Madrid herum, als er von seiner Schwester Ella die Bitte erhält, sie und ihren Mann zu einem reizvollen Ort seiner Wahl zu führen, um Ellas Hochzeitsreise einen besonderen Reiz zu verleihen. Gesagt, getan. Mit dem Maultier geht’s ins wüstenhafte Landesinnere und ins hinterletzte Dorf, bis zu endlich zu einem düsteren Konvent gelangen, der die durch orientalisches Aussehen beeindruckt.

Ohne groß um Erlaubnis zu fragen, betreten sie erst die Kirche und bewundern dann den Kreuzgang, denn hier lebten offensichtlich mal Mönche oder Nonnen. Als sie die Düsternis der Kirche wieder verlassen wollen, finden sie die Ausgangstür verschlossen. Auf ihr Rufen kommt niemand – gefangen! Schon bald sind alle Streichhölzer aufgebraucht.

Doch dann, so um Mitternacht, öffnet sich die Tür erneut, doch nur um eine seltsame Prozession einzulassen. 50 bis 60 Mönche treten ein und singen ein unheimliches Lied, dass immer wieder von einer weiblichen Dissonanz gestört wird. Allen voran gehen drei Mönche, zwei mit Kerzenhaltern, zwischen ihnen einer mit einem Kreuz.

Dahinter folgt eine ganz in Weiß gehüllte Frau, die offenbar in Trance ist. Sie wird von den Mönchen zum Altar geleitet, doch zu welchem Zweck, fragt sich der heimlich beobachtende Cameron. Auch Ella und ihr Mann King haben sich ins Chorgestühl zurückgezogen, denn die Prozession ist allen unheimlich. Die Prozession stoppt vor dem Altar. Dort offenbart sie ihren eigentlichen Zweck: eine Totenmesse.

Die zum Bestimmte ist keine andere als die Nonne, die nun Augen und Mund verschlossen bekommen. Doch Cameron sieht ganz genau und erstaunt, wie sie lächelt. Sie sieht sich als Ancilla Domini, als Magd des Herrn. Und als solche wird sie, nach zwei Stunden unablässiger Gebete und Gesänge der zahlreichen Mönche, in der Kapelle in ein Grab gelegt, das einen Ehrenplatz innehat: Es liegt genau in der Mitte.

Ellas Mann will mit dem Revolver Einhalt gebieten, doch Cameron hindert ihn daran, denn es könnte sonst zu einem schrecklichen Zwischenfall kommen. Ella ist bereits völlig mit den Nerven fertig, und sobald die Mönche die Kirche verlassen haben, machen sich die zwei Männer ohne sie an die Aufgabe, die Begrabene zu suchen. Doch sie finden die Grabplatte erst bei Sonnenaufgang, und selbst dann vermögen sie sie nicht zu heben.

Ella hat nichts Eiligeres zu tun, als sich beim britischen Konsul zu beschweren. Doch der weise Mann schüttelt nur den Kopf. „In diesem Land gibt es noch viel schrecklichere Dinge, die hinter dem Vorhang der Kirche getan werden, und sie alle sind vollständig meinem Zugriff entzogen.“ Binnen Stundenfrist verlassen die drei Briten das Land, wie vom Konsul geraten. Doch Ella findet nie wieder ruhigen Schlaf.

|Mein Eindruck|

Die Autorin war die Geliebte der Autorin Ella d’Arcy, weshalb der Name der weiblichen Figur in dieser Geschichte kein Zufall ist. Aufgrund dieses Kontextes lässt sich die Erzählung auf zwei Ebenen deuten: auf der biografischen und auf der gesellschaftlichen. Biografisch gesehen begräbt sich die Autorin aus Liebe zur verlorenen Ella selbst. Gesellschaftlich gesehen lässt sich die Nonne stellvertretend für alle Frauen unter dem Joch des Patriarchats begraben. So kann der Herausgeber die Erzählung auf eine Stufe mit Frances Gilmans berühmter Geschichte „Die gelbe Tapete“ (dt. bei Reclam) stellen. Das finde ich übertrieben.

Davon ganz abgesehen fordert die Geschichte dem Leser eine Menge Geduld ab, denn vertraute Banalitäten wie singende und psalmodierende Mönche werden bis ins kleinste Detail des Phänomens und seiner Wahrnehmung und Empfindung geschildert. Für den Zeitgenossen der Autorin waren es allerdings keine Banalitäten. Da es keine nennenswerte Anzahl von Katholiken in England gab, konnten die hier geschilderten Rituale nur exotisch und bizarr, also „grotesk“ oder „gothic“ wirken. Ich jedoch fand sie eigentlich nur langweilig.

_13) Jerome K. Jerome: Silhouetten_

Jerome, der Ich-Erzähler, wuchs als Sohn eines Minenbesitzes in Wales auf. In einer Art Rundgang schildert er erst die Landschaft der wilden Meeresküste, dann die von Kohlestaub überzogene Landschaft der Bergwerke. Dort, im Black Country, ist alles schwarz überzogen, und sogar der Regen fällt schwarz vom rußigen Himmel.

Selbstverständlich leben hier Menschen. In seiner kursorischen Art streift der kindliche Erzähler die Entdeckung einer männlichen Leiche, die 40 Jahre unter einem Küstenfelsen vergraben lag, und den Angriff einer aufgebrachten Menge auf seinen Vater, weil dieser angeblich einen Verbrecher beherbergt und schützt. Nun ist es am Leser, eins und eins zusammenzuzählen.

|Mein Eindruck|

Die Landschaftsbeschreibungen sind wunderschön, denn sie tränken die Küstengegend mit Mythen und Legenden, sodass sie zum Leben erwacht. Das Meer erinnert an die nordische Göttin Ran in ihrer Unberechenbarkeit. Und wie es Ran bzw. Beelzebub will, spielt ihr Sturm mit den Strandfelsen, als wären es Murmeln.

Ganz im Gegensatz zu diesem mythischen Ton steht die zweite Hälfte der Erzählung, in der die Konfrontation des Vaters mit dem Mob geschildert wird. Welcher Zusammenhang zwischen erstem und zweitem Teil besteht, muss der Leser selbst entscheiden. Eine rationale Erklärung gibt es nicht. Aber das Geschehen endet auf einer friedlichen Note.

_14) Max Beerbohm: A.V. Laider_

Der namenlose Ich-Erzähler kommt nach einem Jahr erneut wegen einer Grippe in diese Pension am Meer, um sich zu erholen. An der Briefwand entdeckt er jenen Brief, den er vor einem Jahr an A.V. Laider geschrieben hatte, seinen damaligen Leidensgenossen. Mit Laider hatte er eine angeregte Diskussion über den Stellenwert von Vernunft und Glauben geführt. Dabei gab Laider zu, wie der Erzähler an die Chiromantie zu glauben. Dieser Glaube habe jedoch nicht verhindern können, dass er zum mehrfachen Mörder geworden sei.

Wie das, will unser Chronist – einigermaßen bestürzt – wissen. Nun, hebt Laider an, er habe seinen Onkel Col. Elbourn in Hampshire besucht, wo er auf dessen Landsitz einige Tage mit dessen netter Familie habe verbringen können. Am letzten Abend erwähnte der Colonel, dass Laider aus der Hand lesen könne. Ein großes Aufhebens wurde darum gemacht, sodass es ihm nur mit Mühe gelang, alles abzustreiten.

Das gelang ihm jedoch auf der Zugfahrt am nächsten Morgen nicht mehr. Doch als er allen nacheinander aus der Hand las, stieß er auf eine merkwürdige Gemeinsamkeit: Alle würden binnen Kurzem eines gewaltsamen Todes sterben. Genau wie er es schon seit einem Jahr für sich selbst befürchtet habe. Und so kam es auch. Er erwachte in einem Krankenhausbett, und als der Colonel ihn besuchte, erfuhr er von dem schrecklichen Zugunglück, bei dem die Damen und Mr. Blake umgekommen seien.

Nun, ein Jahr später, merkt unser Chronist, dass sein Brief an A. V. Laider verschwunden ist. Ergo muss Laider anwesend sein. Er findet ihn auf einem Strandspaziergang. Doch erst nach einer Vereinbarung über die Bedingungen einer möglichen Konversation findet sich Laider bereit, mit ihm zu sprechen: Er habe alles von A bis Z erfunden. Aber dafür gebe es einen guten Grund …

|Mein Eindruck|

In der Diskussion über die Macht von Glaube und Vernunft, wie sie laut Erzähler in der Zeitung geführt wird, schlägt der Autor also eine dritte Möglichkeit vor. Zwar ist Laider, wenn er an Grippe leidet, ein willensschwacher Mann, aber auch keine Marionette. Vielmehr hat er sich einen psychischen Mechanismus erworben, der auf das Erfinden von guten Lügen hinausläuft.

Auf diese Weise bestärkt er den Frager, also unseren Chronisten, in seinem Glauben und sammelt Sympathiepunkte. Zugleich kann er ihm Lebenserfahrung vorspiegeln, die sich so oder so auslegen lässt. Alles eine Frage der Perspektive und der jeweiligen Notwendigkeit. Ohne jemals einen eigenen Standpunkt einnehmen und verteidigen zu müssen, mogelt sich Laider also so durch. Ob hier der Autor ein Symptom seiner Zeit anprangert, ist schwer zu beurteilen. Denn mit Laider mogelt er sich so durch.

_15) Max Beerbohm: Enoch Soames_

Der Ich-Erzähler Max Beerbohm lernt eines Tages in London den fahlen Mann Enoch Soames kennen, einen bis dato recht unbekannten Dichter und Erzähler. Er ist so unbekannt, dass ihn kaum jemand kennt, aber aus irgendeinem Grund hat Max Mitgefühl mit Soames. Vielleicht ist er ja ein verkanntes Genie? An Selbstbewusstsein mangelt es Soames jedenfalls nicht. Doch seine Gedichte erschließen sich dem Leser nicht auf Anhieb, nur eine Szene in dem Gedicht „Nokturne“ spricht Max an: Der Teufel tritt darin auf. Soames, so weiß Max, betrachtet sich als „katholischen Satanisten“.

Vier Jahre vergehen, bis das Jahr 1997 erreicht ist. Soames ist immer noch ein unbekannter Dichter, wohingegen Max als Theaterkritiker von sich reden macht. Per Zufall stößt er auf ihn wieder am Soho Square in der Londoner Innenstadt, und zwar im kleinen „Restaurant zum 20. Jahrhundert“, dem Vingtième. Wacker schlägt Soames durch die Erfolglosigkeit, nur gestützt auf eine kleine Rente seiner Tante von 300 Pfund pro Jahr. Aber er ist weiterhin überzeugt, dass man in hundert Jahren seinen Namen kennen wird!

Das tritt der „mephistophelische“ dritte Gast an ihren Tisch und stellt sich als der Teufel vor, ein hagerer, recht vorlauter Typ, der Beerbohms Unmut erregt. Satan schlägt Soames einen Handel vor: eine Zeitreise von exakt hundert Jahren in den Lesesaal des British Museum, zwischen 14:10 und 19:00 Uhr, wenn der Lesesaal schließt. Danach würde Soames wieder im Vingtième auftauchen und zwei Stunden später abgeholt werden – zum bescheidenen Zuhause des Teufels.

Topp, der Handel gilt, obwohl Max protestiert. Schwupps ist Enoch in das Jahr 1997 verschwunden, und zwar zum frühen Nachmittag des 3. Juni …

|Mein Eindruck|

Genau an diesem Nachmittag sammelten sich etliche Enoch-Soames-Fans im Lesesaal des British Museum, wenn man dem Herausgeber glauben darf. Sie hatten genau jene graugelbe Uniform an, die Beerbohm – nicht Soames – beschrieb, sobald der Zeitreisende wieder zurück ist, und trugen eine ganz bestimmte Nummer. Soames aber hat den Katalogeintrag von sich abgeschrieben. Darin wird er als „fyktyve Fygur“ von Max Beerbohm bezeichnet …

Tatsächlich macht sich der hinterlistige Autor einen Spaß daraus, die Ebenen von primärer und sekundärer Fiktion zu verwischen und so den Leser zu foppen. Existiert Soames in Beerbohms Bericht wirklich, so wie etwa Sherlock Holmes? Oder ist er nur eine erfundene Figur? Natürlich Letzteres. Aber dabei hat sich der Chronist fiktionalisiert, was auch wieder ein Spaß ist – und ein indirekter Kommentar auf Conan Doyle, dessen „fyktyver Fygur“ Sherlock Holmes ein längeres Leben beschieden war als ihrem Schöpfer. Was doch einiges über die Kunst aussagt.

_Unterm Strich_

Die Themen dieser Erzählungen sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber es gibt ja immer mehr Liebhaber des Gothic-Stils, die damit etwas anfangen können. Die Todessehnsucht, die verwischte Grenze zwischen Leben und Tod und schließlich Wesen aus dem Jenseits (vulgo Gespenster genannt) – sie alle bevölkern als Metaphern, Symbole und sogar Allegorien diese Erzählungen.

Die meisten Geschichten in dieser ersten Auswahl (es gibt ja noch einen zweiten Band) haben mir ganz gut gefallen, ein paar sind sogar herausragend, so etwa „Die Villa Lucienne“, die den Leser sehr stimmungsvoll das Gruseln lehrt, und „Willenskraft“. „Der satanische Papst“ ist hingegen eine lustige Groteske, die gut unterhält.

Etliche Erzählungen sind jedoch mit ihrer eigenen Beschreibung beschäftigt, dass herzlich wenig zu passieren scheint, so die Geschichten von Max Beerbohm (sehr stilvoll und verschmitzt) und „Der Wasserfall“. Die Geschichten von Steenbock ragen darunter hervor, so etwa die vielfach abgedruckte Werwolf-Story „Die andere Seite“, die aber mit christlichen Themen überfrachtet ist.

Von „Modernität“ im heutigen Sinne (also nach 1922) kann man nur sehr eingeschränkt sprechen, weshalb sich diese Geschichten vor allem für Sammler zu eignen scheinen, die sich ein Interesse an diesen altertümlichen Denk- und Empfindungsweisen erhalten haben, beispielsweise durch eine Liebhaberei für Sherlock Holmes und dessen Zeit. Gleichzeitig müssten sie aber auch E. A. Poe, A. Machen und A. Blackwood mögen, was ja nicht immer der Fall ist.

Als Sammlerausgabe ist dieses Buch jedoch eine herausragende editorische Leistung. Sie zeigt sich nicht nur in den sorgfältigen, fehlerlosen Übersetzungen, sondern auch in der umfangreichen Einleitung und den kenntnisreichen Vorstellungen der einzelnen Autoren, die mitunter mit aktuellen Details aufzuwarten wissen, so etwa zum Enoch Soames Day am 3. Juni 1997. Auf diese Weise erübrigen sich eine Bibliografie und ein Stichwortverzeichnis für den Doppelband.

Fazit: vier von fünf Sternen.

|Hardcover: 320 Seiten
Aus dem Englischen von Frank R. Scheck und anderen
ISBN-13: 978-3898402712|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

_Frank Rainer Scheck bei |Buchwurm.info|:_
[„Berührungen der Nacht“ Englische Geistergeschichten in der Tradition von M. R. James]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5606

Mark Brandis: Operation Sonnenfracht (Folge 16)

_|Mark Brandis| als Hörspiel:_
01 [„Bordbuch Delta VII“ 4995
02 [„Verrat auf der Venus“ 5013
03 [„Unternehmen Delphin“ 5524
04 [„Aufstand der Roboter“ 5986
05 [„Testakte Kolibri 1“ 5984
06 [„Testakte Kolibri 2“ 5985
07 [„Vorstoß zum Uranus 1“ 6245
08 [„Vorstoß zum Uranus 2“ 6246
09 [„Raumsonde Epsilon 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6467
10 [„Raumsonde Epsilon 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6468
11 „Die Vollstrecker 1“
12 „Die Vollstrecker 2“
13 [„Pilgrim 2000 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7059
14 [„Pilgrim 2000 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7060
15 [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7128
16 [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7129
17 „Alarm für die Erde“ (für Herbst 2011 angekündigt)
18 – für Herbst 2011 angekündigt –

_Actionreiche Warnung: Verbuddle niemals Atommüll im Vulkan!_

2129: Commander Brandis und seine Crew haben zur Jubiläumspräsentation der VEGA Dienst als Ausstellungsführer in San Francisco. Ein ungewöhnlich starkes Erdbeben lässt die San-Andreas-Spalte, auf der die Stadt steht, aufbrechen. Der Hangar stürzt ein, und nur Brandis‘ Geistesgegenwart verhindert, dass die HERMES zusammen mit dem Rest der VEGA-Raumschiffe vor Ort zerstört wird. Die Stadt geht im Erdbeben unter. In der Nachbesprechung eröffnet Direktor Harris erschreckende Fakten: schon bald werde dieses Unglück durch ein weit größeres abgelöst, wenn kein Wunder geschieht … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den „Mark Brandis“-Büchern, der bis heute (nach „Perry Rhodan“) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart imm Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u.a.

Das Hörspielmanuskript schrieben Regina Schleheck und Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Tommi Schneefuß und Thomas Weichler.

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Prolog: Wolf Frass
Cpt. Grigori „Grischa“ Romen: David Nathan
Cmdr. Mark Brandis: Michael Lott
Lt. Iwan Stroganow: Martin Wehrmann
Lt. Pablo Torrente: Martin Keßler
Dr. Rebecca Levy: Claudia Urbschat-Mingues
Adjutant Sauerlein: Stefan Peters
Bordsystem CORA: Mira Christine Mühlenhof
John Harris: Gerhart Hinze
Henri Villiers: Wolfgang Kaven
Ruth O’Hara: Dorothea Anna Hagena
Iris Monnier: Ulrike Kapfer
Col. Friedrich Chemnitzer: Thomas Nero Wolff
Boleslaw Burowski: Ozan Ünal
Henri Vidal: Marion von Stengel
sowie Sven-Michael Bluhm, Dirk Heinrich, Patrick Holtheuer, Stephan Kretschmer und Henning Schäfer

_Hintergrund und Vorgeschichte_

Die „Mark Brandis“-Hörspielreihe begann 2005-2007 mit Bordbuch Delta VII. Inhaltlich unterscheidet sie sich in einigen wichtigen Punkten von den Büchern.

* Die Geschichten sind um 50 Jahre in die Zukunft verlegt, die Saga beginnt also 2119;
* Die Kürzel EAAU und VOR sind zu „die Union“ und „die Republiken“ geworden;

EAAU: Die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) ist ein transkontinentaler Staatenverbund und wurde als Zusammenschluss der drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika ca. 1999 gegründet – ihr assoziiert ist Australien. Während Europa der Kontinent ist, der über die längste Tradition verfügt, haben sich Afrika und Amerika zu den industriell bedeutendsten Kontinenten entwickelt.
Flagge: ein Ring goldener Planeten um drei kleeblattartig angeordnete grüne Kontinente auf weißem Grund.
Hauptstadt: Metropolis

VOR: Die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) sind ein transkontinentaler Staatenverbund und umfassen zwischen Ural und der Pazifikküste die asiatischen Staaten einschließlich Ozeaniens.
Flagge: zwei gekreuzte Mongolenschwerter vor einer gelb-roten Sonne.
Hauptstadt: Peking

VEGA

Die Strategische Raumflotte (SR) lagerte 2106 ihre Entwicklungsabteilung auf die Venus aus. Die zuständige Agentur ist die VEGA, kurz für Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik, mit immerhin 8000 Mitarbeitern. Direktor der VEGA ist seit 2122 der ehemalige Major (SR) und Commander (VEGA) John Harris. Die Routen der Testflüge für die Neuentwicklungen sind streng geheim, da die Prototypen als begehrte Beute sowohl für die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU), aber auch für Raumpiraten gelten. Offiziell gilt die VEGA als neutral, aber ihre Auftraggeber waren bislang immer die SR und die Raumfahrtbehörde der Union.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 2129. Commander Mark Brandis und seine Crew von der HERMES haben zur Jubiläumspräsentation der VEGA Dienst als Ausstellungsführer in San Francisco. Der Dienst als eine Art Museumswärter kann nach einem Tag doch recht anstrengend sein, findet Kapitän Grischa Romen.

Da erschüttert ein leichter Erdstoß den Hangar, in dem die wertvollen VEGA-Schiffe stehen. Die Hallenaufsicht gibt durch, dass dies nichts Besonderes sei. Von wegen, meint Brandis. Als ein zweiter Erdstoß durch die Halle rumpelt, lässt er alle Crewmitglieder zur HERMES eilen. Sie müssen sie unbedingt in einem Notstart aus der Gefahrenzone bringen. Wie recht er daran tut, belegt kurz darauf die Meldung, dass ein ungewöhnlich starkes Erdbeben die San-Andreas-Spalte, auf der die Stadt steht, hat aufbrechen lassen.

Der Hangar stürzt etappenweise ein, und nur Brandis‘ schnelles Handeln verhindert, dass die HERMES zusammen mit dem Rest der VEGA-Raumschiffe vor Ort zerstört wird. Beim Notstart meint Dr. Levy zwar, sie müssen den verletzten Besuchern helfen, doch darauf kann Brandis keine Rücksicht nehmen. Bloß weg hier!

Während die HERMES mit knapper Not den Erdstößen der Stärke 9 ins Landesinnere entkommt, müssen die Crewmitglieder, wie San Francisco in Schutt und Asche gelegt wird. Brandis‘ Chef Harris ist bestürzt: „42 Schiffe verloren, 200.000 Menschenleben – und ungezählte Verletzte in der Millionenstadt!“ Ist die VEGA jetzt am Ende?

|Der Auftrag|

Da ruft der Unions-Minister Henri Villiers aus Afrika bei Harris an. Eine NGO habe im Krater des Kilimanjaro ein illegales Atommülllager entdeckt. Und weil es schon hundert Jahre alt ist, sei es inzwischen undicht, so dass Strahlung austrete. Barndis und Harris sind bestürzt. Wer hat nur solchen Irrsinn tun können?! Sollte der Vulkan ausbrechen, würden rund 3,4 Millionen Liter radioaktiven Mülls die gesamte Erde verstrahlen – und somit unbewohnbar machen. Brandis soll vor Ort die VEGA vertreten und einen Plan zur Müllentsorgung in die Tat umsetzen. Und das alles natürlich unter strengster Geheimhaltung.

_Mein Eindruck_

Nun, die Moral von dieser Geschicht‘ dürfte nach Tschernobyl und Fukushima offensichtlich sein: Verbuddle niemals Atommüll in einem Vulkan! Wie prophetisch das Buch ist, lässt sich am Veröfentlichungsjahr 1975 ablesen (vgl. dazu den Wikipedia-Artikel), also noch vor dem AKW-Unfall von Harrisburg, wo eine Kernschmelze drohte. Schon damals sah der Autor voraus, dass der ganze im AKW produzierte Müll (sofern es sich nicht um Plutonium für Waffen handelt) ja irgendwohin gekippt werden müsste.

Bemerkenswert ist auch, dass als Mülldeponie ein Ort in Afrika ausgesucht wurde, also genau dort, wo auch die Europäer eine ganze Menge Altlasten entsorgen, seien es harmlose Dinge wie Kleider und Bücher oder weniger harmlose wie giftigen Elektroschrott, von Chemikalen und anderem Sondermüll ganz zu schweigen. Dieser Müllexport geht offenbar mit stillschweigender Duldung weiter.

Das Hörspiel beginnt bereits mit einem höchst dramatischen Auftakt – dem Erdbeben der Stärke 9 (man denke ebenfalls an Fukushima) – dem San Francisco zum Opfer fällt. Es ist der Big One, das vernichtende Beben, das schon lange entlang der San-Andreas-Spalte erwartet wird. Denn an dieser Spalte verschieben und sich zwei Kontinentalplatten. Es ist kein Spaß, sich auf sich entgegengesetzt bewegenden Platten zu befinden.

Der Mittelteil schildert im Grunde harmlose logistische Leistungen: die Einrichtung einer Mullkutscherkette, die den giftigen Krempel aus dem Krater in Container und diese wiederum Richtung Sonne transportiert. Mark Brandis als intergalaktischer Müllkutscher- eine feine Idee. Doch nicht jeder zeiht am gleichen Strang wie. So wie es aussieht, will ihm ein Oberst die Frau ausspannen. Ruth hat Marks Lügengespinst durchschaut und ist selbst nach Ostafrika gekommen.

Das Drama nimmt seinen vorhersehbaren Verlauf, als sich auch der Ostafrikanische Graben auftut, ein Beben in der Afar-Senke seine Ausläufer nach Süden schickt – und den höchsten Vulkan Afrikas zum Ausbruch bringt. Kann Mark seine Ruth vor dem sicheren Tod bewahren?

Schön fand ich das Wiedersehen mit Iris Monnier, der wir schon mal in „Verrat auf der Venus“ auf einer Raumstation begegneten und welche die Gattin von Robert Monnier ist, dem Mark in „Die Vollstrecker II“ so hart vor Gericht zusetzen musste.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Sprecher erfüllen ihre Aufgabe zu meiner Zufriedenheit. Es handelt sich um die immer wieder in der Serie auftauchenden Hauptfiguren wie der Titelheld, seine Frau und sein Boss.Auch David Nathan ist als Grischa Romen wieder mit von der Partie. Diesmal aber stellt sich die von Mark schwer vernachlässigte Ruth – sie hat ihre Nichte in San Francisco verloren – auf die Hinterbeine und riskiert ihre Ehe, indem sie sich mit dem Oberst einlässt, den Atommüll verwaltet. Will und kann Mark sie dennoch aus der nahenden Katastrophe retten?
Etwas merkwürdig muten die Selbstgespräche Marks an. Sie sind zwar notwendig, um uns mitzuteilen, was gerade passiert und wie ihm zumute ist, aber dramaturgisch gesehen, halten sie bloß die Handlung auf. Man kann die Selbstgespräche als Einträge in sein persönliches Logbuch auffassen, aber das ist ein Notbehelf.

Daneben ergeben sich immer wieder neue Nebenfiguren, darunter diesmal die NGO-Agentin Iris Monnier und eine kesse Pilotin namens Henri Vidal (der männliche Vorname ist kein Druckfehler, sondern steht auch so in Vidals Biografie im Booklet). Oberst Friedrich Chemnitzer aus Bayern gibt mal wieder den Kommisskopp, den nur Hierarchien und Befehle interessieren. Schade, dass dieser Typ so klischeehaft dargestellt wird.

|Geräusche|

Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Töne, so etwa die Triebwerke der HERMES oder das Öffnen und Schließen ihrer Luken und Schleuse. Doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt. Einmal rast ein Düsenjet in Stereo durch alle Lautsprecher – feiner Effekt.

Die Tondesigner lassen es diesmal richtig krachen. Das Erdbeben in San Francisco bietet ihnen den willkommenen Vorwand, sämtliche Samples von Explosionen, Donnerschlägen, Poltern und Krachen sowie natürlich jede Art von Schreien einzusetzen. Nicht viel anders klingt das Donnergrollen, mit dem sich der finale Vulkanausbruch ankündigt, nur die Schreie fehlen diesmal.

Ungewöhnlich sind eher Sounds wie der Geigerzähler, der anfangs noch ganz langsam tickt, aber nach einigen Wochen seinen Takt erheblich beschleunigt und am Schluss komplett durchdreht …

Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Auch das Design von verzerrten Meldungen ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend.

Die meisten SF-Serien wie etwa Classic-„Star Trek“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen. Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur Lübbes „Perry Rhodan“ kann in dieser Liga mitspielen, aber diese Serie ist mittlerweile schon Geschichte.

|Musik|

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Intro und in den Intermezzi.

Ganz am Schluss erklingt eine flotte Hintergrundmusik mit Chor, die den Ausklang zu dieser Episode ankündigt, bevor das Outro beginnt. Diese läuft während der langen Absage, bei der sämtliche Sprecher und, wo sinnvoll, ihre Rollen aufgezählt werden. Am Schluss folgt der Hinweis auf die nächste Folge.

|Das Booklet|

Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen der Serie, über die Macher und über die Sprecher. Darüber hinaus gibt es jeweils Zusatzinformationen, so etwa einen „geschichtlichen Bericht“ zur Afrikanischen Föderation und die Lebensläufe der Gast-Charaktere dieser Folge: Burowski, Chemnitzer, Vidal und Villiers.

_Unterm Strich_

Ähnlich wie manche Handlungsstränge der „Perry Rhodan“-Hörspiele greift auch die „Mark Brandis“-Serie politische Themen auf, statt nun auf die Karte der abenteuerlichen Erforschung fremder Welten zu setzen. Das finde ich schon mal sehr löblich, denn so kann der Hörer die gezeigten Vorgänge mit seinen eigenen sozialen und politischen Verhältnissen vergleichen und sie, mit etwas Verstand, auch kritisch bewerten.

Diesmal geht es um die ganz schlechte Idee, Atommüll in einem Vulkan zu verbuddeln. Illegal natürlich, aber auch gefährlich für die ganze Welt, denn die Titel der Fortsetzungen „Alarm für die Erde“ und „Countdown für die Erde“ nichts Gutes erwarten lassen. Der Autor deutet die Möglichkeit an, dass durch die Eruption des Vulkans Kilimanjaro das Atommüllager die gesamte Erde radioaktive verstrahlen könnte – ein Horrorszenario, dem die Explosionen in den drei AKWs von Fukushima schon bedenklich nahe gekommen sind.

Dass sich Mark Brandis und Co. diesmal als Müllkutscher betätigen, mag lustig erscheinen, doch so locker wie der Job anmutet, ist er beileibe nicht. Es wird zwar nicht explizit gesagt, aber die 42 beim Beben in San Francisco verlorenen Schiffe machen es nötig, alte Kähne einzusetzen, über deren Bedienungsweise der Testpilot Brandis nur fluchen kann -eine sehr schöne, dramatisch gestaltete Szene.

Müll in der Sonne zu entsorgen, ist eine alte Idee – und vielleicht auch gar keine so gute: „Mars bringt verbrauchte Energie zurück“, heißt es ja in der Werbung, und unser Zentralgestirn „strahlt“ auf unheimliche Weise wie eh und je, ganz egal, ob den Menschenwesen das verstrahlte Zeug bekommt oder nicht …

|Das Hörbuch|

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend. Im Unterschied zu den ersten Folgen wurden nun mindestens zwei größere Dialogszenen eingebaut, die mir sehr gut gefallen haben. Sie charakterisieren besonders Mark Brandis als einen moral- und verantwortungsbewussten Erwachsenen, der auch mal seine Fehler korrigieren kann.

Dies ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.

Gut finde ich, dass Universal Music jetzt den Vertrieb übernommen hat. Dadurch ist der Fortbestand der Serie wohl gesichert. Und nun kann man sich mit David Nathan (bekannt als Johnny Depp), Claudia Urbschat-Mingues und anderen auch namhafte Synchronsprecher leisten, die ein wenig (?) mehr kosten als die bisher eingesetzten. Das kommt dem Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert der Serie nur zugute – und natürlich auch dem Sammler.

Die Fortsetzung folgt in „Alarm für die Erde“.

|1 Audio-CD mit 68 Minuten Spieldauer
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UPC: 0602527585451
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_Mark Brandis bei |Buchwurm.info|:_
|Weltraumpartisanen|
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962

Mark Brandis: Aktenzeichen Illegal (Folge 15)

_|Mark Brandis| als Hörspiel:_
01 [„Bordbuch Delta VII“ 4995
02 [„Verrat auf der Venus“ 5013
03 [„Unternehmen Delphin“ 5524
04 [„Aufstand der Roboter“ 5986
05 [„Testakte Kolibri 1“ 5984
06 [„Testakte Kolibri 2“ 5985
07 [„Vorstoß zum Uranus 1“ 6245
08 [„Vorstoß zum Uranus 2“ 6246
09 [„Raumsonde Epsilon 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6467
10 [„Raumsonde Epsilon 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6468
11 „Die Vollstrecker 1“
12 „Die Vollstrecker 2“
13 [„Pilgrim 2000 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7059
14 [„Pilgrim 2000 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7060
15 [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7128
16 [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7129
17 „Alarm für die Erde“ (für Herbst 2011 angekündigt)
18 – für Herbst 2011 angekündigt –

_Unerlaubte Unpersonen_

2128: Grischa Romen hat sich verliebt – in die chinesische Astrophysikerin Ko Ai, die im Rahmen eines internationalen Projekts auf der HERMES gearbeitet hat. Seine Gefühle werden erwidert, doch einer gemeinsamen Zukunft steht Ais republikanische Herkunft im Weg. Als bekannt wird, dass sie eine „illegale Geburt“ ist, der bei Rückkehr in ihre Heimat die Exekution droht, wendet sich Romen an seinen Commander und Freund Mark Brandis, der bald darauf Kopf und Kragen riskiert, um den beiden zu helfen. Erst als es zu spät ist, erkennt Brandis, wie skrupellos die Bürokratien der VOR ihre Ziele verfolgen … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den Mark-Brandis-Büchern, der bis heute (nach Perry Rhodan) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart imm Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.

Das Hörspielmanuskript schrieben Regina Schlehek, Balthasar von Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Tommi Schneefuß, Thomas Weichler und Sven-Michael Bluhm.

„Tzigan / El Gitano“ – russ. Volkslied – (Bearbeitung ARBAT,) aus dem Album „Noches De Moskva“ der Gruppe ARBAT, itonmusik Verlag

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Prolog: Wolf Frass
John Harris: Gerhart Hinze
Cmdr. Mark Brandis: Michael Lott
Dr. Lund: Vera Teltz
Karsten Kromme: Christian Senger
Ruth O’Hara: Dorothea Anna Hagena
Jacques Rochelle: Rainer Fritzsche
Cpt. Grigori „Grischa“ Romen: David Nathan
Walter Hildebrand: Oliver Rohrbeck
Ko Ai: Tanja Fornaro
Lt. Pablo Torrente: Martin Keßler
Dr. Rebecca Levy: Claudia Urbschat-Mingues
Lt. Iwan Stroganow: Martin Wehrmann
Jennifer Norton: Sabine Schmidt-Kirchner
sowie Sven-Michael Bluhm, Verena Kortmann, Thomas Müller

_Hintergrund und Vorgeschichte_

Die „Mark Brandis“-Hörspielreihe begann 2005-2007 mit Bordbuch Delta VII. Inhaltlich unterscheidet sie sich in einigen wichtigen Punkten von den „Weltraumpartisanen“-Büchern.

* Die Geschichten sind um 50 Jahre in die Zukunft verlegt, die Saga beginnt also 2119;
* Die Kürzel EAAU und VOR sind zu „die Union“ und „die Republiken“ geworden;

EAAU: Die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) ist ein transkontinentaler Staatenverbund und wurde als Zusammenschluss der drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika ca. 1999 gegründet – ihr assoziiert ist Australien. Während Europa der Kontinent ist, der über die längste Tradition verfügt, haben sich Afrika und Amerika zu den industriell bedeutendsten Kontinenten entwickelt.
Flagge: ein Ring goldener Planeten um drei kleeblattartig angeordnete grüne Kontinente auf weißem Grund.
Hauptstadt: Metropolis

VOR: Die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) sind ein transkontinentaler Staatenverbund und umfassen zwischen Ural und der Pazifikküste die asiatischen Staaten einschließlich Ozeaniens.
Flagge: zwei gekreuzte Mongolenschwerter vor einer gelb-roten Sonne.
Hauptstadt: Peking

VEGA

Die Strategische Raumflotte (SR) lagerte 2106 ihre Entwicklungsabteilung auf die Venus aus. Die zuständige Agentur ist die VEGA, kurz für Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik, mit immerhin 8000 Mitarbeitern. Direktor der VEGA ist seit 2122 der ehemalige Major (SR) und Commander (VEGA) John Harris. Die Routen der Testflüge für die Neuentwicklungen sind streng geheim, da die Prototypen als begehrte Beute sowohl für die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU), aber auch für Raumpiraten gelten. Offiziell gilt die VEGA als neutral, aber ihre Auftraggeber waren bislang immer die SR und die Raumfahrtbehörde der Union.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 2129, als Mark Brandis bei seinem Chef John Harris wegen der Sache mit Grischa Romen und seiner republikanischen Frau Ko Ai vorspricht. Da tritt eine Ärztin namens Dr. Lund ein. Sie will Brandis zum jährlichen medizinischen Checkup abholen. Harris kommandiert ihn ab – die Gesundheit geht vor. Schwerer Fehler!

Dr. Lund fixiert Brandis auf einer Art Pritsche und gibt ihm eine Spritze, damit er sich entspannt. Er ist schon halb weggetreten, als ein Mann eintritt, dessen Stimme er wiedererkennt. Es handelt sich um Karsten Kromme, einen Agenten des Ausschusses für internationale Fragen (AIF), der Brandis verdächtigt, illoyal zu sein. Kromme befragt ihn mit Hilfe der Wahrheitsdroge, die Dr. Lund verarbeireicht hat – er fragt nach jener Chinesin …

Die Erste von vielen Rückblenden versetzt Brandis in die Tage zurück, als er mit seiner Frau Ruth O’Hara Urlaub in Acapulco machte. Zeitgleich findet hier die NATIVA-Konferenz statt, die über Maßnahmen gegen die Überbevölkerung beraten soll. Die Unions-Präsidentin nimmt nicht daran teil, denn sie muss sich einer Nierenoperation unterziehen. Vielleicht können deshalb die Dinge derart eskalieren …

Mark trifft seinen Freund Kapitän Grischa Roman wieder, der bis über beide Ohren in Ko Ai, die Astrophysikerin auf der HERMES, verliebt ist. Er will sie heiraten, gibt er beim Abendessen bekannt. Es gibt nur einen Haken, und den bringt Ruth gnadenlos aufs Tapet: „Was ist mit der Spritze?“ Durch diese Spritze werden Bürger der Republiken sterilisiert, bis der Effekt rückgängig gemacht werden soll. Ai und Grischa verraten, sie hätten sich bereits auf einer einsamen Insel geliebt. Die Bilder davon würden sie Ruth und Mark noch geben.

Die Verlobungsfeier wird ein schwungvolles Fest, das aber harsch von Karsten Kromme und seine AIF-Schlägern unterbrochen wird. Gegen den heftigen Protest Grischas will er Ai mitnehmen, denn ihr Visum sei gefälscht – sie sei ein Zwlling. Jedem VOR-Bürger sei aber nur ein Kind gestattet. Sie sei illegal und existiere eigentlich gar nicht. Das macht Grischa wirklich wütend, und Ai beweist, dass sie Kampfsport beherrscht: Im Handumdrehen legt sie Kromme aufs Kreuz. Indem er für sie eine Bürgschaft übernimmt, entschärft Brandis die Situation und verschiebt die Entscheidung.

Doch Commander Harris sind die Hände gebunden, er will nichts für Ai unternehmen. Deshalb muss sich Mark etwas einfallen lassen, um Ai zu Hilfe zu kommen. Da fällt ihm ein Trick ein, wie er sie „verschwinden“ lassen kann, sollte Krome sie suchen und mitnehmen wollen. Er wendet sich an Walter Hildebrandt, den Fernsehreporter von Stellavision. Der hat ein neuartiges Holovisionsverfahren entwickelt …

_Mein Eindruck_

Ich weiß nicht, wie die chinesische Bevölkerungspolitik momentan aussieht, aber es gab eine Zeit, in der jedes Ehepaar nur ein Kind haben durfte. Und wehe, es hatte mehr Kids. Die Geschichte des Schicksals dieser überzähligen Kinder muss erst noch geschrieben werden. (Bin für Hinweise dankbar.)

Da die Behauptung der AIF, Ai sei eine Unperson und existiere eigentlich gar nicht, für unser Empfinden hinsichtlich der Menschenwürde und des Selbstbestimmungsrechts abstrus erscheint, liegt unsere Sympathie vollständig auf seiten von Ai und Grischa. Diebisch freuen wir uns, wenn Mark Brandis die beiden mit einer Art Taschenspielertrick verschwinden lassen kann.

Doch der Autor legt den Finger in die Wunde. Schon bald werden auf dieser geschundenen und ausgebeuteten Welt sieben Milliarden Menschen leben. Sie wollen Lebensraum und ernährt werden. Beides geht auf Kosten und zu Lasten der natürlichen Ressourcen – schließlich kann niemand von den Neubürgern verlangen, Astronautennahrung zu futtern, oder?

Folglich werden weitere Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden. Wie das geht, haben die Amerikaner schon im 19. Jahrhundert demonstriert, als sie 31 Millionen Büffel binnen eines Jahrzehnts abknallten. Das Fleisch ließen sie allerdings verrotten, denn sie wollten bloß die Häute, um daraus Leder fertigen zu lassen. Es ließen sich viele weitere solche traurigen Beispiele anführen.

Für die von den Chinesen dominierten Republiken ist die zwangsweise Sterilisierung ein Ausweg (Details dazu im Booklet), doch dieser steht uns demokratischen Gesellschaften nicht offen, weil wir damit die Rechte des Einzelnen zu stark beschneiden würden – jedenfalls noch. Das mag sich aber in den explodierenden Bevölkerungen Indonesiens, Vorderindiens und Lateinamerikas schnell ändern.

Wenigstens erlaubt selbst der Papst mittlerweile den Gebrauch von Kondomen. In 120 Jahren mag die ganze Angelegenheit schon wesentlich schlimmer aussehen, aber sollte man sich jetzt schon Gedanken darüber machen? Das werden die wenigsten tun.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Sprecher erfüllen ihre Aufgabe zu meiner Zufriedenheit. Es handelt sich um die immer wieder in der Serie auftauchenden Hauptfiguren wie den Titelheld, seine Frau und sein Boss. Daneben ergeben sich immer wieder neue Nebenfiguren, darunter auch chinesisch oder nicht-human klingende Sprecher.

Die sympathischste Figur neben Brandis ist sicherlich Grischa Romen, gesprochen von David Nathan. Er spielt den „Zigan“ mit Gusto, kann gerne auch mal aufbrausen oder feiern. Dazu passt auch das entsprechende Volkslied „Tzigan“, das von der Gruppe Arbat gespielt wird.

Nicht unerwähnt bleiben soll der Auftritt von Oliver Rohrbeck, der deutschen Stimme von Ben Stiller und Sprecher sämtlicher Hörbücher um die „Schlüssel zum Königreich“. Als Journalist Walter Hildebrandt ist er es, der das raffinierte Verschwindibus-Verfahren beisteuert. Seine Stimme klingt dabei sowohl professionell als auch freundlich und verschmitzt.

|Geräusche|

In dieser Folge fiel es den Klangdesignern hörbar schwer, aus der Grundsituation eines betäubt darniederliegenden Hautdarstellers etwas Interessantes zu machen. Deshalb legten sie sich ins Zeug, als sie die Acapulco-Szenen gestalteten: Vögel zwitschern, Leute sprechen und lachen, die Musik spielt je nach Anlass verschiedene Weisen und hin und wieder heulen irgendwelche Schweber durch die Soundkulisse. Am Schluss verlagert sich das Geschehen in die Südsee und nach Feuerland, wo natürlich das Meer eine dominante Geräuschkulisse bildet.

Die meisten SF-Serien wie etwa „Classic Star Trek“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen. Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur Lübbes „Perry Rhodan“ kann in dieser Liga mitspielen, aber die Serie ist auch schon wieder Geschichte.

|Musik|

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Intro und in den Intermezzi. Hervorzuheben ist das russische Volkslied „Tzigan / El Gitano“. Der Text findet sich im Booklet.

Ganz am Schluss erklingt ein flottes Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsam Hintergrundmusik abbremst. Diese läuft während der langen Absage, bei der sämtliche Sprecher und, wo sinnvoll, ihre Rollen aufgezählt werden.

|Das Booklet|

Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen der Serie, über die Macher und über die Sprecher. Zusätzlich gibt es eine ausführliche Beschreibung zur sterilisierenden „Gulamarajev-Spritze“ und den eingedeutschten Text des russischen Liedes „Tzigan“. Der Text über die Spritze erwähnt alle nötigen Details außer den psychologischen Folgen für die Betroffenen. Aber die individuelle Fortpflanzung zur geheimen Staatsangelegenheit zu machen, lässt die Dimension des Problems erahnen, das damit gelöst werden soll.

_Unterm Strich_

Ähnlich wie manche Handlungsstränge der „Perry Rhodan“-Hörspiele, greift auch die „Mark Brandis“-Serie politische Themen auf, statt nun auf die Karte der abenteuerlichen Erforschung fremder Welten zu setzen. Das finde ich schon mal sehr löblich, denn so kann der Hörer die gezeigten Vorgänge mit seinen eigenen sozialen und politischen Verhältnissen vergleichen und sie, mit etwas Verstand, auch kritisch bewerten.

In dieser Folge geht es um das drängende Problem der Überbevölkerung und wie man ihm beikommen soll. Eine hier vorgestellte Methode ist die Zwangssterilisierung kurz nach der Geburt (eigentlich handelt es sich um die vorläufige Unterdrückung der Empfängnisfähigkeit einer Frau). Diese geht längst nicht so weit wie die radikalen Methoden der Nationalsozialisten und anderer Gesellschaften (es gab auch woanders Zwangssterilisierung in Geheimprogrammen). Aber früher oder später wird sich die Weltgemeinschaft dieses wachsenden Problems ernsthafter annehmen müssen, als dies zurzeit der Fall ist.

Natürlich spielen Grischa Romen und Ko Ai ihre Rolle als verfolgtes Liebespaar Romeo und Julia ausgezeichnet. Aber Mark Brandis, mit Wahrheitsdroge befragt, hilft ihnen erst durch einen feinen Trick und später nochmals durch die Hilfe der Medien. So macht er deutlich, dass jeder einzelne Mensch einen Unterschied machen kann, um das Leid anderer zu verhindern oder zu beenden.

|Das Hörbuch|

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend. Im Unterschied zu den ersten Folgen wurden nun etliche größere Dialogszenen eingebaut, die mir sehr gut gefallen haben. Sie charakterisieren besonders Mark Brandis als einen moral- und verantwortungsbewussten Erwachsenen, der auch mal seine Fehler korrigieren kann. Allerdings verhindern die Rückblenden auch fast jede Action, halten aber auch einige Überraschungen bereit. Der Aufbau dieser Folge ist stockend, doch der Schluss dann wieder einigermaßen zufriedenstellend.

Dies ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.

Gut finde ich, dass Universal Music jetzt den Vertrieb übernommen hat. Dadurch ist der Fortbestand der Serie wohl gesichert. Und nun kann man sich mit David Nathan (bekannt als „Johnny Depp“), Oliver Rohrbeck und Claudia Urbschat-Mingues auch namhafte Synchronsprecher leisten, die ein wenig (?) mehr kosten als die bisher eingesetzten. Das kommt dem Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert der Serie nur zugute – und natürlich auch dem Sammler.

Hinweis: Die nächste Folge trägt den Titel „Operation Sonnenfracht“.

|1 Audio-CD mit 63 Minuten Spieldauer
ASIN: B004Y2Q9MI
UPC: 0602527585444|
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[www.markbrandis.de]http://www.markbrandis.de
[www.interplanar.de]http://www.interplanar.de

_Mark Brandis bei |Buchwurm.info|:_
|Weltraumpartisanen|
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962

Indridason, Arnaldur – Tödliche Intrige (Hörspiel)

_Mordende Lesben: In der Liebesfalle_

„Ich habe Fehler gemacht. Ich bin in eine Falle nach der anderen getappt. Manchmal sogar willentlich. Ich war mir dessen bewusst, dass sie da waren und dass sie gefährlich waren …“
In diesem psychologischen Thrillerhörspiel von Arnaldur Indriðason über eine isländische Femme fatale geht es um Leidenschaft und Liebe – und um einen überaus raffiniert geplanten Mord. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman „Nordermoor“ hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Hakan Nesser und Henning Mankell!

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Sprecher und ihre Rollen:|

Cathlen Gawlich: Betty
Alexander Radszun: Tomas Ottoson Zoega
Kathrin Wehlisch: Sara
Fabian Gerhardt: Leo
Ulrike Bliefert: Rezeptionistin
Peter Rühring: Personaldirektor
Lisa Adler: Stella
Stefan Staudinger: Polizist

Regie beim WDR führte 2010 Anja Herrenbrück, die zusammen mit Georg Bühren den Text bearbeitete. Die MUSIK stammt vom Ensemble Adapter, die Komposition lieferte Thuridur Jonsdottir.

_Handlung_

Wie konnte es nur dazu kommen? Sara hockt in ihrer Zelle im Knast, verurteilt zu 16 Jahren wegen Mordes an Tomas Ottoson Zoega. Sie ist in Fallen getappt, denkt sie. Ja, aber leider auch willentlich. Sie denkt zurück, wie es begann…

Auf einem Vortrag vor Fischern spricht Betty, die Lebensgefährtin des steinreichen Reeders Tomas Ottoson Zoega, Sara an, die Anwältin. Ihr Mann, wie sie lügt, suche eine Rechtsberaterin, sagt sie, und Sara starrt ihr auf die Brustwarzen. Sie begehrt Betty, was diese schnell merkt. Tomas soll Tomas‘ Firma bei den EU-Verträgen helfen. Sara kann Tomas nicht leiden und lehnt ab, doch Betty insistiert und setzt ihren Sex-Appeal ein.

Als Betty mit einem blauen Auge auftaucht, kann Sara die plumpe Lüge schnell entlarven. Schlägt er Betty? Betty erfindet Ausflüchte, aber sie hört nicht auf, Sara anzubaggern, bis diese schließlich aufgibt, weil sie sich auf diese Weise wichtig fühlt. Es ist daher Betty, die Sara zuerst küsst, nicht umgekehrt. Sie werden ein Liebespaar und das Geld beginnt, in Strömen zu fließen.

Als Betty noch öfter mit einem Veilchen und sogar verletzt auftaucht, fordert Sara sie auf, sich von Tomas zu trennen, doch die weigert sich, sagt, dass Tomas sie in seinem Testament zur Alleinerbin eingesetzt habe und so weiter. Außerdem gehe er ja selbst auch fremd. Sara spürt erstmals richtig tiefen Hass auf einen Menschen.

Auf der Reise nach London lieben sich die beiden weiterhin und riskieren, dass Tomas sie entdeckt. Er hat eh schon einen verdacht, dass Betty fremdgeht, weil sie sich ihm verweigert. Zurück in Island scheint Betty nach dem Liebesspiel zufällig der Gedanke zu kommen: Was, wenn ihm etwas zustieße, ein Unfall oder so?

Nachdem Tomas sie vergewaltigt hat, sinnt Sara auf Rache. Was böte sich besser an, als auf Bettys Idee einzugehen? Betty hat ihre Geliebte gerade noch von einer Anzeige bei der Polizei abbringen können, sie dann zu einer Skihütte auf den Fjells eingeladen. Tomas werde da sein und Leo aus der Firma wahrscheinlich auch – als Alibi für die Tat. Nichtsahnend fährt Sara zur Skihütte. Keiner weiß, wohin sie will.

Doch nach der grausigen Tat kommt alles anders als erwartet …

_Mein Eindruck_

Die Falle ist raffiniert eingefädelt. Monate vergehen, bis Sara endlich soweit ist hineinzutappen. Erst die Liebesbeziehung, dann die Sache mit den blauen Flecken und schließlich Vergewaltigung. Und obwohl Sara keinen Finger gerührt hat, um Tomas etwas anzutun, ist sie es, die schließlich verurteilt wird. Denn schließlich findet sich in ihrem Haus die Mordwaffe, oder nicht? Der Staatsanwalt hat leichtes Spiel.

Doch Sara merkt schon vor ihrer Verhaftung, dass mit Saras Spiel etwas nicht stimmen kann. Erst lässt sie wochenlang nichts von sich hören, dann wohnt sie bei Leo, einem kleinen Angestellten mit erstaunlich großer Macht in Tomas‘ Firma. Doch erst als Sara ein wenig in Bettys Vergangenheit schnüffelt, muss sie erkennen, dass sie es mit dem gefährlichsten Menschen ihres ganzen Lebens zu tun hat. Denn Betty hat nicht zum ersten Mal zum Mittel der Gewalt gegriffen, um ihre Ziele zu verfolgen…

Zurückblickend erkennt Sara, dass sie Fehler gemacht hat, schon klar. Aber es waren Fehler der Vernunft, nicht Fehler des Herzens. In den Tagen ihres Zweifels an Betty und der Reue über die Tat erinnert sie sich immer wieder an die Küsse, die Umarmungen, die sie in Bettys Bett erleben durfte. Und denkt an Bettys Worte: „Wir sind frei!“ Das war die größte Lüge von allen. Und weil sie auf ihr Herz hörte, glaubte sie sie. Denn Tomas war ganz anders, als Betty ihn darstellte.

Der Autor macht aus der Geschichte, die sich ständig irgendwo auf der Welt zutragen dürfte, ein anrührendes Drama und auch ein klein wenig einen Kriminalfall. Doch die Ermittlung ist so kurz, zaghaft und ineffektiv, dass sie Sara nichts mehr nützt. Schon klingelt die Polizei an ihrer Tür …

Der interessanteste Dreh an der Story liegt wohl darin, dass die beiden „Täterinnen“ (Sara ist lediglich Zeugin) eine sexuelle Beziehung haben und diese auch glaubwürdig dargestellt wird. Nur so erscheint plausibel, dass Sara die größten Lügen Bettys nicht durchschaut, die kleinen aber schon. Es wäre hilfreich gewesen, wenn wir noch mehr über den Charakter Saras erfahren hätten. So erscheint sie als zwar kluge Anwältin, aber als leichtgläubige Liebhaberin.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Betty (Cathlen Gawlich) ist anfangs immer die Fordernde und Sara (Kathrin Wehlisch) die Abwehrende und Zögernde. Nach der Tat ist es genau umgekehrt: Die verwirrte Sara muss Betty hinterherrennen, um zu erfahren, wie die Dinge zwischen ihnen stehen. Die beiden Sprecherinnen stellen diese Umkehrung vielfach nuanciert dar.

Doch ich habe mich mehrfach über Saras Zurückhaltung gewundert. Ist sie wegen ihrer Homosexualität gehemmt? An einer Stelle wirkt sie entsetzt über Betty, vor der Vergewaltigung eindeutig verwirrt und abwehrend. Doch auch Betty ist natürlich zu heftigen Äußerungen fähig. Als Sara ihr das erzählt, was Stella über Betty gesagt hat, rastet diese völlig aus und schreit sie an. Auch die kühlen Isländerinnen können also sehr emotional sein.

Alexander Radszun spricht den Tomas Ottoson Zoega, der eine zwielichtige Doppelrolle spielt: Je nach Standpunkt erscheint er wie der unschuldige Unternehmer oder wie der seine Frau prügelnde Vergewaltiger. Verwirrt von Bettys Ablehnung (die sich Sara gut erklären kann) sucht er selbst die Wahrheit – und lässt sich von ihr in eine Falle locken, sodass er Sara vergewaltigt und damit den Mord-Pakt zwischen Betty und Sara besiegelt. Nicht nur Sara ist Bettys Opfer, sondern natürlich auch – in doppeltem Sinne – Tomas.

Unter den Nebenfiguren ragt Lisa Adler als Sprecherin der Stella heraus. Stella ist eine ehemalige Schulkameradin von Sara und Betty. Sie wurde Zweite beim Schönheitswettbewerb, während Betty Erste wurde. Doch sie hätte den ersten Platz errungen, wenn ihr nicht ein Auto über den Fuß gefahren wäre; seitdem hinkt sie. Dreimal darf man raten, wer jenes Auto fuhr: Leo, Bettys Freund und Komplize. Lisa Adler stellt Stella als völlig aus dem Gleichgewicht geratene Frau dar, die womöglich Drogen nimmt, um ihr Elend zu betäuben.

|Geräusche|

Geräusche gibt es leider nur die allernotwendigsten, so etwa die Türklingel von Saras Haus oder Regen vor Bettys Haus. Das ist etwas schade, finde ich, denn Geräusche würden dem Geschehen mehr Realismus verleihen. Stattdessen setzt die Regie auf Expressionismus: Der Atem der sich Liebenden ist überdeutlich und überlaut zu hören. Diese akustische „Andeutung“ ersetzt die Schilderung des Liebesspiels. Das Zerreißen von Stoff läutet die Vergewaltigung ein. Vielleicht ist dies manchem Zuhörer bereits genug Andeutung. Realismus ist nicht nötig.

|Musik|

Die von dem Isländer Thuridur Jonsdottir komponierte Musik wird vom Ensemble Adapter vorgetragen. Die untermalenden Stücke, die vor allem als Intermezzi die Szenen voneinander abtrennen, werden vor allem von Holzblasinstrumenten wie Klarinette, Oboe und Fagott bestritten. Die Harmonien sind eindeutig neutönerisch, was ich als ziemlich gewöhnungsbedürftig empfand. Nur ein einziges Mal geraten diese Harmonien in wilde Bewegung, und zwar während der Vergewaltigungsszene.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel baut eine erhebliche Spannung auf, selbst wenn der Krimikenner schon ahnt, worauf die Entwicklung hinauslaufen soll. Dennoch ist nicht so sehr der vorhersehbare Verlauf – schließlich präsentiert der Prolog ja Sara in ihrer Gefängniszelle – , sondern vielmehr die psychologische Entwicklung der beiden Täterinnen, die den Zuhörer so fesselt.

Welche Motive führen letzten Endes dazu, dass Sara passiv am Mord an Tomas beteiligt ist? Es ist beileibe nicht nur die Verführung und eine hypothetische Art von sexueller Loyalität, nein, vielmehr ist es die Solidarität einer geschlagenen Frau und tiefer Hass dem prügelnden Mann gegenüber, was den Ausschlag gibt.

Dennoch ist Sara, von jeher die Passive im Lesbenpärchen, untätig, als Betty zuschlägt. Und so wird auch sie leichtes Opfer der eigentlichen „tödlichen Intrige“ Bettys. Denn jede Tat braucht einen Schuldigen. Und wenn es bloß ein Sündenbock ist. Ein Funke Hoffnung ergibt sich aus Saras aktiver Ermittlung über Bettys Vorleben, nachdem sie mehrfach gefragt wurde, was sie eigentlich über Betty wisse. Es war so gut wie nichts.

Diese Ermittlung könnte sie noch retten, und dadurch wird eine weitere Spannung aufgebaut. Doch aufgrund des Prologs wissen wir zwar, dass diese Hoffnung trügt, dennoch bangen wir mit Sara, der Ich-Erzählerin. Wir ernten lediglich die Genugtuung, dass Betty, die „Goldgräberin“, die über Leichen geht, aufgrund eines kurzfristig geänderten Testaments keinen müden Cent erben wird. So verschwindet sie ironischerweise wieder in der Provinz, aus der sie kam.

Für manchen ist allenfalls erstaunlich, dass Betty ihre Komplizin am Leben lässt, doch genau dies ist ja notwendig, um Sara als eigentliche Täterin zum Sündenbock stempeln zu können. Denn Betty hat sich selbstverständlich über Leo ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit besorgt. Die „dumme“ Sara hat dies nichtsahnend unterlassen …

|Das Hörbuch|

Die drei Hauptfiguren werden von sehr kompetenten Schauspielern glaubwürdig dargestellt, die jederzeit in einem TV-Krimi auftreten könnten (und dies wahrscheinlich sogar tun). Spannend ist die Umkehrung der Rollen zwischen den beiden lesbischen Frauen Betty und Sara – von verführend zu abwehrend (Betty), von zurückhaltend zu drängend (Sara). Als Dritter in der Runde stört Tomas eigentlich nur, tief gehasst von Sara, von Betty als Goldesel ausgenutzt. Lediglich in der Vergewaltigungsszene spielt Tomas einen wichtigen aktiven Part, und keinen sehr schönen.

Die Geräusche sind spärlich vorhanden und werden sehr akzentuiert eingesetzt, so etwa das Atemgeräusch der beiden Liebenden. Die Musik des isländischen Neutöners ist recht gewöhnungsbedürftig, verleiht der Stimmung aber etwas Schwebendes, Verinnerlichtes, das zu der Romanze der Lesben passt.

Die Musik erst macht aus einem möglicherweise rationalen Geschehen eine unausweichliche Tragödie, die aus Liebe und Hass erwächst. Deshalb kann die Musik auch schon mal ziemlich wild bewegt erklingen, um entsprechende Emotionen anzudeuten.

|Audio-CD mit 48 Minuten Spielzeit
Aus dem Isländischen von Coletta Bürling
ISBN-13: 978-3785743324|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

_Arnaldur Indriðason bei |Buchwurm.info|:_
|Die Serie um Kommissar Erlendur Sveinsson|:

|Synir Duftsins|, 1997 (deutsch: [Menschensöhne, 1217 2005)
|Dauðarósir|, 1998 (deutsch: [Todesrosen,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5107 2008)
|Mýrin|, 2000 (deutsch: [Nordermoor, 402 2003)
|Grafarþögn|, 2001 (deutsch: [Todeshauch, 2463 2004)
|Röddin|, 2002 (deutsch: [Engelsstimme, 2505 2004)
|Kleifarvatn|, 2004 (deutsch: [Kältezone, 4128 2006)
|Vetrarborgin|, 2005 (deutsch: [Frostnacht, 3989 2007)

Weitere Werke:

|Napóleonsskjölin|, 1999 (deutsch: [Gletschergrab, 3068 2005)
|Bettý|, 2003 (deutsch: [Tödliche Intrige, 1468 2005)

Maggs, Dirk – Batman: Knightfall

_Bang! Crash! Aaarghhh! (Help!)_

Alarm in Gotham City. Alle Gangster sind aus dem Gefängnis ausgebrochen. Steckt Bane dahinter, der Batman Rache geschworen hat, oder der Todesengel Azrael, der sein Unwesen treibt? Batman wappnet sich zum Kampf auf Leben und Tod. Hollywood im Hörspiel: Eingebettet in filmreifen Soundeffekten und bombastischer Musik rast Batman von einem Abenteuer zum nächsten. Lautstark treiben seine Feinde ihr Unwesen und spornen den Fledermaus-Mann zu Höchstleistungen an. Das Rauschen seines Umhangs hallt im Ohr nach … (Verlagsinfo)

_Die KNIGHTFALL-Reihe (aus der Wikipedia)_

„Knightfall“ ist der Titel, den man einem übergreifenden Story-Zyklus gegeben hat, den DC Comics im Frühjahr und Sommer 1993 veröffentlichte. Um den Leser zu verwirren, lautet so auch der Titel einer Trilogie von Storylines, die zwischen 1993 und 1994 liefen und aus folgenden Komponenten bestanden: „Knightfall“, „Knightquest“ und „KnightsEnd“. Zusammen sind sie den Fans als die „KnightSaga“ bekannt.

In den Jahren 1992 und 1993 wurden zwei neue Charaktere ins DC-Universum eingeführt, die für die nächsten drei Jahre noch die beiden Schlüsselrollen in dem nun beginnenden Mega-Event sein sollten: BANE und der Racheengel AZRAEL. Der Name des Ereignisses: Knightfall. Hier passiert das schier unglaubliche – Batman wird besiegt und Bane bricht dem Mitternachtsdetektiv den Rücken. Querschnittsgelähmt bleibt er in seiner Höhle zurück und seinen Platz nimmt der mysteriöse Engel Azrael (alias Jean Paul Valley) ein.

Auf Deutsch wurde die Saga in den Jahren 1995 bis 1996 bei Carlsen verlegt und umfasst zehn Bände mit über 1200 Seiten.

Knightfall hatte für den Batman-Mythos etliche Folgen, denn der Held musste das verlorene Vertrauen von Polizei, Öffentlichkeit und Kollegen zurückgewinnen. Bruce Wayne erkennt zudem die Gefahr und Last, die im selbständigen Arbeiten ruht, und dies führt zur Gründung einer Art Batman-Familie.

Während Waynes treuer Butler Alfred Pennyworth während „Knightfall“ kündigt und am Schluss wieder zurückkehrt, so scheint er doch im weiteren Verlauf nicht mehr gebraucht zu werden. Ein Butler, Zeichen eines feudalen Lebens, scheint einfach nicht zum eher familiären Leben zu passen. Wahrscheinlich hatte die Frau in Waynes Leben etwas Entscheidendes dazu zu sagen …

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Der Inhalt dieses Epos wurde im Jahr 1994 als Hörspiel adaptiert für den Sender BBC Radio 1, einem Hörfunkprogramm, das sich an jüngere Zuhörer richtet. Es war das erste Daily Drama Serial der BBC überhaupt. Regie und Produktion führte der Brite Dirk Maggs, der schon „Superman“ and „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ ins Radio brachte. Diese Ausgabe umfasst als Bonusmaterial ein Art Gag-Reel, das noch nie zuvor veröffentlicht wurde.

Die wichtigsten Rollen und ihre Sprecher:

Batman / Bruce Wayne: Bob Sessions
Alfred Pennyworth: Michael Gough
Bane: Peter Marinker
Tim Drake / Robin: Daniel Marinker
Jean Paul Valley / Azrael / The Joker: Kerry Shale
Commissioner (Polizeipräsident) Gordon: William Roberts
Officer Montoya: Lorelei King
Sgt. Harvey Bullock: Eric Meyers
The Ventrilloquist / Scarface: Michael Roberts
Dr Shondra Kinsolving: Alibe Parsons
Scarecrow / Nightwing: James Goode
The Mad Hatter: Chris Emmett
Mayor (Bürgermeister) Krol: Vincent Marzello
The Riddler: Stuart Milligan
Und viele andere.

Unter den Sprecher befindet sich der „Allzeit-Alfred“ MICHAEL GOUGH (1916-2011), der schon in den ersten Batman-Kinofilmen aus den Jahren 1989 bis 1997 die Rolle von Batman/Bruce Waynes Butler Alfreds übernommen hatte.

KERRY SHALE ist ein britischer Schauspieler, Schriftsteller und Synchronsprecher. Seine Frau Suzanne ist eine auf medizinische Ethik spezialisierte Juristin. Er trat in Filmserien wie „Dr. Who“, in Spielfilmen wie „Yentl“ (1983), „Little Shop of Horrors“ (1986) sowie in mehr als 200 BBC-Radiobeiträgen auf. In der Hörspielfassung von Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ (Dr. Seltsam) spielte er mehr als ein halbes Dutzend Rollen. Als Journalist schreibt er Kolumnen für „The Word Magazine“, „The Guardian“ und „Front Row“.

BOB SESSIONS ist in Großbritannien ein bekannter TV- und Filmschauspieler. Seine Laufbahn begann 1967 mit einer Rolle in der Serie „Sexton Blake“. Er trat in Serien und Filmen auf wie „A Man of our Times“, „Journey to the Unknown“, „The Troubleshooters“, „The Search for the Nile“, „Permission to Kill“, „Morons from Outer Space“, „Odin: Photon Space Sailor Starlight“ usw.

_Handlung_

Die Handlung erstreckt sich über etwa sechs Monate. Bruce Wayne alias The Bat Man leidet unter dem Burn-out-Syndrom, wird aber systematisch von Bane angegriffen, einem auf Supersteroiden agierenden Genie. Er ist nicht nur übermenschlich stark, sondern verfügt darüber hinaus auch noch über einen scharfen Verstand und Intelligenz.

Sein Plan ist es, Batman zu besiegen und die Herrschaft über alle Verbrecher in Gotham City zu übernehmen. Er befreit alle Insassen des Arkham Asylum und bringt somit Angst, Mord und Schrecken über die Stadt. Fortan treten überall die verrückten Verbrecher auf, deren Unschädlichmachung Batman sein ganzes Leben gewidmet hat.

Eine enorme Herausforderung für Batman – muss er doch versuchen, seine Widersacher wieder alle dingfest zu machen. Eine Aufgabe, die ihm alle seine Kräfte abverlangt. Aber er hat ja Dr. Shaundra Kinsolvingderen außergewöhnliche Heilkräfte ihn stärken. Und er hat seinen Butler Alfred und seinen Assi Tim Drake alias Robin, um ihm zu helfen.

Doch über kurz oder lang tappt Batman in Banes Falle. Abgekämpft, am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte kommt es zu finalen Konfrontation zwischen Batman und seinem Herausforderer Bane, dem der „Caped Crusader“ nichts mehr entgegenzusetzen hat: Bane bricht Batman das Rückgrat …

Der verkrüppelte Wayne wird nun von einem Lehrling namens Jean-Paul Valley ersetzt, der sich fortan Azrael, Engel der Rache, nennt. Er muss entdecken, dass er seit seiner Geburt von einem Geheimorden für die Rolle eines Auftragskillers geschult worden ist, der auch seinen Vater als Azrael einsetzte. Leider hat Azrael ein ganz anderes Verständnis seiner Rolle. Er agiert zunehmend gewalttätig und geistig instabil, so etwa indem er anders als der echte Batman seine Gegner tötet. Diese Untaten beflecken den guten Ruf Batmans.

Bruce Wayne ist also nicht nur mit der Wiederherstellung seiner Gesundheit beschäftigt, sondern muss auch zugleich einen außer Rand und Band geratenen Nachfolger in Zaum halten und versucht auch, von ihm wieder die Herrschaft über die Stadt zurückzuerhalten. Dazu lässt er sich von einer chinesischen Kämpferin namens Lady Shiva trainieren. Schließlich wird Wayne mit Hilfe der Methoden Dr. Kinsolvings geheilt und macht sich an die schier übermenschliche Aufgabe, seine Rolle als der wahre Batman zurückzuerobern.

_Mein Eindruck_

In den bekannten Batman-Verfilmungen durch Christopher Nolan („Batman Begins“, „The Dark Knight“) hat der Zuschauer stets eine Verschnaufpause, um sich von den aufwändig aufgebauten Actionszenen zu erholen. Dieses Hörspiel kann sich solche Pausen nicht leisten, sondern muss den Zuhörer fortwährend mit Szenenwechseln unterhalten. Eine Gelegenheit zu verschnaufen gibt’s hier erst am Schluss.

Wie jeder weiß (oder wissen sollte), sind Comicfiguren nicht dazu, tiefenpsychologische Entwicklung durchzumachen und Weisheiten von sich zu geben. Stattdessen steht jede Figur für ein einziges Charaktermerkmal. Der JOKER etwa muss ständig zwanghaft lachen – und er tut dies sogar während des Abspanns. Der RIDDLER stellt zwanghaft Rätsel, und der MAD HATTER zwingt jeden dazu, einen Hut zu tragen.

BANE, Batmans Nemesis, ist ein Superheld, der seine Überlegenheit einer Substanz namens Venom verdankt, also „Gift“, und von ihr Abhängigkeit ist. Bezeichnenderweise findet sich unter den wahnsinnigen Schurken aus dem Arkham Asylum keine einzige Frau. Nur Lady Shiva zählt als Verbrecherin – und die ist eh Ausländerin.

Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist die Hauptfigur selbst: Batman. Zwar weist er wie die Verbrecher eine Doppelnatur aus bürgerlicher Existenz und heldenhafter Existenzebene auf, doch er folgt im Unterschied zu seinen Gegnern strikten Regeln, wovon jene, nicht zu töten, die wichtigste ist.

Als durch das gleichzeitige Auftreten von Azrael als Batman und Batman im Rollstuhl zwei Batmans existieren, muss es sich erweisen, wer der wahre Batman, also König von Gotham, ist. Es geht also um die Herrschaft des Guten (Batman), der zugleich auch böse sein kann (Azrael). Aber: „Es kann nur einen geben“.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Der größte Reiz des Hörspiels geht selbstredend vom akustischen Hörgenuss aus. Wie schon angedeutet, wird dem Hörer dabei keine Atempause gegönnt, vielmehr muss er sich konzentrieren, dem pausenlosen Geschehen zu folgen. Eine der Hauptaufgaben besteht darin, die verschiedenen Männerstimmen den einzelnen Figuren zuzuweisen. Hinzukommt für den deutschen Hörer, dass er über exzellente Englischkenntnisse verfügen sollte. Selbst wenn das Vokabular dieses Hör-Commics nicht gerade intellektuell zu nennen ist.

|Die Sprecher|

Der netteste Aspekt ist wohl, dass die Rolle des Alfred auch vom damaligen Film-Alfred gesprochen wird. Es ist sicher für viele Original-Hörer ein erfreuliches Wiederhören mit der Stimme von Michael Gough, wenn man das englischsprachige Original und nicht Synchro bevorzugt. Goughs Alfred zeichnet sich nicht nur durch einen British Accent aus, sondern auch durch eine distinguierte Ausdrucksweise. Hinsichtlich Kultiviertheit stellte er das eine Ende des Spektrums dar, an dessen entgegensetztem Ende sich die Verbrecher befinden.

Die Verbrecher weisen auffallend häufend einen ausländischen Akzent auf, darunter einen slawischen, französischen, spanischen und natürlich chinesischen (z. B. Lady Shiva). Während der JOKER vor lauter Lachen kaum einen Satz zustande bringt, zeichnet sich der VENTRILLOQUIST, also Bauchredner, dadurch aus, dass er über gleich zwei Stimmen verfügt: Seine Eigene klingt nicht sonderlich aufregend, doch wenn er sich im Kreise seiner geschätzten Standeskollegen durchsetzen will, bemüht er die durchdringende Stimme seiner Puppe – die in einer Socke steckt. Und den Vogel schießt er mit seiner Imitation von DONALD DUCK ab – quaak!

Den Hauptfiguren gilt natürlich unser Hauptohrenmerk. Während Bob Sessions als Batman und Bruce Wayne eine warme (= gute) Version von Autorität vermittelt, drückt sein Gegner mit ebenso tiefer Stimme ein Art überdrehte Hysterie aus, die wir durchaus auf seine Drogenabhängigkeit zurückführen können.

Durch den Einsatz eines akustischen Spezialfilters können alle Figuren (theoretisch auch die weiblichen, aber das passiert nie) ihre natürliche Stimme auf ein gerade noch verständliches tiefes Niveau absenken. Dieser Erffekt wird beispielsweise massiv bei Jean-Paul Valley alias Azarael alias Batman 2.0 eingesetzt. Es wäre ja zu verwirrend (und wenig plausibel), wenn Batman 2.0 genauso klänge wie Batman 1.0. Im Gag-Reel mit den Patzern wird dieser Spezialeffekt exzessiv eingesetzt.

Wie schon erwähnt sind weibliche Figuren dünn gesät, und das zeigt sich auch an der Besetzungsliste (s. o.). Nur Lorelei King als Police Officer Montoya und Alibe Parsons als Dr Shondra Kinsolving halte die Fahne des weiblichen Geschlechts hoch. King spielt den taffen Cop und Parsons die liebevolle Ärztin – mehr braucht man nicht zu sagen. Im Gag-Reel schreit jedoch eine weibliche Kleinmädchen-Stimme fortwährend kieksend „Help!“, was man gut verstehen kann.

Zu diesen Hauptrollen kommen noch diverse Nebendarsteller, vor allem Nachrichtensprecher, die immer mal wieder mit Meldungen ins Geschehen platzen – und gleich darauf mitten im Satz zu einer anderen Szene übergeblendet werden. Bei diesem Szenenwechsel wird ein weiterer Filter eingesetzt, um zu verdeutlichen, dass die Stimme nun nicht mehr direkt kommt, sondern verzerrt durch einen Lautsprecher irgendeiner Art, etwa aus einem Fernseher.

|Die Musik|

Die sinfonische Musik, die Mark Russell im Stil von Danny Elfman („Batman“ von Tim Burton) komponiert und dirigiert hat, ist leider nur sehr schwach zu hören. Das ist m.E. ein gravierender Fehler, denn so entsteht eine Lücke in der Darstellung. Die Folge ist enttäuschend: Es kommt keine richtige Stimmung auf!

Das Beinahe-Fehlen der Musik – außer etwa bei Fanfaren wie dem Batman-Motiv – steht ganz im Gegensatz zu den erfolgreichen GRUSELKABINETT-Hörspielen, deren starke Wirkung in erster Linie auf die gute Musik zurückzuführen ist.

|Geräusche|

CRASH! BOOM! BANGBANG! So dröhnt es aus den Lautsprechern, wenn die Action losgeht – und sie geht ganz schön häufig los. Die Hintergrundszenerie ist stets die Großstadt Gotham City – immerhin 7,5 Mio. Einwohner – und ihre mehr oder weniger unsicheren Straßen. Also hören wir zahlreiche Fortbewegungsmittel, vom Auto und dem Lastwagen über den Helikopter bis hin zum Düsenjet.

Mit dieser hollywoodreifen Geräuschkulisse entführen Regisseur Dirk Maggs und seine Soundtüftler den Zuhörer nach Gotham City und lassen ihn an der Action teilhaben. Wenn Batman mit Wucht auf einem Dach landet, dann tut er dies nicht nur rein akustisch, sondern auch auf der inneren Leinwand. Und wenn Batman 2.0 alias Jean-Paul Valley seine stählernen Wurfsterne (shuriken) schleudert, dann hört man sie ganz genau mit tödlichem Zischen durch die Gegend fliegen.

Der Höhepunkt dieser Soundorgie ist eindeutig jener kataklysmische Moment, in dem BANE seinem Gegner BATMAN das Kreuz bricht – ein vernehmliches Knirschen und Knacken, das einem selbst durch Mark und Bein fährt. Dieser Moment, der auf CD 2 zu hören ist, teilt die Inszenierung exakt in zwei Teile – ein Vorher und ein Nachher.

Dies ist akustisches Breitwandkino, in dem leider nur allzu selten intime Szenen ihren Platz haben – ganz im Gegensatz zu den Batman-Filmen von Christopher Nolan. Vielmehr hat Dirk Maggs tief in die Trickkiste und den ungeheuren Sound-Fundus der alten Tante BBC gegriffen, um sein Lautsprecher-Epos so imposant wie möglich zu gestalten. Das verhindert nicht, dass es schon mal zu Überlagerungen zwischen Geräuschen und Dialogen kommen kann. Und das wesentliche Manko ist für mich die viel zu leise Musik.

|Das Booklet|

Das Beiheft liefert die Liste der wichtigsten Rollen und Sprecher sowie der Macher. Zwei Seiten allerdings werden allein mit einem Artikel über die Historie der Figur Batman und ihren Mythos bestritten.

|Das Bonusmaterial|

Das Gag-Reel ist ein Zusammenschnitt aller herausgeschnittenen Versuche, der Out-Takes, weil diese von den Sprechern verpatzt wurden. Da die Patzer in der Regel sehr komisch sind – und die Sprecher durchweg sehr gut aufgelegt waren – ist der Eindruck recht unterhaltsam. Aber nach 13,5 Minuten hat man auch davon einfach genug. „Help!“

_Unterm Strich_

Das „Batman“-Hörspiel der BBC aus dem Jahr 1994 fasst zwei Storylines zusammen: Batman wird von Bane das Kreuz gebrochen, so dass er keinen der vielen aus der Irrenanstalt befreiten Verbrecher mehr jagen kann. Diese Aufgabe muss vielmehr Jean-Paul Valley alias Azrael übernehmen, dessen Schicksal die zweite Storyline beiträgt. Leider ist es mir nur ansatzweise gelungen, diese Biografie nachzuvollziehen. Wer die Comics kennt, ist offensichtlich im Vorteil.

Wer also schon ein Fan ist, wird sich an dieser Inszenierung erfreuen können. Bekannte englische Stimmen wie Michael Gough, Bob Sessions und Kenny Shale führen die Riege der Sprecher an und liefern einen guten Wiedersehenseffekt. Sie sind hörbar Könner ihres Fachs und können dem ständigen Bombardement durch Sounds und Spezialeffekte standhalten.

|Das Hörbuch|

Dies ist akustisches Breitwandkino, in dem leider nur allzu selten intime Szenen ihren Platz haben – ganz im Gegensatz zu den Batman-Filmen von Christopher Nolan. Vielmehr hat Dirk Maggs tief in die Trickkiste und den ungeheuren Sound-Fundus der alten Tante BBC gegriffen, um sein Lautsprecher-Epos so imposant wie möglich zu gestalten. Das verhindert nicht, dass es schon mal zu Überlagerungen zwischen Geräuschen und Dialogen kommen kann. Und das wesentliche Manko ist für mich die viel zu leise Musik.

|Mein Tipp|

Das Hörspiel mindestens zwei- oder noch besser dreimal anhören, und zwar unbedingt nach entsprechender Vorinformation, etwa auf der Wikipedia-Seite über das Thema „Knightfall“. Wer uninformiert loslegt, wird spätestens nach einer halben Stunde nur noch „Bahnhof“ verstehen. Selbst mit den nötigen guten Englischkenntnissen.

|3 Audio-CDs in englischer Sprache
Spieldauer: 191 Minuten
Originaltitel: Knightfall (1994)
ISBN 978-3-86717-224-0|
[www.hoerverlag.de]http://www.hoerverlag.de

Parker, Robert B. – Rough Weather (Spenser 36)

_Die Spinne im Netz: Spenser unter Superreichen_

Spenser wird der superreichen Heidi Bradshaw engagiert, auf der Hochzeit ihrer Tochter Adelaide für mehr Sicherheit zu sorgen. Das kommt dem Bostoner Privatdetektiv spanisch vor, denn Heidis Privatinsel verfügt ja schon über einen privaten Sicherheitsdienst. Doch wie sich herausstellt, ist Spensers Anwesenheit vor dem Traualtar notwendiger denn je …

Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.

_Der Autor_

Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren “ er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 60 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wurde vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten Chandler-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

_Handlung_

Die superreiche Gesellschaftsdame Heidi Bradshaw, rund 40, engagiert Spenser, um auf der Hochzeitsfeier ihrer Tochter Adelaide für mehr Sicherheit zu sorgen – sie „hätte gerne einen starken Mann an ihrer Seite“. Angesichts des fetten Schecks, den sie vorab ausstellt, sagt Spenser nicht nein, wundert sich aber doch: Heidis Privatinsel Tashtego Island verfügt selbst über einen gut bestückten Sicherheitsdienst. Wovor also hat sie Angst?

Um gegen die eventuellen Verführungsversuche der mal wieder geschiedenen Heidi gefeit zu sein, nimmt Spenser seine Lebensgefährtin Dr. Susan Silverman mit auf die Insel. Susan staunt nicht schlecht über die noble Hütte, in der man sie unterbringt. Im Wohnzimmer könnte man locker eine Partie Golf spielen. Und jedes Schlafzimmer verfügt selbstredend über sein eigenes Bad.

Lediglich die Qualität der Gäste lässt zu wünschen übrig. Pikiert bemerken Spenser und Susan, dass Heidi auf höchst subtile Weise sticheln und herabsetzen kann. Dann jedoch wird ihre Aufmerksamkeit von einem Gast der Extraklasse abgelenkt: der Graue Mann ist angekommen, wie stets ganz in Grau gekleidet. Spenser erkennt den Auftragsmörder Rugar sofort wieder, der ihm vor zehn Jahren (1997 in „Small Vices“) fast den Garaus gemacht hätte. Spenser glaubt nicht so recht, dass das gleichzeitige Auftauchen von Rugar und seiner selbst ein Zufall ist. Ein Sturm zieht auf. Ein echter.

Die Trauungszeremonie findet in der zur Kapelle umdekorierten Bibliothek statt. Spenser und Susan sitzen auf den von Heidi angewiesen Plätzen. Kaum hat der Reverend die Zeremonie begonnen, stürmen sechs maskierte Bewaffnete herein und halten die Gäste in Schach. Rugar schießt den Reverend in den Kopf und als auch der Bräutigam protestiert, hat auch dessen letztes Stündlein geschlagen. Die Braut sinkt ohnmächtig zu Boden.

Es ist bemerkenswert, dass der Graue Mann sofort weiß, wo Spenser sitzt. Er soll die Braut hinaus zum Helikopter tragen. Obwohl der Privatdetektiv wie stets bewaffnet ist, kann er doch nichts gegen sieben Bewaffnete ausrichten. Schon gar nichts, wenn Susan als Geisel bedroht wird. Er drückt ihr die Hand und folgt den Anweisungen. (Wo sind nur die Wachen geblieben?) Er setzt die Braut in den geöffneten Helikopter. Doch der Pilot weigert sich, bei diesem Sturm zu fliegen: Der Wind würde das Fluggerät zu Boden werfen und zerstören.

Da im Haus der Strom ausgefallen ist, ist es stockfinster, als Spenser von einem der Bewaffneten zum Haus geleitet werden soll, zu den anderen Geiseln. Doch Spenser überlistet den Ortsunkundigen. Nach einem heftigen Fight landet sein Gegner am Fuße der Klippen. Nun muss es Spenser nur noch gelingen, Susan davor zu bewahren, in die Hand des Grauen Mannes zu fallen, sonst hätte Spenser verspielt.

Vorsichtig nähert sich der Privatdetektiv wieder dem Haupthaus …

_Mein Eindruck_

Ein hammerharter Actionauftakt für diesen Roman! Doch nachdem die ganze Sache überstanden ist, tauchen die ersten Fragen auf. Ein derart aufwendiges Kidnapping ist überhaupt nicht Rugars Stil. Der Graue Mann hält sich viel lieber im Hintergrund und arbeitet alleine. Zweitens hätte es ja gar nicht all des Brimboriums bedurft, um Adelaide zu entführen. Das hätte Rugar ja auch erledigen können, wenn sie gerade vom Shopping kam. Also, was sollte der Scheiß?

Das fragen sich nicht nur Spenser und Susan, sondern Captain Healy von der Staatspolizei und Agent Epstein vom FBI. Und da sie Besseres zu tun haben, als dumme Fragen zu stellen, macht sich Spenser an die Arbeit, um dieses Rätsel aufzuklären. Er hat das Gefühl, dass er diese Scharte auswetzen muss. Hilflos musste er mit ansehen, wie die junge Frau entführt wurde. Ob sie wohl noch am Leben ist?

Seltsamerweise wendet sich Heidi Bradshaw mit keiner Silbe an ihn. Sie fragt nicht nach seinem und Susans Wohlergehen, obwohl sie ihn doch eingeladen hatte. Wozu eigentlich genau, fragt er sich. Hat sie womöglich mit der Organisation der Entführung und den Morden selbst zu tun? Das gilt es herauszufinden. Spenser setzt er sich zusammen mit seinem Kumpel Hawk auf Heidis Fährte und stößt auf einige höchst unerfreuliche Fakten.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Spur zurück zum Auftraggeber führt. Und nicht das erste Mal, dass der Auftraggeber selbst der schlimmste Finger in diesem ganzen Schlamassel ist. Aber Heidi Bradshaw denkt wohl, sie könne einen kleinen Privatdetektiv, den ihr ein Anwalt empfohlen hat, mit Sex um den Finger wickeln, mit ihrem Geld beeindrucken und mit ihrem Sicherheitsdienst – immerhin sechs Bewaffnete! – einschüchtern. Da gerät sie aber bei Spenser an den Falschen. Er zerlegt ihren neuen Leibwächter zu Kleinholz.

Zusammen mit Hawk unterläuft er einen weiteren Anschlagsversuch. Vier Volltrottel, die nicht mal die englische Sprache beherrschen, wollen sie erledigen? Lachhaft! Wenig später liegt der Drahtzieher des Anschlags tot auf der Hauptstraße – kein schöner Anblick für die braven Bostoner Bürger. Aber wer steckt hinter diesem Amateur?

Auf der Suche nach Adelaide Van Meer, Heidi Bradshaws Tochter aus ihrer zweiten Ehe – sie ist inzwischen dabei, Ehemann Nummer drei um sein Geld zu bringen – stößt Spenser auch auf den unglückseligen Bräutigam Maurice: Der junge Mann war schwul, während Adelaide lesbisch ist. Na, da haben sich ja zwei Turteltäubchen gefunden, denkt Spenser.

Doch etwas scheint mit der zwanzigjährigen Frau ernsthaft nicht zu stimmen. Ihre Schwester erzählt, sie habe versucht, sich auf dem College mit 20 Schlaftabletten umzubringen. Warum sollte sie so etwas tun? Und welcher Arzt betreut eigentlich diese merkwürdige Familie? Die Antworten sind höchst beunruhigend. Der Arzt ist ein Quacksalber und Adelaide wurde seit Jahren sexuell missbraucht. Rugar ist bestimmt nicht dafür verantwortlich, so gut kennt er den Auftragsmörder jedenfalls. Doch wer dann?

Je mehr Spenser findet, desto gruseliger wird dieser Fall. Und das erinnerte mich an den „Jesse Stone“-Krimi „Sea Change“ (2006; siehe meinen Bericht), in dem es ebenfalls um einen wahrhaft grauenerregenden Fall von Kindesmissbrauch geht. Mehr sei nicht verraten.

_Unterm Strich_

Nach dem actionreichen Auftakt von rund 60 Seiten erfährt der Fall eine unerwartete und erfreuliche Wendung nach der anderen. Die Fülle von Erkenntnissen, unterbrochen von diversen Konfrontationen, wirkt wie ein Sog auf das Bewusstsein des Lesers. Doch wenn man meint, man hätte jetzt endlich alle Antworten, bekommt die Story eine erneute, finstere Wendung. Erst das finale Gespräch Spensers mit Rugar und Adelaide beantwortet alle Fragen. Doch was fängt man nun mit dem Kidnapper und Mehrfachmörder an?

Wieder einmal gewährt Parker einen Blick in den Abgrund, den der amerikanische Traum ermöglicht. Heidi Bradshaws Selbsterfindung beruht auf Sex, Lügen und Erpressung. Nachdem sie einen anderen Namen angenommen hat, gewährt sie Sex und nimmt dann die hörigen Ehemänner systematisch aus. Doch ihr Hunger bleibt ungestillt: Sie hat es auch auf die Familie ihres Schwiegersohns abgesehen. Wenn Spenser sie damit konfrontiert, streitet sie alles ab. Denn Leugnen ist die einfachste Möglichkeit, ihr eigenes Verhalten zu entschuldigen.

Die Struktur der Story gleicht der des Vorgängerbandes „Now & Then“, doch die Aussage ist eine andere. Statt der Sozialkritik an dem Terrorismusunterstützer Perry Alderson lesen wir nun die Kritik an einer ganzen Oberschicht: den Gesellschaftsdamen, die sich wie Vampire von der Lebenskraft ihrer Ehemänner ernähren – und dabei auch zerstörte Kinderleben zurücklassen. Auch dies lässt der American Dream zu, doch der Preis für seine Verwirklichung wird in Leben entrichtet.

„Rough Weather“ trägt seinen Titel zu Recht, denn der Leser wird nicht nur vom ersten Abschnitt gebeutelt, sondern auch von den Erkenntnissen, die danach folgen. Inhaltlich und stilistisch ist der Roman seinem Vorgänger „Now & Then“ überlegen, und deshalb vergebe ich gerne vier von fünf Punkten. Für die volle Punktzahl hätte ich jedoch mehr Action erwartet. Wer jedoch stattdessen mit viel Humor und einer Portion Erotik zufrieden ist, wird voll auf seine Kosten kommen.

|Taschenbuch: 301 Seiten plus Leseprobe zu „The Professional“
ISBN-13: 978-0425230176|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/berkley.html

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066
[„Gunman’s Rapsody“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6836
[„Wilderness“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6956

„Cole & Hitch“:

1) „Appaloosa“ (2005)
2) „Resolution“ (2008)
3) „Brimstone“ (2009)
4) „Blue-Eyed Devil“ (2010)

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) [„Night and Day“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6873
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) [„Family Honor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6831
2) [„Perish Twice“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6832
3) [„Shrink Rap“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6833
4) [„Melancholy Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6834
5) [„Blue Screen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6835
6) [„Spare Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6852

Die „Spenser“-Reihe:

01 [„The Godwulf Manuscript“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6921
02 [„God Save The Child“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6951
03 [„Mortal Stakes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6922
04 [„Promised Land“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6923
05 [„The Judas Goat“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6953
06 [„Looking for Rachel Wallace“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6954
07 „Early Autumn“
08 „A Savage Place“
09 [„Ceremony“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6952
10 „The Widening Gyre“
11 „Valediction“
12 [„A Catskill Eagle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7066
13 [„Taming a Sea-Horse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6839
14 „Pale Kings and Princes“
15 „Crismon Joy“
16 [„Playmates“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6867
17 [„Stardust“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6819
18 „Pastime“
19 „Double Deuce“
20 [„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818
21 [„Walking Shadow“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6820
22 [„Thin Air“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6872
24 [„Small Vices“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6829
25 „Sudden Mischief“
26 „Hush Money“
27 „Hugger Mugger“
28 [„Potshot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6821
29 [„Widow’s Walk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6826
30 [„Back Story“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6842
31 [„Bad Business“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6840
32 [„Cold Service“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6844
34 [„Hundred Dollar Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6838
35 [„Now and Then“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7117
36 [„Rough Weather“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7118
37 [„Chasing the Bear“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6837
38 [„The Professional“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6866
39 [„Painted Ladies“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6843
40 „Sixkill“

Montgomery, L. M. / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne in Four Winds – Ein neuer Anfang (Folge 20) (Hörspel)

_Taschentuchalarm: Erlösung und Abschied_

Eine neuartige Operationsmethode könnte Dick Moore helfen, sein Gedächtnis zurückzuerlangen. Anne ist außer sich vor Zorn, als Gilbert ihr davon erzählt. Die Ehe der beiden wird auf eine harte Probe gestellt und auch die Freundschaft mit ihren Nachbarn ist bedroht. Wird Leslie Moore einwilligen, ihren Mann operieren zu lassen?

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die 1. Staffel: |Anne auf Green Gables|

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: |Anne auf Avonlea|

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: |Anne in Kingsport| (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: |Anne in Windy Poplars| (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin 6084
Folge 14: [Ein harter Brocken 6085
Folge 15: [Das zweite Jahr in Summerside 6110
Folge 16: Abschied von Summerside 6111

Die 5. Staffel: |Anne in Four Winds| (Frühjahr 2010)

Folge 17: [Ein neues Zuhause 7113
Folge 18: [In guten wie in schlechten Zeiten 7114
Folge 19: [Verwirrung der Gefühle 7115
Folge 20: [Ein neuer Anfang 7116

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Dr. Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett)
Diana Wright: Uschi Hugo (Neve Campbell)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Kathy Bates, Whoopi Goldberg)
Dora Keith: Maria Hinze
Jane Inglis: Cathlen Gawlich:
Paul Irving: David Turba
Dr. David Blythe: Engelbert von Nordhausen (Samuel L. Jackson)
Captain Jim Boyd: Hasso Zorn
Cornelia Bryant: Ulrike Möckel
Fraulein vom Amt: Evelyn Maron
Und viele andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Am Jahresanfang verspürt Anne Freude auf ihr zweites Kind, das wohl im Spätherbst zur Welt kommen wird. Aber ihre erste Sorge gilt immer noch Leslie Moore, die sich im letzten Herbst fast umgebracht hätte, weil ihr die unerfüllte Liebe zu Owen Ford so viel Kummer bereitete. Doch Leslie ist an den halbdebilen Dick Moore gebunden. Scheidungen gibt es hier in Four Winds nicht.

Da schlägt Gilbert eine neuartige Operation an Dick Moores Kopf vor. Diese könnte seine Heilung bedeuten. Anne denkt jedoch zuerst an Leslie und was dies für ihre Freundin bedeuten könnte, Gilbert hingegen beruft sich auf seine Pflicht als Arzt. Schließlich hat er den hippokratischen Eid geleistet, oder? Ein handfester Streit im Hause Blythe ist die Folge. Doch Kapitän Jim findet, man sollte in dieser Sache erst einmal Leslie Moore informieren. Da hat er Recht.

Diese kommt drei Tage später mit ihrer Einwilligung und gibt Gilbert Geld für die Operation, das sie sich von Jim geliehen hat. Doch auch Cornelia Bryant ist gegen die Operation. Diesmal ist es an Anne, Dick Moore und Gilbert zu verteidigen. Anfang Mai kommt die Nachricht, die Moores seien in Montreal im Krankenhaus und die Aussichten auf Heilung stünden nach der Operation gut.

Ende des Monats trifft bei Anne eine erstaunliche Nachricht von Leslie ein: Dick Moore sei vor 14 Jahren in Havanna gestorben! Der für Dick gehaltene Mann ist in Wahrheit sein Cousin George – und somit ist Leslie endlich frei! Die Frauen sind baff. Doch sie sehen sofort die ungeheuren Chancen, die sich Leslie nun eröffnen. Sofort schreibt Anne an Owen Ford, er möge kommen.

Und Annes Baby? Der kräftige Junge soll nach Kapitän Jim Boyd James Matthew heißen. Doch noch ist das Jahr nicht zu Ende …

_Mein Eindruck_

Spätestens jetzt wird das herrschende Prinzip in der Gestaltung der Handlung deutlich: Es lautet „Gleichgewicht durch Ausgleich der Gegensätze“. Annes Ehe war bislang von der Trauer um ihr erstes Baby überschattet, doch Mutter Natur kann sie inzwischen mit der Hoffnung auf ein zweites Kind getröstet.

Gleichermaßen verhält es sich mit Leslie: Die lebendig Begrabene, die in Owen Ford bereits einen Lichtstrahl erblickt und wieder verloren hatte, erhält nun durch die Nachricht, ihr „Mann“ sei gar nicht Dick Moore, sondern dessen Cousin George eine ungeheure Erlösung. Der Medizin sei’s getrommelt und gepfiffen!

Stante pede darf die Liebe wieder zu ihrem Recht kommen (wobei dieses Recht, wie schon angemerkt, ohne Scheidungsrecht auskommen muss), und Anne ruft Owen Ford herbei. Ist er noch frei? Es sieht ganz danach aus. Und so könne sich nicht nur Liebes-, sondern auch gleich noch Eheglück einstellen. Ein geglücktes „Projekt“ fürwahr!

Kann soviel Glück auf einem Haufen von Bestand sein? Selbstverständlich nicht, denn das verstieße ja gegen das montgomerysche Gesetz vom Ausgleich. Deshalb gilt es am Ende dieses ereignisreichen Jahres, dem Gott der Zeit das ihm zustehende Opfer darzubringen. Und so nehmen wir denn abschied von Kapitän Jim. Haltet die Taschentücher bereit und betet für sein Wiedersehen mit der geliebten Margaret! Ein Schuft, wer dabei grinst …

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat. Die beiden älteren Sprecherinnen sprechen die Rollen der beifälligen bzw. kritischen Mentorin ausgezeichnet.

Captain Jim Boyd wird von Hasso Zorn gesprochen. Dessen Stimme passt derart perfekt zu dieser wichtigen Figur der Geschichte, als wäre Käptn Jim extra für ihn erfunden worden. Ulrike Möckel muss hingegen mit der renitenten Cornelia Bryant einen völlig anderen Charakter darstellen. Es fällt uns nicht leicht, die misandriene Nachbarin zu mögen, obwohl sie doch zu Annes besten Freundinnen zählt.

Melanie Pukaß spricht die zentral werdende Rolle der Leslie Moore. In ihrer mittelhohen Stimme schwingt erwartungsgemäß eine tiefe Melancholie mit, die mitunter in eine bittere Schärfe kippen kann, wenn sie das Schicksal für ungerecht hält. In Folge 4 jedoch ändert sich dies und ihre Stimme nimmt endlich ein paar fröhlich-heitere Klangfarben an.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1885, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist kein einziges Auto zu hören, sondern nur eine Kutschen.

Von der Natur aus betrachtet haben wir es in dieser Folge mit zwei grundverschiedenen Landschaften zu tun: Da ist zum einen das idyllische Avonlea, wo die Vöglein sich hörbar die gute Luft reinpfeifen und ein sanftes Lüftchen weht – wenn nicht gerade eine Krähe spottet.

An der Küste jedoch sind die Sitten rauer: Der Wind weht ständig, ihm eifern die Wellen an der Küste nach, und die Möwen haben ständig was zu meckern. Heißen ja auch alle Emma, wie der Dichter sagt. Nur gut, dass in Jims Kamin stets ein wärmendes Feuerchen prasselt.

Die Figuren äußern selbstverständlich jede Menge Arten von Gefühlsäußerungen, angefangen vom Schluchzen übers Lachen, Rufen und Keuchen. Auf diese Weise erwachen die Dialoge zu intensivem, emotionalem Leben – also genau das, was die ANNE-Hörspiele ausmacht.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer.

Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchsstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

|Unterm Strich|

Taschentücher raus und die Tränensäcke festgehalten! So lautet das Kommando für diese letzte, allerletzte Folge der Anne-Hörspiele. Das Herz hüpft Anne und Leslie, als sie die Nachricht von der Erlösung der jungen Nachbarin vernehmen, und im Herbst kommen Baby und Liebe in die richtigen Bahnen. Sogar die Politik jubelt: Die Liberalen gewinnen. Owen Ford und Leslie Moore werden zu Weihnachten quasi Maria und Joseph, und sogar Cornelia Bryant heiratet – ist es zu fassen!

Zwecks Ausgleich müssen die Freunde von Kapitän Abschied nehmen, der mit der ersten Ausgabe des Romans seines Lebens friedlich entschlafen ist. Offenbar hat er seine Lebensaufgabe erfüllt. Anne und Gilbert ziehen, ebenso die beiden Fords. Das Leben geht weiter und fordert sein Recht. Annes Abschied vom Leuchtturm, der sich als ihre Kirche herausstellte, ist sentimental, doch kurz. Auf zu neuen Ufern.

|Das Hörbuch|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den „Spider-Man“-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

In dieser letzten Staffel kommen drei bemerkenswerte Figuren hinzu: der ausgezeichnet gesprochene Kapitän Jim Boyd, die Männerfeindin Cornelia Bryant und schließlich die schöne Quasi-Witwe Leslie Moore, die zu Annes und Gilberts neuem „Projekt“ geworden ist.

|1 Audio-CD mit 54 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 9783785742747|
[www.titania-medien.de]http://www.titania-medien.de
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de

Montgomery, L. M. / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne in Four Winds – Verwirrung der Gefühle (Folge 19) (Hörspiel)

_Wechselfälle des Lebens: Freud und Leid_

Annes Freundschaft mit ihrer schönen Nachbarin Leslie Moore ist und bleibt schwierig. Erst ein schwerer Schicksalsschlag bringt die beiden einander endlich näher. Für zusätzliche Aufregung sorgt ein Sommergast: der Schriftsteller Owen Ford. Alle Bewohner des Traumhauses sind begeistert von dem netten jungen Mann, aber nicht nur sie …

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die 1. Staffel: |Anne auf Green Gables|

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: |Anne auf Avonlea|

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: |Anne in Kingsport| (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: |Anne in Windy Poplars| (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin 6084
Folge 14: [Ein harter Brocken 6085
Folge 15: [Das zweite Jahr in Summerside 6110
Folge 16: Abschied von Summerside 6111

Die 5. Staffel: |Anne in Four Winds| (Frühjahr 2010)

Folge 17: [Ein neues Zuhause 7113
Folge 18: [In guten wie in schlechten Zeiten 7114
Folge 19: [Verwirrung der Gefühle 7115
Folge 20: [Ein neuer Anfang 7116

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Dr. Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett)
Diana Wright: Uschi Hugo (Neve Campbell)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Kathy Bates, Whoopi Goldberg)
Dora Keith: Maria Hinze
Jane Inglis: Cathlen Gawlich:
Paul Irving: David Turba
Dr. David Blythe: Engelbert von Nordhausen (Samuel L. Jackson)
Captain Jim Boyd: Hasso Zorn
Cornelia Bryant: Ulrike Möckel
Und viele andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Endlich ist es März, und das Eis im Hafen von Four Winds beginnt zu schmelzen. Im April nimmt Kapitän Jim Boyd seinen Leuchtturm wieder in Betrieb. Anne Blythe hat einen runden Bauch und arbeitet dennoch fleißig im Garten. Cornelia Bryant, ihre Nachbarin, behauptet, Billy Booth sei vom Teufel besessen, habe er doch das neue Kleid seiner Frau verbrannt. Also alles wie gehabt.

Jede Menge Geschenke für das Baby treffen ein, und im Juni kommt schließlich Marilla Cuthbert selbst, um Anne bei der Geburt beizustehen. Zusammen mit der Hebamme Susan Baker und Dr. Gilbert Blythe bringen sie das Kind zur Welt. Doch leider ist das kleine Mädchen sehr schwach, sagt Gilbert, der Mediziner, und noch am selben Abend stirbt die kleine Joy. Die Trauer im Hause Blythe scheint keine Grenzen zu kennen. Trotz der Trauer beneidet Leslie Moore, die schöne Nachbarin, Anne um ihre Mutterschaft, denn ihr selbst war dies bisher nicht vergönnt.

Nach einer Zeit der Versöhnung mit diesem Schicksalsschlag durch Gespräche mit Kapitän Jim und Leslie Moore erfährt Anne, dass Leslie einen Gast aufnehmen werde: Owen Ford sei der Enkel der Erbauer von Annes Häuschen und selbst Schriftsteller. Wie interessant! Während Anne von dem dunkeläugigen jungen Mann fasziniert ist, findet dieser jedoch seinerseits Leslie Moore wunderschön. Als Kapitän Jim wieder mal eine seiner Geschichten erzählt und er Ford seine Notizen zeigt, meint dieser, daraus könne man einen Roman machen. Und er könne ihn gleich hier schreiben. Gesagt, getan.

Als Ford im September endlich mit dem Buch fertig ist und Anne das Manuskript lesen darf, merkt sie gleich zufrieden, dass Ford sich eine gewisse dichterische Freiheit herausgenommen hat: Er hat Leslie Moore anstelle von Kapitän Jims tragischer Liebe Margaret gesetzt. Dadurch erhält das Buch aber eine gewisse Erhabenheit, die den Leser rührt.

Bei Fords Abschied vertraut er Anne an, dass er Leslie über alles liebe, doch sie sei ja nicht frei, und da wolle er ihr nicht noch mehr Leid durch ein unerfüllbares Liebesgeständnis zufügen. Anne bittet ihn, nichts zu sagen. Am nächsten Morgen ist das Haus der Moores leer, und Anne fürchtet das Schlimmste. Womöglich hat sich Leslie ihrerseits in Ford verliebt und will nun ihrem unglücklichen Leben ein Ende setzen…

_Mein Eindruck_

Freud und Leid liegen auch in Four Winds nahe beieinander. Die Freude auf das erste Kind schlägt bei Anne binnen kürzester zeit in Trauer um das kleine gestorbene Menschenwesen um. Es dauert lange, bis sie sich von diesem Schlag erholt hat, und erstaunlicherweise lässt sich in dieser schweren Zeit kein einziger Kirchenmann bei ihr blicken. Dieser wird vollauf von Kapitän Jim und Gilbert Blythe ersetzt.

Als hätten die himmlischen Mächte ein einsehen gehabt, schicken sie den Schriftsteller Owen Ford, mit dem Anne endlich mal wieder ein „Projekt“ auf die Beine stellen kann: einen Roman! Und nicht irgendeine Geschichte, sondern quasi die Lebensgeschichte des besten Freundes der Blythes – Kapitän Jims.

Es kann nicht ausbleiben, dass der junge Mann die beiden Damen Anne und Leslie in die titelgebende „Verwirrung der Gefühle“ stürzt. Das wäre recht amüsant, zumal ja auch Anne ihrem Gilbert untreu (in Gedanken!) werden könnte. Doch die Dramaturgie lässt diese humorvolle Möglichkeit ungenutzt verstreichen. Offensichtlich sind die Gefühle eine viel zu ernste Sache, als dass man sie frivol aufs Spiel setzen könnte. Das war wohl auch der Standpunkt der Autorin.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat. Die beiden älteren Sprecherinnen sprechen die Rollen der beifälligen bzw. kritischen Mentorin ausgezeichnet.

Captain Jim Boyd wird von Hasso Zorn gesprochen. Dessen Stimme passt derart perfekt zu dieser wichtigen Figur der Geschichte, als wäre Käptn Jim extra für ihn erfunden worden. Ulrike Möckel muss hingegen mit der renitenten Cornelia Bryant einen völlig anderen Charakter darstellen. Es fällt uns nicht leicht, die misandrine Nachbarin zu mögen, obwohl sie doch zu Annes besten Freundinnen zählt.

Melanie Pukaß spricht die zentral werdende Rolle der Leslie Moore. In ihrer mittelhohen Stimme schwingt erwartungsgemäß eine tiefe Melancholie mit, die mitunter in eine bittere Schärfe kippen kann, wenn sie das Schicksal für ungerecht hält. In Folge 4 jedoch ändert sich dies und ihre Stimme nimmt endlich ein paar fröhlich-heitere Klangfarben an.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1885, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist kein einziges Auto zu hören, sondern nur eine Kutschen.

Von der Natur aus betrachtet haben wir es in dieser Folge mit zwei grundverschiedenen Landschaften zu tun: Da ist zum einen das idyllische Avonlea, wo die Vöglein sich hörbar die gute Luft reinpfeifen und ein sanftes Lüftchen weht – wenn nicht gerade eine Krähe spottet.

An der Küste jedoch sind die Sitten rauer: Der Wind weht ständig, ihm eifern die Wellen an der Küste nach, und die Möwen haben ständig was zu meckern. Heißen ja auch alle Emma, wie der Dichter sagt. Nur gut, dass in Jims Kamin stets ein wärmendes Feuerchen prasselt.

Die Figuren äußern selbstverständlich jede Menge Arten von Gefühlsäußerungen, angefangen vom Schluchzen übers Lachen, Rufen und Keuchen. Auf diese Weise erwachen die Dialoge zu intensivem, emotionalem Leben – also genau das, was die ANNE-Hörspiele ausmacht.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer.

Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchsstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

|Unterm Strich|

Die Wechselfälle des Lebens lösen diesmal die Problematik Leslie Moores ab. Anne bekommt und ihr erstes Kind, was sie als harte Prüfung empfindet. Doch sie kommt darüber hinweg, nicht zuletzt durch den Zuspruch Kapitän Jims und Leslies. Als der Schriftsteller Owen Ford als Gast in Leslies Haus logiert, deutet sich die Möglichkeit einer Erlösung der leidgeprüften Nachbarin an.

Doch statt einfach der Liebe größere Priorität einzuräumen und miteinander Ehebruch zu begehen, halten sich Owen und Leslie an die Vorschriften von Moral und Anstand – und trennen sich. Wer weiß – vielleicht hätte man sie ja geteert und gefedert. Owen hätte jedenfalls seine beginnende Schriftstellerkarriere vergessen können, wenn der Ehebruch ruchbar geworden wäre. Das Festhalten an Moral und Anstand soll sich schon in der nächsten Folge als Vorteil herausstellen …

|Das Hörbuch|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den „Spider-Man“-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

In dieser letzten Staffel kommen drei bemerkenswerte Figuren hinzu: der ausgezeichnet gesprochene Kapitän Jim Boyd, die Männerfeindin Cornelia Bryant und schließlich die schöne Quasi-Witwe Leslie Moore, die zu Annes und Gilberts neuem „Projekt“ geworden ist.

|1 Audio-CD mit 61 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 9783785742730|
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