
Dieser Band versammelt sieben Fernseh- und Radio-Hörspiele, darunter auch ein Drehbuch. Besonders die Fernsehspiele mit Professor Tarantoga sind mir noch gut im Gedächtnis, denn sie wurden vor Jahren auch bei uns gezeigt. „Gibt es Sie, Mr. Johns?“ wurde bereits im Erzählband „Nacht und Schimmel“ abgedruckt.
Der Autor
Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanisław Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt. (Amazon.de)
Wichtige weitere Bücher Lems:
Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Der futurologische Kongress, 1971 (gehört zum Ijon-Tichy-Zyklus)
Die Texte
1) Mondnacht (Rundfunk-Hörspiel, 1975, Ursendung 1976)
Blopp und Mills sind Geologen, die auf dem Mond Gestein sammeln. Doch nun beginnt die 147 Stunden währende Mondnacht, also die Zeit der Funkstille. Nach den letzten Welt-Nachrichten und persönlichen Bitten, die sie mit Houston austauschen, erstirbt die Trägerwelle und Stille kehrt ein. Zumindest theoretisch. Denn Blopp will jetzt unbedingt in der Dusche entspannen. Schon bald hört man ihn im Hintergrund singen.
Da meldet sich Monder bei Mills, denn Monder ist der Bordcomputer. Der Sauerstoffvorrat gehe zur Neige, sagt er und pumpt gehorsam O2 aus dem Haupt- in den Reservetank. Aber wo das Leck liegt, will er partout nicht sagen. Der Grund wird erst ganz am Schluss klar.
Mills will mit Blopp, den er aus der Dusche holt, einen Plan austüfteln, wie sie die Lage retten können. Denn der Computer ist ja keine Hilfe. Da entdecken sie, dass es einen Rekorder gibt, der vor Zugriff geschützt ist. Heißt das, dass jedes ihrer Worte für Houstons Zwecke aufgezeichnet wird? Da wäre ja Überwachung. Das behagt Blopp gar nicht, doch dann beginnt Mills rätselhafte Sätze von sich zu geben: Blopp habe ein Glas zerbrochen, habe ein Taschenmesser in der Hosentasche und wolle ihn umbringen. Blopp erklärt ihn für paranoid. Selbst noch dann, als sie eine Münze – Adler oder Zahl – werfen wollen, scheitert ihre Regel. Am Ende siegt die Gewalt.
Im Abspann hört man den Computer (den keiner eingeschaltet hat) eine weitere Hilfsinstruktion herunterleiern. Er beschreibt, wie sie mithilfe der Elektrolyse aus Wasser Sauerstoff und Wasserstoff gewinnen können, um weiterhin viele Stunden Atemluft zu erhalten. Genug jedenfalls, bis in 190 Stunden die Rakete mit ihrer Ablösung kommt.
Mein Eindruck
Der Autor hat erst die Nazis ertragen, dann die Kommunisten. Beide Regime sind autoritär und basieren auf Gehorsam, Unterdrückung, Verfolgungswahn und Denunziation. In diesem Szenario bilden Mills und Blopp die Untertanen, Houston das Regime der Unterdrücker. Es „hört“ quasi mit, denn sein Rekorder ist laut Mills unzerstörbar. Mills inszeniert sich selbst als Opfer von Blopps angeblichen Unterdrückeraktivitäten, er schiebt Blopp aggressive Absichten unter. Der Weg zur Gewalt erscheint umso absurder und unnötiger, als es ja einen technischer Ausweg aus der Zwangslage der Atemnot gibt: Elektrolyse. Hätten sie nur auf den Computer gehört.
Wie auf der Erde in Polen, so auch im Himmel, auf Luna. Die Mondnacht meint nicht nur das Fehlen des Funkkontakts, sondern auch die geistige Umnachtung der beiden Akteure. Der Autor scheint die Hörer dieses Stücks (es wurde anscheinend im Juni 1975 gesendet) mit seiner Parabel aufzufordern, der irdischen Zerfleischung unter dem kommunistischen Regime eine Ende zu bereiten, sich zusammenzutun und das Regime abzuschaffen. Das gelang immerhin schon 1980 mit der Solidarnosc-Bewegung.
2) Die Forschungsreise des Prof. Tarantoga (Fernsehspiel als „Die seltsamen Begegnungen des Prof. Tarantoga“ Ursendung anno 1978)
Prof. Tarantoga ist ein begnadeter Wissenschaftler, aber auch er braucht einen Helfer. Er engagiert den jungen Magister Janusz Chybek und weist ihn ein. Der Prof hat nämlich einen genialen Peregrinator erfunden und gebaut, der es ihm erlaubt, zu den Sternen zu reisen, ohne sich aus seinem Labor zu bewegen. Chybek ist in der Tat so verblüfft, dass ihm der Prof die Prinzipien der Funktionsweise des Peregrinators erklären muss. Nicht, dass noch ein Unglück passiert.
Die Frau vom Orion
Die erste Station liegt im Sternbild Orion, doch das Lebewesen, das ihren Weg kreuzt, hat große Ähnlichkeit mit einer älteren Bauersfrau aus ihrem eigenen Land. Sie will ihnen Pischemozel-Eier verkaufen, die von der Größe einer Melone sind. Als sie jedoch die verlangte Währung der Murpel nicht vorweisen können, geht ein Hagel an Beschimpfungen auf sie nieder. Bald ist die Landfrau aus dem Orion verschwunden.
Die Welt der Glückseligen
Die zweite Station liegt im Sternbild des Schützen, also Sagittarius. Hier leben die Kalenusianer, bei denen die vertraute Bürokratie blüht und gedeiht. Drei Kalenusianer bilden ein Komitee und kommen zu dem betrüblichen Schluss, dass ihre Landsleute viel zu glücklich und zufrieden sind. Ausbrüche von Opferbereitschaft und Heldentum tendieren gegen Null! Höchste Zeit also, die zuständigen Stellen zu Ängste und Katastrophenbau zu engagieren. Doch der Vulkanausbruch ist noch im Probebetrieb, und die Ingenieure für Ängste und Phobien hinken mit der Produktion von Kopfpressen hinterher. Als der Prof auf die Szene tritt, wird er sogleich bedroht, denn das Komitee hat offenbar Angst vor ihm. Als es mit dem Einsatz einer Kopfpresse droht, tritt er wohlweislich den Rückzug an.
Der melancholische Roboter
An der nächsten Station im Sternbild des großen Bären wartet ein bedrückendes Bild: eine Ruinenlandschaft. Meben einem Metallgefäß sitzt ein großer Roboter mit Quadratschädel. Er behauptet von sich, das Strategische Elektronenhirn Erster Klasse für Totale Kombinierte Operationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft zu sein. Eigentlich wollte er ja, wie jetzt, seine Existenz friedfertig zu Ende bringen, doch sein Gegenstück jenseits des Ozeans gehorchte ja lieber der Pflicht und zack, brach der Krieg aus.
Jetzt, nach der allgemeinen Zerstörung, sei nur noch er übrig. Er beginnt, ein traurig-romantisches Sonett vorzutragen. Da entdecken die zwei Besucher einen Metallgegenstand neben ihm. Wie sich herausstellt, ist es eine Bombe. Irgendeine? Nein! Die Superbombe. Der Roboter beginnt wütend darauf einzutreten. Die zwei Besucher verfallen in Panik und eilen zum Ausgang. Gerade noch rechtzeitig. Kaum hat Tarantoga den Ausschaltknopf betätigt, ertönt von der anderen Seite ein Krach und ein Blitz ist zu sehen.
Der verhängnisvolle Teleporter
Puh, das war knapp. Der Prof will versuchen, einen friedlicheren Ort der Wissenschaft im „Nebelfleck der Krabbe“ (d.i. der Krebsnebel) zu finden. Sie landen bei den Greliandrianern. Eine schöne Dame, vermutlich eine personalisierte Illusion, schickt sie zum wissenschaftlichen Institut. Es ist keiner da, also versuchen sie den Aufzug zu nehmen. Kaum hat Chybek den Fahrstuhl betreten und die Tür geschlossen, tut sich nichts, Tarantoga öffnet die Tür, doch der Fahrstuhl ist leer. Er drückt den Knopf noch einmal, doch nichts passiert.
Zwei Gelehrte treten ein und begrüßen den Besucher, der sich als Wissenschaftler vorstellt, Tarantoga, zu Diensten. Er vermisse seinen Assistenten. Die Gelehrte rätseln noch, als sich die Tür eines zweiten vermeintlichen Fahrstuhls öffnet und zwei Chybeks heraustreten. Sie streiten sofort darum, wer der echte, wahre Chybek sei. Die Gelehrten haben einiges zu erkläre: Die zwei mannshohen Kästen seien Teile eines Experiments, das sie den Teleporter nennen. Weil der Prof den Auslöser zweimal gedrückt habe, sei sein Magister verdoppelt worden.
Um diesen Effekt rückgängig zu machen, stecken sie den Doppel-Chybek in Apparat 2. Leider gerät im Eifer des Gefechtes der Gelehrte I in den Kasten. Das Ergebnis: Er ist mit Chybek verschmolzen. Auch diese Wirkung ist relativ unerwünscht. Ein weiteres „Telegrafier“-Experiment, das durch Übertragung der jeweiligen Atome erfolgt, zeitigt einen sehr zufriedenen Einzel-Chybek und sehr wütenden Gelehrten Nr. I. Letzterer geht auf seinen Kollegen los, so dass sich die Besucher in Sicherheit bringen.
Sie landen im Büro des noch ziemlich jungen Direktors. Er scheint alles im Griff zu haben und bietet ihnen Pillen für Langlebigkeit an, die bis zum 40. Lebensjahr wirken würden. Er scheint langes Leben nicht wie das von Erdlingen aufzufassen, erkennt Tarantoga. Ständig wird der Direktor von Meldungen unterbrochen, auf die er sofort reagieren muss. Er scheint sich um andere Lebensformen wie etwa Bigonen zu handeln. Als Maßnahme lässt er alle Gelehrten in den Kühlraum sperren, die Humanisten zuletzt. Seine Besucher nehmen dankend Abschied, denn sie wollen lieber 80 oder 90 Jahre alt werden.
Die oberste Ebene
Auf der nächsten Reise zu NGC 687/43 begegnen sie einem Antlitz, es hat weder Augen noch Mund, aber dafür ein riesiges Gehirn. Das Wesen scheint zu kochen und etwas umzurühren. Die Behauptung der Besucher, sie seine Menschen bringt es ganz aus dem Konzept, und es scheint, dass etwas anbrennt. Dabei scheint es sich um einen Spiralnebel zu handeln. Es beginnt, sich bei ihnen zu entschuldigen, denn die Entstehung des Sonnensystems und seiner Planeten sowie deren Bewohner war wohl eine Art Betriebsunfall. Menschen, und gleich zwei davon, aber ohne Klappe.
Und weil das Wesen nun so reumütig ist, verlangt Chybek eine Entschädigung. Wie wär’s mit einer Wunschmaschine? Nach einigem hin und her bekommt er eine solche Maschine, doch das Wesen macht sich vom Acker. Zurück zu Hause entpuppt sich der Erforscher der Sterne als krasser Materialist: Chybek verlangt 100 Zloty, dann einen Diamanten, nein, Brillanten und schließlich einen Barren Gold. Tarantoga lässt ihn verstummen,. Auf sein genicktes Ehrenwort hin darf er wieder sprechen, doch Chybek schlägt nun vor, doch lieber ewig zu leben. Dazu müssten sie zuerst einmal zehn Jahre in die Vergangenheit reisen. Gesagt, getan, und der Prof entdeckt eine Zeitung aus dem Jahr 1951. Nur kann er sich jetzt nicht daran erinnern, was Chybek, ein Student der Warenkunde, hier in seiner Wohnung tut…
Mein Eindruck
Die Forschungsreisen Prof. Tarantogas mit seinem Assi sind eine Variante von Ijon Tichys „Sterntagebüchern“, die der Autor 1957-1971 schrieb und in Buchform veröffentlichte. Dies ist jedoch ein Fernsehspiel und gehorcht anderen dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten. Es gibt beispielsweise keine Piloten, die einen professionellen Rahmen in Gestalt eines Auftrags liefern könnten, vielmehr sind Tarantoga und Chybek reine Amateure, die aufs Geratewohl drauflosforschen.
Worauf sie stoßen, sind mehr oder weniger witzige Seitenhiebe des Autors auf soziale, technische und philosophische Zustände bzw. Möglichkeiten. Da wäre etwa der Teleporter, der zwar seinen Dienst erfüllt, aber gerade dadurch den Menschen in die Quere kommt. Auch der Kriegscomputer, der so melancholische Sonette fabriziert, ist ein Symbol: Der Kalte Krieg hat Großsprecher auf beiden Seiten, doch die Friedfertigkeit, die der Computer beteuert, wird Lügen gestraft: Das ist noch eine Bombe übrig – und jede Menge Wut.
Am Schluss erreicht die Forschungsreise gewissermaßen die metaphysische Ebene. Das Antlitz ohne Augen und Mund könnte ein Gott sein, wenn auch nicht jedermanns Gott. Dieser hier ist ein Stümper, wenn es um das Design von Himmelskörpern und Lebewesen geht, von physikalischen Gesetzen ganz zu schweigen. Die Menschen sind quasi einer seiner Betriebsunfälle, und das kommt seine Besucher hart an. Als Entschädigung bekommen sie eine Wunschmaschine, die sich als äußerst tückisch erweist, wofür sie jedoch nichts kann.
Es gibt viel zu staunen und zu schmunzeln auf dieser Forschungsreise, vor allem für den Zuschauer. Gut möglich, dass die Polen noch Aufzeichnungen davon in den Archiven liegen haben.
3) Der seltsame Gast des Prof. Tarantoga (Fernsehspiel, geschrieben 1963, verfilmt 1979)
Prof. Tarantoga hat einen neuen Assistenten, nämlich Magister Sianko. Der bringt ihm die Post und darin findet der Prof ein Anschrieben von einem gewissen Kazimierz Nowak, der offenbar gerade in der Heilanstalt Oblecin für Geisteskranke untergebracht ist. Vor Ort behauptet Nowak laut Arzt, aus der Zukunft zu kommen. Dort kenne jeder Tarantogas Namen als den des Erfinders der Zeitmaschine. Entgegenkommend gibt sich Tarantoga als Onkel von Nowak aus, leiht ihm eine Nagelfeile und eine Socke von Sianko.
Am nächsten Tag erreicht den Prof die Nachricht, dass Nowak die Flucht aus Oblecin gelungen sei. Sein Ziel muss wohl Tarantogas Büro und Labor sein. Der Prof erwischt ihn schnell und lädt ihn zu einem Gespräch ein. Wie sich herausstellt, ist es den Maguranern vom Mars im 36. Jahrhundert gelungen, das eh schon zweigeteilte Gehirn mit gleich zwei Persönlichkeiten zu besetzen. Nowaks zweite Persönlichkeit nennt sich Hipperkorn, ist ein Prolet und Schürzenjäger. Als der in seinem „Chronobus“ ein hübsches Mädchen erblickte, stieg er aus dem Chronobus, um sie zu umwerben. Deshalb ist er in der aktuellen Zeit auf der Erde gestrandet, im Kopf von Nowak.
Hipperkorn hat aber möglicherweise einen gefährlichen Untermieter mitgebracht, ein Alien von der Spezies der Nan. Die seien sehr fortpflanzungsfreudig, weshalb sie sich wohl bald die Erde unter den Nagel reißen würden. Am liebsten würde Tarantoga dieses teuflische Trio sofort loswerden. Als „Frau Nowakowa“ ihn besucht, überlässt er ihr mit Freuden ihren ausgebüxten „Gatten“. Sie ist wahrscheinlich eine Agentin der Maguraner – und auch sofort wieder mit Nowak verschwunden.
Mein Eindruck
Die Agentenstory peppt die Story mit etwas Spannung auf, doch die eigentliche Wirkung ist emotionaler Natur: Nowak weiß sein trauriges Schicksal der Teilung seines Hirns eindrucksvoll darzustellen. Das Publikum kann mit ihm Mitgefühl entwickeln. Der Kontrast zu seinem Kopfgenossen Hipperkorn, dem Mr. Hyde in diesem Gespann, wird umso deutlicher, je mehr Hipperkorn von sich preisgibt: Er ist triebgesteuert und meist geil, während Nowak den Dr. Jekyll spielt, der seine Gefühle im Griff hat und rational denken kann. Wie leicht vorherzusehen, geraten sich die beiden schließlich in die Haare. Das ist sozusagen der Höhepunkt der Dramatik, wenn auch nicht das Ende der Handlung.
Dem Verlauf des Plots zu folgen, ist nicht ganz einfach, wenn man berücksichtigt, dass noch eine dritte Partei in Nowaks Kopf im Spiel sein könnte. Von den Nans geht offenbar wirklich eine Gefahr für die Erde aus. Wie auch immer: Dem Autor gelingt es, die Fremdartigkeit der beiden Zeitreisenden Nowak und Hipperkorn durch zahlreiche Worterfindungen plausibel zu machen. Diese erinnern in ihrer skurrilen Vielfalt an Ijon Tichys „Sterntagebücher“.
4) Prof. Tarantogas Sprechstunde (Rundfunk-Hörspiel, 1975, produziert 1976)
Prof. Tarantoga hat seine Sprechstunde, aber Magister Sianko soll die Spinner gleich wegschicken. Trotzdem bleiben einige Spinner übrig, wie der Erfinder schon bald feststellen muss. Ein Bärtiger behauptet von sich, das Perpetuum Mobile erfunden zu haben, weigert sich aber, den anfänglichen Schwung zu beenden, so dass gleich klar ist, dass dies nie und nimmer das gewünschte Mobile darstellt. Der Spinner wird hinausgeworfen, denn er entpuppt sich als schnöder Schnorrer.
Als nächstes tritt ein Mann ein, der sich als Zudecker von Erfindungen präsentiert, also das Gegenteil eines Entdeckers. Was ist beispielsweise die schrecklichste Erfindung aller zeiten? Die Atomenergie. Und wer hat sie erfunden? Einstein? Und wie verhindert man dies? Indem man Einsteins Eltern daran hindert, sich zu verloben und den kleinen Albert zu zeugen. Also, was er dazu brauche, sei die Zeitmaschine des Professors, damit er in die entsprechende Vergangenheit reisen und und dort entsprechend tätig werden könne. Auch dieser Spinner fliegt hinaus.
Ingenieur Zumpf behauptet von sich, ein Konstrukteur von Geistern zu sein. Jeder will einen, jeder braucht einen. Diese „Phantomatik“ hat für den Prof keinerlei Reiz, und Zumpf fliegt raus. Sianko darf gehen, nur noch drei Wartende sind übrig. Schneller ist ein Erfinder raffinierter Vorrichtungen, die das Entführtwerden verhindern bzw. vereiteln sollen, beispielsweise durch Minisender, die das Opfer verschlucken kann, wenn es soweit ist. Allerdings ist Schneller gewiefter als erwartet: Er verkauft den Kidnappern das jeweils passende Gegenmittel. Das findet der Prof „unfein“, doch Schneller findet das lukrativ. Er hat noch viel Ideen für die „persönliche Verteidigungszone“ in petto, doch dem Prof will scheinen, dass der Verteidiger in höherer Gefahr schwebt als der Angreifer.
Die letzten beiden Besucher sind Herr 1 und Herr 2. Sie bezeichnen sich „Antecipisten“, also vorwegnehmende Forscher – und Warner. Denn was sie vorwegnahmen, sind Entwicklungen und Phänomene, die den Menschen gefährlich oder unbequem werden könnten. Sie sehen beispielsweise voraus, dass Kniescheiben verschwinden und durch Kugelgelenke ersetzt werden. Das versetzt sie in die Lage, die Knien nach hinten zu knicken, statt wie bislang üblich, nach vorne. Das wiederum werde ihnen helfen, viel Platz zu sparen. Sie haben auch Ideen für die Verbesserung vieler Organe, insbesondere für die der Fortpflanzung. Eine polygame Ehe von einem Dutzend Eltern erscheint ihnen erstrebenswert.
Ihr wichtigster Hauptgedanke ist indes die existentielle Relativitätstheorie. Sie scheint eine Kombination aus Materialismus – dem ersten Kreis der Existenz – und dem Idealismus – dem Kreis der Wahrnehmung und Deutung – zu sein. Daraus folgt u.a., dass Lügen genauso wichtig sind wie die grundlegenden Dinge des Lebens. Das findet der Prof nicht sonderlich witzig. Aber die beiden Antecipisten beweisen logisch genauso wichtig sind wie die Wahrheit, ja, sogar noch wichtiger, weil sie sehr zum harmonischen Zusammenleben einerseits und zur Kontrolle der Bürger andererseits. Dementsprechend soll die Gentechnologie gewisse Cyborgs hervorbringend, die beispielsweise über einen Gefühlsmodulator ausgestattet sind.
Wider Erwarten nimmt Tarantoga diese schrägen Ideen zur Kenntnis, wenn er sie auch nicht akzeptiert, und wirft die beiden Herren nicht hinaus.
Mein Eindruck
Diese Hörspiel verfügt über wenig Spannung, sondern funktioniert wie eine Abfolge von Kuriositäten, die sich der findige Autor ausgedacht hat. Das unerwähnte Generalthema ist der Gegensatz zwischen Kontrolle der Menschen und ihrer Befreiung. Letztere wird etwa von den Antecipisten als „demokratisch“ vorgetäuscht, während sie der Machtelite gleichzeitig die Mittel zur Ausweitung ihrer Kontrolle in die Hand geben. Was so lustig mit dem vorgetäuschten Perpetuum mobile und den konstruierten Geistern angefangen hat, mündet in ein Panoptikum von Schreckensszenarien. Inhaltlich hat das Hörspiel viel zu bieten, bleibt aber formal weit hinter den Möglichkeiten, die das Medium bietet, zurück. Es gibt nicht einmal einen Feierabend für den Professor.
5) Gibt es Sie, Mr. Johns? (Hörspiel, Ursendung 1972)
Eine typische Szene vor Gericht, mitsamt Beklagtem, Kläger und Anwälten. Als Zeuge und Mitkläger der Präsident von Cybernetics. Die Cybernetics Company hat Harry Johns, seines Zeichens Rennfahrer und bester Kunde, verklagt, weil er ihr bislang kaum eines ihrer Produkte bezahlt hat. Ihre Produkte sind Prothesen vom feinsten, sei es ein neuer Arm oder Finger, sei es eine Gehirnhälfte – sie liefert, er soll blechen. Was ihm irgendwie schwerfällt, denn er baut immer wieder Unfälle. Inzwischen hat er sogar seine zweite Hirnhälfte austauschen und aufrüsten lassen. Cybernetics betrachtet ihn nun als ihre Eigentum, was er vehement bestreitet.
Die Kardinalfrage lautet daher für den Richter nicht, ob Johns zahlungs- und erstattungsfähig ist, sondern ob er überhaupt noch ein Mensch ist. Pro: Er wurde wie ein menschliches Wesen an seiner Wohnadresse angeschrieben und vorgeladen. Kontra: Von menschlichem Gewebe findet sich nichts mehr in seinem Körper (was seinen Emotionen aber offensichtlich keinen Abbruch tut, denn er wirkt wütend). Eine Maschine kann jedoch laut Gesetzt gar nicht erst vor Gericht gestellt werden. Der Richter vertagt weise den ganzen Fall.
6) Der getreue Roboter (Hörspiel, 1963)
Clempner ist – wie Lem – ein Autor, der vom Verkauf seiner Erzählungen lebt, meist schundige Krimis. Daher ist er auf pünktliche Lieferung aus, um seinen Verleger zufriedenzustellen. Und so nervt es ihn erst einmal, als eine Speditionsfirma einen großen Karton bei ihm abliefert, den er gar nicht bestellt hat. Er hat auch keine Ahnung, was drin ist. Auch die Speditionsagentur weiß von nichts. Mysteriös!
Aus dem Karton steigt ein Roboter, der sich höflich in die Dienste seines neuen Herrn stellt. Clempner nennt ihn Graumer. Graumers Stimme klingt zunächst recht synthetisch, wird aber im Verlauf der Handlung schon bald recht weiblich. Als erstes erkundigt „sie“ sich nach Clempners trink- und Essgewohnheiten, dann gibt „sie“ ihm ein paar Tipps für seine Stories: Akonit sei ein sehr viel wirksameres und „modischeres“ Gift als das altbackende Arsen. Clempner ist zwar anfangs dankbar, wenn auch verblüfft, doch schon allzu bald hält er Graumers Dienste für selbstverständlich und blafft „sie“ hin und wieder an. Er sieht „ihr“ die Kränkung natürlich nicht an.
Aber er bemerkt sehr wohl, dass Dinge wie ein Hemd, ein Paar Socken und dergleichen verschwinden. Als er einen Kontoauszug mit exorbitanten Ausgaben auf seine Rechnung erhält, stellt er Graumer zur Rede. Wozu hier wohl Phosphor, „physiologische Lösung“ und Akonit gebraucht würden? Leider führen die Antworten zu nichts.
Eines Abends ist Inspektor Donnel zu einem kleinen Diner zu Gast. Er berichtet Clempner und den anderen Gästen, dass er die Spur eines gerissenen Trickverbrechers verfolge, eines Roboters, der sich selbst verschicke, um zu seinem nächsten Opfer zu gelangen. Diesen Teil bekommt Clempner leider nicht mit, weil Graumer ihn ans Telefon ruft. Sonst hätte er sofort Verdacht geschöpft.
Doch was führt sein elektronisches Faktotum eigentlich im Schilde? Das wird offenbar, als Graumer die Abwesenheit „ihres“ Herrn ausnutzt und aus dem Keller, wo „sie ihre“ Experimente ausführt, das SONDERBARE WESEN heraufführt, ihm „sein“ Haus zeigt und ihm zu essen bringt. Das WESEN erweist sich als sehr dankbar gegenüber seinem Schöpfer.
Als Clempner zurückkehrt, kommt es zu einem interessanten Dialog mit dem neuen Hausherrn. Graumer stellt schon mal das Akonit bereit – aber für welchen von den beiden?
Mein Eindruck
Lem bedient sich für seine Aussage nicht der Form einer Erzählung, sondern der des Einakters. Stilistisch gehört der Plot eigentlich ins 19. Jahrhundert. So manches Mal ist man an die herrschaftlichen Verhältnisse betuchter Junggesellen erinnert, und auch die an Mary Shelleys Bestseller „Frankenstein“ angelehnte Story versetzt uns ins Zeitalter von Dickens.
Doch sind diese Reminiszenzen im Fernsehspiel weitgehend ausgemerzt worden. Telefone klingeln, LKWs bringen Kisten, die Polizei fahndet mit halbwegs modernen Methoden nach dem „Trickverbrecher“, also Graumer. Dass der Autor Clempner immer noch mit der klapprigen Schreibmaschine statt auf einem PC tippt, spricht nicht gerade für Aktualität. Das Fernsehspiel wurde 1980 für den Funk eingerichtet. Die Dramaturgie ist stimmig, und am Schluss steigert sich die Spannung im Einklang mit dem Scheitern von Graumers Experiment.
Der Humor, den eine Parodie unbedingt aufweisen sollte, kommt gut zum Tragen, Dies gelingt besonders durch die ironische Umkehrung der Verhältnisse zwischen herrschenden & schaffenden Menschen und beherrschten, erschaffenen Robotern. Lems Subversion besteht darin, zwar einen halbwegs „kreativen“ Menschen (Clempner) zu zeigen, aber auch einen Roboter, der seinem „Herrn“ in puncto Kreativität und v.a. krimineller Energie haushoch überlegen ist. Wir erfahren nicht, woher diese Programmierung stammt, daher handelt es sich bei Graumer wohl um ein selbstlernendes System.
Graumer hat ein hehres Ziel: Er will den idealen Menschen erschaffen. Das gelingt zwar, erweist sich aber in seinen Ergebnissen als nicht so wahnsinnig befriedigend und in seinen Konsequenzen als geradezu verhängnisvoll. Graumer wird wohl einen neuen Versuch starten müssen. Auch diesmal wird es wohl wieder um Leben und Tod gehen.
7) Schichttorte (Drehbuch, Ursendung 1974)
Tom Jones ist Rallyefahrer, hat also stets einen Beifahrer dabei, seinen Bruder Richard. Oder umgekehrt. Wie auch immer, beide verunglücken auf einer Rennstrecke, beide werden operiert, doch nur einer überlebt. Dieser nennt sich Richard Jones und konsultiert einen Rechtsanwalt, der zu verstehen versucht, warum die Lebensversicherung nicht zahlen will. Denn Richard Jones, ergänzt durch die untere Hälfte seines Bruders Tom, sieht doch ziemlich vollständig aus. Zu vollständig, findet seine Lebensversicherung. Und Toms Witwe will ebenfalls Geld sehen.
Richard vertröstet alle auf die nächste Rallye, dann sollen alle Gläubiger bezahlt werden. Er verunglückt erneut, doch diesmal nimmt er acht Zuschauer und einen Hund mit ins Unglück. Er wird von allen Seiten verklagt, aber für das Verschwinden des Hundes hat er keine Erklärung. Sein Psychotherapeut berichtet dem Rechtsanwalt von weiblichen Assoziationen.
Bei der nächsten Rallye kehrt Jones überhaupt nicht zurück, sondern nur sein Beifahrer Fox. Der kennt den Rechtsanwalt überhaupt nicht, aber der geht davon aus, dass irgendwo Fox auch Teile von Jones stecken, wie bei einer Schichttorte, wie der Psychiater dies genannt hat. Sein Honorar kann er natürlich abschreiben…
Mein Eindruck
Die Grundmotive der Geschichte erinnern zunächst an „Gibt es Sie, Mr. Johns?“, aber Jones, die Hauptfigur erhält ja keine Prothesen, sondern rein organische „Ersatzteile“. Das Gespräch, das der Rechtsanwalt mit dem Chirurgen führt, ist sehr aufschlussreich. Denn dank seiner Technik kann es zu kuriosen Zusammensetzungen von Menschen kommen. So etwa eine Frau in einem Mann, doch der Autor lässt sich nicht zu sexistischen Anspielungen hinreißen. Der Verdacht, dass auch ein Hund in Jones‘ Überreste integriert worden sein könnte, löst nicht gerade Lacher aus, schon gar nicht bei Tierfreunden.
Dennoch zielt der Autor mit seinem Drehbuch auf die Lachmuskeln. Darauf deutet die mehrfache Wiederholung der gleichen Szene: der Unfall in einer Kurve, der überfahrene Baum, die Tür zum Operationssaal, der eine herausrollende Tragenwagen (statt der zwei, die hingefahren wurden). Es ist, als würde sich das Rad des Schicksals, wie die Hindus es kennen, jedes Mal eine Runde weiterdrehen. Das Ende ist absehbar: Jones‘ Verschwinden.
Das Generalthema ist allerdings die Chirurgie, die schon ca. 1975 enorme Fortschritte gemacht hatte. Der Autor spielt lediglich die Möglichkeiten durch, die sich einem Chirurgen bieten, wenn er verschiedene Menschen (und Hunde?) zusammensetzt, um seinen hippokratischen Eid zu erfüllen: Leben zu erhalten. Von solchen banalen Nebenwirkungen wie etwa abgestoßenem Gewebe erwähnt der Autor natürlich nichts. Sie stören den Effekt seiner makabren Komödie.
Die Übersetzung
Die Übersetzer haben sich redlich bemüht, die komplizierten Gedanken in möglichst einfach leicht verständliche Worte zu kleiden. Das ist besonders bei der „Sprechstunde“ erfreulich festzustellen. Auch ein gewisses Maß an Humor lässt sich finden. Dennoch sind ihnen ein paar dubiose Ausdrücke und Druckfehler unterlaufen.
S. 31: „Auf dem Tisch lag kein[e] Hammer.“ Das E ist überflüssig.
S. 105: “An der Hochschule für Okonomie.“ Vermutlich ist „Ökonomie“ gemeint.
S. 125: „na, um ihn zu wiederholen“: …oder „wiederzuholen“? Kaum einer weiß ja, was „Ptolemisierung“ macht.
S. 134: „Meine Cypriade ist am Syrtis Minor.“ OK, das ist die Kleine Syrte ((https://de.wikipedia.org/wiki/Syrtis_Major_Planum )) auf dem Mars. Was eine Cypriade ist, muss man sich vorstellen. Aber warum spricht der Marsianer Latein?
S. 165: “Antidoton” heißt “Gegenmittel“, ähnlich wie das englische Wort „antidote“. Nur dass dieses Antidoton gegen Entführungen helfen soll.
S. 168: “ein winziger Superhet mit Molekularkreisen“: laut Wikipedia ((https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberlagerungsempf%C3%A4nger)) ist dies ein miniaturisierter Überlagerungsempfänger. „Der Superhet ist die beste Art, sehr hohe Empfangsfrequenzen, wie sie etwa beim UKW- oder Satellitenempfang auftreten, stabil zu verarbeiten.“
S. 238: “Du hast wohl wieder gehörig aus der Steckdose genascht.“ Selbst bei einem „getreuen Roboter“ kann man sich das gut vorstellen.
Unterm Strich
Schon in dem titelgebenden Stück wird deutlich, dass sich der Autor der Ironie bedient, um Kritik zu üben. Er verpackt sie aber in unterhaltsame Formen wie Dialoge, Streitgespräche, Gerichtsverhandlungen und sogar in Ermittlungen. Im letzteren Fall gerät „Der seltsame Gast“ zu einer faszinierenden Abfolge von Enthüllungen. Wesentlich lustiger ist „Der getreue Roboter“, das mir von allen Stücken am besten gefiel. Bei „Mister Johns“ und „Schichttorte“ weiß der Hörer/Zuschauer nicht, ob er lachen oder weinen soll.
Die Stücke mit Prof. Tarantoga kamen mir die Gegenstücke zu den „Sterntagebüchern“ des Piloten Ijon Tichy vor, die etwa um die gleiche Zeit entstanden (und noch bis 1971 weitergeführt wurden). Genauso vielfältig sind die zahlreichen absurden Erfindungen und Einfälle, mit denen der Professor, selbst ein Erfinder ersten Ranges, konfrontiert wird. Wenn schon nicht immer erfreulich, sorgen die Begegnungen und Einfälle, auf die er trifft, doch für Unterhaltung, wenn nicht sogar für Heiterkeit. Diesen Ansatz wählten die Regisseure und Produzenten, auch so namhafte wie Dieter Hasselblatt.
Wegen der oben genannten Fehler gibt es Punktabzug. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.
Taschenbuch: 272 Seiten.
Aus dem Polnischen von diversen Übersetzern.
ISBN 9783518372296


