
Der mit Lichtgeschwindigkeit rechnende Computer Golem XIV aus dem Jahre 2029 gehört zu einer neuen Generation von Prozessrechnern mit Verstandesqualitäten, die ihre menschlichen Konstrukteure in jeder Beziehung weit überrundet haben. Angst will den Leser beschleichen, wenn man mit diesem Rechner konfrontiert ist und der Gedanke beruhigt sehr, dass auch der Verstand eines Superrechners den Beschränkungen unterliegt, denen jedes denkende System unterliegt: hinsichtlich der Fähigkeit der Selbsterkenntnis.
Die Hauptfigur in Stanisław Lems „Also sprach Golem“ ist Golem XIV, ein von Menschen gebauter Supercomputer, der unsere grundlegenden Denk- und Wahrnehmungsweisen in Zweifel zieht. Er weist auf die Grenzen unseres Verstandes hin, des Versuchs, die Ziele der Natur zu erkennen. Als eine Art Übermensch kennt er weder ein Gefühlsleben, noch besitzt er einen menschlichen Charakter. Seine Ethik ist gewiß keine humanitäre. »Er selbst nannte sie ›Kalkül‹. Liebe, Altruismus und Mitleid waren bei ihm durch Zahlen ersetzt.« Kurz vor seinem Eintritt in eine »Zone der Ruhe« hält er Vorlesungen über die Stellung des Menschen im Kosmos. Der Leser sieht sich mit der unbequemen Vorstellung konfrontiert, die Menschheit sei ein Fehlprodukt der Natur und keineswegs die Krone der Schöpfung. (Amazon.de)
Hinweis: Die Erstausgabe umfasst drei Prosastücke, die heutige Taschenbuchausgabe nur „Golem XIV“.
Der Autor
Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanisław Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt. (Amazon.de)
Die Texte
1) Die Geschichte eines Einfalls (1978)
Statt gleich in das Thema einzusteigen, geht der Autor gedanklich zurück ins Jahr 1964, als sein Magnum opus „Summa technologiae“ von der Öffentlichkeit ignoriert wurde und es nur eine einzige Rezension gab. Aber die war gewichtig und warf dem Autor vor, Realität und Wunschdenken auf der Ebene der Kosmogonie zu vermischen. Kosmogonie ist nämlich die Lehre von der Erschaffung des Universums, im Gegensatz zur Kosmologie, die dessen Erforschung meint.
Dass der Autor trotz dieser verbalen Breitseite an seiner Kosmogonie festhält, lässt sich schon an der Tatsache ablesen, dass er 1971 mit der unten abgedruckten „Neuen Kosmogonie“ seine Thesen aus der „Summa“ verteidigt und ausbaut. Seine ketzerische Idee lautet, dass es Spezies geben kann, die in ihrer jeweils eigenen Raum-Zeit-Sphäre den Kosmus gemäß ihren Wünschen und Anforderungen gestalten, inklusive der „physikalischen Gesetze“. Das Universum ist also die jeweils geltende Ingenieurkunst und ihre Produktionen. Die Energiequelle sind die Schwarzen Löcher, die ja gigantisch werden können. In drei Phasen entwickeln sich die genannten Spezies vom Alleinsein über den Konflikt zur stabilen Koexistenz, wenn nicht Kollaboration hin.
Im zweiten Abschnitt von „Geschichte eines Einfalls“ widmet sich der Autor der Präsentation dieses Einfalls. Zahlreiche Fallstricke und Stolperfalle warten auf denjenigen, der nicht darauf vorbereitet sei, seine Idee literarisch darzustellen. Die Literatur biete tausend Vorteile gegenüber der Wissenschaft, und das ist die Rechtfertigung des Autors für die nun folgende Rede von „Alfred Testa“.
Doch welche Art von Literatur darf sich solche Freiheiten herausnehmen, die für das Sujet der Kosmogonie geeignet wäre? Im Prinzip wäre es die Science Fiction. Doch wer Lem kennt, weiß, dass er keine Gelegenheit auslässt, um gegen die Science Fiction US-amerikanischer Prägung zu wettern, und das ist auch hier der Fall.
Mein Eindruck
Soll man nun also die folgende Rede zuerst lesen, um herauszufinden, was unter „neuer Kosmogonie“ zu verstehen ist? An manchen Stellen dieser langen Einleitung entsteht wirklich der Eindruck, das wäre ratsam. Denn in dieser Einleitung erklärt Lem nur am Rande, wovon die Rede ist: kosmische Ingenieure, die die Energie Schwarzer Löcher anzapfen, um gewaltige Konstrukte zu erschaffen. Doch wie und zu welchen Zwecken, bleibt undefiniert. Dass es mehrere Spezies solcher Ingenieure gibt, führt dann schon zum nächsten Schritt, nämlich Konkurrenz und Konflikt. Erst der nächste Text erklärt, was es damit auf sich hat.
Im übrigen sieht sich Lem 1978 gar nicht als Ketzer, denn glücklicherweise hat ein Amerikaner namens P. Davies den Aufsatz „Supertechnology“ am 23.3.1078 in „New Scientist“ veröffentlicht. Was meint Davies mit „Supertechnology“? Nun, so ziemlich das gleiche wie Lem in „Summa“ und „Neue Kosmogonie“, also richtig „große Wissenschaft und Technik“. Und so sieht sich Lem für seinen „verrückten Einfall“ gerechtfertigt.
Er zitiert direkt aus dem englischen, nicht übersetzten Original. Überhaupt ist der Leser wohlberaten, sich mit dem Latein auszukennen, das in der Philosophie verwendet wird, aber auch mit dem Jargon der Philosophie selbst. Wörter wie „Antinomie“ oder „epistemologisch“ sollte geläufig sein, sonst müsste man sie dauernd nachschlagen.
2) Die neue Kosmogonie. Rede von Alfred Testa (1971)
Bei „Die neue Kosmogonie“ handelt es sich um den Abdruck einer Rede von Alfred Testa, die nie gehalten wurde. Vor dem Leser entrollt der Autor ein völlig neues Weltbild und untermauert es so glaubhaft mit Argumenten, dass es den wissenschaftlich-philosophischen Theorien eines Erich von Däniken oder Hoimar von Ditfurth in nichts nachsteht.
In dieser fiktiven Rede wird die Erde als Spiel und Spielplatz uralter und mächtiger außerirdischer Zivilisationen dargestellt. Die Argumentation verläuft etwa folgendermaßen: Da nach allen bisherigen (= bis 1971) Kenntnissen außerirdische Zivilisationen fast sicher existieren, aber von ihnen bisher noch kein Lebenszeichen aufgefangen wurde, ist dies eine unerklärliche Tatsache, die zur Grundlage der Theorie wird. Denn das Universum ist etwa 10 bis 12 Mrd. Jahre alt, die Erde dagegen nur 5 Milliarden. Die Zivilisationen, die also in der Anfangszeit des Universum erwuchsen (und nicht untergingen), wären nun Milliarden Jahre älter als unsere.
Die Möglichkeiten, über die solche Zivilisationen verfügen, liegen jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Hier knüpft die Theorie, die übrigens ein gewisser Acheropoulos entwickelt haben soll, an. Sie erklärt schlicht und einfach, dass der gesamte bekannte Kosmos bereits von diesen Zivilisationen verändert und gestaltet worden ist – selbst die Physik, wie wir sie kennen, ist ihr Produkt.
Dazu einige Textbeispiele.
„Denn was sagt nun eigentlich Acheropoulos weiter in demselben Kapitel? Nicht mehr und nicht weniger, als dass die Physik des Universums die Folge seiner – das heißt, der kosmischen – Soziologie ist.“
„Wenn als ‚künstlich’ gelten soll, was durch aktive Intelligenz umgeformt worden ist, dann ist der ganze uns umgebende Kosmos bereits künstlich.“
„Das erste Gesetz [des Acheropoulos] besagt, dass keine Zivilisation niederer Stufe die Spieler entdecken kann – denn sie schweigen nicht nur, sondern ihr Vorgehen sticht auch in nichts vom kosmischen Hintergrund ab, und dies deshalb, weil es selbst gerade dieser Hintergrund ist.“
Dies stellt gleichzeitig die Antwort auf den Einwand dar, warum der Mensch diese Superzivilisation nie entdeckt hat. Der Autor bzw. sein Redner führt die Sache noch weiter aus: Das Universum ist nicht so, wie es ist, aufgrund der physikalischen Gesetze, nein, diese Gesetze sind eine Folge der Strategie der kosmischen Spieler, ein Kosmos, der nicht abgesprochen wurde, denn:
„Darum meldet sich nicht der eine Spieler beim anderen: Selbst haben sie sich dies unmöglich gemacht. Das war eine der Normen der Stabilisierung des Spiels – und somit auch der Kosmogonie.“
Diese Kosmogonie, also Welt-Schaffung, gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten gestaltet jede Zivilisation ihre nahe Umgebung und die physikalischen Gesetze nach ihren Wünschen, im zweiten prallen die verschiedenen ‚Physikzellen’ an den Rändern aufeinander, und es kommt zu Verwüstungen. Im dritten Zeitabschnitt einigen sich die Kontrahenten stillschweigend, und das Universum wird nach dem Prinzip minimalen Risikos verändert.
Über das Ziel des Spiels wird keine Aussage gemacht, nur einige Spekulationen erlaubt sich der Autor zum Schluss, wenn auch sehr distanziert. Dieses ganze Weltbild, diese verblüffende Theorie, ähnelt sehr einer Synthese aus Religion (‚Gott hat die Welt erschaffen’) und Wissenschaft (‚Die Welt ist von selbst geworden aufgrund der universell geltenden physikalischen Gesetze’), soll aber einen dritten Weg darstellen, nach den Worten des fiktiven Redners:
„Im Effekt werden wir um alles auf einmal gebracht: um den Glauben, im Sinne einer im Vollkommenen gipfelnden Transzendenz, wie auch um die Wissenschaft, um ihren soliden, weltlichen und objektiven Ernst.“
Mein Eindruck
Auch wenn man sich klarmacht, dass diese eindringlich dargelegte Theorie nicht mehr ist als ein phantasievolles Gedankenspiel und vom Autor wohl auch so gedacht war, ist sie nicht verrückter als zahlreiche andere von Wissenschaftlern, Futurologen oder Hobbyphilosophen aufgestellte. Insbesondere ist sie nicht unwahrscheinlicher als die per Bibel überlieferte (und redigierte) Schöpfungsgeschichte. Frappierend ist jedenfalls, wie schnell eine plausible Theorie mit Hilfe von Logik, Rhetorik und einer Portion Vorstellungskraft zusammengezimmert werden kann – natürlich nur von einem Könner wie Stanislaw Lem.
„Was ich bisher gesagt habe, ist unter dem Gesichtspunkt historisch angehäuften Wissens völlig wahnwitzig. Aber die Durchführung von Gedankenexperimenten mit den beliebigsten Voraussetzungen kann uns durch nicht verwehrt werden, solange sie nur logisch widerspruchsfrei sind.“
3) Golem XIV (MIT Press 2029) (1973)
„Foreword“ von Irving T. Creve, M.A. und Ph.D., sowie Thomas B. Fuller II., General U.S. Army, i.R. – „Foreword“ kann sich sowohl auf die „Vorrede“ wie auf das „Vorwort“ beziehen.
„Golem XIV“ ist in der Geschichte Lems ein von Menschen erbauter Super-Computer, der die Intelligenzbarriere durchbrochen hat und somit über eine eigenständige Vernunft verfügt. Er besitzt weder Eigenschaften der Persönlichkeit noch solche des Charakters. Er kann sich jedoch den Menschen, zu denen er spricht, in der Maske jeder beliebigen Persönlichkeit zeigen. Golem XIV kennt außerdem kein Gefühlsleben, denn er ist keine Person, sondern ein Kalkül.
Der Inhalt des Buches besteht außer dem Vorwort aus zwei fiktiven Vorlesungen von Golem XIV („Dreierlei über den Menschen“ und „Über mich“). Die zweite dieser „Vorlesungen“ veröffentlichte Lem erstmals 1981, während die erste „Vorlesung“ bereits in dem Band „Imaginäre Größe“ (Vorworte zu nicht existierenden Büchern) enthalten war. Eingebettet werden diese Vorlesungen in eine Vorrede des fiktiven Wissenschaftlers Irving T. Creve (bereits 1973) und ein „Nachwort“ des ebenso fiktiven Wissenschaftlers Richard Popp (erstmals 1981).
Die Geschichte von Golem XIV ist weniger ein Roman als ein philosophisches Werk und beschreibt den Beginn und das Ende des intelligenten Computers nur am Rande. Schwerpunkt des Buches sind die Monologe des Computers, in denen Golem XIV seine Sicht des Kosmos und des Menschen wiedergibt.
Der Computer konfrontiert den Leser mit der unbequemen Vorstellung, die Menschheit sei ein reines Zufallsprodukt der Natur und keineswegs die Krone der Schöpfung. So hinterfragt Golem XIV die Kriterien, die der Mensch aufstellt, um sich selbst als „Krone“ der Evolution anzusehen, und weist auf die geistige Beschränktheit hin, mit der der Mensch die tieferen Gründe der Natur zu erkennen glaubt.
In der ersten „Vorlesung“ („Dreierlei über den Menschen“) entwirft Lem – verkappt als Supercomputer Golem – Grundzüge einer neodarwinistischen Evolutionstheorie, die inhaltlich der vom Biologen Richard Dawkins erstmals 1976 veröffentlichten Konzeption des „Egoistischen Gens“ nahesteht. Lem räumt dem genetischen Code eine gegenüber den aus ihm entstandenen Organismen evolutionär vorrangige Stellung ein und kleidet diesen Gedanken in die Formulierung: „Der Sinn des Boten ist die Botschaft.“
Die Organismen existieren dieser Ansicht zufolge also allein zum Zwecke der Übertragung des genetischen Codes, der sich ihrer als eine Art Vehikel bedient. Die Ähnlichkeiten zwischen Lems Überlegungen und den Gedanken Richard Dawkins, dessen im Jahre 1976 erschienene Theorie Lem im Jahre 1973 noch nicht kennen konnte, wurden insbesondere von dem deutschen Philosophen Bernd Gräfrath in seinem 1996 erschienenen Buch „Lems Golem. Parerga und Paralipomena“ herausgestellt.
Außerdem widerspricht er in dieser „Vorlesung“ der Ansicht, die Evolution wäre eine Entwicklung der Lebewesen von einer niederen zu einer höheren Stufe gewesen. Aus technischer Sicht sind die Algen insofern vollkommener, als sie die Photonen der Sonne direkt in Lebensenergie umwandeln können. Die von uns als höher eingestuften Lebewesen haben aber diese Fähigkeit verloren und müssen ihre Lebensenergie als Schmarotzer von anderen Lebewesen holen. (Quelle: Wikipedia.de)
Unterm Strich
Lem ist kein anspruchsloser Unterhaltungsschriftsteller, sondern stellt meist hohe Ansprüche an die Denkfähigkeiten seines Lesers. Für diesen erweist es sich in diesem Band als notwendig, über ein Mindestmaß an Wissen über die Geschichte, die Philosophie, Informatik und diverse kosmologische Theorien zu verfügen. Lem ist Atheist, und das zeigt sich vor allem in seiner „neuen Kosmogonie“. Hier ist kein Ort für einen Gott, nirgends. Das erfordert vom Leser eine gewisse religiöse Offenheit. Allerdings ist nicht gesagt, dass der Autor selbst die Ideen vertritt, die hier vorgetragen werden – ein kluger Schachzug.
Zufall und Notwendigkeit, das Problem der Kommunikation mit fremden Wesen, die Grenzen der Erkenntnis, die Simulation von Welten („Fantomatik“), die Entwicklung der Zivilisation und die Probleme der Schöpfung – das sind Themen, um die Lems Werk immer wieder kreist, häufig in ironischer Form. Auch in „Golem XIV“ zeigt er sich als skeptischer Spötter, der sich nach ewigen Werten sehnt, die es, wie er sehr wohl weiß, nicht gibt; doch ist ihm das keine Anlass zur existentiellen Verzweiflung, sondern er betont die Notwendigkeit des Handelns, selbst aufgrund vorläufiger, unvollständiger Information.
Nicht nur für mich, sondern auch viele Kritiker ist bzw. war Lem der originellste und tiefsinnigste unter den SF-Autoren der Gegenwart, ein Schriftsteller von der Bedeutung eines H.G. Wells, allerdings wesentlich anspruchsvoller in seinen Formen und Ideen. Daher wird er heute kaum noch verlegt, besprochen oder gar in anderen Medien verarbeitet. Der Film „Solaris“ von Soderbergh/Clooney ist eine große Ausnahme von dieser Regel, und keine besonders gelungene.
Hardcover: 194 Seiten
Originaltitel: Golem XIV, 1973
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese.
ISBN-13: 9783453188358
Der Autor vergibt: 



