
Mit diesem Buch veröffentlichte der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem den 3. Band seiner Essays. Wie schon in Band 1, „Sade und die Spieltheorie“ (st 1304), versammelt das Buch Lems Nach- und Vorworte zu diversen Werken der phantastischen Literatur, die diesmal v.a. aus Polen stammt. Rezensionen von populärwissenschaftlichen oder spekulativen Sachbüchern und von Romanen beschließen den Band. Eine Lebensbeschreibung und eine „Art Credo“ eröffnen den Reigen der Essays.
„Dieser Abschlussband von Lems Essays enthält nur Arbeiten, die in der Insel-Ausgabe der Essays (1981) nicht enthalten waren. Stärker als die früheren Bände ist dieser persönlich bestimmt. Einmal handelt es sich um Essays, die autobiografisch sind oder sich auf das eigene Werk beziehen. Zum anderen gibt es Vorworte zu Rezensionen von Büchern und Autoren, die Lem menschlich besonders nahestehen: Szymon Kobyliński, Władysław Bartoszewski und Jan Józef Szczepański.
Neben Rezensionen, die Lem für die deutsche RIAS Berlin schrieb, vornehmlich über populärwissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Bücher, aus denen Lems rationalistische Denkhaltung offenbar wird, und spekulativen Aufsätzen enthält dieser Band auch einige von Lems scharfsinnigsten Kritiken zu Autoren, denen er sich geistesverwandt fühlt oder die ihm widerstreben: Philip K. Dick, Jorge Luis Borges, die Strugatzkis und eine scharfe Abrechnung mit der Gattung, der der Großteil von Lems eigenem Werk zugezählt wird: der Science-Fiction. Eine beachtliche Anzahl der Essays schrieb Lem gleich in deutscher Sprache.“ (Verlagsinfo)
Die Huren der Verleger
Zu den wichtigsten Essays gehört zweifellos jener, der dem Buch seinen Titel geliehen hat. In dieser Streitschrift aus dem Jahr 1972 (das ist zu beachten) setzt sich Lem kritisch mit dem von ihm verachteten Genre der „science-fiction“ auseinander. Da für ihn unter dem Etikett Science Fiction nur die wissenschaftliche Phantastik, wie sie v.a. in Osteuropa gepflegt wurde, literarische Gültigkeit besitzt, d.h. einem Erkenntnisinteresse dient, besteht Science Fiction anglo-amerikanischer Provenienz zuallererst aus Kitsch – zumal sie einen Massenkonsumartikel darstellt, an den man die Maßstäbe, die für eine Kritik der Werke des „oberen Reiches“ der Literatur gelten, besser gar nicht anlegt.
Science Fiction sei zumeist schwachsinnige Spielerei, und darin stehe ihr die amateurhafte Kritik nicht nach. Die Science Fiction-Autoren seien die Huren ihrer Verleger, nur bemäntelten sie dieses Verhältnis mit höheren Ansprüchen.
Die Ausnahmen
Doch wie der Titel schon sagt, gibt es laut Lem auch Ausnahmen. Diese werden am Werk Philip K. Dicks exemplarisch dargestellt. Lem charakterisiert die Romane dieses herausragenden Autors dahingehend, dass Dick unter einer trivialen, Science Fiction-gerechten Oberfläche zumeist gekonnt philosophische (z.B. erkenntistheoretische) etc. Problemstellungen darzustellen vermag, wenn er auch viel Zweitrangiges geschrieben habe.
AutorInnen wie Ursula K. Le Guin kennt Lem offenbar nicht (sie fing damals gerade erst zu publizieren an, ab 1966). Daher kann es nicht verwundern, dass ihn von seinem verdammenden Urteil über die Science Fiction auch die These Darko Suvins (in „Poetik der Science Fiction„, 1977) nicht abbringen konnte, die lautet, dass gute Science Fiction erkenntnisbezogene Verfremdung der Wirklichkeit betreibe und daher positiv zu bewerten sei. Leider umfasst auch die so definierte Science Fiction nur ein bis zwei Prozent des gesamten Ausstoßes der relevanten Verlage (in den letzten jahren wohl noch weniger).
Mein Eindruck
Die Kritik Lems an der Science Fiction als Kitsch-Literatur ist überspitzt. Lem beachtet nicht, dass vieles in dieser Unterhaltungsliteratur dem (Gedanken-) Spiel und dem Zeitvertreib dient und daher politisch nicht anders als affirmativ, also konservativ wirken kann.
Er missachtet, dass die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, die er so rigide zieht, fließend verlaufen, wie dies auch schon 1971 Schulte-Sasse in „Die Kritik der Trivialliteratur seit der Aufklärung“ dargelegt hat. Lem stellt sich also quasi als bester Science Fiction-Schreiber und (!) -Kritiker auf die Spitze eines Berges und fordert die totale Umorientierung von Science Fiction-Autoren und der Kritik.
Ich wage zu behaupten, dass Lem damit auf verlorenem Posten stand und noch steht; das hat die Entwicklung des Genres inzwischen gezeigt. Doch für jeden Autoren und jeden Kritiker sind seine Ergebnisse und Forderungen äußerst bedenkenswert.
Die übrigen Beiträge
Mit „Vergleichende Kosmologie“ und „Prognose über die Entwicklung der Biologie bis zum Jahr 2040“ enthält der Essayband noch zwei Texte mit stärker wissenschaftlich-analytischer Ausrichtung. Weiter sind insbesondere Vor- und Nachworte zu Werken überwiegend der phantastischen Literatur sowie verschiedene Magazin- oder Radiorezensionen versammelt.
Darunter sind auch Texte zu eigenen Werken Lems („Solaris“, „Lokaltermin“) und nicht-phantastischen Texten (Władysław Bartoszewskis „Das Warschauer Ghetto – wie es wirklich war“ sowie „Aus der Geschichte lernen?“), aber auch Verrisse pseudowissenschaftlicher Werke beispielsweise von Berlitz oder Velikowsky.
Unterm Strich
Nicht nur aufgrund dieses einen SF-Aufsatzes, sondern wegen der vielen Einblicke in Lems Denken und Arbeiten ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der sich kritisch mit der Science Fiction als Kulturphänomen auseinandersetzt.
Es ist eine ironische Fußnote der Literaturgeschichte, dass sich ausgerechnet der so gelobte Philip K. Dick veranlasst sah, Lem als Kommunisten beim FBI zu verpetzen. Das kann man leicht in Dicks Biografie „Divine Invasions“ von Lawrence Sutin nachlesen.
Pro: streitbare Kritik an populärer SF, Literaturideal
Kontra: setzt umfassende Literaturkenntnisse voraus
Der Autor
Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanisław Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt. (Amazon.de)
Taschenbuch: 223 Seiten.
Aus dem Polnischen übertragen von verschiedenen Übersetzern,
ISBN-13 978-3518379394
www.suhrkamp.de
Der Autor vergibt: 



