Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Diski, Jenny – Regenwald

_Auf dem Wasser stehen: Selbstfindung einer jungen Frau_

Eine junge Frau findet zu sich selbst, wobei sich ihr rationales Denken mit der ‚irrationalen‘ Natur auseinandersetzen muss. – Dies ist der zweite Roman der britischen Autorin Jenny Diski, die mit dem sado-erotischen Roman „Küsse und Schläge“ Ende der 80er Jahre bekannt wurde.

_Handlung_

Auf den ersten Blick geht es in „Regenwald“ um alles andere als Sexualität. Die junge Wissenschaftlerin Mo arbeitet an einem ökologischen Projekt im Regenwald von Borneo. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sollen für die Klimakontrolle genutzt werden.

Als rational denkende Wissenschaftlerin fühlt sie sich herausgefordert, hinter dem Chaos von Wachsen und Wandel irgendeine Art von Gesetzmäßigkeit zu entdecken. Sie findet keine. Während Mo ihre Untersuchungsraster über den nassen Waldboden legt und Resultate in Tabellen einträgt, setzt sich der Regenwald – mit seiner Vitalität ein Symbol für die Macht der Natur an sich – am Rand von Mos Bewusstsein fest.

Wieder nach London zurückgekehrt, fühlt sich die selbstsichere junge Frau durch die sexuellen Avancen des neuen Dozenten Joe Yates zwar in Versuchung geführt, lehnt jedoch letzten Endes sein Angebot ab. Bald darauf verändert sich ihre nächste persönliche Umgebung, beispielsweise beginnt ihr verheirateter Kollege Liam ein Verhältnis mit einer seiner Studentinnen, und Mos Mutter enthüllt ihr, dass sie vom Verhältnis ihres verstorbenen Mannes (Mos Paps) zu einer anderen Frau stets gewusst habe.

Mo, die dieses Wissen jahrelang als geheime Verbindung zu ihrem geliebten Vater gehütet hatte, ist wie vor den Kopf geschlagen. Vater und Mutter sind plötzlich zwei andere Menschen geworden. Die Frage stellt sich ihr nun, was sie selbst ist in diesem Ozean des Wandels?

Fluchtartig in den Regenwald auf Borneo zurückgekehrt, sperrt Mo ihre Gedanken in den engen Rahmen ihrer Untersuchungsraster. Ihr labiles Gleichgewicht wird zerstört, als Joe Yates wieder auftaucht. Er stürzt sie zunächst in Zweifel über ihre eigene Arbeitsmethode und „nimmt“, als kein Protest erfolgt, dann sie selbst.

Als er zwei Tage später weiterzieht, ist Mos Welt aus den Fugen geraten – Mo verfällt, da sie nun ihre Arbeit mit anderen Augen betrachtet, zunächst in Verzweiflung, dann in tiefste Depressionen. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus sucht sie sich eine Stelle als Putzfrau. Dinge an ihren Platz zu stellen, befriedigt ihr Bedürfnis nach Ordnung. Aus dieser Perspektive erzählt sie die Geschichte ihres früheren Ichs.

_Mein Eindruck_

Chaos und Ordnung, Natur und Kultur, Verstand und Lust, Vernunft und Wahnsinn – zwischen diesen Polen entspinnt sich die Erzählung von Mos Leben. Während die meisten von uns noch an die Allmacht der Wissenschaft glauben mögen, zeigt Jenny Diski den Menschen in seiner Verrücktheit: Indem er nämlich meinte, er mache sich die Natur untertan, verlor er den Kontakt zu ihr, den festen Standpunkt. Nicht mehr als Teil von ihr agierend, ist sein Untergang vorhersehbar, und keine Wissenschaft vermag dies abzuwenden.

Diski, nach ihrem Debütroman „Küsse und Schläge“ schon als Doris Lessings Nachfolgerin in der Rolle der Kassandra angesehen, hat ein zwar weniger bizarres, dafür jedoch umso provokativeres Buch geschrieben.

Dass uns die Sprachsensibilität der Autorin so erreicht, wie es in ihrer Absicht lag, ist das Verdienst der sehr guten Übersetzung von Bettina Runge.

|Taschenbuch: 220 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von Bettina Runge
ISBN-13: 978-3453056756|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Musashi, Miyamoto – Buch der fünf Ringe, Das

_Kampfkunst ist Lebenskunst: Musashis berühmte Lehren_

Er war und ist wohl der berühmteste Schwertkämpfer und Samurai aller Zeiten: Miyamoto Musashi. Berühmt gemacht hat ihn Eiji Yoshikawa mit seinem Roman „Musashi“. Etliche japanische Filme gründen auf Musashis Leben. Sein „Buch der fünf Ringe“, in welchem er seinen außerordentlichen Stil präsentiert, findet man hier mit seiner kurzen Biografie. Esgibt ausführlichere Ausgaben, so etwa von RaBaKa-Publishing.

Das „Buch der fünf Ringe“ diktierte Musashi 1643-1645 am Ende seines aufregenden Lebens an seinen Schüler, dem er es widmete. Hierin befasst er sich vor allem mit der Neuartigkeit seines Stils der Schwertkampfkunst (kendo), der im wesentlichen so beschrieben werden kann, dass Musashi jede Art von Stil deshalb ablehnt, weil Stile die Freiheit des Kämpfers und der Kunst des Schwertkampfes einschränken. Das „Gorin no Sho“ gilt auch heute noch unter Schülern der Kampfkunst als Lehrbuch der Geistes- und Körperhaltung und der Anwendung der verschiedenen Waffen. (Quelle: Amazon.de)

_Der Autor_

Miyamoto Musashi (geboren 1584 in Miyamoto; gestorben 13. Juni 1645 in der Höhle Reigand?, in Kumamoto), war ein japanischer Samurai und Begründer der Niten Ichiry?-Schule des Schwertkampfes.

Miyamoto Musashi wurde im Jahre 1584 in einem Dorf namens Miyamoto in der Provinz Mimasaka als Shinmen Musashi No Kami Fujiwara No Genshin (kurz Shinmen Musashi) geboren. Während seiner Jugendzeit trug er den Spitznamen Bennosuke. Sein Vater war der Samurai Hirata Munisai, der in erster Ehe mit Omasa verheiratet war, einer Frau aus dem Clan der Shinmen; ihm wurde erlaubt, den Clansnamen zu führen, so dass sich sein Name von Hirata Munisai in Shinmen Munisai änderte. Er tötete seinen ersten Gegner, als er (je nach Quelle) zwölf oder 13 Jahre alt war, den Zweiten mit 16 Jahren.

Im Alter von etwa sechzehn Jahren verließ er seine Heimat, um sich auf „Kriegerwallfahrt“ zu begeben – eine Reise, die ihn quer durch das alte Japan führte. Er nannte sich von jetzt an Musashi Miyamoto. Nachdem er an sechs Kriegen teilgenommen (u. a. in der berühmten Schlacht von Sekigahara am 21. Oktober 1600), etliche Kämpfe ausgetragen, und angeblich 60 Duelle für sich entschieden hatte, legte er mit Ende 20 seine Schwerter nieder und widmete sich der Suche nach einer tieferen Bedeutung seiner Schwertkampfkunst. Unter anderem wendete er sich nun vermehrt der Religion zu, aus der er schon früher Kraft geschöpft hatte.

In den meisten Erzählungen und Berichten über Musashi findet sein für die damalige Zeit unorthodoxer Kampfstil besondere Erwähnung: Im Gegensatz zu seinen Gegnern kämpfte Musashi häufig mit zwei Schwertern. „Niten Ichiry“ bedeutet Schule der zwei Himmel, d. h. der zwei Schwerter, die über den Kopf gehoben werden.

Später betätigte Musashi sich auch als Künstler und Handwerker. Seine Arbeiten werden in Japan als Meisterwerke eingeschätzt. Er bemalte Wandschirme und war ein Meister der Schreibkunst (Kalligraphie), er stellte Metallarbeiten her und begründete eine Schule der Stichblatthersteller (jap. Tsuba), die ihre Stücke nach ihm mit „Niten“ signieren.

Musashis Leben endete am 13. Juni 1645 in der Höhle Reigand?. Er hatte sich dorthin zurückgezogen, um sein „Gorin no Sho“ zu schreiben, welches er einige Wochen vor seinem Tode seinem Schüler Terao Magonojo übergab. Das „Gorin no Sho“ erreicht auch heute noch viele Leser in aller Welt. (Quelle: Wikipedia)

_Inhalte_

Um das „Buch der fünf Ringe“ verstehen zu können, muss man den Autor in seiner jeweiligen Epoche kennen und verstehen. Deshalb führen mehrere kurze Texte in diese Themen ein. Musashi lebte in der turbulentesten Zeit Japans, nämlich zwischen dem Ende der Herrschaft der Fürsten (Daimyos) und dem Beginn des Shogunats (von 1623 bis 1865), das eine Abschottung Japans einleitete. Tatsächlich stand er in der Schlacht von Sekigahara auf der Seite der Verlierer und konnte von Glück sagen, dass er das Massaker an 70.000 Soldaten üb erlebte!

Für einen Soldaten und Samurai ist Kendo, der Schwertkampf, von elementarer Bedeutung, und Musashi brachte es darin zu überragender Meisterschaft: Er schlug alle, die sich ihm stellten, bis er 30 war. Dann überlegte er, was er tun sollte. Er war zu unabhängig, um sich in den Dienst eines Fürsten zu stellen, und wurde Ronin, ein wandernder Samurai. Doch die Fürsten fühlten sich geehrt, ihn zum Lehrer zu haben. So hatte er Gelegenheit, sein Leben zu vervollkommnen, was im Hinblick auf die Lehren im „Buch der 5 Ringe“ bedeutsam wurde.

Ein weiterer Vorspann widmet sich dem Zusammenhang zwischen Kendo und Zen. Ein zentraler Bestandteil von Musashis Weg fußt, neben der Shinto-Religion und Konfuzianismus, auf dem Zen-Buddhismus. Dieser kennt weder Priester noch Kirche noch zentrale Lehre. Das spiegelt sich in Musashis Weg wider, so etwa im fünften Buch, dem „Buch der Leere“.

Der letzte Vorspann schildert in einem kurzen Abriss Musashis Leben – siehe oben. Sehr schön sind dabei die zahlreichen Abbildungen, die ihn selbst darstellen, aber auch seine Werke, so etwa Tuschezeichnungen und Skulpturen. Seine Lieder und Gedichte sind verschollen.

_DAS BUCH DER FÜNF RINGE_

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die aufeinander aufbauen. Es gibt sehr lange Teile wie Teil 3 und sehr kurze Teile wie Teil 5, der nur 1,5 Seiten hat.

|Buch 1: Das Buch der Erde|

Die Erde ist das Fundament. Deshalb findet man hier lediglich grundlegende Aussagen zum Kriegerhandwerk (Heiho), zum Weg des Kriegers (Bushi-do) und zum Schwertkampf (Ken-do). Etwas verblüffend ist der Vergleich des Schwertkämpfers mit einem Baumeister / Zimmermann. So wie der Zimmermann mit optimalem Material, mit geeigneten Werkzeugen und nach einem Plan arbeitet, so sollte auch der Schwertkämpfer vorgehen. Allerdings darf man die Sache mit dem Plan nicht zu eng sehen. Musashi lehnt Pläne generell ab.

Er empfiehlt dringend, alle Waffen auszuprobieren und die geeignete zu wählen. Dabei sind auch Gewehre zu prüfen, die von den Portugiesen ins Land gebracht worden waren. Der Rhythmus ist beim Kampf wie im Leben und im Bauen von elementarer Bedeutung. Und wie stets mahnt der Autor: Wer nur studiert, wir nichts begreifen. Lernen und Beherrschung folgt nur aus der Anwendung seiner Lehren. Schon hier geht er auf seine Niten-Ichiryu-Schule ein, die der zwei Schwerter, die jeder Samurai tragen durfte: Lang- und Kurz- bzw. Seitschwert (Katana bzw. Tachi und Wakizashi; vgl. dazu die Wikipedia).

|Buch 2: Das Buch des Wassers|

Die Niten-Schule lehrt, dem Lauf des Wassers zu folgen, um mit dem Langschwert den Sieg zu erringen. Das heißt, man passe sich der jeweiligen Situation an. Der Kämpfer ist stets voll Gleichmut, ohne Anspannung, doch stets bereit zu sterben. Außerdem sollte der Kämpfer eins mit seinem Schwert sein, denn es ist seine Seele. Diese innere Haltung des Kriegers drückt sich in der körperlichen Haltung aus. Die Kampfhaltung entspricht der im Alltag und umgekehrt: Entspannt, aber nicht schlaff, sondern kampfbereit.

Dieses Buch lehrt die fünf Kampfhaltungen und fünf Angriffstaktiken, bevor die zahlreichen Hiebe, Streiche vorgestellt und beurteilt werden. Dieser Teil ist recht umfangreich, nur für Kämpfer interessant und wird wie stets von einem Epilog abgeschlossen.

|Buch 3: Das Buch des Feuers|

Musashi hält nichts von Banalitäten wie dem Ausbilden von Händen, der Fächerkampfkunst und dem Anlegen einer prächtigen Rüstung. Das Einzige, das für ihn am Erlernen des Schwertkampfes sinnvoll erscheint, ist die Ausübung dieser Kunst und der Wille, den Gegner zu besiegen und dies in die Tat umzusetzen. Um dies zu tun, gibt es zahlreiche Wege, die er alle aufführt.

Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Einzelkampf und einer Schlacht. Wer einen Gegner bezwingt, kann auch zehn bezwingen, und mit zehn mann hundert bezwingen und so weiter. Man merkt, dass Musashi die große Schlacht von Sekigahara, die den Shogun Tokugawa für sich entschied, hautnah miterlebt hat.

Für Manager ist dieser Teil des Buches der nützlichste, denn darin werden die verschiedenen Vorgehensweisen konzis beschrieben, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dies ist also die praktische Anwendung des in Buch 1 und 2 Gesagten.

|Buch 4: Das Buch des Windes|

Das Schriftzeichen für Wind entspricht dem für Stil. Dementsprechend vergleicht Musashi seinen Stil mit den zahlreichen anderen in Japan gelehrten Kampfstilen, angewendet auf Aspekte der Niten-Schule. Deren Tugenden sollen nämlich angesichts der Mängel der anderen Stile aufscheinen. Das ist also Marketing.

|Buch 5: Das Buch der Leere|

Die Leere ist nicht das Nichts im Sinne des Nihilismus, sondern konkret der Raum zwischen Himmel und Erde, ideal aber das Nicht-Existierende: „Die Leere ist das, in dem nichts existiert. Sie ist das, was dem Menschen zu wissen unmöglich ist.“ Allerdings grenzt Musashi die Leere von Täuschungen und Illusionen ab. Nur weil man zu dumm oder überheblich ist, heißt das nicht, dass etwas nicht existiert oder gemacht oder gedacht werden kann.

Der wahre Weg beinhaltet Offenheit und Wachsamkeit, Gleichmut und Ausgewogenheit. Schließlich werde man erkennen: „Die Leere, das ist der Weg und der Weg, das ist die Leere. Die Leere hat Gutes, nicht Böses. Es gibt Weisheit, Verstand und den Weg und es gibt die Leere.“

_Unterm Strich_

Man merkt also auch als Laie, dass hier ein Meister und Lehrer seine Erkenntnisse nicht bloß an die nächste Generationen (seinen Schüler) weitergibt, sondern sie auch zugleich bewirbt. Wer kein Schwertkämpfer ist oder einer werden will, aber dennoch als Manager dieses Buch empfohlen bekommen hat (beispielsweise Anfang der achtziger Jahre, als viele solcher Bücher erschienen), der kann sich auf den dritten und den fünften Teil beschränken.

Hier werden die Strategien für die Schlacht und den Einzelkampf geschildert und mit der Lehre von der Leere konterkariert. Wer nicht kapiert, was das Wesen der Leere ausmacht, der dürfte selbst mit angewandter Weisheit nicht weit kommen. Es geht also um die rechte Balance nach dem Motto: Ich weiß, dass ich nicht alles weiß, aber was ich ganz genau weiß, das ist der Weg. Jeder gehe also seinen eigenen Weg. Hauptsache, er geht ihn überhaupt und dann konsequent.

Außerdem lehrt Musashi den Weg des Wassers (Teil 2), so dass man seine Strategie und Kampftechnik nicht nur dem Gegner, den äußeren Bedingungen und den vorhandenen Waffen anpasst, sondern auch der eigenen Verfassung und Ausrüstung. Wer ein Dogma sucht, wird also bei Musashi keines finden.

Äußere Vervollkommnung bedingt innere und umgekehrt: Kendo und Kenjutsu erfordern Zen, also Meditation und (wie beim japanischen Adel) auch die Kunst, beispielsweise Kalligraphie, Teezeremonie, Malen, Dichten usw. Wer also nur mit dem Schwert rumfuchteln will, um seine Gegner einzuschüchtern, braucht dieses Buch nicht. Vielmehr sollte man um diesen Idioten Angst haben, dass er sich verletzen könnte.

|Diese Ausgabe|

Diese Taschenbuchausgabe des Knaur-Verlags aus dem Jahr 1984 folgt der Übersetzung des Econ-Verlags von Victor Harris‘ Übersetzung des Originals. Von Harris stammt die gesamte Einleitung. Geprüft und evtl. ergänzt wurde seine Übersetzung des japanischen Originals durch den Fachmann Siegfried Schaarschmidt.

Auch wenn der Musashi-Text vertrauenswürdig ist, so brauchte ich doch die Einleitungen und die ausführlichen Fußnoten, um ihn überhaupt verstehen zu können. Wer sich also eine andere Ausgabe zulegt, sollte darauf achten, dass die Einleitungen, die Musashi in seinen historischen Kontext stellen. Musashi darf die Kenntnis seiner Epoche ebenso voraussetzen wie Kenntnisse über Zen, Shinto, Konfuzius und vieles mehr.

Wer also bei ihm Erkenntnis sucht, muss sie eigentlich schon mitbringen. Der Schwertmeister kann einen bloß lehren, einen Gegner auf vielerlei Weise zu besiegen. Wie man richtig lebt, das kann er nur zu einem bestimmten Grad. Den Rest muss man, wie in jeder Kunst, selbst mit äußerster Entschlossenheit „und strengem Bemühen“ vollbringen.

So gesehen, ist die Lektüre dieses berühmten Buches nur ein erster Schritt. Man sollte seine Aussagen möglichst mit Fachleuten besprechen und mit dem ebenso berühmten Buch „Hagakure“ aus dem 18. Jahrhundert (deutsch bei Piper) sowie mit der Lehre von Sun Tzu ergänzen. Um ein Zen-Manhänger zu werden, braucht man das Buch nicht. Denn Zen kann man nur leben. Leonard Cohen weiß ein Lied davon zu singen.

|Taschenbuch: 140 Seiten
Originaltitel: A Book of Five Rings, von Victor Harris (1974)
Aus dem US-Englischen von Jürgen Bode und Siegfried Schaarschmidt
ISBN-13: 978-3426041291|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home

Indridason, Arnaldur (Autor) / Kreye, Walter (Sprecher) – Abgründe (Lesung)

_|Kommissar Erlendur Sveinsson|:_

Band 1: |Synir Duftsins|, 1997 (deutsch: [„Menschensöhne“ 1217 2005)
Band 2: |Dauðarósir|, 1998 (deutsch: [„Todesrosen“ 5107 2008)
Band 3: |Mýrin|, 2000 (deutsch: [„Nordermoor“ 402 2003)
Band 4: |Grafarþögn|, 2001 (deutsch: [„Todeshauch“ 2463 2004)
Band 5: |Röddin|, 2002 (deutsch: [„Engelsstimme“ 2505 2004)
Band 6: |Kleifarvatn|, 2004 (deutsch: [„Kältezone“ 4128 2006)
Band 7: |Vetrarborgin|, 2005 (deutsch: [„Frostnacht“ 3989 2007)
Band 8: „Kälteschlaf“
Band 9: „Frevelopfer“
Band 10: _“Abründe“_
Band 11: „Furðustrandir“ (noch ohne dt. Titel)

_Grenzenlose Gier: Nummer vier muss sterben_

Island 2005 – die Wirtschaft boomt in nie gekanntem Ausmaß. Ehrgeizige junge Unternehmer machen durch clevere Finanzgeschäfte weltweit von sich reden. Ganz Island bewundert seine „Expansionswikinger“. In dieser Zeit des unbegrenzten Wachstums kommt ein Banker durch einen Sturz von einer Steilklippe ums Leben. Ein Unfall? Kurz darauf wird eine junge Frau von einem Schuldeneintreiber zu Tode geprügelt. Beide Ereignisse scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben. Nur eines ist sicher: Geld spielte in beiden Fällen eine entscheidende Rolle … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman „Nordermoor“ hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Hakan Nesser und Henning Mankell!

Weitere Romane von Indriðason:

Engelsstimme
Todeshauch
Kältezone
Gletschergrab
Nordermoor
Todesrosen
Menschensöhne
Codex Regius
Frostnacht

_Der Sprecher:_

Walter Kreye, geboren 1942, studierte an der „Schauspielschule Bochum“. Er spielte an den großen Theatern Deutschlands und ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seit Anfang 2008 ist kreye als Nachfolger von Rolf Schimpf alias „Leo Kress“ in der Krimiserie „Der Alte“ zu sehen. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für Hörbuch Hamburg hat er beispielsweise „Der Professor“ von Amélie Nothomb gesprochen.

Regie in den L.A. Tonstudios, Köln, führte Thomas Krüger. Die Musik trug Michael Marianetti bei. Den Text kürzte Kai Lüftner.

_Handlung_

Kommissar Erlendur ist im Urlaub. Seine Assistent Sigurdur Oli denkt, er tut einem Freund nur einen Gefallen, als er an die Haustür des Ehepaars Sigurlina Thorgrimsdottir und Ebenezer – kurz „Lina“ und „Ebi“ – klopft. Doch dann geht die Tür von alleine auf … Sein Freund, der Ingenieur Patrickur, hat ihn mit dem erfolgreichen Reiseleiter Hermann bekannt gemacht. Der hat behauptet, „Lina“ und „Ebi“ würden ihn und seine Frau erpressen. Sie drohten, die Fotos und Videos, die sie auf gemeinsamen Swinger-Partys gemacht hätten, ins Internet zu stellen, sollten sie nicht zahlen. Tja, und nun tritt Sigurdur in Linas Haus.

Eine weibliche Gestalt liegt blutüberströmt auf dem Boden des verwüsteten Wohnzimmers. Ist es Lina? Als Oli sie untersucht – sie lebt noch – bemerkt er eine Bewegung aus dem Augenwinkel und kann den Hieb eines Baseballschlägers gerade noch abwehren. Da flüchtet der Mann sofort, Oli ihm nach. Doch der Mann scheint ein wahrer Sprinter zu sein, und Oli verliert seine Spur im Park vor der psychiatrischen Klinik. Die Fahndung erbringt nichts. Lina wird im Koma ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr Mann Ebenezer kehrt sofort von seiner Gletschertour zurück und starrt Lina bestürzt an. Alle Fragen Olis hinsichtlich Erpressung und so wehrt er als Unsinn ab.

Doch als Sigurdur die Besitzer der Autos am Tatort abklappert, stößt er auf die Telefonistin Sara. Sie hat ihn angelogen, findet er zu seinem Leidwesen heraus. Beim Nachhaken gibt sie zu, dass ihr Bruder Kristian ihr Auto einfach genommen habe. Und Kristian, ein Junkie, gibt an, er habe das Auto seinem Freund Thorarinn leihen müssen, um seine Schulden abzubauen. Thorarinn ist offenbar laut Akte ein Drogendealer, der Kristian einsetzte, und zudem ein Schuldeneintreiber mit Knochenbrecherqualitäten. Und Lina und Ebenezer haben offenbar hohe Schulden bei ihm.

Genau wie Hermann und seine Frau, die politische Ambitionen hat. Als Oli eine Kollegin der inzwischen verstorbenen Lina in einer Wirtschaftsprüferkanzlei befragt, steht auf den Kundenlisten auch der Name von Hermann und Patrickur. Die beiden haben Oli ebenfalls angelogen. Sie kannten Lina und Ebi schon vor der Swinger-Party. Und zur Rede gestellt gibt Patrickur unumwunden zu, er habe mit Lina geschlafen. Aber nur einmal. (Wirklich?) Was verschweigen die beiden ihm noch, fragt sich Oli. Er ahnt noch nicht, dass der isländische Banker Thorfinnur, der auf einer von Linas Wandertouren erst verschwand und viel später tot im Meer wiedergefunden wurde, etwas mit dem Angriff auf Lina zu tun haben könnte.

Denn Oli beschäftigt sich mit einem zweiten, erschütternden Fall. Der Stadtstreicher Andres gibt ihm einen kurzen 8-Millimeter-Film, auf dem er selbst als zehnjähriger Junge zu sehen ist. Wer filmt den offensichtlich verzweifelten Jungen? Ist es der Peiniger? Mit Hilfe einer Lippenleserin erfährt er, was der gepeinigte Junge fortwährend zu dem Filmer sagt: „Hör auf! Ich will nicht mehr.“

In einem Gespräch mit Andres wird Olis Verdacht erhärtet, dass es sich bei dem Filmer und Peiniger des jungen Andres – das muss um das Jahr 1970 gewesen sein – um dessen Stiefvater Rögnvaldur handeln muss. Der war zwischenzeitlich verschwunden, ist aber vor wenigen Monaten wieder aufgetaucht. Und wieder verschwunden. Hat Andres dabei die Finger im Spiel? Wozu hat er sich eine Ledermaske gefertigt?

Dann widmet sich Oli wieder dem Fall des Mordes an Lina. Von dem Junkie Kristian erhält er einen Hinweis auf Höddi, einen Freund des untergetauchten Thorarinn. Er folgt ihm spätabends und gelangt zurück in jene Gegend, in der er seinerzeit die Spur des Sprinters verlor. Tatsächlich war Thorarinn mal Leichtathlet und trägt den Spitznamen „Toggi Sprint“. Kein Wunder, dass er Oli abhängte. Nachdem Höddi für eine halbe Stunde mit einer Tüte Hamburger in einer Autowerkstatt verschwunden und ohne diese Tüte wieder weggefahren ist, schleicht sich Oli vorsichtig zur Werkstatt …

_Mein Eindruck_

Olis Ermittlung bewegt sich relativ zielstrebig und linear ihrem Ziel zu. Er hat zwei Morde aufzuklären, den an Lina und den an dem Banker Thorfinnur. Offenbar besteht zwischen den beiden Fällen eine Verbindung. Hat der Schuldeneintreiber Thorarinn etwas mit den Bankern zu tun, die den Mord an ihrem Kollegen vertuschen wollten, indem sie Lina, die Reiseleiterin, ebenfalls beseitigten? Oder steckt noch mehr dahinter?

Welche Rolle spielen dann in dieser Verbindung die Herrschaften Hermann und Patrickur sowie ihre Frauen? Erst als Oli spätabends noch mal die Abhörprotokolle von Höddis Telefon durchliest, stößt er auf den Schlüssel, einen Namen, der ihm sehr bekannt vorkommt. Er schimpft sich einen dämlichen Hornochsen, weil er sich von einer persönlichen Beziehung zu einem Namen in dem Fall hat abhalten lassen, genauer nachzuforschen. Er schwört sich, keine Gnade mehr walten zu lassen und dann den gesamten Doppelfall an seine Kollegen abzugeben – er steckt viel zu tief persönlich drin.

|Nemesis der Gier|

Soweit so schön. Der Rest der Geschichte ist allerdings ein wenig vorhersehbar. Vier isländische Banker führen anno 2005 – also kurz vorm Crash – mit Lina nach Nordisland, doch nur drei kehrten zurück. Warum musste Nummer 4 sterben? Und warum hat Lina laut Kollegin gesagt, die vier würden ein „kaltschnäuziges Projekt“ einfädeln?

Vom heutigen Kenntnisstand aus gesehen, ist die Bankenkrise in Island eine Geschichte der allseitigen Gier, des Größenwahns und des Filzes gewesen. Als Indridason seinen Roman schrieb, kamen die wichtigsten Fakten zu dem allumfassenden Skandal, der den Präsidenten das Amt kostete, in einem Klima der Empörung ans Tageslicht, und entsprechend prangert der Autor auch die Machenschaften der Banker an.

Anno 2009 trug dieser Krimi sicher zu Erhellung der Fakten bei und klagte zurecht die richtigen Drahtzieher an. Aber uns Mitteleuropäern ist vielleicht das gesamte Ausmaß der Katastrophe nicht bewusst, und in dieser Hinsicht liefert der Roman einen nützlichen Beitrag. Und erst unter diesem Blickwinkel ergibt der Handlungsstrang mit dem als Kind missbrauchten Andres einen Sinn.

|ACHTUNG, SPOILER!|

Den Bankern in Island ging es vor allem um billige Kredite. Diese bekamen sie aus allen möglichen Quellen, solange jeder jedem die Bonität bescheinigte – ein Geflecht von Interessen, Filz genannt. Damit die Kredite Zinsen abwarfen, bedurfte es zweier Bedingungen: einer Spezialität des isländischen Kapitalmarktes, die den Zins laufend steigen ließ, und einer Vielzahl von Investitionsmöglichkeiten. Die Jung-Banker wurden zu „Expansionswikingern“, die in ganz Europa, v. a. aber in London, Anlagemöglichkeiten suchten.

Als ihnen ein Luxemburger Bankmanager die Riesensumme von 45 Mio. Euro als Darlehen anbot, konnten sie die günstigen Bedingungen kaum fassen. Ein Jahr lang keine Tilgung, die Zinsen praktisch garantiert und – aufgeteilt auf fünf – in Steueroasen praktisch unversteuert anlegbar. Was für ein Schnäppchen! Doch Banker Nr. 4, Thorfinnur, wurde misstrauisch: Woher stammt diese Riesensumme?, wollte er wissen. Für wen sollten sie das Geld waschen, etwa für die Mafia? Als er es endlich erfuhr, stieg er sofort aus und wollte zur Polizei gehen. Das konnten die anderen drei nicht zulassen. Auch wenn sie selbst ein mieses Gefühl dabei hatten, Geld aus der Kinderpornografie zu verwenden …

Das Stichwort „Kinderpornografie“ ist der Berührungspunkt zu Andres‘ Tragödie. Denn von ihm wurden ja Pornofilme gedreht, die dann wiederum ordentlich Profit einbrachten. Die 45 Millionen sind richtiges Blutgeld, erkauft mit dem Leid von kleinen Kindern. Als Andres auf einem schneebedeckten Grabstein einsam und verlassen erfriert, stirbt er stellvertretend für alle Opfer der Kinderpornografie – und der Finanzhaie in Island. Genauso gut hätte der Autor die Banker ans Kreuz nageln können. (Der Kreuzigungstod ist einer der qualvollsten: Das Opfer verblutet nicht, sondern erstickt.)

_Der Sprecher_

Walter Kreye ist einer der besten männlichen Sprecher im deutschsprachigen Raum. Man nimmt ihm den Ausdruck der Anklage und der Betroffenheit durchaus ab, wenn er Sirgurdur Oli dies darstellen soll. Oli ist ein altertümlicher Typ: Er regt sich noch über die Fehler junger Männer auf, statt sie apathisch zu ignorieren oder sarkastisch abzuqualifizieren. Er ist seine eigene „moralische Anstalt“, um mit Schiller zu reden. Das macht ihn als Mensch so sympathisch, als Ermittler so hartnäckig und als Figur so anachronistisch. Für eine solche Figur ist Kreyes Vortragsweise wie geschaffen.

Denn er legt noch Emphase in seinen Vortrag, statt den Text routinemäßig runterzurattern. Seine Figuren seufzen noch, flehen und klagen, regen sich auf und drohen sogar. Wenn er den alten Andres darstellt, dann stimmt das zwar nicht alles hundertprozentig, aber die stockende, heiser-leise Ausdrucksweise des Missbrauchsopfers und Alkoholikers geht dennoch unter die Haut. Wenn man gewillt ist, genau zuzuhören.

Die männlichen Figuren weiß Kreye gut auseinanderzuhalten, doch die weiblichen klingen alle gleich. Deshalb muss er sie situationsbedingt individuell darstellen. So ist etwa Linas Kollegin in Zeitnot und redet hastig – was Oli in keinster Weise aus seiner Seelenruhe bringt. Die markanteste männliche Figur neben Andres ist Höddi, der Schläger, der stets eine Drohung auf den Lippen hat.

Jede CD endet mit einem Teil des Intros bzw. Outros, das Michael Marianetti beigesteuert hat. Ein Piano spielt dramatische Kadenzen, bis schließlich die unterstützende Rhythmusgruppe hinzukommt, so dass das Grundmotiv allmählich in Fahrt kommt. Das ist zwar nicht ausgefeilt, aber wirkungsvoll, und das reicht.

_Unterm Strich_

Das Anliegen Indridason ist löblich: Die Kritik an der Exportwikinger-Mentalität der Isländer vor 2008, die alles, was sie raffen konnten, auf Pump kauften – bis das Pump-System zusammenbrach. Die dabei an den Tag gelegte Gier kostete nicht nur zwei Menschenleben, deren Verlust unser braver Inspektor herauszufinden hat, sondern hatte auch einen moralischen Preis: Kinderpornografie, deren Profiten gewaschen werden sollten.

Was mir an diesem Plot fehlte – und das lag vielleicht an der Kürzung des Textes – waren eine Liebesgeschichte und eine persönliche Verstrickung des Ermittlers in den ganzen Fall. Diese Verstrickung ist zwar in den Augen der Polizei gegeben, aber nicht in unseren Augen. Ein paar Frenden einen Gefallen zu tun, das erscheint eher als Kavaliersdelikt.

|Das Hörbuch|

Womit ich mehr Unbehagen hatte, ist die radikale Kürzung des Textes auf den Kern des Plots hin. Das fördert zwar das Verständnis der Handlung ungemein, lässt aber praktisch nur noch zwei Charakterisierungen zu: die des Ermittlers und von Andres, seinem Antipoden, der offenbar auch im Gerechtigkeitsgeschäft ist. Wer also mehr über die gierigen Banker und ihre Mentalität erfahren will, der sollte zum Buch greifen. Allen anderen reicht die Lesung.

Walter Kreye wirft seine sprecherspezifische Autorität in die Waagschale, um die moralische Haltung des Autors und des Ermittlers zu stützen. Zurückhaltung wäre hier falsch am Platz gewesen. Und Kreye gelingt auch, die beiden Hauptfiguren Oli und Adres einigermaßen zu charakterisieren. Die meisten anderen bleiben charakterlich schattenhaft, deshalb erweckt sie per situationsabhängiger Dramatik zum Leben. Das ist okay für eine befriedigende Lesung.

|4 Audio-CDs mit 310 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Svörtuloft (2009)
Aus dem Isländischen übersetzt von Coletta Bürling
ISBN-13: 978-3785744581|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

_Arnaldur Indriðason bei |Buchwurm.info|:_
|Napóleonsskjölin|, 1999 (deutsch: [„Gletschergrab“ 3068 2005)
|Bettý|, 2003 (deutsch: [„Tödliche Intrige“ 1468 2005)
[„Tödliche Intrige“ (Hörspiel)]http://buchwurm.info/REDAKTION/review/book.php?id__book=7155

Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Ikarus 2001. Best of Science Fiction

Best of Classic SF, mit seltsamen Lücken

Wolfgang Jeschke, der ehemalige Herausgeber der SF- & Fantasy-Reihe im Heyne-Verlag, hat als seine letzten Herausgebertaten drei Bände mit den besten SF-Erzählungen veröffentlicht:

1) Ikarus 2001
2) Ikarus 2002
3) Fernes Licht

Die Beiträge in diesen drei Auswahlbänden stammen von den besten und bekanntesten AutorInnen in Science-Fiction und Phantastik. In diesem ersten Band sind Beiträge aus den Jahren 1955 bis 1987 vertreten.

Der Herausgeber

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

Die Erzählungen

1) Walter M. Miller: Der Darfsteller (The Darfsteller, 1955)

In der nahen Zukunft hat das von programmierbaren Schaufensterpuppen ausgeführte „Autodrama“ das traditionelle Theaterschauspiel abgelöst – und mit ihm auch die menschlichen Darsteller. Thornier, der einst große Mime, hat dadurch seine Berufung verloren, doch er arbeitet immer noch im Theatergebäude: als Reinigungskraft. Dass er sich erniedrigt fühlt, versteht sich von selbst. Sein Kumpel Rick erklärt, wie das Autodrama im einzelnen funktioniert, und ein tollkühner Plan.

Als das neue Stück namens „Der Anarchist“ seine Premiere hat, will er die Puppe der Hauptfigur ausfallen lassen und für sie einspringen. Soweit klappt sein Plan auch hervorragend, denn die Koproduzentin spielt mit, ist sie doch eine alte Bekannte von Thornier. Doch dann taucht auch seine frühere Geliebte Mela auf, die ebenfalls in diesem Stück durch eine Puppe verkörpert wird. Und an diesem Punkt beginnen die Dinge schiefzugehen …

Mein Eindruck

In jeder Zeile verrät der Autor seine genaue Kenntnis des Theaters, und zwar nicht nur von dessen äußerer Mechanik und Verwaltung, sondern auch vom Innenleben der Schauspieler – wie sie „ticken“, was sie motiviert, was sie zum Versagen und zum Weitermachen bringen kann. Diese Psychologie erfüllt den Charakter der Hauptfigur der Geschichte auf glaubwürdige Weise und bringt den Leser dazu, mit ihm zu fühlen: sich zu freuen, mit ihm zu bangen.

Der Autor verschließt auch nicht die Augen vor der Notwendigkeit der Veränderung durch neue Technik: Rechner, Fernsehen, Schreibmaschine, was auch immer – nun ist es eben Autodrama. Doch er sagt auch, dass jede unabwendbar erscheinende Veränderung nicht immer zum Besten ausschlagen muss. Die Hauptsache ist doch meist, dass sie Geld einbringt. Wenn dadurch einige tausend Leute ihren Job verlieren – nun ja, dann müssen sie eben umsatteln. Leichter gesagt als getan.

Was die Geschichte inzwischen antiquiert erscheinen lässt (anno 1982 wohl nicht so sehr als jetzt, 2007), sind natürlich die technischen Details. Die Programmierung der „Mannequins“, die wie frühere Stars aussehen, erfolgt noch mit Lochstreifenbändern wie anno dazumal und noch nicht mit magnetischen (Festplatte) oder optischen Medien (mit Laserabtastung) wie heute. Auch das ein paar verwirrende Druckfehler den Leser stören, gehört zu den Schwächen dieses Textes. Auf Seite 388 muss es z.B. statt „mit einem … Federhütchen und dem Kopf“ natürlich „auf dem Kopf“ heißen.

2) David J. Masson: Ablösung (Traveller’s Rest, 1965)

Der Soldat H kämpft in vorderster Front einen Grenzkrieg, von dem er nicht weiß, wer der Feind ist und wer ihn angefangen hat. Endlich wird er abgelöst und darf zurück in die Heimat. Erst den Berg hinab, weiter unter Beschuss, dann ins Teil, wo er seinen Kampfschutzanzug loswird und Zivilkleidung bekommt. Er kann sich jetzt an seinen Namen erinnern: Hadol oder Hadolaris, richtig? Der Zeitgradient scheint auch seine Erinnerung zu beeinflussen.

Ganz oben an der Bergfront ist die Zeit aufgrund der Konzeleration am dichtesten: Sie vergeht kaum. Je weiter er ins Tal und dann in die Ebene gelangt, desto mehr Zeit vergeht für ihn subjektiv. Deshalb versucht er auch, so weit wie möglich von der Front wegzukommen, um eben mehr Zeit für sein Leben zu haben. Nicht jeder wird abgelöst, das muss er ausnutzen. An der Südostküste findet er einen Job in einer Firma und steigt dort im Laufe der Jahre auf, die nun vergehen. Er gründet eine Familie und zieht drei Kinder groß, für deren Zukunft er mit seiner Frau Mihanya schon Pläne schmiedet.

Doch nach 20 Jahren holen sie ihn wieder: drei Soldaten, die ihm seinen Einberufungsbefehl zeigen. Er muss sofort mitkommen, ohne seine Familie zu benachrichtigen. Alles verläuft wieder umgekehrt. Die Konzeleration schlägt wieder zu: Im Bunker an der Front sind seit seiner Ablösung lediglich 22 Minuten vergangen, rechnet er nach. Jetzt ist er nur noch Had, dann bloß noch H, als er lossprintet, um seine Stellung zu erreichen.

Mein Eindruck

Die Parallelwelt, in der Hadolarison lebt, hat einige Ähnlichkeit mit den Vereinigten Staaten, doch es gibt einen gravierenden Unterschied: die Zeitgradienten zwischen der Grenze in den Bergen und dem Hinterland. Dadurch vergeht die Zeit unterschiedlich schnell und sehr relativ. Das betrifft sogar den Aufenthalt im Nordosten im Gegensatz zum Südosten.

Merkwürdig kommt es Hadolaris vor, dass an der Grenze der Gradient praktisch gegen unendlich geht, so dass dort fast keine Zeit vergeht. Es ist, als wäre die Grenze ein Spiegel. Und wenn das stimmt, dann wären die Geschosse, die der Feind abfeuert, im Grunde die eigenen. Als er diesen ketzerischen Gedanken äußert, wird ihm gesagt, er solle sich nicht lächerlich machen.

Besonders interessant fand ich, dass zusammen mit der Zeitdehnung auch der Name des Soldaten immer länger wird: von H zu Had zu Hadol zu Hadolaris zu Hadolarisón und so weiter. In umgekehrter Richtung verkürzt sich der Name bis hin zum Einzelbuchstaben H. Hadols Bezeichnung allerdings lautet XN2. Die Entpersönlichung, die hier angedeutet wird, ist ein typisches Merkmal militärischer Strukturen, wie sie etwa in Kubricks „Full Metal Jacket“ erschreckend dargestellt wurden. Der Mensch darf nicht als Individuum existieren, sondern muss als Rädchen im Getriebe funktionieren, und das geht nur, wenn er austauschbar ist: eine Nummer.


3) Roger Zelazny: Der Former (He Who Shapes, 1965)

Bedeutende Forschungen auf dem Gebiet der Psychiatrie haben zur Einführung einer neuen Technik, der Neuro-Partizipations-Therapie, geführt. Mit ihrer Hilfe kann der Therapeut direkt in das Unterbewusstsein des Patienten eindringen, von dort aus den Heilungsprozess beginnen und den Patienten langsam umformen. Ein solcher „Former“ ist Charles Render. Er spielt Gott, indem er realistische Traumwelten in der Psyche seiner Patienten modelliert, die, richtig angewendet, zur allmählichen Gesundung führen sollen. Bis eines Tages …

Dr. Eileen Shallot, eine blinde Psychiaterin, bittet Charles Render, ihr über den Umweg der Geistesverbindung das Sehen zu ermöglichen, ein lang gehegter Wunsch der Blinden. Trotz der Gefahren, welche die Therapie bei willensstarken Personen mit sich bringt – die von Geburt an blinde Eileen verfügt über ein Realitätsempfinden, das stark von der tatsächlichen Realität abweicht – ist Render bereit, die Therapie zu beginnen. Um Eileens geistige Gesundheit zu erhalten, muss er ihre ‚idyllische‘ Weltsicht durch das Aufzeigen realer Dinge korrigieren. Aber sie erweist sich als stärker als er und zieht ihn in ihre Traumwelt hinein, bis es für Render kein Entkommen mehr gibt. Der Psychiater endet im Wahn. Aber in einem schönen.

Mein Eindruck

Ist dies nun eine Drogenstory, die sich auf einen Trip begibt, wie ihn Timothy Leary mit Hilfe von LSD verwirklichen wollte und anpries? Oder geht es doch „nur“ um den inner space, also die Bewusstseinswelt, die ähnlich bizarr ausfallen kann wie eine fremde Welt? Darin folgt Zelazny der britischen New Wave und ihrem wichtigsten Autor J. G. Ballard.

Der Autor zieht C.G. Jungs Psychologie heran, um den Leser durch eine Galerie mythischer Elemente zu führen, die teils aus der Artussage, teils aus der nordischen Götterdämmerung stammen. Es ist ein ganz schön bunter Trip, voll faszinierender Erlebnisse, und manchmal wünschte ich mir, auch so einen Former zu kennen, der mal mein eigenes Unterbewusstsein aufräumen würde. Zelazny hat die Novelle zu einem Roman ausgebaut: „The Dream Master“ erschien 1966.

4) Alfred Bester: Die Mörder Mohammeds (The Men Who Murdered Mohammed, 1967)

Henry Hassel, Professor am Psychotic Center der Unknown University irgendwo im Mittelwesten, ist eifersüchtig: Er hat seine Frau Greta in den Armen eines Fremden entdeckt. Doch statt sie beide über den Haufen zu schießen, fällt ihm als verrücktes Genie etwas viel Besseres ein: eine Reise in die Zeit, um Gretas Vorfahrinnen zu töten. Die Zeitmaschine ist rasch erfunden und Großvater sowie Großmutter getötet. Der Effekt? Gleich null. Greta und der Fremde liegen sich weiterhin in den Armen.

Nach einem Anruf bei der Künstlichen Intelligenz Sam ändert Henry seine Methode: Er setzt auf Masseneffekte. Daher erschießt er als nächsten George Washington im Jahr 1775. Die Wirkung? Absolut null. Ebenso auch bei Napoleon, Mohammed, Caesar und Christoph Kolumbus. Woran kann es nur liegen, fragt er sich frustriert.

Ein Anruf bei der Bibliotheks-KI bringt ihn auf die Spur eines weiteren Zeitreise-Genies: Israel Lennox, Astrophysiker, der 1975 verschwand. Zudem erfährt er, dass auch der Liebhaber seiner Frau ein Zeitspezialist ist, William Murphy. Könnte er ihn ausgetrickst haben? Lennox belehrt Henry eines Besseren: Henry Problem liegt nicht an seiner Methode, sondern an der Natur der Zeit: Sie ist stets individuell. Eine Veränderung betrifft stets nur den Zeitreisenden selbst, nicht aber die anderen Zielpersonen. Und weil jeder „Mord“ den Zeitreisenden weiter von seinen Mitmenschen entfernt, ist Henry Hassel jetzt ebenso wie Israel Lennox ein Geist …

Mein Eindruck

Die Story ist zwar völlig verrückt, aber eminent lesbar, wie so häufig bei Alfred Bester. Neu ist hier das Konzept, dass Zeit völlig individuell sein soll. Jedem Menschen ist wie einer Spaghettinudel im Kochtop seine eigene Zeit zugewiesen (von wem, fragt man sich). Das macht die Einwirkung auf andere Zeit-Besitzer, quasi also auf andere Nudeln im Topf, unmöglich. Noch irrsinniger ist die Vorstellung, dass all die Versuche, auf andere einzuwirken, zum Verschwinden des „Mörders“ führen könnten. Aufgrund welcher Gesetzmäßigkeit? Hat es etwas mit Entropie zu tun? Der Autor erklärt mal wieder nichts, obwohl er mit Formeln um sich wirft, was den Spaß nur halb so groß werden lässt.

5) J. G. Ballard: Der Garten der Zeit (The Garden of Time, 1967)

Graf Axel lebt mit seiner klavierspielenden Frau in einer prächtigen Villa, zu der ein See und ein bemerkenswerter Garten gehören: In diesem Garten wachsen die Zeitblumen. Eine Zeitblume speichert in ihrer kristallinen Struktur Zeit und wenn Graf Axel eine Blüte bricht, so dreht er die Zeit ein wenig zurück, mal eine Stunde, mal nur wenige Minuten, je nach der Größe und Reife der Blume.

Diesmal bricht er wieder eine, denn über die Anhöhe des Horizonts drängt eine Lumpenarmee auf die Villa zu, die alles in ihrem Weg zu zertrampeln und zu zerstören droht. Schwupps, ist die Armee wieder auf den Horizont zurückgeschlagen. Aber das nicht ewig so weitergehen. Leider sind nur noch ein halbes Dutzend Zeitblumen im Garten der Zeit verblieben. Seine Frau bittet ihn, die letzte Blüte für sie übrigzulassen …

Als die Lumpenarmee den Garten erobert und die Villa plündert, findet sie nur noch eine Ruine vor, der Garten ist verlassen und verwildert. Nur mit größter Vorsicht umgehen die namenlosen Plünderer ein Dornendickicht, das zwei Steinstatuen umschließt: einen Mann und eine edel gekleidete Frau, die eine Rose in der Hand hält …

Mein Eindruck

Das Szenario des Grafen und seiner Gräfin in ihrem Garten aus konservierter Zeit sind eine elegische Metapher auf die gesellschaftliche Überholtheit der adeligen Klasse. Sie huldigt Idealen von Schönheit, die dem „Lumpenproletariat“ – ein begriff von Marx & Engels – völlig fremd sind. Dieses sucht lediglich materielle Werte, zerstört Bilder und Musikinstrumente ebenso wie Bücher, um Heizmaterial zu erhalten. Der Gegensatz ist klar: Bei den Adeligen bestimmt das Bewusstsein das Sein, bei den Proleten ist es umgekehrt: Der Materialismus triumphiert. Die hinfortgespülte Klasse existiert nur noch als Statuen, genau wie heutzutage.

Ein SF-Autor also, der der Revolution das Wort redet? Wohl kaum, denn sonst würde er den zerbrechlichen Zeitblumen solche schönen Worte widmen, die an Poesie nichts zu wünschen übriglassen. Er trauert den vergangenen Idealen nach, doch der Garten macht seine eigene Aussage: Sobald die letzte Blume vergangen ist, bricht die aufgeschobene Zeit mit aller Macht über die Adeligen herein und lässt sie zu Stein erstarren. Wie immer bei Ballard ist dieser abrupte Übergang überhaupt nicht kommentiert oder gar einer Erwähnung wert. Der Leser muss ihn sich dazudenken.

6) George R. R. Martin: Abschied von Lya (A Song For Lya, 1973)

Robb und Lyanna sind Talente – er kann Gefühle anderer erspüren, sie deren tiefste Gedanken. Auf Bitten des Planetaren Administrators der erst vor zehn Jahren erschlossenen Welt der Shkeen sollen sie herausfinden, was die menschlichen Siedler in die Arme der Religion der Ureinwohner treibt – und wie man dies verhindern kann. Denn bei dieser Religion geht es darum, sich mit einem Parasiten zu verbunden und nach Ablauf weniger Jahre sich in den Höhlen von Shkeen, einem Riesenparasiten, dem Greeshka, hinzugeben – und absorbiert zu werden.

Nicht auszudenken, wenn sich dieser Kult auf andere Welten der Menschheit ausdehnen würde. Immerhin hat sich Gustaffson, einer der Vorgänger des Administrators, diesem Kult angeschlossen. Und immer mehr Menschen scheinen ihm folgen zu wollen.

Robb findet einige Dinge an dieser Welt bemerkenswert. Die Zivilisation existiert hier bereits 14.000 Jahre, ist also weitaus älter als die menschliche, doch sie befindet sich auf dem Niveau unserer Bronzezeit. Zudem glauben die Shkeen weder an ein Jenseits noch an einen Gott, sondern lediglich an das Glück der Verbundenheit mit dem Greeshka und an die abschließende Vereinigung. Aber was haben sie davon? Und warum sind die „Verbundenen“ so glücklich?

Als sich Robb und Lyanna mit dem Seelenleben der Verbundenen befassen und sogar auf Gustaffson selbst stoßen, müssen sie sich mit einem grundlegenden Problem aller denkenden und fühlenden Lebewesen auseinandersetzen: dass das fortwährende Alleinsein nur durch die Liebe oder den Tod überwunden werden kann. Was aber, wenn Liebe und Tod ein und dasselbe sind?

Mein Eindruck

Dieser detailliert geschilderte Kurzroman ist wunderbar zu lesen, denn der Autor befasst sich sehr eingehend mit dem Gefühlsleben des zentralen Liebespaares und dem Dilemma, in dem es sich plötzlich wiederfindet. Denn Lya hat im Geist der Verbundenen von dem Glück gekostet, das die Vereinigung mit dem Greeshka spendet.

Dieses Glück besteht offenbar nicht nur in der grenzenlosen Liebe der Vereinigung, die über die Liebe zu Robb hinausgeht, sondern auch in der Überwindung des Todes und der irdischen Begrenztheit. Kurzum: Sie ist mit einem Gott vereint, wenn sie den Übergang wagt. Aber dafür muss sie Robb verlassen, falls er ihr nicht folgt. Wie wird er sich entscheiden?

Die zunehmend elegische Stimmung ist charakteristisch für die tiefschürfenden Erzählungen des frühen George R. R. Martin. Sie brachten ihm zahlreiche Auszeichnungen und wirtschaftlichen Erfolg ein – bis er dann Drehbuchautor wurde. Aus dieser Erfahrung wiederum erwuchs ihm die Routine, um das gewaltige Epos von Winterfell zu erschaffen, das in der deutschen Ausgabe etwa zehn Bände umfasst – und offenbar immer noch nicht abgeschlossen ist.

7) Ursula K. Le Guin: Das Tagebuch der Rose (The Diary of the Rose, 1976)

Dr. Rose Sobel ist medizinische Psychoskopin und hat die Aufgabe, das Bewusstsein von Patienten ihrer Vorgesetzten Dr. Nades zu untersuchen, d. h. sowohl die bewusste als auch die unbewusste Ebene. Die neuesten Patienten sind die depressive Bäckerin Ana Jest, 46, und der paranoide Ingenieur Flores Sorde, 36, ein angeblich psychopathischer Gewalttäter.

Ana Jest bietet keinerlei Überraschungen, was man von F. Sorde nicht behaupten kann. Nicht nur ist er ein überaus verständiger, friedlicher und intelligenter Mann, sondern bietet Dr. Sobel auch ein besonderes Erlebnis: Aus seinem Bewusstsein generiert er das perfekte Abbild einer großen roten Rose, wie sie Dr. Sobel noch nie gesehen hat. Was hat das zu bedeuten? Doch das weitere Vordringen verhindert Sordes deutliche Blockade: „ZUTRITT VERBOTEN!“

Sobel beschwert sich über dieses Ausgeschlossenwerden und Sorde muss ihr erklären, wovor er Angst hat: vor dem Eingesperrtsein, vor Gewalt, vor Unfreiheit und vor allem vor dem Vergessen, das die Elektroschocktherapie bringen wird. Sie dementiert, dass es eine ETC geben werde, doch er lächelt nur über ihre Naivität. Sie mag ja eine Diagnose stellen, aber die Entscheidung über die Behandlung treffen andere, so etwa Dr. Nades. Oder die TRTU, was wohl die Geheime Staatspolizei ist. Durch Einblicke in seine Kindheit erkennt sie, wonach er sich sehnt: nach einem Beschützer, der ihm alle Angst nimmt. Seine Idee von Demokratie demonstriert er mit dem letzten Satz von Beethovens neunter Sinfonie: Brüderlichkeit, Freiheit usw. Au weia, denkt, Rose, er ist also doch ein gefährlicher Liberaler.

Dennoch schafft sie es, ihn aus der Abteilung für Gewalttäter in die normale Station für Männer verlegen zu lassen. Dort lernt er Prof. Dr. Arca kennen, den Autor des Buches „Über die Idee der Freiheit im 20. Jahrhundert“, das Sordes gelesen hat. Das war, bevor es verboten und verbrannt wurde. Prof. Arca hat durch die Elektroschocktherapie sein Gedächtnis verloren. Sordes befürchtet stark, dass er genauso werden wird wie Arca. Rose ist verunsichert. Sie versteckt ihr Tagebuch. Denn dieses Tagebuch enthält auch ihre eigenen geheimen Gedanken und Gefühle, und wer weiß schon, was die TRTU davon hielte?

Mein Eindruck

Rose Sobel denkt, sie wäre eine unbeteiligte Beobachterin, wenn sie einem Menschen ins Bewusstsein blickt. Aber das ist, wie wir durch Heisenbergs Unschärferelation wissen, eine Selbsttäuschung. Der Beobachter beeinflusst das zu Beobachtende und umgekehrt. Ganz besonders bei Menschen. So kommt Rose nicht umhin, von Sordes beeinflusst zu werden, und sich verbotene Fragen zu stellen. Fragen, die auch die klugen Ratgeber, die ihre Chefin empfiehlt, nicht beantworten: Warum haben alle so viel Angst?

Dass etwas mit ihrer eigenen Welt nicht in Ordnung sein könnte, geht ihr nur allmählich auf. Dass die TRTU ihren Patienten vielleicht völlig grundlos wegen „Verdrossenheit“ eingewiesen hat und ihn schließlich fertigmachen will, entwickelt sich nur allmählich zur schrecklichen Gewissheit. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es keine unpolitische Psychiatrie mehr geben kann. Deshalb will sich Rose zur Kinderklinik versetzen lassen. Ob dort die Patienten weniger Angst haben werden?

Die Erzählung ist typisch für Le Guin: Sie zeigt die politische, ethische und zwischenmenschliche Verantwortung der Mitarbeiterin in der staatlichen Psychiatrie auf. Diese Verantwortung ist auf heutige Verhältnisse zu übertragen, falls es dazu kommt, dass in den USA ein Polizeistaat errichtet wird. Und wenn man den Patriot Act von 2001 mal genau durchliest, dann kann es sehr leicht dazu kommen. Ich liebe solche warnenden Geschichten. Sollen sie mich doch dafür einsperren und „therapieren“ …

8) John Varley: Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1977)

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwenglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körpers umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als Erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

Mein Eindruck

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA.

9) James Tiptree alias Alice Sheldon: Geteiltes Leid (Time-Sharing Angel, 1977)

Die 19-jährige Jolyone Schram liebt die Natur und arbeitet in Los Angeles beim Rundfunksender. Dieser Sender ist neu, liegt auf einem hohen Berg und verfügt über die stärkste Sendeleistung der Stadt. Wahrscheinlich deshalb kann es an diesem zu dem ungewöhnlichen Ereignis kommen.

Erst hat Jolyone, die in einer Zahnfüllung einer Sender empfängt, eine schreckliche Vision: Die Erdoberfläche wird unter Massen von Menschen begraben. Als ein SF-Autor im Sender die finstere Zukunft der Menschheit ausmalt, hält Jolyone gerade ein Stromkabel in der Hand. Erschüttert fleht sie zu Gott, er möge all dies aufhalten. Eine unbekannte Stimme antwortet ihr auf ihrem gefüllten Zahn, dass das in Ordnung gehe.

Schon bald machen sich die ersten Anzeichen des Wirkens des Engels bemerkbar. Von jeder Familie, und sei sie noch so groß und verbreitet, bleibt nur das jüngste Kind bei Bewusstsein, alle anderen fallen in Tiefschlaf. Weltweite Panik! Doch nach ein paar Tagen verbreitet sich die Kunde von einem wieder erwachten Kind irgendwo in West-Virginia. Ein Mathegenie berechnet die Arithmetik: Wenn Mrs. McEvoy 26 Kinder hat, dann jedes davon nur etwa 14 Tage im Jahr wach sein (weil zweimal 26 genau 52 Wochen = 1 Jahr ergibt). Wer zwei Kinder hat, der kann sich an sechs Monaten Wachsein der Kinder erfreuen und so weiter. Dieser Effekt hat eine verblüffende Folge: Da nur das Wachsein als Lebenszeit zählt, können die Schläfer bis zu 3000 Jahre alt werden!

Die Welt verändert sich beträchtlich, das Wachstum kommt zu einem knirschenden Halt, Wirtschaften brechen fast zusammen, doch die Ressourcen bleiben erhalten. Die Ich-Erzählerin trifft eines Tages Jolyone im Park, und diese erzählt ihr alles. Endlich darf sich Jolyone auf die Zukunft freuen.

Mein Eindruck

Die Autorin Alice Sheldon hat die Erde schon viele Male untergehen lassen. Hier gewährt sie ihr wenigstens eine Gnadenfrist, eine Art Nothalt. Die Geschichte mit den Schläfern erinnert an die Romane von Nancy Kress, in denen eine Schläfer-Generation dem alten Homo sapiens Konkurrenz macht. Allerdings handelt es sich um Leute, die keinen Schlaf benötigen, also pro Tag acht Stunden mehr zur Verfügung haben. Auch daraus ergeben sich diverse Folgen.

10) Dean R. Lambe: Tefé Lauswurz (Damn Shame, 1979)

Die zwei amerikanischen Studienfreunde Albert und Frederick haben verschiedene Wege in der Medizin eingeschlagen. Al wurde Allgemeinarzt in Wisconsin, Fred ist in Kalifornien in die Krebsforschung gegangen. Nun meldet Fred in einem Brief den Durchbruch: Die Versuchsreihe mit dem Präparat AC337 führt zu sagenhaften Remissionen bei den Krebszellen! Das haut Al noch nicht vom Hocker. Erst als er zwei Patienten mit Krebs im Endstadium bekommt, wendet er sich an Fred. Die nicht ganz legal gelieferte Menge reicht aus, um eine vollständige Heilung zu bewirken.

Al ist hin und weg. Doch dann schreibt er Fred, dass seine Frau Ruth Brustkrebs im Anfangsstadium habe. Er brauche mehr von AC337. Fred schreibt seinen Lieferanten an, doch der muss passen: von dem pflanzlichen Grundstoff werde aus Brasilien nichts mehr geliefert, v. a. wegen der anti-amerikanischen Unruhen. Es gebe aber noch einen Arzt …

Leider ist auch dieser Arzt verstorben, erfährt Fred. Dr. Linhares habe sich umgebracht, als der große Amazones-Staudamm geflutet wurde – und damit auch das winzige Vorkommen des pflanzlichen Wunderstoffs von AC337 …

Mein Eindruck

Die Moral von der Geschicht‘ ist einfach: Die Menschheit opfert ihre Gesundheit dem Gott des Fortschritts. Ein soeben entdecktes Krebsheilmittel wird für immer unter den Fluten des Amazones-Stausees verschwinden. Die bittere Ironie dieser Erkenntnis wird konterkariert von der freundschaftlichen Verbindlichkeit, die sich im Schriftverkehr der beiden Freunde spiegelt. Dort scheint die Welt in Ordnung zu sein. Doch draußen, wo fremde Kräfte walten, ist sie es nicht. Eine Geschichte, die uns zur Warnung dienen sollte. Denn weiterhin werden Wälder vernichtet – und mit ihnen Heilmittel.

11) Michael Swanwick: Der blinde Minotaurus (The Blind Minotaur, 1984)

Der blinde Minotaurus ist ein Unsterblicher auf einer Menschenwelt in ferner Zukunft. Nachdem er seinen Freund, den Harlekin bei einer Gauklertruppe, in der Arena aufgrund einer Hormonmanipulation getötet hat, reißt er sich zur Selbstbestrafung die Augen heraus. Geblendet nimmt ihn seine Tochter Schafgarbe an der Hand. Doch wo ist ihre Mutter?

Er sitzt von nun an als Bettler am Straßenrand. Doch die Herrschaft der Adligen wankt. Vorbei sind die Zeit, da sie von allen als überlegen angesehen wurden, und seltsame Sekten und Rebellen gedeihen im entstehenden Chaos. Unter den Attacken junger Tunichtgute und seltsamen Sekten leidend, richtet sich der blinde Unsterbliche zum Protest auf. Er ruft die Bürger dazu, ihre Freiheit zu verteidigen. Im Hafenviertel erzählt er seiner Tochter und den anderen Bürgern der Stadt, was mit ihm geschah und wie es dazu gekommen konnte.

Mein Eindruck

Der Autor Michael Swanwick erzählt häufig Geschichten von Außenseitern. Hier schildert er in Rückblenden die Geschichte eines Unsterblichen, der in eine Art Umsturzbewegung gerät. Aus den Momentaufnahmen muss sich der Leser selbst ein Bild dessen zusammensetzen, was eigentlich passiert. Die Handlung verläuft aufgrund der Rückblenden auf zwei verschiedenen Zeit-Ebenen, und so heißt es aufpassen, auf welcher man sich gerade befindet.

Einer der wichtigsten Aspekte des Minotaurus ist seine sexuelle Potenz. Deshalb beglückt er auch in seinem sehenden Leben zahlreiche Frauen. Das eigentliche Rätsel besteht nun in dieser Hinsicht darin, wie es zur Zeugung seiner Tochter kommen konnte, wenn er doch, wie er sagt, stets „vorsichtig“ war. Könnte die Lady mit der Silbermaske, die ihm zweimal begegnet, die Mutter Schafgarbes sein?

Auch die Sache mit den Hormonen und Pheromonen bildet ein interessantes Element. Und für den Blinden ist das Riechen einer der wichtigsten Sinne geworden. So führt uns die Geschichte in zwei Welten, in die vor und die nach der Blendung der Hauptfigur.

12) David Brin: Thor trifft Captain Amerika (Thor Meets Captain America, 1986)

Man schreibt den Spätherbst des Jahres 1962, und noch immer wütet der Zweite Weltkrieg zwischen den Nazis und den Alliierten. Der Grund: anno ’44, kurz vor der Invasion der Normandie, als der Krieg bereits gewonnen schien, erschienen die Fremdweltler in Gestalt der nordischen Götter, der Asen. Der Gott der Stürme fegte die riesige Armada von der Oberfläche des Ärmelkanals. Thor zerschlug die vorgerückten Armeen der Russen, so dass sich in Israel-Iran das Zentrum des Widerstands bildete.

Doch es gibt seit 1952 einen Helfer auf Seiten der Alliierten, mit dem man nicht gerechnet hat: Loki, der Gott des Trugs. Er war es, der die Amis vor dem Einsatz der H-Bombe warnte, denn der Nukleare Winter würde auch sie vernichten. Nun haben die Amis in einer letzten verzweifelten Aktion ein Dutzend U-Boote ausgesandt, um die Asen in ihrem Zentrum anzugreifen, auf der schwedischen Insel Gotland. Vier sind davon noch übrig, und in einem davon sitzt Loki neben Captain Chris Turing, dem Leiter dieses Himmelfahrtskommandos. Sie haben eine zerlegte H-Bombe bei sich, um die Unsterblichen ins Jenseits zu blasen.

Doch die zusammengewürfelte Truppe des Kommandos wird entdeckt, und die Dinge entwickeln sich völlig anders als geplant. Hat Loki sie etwa verraten?

Mein Eindruck

Dieser Alternativgeschichtsentwurf ist an die Marvel-Comics angelehnt, deren Verfilmungen wir ironischerweise jetzt erst in den Kinos besichtigen dürfen – ein Vierteljahrhundert nach dieser Pastiche. Oder sollte ich sagen „Persiflage“? Denn weder Thor ist der aus den Comics, sondern ein echter Alien, der nicht mal ein Raumschiff brauchte, um zur Erde zu gelangen. Und wer ist der „Captain America“ des Titels? Natürlich Catain Chris Turing – ein Kerl, der von Dänen abstammt statt von echten Amis.

Allerdings ist das Szenario angemessen grimmig. Nazis überall, vor allem Totenkopf-SS, die dem Asen- wie dem Todeskult anhängt, und natürlich nordische Priester – für die Blutopferzeremonie. Aber diese Wichte haben bei den Asen, die sie gerufen haben, nichts mehr zu melden. Sie machen dementsprechend säuerliche Mienen zur Opferzeremonie.

Da die Lage sowieso aussichtslos ist, kommt es für Chris Turing auf einen guten Abgang an. Er überlegt sich, was es sein könnte, das die Asen so mächtig macht. Als er auf den Trichter kommt – dank eines kleinen Hinweises von Loki -, fällt ihm auch das einzige passende Gegenmittel ein, das dagegen hilft: Gelächter …

Entfernt man all diesen mythologischen Überbau, bleibt eine zentrale Szene übrig: Ein jüdischer KZ-Insasse, der den sicheren Tod schon vor Augen hat, lässt die Hose herunter und zeigt seinen Mörder den Hintern und ruft: „Kiss mir im Toches!“ Na, das nenn ich mal Todesverachtung.

13) Kim Stanley Robinson: Der blinde Geometer (The Blind Geometer, 1987)

Carlos Nevsky ist von Geburt an blind und hat sich mit seiner „Behinderung“ ausgezeichnet eingerichtet, ja, er ist sogar Professor für Geometrie an einer Washingtoner Universität geworden. Sein räumliches Vorstellungsvermögen ist ausgezeichnet. In letzter Zeit fällt ihm auf, dass sein Kollege Jeremy Blasingame ihn auffällig aushorcht, wie dieser glaubt. Dann tauchen Carlos‘ Ideen in dessen Veröffentlichungen auf – sicher kein Zufall, oder?

Carlos ist ein begieriger Leser alter Detektivgeschichten, insbesondere über Carrados, den blinden Detektiv. Was also lässt sich aus Jeremys Verhalten deduzieren? Dass er in jemandes Auftrag handelt? Carlos weiß, dass Jeremy mit dem militärischen Geheimdienst im Pentagon zu tun hat. Aber was hat das Pentagon, das sich ja vor allem für Waffen interessiert, mit n-dimensionaler Vervielfältigungsgeometrie am Hut?

Eines Tages gibt ihm Jeremy eine geometrische Zeichnung. Sie stamme von einer Frau, die gerade verhört werde. Alles gedruckte kopiert Carlos mit seinem Spezialkopierdrucker in Braille-Schrift. Die Zeichnung ist nichts besonderes, nur etwas Grundlegendes. Er besteht darauf, die Frau persönlich zu sprechen. Jeremy bringt sie und stellt sie als Mary Unser vor, eine angebliche Astronomin. Ihre Ausdrucksweise ist ungrammatisch. Ist das Absicht? Kann er ihr trauen? In einem unbeobachteten Augenblick, als Jeremy Trinkwasser holt, gibt Mary Carlos Signale per Handdruck. Was will sie ihm sagen?

Allmählich weiß Carlos, dass etwas nicht stimmt, und entdeckt zwei Abhörgeräte in seinem Büro. Er kauft sich selbst eine Wanze, die er in Jeremys Büro platziert. Dieser telefoniert mit einem Mann in Washington, der sich nie identifiziert. Um mehr herauszufinden, macht sich Carlos an Mary heran. Aber auch jetzt muss er sich fragen, ob sie verdrahtet ist. Erst während eines heftigen Gewitters, das alle Abhörgeräte außer Gefecht setzt, kann sie ihm die erstaunliche Wahrheit anvertrauen …

Mein Eindruck

Dieser Blinde ist so ziemlich das Gegenteil von der Blindenkolonie in John Varleys Erzählung „Die Trägheit des Auges“. Sogar dessen Heldin Helen Keller (1880-1968) wird als textbesessene Träumerin kritisiert, die viktorianische Wertvorstellungen nachhing. Dagegen nimmt sich Carlos Nevsky doch ziemlich modern aus. Wenn er auch eine eigene virtuelle Welt in seinem Kopf errichtet hat, so weiß er sich doch in der sogenannten Realität ausgezeichnet zu bewegen, denn auch davon hat er ein geometrisch exaktes Abbild in seinem Gedächtnis gespeichert.

Doch all dies gerät durcheinander, als ihm Jeremy eine Wahrheitsdroge verabreicht, die ihn dazu bringen soll, seine kühnsten Entwürfe offenzulegen. Das passiert zwar nicht, aber Carlos wankt dennoch völlig desorientiert durch Washingtons Straßen. Und dann ist da ja noch Mary, die ihn seelisch schwer aus dem Gleichgewicht bringt. Mir ihr zu schlafen, ist nicht schwer, doch kann er ihr auch sein Leben anvertrauen?

In einem dramatischen Showdown zeigt sie ihm, was sie drauf hat: Zwei Blinde gegen drei bewaffnete Männer – ob das wohl gut geht? (Denn dass auch sie blind sein muss, ahnen wir von Anfang an.)

14) Bruce Sterling & Lewis Shiner: Mozart mit Spiegelbrille (Mozart In Mirrorshades, 1985)

Die Zeitreisenden aus der Zukunft haben die Festung Hohensalzburg als Stützpunkt eingenommen, um von hier die Stadt Salzburg in den Griff zu bekommen. Rice, der Ingenieur, hat eine Ölraffinerie hingestellt, so dass nun Pipelines durch die Gassen bis ins Zeitportal führen – in die Zukunft. Im Gegenzug haben die Zeitreisenden den Einheimischen alle Segnungen amerikanischer Kultur zugutekommen lassen: Bars, Klubs, Elektronik, Drinks, Klamotten, Musik – einfach alles. Das 18. Jahrhundert wird nie mehr sein, wie es mal war. Sogar die Französische Revolution ist fast unblutig verlaufen, und Thomas Jefferson ist der erste Präsident der USA – von Zukunfts Gnaden.

Wolfgang Amadeus Mozart ist der spezielle Schützling Rices und übt schon mal, seine Art von Pop mit den Mitteln der Zukunft herzustellen. Parker wird sein Manager und sagt ihm eine große Zukunft voraus. Mozart schwärmt Rice von Maria Antonia alias Antoinette vor, der Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die jetzt, nach der Revolution, wohl in Versailles ein bisschen sein könnte. Prompt macht sich Rice auf den Weg und verliebt sich in das Luxus-Hippie-Girl.

Doch zehn Tage später kommt ein Video-Anruf von Mozart: In Salzburg sei die Kacke am Dampfen, die Raffinerie unter Beschuss, die Trans Temporal Army verteidige die Festung, deren Kommandantin Sullivan unter Kuratel gestellt worden sei. Als sich Rice in panischer Hast auf den Weg von Versailles nach Salzburg macht, trickst ihn Marie Antoinette aus und so fällt er den Masonisten-Freischärlern in die Hände. Wird Rice es jemals zurück in die Zukunft schaffen?

Mein Eindruck

Auch diese Story über einen alternativen Geschichtsverlauf bringt richtig Schwung in die Lektüre. Da trifft das bekannte Inventar des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf die modernen USA, abgesehen mal vom Zeitportal, und im fröhlichen Culture Clash entstehen skurrile Szenen. Diese Story nimmt Sophia Coppolas Film über Marie Antoinette schon um Jahre vorweg. Und Mozart wird zum Popstar der Zukunft, so wie er das ja schon zu seiner Zeit war.

Zeitparadoxa – was soll damit sein? Der Zeitverlauf, erfahren wir, hat sowieso zahlreiche Verzweigungen, wie ein Baum Äste. Deswegen mache die Kontamination DIESES 18. Jahrhunderts den vielen anderen 18. Jahrhunderten gar nichts aus. Klar soweit? Und man kann sogar zwischen verschiedenen Zeitzweigen wechseln. Daher auch das Auftauchen der Trans Temporal Army.

Im Grunde jedoch zeigen die Autoren anhand der Kulturinvasion der modernen USA, wie ja vielfach in den Achtzigern zu beobachten, verheerende Auswirkungen auf die lokale Kultur – auch im soziopolitischen Bereich. So entsteht etwa die Widerstandsbewegung der Freimaurer alias Masonistas, gegen die Thomas Jefferson schon wetterte. Und es gibt die Trans-Temporalarmee, die sich als eine Art Sechste Kolonne der Manager aus der Zukunft engagiert – und so Rices Hintern rettet. Insgesamt also ein richtiger Dumas’scher Abenteuerroman, auf wenige Seiten komprimiert.

15) Karen Joy Fowler: Der Preis des Gesichts (Face Value, 1986)

Der Alien-Forscher Taki und seine Frau, die Dichterin Hesper, sind auf die neu entdeckte Welt der Meine gekommen, um diese rätselhaften Wesen zu erforschen. Unter dem Doppelsternsystem ist es heiß und staubig, doch den insektenartigen Menen macht das nichts aus. Die fliegenden Wesen mit den Flügelzeichnungen, die wie Gesichter aussehen, leben in unterirdischen Tunnelsystemen, deren Mittelpunkt Taki noch nicht hat erreichen können. Das frustriert ihn. Die Art und Weise ihrer Kommunikation könnte Telepathie sein.

Ebenso frustriert ist er vom Verhalten seiner Frau. Sie weint der Erde hinterher, besonders ihrer längst verstorbenen Mutter, die sie sehr liebt. Sie schreibt kaum noch Gedichte, und auch lieben will sie sich nicht mehr lassen. Nach einem weiteren zudringlichen Besuch eines Mene-Schwarms verliert sie nicht nur die Beherrschung. Sie verliert buchstäblich den eigenen Verstand. Aus ihrem Mund sprechen nun die Mene: „Wir haben sie. Wir können verhandeln …“

Mein Eindruck

Mit in der SF seltener Feinfühligkeit stellt die amerikanische Autorin den Prozess dar, wie einer sensiblen Frau der Verstand geraubt wird. Das geht überhaupt nicht gewaltsam vor sich, sondern ganz sachte, fast unmerklich für Taki. Bis es auf einmal zu spät ist. Die Kommunikation verläuft in beide Richtungen, sagt er, deshalb müssen die Menschen für die Mene zugänglich sein.

Doch die Identität einer Frau scheint sich von der eines Mannes zu unterscheiden. Eine Frau wie Hesper stört es, wenn die Mene ihre Fotos, Gedichte, ihren Schmuck und ihre Kleider durchwühlen. Nicht so bei Taki, der gleichmütig hinnimmt, wenn Mene seine Bänder mitnehmen und bald wieder in den Staub fallen lassen. Ding für Ding, Stück für Stück nehmen die telepathischen Mene also die Identität Hespers an sich. Dadurch wird die Geschichte zu einer Demonstration über den Geschlechterunterschied, vor allem in psychologischer Hinsicht.

16) Lucius Shepard: R & R (R & R, 1986) = [Life During Wartime]

Diese mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Novelle bildet das Mittelstück von Shepards Roman „Das Leben im Krieg“ (Life During Wartime, 1987).

Es geht um kein triviales Thema, sondern quasi um „Apocalypse Now“ in Mittelamerika, im Dschungel Nicaraguas und El Salvadors, als die Reagan-Truppen die kommunistischen Sandinistas bekämpften. David Mingolla ist einer der amerikanischen Soldaten, Durchschnitt, er versucht, die Hölle des Krieges zu überleben. Seinesgleichen versucht mit Drogen vollgepumpt und im Direktkontakt mit ihrer Elektronik ihrer Waffen, gleichen sie eher Kampfmaschinen als Menschen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Liebe und Haß und zwischen Mythos und Realität lösen sich auf – alles wird möglich, alles ist relativ.

Was von den Soldaten übrig bleibt, falls sie die sinnlosen Gefechte und Massaker an der Zivilbevölkerung überleben, sind leergebrannte Zombies. Sie werden nie mehr fähig sein, in ein normales bürgerliches Leben zurückzukehren, es sei denn, sie springen rechtzeitig ab und desertieren. Mingolla aber desertiert nicht, sondern schlägt sich durch. Bis er schließlich zu seinem Entsetzen herausfindet, dass der Krieg nur die Fortsetzung einer jahrhundertelangen Blutfehde zweier verfeindeter mittelamerikanischer Familien ist, zwar mit anderen Mitteln, aber immerhin: Die Weltmacht USA als Handlanger von Provinzfürsten mit privaten Rachegelüsten!

Mein Eindruck

Shepards Interesse gilt nicht so sehr den (waffen-) technischen, militärischen oder wirtschaftlich-sozialen Aspekten dieses speziellen Krieges, den er schon 1984 in seiner Story „Salvador“ verarbeitete. Es geht um die Psyche, die sich in diesem Hexenkessel verändert – bis zur Unkenntlichkeit. Hier findet der amerikanische Traum sein Ende: im Dschungel, im Drogenrausch, im Kampf mit einem Jaguar, unter dem Einfluss eines Voodoo-Magiers, kurz: im Herzen der Finsternis.

17) Walter Jon Williams: Dinosaurier (Dinosaurs, 1987)

Der irdische Botschafter Drill landet auf dem Planeten der Shar, um Friedensverhandlungen zu führen. Die Shar, mit denen er sich per Übersetzungsgerät verständigt, sind pelzige, dreibeinige Wesen mit großen Augen, spitzer Schnauze und einer komplexen Sozialstruktur. Ihre Präsidentin Gram begrüßt Drill. Der massige Zweibeiner mit seiner schwarzen Haut und dem langen Penis zwischen den Beinen hört auf seine zwei eingebauten Gehirne, das Metahirn im Beckenbereich und die Erinnerung im Kopf. Die Erinnerung sagt ihm, dass er sich diplomatisch verhalten soll.

Und bald stellt sich in den Verhandlungen heraus, dass die Shar bereits Millionen Opfer auf ihren Welten zu beklagen haben. Der Grund sind die Terraformerschiffe der „Menschen“, die nicht intelligent genug sind, um die Shar als intelligente Rasse zu identifizieren nund zu respektieren. Daher wurden sie als Schädlinge „exterminiert“.

Als die Präsidentin, die mehr Geduld als ihre Minister aufbringt, nachhakt, was denn diese Unterscheidung zwischen intelligent und nicht-intelligent zu bedeuten habe, antwortet ihr Drill in aller Unschuld, dass dies eine Folge der Spezialisierung sei. Nach acht Millionen Jahren habe sich die menschliche Rasse eben zwangsläufig in spezialisierte Unterspezies aufgespalten. Manche davon, wie die Terraformer, benötigen für ihre Tätigkeit nur einfach Instruktionen, andere, wie die Diplomaten, benötigten beispielsweise auch eine komplexe Erinnerung, also die gesammelten Erfahrungen der Menschheit.

All diese Erklärungen reichen nicht, um die Koalition der Präsidentin zusammenzuhalten. Ihre Regierung zerbricht, als Drill – wieder in aller Unschuld – berichtet, woher er die Koordinaten für die Shar-Welt habe. Na, von gefangenen Shar. Und was wurde aus denen? Sie wurden liquidiert, weil man den Garten brauchte, in dem sie untergebracht waren. Dieser erneute Beweis der ahnungslosen Grausamkeit der Menschen führt dazu, dass sich General Vang an die Macht putscht und den Menschen den Krieg erklärt …

Mein Eindruck

„Menschen“ ist in sieben Millionen Jahren ein sehr relativer Begriff geworden: Drill ist ein Abkömmling der Saurier, und zwar ein ganz besonders hässlicher. Dagegen sind die Shar ja richtig putzige Menschlein, mit denen wir uns identifizieren können. Drill jedoch hält sie für primitiv, weil sie noch an seltsame Dinge wie Moral glauben. Als ob dies im Laufe der Evolution irgendeine Rolle spielen würde. Sie sind wie einst die Saurier, zum Aussterben verurteilt. Was schon ziemlich ironisch ist.

Die eigentliche Kritik des Autors, der im Grunde keine Seite einnimmt, ist jedoch das, was den Shar so widerwärtig erscheint: die ahnungslose Grausamkeit der „Menschen“. Da diese keine Vorstellung mehr von Moral und Prinzipien haben, sondern vor allem durch Protein und Sex – Drills Metahirn quengelt regelmäßig danach – befriedigt werden, muss es etwas anderes sein, das das Verhalten der „Menschen“ steuert. Am Ende ihres letzten Zwiegesprächs erkennt Präsidentin Gram mit bitterer Trauer, um was es sich handelt: Instinkt und Reflex. So weit hat sich also die prächtige „Menschheit“ entwickelt!

Die Übersetzungen

Auf Seite 508ff. ist mehrfach von der iranischen Stadt „Tehran“ die Rede. Sie heißt bei uns Teheran. Man kann diese Schreibweise aber stehen lassen, weil es sich um eine alternative Welt handelt.

Auf der Seite 509 ist von dem „Gott der Trugs“ die Rede, aber gemeint ist Loki, also der „Gott des Trugs“!

Auf Seite 770 heißt es: „Die Welten auf beiden Seiten sind der Sicherheitspfand.“ Also, bei uns in der Schule war DAS Pfand immer sächlich, nicht männlich.

Unterm Strich

Diese Best-of-Auswahl wird ihrem Anspruch durchaus gerecht – was ja nicht selbstverständlich ist. Alle Texte sind durchweg top, ganz besonders die herausragenden Novellen von Robinson, Zelazny, Shepard, Martin und Miller. Alle anderen sind meist sehr bekannt und vielfach abgedruckt, ausgenommen die Stories von Fowler, Lambe und Masson, die man nur selten findet.

Zwei Aspekte fallen auf: Alle Erzählungen sind von nicht-technischen Themen charakterisiert, also meist psychologischer, soziologischer oder biologischer Natur. Das heißt, wenn nicht gerade wieder mal ein alternativer Geschichtsverlauf eine Rolle spielt, wie etwa bei Brin oder Williams. Durch dieses Übergewicht unterscheidet sich diese Auswahl von vielen, die man heute in den USA finden würde. Keine einzige Story von Bear, Benford oder Niven ist hier zu finden, Autoren, die für Hard SF stehen, also naturwissenschaftlich orientierte Science-Fiction.

Was betrüblich zu konstatieren ist, ist das Fehlen jeglicher Beiträge von Philip K. Dick und John Brunner, zwei im Heyne SF Programm nicht gerade unterrepräsentierten Autoren. Heyne hat fast das komplette Werk von Brunner veröffentlicht sowie einige der wichtigsten Arbeiten von Dick. Wieso fehlen sie hier? Vielleicht sind sie ja in „Ikarus 2002“ oder „Fernes Licht“ zu finden. Stay tuned.

Taschenbuch: 782 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453179844|
http://www.heyne.de

_Wolfgang Jeschke (als Herausgeber) bei |Buchwurm.info| [Auszug]:_
[„Titan-1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4724
[„Titan-2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7346
[„Titan-3“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7347
[„Titan-4“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7086
[„Titan-5“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7087
[„Titan-6“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4327
[„Titan-7“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4486
[„Titan-8“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3747
[„Titan-9“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4274
[„Titan-10“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3687
[„Titan-11“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4509
[„Titan-12“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4538
[„Titan-13“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7350
[„Titan-14“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7348
[„Titan-15“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7351
[„Titan-16“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7349
[„Titan-18“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7353
[„Titan-19“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7352
[„Titan-20“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7354

Kluge, Manfred (Hrsg.) – Trägheit des Auges, Die; Magazine of Fantasy and Science Fiction 53

_Unerwartete Abgänge: Polaroids des Todes_

Vom traditionsreichen SF-Magazin „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ erscheinen in dieser 53. Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von den taubblinden Kindern, die eine neue Form des Zusammenlebens suchten – und fanden.

2) Die Story von den Wissenschaftlern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das größte Säugetier der Galaxis zu erforschen.

3) Die Story von dem Popstar, der sich vor einem Millionenpublikum einen leuchtenden Abgang verschafft.

4) Die Story von der Instantkamera aus dem Nachlass eines Zauberers, die makabre Nebenwirkungen zeigt.

5) Die Story von dem chinesischen Zauberkabinett, mit dessen Hilfe man in jede Welt gelangen kann, die je beschrieben worden ist.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) John Varley: Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1978, HUGO und NEBULA)_

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwänglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körpers umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

|Mein Eindruck|

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA. Der Verweis auf Helen Keller (1880-1968) und ihre Lehrerin Ann Sullivan verhilft dem Leser zu einem Einstieg in die Thematik, etwa in der Wikipedia.

_2) Gregory Benford: In fremdem Fleisch (In Alien Flesh)_

Im System Zeta Reticuli haben Wissenschaftler vor 30 Jahren eine hochintelligente Spezies entdeckt, die Droghenda. Die gigantischen Fettklumpen, die zu höchster Mathematik fähig sind, leben in einem weiten Ozean, kommen aber mitunter in seichtes Wasser, um – ja, um was zu tun? Das gilt es ja eben zu erforschen.

Zu diesem Zweck wird Reginri angeheuert, der mit seiner Gefährtin Belej eine Art Farmer ist. Folglich muss er in diesen Job, von dem er mehr Geld als aus der Feldarbeit erhofft, genau eingewiesen werden. Die Wissenschaftsingenieure Vanleon und Satsuke erklären ihm seine Aufgabe: Er soll in das Einstiegsloch in zehn Meter Höhe steigen und die Kabel in die Tiefe führen, an denen die Sensoren angebracht sind. Diese Sensoren sollen die Gedanken des Droghenda empfangen und übermitteln.

Mit dem Einstieg klappt es ganz gut, und Reginri arbeitet sich in seinem Raumanzug in die Tiefe der schlüpfrigen Gänge vor. Doch auf einmal gerät der Fleischberg in Bewegung und der Kontakt zu Vanleon reißt ab. Reginri überbrückt mit einer Notschaltung, bekommt aber auf einmal die Gedanken des Wesens mit, in dem er steckt. Kosmische Gedankenbilder und heftige Gefühle überladen seinen Geist …

|Mein Eindruck|

Die Story gehört zur SF-Untergattung „Erstkontakt“. Dabei spielt das Wechselspiel zwischen Beobachter und Beobachtungsgegenstand die zentrale Rolle. In der technizistischen SF Campbell’scher prägung ist der Beobachter stets objektiv, kühl und unangetastet. Dies änderte sich spätestens in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als die Autoren (neben vielen anderen) verstanden, dass der Mensch ein Teil des lebenden Organismus namens Erde ist und nur als solcher betrachtet werden kann. Das ist der Grundgedanke der Ökologie.

Der Autor überträgt das Grundprinzip der Partizipation auf den Erstkontakt. Die Droghenda haben etwas, das die Menschen unbedingt haben wollen. Deshalb wird eine Menge Mühe aufgewendet, um sie zu erforschen. Doch der Beobachter wird unversehens zum Teil des Beobachteten. Es kann nicht ausbleiben, dass beide einander etwas geben. Und so wird Reginri stets einen Teil der Droghenda-Welt mit sich tragen …

Die Story ist einfach in mehreren Rückblenden erzählt, schildert aber eine mehrdimensionale Erfahrung: die Technik, die Gefühle und die Gedanken, die dabei eine Rolle spielen. Und die Erfahrung ist nicht zu Ende, sondern führt auf Reginris Heimatwelt und in seiner Liebesbeziehung zu Veränderungen …

_3) Edward Bryant: Die Schere zerbricht am Stein (Stone)_

Jain Snow ist ein großer Star im Sensostim-Konzertgeschäft. Sie ist in ihr Senso-Netz eingehüllt, und durch die Wunder der Technik übertragen sich die Gefühle, die sie in ihrem Publikum erweckt, zurück auf sie, so dass eine Rückkopplung entsteht. Für eben diese Sensostim-Technik ist Rob, ihr Geliebter, zuständig. Er ist aber nur einer in ihrer Familie aus engsten Vertrauten und Gelegenheitslovern.

Das größte Konzert der Tournee soll in Denvers Arena vor 900.000 Zuschauern stattfinden. Die Technik macht diese gigantische Zuschauermenge zu einem Teil der Erfahrung, und diese Erfahrung dürfte diesmal außerordentlich sein. Am Nachmittag davor bittet Jain ihren Techniker-Geliebten um einen besonderen Gefallen. Er solle ihre Asche von einem Berg ihrer Heimat verstreuen. Da er beim Knobeln – dem Spiel von Stein, Schere und Papier – verliert, willigt er ein.

Tatsächlich wird das Konzert zu einer ungewöhnlichen Erfahrung – doch es endet anders, als das Management es sich vorgestellt hat …

|Mein Eindruck|

Obwohl die Handlung bis zum Finale nachvollziehbar erzählt ist und auch die Gefühle voll zur Geltung kommen, so fehlt doch etwas, um sie großartig zu machen. Dieses Etwas besteht in der fehlenden Begründung für Jains Freitod durch sensorische Überlastung. Sie ist ja nicht gerade verzweifelt, kurz vorm Bankrott oder weint einem Lover hinterher, der ihr Herz brach. Die einzige Begründung, die der Autor liefert, ist der Verlust beider Eltern in Jains Kindheit. Ansonsten gilt nur Neil Youngs Motto: „It’s better to burn out than to fade away.“ Die Story wurde trotzdem mit Preisen ausgezeichnet.

_4) Robert Bloch: Du kriegst, was du siehst (What You See Is What You Get)_

Charlie Randall ist kein Mann für auffällige Aktionen, denn er dealt mit Rauschgift. So kauft er sich eine neue Kamera nicht etwa im Supermarkt, sondern in einem Trödelladen, wo alte Dinge aus Nachlässen und Auktionen zu finden sind. Diese spezielle Kamera macht Fotos nach dem Polaroid-Prinzip, entwickelt den Schnappschuss also auch gleich. Für zehn statt vierzig Piepen ein Schnäppchen, denkt Charlie.

Als erstes Motiv nutzt er seinen einzigen Lebensgefährten: Butch, den Deutschen Schäferhund. Doch als Charlie vom Dealen zurückkehrt, attackiert ihn Butch, und er kann sich gerade noch mit einem kühnen Sprung in Sicherheit bringen. Wenig später ist Butch tot. Vor seinem Maul steht Schaum, was auf einen akuten Fall von Tollwut hindeutet. Noch ahnt Charlie nichts, als er ihn im Steinbruch begräbt.

Als am nächsten Tag ein Anwalt die Kamera kaufen will, merkt Charlie, das an dem Ding etwas Besonderes dran ist. Warum sollte jemand 500 Dollar für einen 10-Dollar-Apparat anbieten. Der Anwalt sagt, sie stamme aus dem Nachlass eines Zauberers, und dessen zwei Söhne würden sie gerne „aus sentimentalen Gründen“ gerne zurückhaben. Eine glatte Lüge. Als der Anwalt abfährt, knipst ihn Charlie. Am nächsten Tag liest er in der Zeitung, der Anwalt sei gegen eine Wand gefahren und gestorben. Merkwürdig, findet Charlie. Ein mulmiges Gefühl beschleicht ihn.

Aber zu diesem Zeitpunkt hat Charlie bereits ein Instant-Foto von Rosie, seiner Putzfrau, gemacht …

|Mein Eindruck|

Kann man sich wirklich auf den Tod verlassen? Um diese knifflige Frage geht es in der Story. Die Kamera knipst nämlich die nahe Zukunft. Als Charlie ein Foto von sich selbst macht, entdeckt er einen Angreifer mit einem Messer hinter sich – aber nur auf dem Foto. Und da er diesen Mann gleich treffen wird, hat er eine gute Handhabe, wie er den Tod überlisten kann.

Nach vollbrachter Heldentat will er allerdings die Kamera anhand ihrer Fotobeweise als Ersatz für eine Kristallkugel einsetzen. Wie kann er das aber, wenn er selbst das, was sie auf dem 4. Foto zeigt, verhindert hat? Doch keine Sorge, Charlie: Der Tod sorgt immer dafür, dass er bekommt, was ihm zusteht …

Wer jetzt an „Final Destination“ denkt, liegt wohl genau richtig. Obwohl der Autor von „Psycho“ wohl weniger an eine Verfilmung gedacht hat.

_5) Woody Allen: Kugelmass, der Unglücksrabe (The Kugelmass Episode)_

Sydney Kugelmaß ist Professor für Klassische Literatur am City College von New York City und schon zum zweiten Mal unglücklich verheiratet. Daphne sei eine „kalte Dampfnudel“, klagt er Dr. Mandel, seinem Seelenklempner, sein Leid. Er wolle eine Affäre, ein Gspusi, damit er wieder Freude am Leben habe. Dr. Mandel sagt ihm klipp und klar, er sei Psychotherapeut und kein Zauberer. Denn was sein Patient offenbar nicht wahrhaben will, ist die Tatsache, dass Kugelmaß ein dicker, glatzköpfiger und behaarter Jude ist.

Ein solcher ruft bei Kugelmaß wenig später an. Er nennt sich „Der Große Himmelreich“. Als Kugelmaß ihn besucht, präsentiert ihm der Mann ein chinesisches Zauberkabinett, in das er sich setzen soll. Sofort werde er in jedes beliebige Literaturwerk versetzt, in dem eine ihm genehme Frau vorkomme. Nach einigem Hin und Her fällt die Wahl von Kugelmaß auf Emma Bovary aus dem Roman von Gustave Flaubert – eine Französin muss es sein.

Der Transfer nach Yonville ins Haus von Emma klappt problemlos, und da Emmas Mann Charles als Landarzt ständig unterwegs ist, kredenzt sie dem unerwarteten Besucher ein Glas Wein. Es bleibt nicht bei einem Glas aund auch nicht bei diesem Besuch, denn Emma ist ein aufgewecktes, unternehmungslustiges Frauenzimmer und Kugelmaß ein praktisch denkender Mann, der weiß, was Frauen wollen. Die Studenten in aller Welt fragen sich jedoch, wer dieser dicke glatzköpfige Jude sei, mit dem Emma ein Verhältnis angefangen hat.

Emma ist durch Kugelmaß‘ Erzählungen von New York so davon fasziniert, dass sie diesmal mitkommen möchte. Auch kein Problem! Stante pede quartiert der Professor sie im Plaza Hotel ein und zeigt ihr die Wunder der Stadt. Nach einigen Wochen wachsen ihm die Rechnungen ebenso wie sein Doppelleben über den Kopf und es kommt, wie es kommen muss: Emma soll zurück.

Doch da versagt die Himmelreich-Maschine und es kommt zu unerwarteten Komplikationen. Denn Daphne, Kugelmaß‘ Eheweib, wittert Unrat …

|Mein Eindruck|

Woody Allens Satire auf die Phantasien der Ehemänner liest sich flott und vergnüglich. Kugelmaß redet daher wie Allens männliche Filmfiguren: lamentierend, unzufrieden, selbstgefällig. Diesmal nimmt er sich der Phantasiegeliebten an. Wie sähe denn die ideale Geliebte aus? Die Weltliteratur liefert dazu ja jede Menge Vorlagen und Beispiele.

Doch man täte Emma Bovary Unrecht, wenn man sie nur als Sexobjekt betrachtete. Sie ist genauso an einer Liebschaft interessiert wie ihr neuer Galan und will mit ihm die Welt erobern. Schon interessiert sie sich fürs Filmbusiness und will Fotos machen lassen – da kann sie endlich wieder zurück nach Yonville, in ihren Roman.

Nun sollte man meinen, Kugelmaß wäre durch den frustrierenden Verlauf seiner Liebschaft für immer kuriert. Weit gefehlt! Als nächstes Ziel nimmt er sich eine Figur aus „Portnoys Beschwerden“ vor …

_Die Übersetzung_

Obwohl die Übersetzungen kompetent erledigt wurden, finden sich die allfälligen Druckfehler. Auf Seite 7 heißt es „mit“ statt „mir“, auf Seite 136 dann „Soux Falls“ statt „Sioux Falls“. Einen etwas krasseren Fehler stellt der Wandel des Geschlechts in einem Satz auf Seite 8 dar: „Die Kernschmelze bahnte sich seinen (!) Weg Richtung China …“.

_Unterm Strich_

Das Prunkstück dieser Auswahl ist natürlich John Varleys titelgebende Novelle „Die Trägheit des Auges“. Die anrührende Geschichte zeichnet den Kontrast zwischen technisch-wissenschaftlichem Fortschritt, der im Super-GAU von Omaha seinen Bankrott erklärt hat, und der menschlichen Evolution auf. So eröffnet die Geschichte Möglichkeiten für eine intensivere Weiterentwicklung des menschlichen Miteinanders.

Die Finger, die schneller sind als das Auge (daher der Titel), können nicht lügen – ein gewaltiger Sprung in der Verständigung zwischen Menschen. Vielleicht überlegt es sich nun so mancher Leser zweimal, bevor er das nächste Mal einen Behinderten bemitleidet – oder Schlimmeres.

Fast ebenso gelungen, aber weitaus weniger ambitioniert, fand ich Benfords Erzählung „In fremdem Fleisch“. Hier ist der ökologische Gedanke umgesetzt, dass wir Teil eines Ganzen sind und die Kommunikation damit stets in beide Richtungen erfolgt. So werden die Gedanken und Empfindungen des riesigen Drongheda auch ein Teil des menschlichen Besuchers.

Die drei letzten Erzählungen fallen dagegen ein klein wenig ab, sind aber dennoch recht unterhaltsam. Insbesondere die Storys von Robert Bloch und Woody Allen wissen auch zu amüsieren, wenn auch satirisch oder makaber. Bryants Story liegt irgendwo zwischen all diesen Polen, weder herausragend noch heiter, noch sonderlich umwerfend. Da fragt man sich, warum manche Texte einen Preis bekommen und andere nicht.

Insgesamt kann ich ein positives Fazit ziehen. Diese Auswahl lohnt sich, allein schon wegen der Titelstory. Wer kann, sollte sich die komplette Varley-Storysammlung „The Persistence of Vision“ zulegen, die 1981 auf Deutsch bei Goldmann in drei Bänden erschien (siehe dazu meine drei Berichte).

|Taschenbuch: 144 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1977/78
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453305748|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Mafred Kluge bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7458
[„Katapult zu den Sternen. Magazine of Fantasy and Science Fiction 51“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7460

Kernick, Simon – Instinkt

_Britischer Copthriller, der viele Haken schlägt _

Ein brutaler Serienmörder hat in den zwei Jahren in Nord-London nicht weniger als fünf Frauen missbraucht, gefesselt, gefilmt und grausam getötet. Nun wurde der Night Creeper gefasst, allerdings hat er für Opfer Nr. 4 ein bombensicheres Alibi …

Unterdessen ermittelt ein Undercover-Cop gegen eine Verbrecher-Bande, die seinen Bruder umgebracht hat. Deren neuester Auftrag durch einen unbekannten Klienten lautet allerdings: Entführen Sie den Night Creeper! Der Cop sitzt in der Klemme. Aber er muss herausfinden, was der Unbekannte mit dem Serienmörder vorhat …

_Der Autor_

Simon Kernick (* 1966 in Slough, England) ist ein englischer Krimi-Autor.
Mitte der 80er-Jahre machte er sein Abitur und arbeitete dann im Straßenbau, als Barmann, als Erntehelfer und Lagerarbeiter. Mehrere Jahre verbrachte er mit Reisen durch Kanada, Australien und durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach seiner Rückkehr nach England machte er 1991 seinen Abschluss in Geisteswissenschaften an der University of Brighton. Um der anschließenden Arbeitslosigkeit zu entfliehen, nahm er einen Job als Computer-Software-Verkäufer an.

Nebenbei schrieb er zwei Romane, die aber stets auf Ablehnung stießen. Erst 2002 druckte ein Verlag den Roman The Business Of Dying (dt. Tage des Zorns) und bereitete Kernick damit den Beginn seiner Bestseller-Autoren-Laufbahn. Seit 2002 erscheint jährlich ein Roman aus seiner Feder. Besonderen Wert legt Kernick auf den Hinweis, dass er bei echten Polizisten einer Spezialeinheit recherchiert, diese jedoch keine der negativen Eigenschaften seiner Roman-Helden haben.

Simon Kernick lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Oxfordshire. Die deutschen Übersetzungen veröffentlicht der |Heyne|-Verlag, der auch sichtlich Interesse hat, das Original-Design der Cover zu übernehmen.

_Handlung_

Ein brutaler Serienmörder hat in den zwei Jahren in Nord-London nicht weniger als fünf Frauen missbraucht, gefesselt, gefilmt und grausam getötet. Die Sensationspresse nennt ihn den Night Creeper, den nächtlichen Kriecher.

|Sean|

Auf der Suche nach dem Night Creeper und anderen Verbrechern hat Undercover-Cop Sean Egan die übelste Verbrecherband des Landes infiltriert. Doch beim Boss Tyrone Wolfe muss er sich erst beweisen – in dem er sein Leben aufs Spiel setzt. Bevor er dem Gesetz Geltung verschaffen kann, muss er es selbst brechen.

|Tina|

Detective Inspector Tina Boyd hat den Verdächtigen Andrew Kent als Night Creeper identifiziert. Er ist ein Mann, der bei allen fünf Opfern Alarmanlagen installiert hat – was könnte ihn besser dafür qualifizieren. Obwohl sie eine verletzte Hand hat, gelingt es ihr, mit List den Mistkerl zu überwältigen, bevor er dem Zugriff ihrer Kollegen entkommt.

Seine Wohnung enthält die blutige Tatwaffe, einen Hammer, mit der DNS eines der Opfer. Und auf seinem Laptop findet Kollege Grier zwei Videos von den Morden: Er filmte seine Taten selbst, das Schwein! Doch Ninas Boss McLeod, ein besonnener Edinburgher, besteht darauf, den Fall wasserdicht zu machen. Könnten diese Indizien Kent untergeschoben worden sein? Tatsächlich scheint Kent für den Mord an Siobhan O’Neill ein wasserdichtes Alibi zu haben. Tinas Fall beginnt zu wackeln.

|Sean|

Sean Egan soll Waffen für Tyrone Wolfe kaufen. Ein Kollege Wolfes fährt ihn ins East End, wo im Hintergebäude eines schäbigen Restaurants der Deal vonstattengehen soll. Die Waffen sind schon bezahlt, als Seans größter Albtraum wahr wird: einer der Verbrecher, die er hinter Gitter geschickt hat, kommt zur Tür hereinspaziert. Verstecken hilft nichts mehr, als Grimes ihn verpfeift. Die anderen ziehen ihre Messer und Pistolen. Jetzt muss Sean die Nerven behalten …

|Tina|

Tina geht erneut zu Kent, um dem Verdacht nachzugehen, dass Kent mit anderen zusammengearbeitet hat, als sie ihn in seiner Zelle um Luft ringend vorfindet. Sie schickt sofort nach einem Krankenwagen. Der Gefangene erbricht sich mehrmals und berichtet, er habe vergiftetes Wasser getrunken. Tina ist fassungslos.

Natürlich muss der wertvolle Verdächtige sofort ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Doch kaum ist die Ambulanz 50 Meter gefahren, als er auch schon von schwerbewaffneten maskierten Männern gestoppt wird. Tina kommt erst später mit Grier zu der Szene, die so unbegreiflich wirkt, dass sie verwirrt ist. Da erschießt einer der Maskierten einen der Polizeibeamten, die Tina als Begleitschutz abgestellt hat! Der Gefangene wird aus dem Krankenhaus gezerrt und in einen Fluchtwagen gestoßen.

Dann rasen die Entführer los. Tina drückt aufs Gaspedal, um sie nicht entkommen zu lassen. Sie ahnt nicht im entferntesten, dass sich Sean Egan, den sie nur wenige Stunden zuvor im Pub der Cops von Holborn gesprochen hat, unter den Entführern befindet …

_Mein Eindruck_

Es gibt zwei bestimmende Prinzipien in der Gestaltung von Kernicks Polizeithrillern, die er seit 2002 veröffentlicht. Das erste Prinzip, auf das er sehr stolz ist und viel Mühe verwendet, ist die realistische Darstellung von Polizisten in den Sondereinheiten Special Branch, Anti-Terrorist Branch und Serious and Organised Crime Agency (SOCA), also zu Schwerverbrechen, Terrorismus und Organisierter Kriminalität. Er spricht mit den Mitgliedern dieser Spezialeinheiten und zeichnet ihre interne Organisation sowie ihre Vorgehensweise realistisch nach, von der Art der behandelten Verbrechen ganz zu schweigen.

So tauchen auch im vorliegenden Roman alle möglichen Typen von Cops auf: Karrierehengste, vor dem Zusammenbruch stehende Besessene wie Tina Boyd und Sean Egan sowie falsche Fuffziger, die für die falsche Seite arbeiten. Es sind natürlich die Letzteren, die den Besessenen eine böse Überraschung bereiten. Und dann gibt es noch die Erpressten, die aus den falschen Motiven für die Gegenseite arbeiten. So etwa auch der oberste Chef der Polizei, der Innenminister.

Das andere Prinzip ist der Zeitmangel. Wie schon der Titel andeutet, geht es beim Überleben immer um das, was in den letzten zehn Sekunden passiert. Und die können manchmal ganz schön lang werden. So etwa dann, als sich Sean Egan am falschen Ort zur falschen Zeit befindet und den Verräter in seinem Team entdeckt. Niedergeschossen würde er zweifelsohne den Löffel abgeben, wenn nicht auch Tina Boyd einem Hinweis nachgegangen wäre – und ihn in letzter Sekunde gefunden hätte.

Überraschende Wendungen gehören also zum zweiten Prinzip dazu, genau wie zu jedem ordentlich spannenden Thriller. Allerdings agieren hier weder CSI-Spezialisten der Spurensicherung noch irgendwelche Geistesgrößen à la Sherlock Holmes, sondern stinknormale Typen, die nur eben eine gute Polizeiausbildung in die Waagschale werfen können. Was sie aus der Masse heraushebt, ist ihre jeweilige Obsession.

Klasse fand ich beispielsweise, wie Tina den Innenminister zur Schnecke macht bzw. zur Strecke bringt. Leider kann sie ihn nicht als Zeugen nutzen, denn eine Ladung Schrot aus der falschen Richtung verhindert dies. Aber sie hat zumindest sein Geständnis auf Band – und diese brisante Information will natürlich auch die Gegenseite haben. Hier kommt Tinas Nemesis Paul Wise ins Spiel, der offenbar schon in früheren Boyd-Abenteuern eine Rolle gespielt hat.

_Unterm Strich_

In einem atemlosen Stil, der an James Pattersons eigene Werke (nicht die Kooperationen) erinnert und stark auf kurzen Kapiteln mit Cliffhangern aufbaut, weiß die Handlung den Leser durchaus zu fesseln. Wer allerdings wie ich diese Routinemethode durchschaut, der wird sich eher gelangweilt fühlen. Offenbar ist ein solcher Thriller eher für den weniger gebildeten Leser gedacht, der über Erzählstil und andere Feinheiten nicht nachdenkt.

Von einer Aussage kann man im eigentlichen Sinne nicht sprechen, wohl aber von Themen. So ist die Korruption der britischen Politik nach den Schmiergeldaffären der Abgeordneten inzwischen Allgemeinwissen, und der Innenminister bildet da keine Ausnahme. Sean Egans Bruder John, den er rächen will, ist im Irak-Krieg schwer verletzt worden – wer redet heute überhaupt über die Traumata dieser Veteranen?

Und schließlich gibt es offenbar Sicherheitslücken bei den Sicherheitsfirmen: Nur so konnten die Opfer gefilmt und überwacht, ihre Besucher erpresst werden. Dies ist eine Retourkutsche an den britischen Glauben an die Überwachungstechnik wie etwa CCTV. Wer die Überwacher nicht überwacht, wird schnell selbst zum Opfer. Und dass Videokameras keine Unruhen und Plünderungen verhindern, war ja im Sommer überdeutlich zu erleben.

Ich fand den Krimi daher zwar nicht überragend, schon gar nicht im Stil, aber er hat seine spannenden Höhepunkte. Besonders gefielen mir die aberwitzigen Wendungen in der Handlung, etwa was Seans Erleben in jenem einsamen Landhaus angeht, in dem Kent, der Serienmörder, sein gerechtes Ende finden soll. Nur dass es dazu offenbar keineswegs kommen soll …

|Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: The last 10 Seconds (2010)
Aus dem Englischen von Gunter Blank
ISBN-13: 978-3453435445|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Varley, John – Voraussichten

_Ungebetene Gäste: Luftpiraten und Schwarze Löcher_

Dieser erste Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus dem Sammelband „Persistence of Vision“ enthält folgende Geschichten:

1) Die Story vom Schwarzen Loch, das Leben und Liebe zweier Techniker bedroht, die fernab unserer Sonne arbeiten.

2) Die Story von den Luftpiraten, die aus der Zukunft kommen und Passagiere rauben – während des Fluges.

3) Die Story von jenen Phänomenen, die blinde und taube Kinder erleben. (HUGO und NEBULA Awards 1980)

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Storys, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der vorliegende Roman unter dem Titel „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine „Roter Donner“-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Liebesfahrt zum Schwarzen Loch (The Black Hole Passes, 1975)_

Jordan Moore ist schwer selbstmordgefährdet, und das liegt daran, dass er Trimonisha liebt. Beide schweben in ihrer jeweiligen Raumstation draußen in der Kometenzone jenseits der Pluto-Bahn und können sich nicht in den Arm nehmen, um einander zu sein. Vielmehr besuchen sie einander nur per 3D-Hologramm, das sie per Laserstrahl senden. Sie haben Spiele miteinander entwickelt, aber Spiele sind nur ein sehr begrenzter Ersatz fürs Nahesein, insbesondere dann, wenn man auf die Antwort jedes Mal 20 Sekunden warten muss.

Ihr Job ist es, ein Alien-Signal auszuwerten, das permanent aus dem Sternbild Ophiuchus gesendet wird. Die Botschaften der Fremden, die Jordan mit enzyklopädischem Wissen auswertet, hat bereits mehrere wertvolle Technologien hervorgebracht, die die menschliche Kultur verändert haben, so etwa Nullfelder, Kraftfeld-Anzüge und das Beherrschen von Schwarzen Löchern. Inzwischen werden Schwarze Löcher aufgrund ihrer hohen Energie gejagt. Täglich liefert Jordan Berichte an seine Firma auf dem Pluto, per Chip und Rakete.

Eines Tages erscheinen die Botschaften der Fremden nur noch lückenhaft. Und als auch noch Trimonishas 3D-Holo bloß noch flach wie ein Pappkamerad empfangen wird, wissen beide, dass etwas nicht stimmt. Tri findet es heraus: Ein Schwarzes Loch muss ganz in der Nähe sein! Man kann es natürlich nicht sehen, sonst wärs ja nicht schwarz. Kaum gesagt, zerreißt die Annäherung der Singularität auch schon Jordans Station und reißt ihn hinaus ins All.

Vorgewarnt hat er zwar seinen Raumanzug angelegt, aber er treibt mutterseelenallein in den Trümmern seiner Station und klammert sich an eine der Postraketen. Hat er jetzt endlich eine Möglichkeit, sich umzubringen? Doch als Trishs Notruf endlich zu ihm durchdringt, lebt er noch. Und gemeinsam fassen sie einen verzweifelten Plan …

|Mein Eindruck|

Wie in fast allen seinen Erzählungen in der Sammlung „Persistence of Vision“ geht es auch hier um die Liebe und wie man sie erfüllen kann. Jordan und Trimonisha sind Millionen Kilometer voneinander entfernt, doch der Chaosfaktor in Gestalt eines vagabundierenden Schwarzen Loches weckt ihren Erfindungsgeist – äh, zumindest den der Frau, denn der Kerl will sich ja permanent wg. Hoffnungslosigkeit umbringen.

Am Schluss dürfen wir uns wie stets über ein Happy-End freuen. Sehr hübsch sind übrigens die erotischen Spiele, deren sich die beiden befleißigen, um sich die Zeit zu vertreiben. Am Schluss sind diese alternativen Egos jedoch nicht mehr nötig und werden entsorgt. Auf diese Weise wird ie Story trotz aller Dramatik noch humorvoll und entspannt.

Für den SF-Kenner ist interessant, dass das hier geschilderte Szenario auch in Varleys erstem Roman „The Ophiuchi Hotline“ verwendet wird. Dort tauchen aber unsere zwei „Helden der Liebe“ nicht mehr auf, soweit ich weiß.

_2) Luftpiraten (Air Raid, 1977)_

Die Erde des Jahres 2190 ist durch Seuchen schier unbewohnbar geworden. Es gibt nahe Alpha Centauri eine kolonisierbare Welt – doch woher die Kolonisten nehmen? Durch den Einsatz einer Zeitmaschine, dem Portal, holt man sich die notwendigen gesunden Menschen aus der Vergangenheit. Aber nicht beliebig, sondern so, dass es keiner merkt. Denn schließlich darf es keine Paradoxa geben. Also bleiben als einzige Möglichkeit Unglücke, bei denen niemand überlebt hat. Beispielsweise Flugzeugabstürze.

Die Ich-Erzählerin hat Para-Lepra und ihre Tochter bereits an ein Gehirnsuche verloren. Deshalb hat sie sich den Fängertrupps angeschlossen, die Menschen aus abstürzenden Flugzeugen holen und ins Jahr 2190 bringen, von wo sie entweder weiter nach Centauri fliegen können oder – an der tödlichen Luft verrecken.

Dieser Einsatz führt unsere Heldin zurück ins Jahr 1979. Sie ersetzt zuerst die Stewardess Mary Sondergard und schleust dann als Vorhut während des Fluges die anderen Stewardess-Ersatzfrauen an Bord. Mithilfe von Laserpistolen gelingt es ihnen, die Passagiere nacheinander zu betäuben und durchs Portal zu schicken. Doch angesichts einer „Herde“ von über 120 Passagieren wird die Zeit knapp, die in Ausgangs- und Zielzeit unterschiedlich schnell verläuft.

Schließlich haben sie und Christabel alle durchgeschleust, aber das Portal ist weg! Werden sie zusammen mit dem abstürzenden Flugzeug umkommen? Sie hat bereits mit dem Leben abgeschlossen, als …

|Mein Eindruck|

Von dieser bekannten Erzählung verkaufte Varley die Filmrechte, schrieb das Drehbuch und die Romanfassung, die er ins 4. Jahrtausend verlegte. Der Film erschien 1989 unter dem Titel „Millenium“ (Regie: Michael Anderson) und wurde ein ziemlicher Langweiler, mit Kris Kristofferson und Cheryl Ladd (als Louise Baltimore). Der Roman wurde 1985 bei Bastei-Lübbe veröffentlicht.

Der Anfang der dialog- und actionlastigen Handlung wirft den Leser gleich mitten rein ins Geschehen. Er hat dann die Aufgabe, sich aus den erklärungslos hingeworfenen Andeutungen einen Reim auf die Action zu machen, so als hätte man die Lösung für ein Verbrechen zu finden.

Aber erstaunlicherweise ergibt die rasante Geschichte durchaus einen Sinn, wenn auch einen schaurigen. Die Menschheit hat sich durch Umweltverschmutzung, Verstrahlung und Verseuchung sozusagen selbst den Garaus gemacht. Lepra und Hirnseuchen lassen Kinder und Erwachsene gleichermaßen degenerieren. Bezeichnenderweise sind die Ersatzleute für die entführten Passagiere „Mongos“, also Mongoloide. Diese abfällige Bezeichnung für Behinderte ist entweder ein zynischer Zug des Autors oder aber die realistische Bezeichnung des Zukunftspersonals für geistig Behinderte.

Dass die Ich-Erzählerin eine Frau ist, wird nie gesagt. Sie wird auch an keiner Stelle mit einem Namen versehen (nur im Film). Dass sie eine Frau sein muss, ergibt sich nur aus dem Umstand, dass sie eine Frau, nämlich Mary Sondergard, schauspielern soll. Die kaltschnäuzige Ausdrucksweise dieser Schauspielerin erinnert an gewisse Frauenfiguren bei Heinlein, etwa in „Freitag“ sowie in Varleys Heinlein-Hommage „Das Stahlparadies“.

_3) Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1978)_

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwänglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körper umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als Erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

|Mein Eindruck|

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA. Der Verweis auf Helen Keller (1880-1968) und ihre Lehrerin Ann Sullivan verhilft dem Leser zu einem Einstieg in die Thematik, etwa in der Wikipedia.

_Die Übersetzung _

Auf Seite 39 faselt der Übersetzer Tony Westermayr etwas von „Primärzahlen“. Gibt es also auch Sekundärzahlen? Blödsinn! Gemeint sind Primzahlen.

_Unterm Strich_

Algis Budrys, einer der Redakteure oder Herausgeber des MFSF, erklärt in seiner „Einführung“ nichts, was den Autor selbst betrifft, außer dass dieser Englisch und Physik studiert habe und in Oregon lebe. Diese Zurückhaltung ist sehr löblich, denn alles, was man über den Autor zu wissen braucht, steht in seinen Geschichten.

Diese jedoch setzt Budrys in den zeitgenössischen und entwicklungshistorischen Zusammenhang der Science-Fiction. Kurz gesagt: Mit Varley, Bryant und neuen AutorInnen begann um 1975 ein neues Kapitel in der SF. Dass dem so, erkennen wir an den Tabubrüchen in Varleys Stories. Sie führen den Leser weit über das hinaus, was Heinlein, Campbell, Asimov und Clarke je geschrieben haben.

Ökologie, Kommunikationstheorie, Schwarze Löcher so klein wie ein Auto – all das sind neue Ideen, die bestimmend in der neuen SF auftauchen. Dennoch wird bei Lektüre des vom deutschen Verlag in drei Bände aufgeteilten Originalbuchs deutlich, dass wir auf eine Tour durchs Sonnensystem mitgenommen werden. Alles bitte einsteigen!

Die überragende Erzählung dieses Bandes ist natürlich „Trägheit des Auges“. Hier findet nicht ein Fitzelchen Technologie und Wissenschaft, wie John Campbell und Co. sie als Allheilmittel verehrten. Im Gegenteil: Der Atomreaktor hat sich als Fluch erwiesen. Klingt bekannt? Dann klingen auch die Ökomethoden der Taubblinden bekannt. Wichtiger ist aber die Kommunikation: In Gebärdensprache ist Lügen unmöglich! Das dürfte Politiker in Angst und Schrecken versetzen.

Die zweite Story wurde verfilmt, was angesichts ihrer rasanten Action sehr verständlich erscheint. Auch ihre Zukunftsvision ist äußerst düster. Ganz anders dagegen die erste Story über die zwei Techniker, die einem vagabundierenden Schwarzen Loch begegnen. Statt wie bisher getrennt und frustriert zu sein, führt es sie zusammen, statt sie zu vernichten. Fast alle Varley-Geschichten haben solche Happy-Endings. Das machte sie so erfolgreich.

|Taschenbuch: 127 Seiten
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 1 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr und Rose Aichele
ISBN-13: ISBN-13: 978-3442233816|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7453
[„Noch mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7454

Manfred Kluge (Hrsg.) – Katapult zu den Sternen. Magazine of Fantasy and Science Fiction 51

_Mit König Artus gegen den Nekromanten!_

Vom traditionsreichen SF-Magazin erscheinen in dieser Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von der Dame, der man besser abgeraten hätte, in einem Antigrav-Haus zu wohnen.

2) Die Story von dem Hobby-Prospektor, der seinen Urlaub auf der Venus verbringt und dort sein Glück zu machen hofft.

3) Die Story von den Heimkehrern einer Sternenexpedition, die eine völlig veränderte Erde vorfinden und sich anzupassen haben.

4) Die Story von den Würmern, welche die Erde besuchen, und wie frühere Besucher auch die Menschheit mit ihren Segnungen hätten beglücken können.

5) Die Story von dem Regierungsspezialisten für mysteriöse Fälle, der sich mit dem Fall eines Freundes konfrontiert sieht, der mehr als mysteriös ist.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abgelöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) Michael G. Coney: Katapult zu den Sternen (1976)_

Auf dem Planeten Peninsula herrscht Müßiggang wie in Florida. Eine der Freuden besteht jedoch im Schleudersegeln: Ein Mann wird auf ein Schleuderkatapult geschnallt und lässt sich mit 160 Stundenkilometern in die Höhe schnellen, um sodann an einem Gleiter zu segeln. Der entscheidende Punkt bei diesem Start ist jedoch, den Auslösebolzen rechtzeitig zu lösen. Wer das wie der arme St. Clair unterlässt, endet als tote Masse in der See.

Joe Sagar ist unser Mann vor Ort und selbstredend Mitglied im Klub der Schleudersegler. Eines Tages kommt also diese Lady namens Carioca Jones hereingeschneit und will den Klub besuchen. Da ihr ein streitbarer, um nicht zu sagen: umstrittener Ruf vorauseilt – sie agitiert gegen zwangsweise erfolgte Organspenden -, soll ihr der Zutritt verwehrt werden. Der intelligente Seehund an ihrer Seite trägt auch nicht gerade zum Eindruck ihrer Seriosität bei.

Doch sie hat zwei Begleiter bei sich, die die Stimmung ändern: Wayne Traill ist sehr beliebter 3d-Fernsehstar, und mit seiner leutseligen Art im Verein mit seiner beeindruckenden Größe kriegt er die Klubmitglieder dazu, Carioca doch noch Einlass zu gewähren. Es wird ein netter Abend, findet Joe. Und dass kaum jemand Notiz von Waynes unscheinbarer Gattin Irma nimmt, findet er schade.

Die Zeit vergeht, und Carioca versucht Joe wie alle Kerle zu verführen. Sie will ihn mit ihrem Antigrav-Haus beeindrucken, das sie unweit des Strandes von Peninsula gekauft hat. Es hängt an einem Stahlseil, dessen Ende in einem mit intelligenten Haifischen bestückten Pool verankert ist. Gleich daneben stehen noch vier Hochleistungs-Laserstrahler.

Schon bei seiner ersten Einladung merkt Joe, dass hier der Haussegen schief hängt: Wayne betrügt seine Frau Irma offensichtlich mit Carioca, und Irma muss es sich gefallen lassen. Aber wie lange noch, fragt sich Joe. Doch seinen Rückzug aus diesem Antigrav-Haus hat er sich weniger gefährlich vorgestellt.

Wayne Traill folgt einer Einladung des Seglerklubs. Man will ihn überlisten, sich auch mal mit dem Katapult schleudern zu lassen. Hat er den Mumm dazu? Er will gerade einen eleganten Rückzieher machen, als ein Schrei ertönt: Das Stahlseil, an dem das Antigrav-Haus gehangen hat, ist durchtrennt worden – nun saust Carioca Jones hilferufend dem Himmel entgegen!

Da gibt es nur eins für Wayne Traill: Er lässt sich ins halbwegs funktionsfähige Seglerkatapult schnallen und – ab die Post, Carioca hinterher! Wird er den Auslöser rechtzeitig betätigen können, der seit St. Clairs „Unfall“ nicht mehr repariert worden ist?

|Mein Eindruck|

Der Klub der Schleudersegler erinnert an einen viktorianischen Herrenklub. Die Mitglieder haben Respekt vor dem Filmstar, der den Macho verkörpert. Doch dessen Auftreten ist von zweifelhafter Moral. Denn er betrügt seine Frau Irma mit der ebenso glamourösen Carioca. Als Irma das Spielzeug Cariocas, das Antigrav-Haus, in die Luft gehen lässt, will sie dieser Rivalin ebenso wie ihrem aufgeblasenen Mann die Luft rauslassen. Eine klassische Dreiecksgeschichte also.

Der romantisch-dramatische Plot dient nicht nur der Vermittlung einer exotischen Sportart, dem Schleudersegeln, sondern auch den Konsequenzen von Genmanipulation und Organhandel. Gegen Letzteren tritt Carioca, obwohl sie gegen Genmanipulation nichts einzuwenden hat, wie ihr Haustier beweist. Ihre Doppelmoral spiegelt sich in ihrer Affäre mit Wayne wider.

_2) John Varley: In der Schüssel (In the bowl, 1976)_

Kiku ist ein Amateurgeologe vom Mars, der schon einiges Wundersames von den Venussteinen, den Juwelen der Venus-Wüste, gehört hat. Sie sollen eine Menge wert sein, aber auch nur deshalb, weil sie schwer zu bekommen sind. Wie schwer, will Kiku herausfinden.

Zunächst macht er den Fehler, sich ein Ersatzauge aufschwatzen zu lassen – angeblich ein Schnäppchen, aber leider mit einer gewissen Fehlsichtigkeit. Die macht sich auf der Venus zunehmend lästig bemerkbar. Er passiert eine Stadt nach der anderen, bis er endlich die tiefe Wüste erreicht. Nach Last Chance kommt nur noch Prosperity. Hierhin kommen die Pendelbusse nur noch im Wochentakt.

Die einzige Medizinerin weit und breit, die Kiku mit seinem versagenden Billigauge helfen kann, ist Ember. Das Mädchen planscht grade mit seinem zahmen Otter im Dorfbrunnen herum, als Kiku es wegen der nötigen Operation anquatscht. Sie sieht aus wie 18, sagt aber, sie sei schon 13, und das wäre auf der Venus schon fast ein legales Alter. Tatsächlich findet sie sich bereit, ihm das Auge zu reparieren. Als sie aber herausfindet, was er hier draußen im Nirgendwo wirklich vorhat, will sie sofort mit von der Partie sein.

Kommt ja gar nicht in die Tüte, protestiert Kiku sofort, natürlich vergebens. Denn zufällig besitzt Ember auch das einzige funktionierende Fluggefährt weit und breit. Nur mit diesem Schweber könne Kiku über den Grat des Randgebirges in die tiefe Wüste gelangen, wo die wertvollen Venussteine wachsen.

Tja, und so kommt es, dass sich Kiku mit einem listenreichen Mädel und einem zahmen Otter auf den Weg über die Berge macht. Es wird ein Abenteuer, das beide grundlegend verändern soll. Aber das kann auch sein Gutes haben …

|Mein Eindruck|

John Varley sieht in Veränderung immer auch die Chance zu einem Neuanfang. Und dies gilt natürlich auch für Kiku, der ein einsames Leben führt, und für Ember, die endlich von der venusischen Sandkugel runterkommen will. Allerdings braucht es noch etwas Nachhilfe, bevor diese beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten zueinander kommen können.

Dieser Katalysator ist der Venusstein, eine denkwürdige Begegnung in der Wüste, die Kikus Geist verändert – und in Gefahr bringt. Die bodenständige Ember ist nötig, um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren und ihm zu zeigen, was er wirklich braucht: einen lieben Menschen an seiner Seite. Jetzt muss Kiku nur noch herausfinden, ob er Ember lieber als Tochter adoptieren oder doch gleich heiraten soll. Aber auch das wird sich noch zeigen, sobald sie beide erst einmal auf den Mars gelangt sind.

Dem zuversichtlichen Menschen nach Varley-Art ist „nix zu schwör“. Auch in seinen Erzählungen, die in den drei Goldmann-Erzählbänden „Voraussichten“, „Mehr Voraussichten“ und „Noch mehr Voraussichten“ zusammengefasst sind, erweisen sich die Hauptfiguren als Erkunder neuer Zustände und Gegenden. Hier ist es ein gekauftes Organ, das Kiku zur schicksalhaften Begegnung mit Ember – und einem Venusstein – verhilft.

In „Ein Löwe in der Speicherbank“ gerät die Hauptfigur mit einer Sicherheitskopie seines Geistes ins Innere eines Computers und muss sich dort einrichten. In der preisgekrönten Story „In der Halle der Marskönige“ richten sich die Mars-Siedler häuslich in einem Alien-Konstrukt ein – mit entsprechenden Überraschungen. Für solche ist Varley immer gut (gewesen), und das macht seine Storys so vergnüglich, ohne es an Tiefgang fehlen zu lassen.

_3) Brian W. Aldiss: Drei Wege _

Das Forschungsschiff „Bathycosmos“ war zehn Jahre Bordzeit unterwegs, nun kehrt es zur Erde zurück. Doch hier sind wegen der relativistischen Effekte der schnellen Fortbewegung des Schiffes inzwischen 120 Jahre vergangen. Beim letzten Zusammentreffen aller Besatzungsmitglieder hält ihnen die Präsidentin von Korporatien eine erschütternde Ansprache.

Die gute Nachricht zuerst: Inzwischen sei die Große Eiszeit beendet und die meisten Seewege wieder frei. Aber ein neuer Kontinent sei zwischen Neuseeland und dem Ellis-Archipel aufgetaucht. Dieser werde gerade besiedelt. Die schlechte Nachricht: Zwei Atomkriege haben viele Menschenleben gekostet und sämtliche, der Crew bekannten Länder ausradiert oder umgestaltet. Korporatien werde die Rückkehrer aus dem All durch seine Bürokratie schleusen und sie weiterleiten. Wie der Commander feststellen muss, interessiert sich keine Sau für die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sein Schiff gesammelt hat.

Lucas Williamz, A. V. Premchard und Jimmy Dale ahnen noch nicht, was auf sie zukommt. Williamz will zurück ins heimatliche Australien, doch da dieses Land nun im feindlichen Neutralien liegt, müsse er sich erst als Gefangener internieren und dorthin transportieren lassen. Williamz erfährt auf der langen Zugfahrt von den bestinformierten Leuten dieser Weltregion, dass der neue Kontinent namens Seelandia gerade besiedelt werde. Da will er hin.

A. V. Premchard, der Hindu, will nach Indien, logisch. Doch Indien liegt jetzt in der Dritten Welt, von Korporatiern auch abfällig Anarchanien genannt. Folglich muss er ebenfalls Einbußen und Hindernisse hinnehmen. Tatsächlich geht es dort in der Bürokratie immer noch wie im Mittelalter zu, also wie seit Jahrtausenden gewohnt. Die letzten 500 km in sein Dorf Kanchanapara soll er zu Fuß gehen.

Jimmy Dale muss erst wie Williamz eine brutale Phase der Desorientierung durchstehen, bevor er sich wieder auf die Straße traut. Seltsam: Überall sind nur uniformierte oder unscheinbar gekleidete Frauen zu sehen, kein einziger Mann. Als er in einer Bar nach einer Nutte fragt, bekommt er es mit einer kräftigen Lesbe zu tun, die ihn an eine Bulldogge erinnert. Er wehrt sich, so gut er kann, wird aber gleich danach von der – weiblichen – Polizei vermöbelt. Jimmy ist in einer weiblichen Tyrannei gelandet, mit einem weiblichen Hitler an der Spitze.

Williamz wird der Zugang zu Seelandia verwehrt, und zwar, weil seine Urgroßmutter aus Begalen stammte. Dem Rassismus zum Trotz findet er dennoch ins Land seiner Träume: ein Wilder Westen, der nur auf die Eroberung wartet …

|Mein Eindruck|

Die Erzählung zeigt drei Wege der Weiterentwicklung auf, die dem Menschen nach Eiszeit und Atomkrieg bleiben. Williamz errichtet sein eigenes Königreich und sucht sich eine Frau, um eine Dynastie zu gründen. Aber sein Freund A.V. Premchard wählt den kleinen Horizont seines Dorfes, um sein Wissen an die Landbevölkerung weiterzugeben. Er wohnt bei seinem Urenkel in spirituellem Frieden.

Doch Commander Skolokov verkörpert den dritten Weg: Er will in einem neuen Raumschiff der Korporatier, der „Bathycosmos II“, noch weiter hinausfahren, auf eine Reise, die 300 Erdenjahre dauern wird. Williamz lehnt die Teilnahme an dieser Expedition ab: Seine Ziele sind irdischer und praktischer Natur. Also muss Skolokov alleine hinausfahren.

Die drei Wege sind altbekannt, müssen aber immer erneut beschritten werden: den der macht, den des Wissens und den der Spiritualität. Der Autor, der schon 1942 in Hinterindien gegen die japanischen Invasoren kämpfte, kennt sich nicht nur mit Land und Leuten des indischen Subkontinents bestens aus, sondern auch mit deren Mentalität, Religion und Bräuchen. Das verleiht seiner Erzählung einen realistischen Eindruck, aber auch eine bleibende Wirkung.

_4) Bruce McAllister: Victor_

Würmer aus dem intergalaktischen Raum fallen auf die Erde herab, geschützt durch Chitinkokons. Sie wühlen sich bei Nacht in den städtischen Müll. Doch als ein Beleuchter vom Theater seine Lampe auf sie richtet, vermehren sie sich explosionsartig. Die Stadt ist alarmiert, und Professor Stapledon, der Vater von Jane, informiert die Behörden. Die wollen gleich Bomben werfen, doch er sagt Nein. Er ruft Jane und ihren Freund, den Reporter, an, damit sie seine Vogelpfeife suchen. Mit dieser lassen sich Tausende Vögeln auf die Müllkippe locken. Und was machen sie wohl? Sie fressen die Würmer. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Jane und ihr Freund, der namenlose Ich-Erzähler, heiraten, das Interesse an der Würmerinvasion flaut ab, drei Kinder werden dem Paar geboren, die Jahre vergehen, es folgt die Scheidung und er bindet sich erneut, an eine Frau, die sich wenigstens dafür interessiert, was er denkt. Er denkt an den Weltraum und an Raumschiffe, was sonst.

|Mein Eindruck|

Diese Story erzählt ungefähr das genaue Gegenteil dessen, was Robert A. heinlein in seinem klassischen Invasionsroman „Invasion der Wurmgesichter / Die Marionettenspieler“ als Horrorszenario an die Wand malte: dass uns die Invasoren übernehmen würden, wenn wir ihnen nicht Einhalt gebieten würden. Das war eine versteckte Warnung vor der Roten Gefahr, dann der Gelben Gefahr oder welcher Farbe auch immer der jeweiligen Regierung gerade missfiel.

Dass die Würmer zur Müllbeseitigung herangezogen hätten werden können, auf diese Idee kam niemand. Man sah stets nur die Gefahr, nie die Chance. Wenigstens wurden keine Bomben geworfen, sondern eine ökologische Lösung gewählt. Auch schon ein Fortschritt.

_5) Sterling E. Lanier: Der Geist der Krone (Ghost of a Crown)_

Irgendwo in London in einem literarischen Klub stellt ein junger Mann namens Simmons die Wahrheit in all diesen Gespenstergeschichten und Legenden, von denen Großbritannien voll zu sein scheint, stark in Frage. Tatsächlich schließen sich seiner Meinung einiger Klubmitglieder an, doch dann tritt Brigadegeneral Donald Ffellowes auf und erzählt eine umwerfende Geschichte, die Simmons‘ Meinung – die dieser gar nicht mehr vehement vertreten will – widerlegen soll. Sie geht folgendermaßen …

Ffellowes arbeitet in einer Spezialabteilung des Kriegsministeriums (wie es damals hieß) und wird von einem alten Schulfreund namens James Penruddock um Hilfe gerufen. Er reist nach Cornwall auf das Anwesen des Grafen, das den Namen Avalon House trägt. James holt seinen Freund Donald am Bahnhof ab und erzählt ihm vom Grund seines Hilferufs. Grässliche Geräusche in der Nacht und wiederholtes nächtliches Sturmtosen brächten die Bediensteten sowie ihn und seine Frau Isobel um den Schlaf. Ein Hausmädchen sei bereits schreckerfüllt abgereist. Noch sei niemand zu Schaden gekommen, doch das könne ja wohl nur eine Frage der Zeit sein, oder?

Bei seiner Ankunft hat Donald Gelegenheit, James‘ bleichen, schwarzhaarigen Bruder Lionel kennenzulernen. Wie stets ist Lionel, dem der Ruf eines perversen, aber fähigen Archäologen vorauseilt, arrogant und abweisend. Er logiert mit James‘ Erlaubnis im Sommerhaus und führt Grabungen in einer alten Burgruine durch, die auf einer Felsklippe über die tosende See ragt. Diesmal gibt ihm jedoch James zu aller Erstaunen Kontra, und Lionel schwirrt schmollend ab.

Schon in dieser Nacht findet Donald die Angaben von James bestätigt: unmenschliches Geschrei, tosender Sturmwind – und den intensiven Duft von Apfelblüten in der Luft. Bemerkenswert. Ganz im Gegensatz zum fauligen Geruch, der aus dem Keller emporsteigt. Was mag dahinter stecken? Donald nimmt Lionel unter die Lupe.

Dieser arbeitet mit zwei finsteren Gesellen, die er seine Assistenten nennt, in den Tiefen der Burgruine. Was mag sich dort nur verbergen? Lionel will Donald vertreiben, redet mit seinen Gesellen in einem rauen Dialekt, den Donald später als Bretonisch identifiziert. Als Lionel den Fehler macht, Hand an Donald zu legen, bricht ihm der Agent des Ministeriums fast das Handgelenk. Er erkennt den glühenden Hass des Bruders auf James; es ist der Hass des Enterbten, der das haben will, wovon er glaubt, es stünde ihm zu: das Land seines Bruders.

Der Begriff Bretagne ist der Schlüssel zu einem Teil des Rätsels. Von alters her bestehen enge Beziehungen zwischen den beiden keltischen Ländern Cornwall und Bretagne, und laut den Legenden, die Sir Thomas Malory und andere aufschrieben, zog einst auch König Artus, der Retter Britanniens vor den Sachsen, in die Bretagne, um dort zu kämpfen. Doch Artus hatte einen dunklen Halbbruder, der ihm sein Reich neidete und schließlich versuchte, ihn zu töten.

Soll sich die alte Geschichte tatsächlich auf Avalon House wiederholen? Als Donald in der nächsten Nacht den unmenschlichen Schrei gefolgt von Pferdewiehern hört, geht er zu James, um ihm zum Kampf zu rufen. Nur dass James ihn bereits gestiefelt und gespornt bereits erwartet. „Der Jäger ist gekommen“, sagt James nur, dann holen sie je ein Schwert und stellen sich der Herausforderung. Doch wer hat den Jäger der Nacht, der nun im dichten Nebel angreift, gerufen und zu ihnen geschickt?

Das Geheimnis kann nur ein Besuch in den Tiefen der Burgruine lüften …

|Mein Eindruck|

Es ist eine Überraschung, dass eine so konservativ gestaltete Erzählung in einer Auswahl aus den siebziger Jahren auftaucht. Und sie hat natürlich beileibe nichts mit Naturwissenschaften zu tun, sondern viel mehr mit Schauergeschichten und Fantasy. Die Folie ist eindeutig die Artus-Sage, die ja ihre pikante Spannung daraus bezieht, dass Artus unwissentlich mit seiner Schwester schläft und so seinen Sohn und Halbbruder Mordred zeugt, der zu seiner Nemesis wird.

Während diese Fantasy-Vorlage nun erneut ausgespielt wird, als handle es sich um eine viktorianische Schauergeschichte, nimmt die Handlung im Innern der Burgruine eine unerwartete Wendung, die neu ist. Denn hier unten in den Tiefen des uralten Gemäuers liegt das Grab jenes dunklen spirituellen Herrschers, der vor den Christen die Inseln beherrschte und von ihnen vertrieben wurde. Sein Name wird an keiner Stelle ausgesprochen, deshalb bleibt dies Spekulation. Man könnte ihn Cernunnos nennen, den Herrn der Wälder, oder Herne.

Lionel alias Mordred schickt sich an, ihn mit schwarzer Magie zum Leben zu erwecken. Fauliger Gestank, missgestaltete Kreaturen erfüllen die Höhle des Grabmals, als James und Donald sich mit ihren Waffen Lionel, dem Nekromanten, entgegenstellen …Mehr darf nicht verraten werden.

Aber es ist erstaunlich, dass der Autor des Post-Holocaust-Klassikers „Hieros Reise“, dieses wunderbar altmodische Garn veröffentlicht hat. Er hätte einen Roman daraus machen können. Wer Sherlock Holmes und die Viktorianer liebt, wird sich hier wie zu Hause fühlen. Und obwohl es an Romantik ein wenig fehlt (Isobel kommt nur im Epilog richtig zu Wort), wäre die Geschichte ein klassischer Fall für die Hörspielreihe GRUSELKABINETT.

_Die Übersetzung_

Es gibt ein paar ärgerliche Druckfehler in diesem schmalen Band. Ich liste sie einfach kommentarlos auf.

Seite 36: „Hole“ statt „Holo“.

Seite 43: Statt Phobos, dem Marsmond, schreibt der Übersetzer der Varley-Story ständig „Phöbos“. Beides sind griechische Wörter, doch „phobos“ bedeutet „Furcht“ und „Phöbus / phoibos“ ist der Name des Lichtgottes Apoll.

Seite 72: „Er legte seinen Arm um seinen Freund, A.V. Premchard sagte sanft …“ Das falsch gesetzte Komma verwirrte mich völlig. Denn den folgenden Dialog-Satz spricht nicht Premchard, sondern Williamz. Daher muss das Komma wie folgt stehen: “ …um seinen Freund Premchard, sagte sanft …“.

Seite 145: „das Geräusch von Wasser, daß irgendwo tropfte.“ Statt „daß“ müsste es „das“ heißen.

Auf Seite 146 verhält es sich genau umgekehrt. In dem Satz „dass ich nichts von der Welt wußte, außer das sie die Kontrolle über mein Handeln an sich gerissen hatte …“ müsste das Wörtchen „das“ ein „daß“ sein. Dann stimmt die (alte) Grammatik.

_Unterm Strich_

Alle Erzählungen bis auf eine sind von hoher Qualität. Sie bieten gute Unterhaltung sowie erstaunliche Ideen. Und Ideen sind ja der Hauptgrund, warum man überhaupt SF-Erzählungen liest. Sonst könnte man ja gleich zu einem Roman greifen. In der SF entstehen Romane aber häufig aus mehr oder weniger langen Erzählungen. Während die Story eine oder zwei ungewöhnliche Einfälle präsentiert, ist es die Aufgabe eines Romans, eine Entwicklung zu schildern.

Während die Erzählungen von den zwei Könnern Coney und Varley mein Interesse fesseln konnten, gelang dies McAllisters Story „Victor“ leider nicht. Nach einem Genre-typischen, starken Auftakt verliert sich der Rest in banalem Geschehen wie etwa Heirat, Kindern, Scheidung und neuer Beziehung. Was soll daran Besonderes sein?

Auch die Erzählung von Brian Aldiss folgt keinem vorgegebenen Story- oder Handlungs-Muster, sondern schildert schon eine Entwicklung, wie es ein Roman täte. Deshalb muss der Leser Geduld aufbringen, während die drei Hauptfiguren ihren jeweiligen Weg verfolgen. Und bei Aldiss, das weiß der erfahrene SF-Kenner, muss man sich stets darauf gefasst machen, dass die Figuren unangenehme Überraschungen erleben. Für Aldiss, eine der wichtigsten Autoren der New Wave in den sechziger Jahren, ist das Leben kein Zuckerschlecken. Einer zahlt immer drauf.

Als Trostpflaster zu diesen beiden Erzählungen erlebte ich dann zu meinem Erstaunen eine gruselige Fantasygeschichte, die von einem SF-Klassiker namens Sterling Lanier kommt. (Er war übrigens der Typ, der es Frank Herbert 1965 überhaupt erst ermöglichte, seinen voluminösen Roman „DUNE“ als Hardcover bei einem Verlag zu veröffentlichen – alle anderen hatten schon abgelehnt.)

Laniers Story versetzt uns zurück in ein quasi-viktorianisches England, so dass man jeden Moment erwartet, einen Gespensterdetektiv auftreten zu sehen. Solche Figuren gab es in der Massenliteratur zuhauf, so etwa auch Aylmer Vance. Tatsächlich ist unser Erzähler Donald Ffellowes so ein Kerl, eine Art james Bond des Esoterischen. Zusammen mit einer Story direkt aus den Artus-Legenden wird noch eine richtige Sword-& Sorcery-Handlung draus. Wirklich erstaunlich – und sehr unterhaltsam.

Im Unterschied zu Isaac Asimov’s SF Magazin hatte das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ keine Berührungsängste zur Fantasy und Schauerliteratur. Ein Glück, denn sonst wäre mir dieser feine Beitrag durch die Lappen gegangen.

|Taschenbuch: 158 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1976/77/78
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453304826|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Mafred Kluge bei Buchwurm.info:_
„Die Cinderella-Maschine“
„Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49“

Wahren, Friedel (Hrsg.) – Isaac Asimovs Science Fiction Magazin, 38. Folge

Trügerische Utopien und andere Herausforderungen

Dieser Auswahlband aus dem Jahr 1991 enthält Erzählungen von Kim Stanley Robinson, George Alec Effinger, Mike Resnick, Michael Kallenberger, Megan Lindholm (= Robin Hobb), James Patrick Kelly und dem deutschen Autor Peter Frey.

Drei Novellen ragen heraus. Effingers Novelle bildet den Anfang seines Roman „Das Ende der Schwere“, Resnicks Novelle „Manamouki“ wurde mit dem begehrten HUGO Award ausgezeichnet und Kelly glänzt mit der Novelle „Mr. Boy“.

Die Herausgeber

Friedel Wahren war lange Jahre die Mitherausgeberin von Heynes SF- und Fantasyreihe, seit ca. 2001 ist sie bei Piper verantwortlich für die Phantastikreihe, die sowohl SF als auch Fantasy veröffentlicht.

Isaac Asimov, geboren 1920 in Russland, wuchs in New York City auf, studierte Biochemie und machte seinen Doktor. Deshalb nennen seine Fans ihn neckisch den „guten Doktor“. Viel bekannter wurde er jedoch im Bereich der Literatur. Schon früh schloss er sich dem Zirkel der „Futurians“ an, zu denen auch der SF-Autor Frederik Pohl gehörte. Seine erste Story will Asimov, der sehr viel über sich veröffentlicht hat, jedoch 1938 an den bekanntesten SF-Herausgeber verkauft haben: an John W. Campbell. Dessen SF-Magazin „Astounding Stories“, später „Analog“, setzte Maßstäbe in der Qualität und den Honoraren für gute SF-Stories. Unter seiner Ägide schrieb Asimov nicht nur seine bekannten Robotergeschichten, sondern auch seine bekannteste SF-Trilogie: „Foundation“. Neben SF schrieb Asimov, der an die 300 Bücher veröffentlichte, auch jede Menge Sachbücher, wurde Herausgeber eines SF-Magazins und von zahllosen SF-Anthologien.

Die Erzählungen

1) Kim Stanley Robinson: Das Ende der Traumzeit (Before I Wake)

Der Wissenschaftler Fred Abernathy erwacht aus einem wunderschönen Traum, weil sein Kollege Winston ihn anbrüllt, er solle gefälligst aufwachen. Aber er ist doch wach, oder etwa nicht? Winston erklärt, dass die Menschen, wie Fred, Wachen nicht mehr von Träumen unterscheiden können, weil ihre Wach- und Schlafphasen völlig durcheinandergeraten sind. Das Magnetfeld der Erde muss in ein starkes Feld kosmischer Strahlung geraten sein, die dies verursacht.

Flugzeuge sind abgestürzt, Auto- und Schiffsverkehr zusammengebrochen. Abernathy holt seine träumende Schwester Jill aus dem niedergebrannten Zuhause ab und bringt sie ins Labor zu Winston und anderen Mitarbeitern des Instituts. Hier versucht Abernathy, unter ständiger Verabreichung von Schmerz, Aufputschmitteln usw., ein Abschirmgerät zu entwickeln. Es gelingt ihm. Doch dankt man es ihm? Nein: Auf einmal gehen alle auf ihn los: Er sei schuld. Aber an was? Als er stürzt, glaubt er eine Treppe hinabzustürzen, doch dann erwacht er. Wirklich?

Mein Eindruck

Der Autor hat die Schlafforschung von 1990 gründlich studiert, und auch heute forscht man eifrig weiter, was im Schlaf passiert. Er geht aber weiter, indem er fragt, wie Bewusstsein entstand, als das Gefühl, wach zu sein und sich zu fragen: „Wer und was bin ich?“ Wozu dient dann aber das Träumen? Möglicherweise kann in diesem Zustand das menschliche Bewusstsein in die Unendlichkeit hinausreichen und sich so seiner spirituellen Seite bewusst werden.

Der Rest der Handlung lässt sich durchaus vernünftig verfolgen, da dies keine Story von Philip K. Dick oder J. G. Ballard ist. Fred erkennt das Problem, bekämpft es und sucht, wie ein guter Wissenschaftler, die Lösung dafür: die Abschirmung des Kopfes gegen die Magnetstrahlung. Der Träger des Helms würde also aufwachen. Ironischerweise ziehen seine Arbeitskollegen es vor weiterzuträumen …

2) George Alec Effinger: Marîd lässt sich aufrüsten (Marîd Changes His Mind)

Der etwa 30-jährige christliche Algerier Marîd Audran lebt als Privatdetektiv im Budayin, dem Rotlichtbezirk einer nordafrikanischen Stadt im 21. Jahrhundert. In den Strip-Klubs findet er seine Kumpel, seine diversen Freundinenn – und leider auch seine Feinde. Die Halbwertszeit eines Lebens ist hier stark reduziert. Seine derzeitige Freundin ist Yasmin, eine Oben-ohne-Tänzerin, aber auch mit Tamiko und Nikki hat er schon nähere Bekanntschaft geschlossen. Marîd ist ein wenig exotisch und wirkt arrogant, weil er sich standhaft weigert, ein Software-Add-on für die Persönlichkeitsmodifikation zu benutzen. Er hat nicht mal eine Schädelbuchse dafür und zieht stattdessen Tabletten vor. Yasmin kennt solche Skrupel nicht, und deshalb ist sie die populärste Tänzerin bei Frenchy’s.

Die Mordserie

Dass die Moddys und Daddys – die Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons – auch Gefahren bergen, zeigt sich, als ein neuer Kunde Marîds vor seinen Augen vor einer James-Bond-Kopie umgenietet wird. Wie taktlos. Leider bleibt es nicht bei diesem Mordopfer. Auch Tamiko und eine ihrer Freundinnen, die sich als Killeramazonen auftakeln, erleiden einen vorzeitigen Exitus. Und ihre und Marîds Freundin Nikki verschwindet spurlos. Schleunigst begleicht Marîds Nikkis Schulden bei Hassan und Abdullah, doch auch dies bewahrt ihn nicht vor einem bösen Verdacht, als Abdullah ebenfalls die Kehle aufgeschlitzt wird.

Diesen Verdacht hegt jedoch nicht die Polizei unter Kommissar Okking, mit dem Marîd schon öfters zu tun hatte, sondern der Obermacker des Rotlichtviertels, Friedlander Bei. Marîd bekommt eine „Privataudienz“ mit der Option auf sofortige Exekution durch die zwei Gorillas dieses Paten. Doch er kann ein hieb- und stichfestes Alibi für Abdullahs Tod vorweisen und springt dem Tod noch einmal von der Schippe. Er erfährt, dass alle Ermordeten in Diensten Friedlander Beis standen, sei es als Kunden oder als Auftragskiller wie Tamiko. Offensichtlich will jemand die Geschäfte des Beis erheblich stören, und das kann dieser nicht zulassen.

Ein neuer Chef

Und an dieser Stelle kommt nun Marîd ins Spiel. Er sei der Einzige, so der Bei, der es schaffen könnte, schlauer als die Polizei und schneller als der Killer zu sein. Der Bei bittet Marîd daher, für ihn den Schuldigen zu finden. Und wenn er bittet, dann hat Marîd das als Befehl aufzufassen. Die Bezahlung ist fürstlich, doch die Sache hat einen Haken: Marîd muss sich aufrüsten lassen. Das schmeckt ihm überhaupt nicht, aber was bleibt ihm anderes übrig? Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben. Die eigenen Ärzte des Beis sollen die OP vornehmen. Na schön, willigt Marîd ein, froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Auch seine Freundin Yasmin überredet ihn, sich „verdrahten“ zu lassen.

Verdrahtet

Drei Wochen später – es ist Ramadan – erwacht Marîd mit einem Brummschädel und merkt, dass er im Bett eines recht angenehm aussehenden Krankenhausbettes liegt. Es unterscheidet sich von den Armenzimmern, die er nach einer Blinddarm-OP kennenlernte. Offenbar hat sein neuer Mäzen dafür gesorgt. Der Arzt, Herr Yeniknani, ist sehr besorgt um das Wohl und Wehe von Marîd und erklärt ihm die neuen Implantate. Marîd kann jetzt nicht nur Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons hochladen, um jemand anderes zu sein und zusätzliches Wissen zu erlangen. Nein, er kann noch viel mehr, weil Dr. Lîsani ihm winzige Drähte in tiefe Regionen seines Hirns eingeführt hat, damit Marîd Gefühle wie Hunger, Durst, Schlaf und sexuelle Erregung direkt kontrollieren kann. Allerdings kann er sich nicht selbst einen Orgasmus verschaffen, denn das wäre kontraproduktiv gewesen. Marîd ist beeindruckt.

Sobald er wieder entlassen worden ist, hört er, dass dieser James-Bond-Verschnitt verschwunden ist und dass seine eigene Freundin Nikki tot aufgefunden wurde – in einem Müllsack. Bei ihr findet er ein selbstgebasteltes Moddy, einen Ring und einen Skarabäus, möglicherweise Hinweise auf Herrn Leipolt, einen deutschen Kaufmann, mit dem Nikki zu tun hatte. Als er das Moddy von einer Moddy-Ladenbesitzerin testen lässt, verwandelt sich diese daraufhin in eine reißende Bestie. Marîd ist erschüttert. Aber dieses satanische Moddy kann nicht den oder die Mörder gesteuert haben, denn dafür sind die Morde zu sorgfältig durchgeführt worden. Als er Tamikos Freundin Selima, die dritte ihres Killertrios, hingeschlachtet vorfindet, warnt ihn eine mit Blut geschriebene Botschaft, dass er der Nächste sei.

Mein Eindruck

Auf den ersten Blick entspricht der Roman „Das Ende der Schwere“, den diese Story eröffnet, dem typischen Klischee für einen Cyberpunk-Roman: Modernste Technik steht im krassen Gegensatz zu dem illegalen oder zwielichtigen Milieu, in dem es eingesetzt wird. In der Regel ist der Grund für solchen Technikeinsatz aber der, dass im Untergrund und auf dem schwarzen Markt die moderne Technik – hier Persönlichkeitsmodule – erst voll ausgereizt werden. Das ist bis heute so, wenn man sich zum Beispiel Gadgets, Hacker, Designer-Drogen und das Internet ansieht.

Was den Roman über das Niveau der meisten Cyberpunk-Romane, die zwischen 1983 und 1995 erschienen (also bis zum Start der Shadowrun-Serie, als die Klischees endgültig in Serie gingen), hinausgeht, ist die Hauptfigur. Marîd Audran ist kein jugendliches Greenhorn mehr und hat bereits einige Lebensphasen hinter sich. Er lebt außerhalb der bürgerlichen Lebensgrenzen auf einem Areal, das zwar auf dem Friedhof liegt, aber als Rotlichtbezirk und Vergnügungsviertel genutzt wird. Touristen und Seeleute toben sich hier aus und, wie Audran erfährt, auch zunehmend Politflüchtlinge aus Europa.

Audran hat einen Horizont, den er ständig erweitert, und ein Händchen für Damen und Freunde. Beide sind ihm gleichermaßen treu, denn er weiß, dass er ohne sie nicht in diesem Milieu überleben kann. Er hat sich wie ein Chamäleon der Umgebung angepasst. Obwohl er, wie Friedlander Bei feststellt, Christ ist, befleißigt er sich doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit der arabischen Höflichkeits-Floskeln, zitiert den Koran, ruft Allah an und weiß mit arabischen Geschäftsleuten umzugehen, selbst wenn es sich um die größten Halunken handelt. Kurzum: Er ist ein Überlebenskünstler, noch dazu einer mit einem Gewissen und einem (gut versteckten) Herz aus Gold. Sonst würde er nicht nach verschwundenen Freundinnen fahnden.

Das macht ihn aber noch nicht zu einem guten Detektiv. So brüstet er sich zwar mit seiner Fähigkeit, jeden geschlechtsumgewandelten Mann, der nun als Stripperin auftritt, erkennen zu können, doch als er selbst einer hübschen langbeinigen Blondine in der Villa eines Deutschen begegnet, nimmt er sie dummerweise für bare Münze und schläft mit der Hübschen. Am nächsten Morgen klärt ihn „ihre“ Abschiedsnotiz über seinen Irrtum auf: „Sie“ heißt Günther Erich von S. Marîd stöhnt, weil ihm übel wird. Schließlich war er bis jetzt strikt hetero. Und seine Menschenkenntnis hat offenbar schwer nachgelassen. Was, wenn dies auch bei Nikki der Fall wäre?

Die Austauschbarkeit von Körpern und Persönlichkeiten ist mittlerweile völlig geläufiges Standardmotiv in der Science-Fiction. Dazu muss man nur mal Richard Morgans fulminanten SF-Detektivroman „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ansehen (siehe meinen Bericht). Diese Motive waren aber anno 1987, also drei Jahre nach der Veröffentlichung von Gibsons epochalem „Neuromancer“ noch an der vordersten Front der SF-Ideen.

3) Michael Kallenberger: Weißes Chaos (White Chaos)

Der Journalist Alan Endridge hat die Aufgabe angenommen, die Biografie des großen Mathematikers Abraham Soleirac zu verfassen. Alan steht der Aufgabe zwiespältig gegenüber. Einerseits hat Soleirac innerhalb der angestaubten Chaostheorie aufregende neue Gleichungen aufgestellt. Andererseits hat er prophezeit, dass sich der Große Rote Fleck des Planeten Jupiter binnen 20 Jahren auflösen werde. Das findet Alan absurd. Und in seinen Interviews mit dem Forscher entzieht sich dieser stets irgendwelcher Festlegung.

Wie auch immer: Alan befindet sich mit seiner Frau Jean, die bei Soleirac Physik studiert, an Bord einer Raumstation, die den Jupiter umkreist. Von hier aus lässt sich Soleirac an einem Stahlseil in einem Tauchboot in den Großen Roten Fleck hinab. Alan fragte den Forscher, was er damit beweisen wolle. Mehr oder weniger den Einfluss des menschlichen Willens auf die Gleichungen, die den Fleck bestimmen. Auch das hält Alan für zweifelhaft.

180 Tage später lässt sich Soleirac im Tauchboot wieder an Bord holen. Offensichtlich hat der geniale Mathematiker den Verstand verloren. Aber seine Exkursion war nicht umsonst: Der Große Rote Fleck in Jupiter-Atmosphäre hat sich nämlich verändert …

Mein Eindruck

Die Geschichte von Soleirac und seinem Biografen Alan schildert auf feinfühlige, kenntnisreiche und psychologisch interessante Weise die Diskrepanz zwischen dem Tun eines Wissenschaftlers und seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Soleirac wird als neuer Einstein und Hawking gefeiert, und Alan hat nicht wenig dazu beigetragen. Doch der Mensch Soleirac selbst ist enigmatisch, vielleicht als Schutzmechanismus. Seit seinem 31. Lebensjahr, so entdeckt Alan, hat Soleirac nichts mehr geleistet.

Davon abgesehen gibt es noch eine weitere Ebene, die sich generell mit der Bedeutung von Theorien zur Erklärung des Universums beschäftigt. Auf dieser Ebene erhält Soleiracs Exkursion zum Großen Roten Fleck einen Sinn: als Kunstwerk. Und als Ausdruck des Aufeinandertreffens von Wille und Gleichung.

4) James Patrick Kelly: Mr. Boy (OT dito)

Die lange Novelle (ca. 80 Seiten) erzählt von ein paar Jungs in einer Zukunft, in der sich jedermann genmanipulieren lassen kann. Der titelgebende Mr. Boy heißt so, weil er, der als Peter Cage vor 25 Jahren geboren wurden, sich hat verjüngen – stunten – lassen. Jetzt hängt er mit anderen 13-Jährigen rum und himmelt eine neue Schülerin an. Seine Mutter hat sich in eine Kopie der Freiheitsstatue verwandeln lassen. In ihrem riesigen Innern isst Mr Boy und hat sein Zimmer. Ein „Genosse“ bzw. Androide erfüllt ihm alle seine kleinen Wünsche.

Der Genosse gibt ihm das Foto einer Leiche: Ein Manager der Firma Infoline wurde von seiner Frau per Kopfschuss getötet. Peter steht auf Leichen, weil sie so „extrem“ sind, ihm also einen Kick verschaffen – und seine Mutter schocken. Allerdings kriegt er genau wegen dieses Fotos mächtig Ärger mit einer Firma namens DataSafe, die es unbedingt zurückhaben möchte.

Die Spur des Fotos zieht sich durch die Story, aber auch die Geschichte von Peters Liebesgeschichte mit Treemonisha. Als er deren Familie kennenlernt, ist das ein Damaskuserlebnis: Die vierköpfige Familie lebt nackt in einem Gewächshaus. Aber das ist noch gar nichts gegen den Augenblick, als er die Wahrheit über seine Mutter erfährt …

Mein Eindruck

Zunächst wirkt der Text, der nun hin und wieder einen Absatz aufweist, als wäre es anstrengend, ihn zu lesen. Aber schon nach wenigen Seiten wird klar, dass es ganz leicht ist, ihm zu folgen. Okay, man muss hinnehmen, dass die Szene mitten im Absatz wechselt, aber das ist in Ordnung, denn auf diese Weise hält die Geschichte ihr Tempo aufrecht, und dieses Tempo ist enorm hoch. In nur 80 Seiten lernen wir eine ganze Jugendkultur kennen und die Entwicklung eines verjüngten Mr. Boy zu einem erwachsenen Mann.

Denn ein Junge kann nicht ewig ein Kind sein, nur um seiner Mutter den Gefallen zu tun, stets von ihr (und ihrem Geld) abhängig zu sein. Nein, ein Junge lernt auch mal ein Mädel kennen, das selbst ebenso wie ihre Familie ganz anders drauf ist als er. Werte verschieben sich, die Realität wird eine andere.

Zur Krise kommt es auf der Geburtstagsparty eines weiteren Schulmädchens, die sogar bis nach Japan übertragen wird. Antike Dinge wie Schallplatten aus Vinyl sowie ein altes Klavier werden hier der Zerstörung zugeführt, auf dass die Vergangenheit vernichtet werde. Ebenso wie das Stunten geht es also um den Umgang mit Alter. Alter ist relativ, und diese Kultur hat das Altern an sich zum Tabu erklärt. Bis Peter den ganzen Betrug dahinter entdeckt …

Diese Kultur ist natürlich die amerikanische und Peters Mutter ist die Verkörperung Amerikas. Daher die Gestalt der Freiheitsstatue. Doch Miss Liberty erweist sich als das genaue Gegenteil von Freiheit, nämlich als die ultimative Kontrolleurin. Auf diesem Umweg kritisiert der Autor seine Kultur, und an dieser hat sich seit 1990 nur wenig verändert. Allenfalls sind die Kontrollen nach der Verabschiedung des Patriot Act 2002 noch strenger geworden.

5) Bruce Sterling: Manamouki (OT dito)

Der kenianische Stamm der Kikuyu hat auf einer künstlichen Welt namens Kirinyaga ein neues Zuhause gefunden und lebt nun nach den alten Traditionen, die in Kenia auf der Erde schon längst durch die westliche Lebensweise abgelöst worden ist. Dies weiß Koriba, der Medizinmann des Dorfes, der auch den einzigen Computer bedient. So erfährt er, dass zwei Neuankömmlinge eintreffen werden. Sie kommen aus Kenia.

Nkobe und seine Frau Wanda entsteigen der Fähre, die sie von der Raumstation heruntergebracht hat. Eigentliche Nkobe ein reicher Mann, überlegt Koriba und fragt sich, warum er auf einer so primitiven Welt leben will, wo es nicht mal fließend Wasser gibt, geschweige denn Wasserklosetts. Es war Wanda, seine hochgewachsene Frau, die ihn dazu überredet hat, stellt sich heraus. Nun, macht Koriba ihr klar, sie muss lernen, wie ein Manamouki zu leben, wie ein weibliches Besitzstück ihres Mannes. Wanda verspricht, es zu versuchen und nimmt sogar einen anderen Namen an, den einer kürzlich Verstorbenen: Mwange.

Aber mit Mwange kommen auch neue Ideen in das Dorf Koribas, und als Erste protestiert die Erste Frau des Häuptlings. Mwanges Kleider seien viel prächtiger als ihre und würdigten sie herab. Sie ist nicht die Letzte, die sich über Mwange beschweren wird, selbst wenn Koriba noch so häufig mit Mwange redet, um sie dazu zu bringen, die Traditionen der Kikuyu zu befolgen. Doch er scheitert letzten Endes an zwei einfachen Gesetzen: Mwange ist unbeschnitten, das ist gegen das Gesetz, und zunächst duldet sie keine zweite Frau in der Hütte Nkobes. Das beschämt die anderen Frauen.

Als Koriba Nkobe und Mwange, die Manamouki, verabschiedet, hat er eingesehen, dass es zwei verschiedene Dinge sind, ein Kikuyu zu sein und einer sein zu wollen. Mwange, die sich wieder Wanda nennt, sagt ihm, dass dies zwar Utopia sein mag, aber dennoch die Stagnation in Reinkultur ist. Koriba seufzt. Und als hätte er es geahnt, beginnen die verrückten Ideen Wandas bereits Wurzeln zu schlagen – die Plagen haben begonnen.

Mein Eindruck

Diese Erzählung aus Resnicks Episodenroman „Kirinyaga“ erhielt 1991 den angesehenen Hugo Gernsback Award von den amerikanischen Lesern. Der Autor macht in anschaulichen Szenen das grundlegende Problem einer Utopie deutlich: Sie muss entweder eine radikale Abkehr vom Vorhergehenden sein, oder ein Rückfall in eine Reinform, die der Stagnation verpflichtet ist, soll sie sich nicht wieder zu jenem ursprünglichen Stadium entwickeln, das die Utopie ja gerade überwinden will.

Wie schon in seinem Roman „Elfenbein“ (siehe meinen Bericht) belegt Resnick, dass er sich mit den Traditionen der drei kenianischen Stämme Massai, Wakamba und Kikuyu bestens auskennt. Jede Szene ist glaubwürdig und leicht verständlich geschildert. Selbst wenn die Probleme der Klienten lachhaft erscheinen, so sind es die Gründe und Folgen keineswegs. Mwange, die Manamouki, wird als verflucht bezeichnet, denn sie ist kinderlos. Schon bald wird sie als Hexe bezeichnet und muss entweder vom Mundumugu, dem Medizinmann, geheilt oder erschlagen werden. Stets geht es um grundlegende Bedingungen des Lebens, also um Leben und Tod.

6) Megan Lindholm: Silberdame und der Mann um die Vierzig (Silver Lady and the Fortyish Man)

Die Silberdame ist Verkäuferin im Kaufhaus Sears. Die 35-jährige Exschriftstellerin verdient gerade mal vier Dollar die Stunde, und keineswegs Vollzeit. Das ist also zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Da fällt ihr ein Mann um die Vierzig auf, der einen Seidenschal kauft, den er gar nicht braucht. Aber er kommt wieder, und nennt sie „Silberdame“. Er hinterlässt ihr zwei Ohranhänger in Form einer eleganten Dame in Silber.

Beim dritten Mal lädt er sie ins mexikanische Restaurant ein, nennt sich Merlin, lässt sie aber sitzen, als er auf die Toilette geht. Immerhin: Sie bekommt drei Teebeutel von ihm, und ein Tee davon, „Verlorene Träume“, entführt sie ins Traumreich. Dort tritt sie als Silberdame auf und er erklärt ihr, dass ein Rivale ihn hinweggezaubert habe. Na, wer’s glaubt. Aber als sie am nächsten Tag die Kristallkugel, in der eingesperrt zu sein er behauptet hatte, durch ein Missgeschick zu Boden wirft, steht er gleich wieder neben ihr. Na, wenn das keine Magie ist!

Sie lässt sich zu ihm fahren, wo sie miteinander auf dem Boden schlafen. Schon wieder verschwindet er spurlos – nur um in ihrem Badezimmer aufzukreuzen. Schon wieder Magie? Sie glaubt nicht daran, aber sie geht gleich noch mal mit ihm ins Bett. Wer weiß, wann er wieder verschwindet …

Am nächsten Tag ist ihre Muse, die sie schmählich im Stich gelassen hatte, zurück und fordert sie neben der Schreibmaschine sitzend ungeduldig zum Schreiben auf. Vielleicht wird’s doch noch was mit der Schriftstellerkarriere.

Mein Eindruck

In der wunderbar witzig erzählten Story um die Frau ca. 35 und den Mann um 40 geht es natürlich um Singles, die es nicht in eine Ehe geschafft haben, aber nicht das Glück oder den Mumm haben, eine lukrative Stellung zu ergattern. Ziemlich gnadenlos beurteilt die Autorin die ein wenig traurige Lebenssituation ihrer Titelheldin, die kaum ihre Rechnungen bezahlen kann, nachdem ihre Muse sie im Stich gelassen hat.

Ist Merlin wirklich DER Obermagier, fragen wir uns. Natürlich nicht. Er behauptet, die Magie sei auch nicht mehr das, was sie mal war. Wie wahr – und dann lässt er die Dame sitzen. Aber vielleicht ist ja doch was dran an seinen Flunkereien. Die Autorin hält diesen Aspekt stets in der Schwebe, denn genau darum geht es ja: Vielleicht sieht die Magie heutzutage ganz anders aus als in den Fantasy- und Ritterepen von anno dunnemals.

Am Schluss hat unsere Lady etwas gewonnen, aber sie kann nicht benennen, was es ist. Ein Glaube, ein Lebensmut? Und wenn man schon von Magie spricht, so ist eine Muse auch nichts anderes als ein magisches Wesen. Und dieses existiert unleugbar. Wie der Text beweist.

7) Peter Frey: Abenddämmerung

Jarosch und seine Tochter Miriam wandern in den Wald, wo sie vor dem Ereignis zu wandern pflegten. Doch seitdem hat sich hier einiges geändert. Während die Vegetation so üppig gedeiht wie eh und jetzt, sind die Nacktschnecken auf Bananengröße angewachsen, die Steinpilze sind widerstandsfähig wie Hartgummi und in einer feuchten Kuhle leuchtet es schwefelgelb …

Mein Eindruck

Welches Ereignis das gewesen sein muss, kann man sich unschwer vorstellen: der Atom-GAU von Tschernobyl aus dem Jahr 1986. Die Wolke des radioaktiven Fallouts zog auch über weite Gebiete der Bundesrepublik hinweg. Die Isotopen reicherten sich in Pilzen und anderen Waldgewächsen an, so dass vor deren Verzehr öffentlich gewarnt wurde. Der Autor extrapoliert lediglich diese Folgen ein wenig und zeigt, welche unheimliche Zukunft auf die kleine Miriam warten könnte.

Die Übersetzung

Die Texte sind durchweg korrekt und gut lesbar übersetzt worden, doch wie so oft tauchen hie und da ulkige Druckfehler auf. So lesen wir auf Seite 7 von einer „Stürmbö“ und auf Seite 17 von einer „Dünnung“ (statt „Dünung“). Auf Seite 219 steht der seltsame, kurze Satz. „Er zielt inne.“ Erst wenn man das Z durch ein H ersetzt, erhält der Satz einen Sinn: „Er hielt inne.“

Unterm Strich

Drei bedeutende Novellen stehen in dieser 38. Auswahl teils herausfordernden, teils erheiternden Texten. Diese drei Novellen sind Effingers „Marîd lässt sich aufrüsten“, das später den Auftakt zu seinem Roman „Das Ende der Schwere“ bildete und einen Abgesang auf den Cyberpunk darstellt. Marîd ist zwar „verdrahtet“, doch er ist kein Rebell, sondern Handlanger eines Mafioso. Wo ist der „Neuromancer“, wenn man ihn braucht?

Der zweite zentrale Text ist für mich Resnicks „Die Manamouki“, das später ein wichtiges Kapitel seines noch unübersetzten Episodenromans „Kirinyaga“ (siehe meinen Bericht dazu) bildete. Hier versucht eine Kenianerin Teil der utopischen Gesellschaft auf Kirinyaga zu werden, aber ihr Ansinnen erweist sich als unmöglich umzusetzen – aber aus unerwarteten Gründen.

In der dritten Novelle entdeckt „Mr. Boy“, dass nicht nur seine Jugendlichkeit eine selbstbetrügerische Lüge ist, sondern dass seine Mutter, das fürsorgliche Monster, gute Gründe gehabt hat, ihn in seiner Jugend zu belassen. Mutter, dass ist Amerika und das eigentliche „Alien“, wie schon Lt. Ellen Ripley auf der „Nostromo“ erkennen musste.

Die Texte von Kim Stanley Robinson und Michael Kallenberger sind in ihrer Nichtlinearität und Komplexität Herausforderungen an den Leser, aber dennoch lohnenswert. Die einzige Fantasy-Story könnte Megan Lindholm alias Robin Hobb beigesteuert haben – falls es darin wirklich um Magie geht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Der letzte Text, obligatorischerweise von einem deutschsprachigen Autor/Autorin, warnt vor den Folgen der Super-GAUs in Tschernobyl: Der ach so urdeutsche Wald nimmt inzwischen unheimliche Erscheinungsformen an und wirkt wie von einem anderen Planeten. Die Idee ist zwar bieder, aber ökologisch engagiert – und handwerklich einwandfrei, ohne jedes Pathos ausgeführt.

Kurzum: Dieser Auswahlband lohnt sich für jeden Freund von hochwertiger Phantastik, insbesondere aber für Kenner des Genres. Neueinsteiger könnten mit Robinson und Kalllenberger ein wenig Mühe haben, aber besonders die Resnick-Story entschädigt sie dafür vollauf. Lindholm und Frey bieten hingegen leicht verständliche Kost.

Taschenbuch: 301 Seiten
Originaltitel: Asimov’s Science Fiction Magazine (1989-91)
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453053779

Heyne:http://www.heyne.de

Friedel Wahren als Herausgeber bei |Buchwurm.info|:
[„Tolkiens Erbe – Elfen, Trolle, Drachenkinder“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2893

Manfred Kluge (Hrsg.) – Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49

_In den Wolken des Jupiter_

Vom traditionsreichen SF-Magazin „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ erscheinen in dieser Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von den Menschen und Mutanten auf der Station im Jupiter-Orbit, die den Riesenplaneten beobachten, um rätselhafte Signale aus dem All entziffern zu lernen.

2) Die Story von den Besuchern vom Prokyon, die staunend und fassungslos die Lebensgewohnheiten der Menschen studieren.

3) Die Story von dem Gesandten des Bischofs, der sich zu tief in die Berge vorgewagt hatte, in denen noch andere Götter an der Macht sind.

4) Die Story von dem passionierten Angler und der Flunder, bei der er ein paar Wünsche frei hatte.

5) Die Story vom Großvater, der aus lauter Sturheit weiterlebte, obwohl er schon längst gestorben war.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) Gregory Benford & Gordon Eklund: Jupiters Amboss_

Die Menschen haben von Aliens eine rätselhafte Botschaft erhalten: ein komplexes mit den Abmessungen 29×47 (Primzahlen). Ein Himmelskörper weist auf einen großen Gasplaneten hin. Da der nächste greifbare Gasriese der Planet Jupiter ist, schicken die Menschen eine Expedition aus und errichten in der Umlaufbahn des Riesenplaneten eine Station, den Orb. Von hier aus wollen sie unter der Leitung des Weltraum-Veteranen Bradley die Gegend erkunden. Die Resultate sind gleich null. Doch der Buddha-Anhänger Bradley nimmt es mit Gleichmut.

Nicht so hingegen die genmanipulierte Forscherin Mara. Auch sie kommt von der Erde und wuchs dort bei einer langweiligen Pflegefamilie auf, bevor sie nach New York City ausriss und schließlich mit 26 auf den Orb kam. Ihre Respektlosigkeit erregt viel Anstoß, besonders bei engstirnigen Crewmitgliedern wie Rawlins. Der zweite Mutant, den Rawlins im Visier hat, ist Maras Schicksalsgenosse Corey, ein Gehirn, das in einer Metalltruhe eingesperrt ist. Mara hält Corey für eine Frau, aber da irrt sie sich.

Irgendjemand hat es auf Maras Leben abgesehen. Schon zwei Unfälle, die sie auf Sabotage zurückführt, hat sie mit knapper Not überlebt. Bradley beruhigt sie. Er hat andere Sorgen. Die politische Situation auf der Erde ändert sich zu Ungunsten der Manips, der genmanipulierten. Der Weltkongress erkennt allen manips die Bürgerrechte ab und erklärte sie zu unerwünschten Vogelfreien. Die Reaktion bleibt nicht aus, wie Mara vorausahnt: Die Manips der Erde – es sind weniger als 400 – drohen damit, Tokio in die Luft zu jagen, sollte der Beschluss nicht rückgängig gemacht werden. Bradley muss Mara Hausarrest verpassen, doch Rawlins will mehr: die Liquidierung der „Abscheulichkeiten“.

Das will Bradley verhindern, denn in seinen Augen sind Mara und Corey ihre einzige Hoffnung, die Botschaft der Fremden zu entschlüsseln. Corey hat mal mit Delphinen kommuniziert, also in einem ganz anderen Medium: unter Wasser. Und Mara beherrscht die Mathematik. Zusammen hecken sie den Plan aus, Corey auf eine Exkursion in die Jupiter-Atmosphäre zu schicken. Seine Gondel soll an einem Ballon hängen. Mara soll in einem Beiboot folgen und ihn notfalls bergen.

Während die 300 Mann starke Crew an Bord des Orbs dem Wagnis gespannt folgt, entdeckt Corey in seiner Gondel tatsächlich Aliens in den unteren Schichten der turbulenten Jupiter-Atmosphäre: silbrige Kugeln. Sie nutzen Elektromagnetismus, um akustische Signale zu erzeugen und betören den Besucher mit ihrem elektronischen Gesang. Doch dann wird ihre Annäherung unvermittelt zur Gefahr …

|Mein Eindruck|

Dieser Kurzroman gewann 1975 unter dem Titel „If the Stars Are Gods“ den begehrten NEBULA Award der amerikanischen SF-Autoren und -Kritiker, und 1977 erschien der erfolgreiche Roman dazu (dt. als „Der Bernstein-Mensch“). Dass sich der wissenschaftlich orientierte Benford mit dem Planeten Jupiter bestens auskennt, hatte er 1975 mit dem Jugendbuch „The Jupiter Project“ bewiesen (dt. bei Boje, 1978). Dieses Wissen kommt ihm bei „Jupiters Amboss“ sehr zugute.

Der Schauplatz erinnert an Arthur C. Clarkes klassische Novelle „Begegnung mit Medusa“, aber der Handlungsverlauf ist klassischer Benford. Bradley, der Stationsleiter, muss sich gegen bornierte und fanatisierte Mitarbeiter durchsetzen, um überhaupt einen Fortschritt in seiner Forschung, der Mission, zu erzielen. (Dieses Motiv taucht noch mehrmals bei Benford auf.) Aber er muss auch seine Hand über die beiden „Mutanten“ halten, die eben diesen Durchbruch erzielen könnten.

Und hier wird die Story sehr aktuell. Denn die Genmanipulierten sind ja nichts weiter als eine Zumutung, die das Andersartige an den alten Adam stellt. Uralte Ängste werden wach, Ängste vor genetischer Vermischung und Infektion, vor rassischer Unterlegenheit und vor allem religiös Andersartigen, das „des Teufels“ ist (der Antichrist also?). Diese Angst bedroht auch die heutige globalisierte Gesellschaft, in der Rassen- und Religionskonflikte an der Tagesordnung sind.

Doch Mara ist nicht wie Corey. Das Gehirn im Metallgehäuse ist wesentlich nichtmenschlicher als Mara, und Mara entdeckt auf die harte Tour, wie menschlich sie selbst doch ist – trotz aller Abstoßungsreaktionen der menschlichen Rasse gegen Ihresgleichen. Die beiden Autoren entwickeln das Szenario an Bord des Orbs ebenso behutsam wie die Entdeckungen in der Außenwelt. Keine Sensationshascherei macht die Story unglaubwürdig. Das kann jedoch zu Ungeduld bei jüngeren Lesern führen.

_2) Frederik Pohl: Der Mutterwahn (The Mother Trip)_

Die Erzählung spielt vier Versionen des klassischen Alienbesuchs durch. Sie ist also nicht faktisch orientiert, sondern spekulativ. – Also, mal angenommen, ein Mutterschiff vom Prokyon erreicht den erdnahen Raum und sucht Lebensraum. Denn an Bord hat das Mutterwesen – daher der Name „Mutterschiff“ – Mawkri ein ganzes Gelege von mehreren hundert Jungen. Der Job des Männchens Moolkri ist es nun, den potentiellen Lebensraum auf seine Eignung hin auszukundschaften.

In der ersten Version geht alles schief, denn die menschlichen Bewohner dieser Welt sind einfach viel zu paranoid, um Single-Männer allein auf den Straßen zu dulden. Der Planet wird vernichtet. In Version zwei befielt man den menschen, sich zu unterwerfen. Diese reragieren damit, dass sie das Mutterschiff abschießen. So weit so schlecht.

Version drei wirkt am hoffnungsvollsten, denn das Mutterschiff beschließt, erst einmal zu beobachten, was das für Wesen sind. Vielleicht kann man ja mit ihnen Freundschaft schließen und von ihnen lernen. Tatsächlich stößt eine der Beobachtungssonden auf eine 16-köpfige Kommune in den Bergen von Idaho oder Oregon, die ein verlassenes Haus besetzt hat und nun dabei beobachtet werden kann, wie sie nackt in einem See Rituale vollführt. Deren Sinn dem fremden Beobachter natürlich vollständig entgeht. Erste Stimmen werden an Bord laut: „Sie können einfach nicht anders!“ Hat man so was schon gehört? Verständnis für Aliens!

Die vierte Variante sieht vor, dass das Mutterschiff nie abfliegt. Vielmehr ist die Raumfahrt noch gar nicht erfunden. Das ist die deprimierendste Version. Schwamm drüber.

|Mein Eindruck|

Man braucht nur mal die Perspektive umzukehren, und schon werden wir selbst als Aliens sichtbar, die sich in die Lage von Besuchern auf einer fremden Welt versetzt sehen können. Es gibt, wie gesagt, für den Besuchsverlauf drei Varianten, vorausgesetzt, man kann den Planeten überhaupt verlassen. Die drei Varianten sind klassische Verhaltenspsychologie: Furcht und Aggression, Aggression und Vernichtetwerden, oder drittens Beobachten, Hoffen und auf ein anderes Mal warten.

Bei einem Satiriker wie Fred Pohl, einem Urgestein der SF, muss man darauf gefasst sein, dass er die Szenarien nicht ganz ernst meint. Aber er hält uns eindeutig den Spiegel vor, wie es ein Schelm tun darf. Wider Erwarten ist die Story aber nicht sonderlich lustig, sondern schwankt zwischen schwarzem Humor und leichter Ironie.

_3) Ursula K. Le Guin: Das Hügelgrab (The Barrow)_

Der Gesandte des Bischofs von Solariy ist nach Malafrena in die Berge gekommen, um bei herzog Greyga nach dem Rechten zu sehen. Dessen Priester Egius erweist sich zum Entsetzen des Gesandten als Arianer. Ketzerei! Dem entgegnet der Herzog, dass dies noch gar nichts gegen das Heidentum der Barbaren in den Bergen sei, die noch dem Gott Odne huldigen. Man könne noch ihre Hügelgräber am Wegrand sehen, die mit den Opfersteinen für Odne.

Am nächsten Tag hat sich die Stimmung des Herzogs merklich verdüstert, bemerkt der Wanderprediger nun furchtsam. Schon seit zwei schier endlosen Tagen liegt nämlich Galla, des Herzogs 17-jährige Gattin im Kindbett und soll seinen Erben zur Welt bringen. Die Hebammen sind abweisend, genauso kalt und bissig wie die eisige Nacht draußen.

Am Abend hält es der Herzog nicht mehr aus und schnappt sich den Gesandten. Mit drohend erhobenem Schwert zwingt er ihn zu jenem düsteren Hügelgrab an der Straße in die Berge, das Odne geweiht ist. Kaum hat er den Prediger erschlagen, dreht der Wind, die Kälte weicht, und das Kind wird geboren. In den Annalen der Kirche von Solariy aber werden Herzog Freyga und sein Sohn als Kämpfer für den christlichen Glauben gepriesen.

|Mein Eindruck|

Auch diese Erzählung belegt, was für eine fantastisch gute Erzählerin Ursula K. Le Guin ist. (Siehe auch meinen Bericht zu „Die zwölf Striche der Windrose“.) Mit wenigen Szenen erschafft sie eine ganze Kultur und gleich drei Religionsstufen: das sogenannte Heidentum, das orthodoxe Christentum und die ketzerische Variante des Arianismus.

Zudem lässt sie die drei sich auseinanderentwickeln, so dass der heidnische Unterboden des Christentums sichtbar wird: das Blutopfer an die Götter, so dass genau zu Ostern der Winter endet und der Weg für den Frühling frei wird. Die Ironie dabei: Erst muss der Herzog den alten Göttern opfern, bevor er als Kämpfer für den „Weißen Jesus“ hervortreten und gelobt werden kann. Hier kritisiert die Autorin Legendenbildung und Heiligengeschichtsschreibung.

Die Handlung ist in Le Guins Fantasieland Malafrena verlegt, in dem auch ihr gleichnamiger Roman spielt (siehe meinen Bericht). Es liegt irgendwo in Südosteuropa.

_4) Richard Frede: Theorie und Praxis ökonomischer Entwicklung: Der Metallurg und seine Frau_

Horowitz arbeitet als Metallurg in der Nähe von New York und kann sich bloß ein kleines Apartment leisten. Seine Frau Betsy beklagt sich, dass ständig die Klimaanlage ausfalle. Auch ansonsten ist sie stets unzufrieden, vor allem mit seinem geringen Gehalt, von dem sie sich keine Kinder leisten könnten. Sie beneidet die anderen Gattinnen, die in noblen Wohnungen in der Fifth Avenue oder Kalifornien wohnen.

Regelmäßig fährt er mit seinen Kollegen in den Long Island Sund zum Angeln. Diesmal angelt er einen Fisch, der sprechen kann. Der Fisch sagt, er sei ein verzauberter Geschäftsmann und dass er Horowitz einen Gefallen schulde. Kaum hat Horowitz den Fisch vom Haken gelassen und seiner Frau davon erzählt, als sie ihn auffordert, den Gefallen einzufordern. Der Fisch ist einverstanden, ihr ein Apartment in der Innenstadt zu besorgen.

Der Aufstieg von Betsy Horowitz zur Senatorin ist unaufhaltsam, doch als sie auch noch Präsidentin werden will, streikt der Fisch …

|Mein Eindruck|

Unglaublich, dass das traditionsreiche Magazin ein freches Plagiat vom Märchen „Der Fischer un sine Fru“ abdruckt! Offenbar war man 1977 noch nicht mit deutschen Märchen vertraut. Wie auch immer die Folie auch deutlich sein mag, so ist doch die Stoßrichtung deutlich: Der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg, wie ihn die stets unzufriedene Betsy träumt, ist nur hohle Fassade. Horowitz selbst macht’s richtig: Er wünscht sich sein bescheidenes Apartment zurück und lässt sich von der nimmersatten Betsy scheiden, woraufhin er wohl glücklich bis ans Ende seiner Tage lebt.

_5) Robert Bloch: Altersstarsinn (A Case of Stubborns)_

Jethro Tolliver sitzt gerade mit seiner Familie trauernd am Frühstücksstisch, als Opa Tolliver die Treppe herunterkommt und sich an den Tisch setzt. Dabei ist er doch gestern an einem Herzinfarkt gestorben – bei 90 Jahren auch kein Wunder, oder? Während allen der Appetit vergeht, wagt nur Klein Susie, die Wahrheit auszusprechen. Doch Opa Tolliver widerspricht sofort vehement und sturköpfig wie immer. Er stammt aus Missouri und will jetzt auch hier in Tennessee erst einmal einen Beweis dafür haben, dass er angeblich tot ist.

Den Leichenbestatteter Bixbee können sie noch wegschicken, aber Doc Snodgrass muss sich selbst per Inaugenscheinnahme vom lebendigen Zustand jenes Mannes überzeugen, von dem er schon den Totenschein ausgestellt hat. Da, alles schwarz auf weiß! Opa Tolliver tut das alles mit einer anzüglichen Bemerkung auf die häufige Trunkenheit des Mediziners ab.

Auch Reverend Peabody, den Ma geholt hat, ergeht es nicht besser. Er zieht erschüttert mit einer ganzen Flasche besten Tennessee-Whiskys ab. Was sollen sie nur tun, jammert Ma und Jody kann’s nicht mehr mit ansehen. Es ist höchste Zeit, was zu unternehmen, denn Opa beginnt schon zu stinken und wird von Schmeißfliegen umschwirrt. Jody ringt Ma und Dad die Erlaubnis ab, die Waldhexe zu besuchen. Er nimmt sein Sparschwein aus dessen Versteck mit, denn wer etwas von einer Hexe will, der muss ihr auch was geben. Das weiß doch jeder.

Die alte Frau lebt in einer Felshöhle am Grunde der Geisterschlucht. Sie hat sogar eine sprechende Eule, die Jody unheimlich anspricht. Das Gesicht der Hexe ist schwarz wie die Nacht. Nach einer Weile hat Jody ihr sein Anliegen erklärt und ihr sein Erspartes überreicht. Immerhin 87 Cent und eine Wahlkampfplakette von Präsident Coolidge.

Die Hexe überlegt eine Weile, bevor ihr die rettende Idee kommt. Sie gibt Jody das richtige Ding mit und erklärt ihm, wie er es anzuwenden hat. Der Junge rast los, denn die Nacht bricht herein. Was hat er nur bei sich, das Opa Tolliver endlich vom Totsein überzeugen kann?

|Mein Eindruck|

Ha, und ich werde den Teufel tun und es hier hinausposaunen! Auf jeden Fall erzielt dieses Ding den gewünschten Zweck. Im allerletzten Satz las ich dann die Pointe – und es schüttelte mich vor Ekel und Schauder. Gleichzeitig musste ich über meine eigene Reaktion lachen und über das Können des bekannten Autors von „Psycho“ und anderen Klassikern der Schauerliteratur.

Robert Bloch war ein Zeitgenosse von H. P. Lovecraft, der dem jungen Star-Autor seines Zirkels wertvolle Tipps auf den Weg gab (HPL war, neben Tolkien, einer der fleißigsten Briefschreiber des 20. Jahrhunderts.) Bloch erlebte demzufolge noch den Schauplatz seiner Geschichte in Aktion und Technicolor.

Die Tollivers leben in den Südstaaten auf einer Farm, die noch Schweine und Kühe besitzt. Wenigstens gibt es schon Autos, denn Präsident Coolidge hat bereits sein Amt angetreten. Calvin Coolidge war laut Wikipedia von 1923 bis 1929 der 30. Präsident der Vereinigten Staaten, also der Vorgänger von Herbert Hoover (1930-33) und Franklin Delano Roosevelt (1933-45). Deshalb fahren der Arzt und der Leichenbestatter per Motorvehikel vor.

Der Ton der Story lässt sich nicht anders als hemdsärmelig beschreiben. Hier war ein Yankee am Werk, kein gottesfürchtiger Ire oder Italiener (jener Zeit), und das heißt, dass die Fakten respektlos auf den Tisch geknallt werden. Die einsetzende Leichenstarre wird noch als „Rigger Mortis“ verunglimpft, und dass man als ultimatives Mittel zu einer schwarzhäutigen (Achtung: Rassentrennung!) Hexe in den Wald gehen muss, ist auch in nördlichen Bereiten, etwa in Stephen Kings Maine oder in HPLs Rhode Island, nicht ganz unbekannt.

Jedenfalls hat mir diese Geschichte einen gruseligen Spaß beschert. Und wem sich bei der Lektüre die Fußnägel aufrollen, ist selber schuld.

_Die Übersetzung_

Ich fand zwei Unregelmäßigkeiten, was doch recht wenig ist. Auf Seite 124 versteckt sich ein Druckfehler in dem Satz: „Neben der Straße ragte ein Buckel auf, kaum mannshoch, in der Form eines Grabens.“ Nun ist ein Graben per definitionem eine Vertiefung statt einer Erhöhung, kann also nicht mannshoch sein. Richtig sollte es also heißen: „in der Form eines Grabes“ oder „eines Grabhügels“.

Die zweite Unregelmäßigkeit ist ein ganzer Absatz, der so durcheinander konstruiert wurde, dass er kaum einen Sinn ergibt. Der Satz stammt aus der Fred-Pohl-Story.

„Deshalb überrascht es sie ungemein, als alle sechs Nationen, die über ein Arsenal von Atomraketen verfügen, endlich zu einem gemeinsamen Ziel vereinigt, nachdem sie bei einer Beratung mittels ihrer geheimen Direktleitungen einen Zeitpunkt festgesetzt haben, gleichzeitig den Beschuss auf das in der Kreisbahn befindliche Raumschiff Mooklris, Mawkris und des Geleges eröffnen.“

Häh??! Dunkel ist der Sinn. Wohl dem, der ihn findet. Hätte der Übersetzer zwei Sätze draus gemacht, wäre wohl klar geworden, dass sich die Nationen erst einigten und dann die Raketen abfeuerten.

_Unterm Strich_

Eine Novelle wie „Jupiters Amboss“, die zwei Drittel eines Buches einnimmt, ist natürlich dessen Haupt- und Prunkstück. Obwohl ich ihr nur vier von fünf Punkten geben würde, lohnt es sich doch, in dieses Szenario zu versetzen. Noch lieber würde ich den Roman dazu lesen.

Danben verblassen die anderen Storys ziemlich, und nur die Erzählungen von Ursula Le Guin und Robert Bloch wissen daneben zu bestehen. Die Le Guin ist sowieso überragend in fast allem, was sie veröffentlicht hat, und hier entführt sie den Leser in jene Übergangszeit vom Heidentum zum Christentum.

Den Vogel schießt hingegen Robert Blochs makaber-spaßige Schauergeschichte um den Opa ab, der nicht zugeben wollte, dass er schon gestorben war. Nur die List einer Waldhexe kann ihn davon überzeugen, dass es wirklich an der Zeit sei, sich hinzulegen und den geist aufzugeben. Die Pointe ist schlichtweg unbezahlbar.

Taschenbuch: 157 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1976/77
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453304826
www.heyne.de

Varley, John – Noch mehr Voraussichten

_Sex auf dem Mars und andere Vergnügungen_

Dieser dritte Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus den siebziger Jahren enthält folgende Geschichten:

1) Der Nachbarplanet Mars sorgt für böse und schöne Überraschungen, als die Kolonisten eintreffen.

2) In „Rückläufiger Sommer“ kann man in Quecksilber baden. Aber nur auf dem Planeten Merkur.

3) Im „Phantom von Kansas“ werden von einem Künstler Gewitterstürme komponiert. Ein Detektiv ermittelt in einem damit verbundenen Mordfall.

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Stories, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der Roman „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science-Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine Roter-Donner-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Im Audienzsaal der Marskönige (In the Hall of the Martian Kings, 1976, HUGO Award)_

Die Marsoberfläche. Nach einer Explosion des Kuppelzeltes, die durch die nachfolgende Dekrompression drei Viertel des Expeditionskorps tötet, sehen sich die fünf Überlebenden harten Entscheidungen gegenüber. Sie können nicht mehr zum Mutterschiff „Edgar Rice Burroughs“ hinauffliegen, denn Pilot und Kopilotin ihrer Landefähre „Podkayne“ sind tot. Aber sie haben Vorräte für mindestens ein Jahr, bei Rationierung sogar für eineinhalb Jahre, mit Abwürfen der „Burroughs“ sogar noch länger. Sie sind jetzt eine autarke Kolonie.

Die kritischen Faktoren sind jedoch Wasser und Atemluft. Wasser lässt sich aus der Atemluft zwischen Plastikbahnen kondensieren und sammeln. Doch um Atemluft zu produzieren, benötigen sie Pflanzen, welche sie nicht haben. Matthew Crawford, der Historiker, sieht schwarz. Doch seine Gefährten, allen voran die Kommandantin Mary Lang, eine Afroamerikanerin, werfen die Flinte nicht ins Korn, sondern werden von der einheimischen Fauna überrascht. Aus den nährstoffreichen Gräbern der Getöteten erheben sich interessante Gebilde, die wie Windmühlen aussehen: Kreisler. Sie scheinen Wasser zu pumpen. Später gibt es ein Gewächs, das weiße Trauben bildet. Die Beeren“ enthalten Sauerstoff. Nun haben sie wieder Atemluft, und das Überleben ist gesichert.

Aber für eine Kolonie braucht man auch Paare und Kinder. Diese stellen sich sofort ein, sobald die „Burroughs“, die nichts mehr zu tun hat, wieder zur Erde gestartet ist. Alle ziehen sich nackt aus und treiben es miteinander, bis sich ein Gefühl des Kennens und Vertrauens einstellt. Nach dem Abflauen der Rivalitätskämpfe zwischen den drei Frauen und den zwei Männern stellt sich ein Gleichgewicht her, und es dauert nur acht Monate, bis Lucy McKillian feststellt, dass sie schwanger ist. Aber in welcher Welt wird ihr Baby aufwachsen?

Der Forschungsexpedition, die fast neun Jahre später eintrifft und eigentlich erwartet, nur noch Leichen vorzufinden, steht eine faustdicke Überraschung bevor …

|Mein Eindruck|

Es sind solche Erzählungen in der alten, zuversichtlichen Heinlein-Manier, die die amerikanische Science-Fiction wieder so attraktiv machten, nachdem sie durch das tiefe Tal der sechziger und frühen siebziger Jahre ging. Dass John Varley ein Heinlein-Jünger ist wie Niven, Pournelle und Spider Robinson, belegt schon der Umstand, dass die Landefähre Podkayne“ nach der Heldin von Heinleins Jugendroman Podkayne of Mars“ benannt ist. Und die Edgar Rice Burroughs“ beschwört die uralte Marsromantik, die der Schöpfer von Tarzan“ in den Jahren 1912 bis 1943 durch seine vielen Marsromane auslöste.

Anders als bei skeptischen Europäern vom Schlage eines Stanislaw Lem („Der Unbesiegbare“) zeigen sich die Amis auf dem Mars als Pioniere mit Tatkraft und Zuversicht. Als die einheimischen Lebensformen aus dem Boden (und dem 20 Meter darunterliegenden Wassereis) sprießen, erweisen diese sich als an die Menschen angepasst. Gerade so, als wären die Menschen erwartet worden. Wer weiß: Vielleicht haben die Wesen, die diese Sporen zurückließen, einst die Erde während der Steinzeit besucht und wollten die Besucher belohnen.

Hier zeigt sich eine amerikanische Denkweise: Gott (oder Schicksal, Natur usw.) hat vorherbestimmt, dass der Mensch, der sich bemüht, auch belohnt wird, aber nach Gottes eigenem verborgenen Plan. Und der kann ja nun auch Marsbewohner vorsehen. Der grandiose Titel In the hall of the „Martian kings“ wandelt einen Titel aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Sinfonie ab, nämlich „In the Hall of the Mountain King“. Aber wo sind sie, die Marskönige? Kommen sie noch – oder sind sie mit den Pionieren bereits gekommen?

_2) Rückläufiger Sommer (Retrograde Summer, 1974)_

Auf dem sonnennächsten Planeten Merkur ist es bekanntlich heiß. Aber die riesige Sternenmasse gleich in der Nachbarschaft sorgt auch für jede Menge Erdbeben, die die Steinkugel mitsamt ihrer menschlichen Bewohner durchrütteln. Am Raumhafen holt der 17-jährige Timothy seine drei Jahre ältere Klon-Schwester Jubilant vom Flieger ab. Weil sie auf dem Erdmond aufgewachsen ist, ist sie wie alle Lunarier nur schwache Schwerkraft gewöhnt und hoch aufgeschossen.

Er verpasst ihr als ersten Schritt der Anpassung eine künstliche Lunge, deren Apparat auch gleich das Kraftfeld erzeugt, das einen Merkurbewohner vor der Hitze schützt. Gesprochen wird nicht mit dem Mund, sondern mit einem Kehlkopfmikrofon. Er bringt sie zu seiner Mutter Dorothy, die wie alle Merkurier, die noch bei Verstand sind, wegen der Erdbeben auf einem Hügel wohnt – man will ja nicht in einem Tal verschüttet werden, oder?

Bei Tisch merkt Tim schnell, dass die beiden Frauen ein Geheimnis hüten. Es muss mit dem Grund zusammenhängen, warum Dorothy den Mond verließ und dabei Jubilant – ihre Tochter? – zurückließ. Nun kann man ja in der heutigen Zeit das Geschlecht wechseln wie andere Leute das Hemd, und so etwas wie „Kernfamilie“ ist ein vergessener Begriff aus der Antike der Alten Erde. Dennoch wurmt Tim diese offene Frage.

Zum Zeitvertreib zeigt er ihr die Quecksilberteiche in der Nähe. Sie liegen in einer schattigen Schlucht, wo das ionisierte Quecksilber in Teichen und Grotten von selbst leuchtet. Ein sehr schöner Ort, den man am besten ohne Kleidung genießt, denn wie sollte man sonst im Teich baden? Da die meisten Merkurier eh nur mit ihrem Kraftfeld bekleidet sind, planschen Tim und Ju in einem Grottenteich. Ein schöner Moment, in dem sie einander näher kommen.

Doch ein erneutes Erdbeben lässt die Höhle einstürzen, und sie werden verschüttet. Kein Grund zur Panik! Man wird sie bald rausholen, beruhigt Tim seine Schwester. Die beginnt während des Wartens, endlich das Geheimnis ihrer Familie zu lüften. Würde er nicht gerade kuschelnd neben ihr liegen, würde ihn ihre Geschichte von den Füßen hauen …

|Mein Eindruck|

Varley, der durchtriebene Schlingel, spielt auch diesmal mit Erotik – verbotener Erotik, denn Tim und Ju sind so etwas wie Brüderlein und Schwesterlein, und das ist ja bekanntlich tabu. Begleitet vom Merkurphänomen des „rückläufigen Sommers“ – eine exzentrische Umlaufbahn macht’s möglich – weiht uns die Geschichte in die dazu analoge Welt der Familienbeziehungen der fernen Zukunft ein.

Das heute so verbreitete und für selbstverständlich gehaltene Konzept der „Kernfamilie“ aus Mami, Daddy und den Kids wird nur noch in winzigen Sekten praktiziert. Die spezielle Kirche, aus der Tims und Jus Eltern stammen, nannte sich „Die Urprinzipien“, was schon mal auf ihre Altertümlichkeit hinweist. In einer Epoche des willkürlichen Geschlechtswandels und des Klonens ist so etwas wie „Familie“ ein höchst relativer Begriff. Folglich ist auch Tims Herkunft eine reichlich verschlungene Angelegenheit. Mehr darf nicht verraten werden.

_3) Das Phantom von Kansas (The Phantom of Kansas, 1976)_

In einigen Jahrhunderten wird das Gedächtnis eines Menschen komplett aufgezeichnet werden können. Die Archimedes Treuhandgesellschaft auf Luna erledigt das und hütet die Erinnerungen ihrer betuchten Kunden in einem gesicherten Tresor, genau wie eine Bank. Bis dann in den Tresor eingebrochen wird. Die Einbrecher sind offenbar nicht an den Wertpapieren interessiert gewesen, sondern an den Speicherzellen: Sie löschten sie allesamt. Das lief auf Mord hinaus.

Eine der Kundinnen bei der ATG ist Miss Fuchs, eine Environment-Künstlerin, die in den Disneylands auf dem Mond Wetter-Symphonien designt und aufführt. Nachdem das Gericht die ATG dazu verdonnert hat, Fuchs neu zu registrieren, begibt sich die junge Frau zum Arzt und lässt ihr Gedächtnis aufzeichnen. Als sie wieder erwacht und ihre Desorientierung überwindet, blickt sie in besorgte Gesichter ringsum, unter ihnen ihre Mutter Carnival. Bei einem Besuch des Präsidenten der ATG, Mr. Leander, erfährt Fuchs, dass sie selbst allen Grund hat, sich Sorgen zu machen: Sie wurde bereits dreimal ermordet. Die drei Vorgängerinnen wurden binnen zweieinhalb Jahren Opfer eines Unbekannten. Doch wessen Zorn kann sie, Fuchs, auf sich gezogen haben? Den eines Konkurrenten? Eines Fans, eines Irren?

Fuchs lässt sich schleunigst wieder aufzeichnen, denn sie beurteilt ihre Zukunftsaussichten als recht bescheiden und will ihrer Nachfolgerin eine Chance geben, erstens zu überleben und zweitens sie zu rächen. Aber was kann sie selbst unternehmen? Inspektorin Isadora rät ihr, zu Hause zu bleiben statt wie ihre Vorgängerin (Nr. 3) zu den Planeten zu fliegen. Der Irre, der sie verfolgt, hat sie dort offenbar erwischt. Fuchs ist einverstanden.

Dann fragt sie den Zentralcomputer von Luna, ob er ihr helfen kann. Von den 210.000 Menschen, die auf Luna leben, kommen über 93% als Täter in Frage. Doch es gibt es eine Dunkelziffer von sogenannten Gespenstern“ oder Phantomen“, die nicht legal auf dem Mond leben, widerrechtlich hier geboren oder geklont wurden. Der ZC verfolgt und terminiert sie; das ist sein Job. Dies Aussichten sind gut, findet Isadora, dass Fuchs als Köder bei einer ihrer Aufführungen den Täter in eine Falle locken könnte.

Über sechs Mondmonate oder „Lunationen“ vergehen, in denen Fuchs in aller Ruhe ihr neues Kunstwerk entwickeln und dessen Aufführung im Kansas-Disneyland vorbereiten kann. Tornados und eine donnernde Büffelherde spielen dabei eine tragende Rolle. Es wird die Zuschauer umhauen! Jetzt muss Fuchs die Aufführung bloß noch überleben …

|Mein Eindruck|

John Varley kombiniert Einfallsreichtum mit komplexen Weltentwürfen und detailliert gezeichneten Figuren, für die man sich wirklich interessiert. Fuchs, die Wetterkünstlerin, ist solch ein Charakter. Sie ist keine von uns und deshalb ein Rätsel. Das macht neugierig und wartet mit einigen Überraschungen auf, die sich auf den Handlungsverlauf auswirken.

Ihr Schicksal ist unauflöslich mit der Gesellschaft verknüpft, in der sie lebt und sich verändert. Auch diese Gesellschaft ist nicht unsere, obwohl uns ein paar Elemente bereits bekannt vorkommen. Dazu gehören die Disneylands, wenn auch unsere längst nicht 250 km im Durchmesser messen – aber auf dem Mond ist in den großen Kratern viel Platz.

Der zweite bekannte Faktor ist der Zentralcomputer, eine Künstliche Intelligenz (KI). Und wer Heinleins klassischen SF-Roman „Der Mond ist eine herbe Geliebte“ gelesen hat, weiß, welch entscheidende Rolle ein Zentralcomputer für ein Gemeinwesen spielen kann. Bei Heinlein heißt die KI Mycroft, nach Sherlock Holmes‘ Bruder. Varleys ZC hat keinen Namen, aber das macht ihn umso sympathischer. Er entwickelt sich zu einem echten Freund von Fuchs.

1992 benutzte Varley diesen Schauplatz mit sämtlichen Zutaten erneut in seinem fulminanten Detektivroman Stahlparadies / Steel Beach“, der deutsch bei Bastei-Lübbe erschien. Darin wird Fuchs‘ Nachfolgerin zu einem Ebenbild von Heinleins Superagentin Freitag. Aber wir sollten ihr ebenso wenig wie Fuchs vertrauen, wenn sie sagt, sie sei eine Frau …

_Unterm Strich_

Unsere Reise durch das Sonnensystem hat nun ihr Ende erreicht, bitte alle aussteigen! Von der Alten Erde über den Mond hinaus zu Mars, Venus und Merkur sind wir geflogen, ja, sogar zu den Saturnringen und noch weiter. Überall haben wir Menschen gefunden, allerdings reichlich veränderte Menschen. Sie speichern ihren Gehirninhalt – vulgo „Geist“ genannt – und wechseln ihre Körper und deren Geschlecht wie andere Leute ihr Hemd. Das macht sie so anpassungsfähig. Keine noch so menschenfeindliche Umgebung schreckt sie, nicht einmal der sonnennahe Merkur mit seiner Bratofenhitze und den ständigen Erdbeben.

Doch die Liebe in all ihren vielfältigen Formen hat ihre Anziehungskraft bewahrt. Klone lieben einander ebenso wie virtuelle Geister in Computern, und dabei wird dem Leser so manches zugemutet – nämlich dass er oder sie althergebrachte Moralvorstellungen über Bord wirft und sich flexibel zeigt, wenn es um Beziehungen zwischen relativen Begriffen wie Bruder, Schwester, Vater, Tochter, Mutter, Sohn und so weiter geht.

Sobald man dies einmal geschafft hat, öffnen sich neue Horizonte des Zusammenlebens und des gemeinschaftlichen Glücks, auch und gerade auf den neuen Welten, die es zu erkunden gilt. Dieses Versprechen gab seinerzeit bereits Robert A. Heinlein ab, und Varley ist in den großen Fußstapfen des Altmeisters unterwegs – glücklicherweise ohne dessen selbstgefälliger Geschwätzigkeit. Varley Geschichten, die in den drei „Voraussichten“-Bänden veröffentlicht wurden, finden sich in zahlreichen Anthologien, etwa bei Heyne, wieder. Sie sind stets ein Highlight, was abenteuerliche Ideen und gute Unterhaltung angeht.

|Taschenbuch: 157 Seiten
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 3 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr, Birgit Reß-Bohusch und Rose Aichele
ISBN-13: 978-3442233830|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7453

Varley, John – Mehr Voraussichten

_Neue Welten, schräge Erfahrungen_

Dieser zweite Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus den siebziger Jahren enthält folgende Geschichten:

1) Ein Löwe in der Speicherbank: Der Geist eines Mannes lebt in einem Computer – bis zum nächsten Download.

2) In der Schüssel: Ein Marsianer sucht auf der Venus wertvolle Juwelen – und findet die Gefährtin fürs Leben.

3) Triade: Ein Künstlerduo mit einem Symbionten muss Musik machen, um Nährstoffe zu erhalten. In Tympani finden sie eine sexy Aufnahmeleiterin.

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Stories, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der vorliegende Roman unter dem Titel „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science-Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine Roter-Donner-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Ein Löwe in der Speicherbank (Overdrawn at the memory bank, 1976)_

Die Menschen sind auf den Mond umgezogen und leben jetzt in großen, kilometerhohen Kuppeln. Da ist beispielsweise Kenia-Disneyland. Ein Lehrer erklärt seiner Klasse, dass im Medo-Tech-Mentrum ein Mann mit geöffneter Schädeldecke liegt. Warum, wozu – sie sollen es erklären. Fingal, der Mann auf der Bahre, lauscht ihnen, denn er ist es ja, über den sie reden. Er lässt gerade von seinen Gedächtnisbänken im FPNS-Netz eine Sicherheitskopie ziehen. Mit dieser Kopie kann er praktisch als Doppel in jede Art von kompatiblem Lebewesen eingepflanzt werden. Heute soll es eine Löwin in der kenianischen Savanne sei.

Während sein Körper mit wieder geschlossenem Schädel in einen Raum gebraucht wird, ergeht sich sein kopierter Geist im Leben der Löwin. Diese Erfahrung ist weniger befriedigend, als Fingal erwartet hat, denn die Löwin steht ziemlich weit unten in der Hierarchie des Rudels und darf erst als letzte ihre eigene Beute fressen. Dann ist Fingals Zeit in der Löwin abgelaufen.

Als er wieder in seinem Körper erwachen soll, merkt er, dass etwas nicht stimmt: Er sieht eine körperlose Hand, die auf eine Wand in Flammenschrift schreibt und ihm so eine Botschaft übermittelt. Dann darf er sich ein Buch nehmen, das ihm ebenfalls eine Botschaft übermittelt: Er befinde sich im Zentralcomputer der DataSafe Gesellschaft, mit der er den Vertrag abgeschlossen hat, und könne noch nicht in seinen Körper zurückkehren. Der sei nämlich abhandengekommen(!). Sein Geist befinde sich zwar vorerst in einem Computer, dennoch müsse er ihr, seiner Operateuse Apollonia Joachim, glauben, dass er real sei. Na schön. Aber seinem Psychiater, der ihn auf diesen Safari-Urlaub geschickt hat, wird er was husten.

Wie es Fingal vorkommt, lebt er ein Jahr in diesem Rechner. Er ist auf die Idee gekommen, dass er ja von seiner neuen Umgebung lernen kann: nämlich Computertechnik und Cybernetik. Außerdem kann er sich seine eigene Welt hier erschaffen, so etwa ab und zu eine Blondine. Dagegen scheint jedoch Apollonia etwas zu haben. Man könnte fast meinen, sie sei eifersüchtig …

|Mein Eindruck|

Ja, wo ist hier eigentlich die Pointe, fragte ich mich. Das Dick’sche Thema der Unterminierung der „Realität“ und das Leben als Geist in der Maschine – all das hatten wir doch schon in den sechziger Jahren. Die einzige Neuerung ist die Übertragbarkeit des Geistes auf technischem Wege – und auch die ist für Dick’sche Verhältnisse nicht wirklich neu. Dick benutzte dafür Drogen.

Angesichts der Nicht-Ereignisse in Fingals Computer fand ich die Geschichte denn auch nicht wirklich prickelnd. Und der Schluss vereint den Helden auf die übliche romantische Weise mit seiner Operateuse Apollonia: Boy gets Girl. Alles wie gehabt. Ich war nicht beeindruckt.

_2) In der Schüssel (In the Bowl, 1975)_

Kiku ist ein Amateurgeologe vom Mars, der schon einiges Wundersames von den Venussteinen, den Juwelen der Venus-Wüste, gehört hat. Sie sollen eine Menge wert sein, aber auch nur deshalb, weil sie schwer zu bekommen sind. Wie schwer, will Kiku herausfinden.

Zunächst macht er den Fehler, sich ein Ersatzauge aufschwatzen zu lassen – angeblich ein Schnäppchen, aber leider mit einer gewissen Fehlsichtigkeit. Die macht sich auf der Venus zunehmend lästig bemerkbar. Er passiert eine Stadt nach der anderen, bis er endlich die tiefe Wüste erreicht. Nach Last Chance kommt nur noch Prosperity. Hierhin kommen die Pendelbusse nur noch im Wochentakt.

Die einzige Medizinerin weit und breit, die Kiku mit seinem versagenden Billigauge helfen kann, ist Ember. Das Mädchen planscht grade mit seinem zahmen Otter im Dorfbrunnen herum, als Kiku es wegen der nötigen Operation anquatscht. Sie sieht aus wie 18, sagt aber, sie sei schon 13, und das wäre auf der Venus schon fast ein legales Alter. Tatsächlich findet sie sich bereit, ihm das Auge zu reparieren. Als sie aber herausfindet, was er hier draußen im Nirgendwo wirklich vorhat, will sie sofort mit von der Partie sein.

Kommt ja gar nicht in die Tüte, protestiert Kiku sofort, natürlich vergebens. Denn zufällig besitzt Ember auch das einzige funktionierende Fluggefährt weit und breit. Nur mit diesem Schweber könne Kiku über den Grat des Randgebirges in die tiefe Wüste gelangen, wo die wertvollen Venussteine wachsen.

Tja, und so kommt es, dass sich Kiku mit einem listenreichen Mädel und einem zahmen Otter auf den Weg über die Berge macht. Es wird ein Abenteuer, das beide grundlegend verändern soll. Aber das kann auch sein Gutes haben …

|Mein Eindruck|

John Varley sieht in Veränderung immer auch die Chance zu einem Neuanfang. Und dies gilt natürlich auch für Kiku, der ein einsames Leben führt, und für Ember, die endlich von der venusischen Sandkugel runterkommen will. Allerdings braucht es noch etwas Nachhilfe, bevor diese beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten zueinander kommen können.

Dieser Katalysator ist der Venusstein, eine denkwürdige Begegnung in der Wüste, die Kikus Geist verändert – und in Gefahr bringt. Die bodenständige Ember ist nötig, um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren und ihm zu zeigen, was er wirklich braucht: einen lieben Menschen an seiner Seite. Jetzt muss Kiku nur noch herausfinden, ob er Ember lieber als Tochter adoptieren oder doch gleich heiraten soll. Aber auch das wird sich noch zeigen, sobald sie beide erst einmal auf den Mars gelangt sind.

Dem zuversichtlichen Menschen nach Varley-Art ist „nix zu schwör“. Auch in seinen Erzählungen, die in den drei Goldmann-Erzählbänden „Voraussichten“, „Mehr Voraussichten“ und „Noch mehr Voraussichten“ zusammengefasst sind, erweisen sich die Hauptfiguren als Erkunder neuer Zustände und Gegenden. Hier ist es ein gekauftes Organ, das Kiku zur schicksalhaften Begegnung mit Ember – und einem Venusstein – verhilft.

In „Ein Löwe in der Speicherbank“ gerät die Hauptfigur mit einer Sicherheitskopie seines Geistes ins Innere eines Computers und muss sich dort einrichten. In der preisgekrönten Story „In der Halle der Marskönige“ richten sich die Mars-Siedler häuslich in einem Alien-Konstrukt ein – mit entsprechenden Überraschungen. Für solche ist Varley immer gut (gewesen), und das macht seine Storys so vergnüglich, ohne es an Tiefgang fehlen zu lassen.

_3) Triade (Gotta Sing, Gotta Dance, 1976)_

Auf den Saturnringen hat sich ein illustres Künstlervölkchen angesiedelt: Menschen, die in Symbiose mit intelligenten Pflanzen-Wesen zusammenleben, die sie vor der kalten Umwelt schützen und nähren. Aber die Symbionten können nicht die Mineralstoffe erzeugen, die der Mensch benötigt. Deshalb besuchen sie alle zehn Jahre den künstlichen Mond Janus, der wie eine Musiknote geformt ist und eine einzige Industrie beherbergt: Künstleragenturen. Es ist das Gegenstück zur berühmten Tin Pan Alley in New York City.

Barnum und Bailey sind solch ein Künstlerpaar. Auf einen Tipp hin besuchen sie die Agentur von Ragtime und Tympani. Dort ist die Aufnahmeleitererin Tympani recht angetan von Barnums Gesang, auch wenn sein Kopf unter einer grünen Hülle verborgen sein mag und nur sein Mund zu sehen ist. Dann zeigt sie ihm, wie sie mit Hilfe einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Synthi aus Körperbewegungen Musik erzeugen kann. Bailey ist sofort fasziniert von dieser synästhetischen Musik. Das will er auch können.

Da sich Tympani irgendwie vor der permanenten Bindung an einen Symbionten fürchtet, bleibt nur die Möglichkeit, Bailey sowohl Barnum als auch Tympani „infiltrieren“ zu lassen. Dank der Buchse in Tympanis Schädel haben Baileys Fühler leichten Zugang. Seine Hülle umschließt beide Menschen und überführt in einem Rückkopplungsprozess den Bewegungsablauf des Liebesaktes in Musik. Alle drei sind von dem Ergebnis sehr beglückt. Dennoch heißt es am Schluss Abschied nehmen – bis in zehn Jahren, wenn die beiden Künstler wieder Nachschub brauchen.

|Mein Eindruck|

Es ist eine weit entfernte Zukunft, die der Autor schildert, und doch eine denkbare Welt dort draußen in den Saturnringen. Meist werden die Ringe nur durchflogen, von Sonden wie Raumschiffen, doch nur selten werden Wesen auf den Ringen selbst angesiedelt, sondern in der Regel auf den Monden.

Der Autor hat nicht nur das Milieu von Musikern und Musikagenten gut eingefangen, wie es in der Tin Pan Alley existierte, sondern auch noch gleich eine neue Kunstform erfunden. Das Gerät Synaptikon stellt die weniger Jahre später im „Cyberpunk“ (ab 1980) so populäre Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer her, der dann Gehirnimpulse direkt ausführt – oder umgekehrt. Typisch Varley, dass diese Kunstform gleich mit Sex verbunden wird – damit wollte er wohl seine jungen männlichen Leser erfreuen (ähnlich wie in der Story „Leb wohl, Robinson Crusoe!“).

Aber es ist nicht die einzige Story über neue Kunstformen. So hat etwa in „Das Phantom von Kansas“ eine Designerin von Stürmen ihren eindrucksvollen Auftritt. Und mehr als einmal erntete Varley für seine Einfälle hohe Auszeichnungen.

_Unterm Strich_

Varley schafft es immer wieder, den Leser in außergewöhnliche Welten zu entführen. Das ist zwar die archetypische Aufgabe der Science-Fiction, die einen ihren Ursprünge in den Abenteuergeschichten des Altertums (Homer, Lukian, Apuleius u. a.) hat. In den siebziger Jahren waren aber Ausflüge ins Innere eines Computers noch keineswegs Alltag, und auch von der Transplantation künstlicher Augen träumten noch nicht viele Leute (bei William Gibson ist es 1984 schon Alltag).

So wahnsinnig originär ist Varley jedoch selten. Was ihn originell macht, ist die Umsetzung einer schon bekannten Idee. In der ersten Geschichte wandelt er auf den Spuren von Philip K. Dick, und die Venus wurde bereits von Robert A. Heinlein, Varleys großem Vorbild, mehrfach besucht, so etwa in „Podkayne of Mars“ (siehe dazu meinen Bericht).

Was die dritte Story betrifft, so kann ich mich nicht erinnern, eine ähnliche Idee schon mal gefunden zu haben. Natürlich kommen Symbionten immer mal wieder vor, aber Varley konnte sich anno 1976 bereits einige Freiheiten bei der Darstellung sexueller Aktivitäten herausnehmen. Das Urteil des Obersten Bundesgerichtes vom Jahr 1968 hatte den Softpornos Tür und Tor geöffnet, und fortan trauten sich auch Autoren wie Dick, für den „Playboy“ zu schreiben, der viel höhere Honorare zahlen konnte als die SF-Magazine.

Die Frauenfiguren sind in den Varley-Erzählungen bereits gleichberechtigt und haben ihr eigenes Schicksal. Das ist erstens ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den vierziger und fünfziger Jahren, in denen Frauen fast gar nicht vorkamen, es sei denn als Liebesgehilfen und Dummchen. Aber Varley hat auch die Zeichen der Zeit gelesen: Die Frauen waren in der SF stark im Kommen, nicht zuletzt durch mehrfach preisgekrönte Autorinnen wie Ursula K. Le Guin, Alice Sheldon (die als „James Tiptree jr.“ veröffentlichte) und Joanna Russ.

Varley ist zwar eine Zwischenstation von Heinleins Tagen zu den heutigen Post-Humanist-Space-Operas, aber ein Vorläufer des Cyberpunk. Mit New-Wave-Geschwurbel hat er nichts am Hut, und das macht ihn so bodenständig, verändlich und augenzwinkernd amüsant. Seine Ideen, besonders in den Romanen, vermitteln einen „sense of wonder“, den man bei anderen Autoren lange suchen muss.

|Taschenbuch: 126 Seiten,
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 2 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr, Birgit Reß-Bohusch und Hans-Joachim Alpers
ISBN-13: 978-3442233823|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669

Walter, Klaus-Peter – Sherlock Holmes und Old Shatterhand

_Der Meisterdetektiv und der Wilde Westen_

Neue Geschichten um Sherlock Holmes und Dr. John Watson! Dieses „lost cases“ geben Gewissheit, was bislang lediglich Vermutung war: Holmes begegnete nicht nur dem sarkastischen Theaterkritiker und Dramatiker George Bernard Shaw, sondern auch Buffalo Bill und einem gewissen Karl May aus Dresden. Ja, er traf sogar Menschen, die wir bislang nur aus literarischen Phantasien kannten, darunter Professor Henry Higgins und seine bezaubernde Schülern Eliza Doolittle, besser bekannt aus „My Fair Lady“.

_Der Autor_

Klaus-Peter Walter wurde 1955 in Michelstadt, Odenwald, geboren. Er lebt heute in Bitburg, Eifel. Nach dem Studium der Slawistik, Philosophie und osteuropäischen Geschichte wurde er freier Publizist. Aufgrund einer schweren Infektion mit dem Holmes-Virus widmet er sich seit dem Gymnasium der Kriminalliteratur. Er gibt seit 1993 das Loseblatt-„Lexikon der Kriminalliteratur“ LKL heraus. Er schrieb 1995 „Das James-Bond-Buch“ und war Ko-Autor an „Reclams Krimi-Lexikon“. Er veröffentlichte zahlreiche Kriminalkurzgeschichten, so etwa „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ (2005) und „Der Tote vom Sewer“ (BLITZ-Verlag, 2006).

_Die Erzählungen _

_1) Sherlock Holmes und der stumme Klavierspieler (2009)_

Watsons Freund Dr. Bentringham leitet im Jahr 1900 eine psychiatrische Anstalt und bittet ihn um Rat. Einer seiner Patienten weigere sich zu sprechen und will seinen Namen nicht verraten. Watson bietet diesen Fall seinerseits Holmes an, der begeistert ist. Der fragliche Mann, der sich inzwischen als hervorragender Klavierspieler offenbart hat, wurde in einem Rettungsboot auf der Adria treibend geborgen. Da er auf englische Schiffsbefehle reagierte, übergab man ihn der britischen Botschaft, und so landete er in einem englischen Sanatorium.

Nachdem Holmes sämtliche Kleidungsstücke des Patienten genau untersucht hat, lässt er diesen hereinbitten. Interessanterweise tritt auch Sherlocks Bruder Mycroft, der Chef des Geheimdienstes Ihrer Majestät, ein. Der Patient liefert ein erstklassiges Klavierkonzert ab, das die Zuhörer enthusiastisch zurücklässt.

Dann jedoch spielt Holmes auf seiner Geige eine Phantasie, die der Pianist mit Leichtigkeit begleitet. Nach deren Ende sind alle gerührt, und in diesem Überschwang spricht Holmes den Mann ohne Identität auf Albanisch an – und dieser antwortet ebenso! Nun dauert es nicht mehr, bis der Grund für das Schweigen des Albaners Georghe bekannt wird: Blutrache …

|Mein Eindruck|

Watson und Holmes befinden sich hier auf der Höhe ihrer Zeit, denn sie kennen sogar die kurzlebige Zeitschrift „Albania“, die nur zwischen 1897 und 1902 in London erschien. Wie auch immer: Dem von der Blutrache verfolgten George – er weigerte sich, einen völlig unbekannten Menschen umzubringen und sollte dafür als Verräter selbst sterben – kann geholfen werden. Nicht zuletzt mit Hilfe des Geheimdienstes.

_2) Sherlock Holmes und Old Shatterhand (2005)_

Holmes und Watson erkunden ca. 1904 das schöne Rheintal – allerdings per Eisenbahn, was Watson als viel zu schnell empfindet. Sie machen die Bekanntschaft eines Herrn, der sich als Dr. Karl May vorstellt und gerade aus dem wilden Wilden Westen zurückgekommen sein will, wo er als Old Shatterhand bekannt sei. Er ist baff, als der Schaffner den inkognito reisenden Holmes mit dessen richtigem Namen anspricht: Es habe einen Mord gegeben.

Selbstredend findet sich der Meisterdetektiv dazu bereit, zu helfen. Der Erstochene ist ein Rittmeister, und wenn auch seine Brieftasche verschwunden ist, so ist sein Blut doch noch warm. Der Mörder muss noch ganz in der Nähe sein. Eine Dame mit riesigem Hut will ihn gefunden haben. Doch sie verrät ihren Namen nicht, noch enthüllt sie ihr Gesicht.

Da hilft nur ein Trick. Bei einer Versammlung aller Passagiere der Ersten Klasse behauptet Watson, mit seinem nagelneuen Fotoapparat könne er aufnehmen, was das Auge des Toten als Letztes gesehen habe! Die hanebüchene Flunkerei zeigt sofortige Wirkung, und der Mörder ist schnell geschnappt.

|Mein Eindruck|

Diesmal bekommen der ebenfalls kräftig flunkernde „Reiseschriftsteller“ Karl May – er war nie Doktor noch betrat er jemals amerikanischen Boden – sowie ein gewisser „Silvio Perlusconi“ ihr Fett weg. Dass der italienische Regierungschef in die Pfanne gehauen werden darf, lässt tief blicken. Die kleine Story macht wirklich viel Laune.

_3) Sherlock Holmes und die weiße Frau (2011)_

Mrs Ebenezer Thorndyke hat lange Jahre mit ihrem kürzlichen verstorbenen Mann in China verbracht. Nach dessen Tod ist sie auf das Gut Henstiffle Bow Hall gezogen, habe aber ihrem Ziehsohn Roger und dessen chinesischer Frau Lian den Westflügel überlassen. Seit einigen Tagen werde sie von einem Gespenst schier in den Wahnsinn getrieben – von der Weißen Frau.

Holmes glaubt nicht an Gespenster und lässt sich alles ganz genau erklären, ähnlich wie seinerzeit im Fall des Gefleckten Bandes. Als die alte Lady erzählt, sie wolle am nächsten Tag Roger enterben, weil er ein nichtsnutziger Alkoholiker sei, wirkt Holmes alarmiert. Sie dürfe keinesfalls etwas in ihrem Heim trinken oder essen, bis die Sache aufgeklärt sei, weist er sie kategorisch an. Der Grund für seine Besorgnis sind die Todesfälle von Mrs Thorndyke geliebtem Hund und dem ihrer Schwester Ann. Der Hund wies Spuren innerer Blutungen auf.

Zusammen mit der Lady reisen der Meisterdetektiv und sein Freund zum Landgut, wo sie erst den widerlichen Roger, dessen Frau Lian und seine Geliebte Ai, die Zofe der Hausherrin, vorfinden. Roger Throndyke tut das Gespenst wie zu erwarten als Hirngespinst ab, Lian hat es noch nie gesehen, denn sie hält sich stets in ihrer umfangreichen Bibliothek auf. Da sie abgebundene, verstümmelte Füße hat, kommt sie als flinkes Gespenst sowieso nicht in Frage.

Die beiden Herren verlassen den Landsitz wieder, werden vom Butler Jennings sorgsam zum Bahnhof chauffiert und abgefertigt. Offenbar will Roger sichergehen, dass die potentiellen Störenfriede auch wirklich verschwinden. Doch er soll sich getäuscht haben: Sie steigen an der nächsten Station aus und fahren per Kutsche zum Landgut zurück. Da die Zeit wird für die Übeltäter knapp wird, tun sich dort schon bald alarmierende Dinge …

|Mein Eindruck|

Dieser Fall ist schon mehr das, was man seinerzeit von Arthur Conan Doyle gewohnt war: eine Familiengeschichte, die tödlich zu enden droht, noch dazu eine aufregende Geistererscheinung. Alles findet seine vernünftige Erklärung, doch zwei Figuren werden Holmes‘ abschließende Erklärungen nicht mehr erleben.

Von der chinesischen Wasserfolter wusste ich schon lange, und auch dass in China die Hurenhäuser speziell gekennzeichnet sind – in Japan verhält es sich ähnlich – verwundert nicht. Doch zum ersten Mal erfuhr ich hier vom Schwarzen Theater, bei dem sich die Schauspieler ganz in Schwarz kleiden, um vor schwarzem Hintergrund weiße Masken und andere Hilfsmittel effektvoll zum Einsatz bringen zu können. Einen Kopf unterm Arm tragen? Eine Kleinigkeit, wenn man eine Maske benutzt.

Für den Holmes-Kenner ergibt sich hier auch ein Hinweis, wohin der Detektiv nach seinem vorgetäuschten Tod am Schweizer Wasserfall verschwand: nach China, Tibet usw., wo er auch bald seiner Lieblingstätigkeit nachgehen konnte. Davon würde wir zu gerne mal etwas Näheres erfahren!

_4) Sherlock Holmes und die verschwundene Witwe (2006/07)_

Ende April 1889 sind Holmes und Watson anlässlich der Weltausstellung in Paris. Sie sollen einen Schatz vor dem Gestohlenwerden bewahren. Die Zeitungen haben ihre Ankunft gemeldet. So kommt es, dass sich eine 17-Jährige auf Watson stürzt und ihn ihren Onkel nennt. Sie brauche dringend seine bzw. Mr. Holmes Hilfe!

Elizabeth Harmon-Billings logierte mit ihrer Mutter Margaret im Hotel „Londres“, als ihre Mutter von schweren Bauchkrämpfen befallen wurde. Die Hoteldirektion nahm sich des Falls an und telefonierte heftig, doch Beth verstand nur den Namen Tielrard oder so ähnlich. Man schickte sie zu einem Arzt, doch als sie fünf Stunden später mit der Arznei zurückkehrte, waren ihre Mutter weg und fremde Gäste in ihr Zimmer eingezogen – dessen Einrichtung komplett ersetzt worden war! Was soll man davon nur halten?!

Watson ist von diesem Fall verblüfft, doch Holmes begierig, mehr zu erfahren. Bei „Tielrard“ könnte es sich um Pierre Tirard handeln, und der ist kein anderer als der Premierminister und Leiter der Weltausstellung. In Verkleidung wird Holmes auch hinsichtlich der verschwundenen Einrichtung fündig: Sie wurde im Heizungskeller fast vollständig verbrannt – bis auf ein paar verräterische Überbleibsel.

Als Watson und Holmes in ihre Zimmer zurückkehren, ist auch Beth verschwunden, und die Beweismittel ebenfalls. Was steckt dahinter?

|Mein Eindruck|

Dieser mysteriöse Fall beweist Holmes, dass wirtschaftliche Interessen auch mit ganz handfesten politischen verknüpft sein können – ganz besonders dann, wenn der Premierminister, wie Tirard, auch gleichzeitig der Leiter der Weltausstellung ist. Und wenn Hunderttausende nach Paris pilgern, käme doch eine Epidemie, wie Mrs. Harmon-Billings sie aus Indien eingeschleppt hatte, doch im ungünstigsten Augenblick!

Holmes und Watson sehen sich formlos von Deuxieme Bureau, vermutlich einer Staatspolizei jener Zeit, nach England expediert. Dort hat Mycroft gute Lust, ihnen die Leviten zu lesen. Aber wenigstens ist auch Beth wohlbehalten eingetroffen, bemerkt Watson erleichtert.

_5) Sherlock Holmes und Buffalo Bill (2011)_

Im Jahr 1891 feiert Queen Victoria ihr Goldenes Thronjubiläum. Aus diesem Anlass finden entsprechende Feierlichkeiten statt, und auch Buffalo Bill hat sich mit seiner Wild West Show auf den Weg nach London begeben, um in der Earls Court Arena eine Vorführung von der Queen und dem europäischen Hochadel zu geben.

Doch was führt den Westmann in die Baker Street 221B? An der Seite von Inspektor Lestrade und einem Ko-Direktor der Show bittet William F. Cody, so sein bürgerlicher Name, Holmes um Hilfe bei der Aufklärung eines Mordes: Brannagan, ein Pinkerton-Detektiv, wurde tot aufgefunden, zertrampelt von Codys wertvollstem Bison, dem riesigen Goliath. Jetzt will Scotland Yard seine Show dichtmachen!

Holmes entspricht der Bitte natürlich, aber er schickt zuerst Watson vor, um Beweise zu sammeln und den Tatort in Augenschein zu nehmen. Er selbst will Brannagan ersetzen und als Geiger in der Band der Show mitspielen. Auf diese Weise hofft er, entscheidende Hinweise auf den Mörder zu erhalten. Und das ist auch in der Tat so.

Dr. Watson lernt am Tatort, dem abgesperrten Stall des Goliath-Bullen, die Kunstschützin Annie Oakley kennen. Sie übergibt ihm ein Stück Holz, das sie vor dem Stall auf den Boden gefunden hat. Als Australier erkennt Watson sofort, um was es sich handelt. Er kann dem Drang nicht widerstehen, das Schwirrholz auszuprobieren. Doch leider versetzt der dabei entstehende Ton den Büffel in Raserei, was Cody seinerseits in Wut versetzt. Bei Watson und Lestrade fällt der Groschen: So konnte der Täter also den Bullen leicht dazu bringen, den vielleicht schon betäubten Brannagan totzutrampeln.

Doch leider bleibt es nicht bei einem Toten, und Sherlock Holmes wird um Haaresbreite fast das dritte Opfer …

|Mein Eindruck|

Die Details über die Wild-West-Show des Buffalo Bill sind korrekt wiedergegeben, auch wenn der Autor seinem Erzähler Watson fortwährend widerspricht – quasi augenzwinkernd. Die Stimmung in dem großen Zirkuszelt der Show hingegen ist stimmig eingefangen, und es gibt sogar einen filmreifen Moment, der direkt aus John Fords Western „Stagecoach“ (1939) stammen könnte, wie der Autor in der Fußnote anmerkt.

Natürlich steht die Ermittlung und das Stellen des Täters im Mittelpunkt der Handlung. Aber im Grunde transportiert sie bloß die großartige, bunte Welt der Wildwestshow. Als Arzt kommt hier Dr. Watson zum Einsatz, und er hat es nicht bloß mit Cowboys und Indianern zu tun, sondern auch mit anderen „Raureitern“, nämlich Kosaken und Magyaren. Mit denn Auftritten von Annie Oakley kommt auch das romantische Moment zu seinem Recht. Und es gibt sogar einen erstaunlichen Wechsel des Geschlechts in der Truppe. Der Leser kommt also voll auf seine Kosten.

_6) Sherlock Holmes und das indische Kraut (2005)_

Holmes hat den Fall der Gattenmörderin O’Shaughnessy gelöst. Die in Indien lebende Frau hat zwei Arten von Kräutern verwendet. Mit dem „indischen Kraut“, einer Wahrheitsdroge, erfuhr sie von der Liebschaft ihres Mannes mit einer Einheimischen namens Shmi. Und mit der zweiten Droge, deren Namen Holmes nicht zu kennen behauptet (was wir stark bezweifeln), beförderte sie den Untreuen ins Jenseits. Als Inspektor Lestrade sie festnehmen wollte, nahm sie es selbst und verschied binnen Minuten.

Watson hat sich etwas vom Indischen Kraut mitgenommen und probiert dessen Wirkung an seinem Freund aus. Tatsächlich gesteht dieser zu Watsons Befriedigung, in seiner Jugend ein Mädchen namens Deborah geliebt zu haben. Doch sein Zwillingsbruder, Moriarty Holmes, behandelte sie aufs Schändlichste, woraufhin er, Sherlock, die größte Mühe gehabt habe, seine Unschuld zu beweisen. Watson ist von den Socken: Der „Napoleon des Verbrechens“ – Sherlock Holmes‘ Zwilling? Unfassbar!

Da zwinkert ihn sein Freund verschwörerisch an: Alles nur geflunkert. Denn er hat inzwischen das Indische Kraut, das Watson ins Kaminfeuer geworfen zu haben glaubt, gegen harmlose Ahornblätter ausgetauscht. Was sein Freund vorhatte, das verrieten ihm die Krümel auf dessen Kleidung …

|Mein Eindruck|

Bekanntlich wissen wir reichlich wenig über Holmes‘ Jugend, um nicht zu sagen, gar nichts. Und über seine Beziehung zu Prof. Moriarty, der mit ihm die Reichenbachfälle hinabstürzte, geben lediglich Conan Doyles dürre Worte Auskunft. Höchste Zeit, mehr Licht in diese Lebensbereiche des Meisterdetektivs zu bringen. Auch mit Drogenhilfe!

_7) Sherlock Holmes und der Fall der Fair Lady (2011)_

In der Innenstadt von London werden Holmes und Watson nach einem Konzert von Edgar Elgar von dem Sprachkundler Henry Higgins angesprochen. Was für aufgeblasener Popanz, denkt sich Watson, und doch: wie bemitleidenswert. Denn der auf seine Kunst so stolze Higgins hat seine beste Schülerin, Eliza Doolittle, erst gekränkt und jetzt offenbar an jemand anderen verloren. Nun steht er da wie ein liebeskranker Junggeselle.

Dass die Sache einen ernsteren Hintergrund haben könnte, deutet der Besuch von Higgins‘ Mutter an. Sie engagiert Holmes, um Eliza, die spurlos verschwunden ist, zu suchen. Es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Das ehemalige Blumenmädchen stammt zwar aus dem Bodensatz der Gesellschaft, konnte aber nach Higgins‘ sechsmonatiger Sprachausbildung sogar als Gräfin auftreten. Und seitdem sie fort ist, ist Henry eben nicht mehr der Alte.

Na schön, meint Holmes, und zusammen mit Watson begibt er sich in das grauenerregendste Viertel Londons: Lisson Grove mitten im East End. Hier lebt Elizas Vater, ein Müllkutscher, im Souterrain, unter der Fuchtel seiner ebenso trunksüchtigen Frau. Aber was heißt schon „lebt“? Umgeben von Wanzen ächzt und stönt der Alte im Bett. Eine flüchtige Untersuchung Watson liefert erschreckende Diagnose: ansteckende Hirnhautentzündung. Der Mann liegt in den letzten Zügen! Und Eliza könnte er angesteckt haben …

Higgins hatte Eliza in die besseren und besten kreise eingeführt, wo sie Adlige und dergleichen kennenlernte. Der junge Freddy Eynsford-Hill hat sich in sie verliebt. Nun wird er blass, als Holmes andeutet, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat. Er bittet ihn inständig, sie zu finden. Und er kann ihm sogar einen wertvollen Hinweis auf einen merkwürdigen Mann geben, zu dem sie sich vielleicht geflüchtet hat.

Da bekommt Higgins ein Erpresserschreiben, das er Holmes übergibt. Für das Leben Elizas werden hundert Pfund Sterling verlangt. Nur 100 Pfund für ein Menschenleben? Die Sache erscheint dem Detektiv und seinem Freund zunehmend merkwürdiger. Höchste Zeit, die Baker Street Irregulars einzusetzen. Und da ist er auch schon, der Neuzugang Charles Spence Chaplin. Es dauert nicht lange, bis Holmes genau weiß, dass Eliza Doolittle ein seltsames Spiel treibt …

|Mein Eindruck|

Mit 70 Seiten ist diese Erzählung ebenso lang wie die um Buffalo Bill. Und ebenso wie dort bemüht sich der Autor, durch Anhäufung von bekannten historischen Details, den Eindruck von Realismus zu erwecken. Da ist Edgar Elgar mit seinen brandneuen „Enigma-Variationen“, da taucht George Bernard Shaw persönlich auf und last but not least ein gewisser Henry Higgins mitsamt Fair Lady.

Damit sind alle Hauptfiguren beisammen, um einen Zirkelschluss zu ermöglichen, der die Geschichte perfekt rechtfertigt. Denn erst aus Higgins‘ Schicksal formt Shaw sein Schauspiel „Pygmalion“, welches wiederum die Vorlage zu dem verfilmten Musical „My Fair Lady“ liefert. Und somit hätten wir anhand dieser Novelle das Pre-Prequel zum Musical.

Der ironische Ton, der durch die Scheinexistenzen Higgins und Elizas Mentor Karpathy gerechtfertigt wird, zieht sich als Grundton einer Komödie durchs ganze Stück. Und „Stück“ muss man die Story nennen, wenn dem Autor die Gäule durchgehen: Holmes und Watson treten als kasachische Orientalen auf, stoßen den Borat-Gruß „Jakschémasch!“ aus (offenbar polnisch für „Wie geht es dir?“) und rufen voller Erstaunen „Bunga, Bunga!“ Ein Fall für Professor Perlusconi offenbar. In einer Fußnote erklärt der Autor alias Watson, dieser Bunga!-Ausruf habe der Bloomsbury-Kreis um Virginia Woolf bei einem Streich ausgestoßen, den sie der Royal Navy spielten. Wers glaubt, wird selig.

Auch der Auftritt eines gewissen Charles Spence Chaplin gehört mit zum pseudorealistischen Spiel des Autors mit seinem Leser. Allerdings ist richtig: a) Charlie Chaplin stammte aus England, b) spielte am Gaukler-Theater (daher sein geschickter Auftritt vor Holmes), c) musste sich mit allen möglichen Jobs über Wasser und d) wanderte schließlich nach Hollywood aus.

Abseits dieser Spielereien ist die Handlung allerdings recht dürftig und schwächer als der Plot zur Buffalo-Bill-Geschichte. Dass Holmes die Verkleidung Elizas als augenkranke ungarische Cousine von Karpathy nicht sofort durchschauen, erscheint mir doch recht zweifelhaft. Der Leser wird sie jedoch sofort verdächtigen. Elizas Charakter trägt ebenfalls zur Komödie bei, nämlich indem sie berlinert und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Man kann sich die Szene auf der Rennbahn von Ascot gut vorstellen, wenn sie einen „ollen Kleppa“ mit Worten anfeuert, die der versammelten High Sociaty die Ohren klingen lassen!

Wo Shaw aus der Higgins-Vorlage eine Klassenkampf-Komödie machte, drechselt der Autor eine Sprach- und Theatercharade, die zwischen Krimi und Farce oszilliert. Das ist zwar stellenweise durchaus amüsant, aber eben auch nur stellenweise, so etwa in den erwähnten Szenen. Der Spagat zwischen den beiden Genres verursachte bei mir jedenfalls Unbehagen.

_8) Sherlock Holmes und der diebische Weihnachtsmann (2007/08)_

Man schreibt das Jahr 1899, und seufzend bemerkt Watson, dass das schöne 19. Jahrhundert sich seinem Ende zuneigt. Die neue Zeit kündigt sich allenthalben mit diesen schrecklich gefährlichen und stinkenden Motorwagen – natürlich mal wieder eine deutsche Erfindung! – an, die in diesem Fall eine Hauptrolle spielen.

Inspektor Lestrade beringt einen jüdischen Diamantenhändler namens Lobkowicz mit, der aus dem polnischen Gdansk stammt. Dieser gibt an, in seinem Laden von einem verkleideten Father Christmas ausgeraubt worden zu sein, mit vorgehaltenem Revolver. Er stopfte die Diamanten in einen großen Sack und eilte von dannen, nicht ohne sich mit einem Gruß auf Polnisch zu verabschieden.

Offenbar fuhr er in einem Motorwagen weg, denn nicht einmal ein Polizist, der ihn auf einem Velociped (einem Fahrrad) verfolgte, konnte ihn einholen. Aber das Wappen auf dem Wagen war eindeutig das von Lord Wulfingham, einem Mitglied des Oberhauses.

Dieser Hinweis und die bekannte Marke des Wagens, ein seltener Lanchester, führen Holmes auf die Spur des diebischen Weihnachtsmannes. Wie Holmes zu sagen pflegt: „Das Spiel hat begonnen!“

|Mein Eindruck|

Die Gesetze der Physik spielen eine elementare Rolle in diesem Fall, in dem es um einen versteckten Sack voller Juwelen geht. So fragt sich Watson an einer Stelle, was ein Netz voller Schwimmkugeln und ein Stapel Salzbriketts in einer Autowerkstatt zu suchen haben. Holmes kann es ihm in seinem Schlussplädoyer gegen den Verbrecher genau erklären – nachdem er Watsons Goldfisch mit Salzwasser gemeuchelt hat.

Deutsche, Polen und englische Adlige spielen ebenfalls eine Rolle, noch mehr aber die Höllenmaschinen der Motorwagen. Von diesen muss Watson, der sie verabscheut, auf Bitten seines Freundes, selbst einen fahren! Diese Erfahrung treibt ihn schier zur Verzweiflung. Doch was tut man nicht alles, um dem Bösen immer und überall das Handwerk zu legen? An Silvester 1899 schmauchen deshalb Holmes und Watson einträchtig eine Pfeife zum Ausgleich. Bis die Glocken das neue Jahrhundert einläuten. Was mag es der Welt wohl Gutes bringen?

_Schwächen im Text_

Der eklatanteste Fehler gleich vorneweg: Auf Seite 183 behauptet der Autor in einer Fußnote, die Figur „Lord Peter Wimsey“ stamme von Agatha Christie. Frechheit! Denn es weiß doch jeder Krimikenner, dass sie von Dorothy L. Sayers erfunden wurde.

Des weiteren störten mich kleine Unsauberkeiten. So wird der bekannte Pferderennenort Ascot ständig „Ascott“ geschrieben. Und einen „Daily Herold“, wie er zweimal auftaucht, kann es in England gar nicht geben, weil der deutsche Begriff „Herold“ dort „herald“ geschrieben wird. Dass auf Seite 233 „das“ statt „dass“ steht, fällt demgegenüber schon gar nicht mehr ins Gewicht.

_Unterm Strich_

Die zwei Novellen und sechs Kurzgeschichten sind von recht unterschiedlicher Qualität. Manche sind superkurz und haben praktisch keine Handlung („Das indische Kraut“), andere wieder stellen schon fast einen ausgewachsenen Kurzroman dar („Buffalo Bill“). Die einen bemühen sich um richtige Dramatik, die anderen wiederum sollen offensichtlich der Erheiterung dienen, so etwa „Fair Lady“.

Immerhin hat sich der Autor bemüht, nicht nur verstreute Storys zu Holmes zu sammeln, sondern hat für diese Ausgabe drei neue Erzählungen verfasst, darunter 140 Seiten in Form der zwei Novellen. Hätte er noch etwas sorgfältig an seinen Texten gefeilt, wäre die Freude ungetrübt gewesen. Der Preis hingegen ist in Ordnung.

Für den Holmes-Kenner und -Sammler sind alle Beiträge durchweg von hohem Interesse: Der Meisterdetektiv bleibt ungetastet und wird nicht etwa als Schürzenjäger oder Steuerhinterzieher, ja, noch nicht mal als koksender Junkie verunglimpft. Recht so! Am Holmes-Denkmal darf nicht gerüttelt werden. Denn dies würde zweifellos das Ende des viktorianischen Abendlandes bedeuten.

|Hardcover: 277 Seiten
ISBN-13: 978-3898403207|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

Rezensionen zu 30 weiteren |Sherlock Holmes|-Abenteuern findet ihr in unserer [Datenbank]http://buchwurm.info/book .

Baccalario, Pierdomenico – Volk von Tarkaan, Das

_Kinder auf Abwegen, Monster aus der Anderwelt_

Statt der sehnsüchtig erwarteten Fantasyautorin Apollonia J. Brennan tauchen auf der lang geplanten Jubiläumsfeier der Pfadfinder plötzlich zwei riesige, bis an die Zähne bewaffnete Ungetüme auf, schnappen sich eine Handvoll Kinder und sind wieder verschwunden, ehe überhaupt jemand reagieren kann …

Wo kommen die beiden Ungeheuer her? Warum sehen sie so aus wie die Kolosse in dem Roman von Apollonia J. Brennan? Und wo steckt die Autorin überhaupt? Für den tapferen Antonello und seine Freunde steht fest, dass sie diese Fragen nur beantworten können, wenn sie sich an die Fersen der riesenhaften Kerle heften und die anderen retten – binnen 24 Stunden … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Pierdomenico Baccalario wurde 1974 in Piemont geboren. Schon früh begeisterte er sich fürs Lesen und durchstöberte die riesige Bibliothek seiner Eltern nach abenteuerlichen Geschichten. An der literarischen Schule schrieb er selbst Geschichten, erfand Rollenspiele und die dazu passenden Welten. Nach der Schule studierte er zunächst Jura, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben zuwandte. Gleich für seinen ersten Fantasyroman „Die Straße des Kriegers“ wurde er ausgezeichnet. Seine Bücher werden weltweit in über 20 Sprachen übersetzt. Bekannt ist er auch unter dem Pseudonym Ulysses Moore.

_Handlung_

Der 13-jährige Antonello lebt in einem italienischen Bergdorf unweit der Autobahn, die nach Frankreich führt. Immerhin hat sein ansonsten abgeschieden gelegenes Dorf eine Autobahnzufahrt. Wie gerne würde er jedoch statt mit einem Auto zu Fuß in die Berge wandern, ausgerüstet mit Kompass und Pfadfindermesser, statt die öde Dorfschule zu besuchen.

Alle Pfadfinder des Dorfes sowie die Schulkinder haben sich heute in einem Zelt neben der Grundschule versammelt, um der Fantasyautorin Apollonia J. brennan zu lauschen – und möglichst viele Autogramme zu ergattern. Ihren fünfbändigen Zyklus über die Verborgene Stadt der Schneekolosse kennen die Kinder in- und auswendig, weshalb sie sich allesamt verkleidet haben. Doch die Dichterin kommt nicht, denn …

Heute haben die Schneekolosse Lut und Urtgarten keine Lust, mit dem Häuptling Manach über die Kinderlosigkeit ihres Stammes zu grübeln. Vielmehr steht der Sinn der streitbaren Kerle nach einer zünftigen Jagd in der schneeweißen Wildnis, die sich rings um die Verborgene Stadt unter dem Vulkan ausdehnt. Leider verirren sich die beiden Krieger auf dem Pfad der fünf Wege und stolpern über eine Frau, die halb erfroren in einer Schneewehe steckt. Sie ahnen es nicht, aber es handelt sich um die vermisste Apollonia J. Brennan. Ein Döschen gibt den beiden „Geistesriesen“ kategorische Anweisungen, wohin sie zu gehen haben. Da sie sich sowieso verirrt haben, weiß dieses magische Ding vielleicht den richtigen Weg.

So landen sie in einer Höhle, in der sie die bewusstlose Frau ablegen können. Doch das Navi sagt, sie müssten weitergehen. Und so landen sie schließlich an der Grundschule neben dem Zelt, wo die Kinder der Lesung harren. Die Lehrerin ist entzückt über die beiden „Schauspieler“, die so richtig authentisch aussehen, und schickt sie sofort zu den Kindern. Im Zelt erblicken Lut und Urtgarten erstmals in ihrem Leben das, was Chef Manach mit „Kindern“ gemeint hat. Sie hätten aber nicht erwartet, dass die Kinder sie sofort wiedererkennen würden …

Antonello wird von Signora Lolli, der Mutter seiner Freundin Leila, zur Lesung mitgenommen. Wegen einer Reifenpanne kommen sie zu spät. Als sie eintreffen, ist es aber im Zelt merkwürdig still. Alle 28 Kinder sind verschwunden! Antonello belauscht heimlich, wie der Bürgermeister diese peinliche Sache verschweigen will. Also muss er selbst etwas unternehmen.

In der Kneipe bespricht er sich mit seinem Bruder Michele, der Försterin Rebecca und dem „Meister“, einem Mordskerl von einem Klempner, der aber über 7000 Bücher gelesen haben soll. Als Beweis, dass er sie nicht beschwindelt, legt er ihnen die schwere Gürtelschnalle vor, die aus purem, schwerem Gold besteht.

Der „Meister“ verkündet, er glaube ihm. Denn schließlich sei heute der 2. Februar, von dem allgemein bekannt sei, dass sich an diesem Tag die Welten berühren – in einem Dimensionstor wie der Höhle. Aber was nun zu tun sei, wisse er auch nicht. Denn selbst wenn die Schneekolosse real sind, wie könnte man ihnen denn folgen?

Da fällt Antonello jemand ein, der absolut alles über das Volk von Tarkaan weiß, weil dieser jemand nämlich sämtliche fünf Bände in- und auswendig kennt: seine Freundin Leila. Allerdings liegt Signora Lollis Töchterlein mit Grippe fieberkrank darnieder. Sie kommt also als Führerin nicht in Frage. Aber wozu gibt es schließlich Apollonia J. Brennans Bücher? Nur Leila weiß, wie man den Entführern in ihre Welt folgen kann.

Nun muss Antonello, während er die Treppe zu ihrem Mädchenzimmer emporsteigt, ganz, ganz tapfer sein. Denn ihr Zimmer ist ein Albtraum aus Rosa, Pink und Plüsch.

Doch wie konnte Apollonia J. Brennan überhaupt in die Welt ihrer Schöpfung geraten? Wurde sie mit Magie dorthin gerufen? Die Antwort auf diese Frage könnte über das Schicksal beider Welten entscheiden.

_Mein Eindruck_

Die Search & Rescue-Mission Antonellos gestaltet sich natürlich wesentlich abwechslungsreicher, als er erwartet hat. Da gibt es schließlich noch einen Drachen unter dem Vulkan und jede Menge Schneekolosse in der Verborgenen Stadt. Aber ein cleverer Junge namens Giacomo hat sich dort bereits eine gute Stellung erobert – mit Hilfe seiner Kenntnisse über eben diese Schöpfung.

|Der Schamane auf Abwegen|

Giacomo hat den listigen Schamanen Singendes Herz darauf aufmerksam gemacht, dass jemand bereits die Zukunft von Tarkaan kennt – Miss Brennan nämlich. Und dass diese höchstwahrscheinlich im sechsten Band der Serie bereits festgelegt worden ist. Doch wo befindet sich dieser sechste Band bzw. dessen Manuskript? Das kann ja nur in Brennans Auto sein, und dieses befindet sich noch im Bergdorf. Also macht sich Singendes Herz, der aus gewissen Gründen nach der absoluten Herrschaft über Tarkaan strebt, auf den Weg in unsere Welt, begleitet von den Kolossen Urtgarten und Lut. Es kommt zu weiteren Verwicklungen …

Wie man sieht, bietet der routinierte und einfallsreiche Autor Baccalario hier eine komplexe und wendungsreiche Handlung, die jeden jungen Leser bestens unterhalten dürfte. Es gibt immer wieder witzige, mitunter aber auch platte Äußerungen der Kinder, die da plötzlich unter die Schneeriesen gefallen sind. Bei diesem Culture Clash machen sich die „Prinzessinnen“ und „der Samurai“ vor Todesangst fast ins Hemd, was man aber gut verstehen kann. Das fand ich etwas peinlich und klischeehaft.

|Realität vs. Fiktion|

Denn der Pfiff der ganzen Handlung ist ja der, dass die von den Büchern begeisterten Kinder auf einmal mit der REALITÄT der FIKTION konfrontiert werden. Und das ist natürlich, wie sie erfahren, etwas völlig anderes als nur die Textversion, die die VORSTELLUNG davon vermittelt. Baccalario ist ein schlauer Fuchs, indem er hier auf unterhaltsame – und für die meisten jungen Leseratten nicht durchschaubare – Weise die Leseerfahrung mit der Real-Erfahrung konfrontiert.

Dabei erweist sich, wer wahrhaft einen starken Charakter hat. Leider schneiden die meisten Mädchen bei dieser Konfrontation nicht besonders glorreich ab. Nur Raffaella, auf die es Giacomo abgesehen hat, vermag eine wichtige Rolle zu spielen: Sie enthüllt Chef Machan die Machenschaften seines Schamanen. Auf diese Weise ändert sie das Schicksal der Kolosse – und das der entführten Kinder.

Dass Apollonia J. Brennan in ihrer eigenen Schöpfung erwacht, hat natürlich ebenfalls Folgen. Allerdings bekommt sie genau dann einen Schreikrampf, als der Moment am ungünstigsten ist. Ein listiger Dieb, der eine Nebenrolle spielt, versetzt sie sofort wieder ins Land der Träume. Aus diesen Träumen erwacht sie erst wieder, nachdem sie ins Bergdorf, wohin sie ja ursprünglich wollte, zurückgebracht worden ist.

|Monster|

Monster aus der Anderwelt – die gibt es natürlich auch. Denn unsere schlimmsten Albträume werden ja auch zu Fiktionen verarbeitet. Solch ein Garn könnte ich mir durchaus auch von Stephen King vorstellen. Im vorliegenden Buch handelt es sich um einen Schneekraken, und um den zur Strecke zu bringen, braucht es wahre Helden. Wer hätte gedacht, dass in Marky, dem Klempner-Bücherwurm, so einer steckt?

|Der Sinn des Lesens|

Unter anderem behandelt das Buch auch die Frage nach dem Sinn des Lesens überhaupt. Macht Viel-Lesen eigentlich schlauer, insbesondere bei Fantasy? Nur wenn man, wie Giacomo, in der erlesenen Welt landet und alles darüber weiß. Dann erlangt man Macht darüber. Allerdings weist Giacomo, der aufstrebende Hilfsschamane, in Raffaellas Augen einen wesentlichen Fehler auf: Was Menschen und besonders Mädchen angeht, ist er ein völliger Trottel.

Aber eigentlich geht es nicht ums Lesen, sondern um das Erfahren und Erleben von Geschichten. Damit kann sich Antonello, der Bücherhasser, durchaus anfreunden. Und Marky ist genau der Richtige, um ihm Geschichten zu erzählen. Apollonia J. Brennan jedoch ist erstmal vom Geschichtenerzählen kuriert. Und wer wissen will, was aus dem fiesen Schamanen geworden ist, der sollte das Buch selbst lesen.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin Ulrike Schimming erledigt ihren Job über weite Strecken hinweg einwandfrei, aber mir fielen ein paar merkwürdige Formulierungen auf.

Seite 41: „Der Hirsch wogte bedächtig das Geweih.“ Etwas stimmt daran nicht, aber was? Wenn etwas „wogt“, dann handelt es sich in der Regel um eine Welle. Also kann eigentlich nur „wiegen“ gemeint sein, und dieses Wort hat viele Bedeutungen, unter anderem „mit dem Kopf wiegen“, im Sinne von hin und her bewegen wie bei einer Schaukel (daher auch das Wort „Wiege“). Die Vergangenheitsform von „Wiegen“ ist „wog“.

S. 83: Statt „das ward ihr“, müsste es korrekt „das wart ihr“ heißen.

S. 94: „Statt „Dikussionen“ müsste es „Diskussionen“ heißen.

S. 137: „es sah nicht so auf, als ob“. Statt „auf“ sollte es „aus“ heißen.

Danach machte mir das Buch so viel Spaß, dass ich wahrscheinlich alle weiteren Fehler überlesen habe.

_Unterm Strich_

Dieses nette Abenteuerbuch mit doppeltem Boden lässt sich sicherlich in nur einem Tag lesen; ich brauchte mehrere dazu. Denn so richtig umwerfend ist es ja nicht; dazu ist die Story zu vielschichtig und mit drei verschiedenen Handlungssträngen erzählt. Aber es ist gerade die Vielschichtigkeit, die mich zu interessieren begann und die den Reiz des Buches ausmacht.

Kurz gesagt, konfrontiert das Aufeinanderprallen von Tarkaan und Italien beide Seiten mit einer Art Culture Clash. Dabei werden die jungen Leser des Fantasyzyklus von Fallenden Stern gezwungen, ihre romantischen Vorstellungen mit der wesentlich härteren Realität Tarkaans zu vergleichen. Die meisten von ihnen wollen nie wieder dorthin.

Aber einer will gar nicht mehr aus Tarkaan weg: Giacomo. Und daran ist nicht Raffaella schuld, sondern seine Gier nach Macht. In Tarkaan stellt er etwas dar, in Italien ist er ein Nobody. Das ist also einer der Gründe zu lesen: Man kann ein anderer sein, jemand, der besser, tapferer, schöner, mächtiger oder sonst was sein. Das ist Okay, solange es nicht für immer ist.

Denn es gibt Gesetze für das Aufeinanderprallen von Welten im Multiversum, und die dürfen nicht gebrochen werden, oder es hat böse Folgen. Heißt es zumindest. Deshalb muss Giacomo unbedingt wieder binnen 24 Stunden nach Hause, ebenso wie der Rest der Kinder und der Schneekolosse. Diese Gesetze gelten aber wohl nicht für Katzen. Diese spezielle Katze wandert, nachdem sie ihre Dienste zum Wohle der Magie geleistet hat, mit einem gewissen Dieb durch Tarkaan. Fortsetzung folgt?

Die Moral von der Geschicht‘: Lesen nützt, aber nicht weil man ein anderer sein kann, sondern um eine Geschichte zu erfahren, von der man etwas lernen kann. Und diese Lektion macht das eigene Leben reicher. Das lernt auch schließlich Antonello, der Bücherhasser.

|Gebunden, 352 Seiten
Originaltitel: Il popolo di Tarkaan, 2009
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
ISBN-13: 978-3815751374|

_Pierdomenico Barccalario bei |Buchwurm.info|:_
[„Century 1: Der Ring des Feuers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6001
[„Century 1: Der Ring des Feuers“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6041

Stephan Brüggenthies – Der geheimnislose Junge (Lesung)

Das Kinderbordell im Schloss der Liebe

Ein Essen mit den Eltern seiner jugendlichen Freundin? Zbigniew, sprich Dz-big-niäff, Meier, Hauptkommissar im KK51 der Kölner City-Polizei Stolkgasse, hat ziemlich schlechte Laune, bevor er von seinem türkischen Kollegen Zeynel in einen vermeintlichen Routinefall hineingezogen wird: Ein Junge wird von seinen Eltern vermisst. Je mehr Meier über das vermögende Elternhaus und den wohlbehüteten Schüler eines Kölner Elitegymnasiums in Erfahrung bringt, desto sicherer ist er, dass der 15-jährige Timo einfach abgehauen ist.

Kurz darauf wird in Turin der Torso eines Jungen gefunden, der missbraucht und grausam verstümmelt wurde. Auf seinem Rücken eingezeichnet: eine Karte von Frankreich. Und obwohl der tote Junge nicht Timo ist, glaubt Zbigniew Meier an einen Zusammenhang. Auf eigene Faust macht er sich auf den Weg nach Houlgate in der Normandie – an jenen Ort, an dem Timo mit seiner Familie den letzten Urlaub verbracht hat und an dem sich sein Leben entscheidend verändern sollte. (Verlagsinfo)
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Campbell, Jack – Gearys Ehre (Die Verschollene Flotte 4)

_|Die verschollene Flotte|:_

Band 1: [„Furchtlos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6124
Band 2: „Black Jack“
Band 3: [„Fluchtpunkt Ixion“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7009
Band 4: _“Gearys Ehre“_
Band 5: „Der Hinterhalt“ („Relentless“, 2009) (erscheint am 25.11.2011)
Band 6: „The Lost Fleet: Victorious“ (2010)
Band 7: „The Lost Fleet: Beyond the Frontier“ (04/2011)

Alles klar Schiff? Es menschelt gewaltig an Bord

Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heldenhaften letzten Gefecht hält man ihn für tot. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Nun soll er als dienstältester Offizier das Kommando über die Flotte übernehmen, um sie sicher nach Hause zu bringen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …

Band 4: „Black Jack“ Geary musste als Kommandeur schon viele riskante Entscheidungen fällen. Doch seine Offiziere zweifeln an seinem Verstand, als er die Allianz-Flotte wieder ins Lakota-Sternensystem zurückbeordert, wo sie zuletzt beinahe zerstört wurde. Während er sich bemüht, dem Feind immer einen Schritt voraus zu sein, muss er sich Verschwörern aus den eigenen Reihen stellen – eine unbekannte Anzahl an Offizieren will ihn des Kommandos entheben. Geary weiß, dass seine Flotte sich keinesfalls innere Unruhen leisten kann. Denn sonst reißen die Syndics ihn und seine Leute in tausend Stücke … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D.C.

Zyklus „Stark’s War“

1. Stark’s War (April 2000)
2. Stark’s Command (April 2001)
3. Stark’s Crusade (March 2002)

Zyklus „Paul Sinclair“

1. A Just Determination (May 2003)
2. Burden of Proof (March 2004)
3. Rule of Evidence (March 2005)
4. Against All Enemies (March 2006)

_Vorgeschichte_

Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.

Geary verlässt seine Kabine an Bord des Flaggschiffs „Dauntless“ (= Furchtlos) und geht zur Brücke. Dort übergibt ihm Admiral Bloch als dem dienstältsten Offizier das Kommando über die Flotte und verrät ihm ein ungemein wichtiges Geheimnis: Die „Dauntless“ darf um keinen Preis in die Hand des Feindes fallen, sonst ist die Allianz verloren. Dann fliegt Bloch mit einer Fähre zum Flaggschiff des Gegners, um zu verhandeln. Hilflos muss Geary auf dem Bildschirm die Videoübertragung mit ansehen, wie der Vorstandsvorsitzende (CEO) des Syndikats Bloch und seine Adjutanten kaltblütig abknallen lässt. Es gibt keine Verhandlungen, sondern ein Ultimatum: eine Stunde bis zu Kapitulation oder Vernichtung.

Eine Stunde kann eine Menge Zeit sein, wenn es drauf ankommt, denkt Geary. Nach einer Rücksprache mit Captain Desjani, der Kommandantin der „Dauntless“, über das Geheimnis lässt er eine Videokonferenz der anderen Kapitäne einberufen. Er bringt trotz des Widerstands einiger Offiziere – wer traut schon einem Aufgetauten? – alle auf seine Linie und lässt einen Rückzugsplan ausarbeiten: Operation Ouvertüre. In einem Vier-Augen-Gespräch mit der Ko-Präsidentin zweier verbündeter Flotten muss er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass auch sie das Geheimnis der Flotte kennt – oder zumindest gut geraten hat. Immerhin ist Ko-Präsidentin Victoria Rione abschließend bereit, den Gegner hinzuhalten.

Während sich die Flotte umformiert, um den Massensprungpunkt anzuvisieren, der sie aus dem feindlichen System herauskatapultiert, führt Geary ein Gespräch mit dem CEO des Gegners. Der ist zunächst verständlicherweise ungläubig, dass ein vor hundert Jahren gestorbener Offizier nun das Kommando über die Allianz-Flotte übernommen haben will. Das soll wohl ein Trick oder schlechter Scherz sein? Geary pflegt nicht zu scherzen, aber es gibt ihm Gelegenheit, den CEO eine weitere halbe Stunde aufzuhalten. Bis dieser die Verbindung entnervt unterbricht, um Gearys Offiziere einzeln zur Aufgabe zu überreden. Geary unterbindet diesen Versuch energisch.

Mit einem verlustreichen Rückzugsgefecht gelingt es Geary, seine Flotte fast komplett aus dem Feindsystem springen zu lassen. Doch er verliert dabei seinen Großneffen, der sich für die Flotte opfert und in Gefangenschaft geht. Geary verspricht ihm, ihn rauszuholen und Michaels Schwester zu kontaktieren, die auf einer der Allianzwelten lebt.

Doch jenseits des Zielpunktes nach dem Sprung muss Geary feststellen, dass hundert Jahre Krieg ihre Spuren hinterlassen haben, nicht nur auf den Welten, sondern vor allem in Gearys eigener Flotte …

_Handlung_

Im Lakota-System hat die Flotte vor den überlegenen Syndiks nach Ixion Reißaus nehmen müssen. Doch dort gab es kein Weiterkommen, also kehrte Geary mit seiner Flotte in einem wahnwitzig erscheinenden Manöver um und zerschoss das Zentrum der sie verfolgenden Flotte, büßte dabei jedoch drei Schlachtschiffe ein. Es dürfte ein paar Stunden, bis die Syndik-Flotte das Wendemanöver nachvollzieht, erwartet Geary.

Nun befindet sich seine Flotte in einem ahnungslosen und im Durcheinander befindlichen Lakota-System, das er nach seinem Belieben gestalten kann. Wracks schweben ebenso umher wie Gefängsnisschiffe und große Frachter. Da die Flotte dringen neue Ressourcen benötigt, lässt er diese Frachter als Erstes kapern, dann die Gefangenen der Allianz von den Gefängnisschiffen holen – insbesondere von der „Audacious“ – und kann einen Plan vorbereiten, wie er die bald zurückkehrende Syndik-Flotte empfangen will.

Zu seinem Erstaunen hat er mehr als vier Lichtstunden Zeit, und zwar vor allem aus dem Grund, dass die beiden CEOs der gegnerischen Flotte um die Ehre streiten, Geary fertigmachen zu dürfen. Bei den Syndiks läuft die Führungswechseltaktik eben anders als bei der Allianz. Der obsiegende CEO verfolgt nun die Allianz-Flotte mit aller Macht, um deren vermeintlich wehrlose Überreste ins Nirvana zu blasen.

Allerdings hat Geary mit einer Idee Victorias Riones und der Hilfe von Captain Tanya Desjani eine Falle aufgestellt, die sich für die Syndik-Flotte als verheerend erweisen soll …

Nach der Vernichtung der Syndiks erhalten die Wachschiffe der Syndiks im Lakota-System von fliehenden Syndik-Schiffen den Befehl, das Hypernet-Portal zu sprengen. Zu spät erkennt Geary die potenzielle Gefahr und kann nicht mehr intervenieren. Vom Sancere-System weiß er, dass ein solches Portal mit der Gewalt einer Nova explodieren und ein komplettes Sonnensystem in Schutt und Asche legen kann.

Gearys letzte Warnung an den Planeten Lakota III kommt wohl zu spät, und da fegt auch schon die Druckwelle der Portalexplosion durchs System. Die dem Portal zugewandte Seite der Welt wird verwüstet, die Atmosphäre hinweggerissen. Doch Gearys Schiffe sind weit davon entfernt in Position gegangen und stellen ihre Nase in Richtung der anrollenden Vernichtungswelle. Wird es irgendwelche Überlebenden geben, die davon berichten können, welche Gefahr ein solches Portal darstellt – und zwar auch für die Hauptwelten der Allianz?

_Mein Eindruck_

Die Handlung lässt sich in drei Teile gliedern. Die ersten rund 200 Seiten, also praktisch die erste Hälfte, spielt nur im Lakota-System und schildert die actionreiche Schlacht gegen die Syndikflotte und die mindestens ebenso aufregende Explosion des Hypernet-Portals mit fast der Gewalt einer Sternen-Nova.

Jedoch musste Flottenkommandant Geary in der Schlacht feststellen, dass zwei Kapitäne durch ihre feigen Aktionen eines der großen Kampfschiffe in Gefahr brachten und seinen Untergang herbeiführten. Einen der Kapitäne verurteilt er zum Tod, den anderen zu Haft. Ihr Grund: Sie lehnen seine Flottenführung ab. Sie überleben nicht lange: Das Shuttle, in dem sie transportiert werden, explodiert – Zufall oder Sabotage? Geary kann nichts mehr ausschließen.

|Phase 2|

Dies leitet die zweite Phase der Handlung ein: die Suche nach den Verrätern in den eigenen Reihen. Denn nicht nur in offenen Handlungen zeigt sich die Opposition, sondern auch in schädlicher Software in den Computersystemen. Die Würmer hätten das Flaggschiff und Gerys getreueste Kapitäne ins Verderben geschickt. Eine weitere Entdeckung von Würmer ist schlimmer, denn sie betrifft die gesamte Flotte: Antriebe hätten bei der Schlacht oder im Sprung versagt – und Waffensysteme machen sich selbständig.

|Finsterer Verdacht|

Geary teilt seinen Verdacht, dass auch die unbekannten Aliens ihr Händchen im Spiel haben. Denn diese lieferten ja Syndiks und Allianz die gesamte Hypernet-Technologie. Und Gearys Flaggschiff führt einen erbeuteten Hypernet-Schlüssel mit sich. Er verfügt über sein eigenes Betriebssystem und ist mit den Computersystemen verbunden.

Als verdächtige Quantenmanipulationen an den Kommunikationssystemen entdeckt werden, lässt dies darauf schließen, dass die Aliens alles mithören, was die Menschen kommunizieren. Und dies manipuliert wird. Offenbar nur zu einem Zweck: Es darf zu keiner friedlichen Verständigung zwischen Syndikats-Welten und Allianz kommen. Selbst als Gearys im Stich gelassene Syndik-Siedler rettet, wird dieser Versuch sabotiert.

Kaum hat er die Siedler im Cavalos-System abgeliefert, als ihm die CEO (Chief Executive officer = Vorstandsvorsitzende) der Zentralwelt dort dankt – der gerettete Bürgermeister ist ihr verschollen geglaubter Bruder. Und sie zeigt Geary, wo die Syndiks Vorräte versteckt und vergessen haben. So viel Entgegenkommen ist nur möglich, weil Geary seine Ehre dareinsetzt, auch den Gegner menschlich zu behandeln.

|Das Spiel der Aliens|

Dass nicht alle CEOs so human handeln, sondern mehr aus Eigeninteresse, stellt Geary fest, nachdem er die nächste Syndik-Flotte vernichtet hat. Der Gefangene Vize-CEO – die Syndiks arbeiten mit den Rängen der US-Wirtschaft – wird einem ausgefeilten Verhör inklusive Stimmanalyse und Hirnstrom-Abtastung verhört. Er weiß vom Deal der Syndiks mit den Aliens, um die Allianz anzugreifen. Dumm nur, dass die Aliens die Syndiks dabei im Stich ließen. Seit hundert Jahren tobt deshalb der Krieg unter den Menschen – zum Nutzen der Aliens, die so eine Flanke unter Kontrolle haben. Befinden sie sich selbst mit anderen Aliens im Krieg? Dann könnten sich die Menschen verbünden, um die Manipulation der Aliens abzuschütteln, schlägt Geary vor – und lässt den CEO frei.

|Afghanistan und die Folgen|

Auf Seite 355 beklagt der Autor mit den Worten seines Helden, wie lange sich dieser Krieg schon hinzieht und weiterhin sinnlose Opfer fordert. Mit diesen Opfern sind zerbrochene Leben von Verwandten und Liebenden verbunden. Genau wie bei den US-Soldaten, die im Irak und in Afghanistan kämpfen bzw. gekämpft haben. Viele von den Heimkehrern bringen sich um, weil sie den Stress der post-traumatischen Symptome wie Albträume, Herzjagen, Depressionen, Aggressionen usw. nicht mehr aushalten. Erst unter Präsident Obama kümmert sich die US-Regierung um die psychologische Betreuung dieser Hunderttausenden von Veteranen. Man weiß, dass auch deutsche Soldaten unter den gleichen psychischen Folgen zu leiden haben. Gibt es auch hier eine Betreuungsstelle?

|Phase 3|

Der letzte Teil der Handlung, rund hundert Seiten, schildert eine zweite Raumschlacht. Die ist aber kein großes Problem für Gearys fähige Kapitäne. Intensiv wird dieser letzte Teil jedoch durch Gearys persönlichstes Problem: Wie kann er eine liebevolle, emotionale Beziehung zu Captain Tanya Desjani eingehen, die für beide ehrenhaft ist und doch eine Zukunft haben soll? Ganz einfach: Sie versprechen sich einander, sobald sie wohlbehalten in der Heimat angekommen sind.

Fortwährend kabbeln sich Desjani und Senatorin Victoria Rione um Geary und sehen sich zu seinem Verdruss nicht in der Lage, ein einziges vernünftiges Wort miteinander zu reden. Das ist quasi die erheiternde Komödie, die die ansonsten recht grimmige Handlung um ein erleichterndes Element bereichert. Nachdem hier die Fronten geklärt sind, kann die Fortsetzung mit einem neuen Ausblick beginnen. Band 4 bildet also ein Bindeglied zwischen der ersten Trilogie und der zweiten.

_Die Übersetzung _

Ralph Sander hat einen guten, wenn auch nicht sonderlich anspruchsvollen Job erledigt. Seine falschen Endungen halten sich sehr in Grenzen, und es gibt nur einen Buchstabendreher – auf Seite 335 heißt es „Kruezers“ statt „Kreuzers“.

Lustiger finde ich hingegen den Fehler, der sich im Titel auf dem Buchrücken eingeschlichen hat. Während überall sonst korrekt „Gearys Ehre“ steht, heißt es dort „Geareys Ehre“, also mit vier E’s. Nobody’s perfect, und darauf heben wir einen.

_Unterm Strich_

Ich habe auch dieses Geary-Abenteuer in nur drei Tagen gelesen. Wie schon die meisten der drei Vorgänger kombiniert der vierte Band glaubwürdige geschilderte Raumschlachten (hier zeigt sich der Sachverstand des ehemaligen Marineoffiziers), spannende und rätselhafte Vorgänge in den eigenen Reihen mit – last but not least – privaten Problemen des Flottenkommandeurs Geary.

Man sieht in dieser Hinsicht in den vier Bänden eine deutliche Weiterentwicklung seineer Figuren: Vom legendären „Black Jack“, den die „lebenden Sterne“, also Götter, geschickt haben müssen, wird er zu einer Art Hoffnungsträger der Flotte (v.a. Desjanis), der sich durchaus auch mal von seiner menschlichen Seite zeigen darf, und zwar nicht nur gegenüber Kolleginnen, sondern auch gegenüber dem sogenannten Feind. So etwa im Fall der Syndik-Siedler, die er rettet und zu Ihresgleichen bringt.

Wie in jeder Heldengeschichte hagelt es weise Sentenzen. Bei „Spider-Man“ lautet die wichtigste Botschaft: „Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.“ (Oder so ähnlich.) Hier lautet die wichtigste Botschaft. „Nur wer anderen Gnade gewährt, kann erwarten, dass ihm selbst Gnade widerfährt.“ Damit lässt sich Gearys Ehre erklären.

Interessanterweise dreht sich die letzte Aussprache des Buches aber nicht um seine, Gearys, Ehre, sondern um Tanya Desjanis Ehre. Sie lässt sich dazu hinreißen, ihm alles zu versprechen, wenn er nur weiter die Flotte führt und zwar auch nach der Rückkehr in die Heimat. Eine Frau verspricht so etwas nicht ohne ihre Ehre aufs Spiel zu setzen und damit ihre berufliche Karriere. Interessant ist also, was Geary damit anfängt. Es menschelt also auch ganz gewaltig an Bord des Kriegsschiffs. Die Romantik kommt vielleicht hier erstmals richtig zu ihrem Recht.

|Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: The Lost Fleet: Valiant
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
ISBN-13: 978-3404233519|

Riordan, Rick – Schlacht um das Labyrinth, Die. (Percy Jackson 4) (Lesung)

_|Percy Jackson|_:

1) „Diebe im Olymp“
2) [„Im Bann des Zyklopen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7273
3) [„Der Fluch des Titanen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7344
4) _“Die Schlacht um das Labyrinth“_
5) „Die letzte Göttin“
6) „The Demigod Files“ (noch ohne dt. Titel)

_In Tunneln und Wildnis: Percys Traum vom Fliegen_

Die Armee des Titanen Kronos wird immer stärker! Nun ist auch Camp Half-Blood nicht mehr vor ihr sicher, denn das magische Labyrinth des Dädalus hat einen geheimen Ausgang mitten im Camp. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn der Titan und seine Verbündeten den Weg dorthin fänden!

Percy und seine Freunde müssen das unbedingt verhindern. Unerschrocken treten sie eine Reise ins Unbekannte an, hinunter in das unterirdische Labyrinth, das ständig seine Form verändert. Und hinter jeder Biegung lauern neue Gefahren … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Rick Riordan war viele Jahre lang Lehrer für Englisch und Geschichte. Mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen lebt er in San Antonio, Texas, und widmet sich ausschließlich dem Schreiben. „Percy Jackson. Diebe im Olymp“ war sein erstes Buch für junge Leser. Dessen Verfilmung mit Pierce Brosnan und Uma Thurman lief ab 11. Februar 2010 in deutschen Kinos.

_Der Sprecher_

Marius Clarén, 1978 in Berlin geboren, ist Synchronsprecher, -autor und –regisseur. Er lieh seine Stimme Tobey Maguire, Chris Klein und Jake Gyllenhaal sowie vielen mehr.

Regie führte Kati Schaefer, die Aufnahme bei soundcompany audiopost erledigte Klemens Fuhrmann, die Musik steuerte Andy Matern bei. Clarén liest eine von Kai Lüftner bearbeitete Fassung.

_Handlung_

Es sind sechs Monate seit Percys letztem Abenteuer vergangen, und wieder mal sucht er eine neue Schule. Vom neuen Freund seiner Mutter, Paul Blowfiss, hat er eine Einladung an dessen Highschool erhalten. Zusammen mit seiner Freundin Annabeth, der Tochter Athenes, geht er hin, um sich die Sache mal anzusehen. Was soll dabei schon passieren?

|Gefährliche Begegnungen|

Als Percy ein Mädchen mit rotem Kraushaar erblickt, nimmt er einen Umweg und geht zum Seiteneingang. Man weiß ja nie, wann man der Medusa begegnet. Am Seiteneingang warten allerdings schon zwei freundliche Cheerleaderinnen, die nicht sonderlich vertrauenerweckend wirken. Paul ruft aus der Schule, und Percy geht weiter. Als er die eine, Kelly, streift, klingt diese sonderbar metallisch und hohl. Er achtet nicht darauf, denn schon wieder kreuzt er den Pfad der Rothaarigen, deren Augen sich bei seinem Anblick weiten. Warum nur?

Rachel Elizabeth Dare sagt, sie kenne Percy vom Hoover-Damm und könne durch den Nebel blicken, der die Götter und Halbblute vor den Sterblichen verbirgt. Und weil das so ist, zerrt sie ihn ins Musikzimmer, damit sie sich dort verstecken können. Vor wem denn bloß, will er wissen. Zum Beispiel vor den beiden Cheerleaderinnen Kelly und Tammy, die gar keine sind, sondern eine ganz besondere Art von Monster: Empusen, Dienerin der Nachtgöttin Hekate. Ihr besonderes Merkmal: Blutdurst und spitze Zähne!

Im Verlauf des folgenden Kampfes vernichtet Percy Schwert die Empusen, doch leider geht dabei Kelly in Flammen auf, welche ihrerseits die Schule in Brand stecken. Rachel bringt Percy in Sicherheit und zu Annabeth. Dann geht sie zurück, um Percys Ruf zu retten. Oder was jetzt noch davon noch übrig ist. Das Duo bringt sich vor Polizei und Feuerwehr in Sicherheit.

|Zwei Neulinge|

Im Camp Halfblood stößt Percy als Erstes auf einen Höllenhund. „Keine Angst, der will bloß spielen“, meint eine neue männliche Stimme. Der neue Schwertkampflehrer nennt sich Quintus. „Das ist Mrs. O’Leary, mein Haustier.“ Nett. Als Nächstes muss Percy Chiron, dem Unterrichtskoordinator, alles erzählen. Unterdessen entscheidet der Rat der Satyrn über das Schicksal seines Freundes Grover. Grover behauptet, den seit 2000 Jahren vermissten Gott Pan beinahe gefunden zu haben. Man gibt ihm dennoch nur noch eine Woche Frist. Diese Demütigung empört Grovers Freundin, die Baumnymphe Wacholder.

|Eine Botschaft|

Um Mitternacht erhält Percy eine Iris-Botschaft per Regenbogen, aber von einem unbekannten Absender. Er sieht eine Szene mit Nico DiAngelo, dem Sohn des Hades, der seine Schwester Bianca verloren hat (wie Percy aus seinem letzten Abenteuer nur zu gut weiß). Nico, der Percy nicht bemerkt, befindet sich am Ufer eines Flusses in der Unterwelt. Ein Geist spricht zu ihm und bietet ihm einen Seelentausch an, wobei er von Gerechtigkeit und Vergeltung spricht. Der Geist sagt, er habe einen Plan, um Biancas Seele zu befreien und wolle Nico durchs Labyrinth führen. Wohin? Und welche Seele soll eingetauscht werden? Percy ahnt, dass es um seine eigene geht.

|Über das Labyrinth|

Am nächsten Morgen erklärt Chiron die Sache mit dem Labyrinth, das Dädalus einst für König Minos von Kreta bauen ließ, um den Minotaurus gefangen zu halten. Das Labyrinth ist inzwischen jedoch weitergewachsen und hat sich unter allen Städten ausgebreitet. Unter Phoenix in Arizona hat Clarisse, die Tochter des Ares, den wahnsinnigen Chris Rodriguez im Labyrinth gefunden und ins Camp gebracht. Er berichtet von Lukes Titanenarmee.

Sobald Luke, der abtrünnige Sohn des Hermes, den Aufbau des Camps durch den Ariadnefaden kenne, könne er seine Armee überallhin führen. So etwa auch, um das Camp der Halbblute zu überfallen – und danach den Olymp. Dagegen muss etwas unternommen werden. Aber Percy sieht auch den Nutzen für Grovers Suche nach Pan. Normalerweise wollen Satyrn nicht unter die Erde, aber Pan ist definitiv dort unten.

|Eine Entdeckung|

Bei einer weiteren „Erobert die Flagge“-Übung fallen Percy und Annabeth zwischen großen Findlingsfelsen hindurch in einen Tunnel, der offensichtlich zum Labyrinth gehört. Tatsächlich, da ist das Delta, das Zeichen des Dädalus. Als Annabeth auf eines der Symbole drückt, findet sie einen Aufgang, der zur Erdoberfläche führt. Die anderen schimpfen, sie wären fast eine Stunde fort gewesen. Dabei kam es Percy und seiner Freundin nur wie eine Minute vor. Das ist ja interessant. Und auch beängstigend: Der Zugang führt nämlich mitten ins Camp. Luke könnte seine Armee unbemerkt bis hierher führen.

|Ratsschluss|

Kein Wunder also, dass der Sicherheitsrat zusammentritt, mit Argus, dem Sicherheitschef. Die Baumnymphe Wacholder erzählt, dass Luke den Zugang oft benutzt habe, ebenso Chris Rodriguez, sein Späher. Luke suchte nämlich die Werkstatt des Dädalus, die im Zentrum des Labyrinths liegt, weil er dort den Ariadnefaden vermutet. Das einhellige Urteil lautet, dass man Luke zuvorkommen müsse. Da Annabeth die Fachfrau für Architektur ist, hat sie die Ehre, die Mission anzuführen und dazu das Orakel des Camps befragen zu dürfen.

|Aufbruch|

Doch die Weissagung ist wie immer uneindeutig. Jedenfalls darf Annabeth ihre Helfer und Gefährten bei der anstehenden Mission wählen: Percy, das ist eh klar, muss mit, ebenso Percys Halbbruder, der Zyklop Tyson, und Grover. Auch Rachel Elizabeth Dare erhält die seltene Ehre, mitkommen zu dürfen, denn ihre Fähigkeit ist von unschätzbarem Wert, um Monster und Halbblute zu durchschauen.

Zum Abschied gibt Quintus Percy eine stygische Hundepfeife, die in der Lage ist, Mrs O’Leary, den Höllenhund, herbeizurufen. Natürlich nur in Zeiten der Gefahr. Annabeth will Percy auf keinen Fall den Schluss der Weissagung verraten. Er wird erst nach seiner Rückkehr die Wahrheit und den Grund ihres Schweigens erfahren.

Dann steigen die vier Gefährten ins Labyrinth und begeben sich auf eine gefährliche Reise, von der sie nicht wissen, wie sie enden wird …

_Mein Eindruck_

Diesmal hat die Reise der Gefährten gleich mehrere Ziele:
1) Lukes Titanenarmee aufhalten
2) die Titan Chronos finden und unschädlich machen
3) die Werkstatt von Dädalus finden
4) dort den Ariadnefaden bergen
5) Pan finden und retten
6) Möglichst alle Angriffe durch Monster überleben!

Und Monster gibt es im Labyrinth nicht wenige, so etwa die erwähnten Empusen – von denen ich hier zum ersten Mal erfahren habe. Aber auch Drakenae, ein Mittelding aus Fledermaus und Schlangenfrau, sind nicht zu unterschätzen, vor allem nicht ihre Anführerin Kampe. Denn natürlich kann es bei der abschließenden Schlacht um Camp Halfblood nicht ausbleiben, dass all die Ungeheuer und Titanen, die Luke um sich geschart hat, die Sprösslinge der Olympier als Erstes angreifen. Wie der Kampf ausgeht, soll hier nicht verraten werden.

|In der Schmiede|

Viel interessanter ist eigentlich, welchen Leuten Percy und Kompanie in den Tunneln des Labyrinths begegnen. Die Göttin Hera, Zeus‘ Gattin, gibt ihnen einen guten Tipp: Dädalus, der Typ mit dem Schlüssel zum Labyrinth, sei ein enger Mitarbeiter des Feuergottes Hephaistos. Und dessen Werkstatt sei eigentlich leicht zu finden: unter dem Mount St. Helens.

Ich musste sofort an Sarumans Schmiede unter Isengard sowie an den Schicksalsberg denken, als Percy und Annabeth (Grover und Tyson suchen unterdessen Pan) die Werkstatt des Feuergottes besuchen. Lavasee, Amboss, Hammer sind vorhanden und die Arbeit wird von rebellischen Telchinen verrichtet, die charakterlich etwas an Zwerge erinnern, aber weitaus quengeliger sind. Weil sie sich von Hephaistos betrogen fühlen, rebellieren sie. Annabeths Tarnkappe erweist sich anschließend als sehr nützlich.

|Dädalus, der Ingenieur|

Auch Dädalus selbst ist kein einfacher Zeitgenosse. Wer seine Sage kennt, weiß ja, dass er nicht nur seinen Sohn Ikarus verloren hat, sondern auch seinen Neffen Perdix auf dem Gewissen hat. König Minos ließ ihn das Labyrinth für den Minotaurus bauen, und es zeigt sich, dass Minos ihn in Geisterform immer noch sucht, um sich für Dädalus‘ Verrat zu rächen. Für diesen Ernstfall hat die x-te Inkarnation von Dädalus stets ein paar Flügelpaare bereitstehen, um entkommen zu können. Dädalus, das ist der Clou, ist ein beseelter Automat. Wir würden heute Roboter sagen.

|Antaios und Chronos|

Natürlich kann es nicht ausbleiben, dass Percy auch auf Luke und dessen Gesindel stößt. Er muss jedoch feststellen, dass Luke über einen mächtigen Verbündeten verfügt: Antaios, einen Riesen, dessen Mutter Gaia ihn unbesiegbar gemacht hat, weil sie ihm stets neue Kraft zuführt. Dennoch muss Percy den Riesen in der Arena überwältigen, sonst ist seine Mission nur von kurzer Dauer …

Auch die Begegnung mit Chronos, dem Titanen, erweist sich als wenig ersprießlich und nicht gerade das, was sich Percy unter einem Sieg vorstellt. Der unsterbliche Titan, den in den drei bisherigen Abenteuern, in einem goldenen Sarkophag herumgetragen wurde, in dem Luke ihm Lebenskraft und Körperteile zuführte, ist nun vollendet und erwacht zum Leben!

|Der Große Gott Pan|

Die traurigste Begegnung jedoch hat Percy mit dem Großen Gott Pan, dessen Tod schon vor 2000 Jahren verkündet wurde. Allerdings weigerten sich die Satyrn, seine ziegenbeinigen Ebenbilder, dies zu glauben und hielten ihn so am Leben. Nun erfahren Grover, der erfolgreiche Sucher, Tyson, Percy und die anderen, den Grund für Pans damaligen Fortgang, sein Weiterleben in einer Höhle und seine Sehnsucht nach einem gnädigen Tod.

Pan war von alters her der Hüter der Wildnis. Als Hirte der Ziegen spielte er die Syrinx, die Panflöte. Doch die Sterblichen haben sie erst zurückgedrängt, um ihre Häuser zu bauen und das Vieh zu weiden, dann breiteten sie sich über die ganze Erde aus, um die Wildnis in Weiden, Gärten, Parks und Steppe zu verwandeln. In seinen letzten Worten bittet er seine Besucher, sich um die letzten Reste der Wildnis zu kümmern und sie zu bewahren. Grover jedoch macht er ein ganz besonderes Geschenk: die Gabe, Panik zu verbreiten. Dann löst sich sein Geist von seiner sterblichen Hülle und verschwindet.

In der Schlacht um Camp Halfblood erweist sich Grovers neue Gabe als äußerst nützlich. Und auch wenn ihm der Rat der Satyrn nicht glaubt, was passiert ist, so begeben sich die meisten Satyrn, die ihm glauben, in die Nationalparks und andere Gegenden, um die Wildnis zu hüten. Dieses Abenteuer hat also auch eine ökologische Botschaft. Und das finde ich sehr sympathisch.

Wer jedoch gar nicht auftritt, sind Ariadne, ihr Held Theseus und das Ungeheuer Minotaurus. Wozu auch? Sie sind alle schon längst vergangen, und es zählt nur ihr Vermächtnis.

_Der Sprecher_

Marius Clarén verfügt als Sprecher über einige erstaunliche Fähigkeiten, die ich der Reihe nach vorstellen will. Zunächst charakterisiert er jede Figur durch eine eigene Ausdrucksform. Percy Jacksons Tonlage entspricht der deutschen Stimme von Tobey Maguire, wie wir sie aus den Spider-Man-Filmen kennen. Der junge Held ist uns also schon mal ziemlich sympathisch, muss aber zahlreiche Prüfungen bestehen. In Camp Halfblood sagt Annabeth gleich zu ihm: „Du sabberst im Schlaf.“ Na, wenn das nicht eine nette Begrüßung ist! Offenbar mag sie ihn.

Ganz anders hingegen sein Freund Grover, der junge Satyr. Schwere Proben muss der Ärmste bestehen, ist er doch Percys Hüter. Seine Redeweise ist entsprechend unsicher und wiederholt etwas mitleiderregend. Aber man kann nicht böse auf ihn sein, denn Ziegenfüßer habens auch nicht leicht.

|Kalypso & Co.|

Alle seine weiblichen Figuren sprechen selbstredend in einer höheren Tonlage als die männlichen Vertreter, so etwa auch Annabeth und die schlangenhaft zischenden Cheerleader, natürlich auch Rachel Elizabeth Dare. Am eindrucksvollsten sprechen jedoch die Göttin Hera und die unglückselige Nymphe Kalypso. Sie wurde auf eine einsame Insel verbannt, um dort gestrandete Helden gesundzupflegen (etwa Odysseus). Dabei verliebt sie sich unweigerlich in den jeweiligen Heros, doch gerade ihre Pflege versetzt ihn in die Lage, sie wieder zu verlassen, um seine Aufgabe zu erledigen.

Natürlich werden alle Stimmen der jeweiligen Situation angepasst. Sie rufen, sind ängstlich, wütend, nervös, zweifelnd und vieles mehr. All dies hört man genau aus Claréns Darstellung heraus. An einer Stelle wird sogar ein Klangeffekt eingesetzt: Die Stimme wird verdoppelt, um Chronos, den wiederauferstandenen Titanen, noch mächtiger wirken zu lassen.

Alles in allem sorgen all diese Klangfarben für einen sehr lebhaften Vortrag, an dem Kinder und Jugendliche ihre helle Freude haben werden.

|Musik|

Einen Serien-Jingle gibt es nicht mehr. Vielmehr erklingt gleich die Hintergrundmusik, die im Intro, Outro und am Schluss jeder CD eingespielt wird. Nach einem Auftakt mit Harfe und tiefer Trommel setzen die Streicher ein, so dass eine recht mystische Stimmung entstehen kann.

Geräusche gibt es leider keine, so dass man sich jederzeit voll auf den Vortrag des Sprechers konzentrieren kann. Ein paar Soundeffekte hätten aber vielleicht nur gestört.

Die Zusatzinformationen, die bislang im Booklet abgedruckt waren, gibt es jetzt nicht mehr. Offensichtlich muss Lübbe Audio sparen.

_Unterm Strich_

Dieses Abenteuer ist höchst abwechslungsreich: Spannung, Action, Humor, viel Romantik, aber auch Tragik werden unterhaltsam kombiniert. Aber der junge Zuhörer ist gut beraten, sich zuvor ein wenig mit der Sage von Dädalus und Ikarus vertraut zu machen. Hier hätte das inzwischen gestrichene Glossar zum Hörbuch wertvolle Dienste geleistet.

Man könnte höchstens einwenden, dass die griechische Sagenwelt doch stark amerikanisiert worden sei, aber das muss auch so sein, um sie überhaupt der Moderne näherbringen zu können. Harry Schotter hat sicherlich Pate gestanden und vielleicht auch Bilbo Beutlin, aber der Rest liest sich wie eine Mischung aus Detektivroman und Fantasy-Abenteuerfahrt. Zum Glück hat der Autor alle Ungeheuer vermenschlicht und modernisiert, so dass jeder heutige Hörer etwas damit anfangen kann.

Sehr schön, weil unendlich traurig fand ich die Episoden mit der Nymphe Kalypso (s.o.) und dem Großen Gott Pan. Letzterer vermittelt eine willkommene ökologische Botschaft. Diese mag nach vierzig Jahren Umweltbewegung vielleicht ein wenig wohlfeil erscheinen und auf taube Ohren stoßen, aber ich bezweifle, dass amerikanische Highschoolkids neben Sex, Musik und Sport noch für etwas anderes Interesse aufbringen, und auch für die ist dieses Buch geschrieben worden.

Für den, der meint, er wisse schon alles über griechische Mythologie, hält auch dieses Abenteuer wieder einige Überraschungen bereit. Das sind die Drakenae, die Empusen, die Telchinen und schließlich noch die Hunderthändigen, darunter ein gewisser Briareus. Und ein Höllenhund, dessen Namen „Mrs O’Leary“ man sicher auch nicht erwartet hätte. Sicherlich ein privater Scherz des Autors.

|Das Hörbuch|

Der Sprecher Marius Clarén hat sich wahrlich ins Zeug gelegt, um sein jugendliches Publikum mit einer Vielzahl von Stimmen zu unterhalten. Die damit zum Leben erweckten Figuren sind leicht unterscheidbar und bereiten obendrein einigen Spaß. Geräusche und Musik würden nur von den Dialogen ablenken. Schade, dass das Glossar nicht mehr mitgeliefert wird. Dieses findet man jedoch ausführlich im Buch.

|4 Audio-CDs
Spieldauer: 312 Minuten
Gelesen von Marius Clarén
Originaltitel: Percy Jackson and the Olympians: The Battle of the Labyrinth (2008)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Gabriele Haefs
ISBN-13: 978-3785744437|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

Jeschke, Wolfgang; Aldiss, Brian W. (Hrsg.) – Titan-20

_Die Erde wird verschachert: klassische SF-Erzählungen _

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 20 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der dritte von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren.

TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse/Der lange Nachmittag der Erde“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen_

_1) John D. MacDonald: „Flucht ins Chaos“ (1951)_

Andro ist der dritte Kronprinz von Kaiser Shain, doch der missratene Sohn rebelliert gegen seinen Vater. Der Kaiser verfügt mit einem Wink seinen Tod. Die Brüder Andros mühen sich zusammen mit Delaran, dem Feldherrn, Andro zur Strecke zu bringen. Doch es ist wie verhext: Ein ums andere Mal entschlüpft ihnen der Gejagte, als ob er einen Schutzengel hätte. Und beim sechsten Mal verschwindet Andro einfach spurlos …

Er erwachst auf einer fremden Welt, stellt sich aber weiterhin bewusstlos. Schließlich ist er ja ein ausgebildeter Krieger. Kaum beugt sich die fremde Frau über ihn, versetzt er ihr einen Faustschlag, dass sie bewusstlos umkippt. Er schaut sich um, betrachtet die Fremde. Er hat alle seine Kampfesgenossen und seine Geliebte verloren, also muss dies eine Feindin sein. Sie trägt eine zitronengelbe Toga und am Gürtel sechs glänzende Instrumente, die er ihr abnimmt und versteckt.

Sie nennt sich Calna und behauptet, sie sei Agentin einer geheimen Macht, die die Welten des Universums zu einem einheitlichen Entwicklungsstand zusammenführen wolle. Sie habe Andro schon mehrfach das Leben gerettet. Er glaubt ihr nicht, denn welchen Grund hätte sie dazu. Mit geschickten Akupressurgriffen setzt sie ihn außer Gefecht, bevor sie ihre Instrumente wieder am Gürtel befestigt.

Ihre Mitagenten seien hinter ihr her, und auf dieser Welt seien sie nicht sicher. Andro will auf seine Heimatwelt, um dort einen Aufstand anzuzetteln. Aber dort habe Deralan dem Kaiser den Beweis gezeigt, dass Andro tot sei. Sie selbst hatte Deralan den Beweis in die Hand gelegt. Würde Andro nun dort auftauchen, müssten die Sklaven, die er zu befreien beabsichtigt, glauben, er sei wiederauferstanden. Na schön, muss er eben sein Gesicht umgestalten.

Zusammen gehen sie mit ihrem Agentenschiff nach Simpar und verstecken sich unter der Erde vor den Agenten, die Calna, die Abtrünnige, suchen. Der Aufstand der befreiten Sklaven wird ein voller Erfolg, und schon bald brennt die Stadt lichterloh. Doch Deralan hat eine Sklavin ausgehorcht und überrascht von Andros Anwesenheit erfahren. Als die wütenden Sklaven auch Andro, den sie nicht erkennen, angreifen und die schöne blonde Frau neben ihm ihn mit einer unbekannten Waffe verteidigt, weiß Deralan Bescheid.

Er folgt ihnen unauffällig zu ihrem Schiff. Er zieht das Messer, um es in Andros Rücken zu werfen. Doch eine unbekannte Macht ergreift von ihm Besitz und schleudert das Messer auf ein neues Ziel …

|Mein Eindruck|

Die 60 Seiten lange Erzählung folgt keineswegs dem oben skizzierten Handlungsverlauf, der nur einen kleinen Teil des Geschehens abdeckt. Vielmehr scheint das Thema der Geschichte weniger Aufstand, Kampf und Romanze zu sein, als vielmehr die Bedeutung von Statistik für die soziologische Entwicklung von wahrscheinlichen Welten. Insofern ist es eine sowohl eine Übung in Statistik als eine Variation der Psychohistorik, die Asimov schon in den vierziger Jahren „erfand“.

Der Direktor der „sozionetischen Agentur“ steuert demnach die 26 Welten der Wahrscheinlichkeit in ihrer Entwicklung, zu ihrem eigenen Wohl, aber auch um die Kontrolle zu behalten. Agentenschiffe vermögen es, von einem Rahmen der Wahrscheinlichkeit – sprich: Welt – zum nächsten und übernächsten zu „schlüpfen“, indem sie die quantenmechanische Wahrscheinlichkeit beugen. (Nicht gerade eine neue Idee.)

Doch was die abtrünnige Agentin Calna zusammen mit Andro tut, lässt auf der Welt Simpar alle anderen Wahrscheinlichkeiten zusammenbrechen. Es gibt nur noch eine einzige Wahrscheinlichkeit. Es gibt für sie folglich kein Entkommen mehr. Doch eine fremde Macht bemächtigt sich Delarans Geist, der ein Gerät konstruiert, das die anderen Wahrscheinlichkeitsrahmen wieder zugänglich macht. Doch wer oder was verbirgt hinter dieser Macht?

Calna erfährt es nicht. Denn als sie zum Direktor zurückkehrt, kann sie sich an ihre Erlebnisse nur wie an einen verrückten Traum erinnern. Sie will neu konditioniert werden. Der letzte Satz allein gibt uns einen Hinweis darauf, dass der Direktor dahinterstecken könnte. Er denkt an die Einfachheit der „dritten atomaren Ära“. Das bedeutet, dass er schon sehr alt sein muss. Alt genug, um so etwas wie ein Gott zu sein …

_2) A. E. van Vogt: „Versteck“ (1943)_

In der Kleinen Magellanschen Wolke gibt es Millionen von Sonnen, doch Wetterstationen wachen auf jede Annäherung einer uralten Bedrohung. Als Gisser Watchers Systeme das Schlachtschiff von der Imperialen Erde entdecken, gibt er den fünfzig Sonnen der bewohnten Welten Alarm und trifft Vorbereitung, seine Station zu sprengen. Die Karte des Systems darf den Erdlingen keinesfalls in die Hände fallen …

An Bord des Schlachtschiffs „Star Cluster“ begrüßt ihn eine junge Frau mit blitzenden Augen. Sie stellt sich als Großkapitänin Gloria Cecily Laurr von Laurr vor. Er soll ihr alles verraten über sein Sternensystem verraten, doch sie macht den Fehler, ihm zu drohen: Alle Abtrünnigen würden zur Rechenschaft gezogen werden. Erst die Psychosonde, die Chefpsychologin Neslon einsetzt, bricht seinen psychischen Widerstand. Doch kaum beginnt er das Dellianische System zu beschreiben, als sein Verstand sich abschottet. Bemerkenswert!

Zugleich mit Watchers Molekülen wurde auch die Station mitsamt der Sternenkarte an Bord transferiert. Doch wie ihr der Chefnavigator versichert, könne die Kapitänin nichts damit anfangen, denn es fehle der Schlüssel, der Bezugspunkt. Sie bewohnten Welten seien wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen unter Millionen von Sonnen versteckt. Sie Suche erweist sich als ergebnislos. Zehn Jahre Suche – und jetzt das!

Gloria Cecily beschließt, Watcher zu verführen, um an die Wahrheit heranzukommen. Doch sie ist nicht auf die ungeheuerliche Wahrheit gefasst, die sie dabei unter Lebensgefahr entdeckt …

|Mein Eindruck|

Wie so häufig bei A. E. van Vogt, dem kanadischen Star in John W. Campbells Autorenriege für „Astounding Stories“, umspannt die Story ganze Sternenimperien und Galaxien. So auch hier. Das terranische Imperien schickt sich an, die Kleine Magellansche Wolke zu unterjochen und betrachtet Widerstand als Verrat.

Der Witz an der Geschichte besteht darin, dass es sich tatsächlich um Abtrünnige handelt, die das Schlachtschiff vorfindet – aber sie spalteten sich bereits vor 15.000 Jahren ab. Und alle Scanner des Schiffes können die Bewohner dieser Welten nicht finden, weil es dort längst keine Menschen mehr gibt. Sondern nur noch Roboter …

_3) Algis Budrys: „Die Lehrer“ („To Civilize“)_

Nach Generationen friedlichen Zusammenlebens mit den Bewohnern von Voroseith bekommen die Erdmenschen den Befehl, die Welt zu verlassen und zur Erde zurückzukehren. So will es die Föderation der Welten. Deric, ein junger Kulturhistoriker der Voroseii, wundert sich über die Bereitwilligkeit der Menschen, dieser Anordnung Folge zu leisten. Er befragt Morris, einen Wissenschaftler, und Berkeley, einen Opernautor.

Die Antworten, die er freundlich erhält, stellen ihn wenig zufrieden. Sie hätten ihre Aufgabe, andere Welten zu zivilisieren, erfüllt, behauptet Berkeley. Ihre Hauptaufgabe aber habe darin bestanden, die Voroseii daran zu gewöhnen, mit anderen Rassen der Föderation zusammenzuarbeiten. Allerdings vermutet Deric noch einen weiteren Grund: Der Planet Ardan hatte sich der Anordnung widersetzt und ist ausgelöscht worden. Was Deric wirklich in den Augen seiner Freunde sieht, ist Furcht …

|Mein Eindruck|

Zivilisationen beginnen, Zivilisationen enden – das ist die Lektion dieser Geschichte mir. Eine Zivilisation mag mit einem Auftrag, Kultur zu bringen, beginnen, doch rohe Gewalt mag sie ohne Weiteres beenden, ganz gleich, wie hoch ihre Verdienste sein mögen. Zivilisation, so die Botschaft des Autors, ist kein Selbstzweck, auf dessen Lorbeeren man sich ausruhen darf. Sie ist eine Funktion, eine Aufgabe, um ein gestecktes externes Ziel zu erreichen. Nach Erfüllung der Aufgabe mag sie wieder verschwinden oder woanders verlagert werden.

Aber die Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass die für ihre Aggressivität berüchtigten Menschen durchaus friedlich mit anderen Rassen zusammenleben können. Am Schluss übergibt Berkeley das Libretto zu einer neuen Oper an Deric, den Kulturhistoriker, als übergebe er den Stab für ein Amt oder erteile einen Ritterschlag.

_4) James Blish: „Pieps“ (1954)_

Josef Faber sitzt auf einer Parkbank des Planeten Randolph und passt auf, dass der Junge und das Mädchen bei ihrem Techtelmechtel nicht gestört werden. Schließlich ist es sein Job, den festgelegten Verlauf der Zukunft zu sichern, und dazugehört nun mal auch die Paarbildung und alles, was damit verbunden ist. Die Abwehr einer feindlichen Raumflotte im Pferdekopfnebel ist zwar auch ganz nett, aber der DIENST hat sich oofenbar auch um Junge-trifft-Mädchen-Ereignisse zu kümmern. Dennoch beschwert er sich bei seinem Chef Krasna, was das für einen Sinn, wo die Zukunft doch eh schon bekannt sei? Krasna zeigt ihm eine Aufzeichnung darüber, wie alles mit dem DIENST anfing …

Die bekannte und schöne Fernsehkolumnistin Dana Lje besucht den Geheimdienstler Hauptmann Robin Weinbaum in seinem Büro. Sie will wissen, ob er je von einem „Interstellaren Informationsdienst“ gehört habe? Sie habe einen Brief von einem gewissen J. Shelby Stevens erhalten, der ihr seine Dienste anbiete. Dienste, die auf einer exakten Vorhersage kommender Ereignisse beruhen! Stevens sagt eine Schlagt im Drei-Gespenster-System voraus … Weinbaum schreit auf. Diese Info sei topsecret – noch ein Wort und er müsste sie einsperren! Das findet Dana interessant.

Weinbaum will natürlich wissen, auf welche Quelle sich dieser Stevens beruft. „Auf den Dirac-Kommunikator.“ Weinbaum wird bleich. Niemand weiß, dass es dieses Gerät gibt und von seinem Dienst gerade zum Drei-Gespenster-System transportiert wird, um getestet zu werden. Es sei denn – entsetzlicher Gedanke! – jemand hat noch einen Dirac-Kommunikator erfunden. Ein Gerät, mit dem man erstmals ohne Zeitverzögerung Nachrichten mit jedem beliebigen Ort im Universum austauschen kann. Weinbaum veranlasst die Festnahme von Stevens.

Allerdings ergibt sich dabei ein kleines Problem: Der alte Knacker Stevens ist mit der jungen Schauspielerin Dana Lje identisch. Weinbaum wird nun ganz schwummrig zumute. Nicht auszudenken, wenn die Feinde von Erskine ebenfalls einen Dirac-Kommunikator erfunden hätten! Aber Dana beruhigt ihn: Sie kennt das Dirac-Geheimnis – und will Weinbaum heiraten …

|Mein Eindruck|

James Blish war einer der kenntnisreichsten und stilsichersten Autoren der SF, hatte außerdem einen großartigen Sinn für Humor (z. B. in „The Devil’s Day“). Diese Eigenheiten zeigen sich auch an dieser amüsanten Story. Es geht um die Vorhersage künftiger Ereignisse durch ein neuartiges Kommunikationsmittel, den Dirac-Kommunikator. Das Gerät beruht natürlich auf relativistischen Effekten, denn es fischt in der „Dirac-See“ subatomarer Teilchen.

Mal von der komplizierten – und nicht immer plausibel erscheinenden – Technik abgesehen, so ergeben sich aus dem Umstand, dass alle Nachrichten ohne Zeitverzögerung empfangen werden können, weitreichende Folgen. Wenn vier Lichtjahre entfernt bei Alpha Centauri etwas passiert, dann erfahren die Erdlinge normalerweise erst vier Jahre später davon (per „Ultrawelle“ frühestens 100 Tage später), jetzt aber sofort. Folglich könnte ein so kommunizierendes Sternenreich viel besser gesteuert werden. Einer Diktatur wäre damit Tür und Tor geöffnet. Ganz besonders dann, wenn man auch noch die nahe Zukunft kennt.

Genau dies jedoch will Dana Lje verhindern, indem sie ihren Dienst als Privileg meistbietend unterbringt: bei US-Geheimdienst von Robin Weinbaum. Sie diktiert die Bedingungen, unter der die Fusion erfolgen soll. Dass es ihr auch um eine ganz private „Fusion“ geht, verleiht der ganzen Transaktion die romantische Würze. Ich betrachte die Romanze aber als Zugeständnis des Autors an sein junges Publikum.

_5) Mack Reynolds: „Verkauft“ („Down the River“, 1950)_

Das riesige Raumschiff der Aliens landet in Connecticut. Dessen Gouverneur begrüßt den grünhäutigen Abgesandten, der erstaunlich gut englisch spricht und eine Proklamation ankündigt: Die Menschen sollten sich bereithalten, in einem Erdenmonat eine Ansprache vom Graff dieses Raumsektors zu erhalten. Sprach’s und ging.

Einen Monat lang herrscht Tohuwabohu in den Medien. Was ist von den Aliens zu erwarten, Gutes oder Schlechtes? Wie auch immer: Der Madison Square Garden ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als der grünhäutige Graff seine Ansprache hält. Schon bei der ersten Andeutung, dass Terra zum Sternenreich Carthis gehöre, zucken manche der Anwesenden zusammen. Der Gabon von Carthis habe den Graff auf dem Mars residieren lassen, bis Terra wenigstens Stufe 4 der Entwicklungsskala erreicht habe.

Nun sei es allerdings notwendig geworden, wenigstens einen Höflichkeitsbesuch zu machen. Denn das Reich von Carthis habe im Austausch für Schürfrechte im Aldebaran-Sektor das Sonnensystem an das Reich Wharis veräußert. In wenigen Wochen schon dürfte der entsprechende Graff eintreffen, um den primitiven Erdlingen seine Bedingungen zu stellen, die v.a. in der Förderung von Bodenschätzen bestünden.

Die Ankündigung ruft heftigen Protest hervor: Die Erde wurde verschachert! Der Graff jedoch gibt sich verwundert. Hätten nicht die USA selbst bereits im Jahr 1803 Millionen von Quadraktmeilen einem gewissen Napoleon abgekauft, ohne die Bewohner dieses Landes zu fragen; ebenso die Briten und Franzosen?

|Mein Eindruck|

In der Tat: Die Zivilisation kann auch ihre Schattenseiten haben, ganz besonders dann, wenn man auf der Verliererseite steht. Die von dem Graff zitierten Fälle sind alle historisch belegt. Die bittere Ironie besteht darin, dass das Prinzip nun auf die Erde als Ganzes angewendet wird.

Der Autor hätte noch den infamen Friedensvertrag von 1848 erwähnen können, in dem der Verlierer Mexiko dem Gewinner USA ebenfalls Millionen Quadratmeilen abtrat – was ungefähr eine Zunahme um 66% für die damals bestehenden USA bedeutete. Niemand fragte die Indianerstämme, ob sie damit einverstanden waren. Sie wurden fast komplett ausgerottet.

_6) Avram Davidson: „Der Prämienjäger“ (1958)_

Ratsherr Garth und sein Sohn Olen besuchen den alten Fallensteller in der Wildnis. Olen soll nämlich eine Semesterarbeit über die Prämienjäger und ihr Leben schreiben. Der Alte ist freundlich, aber alles ist so unordentlich bei ihm, so roh, gar nicht wie in der Stadt. Dort habe er auch mal gelebt, erzählt er am Kaminfeuer, weil seine Frau von dort kam, aber sobald sie gestorben war, zog es ihn zurück in die Wildnis dieses Planeten.

Der Alte geht hinaus, weil er eine wilde Bestie gehört hat. Währenddessen erklärt Garth seinem Sohn, dass sich keiner die Mühe mache, das Wild dieses eroberten Planeten auszurotten und lieber die kargen Prämienzahlungen in kauf nehme. Der Alte kehrt mit Beute zurück, einem langgliedrigen Geschöpf, das sich stark von ihnen unterscheidet: Seine Ohren liegen außen an und an jeder Hand weist es fünf Finger auf …

|Mein Eindruck|

Da bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. Das Wild, das der alte Fallensteller, erbeutet hat, ist nämlich ein Mensch – oder was einmal als menschliche Rasse bekannt war, bevor die Aliens die Welt eroberten. Die Story besticht durch ihre Detailtreue und den knapp angedeuteten kulturellen Hintergrund. Die bittere Ironie ist die gleiche wie bei „Verkauft“: Der Spieß wird umgedreht, und was die Menschen anderen Kreaturen angetan haben, widerfährt nun ihnen.

_7) Fredric Brown: „Aufgeschoben“ („Not Yet the End“, 1941)_

Zwei intergalaktische Sklavenjäger landen auf dem dritten Planeten dieser gelben Sonne. Sie machen ihr Schiff unsichtbar und schnappen sich die erstbesten Exemplare von höheren Lebewesen, die sie erwischen können. Die Untersuchung ergibt: lebendgebärend, aber leider nicht sehr intelligent. Unbrauchbar für Sklavenarbeiten in Bergwerken. Die Jäger düsen wieder ab, wollen aber in einer Million Jahren noch mal vorbeischauen.

Der Redakteur eine Zeitung in Milwaikee beschließt die unbedeutende Meldung zu ignorieren, wonach der Zoodirektor meint, zwei Affen seien ihm gestohlen worden …

|Mein Eindruck|

Shit happens. Und wir haben noch mal Glück gehabt. – Fredric Browns Spezialität sind superkurze Storys von wenigen Seiten, die mit einer rabenschwarzen Pointe enden. Dass er auch länger schreiben kann, bewies er mit dem lustigen Roman „Martians Go Home!“

_Die Übersetzung_

Diese Übersetzung durch Heinz Nagel ist eine wahre Wohltat im Heyne-Programm: Ich konnte keinen einzigen Fehler finden. Und die sprachliche Kompetenz Nagels erwies sich auch bei so komplizierten Sachverhalten wie dem Dirac-Kommunikator James Blishs.

_Unterm Strich_

In der ersten Hälfte dieses dritten Bandes über Galaktische Imperien geht es Herausgeber Aldiss um „Gewalt und Zivilisation“ und er behauptet: „Man kann niemanden mit Gewalt zivilisieren“. Eine Novelle von John D. McDonald (der auch viele Krimis schrieb) und zwei Storys von van Vogt und Budrys sollen dies belegen. Meiner Ansicht nach ist dies nicht immer schlüssig belegt, aber wenigstens die Kontrollinstanz in „Flucht ins Chaos“ wird ganz hübsch ausgetrickst, ebenso die großspurige und listenreiche Großkapitänin Cecily Laurr durch den Roboter. Budrys‘ Geschichte fand ich relativ pointenlos.

Die zweite Hälfte des Bandes zeigt „Die Kehrseite der Medaille“ eines Imperiums. Die Menschen sind entweder nahezu ausgerottet (in „Die Prämienjäger“) oder werden verschachert (in „Verkauft“). Andererseits können sie manchmal auch durch die Blödheit der Sklavenjäger davonkommen (in „Aufgeschoben“). Dusel muss man haben. Jedenfalls bis zum nächsten Ver- und Besuch …

Obwohl die genannten Storys doch recht gut dem Argument des Herausgebers folgen und auch fast durchweg sehr ironisch sind, so ragt doch James Blishs Novelle „Pieps“ heraus. Hier wird die diktatorische Variante eines möglichen Imperiums durch eine clevere Frau verhindert. Sie ist es auch, die den Geheimdienst trickreich dazu zwingt, die Sicherung des Verlaufs der Zukunft nur zum Wohle der Menschheit einzusetzen, nicht um diese zu unterdrücken.

Allein schon wegen dieser Story lohnt es sich für einen SF-Sammler, diesen Band zu suchen und gebraucht zu kaufen. Booklooker und viele andere Antiquariate haben dazu zahlreiche annehmbare Angebote. Für Nichtsammler sind alle TITAN-Bände nicht so interessant, fürchte ich.

|Taschenbuch: 191 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 2/1, 1976; Heyne, 1983, München, Nr. 06/3991
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Die |Titan|-Reihe bei Buchwurm.info:_
[„Titan-1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4724
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[„Titan-18“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7353
[„Titan-19“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7352
[„Titan-20“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7354

Jeschke, Wolfgang; Aldiss, Brian W. (Hrsg.) – Titan-18

_Der Aufstieg junger Sternenreiche, vielfältig beleuchtet_

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 18 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der erste von 4 TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (*1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen_

_1) R. A. Lafferty: „Eine Sekunde der Ewigkeit“_

Sobald die Schöpfung aus der Spaltung einer Schote entstanden ist, begeben sich Erzengel Michael und seine Kollegen auf die eine Seite und Belel, sein Widersacher, mit seinen Heerscharen auf die andere Seite. Doch Boshel kann sich nicht entscheiden und verharrt mittendrin. Er wartet. Lange Zeit. Bis er Michaels Kollegen auffällt, der seinem Chef Bescheid sagt. Michael erkennt Boshels Problem und geht zu seinem eigenen Chef, bekommt aber Bescheid, Boshel müsse für sein Nichtbekenntnis zur richtigen Seite der ganzen Angelegenheit bestraft werden.

Eine angemessene Strafe für das Zögern und Warten Boshels zu erfinden, erweist sich nicht ganz einfach angesichts der Ewigkeit der Schöpfung. Da entdeckt an einem Kiosk in Los Angeles in einem Comic die genial einfache Lösung: Man setze sechs Schimpansen vor sechs Schreibmaschinen und lasse sie blindlings so lange tippen, bis Shakespeares gesammelte Werke hervorgebracht haben. Das sei dann Ewigkeit, geholfen vom Zufall. Perfekt für Boshel!

Aber was sind Schimpansen, was Schreibmaschinen, wer Shakespeare? Wie sich bald zeigt, liegt in der Feinheit der Definition die Größe der Hoffnung begründet, die Boshel hegen darf …

|Mein Eindruck|

Die amüsante und höchst ironische Story soll mehrere Dinge anschaulich zeigen. Erstens natürlich, wie lang eine Ewigkeit ist, wenn ein Vogel alle tausend Jahre kommt, um an einem Felswürfel von mehr als einem Lichtjahr Kantenlänge seinen Schnabel zu wetzen. Verdammt lange jedenfalls. Inzwischen gehen mehrere Milliarden Imperien, so viel ist klar.

Aber es gibt Hoffnung für Boshels Erlösung von der Strafe: Er darf seine Schimpansen intelligent machen und ausbilden, sodass sie tatsächlich in der Lage sind, alle 39 Bände von Shakespeares Gesammelten Werken fehlerfrei zu produzieren. Fehlerfrei? Boshels hätte mit Mikes Kollegen und ihrer akribischen Durchsicht des Mammutwerkes rechnen sollen. Und mit der Ungeduld seines intelligentesten Schimpansen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Vogel erst die Hälfte des Felswürfels durchgewetzt. Es ist also noch ein wenig Zeit …

_2) Arthur C. Clarke: „Die Besessenen“_

Der Schwarm kommt von einem fernen Stern, vor dessen katastrophalem Ende er fliehen musste, und nun sucht er eine neue Heimat. Auf dem dritten Planeten einer unbedeutenden Sonne am äußeren Spiralarm einer Galaxis findet sich diese Heimat. Der Schwarm teilt sich in Elter und Kind, als wären es Zwillinge. Das Elter zieht weiter, mit dem Versprechen, nach dem Finden einer besseren Heimat zurückzukehren und das Kind nachzuholen.

Dieser Fall wird nie eintreten. Dennoch vererbt sich das Wissen um dieses Versprechen durch Zillionen von Wirtskörpern, die das Rassegedächtnis im Lauf der Evolution weitertragen, von den Echsen über die Wirbeltiere. Immer wieder sammeln sich die Abkömmlinge des Schwarms in einem Tal, das leider im Laufe der Jahrmillionen unter Wasser gesetzt worden ist …

Als Nils und Christine auf ihrem Dampfer in den norwegischen Fjord einfahren, bemerken sie zu ihrem Erstaunen, wie sich Millionen von kleinen Tieren über die Hänge ergießen und herab zum Wasser ziehen, als würde sie dort etwas magnetisch anziehen …

|Mein Eindruck|

Nun, so kann man die Wanderung der Lemminge natürlich auch erklären. Indem er den Impuls zu geheimnisvollen Wanderung der Nager auf einen kosmischen Ursprung der irdischen Evolution zurückführt, bewirkt der Autor von „2001 – Odyssee im Weltraum“ zwei Dinge. Erstens knüpft er bereits 1953 ein Band zwischen dem Kosmos und dem irdischen Leben bzw. dem Menschen, der wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehren wird. Nur dass im Film bzw. Roman dieses Band eine sehr konkrete Gestalt annimmt: die eines schwarzen Monolithen, der innen unendlich ist.

Zweitens setzt Clarke die Theorie der Panspermie literarisch um, welche, grob vereinfacht, besagt, dass es durchaus fremdem Leben von fernen Gestirnen gelungen sein könne, die Urform der Erde vor Milliarden Jahren zu erreichen und zu „befruchten“, ähnlich wie Spermien eine Eizelle. Das Vehikel für den Transfer dieses Lebens könnten Kometen aus dem Kuiper-Gürtel sein, der tatsächlich unser Sonnensystem wie eine Wolke umgibt, aber natürlich auch Himmelskörper, die von anderen Sonnen stammen. Als diese Sterne explodierten, schleuderten sie Materie, also Bausteine des Lebens, in die kosmische Umgebung und schickten sie auf eine äonenlange Reise.

_3) H.B. Fyfe: „Tierschutz“ („Protected Species“)_

Jerry Otis kommt als Inspektor der Obersten Kolonialbehörde nach Torang, wo von Finchley, seinem Mann vor Ort, eine neue Kolonie aufgebaut werden soll. Allerdings entdeckt Otis zu seiner Beunruhigung, dass es hier große Lebewesen gibt, die als „Affen“ bezeichnet und zum Vergnügen der Bauarbeiter am Staudamm gejagt werden. Das will er sich mal aus der Nähe ansehen.

Finchley und ein Pilot bringen ihn zu einem Ruinengelände, wo diese „Torang“-Affen besonders häufig auftreten. Man hat einige sogar eingefangen und einen ausgestopft. Während seiner Erkundung der Ruinen stößt Otis unerwartet direkt auf einen der Torang. Das Wesen geht aufrecht auf zwei Beinen, hat zwei Augen und so weiter, sagt aber nichts. Im Gegenteil: Es wirft einen Stein in Richtung auf Otis, der sich nur durch einen Sprung durch eine Türöffnung in Sicherheit bringen kann.

Dieser Wurf war ein Akt der Intelligenz, entscheidet er und lässt sich von seiner Behörde per Funk die Genehmigung schicken, die Torang unter besonderen Schutz zu stellen. Als er sich erneut dem Ruinengelände nähert, um einen der Torang zu sehen, trifft er wieder einen – es ist sogar der gleiche – und er spricht terranisch! Nicht nur diese Tatsache versetzt Otis in erhebliches Erstaunen, sondern auch das, was ihm das Wesen, das keineswegs auf Torang heimisch ist, über die Erbauer der Ruinen zu enthüllen weiß …

|Mein Eindruck|

Bei der Inbesitznahme einer Welt kann es mitunter zu fatalen und tragischen Irrtümern kommen, vor allem dann, wenn man einfach drauflos baut, ohne zu fragen, was hier los ist. Das muss auch der Kolonisator Otis zu seinem Leidwesen erfahren. Hätte er eben mal vorher recherchieren lassen!

_4) Michael Shaara: „Da Capo“_

Cohn und Jansen sind als Erkunder seit 300 Erdenjahren unterwegs, um neue bewohnbare Planeten zu suchen. Der Kälteschlaf hilft ihnen, die subjektiv erlebte Zeit zu verkürzen, sodass sie bereits mehrere Dutzend Sternsysteme haben abklappern können, ohne ihre eigene Lebenszeit zu überschreiten. Doch das Ergebnis ist niederschmetternd: Es gibt keine bewohnbaren Welten im Umkreis von etlichen Lichtjahren. Es ist, als läge die Erde in einer kosmischen Wüste.

Deshalb fallen ihnen vor Entzücken fast die Augen aus dem Kopf, als sie eine Welt mit einer erdähnlichen Atmosphäre, einem Ozean und grüner Vegetation entdecken. Nach einer ersten Erkundung wollen sie landen und die völlig unbewohnte Welt für die Erde beanspruchen. Ein wenig beunruhigt haben sie allerdings die zahlreichen Kraterseen, die sie ein wenig an Bombenkrater erinnern …

Cohn bereitet gerade den ersten Bericht an die Erde vor, als Jansen dringend nach ihm ruft. Sein Kamerad richtet seinen Hitzestrahler aufgeregt auf zwei Gestalten, die auf dem nächsten Hügel erschienen sind. Aber was könnte ein alter Mann an einem Stock schon gegen ihre Strahler ausrichten, fragt sich Cohn gerade, als in seinem Kopf eine Stimme ertönt: „Bitte nicht schießen. Danke!“ Erstaunt lässt er die Waffe sinken, denn ein beruhigendes Gefühl erfasst zudem seinen Geist.

Sobald sich die beiden Humanoiden gesetzt haben, um ihm zuzuhören, beginnt Roymer, der Alte, zu erzählen, während sein Kollege Trian die telepathische Botschaft überträgt. „Es gab einmal vor 30.000 Jahren einen Krieg der Galaktischen Föderation gegen eine kriegerischen Rasse, die sich als Antha bezeichnete und eine Föderationswelt nach der anderen eroberte und zerstörte. Wie sollte man diese aggressive Rasse davon abhalten, auch den Rest der Föderation der Welten zu unterjochen? Das Urteil lautete einstimmig auf Tod, und als die ultimative Waffe entwickelt worden war, wurden die Sterne der Antha einen nach der anderen zum Explodieren gebracht. Jedenfalls alle, die man finden konnte …“

Cohn ist von einem Detail besonders fasziniert und erinnert sich daran, wie Julius Caesar einst mit seinen gallischen Gegnern verfahren war: Er ließ ihnen die rechte Hand abschlagen. Diese Antha klingen auf fatale Weise genau wie Julius Caesar. Aber das würde bedeuten, dass … Wenige Augenblicke später sind die beiden Antha-Späher tot. Aber plötzlich macht sich Roymer große Sorgen: Was, wenn diese Gefriertechnik der Antha verschleiert hat, dass die Invasion bereits längst begonnen hat?

|Mein Eindruck|

Was für eine schaurige Geschichte! Sie erklärt auf schlagende Weise, die dem Leser kalte Schauder über den Rücken jagt, warum die Galaktiker in keinster Weise darauf erpicht sind, mit den Menschen Kontakt aufzunehmen, selbst wenn die Kommunikationsmöglichkeiten dies bestens erlauben würden. Der Grund ist der, dass die Menschen alias Antha nach 30 Jahrtausenden den Krieg vergessen haben, der ihre kosmische Umgebung in eine Wüste verwandelt hat.

Geschrieben sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, warnt die Erzählung des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Shaara eindringlich vor einer Wiederholung der Aggressionen und vor allem des erneuten atomaren Infernos, das Hiroshima und Nagasaki verschlungen hat.

_5) Poul Anderson: „Der Sternenplünderer“_

Das demokratische Sternenreich der Menschen ist dem Ansturm der barbarischen Eroberer von Baldic nicht gewachsen und stürzt in rauchenden Trümmern zusammen. Marineleutnant John Henry Reeves, ein Nuklearingenieur, und seine Verlobte, die Technikerin Kathryn O’Donnell, werden gefangengenommen und an Bord eines Gorzuni-Schiffs mit anderen menschlichen Sklaven zusammengepfercht. John befürchtet, dass sie alle in den Minen von Gorzun, eines der Hauptplaneten der Baldic-Allianz, schuften sollen, bis sie tot umfallen.

Als er einen menschlichen Weißen unter den Sklavenhaltern erblickt, verflucht er ihn „dreckigen Bastard“, doch dieser Bastard stellt sich wenig später als seine und Kathryns Rettung heraus. Denn der Ingenieur Manuel Argos schuftet nur zum Schein unter den Gorzuni, um bei bester Gelegenheit eine Revolte anzuführen und das Schiff in seine Gewalt zu bringen. John und seine Verlobte sind widerwillig dabei, denn so bekommen sie wenigstens eine Faden Kleidung auf den nackten Leib, besseres Essen und eine Aufgabe, die sie durchs ganze Schiff führt.

Argos erweist sich als kalt wie eine Hundeschnauze, während er ihren Aufstand vorbereitet. Doch als es endlich soweit ist, hat er jeden Handgriff geplant. Die ersten der Unterdrücker gehen tot zu Boden und liefern so die ersten Waffen. Die Schwerkraft fällt ebenso aus wie die Beleuchtung, was gewisse Vorteile verschafft. Nach harten Kämpfen sind noch 300 Überlebende übrig, um das Schiff zu steuern – nein, nicht zurück zur Erde, sondern zum nichtsahnenden Planeten Gorzun.

Doch Argos hält nicht nur für den Feind eine böse Überraschung bereit, sondern auch für John Henry Reeves …

|Mein Eindruck|

Drei Staatssysteme treffen hier aufeinander, sodass sich eine Betrachtung innerhalb der Theorie der Staatssysteme lohnen würde. Das Sternenreich der Menschen ist eine republikanische Demokratie, die aber laut Manuel Argos (= Andersons advocatus diaboli) unter einer „verknöcherten Bürokratie“ erstarrt ist. Sie bricht wie das überalterte West-Rom unter dem Ansturm von Barbaren zusammen, die als Könige feudalistisch und absolut regieren, sich aber durch eine Allianz genügend Schlagkraft erworben haben, um das Blatt zu wenden.

Nach Zerstörung der Hauptwelten des Feindes ist auch dieses Modell Geschichte und die Frage stellt sich, was danach kommt – erneut eine Republik? Doch nein, winkt Manuel Argos ab, dieses Versagermodell hatten wir ja schon, nicht wahr? Nein, es wird ein neues, starkes Imperium der Menschen geben, ein Kaiserreich von Argos‘ Gnaden, das von seiner Dynastie geführt werden wird. Ob es mit der Republik noch mal klappt, werde man dann sehen. Und dreimal darf man raten, von welcher Frau Argos seine künftigen Söhne erwartet …

Für einen Verlag mit dem sprechenden Namen „Love Romances Publishing“ 1951 geschrieben, bietet die rasante Story Action, Abenteuer, Leidenschaft und schließlich auch Liebesleid. Die blumige Sprache wird nur noch von den dramatischen Anspielungen auf die Bibel übertroffen, wobei Engel, Teufel und Götter eine Rolle spielen. Dadurch kann man die Geschichte nur noch als „putzig“ bezeichnen, aber als Kommentar auf die Idee des Sternenimperiums ist sie definitiv einer Erwähnung wert.

_6) Isaac Asimov: „Die Stiftung“ („Foundation“, 1951)_

20 Jahre lang hat der Mathematiker Hari Seldon die besten Köpfe des Galaktischen Imperiums zusammenkommen darüber beraten lassen, wie sich die Zukunft des Reiches nach dessen nahendem Zusammenbruch gestalten ließe, damit die kulturellen Errungenschaften und das Wissen nicht im Danach verlorengingen. Nun endlich ist es soweit: Der Tausend-Jahre-Plan ist fertig und liegt zur Ausführung bereit.

50 Jahre später kommt es an einer der beiden Gründungen der Stiftung der Psychokistoriker, auf Terminus, allmählich zu einer Krise. Die Sternensysteme der Peripherie haben die Atomkraft verloren und fallen auf eine niedrigere Kulturstufe zurück. Der imperiale Lord bezeichnet sie als „Barbaren“. Doch für den Bürgermeister von Terminus, Salvor Hardin, sind die Begehrlichkeiten der Nachbarwelt, des Königreichs Anacreons, alles andere als lustig: Anacreon will Terminus besetzen, um seine Bodenschätze auszubeuten, wie etwa Gold usw.

Und hier gibt es einen Haken: Terminus ist ein Planet ohne jedes nennenswerte Metallvorkommen. Dies spielte sicherlich eien Rolle in Hari Seldons Plan, denkt sich Hardin, und beim Besuch von Anacreins Sondergesandtem zeigt sich auch, welche: Als diese tatsache bekannt wird, verliert er sofort sämtliches Interesse an Terminus. Und als Hardin auch noch die Atomkraft erwähnt, wird der Gesandte recht zurückhaltend. Er hat Angst vor möglichen Atomwaffen. Der Bluff funktioniert. Diesmal.

Doch was hat es zu bedeuten, dass es auf ganz Terminus kein einziger Psychologe existiert? Auch diese auffällige Tatsache mus eine Rolle spielen. Und in der Tat: Als sich genau 50 Jahre nach Terminus‘ Gründung und einen Tag vor der dennoch erfolgenden Besetzung durch Anacreon eine Zeitkapsel in der Stiftung öffnet, spricht das Hologramm Hari Seldons den Grund dafür aus: Damit kein Psychologe den vorbestimmten Kurs der folgenden Ereignisse mehr beeinflussen kann.

Und so sind die autoritätshörigen Naturwissenschaftler der Galaktischen Enzyklopädie Stiftung gezwungen, ihr Schicksal in die Hände des einzigen fähigen Politikers auf ganz Terminus zu legen …

|Mein Eindruck|

Es war unvermeidlich, dass die populärste Geschichte in der gesamten Sciencefiction, die es über Sternenreiche gibt, auch in dieser Auswahl auftauchen würde. Asimovs „Foundation“ (zu Deutsch „Stiftung“) ist der Grundstein für etwa ein Dutzend Romane über das Galaktische Imperium, die Alte Erde und die Roboter – integriert zu einem Future-History-Zyklus, der es locker mit dem von Robert A. Heinlein skizzierten Zukunftsbild aufnehmen kann. Was nicht heißen soll, dass die literarische Qualität durchweg stimmt. Die drei ursprünglichen „Foundation“-Romane sind immer noch die besten: dicht erzählt, ideenreich und voller Wendungen, die man nicht schon meilenweit vorausahnen könnte.

In der vorliegenden Ur-Story, der Keimzelle dieses Universums, äußert Asimov, selbst ein versierter und graduierter Doktor der Naturwissenschaft, nicht gerade schmeichelhafte Aussagen über seines Standesgenossen – zumindest jene, die von jeder Forschung abgeschnitten sind und sich wie Skarabäen mit dem Wälzen des Misthaufens an angesammeltem Wissen begnügen.

Genau diese Rückwärtsgewandtheit wirft ihnen der Tatmensch Salvor Hardin vor. Als Politiker muss er sich um Gegenwart und vor allem die nahe Zukunft sorgen, nicht um die tote Vergangenheit. Er fordert Forschung und neues Denken, womit er bei den Enzyklopädisten auf blankes Unverständnis stößt. Erst als Hari Seldon die Enzyklopädie selbst, also ihre Daseinsberechtigung, als Betrug entlarvt, lassen sie mit sich reden. Womit klar sein dürfte, dass auch die Reiche des Wissens den Erfordernissen der Realität unterworfen sind. Aber das wusste Hari Seldon schon von Anfang an.

_7) Mark Clifton & Alex Apostolides: „Wir sind zivilisiert!“_

Im Juni 2018 überfliegt das Raumschiff der Westlichen Allianz, um den Mars für sich in Besitz zu nehmen. Captain Griswold ist sich der historischen Bedeutung des Moments vollständig bewusst und entschlossen, nichts falsch zu machen. Deshalb fragt er den Experten für Ethnologie, was diese vielen Kanäle überall zu bedeuten hätten. Intelligente Lebensformen, antwortet der Fachmann. Aber nirgends eine Spur von diesen Wesen, keine Fabriken, keine Straßen, nichts. Also befiehlt er die Landung, genau auf der Hauptkreuzung der Kanäle.

Kaum hat sich die Hitze der Düsen ein wenig abgeschwächt, kommen die Marsianer aus ihren Erdhöhlen. Sie wollen den angerichteten Schaden, der ihr Wasser nutzlos im Sand versickern lässt, schnellstmöglich reparieren. Als Captain Griswold sie nach der Proklamation der Inbesitznahme erblickt, lässt er angeekelt und ein klein wenig verängstigt das Feuer auf sie eröffnen.

Einige Zeit später findet die Ehrung der Eroberer des Mars in einem Stadion in den USA statt. Der Präsident will gerade Admiral Griswold eine Medaille an die Uniformbrust heften, als ein riesiger Schatten das Spielfeld verdunkelt: ein herabschwebendes Raumschiff. Eine Proklamation der Inbesitznahme wird verlesen …

|Mein Eindruck|

Der Mensch muss sich offenbar immer etwas nehmen, um es besitzen zu können – und dabei werden unweigerlich etwas zerstört. Dumm gelaufen, wenn es andere Spezies mit der Erde dann genauso machen. Da hilft dann auch kein Protestgeschrei des Ethnologen mehr: „Wir sind doch zivilisiert!“ Die Tatsachen sprechen gegen die Menschheit.

Die Story erhielt vor dem Hintergrund der nach dem 2. Weltkrieg weltweit beginnenden Expansionen des amerikanischen und des kommunistischen (Sowjetunion, China, Nordkorea) Imperiums einen beklemmenden Warncharakter.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung von Heinz Nagel lässt sich zu 98% durchaus akzeptieren. Doch er spricht hier noch von „Negern“, einem politisch längst inkorrekten Begriff. Und wenn auf Seite 19 vom „Bürgerkrieg“ die Rede, unterstellt er, dass jeder weiß, dass der amerikanische gemeint sei. Ansonsten treten die allfälligen Druckefehlerchen auf. Wenn auf Seite 120 vom „neuen Adquädukt“ die Rede ist, so ist nur einer der deutlichsten Fehler.

_Unterm Strich_

Als Brite muss es der englische Herausgeber der Anthologie „Galactic Empires“, von der dieser Band nur das erste Viertel darstellt, ja wissen: Die Bewohner der kleinen Insel Albion beanspruchten zu einer Zeit mindestens ein Drittel der Erdbevölkerung als Kolonien. Einige ihrer wichtigsten Historiker zerbrachen sich deshalb nicht ohne Grund den Kopf über die Entstehung, den Aufstieg und den offenbar unvermeidlichen Nieder- und Untergang von Imperien. Edward Gibbon schrieb mit „Aufstieg und Fall des Römischen Reiches“ die Vorlage für Asimovs „Foundation“-Zyklus. Und dem gleichen Muster spürt nun diese Anthologie in ihren Beiträgen nach.

Erstaunlicherweise kommt die Diskussion über das Ende des Amerikanischen Imperiums (und das lateinische Wort „Imperium“ bedeutet auch „Befehl“) in letzter Zeit immer wieder auf, sobald die Rede von Herausforderern wie Al-Kaida oder China ist. Auch die Zeit nach 1989-91, als Deutschland vereinigt wurde und die alte Sowjetunion zerfiel, war eine Zeit für diese Diskussion.

Deshalb erscheinen diese Erzählungen als keineswegs reiner Selbstzweck oder pure Unterhaltung. Vielmehr machen ihre Autoren, allen voran der „gute Doktor“ Asimov Aussagen über das Phänomen des Herrschaftsbereichs und vor allem über das Auftreten der Herrscher. Ob diese Aussagen in den 1950er Jahren, als die USA ihr neues Imperium auf Terra schufen, ebenso gültig waren, wie sie es vielleicht noch heute sind, bedarf einer Untersuchung.

Aber zum Nachdenken regen die Prinzipien und Merkmale, die Imperien aufweisen, immer noch an. Denn die politischen Reiche sind ja längst von wirtschaftlichen Herrschaftsbereichen abgelöst worden: Wer würde es beispielsweise heute noch wagen, Coca-Cola herauszufordern ohne die Gewissheit, in allernächster Zeit aufgekauft zu werden?

|Taschenbuch: 174 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 1/1, 1976
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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Wolfgang Jeschke, Robert Silverberg (Hrsg.) – Titan-15

_Gebt dem Poeten eine Marsprinzessin!_

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 15 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Science Fiction Hall of Fame“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Robert Silverberg

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Antholgist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichten und Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Wie ein Blick auf seine „Quasi-offizielle Webseite“ www.majipoor.com enthüllt, schrieb Silverberg in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weitgespannten Saga, in der der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z. B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und -autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.

_Die Erzählungen_

_1) Judith Merril: „Nur eine Mutter“ („That Only a Mother“, 1948)_

Das Jahr 1953 ist ein Kriegsjahr, und Maggies Mann Hank tut als Soldat in irgendeinem Bunker Dienst. Daher bringt sie ihr Baby ohne ihn zur Welt. Kurz nur hat sie sich Sorgen wegen der Radioaktivität der Gegend gemacht, die sie und Hank vor ein paar Monaten durchfuhren, aber es wird schon schiefgehen. Und Henrietta, ihre Tochter, ist wirklich perfekt.

Dass Henrietta mit zehn Monaten schon vollständige Sätze wie eine Vierjährige bilden kann, findet Maggie entzückend, denn so ist sie nicht mehr so allein. Und die Kleine singt wie ein Engel. Endlich, nach 18 Monaten Abwesenheit, kommt auch Hank nach Hause, fast schon ein Fremder. Die sprechende Tochter versetzt auch ihn in gute Laune, doch schaut er sich ihren Körper etwas genauer an …

|Mein Eindruck|

Die kurze Erzählung lässt den Leser geschockt zurück. Nicht nur, weil das Baby weder Arme noch Beine hat, sondern auch weil seine Mutter dies für völlig normal hält – oder in einer Art wahnsinniger Verdrängung ausgeblendet hat. Sowohl die Mutation als auch der Wahnsinn sind eine Folge des Atomkriegs – und diese Story ist eine der eindringlichsten und meistabgedruckten zu diesem Thema, insbesondere deshalb, weil sie als eine wenigen die weibliche Perspektive berücksichtigt.

_2) Cordwainer Smith: „Checker sind passé“ („Scanners Live in Vain“, 1948)_

In ferner Zukunft beherrschen die Lords der sogenannten „Instrumentalität“ die Erde. Die Menschen leben zumeist in geschützten Städten, mit Ausnahme der „Heillosen“, die in der Wildnis den Bestien ausgesetzt sind. Die hochentwickelte Technologie der Lords hat Raumschiffe erschaffen, die die verschiedenen Erden miteinander verbinden. Doch um die Raumschiffe gefahrlos betreiben zu können, mussten zwei neue Gattungen der Spezies Mensch geschaffen werden: die nichtintelligenten Habermänner und die intelligenten Checker.

Ein Phänomen, das „Die große Pein des Weltraums“ genannt wird, lässt Normalsterbliche während des Raumflugs sterben: Ihr Körper verkraftet die Pein nicht, die entweder radioaktive Strahlung oder Kälte oder beides sein könnte. Mit Hilfe des Habermann-Apparats werden Menschen, die sich dazu bereiterklärt haben, ihrer Organe und Haut entkleidet und diese durch künstliche Apparate und Stoffe ersetzt. Das Ergebnis dieser Umwandlung sind zunächst die Habermänner; sie steuern die Schiffe durch die große Pein, denn ihre Nerven sind tot: Sie hören, sehen, tasten usw. nur durch Apparate.

Die Checker (oder, laut der Suhrkamp-Übersetzung, Seher) sind eine Weiterentwicklung der Habermänner, denn sie verfügen erstens über die Fähigkeit, einander und Menschen von den Lippen ablesen zu können und sich in ihrer geheimen Bruderschaft mit Zeichen zu verständigen. Es gibt nicht mehr als sechs Dutzend von ihren. Außerdem steht ihnen die Methode des Cranchierens zur Verfügung, um ihre Beschränkungen zu überwinden und menschliche Gefühle zu empfinden: Sie können selbst sprechen. Leider hält dieser Sonderzustand nie länger als ein paar Stunden oder Tage an.

Martel ist Sehr Nr. 34 und als einziger der Checker verheiratet; es ist ihm gelungen, Luci in einem gecranchten Zustand der andauernden Überlastung zu freien und zur Frau zu gewinnen. Luci liebt ihn wirklich, obwohl sie oftmals monatelang auf seine Rückkehr von einem Raumflug ins Auf-und-Hinaus warten muss. Seine engsten Freunde sind Taschang und Parizianski.

Martel hat gerade gecrancht, als ihn ein Notruf der höchsten Dringlichkeit vom Obersten Seher Vomact erreicht: Er soll in gecranchtem Zustand an einem Geheimtreffen der Checker teilnehmen. Rund 40 erstaunte Checker erfahren von Vomact, dass es einem gewissen Adam Stone, einem Menschen, gelungen sei, die „Große Pein“ auf einem Raumflug zu überwinden. Das bedeute, dass fortan Habermänner und Checker passé seien. Sofort wird der Tod dieses Mannes gefordert. Vomact lässt darüber abstimmen.

Martel ist darüber nicht nur empört, sondern auch besorgt. Was die Checker vorhaben, sei Mord, ruft er – doch keiner hört ihn. Doch was noch schlimmer sei: Die Eigenmächtigkeit der Checker greift in das rechtliche Territorium der Lords der Instrumentalität ein, und das werden diese nicht hinnehmen. Die Folge des Mordes könnte die Auflösung des Ordens der Checker sein – und sogar ihre komplette Eliminierung, als wären sie nichts weiter als dumme Habermänner!

Nur Tschang stimmt nicht für den Tod, während Martel durch Vomact für disqualifiziert erklärt wird – er sei ja gecrancht und somit unzurechnungsfähig und dienstunfähig. Parizianski wird zum Henker bestimmt und losgeschickt. Sobald man Martel wieder losgelassen hat und er mit Tschang hat sprechen können (der jede Hilfe verweigert), eilt Martel in die befestigte Stadt, um Adam Stones Leben zu retten. Wird er noch rechtzeitig am zentralen Raumhafen eintreffen, um das Verbrechen zu verhindern, das über das Schicksal von Welten entscheidet?

|Mein Eindruck|

Das Universum der Instrumentalität, das Cordwainer Smith erschuf, hat nicht Seinesgleichen, und deshalb erfordert es erst einmal ein wenig Mühe, sich hineinzufinden. Wir sind heute allerdings daran gewöhnt, in Begriffen wie Robotern, Androiden oder Replikanten zu denken, weil Philip K. Dick und Isaac Asimov diese Bereiche erschlossen haben. Deshalb ist eine Umstellung nötig, um uns „Habermänner“ als Roboter und „Checker“ als Androiden vorzustellen. Selbst wenn dies sehr ungenaue Übereinstimmungen sind, können sie doch als Einstieg in die Vorstellungswelt dienen.

Eine ganze Weile war mir allerdings der Unterschied zwischen Habermännern und Checkern nicht klar, bis nach etlichen Seiten eben diese Unterschiede aufgelistet wurde – natürlich nicht fein säuberlich als Checkliste, sondern mitten im Erzähltext. Und ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden. Auch der Begriff der „Großen Pein“ ist schwammig und nur durch Vermutung zu erschließen. Merkwürdig, dass eine so fortschrittliche Technik wie die des überlichtschnellen Raumflugs (sonst würden die Flüge Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern!) nicht in der Lage ist, solchen Phänomenen auf den Grund zu gehen.

Mitten in der Versammlung der Checker hatte ich den Eindruck, dass es eigentlich keine Handlung im üblichen Sinne gibt. Doch das stellte sich zum Glück als Irrtum heraus, denn der unabdingbare Konflikt, der eine Handlung antreibt, entsteht im Verlauf dieser Versammlung, bis sich am Schluss Martel zum Verrat entschließt. Das Finale ist geprägt von Erkenntnis und Konfrontation, wie es sich gehört. Dadurch gerät die ungewöhnliche SF-Story – der Autor bot sie den führenden Magazinen seiner Zeit vergeblich an – doch noch in ein zufriedenstellendes Fahrwasser.

Hinweis: „Checker sind passé“ ist Teil 2 des Story-Zyklus „Sternenträumer“, der bei Suhrkamp als Taschenbuch komplett vorliegt. Bei Suhrkamp heißt die Geschichte „Seher leben vergeblich“ und ist sehr stilvoll und fehlerfrei übersetzt. Davon kann in der Heyne-Fassung keine Rede sein. Deshalb empfehle ich dringend die Suhrkamp-Version.

_3) Fritz Leiber: „Maskenball“ („Coming Attraction“, 1950)_

Ein Engländer ist auf Mission in einem postnuklearen New York, das seit der Atombombenexplosion nur noch „Inferno“ genannt wird. Trotzdem leben noch Menschen dort. (Damals hielt man Radioaktivität für nicht so zerstörerisch.) Unser Mann hat die Geistesgegenwart, eine junge Frau vor den Autorowdys der Stadt retten zu können. Sie bittet ihn zu einem Stelldichein. Dort stellt sich heraus, dass sie einen Pass will, um das Land zu verlassen. Ihr Freund jedoch, ein Ringer, weiß dies zu vereiteln. Enttäuscht verlässt der Brite die Stätte dieser Offenbarung und denkt an die Rückkehr in die Heimat. Obwohl es dort auch nicht viel besser zugeht.

|Mein Eindruck|

In einer kurzen Erzählung gelingt es dem Autor, eine ganze Welt erstehen zu lassen. Das nukleare Wettrüsten hat nicht nur zu Raketenbasen der Amis und Sowjets auf dem Mond geführt, sondern auch zu vereinzelten Atomexplosionen auf der Erde, so etwa in New York. Banden treiben ihr Unwesen, und junge Frauen ringen zum Vergnügen der Zuschauer mit schwachen Männern. Amerikanische Frauen (nicht britische) tragen neuerdings Masken, nicht etwa wie im Islam, sondern um sich vor männlicher Zudringlichkeit zu schützen. Was sie aber nicht daran hindert, ihre anderen Reize zur Schau zu stellen. Rowdys machen sich einen Sport daran, mit Angelhaken bewehrte Autos s dicht an Frauen heranzusteuern, bis die Haken den Rock des Opfers herabreißen – eine seltsame Trophäenjagd.

Literarisch nimmt die Story die Stadt-Abenteuer von Harlan Ellison, Jack Womack und des Cyberpunk vorweg. Was noch zu diesem Low-life fehlt, ist die High-Tech.

_4) Tom Godwin: „Die unerbittlichen Gesetze“ („The cold Equations“, 1954)_

Dies ist eine der bekanntesten und umstrittensten Storys in der klassischen SF überhaupt. Eine blinde Passagierin muss über Bord gestoßen werden, weil das winzige Raumschiff, dessen Frachtgewicht und Brennstoffvorrat exakt bemessen sind, sonst nicht an seinem Ziel ankommen würde. Durch ihr Zusatzgewicht würde das Schiff mehr Treibstoff als bemessen verbrauchen. Nicht nur würde dadurch das Schiff mangels Bremskraft auf den Planeten stürzen, sondern auch die Forschungsgruppe, die auf die Fracht angewiesen ist, wäre zum Untergang verdammt: Das rettende Serum würde sie nicht erreichen.

Der Pilot hat die Entscheidung zu fällen, wenn er opfert: Das Schiff, das Serum und die Forscher – oder Marilyn Lee Cross. Ist es das Leben des Mädchens wert, dass so viele Menschen sterben müssen? Die Antwort der phsysikalischen Gesetze lautet nein. Aber er kann etwas für sie und den Bruder, den sie auf dem Planeten besuchen wollte, tun: Sie können per Funk voneinander Abschied nehmen. Es ist ein sehr bewegender Funkkontakt. Danach ist sie gefasst, sieht ihrem Schicksal ins Auge und geht freiwillig in die Luftschleuse …

|Mein Eindruck|

Weil dieser Ausgang der Story viele Leser und Autoren auf die Palme brachte, schrieb ein Autor – mir ist sein Name entfallen – eine alternative Story, in der die Sache gut ausgeht. Warum zum Beispiel hat das NES-Rettungsboot nicht genug Treibstoff an Bord, um zu seinem Kreuzer, dass es ausgesetzt hat, zurückkehren zu können? Warum kann das NES-Boot nicht die Atmosphäre des Planeten nutzen, um abzubremsen? Oder warum macht der Pilot nicht wenigstens ein Foto von Marilyn Lee Cross und entnimmt ihr Erbgut, damit man sie wieder klonen kann? Daran dachte wohl im Jahr 1954 noch niemand.

_5) Roger Zelazny: „Dem Prediger die Rose“ („A Rose for Ecclesiastes“, 1963)_

Eine Expedition ist auf dem Mars gelandet, auf dem eine uralte menschliche Zivilisation entdeckt worden ist. Sie verfügt über eigene Sprache und eigene Dichtung. Das ist der Grund, warum der bekannte Dichter und Semantiker Gallinger, der Ich-Erzähler, hierher gekommen ist. Er will die Hochsprache erlernen und die heilige Dichtung dieses Volkes studieren, in der Hoffnung, ihr Geheimnis zu lüften: Warum gibt es nur noch so wenige Marsianer?

In der alten Festung Tirellian steht ein uralter Tempel, doch bislang durften Menschen nur dessen Vorhalle betreten. Die älteste Mutter der Marsianer gewährt ihm Zutritt zur nächsten Halle, und ihm gehen die Augen über: Kunstschätze, Mosaiken, Schriften! In seinem Eifer erlernt er die Hochsprache binnen drei Wochen und beginnt, die heiligen Schriften zu lesen. So erfährt er von den Göttern der Marsianer, von Malann, Tamur und von Locar. Vor allem von Locar, dem der Tanz so heilig ist, dass es 2224 Variationen davon gibt.

Die Älteste lässt Gallinger bei einer Vorführung zusehen. Eine junge Frau, wie ihm scheint, Braxa, setzt mit ihrem Körper die Bewegungen des Marswindes um, doch sie ist kein Derwisch, erinnert ihn höchstens an indische Tempeltänzerinnen. Aber ihr Tanz ist kein Ritual, sondern purer Ausdruck. Gallinger ist verzaubert. Und hat sich in Braxa unversehens verliebt, sodass er ein Gedicht über sie schreibt.

Eines Nachts kommt sie zu ihm, damit er ihr sein Gedicht vorliest. Daraus wird mehr, denn er zitiert das Lied Salomos, und die beiden schlafen miteinander. Viele Nächte lang – bis Braxa plötzlich nicht mehr zurückkehrt. Gallinger macht sich auf die Suche nach der Verschwundenen, denn er ist besorgt. Braxa hat ihm offenbart, woran die Marsianer leiden: Die Männer sind durch „eine Pest, die nicht tötet“, und die der Regen (!) Locars brachte, unfruchtbar geworden. Doch wie steht es mit den Frauen? Ist Braxa von ihm schwanger, dann muss er sein Kind am Leben erhalten.

Seine Suche passt in das Muster einer uralten Prophezeiung der Marsianer, doch um sie zu erfüllen, darf er sie nicht kennen. Als er Braxa endlich gefunden hat, beschließt er, das Schicksal der Marsianer zu ändern, denn sonst ist sein Kind verloren – und seine Liebe …

|Mein Eindruck|

Der frühe Zelazny aus der Mitte der sechziger Jahre beeindruckt immer wieder durch assoziativen Stil mit zahlreichen Anspielungen. Aber das ist nicht bloßes Bildungsgeprotze und Wortgeklingel, sondern eine zweite Bedeutungsebene unter der vordergründigen Handlungsebene. Warum sonst sollte Gallinger, immerhin ein belesener Dichter, sich als Hamlet fühlen und den Expeditionsleiter Emory als „Claudius“, also als verbrecherischen Stiefvater titulieren?

Auch Anspielungen auf Darstellungen von Hölle und Paradies bei Dante, Vergil und Milton tauchen nicht von ungefähr auf, sondern weil es um die Interpretation der marsianischen Situation geht: Ist der Mars eine Hölle, und wenn ja, wodurch? Und welche Rolle können die Erdlinge dabei spielen? Sind sie Retter oder das Verhängnis für den Roten Planeten?

Aber die Geschichte ist auch eine tragische Lovestory, die süß beginnt und bitter zu werden droht. Damit es nicht zum Äußersten kommt und Gallinger nicht seine Marsprinzessin verliert, muss er etwas ganz Außerordentliches leisten: Er muss die Marsgötter verhöhnen und dem Wüstenplaneten etwas Unerhörtes schenken: eine rote Rose – denn auf dem Mars hat es nie Blumen gegeben.

Ein Faktor fehlt noch: der Prediger. Gallinger war in jungen Jahren auf dem Priesterseminar, denn er sollte die Fußstapfen seines priesterlichen Vaters treten. Stattdessen wurde er zwar Poet, doch er kennt die Bibel immer noch in- und auswendig, so auch das Buch des Predigers Salomo („Ecclesiastes“ in Englisch). Der erklärte alles Sein und Tun des Menschen für eitel Blendwerk und völlig vergebens. Gallinger nun predigt dem Marsvolk das Gegenteil, denn wie sonst kämen die Erdlinge zum Mars und könnten ihm Blumen schenken, Symbole von Leben und Schönheit? Braxa darf nicht sterben – und die Marsianer auch nicht! Wie wird die Entscheidung der ältesten Mütter ausfallen?

|Schwächen|

Natürlich ist dieser Rote Planet nicht der Mars, den wir durchs Fernrohr sehen können. Sonst könnten die Menschen hier gar nicht atmen, es wäre viel zu kalt und die Weltraumstrahlung würde sie krankmachen. Es ist vielmehr der Mars, den wir aus der Literatur kennen, aus den Marsabenteuern von TARZAN-Erfinder Edgar Rice Burroughs und den Storys von Stanley G. Weinbaum oder Robert A. Heinlein. Sogar die obligatorische Marsprinzessin ist vorhanden: Braxa, die Tänzerin des Locar. Seltsam ist allerdings ist, dass der Autor überhaupt nicht auf die große Mars-Schlucht Valles Marineris eingeht und den Riesenvulkan Mons Olympus nicht erwähnt, sondern nur einen kleinen Vetter des 25-Kilometer-Berges.

Das alles tut der Aussage der Geschichte aber offenbar keinen Abbruch, sondern hätten die SF-Freunde sie nicht zur sechstbesten SF-Story aller Jahre vor 1965 gewählt. Und das will angesichts der Klassiker von Asimov, Heinlein, Sturgeon und van Vogt was heißen. Denn ganz nebenbei liefert die Story eine Erklärung für die entvölkerte und wüstenartige Oberfläche des Mars: eine kosmische Katastrophe, die „Pest, die nicht tötet“ …

_Die Übersetzung_

Es ist ja bekannt, dass Taschenbuchübersetzungen auch schon im Jahr 1980 schlecht bezahlt worden sein müssen, aber deswegen kann der Käufer dennoch eine einwandfreie Übersetzung erwarten. Auf Seite 121 wurde aus „Menschen“ die Kurzform „Menchen“, und eine Seite weiter erwartet uns das Wörtchen „Hamben“. Da es nicht erklärt wird und es kein deutschen Wort „Hambe“ gibt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Fehlschreibung handelt. Ersetzt man das H durch ein J, ergibt sich der literarische Fachbegriff „Jamben“, die Merhzahl von „Jambus“, einem Versmaß. Dies passt viel besser zu einem Dichter wie Gallinger.

Bei einem Vergleich der Heyne-Übersetzung von „Checker sind passé“ mit der Suhrkamp-Übersetzung „Seher leben vergeblich“ ergibt sich, dass Suhrkamps Rudolf Hermstein sowohl stilistisch als auch im Wortlaut das Original „Scanners live in vain“ sehr viel genauer und kunstvoller übertragen hat. Hier wird auch das Pathos des Geheimordens der Seher deutlich, dem die Individualerfahrung Martel gegenübergestellt wird. Der Konflikt wird deshalb auch sprachlich sinnfällig gemacht und leuchtet dem Leser ein.

Ich habe zudem festgestellt, dass das Lesen der winzig gedruckten Heyne-Sätze dazu verleitet, über die Sätze zu huschen. Das ist dem Verstehen des Textes sehr abträglich, denn hier zählt wirklich jedes Wort. Dem Freund der SF-Literatur sei also die Suhrkamp-Fassung wärmstens empfohlen, die sich in dem Erzählband „Sternenträumer“ findet.

_Unterm Strich_

Wieder bietet der Band eine Auswahl von Top-Stories. Judith Merrils Story von 1948 ist eine Reaktion auf die Atombombe von Hiroshima, „Checker sind passé“ ausd dem gleichen Jahr ist eine Vision der Ablösung des Menschen durch Roboter und Androiden. Fritz Leiber stellt sich ein radikal verändertes New York City vor, während Tom Godwin wie Cordwainer Smith an der Menschlichkeit der Raumfahrt-Utopien zweifelt.

Diesem Skeptizismus stellt Roger Zelazny ganz klar eine poetisch-hoffnungsvolle Vision in „Dem Prediger die Rose“ entgegen, die für raumfahrende Menschen erstens eine Marsprinzessin bereithält und zweitens das Heil für eine fremde Welt entgegen. Ersetzt man „Mars“ durch „Ausland“, so ergibt sich ein Bild von der Utopie des amerikanischen Friedenskorps, das allen Ländern der Dritten Welt im Auftrag JFKs die helfende, heilende Hand reichen wollte. Der Vietnamkrieg, der just im Jahr 1965 mit den ersten US-Gefechten begann (siehe „Wir waren Helden“ mit Mel Gibson), machte dieser Utopie den Garaus.

Insgesamt sind diese Erzählungen also Texte, die jeder Freund der SF-Literatur als den klassischen Kanon kennen sollte. Speziell die Novelle „Dem Prediger die Rose“ habe ich in keiner anderen Anthologie wiedergefunden – sie liegt nur hier auf Deutsch vor.

Fazit: vier von fünf Sternen wg. Punktabzug für die Übersetzung.

Taschenbuch: 159 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame, Bd. 1, 1970; Heyne, 1980, München, Nr. 06/3787
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
www.heyne.de