Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Tad Williams – Die Insel des Magiers. Phantastischer Roman

Die Glorie der Magie, von unten betrachtet

Tad Williams, Autor von „Otherland“ und der Osten-Ard-Trilogie, erzählt die Geschichte von Shakespeares Drama „Der Sturm“ neu aus ganz anderem Blickwinkel: dem des hässlichen Hexensohnes Caliban. Für das, was ihm der Magier Prospero und seine Tochter Miranda angetan haben, will sich nun Kaliban 25 Jahre später rächen. Aber hat er überhaupt Recht? Darf er den Mord an Miranda begehen? Der Leser muss entscheiden.

Der Autor
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Lovecraft, Howard Phillips – Necronomicon

_Jenseits der Berge des Wahnsinns_

Dieser Erzählband versammelt sechs Geschichten vom Horror-Altmeister in neuer Übersetzung, darunter den Kurzroman „Berge des Wahnsinns“. Zusätzlich enthalten sind die Essays „Geschichte des Necronomicons“, „Katzen und Hunde“ und ein Gedicht Lovecrafts über Clark Ashton-Smith sowie Erinnerungen seiner Schriftstellerkollegin Hazel Heald.

_Der Autor_

Howard Phillips Lovecraft, 1890-1937, hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island geboren. Als Howard acht Jahre alt war, starb sein Vater und Howard wurde von seiner Mutter, seinen zwei Tanten und seinem Großvater großgezogen. Nach dem Tod des Großvaters 1904 musste die Familie wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr viktorianisches Heim aufgeben. Lovecrafts Mutter starb am 24. Mai 1921 nach einem Nervenzusammenbruch. Am 3. März 1924 heiratete Lovecraft die sieben Jahre ältere Sonia Haft Greene und zog nach Brooklyn, New York City. 1929 wurde die Ehe, auch wegen der Nichtakzeptanz Sonias durch Howards Tanten, geschieden. Am 10. März 1937 wurde Lovecraft ins Jane Brown Memorial Krankenhaus eingeliefert, wo er fünf Tage später starb. Am 18. März 1937 wurde er im Familiengrab der Phillips beigesetzt. Nach seinem Tod entwickelte er sich bemerkenswerterweise zu einem der größten Autoren von Horrorgeschichten in den USA und dem Rest der Welt. Sein Stil ist unvergleichlich und fand viele Nachahmer. (abgewandelte Verlagsinfo)

Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman [„Der Flüsterer im Dunkeln“. 1961

Mehr zu Lovecraft kann man in unserer [Rezension 345 seiner Biographie von Lyon Sprague de Camp nachlesen.

Kurz und bündig mehr über Lovecraft: http://www.orchesterderschatten.de/autor.htm

_Die Erzählungen_

1) _Stadt ohne Namen_

Der Ich-Erzähler ist entweder ein Abenteurer oder ein archäologischer Forschungsreisender. Er hat sich in tiefste arabische Wüste begeben, um jene Stadt ohne Namen zu suchen, die den Arabern solche Furcht einjagt. Er stößt zunächst auf harmlose Hausruinen, aber dann auch auf tempelartige Artefakte. Als er am Abend das Heulen eines Windes hört, das nicht aus der Umgebung, sondern aus einer Tempelöffnung hervordringt, begibt er sich sogleich mit einer Fackel dorthin und dringt in den höhlenartigen Tunnel ein.

Die Tunnel, durch die er kriecht, sind seltsam niedrig und eng. Sollten hier wirklich menschliche Bewohner gelebt haben? Gerade, als er in einer Halle anlangt, geht seine Fackel aus. Er gerät jedoch nicht in Panik, sondern setzt auf seinen Tastsinn. Nach einer Weile glimmt ein Leuchten auf, so dass er besser sehen kann. Da sind Massen von Kästen aufgestapelt, in denen reptilienköpfige Wesen in prächtigen Gewändern ruhen. Auf den Wandmalereien erblickt er die Geschichte einer vorsintflutlichen Zivilisation, ihren Aufstieg und Untergang. Auf dem letzten (jüngsten?) Bild ist dargestellt, wie ein Mann von den Reptilienwesen zerrissen wird.

Hinter dieser Freskenhalle führt ein Tor zu einer Treppe, die wiederum hinunterführt zu einer Ebene leuchtender Unendlichkeit. Doch die Treppenstufen sind wie die engen Tunnel offenbar nicht für Menschenfüße ausgelegt, sondern für jene Wesen, die er nun am Fuß der Treppe knurren hört. Da hebt der Wind wieder an, heulend und kreischend fährt er in jenen leuchtenden Schlund hinunter. Die Morgendämmerung hat begonnen. Die Wesen klettern die Treppe herauf. Sie tragen Reptilienköpfe …

_Mein Eindruck_

1921 veröffentlicht, ist die Geschichte zwar noch im Geiste Lord Dunsanys, HPLs erstem Lehrmeister, geschrieben, weist aber schon klare Einflüsse anderer Vorbilder auf, so etwa von Lost-Race-Autoren wie Henry Rider Haggard („Sie“) und Abraham Merritt („Das Volk der Fata Morgana“, „Das Gesicht im Abgrund“, „The Ship of Ishtar“ und viele weitere), die alle in jener Zeit reüssierten. Auch ein gewisser Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer von „Tarzan“, war sich nicht zu schade für zwei solche Serien: „Pellucidar“ und die Marsianer, die nach Fantasyregeln leben.

Der typische HPL-Sound unterscheidet diese Story ganz beträchtlich aber von den Werken jener Konkurrenten. Erst einmal geht es sehr unheimlich, menschenleer und klaustrophobisch zu, zweitens ist der typische Schauplatz eine versunkene Stadt, die tief ins Erdinnere reicht und drittens sind am Höhepunkt der Story die vermuteten Kreaturen jener angeblich versunkenen Zivilisation immer noch quicklebendig. (Was die Frage nach dem Überlebenden des Chronisten aufwirft, aber die Antwort soll hier nicht verraten werden.)

2) _Das Fest_

Unser Chronist ist ein junger Mann, der zur Stadt seiner Väter am Ostmeer (= Providence an der US-Ostküste) gereist ist, von der er nur aus seinen Träumen weiß, aber wohin man ihn gerufen hat. Es ist die Zeit des Julfestes, das unter Christenmenschen als „Weihnachten“ bekannt ist. Nur ist unser Berichterstatter alles andere als ein Christenmensch. Das Land wurde vor 300 Jahren besiedelt, doch sein Volk ist weit älter und kam aus dem Meer, weshalb es noch die alten Riten ehrt.

Er trifft in Kingsport ein, der uralten, verwinkelten Stadt unter dem kirchengekrönten Berggipfel, wo der Friedhof noch viele alte Grabsteine beherbergt, darunter auch die von vier Verwandten, die im Jahr 1692 wegen Hexerei hingerichtet wurden. Er findet das Haus an der Green Lane, das noch vor dem Jahr 1650 erbaut worden ist.

Auf sein Klopfen öffnet ein alter Mann, doch weil der stumm ist, schreibt er dem Besucher seinen Willkommensgruß auf ein Stück Papier. Sein Gesicht ist so wächsern bleich, dass es aussieht, als trage er eine Maske. Zwischen Möbeln aus dem 17. Jahrhundert sitzt eine Alte an einem Spinnrad, die ihm zunickt. Nach der Lektüre bekannter Bücher wie dem verbotenen „Necronomicon“ schließt sich der junge Mann seinen Gastgebern an. In Kapuzenmäntel gehüllt, machen sich die drei auf den Weg, um am Julfest teilzunehmen. Er wundert sich, dass er und seine Begleiter im Schnee keine Fußabdrücke hinterlassen …

_Mein Eindruck_

In diesen beiden frühen Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung des von ihm glühend verehrten Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes („unity of effect“) ausgerichtet sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – teilweise verbürgte, meist aber gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte, ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: „Xenophobie“ nennt man dieses Phänomen. Zudem hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb.

|Degenerierte Hauptfiguren|

Degeneration ist das Hauptthema in [„Die Ratten im Gemäuer“, 589 eine Story, die 1924 im gleichen Jahr wie „Der Hund“ entstand und nur ein Jahr vor „Das Fest“. In „Der Hund“ sind die beiden frevlerischen Grabräuber moralisch so weit herabgesunken, dass ihre Sünden einen rächenden Fluch heraufbeschwören, der für ihre Bestrafung sorgt. In „Das Festival“ gehört der junge Chronist, ohne es zunächst zu ahnen, einem uralten Geschlecht von Humanoiden an, das seit alters einem unheiligen Gott opfert, der vermutlich mit Cthulhu gleichzusetzen ist. Denn an einer Stelle heißt es, dass dieses Volk aus dem Meer kam, genau wie die sinistren Bewohner des unseligen Innsmouth. Und in Lovecrafts Meer herrscht immer nur „der träumende Cthulhu“ in der Unterwasserstadt R’lyeh.

Während die erste Story ebenso gut von Wolfgang Hohlbein (vgl. dazu seinen Roman [„Anubis“) 2826 stammen könnte und mit ihrer Grusel-Action jedem modernen Leser gefallen dürfte, ist „Das Fest“ doch ein ganz anderes Kaliber. Sie ist auf sehr spezifische Weise Teil des Lovecraft-Mythos, wonach in der Gegend von Providence und dem nahe gelegenen Salem im 17. Jahrhundert – historisch belegte – Hexenprozesse stattgefunden haben. Dabei habe es sich um echte Hexer und echte Hexen gehandelt, die und deren Verwandte jedoch überlebt haben. Und wenn nicht in Fleisch und Blut, so doch als Gespenst: als untote Erinnerung.

|Unheilige Riten|

Diese Geister, behaupten diese und andere Storys, versammeln sich zum Julfest, um unheilige Riten in den Tiefen der Hügel Neuenglands etc. zu feiern. Neuengland ist bei HPL der Hort von Dimensionstoren, aus denen die Großen Alten, die einst von Göttern vertrieben wurden, wieder in unsere Welt einbrechen, manchmal um unheiligen Nachwuchs zu zeugen („Das Grauen von Dunwich“), manchmal um Menschen zu ihren Jüngern zu machen ([„Der Fall Charles Dexter Ward“). 897 Dass die alten Salem-Hexer („Das Ding auf der Schwelle“) ihnen helfen, dürfte klar sein. Und dass Cthulhus Nachkommen hier ihre Feste feiern, ebenfalls.

Das alles kann aber nicht verhindern, dass dieser Story irgendwie die Pointe abhanden kommt. Denn was ganz am Schluss folgt, ist viel zu schwach in der Wirkung, um aus der Story viel mehr als eine stimmungsvolle Studie in Horrorphantasien zu schmieden.

3) _Das gemiedene Haus_

Providence, Rhode Island. Im Jahr 1763 legte der Kaufmann und Seefahrer William Harris den Grundstein zu seinem neuen Haus in der Benefit Street (ehemals Back Street), ohne zu ahnen, dass sich unter dem Keller etwas weitaus Älteres befindet: der Friedhof, auf dem Angehörige der Hugenottenfamilie Roulet begraben wurden. Der erste bekannte Vorfahr der Roulets war ein Wolfskind.

Nun, von dieser Vergangenheit ahnen er und seine vielköpfige Familie nichts, doch schon als das fünfte Kind nur tot geboren wird, merken die Leute, dass etwas nicht stimmt. Auch der durchdringend üble Geruch scheint der Gesundheit nicht förderlich zu sein. Selbst die kräftigsten Mitglieder der Familie sowie ihrer Bediensteten klagen unter fortschreitender Schwächung, und der Arzt stellt eine Blutarmut fest. Nach mehreren Todesfällen, unter denen auch Harris ist, lebt seine Frau wahnsinnig im Obergeschoss und ihre Schwester führt das Haus. Schließlich äußert die aus einem rückständigen Teil der Gegend stammende Zofe Ann White den schlimmsten Verdacht: dass ein Vampir den Bewohnern dieses Hauses die Lebenskraft entziehe.

Im Jahr 1919 hat der Ich-Erzähler Whipple zusammen mit seinem achtzigjährigen Onkel Elihu Whipple in mühseliger Kleinarbeit diese Zusammenhänge herausgearbeitet. Eine Inaugenscheinnahme vor Ort hat in der Tat einen penetranten Geruch wie von Salpeter oder Schwefel zutage gefördert, und Whipple vermeint einen Schatten von etwas Übelriechendem in den Kamin und durch den Schornstein verschwinden zu sehen.

Doch abschließende Sicherheit kann es nur geben, wenn die Beobachtungen nicht tagsüber, sondern in der Nacht durchgeführt werden. Also richten sich die beiden Gentlemen mit Erlaubnis des gegenwärtigen Besitzers, ebenfalls eines Harris, im Keller des gemiedenen Hauses ein, das seit langen Jahren als unvermietbar leersteht.

Einer von ihnen wird es nicht mehr lebend verlassen.

_Mein Eindruck_

Wer zuvor nur die früheren Erzählungen HPLs gelesen hat, wird von der sorgfältigen Ausarbeitung und der modern anmutenden geistigen Kultur in diesem gediegenen Stück Prosa überrascht sein. Die tiefste Vergangenheit – zunächst das Frankreich des 17. Jahrhunderts – ist den modernen physikalischen Theorien wie der Quantenmechanik gegenübergestellt. Dazwischen liegen die Familiengeschichten der Harris und der Roulets als Bindeglied.

Räumlicher Mittelpunkt ist stets das gemiedene Haus, insbesondere dessen tiefer, übel riechender Keller. Wie sich herausstellt, befindet sich dort ein Etwas, das noch älter (und größer) sein muss als der älteste hier begrabene Roulet. Denn vor den Kolonisten waren die Naragansett-Indianer hier sesshaft. An diesem Punkt knüpfen die Motive der Erzählung an andere Geschichten HPLs an, die im Hinterland von Neu-England spielen, so etwa „The Dunwich Horror“. Möglicherweise hat HPL auch vom indianischen Walddämon Wendigo gehört oder gelesen und dessen Bild übernommen. Daher ist die Geschichte keine Vampirstory, sondern etwas weitaus Komplexeres.

Dafür braucht der Autor allerdings sehr lange, um dem Leser klarzumachen, um was es eigentlich geht. Obendrein versucht er noch ein wenig Name-dropping, um das Interesse des Lesers zu reizen. Edgar Allan Poe sei einst täglich auf dem Weg zu Mrs. Whitman, der von ihm verehrten Dichterin, am gemiedenen Haus vorübergegangen. Isn’t it ironic?

Wie auch immer: „Das gemiedene Haus“ von 1928 ist eine ebenso gute Erzählung wie viele der auf mittelguter Ebene angesiedelten HPL-Storys und sollte jedem HPL-Verehrer bekannt sein. Der Italiener Ivan Zuccon verarbeitete die Geschichte zusammen mit „Die Musik des Erich Zann“ (1922) und „The dreams in the witch house“ (1932) zu einem Horrorfilm im Jahr 2003.

4) _In den Mauern von Eryx_

Was wie eine planetare Abenteuergeschichte beginnt, endet in einem Alptraum. Die Menschen haben die dschungelüberwucherte Venus erobert, um dort Kristalle abzubauen, die der irdischen Energieerzeugung dienen. Doch auf dem Planeten leben reptilienartige Echsenmenschen, denen die Kristalle offenbar heilig sind. Als ein Mitarbeiter der Crystal Company auf dem Plateau von Eryx einen Kristall entdeckt, sind daher Echsenmenschen nicht weit. Bestimmt beobachten sie sein Bemühen, sich des Kristalls zu bemächtigen. Doch wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Falle.

In dieser Falle hat sich bereits ein anderer Mitarbeiter gefangen. Als sich der neue Mitarbeiter, unser Berichterstatter, vorsichtig nähert, stößt er auf eine unsichtbare Mauer. Schlammbewurf zeigt, dass sie mit sechs Metern Höhe zu hoch zum Überklettern ist. Es muss also Öffnungen geben. Der Chronist begibt sich in das Labyrinth von Eryx, um an den Kristall heranzukommen …

_Mein Eindruck_

Was sich wie nach dem Experiment mit der Ratte im Labyrinth anhört, ist auch genau das. Ist der gefangene Mensch schlau genug, um die Belohnung, den Kristall, zu schnappen und wieder herauszufinden? Die Echsen nehmen an, dass er dies nicht ist. Die Story ist eine der wenigen, die mich immer an gewisse frühe SF-Groschenheft-Erzählungen erinnern. Darin gerät der Held regelmäßig in die Bredouille und muss sich wie weiland Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Wie schon in „Stadt ohne Namen“ dominiert das Element der Klaustrophobie.

5) _Gefangen bei den Pharaonen_

Der berühmte Entfesselungskünstler Harry Houdini alias Erich Weisz erzählt von einem Erlebnis, das er 14 Jahre zuvor im Jahre 1910 in Ägypten hatte. In seinem anfänglichen Reisebericht erweist sich der Erzähler als kenntnisreicher Berichterstatter, der auch über Tutanchamun Bescheid weiß, dessen Grab bekanntlich erst 1922 entdeckt wurde. Geführt von einem Fremdenführer, der sich Abdul Reis Drogman nennt, besucht Houdini nicht nur Kairos Altstadt und Museen, sondern selbstverständlich auch die Pyramiden von Gizeh.

Ganz besonders fasziniert ist Houdini von der löwenköpfigen Sphinx, die das Gesicht des Königs Chephren trägt, der die mittlere der drei großen Pyramiden zwischen 2800 und 2700 v. Chr. erbauen ließ. Verblüfft stellt der Reisende eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht seines Fremdenführers und der Chephren-Statue im Ägyptischen Museum von Kairo fest.

Bei einem Streit zwischen Abdul Reis und einem jungen arroganten Reiseführer geht Houdini vermittelnd dazwischen. Beim folgenden Zweikampf darf er Abdul Reis sekundieren. Das Duell findet auf der Spitze der Cheops-Pyramide statt, welche bekanntlich keine Außenverkleidung mehr besitzt, wodurch die Spitze ziemlich breit ist. Doch der mitternächtliche Ringkampf stellt sich als Vorwand heraus, den die Araber benutzen, um den berühmten Entfesselungskünstler zu verhöhnen. Sie fesseln ihn und lassen ihn in einen sehr tiefen Schacht hinunter.

Sich zu befreien, ist einfach, doch nun geschieht etwas, mit dem Houdini nicht gerechnet hat. Die Geister von zusammengesetzten Mumien – Kombination aus Tier und Mensch – marschieren zu einem riesigen Tor in der Tiefe. Auch Chephren (Abdul Reis?) und dessen Königin Nitokris, die stets nur „Königin der Ghoule“ genannt wird, wohnen der Opferungszeremonie bei. Doch wem oder was opfern sie? Als Houdini dies herausfindet, rennt er um sein Leben.

_Mein Eindruck_

HPL schrieb diese wunderbar farbenfrohe Erzählung, die zunächst an Karl Mays Orient-Romane erinnert, 1924 für seinen Freund, den berühmten Entfesselungskünstler Harry Houdini. Selbstredend darf Houdini seine entsprechenden Fähigkeiten hierin eindrucksvoll demonstrieren. Zudem kommen die altägyptischen Gottheiten zu ihrem Recht und vollführen, ganz im Geschmack von Houdinis Zeit, einen theatralischen Bühnenzauber, der den ansonsten so wackeren Helden in die Flucht schlägt. Liebhaber von H. R. Haggard oder anderen Orientalisten könnten sich über Mangel an unterhaltsamem Kolorit und actionreicher Spannung nicht beklagen.

6) _Berge des Wahnsinns_

Was geschah auf der Expedition in jenes Bergtal in der Antarktis, dass der Student Danforth dem Wahnsinn verfiel? Als der Expeditionsleiter William Dyer Danforth in der Nervenheilanstalt besucht, berichtet Danforth wieder von den Alten Wesen, die in Wahrheit seit jeher über die Erde geherrscht hätten. Dyer widerspricht ihm nicht, denn er hat sie ja selbst gesehen.

Genau deshalb besucht er einen Professor in Boston, um ihn zu bitten, dass die neuerliche Expedition, die Starkweather und Moore 1932 organisiert haben, in die Antarktis aufbricht. Er warnt ihn eindringlich vor den Gefahren, nicht zuletzt vor dem schier unaussprechlichen Horror, auf den er und Danforth dort gestoßen sind. Dyer warnt ebenso vor dem Versuch, die Eismassen abzuschmelzen oder gar Bohrungen vorzunehmen, waren diese doch seiner eigenen Expedition zum Verhängnis geworden. Da der Professor mehr und vor allem deutlichere Begründungen fordert, muss Dyer genauer berichten, was sich vor zwei Jahren, anno 1930, zugetragen hat …

|Dyers Expeditionsbericht|

Prof. William Dyer ist Geologe an der Miskatonic University von Arkham, unweit Boston. Da Prof. Frank Pabodie neuartige Bohrer hergestellt hat, sieht sich Dyer in der Lage, auch in der Antarktis nach ungewöhnlichen Gesteinen zu suchen. Er lädt den von ihm bewunderten Anthropologen Prof. Lake ein mitzukommen, und dieser sagt freundlich zu. Außerdem werden die drei Profs von ihren jeweiligen Assistenten begleitet, darunter Danforth, Moulton und Gedney. Lake hält Danforth für einen „Backfisch“, aber immerhin haben beide das verfluchte Buch „Necronomicon“ des verrückten Arabers Abdul Alkazred gelesen, ein zweifelhaftes Vergnügen, das nicht jedem Menschen vergönnt ist, denn das Buch ist in einem verschlossenen Raum der Bibliothek der Miskatonic-Uni weggesperrt.

Die zwei Schiffe „Miskatonic“ und „Arkham“ gelangen schließlich unter dem Kommando von Kapitän Douglas ins Zielgebiet, das Rossmeer. Hier ragt der immer noch aktive Vulkan Erebus empor, und der Rossschelfeisgletscher bricht hier ins Meer ab. Die Gegend gemahnt Danforth an die kalten Ebenen von Leng, über die er bei Alhazred gelesen hat. Er vermeint ein sonderbares Pfeifen zu hören, das sich mit dem Wind vermischt, der von den Perry-Bergen herunterbläst. Eine Luftspiegelung gaukelt ihm emporragende Burgen auf diesen steilen Höhen vor.

Am Monte Nansen weiter landeinwärts schlägt die Expedition ihr Basiscamp auf, und mit den vier Flugzeugen erkunden sie das Terrain ebenso wie mit Hundeschlitten. Schon bei den ersten Grabungen stößt Prof. Lake auf höchst ungewöhnliche Fossilien, die es hier gar nicht geben dürfte. Zwar ist bekannt, dass vor 50 Mio. Jahren die Erde sehr viel wärmer war und Dinosaurier auch Antarktika bewohnten, doch all dies endete vor spätestens 500.000 Jahren mit der ersten Eiszeit, der weitere folgten. Lake, dessen Funde bis ins Präkambrium zurückdatieren, setzt seinen Willen durch, noch weitere Stellen zu suchen. Auf einer weiteren Schlittenexkursion findet er mehr solche Fossilien, die es nicht geben dürfte.

|Lakes Expedition|

Am 24. Januar, mitten im Hochsommer der Südhalbkugel, startet Lake, um ein Camp 300 Kilometer entfernt auf einem Plateau zu errichten. Dem Expeditionsleiter berichtet er mit Hilfe des Funkgeräts. Seine Stimme ist gut zu verstehen. Sie mussten notlanden, und das Camp ist von quaderförmigen Strukturen und Höhlen umgeben. Eine Bohrung führt dazu, dass ihr Bohrer in eine Höhlung unter dem Eis fällt. Beim Eindringen in diese Höhle stoßen Lake und Moulton auf Specksteine, die fünf Zacken ausweisen, also eindeutig bearbeitet wurden – mitten zwischen Saurierknochen und Abdrücken von Palmblättern. Außerdem stoßen sie auf große tonnenförmige Gebilde, von denen sie vierzehn Stück bergen und aufs Plateau schaffen, um den Inhalt zu untersuchen.

Die Hunde reagieren sehr aggressiv auf diese Gebilde, und als Lake sie seziert, erinnern sie ihn an die Cthulhu-Wesen, die Alhazred beschrieb: eine fünfeckiger Kopf mit einem Kranz seitlich angebrachter Wimpern usw. Und es hat fünf Hirnhälften. Lake erinnert sich: „Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ In seiner letzten Nachricht berichtet Lake, die Köpfe seien von der Sonne aufgetaut worden. Dann meldet er sich nicht mehr.

|Die Rettungsexpedition|

Mit dem zurückgehaltenen fünften Flugzeug fliegt Dyer mit Danforth und Pabodie zu Lakes Camp. Sie finden entsetzliche Verwüstung vor. Alle Hunde wurden zerfleischt, von den Männern ist zunächst keiner zu sehen, obwohl überall Blut ist – und Gestank. Sie stoßen auf sechs Gräber, die sternförmig angelegt sind, aber wo sind die restlichen acht Wesen? Die Leichen von elf Männern sind zum Teil seziert, doch von einem Mann fehlt jede Spur: Gedney. Er hat auch einen Hund mitgenommen. Können sie ihn noch retten?

Dyer und Danforth machen sich auf den Weg, um die ausgedehnte fremde Stadt, die sie beim Anflug entdeckt haben, zu erkunden und vielleicht eine Spur von Gedney zu finden. Welches Wesen mag das Camp derartig verwüstet haben? Sie werden es herausfinden, und wenn es sie den Verstand kostet …

|In Boston|

Dyer schafft es nicht, den Professor davon zu überzeugen, die Starkweather-Moore-Expedition zurückzuhalten. Er ahnt das Schlimmste. Als er wieder einmal den verrückten Danforth besucht, rezitiert dieser nur aus dem verfluchten „Necronomicon“: „Die Farbe aus dem All … der Ursprung, Ewigkeit, Unsterblichkeit …“

_Mein Eindruck_

Lovecraft setzte mit diesem Kurzroman das Romanfragment [„Der Bericht des Arthur Gordon Pym“ 781 von Edgar Allan Poe fort. Wo Poes Romanfragment abbricht, greift er die Szenerie, wenn auch nicht die Figuren, wieder auf, insbesondere den unheimlichen Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ Diesen Ruf stoßen zwar bei Poe weiße Vögel aus, doch bei Lovecraft wird der Ruf einem weitaus gefährlichen Wesen zugewiesen. Um was es sich dabei handelt, wird nie hundertprozentig klar, denn es ist protoplasmisch und somit formlos.

|Der Privatmythos|

Innerhalb des umfangreichen Cthulhu-Mythos über die Großen Alten nimmt „Berge des Wahnsinns“ eine meiner Ansicht nach nicht allzu herausragende Rolle ein, denn der Geschichtsentwurf, den Lovecraft hier präsentiert, unterscheidet sich nur in geringem Maße von dem in [„Der Schatten aus der Zeit“, 2358 „Der Flüsterer im Dunkeln“ und anderen Erzählungen. Aber die Geschichte an sich bietet dem Leser mehr spannende Unterhaltung als andere Storys und vor allem einen weit gespannten Hintergrund, der im Vordergrund der Aktionen zum Tragen kommt.

|Die Stadt im Eis|

Durch ihre Necronomicon-Lektüre wissen Lake und Danforth schon, womit sie es zu tun haben: mit den Großen Alten und ihren Vorgängern, den Alten Wesen. Die Stadt ist die der Alten Wesen, die vor Jahrmillionen zuerst landeten und ihre Kultur auf der Erde errichteten. Seltsamerweise ist Expeditionsleiter Dyer, unser objektiver Chronist, nur mäßig darüber erstaunt, dass er nun über ausgedehnte Überreste einer versunkenen, prähistorischen Zivilisation stolpert. In der ersten großen Halle befinden sich jedoch so etwas wie Wandmalereien und Hieroglyphen, die ihm die Geschichte der Vorzeit erzählen. Diese ist so komplex, dass ich empfehle, sie selbst nachzulesen. Dyer müsste viel stärker verwirrt, wenn nicht sogar bestürzt sein, so wie es Danforth ist.

|Der Wächter in der Tiefe|

Für Dyer und Danforth wird die Lage jedoch brenzlig, als sie auf die enthaupteten Überreste der entkommenen Alten Wesen stoßen, die Professor Lake aus der Höhle unter dem Eis geholt hatte. Was hat die Wesen getötet? Gibt es einen Wächter in der Tiefe, ähnlich einem Balrog in den Tiefen der Minen von Moria? Na, und ob! Die spannende Frage ist nun, wie dieses Wesen aussieht und ob sie es vielleicht besiegen können. Der Anblick des Wesens lässt Danforth wahnsinnig werden und von einem Sieg kann keine Rede mehr sein. Was wiederum den Schluss aufzwingt, dass die Starkweather-Moore-Expedition dem Tod geweiht ist, sollte sie im gleichen Gebiet forschen.

|Verhängnis|

Dieses Gefühl des Verhängnisses überschattet den gesamten Text und suggeriert dem Leser bzw. Hörer, dass er allein schon durch die Kenntnis dieses geheimen Wissens, das ihm Dyer mitteilt, vielleicht in Gefahr sein könnte. Zweifellos wusste Lovecraft aus Zeitschriften nicht nur über Einsteins Forschungsarbeiten Bescheid, sondern auch über das Bestreben der Physiker, dem Atom seine Geheimnisse zu entlocken. Die Experimente von Rutherford und Nils Bohr waren ihm vielleicht bekannt, aber er dürfte kaum gewusst haben, dass Enrico Fermi an einem Atomreaktor baute und die deutschen Physiker von Hitler für eine ganz besondere Aufgabe engagiert wurden: den Bau der ersten Atombombe. Verbotenes Wissen – möglicherweise hat Lovecraft ganz konkret solche Kenntnisse und Experimente darunter verstanden.

|Poe lässt grüßen|

Das erzählerische Brimborum, dessen er sich im Original bedient, kommt uns heute überladen und bis zur Grenze des Lächerlichen überzogen vor. Der von Poe erfundene Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ wird x-mal wiederholt, und im Buch bildet er sogar den Schluss des letzten Satzes. Das verleiht ihm eine schaurige Bedeutungsschwere, die ich nicht nachzuvollziehen mag. Aber bei genauerem Nachdenken ist der Ruf eben jenem Wächter in der Tiefe zuzuordnen, und dann wird erklärlich, warum Danforth diesen Ruf nicht vergessen kann. Denn er weiß, dass wenn dieser Ruf erneut ertönt, es für die Menschheit zu spät sein wird. „Das ist nicht tot, was ewig liegt …“

|Einschätzung|

„Berge des Wahnsinns“ ist einer der bedeutenden Kurzromane, die Lovecraft am Ende seines Lebens – er starb ein Jahr nach der Veröffentlichung – innerhalb seiner Privatmythologie schrieb. Die Antarktis-Expedition des Geologen Dyer stößt auf eine uralte Stadt, die von einer außerirdischen, vormenschlichen Zivilisation errichtet wurde. Und Andeutungen legen nahe, dass auf dem Meeresgrund noch viele weitere solche Städte auf ihre Entdeckung warten. Ob das für die heutige Menschheit so gut wäre, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. In der Stadt unter dem Eis vertreibt ein unheimlicher Wächter die neugieriger Forscher, und solche könnte es auch in weiteren Ruinen geben. Dyers Assistent Danforth hat den Wächter und dessen Brut gesehen und ist darüber verrückt geworden …

Ähnlich wie in „Der Schatten aus der Zeit“ und „Der Flüsterer im Dunkeln“ entwirft Lovecraft die Grundzüge seiner Mythologie, wonach erst die Alten Wesen von den Sternen kamen und die Stadt unterm Eis bauten, bevor die Cthulhu-Wesen anlangten und mit ihnen einen Krieg führten, an dessen Ende Wasser und Land zwischen den Rassen aufgeteilt wurden. Überreste beider Zivilisationen sind für Expeditionen wie die Dyers noch aufzuspüren, natürlich nur an sehr verborgenen Orten.

|Die verlorene Rasse|

Das Motiv der „Lost Race“, das Lovecraft in nicht weniger als 18 Erzählungen verwendet, war schon 1936 nicht mehr neu und vielfach erprobt worden. Am kommerziell erfolgreichsten waren dabei wohl Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer des Tarzan, und Henry Rider Haggard, der mit „König Salomons Minen“, „Allan Quatermain“ und „Sie“ einen sagenhaften Erfolg unter den Spätviktorianern verbuchte. Ob Poe mit „Arthur Gordon Pym“ diese Mode schuf, als er seinen Helden in der Antarktis eine unbekannte Zivilisation finden ließ, sei dahingestellt, aber sowohl Jules Verne mit „Eissphinx“ als auch Lovecraft mit „Berge des Wahnsinns“ folgten diesem Vorbild in den eisigen Süden. In letzter Zeit knüpfte auch Michael Marrak mit seinem Roman [„Imagon“ 480 erfolgreich an dieses Vorbild an.

|Initiationsritus|

Bei Lovecraft wird die Expedition zu einem Initiationsritus. Der moderne Mensch ist sowohl mit dem sehr Alten als auch mit dem Ungeheuerlichen konfrontiert, und beides scheint seinen Verstand zu übersteigen (siehe Danforths Wahnsinn). Unterschwellig vermittelt Lovecraft seinen Kulturpessimismus dadurch, dass er Dyer erkennen lässt, dass die Menschheit weder die erste Zivilisation auf diesem Planeten war, noch auch die letzte sein wird. Das wiederum könnte dem einen oder anderen Leser Schauer über den Rücken jagen. „Das ist nicht tot, was ewig liegt“ (oder „lügt“, denn das Verb ist doppeldeutig), wird immer wieder zitiert. Ein Menetekel, an das immer wieder mit dem Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ gemahnt wird.

7) _Geschichte des Necronomicons_

Ein kurzer Abriss über die Biografie Abdul Alhazreds, dem Autor von „Al Azif“, dem späteren „Necronomicon“. Der Araber habe es angeblich um 730 n. Chr. geschrieben. Eine Chronologie listet die allesamt unterdrückten Ausgaben auf. Aber nirgendwo steht, warum Alhazred das verfluchte Buch schrieb, noch, was darin steht. Eine Andeutung liefert lediglich der Umstand, dass der Autor angeblich von einem selbst beschworenen Dämon verschlungen worden sei. Motto: Caveat auctor!

_Mein Eindruck_

Eine pseudo-literaturhistorische Abhandlung, die zentrale Fragen außer acht lässt. Nur für HPL-Anhänger interessant.

8) _Katzen und Hunde_

In dieser langen Abhandlung vergleicht HPL Hunde und Katze, aber auch deren Besitzer und deren Kulturen. Dabei gibt er durchweg der Katze den Vorzug. Entsprechen dem Hund die ungebildeten Plebejer, so der Katze die gebildeten Aristokraten, Poeten und Philosophen, kurzum die Gentlemen.

Damit nicht genug, versteigt sich HPL sogar zu einer rassischen Einteilung. Den plebejischen Hundebesitzern entsprächen demnach das Mittelalter, wohingegen zu den Katzenverehren die stolzen Ägypter, die klassischen Griechen und – man lese und staune – die Arier sowie der nietzscheanische Herrenmensch zählen.

_Mein Eindruck_

Der Aufsatz geht noch lange weiter, mit etlichen weiteren Klassifizierungen und Gegenüberstellungen, hinsichtlich Ästhetik, Reinlichkeit usw. usf. Er ist unwissenschaftlich, weil völlig auf subjektivem Empfinden basierend. Mir war schon zuvor bekannt, dass HPL sich in einer bestimmten Phase rassistische Entgleisungen leistete, aber dies ist das erste Mal, dass ich sie auch gedruckt lese. Sie stammen aus dem Jahr 1926. Der Essay ist nicht nur nervtötend selbstgerecht, sondern nimmt auch Klassifikationen vor, die sich heutzutage niemand mehr trauen würde. Der Übersetzer hat die zahlreichen Verweise auf andere Autoren auf vorbildliche Weise in Fußnoten erklärt.

9) _Für Klarkash-Ton, Herr von Averoigne_

Ein HPL-Gedicht für seinen Kollegen Clark Ashton Smith. Die Rede ist darin von einem dunklen, unheimlichen Turm, in dem ganz oben bleich ein Lichtlein brennt. Das Original steht direkt neben der (ungereimten) Übersetzung, so dass sich ein direkter Vergleich anbietet.

10) _Hazel Heald: In memoriam_

Hazel Heald lobt, wie HPL sich für angehende und aufstrebende Schriftstellerkollegen einsetzte und was für ein generöser und intelligenter Gentleman er war. Eine wahre Eloge, wie sie sich niemand wohlwollender wünschen könnte, allerdings auch ziemlich einseitig.

_Die Übersetzung_

A. F. Fischer besorgte diese neue Übersetzung, welche die alten ablöst, die der |Suhrkamp|-Verlag bislang feilbot. Allein diese Ablösung ist bereits dankenswert. Die Diktion ist jetzt mehr dem modernen Sprachgebrauch angepasst, ohne an vielseitigem Vokabular und der HPL eigentümlichen Stilvielfalt einzubüßen. Druckfehler konnte ich überraschenderweise keine finden.

_Unterm Strich_

Das Hauptstück dieser Auswahl in neuer Übersetzung ist sicherlich der überzeugende Kurzroman „Berge des Wahnsinns“, daher habe ich mich in meiner Interpretation darüber ausführlicher ausgelassen. Aber auch so mancher kürzere Text wie etwa „Das gemiedene Haus“ weiß zu überzeugen. Die Kooperation „In den Mauern von Eryx“ (zusammen mit Kenneth Sterling, was aber in den Quellennachweisen verschwiegen wird) ist ein Stück Sciencefiction, und „Gefangen bei den Pharaonen“ wurde erst später der Ko-Autorschaft HPLs mit Harry Houdini zugewiesen.

Die verstreuten Nebentexte über das „Necronomicon“ sowie „Katzen und Hunde“ und Lovecraft selbst werfen ein Licht auf die vielfältigen Interessen dieses homme des lettres. Der Essay „Katzen und Hunde“ bildet für mich allerdings Anlass zu Kritik, denn hier zeigen sich rassistische Tendenzen in HPLs Gedankengut. Der Übersetzer hat die zahlreichen Verweise auf andere Autoren auf vorbildliche Weise in Fußnoten erklärt.

In diesem Band finden sich eine Reihe früher Erzählungen, die uns heute wie pure Fantasy anmuten, ja, die sogar antike Schauplätze haben. Sie sind unterhaltsam zu lesen, aber allzu viele dieser literarisch mittelmäßigen Leicht- oder Fliegengewichte möchte man dann doch nicht über sich ergehen lassen. Die Übersetzung ist sehr kompetent, was sich besonders an dem Gedicht zeigt, das dem Original nahekommt, welches daneben abgedruckt ist.

Für Sammler ist der Band eine wichtige Ergänzung und Abrundung der HPL-Werke, aber für Einsteiger bietet der Band teils leichte Kost, mit „Berge des Wahnsinns“ einen Blick auf das, worauf sich HPLs Einfluss gründet: auf den Cthulhu-Mythos.

Nachdem nun vier Bände der „Gesammelten Werke“ erschienen sind, sollen noch die zwei Bände „Cthulhu“ und „Die großen Alten“ folgen.

|332 Seiten
Aus dem US-Englischen von A. F. Fischer|
http://www.festa-verlag.de

Tad Williams – Otherland 2: Fluss aus blauem Feuer (Hörspiel)

Käptn Fledderjans Attacke auf den Eisschrank

Das Hörspiel um die virtuelle Welt „Otherland“ geht in die zweite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

Der Autor

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Tad Williams – Der glücklichste tote Junge der Welt (Otherland 5)

Otherland 5: Igitt, Sex unter Avataren!

Otherland, der vierteilige Zyklus, erhält einen fünften Teil … Der große Weltenschöpfer lüftet neue Geheimnisse aus seiner magischen Welt: Orlando Gardiner, ein unheilbar kranker Jugendlicher, fühlt sich nur lebendig, wenn er Abenteuer im weltumspannenden Netz besteht. Im Netz wurde Otherland errichtet. Dort kämpft Orlando bis zum letzten Moment, um seine Freundin Sam Fredericks und die übrigen Otherlandfahrer zu retten.

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John Norman – Priest-Kings of Gor (Gor 3)

Der Krieg der Götter

Tarl Cabot, der furchtlose Krieger der Gegenerde, ist zurück! Seine Reise führt ihn diesmal in das Sardargebirge, um das Geheimnis der mysteriösen Priesterkönige zu lösen. In ihm brennt der Schrei nach Rache, die Verpflichtung, sein verschwundenes Volk zu rächen, vor allem aber seine geliebte Gefährtin Talena wiederzufinden. Wird ihm sein Vorhaben gelingen oder wird sich das Schicksal erneut gegen ihn wenden? (Basilisk-Verlag)
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Katzenbach, John – Das Rätsel (Lesung)

Im 51. Bundesstaat: Wild West oder Faschismus?

Eine junge Frau wird grausam ermordet – in einem von der State Security streng überwachten Territorium, das seinen wohlhabenden Bewohnern absolute Sicherheit verspricht. Jeffrey Clayton, Psychologieprofessor und Profiler, soll bei der Aufklärung des geheim gehaltenen Mordes mithelfen. Die Suche nach dem Täter führt Clayton zurück in seine eigene, dunkle Familiengeschichte, zurück zu dem Mord in seiner Nachbarschaft, der sich vor 25 Jahren ereignete. Damals zählte sein Vater zu den Verdächtigen – bis dieser kurz darauf auf mysteriöse Weise ums Leben kam … (Verlagsinfo)

Der Autor
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Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Erben. Band 5 führt sie an die Prufrock-Privatschule, wo der stellvertretende Schuldirektor ihr neuer Vormund sein soll. Eigentlich. Der jedoch bittet sich Zeit für seine Übungsstunden auf der Geige aus. Ab in den Schuppen!

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5) weiterlesen

Dahl, Kjell Ola – Lügenmeer

_Mord in Oslo, Verhängnis in Uganda_

Ausgerechnet eine Journalistin findet die Leiche von Kristine Ramm an einem Montagmorgen in einer Tiefgarage. Normalerweise fallen Drogentote nicht in das Ressort von Kommissar Gunnarstranda, aber jemand will ihm eins auswischen. Gunnarstranda, nicht blöd, schlägt zurück und veranlasst eine superteure Obduktion. Überraschung: Sie starb nicht an einer Überdosis Heroin, sondern wurde vorher mit Äther betäubt und im Auto deponiert.

Verzweifelt sucht Gunnarstranda nach einem Mann auf dem Überwachungsvideo, der zur Tatzeit dort war: Stuart Takeyo. Doch der ist unter falschem Namen längst wieder in seiner Heimat Uganda. Einer von der Kripo muss dorthin, um diesen wichtigen Zeugen – und womöglich Mörder – ausfindig zu machen. Alle schauen Frank Frølich an …

_Der Autor_

Kjell Ola Dahl, 1958 in Norwegen geboren, hat mit seinen beiden Romanen „Sommernachtstod“ (dt. 2002) und „Schaufenstermord“ (dt. 2003, beide bei |Lübbe|) die deutschen Krimifans begeistert. Der ehemalige Gymnasiallehrer für Ökonomie und jetzige Halbtags-Landwirt in der Gegend von Gunnarstranda lässt in „Lügenmeer“ (2004) zum dritten Mal das einmalige Ermittlerduo Gunnarstranda und Frølich auf Verbrecherjagd gehen.

_Handlung_

Als Lise Vagenes, die Journalistin einer Osloer Tageszeitung, morgens durch die dunkle Tiefgarage geht, bekommt sie Raumangst. Außerdem ist sie eh schon spät dran. Und dann bemerkt sie in dem neben ihr geparkten Auto eine Frau, die sich nicht rührt und den Kopf in einem unnatürlichen Winkel hält. Lise weiß sofort, dass sie eine brandheiße Story hat, und ruft als Erstes einen Fotografen herbei. Dann erst informiert sie die Bullen.

|Die Kripo|

Kriminalhauptkommissar Gunnarstranda bekommt den Fall mit der offensichtlich an einer Überdosis Heroin Gestorbenen reingewürgt. Er revanchiert sich fies mit einer superteuren Obduktion. Während er auf deren Ergebnis wartet, finden er und sein Kollege, Kommissar Frank Frølich, heraus, dass die Tote die Kellnerin und Studentin Kristine Ramm ist, die mit Marianne Sandvik die Wohnung teilte. Auf dem Überwachungsvideo ist der Bekannte Kristines zu sehen: Stuart Takeyo, ein Wissenschaftler aus Uganda, der an der Uni von Oslo forschte. Der Mann ist unauffindbar, sein Pass noch da. Er flog aus dem Land mit dem Pass eines Freundes, zurück nach Uganda.

Den Mann zu finden, wird umso dringender, als die Obduktion ergibt, dass Kristine Ramm bereits vor ihrem Goldenen Schuss betäubt worden war, mit Chloroform. Will heißen: Die Überdosis wurde ihr verabreicht, es war Mord. Ist Takeyo der Mörder? Der Mann muss hergebracht oder wenigstens vor Ort vernommen werden, und die Wahl für diesen Auftrag fällt einhellig auf Frank Frølich. Der ist davon nicht sonderlich erbaut, findet sich aber mit seinem Schicksal ab.

Während er im gleichen Flieger wie Lise Vagenes nach Nairobi düst, schnüffelt Gunnarstranda den Spuren Takeyos und Kristine Ramms nach. Er findet heraus, dass beide am Tag vor ihrem jeweiligen Ableben bzw. Verschwinden an Bord der Luxusjacht des zwielichtigen Unternehmers Pedersen waren, Kristine als Kellnerin und Takeyo – ja, als was? Er schien einen Vortrag zu halten. Und so unwahrscheinlich es klingt: über ein AIDS-Heilmittel. Das es so ein Heilmittel nicht gibt, gräbt Gunnarstranda noch tiefer in der Vergangenheit Pedersens und stößt auf mafiöse Strukturen im eigenen Land.

|Uganda|

Frank Frølich wird von der Polizei hunderte von Kilometern ins Landesinnere gefahren, von Nairobi an den Viktoriasee. Er befürchtet, dass Lise Vagenes, die von einer Kooperation mit ihm nichts wissen will, bereits vor ihm eingetroffen sein wird, da sie geflogen ist. Aber das macht nichts, wie sich herausstellt, denn sie ist keinen Deut weitergekommen in ihrer Recherche.

Allerdings merken Lise und Frank Frølich ein wenig zu spät, dass ihr Erscheinen einige lokale Mächtige nervös macht und sie dadurch das Leben Stuart Takeyos in Gefahr bringen – und nicht zuletzt sich selbst …

_Mein Eindruck_

Der Krimi zeigt auf spannende Weise, wie gewissenlose norwegische Unternehmer die Ressourcen von Uganda ausbeuten, andererseits aber auch ahnungslose Investoren abzocken.

Wie jedem Fernsehzuschauer mittlerweile durch die Dokumentation „Darwins Albtraum“ bekannt sein dürfte, haben Entwicklungshilfen am Viktoriasee dazu geführt, dass der in den 1950er Jahren von Briten ausgesetzte Nilbarsch inzwischen als Exportgut gefördert wurde. Von diesem Exportgut haben die Einheimischen überhaupt nichts, außer einem Hungerlohn für die Fischer. Doch weil der Nilbarsch inzwischen alle anderen Fischarten gefressen hat, bleibt den Einheimischen nicht einmal mehr genug zum Fischen, dass sie überleben können. Vielmehr leiden die Kinder unter Mangelernährung, weil das einzige proteinhaltige Nahrungsmittel, das ihnen ihre Mütter heute noch servieren können, die Gräten des Nilbarsches sind: der Abfall der Fischfabriken. Das Knowhow für diese Fabriken kommt, so der Autor, von den Norwegern, die ja Experten für Fischzucht sind.

Das zweite Übel für Uganda – wie für den Rest Schwarzafrikas – ist AIDS. Dem Autor zufolge wurden den Afrikanern AIDS-Medikamente geliefert, die wirkungslos waren. Vielmehr zeigten sie sogar schwere Nebenwirkungen. Die Lieferanten wussten jedoch, dass das Medikament in Europa deswegen längst verboten war. Sie arbeiteten im Auftrag skrupelloser Unternehmer, die lediglich Investoren mit einem AIDS-Heilmittel abzocken wollten. Dass sowohl Geldgeber als auch Ugander „bluten“ mussten, kümmerte sie wenig. Im Roman ist der Drahtzieher dieser Verbrecher ein ehemaliger Entwicklungshilfe-Ingenieur aus Oslo, der mit dem Schwindler Pedersen unter einer Decke steckt. Dass dieser Mann seine Leute auch vor Ort am Viktoriasee hat, liegt nahe.

Nacheinander kommen sowohl Lise Vagenes und Frank Frølich dieser Organisation in die Quere. Die Folgen sind fatal für sie wie auch für Stuart Takeyo, der nun nicht mehr in sicherer Entfernung lebt, sondern mitten in die Schusslinie gerät. Frank Frølich entgeht einem Anschlag und Lise einer Entführung. Dass diese Gefahren die beiden näher zusammenbringen, dürfte wohl nicht verwundern, und sie landen im Bett. „Welcome to Africa.“

Die Schilderung der afrikanischen Verhältnisse ist kenntnisreich und fußt zumindest teilweise auf nachprüfbaren Fakten, wie man an der erwähnten Dokumentation „Darwins Albtraum“ leicht erkennen kann. Anscheinend gibt es zudem Quellen für die Nachprüfung von norwegischen Entwicklungshilfeprojekten. Diese muss ja irgendjemand genehmigen, und dieser Jemand lässt sich in Listen wiederfinden. Als Lise Vagenes den Namen dieses Jemands herausfindet, fällt sie aus allen Wolken: Sie war nur eine Art Laufbursche. Nun ist ihr Leben in unmittelbarer Gefahr …

Sowohl Frank Frølich als auch Gunnarstranda sind Kommissare mit Ecken und Kanten, besonders Letzterer. In diesem ihrem dritten Fall wird ihr besonderes Verhältnis zueinander nicht mehr begründet und der Leser bleibt im Dunkeln, woher die Dynamik dieses Duos rührt. Frank Frølich scheint mehr der Handlanger des „Kopfes“ Gunnarstranda zu sein. Er, der Schwerenöter auf Frauensuche, bildet einen sympathischen Kontrast zu dem Witwer Gunnarstranda, der die Gesellschaft seines stummen Goldfischs Kalfatrus vorzieht, aber auch mal einen Abend mit seiner Freundin Tove verbringt. Dass er vom Kettenrauchen ein Lungenemphysem hat, dürfte schon bald das Aus für seinen Konsum von Sargnägeln bedeuten.

Ich konnte den Roman sehr schnell lesen. Die Sätze sind kurz und prägnant, die geschilderten Szenen kann man sich bildlich vorstellen. Besonders die Figurenzeichnungen haben mir gefallen. Der Autor liebt es, boshafte Adjektive und Epitheta einzusetzen, um eine Distanz zu der Figur aufzubauen. Das gilt aber auch für die Helden Frølich und Gunnarstranda. Durch ihre Fehler und Macken erscheinen sie als sehr menschlich und sympathisch. Sie sind nicht schlauer als der Leser, sondern wissen meist sogar noch noch weniger.

|Die Übersetzung|

… ist ausgezeichnet gelungen. Die zahlreichen englischsprachigen Ausdrücke wurden einfach so belassen, weil dies ja die Eigenart der jeweiligen Figur hervorhebt. Man sollte also wissen, was unter „hard feelings“ (Ärger, Groll) zu verstehen ist.

Die Hardcover-Ausgabe von 2004 bei |Ehrenwirth| informiert den Leser mit zwei Landkarten. Auf der Einbandinnenseite ist a) die Innenstadt von Oslo verzeichnet, auf dem hinteren Gegenstück b) die Region um den Viktoriasee mit den drei Statten Uganda, Tansania und Kenia – ein riesiges Gebiet. Dabei fiel mir die unterschiedliche Schreibweise eines Dorfes am See auf: hier heißt es Whichloom, im Text aber Witchloom. Woher kommt das? (Die Bezeichnung „witch-loom“ würde zumindest den Sinn „Hexen-Webstuhl“ ergeben.)

_Unterm Strich_

Auch das dritte Abenteuer der Osloer Kommissare Gunnarstranda und Frølich ist rätselhaft, spannend bis zum Schluss und kritisch-engagiert, wenn es die Zustände in Uganda und Oslo anprangert. Die Geschichte liest sich flüssig, geizt nicht mit Kabbeleien zwischen den Hauptfiguren, bissigen Dialogen und erotischen Begegnungen. Besonders gelungen fand ich die boshaften Charakterzeichnungen des Autors. Sie machen das Buch für jeden Zyniker zu einem wahren Festschmaus. Man sollte aber auch nicht die menschlich-allzumenschliche Seite außer Acht lassen, die ich relativ realistisch geschildert fand.

|Originaltitel: Lille tambur, 2003
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann|
http://www.bastei-luebbe.de

Dan Brown – Illuminati (illustrierte Ausgabe)

Sakrale Schnitzeljagd – jetzt auch illustriert

Ein Teilchenphysiker wird in seinem Schweizer Labor ermordet aufgefunden. In seine Brust eingebrannt entdeckt man merkwürdige Symbole, Symbole, die nur der Harvardprofessor Robert Langdon zu entziffern vermag.

Was er dabei entdeckt, erschreckt ihn zutiefst, denn es scheint, als sei die Geheimgesellschaft der Illuminati, alte Feinde der römisch-katholischen Kirche, zurückgekehrt. Und sie haben im Labor etwas mitgehen lassen: einen Behälter mit Antimaterie, der, wenn er nicht an eine Stromquelle angeschlossen wird, binnen 24 Stunden mit der Wirkung einer großen Wasserstoffbombe explodieren wird. Welcher teuflische Plan steckt dahinter?
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Tad Williams & Deborah Beale – Die Drachen der Tinkerfarm (Tinkerfarm 1)

Feuerspeiende Kühe?!

Eigentlich soll es ein ganz normaler Landaufenthalt in den Sommerferien werden, den Tyler und Lucinda bei Onkel Gideon verbringen. Sie erwarten tödliche Langeweile auf diesem Bauernhof, doch bald entdecken, dass es hier ein Geheimnis gibt. Das Brüllen aus der Scheune stammt nicht von einer Kuh, sondern von einem Drachen! Das donnernde Hufgetrappel im Tal – keine Mustangs, sondern Einhörner! Ein Haufen seltsamer Knechte und Mägde, unverständliche Sprache und magische Kräfte halten die Stadtkids auf Trab. Sie kommen dunklen Geheimnissen längst vergangener Zeiten auf die Spur – sie müssen Onkel Gideon retten! Doch schon ist ihr eigenes Leben in Gefahr…

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkien „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“.

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Tad Williams – Der brennende Mann (Eine Osten Ard Novelle)

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und drei weiteren Romanen erzählt hat: dem Osten-Ard-Zyklus.

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei Klett-Cotta verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“.
„Der brennende Mann“ ist eine 105-Seiten-Novelle, die bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“ erschien.

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Anais Nin – Das Delta der Venus. Erotische Geschichten

Erotik-Klassiker: das Wunderland des Weiblichen

Ein Kurzroman und vierzehn kürzere Erzählungen bilden eines der besten Erotika der Literatur. „Das Delta der Venus“ ist, wie Henry Miller schrieb, „schamlos und schön“ und beeindruckt noch heute, über sechzig Jahre nach der Entstehung dieser Auftragsarbeiten, mit unverklemmter Darstellung und einem unvoreingenommenen, tiefen, wissenden Blick für Frauen wie auch für Männer.

Henry Miller und Anais Nin leben 1940 arm wie Kirchenmäuse in New York. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, schreiben sie für einen Dollar pro Seite Erotika. Erst 35 Jahre später gab Anais Nin diese direkten Schilderungen zur Veröffentlichung frei. (Verlagsinfo)
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Terry Pratchett – Trucker (Nomen 1)

Satire mit Witz: Weltuntergang aus der Froschperspektive

Vor langer, langer Zeit landete ein Raumschiff auf der Erde. An Bord: die Nomen. Knapp zehn Zentimeter groß und ebenso neugierig wie eigensinnig, leben sie Jahrtausende später in einzelnen Gruppen, die nichts voneinander wissen. Eines Tages muss eine Gruppe, die am Rand einer Autobahn lebt, auswandern. In einem Kaufhaus treffen sie auf völlig andere Mitglieder ihres Volkes. Das Kaufhaus ist deren Universum. Ein „Draußen“ gibt es nicht. Die Jahreszeiten heißen „Frühjahrsmode“, „Sommerschlussverkauf“, „Winterschlussverkauf“ und „Weihnachten“, im Keller des Universums vermuten sie ein fürchterliches Monster mit dem Namen „Bombenpreise“. Doch dann geschieht etwas wahrhaft Schreckliches. Die Welt geht unter. Und der Untergang hat einen Namen: „Räumungsverkauf“!

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Edgar Allan Poe – Die Brille (Lesung)

Horror der Liebe auf den zweiten Blick

Der junge Amerikaner Simpson verliebt sich auf den ersten Blick in eine wunderschöne Französin. Mit dem Heiraten kann es ihm gar nicht schnell genug gehen. Doch wie trügerisch ist der Schein, den ihm seine kurzsichtigen Augen vermitteln. Nur wenige Stunden nach der Trauung offenbart ihm eine Brille, die sie ihm gibt, den ganzen Horror der Situation, in die er sich durch seine Naivität gebracht hat.

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Greg Bear – Blutmusik. Zukunftsroman

Darwins Nanotech: Eine Schöpfung kleiner Organismen

Greg Bear schlug 1983 bei der Vergabe von Science-Fiction-Preisen gleich zweimal zu: Seine Erzählung „Blood Music“ und seine Novelle „Hardfought“ erhielten beide – in ihren jeweiligen Kategorien – den begehrten Nebula Award der SF-Kritiker. Auf Bitten seiner Freunde und seines Verlegers baute er „Blood Music“ zu einem Roman aus.

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H. P. Lovecraft – Chronik des Cthulhu-Mythos I

Kommentierte Werkausgabe: geballte Ladung Cthulhu & Konsorten

Diese Chronik in zwei Bänden vereint erstmals die vollständigen Werke Lovecrafts zum Cthulhu-Mythos neben allen Kurzgeschichten auch die Novellen. Band 1 der Chronik enthält die Novelle DER FALL CHARLES DEXTER WARD sowie bekannte Kurzgeschichten wie „Das Grauen von Dunwich“ und „Der Flüsterer im Dunkeln“. Mit einer Einleitung und ausführlichen Erläuterungen zu den einzelnen Werken von Dr. Marco Frenschkowski. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen.

Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman „Der Flüsterer im Dunkeln“.

PD Dr. Marco Frenschkowski, Jahrgang 1960, ist evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte: Antike und moderne Religionsgeschichte sowie das Verhältnis von Religion und Kultur.

_|DIE ERZÄHLUNGEN|_

_1) Dagon_

Ein entkommener Kriegsgefangener des Ersten Weltkrieg strandet nach Irrfahrt auf einer ungastlichen Insel im Südpazifik. Der Strand besteht aus einem schwarzen, toten, schleimigen und ekligen Sumpf, auf dem nichts lebt. Er schleppt sich vier Tage lang (ohne Wasser!) zu einem Hügel hoch, der sich als Vulkankrater entpuppt. Ist dies der Eingang zur Unterwelt, fragt er sich. Sein Blick fällt auf einen weißen Monolithen auf der gegenüberliegenden Felswand. Er ist bedeckt mit Sinnbildern, Flachreliefs und Schriftzeichen: Zu sehen sind humanoide Fischwesen, die aber so groß wie Wale sind.

Eines dieser Wesen taucht aus dem Kratersee auf, um den Monolithen, einen Altar, zu verehren. Der Gestrandete wird wahnsinnig. Er findet heraus, dass es bei den Philistern der Antike einen Fischgott namens Dagon gab und fragt sich, wann Dagons Geschlecht die im Großen Krieg untergehende Welt übernehmen werde.

Da ertönt ein Klopfen an seiner Tür, und eine schuppige Hand zeigt sich. Der Erzähler springt aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung.

|Mein Eindruck|

„Dagon“ ist der Prototyp zu dem viel besser erzählten „Der Ruf des Cthulhu“ und schildert die Entdeckung jenes Monster der Tiefes, das von den Großen Alten übriggeblieben ist, die einst von den Sternen kamen, um die Erde zu unterwerfen. (Zu dieser Mythologie siehe meine Berichte zu Lovecrafts Werken.) Um mehr von diesem „antiken Fischgott“ Dagon zu erfahren, lese man auch den erstklassigen Kurzroman „Der Schatten über Innsmouth“, in dem die Fischmonster Neu-England heimsuchen.

Dagon und Co. sind eine Verkörperung des Grauens, das die moderne Wissenschaft sowie der Große Krieg 1914-1918 über den Menschen gebracht hat. Seit Gott und seine Vasallen abgeschafft worden sind, starren die Sterne kalt und erbarmungslos auf uns hernieder. Schutzlos und unbehaust sind wir dem Grauen ausgesetzt. Alte grausame Götter aus uralter Zeit, so Lovecraft, wollen sich unserer bemächtigen. „Das ist nicht tot, was ewig schläft“, raunt es vielfach in seinen Erzählungen.

Bezeichnenderweise geht es immer um Verehrung an Altären, seien sie modern, klassisch oder antik und apokryph. Auf diese Weise wird sinnfällig, dass das Vakuum des abgeschafften Glaube durch Götzenkulte gefüllt werden kann, und dass diese Götzen durchaus von schaurigster, menschenfeindlichster Natur sein können. Sektentode wie in Jonestown und anderswo belegen die reale Gefahr.

_2) Nyarlathotep_

In Neuengland taucht eines Wintertages eine Art Wunderprediger auf, der sich Nyarlathotep nennt und von wundersamen orten erzählt, während er elektrische Tricks praktiziert. Der Ich-Erzähler, der von seinem Freund eingeladen wird, ist von dieser billigen Show nicht gerade angetan und schmäht den Fremden.

Doch das soll er bereuen, denn immer mehr sieht er sich mit seinen Begleitern von einer finsteren Schlucht angezogen, die in der Nähe seines Heimatortes liegt. Es ist schrecklich kalt unter den blanken Sternen, und der Eingang ist mit Schneewehen beinahe blockiert. Kaum haben seine Vorgänger die Schlucht betreten, sind klagende Rufe zu hören. Und auch der Erzähler kann sich dem Ruf von den Sternen nicht verschließen, wie sein wahnsinniges Gestammel am Schluss bezeugt …

|Mein Eindruck|

Der titelgebende Wanderprediger stammt aus Ägypten, erinnert aber an den ebenfalls sensationsheischenden Erfinder Nikola Tesla (vgl. den Film „Prestige“). Der psychologische Vorgang, der zwischen das Gestammel des Chronisten eingebettet ist, lässt sich durchaus nachvollziehen. Nyarlathotep bringt echte Erleuchtung, allerdings von der zwielichtigen Art: eine Wahrheit, die keiner hören will. Denn sie führt direkt zum kriechenden Chaos, das da Azathoth heißt und im Zentrum des Kosmos auf seine Chance lauert …

Der Kommentator Frenschkowski nennt den kurzen, nur vier Seiten langen und ca. 1920 entstandenen Text ein „Prosagedicht“, aber das trifft eigentlich nur auf den Anfang und den Schluss zu. Der Mittelteil schildert Nyarlathoteps Auftritt, die Schmähung und seine Rache.

_3) Stadt ohne Namen_

Der Ich-Erzähler ist entweder ein Abenteurer oder ein archäologischer Forschungsreisender. Er hat sich in die tiefste arabische Wüste begeben, um jene Stadt ohne Namen zu suchen, die den Arabern solche Furcht einjagt. Er stößt zunächst auf harmlose Hausruinen, aber dann auch auf tempelartige Artefakte. Als er am Abend das Heulen eines Windes hört, das nicht aus der Umgebung, sondern aus einer Tempelöffnung hervordringt, begibt er sich sogleich mit einer Fackel dorthin und dringt in den höhlenartigen Tunnel ein.

Die Tunnel, durch die er kriecht, sind seltsam niedrig und eng. Sollten hier wirklich menschliche Bewohner gelebt haben? Gerade, als er in einer Halle anlangt, geht seine Fackel aus. Er gerät jedoch nicht in Panik, sondern setzt auf seinen Tastsinn. Nach einer Weile glimmt ein Leuchten auf, so dass er besser sehen kann. Da sind Massen von Kästen aufgestapelt, in denen reptilienköpfige Wesen in prächtigen Gewändern ruhen. Auf den Wandmalereien erblickt er die Geschichte einer vorsintflutlichen Zivilisation, ihren Aufstieg und Untergang. Auf dem letzten (jüngsten?) Bild ist dargestellt, wie ein Mann von den Reptilienwesen zerrissen wird.

Hinter dieser Freskenhalle führt ein Tor zu einer Treppe, die hinunterführt zu einer Ebene leuchtender Unendlichkeit. Doch die Treppenstufen sind wie die engen Tunnel offenbar nicht für Menschenfüße ausgelegt, sondern für jene Wesen, die er nun am Fuß der Treppe knurren hört. Da hebt der Wind wieder an, heulend und kreischend fährt er in jenen leuchtenden Schlund hinunter. Die Morgendämmerung hat begonnen. Die Wesen klettern die Treppe herauf. Sie tragen Reptilienköpfe …

|Mein Eindruck|

1921 veröffentlicht, ist die Geschichte zwar noch im Geiste Lord Dunsanys, HPLs erstem Lehrmeister, geschrieben, weist aber schon klare Einflüsse anderer Vorbilder auf, so etwa von Lost-race-Autoren wie Henry Rider Haggard („Sie“) und Abraham Merritt („Das Volk der Fata Morgana“, „Das Gesicht im Abgrund“, „The ship of Ishtar“ und viele weitere), die alle in jener Zeit reüssierten. Auch ein gewisser Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer von „Tarzan“, war sich nicht zu schade für zwei solche Serien: „Pellucidar“ und die Marsianer, die nach Fantasyregeln leben.

Der typische HPL-Sound unterschiedet diese Story ganz beträchtlich aber von den Machwerken jener Konkurrenten. Erst einmal geht es sehr unheimlich, menschenleer und klaustrophobisch zu, zweitens ist der typische Schauplatz eine versunkene Stadt, die tief ins Erdinnere reicht und drittens sind am Höhepunkt der Story die vermuteten Kreaturen jener angeblich versunkenen Zivilisation immer noch quicklebendig. (Was die Frage nach dem Überlebenden des Chronisten aufwirft, aber die Antwort soll hier nicht verraten werden.)

_4) Die Musik des Erich Zann_

Die erste Geschichte spielt in Paris, und der „Student der Metaphysik“, der uns berichtet, findet die bewusste enge Straße nicht mehr, in der er in einem Mietshaus zum ersten Mal die Musik jenes stummen deutschen Geigers gehört hatte, den er als Erich Zann kennenlernte.

Die Musik, die Zann ihm vorspielte, wenn sein Besucher im Zimmer war, war zunächst ganz normal: Bach’sche Fugen. Doch sobald er gegangen war, spielte er so unheimliche Melodien, dass es den Studenten grauste. Bis zu jenem Tag, da der Besucher den Vorhang vor dem Fenster entfernte und in die gähnende Schwärze des gierigen Kosmos dahinter schaute – und von dort eine Antwort erklang …

|Mein Eindruck|

Diese kurze Geschichte ist sehr stimmungsvoll und detailliert erzählt, so dass wir einen realistischen Eindruck davon erhalten, wie es im Haus des Erich Zann zugeht. Ganz allmählich werden wir zum Geheimnis geführt, das dessen Musik umgibt. Warum bearbeitet der Deutsche seine Geige derart wild und unheimlich – und vor allem beschäftigt uns die Frage: Für wen spielt er eigentlich? Die Entdeckungen, die unser Student der „metaphysischen Wissenschaften“ macht, sind in der Tat schauerlich und gemahnen zunächst an das unheimliche Geigenspiel des Roderick Usher, den Poe unsterblich machte. Doch Lovecraft geht noch einen Schritt weiter: Das Geigenspiel ist keine Beschwörung, sondern eine Art Beschwichtigung oder Abwehrzauber, um etwas fernzuhalten …

_5) Das Fest_

Unser Chronist ist ein junger Mann, der zur Stadt seiner Väter am Ostmeer (= Providence an der US-Ostküste) gereist ist, von der er nur aus seinen Träumen weiß, aber wohin man ihn gerufen hat. Es ist die Zeit des Julfestes, das unter Christenmenschen als „Weihnachten“ bekannt ist. Nur ist unser Berichterstatter alles andere als ein Christenmensch. Das Land wurde vor 300 Jahren besiedelt, doch sein Volk ist weit älter und kam aus dem Meer, weshalb es noch die alten Riten ehrt.

Er trifft in Kingsport ein, der uralten, verwinkelten Stadt unter dem kirchengekrönten Berggipfel, wo der Friedhof noch viele alte Grabsteine beherbergt, darunter auch die von vier Verwandten, die im Jahr 1692 wegen Hexerei hingerichtet wurden. Er findet das Haus an der Green Lane, das noch vor dem Jahr 1650 erbaut worden ist.

Auf sein Klopfen öffnet ein alter Mann, doch weil der stumm ist, schreibt er dem Besucher seinen Willkommensgruß auf ein Stück Papier. Sein Gesicht ist so wächsern bleich, dass es aussieht, als trage er eine Maske. Zwischen Möbeln aus dem 17. Jahrhundert sitzt eine Alte an einem Spinnrad, die ihm zunickt. Nach der Lektüre bekannter Bücher wie dem verbotenen „Necronomicon“ schließt sich der junge Mann seinen Gastgebern an. In Kapuzenmäntel gehüllt, machen sich die drei auf den Weg, um am Julfest teilzunehmen. Er wundert sich, dass er und seine Begleiter im Schnee keine Fußabdrücke hinterlassen…

|Mein Eindruck|

Die Erzählung ist auf sehr spezifische Weise Teil des Lovecraft-Mythos, wonach in der Gegend von Providence und dem nahe gelegenen Salem im 17. Jahrhundert – historisch belegte – Hexenprozesse stattgefunden haben. Dabei habe es sich um echte Hexer und echte Hexen gehandelt, die und deren Verwandte jedoch überlebt haben. Und wenn nicht in Fleisch und Blut, so doch als Gespenst: als untote Erinnerung.

Geister versammeln sich zum Julfest, um unheilige Riten in den Tiefen der Hügel Neuenglands etc. zu feiern. Neuengland ist bei HPL der Hort von Dimensionstoren, aus denen die Großen Alten, die einst von Göttern vertrieben wurden, wieder in unsere Welt einbrechen, manchmal um unheiligen Nachwuchs zu zeugen („Das Grauen von Dunwich“), manchmal um Menschen zu ihren Jüngern zu machen („Der Fall Charles Dexter Ward“). Dass die alten Salem-Hexer („Das Ding auf der Schwelle“) ihnen helfen, dürfte klar sein. Und dass Cthulhus Nachkommen hier ihre Feste feiern, ebenfalls.

Das alles kann aber nicht verhindern, dass dieser Story irgendwie die Pointe abhanden kommt. Denn was ganz am Schluss folgt, ist viel zu schwach in der Wirkung, um aus der Story viel mehr als eine stimmungsvolle Studie in Horrorphantasien zu schmieden.

_6) Der Ruf des Cthulhu_

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten.

Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einem der Großen Alten. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden.

Der Chronist hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

|Mein Eindruck|

Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem Cthulhu-Mythos und den Großen Alten, die von den Sternen kamen, beschäftigt. Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers anzuregen und ihn schaudern zu lassen.

Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

_7) Die Farbe aus dem All_

Es gibt eine Gegend am Miskatonic westlich von Arkham, wo die Berge steil emporsteigen, die man die „Verfluchte Heide“ nennt. Die früheren Bewohner sind fortgezogen, und Fremde werden hier nicht heimisch, weil schlechte Träume sie heimsuchen. Nur der alte Ammi Pierce, der unweit Arkham lebt, spricht über das, was hier einst blühte und gedieh, an der alten Straße, wo die Farm von Nahum Gardner lag. Die neue Straße macht einen großen Bogen nach Süden um dieses Gebiet herum.

Möge der geplante Stausee bald die verfluchte Heide bedecken und die seltsam unnatürlichen Farben auslöschen, in denen sie funkelt. Aber ob man vom Wasser dieses Sees trinken sollte, fragt sich der Landvermesser, der diese Gegend zuerst besucht hat. Die Heide mit ihrem stinkenden Moder, den verkrüppelten Bäumen und dem verdorrten Gras breitet sich jedes Jahr weiter aus.

Folgendes erfuhr er von Ammi Pierce, dem besten Freund der Familie Gardner: Dort, wo einst die florierende Farm von Nahum Gardner stand, umgeben von fruchtbarem Weideland und Obstanbau, existiert nur noch toter Staub, der das Sonnenlicht in merkwürdigen, unirdischen Farben reflektiert.

Alles begann, nachdem 1882 der Meteorit sich in der Nähe von Nahums Brunnen in die Erde gegraben hatte. Ammi ist überzeugt: Eine fremde Macht aus dem All versank in der Erde, kurz darauf setzten rätselhafte Veränderungen bei Tieren und Pflanzen ein. Die Natur schien aus dem Gleichgewicht, die armen Menschen – zuerst Mrs Gardner – wurden von einem Wahnsinn ergriffen oder verschwanden spurlos, und alle Dinge weit und breit begannen, in unbeschreiblichen, widerwärtigen Farben zu leuchten – bis heute…

|Mein Eindruck|

Dies ist eine der besten Geschichten des Meisters aus Providence. Sie besticht den Leser bzw. Hörer durch ihre reportagehafte Genauigkeit, die Kühlheit ihrer genauen Beschreibungen, die trotz des horriblen Inhalts dennoch von der Vernunft gesteuert werden, als habe Edgar Allan Poe selbst die Feder des Schreibers geführt. Auch die „Einheit der Wirkung“, eine zentrale Forderung Poes von der Kurzgeschichte, ist vollständig und vorbildlich erfüllt.

Diese Geschichte steigert sich in Stufen und mit Verschnaufpausen bis zu einem solch phantasmagorischen Moment kosmischen Schreckens, dass es ein Wunder wäre, wenn der Leser bzw. Hörer nicht davon ergriffen würde. Zuerst zeigen sich nur leise Andeutungen, die sich zunehmend verdichten, je schwerer die Beeinträchtigung von Nahum Gardners Farm wird. Ammi Pierce ruft auch Wissenschaftler der Miskatonic Universität herbei, die aber auch nicht allzu viel ausrichten können. Sie finden allerdings Kugeln in einer unirdischen Farbe, und es ist anzunehmen, dass diese Substanzen ihren Weg in den Brunnen und somit ins Trinkwasser der Gardners finden.

Schon bald ändert sich der Geisteszustand von Mrs Gardner. Ihr Mann sperrt sie auf den Dachboden, ihr folgen ihre drei Söhne. Das menschliche Drama nimmt seinen Lauf, bis selbst der Alte vom Wahnsinn ergriffen wird. Erst als Ammie Pierce Nachbarn und besorgte Bücher mobilisiert, um nach ihm zu sehen, erreicht der Horror seinen Höhepunkt. Sie blicken aus dem Farmhaus hinaus auf eine Vision der Hölle. Denn nun wächst das Grauen um eine weitere Dimension: das Grauen wird kosmisch. Es kommt von den Sternen und es kehrt zu den Sternen zurück, allerdings nicht ohne ein sinistres Erbe zu hinterlassen: die sich ausbreitende „verfluchte Heide“.

Diese Heide birgt etwas, das nicht nur physisch existiert, sondern auch die Träume des Heidebesuchers heimsucht. Wie schon Nahum Gardner sagte: „Es zieht einen an, man kommt nicht weg.“ Und deswegen blieb er auf seiner Farm bis zum bitteren Ende, ähnlich wie Ammi Pierce. Und ob der Landvermesser je davon loskommt, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

_8) Geschichte des Necronomicons_

Ein kurzer Abriss über die Biografie Abdul Alhazreds, dem Autor von „Al Azif“, dem späteren „Necronomicon“. Der Araber habe es angeblich um 730 n.Chr. geschrieben. Eine Chronologie listet die allesamt unterdrückten Ausgaben auf. Aber nirgendwo steht, warum Alhazred das verfluchte Buch schrieb, noch, was darin steht. Eine Andeutung liefert lediglich der Umstand, dass der Autor angeblich von einem selbst beschworenen Dämon verschlungen worden sei. Motto: Caveat auctor!

|Mein Eindruck|

Eine pseudo-literaturhistorische Abhandlung, die zentrale Fragen außer Acht lässt. Nur für HPL-Anhänger interessant.

_9) Handlung von DER FALL CHARLES DEXTER WARD_

Im Rückblick erscheint es dem Beobachter sonderbar, dass aus einem freundlichen Jungen ein Wahnsinniger in der Psychiatrie wurde, und das binnen weniger Jahre. Man hätte nicht gedacht, dass aus ihm ein Erwecker widernatürlicher außerirdischer Mächte werden würde.

Charles Dexter Ward wächst Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn eines wohlhabenden und anständigen Mannes im schönen Hafenstädtchen Providence in Rhode Island auf. Zu gern streunt er durch die verwinkelten Gassen, die sich von seinem Elternhaus auf dem Hügel bis zu den Hafenkais hinabziehen. Das geht so, bis er im vorletzten Jahr seiner Schule ist. Da entdeckt er seine Vorliebe für Ahnenkunde und Geschichtsforschung.

Ward dringt immer weiter in die Vergangenheit seiner Familie ein und stößt 1918 auf ein von den Stadtvätern seit 150 Jahren unterdrücktes Geheimnis. Wards Ururugroßvater ist ein gewisser Joseph Curwen, der im Jahr 1692 aus Salem, Massachusetts, nach den dortigen Hexenprozessen, ins friedliche, liberale Providence floh. Merkwürdig war nur, das Curwen selbst im hohen Alter, also etwa 1770, keinen Tag älter als 30 Jahre aussah. Ward stößt in Curwens altem Stadthaus auf ein verborgenes Gemälde: Curwen sieht fast aufs Haar genauso aus wie Ward aus, bis auf eine kleine Narbe über dem Auge.

Mit der Verpflanzung dieses Gemäldes scheint das Unheil begonnen zu haben, erinnert sich der engste Freund der Familie, Dr. Marinus Willet. Denn Joseph Curwen ist in der Stadtgeschichte mit einer großen Aktion gegen ihn und seine Machenschaften verknüpft: Auf Curwens Bauernhof in der Vorstadt Pawtuxet wurden unheilige Riten abgehalten, Lichter stiegen gen Himmel auf und einmal wurden im nahen Bach Knochen und eine sonderbare Leiche gefunden, vom grässlichen Gestank, der dort herrschte, ganz zu schweigen.

Die Stadtväter sahen sich gezwungen, mit hundert Mann gegen Curwen vorzugehen und sein Nest auszuräuchern. Sie waren so erbost über das, was sie vorfanden, dass sie Curwen auf der Stelle töteten. Es ist bemerkenswert, dass niemand über die Geschehnisse dort redete. Curwens Grabstein wurde unkenntlich gemacht, sein Name getilgt.

Deshalb versetzt es die Verwaltung ab ca. 1924 in Alarmzustand, als man mehrmals Leute auf dem Friedhof beobachtet, die sich an Grabsteinen zu schaffen machen. Wards Vater und Dr. Willet sind alarmiert, als sich der junge Charles gegen das College entscheidet und sich 1924 lieber nach Europa aufmacht, um dort seine „Studien“ zu vertiefen. Wie sich später zeigt, besucht er frühere Kollegen des „Hexenmeisters“ Curwen, die ebenso wenig gealtert sind: einer in Prag und einer in Transsilvanien. Es sind Freunde aus der Salemer Zeit vor den Hexenprozessen. Und sie alle haben ein bestimmtes Interesse: Nekromantie – die Beschwörung von Toten.

Nach seiner Rückkehr richtet sich Charles ein chemisches Labor ein und beginnt sowohl zu experimentieren als auch Anrufungen und Riten zu vollziehen, dass es seinen Mitbewohnern und selbst den Haustieren graust. Er schlägt den gleichen Werdegang ein, den Joseph Curwen seinerzeit gegangen war – und der kann nur ins Verderben führen. Er findet den Sarg und stiehlt Curwens Leiche, doch hat er sich verrechnet: Curwen bemächtigt sich als Wiedergänger des Geistes und der Gestalt seines jungen Nachfahren und geht wieder seinen alten Umtrieben nach.

Als Dr. Willet am Höhepunkt der schauderhaften Vorgänge um den armen Charles dessen „Bungalow“ untersucht, der auf dem gleichen Grundstück steht wie vor 150 Jahren Curwens Bauernhof, stößt er auf unfassbare Gräuel, die sich in den untersten Gewölben abgespielt haben müssen: Geisterbeschwörungen und Leichenschändungen – Nekromantie.

Leider beschwört Willet aus Versehen einen alten Feind der Menschen: den Großen Alten namens Yog-Sothoth, den „Wächter des Tores“…

|Mein Eindruck|

Im Gegensatz zu dem Verfahren von Edgar Allan Poe ist H. P. Lovecraft nicht am Innenleben seiner Hauptfigur interessiert. Vielmehr bekommen wir Leser immer nur die Perspektive von Berichterstattern und Zeugen vorgesetzt, die beglaubigen sollen, wie furchtbar das Schicksal des jungen Ward doch sei. Dies dient dazu, die Schrecken, die beschworen werden, auch realistisch wirken zu lassen. Die Zeugen – allen voran Dr. Willet – stellen ihre Vermutungen darüber an, was Ward zur Nekromantie bewogen haben mag.

|Locations|

Alle liebevoll geschilderten Schauplätze wie die Stadt Providence, Wards Elternhaus, aber besonders das frühere Stadthaus Curwens und sein abgelegener Bauernhof (eine bevorzugte „location“ aller Cthulhu-Autoren) belegen, wie realistisch der Werdegang des jungen Ward ist. Denn dies ist die Historie, in der er aufwächst – eine redigierte Historie, wie er selbst herausfindet, in der der schwarze Fleck des J. Curwen fast vollkommen getilgt worden ist. Doch eben nur fast. Aus kleinen Hinweisen erschließt sich Ward wie ein Detektiv à la Poe die Vorgeschichte seines eigenen Geschlechts und somit auch seiner Heimatstadt (die für Amerika allgemein steht).

|Wahnsinn – auch in HPLs Familie|

Doktor Willet ist überzeugt, dass bis zu diesem Punkt Ward völlig zurechnungsfähig gewesen sei. Doch an welchem Punkt begann Wards Wahnsinn? In diesem Punkt gehen die Meinungen von Dr. Willet und den Irrenärzten aus Providence und Boston stark auseinander.

Lovecraft ist auch hierfür Experte: Sein Vater kam 1892 in die Psychiatrie und starb dort, als Howard gerade mal sieben Jahre alt war. Man kann sich vielleicht seinen Schrecken ausmalen, als auch seine Mutter begann, geistige Verwirrung und Psychosen an den Tag zu legen. Sie starb 1921 in der gleichen Nervenheilanstalt wie HPLs Vater. (HPL konnte seine Freiheit mit seiner Frau Sonia Greene, einer New Yorker Schauspielerin, nicht genießen: Seine beiden Tanten Annie und Edna wachten nun ebenso streng über ihn wie vormals seine Mutter.)

An welchem Punkt kann man noch von chemischen Experimenten sprechen und wann von Okkultismus? Lovecraft war ein Experte in Sachen Geheimlehren, Okkultismus, Hexenglaube usw. Er hatte als Wunderkind schon mit sechs Jahren begonnen, die ersten Geschichten zu schreiben und verschlang Bücher geradezu: Die Bibliothek seines Vaters umfasste an die 2000 Bände. Ständig tauchen in seinen Geschichten Bibliotheken und Museen als Hort des Wissens – auch verbotenen Wissens – auf. Auf dieser Grundlage beschäftigte er sich, wie sein Held Ward, mit der Geschichte seiner Heimatstadt und der Umgebung, insbesondere Salems – und aufgrund der dortigen Hexenprozesse natürlich mit Hexenwahn usw.. So weist Curwen beispielsweise ein schwarzes Hexenmal auf. Es dient dazu, ihn von Ward zu unterscheiden, der lediglich ein Muttermal hat.

|Entgleisung, Verdrängung|

Wie konnte es zu Wards Persönlichkeitsverdrängung durch Curwen kommen? Im Roman wird es durch eine mittelalterliche Geheimlehre eines gewissen Borellus erklärt. Doch in modernen Begriffen formuliert, könnte man vom übermächtigen Einfluss der Vergangenheit auf die gegenwärtige seelische und geistige Entwicklung des einsamen aufwachsenden, rückgratlosen jungen Ward sprechen. Der Einfluss der Mutter ist völlig ausgeschaltet – sie wird sogar aus Sicherheitsgründen nach Atlantic City in die Kur geschickt. Bleiben also nur standhafte Männer wie Dr. Willet, um Wards Entgleisung zu protokollieren und schließlich zu stoppen.

Was mir leider nicht ganz klar wurde, ist der finstere Drang, der Ward dazu bringt, Curwen auszubuddeln, dessen Forschungen weiterzutreiben, ihn zurück ins Leben zu bringen und so den eigenen Untergang heraufzubeschwören. Einmal verdrängt, ist Ward eine Sache der Vergangenheit. Ich kann es mir nur damit erklären, dass Ward von Curwen Hilfe erwartete, als er Nekromantie und Dämonenbeschwörung ausüben wollte – in dem frevlerischen Bemühen, immer mehr Wissen von den Toten zu erlangen. Ward ging also einen faustischen Pakt mit seinem Vorfahren ein und verlor.

|Spannung bis zur letzten Seite|

Hätte Lovecraft seinen gelungenen „magischen“ Roman wie einen „normalen“ Bildungsroman aufgebaut, so wäre das Thema in Langeweile untergegangen. Lovecraft geht ganz anders vor: Er beginnt mit dem Ende. Ward ist aus der Irrenanstalt ausgebrochen, heißt es, man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Doch wie konnte es dazu kommen? Nun beginnt mit dem zweiten Kapitel nicht Wards Geschichte, sondern die von Joseph Curwen, ebenfalls wieder berichtet nach Zeugenaussagen und Briefen, wie sie später Ward zur Verfügung standen.

Das Curwen-Geschehen steigert sich bis zu seinem tödlichen Finale. Als dann endlich der im Prolog erwähnte junge Held auf die Bühne tritt, ahnt der Leser schon den düsteren Schatten der Vergangenheit, der über Wards Haupt schwebt. Und so steigert sich auch diese Hälfte der Romanhandlung zu ihrem Finale.

Auftritt Dr. Willet: Er spürt dem Geheimnis unter dem Grundstück in Pawtuxet nach – und fällt von einem Grauen in den nächsten Schrecken – bis endlich ein oder sogar zwei Finali mehr nötig werden. Wie auch in „Schatten über Innsmouth“ erzeugen die späten Wendungen des Plots eine weitere, kaum für möglich gehaltene Steigerung des Grauens. Allerdings kommt für Kenner dieses Ende nicht sonderlich überraschend. Aber für Spannung ist immerhin gesorgt. Und der obligate Schreck fährt dem Leser denn auch noch in der letzten Zeile in die Glieder.

_10) Das Grauen von Dunwich_

In der ländlichen Gegend der Aylesbury-Hügel Neuenglands soll es mehrere Opferstätten gegeben haben, mit stehenden Steinen und Felsplatten, auf denen satanische Riten vollzogen wurden. Die Wichtigste davon ist der Sentinel Hill: Hier stinkt es, und der Berg grollt – besonders zu Walpurgis (30.4.) und Halloween (31.10.).

Die Menschen, die hier siedeln, sind einfache Bauern – mit zwei Ausnahmen: den bessergestellten Sippen der Whateleys und der Bishops, die beide aus Salem stammen, wo im 17. Jahrhundert die berühmten Hexenprozesse stattfanden. Es geht um einen Sippenzweig, den man allgemein die Hexen-Whateleys nennt und der abgelegen wohnt.

Am 2.2.1913 kommt Wilbur Whateley zur Welt, und sein Vater ist unbekannt. Seine Mutter ist die albinoweiße und entstellte Lavinia, die im Haus ihres Vaters, des Alten, lebt. Wilbur wächst rasend schnell, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, und sieht aus wie ein Ziegenbock. Er versetzt alle Hunde in Wut und erschießt auch den einen oder anderen. Schon mit vier Jahren ist er so groß wie ein 15-jähriger. Sein Vater lehrt ihn die Geheimnisse der Großen Alten. Im Obergeschoss lebt aber noch ein weiteres Wesen, das man nie zu Gesicht bekommt, sondern nur hören und – leider – riechen kann.

Als der Alte stirbt, bekommt der junge Wilbur, inzwischen über 2,10 Meter groß, ein Problem: Er muss die Verbindung zwischen dem Wesen im Obergeschoss und dessen Vater Yog-Sothoth herstellen, damit es gelenkt werden kann. Leider fehlt ihm dazu die korrekte Beschwörungsformel in seiner Ausgabe des verbotenen Buches „Necronomicon“. Durch seinen (vergeblichen) Besuch in der Uni-Bibliothek von Arkham alarmiert er die dortigen Gelehrten, der sofort alle anderen Bibliotheken verständigt. Daher versucht Wilbur eines Nachts, das Buch aus der Uni zu rauben – und der Anblick, der sich den Gelehrten bietet, ist nicht abdruckfähig.

Während der Bibliotheksleiter Dr. Henry Armitage fieberhaft das Tagebuch Wilbur zu entschlüsseln versucht, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, bricht das Wesen in Dunwich aus und verbreitet Angst und Schrecken: Durch Unsichtbarkeit unangreifbar, frisst es nicht nur Viehherden, sondern auch deren Besitzer.

Doch dann findet Armitage eine Gegenbeschwörung, und zusammen mit zwei Kollegen sowie den Bauern der Gegend ziehen die Ghostbuster aus, dem dämonischen Ungeheuer, das bislang niemand gesehen hat, aber groß wie ein Haus sein muss, den Garaus zu machen.

|Mein Eindruck|

Dieser fast 70 Seiten lange Kurzroman ist in zehn Kapitel eingeteilt und konsequent auf die Erzielung eines bestimmten Effektes – kosmischen Grauens – ausgerichtet. Der Horror kommt in sich steigernden Stufen, eine unheilvoller als die vorangegangene – bis zum Finale und einer Pointe, die auf den Anfang verweist, wodurch sich die schauderhafte Wirkung noch einmal potenziert (also nichts für zarte Gemüter). Man beachte: Nahe dem englischen Aylesbury befindet sich Stonehenge, und die Novelle kann als Kommentar auf englische Verhältnisse gedeutet werden um 1930 gedeutet werden, als auch dort der Faschismus aufkam.

_11) Der Flüsterer im Dunkeln_

Man schreibt das Jahr 1927, als große Hochwasser die Flüsse des bergigen US-Bundesstaates Vermont anschwellen lassen. Dabei werden merkwürdige Kadaver angeschwemmt, die vage an Krebse mit Schwingen erinnern. Die Zeitungen sind voll von Spekulationen, doch der Ich-Erzähler Albert Wilmarth, seines Zeichens Uni-Dozent in Arkham, will sich diesen Spinnereien nicht anschließen. Dennoch zählt er gewissenhaft all die einheimischen Legenden sowohl der Kolonisten wie auch der Indianer auf. Demnach haben sich in den unzugänglichen Bergen Außerirdische niedergelassen, um nach Metall zu schürfen, dass sie sonst nirgendwo bekommen.

Im April 1928 erhält Wilmarth den ersten Brief von Henry Wentworth Akeley, einem geachteten Privatgelehrten aus uralter angesehener Familie. Er bestätigt, dass diese Berichte und Legenden einen Funken Wahrheit enthielten. In einem zweiten Brief schickt er Dokumente wie etwa Fotos sowie einen schwarzen Stein mit einer unbekannten Inschrift mit. Der Höhepunkt ist jedoch ein Tondokument, das eines der Phänomene dokumentiert, die in jener Gegend am Dark Mountain wahrzunehmen waren: Eine menschliche Stimme und eine summende, nichtmenschliche Stimme preisen ein Wesen namens Shub-Niggurath, die „Schwarze Ziege aus den Wäldern mit den tausend Jungen“.

Wilmarth läuft ein kalter Schauder den Rücken hinunter und ein namenloses Grauen erfasst sein Herz. Soll er den Phänomenen auf den Grund gehen? Der immer ausgedehnter werdende Briefwechsel mit Akeley drängt ihn dazu, sich in größte Lebensgefahr zu begeben. In den Bergen um den Dark Mountain wartet man bereits auf sein Erscheinen, und es wird denn auch durch Akeleys seltsamen letzten Brief ausgelöst.

Akeley äußert sich darin voller Verständnis und keineswegs mehr grauenerfüllt gegenüber den Außerirdischen, verrät sogar einige ihrer Geheimnisse: Sie hätten eine Operationsbasis auf dem Planeten Yuggoth errichtet, der jenseits des Neptun seine Kreisbahn ziehe und von irdischen Astronomen erst in Kürze entdeckt werde (der Pluto). Akeley drängt Wilmarth, schnellstens zu kommen und dabei keinesfalls sämtliche Beweisstücke zu vergessen. Diese würden noch gebraucht. Wilmarth nimmt den Zug und wird am Zielbahnhof von einem schweigsamen jungen Mann abgeholt.

Um Akeleys Haus herrscht zwar eine Grabesstille – keine Spur von Vieh oder Wachhunden – doch der Mann selbst lebt noch, wenn er auch unter einem asthmatischen Fieber leidet und so stark vermummt ist, dass nur sein Gesicht aus dem Halbdunkel hervorschaut, in das das Zimmer getaucht ist.

Mit wachsender Verwunderung lauscht Wilmarth dem halb gesummten Monolog Akeleys, während eine seltsame Vibration sein Gehirn erfüllt. Dann schlägt die Verwunderung in wachsendes Grauen um.

|Mein Eindruck|

Der Übergang von der Horrorstory zur Science-Fiction-Erzählung ist – wie in „Die Farbe aus dem All“ – fließend. Wie schon oben erwähnt, handelt sich bei den Monstren auf Akeleys Grundstück und in den Bergen ringsum tatsächlich um Außerirdische. Sie haben, so erfährt Wilmarth aus dem letzten merkwürdigen Brief Akeleys, eine Basis auf dem Planeten Pluto errichtet, den sie Yuggoth nennen.

Und sie haben eine Technik entwickelt, um das Gehirn vom restlichen Körper abzutrennen und auf Reisen schicken zu können. Tatsächlich begegnet Wilmarth in Akeleys Haus einem dieser mobilen Gehirne, das mittels dreier Schaltungen zu sprechen, zu sehen und zu riechen in der Lage ist. Akeley offeriert Wilmarth, sein Gehirn auf diese Weise zu mobilisieren und zu unbekannten, immens weit entfernten Welten mitzunehmen. Wilmarth fasst dies als Drohung auf: Will man ihn erst seines Körpers und dann seiner Menschlichkeit berauben?

Die Story ist so ungemein geschickt erzählt, dass die Pointe erst ganz am Schluss, im letzten Satz, gesetzt wird, so dass sie den Leser mit voller Wucht trifft. Allerdings ist die Erzählweise nicht kunstvoll genug, um den Leser daran zu hindern, nicht schon frühzeitig die richtigen Schlüsse ziehen zu lassen. Der Schluss kommt also für den gewieften Leser nicht allzu überraschend.

Es gibt auch einen kleinen Insiderwitz, den ich meinem Leser nicht vorenthalten möchte. Im letzten Drittel erwähnt Akeley einen „Hohepriester Klarkash-ton“. Damit ist kein anderer als Clark Ashton-Smith gemeint, einer der engsten Schriftstellerfreunde von H.P. Lovecraft.

Die Erzählung ist einer der Höhepunkte im Zyklus um den „Cthulhu-Mythos“, auch wenn sie meiner Ansicht nach schwächer ist als etwa „Schatten über Innsmouth“. Das liegt zum Teil daran, dass Wilmarth nicht vorbelastet, sondern im Gegenteil geradezu ein Saubermann ist. So bleibt die Grenzlinie zwischen Uns (Wilmarth & Co.) und Denen (Aliens & Handlanger) durchweg aufrechterhalten, wohingegen sie in „Schatten über Innsmouth“ komplett zusammenbricht, was doch einen beträchtlich größeren Horroreffekt auf den Leser ausübt.

Während „Innsmouth“ den Alien IN UNS aufspürt, zeigt uns Akeley den Alien da DRAUSSEN. Dort draußen, das ist Yuggoth alias Pluto, wo die Aliens ihren Stützpunkt errichtet haben, quasi einen Umsteigebahnhof für reisende Gehirne, aber auch Umschlagplatz für auf Erden abgebautes Eisenerz. Deshalb ist der Science-Fiction-Aspekt in dieser Erzählung viel gewichtiger als in den anderen Cthulhu-Stories. Wie bei den mobilen Hirnen (vgl. Stanislaw Lem) nimmt auch die Idee einer Alien-Operationsbasis viele spätere Space Operas vorweg.

_12) Vorwort von Marco Frenschkowski_

In seinem Vorwort stellt der Theologe den Autor vor und grenzt dessen Art von übernatürlichen Erzählungen ganz deutlich von der Fantasy ab. Während die Fantasy das Vertraute in verschiedenen Masken des Ich sucht und somit stets menschliche Themen findet, wird Lovecraft in seinen fiktionalen Erkundungen stets beim Fremdartigen fündig. Seine Götter sind echte Aliens, also andersartige Fremde.In diesem Sinne sind seine Erzählungen auch religiös, aber auf eine ganz eigene Weise. HPL leugnet nicht die Existenz von Göttern, sondern den Glauben an sie, daher nennt ihn Frenschkowski einen Atheisten statt einen Agnostiker.

Der Theologe wirkt etwas widersprüchlich. Erst spricht er dem Cthulhu-Mythos die Merkmale eines Mythos ab, dann fragt er, ob diese Mythologie eine religiöse Bedeutung habe. Ich pflichte ihm allerdings bei, wenn er sagt, dass die Erzählungen HPLs, in denen die Großen Alten vorkommen, noch längst keinen zusammenhängenden Kosmos ergeben. Deshalb lässt sich eher von einem Legendarium à la Tolkien sprechen als von einem erzählerischen Kosmos mit einer eigenen Geschichte. Cthulhu & Co. dienen lediglich als Roter Faden.

_Unterm Strich_

Dieser erste Band aus der „Chronik des Cthulhu-Mythos“ präsentiert mit „Der Ruf des Cthulhu“ und „Der Fall Charles Dexter Ward“ bereits zwei zentrale Texte des sogenannten „Mythos“. Man sollte sie kennen. Doch der nur auf schnellen Konsum bedachte Interessent sei gewarnt: Die Kurzgeschichten mögen schnell zu lesen sein und schnellen Genuss ermöglichen, doch „Der Fall Charles Dexter Ward“ verweigert sich diesem Ansinnen beharrlich (ebenso übrigens wie die anderen Romane HPLs). Dessen Handlung läuft auf mehreren Zeitebenen und mit zwei Hauptfiguren (Ward und Curwen) in einer sehr detailliert geschilderten Lokation ab, nämlich dem freigeistigen Providence, Rhode Island. Hier heißt es „mitdenken und den Überblick behalten“!

Der Theologe Marco Frenschkowski liefert in dieser Ausgabe sehr aufschlussreiche Einleitungen zu den einzelnen Erzählungen, zu ihrer Bedeutung in HPLs Leben und Werk, zu ihrer Entstehungs- und Publikationsgeschichte und zu ihren literarischen Folgen.

Ganz besonders umfangreich widmet er sich dem Roman „Der Fall Charles Dexter Ward“, der zu Lovecrafts ausgefeiltesten Texten gehört. Der Autor widmete sich laut Frenschkowski deshalb so ausführlich der Geschichte, weil er Providence, den Schauplatz der Handlung, wo er ja selbst zeit seines Lebens – bis auf zwei jahre in New York City – lebte, innig liebte. Die Hauptstadt von Rhode Island spielt nicht nur eine zentrale Rolle, sondern ist selbst ein Charakter in der Story. Warum das so ist, wie sich dies äußert, wie es sich belegen lässt und was dies für Folgen in der Story für Ward und Curwen hatte, kann Frenschkowski mit einer Fülle von Forschungsergebnissen und sogar eigenen Erlebnissen vor Ort veranschaulichen.

Hilfreich sind auch seine Hinweise zu „Das Grauen von Dunwich“. Er sagt, dass sich die Geschichte vollständig verstehen lasse, wenn man Arthur Machens Erzählungen „Der große Gott Pan“ (1893) und „Das weiße Volk“ (1899) kenne. Das mag durchaus plausibel sein, denn Lovecraft schrieb nicht für die allgemeine Öffentlichkeit, sondern für einen engen Freundes- und Bekanntenkreis Gleichgesinnter. Bei diesen könnte er solche intertextuellen Bezüge als bekannt voraussetzen. Ja, dabei ging er soweit, dass er augenzwinkernd andere Autoren wie Clark Ashton Smith in seine Text einbaute und von ihnen Namen und Motive borgte. Über seine bekannte Verehrung für Poe und Dunsany braucht man kein Wort mehr zu verlieren.

Dass der Kommentator Theologe ist, erweist sich immer wieder als von großem Vorteil. So ist es ihm möglich, die alchimistischen bzw. magischen Rituale Curwens bis ins kleinste Detail zu entschlüsseln – und sogar HPLs Irrtümer und Fehler aufzuspüren und zu korrigieren.

Obwohl es sich also um keine historisch-kritische Werkausgabe im wissenschaftlichen Sinne handelt (ein Index fehlt ebenso wie eine Bibliografie), erhält man doch für ein geringes Entgelt einen hochwertigen Kommentar, der zum Verständnis der Texte beiträgt, sich aber jeder inhaltlichen Kritik enthält (im Unterschied etwa zu S. T. Joshis HPL-kritischen Arbeiten). Damit steht dem Vergnügen an den Texten nichts mehr im Wege.

Taschenbuch: 499 Seiten
Aus dem US-Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3865521446
www.festa-verlag.de

H. P. Lovecraft – Chronik des Cthulhu-Mythos II

Kommentierte Werkausgabe Teil 2: Kosmischer Horror

Diese Chronik in zwei Bänden vereint erstmals die vollständigen Werke Lovecrafts zum Cthulhu-Mythos. In Band 2 sind die Novellen BERGE DES WAHNSINNS, DER SCHATTEN ÜBER INNSMOUTH und die Kurzgeschichten „Träume im Hexenhaus“, „Das Ding auf der Schwelle“, „Der Schatten aus der Zeit“ und „Jäger der Finsternis“ enthalten. Mit einer Einleitung und ausführlichen Erläuterungen zu den einzelnen Werken von Dr. Marco Frenschkowski. (erweiterte Verlagsinfo)

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

H. P. Lovecraft – Chronik des Cthulhu-Mythos II weiterlesen

Robert Charles Wilson – Die Chronolithen

Invasion aus der Zukunft

Auf der Erde tauchen einer nach dem anderen gigantische Obelisken aus unzerstörbarem Material auf. Die Inschrift verkündet den Sieg eines gewissen Kuin im Jahre 2041 – 20 Jahre in der Zukunft. Ist dieser Kuin ein Welteroberer, der zusätzlich auch die Zeit bezwungen hat? Oder ein Messias, der sein Kommen auf zerstörerische Weise ankündigt? Und was hat Programmierer Scott Warden mit den Dingern zu tun?

Der Autor

Robert Charles Wilson, geboren 1953, lebt mit seiner Familie in der Nähe des kanadischen Toronto. Laut Verlag zählt er zu den „bedeutendsten Autoren der modernen Science-Fiction“. Eine Einschätzung, die ich nicht teile. Immerhin erhielt er einmal den |Philip K. Dick Award| für das beste SF-Taschenbuch und einmal den |John W. Campbell Award|, ein Preis für Newcomer, für „Die Chronolithen“. Eine Auszeichnung mit dem |Hugo Gernsback| oder dem |Nebula Award| fehlt in dieser Liste, aber er stand öfters unter den Nominierten. Seinen Roman „Darwinia“ habe ich hier ebenfalls rezensiert.

Spin-Trilogie

Spin, Tor 2005, ISBN 0-765-30938-6
Spin, Heyne 2006, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 3-453-52200-1
Axis, Tor 2007, ISBN 0-765-30939-4
Axis, Heyne 2008, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 3-453-52335-0
Vortex, Tor 2011, ISBN 978-0-7653-2342-2
Vortex, Heyne 2012, Übersetzer Marianne und P. H. Linckens, ISBN 978-3-453-52898-7
Magic Time
3. Ghostlands, Eos / HarperCollins 2004, ISBN 0-06-105070-9 (mit Marc Scott Zicree)

Einzelromane

A Hidden Place, Bantam Spectra 1986, ISBN 0-553-26103-7
Memory Wire, Bantam Spectra 1988, ISBN 0-553-26853-8
Gypsies, Doubleday Foundation 1989, ISBN 0-385-24933-0
The Divide, Doubleday Foundation 1990, ISBN 0-385-26655-3
A Bridge of Years, Doubleday Foundation 1991, ISBN 0-385-41937-6
Bis ans Ende aller Zeit, Goldmann 1994, Übersetzer Michael Kubiak, ISBN 3-442-42012-1
auch: Chronos, Heyne 2008, ISBN 978-3-453-52448-4
The Harvest, Bantam Spectra 1993, ISBN 0-553-09123-9
Mysterium, Bantam Spectra 1994, ISBN 0-553-37365-X
Darwinia, Tor 1998, ISBN 0-312-86038-2
Darwinia, Heyne 2002, Übersetzer Hendrik P. und Marianne Linckens, ISBN 3-453-19659-7
Neuveröffentlichung: Februar 2010, ISBN 978-3-453-52646-4
Bios, Tor 1999, ISBN 0-312-86857-X
Bios, Heyne 2003, Übersetzer Hendrik P. und Marianne Linckens, ISBN 3-453-86360-7
The Chronoliths, Tor 2001, ISBN 0-312-87384-0
Die Chronolithen, Heyne 2005, Übersetzer Hendrik P. und Marianne Linckens, ISBN 3-453-52105-6
Blind Lake, Tor 2003, ISBN 0-765-30262-4
Quarantäne, Heyne 2007, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 3-453-52316-4
Julian Comstock: A Story of 22nd-Century America, Tor 2009, ISBN 978-0-7653-1971-5
Julian Comstock, Heyne 2009, Übersetzer Hendrik P. und Marianne Linckens, ISBN 978-3-453-52566-5
Burning Paradise, Tor 2013, ISBN 978-0-7653-3261-5
Kontrolle, Heyne 2017, Übersetzer Friedrich Mader, ISBN 978-3-453-31658-4
The Affinities, Tor 2015, ISBN 978-0-7653-3262-2
Netzwerk, Heyne 2017, Übersetzer Friedrich Mader, ISBN 978-3453316577
Last Year, Tor 2016, ISBN 978-0-7653-3263-9

Handlung

Scott Warden ist ein Programmierer, der gerade mit seiner Frau Janice und seiner kleinen Tochter Kaitlin Urlaub in Thailand macht. Da ereignet sich etwas in der Weltgeschichte Unerhörtes ganz in der Nähe. Ein 70-Meter-Obelisk erscheint aus dem Nichts und macht mit seiner Druckwelle den umliegenden Wald platt. Mit seinem Kumpel Hitch Paley, einem Drogenhändler, macht sich Scott auf den Weg, den Obelisken zu besichtigen, bevor die Gegend vom Militär zur Sperrzone erklärt wird. Bei seiner Abfahrt macht er einen schweren Fehler: Er sagt Janice nicht, wo er hingeht. Als er am nächsten Tag zurückkehrt, ist sie weg.

Der Obelisk selbst ist ziemlich beeindruckend. In seiner Umgebung ist es saukalt, als sauge er Energie ab. Die Inschrift kann niemand vollständig entziffern, bis auf eine Zahl: 2041 – genau 20 Jahre in der Zukunft und einen Namen: Kuin. Ein zweites Merkmal ist unübersehbar: das Antlitz von Kuin ist eingraviert. Kuin verkündet seinen Sieg über das Land, das er unterworfen habe. Das Gegenteil eines Mahnmals.

Das Omen wird nicht das letzte sein: Wenige Tage später macht ein weiterer Obelisk Bangkok platt, dann folgen Macao, Taipeh und Sapporo, schließlich Istanbul, Kairo und sogar Jerusalem. Weitere Obelisken tauchen in China auf: Sie zerstören einen Staudamm am Gelben Fluss, was eine zerstörerische Flutwelle zur Folge hat. Der chinesische Versuch, einen der Obelisken mittels Atomrakete zu beschädigen, schlägt fehl. Lediglich die Umgebung wird radioaktiv verstrahlt. Die Weltwirtschaft gerät in eine schwere Krise, weil riesige Märkte wegbrechen. Und das Klima verändert sich.

Back in the U.S.A.

Nachdem der Geheimdienst Scott freigelassen hat, sieht er seine Familie erst in den USA wieder. Dort erklärt ihm Janice, was er alles falsch gemacht. So ungefähr alles. Kait hatte eine lebensbedrohliche Ohreninfektion und musste dringend ins Krankenhaus – wo war da Scott? Wo war er, als Frau und Kind wieder ausreisen konnten? Scott kann von Glück sagen, dass er wieder einen Job als Programmierer bekommt, in Minneapolis.

Jahre später, nach eindrucksvoller Pionierarbeit, wird er urplötzlich gefeuert. Seine Frage nach dem Grund wird von seiner ehemaligen Dozentin Sulamith Chopra beantwortet. Sie ist der führende Kopf der Chronolithenforschung und will ihn als Programmierer, um ihre Computermodelle auf Vordermann zu bringen. Sie kann messen, wo der nächste Obelisk „landen“ wird. Endlich befindet sich Scott mitten in der wichtigsten Anstrengung der Menschheit, um gegen die Bedrohung durch die Kuin-Chronolithen vorzugehen. Das beschäftigt ihn die nächsten Jahre, wobei besonders der Jerusalem-Kuin ein denkwürdiges Ereignis bereithält.

Allerdings hat er nicht mit Abtrünnigen aus der eigenen Familie gerechnet…

Mein Eindruck

„Chronolithen“ ist ein Invasionsroman der besonderen Art. Die Eroberung der Erde erfolgt nicht nur von keinem erkennbaren Ort, sondern nur aus der Zukunft. Das macht die Bekämpfung ziemlich schwierig, um nicht zu sagen: unmöglich. Doch in den rund 20 Jahren, die der Erzählzeitraum umfasst, gelingt es Sulamith Chopra, einen Grenzfaktor herauszufinden, bei dessen Überschreiten ein Obelisk instabil wird. Man muss nur ein kleines bisschen nachhelfen, und schon kracht der Obelisk zu Boden.

Second Coming

So weit zumindest die Theorie. Doch die menschliche Psyche ist ein wunderbares und schauriges Ding, und so kann es nicht ausbleiben, dass das angekündigte Erscheinen von Kuin, dem großen Eroberer, seine Schatten weit vorauswirft. Wie würden sich Gläubige und Ungläubige verhalten, wenn sie erführen, dass Jesus Christus ein zweites Mal auf der Erde auftauchen würde, das berühmte „Second Coming“?

Genau wie bei Kuin würde sich ein mehr oder weniger militantes Lager der Unterstützer und eines der Gegner bilden. Sie würden einander bis aufs Blut bekämpfen, wenn sie es als notwendig erachten – und dabei ist der Messias noch nicht einmal erschienen. Das Gleiche würde vermutlich passieren, wenn die Menschen erführen, dass es einen zweiten 11. September geben wird.

Das Portillo-Ereignis

Dementsprechend bildet sich weltweit ein Lager der Kuinisten, und ein besonders militanter Ableger etabliert sich in Texas, an der Grenze zu Mexiko, wo es einfacher ist, Waffen und Menschen zu schmuggeln. Dort unten erlebt Scotty erstmals, was es bedeutet, unter Kuinisten zu geraten. Sie haben sich bei dem Städtchen Portillo versammelt, wo sie wie bei einem Open-Air-Konzert ihre Zelte aufstellen, während die Medien und Wasserverkäufer sie umschwärmen. Sie alle warten auf den von Sue Chopra angekündigten Obelisken, haben aber keine Ahnung, auf was sie sich gefasst machen müssen.

Scotty, geführt von Hitch Paley, hat Ashlee dabei, die Mutter eines verschwundenen Jungen namens Adam Mills. Als es Hitch gelingt, Adam in der Zeltstadt aufzustöbern, muss Ashley erkennen, dass es ihr unmöglich ist, ihren kuinistischen Sohn zurückzuholen. Er benimmt sich vielmehr so, als seien ihm sie und ihresgleichen herzlich gleichgültig. Die Bücher, die er gelesen hat, begrüßen das Kommen Kuins ausdrücklich als Chance für die Menschheit, eine Veränderung herbeizuführen, um der allgegenwärtigen Misere ein Ende zu bereiten. Dabei lassen die Autoren geflissentlich außer Acht, dass es Kuins Obelisken waren, die diese Misere herbeigeführt haben.

In Adams Gruppe befindet sich auch Scottys eigene Tochter Kaitlin, nach der er verzweifelt gesucht hat. Er rettet sie aus diesem Höllenloch, doch da ist sie bereits sehr krank und wird einen irreversiblen Schaden davontragen: Sie wird unfruchtbar. Es sind Ereignisse wird die Portillo-Erscheinung, durch die der Leser an der Geschichte Anteil nimmt. Solche Dinge lassen einen nicht kalt und können von jedem – zumindest ansatzweise – nachvollzogen werden. Dass dies noch nicht das Ende der Gräueltaten bedeutet, darf ich ruhig verraten, und empfindsame Leser seien gewarnt.

Soft Science

Im Vordergrund stehen also nicht die naturwissenschaftlichen Entdeckungen, die wie in der frühen SF dem Menschen zur Bewältigung sämtlicher Schwierigkeiten verhelfen, sondern vielmehr die allzu menschlichen, psychologischen und weltpolitischen Probleme, die sich aus der Invasion durch die Kuin-Obelisken ergeben.

Das ist allerdings nicht so spannend, wie es sich vielleicht anhört. Vielmehr geschieht ziemlich wenig, denn der Autor – und wohl auch sein Erzähler Scotty – kennt sehr wohl den chinesischen Fluch: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Scotty versucht vielmehr, sich aus den „interessanten Zeiten“ herauszuhalten, nachdem er seinen Beitrag geleistet hat. Aber wie Sue Chopra klar erkannt hat, ist er ein Teil der Verbindung aus Ereignissen, die sie in ihrem Physiker-Kauderwelsch als „Tau-Turbulenz“ bezeichnet (alle Fachbegriffe wurden übersetzt, keine Sorge). Folglich ist er an den entscheidenden Ereignissen beteiligt, auch als der erste Obelisk auf dem Boden der USA erscheint.

Es sind auf eine perfide Weise eben diese „Landungen“, die für die Action im Buch sorgen, angefangen von der ersten in Chumpon bis zur letzten in Wyoming. Sie bilden sozusagen die Spannungsspitzen in einem weiten Tiefland aus weitaus weniger spannenden menschlichen Interaktionen. Deshalb hat der Autor auch dafür gesorgt, dass der Aufbau einer solchen Spannungsspitze möglichst sorgfältig und langsam erfolgt. Ist es dann endlich so weit, hinterlässt die Katastrophe einen umso nachhaltigeren Eindruck. Um die Wirkung nicht abzuschwächen, finden nur sehr wenige solcher „Landungen“ statt, von denen Scotty uns berichtet.

Die Übersetzung

Obwohl ich mit mancher stilistischen Wortwahl nicht ganz einverstanden war, habe ich die Übersetzung durch die beiden Linckens, die schon lange für |Heyne| arbeiten, als sehr kompetent und leserfreundlich empfunden. Nicht nur gibt es keine offensichtlichen Fehler, sondern auch jeder Begriff, der etwas schwieriger oder unvertrauter sein könnte, wird in einer Fußnote erklärt. Das betrifft nicht nur Bezeichnungen aus der Quanten- und Kernphysik, sondern auch so einfache Dinge wie den deutschen Titel von „A Christmas Carol“ von Charles Dickens.

Dieses berühmte Buch ist für die Geschichte insofern wichtig, weil darin Scrooge, der Geizhals, dem Geist der ZUKÜNFTIGEN Weihnacht begegnet. Und er fragt ihn, ob diese Dinge geschehen MÜSSEN oder geschehen KÖNNEN. Das ist natürlich für den Umgang mit den Chronolithen von großer Bedeutung. Ist die Eroberung durch Kuin und seine Voraus-Truppen unabwendbar — oder kann jeder Einzelne von uns einen kleinen Unterschied bewirken?

Unterm Strich

Dies ist wohlgemerkt ein Invasionsroman, aber man sollte Robert Charles Wilson nicht in einen Topf mit seinem Kollegen John Ringo werfen, der ja auch sehr erfolgreich Invasionen verheerenden Ausmaßes stattfinden lässt. Wo Ringo Herrscharen von Soldaten und Söldnern auf böse, böse Aliens treffen lässt, inszeniert Wilson ein Drama ganz anderer Art. Wenn auch beide Autoren das Ende gut ausgehen lassen, so verläuft der Weg dahin doch völlig verschieden. Wilson legt mehr Wert auf die Schilderung des menschlichen Dramas in wenigen fein gezeichneten Figuren, Ringo scheint mehr Wert auf die Action zu legen: je bombastischer, desto besser.

Wilson schreibt so gut wie sein Landsmann Robert J. Sawyer, den ich sehr schätze, gelingt es Sawyer doch, interessante Ideen auf verständliche und unterhaltsame Weise auszubreiten, zu entwickeln und zu einem stets interessanten Ende zu führen. Man hat ihn einmal als legitimen Nachfolger von Isaac Asimov bezeichnet – kein übler Vergleich. Leider ist Sawyer ungleich weniger erfolgreich als der gute Doktor. In der gleichen Liga spielt John Barnes, der zur Zeit bei |Festa| verlegt wird.

Wilsons Roman eignet sich als weniger für Actionfreunde und mehr für Leute, die lieber denken und empfinden möchten. Die Übersetzung ist kompetent und in vielerlei Hinsicht hilfreich. Das Einzige, was mich gestört hat, ist die Schriftgröße: Hiermit hat der Verlag offensichtlich Seiten geschunden, und was sich nun auf 430 Seiten ausbreitet, hätte man vor 20 oder 30 Jahren auf lediglich 200 Seiten untergebracht.

Taschenbuch: 720 Seiten.
Originaltitel: The Face, 2003
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kleinschmidt.
ISBN-13: 978-3453521056

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Koike, Kazuo / Kamimura, Kazuo – Lady Snowblood vol. 1 – Kind der Rache

_Die Rächerin mit dem Sonnenschirm_

Eine junge Frau kennt nur ein Ziel: Die Rachemission zu erfüllen, auf die ihre Mutter sie geschickt hat. Sie muss 20 Jahre nach dem Mord nur ein paar Übeltäter erledigen. Aber das stellt sich als nicht so einfach heraus. Daher setzt sie nicht nur ihre verborgene Klinge ein, sondern auch die Waffen einer Frau …

„Lady Snowblood“ hat unübersehbar Quentin Tarantino in seiner Arbeit an „Kill Bill“ beeinflusst. Die Parallelen sind unbestreitbar. Für Filmkenner bietet dieser Manga Gelegenheit zur Wiederentdeckung einer wichtigen Quelle des Meisters. Der Essay von Georg Seeßlen erhellt die Hintergründe auf vorbildliche Weise.

_Der Autor_

Kazuo Koike, geboren 1936, unterrichtet seit 2000 als Professor für bildende Kunst an der Universität Osaka. Neben seiner Arbeit als Manga-Autor schreibt er Drehbücher, Libretti und Lyrik. Koike hatte seinen großen Durchbruch mit dem Aufkommen des Gegika-Stils, der in realistischen Zeichnungen nicht auf die Darstellung von Sex und Gewalt verzichtete. Anfang der 70er Jahre schuf er den Manga „Lone Wolf & Cub“, der als sein bekanntestes Werk gilt. Sein Manga „Cry Freeman“ wurde ebenso wie „Lady Snowblood“ (1973 durch Toshiya Fujita) verfilmt. 2004 erhielt Koike den amerikanischen „Hall of Fame Eisner Award“. (Verlagsinfo)

_Der Illustrator_

Kazuo Kamimura (1940-1986) debütierte 1967 mit einem eigenen Manga. Schnell erlangte er für seine extravaganten, erotischen und melancholischen Zeichnungen Anerkennung. Seine Illustrationen zierten zahlreiche Bücher und Plattencover. Gern brach er bestehende Tabus und löste 1972 einen Skandal aus, als er in „Dousei Jidai“ freizügig vom Zusammenleben eines unverheirateten Paares erzählte. In den 70er und 80er Jahren etablierte er sich als Zeichner anspruchsvoller Erwachsenen-Manga und war sehr produktiv: Er zeichnete durchschnittlich 400 Seiten im Monat. Im November 1985 stellte man bei ihm Krebs fest, er starb an den Folgen der Operation. (Verlagsinfo)

_Handlung_

(Ich gebe die Handlung chronologisch wieder, aber sie wird im Buch keineswegs auf diese Weise erzählt, sondern zum Teil in Rückblenden.)

Japan, Ende des 19. Jahrhunderts: In einem Tokioter Frauengefängnis kommt das Mädchen Yuki zur Welt. Ihr Leben hat nach dem Willen ihrer Mutter nur ein Ziel: sich blutig an denen zu rächen, die einst ihre Mutter Sayo schändeten und ihren Mann ermordeten. (Damals führte die Meiji-Regierung die allgemeine Wehrpflicht und diverse Steuern ein. Die Staatsbeamten waren weiß gekleidet, und da Sayos Mann ebenfalls weiße Kleidung trug, war es leicht, ihn für einen der verhassten Beamten zu halten und in der Folge zu töten, ohne Einwände von der Bevölkerung fürchten zu müssen.)

Schon als kleines Mädchen wird Yuki von ihrer Ziehmutter, die aus dem Gefängnis entlassen worden ist, in die Lehre zu einem „sensei“ gegeben, der keine Gnade kennt noch Erbarmen für sie hat. Damit sie Standvermögen entwickelt, steckt er sie beispielsweise in ein Holzfass und rollt dieses den Hügel hinab. Oder er stellt sie auf einen Haufen Steine und greift sie mit einem Holzschwert an, damit sie lernt, ihm, dem Angreifer, stets in die Augen zu sehen statt auf die Waffe.

Der Meister bildet sie zur Kriegerin und Schwertkämpferin aus: „Du hast eine Bestimmung. Vergiss Freude, vergiss Kummer, vergiss Liebe und Hass, vergiss alles außer der Vergeltung!“ Yukis Ziehmutter weiß ganz genau, was sie dem kleinen Mädchen damit antut: Sie beraubt sie ihrer Jugend und jeglichem Vergnügen. Kein Wunder, dass man Yuki praktisch niemals lächeln sieht.

|Zwanzig Jahre später|

Nach zwanzig Jahren ist sie endlich soweit, als Racheengel den drei (im Film vier) Peinigern ihrer Mutter gegenüberzutreten. Sie ist eine schöne junge Frau geworden, mit großen verführerischen Augen, einem schlanken Leib, den sie häufig auch entkleidet zeigt – ganz besonders dann, wenn es das Letzte sein wird, was ihre Gegner je in ihrem Leben sehen werden.

Apropos Fechten: Im Griff ihres Sonnenschirms, den sie überallhin mitnimmt, steckt eine lange dünne Klinge, die superscharf sein muss, denn sie schneidet mühelos. Yuki bewegt sich derartig schnell, dass sie es ohne Weiteres mit mehreren Angreifern gleichzeitig aufnehmen kann. Karate oder ähnliche Kampfsportarten setzt sie seltsamerweise nie ein.

Die gesuchten Racheopfer haben in 20 Jahren ganz verschiedene Lebenssituationen entwickelt. Yuki stellt sich in ihrer Angriffsmethode genau darauf ein. Dieser Angriff ist manchmal als solcher zunächst gar nicht zu erkennen, und der Leser fragt sich, was Yuki da eigentlich treibt. So bittet sie den Betreiber einer Rikschavermietung darum, seine zweisitzigen Rikschas bemalen zu dürfen. Der Erfolg ihrer Illustrationen beim Publikum ist groß, doch es gibt ein Bild, das verboten ist und das an einer ungehörigen Stelle platziert ist. Als dies von einem Kunden entdeckt und angezeigt wird, hat der Rikschastallbetreiber ausgespielt.

|Der indirekte Angriff|

Eine ihrer Zielpersonen gehört nur sehr indirekt zu Yukis Rache. Um die Opfer zu finden, wendet sich Yuki an die Bettler, Armen und Ausgestoßenen (wie im Film), die ihr nur dann helfen wollen, wenn sie ihnen ein Ahnenbuch beschafft. So ein Ahnenbuch bedeutet für sie nämlich bares Geld. Aber wie an so etwas Privates herankommen? Da hat Yuki eine Idee.

Der alte Mann lebt zurückgezogen mit seiner Tochter Aya, die leider an Tuberkulose erkrankt ist. Yuki verkleidet sich als buddhistische Nonne (wenn es so etwas gibt) und nennt sich Setsugetsuni. Sie pflegt Aya, die ungefähr in ihrem Alter ist, aber die Pflege geht viel weiter: sie verführt Aya und feiert mit ihr heimlich heiße Liebesnächte. Erst durch den Arzt erfahren wir, dass dies genau die falsche „Behandlung“ ist: kein Geschlechtsverkehr bei TBC! Ayas Vater ist konsterniert: Kein Mann durfte je in Ayas Nähe – außer ihm selbst, versteht sich. Bis zu Ayas Tod ahnt er daher nicht, wer schuld ist am Tod seiner Tochter. Ayas Name wird in das Ahnenbuch eingetragen. Da dessen geheime Position ihr nun bekannt, kann sie es leicht entwenden und den Bettlern übergeben. Liebe und Sex als Waffe – Yuki schreckt wirklich vor nichts zurück.

Das dritte Opfer ist eine Frau. Die rücksichtslose und unverheiratete Okono, die sich an Pornozeichnungen befriedigt, hat eine Investment-Firma. Dieser macht Yuki mit einer Lebensversicherung den Markt, also das Geld ihrer Kundschaft streitig. Die erboste Okono konfrontiert Yuki in deren eigener Hauptstelle und ist sehr verwundert, als Yuki ihr den Posten der Geschäftsführerin anbietet. Yuki verschwindet, bevor Okonos Buchhalter herausfindet, was an der ganzen Sache oberfaul ist. Wenig später bricht die Lebensversicherung zusammen.

|Politik|

Im Film zeigt das prächtige Finale, wie Yuki in ein sehr westlich gestaltetes Gebäude eindringt, in dem die oberen Zehntausend einen Ball feiern. Im Manga erfahren wir, warum Yuki hier eindringt und dabei einen Revolver ebenso einsetzt wie ihr Schwert. Das Haus heißt Rokumeikan, wurde von den Meiji-Politikern errichtet, um die westlichen, vor allem amerikanischen Machthaber zu bewirten und zu unterhalten. Das macht es zu einem Schandfleck in den Augen der Traditionalisten, die Japans Eigenart verraten und in Gefahr sehen. Deren Anführer beauftragt Yuki, das Rokumeikan anzugreifen und dem Untergang zuzuführen. Auf welche Weise ihr dies gelingt, ist erstaunlich zu verfolgen – ein Wunderwerk an erzählerischem Einfallsreichtum und optischer Kunstfertigkeit des Zeichners.

|In der Falle|

Durch die Bettler hat Yuki einen weiteren Namen lokalisiert, doch sie kennt das Gesicht des Mannes nicht. Er ist ein Erpresser und trifft seine Opfer heimlich an einer bestimmten Stelle. Yuki gelingt es ohne weiteres, den Mann, der als Erpresser in Frage kommt, zu stellen – doch es ist ein so unwahrscheinlicher Kandidat, dass sie wohl nicht ganz auf der Hut ist. Er nimmt sie gefangen und versteckt sie in einer Ruine. Das Buch, das heißt: der erste Band, endet damit, dass sich Yuki wieder einmal der Gefahr ausgesetzt sieht, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren …

_Mein Eindruck_

„Lady Snowblood: Kind der Rache“ erzählt die Geschichte des Ursprungs und der Herkunft der schönen Rächerin, so wie es im Jahr 1973 auch der Film von Toshiya Fujita tat. Doch der Film kann nur in groben Zügen dem folgen, was der Manga detailliert erzählt. Der Film muss seine eigene Zeichensprache und Dramaturgie verwenden, wohingegen der Manga eine ganz andere spricht. Beide Medien rekurrieren auf die Meiji-Zeit um 1890, eine Zeit gewaltiger kultureller und politischer Umbrüche. Das Feld des Verbrechens ist breit, doch hie und da werden noch die alten Verpflichtungen eingehalten, insbesondere im Bereich der Ahnenverehrung und des Kaisers, der Stellung der Frau und in der Kampftradition. Dem stehen Neoliberalismus, Globalisierung, die Herrschaft von Geld und Amoralität gegenüber.

Yuki ist hingegen ein Mensch mit einer Mission, deren Ursprung außerhalb seiner selbst liegt. Sie folgt bedingungslos dem Gebot der Rache, aber auch den Notwendigkeiten der konservativen Politik (der Angriff auf das Rokumeikan), ruiniert dabei gerne ihre Gegner, missachtet aber stets die Gefahr für das eigene Leben. Dies scheint wahre Hingabe zu sein, und in der Tat gibt es dafür im Japanischen den entsprechenden Begriff: „giri“. Diese Verpflichtung gegenüber der Familie kann durchaus höher stehen als andere Pflichten, etwa gegenüber einem Liebespartner (z. B. Aya), einem Freund oder Geschäftspartner (z. B. Okono). Im Westen würde man „die Bande des Blutes“ sagen, aber das trifft es nicht ganz. Es hilft, den Essay von Georg Seeßlen über den Hintergrund zu „Lady Snowblood“ zu lesen, aber noch besser wäre es, sich mit den Grundlagen der japanischen Kultur vertraut zu machen.

Dann könnte der Leser auch besser nachvollziehen, warum Yuki so viel Zeit in buddhistischen Tempeln verbringt. Offenbar will uns der Autor Koike darauf hinweisen, dass die Religion und mithin „giri“ die Verbindung Yukis mit der Vergangenheit darstellen und sie zu Taten veranlassen, die sich ein Westler nicht einmal vorstellen könnte. Denn Sex, Gewalt und Kampf sind nicht irgendwie getrennte Sphären in Yukis Seele, sondern allesamt eng miteinander verknüpft. Wenn sie nackt und blutüberströmt ein ganzes Bataillon von Soldaten angreift (am Rokumeikan), so entsteht daraus ein metaphysischer Tanz des Todes. Der Tanz macht sie zu einem höheren Wesen, einer Verkörperung eines Gottes oder – da es sich um Buddhismus handelt – eines höheren Prinzips.

Der Mangas nicht gewohnte Leser muss nicht nur die Leserichtung ändern: von rechts oben nach links unten (Erklärung ist dem Buch beigefügt). Nein, er ist auch mit rätselhaft poetischen Überschriften für die Kapitel konfrontiert, die wie kleine Haikus anmuten. „Die Kirschblüte des Todes, kurze Ärmel, der Tanz der weißen Klinge“ lautet der Titel des 4. Aktes. (Das Buch ist in neun Akte unterteilt.) Das klingt wie ein kurzes Gedicht, und dem Leser schwant bereits, dass es in diesem Akt nicht sonderlich friedlich zugehen dürfte.

Was mich positiv überrascht hat, ist die Tatsache, dass die meisten japanischen Inschriften, wie etwa auf Firmenschildern, übersetzt werden. Die Übersetzung findet sich in Mikroschrift unter dem jeweiligen Bild. Kurzsichtige sollten unter Umständen eine Lupe einsetzen.

_Unterm Strich_

|Carlsen Comics| wirbt mit dem Motto „Die Inspiration für Tarantinos ‚KILL BILL‘!“ Ja, das mag schon richtig sein. Doch es bedarf einer genauen Lektüre von Seeßlens Essay, um herauszufinden, was denn nun eigentlich der Zusammenhang zwischen dem Manga und dem berühmten Film ist beziehungsweise worin sie sich unterscheiden. Denn die namenlose Frau in Bruce Lees Trainingsanzug hat herzlich wenig Ähnlichkeit mit Yuki Kashima, der bleichen Frau im Kimono, deren schärfste Waffe sich im Sonnenschirm verbirgt.

Den Mangafreund und –kenner erfreuen eine intelligent erzählte Story Kazuo Keikos und der mitreißende, zuweilen auch melancholische Zeichenstil von Kazuo Kamimura. Wer das Manga-Lesen in umgekehrter Richtung beherrscht, wird daran sicherlich seine Freude haben. Dass der Manga mit einem Cliffhanger endet (s. o.: In der Falle), trägt sicherlich dazu bei, auch die Fortsetzung kaufen zu wollen. Der happige Preis von 16,95 Euronen ist meines Erachtens gerechtfertigt. Dies ist kein Billigprodukt für den Massenmarkt, sondern relativ sorgfältig für Kenner – auch Filmkenner – editiert.

|Originaltitel: Shura Yuki Hime, 1972
508 Seiten in schwarzweiß inklusive zwei Farbtafeln
Aus dem Japanischen von Dorothea Überall|
http://www.carlsen-comics.de/

Band 2: [„Karma“ 3318

Joseph Delaney – Spook – Der Schüler des Geisterjägers

Spannend: Tom gegen die Hexen von Lancashire

Der 13-jährige Tom Ward ist der siebte Sohn eines siebten Sohns und daher zum Geisterjäger qualifiziert. Der Spook nimmt ihn in die Lehre und zeigt ihm, was Tom über Hexen, Boggarts und Poltergeister wissen muss. Das Wissen bewahrt Tom aber nicht vor einer Riesendummheit. Dafür muss nicht nur er selbst bezahlen, sondern schließlich auch seine Familie.

Der Autor

Joseph Delaney – Spook – Der Schüler des Geisterjägers weiterlesen