Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Gregory Benford – Artefakt. Archäologie-SF-Roman

Die Minotaurus-Singularität: Schwarze Löcher und andere Action

Die amerikanische Archäologin Claire Anderson entdeckt auf dem Peloponnes in einem Grab einen seltsamen Kalksteinblock, in dem rätselhafte Lichterscheinungen zu beobachten sind. Es gelingt ihr, das Fundstück nach Boston zu bringen, wo es gründlich untersucht werden soll. Man stellt in seinem Umkreis Schwerkraftanomalien fest und registriert starke radioaktive Strahlung. Als sie den Block anbohren, stoßen die Wissenschaftler auf ein Vakuum, das unersättlich Luft ansaugt. Ist man auf eine Singularität gestoßen, die nun unerbittlich wächst? Könnte der Stein mit der Katastrophe von Santorin in Verbindung stehen, die einst die mykenische Kultur auslöschte? Doch es ist ganz anders, als die Forscher zunächst glauben … (Verlagsinfo)
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Greg Bear – Äon (Thistledown-Trilogie 2)

Visionäres SF-Abenteuer – mit geklauten Ideen

Als eines Tages im Jahr 2000 im Sonnensystem ein hohler Asteroid auftaucht, erkunden ihn die Amerikaner als Erste, vor den Russen. Die siebte und letzte Kammer des Steins enthält einen Dimensionskorridor, der zu einer Parallelerde führt, die nach einem Atomkrieg unterging. Diese ernste Warnung sollte man beachten, doch der Verlauf der Ereignisse auf dem irdischen Stein lässt schnell Zweifel an dem Überlebenden unserer eigenen Erde aufkommen.

Der Autor
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Gunn, James (Hg.) – Von Huxley bis Heinlein – Wege zur Science Fiction 4 (HSFB 93)

Aufbruch zu fremden Welten

In seiner Serie „Wege zur Science Fiction“ versucht Herausgeber James Gunn sowohl die Entstehungswege der amerikanischen wie auch der britischen Sciencefiction nachzuzeichnen, die einzelnen Autoren zu charakterisieren und die Bedingungen zu erklären, unter denen die teils recht ausgefallenen Erzählungen entstanden. In der |Heyne Bibliothek der Science Fiction| ist dies Band Nummer 93.

Der Herausgeber
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Gregory Benford – Eater. SF-Roman

Die Erde am Abgrund

Als Wissenschaftler im selben Abschnitt des Weltraums kurz hintereinander zwei Gammastrahlen-Blitze beobachten, sind sie sicher, dass sie von einem Schwarzen Loch von der Masse unseres Mondes verursacht werden, das einen Stern nach dem anderen verschlingt.
Berechnungen zufolge wird dieser unersättliche „Eater“ auch der Erde gefährlich nahe kommen.
Und das Befremdliche an diesem Objekt ist, dass irgendjemand – oder irgendetwas – es zu steuern scheint.
Ist es eine Waffe?
Oder ein außerirdisches Raumschiff?
Spekulationen, die Wissenschaftler und Militärs ebenso auf den Plan rufen wie Weltuntergangspropheten … (Verlagsinfo)

Der Autor
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Gene Wolfe – Die Klaue des Schlichters (Das Buch der Neuen Sonne 02)

Eine Million Jahre in der Zukunft. Die Technik ist bis auf wenige Reste verschwunden. Die Menschheit dämmert auf einer mittelalterlichen Kulturstufe dahin und harrt der Ankunft der Neuen Sonne, die ein neues Zeitalter der Zivilisation heraufführen soll. Nur die Mächtigsten bedienen sich noch Relikten von Technik und Wissenschaft, darunter Flugzeuge, Roboter und Orbitalstationen.

Dies ist die Geschichte Severians, des Waisenjungen, der in der Zunft der Folterer aufwächst und sein Handwerk erlernt. Bis er eines Tages aus Mitleid einer Frau den Selbstmord gestattet und deshalb aus seiner Zunft ausgestoßen wird. Nun durchstreift er im nachtschwarzen Gewand eines Henkers das Land und gerät in den Besitz der Klaue des Schlichters, eines Gebildes aus fernster Vergangenheit, das magische Kräfte birgt… (Verlagsinfo) Die Klaue scheint die Macht zu besitzen, Tote wieder zum Leben zu erwecken, wie Severian feststellt. (Verlagsinfo)

Der Autor
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Jeschke, Wolfgang / Pohl, Frederik (Hgg.) – Titan-1. Preisgekrönte SF-Erzählungen

Classic SF Storys: Die Operation an der Raumkuh

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 1 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 1+2“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der |Heyne|-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
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Bruce Sterling – Brennendes Land. Zukunftsroman

Polit-SF: Alles ist machbar, lieber Nachbar!

Es ist November 2044, und wieder einmal soll ein Amerikanischer Präsident gewählt werden. Doch die USA sind im Grunde längst unregierbar geworden – die Administration in Washington ist bankrott, die meisten Städte befinden sich in Privatbesitz, und weite Teile des Landes unterstehen militärischer Verwaltung. Und dann bricht mitten in eine bizarre Wahlkampagne auch noch die Nachricht von einer wissenschaftlichen Entdeckung, die den American Way of Life grundlegend verändern wird… (Amazon.de)

Dieses Buch wurde mit dem Arthur C. Clarke-Preis als bester Roman des Jahres ausgezeichnet.

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Gene Wolfe – Der Schatten des Folterers (Das Buch der Neuen Sonne 01)

Furioser Auftakt zu einem der besten Science-Fantasy-Zyklen

Eine Million Jahre in der Zukunft: Die Technik ist bis auf wenige Rest verschwunden. Die Menschheit fiel kulturell ins Mittelalter zurück und harrt der Ankunft der neuen Sonne, die ein neues Zeitalter herbeiführen soll. Nur die Mächtigsten bedienen sich noch Relikten von Technik und Wissenschaft, darunter Flugzeuge, Roboter und Orbitalstationen.

Dies ist die Geschichte Severians, eines Waisenjungen, der in der Zunft der Folterer aufwächst und dieses Handwerk erlernt. Doch als er eines Tages aus Mitleid einer Frau den Selbstmord gestattet, wird er aus dieser Zunft ausgestoßen. Doch anstatt selbst gefoltert und hingerichtet zu werden, schickt die Gilde ihn nach Thrax, einer weit entfernten Stadt, die einen Henker braucht. Severian macht sich auf eine Reise, die sein Leben für immer verändern wird … (Verlagsinfo)

Der Autor
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David Day – Tolkiens Welt: Die mythologischen Quellen des „Herrn der Ringe“


Literarischer Härtefall: nur für Tolkien-Fans

Der Untertitel der Buches weist bereits darauf hin, um was es geht: „Die mythologischen Quellen des ‚Herrn der Ringe'“ – wohlgemerkt nicht um die des „Kleinen Hobbits“. Ironischerweise stellt jedoch das Titelbild eine Schlüsselszene aus dem „Hobbit“ dar: Bilbo Beutlin aus dem Auenland steht vor Smaug, dem Goldenen Drachen, der auf einem Berg aus Gold liegt. Obwohl Bilbo ja eigentlich unsichtbar sein sollte, da er ja den Einen Ring trägt. Manchmal haben nicht nur Künstler (in diesem Fall Tim Clarey), sondern auch Verlage ausgefallene Vorstellungen davon, um was es in einem Buch geht.

Der Zweck des Buches
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Harris, Joanne – Feuervolk

_Ragnarök reloaded_

Die 14-jährige Maddy weiß nicht, dass sie eine mächtige Zauberin ist. In dem kleinen Dorf Malbry in Strond verrichtet sie deshalb niedere Dienste in der „Schänke zu den sieben Schläfern“. Als sie einen der verbotenen Runenzauber wirkt, um die Kobolde aus dem Vorratskeller zu vertreiben, reißt sie ein Loch in den Boden und beschwört die Wesen der Druntenwelt (s. u.) herbei.

Nun sieht ihr bester Freund, der Landstreicher Einauge, die Zeit gekommen, Maddy auf die wichtigste aller Missionen zu schicken. Maddy soll in die Druntenwelt hinabsteigen und den allwissenden „Flüsterer“, das Orakel aus fast vergessenen Zeiten, aus der Feuergrube eines Geysirs befreien. Dieses Orakel soll Einauge, kein anderer als Wotan / Odin himself, gegen den aufkommenden Namenlosen Gott helfen, der die Welt ins Nichts stürzen will. Aufhalten kann ihn nur jemand, der den „Flüsterer“ als Faustpfand im Kampf um die Mittelwelt der Menschen besitzt.

Leider stößt Maddy bei ihrer Mission auf einen hinterlistigen Burschen, der sich ihr als Führer anbietet. Zu spät merkt sie, was dieser Loki im Schilde führt …

_Die Autorin_

Joanne Harris, geboren 1964, wuchs in England auf, wo sie auch heute als Schriftstellerin lebt. Vor dem Bücherschreiben war sie Lehrerin. Ihr Roman „Chocolat“, verfilmt mit Johnny Depp und Juliette Binoche, wurde ein Bestseller. „Feuervolk“ ist ihr erster Jugendroman.

Mehr Info: http://www.cbj-feuervolk.de.

_Hintergrund_

_Die WELTEN_

An Yggdrasil, der Weltenesche, sind – nach der Götterdämmerung – acht Ebenen angesiedelt. Von oben nach unten sind dies:

1) Asgard: Heim der Asen (Götter).
2) Über die Regenbogenbrücke gelangen Asen in die Drobenwelt und
3) in die Mittelwelt, wo die Menschen leben, z. B. in den Binnen- und Fremdlanden, die im Einen Meer liegen.
4) Gleich darunter liegt die Druntenwelt (das Fundament). Kann man sich als Höhlensystem vorstellen.
5) Der Traumfluss führt von hier in das Totenreich Hels und
6) in die Unterwelt (Die schwarze Festung) an den Wurzeln der Weltenesche. Hier herrscht Surt.
7) Darunter liegt die Chaos-Welt des Jenseits.
8) Über der Weltenesche funkeln die Sterne des Firmaments, die für das Gegenteil von Chaos stehen, für Ordnung.

Die Welt der Riesen / Wanen, Jötunheim, ist Vergangenheit, sollte man nun meinen, aber Maddy entdeckt, dass die Wanen die Zeiten seit der Götterdämmerung überdauert haben.

_Das göttliche Personal:_

1) DIE ASEN

Odin: Oberhaupt und Heerführer der Asen, des Sehergeschlechts; Lokis Blutsbruder und von ihm verraten; einäugig, oft begleitet von zwei Raben namens Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung)
Frigg: Odins Gattin, verlor durch Lokis Schuld ihren Sohn Baldur
Baldur: der Schöne, der Lichtbringer
Thor: der Donnerer, Odins Sohn, Feind Lokis
Sif: Thors Frau; durch Lokis Schuld glatzköpfig
Tyr: Kriegsgott, verlor durch Lokis Schuld seinen Arm
Loki: der Listenreiche, ebenfalls ein Gestaltwandler, Blutsbruder Odins

2) DIE WANEN (Die Sieben Schläfer)

Skadi: die Jägerin des Frostgeschlechts, Göttin der Zerstörung, die Ex von Njörd, Lokis Erzfeindin
Bragi: Gott der Dichtkunst und des Gesangs
Idun: Göttin der Jugend und Fruchtbarkeit, von Loki einst entführt und an das Frostgeschlecht ausgeliefert; meist geistesabwesend
Heimdall: goldzahniger Götterwächter, kann Loki nicht ausstehen
Njörd: Meeresgott, Skadis Ex, hasst Loki ebenso wie sie
Freyja: Göttin der Liebe, von Loki einst schwer gekränkt
Freyr: ihr Zwillingsbruder, Gott der Fruchtbarkeit

ANDERE:

Mimir: das Orakel, das abgeschlagene und von Odin wiederbelebte Haupt eines Zauberers
Surt: der Zerstörer, Hüter der Schwarzen Festung in der Unterwelt
Hel: Herrscherin über das Totenreich
Jormungand: die Weltenschlange
Der NAMENLOSE: der neue Gott, der Das Wort bringt

_Die alten und neuen RUNEN_

1) Fé: Reichtum, Wohlstand, Fruchtbarkeit usw., die Rune Freyjas
2) Úr: Kraft, der Auerochs
3) Thuris: Thors Rune, der Dornige
4) Ós: der Ase, die Asen, das Sehergeschlecht
5) Raido: der Wandersmann (= Odin), die Fremdlande
6) Kaen: Lauffeuer, Chaos
7) Hagall: Hagel, der Zerstörer, die Unterwelt
8) Naudr: die Bindende, Not, Elend, Tod, das Totenreich
9) Isa: die Eisige, Skadis Rune, kann als einzige Rune nicht umgekehrt werden
10) Ýr: der Beschützer, die Druntenwelt, das Fundament
11) Týr: der Krieger
12) Madr: das Menschengeschlecht, der Mann, die Mittelwelt
13) Ár: Fülle, Fruchtbarkeit, reiche Ernte
14) Sól: der Sommer, die Sonne
15) Bjarkán: Hellsicht, Offenbarung, Traum; zum Erkennen von Gestaltwandlern nötig
16) Logr: Wasser, das Eine Meer
17) Aesk: die Esche, Yggdrasil (die Weltenesche)
18) Ethel: die Heimat, die Mutter

_Handlung_

Maddy hat wieder mal den Keller ihrer Dienstherrin Mrs Scattergood, der Schankwirtin, unter Wasser gesetzt. Ständig liegt das Mädel im Clinch mit den Kobolden, die sich in der Speisekammer des Hause kostenlos bedienen wollen. Woher diese Kobolde kommen, will sie noch herausfinden, doch zunächst einmal gilt es, sich unauffällig zu verkrümeln, bevor das Unglück bemerkt wird. Kaum hat Maddy die Hälfte des Weges zu ihrem Lieblingshügel zurückgelegt, da hört sie das Gezeter auch schon losgehen. Sie erinnert sich, wie das passiert ist: Sie hat ihre Rune Aesk (s. o.), die wie ein Brandmal in ihre Handfläche eingelassen ist, auf magische Weise benutzt, um die Kobolde zu bekämpfen – und es hat funktioniert!

Auf dem Hügel mit dem Roten Pferd in seiner Flanke hat sich Maddy immer vom Dorf zurückziehen können. Dort betrachten die Leute sie inzwischen als Dorfhexe, insbesondere der Dorfpfarrer Nat Parson, dem sie ständig Widerworte gibt. Diese Leute findet sie zunehmend unausstehlich und sie sehnt ihren alten Freund Einauge herbei. Der einäugige Wanderer kommt leider nur einmal im Jahr, bleibt eine kleine Weile und zieht dann weiter.

Seit sieben Jahren ist er quasi Maddys Mentor und hat ihr viele Sagen erzählen, aus der alten Zeit vor der Götterdämmerung, und über das Feenvolk der Kobolde und vieles mehr. Besonders aber über Runen und deren Macht und Bedeutung. Sie selbst trägt die Eschenrune in ihrer Hand, die für die Weltenesche Yggdrasil steht. Runen sind zu allem Möglichem gut, beispielsweise, um einen Keller unter Wasser zu setzen.

Nachdem sich die Lage im Dorf und in der Schänke wieder beruhigt hat, geht Maddy wieder zurück und schaut in den Keller. Irgendwo müssen die Kobolde ja herkommen. Sie schlüpft durch ein Loch in der Wand und betritt mit einer Lampe einen der vielen Tunnel, die sich offenbar dahinter befinden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein ganzes Labyrinth. Und es ist keineswegs unbewohnt. Zucker-und-Sack etwa ist ein Kobold, den Maddy ohne weiteres beherrschen kann. Er muss sie führen, um das Labyrinth erkunden zu können. Maddy ist nicht nur vorlaut und selbstbewusst, sie ist auch einfallsreich und sehr mutig.

In den Höhlen und Tunneln stößt sie auf einen Gnom, der zunächst seinen Namen überhaupt nicht sagen will, der aber offensichtlich etwas von ihr will. Erst nach geschicktem Fragen bekommt sie heraus, dass es sich um Loki handelt. Und weil Einauge (= Odin) verraten hat, dass Loki mal sein Blutsbruder war, ihn aber mit für den Untergang der Asen (Götter) verantwortlich gemacht, hat Maddy auch eine ungefähre Vorstellung, dass Loki ein richtiges Schlitzohr ist, bei dem sie gut aufpassen muss. Außerdem kann er sich in eine Feuergestalt verwandeln – ganz nützlich, um Feuer zu machen, aber man möchte dabei doch nicht neben ihm stehen.

Loki ist ungeheuer scharf auf ein ganz bestimmtes Ding, das er den „Flüsterer“ nennt und das sich am Rande eines Geysirs in einer der Klüfte des Labyrinths befinden soll. Es soll eine Art Kugel sein, doch in Wahrheit handelt es sich um einen sprechenden Kopf. „Ich spreche, wie es mir gegeben ist.“ Und dieser Kopf quasselt unablässig auf seinen Träger ein, wenn man ihn in die Hand nimmt, bis einem vor lauter Wörtern schwindelig wird. Wenn Loki aber so scharf darauf ist, muss der Flüsterer ziemlich wertvoll für seine Zwecke sein. Doch was sind diese Ziele?

Maddy nimmt den Flüsterer an sich und berät sich, wieder an die Oberwelt zurückgekehrt, mit ihrem Freund Einauge, der endlich eingetroffen ist. Mit ihm zusammen grübelt sie über den Sinn folgender Worte, die sich fatal wie eine Prophezeiung anhören:

|“Ich sehe ein zur Schlacht bereites Heer.
Ich sehe einen einsamen Heerführer.
Ich sehe einen Verräter an der Pforte.
Ich sehe ein Opfer.

Und in Hels Reich erwachen die Toten.
Und der Namenlose ersteht wieder auf und die Neun Welten sind dem Untergang geweiht,
So nicht die Sieben Schläfer erwachen
Und der Donnerer aus der Unterwelt befreit wird …“|

Die Sieben Schläfer sind offenbar die Wanen in ihrem Grab aus Eis. Und der Namenlose ist der neue Gott, dem Nat Parsons und seine Kirche anhängen. Der Donnerer ist ganz klar Thor, Odins Sohn, der mit Loki noch einige Hühnchen zu rupfen hat, denn Loki machte Sif, Thors Frau, glatzköpfig. Welche Rolle Maddy in diesem Szenario der Prophezeiung spielt, ist noch unklar. Aber da sie über das Orakel des Flüsterers verfügt, wird es sicherlich keine unbedeutende sein – schließlich sind Loki wie auch Odin dahinter her.

Nat Parsons hat Maddys heidnisches Treiben beobachten lassen. Er hat seinen Bischof Torval Bishop benachrichtigt und dieser wiederum die Kirche in der nächsten, wenn auch entfernten Stadt. Ein Examinator ist im Anmarsch, der Maddy und ihren Umtrieben mit Einauge und Loki ein Ende bereiten soll. Allerdings hat der Pfaffe nicht damit gerechnet, dass Einauge über die Gabe der Fernsicht verfügt und alles bereits mitbekommen hat, was Nat in die Wege leitet.

Als auch noch die Wanen erwachen und sofort einen Anschlag auf Odin planen, um sich zu rächen, spannen sie auch Nat Parsons für ihre Zwecke ein. Nat sieht seine große Stunde gekommen, endlich alle alten Göttern den Garaus zu machen, besonders dem einäugigen Riesen. Allerdings hätte er sich nicht träumen lassen, wie sexy Skadi, Idun und Freyja sein können …

_Mein Eindruck_

„Feuervolk“ ist nichts Geringeres als Joanne Harris‘ „Göttliche Komödie“, insbesondere „Inferno“. Obwohl die Parallelen zu Dantes unsterblichem Meisterwerk begrenzt sind, so tragen sie doch in hohem Maße dazu bei, auch Harris‘ Roman zu verstehen. Maddy, die vierzehnjährige Junghexe, ist ja nicht irgendwer, schon gar nicht gewöhnlich – siehe ihr Brandmal. Nein, es darf ruhig verraten werden, dass sie die Tochter Thors ist. Daher also auch ihr Interesse für alles, was mit den alten Sagen von der [Götterdämmerung]http://de.wikipedia.org/wiki/Ragnar%C3%B6k zu tun hat, die nach Einauges Worten vor rund 500 Jahren stattfand.

Maddy ist unsere Führerin in die Unterwelt, und das ist wörtlich zu verstehen, denn die Unterwelt ist nur eine der Neun Welten, die wir in der nordischen Sagenwelt finden (siehe meine Liste oben). Wir könnten nun wie Dante „alle Hoffnung fahren lassen“, doch dann wäre das Buch nicht mehr so lustig. Das ist es aber durchweg, bis zum Schluss. Maddy selbst hat drei Führer: Einauge, Loki und den Flüsterer. Dass sie bei so vielen Ansichten und Anweisungen ins Schleudern kommt, ist Teil des Spaßes, den wir an ihrer Irrfahrt haben dürfen.

|Reise in die Unterwelt|

Teils wird Maddy von diesen Herrschaften gezogen und geführt, teils wird sie auch getrieben, und zwar von den Wanen, die noch ein oder zwei Wörtchen mit ihr zu reden hätten. Maddys Hauptmotiv ist die Enthüllung der Prophezeiung, aber auch das Kennenlernen der Geheimnisse, die in der Unterwelt warten, unter anderem jenes, das ihren Vater Thor umgibt. Wo könnte er sich nur befinden, fragt sie sich. Wie sich herausstellt, erhebt sich am Rande von Hels Totenreich eine Mauer, hinter der das Land des Chaos beginnt, also Surts Reich. Und dorthin muss sie wandeln, um ihren Vater zu finden. Klar, dass ihre „kleine Expedition“ und Wiedersehensfeier einigen Aufruhr verursacht, wie das nun mal Grenzübertretungen so an sich haben. Unter „Aufruhr“ ist so etwas wie die Apokalypse zu verstehen …

|Lehrreich|

Maddy ist nicht nur ein mutiges, vielleicht sogar verzweifeltes Mädchen, sie weiß und erfährt auch jede Menge – und wir mit ihr. Sie und die Autorin nehmen uns an der Hand, um die ganze verworrene Familiengeschichte der Wanen, Asen und sonstigen Angehörigen des Feuervolks vorzustellen. Dabei gemahnen uns diese Streitereien sehr an den Götterhimmel des Olymp, wo es ja mitunter auch sehr menschlich zuging. Faszinierend sind die stetigen Verwandlungen der Götter in andere Wesen sowie ihre Anwendung von Runenmagie. Hier kommen Fantasyfreunde voll auf ihre Kosten.

|Rote Karte|

Doch auch wenn die alten Götter in Hels Totenreich ein kleines, wenn auch turbulentes Stelldichein feiern – Stichwort: [Apokalypse]http://de.wikipedia.org/wiki/Apokalypse – so stehen sie doch kurz davor, die Rote Karte gezeigt und vom Platz gestellt zu werden. Denn sie haben es mit dem Namenlosen Gott zu tun, der zunehmend auf der Mittelwelt der Menschen das Sagen hat und nun zum letzten Schlag gegen die Asen und ihr Gesocks ausholt. Ihm steht eine mächtige Waffe zur Verfügung: nein, nicht irgendwelche antiquierten Runen, sondern etwas viel moderneres – das WORT.

|Papisten?|

In der Mittelwelt hat der Namenlose eine komplette theologische Organisation etabliert, die mit Bischöfen und Magistern das Volk zu lehren weiß. Und wenn das Volk nicht hören will, dann schickt die Kirche die Examinatoren. Man kann sie sich leicht als Mitglieder der Inquisition vorstellen, und sie verfügen ebenso über die Erlaubnis, das WORT herbeizurufen. Einmal ausgesprochen, erfüllt das WORT die Mittelwelt mit seiner Magie und bekehrt die Heiden und Ungläubigen zum Glauben. Es ist also recht mächtige Magie. Man kann sich vorstellen, was es anrichten würde, käme es dazu, dass es in Hels Totenreich und Unterwelt ausgesprochen würde.

Es dauert eine ganze Weile, bis die zerstrittenen Mitglieder der Götterfamilie die wahre Gefahr erkennen. Und noch sehr viel länger, bis sie sich darauf einigen können, was sie dagegen unternehmen können. Doch da zieht der Namenlose ein Ass aus dem Ärmel. Ein Glück, dass auch Maddy, Thors Tochter aufgepasst hat und noch ein Wörtchen mitredet. Die „Erwachsenen“ benehmen sich nämlich kindisch, und dann müssen Kinder wie Maddy eben einspringen und für Ordnung sorgen.

|Häusliches Drama|

Ein Nebenschauplatz ist die Geschichte um Nat Parsons. Sie soll zeigen, wie es wirklich um den Glauben an den Namenlosen bestellt ist. Leider ist der Glaube Nats um einiges größer, als seine Fähigkeiten es sind. Seine Frau Ethelberta findet es gar nicht lustig, dass er ihr schönstes Kleid stibitzt, um es einer nackten Göttin (Skadi) um die Schultern legen zu können, der Sauhund. Womöglich fängt ihr guter Nat jetzt auf seine alten Tage an, fremdzugehen und Ethelberta sitzenzulassen! Da hat Ethelberta aber auch noch mitzureden und pfuscht Nat ins Handwerk. Manche dieser Szenen gemahnten mich an häusliche Ehe- und Eifersuchtsszenen in „Chocolat“.

|Schwächen|

Ich hoffe, die Parallelen zu Dantes Göttlicher Komödie sind deutlich geworden. Ich fand die Geschichte, die die Autorin hier spinnt, ganz amüsant und ihre Wissensvermittlung interessant und unterhaltsam. Woran es noch ein wenig hapert, ist die Spannung. Dies gelingt ihr nur stellenweise. Die Apokalypse, die Maddy in der Schwarzen Festung der Unterwelt auslöst, wo ihr Vater Thor gefangen gehalten wird, ist jedoch für einen Jugendroman ganz schön happig. Sie könnte von manchem Leser für überzogen gehalten werden. Andererseits finden junge Leser auch Tolkiens spannende Konfrontationen an der Brücke von Khazad-dûm sowie am Schicksalsberg sehr eindrucksvoll, ohne sie gleich für bizarr oder überzogen zu halten.

Mir ist es gelungen, den Roman in wenigen Wochen zu lesen. Für eine Lektüre von wenigen Tagen ist er nicht einfach und spannend genug, und zudem muss sich der Leser eine ganze Welt, die uns nicht geläufig ist, erarbeiten. Ich musste häufig nachschlagen, welche Rune nun wie heißt und zu welchem Themenbereich sie gehört. Auf mich wirkte das Runenalphabet manchmal wie ein Kartenspiel, nach dem Motto: „Welche [Rune]http://de.wikipedia.org/wiki/Runen setze ich jetzt am besten als Trumpf ein, um den Stich zu machen?“ Auf einer geistigen Ebene läuft also jede Menge Action ab. Körperliche Action sieht man hauptsächlich im finalen Showdown.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung, für welche die beiden Spitzenkräfte Katharina Orgaß und Gerald Jung zuständig waren, ist ausgezeichnet gelungen. Der Stil ist ironisch-hintersinnig, lebendig und anschaulich, außerdem ist die Sprache so einfach, dass kein Jungleser überfordert sein dürfte.

Einige Nüsse aber doch zu knacken, wie ich schon angedeutet habe. Deshalb erweisen sich die vorgeschalteten „Anhänge“ als sehr hilfreich. Eine Karte zeigt die Neun Welten als Grafik, eine Landkarte zeigt die Lage von Maddys Dorf. Die Form der Insel erinnert an England. Noch wichtiger sind jedoch die Listen der Personen und ihrer Bedeutung sowie die der Runen. Die Runen sind selbstverständlich abgebildet und mit ihren Namen und Bedeutungen erläutert. Was die Runen bewirken, muss man allerdings im Text nachlesen. Da führt kein Weg daran vorbei.

Im Vergleich mit dem Buch, das die Anhänge zum [„Herrn der Ringe“ 1330 ausmachen, und zu der Bibliothek, die man fürs Verständnis der „Göttlichen Komödie“ benötigt, kommt man also mit dem Anhang von „Feuervolk“ noch ziemlich günstig davon.

_Unterm Strich_

„Feuervolk“ macht sich ganz frei von allen Tolkien-Anklängen, wie sie heute in der Fantasy gang und gäbe geworden sind, und entführt den jungen Leser, besonders aber die geneigte Leserin in eine Welt voller Magie, die nur noch Mythenforscher und Mediävisten zu kennen scheinen: die altnordische Sagen- und Götterwelt. Diese wird jedoch in ihrer ganzen Fülle und Lebendigkeit dargestellt. Manche Szenen gemahnen an die griechischen Sagen über die allzu menschlichen Streitereien auf dem Olymp.

Maddy, eine würdige Nachfolgerin Frodos, bewahrt jedoch als eine der wenigen einen kühlen Kopf und weiß, was zu tun ist, assistiert von ihrem Gandalf-Ersatz Odin Einauge. Dass ihr die Dinge schließlich über den Kopf wachsen und zur Apokalypse geraten, dafür kann sie ja nichts. Sie wollte bloß ihren Papi wiederhaben.

Obwohl ich mir diese Welt erarbeiten musste, hat mir die Lektüre doch einigen Spaß bereitet. Die letzten Seiten lesen sich wie von allein. Aber die Autorin stößt hier auch an ihre Grenzen. Die Story, die sie hier spinnt, nimmt eine derartige Größe an, dass sie schon in der Liga der „Götterdämmerung“ spielt (gemeint ist nicht Wagners Oper), und das ist für ein Jugendbuch möglicherweise ein Nummer zu groß. Das muss aber jeder selbst entscheiden. Der Verlag gibt dem Leser mit den Anhängen jedenfalls alle Hilfestellungen, die er braucht, um mit dem Buch klarzukommen.

|Originaltitel: Runemarks, 2006
543 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 12 Jahren
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung|
http://www.cbj-feuervolk.de
http://www.cbj-verlag.de

Canavan, Trudi – Rebellin, Die (Die Gilde der Schwarzen Magier 1)

_Harte Entscheidung: zwischen Magiern und Dieben_

In der jungen Sonea schlummern Fähigkeiten, von denen sie nie auch nur geträumt hatte: Sie, das unbedeutende Straßenkind, hat magische Kräfte – so wie sonst nur die Mitglieder der gefürchteten und reichen Gilde der Magier. Doch sie und ihr wildes Talent werden entdeckt. Mit einem Mal ist sie zu einer wichtigen Schlüsselfigur im Mächtespiel ihrer Welt geworden. Sonea muss sich entscheiden, für wen beziehungsweise gegen wen sie ihre Kräfte einsetzt. Alle Welt schaut auf diese junge Frau aus der Gosse – und ist hinter ihr her …

_Die Autorin_

Trudi Canavan, geboren 1969 in Kew, Australien, interessierte sich schon ihr ganzes Leben lang für kreative Tätigkeiten. Sie studierte am Melbourne College of Decoration und arbeitete anschließend als Designer, Illustrator und Kartenzeichner bei verschiedenen Verlagen, später bot sie dieselben Dienste in einer eigenen Firma an. Sie arbeitete auch bei einem australischen SF/Fantasy-Magazin mit. 1999 gewann sie einen Kurzgeschichtenpreis, und 2001 wurde ihr erstes Buch in Australien veröffentlicht. Mittlerweile erscheinen Canavans Romane international.

_Handlung_

Sonea ist ein junges Mädchen unbestimmten Alters, als sich ihr Leben in Imardin radikal ändert. In Imardin, der Königsstadt am Fluss Tarali, haben die Reichen und die Magier das Sagen. Jedes Jahr führt die Gilde der Magier eine Säuberung in den Armenvierteln der außerhalb der Stadtmauer liegenden Hüttenstadt durch. Dies erregt natürlich den Unmut der „Hüttenleute“, die sich um ihr Heim gebracht sehen. Als Sonea ihre früheren Jugendfreunde Harrin und Cery wiedersieht, schließt sie sich ihnen an, um auf dem Nordplatz zu protestieren.

Wie so oft sind die Magier von einem magischen Schutzschild umgeben, der sie vor den Wurfgeschossen schützt, mit denen die Menge der Protestierenden sie bewirft. Auch Soneas erstes Geschoss prallt davon ab, doch ihr zweiter Stein, den sie mit besonderer Inbrunst wirft, durchdringt den Schild und trifft einen der Magier an der Schläfe. Er geht zu Boden. Die Überraschung ist groß, denn dies ist das erste Mal in hunderten von Jahren, dass ein Magier verletzt wurde. Und das geht eigentlich nur, wenn man selbst Magie einsetzt.

Sonea ist selbst am meisten erschrocken über ihre Tat. Sie wendet sich zur Flucht, als sie merkt, dass die Magier sich umdrehen und die Arme heben. Ein Junge neben ihr wird von Magie zu Asche verbrannt. Cery und Harrin verstecken Sonea in den Armenvierteln und sogar in den Tunneln der Diebesorganisation, um sie vor dem Zorn der Magier zu schützen. Warum hat Sonea ihnen nicht gesagt, dass sie über magische Kräfte verfügt? Sie wusste es selbst nicht. Aber sie kann Magie erneut wirken, wenn sie die richtige emotionale Quelle anzapft. Und das ist nun für die Diebe recht interessant.

Nach einer Ratsversammlung der Magiergilde beginnt Lord Rothen, der die Steinwerferin als Einziger richtig gesehen hat, mit der Suche nach ihr und setzt eine beträchtliche Belohnung auf ihre Ergreifung aus. Der von dem Stein getroffene Lord Fergun stellt jedoch eigene Ermittlungen an, in deren Verlauf er den Verstecken, die die wilde Magierin benutzt, immer näher kommt. Die Magier können Soneas Wirken von Magie feststellen, und Soneas Aura verrät ihre Anwesenheit, wenn sich ein Magier in ihrer Nähe befindet.

Nur Cery hält nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit anderen Dieben noch zu Sonea, doch er sieht nur noch einen Ausweg. Sie muss um den Schutz der Diebesorganisation bitten. Der Chef Faren hat in der Tat Interesse an Soneas Magie, aber auch an Cerys Diensten. Auf diese Weise lernt Sonea erstens Lesen und zweitens das Heraufbeschwören von Magie. Doch es gibt ein wachsendes Problem: Die Kraftquelle in ihr wird immer stärker, doch sie kann sie einfach nicht kontrollieren. Ständig zerbrechen Dinge in ihrer Nähe oder gehen plötzlich in Flammen auf. Zwar will sie nicht zu den Magiern gehen, weil sie fürchtet, die würden sie töten, doch andererseits droht die Magie, sie zu zerstören. Von ihrer Umgebung ganz zu schweigen.

Eines Tages ist es dann so weit: Die Magier haben sie, wieder einmal, umzingelt. Soneas Angst vor ihnen setzt ihre Kräfte frei, und schon beginnt eine Ziegelmauer hinter ihr einzustürzen …

_Mein Eindruck_

Ich habe den spannenden und anschaulich geschriebenen Fantasyroman in wenigen Tagen (und vor allem Nächten) gelesen. Die Sätze lassen sich so leicht lesen, dass das Auge nur so über die Seiten fliegt, und die Handlung ist keineswegs kompliziert. Ganz im Gegenteil: Die Autorin versteht es, die Probleme, denen sich Sonea, ihr Freund Cery und die Magier gegenübersehen, stets auf den Punkt zu bringen. Deshalb gibt es nie langes Drumherumreden, sondern stets eine zielgerichtete Diskussion, die jeweils zu neuen Erkenntnissen führt.

Eine große Hilfe ist dabei die Methode der indirekten Charakterisierung. Am Anfang ist Sonea noch ein sehr passives und hilfsbedürftiges Mädchen, das ich zunächst auf zwölf Jahre geschätzt hätte. Doch am Ende des Buches, nach nur wenigen Monaten, erscheint sie dem Leser wie eine 16- bis 18-jährige, so als habe sie ihre Jugend im Eiltempo durchlaufen. Offensichtlich befindet sie sich in einem raschen Reifungsprozess, der sie in die Lage versetzt, nicht nur den Magiern zu entgehen, sondern sich auch vor Gefahren zu schützen.

Nur die Tatsache, dass sie nicht in der Lage ist, die nunmehr angezapfte Quelle der Magie unter ihre Kontrolle zu bringen, wird ihr beinahe zum Verhängnis. Und sie kann noch von Glück sagen, dass sie bei ihren Ausbrüchen nicht die gesamte Stadt einäschert. Ihre Kraft ist in der Tat sehr groß – und deshalb will (fast) jeder Magier sie unter seine Kontrolle bringen.

In der zweiten Hälfte des Romans geht es genau darum, doch Sonea hat gar nicht vor, bei der Gilde zu bleiben, wie man sich nach ihren Erlebnissen leicht vorstellen kann. Kaum ist sie wieder genesen, will sie wieder abhauen. Doch dazu kommt es nicht, denn sie wird erpresst. Dieser Konflikt wird erst in einem spannenden Finale aufgelöst. Nur um sogleich von einem noch größeren Konflikt überdeckt und abgelöst zu werden. Dessen Auflösung erwartet der Leser mit Spannung im nächsten Band: [„Die Novizin“. 2989

|Die deutsche Ausgabe|

Die beiden deutschen Ausgaben des Romans – sie haben verschiedene Titelbilder – sind mit nützlichem Beiwerk versehen. Die Karten des Landes Kyralia befinden sich in den äußeren Umschlagklappen, die Karten der Stadt Imardin und der Gilden-Universität befinden sich auf den ersten Seiten. Dadurch werden die Lage und die Grundrisse der jeweiligen Örtlichkeiten für jeden Leser leicht verständlich und er findet sich leicht zurecht, wenn die Action etwas schneller vorangeht.

In den Anhängen sind die verschiedenen Bezeichnungen von Pflanzen, Tieren, Nahrungsmitteln, Kleidern, Waffen und öffentlichen Gebäuden erklärt. Da Kyralia von verschiedenen Ländern umgeben ist (gegen die es zuletzt vor 300 Jahren Krieg führte), liefert der Anhang auch zu jedem Land eine sehr knappe Erklärung.

|Die Übersetzung|

… ist sehr gut gelungen und am Stil, der ja schon im Original recht einfach gehalten ist, kann ich nichts aussetzen. Das Buch eignet sich für 14- bis 16-Jährige recht gut. Für Zwölfjährige enthält es noch ein wenig zu viel Gewalt. Sex kommt jedoch überhaupt nicht vor, wohl aber romantische Liebe.

Ich fand zwei Fehler. Auf Seite 451 unten fehlt in dem Satz „Der Junge schüttelte Kopf“ offensichtlich ein Wort, zum Beispiel „den“. Auf Seite 496 zieht es die Übersetzerin vor, „auf den Balkons“ zu sagen statt das gebräuchlichere „auf den Balkonen“. Das könnte mit der Wortlänge zu tun haben. Der Platz pro Druckzeile ist eben begrenzt.

_Unterm Strich_

Der Werdegang der Heldin Sonea beschreibt den klassischen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär, nur dass diesmal das Aschenputtel verborgene Kräfte in sich entdeckt und diese von wohlmeinenden Zauberern gefördert und gebildet werden. Die Magiergilde betreibt eine regelrechte Universität, um die Novizen zu unterrichten. Diese Novizen kommt in der Regel von den Häusern der reichen Familien, die genetisch zur Magie veranlagt sind.

Als nun das Straßenbalg Sonea auftaucht, bricht natürlich in der Gilde eine Art Klassenkampf aus, mit Sonea als Zankapfel. Dass dieser Kampf gut für sie ausgeht, ist nicht so sehr Soneas Verdienst, als vielmehr der von tüchtigen, rechtschaffenen Magiern, die es ja offenbar auch geben kann. Bis es so weit ist, verläuft der Kampf relativ spannend, aber es könnte noch eine Prise mehr Action sein. In der ersten Hälfte des Romans ist wesentlich mehr los.

Und ihren Traumprinzen wird Sonea hier wohl nicht finden, was ganz gut ist, denn sie hat ja schon einen Freund. Das Problem, das er darstellt, ist natürlich, dass er zur Gilde der Diebe gehört und somit keineswegs standesgemäß ist. In den folgenden zwei Bänden dürfte der Klassenkampf deshalb härter werden, je höher Sonea in der Hierarchie der Magier aufsteigt. Ich freue mich schon darauf.

|Originaltitel: The Magician’s Guild , 2004
543 Seiten
Aus dem Englischen von Michaela Link|
http://www.randomhouse.de/specialskids/canavan/
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/

_Trudi Canavan auf |Buchwurm.info|:_

[„Priester“ 4275 (Das Zeitalter der Fünf 1)
[„Magier“ 4456 ((Das Zeitalter der Fünf 2)
[„Götter“ 4621 (Das Zeitalter der Fünf 3)
[„Die Rebellin“ 3041 (Die Gilde der Schwarzen Magier 1)
[„Die Novizin“ 2989 (Die Gilde der Schwarzen Magier 2)
[„Die Meisterin“ 3065 (Die Gilde der Schwarzen Magier 3)

Michael Crichton – Andromeda. Science-Thriller

Verfilmter Science-Thriller

Eine unbemannte Raumsonde des US-Militärs entdeckt einen außerirdischen Organismus in der oberen Atmosphäre und nimmt eine Probe. Doch bei der Rückkehr zur Erde geschieht das Unfassbare: Die Sonde stürzt in der Nähe der Stadt Piedmont in Arizona ab. Kurze Zeit später sind alle Bewohner der Kleinstadt tot. Die Regierung aktiviert das Project Wildfire und ruft die vier besten Biophysiker in einem unterirdischen Labor zusammen. Sie haben nur wenig Zeit, ein Mittel gegen den extraterrestrischen Organismus zu finden, denn der hermetisch abgeriegelte Bunker wird sich selbst zerstören, wenn die Wissenschaftler versagen … (Verlagsinfo)

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Megan Miranda – Der Pfad. Thriller

Der Pfad der Verschwundenen

Ein gefährlicher Pfad in den Bergen. Sieben verschwundene Menschen. Ein Dorf, das sich in Schweigen hüllt.

Ein abgeschiedenes Dorf im Schatten mächtiger Berggipfel: Seit zehn Jahren lebt Abby in Cutter’s Pass, North Carolina. Längst fühlt sie sich heimisch, obwohl der eigentlich so idyllische Ort ein düsteres Geheimnis hütet – seit Jahren verschwinden hier Wanderer spurlos im Gebirge. Als wäre der Ort verflucht. Dann taucht in einer stürmischen Gewitternacht plötzlich ein Fremder in Cutter’s Pass auf: Trey West ist gekommen, um herauszufinden, was damals mit seinem Bruder geschah. Denn auch er kehrte von jenem berüchtigten Pfad in die Wildnis niemals zurück. Je tiefer sich Abby in Treys Recherchen hineinziehen lässt, desto deutlicher merkt sie, wie die Dorfbewohner zusammenrücken und eine Mauer des Schweigens um sich errichten. Und bald muss sich Abby fragen, wie gut sie ihre Nachbarn tatsächlich kennt – und ob die Gefahr wirklich in den Bergen lauert. Oder nicht vielleicht dort, wo man sich eigentlich in Sicherheit wähnt … (Verlagsinfo)

Die Autorin
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Ian McDonald – Narrenopfer. Zukunftskrimi

Engagierter Alien-Detektivthriller

Eine Mischung aus Detektivroman und Asylantendrama, erinnert „Narrenopfer“ mitunter an den Hollywoodstreifen „Spacecop L.A. 1999“. Da ermittelte ein Polizist gegen Alienmörder. „Narrenopfer“ ist ebenfalls spannend, aber das macht nicht seine Stärke aus. Die liegt in der bewegenden Darstellung der fremdartigen Lebensweise der Aliens auf der Erde, genauer gesagt: in einem Nordirland, das von verschiedensten politischen Gruppierungen zerrissen wird. Würde der Serienmord an fünf Shian bekannt werden, würde sie allesamt über die Aliens herfallen. Ein Vermittler schickt sich an, den Mord aufzuklären, aber wem kann er trauen?

Der Autor
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Andreas Brandhorst – Splitter der Zeit

Brillante Space Opera um einen großen Krieg der Menschheit gegen eine außerirdische Spezies
Seit Jahrhunderten muss sich die Menschheit gegen die fremdartigen Honta verteidigen, ohne zu wissen, warum sie immer wieder angreifen. Im Jahr 3233 überfällt der Feind Harkonia, einen über 8000 Lichtjahre von der Erde entfernten Kolonialplaneten. Zu den wenigen Überlebenden zählt der siebenjährige Cameron, der durch den Angriff seine Mutter verliert. Adoptiert von einem Kommandanten der Vereinten Streitkräfte, tritt er eine Laufbahn beim Militär an. Entschlossen, sich an den Honta zu rächen, sammelt er im Kampf immer mehr Erkenntnisse über den verhassten Feind. Doch die Honta scheinen den Menschen stets einen Schritt voraus zu sein. Verfügen sie über eine Technologie, die die Menschheit nicht versteht? Um die Antwort zu ergründen, muss Cameron eine ungewöhnliche Mission antreten: eine Reise ans Ende der Zeit.
(Verlagsinfo)

Eine neue Space-Opera von Andreas Brandhorst bei Fischer-Tor. Schon im Februar wird es bei Heyne und Piper weitergehen, und laut Aussage des Autors auf seiner Homepage werden alsbald 6 weitere Romane bei Heyne folgen. Dieser Autor ist einer der produktivsten und dabei interessantesten und leistungsstärksten Autoren auf höchstem Niveau, die der deutschsprachige Raum in der Science-Fiction derzeit zu bieten hat.

Aber zum vorliegenden Roman: Was bringen uns die Splitter der Zeit?

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Meyer, Kai – Wasserweber, Die (Wellenläufer-Trilogie 3)

_Sehr vorhersehbar: krönender Abschluss_

„Die Wasserweber“ ist der dritte und abschließende Teil der „Wellenläufer“-Trilogie Kai Meyers.

Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Jahre später glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem dunklen Strudel, der die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

_Der Autor_

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte u. a. ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller „Die Alchimistin“ begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wellenläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus. [„Frostfeuer“ 2111 aus dem Jahr 2005 ist eigenständiger Jugendroman. Das Buch wurde mit dem internationalen Buchpreis CORINE ausgezeichnet.

Die Wellenläufer-Trilogie:

1) Die Wellenläufer
2) Die Muschelmagier
3) Die Wasserweber

|Kai Meyer bei Buchwurm.info:|

[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
[„Die Alchimistin“ 73
[„Das Haus des Daedalus“ 373
[„Der Schattenesser“ 2187
[„Die Fließende Königin“ 409
[„Das Buch von Eden“ 890 (Hörbuch)
[„Das Buch von Eden“ 3145
[„Der Rattenzauber“ 894
[„Frostfeuer“ 2111 (Hörbuch)

_Vorgeschichte der Trilogie_

Die Romantrilogie spielt Anfang des 18. Jahrhunderts unter den Piraten der Karibik. Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Die Heldin Jolly, ein 14-jähriges Seeräubermädchen, verfügt von Geburt an über das besondere Talent des Wellenlaufens. Nach dem Untergang ihres Schiffes und dem Verlust ihrer Mannschaft glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Er ist ein Muschelmagier.

Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, der die Geister ertrunkener Seeleute als Sklaven verkauft, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem meilenbreiten dunklen Strudel, der von einer teuflischen Intelligenz beseelt ist und die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

|Handlung von Band 2, „Die Muschelmagier“|

Eine Nebelwand schützt die Seesternstadt Aelenium vor den Blicken der Welt. Die schwimmende Stadt ist Wächter des gefährlichen Mahlstroms, der in den Tiefen der Karibik lauert. Aber Aelenium hat versagt. Während hinter dem Horizont der Mahlstrom die See verschlingt, ruht die letzte Hoffnung auf den Wellenläufern. In ihren Händen liegt das Schicksal der Karibikbewohner und Aeleniums, die es vor dem Mahlstrom zu bewahren gilt.

Jolly und Munk werden in den Korallenpalästen der Stadt auf den Kampf gegen den Mahlstrom vorbereitet. Doch Jolly sehnt sich zurück nach ihrem Leben als Piratin. Als Klabauterheere vor Aelenium aufmarschieren, beginnt eine abenteuerliche Flucht. (zitiert nach Klappentexten und Verlagsangaben)

_Handlung von „Die Wasserweber“_

Nur noch zwei bis drei Tage bis zum Angriff auf die karibische Seesternstadt Aelenium. Der Verteidigungsplan ist bereits beschlossen. Während die beiden Muschelmagier Munk und Jolly den Mahlstrom in der Gegend namens Sorfenschrund schließen sollen, verteidigt sich die Stadt gegen die Angriffe der Klabauterarmeen. Doch auch der Kannibalenkönig Tyrone wird angreifen. Jolly hofft, dass die anderen Piratenkapitäne, die sich von ihm verraten sehen, seine Flotte angreifen und ihn von einem Angriff auf Aelenium abbringen. Die Chance ist jedoch nur gering. Klar ist jedenfalls, dass jede Verteidigungsmaßnahme nur dazu dienen kann, den beiden Quappen Zeit zu erkaufen, um das eigentliche Übel zu bekämpfen. (Man denke an Frodo und Sam auf dem Weg zum Schicksalsberg.)

Doch zu den Verteidigern gesellt sich ein unerhoffter Kämpfer: der Riesenwal Jasconius mit seinen beiden Insassen, Griffin und Ebenezer Arkwright. Der Wal, der die Bedrohung erkannt hat, soll sich noch als große Hilfe im Kampf erweisen. Und Griffin tut sich als Reiter eines Flugrochens hervor, der mit seinem jeweiligen Schützen die Klabauter aus der Luft bekämpft.

|In die Tiefe|

Begleitet von Soledad, Hauptmann D’Artoire und dem Geisterhändler, begeben sich Munk und Jolly hinaus in das Seegebiet, unter dem sich der Mahlstrom befindet. Jolly bittet den Oberbefehlshaber, ihre Grüße an Griffin auszurichten, den sie seit einer Weile nicht mehr gesehen hat (er war ja im Wal verschwunden). Sie weiß nun, für wen und was sie kämpft: für Griffin, ihre Zukunft – und für ihr Leben als magiebegabte Quappe. Im letzten Moment taucht Griffin auf, so dass sie ihm einen Abschiedskuss geben kann. Das freut Munk überhaupt nicht, denn er ist eifersüchtig.

Der Weg zum Mahlstrom ist lang und tückisch. Munk und Jolly müssen zuerst 30.000 Fuß tief tauchen und dann noch 20 bis 30 Meilen gehen oder schwimmen. Die Warnungen des Geisterhändlers, eines alten Gottes, begleiten sie. Denn vor Tausenden von Jahren soll es schon einmal einen Kampf gegen den Mahlstrom gegeben haben. Damals wurde der Mahlstrom im Schorfenschrund eingesperrt, doch offenbar hat er sich befreien können. Waren die Wachen müde geworden?

Beim Schwimmen stoßen die beiden Quappen auf eine versunkene Seesternstadt – der Vorgänger Aeleniums. Immer wieder müssen sie sich vor Klabautern verstecken: käseweißen und klapperdürren Krallenmännern, die auch unter Wasser riechen und sehen können. Mit ihren breiten Füßen können sie sich auf dem Meeresgrund gut fortbewegen. Jolly und Munk wurden auch vor Suchströmen gewarnt, die als Flutwellen das Meer durchziehen und jeden Wehrlosen in die Tiefe ziehen können.

|Aina|

Nahe der versunkenen Stadt stoßen die beiden Quappen auf ein nacktes Mädchen von etwa 15 Jahren. Sie nennt sich Aina und betört den verblüfften Munk mit ihrer Schönheit und ihrer einschmeichelnden Stimme. Jolly ist gleich von Anfang an misstrauisch. Aina muss eine der früheren Quappen sein, aber dann wäre sie ja Tausende von Jahren alt – und sähe bestimmt nicht wie 15 aus. Außerdem ist sie nichtstofflich wie ein Geist: Als Munk Aina berührt, dringt seine Hand durch sie hindurch. Als Aina ihm eine ihrer großen Muscheln zeigt, ist er in der Lage, mit dieser Magie einen Angriff von Klabautern zurückzuschlagen.

All dies kommt Jolly sehr seltsam vor. Aber die schmeichlerische Stimme Ainas lullt sie ein und Munk ist von Ainas Hilfsbereitschaft überzeugt, und so lassen Munk und Jolly sich von dem Mädchen zum Klabauterberg führen, der sich am Rande des Schorfenschrunds erhebt. Angeblich soll hier die Mutter der Klabauter, Kangusta, leben, doch Aina sagt, sie habe sich selbst eingeschlossen. Das ist jedoch gelogen, wie Jolly zu spät herausfindet. Und Munk ist weit weg und kann ihre Hilferufe nicht hören …

_Mein Eindruck_

Der Abschluss der Wellenläufer-Trilogie erinnert mich stark an das Finale von Tolkiens „Herr der Ringe“ (und vielleicht war die Ähnlichkeit auch dem Autor bewusst, so dass er ein bewährtes Rezept verwendete). Während die Entscheidungsschlacht um Aelenium in mehreren Phasen tobt, versuchen zwei junge Menschen – bei Tolkien sind es Frodo und Sam – den Verursacher all diesen Übels auszuschalten: den Mahlstrom. Dabei müssen Jolly und Munk mehrere Grenzen überschreiten und neue Wesen kennenlernen, die ihnen mehr über den Widersacher verraten. Munk lernt von Aina und täuscht sie, doch Jolly verschlägt es zu der Mutter der Klabauter, Kangusta, sowie zu den Wasserweberinnen. In diesen Begegnungen geraten die beiden jungen Quappen an die Grenze zum Numinosen, den anderen Gottwesen: den „Meistern“ des Mare Tenebrosum.

|Götterdämmerung|

Wie auch immer: Ende gut, alles gut. Oder doch nicht? Viele Helden mussten ihr Leben lassen, andere jedoch – wundersamerweise – nicht. Mit vereinten Kräften wird man auch Tyrones Herr, und schließlich kann man ans Reparieren und Genesen gehen. Doch einer ist für immer gegangen: Urvater, der Schöpfer dieser Welt. Er hat sein negativ gepoltes Gegenstück, den Mahlstrom, nicht überlebt. Das heißt: nur körperlich. Denn seine Geschichte, also seine Idee, lebt weiter fort, ermöglicht durch die Magie des Geisterhändlers, des einäugigen Gottes (eine Gandalf-Figur). Die Ära der alten Götter ist vorüber, die Herrschaft der Menschen endgültig angebrochen. Doch einen neuen König gibt es dennoch nicht: Die alten Streitigkeiten bleiben bestehen. Aber alle schmieden Pläne.

|Metamorphose |

Ein Handlungselement hat mich an einen alten Fantasytrick erinnert: Wenn eine alte Figur ausgedient hat, wird sie entweder ausgewechselt – oder sie verwandelt sich. So verwandelt sich der alte Zauberer in A. R. R. R. Roberts Hobbit-Parodie [„Der kleine Hobbnix“ 477 kurz vor der entscheidenden Begegnung mit dem Drachen (alias Smaug) in ein Wesen, das wesentlich nützlicher ist als der vergessliche Tatterich, der er zuvor war (ich verrate nicht, in was). Aber er entscheidet natürlich die Begegnung mit dem Gegner. Dieses Element könnte man wohl als „Ass im Ärmel“ bezeichnen.

Der hexhermetische Holzwurm, der als Orakel und Dichter gleichermaßen genervt hat, macht eine Verpuppung durch, die den Leser gespannt darauf warten lässt, was aus dem Kokon schlüpfen mag. Als die geflügelte Schlange mit viel Licht und Wunder erscheint, ist auch dies eine Begegnung mit dem Numinosen. Merkwürdig, dass keiner der Anwesenden sonderlich Angst verspürt. Und da sich die grantige Mentalität des Ex-Holzwurms nicht geändert hat, gibt es dazu auch wenig Anlass. Die Feinde haben sich dafür umso mehr zu fürchten.

|Terminator-Wyvern|

Auch der Gestaltwandler ist ein Gegner, dem sich jemand entgegenstellen muss, und diesmal ist die Reihe an Griffin, Jollys Freund. Der Gestaltwandler oder „Wyvern“ (was in den meisten Bestiarien einen Flugdrachen bezeichnet, aber das trifft hier nicht zu) ist ein Schwarmwesen, das – wie ein feindlicher Terminator à la TX – die Gestalt jedes Wesens annehmen kann, das es berührt hat. Es ist folglich äußerst schwierig, so eine proteische Gestalt zu töten. Griffin schafft es wunderbarerweise trotzdem.

|Vorgeschichten|

Doch wer hat das Wyvern geschickt: der Mahlstrom, die Meister, das Mare Tenebrosum oder sonst jemand? Die Erklärung ist recht kompliziert, denn sie fordert ständiges Umdenken. Ebenso kompliziert ist die Erklärung, wie der Mahlstrom überhaupt entstand – und warum er nach mehreren tausend Jahren Ruhe erneut auftauchte. Mich haben diese Erklärungen kaum zufrieden gestellt. Das ist das Problem mit den nachträglich gelieferten Vorgeschichten: Sie lassen sich nur selten auf erzählerisch befriedigende Weise in die gegenwärtige Erzählung integrieren. Tolkien beispielsweise brauchte dafür einen umfangreichen Anhang, um die Vorgeschichten für „Der Herr der Ringe“ zu beleuchten. Hätte er [„Das Silmarillion“ 408 zuerst veröffentlichen dürfen, wäre das unnötig gewesen.

Das Ende des Widersachers, sei es nun Sauron oder der Mahlstrom, hat entsprechend spektakulär auszusehen und das Ende einer Ära zu bezeichnen. Sowohl Tolkien als auch Peter Jackson und Kai Meyer lösen diese leichte Aufgabe zur größten Zufriedenheit des jeweiligen Publikums, ohne jetzt mehr verraten zu wollen.

_Unterm Strich_

Wie oben schon erwähnt, greift der Autor in diesem Teil auf bewährte Muster der Fantasyliteratur zurück. Da ich diese Muster zur Genüge kenne, habe ich mich ziemlich gelangweilt, denn ich wusste ja schon, was kommen würde. Die diversen Showdowns, die für ein Finale obligatorisch sind, konnten mich ebenfalls nicht besonders begeistern, denn es war ja klar, dass die Guten gewinnen würden.

Keiner von Jollys Gefährten gerät wirklich in Lebensgefahr, und wenn auch Jolly zeitweilig für tot gehalten wird, so ist doch für jeden Kenner klar, dass der Autor die Hauptfigur nicht einfach sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden lassen kann. Aber wenigstens tauchen keine Adler auf – obwohl der Flugrochen Griffins damit eine starke Ähnlichkeit aufweist. Alles in allem wird in diesem Teil mehr gehandelt als gequasselt, doch der hohe „bodycount“ unter den feindlichen Angreifern auf Aelenium dürfte keinen Leser schmerzen.

http://www.loewe-verlag.de/

Pierre du Bourdel – Mademoiselle und ihre Freundinnen. Erotischer Roman

Spiele im Schloss

Die frühreife Lucette wartet nur darauf, in die Fußstapfen ihrer lebenslustigen Mama treten zu können. Ihre englische Gouvernante weiht sie in die Freuden der sapphischen Liebe ein, aber erst Sir Archibald, dem das kleine Luder in den Ferien auf einem herrlichen Schloss begegnet, zeigt ihr den richtigen Weg in das erotische Vergnügen. (Verlagsinfo)

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Arthur C. Clarke – Rendezvous mit Rama (RAMA-Zyklus 01)

Spannende Erforschung einer unbekannten Welt

Das rätselhafte Objekt, das die Astronomen auf den Namen Rama taufen, gibt allen Rätsel auf. Es ist noch sehr weit entfernt, deutlich außerhalb der Jupiter-Umlaufbahn. Etwas, das auf eine solche Entfernung auf dem Radar erscheint, muss riesig sein. Seltsamerweise ist es jedoch weder ein Asteroid noch ein Planetoid. Es ist nicht einmal ein natürlicher Himmelskörper. Während es auf seinem kometenartigen Weg zur Sonne rast, zeigt sich, dass es wie ein perfekter Zylinder geformt ist – ein Artefakt.

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Bruce Sterling – Schwere Wetter. Öko-Zukunftsroman

Sturmjäger in Texas: Action und Humor

Die Atmosphäre der Erde ist ruiniert. Und wenn die verheerenden Stürme über den ausgedörrten Kontinent hinwegrasen, sind sie zur Stelle: die Storm Troupers – Meteorologen und Computerfreaks, die die Spur der Vernichtung vermessen und sich den ausgeflipptesten Nervenkitzel verschaffen… (bearbeitete Verlagsinfo)

Der Autor

Bruce Sterling, der Mitbegründer der Cyberpunk-Bewegung der achtziger Jahre, ist der Autor von neun Romanen, wovon er einen, „Die Differenz-Maschine“, zusammen mit William Gibson schrieb. Er veröffentlichte drei Story-Sammlungen (darunter „A Good Old-fashioned Future“) und zwei Sachbücher, darunter 1992 das bekannte „The Hacker Crackdown“ über die Verfolgung von Hackern und Crackern.

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Silverberg, Robert – Jahre der Aliens, Die

_Mit langem Atem erzählt: die Jahre der Alien-Besatzung_

Es ist wie in Roland Emmerichs Film „Independence Day“: Plötzlich landen gigantische Raumschiffe überall auf der Erde. Es erfolgt keine Kommunikation, keine Friedensbotschaft, nicht mal eine kriegerische Auseinandersetzung: Die Aliens ziehen bloß den Stecker raus: Sie schalten sämtliche Elektrizität auf dem Planeten ab. Dann bauen sie ein Netz von Informanten auf. Niemand ist mehr vor Überwachung und Verfolgung sicher.

Doch einige Menschen gehen in den Untergrund, organisieren den Widerstand und nehmen den Kampf gegen die schier übermächtigen Gegner auf – ein Kampf, der sich über mehrere Generationen erstreckt. (ergänzte Verlagsinfo)

Dieser Roman erschien rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag von H.G. Wells‘ epochalem Invasionsroman |“Krieg der Welten“. 1475
Dass es sich außerdem um eine Hommage an den zehn Jahre zuvor – also 1988 – verstorbenen SF-Maestro Robert ANSON Heinlein handelt, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass die meisten Männer der Carmichael-Sippe den Vornamen ANSON tragen. Heinlein schrieb 1951 den klassischen Invasionsroman [„Die Marionettenspieler“. 2625

_Der Autor_

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Anthologist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichten und Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Wie ein Blick auf seine „Quasi-offizielle Webseite“ www.majipoor.com enthüllt, schrieb Silverberg in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weit gespannten Saga, in welcher der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z. B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und –autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.

[„Legenden: Lord John, der magische Pakt“ 2581
[„Legenden: Das Geheimnis von Otherland“ 2580

_Handlung_

Die Hügel um Los Angeles stehen in Flammen. Die Aliens sind gelandet und haben mit ihren Schiffsdüsen das knochentrockene Gras und Buschwerk in Brand gesetzt. Was die Außenweltler hier eigentlich wollen, ist den Behörden und Soldaten lange nicht klar, denn es gibt zunächst keine Kommunikationsmöglichkeit. Die Aliens in L.A. sind fünf Meter große, tintenfischähnliche Wesen, die sich mit langen Fangarmen aus den gaffenden Zuschauern ein paar Exemplare herausfischen, um sie ins Innere ihres Schiffes zu bringen. Cindy Carmichael ist ebenfalls darunter und total happy darüber. Endlich kann sie die Botschafter von den Sternen willkommen heißen …

Ihr Mann Mike Carmichael, der gerade von einem Meditationsurlaub in New Mexico zurückkommt, ist von der Nachricht, dass Cindy entführt worden sei, wenig begeistert. Nachdem der Vietnamveteran seiner Pflicht als Pilot eines Löschflugzeugs Genüge getan hat, spricht er mit ihr über eine militärische Videofonanlage. Sie sagt, sie wolle mit dem Fremden zu den Sternen fliegen. Das bricht ihm verständlicherweise das Herz, denn er liebt dieses verrückte Frauenzimmer wirklich. Er fliegt in die Berge, bis die Maschine kein Benzin mehr hat und abstürzt.

Mikes Bruder, der Oberst a.D. Anson Carmichael III., ist von diesen beiden Nachrichten schwer betroffen. Als sich alte Kollegen in Washington sich seiner erinnern und ihn als Sonderberater holen, verschweigt er jedoch die Tatsache, dass die „verrückte Frau an Bord des Alienschiffs“ seine Schwägerin ist. Die Vorschläge, die im Beratungsgremium gemacht werden, um die weltweite Invasion der unterschiedlichen Fremdwesen abzuwehren, sind nicht wesentlich vernünftiger als Cindys enthusiastisches Gefasel. Der Oberst rät dringend, von Waffengebrauch abzusehen und sich zurückzuhalten, denn offensichtlich sind die Außenweltler auf einem höheren Entwicklungsstand als die Erde. Wer weiß, wozu sie in der Lage sind.

Dies zeigt sich schon auf dem Rückflug nach Kalifornien. Überall auf der Welt fällt der Strom aus. Erst nur zwei Minuten lang, nach sieben Minuten dann für eine lange Zeit. Offenbar haben Angriffe die Aliens zu Vergeltungsmaßnahmen greifen lassen. Nachdem sich die Elektronik an Bord des Flugzeugs, in dem der Oberst und mehrere andere Sonderberater sitzen, wieder eingeschaltet hat, bringt der Pilot die Kiste schleunigst auf den Boden – gerade noch in letzter Sekunde, bevor die Lichter vollends ausgehen. Auf der ganzen Welt.

Neun Jahre später ist die menschliche Zivilisation auf den Stand des 19. Jahrhunderts, maximal aber auf den Stand des Jahres 1937 zurückgefallen. Die Barbarei ist allumfassend, und nur in Inseln der Technik, wo sich wieder funktionierende Elektrizität eingestellt hat, gibt es halbwegs geregelte Lebensumstände und Computernutzung. Die ersten Hacker wagen sich wieder aus ihren Löchern, und einer von ihnen setzt es sich in den Kopf, den Kontakt zum Netzwerk der Aliens herzustellen. Den einzigen, den es geben wird. Sein Name ist Karl-Heinrich Borgmann. Er könnte genauso Judas lauten …

Oberst Carmichael ruft an Weihnachten alle seine Kinder, Neffen und Enkel zusammen: Sie sollen alle bei ihm auf seiner Ranch wohnen, denn schon bald werde alles noch viel schlimmer werden. Der mittlerweile 64 Jahre alte Militär offenbart sich als General des nationalen Widerstands gegen die Invasoren. Doch nun sei er in seinem Organisationskomitee überstimmt worden, und der Widerstand werde an Neujahr einen Angriff auf das Alien-Hauptquartier in Denver starten. Die Folgen sind noch nicht absehbar. Aber er befürchtet das Schlimmste.

Wie Recht der Oberst mit seinen Befürchtungen hat, zeigt sich schon binnen zwei Tagen. Wieder fällt der Strom aus – 39 Tage lang, und das mitten im Winter. Zudem setzen die Außerirdischen eine biologische Waffe ein, der binnen eines halben Jahres drei Milliarden Menschen zum Opfer fallen, also die Hälfte der Weltbevölkerung.

Der Oberst und seine Familie harren in seiner Hügelfestung aus, doch wie lange können sie sich noch halten? Und wie kann irgendein Mensch jemals so nahe an ein „Wesen“ herankommen, um es zu töten, wenn doch die telepathischen Kräfte des Wesens die feindlichen Gedanken des Angreifers wahrnehmen können und so das Wesen rechtzeitig vor einem Angriff warnen? Es sieht nach einer Weile so aus, als seien unantastbare Götter auf die Erde herabgestiegen, um sie sich vollständig untertan zu machen.

Doch da wird im englischen Salisbury ein Junge geboren, der zur Nemesis für die Wesen werden wird. Allerdings werden lange Jahre vergehen, bis der Widerstand ihn entdeckt und zu nutzen versteht. Denn Khalid Burke ist ein ganz besonderer Mensch. Er selbst sagt natürlich, er sei nichts Besonderes. Doch im Schoße der Familie Carmichael erweist sich seine Besonderheit als wertvoller als Gold: Er ist der einzige Mensch, dem es gelungen ist, eines der Wesen zu töten …

_Mein Eindruck_

Der Roman beginnt wie mit einem dieser apokalyptischen Tage, die in der amerikanischen Science-Fiction so beliebt sind: Die Aliens landen, ein Asteroid nähert sich der Erde, eine Epidemie, ein Erdbeben oder eine Riesenwelle, die Eiszeit oder tropische Glut – wieder einmal ist der Weltuntergang angesagt. Nun ist es offensichtlich an der Zeit, dass der Mensch zeigt, aus welchem Stoff er gemacht ist – auch ein Stephen King hat dieses Spiel durchexerziert, so etwa in „Puls“ und davor schon in „The Stand – Das letzte Gefecht“.

|Armageddon A-Z|

Das Spiel dient dazu, die aktuelle Zeit auf den Prüfstand zu stellen und herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Wie sich zeigt, funktionieren nur Liebe und Sex wie eh und je, aber wehe, irgendjemand zeigt, dass Liebe und Sex auch zwischen zwei Männern oder zwei Frauen funktionieren können. Das würde eindeutig den Fortbestand der Menschheit bedrohen. Folglich zeichnen sich die meisten Endzeitszenarien nicht gerade durch progressives Gedankengut aus. Was nicht heißen soll, dass es in den USA keine progressiven SF-Autoren gäbe – man denke nur an Octavia Butler und Samuel Delany (zufällig beides Schwarze).

|Macht euch die Erde untertan!|

Silverbergs Roman ist keine Ausnahme von dieser Regel, und so überleben die Carmichaels in ihrer Bergfestung, indem sie jede Menge Kinder in die Welt setzen – es ist ja auf der halb leer gefegten Erde wieder genügend Platz dafür. Aber sich zu mehren und die Welt zu bevölkern, wie es das AT vorschreibt, ist noch lange keine Methode, die Außerirdischen zu besiegen. Vielmehr erweist es sich als Möglichkeit, auf lange Sicht zu überleben und in alle möglichen Positionen hineinzukommen.

Außerdem stellen sich in der dritten und vierten Generation nach dem Oberst beachtliche Abweichungen heraus: Andy Gannett, der Held des letzten Romandrittels, ist zwar der beste Hacker der Welt, aber mit den Interessen der Carmichaels und ihrer Widerstandsorganisation hat er nichts am Hut. Sein Onkel nennt ihn sogar einen „Mutanten“. Zu etwas muss die Genetik ja gut sein.

|Werft das Joch ab!|

An Andy Gannett lässt sich die Hauptthese des Autors ziemlich genau ablesen. Ob die Menschheit unter der Besatzung der Außerirdischen überlebt, ist zwar schon eine Frage der Fortpflanzung. Aber ob sich die Menschheit jemals wieder von diesem Joch befreien kann, ist von einer ganz anderen Fähigkeit abhängig. Wie der Oberst nie müde wird zu betonen, ist es dem Menschen bestimmt, sich selbst zu bestimmen, in Freiheit, Würde und Gerechtigkeit. Das sind keine ideologischen Worthülsen, sondern sind vom Oberst und seiner Familie immer wieder mit Inhalt gefüllt worden, weil diese Werte gelebt wurden. Die Carmichaels sind keine Ideologen und gehören keiner Partei oder Sekte an. Sie sind einfach nur so, wie man sich den idealen Amerikaner vorstellt.

|Die Kehrseite der Medaille|

Aber Ideale zu erkämpfen, ist eine schwere Bürde, und es ist sogar noch schwerer, sie zu befolgen und ihren Verlust zu verkraften. Das ist die dunkle Seite in der Familiengeschichte der Carmichaels, der wir durch mehrere Generationen folgen. Sie ist der Preis, den die eifrigsten Verfechter dieser Ideale zahlen müssen. Der erste, der bezahlte, ist der mutige Feuerbekämpfer Mike: Als seine Frau Cindy zu den Aliens überlief, sah er sich verraten und flog sein Flugzeug in den Freitod.

In den nachfolgenden Patriarchen nagt ebenfalls das Gefühl der Unzulänglichkeit: Anse wird zum Trinker und säuft sich in ein frühes Grab. Seinen Posten übernimmt sein Bruder Ron, danach dessen Sohn Anson (dieser Vorname ist ein Erbteil des Obersts). Anson schließlich gelingt es, mit Khalid Burke und Andy Gannett die entscheidenden Mitglieder des Widerstandes für sich einzuspannen. Anson hat bereits seinen Bruder Tony auf ein Himmelfahrtskommando geschickt und ihn an die Aliens verloren. Daher nagt die Schuld ständig an ihm, ebenso wie die Angst, noch ein Familienmitglied auf eine sinnlose Mission zu schicken.

Doch in Khalid hat Anson einen Mann gefunden, der keine Fehler duldet, denn das Leben seines Sohnes Raschid sei ihm heilig. Der Autor legt hier große Sympathie für Anhänger des Islam an den Tag, eine Sympathie, die heute, nach den Ereignissen des 11. September, verwundern würde. Es ist der Glaube an einen unerkennbaren Gott (unergründlich außer durch seine Offenbarung im „Koran“) und nicht etwa der Existentialismus à la Camus, der die Widerständler durchhalten lässt. Ich verrate nicht, ob der Anschlag im 52. Jahr nach der Landung der Wesen gelingt oder nicht.

|Die „Wesen“ und ihre Helfer|

Ebenso wichtig für die Geschichte wie die Angehörigen des Widerstands sind die Wesen und die Diktatur, die sie auf der Erde errichten. Die Aliens sind nicht hässlich, keine insektenäugigen Ungeheuer (bug-eyed monsters) wie in der Pulp Fiction der 1930er und 1940er SF. Für Khalid sind sie sogar schön, zumindest die 5 m große Rasse, die offenbar den Ton angibt. Die anderen Spezies – die „Nilpferde“ und die „Gespenster“ – sind ihnen untergeordnet.

Wie schon eingangs erwähnt, erzwingen die Wesen die Mitarbeit der Menschen. Ganz konkret erfolgt dies durch eine telepathische Übernahme, die „der Stoß“ genannt wird, und durch „den Druck“ ergänzt wird, der das Opfer veranlasst, etwas Bestimmtes zu tun. Die Kohorten an Helfern werden ebenso organisiert, wie dies in einem totalitären Staatssystem der Fall wäre, etwa in marxistischen (Stalin) oder nationalistischen Sozialismen (das 3. Reich). Die Carmichaels nennen diese Menschen Quislinge und Borgmanns (s. o.), also Verräter und Kollaborateure.

In der Abhängigkeit von den Aliens liegt eine große Gefahr, wie die Carmichaels nach 50 Jahren erkennen müssen. Nun leben kaum noch Menschen, die das System davor – also unseres – kennen, aber jede Menge Menschen, die nur die Herrschaft der Aliens kennen. Sie sind unselbständig und völlig abhängig davon, dass ihnen die Aliens und ihre weltweite Organisation sagen, was sie als nächstes zu tun haben. Es gibt weder Privatbesitz noch Bewegungsfreiheit, aber auch keinen Hunger, keine Armut, keinen Krieg. Wären die Aliens von einem Tag auf den nächsten fort, so wüssten diese Menschen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen könnten: Als hätte man den Marionetten die Fäden durchschnitten. Unter diesen Massen nehmen sich die Carmichaels wie die große Ausnahme aus. Kein Wunder, dass es zur Konfrontation kommt.

|Die Grauzone der Hacker|

Der interessanteste Teil des Romans spielt 30-50 Jahre in der Zukunft, also Mitte des 21. Jahrhunderts. Zwischen Widerstand und Kollaboration gibt es einen grauen Bereich, den Untergrund. Hier tummeln sich die Hacker. Und Andy Gannett ist der beste unter ihnen. Leider aber nicht der klügste, denn sonst wäre er den Häschern der LACON-Organisation nicht in die Falle gegangen. Die LACON-Bürokratie vertritt in Los Angeles die Interessen der Außerirdischen. Andy arbeitet illegal als „Begnadiger“. Durch seine Manipulation der Alien-Computer macht er negative Beurteilungen und Versetzungen rückgängig, lässt sich das aber auch gut bezahlen.

Hacker und andere „moderne“ Menschen besitzen ein Bioimplantat, das einen kleinen Computer darstellt, mit dem sie sich per Funk (WLAN und ähnliches) untereinander und mit Rechnern austauschen können. Auch Spracheingabe ist an manchen Computern möglich, so etwa im Auto. Was 1998 noch Utopie schien, ist heute schon Realität: WLAN und Wifi sowie Spracheingabe und implantierte Chips. Es gibt eine schöne Szene, in welcher der verhaftete Andy es schafft, sich in den Zentralrechner der Aliens einzuloggen und darin allerlei Unfug zu treiben. Ich fühlte mich an den ersten Virtual-Reality-Film namens „Tron“ erinnert – und in der Cyberpunk-SF Anfang/Mitte der 1980er Jahre waren solche Szenen gang und gäbe.

|Entwicklungen|

Man sieht also, dass nicht nur die Entwicklung der Sippe der Carmichaels und ihrer Gesellschaft voranschreitet, sondern auch die Technik, die es sowohl Aliens als auch Hackern und Widerständlern (Hacker sind nicht automatisch Rebellen) erlaubt, sich gegenseitig zu unterdrücken oder zu sabotieren, je nach Standpunkt. Ideologie spielt dabei keine Rolle, nicht einmal Religion.

Die Aliens wollen – ja, was wollen sie eigentlich? Auch am Schluss fragen sich die Menschen immer noch, was die Besucher von den Sternen hier eigentlich wollen bzw. wollten. Ein neues Siedlungsgebiet vielleicht, ohne die Einheimischen als Lebensform völlig auszulöschen. Es ist nicht gesagt, dass sich menschliche Kolonisatoren auf einer fremden Welt besser benehmen würden. Wahrscheinlich wäre das Gegenteil der Fall: die Ausrottung der Eingeborenen. Es wäre nicht das erste Mal.

|Die Übersetzung|

… erfolgte diesmal nicht durch Silverbergs Standardübersetzer Roland Fleissner, sondern durch Walter Brumm. Er ist einer der langjährigen |Heyne|-Übersetzer im Bereich SF. Zum überwiegenden Teil macht Brumm seine Sache sehr gut und bleibt durchweg verständlich. Fremdwörter und Jargon sind seine Sache nicht, aber auch mit neuer Technik hat er keine Probleme.

Nur drei Fehler konnte ich finden. Auf Seite 176 (und nochmals kurz vorher) ist die Rede von „Highwayen“ statt des normalen „Highways“. Das ist eine sehr sonderbare Fügung und sieht aus, als wäre das Wort „Autobahn“ per Knopfdruck durch „Highway“ ersetzt worden, ohne auch den Plural zu ersetzen. Sieht jedenfalls total schief aus.

Auf Seite 289 ist einer der typischen Buchstabendreher zu finden, der aber diesmal besonders lustig aussieht: statt „Art und Weise“ lautet es diesmal „Art und Wiese“ … Auf Seite 540 sollte es statt „ihn“ nur „in“ heißen, dann ergibt der Satz einen Sinn.

_Unterm Strich_

Einen epischen Roman von Robert Silverberg zu lesen, ist wie in einen dicken großen Rolls-Royce zu steigen und sich dem zuverlässigsten Chauffeur der Welt anzuvertrauen. Man weiß genau, dass nichts schief gehen wird, dass man am gewünschten Ort ankommen wird und dass die Fahrt in diesem ruhig dahinrollenden Gefährt auf jeden Fall eine angenehm verbrachte Zeit bedeutet.

Hierfür braucht man keine Versicherung abzuschließen: Man bekommt hundert Prozent Unterhaltung auf hohem Niveau, höchstwahrscheinlich auch eine Menge Spannung, der Stil ist stets verständlich und nicht von oben herab – und nicht zuletzt lernt man eine paar sehr interessante und recht menschlich geschilderte Leute kennen, von denen man am Schluss nur ungern wieder Abschied nimmt.

So ist es auch mit „Die Jahre der Aliens“. Von einem Katastrophenroman kann keine Rede sein, noch nicht mal von einem Cyberpunkroman, obwohl beide Elemente enthalten sind. Auch eine Familiengeschichte ist darin eingeflochten, und das ist natürlich der menschlichste Teil daran. Als ich die neuen Erzählstränge um Khalid Burke und Karl-Heinrich Borgmann las, fragte ich mich, was die hier zu suchen hatten.

Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Beide spielen im letzten Drittel des Buches eine wichtige Rolle, und sogar Cindy Carmichael, Mikes Frau, taucht wieder auf. Die Fäden dieser Nebenhandlungen verschwinden nahtlos im großen Gewebe und tragen eine neue Farbe dazu bei. Das ist die Kunst eines großen Meisters. Silverberg schreibt nicht umsonst schon fünfzig Jahre lang Sachbücher und erfundene Geschichten.

Es fällt mir schwer, an dem Buch herumzumäkeln, weil es einfach so perfekt ist. Dennoch scheint mir die Alien-Invasion insgesamt etwas zu glimpflich zu verlaufen und der Autor den Leser vor den schlimmsten Gräueln abzuschirmen. Wer jedoch Phantasie und Vorstellungskraft besitzt, kann sich bereits aus dem, was am Rande erwähnt wird – etwa die gigantische Pornosammlung Borgmanns, die er sich durch die Überwachung Prager Frauen zusammengestohlen hat – zusammenreimen, was an Leid und Unrecht in dieser Welt geschieht. Auch das Leben Khalids ist keineswegs ein Zuckerschlecken, schon gar nicht, nachdem er ein Wesen getötet hat.

Ein paar wenige Szenen müssen also genügen, dem Leser eine Ahnung von den Schrecken zu geben. Wer eine härtere Gangart bevorzugt, kommt bei Autoren wie Delany, Butler (s. o.) oder auch Jack Womack und den Cyberpunks auf seine Kosten. Silverberg ist zu sehr Gentleman, um das vorhandene Sensationspotenzial auf Kosten des Feingefühls auszuschlachten. Und nur mit Gentlemen fährt man gerne im epischen Rolls-Royce.

|Originaltitel: The Alien Years, 1998
590 Seiten
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm|