Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Lois McMaster Bujold – Im Schatten des Wolfes (Chalion 3)

Band 1: „Chalions Fluch“
Band 2: „Paladin der Seelen“

Handlung

Prinz Boleso ist tot. Was nicht gerade bedauerlich ist, denn nach dem Mord an einem Dienstboten, dessen Leiche er danach gehäutet und in Stücke geschnitten hat, ist die königliche Familie froh, das im Exil lebende schwarze Schaf los zu sein, bevor es ihren Ruf weiter beschmutzen kann.

Leider ist der Prinz zu einem ungelegenen Zeitpunkt gestorben: Der Geheiligte König selbst kränkelt und Prinz Boleso ist unter alles andere als normalen Umständen gestorben. Er wurde erschlagen – von seiner eigenen Gespielin, Lady Ijada dy Castos, einem Kammerfräulein seiner Schwester, Prinzessin Fara.

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Tanith Lee – Im Herzen des Vulkans (Birthgrave-Trilogie 1)



Frühe feministische Fantasy

Die Angehörige einer beinahe verschwundenen Rasse von Superwesen erwacht im Herzen eines Vulkans. Draußen wird sie aufgrund ihrer übermenschlichen Kräfte als Göttin verehrt. Sie stellt erstaunt fest, dass nicht nur ihre Berührung, sondern allein ihr Name heilen können. Denn ein Dämon im Vulkan hat ihr vorausgesagt, dass sie überall das Böse verbreiten werde.

Sie entdeckt, dass es noch weitere Abkömmlinge der alten Rasse auf der Welt gibt. Doch sie wird von ihnen nur benutzt, als Frau wie als Zauberin. Sie wird versklavt und gedemütigt, aber sie nicht auf bei ihrer Suche nach ihrem Ursprung und ihrer Bestimmung. (aus der Verlagsinfo)

Mit dieser Trilogie hat sich die Engländerin Tanith Lee (geb. 1947, gest. 2015) auf Anhieb den Ruf erworben, neben C. J. Cherryh und Katherine Kurtz die wichtigste Vertreterin der gehobenen epischen Fantasy zu sein. (ergänzte Verlagsinfo)

Die Autorin
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Wells, H. G. – Unsichtbare, Der

_Spannende SF: der Wissenschaftler als Terrorist _

Unsichtbarkeit: Das ist die Faust, die man nicht kommen sieht, Macht über andere. Der „Unsichtbare“, das ist einer der ersten Terroristen und „verrückten Wissenschaftler“. Dennoch ist ihm ein tragisches Geschick beschieden. „Der Unsichtbare“ ist eine von H.G. Wells‘ besten Geschichten. Sie steht in einer Reihe mit „Die Zeitmaschine“ und „Der Krieg der Welten“.

James Whale hat den Klassiker 1933 kongenial mit Claude Rains in der Titelrolle verfilmt; seine Spezialeffekte wurden in zahlreiche Filme der Zeit übernommen, so gut waren sie. Bei ihm ist die Story keine Tragödie, sondern eine schwarze Komödie.

_Handlung_

Erstmals ereignet sich die phantastische Handlung nicht in einer ebenso phantastischen Umgebung, sondern in der englischsten aller Gegenden, für deren Leser Wells damals schrieb: in Südengland.

In das verschlafene und rechtschaffene Städtchen Iping im idyllischen Sussex schneit eines Wintertages der merkwürdige Fremde herein. Er quartiert sich im Gasthaus „Zum Fuhrmann“ ein, ohne seinen Namen zu nennen. Die Wirtsfrau Mrs. Hall nimmt seine diversen Unhöflichkeiten und seine kurz angebundene Art nur in Kauf, weil er gleich mit zwei Goldstücken im voraus bezahlt hat.

Entsetzt stellt sie fest, dass das Gesicht des Mannes komplett bandagiert ist. Aus diesem weiß umhüllten Kopf stechen die von einer schwarzen Brille verdeckten Augen wie die eines Totenkopfes heraus. Kaltes Grausen packt sie, doch das Mitleid behält vorerst noch die Oberhand.

Nacheinander machen die Bekannten der robusten Wirtin Bekanntschaft mit dem seltsamen Gast: der Uhrmacher, ihr Mann, ein Fuhrmann, zwei Monate später schließlich der Dorfarzt, der seine Entdeckung brühwarm dem Pfarrer hinterbringt: Der Ärmel des Fremden ist leer, doch beim Draufschlagen genauso steif und hart, als stecke ein richtiger Arm darin! Mittlerweile ist der in seinem Zimmer experimentierende Fremde schon Stadtgespräch. Unter den Frauen schreibt man ihm übernatürliche Kräfte zu, doch manche Männer halten ihn für einen Anarchisten – was damals gleichbedeutend ist mit einem Bombenleger.

Nachdem beim Pfarrer eine Kasse ausgeraubt wurde, will der Dorfgendarm den Fremden, der nach wie vor namenlos ist, deswegen verhaften. In einem irren Handgemenge gelingt es dem Fremden, sich auszuziehen und unsichtbar zu entkommen. Auf dem Felde macht er einen Landstreicher zu seinem Helfershelfer. Dies ist eine der komischsten und gelungensten Szenen des Buches. Mit dem neuen Komplizen verschafft er sich erneut Zutritt zum „Fuhrmann“ in Iping, um seine kostbaren Tagebücher und Notizen zu holen.

Doch schon bald wird der Einbruch entdeckt und Rufe werden laut „Haltet den Dieb!“ Doch der Fremde schlägt diesmal zurück, und so erhalten seine Verfolger viele blaue Flecken. Der Unsichtbare hinterlässt statt eines fröhlichen Pfingstjahrmarkts eine Stätte des Chaos und des Terrors. Noch Stunden danach herrscht Totenstille. So endet die erste Hälfte des Reports, den uns Wells liefert.

_Mein Eindruck_

Wells hat sich einer märchenhaften Wunschvorstellung der Menschen angenommen, sie auf den Kopf gestellt und zeigt nun die möglichen Folgen ihrer Verwirklichung. Die Wissenschaft, verkörpert in dem Fremden, erweist sich hier als zweischneidiges Schwert: Bewundernswert ist sie nur dann, wenn sie der Menschheit dient. Doch sie wird zu einem teuflischen Instrument, wenn, wie beim Romanhelden Mr. Griffin, stattdessen der Machthunger des Menschen zur Triebfeder wird. Der Wissenschaftler mit der gottähnlichen Macht des Unsichtbaren wird zum Terroristen.

Doch dies ist auch seine Achillesferse und sein Verhängnis. Um vollkommen unsichtbar zu sein, darf er keine Kleidung tragen. Nackt ist er der Kälte und dem Wetter ausgesetzt. Ständig verrät sich Mr. Griffin durch sein heftiges Niesen. Er benötigt auch Nahrung, muss sich also unter Menschen wagen, die für ihn eine Bedrohung darstellen, denn sie könnten ihn und seine Machenschaften entdecken. Doch unverdaute Nahrung in seinem Magen ist wiederum sichtbar, eine weitere Gefahr. Außerdem muss er sich als Unsichtbarer völlig außerhalb der Gesetze stellen, die für normale Sterbliche gelten. Er hält sich für größer als die Normalen, ist aber umso angreifbarer.

Sein Terrorismus verwandelt die Menschen in einen Pöbel, der dem üblichen Gesetz nicht mehr gehorcht. Sein Übermut und sein oben geschildertes Dilemma werden ihm zum Verhängnis, denn einmal gefasst, zerreißt ihn der Pöbel praktisch in Stücke.

|Eine besondere Art von Humor|

Wells arbeitet ständig mit Humor in seiner Erzählung. Die schwarze Komödie lebt von der Konfrontation der diversen Dorfbewohner mit dem Unbekannten und Unmenschlichen, das der Fremde in ihre Mitte gebracht: Sie untersuchen ihn, kämpfen mit ihm und doch ist da am Ende nur NICHTS. Es ist eine gespenstische Situation von geradezu existenzialistischen Dimensionen.

Damit diese Bedrohung dem werten Leser nicht zu sehr Angst macht, wird sie verschleiert und eingebettet in komische Situations- und Aktionsbeschreibungen, die von einer schlichtweg filmischen Vor- und Darstellungskraft zeugen. Das Kino war 1897 bereits erfunden, und so verwundert es nicht, dass so manche turbulente Szene an frühe Melodramen und Slapstick-Action erinnert.

Diese sind aber, wie gesagt, nicht Selbstzweck. Die Szene, in der Mr. Griffin den Landstreicher, Mr. Marvel trifft und ihm begreiflich zu machen versucht, dass er selbst unsichtbar, aber absolut real sei, berührt die Grenze des Ergreifenden. Hier zeigt sich die Tragik des Schicksals, dem sich der Wissenschaftler selbst ausgesetzt hat. Wer je den John-Carpenter-Film „Die Fliege“ mit Jeff Goldblum als Wissenschaftler gesehen hat, weiß vielleicht, wovon ich spreche.

Ende des 19. Jahrhunderts erklärte ein leitender Mitarbeiter des britischen Patentamtes, alles, was zu erfinden sei, sei bereits erfunden. (Nun könne man sich wohl beruhigt zurücklehnen.) Herbert George Wells demonstriert in seinen Geschichten, dass genau das Gegenteil der Fall ist, dass man aber zwar forschen könne, die Anwendung der Forschungsergebnisse jedoch wohl überlegt sein sollte.

|Die andere Seite der Spiegels|

Das direkte Gegenstück zum „Unsichtbaren“ hat Wells Jahre später mit der schönen Erzählung „Im Land der Blinden“ geschrieben. In den Anden hat sich in einem vergessenen, abgeschlossenen Tal eine winzige Gemeinschaft entwickelt, deren Sehkraft sich zurückentwickelt hat, bis sie verschwand. Alle hier sind blind, folglich ist der Eindringling, der zufällig hier landet, selbst unsichtbar. Nach einer dramatischen Auseinandersetzung muss er sich zwischen Liebe, Familienglück und Sehkraft entscheiden …

_Die Übersetzung_

Die zwei Übersetzer haben den etwas betulichen Tonfall des viktorianischen Autors nachzuahmen versucht, was den heutigen Leser doch etwas absonderlich anmutet. Es könnte sein, dass dies die erste deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1911 ist.

Wells war jedoch Journalist und absolut auf der Höhe der Zeit. Sein Erzählstil hat nichts mit Autoren alter Schule wie Fontane oder Raabe zu tun, sondern mehr mit Zeitungsreportage: Genau so würde ein Reporter aus der Stadt das Geheimnis des unsichtbaren Fremden in einem Dorf in Sussex einkreisen und schließlich enthüllen.

_Unterm Strich_

„Der Unsichtbare“ ist eine äußerst flott und spannend zu lesende Actionstory. Einerseits. Andererseits will Wells hier nicht nur unterhalten, sondern auch dem menschlichen Wunsch, sich mit Hilfe der Wissenschaft praktisch jeden Wunsch zu erfüllen, eine lehrreichen Spiegel vorhalten.

|Originaltitel: The invisible man, 1897
Aus dem Englischen von Brigitte Reiffenstein und Alfred Winternitz|

Stanislaw Lem – Robotermärchen & Kyberiade: Der Weiße Tod

Vom Großen Kosmogonischen Konstrukteur und seinen silbernen Geschöpfen: Sprachliche Märchen-Kunstwerke für Groß und Klein

Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neu programmierten Sprösslinge von Robotern, klar? Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können. Märchenhaft.

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Tom Arden – Der rote Schlüssel (Der Kreis des Orokon Band 2)

Zusammen mit „Der Tanz des Harlekin“ ist dies Tom Ardens erste deutsche Veröffentlichung. Ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt. „Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy“, urteilte das US-Fachmagazin LOCUS. Die vollständige Lektüre des ersten Romans, den der deutsche Verlag in zwei Bände aufgeteilt hat, fördert aber auch einige Schwächen zutage.

Der Autor

Tom Arden (* 1961 in Mount Gambier, Australien; † 15. Dezember 2015 in London, England; bürgerlich David Christopher Rain) war ein australischer Fantasy-Schriftsteller.
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Edgar Allan Poe – Grube und Pendel (Gruselkabinett 111)

Inquisitionsfoltern und späte Rache: Poe im Doppelpack

Rom 1846: Der Edelmann Montrésor sieht sich seit Jahren der infamen Verspottung durch Fortunato ausgesetzt und ersinnt daher einen perfiden Plan, sich dieses Plagegeistes zu entledigen – vor allem, da die beiden, was Fortunato gar nicht mehr gegenwärtig hat, eine gemeinsame Vergangenheit haben, die bis in das Jahr 1796 zurückreicht… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor
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Dayfydd ab Hugh / Brad Linaweaver – Höllischer Himmel (Doom #3)

Die ganze Erde ist von Aliens besetzt! … Die ganze Erde? Nein! Ein von unbeugsamen Menschen bewohntes Eiland hört nicht auf, den „Freds“ Widerstand zu leisten. Der Name dieser schönen – und, nachdem Salt Lake City in einem nuklearen Höllenfeuer unterging, auch letzten – Bastion der Menschheit lautet Hawaii.

Nach ihren bisherigen Abenteuern erscheint der Aufenthalt auf der Insel den vier Helden – Fly, Arlene, Albert und Jill – wie Urlaub im Paradies; ein wolkenloser Himmel, weiße Strände und ein tiefblaues Meer machen die Bedrohung durch die Invasoren fast vergessen. Doch die Anzeichen mehren sich, dass das geruhsame Leben bald vorbei sein wird. Seeungeheuer und monströse Flugkreaturen ziehen immer engere Runden um die Insel und innerhalb der militärischen Forschungseinrichtungen sind erste Opfer von Zombieübergriffen zu beklagen.

Dennoch gibt es einen winzigen Funken Hoffnung, denn endlich ist es Wissenschaftlern gelungen, die Nachricht einer außerirdischen Spezies zu entschlüsseln, welche mit den „Freds“ ebenfalls im Krieg zu liegen scheint. Um Kontakt zu diesen potenziellen Verbündeten herzustellen, gibt es nur einen Weg: Fly & Co. müssen zurück nach Phobos, um von dort die Transporter-Tore zu durchschreiten. Da Jill jedoch nicht über einen ausreichenden militärischen Background verfügt, muss sie murrend und widerwillig auf der Erde zurückbleiben und wird durch einen Captain Hidalgo ersetzt. Obwohl keiner der Pioniere damit rechnet, je wieder heimkehren zu können, machen sich vier Marines auf die lange Reise zum Marsmond und darüber hinaus.

Wider Erwarten erweist sich die Kontaktaufnahme mit den scheinbar freundlich gesinnten Aliens als relativ unproblematisch. Doch was die Menschen dann über die Hintergründe des Krieges erfahren, erschüttert nicht nur Alberts mormonisches Weltbild.

Was sich schon in Band 2 andeutete, findet in „Höllischer Himmel“ seine konsequente Fortsetzung: Das Monster-Schlachten rückt zugunsten einer durchaus klassischen Science-Fiction-Geschichte mit Space-Opera-Elementen in den Hintergrund.

Mit dieser Umorientierung einher gehen gerade in der ersten Hälfte der Buches recht ausführliche charakterisierende und ruhigere Passagen; um zu viel Ernsthaftigkeit bemüht, vernachlässigen die Autoren hier allerdings den bissigen Humor, welcher die ersten beiden Romane auszeichnete, sodass die Geschichte an diesen Stellen etwas trocken und langatmig wirkt. Auch der ständige Wechsel der Ich-Erzähler, der dadurch auf die Spitze getrieben wird, dass er sich nunmehr innerhalb der einzelnen Kapitel und zwischen sechs Personen vollzieht, macht diesen Doom-Roman streckenweise zu schwer verdaulicher Kost.

Deutlich frischer und schließlich auch origineller wird die Story ab dem Moment, als die Helden ins All aufbrechen. Die Erstkontaktsituation, die Widrigkeiten der Raumfahrt und schließlich die Erklärungen zu den Ursachen der Invasion bringen Dafydd ab Hugh und Brad Linweaver wieder auf die gewohnt lockere Art und Weise zu Papier, wobei weniger die zotige Sprücheklopferei als vielmehr eine witzige Situationskomik die Interaktionen der Protagonisten bestimmt. Insbesondere einige Seitenhiebe auf technikgläubige Science-Fiction-Fans und -Autoren gehören zu den erwähnenswerten Highlights dieses Romans.

Fazit: Trotz einiger Längen, des nervtötenden ständigen Wechsels der Erzählpersektive und eines unbefriedigenden Endes ein durchaus gelungener Roman, der eine Brücke zwischen (intellektuell) anspruchslosem Ego-Shooter und „gehaltvoller“ Space-Opera schlägt.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|

Christopher Priest – Prestige – Die Meister der Magie (Das Kabinett des Magiers)

SF-Thriller im magischen Gewand

Dieser verfilmte Roman ist nicht nur eine Geschichte über eine 100 Jahre währende Familienfehde, sondern eindeutig auch eine Geistergeschichte. Und eine ins 19. Jahrhundert verlegte Science-Fiction-Geschichte, die den feinen Grenzbereich zwischen „echter“ Wissenschaft und magischer Illusion untersucht. Wie sich zeigt, lässt sich das eine für das andere einsetzen bzw. missbrauchen.

Für diesen vielschichtigen, aber spannenden Roman erhielt Christopher Priest den begehrten World Fantasy Award.

Handlung

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Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.

Ted Chiang – Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes. Erzählungen

Die Engeljagd und andere Alien-Begegnungen

Geschichten, die ein ganzes Universum enthalten:

– Die Wahrheit über den Turmbau zu Babel;
– der folgenreiche Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies;
– die Verzweiflung angesichts des Verlusts eines unersetzlichen Menschen;
– ein Zeitreiseabenteuer in der Welt von „Tausendundeine Nacht“;
– und ein bestürzender Ausflug an die Grenzen des wissenschaftlich Machbaren… (erweiterte Verlagsinfo)

„Kein anderer Science-Fiction-Autor hat in den letzten zwanzig Jahren auch nur ansatzweise so viel Begeisterung ausgelöst wie Ted Chiang. Kein anderer Science-Fiction-Autor wurde für ein so schmales Werk mit mehr Preisen ausgezeichnet. Nun liegt endlich auch auf Deutsch ein Auswahlband mit seinen Erzählungen vor. Ausgezeichnet mit dem ›Kurd Laßwitz Preis‹ als bestes ausländisches Werk des Jahres 2012.“ (Verlagsinfo)

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Christina Henry – Die Chroniken von Alice. Finsternis im Wunderland (Chroniken von Alice 01)

Alice-Abenteuer für Slasher-Fans

Seit zehn Jahren ist Alice in einem düsteren Hospital gefangen. Alle halten sie für verrückt, während sie vor sich hindämmert auf der Suche nach ihrer Erinnerung. Wer ist sie? Warum befindet sie sich an diesem grausamen Ort? Und warum quälen sie jede Nacht Albträume von einem Mann mit Kaninchenohren?

Als ein Feuer im Hospital ausbricht, gelingt Alice endlich die Flucht – an der Seite des geisteskranken Axtmörders Hatcher. Doch nicht nur Alice ist frei. Ein dunkles Wesen, das in den Tiefen des Irrenhauses eingesperrt war, ist ebenfalls entkommen und auf der Jagd nach Blut. Erst wenn Alice dieses Ungeheuer besiegt, wird sie die Wahrheit über sich herausfinden – und was das weiße Kaninchen ihr angetan hat… (Verlagsinfo) Alle sagen, sie sei eine Zauberin, aber worin, zum Kuckuck, soll diese Magie bestehen, fragt sie sich. Sie wird es auf die harte Tour herausfinden.

»Christina Henry nutzt die düstere Seite von Lewis Carrolls Werk, durchtränkt es mit Tim Burtons cineastischer Bildwelt und fügt ihm ihre eigene alarmierend groteske Vorstellungskraft hinzu. Daraus entsteht ein Roman, halb Rachetragödie, halb Slasherfilm.« The Guardian (04. Juni 2019)
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Jack Vance – Herrscher von Lyonesse (Lyonesse-Trilogie Band 1)

Die rebellische Prinzessin

Lyonesse – das ist ein Königreich auf den Älteren Inseln, die einst im Golf von Biskaya vor den Tagen König Arthurs lagen. Sie sind die Heimat von zehn – natürlich zerstrittenen – Königen, von Barbaren (den Ska), von Recken, Hexen und Zauberern, Ogern und Elfen.

Jeder König will Herrscher über ganz Lyonesse, die Hauptinsel, werden, allen voran der ehrgeizige König Casmir von Lyonesse, der seinen alten Gegenspieler Aillas von Süd-Ulfland bekämpft, wo es nur geht. Die Inseln werden jedoch in ihrer Gesamtheit von den Ska bedroht, die als Herrenmenschen alle anderen Völker als minderwertig einstufen und entsprechend behandeln.

Bevor Artus kam

Dies ist der erste Band von Vances „Lyonesse“-Trilogie, zu der noch die Bände „Die grüne Perle“ und „Madouc“ gehören. Die Ideen zu dieser Fantasy-Trilogie hatte Vance noch vor 1950 konzipiert, vor seinem großen Erfolg mit „Die Sterbende Erde“. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände ausgezeichnet ausgestattet: mit Landkarte, Glossar und neuer Titelillustration. Der Autor selbst führt in die Historie von Lyonesse ein, die zwei Generationen vor dem Beginn der Artus-Legende endet.

Hinweis

Der Leser dieses Epos sei eindringlich vor diversen Todesarten, einer Reihe von Sexualakten (S. 272, 275 und 291) und schließlich dem Auftreten von Kannibalismus (S. 289) gewarnt. Nein, in dieser Phantasiewelt geht es fast so schlimm zu wie in der hiesigen.
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Jeschke, Wolfgang & Bova, Ben (Hg.) / Rey, Lester del / Heinlein, Robert A. / Kornbluth, Cyril M. – Titan-10

Durchblicker: Galileo im Generationenschiff

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 10 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Heinlein, Lester del Rey und Cyril M. Kornbluth gesammelt.
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Stephen Baxter – Vakuum-Diagramme (Xeelee-Zyklus)

Wenn man Baxters Buch verstehen will, muss man die Quantenmechanik verstanden haben – so möchte ich einmal einen Satz aus dem Buch selbst abwandeln (s.S. 316). Ich glaube, die wenigsten Leser verfügen jedoch über das nötige Hintergrundwissen, um wirklich zu verstehen, wovon der Autor hier fast ununterbrochen schreibt: Esoterische (real existierende) Physik und höhere Mathematik, durchmischt von offenbar spekulativen Abwandlungen und Extrapolationen oder gar völlig erdachten Weiterungen unserer heutigen Kenntnisse von der Natur des Universums. Da zu meinem Studium die theoretische Physik gehörte, konnte ich zumindest mit dem Begriffsapparat etwas anfangen. Andere dürfte Baxter aber schnell weit hinter sich lassen auf seinen Höhenflügen. Ob ihm das eine dankbare Leserschaft einbringt?

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Octavia E. Butler – Die Parabel vom Sämann

Die Vision von der Erdensaat

Kalifornien im Jahre 2025: Die Regierung ist handlungsunfähig, der Bundesstaat leidet unter Wasserarmut. Wer es sich leisten kann, lebt hinter dicken Mauern zum Schutz vor den kriminellen Banden, die ohne Gnade rauben, vergewaltigen und morden. In dieser Welt wächst die fünfzehnjährige Lauren Olamina als Tochter eines Baptistenpriesters auf. Sie ist hyperempathisch – sie fühlt die Schmerzen anderer am eigenen Leib. Als ihre kleine Gemeinde angegriffen und zerstört wird, macht sie sich auf eine gefährliche Reise nach Norden, um ihren Platz in dieser Welt zu finden … (Verlagsinfo)
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Roger Zelazny – Straße nach überallhin

Vendetta in der Zeit

Red Dorakeen hat sich einen mächtigen Feind gemacht. Kreuz und quer flieht er vor dessen Attentätern durch die Epochen der Menschheitsgeschichte – denn die »Straße nach Überallhin« ermöglicht es ihm, von der unvorstellbar fernen Vergangenheit bis in die weite Zukunft zu reisen. Dieser vergessene Schatz der Science-Fiction lässt seine Leser:innen auf jeder Seite von Neuem staunen, rätseln und mitfiebern – Zelaznys besondere Erzählweise bietet ein absolut außergewöhnliches Leseerlebnis. (Verlagsinfo)
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Tom Arden – Der Tanz des Harlekin (Der Kreis des Orokon Band 1)


Die Prophezeiung des Orokon

Dies war Tom Ardens erste deutsche Veröffentlichung. Ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt. „Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy“, urteilte das US-Fachmagazin LOCUS.

Der Autor

Tom Arden (* 1961 in Mount Gambier, Australien; † 15. Dezember 2015 in London, England; bürgerlich David Christopher Rain) war ein australischer Fantasy-Schriftsteller.
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Ben Bova – Venus (The Grand Tour 16)

Der Höllenplanet

Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider ein wahres Höllenloch: über 400° Grad heiß. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss.

„Abenteuer-SF im klassischen Stil von einem der größten SF-Autoren aller Zeiten: Nach dem großen Erfolg seiner Romane Mars und Rückkehr zum Mars schildert Ben Bova nun die atemberaubende Geschichte der ersten Expedition zur Venus – ein Planet, der ein tödliches Geheimnis birgt.“ (Verlagsinfo)

Der Autor
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Marillier, Juliet – Wolkeninsel, Die

Band 1: [„Die Priesterin der Insel“ 874

Thorvald hat soeben etwas erfahren, das ihn zutiefst entsetzt! Der junge Mann, der schon immer ein gewisses Problem mit seinem Selbst hatte und oft mürrisch und unbeherrscht ist, wurde von seiner Mutter mit der Wahrheit über seine Abstammung konfrontiert. Nicht Ulf, der fähige und gütige Anführer, der die Norweger zu den Hellen Inseln gebracht hat, ist sein Vater, sondern Somerled, ein Brudermörder und Tyrann! Vom selben Augenblick an gibt es für ihn nur noch ein Ziel: Er muss seinen Vater finden. Deshalb überredet er seinen Freund, den Fischer Sam, mit ihm zusammen in seinem Boot nach Westen zu segeln, dorthin, wohin es seinen Vater nach seiner Verbannung verschlagen haben muss. Kaum auf See, stellen die beiden jungen Männer zu ihrer Überraschung fest, dass sie auch ein Mädchen dabeihaben. Creidhe ist seit ihrer Kindheit Thorvalds treues Anhängsel und überzeugt, dass er auch auf dieser Reise ihre Unterstützung braucht.

Tatsächlich gelingt es den Dreien, ihr Ziel zu erreichen. Doch kaum sind sie angekommen, entwickelt sich alles ganz anders als erwartet – und nicht unbedingt erfreulich …

Thorvald ist ein ziemlich eigenwilliger Kerl. Intelligent, ehrgeizig und ziemlich egozentrisch, aber gleichzeitig auch sehr unsicher. Er ist sich seiner Fehler durchaus bewusst, und seit er weiß, wer sein Vater ist, ist seine größte Angst, dass verdorbenes Blut in seinen Adern fließt und ihn dazu verdammt, so zu werden, wie einst Somerled war! Deshalb gibt es für ihn nur ein Ziel: Er muss seinen Vater finden – so dieser denn noch lebt – und in Erfahrung bringen, ob sein Vater noch immer derselbe grausame und machtgierige Mann ist, oder ob er sich zum Besseren verändert hat. Denn nur wenn das Letztere der Fall ist, gibt es für ihn, Thorvald, noch Hoffnung.
So verrannt ist er in diese Sache, dass er dabei seine Begleiter fast gänzlich aus den Augen verliert. Und da er nicht mit Eyvind, Somerleds Blutsbruder, über die Sache gesprochen hat, weiß er eigentlich viel zu wenig, um Erfolg bei seiner Suche zu haben. Prompt nehmen die Ereignisse eine höchst bedenkliche Wendung …

Sein Freund Sam ist Fischer mit Haut und Haaren und mit seinem Boot wie verwachsen. Trotzdem ist die Reise über das offene Meer auch für ihn eine Herausforderung. Noch bevor er überhaupt am Ziel ist, wünscht er sich schon nach Hause zurück. Sam ist ein schlichter Mensch, treu, ehrlich und mit einem einfachen Leben zufrieden, mit einem Dach über dem Kopf, einem warmen Essen auf dem Tisch, einer guten Frau und Kindern. Mit seinem gesunden Menschenverstand holt er Thorvald so manches Mal aus seinen ehrgeizigen Träumen auf den Boden der Tatsachen zurück und öffnet ihm die Augen für das, was er so leicht vergisst. Creidhe zum Beispiel …

Creidhe ist ein fröhliches, liebenswertes Mädchen mit einfachen Träumen und Sehnsüchten. Es möchte ein Heim, Kinder und einen guten Mann, am besten Thorvald, ihren Freund aus Kindertagen. Und doch ist etwas an ihr, das nicht in dieses Bild passt. Sie scheint etwas von den Gaben ihrer Mutter zu besitzen, die einst Priesterin der alten Religion auf den Hellen Inseln war, denn als sie den Ort erreichen, an dem sie Somerled vermuten, ist es, als riefe sie die äußerste und geheimnisvollste der Inseln zu sich. Creidhe besitzt einen Sinn für das Verborgene, das Ungesagte, ein Gespür für andere, das Thorvald völlig abgeht. Kein Wunder, dass sie Thorvalds Vater zuerst findet.

Während Sam das Statische des Romans verkörpert, das Fundament der Freundschaft und Treue, auf dem sich die Charaktere entwickeln, sind Thorvald und Creidhe diejenigen, die Dynamik in die Geschichte bringen. Thorvald hat in der Fremde zum ersten Mal die Gelegenheit, selbst etwas zu leisten und sich zu bewähren, etwas Neues, Eigenes zu schaffen. Er ist entschlossen, diese Chance zu nutzen, und stürzt sich mit aller Energie und Hingabe in diese Aufgabe. Dass er Creidhe und auch Sam dabei völlig vernachlässigt, ja dass er ganz generell mit den Männern, mit denen er arbeitet, besser umgeht als mit seiner besten Freundin, das wird ihm erst bewusst, als er sie verliert. Creidhe ist es gewöhnt, von Thorvald nur dann beachtet zu werden, wenn er sie braucht. Jetzt aber, wo sie ganz allein unter so vielen mürrischen und seltsamen Menschen ist, ohne einen Vertrauten oder Freund, fühlt sie sich zum ersten Mal ernsthaft zurückgesetzt. Als es sie schließlich tatsächlich auf die geheimnisvolle Wolkeninsel verschlägt, erkennt sie allmählich, dass Thorvald und sie nicht füreinander gemacht sind. Zum ersten Mal löst sie sich von ihm und geht ihren eigenen Weg.

So kommt es, dass die beiden sich gegen ihren Willen plötzlich auf gegnerischen Seiten wiederfinden. Der Leser steht dazwischen und weiß nicht, wem er jetzt den Sieg wünschen soll, weil keiner von beiden wirklich im Unrecht ist! Juliet Marillier hat eine vertrackte Situation geschaffen, die nicht ohne Weiteres in Wohlgefallen aufzulösen ist.

Auf der einen Seite stehen die ursprünglichen Inselbewohner, die Namenlosen, deren gesellschaftliche und spirituelle Mitte ein Mystiker und Seher ist, der den Titel Fuchsmaske trägt. Ohne ihn sind sie wie eine außer Kontrolle geratene Waffe. Auf der anderen Seite stehen die Männer, derer Thorvald sich angenommen hat. Einer von ihnen hat nach dem Tod des letzten Fuchsmaske dessen künftigen Nachfolger entführt und völlig dem Zugriff der Namenlosen entzogen. Bis die Namenlosen ihren Seher zurückerhalten, singen sie jedes Neugeborene ihrer Gegner in den Tod. Thorvald will dem ein Ende machen und ist fest entschlossen, dem Entführer den Seher wieder abzujagen. Er weiß nicht, dass mit dem neuen Fuchsmaske, der erst sechs Jahre zählt, ein düsteres Geheimnis verbunden ist, eine Familientragödie, eine finstere Geschichte von Lüge, Schuld und Unvermögen, von Machthunger und Unfähigkeit. Creidhe dagegen findet es heraus und beschließt, wie der Entführer den kleinen Jungen zu beschützen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu, und es scheint kein Entrinnen aus dieser ausweglosen, verfahrenen Lage zu geben, ohne dass Unschuldige leiden müssen.

Es geht also in dieser Fortsetzung der |Saga of the Light Isles| nicht, wie ich zuerst vermutet hatte, hauptsächlich um Somerled, obwohl auch er eine nicht unerhebliche Rolle spielt, sondern es ist eine eigene Geschichte, die zwar von der Vergangenheit beeinflusst ist, sie im Grunde aber weder verändert noch fortführt. Am ehesten könnte man noch sagen, dass sie sie abschließt, doch das allein macht sie nicht aus. Den weit größeren Teil nimmt die Auflösung des gordischen Knotens in Anspruch, den Thorvald und seine Freunde vor Ort vorfinden. Dabei wird natürlich gekämpft, aber wie den anderen Büchern der Autorin auch ist die Gewalt als solche eine schmale Randerscheinung. Das Hauptgewicht liegt eher auf dem, was zu dieser Gewalt geführt hat, und ihren Folgen. Manches ist dabei ein wenig zu vorhersehbar geraten, das gilt vor allem für die Person Somerleds, die ich fast sofort wiedererkannte, obwohl sie einen anderen Namen trug. Das Schicksal des Herrschers, der Krieg gegen die Namenlosen geführt hat, war da weit überraschender, wenn auch erstaunlich kurz. Aber da waren auch schon gut sechshundert von knapp achthundert Seiten gelesen, und eine weitere Komplikation hätte die Handlung wohl doch zu sehr ausufern lassen.

Ich kann mich auch immer noch für den Sprachstil der Autorin begeistern. Zwar konnte die |Saga of the Light Isles|, was das Flair anging, nicht ganz mit der |Sevenwaters|-Trilogie mithalten, hat aber trotzdem ihren ganz eigenen Zauber. Spannung entwickelt sich hauptsächlich kurz vor dem Angriff von Thorvalds Männern auf die Wolkeninsel, in der Hauptsache wird die Geschichte jedoch von den Personen und den Verwicklungen zwischen den verschiedenen Parteien getragen. Juliet Marilliers größte Stärke liegt in der Personenbeschreibung, und die ist ihr auch hier wieder sehr gut gelungen. Nichts für Freunde von Action und Hochspannung. Wer es gern ruhig und nachdenklich mag, wird hier eher auf seine Kosten kommen. Auch Historienliebhaber könnten sich dafür begeistern.

Außer der Sevenwaters-Trilogie und der |Saga of the Light Isles| hat Juliet Marillier auch mehrere Fantasy-Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an der Fantasy-Trilogie |The Bridei Chronicles|, einem Zyklus über das Reich der Pikten im letzten Jahrhundert vor Christus, dessen erster Band [„Die Königskinder“ 2001 im November letzten Jahres auf Deutsch erschien. Der zweite Band mit dem Titel „Die Herrscher von Fortriu“ ist für September dieses Jahres angekündigt.
Juliet Marillier war lange als Dozentin für Musikgeschichte, Gesangslehrerin und Chorleiterin tätig, ehe sie sich 2002 zurückzog, um sich der Schriftstellerei zu widmen. Sie lebt in Neuseeland, in der Nähe von Perth.

http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 2000

Juwelen des SF-Genres als Abschluss der Jahresband-Reihe

Ein wirklich lohnenswerter und umfangreicher Dank des Heyne-Verlags an seine Leser, dieser 2000er-Jahresband zum 40jährigen Jubiläum. Zehn Erzählungen preisgekrönter Autoren wie Robert Silverberg, Kim Stanley Robinson, George R. R. Martin oder Connie Willis warten auf die (Wieder-) Entdeckung: ein idealer Einstieg in das Genre. In diesen Olymp haben auch zwei weibliche Autoren Eingang gefunden, darunter die kürzlich verstorbene Ursula K. Le Guin.
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