Letztlich ist der Irrenarzt Pohland in der Nervenheilanstalt gelandet, kann aber entkommen. Nun will er sich der Erfindung von Prof. Larsen bemächtigen – einem Todeslaser, der über Satellit jeden Punkt der Erde zerstören kann. Geheimdienstmajor Bob Anders erhält den Auftrag, Larsen und die Waffe zu schützen …
Die Autorin
Susa Gülzow arbeitet seit 1988 als Autorin, Regisseurin und Sprecherin. Aus ihrer Feder stammen beispielsweise die Hörspielfassungen von „Lucky Luke“, diversen Heinz-Erhardt-Filmen und „Dr. Mabuse“ sowie zahlreiche Synchronbearbeitungen.
Ein markerschütternder Schrei hallt durch die Kirche, ein Todesschrei. Lionel Kasdan, Kommissar im Ruhestand und zufällig vor Ort, will zu Hilfe eilen und kommt Sekunden zu spät. Der Mann auf der Empore ist bereits tot, seinen Kopf umgibt eine dunkle Blutlache wie ein Heiligenschein. Etwas an dem Toten und seinem Sterben fasziniert Lionel Kasdan. Er muss den Mord einfach untersuchen und entdeckt ein grauenvolles Geheimnis: Unschuldig wirkende Kinder sind der Schlüssel, und sie sind keinesfalls Engel, doch welcher Teufel hat sie ausgesandt? (abgewandelte Verlagsinfo)
_Der Autor_
Jean-Christophe Grangé, Jahrgang 1961, stammt aus einer Reporterfamilie und hat schon früh mit dem Recherchieren von Fakten angefangen. 1996 beschäftigte er sich mit dem Thema Genetik. Aus dem Gedankenspiel eines abgeschlossenen Experimentierfeldes entstand der Roman „Die purpurnen Flüsse“, der zu einem nationalen Bestseller und internationalen Filmerfolg wurde und den Franzosen ihr eigenes Thrillergenre bescherte.
An diesen Erfolg schloss der beredte und gebildete Grangé mit „Der Flug der Störche“, „Der steinerne Kreis“ und mit „Das Imperium der Wölfe“ an. Auch dieser Roman wurde 2005 mit Jean Reno verfilmt. Zuletzt erschienen von Grangé „Das schwarze Blut“ und „Das Herz der Hölle“. Im Herbst 2009 folgte „Der Choral des Todes“.
Jean-Christoph Grangé auf |Buchwurm.info|:
[„Die purpurnen Flüsse“ 936
[„Das Imperium der Wölfe“ 1348
[„Das schwarze Blut“ 2286
[„Das Herz der Hölle“ 4404 (Hörbuch)
[„Das Herz der Hölle“ 4569 (Buch)
[„Der steinerne Kreis“ 5878 (Hörbuch)
_Der Sprecher_
Wolfgang Pampel hat an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig studiert und machte sich anschließend auf den Bühnen von Leipzig, Düsseldorf, Berlin und Wien einen Namen. Er hat bereits verschiedene Hörbücher von Dan Brown mit seiner markanten Stimme gelesen, darunter „Sakrileg“ und „Illuminati“. In den 80er Jahren gelangte seine sonore Stimme zu allgemeiner Bekanntheit, als er Larry Hagman in „Dallas“ synchronisierte. Heute wird Pampel als Stimme von Harrison Ford und Gérard Depardieu erkannt.
Arno Hoven kürzte die Vorlage. Regie führte Kati Schaefer, die tontechnische Gesamtleitung in den d.c. Tonstudios hatten Dicky Hank & Dennis Kassel inne, die auch für die Musik und Inszenierung sorgten. („Inszenierung“? Dies ist doch wohl kein Hörspiel, oder? Gleich mehr dazu.)
_Handlung_
Lionel Kasdan, ein ehemaliger Kommissar bei der französischen Antiterrortruppe und Pariser Mordkommission, steht in einer armenischen Kirche mitten in Paris, als er einen markerschütternden Schrei hört. Der Schrei scheint von der Kirchenorgel aufgenommen zu werden. Er eilt zur Empore des Orgelspielers und findet dort eine Leiche. Der Kopf des Mannes liegt in einer Blutlache, doch was dem Kommissar und den später eintreffenden Spurensuchern ein Rätsel aufgibt, ist die Todesursache.
|Der Tote|
Eric Vernaud von der Pariser Kripo fragt erst mal misstrauisch, was Kasdan überhaupt in der Kathedrale St. Jean-Baptiste zu suchen hat, ganz so, als wäre Kasdan verdächtig. Der Armenier Kasdan wurde vom armenischen Pfarrer Sarkis eingeladen, um eine Chorprobe zu hören. Und der Mann an der Orgel, ein gewisser Wilhelm Götz, sollte die Probe leiten. Pfarrer Sarkis erklärt, dass Götz ein Chilene war, ein Musikwissenschaftler, der in Kirchen von ganz Paris Chöre leitete. „Er war Sozialist, wurde von Diktator Pinochet verfolgt und musste ins Exil gehen.“ Später stellt sich diese Angabe als eklatante Unwahrheit heraus und Kasdan muss sich fragen, was Sarkis dazu veranlasst hat. Wie auch immer: 2007 ist in Frankreich das Armenienjahr, und Götz sollte mehrere Aufführungen von Knabenchören leiten.
Einer der Spurensucher steckt Kasdan, dass die Schuhspuren am Tatort von kleinen Turnschuhen in Jungengröße stammen. Außerdem finden sich seltsame Holzsplitter. Götz starb an einem Herzstillstand, aber seine Trommelfelle waren ebenfalls durchstochen. Die HNO-Spezialistin von der Rechtsmedizin meint, es müsse sich um ein extrem hartes und spitzes Tatwerkzeug gehandelt haben. Sie könnte nicht falscher liegen.
|Operation Kondor|
Nachdem er in der Akte von Götz keine Angaben über die Jahre zwischen 1973, als Pinochet Allende stürzte, und 1984, als er ins französische Exil ging, gefunden hat, bricht Kasdan in Götz‘ Wohnung ein. Als er ein Geräusch auf dem Balkon bemerkt, folgt er dem Eindringling. Nach einer wilden Verfolgungsjagd stellt sich der Fremde als Götz‘ homosexueller Geliebter heraus: Nazeer, ein Inder von der Insel Mauritius, einem französischen Übersee-Departement. Nazeer gibt ihm Götz‘ Adressbuch und Terminkalender, er deutet an, dass Götz sich in Gefahr gebracht hatte, weil er gegen Chilenen aussagen wollte. Über was? Über die Operation Kondor, in der ein halbes Dutzend lateinamerikanische Länder international gegen Dissidenten vorgingen, um sie zu fangen, zu foltern und schließlich zu töten. Also war es ein politischer Mord, oder?
|Miserere|
In Götz‘ Wohnung lauscht der Ex-Kommissar dem Choral „Miserere“ (Erbarme dich) von Gregorio Allegri, von einer CD-Aufnahme, die Götz vor Jahren mit einem Solisten namens Régis Masoyer produziert hat. Die ätherischen Klänge und die glasklare Solostimme rühren an schwarze Erinnerungen, die Kasdan noch aus seiner Militärzeit in Kamerun anno 1962 hat. Später wird er sich in aller Schärfe daran erinnern MÜSSEN. Doch jetzt fällt ihm beim Lauschen lediglich ein Fleck in einer Nische der Zimmerdecke auf: Darunter ist eine Wanze versteckt – der Verfassungsschutz hat Götz abgehört. Sein Kumpel von der Spurensuche steckt ihm, dass Götz mehrmals Herzstillstände wegen Folter erlitten habe und am ganzen Körper Narben aufweise.
|Wolokin|
Von Sarkis und Vernaud erfährt Kasdan, dass noch jemand im Fall Wilhelm Götz herumschnüffelt, ein gewisser Cédric Wolokin von Jugendschutzdezernat. Kasdan zieht Auskünfte ein: Wolokin sei in einer Entziehungsklinik, weil er heroinsüchtig war. Waise mit fünf, Chorknabe, Pianist, Abi mit 17 anno 1995, dann Jurastudium, französischer Meister im Thaiboxen, bis plötzlich seine Karriere endete und er zur Polizei ging – wegen des Heroins, mit dem er sich dopte. Und wo bekommt man Stoff leichter als eben bei der Drogenfahndung? Na toll: Wolokin war ein Dealer und wurde stinkreich. Aber wieso wurde er zum Kreuzzügler gegen Kinderschänder?
|Serienmorde|
Wolokin seinerseits informiert sich über Kasdan und nimmt ihn erst als Rivalen wahr. Kasdan befragt mehrere Pfarrgemeinden auf der Spur, die Wilhelm Götz hinterlassen hat, und stößt auf mehrere verschwundene Sängerknaben. Was hatte Götz damit zu tun? Ist er ein verkappter Serienmörder? Wie sich herausstellt, ist Wolokin ebenfalls auf dieser Spur, deshalb tun sich die beiden zusammen: Offiziell ist Wolokin Kasdans Praktikant bei der Mordkommission.
Als sie zusammen den Inder Nazeer, Götz‘ Geliebten, besuchen, stoßen sie nicht nur auf dessen Leiche mit den blutenden Ohren. An der Wand steht ein Vers aus dem „Miserere“, das Götz so liebevoll vertonte: das Sühnegebet des 51. Psalms. Weitere Anzeichen deuten darauf hin, dass Nazeer hingerichtet wurde, weil er geredet hat. Offenbar sind Götz‘ Mörder auf einem Rachefeldzug durch Paris. Und wie sie an der Kinderschrift unschwer erkennen können, sind diese Killer noch minderjährig, womöglich noch nicht mal im Stimmbruch. Aber wer hat sie geschickt und in wessen Namen töten sie?
_Mein Eindruck_
Die Spur führt zu einer Neuauflage der Colonia Dignidad, mitten in Frankreich. Das weckt im Leser bzw. Hörer ganz schlimme Erinnerungen. Man erinnere sich (und der Autor nimmt uns diese Mühe ab): Die [Colonia Dignidad]http://de.wikipedia.org/wiki/Colonia__Dignidad wurde von einem deutschen Nazi etliche Meilen entfernt von Santiago de Chile eingerichtet, um hier rassistische und nationalistische Ideale in die Realität umzusetzen – bis hin zu bayerischen Trachten und deutschnationalen Liedern. Die Kolonie war autark, weil sie mit „arischen“ und einheimischen Arbeitskräften Landwirtschaft und Bergbau betrieb. Bei Grangé ist der Leiter dieser Kolonie plus Arbeitslager ein gewisser Hans Werner Hartmann.
|Alte Nazis|
Dieser Nazi hat sehr viel mit der titelgebenden Musik zu tun. Während der Naziherrschaft forschte er in den KZs an den Insassen, was Klang, Schall und besonders Stimmen mit einem Menschen anstellen können. Ein Knabenchor kann einem kalte Schauer über den Rücken jagen oder in einen geistigen Schwebezustand versetzen. Letzteres erlebt Kasdan mit Allegris „Miserere“. Aber Hartmann erforschte als Nazi auch die Einsatzmöglichkeiten der menschlichen Stimme als Waffe, die töten kann. Davon hat Kasdan noch nie gehört, aber wer das Militär – und Nazis – kennt, weiß, dass kein Phänomen zu abwegig ist, um nicht auf Kriegstauglichkeit untersucht zu werden. Ob Hartmann diese Waffe gefunden hat, weiß Kasdan lange Zeit nicht. Bis er die neue Kolonie entdeckt und sie erkundet.
Er erfährt jedoch viel über Götz‘ Vorleben in Chile. Götz war kein Opfer, sondern vielmehr einer der Täter, ebenso wie Hartmann. Beide wurden von der Militärjunta Pinochets gebeten, ihnen beim Foltern der bei der Operation Kondor gefangenen Dissidenten zu helfen. Hartmann machte mit, um seine Colonia zu schützen und weitere Experimente anzustellen: Er war der Doktor Mengele der Folterlager. Götz folgte ihm als Chorleiter und „Dirigent“. Denn wie alle Nazis war Hartmann von der Rolle der Musik fasziniert und begeistert. Sie machte Folteropfer gefügig, vermochte sie sogar direkt zu quälen. Aber sie zu töten? Das kommt Kasdan zu weit gegriffen vor. Er täuscht sich.
|Folterhelfer|
Nun kann man sich fragen, wieso ein französischer Autor dazu kommt, über Altnazis und Chilenen zu schreiben. Was hat denn all das mit den Pariser Morden zu tun? Das Verbindungsstück sind erstens die Kolonie dieser Altnazis in Frankreich, die die jugendlichen Mörder entsendet. Aber es gibt noch ein weiteres, das Kasdan direkt betrifft: Die lateinamerikanischen Folterknechte der Operation Kondor wurden von Franzosen ausgebildet. Diese Franzosen waren Veteranen des Algerienkrieges und kannten sich mit dem Erzwingen von Geständnissen aus. Als Angehörige des militärischen Geheimdienstes und seiner Spezialeinheiten waren sie aber nicht nur in Chile im Einsatz, sondern zuvor schon Kamerun – und hier lernte Kasdan den schlimmsten von ihnen kennen: General Puy. Als Kasdan seinen ehemaligen Kommandanten beim Militär wiedersieht, kommen alle traumatischen Erinnerungen an die Strafaktionen gegen kamerunsche Einheimische wieder hoch, und er dreht durch.
|Moderne Spartaner|
Zum Schluss gilt es noch das Geheimnis der neuen Colonia zu lüften. Hier sieht sich diesmal Cédric Wolokin einem Stück seiner Kindheit gegenüber: Hier wurde er als Sängerknabe ausgebildet. Allerdings hat er diese Zeit komplett verdrängt. Und auch die Praktiken, die er hier am eigenen Leib erfahren hat. In der Colonia wird die Agogé der Spartaner immer noch praktiziert. In Zack Snyders Verfilmung des Comicbooks [„300“, 2667 die erst kürzlich wieder im Free-TV gezeigt wurde, werden spartanische Jungen ihren Müttern im Alter von sieben Jahren entrissen, um in der Militärschule zum Spartiaten ausgebildet zu werden.
Die Ausbildung besteht nicht nur im Waffentraining, sondern vor allem in der Abhärtung des Körpers, der Seele und der Gefühle des Jungen. Die Ausbildung endet mit einer Tapferkeitsprüfung, wenn sie etwa 14 oder 15 Jahre alt sind. Man kann sich nun vorstellen, dass die kindlichen Mörder, die in Paris Götz und Nazeer und andere umbringen, solche Agogé-Schüler sind. Nur dass bei ihnen noch christliche Sühne- und Askese-Ideale hinzukommen. Daher auch das Sühnegebet „Miserere“ als Leitmotiv.
|Praktische Übung: Showdown|
Sobald Wolokin und Kasdan als Spione der Polizei entdeckt worden, dürfen die Kindersoldaten der Colonia auch gleich ihr Können demonstrieren. Und die geistigen bzw. direkten Nachfahren Hans Werner Hartmanns leiten sie dabei an. Wird es unseren beiden Helden gelingen zu überleben? In einem actionreichen Showdown wird die Entscheidung gesucht.
|Der Sprecher|
Die Stärke des Sprechers sind tiefe männliche Stimmen, wie jeder weiß, der einmal Harrison Ford gehört hat. Deshalb fällt es ihm auch nie schwer, solche Stimmen grimmig, zornig, höhnisch usw. klingen zu lassen. Etwas anderes sind hingegen die Stimmen von alten Männern, die kurz vorm Abnippeln stehen, wie den alten Folterfranzosen, der von Heroin abhängig ist, als Kasdan und Wolokin ihn finden. Er klingt schwach, heiser, rau und alles andere als autoritär.
Ich hätte mir einen größeren Gegensatz zwischen dem alten Bullen Kasdan, der Vaterfigur im dynamischen Duo, und Wolokin, der Sohnfigur, gewünscht. Sie klingen etwas zu ähnlich, und nicht bloß einmal habe ich sie verwechselt. Dabei ist Wolokin 28 Jahre alt und Kasdan 63, sie liegen also altersmäßig erheblich auseinander. Diesen Unterschied sollte man auch hören können.
Weibliche Stimmen gibt es nur eine, und das ist die der Rechtsmedizinerin, die Kasdan sagt, um was für ein Tatwerkzeug es sich handeln muss. (Sie liegt völlig falsch, aber darum geht es nicht.) Der Sprecher stellt sie mit einer recht hohen, schön weichen Stimme dar, die genau passt. Der Kontrast zu all den vielen Männerstimmen ist frappierend und legt nahe, dass Wolfgang Pampel über eine viel größere Flexibilität verfügt, als er hier zeigen darf.
|Ein Fehler|
Ich konnte keinerlei Aussprachefehler feststellen, und das rechne ich dem Sprecher hoch an. Dafür musste ich aber einen Schnittfehler registrieren. Es ist zwar nur einer, aber man hätte ihn trotzdem entfernen müssen. Der Sprecher wiederholt ein Wort.
|Geräusche|
Erstmals in einem Hörbuch von Grangé erklingen diesmal richtige Geräusche. Es handelt sich dabei in aller Regel um Schüsse, einmal aber auch um ein Klirren von Glas. In einer Klubszene erdröhnt eine Hintergrundmusik, die ich eher als Geräusch ansehen würde denn als Musik: wummernde Bässe und wenig dazu, was man als Melodie bezeichnen könnte, begleitet von undifferenzierten Stimmen.
|Musik|
Nach dem obligatorischen Intro mit der Kirchenorgel hören wir in den Kapitel- und Szenenübergängen Motive, die von Drums und Bass bestritten werden. Sie sollen Spannung erzeugen, aber auch als Intermezzo dienen. Deshalb erklingen sie regelmäßig am Ende einer CD. Das titelgebende „Miserere“ erklingt leider nie in voller Stärke, sondern nur sehr dezent im Hintergrund, wenn davon die Rede ist. Das bedeutet, dass sich der Hörer selbst die entsprechende Klangdatei besorgen sollte, was ich ein wenig viel verlangt finde.
_Unterm Strich_
Die Story von den importierten Altnazis mit ihrer Geheimschule für todbringende Schüler erinnert nicht wenig an die Grundidee von „Die purpurnen Flüsse“. Dort sollte ja auch der bessere Mensch gezüchtet werden, was jedoch dergestalt schiefging, dass die unerwünschten Zeugen zum Schweigen gebracht werden mussten. Genauso hier in „Choral des Todes“, inklusive actionreichem Showdown.
|Die neue Waffe|
Der einzige neue Aspekt an dieser Geschichte sind die Chöre und die Idee, dass bestimmte Gesangsfrequenzen töten könnten. Denn dass niemand über ein derartig spitzes und festes Mordinstrument für die Durchstoßung der Trommelfelle usw. verfügt, ahnt der Leser bzw. Hörer schon frühzeitig. Dass eine Knabenstimme den Tod bringen könnte, ist dann der eigentliche Schock, den der Autor seinem Publikum – nach sorgfältiger Vorbereitung, versteht sich – genussvoll versetzt. Es geht doch nichts über einen guten Kick, um das Publikum zu unterhalten.
Allerdings ist die Rede davon, dass die Leiter der Colonia einen großen Anschlag planen. Um was es sich dabei dreht und wer das Opfer sein soll, erfahren wir nie. Das ist etwas frustrierend. Wozu Spannung erzeugen und sie dann wie ein gebrochenes Versprechen nicht einlösen? Dieses Detail könnte aber auch den Kürzungen zum Opfer gefallen sein. Ich empfehle daher die Lektüre des Buches.
|Patentrezept mit Hautgout|
Auch der Grundaufbau der Handlung reißt niemanden mehr vom Hocker, ganz einfach deshalb, weil sie durch „Die purpurnen Flüsse“ jedermann bekannt ist. Man nehme zwei Bullen, die sich erst nicht ausstehen können, und stecke sie für einen bizarren Fall zusammen. Wie sich herausstellt, sind die beiden optimal dafür geeignet, weil sie jeweils persönlich betroffen sind von dem, worauf sie da stoßen. Auf diese Weise bringt die Lösung des Falls ihnen zugleich die ersehnte Erlösung ihrer ach so beschwerten Seelen.
|No woman, no cry?|
Dass der Autor dabei übersieht, dass es auch noch weibliche Wesen auf der Welt gibt, stößt bei mir allerdings auf Unverständnis. Es gibt keine einzige Frau, die eine relevante Rolle spielt. Das ist nicht gerade modern, das ist eher mittelalterlich. Mich würde mal interessieren, welchen Geheimbünden der Autor selbst angehört. Vielleicht dem Opus Dei, jener erzkonservativen, sektiererischen Katholikenvereinigung, die beim Papst – egal bei welchem – in besonderer Gunst zu stehen scheint. Das würde einiges erklären, beispielsweise die Lateinkenntnisse und die Kenntnisse über Psalmen.
|Das Hörbuch|
Wolfgang Pampel darf hier nicht alle seine Stärken ausspielen, sondern muss vor allem männliche Figuren darstellen. Das gelingt ihm aber abwechslungsreich und glaubhaft. Den Vortrag unterstützen die vielgestaltige Musik und ein paar Geräusche, zu denen vor allem Schüsse gehören. Dennoch gelang es diesem Hörbuch nicht, mich restlos zu fesseln, geschweige denn zu begeistern. Das lag vor allem an den Schwächen der Story – siehe oben.
|Originaltitel: Miserere, 2008
Aus dem Französischen übersetzt von Thorsten Schmidt
450 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.jc-grange.com
_Mit Charme und Revolver löst Rick den Fall auf jeden Fall_
Die amerikanische Radio-Krimiserie der 1950er Jahre aus der Feder von Blake Edwards („Der rosarote Panther“) wird von der |Lauscherlounge| wieder zum Leben erweckt und mit bekannten Stimmen als Hörspiel vertont – den Stimmen von George Clooney, Ben Stiller und Reese Witherspoon.
Der smarte Privatdetektiv Richard Diamond gerät in seinen abenteuerlichen Fällen an fiese Verbrecher, mysteriöse Mörder und trifft verführerische Frauen. Aber er kehrt immer wieder zu seiner geliebten Helen zurück.
Folge 7: Die rote Rose
John Alastair hat ein großes Problem. Um seine Schulden zu begleichen und seiner Frau ein gutes Leben durch die Versicherungssumme zu ermöglichen, ließ er durch einen Dritten einen Mordauftrag auf sich selbst erteilen. Durch eine glückliche Fügung kann Alastair allerdings doch das fehlende Geld leihen, der Killer wird also nicht mehr benötigt. Doch leider bekommt dieser vom geplatzten Auftrag nichts mit. Kann Diamond seinem Klienten rechtzeitig helfen?
Folge 8: Der Karussell-Fall
Der Gauner Smiley Brill hat einen hochgeschätzten und beliebten Polizisten umgebracht. Diamond schließt sich mit Lt. Walt Levinson und der Polizeibehörde zusammen, um den Mörder zu fassen. Doch dieser lässt sich nicht so einfach fangen …
1. Staffel:
Fall 1: Die schwarze Puppe
Fall 2: Der braune Umschlag
Fall 3: Der Fall Ed Lloyd
Fall 4: Der Mordauftrag
Fall 5: Der Mord am Barbier
Fall 6: Der Gibson-Fall
2. Staffel:
Fall 7: Die rote Rose
Fall 8: Der Karussell-Fall
Fall 9: Der graue Mann
Fall 10: Gute Nacht, Nocturne
Fall 11: Der Nachtclub-Fall
Fall 12: Mr. Walkers Problem
_Die Inszenierung_
Die Rollen und ihre Sprecher
Richard Diamond: Tobias Kluckert (dt. Stimme von Tyrese Gibson, Adam Baldwin in „Firefly“)
Helen Asher: Ranja Bonalana (dt. Stimme von Julia Stiles, Renée Zellweger, Reese Witherspoon)
Lt. Walt Levinson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney, Bill Pullman, Robert ‚Freddy Krueger‘ Englund)
Sgt. Frazer: Oliver Rohrbeck (dt. Stimme von Ben Stiller, Michael Rapaport)
Sowie Detlef Gieß, Andreas Hosang, Denise Gorzelanny, Ilona Otto, Martin Kessler, Eva-Maria Werth.
Im 8. Fall kommen zur Stammbesetzung hinzu: Gerald Paradies, Uschi Hugo, Gerald Schaale, Helmut Gauß und Thomas Petruo.
Regie führte Oliver Rohrbeck, die Musik komponierte Dirk Wilhelm, für Sounds/Mischung/Mastering war Tommi Schneefuß zuständig, die Aufnahme erfolgte im Hörspielstudio |Xberg|.
Mehr Info: http://www.lauscherlounge.de.
_Der Fall 7: Die rote Rose_
Morgens im Büro von Rick Diamond. Seine Freundin Helen ruft an: Er soll mit ihr abends essen gehen. Da tritt ein potenzieller Klient ein, und Rick muss das Gespräch schweren Herzens, aber hoffnungsvoll beenden. Rick ist notorisch klamm.
Der Mann stellt sich als John Alastair vor. Er wollte sich umbringen, damit die fällige Lebensversicherung seine Schulden tilgen und seine Familie versorgen könne. Er habe nämlich Gelder seiner Firma unterschlagen. Um von einem Profi umgelegt zu werden, sei er zu Gimpy gegangen. Gimpy habe ihm zugesagt und 200 Dollar abgeknöpft.
Jetzt hat jedoch Alastair Glück im Unglück gehabt: Ein Verwandter habe ihm Geld geliehen, der Mord sei nicht mehr nötig. Das Problem: Gimpy wurde gestern getötet und sein Auftragsmörder weiß nicht, dass der Auftrag geplatzt ist. Welcher Killer das ist, wisse niemand; es könne einer von fünfzig sein. Diamond nimmt den Auftrag, Alastair vor dem Mörder zu schützen, für 100 Dollar pro Tag an. Und solange sein Klient im Büro in Sicherheit bleibt.
Gimpy wurde in einer Bar erstochen. Der Barkeeper erzählt Rick, wer der Mörder war: ein Typ mit einer roten Rosenknospe im Knopfloch. Nach einem Besuch bei seinen Lieblingspolizisten Lt. Levinson und Sgt. Frazer besucht er Gimpys Freundin Belle de Canto. Doch die abweisende Tanzschullehrerin mauert. Als er vor dem Ausgang eine rote Rosenknospe entdeckt, ahnt Rick, dass er beschattet wird, und geht sofort zurück ins Büro. Er bringt Alastair über die Feuertreppe auf die Straße und ins Hotel Bunker Hill.
In Ricks Wohnung wartet jedoch bereits eine unangenehme Überraschung auf ihn. Ein Typ, der von seinem Komplizen „Drago“ genannt wird, will wissen, wo Alastair ist. Er trägt eine rote Rose im Knopfloch – und einen Revolver in der Hand, der auf Ricks edelste Teile zielt.
|Mein Eindruck|
Diese Folge sieht zwei actionreiche Szenen, erst die in Ricks Wohnung, dann den eigentlichen Showdown im Bunker Hill Hotel. Es ist somit eine der besten Episoden dieser Serie überhaupt. Die Spannung und Action werden ausgeglichen durch Ricks Humor, den er aber nur seinen besten Freunden offenbart: Helen und Walt Levinson.
Mit seiner Helen kann er schon mal zweideutige Wortspiele einsetzen. Ein Wortwitz, der sich nur dem Englischkenner erschließt, taucht gleich im ersten Telefongespräch mit Helen auf. Was könnte Rick wohl mit Doppel-D meinen? Gemeint ist die Körbchengröße von Büstenhaltern, wie sie in den USA angegeben wird. DD ist schon ganz schön voluminös …
_Der Fall 8: Der Karussell-Fall_
Rick singt seiner Helen gerade etwas Verliebtes am Telefon vor, als es an seiner Bürotür klingelt. Ein Klient womöglich? Nein, es ist bloß Lt. Walt Levinson von der Polizeiwache in der Nähe. Rick liebt es, Walt auf den Arm zu nehmen und schafft es immer wieder. Aber diesmal ist Walt todernst: Ben Johnson sei niedergeschossen worden. Johnson ist einer der beliebtesten Kollegen und war Ricks Mentor, als dieser noch bei den Bullen war. Ein Gauner namens Smiley Brill sei schuld. Zusammen machen sie sich an die Fahndung.
Rick nimmt sich die heruntergekommene Bowery vor und fragt einen Bettler nach Brill. Leo Watts erzählt ihm von Jewel Sanker, Smileys Freundin. Die findet Rick im Gaiety Theater, in einem superknappen Kostüm. In ihrer Umkleide erzählt sie, sie habe sich von Smiley, diesem Penner, getrennt. Sie wisse bloß, dass er jetzt einen Job bei einem Karussell habe. Nun müsse sie wieder auf die Bühne. Das Umziehen hat keine fünf Minuten gedauert, und Rick ist nicht mal rot geworden.
Leo Watts verweist ihn an Brills Zellengenossen Birdy Morgan. Dessen Wohnung ist voller Vögel, aber das hält Rick nicht davon ab, dem Vogelmann auf die Pelle zu rücken, bis er ihm die Adresse von Brills Onkel Joe gibt. Und neben dessen Spielzeugladen entdeckt Rick tatsächlich ein Karussell. Nun muss er nur noch Smiley Brill auflauern. Aber er hat nicht mit dem Widerstand von Onkel Joe gerechnet …
|Mein Eindruck|
Die Handlung besteht in einer simplen Schnitzeljagd, doch auch diesmal gerät Rick schwer in die Bredouille. Er kann sich zwar behelfen, doch im Showdown mit Smiley Brill wird es wieder brenzlig für ihn. Die Komik des Karussells kontrastiert sehr schön mit der grimmigen Gewalt, um die es geht. Hier ist Rick mental genau am richtigen Ort. Ziemlich schräg ist auch der Auftritt beim Vogelliebhaber Birdy Morgan. Von dem flatternden und flötenden Federvieh lässt sich Rick nicht irritieren und bringt Birdy mit brachialen Methoden zum Singen. Sehr ironisch erklingt am Schluss die Drehorgel, die sich zusammen mit dem Karussell dreht.
_Die Inszenierung_
|Die Sprecher|
Es ist schon unterhaltsam, wenn man in einem Serienhörspiel all jene Schauspieler sprechen hört, die man sonst mit bildschirmfüllenden Actionkrachern oder großartigen Romanzen in Verbindung bringt: Reese Witherspoon, Colin Farell und George Clooney. Das hebt die Handlung, die ansonsten leicht etwas trivial hätte wirken können, doch gleich eine Stufe höher, verleiht ihr den Glanz von Hollywood.
Tobias Kluckert, 1972 geboren, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er lieh unter anderem Joaquin Phoenix als Johnny Cash in dem Film „Walk the Line“ seine Stimme, ist aber auch die deutsche Synchronstimme von Colin Farrell in „The New World“, von 50 Cent in „Get rich or die tryin'“ und Brian Krause als Leo in „Charmed“.
Kluckert trägt mit seiner Darstellung der Hauptfigur das ganze Hörspiel und macht Diamond zu einem sympathischen Burschen, der tagsüber für Recht und Ordnung sorgt und – meistens, nicht immer – abends zu seiner Herzensdame zurückkehrt. Er will immer cool erscheinen, doch seine Aktionen sprechen eher dafür, dass er seinem Herzen gehorcht, so etwa, als er den Mord an seinem Lieblingsfriseur aufklärt.
Ranja Bonalana, die deutsche Stimme von Reese Witherspoon, spricht Helen Asher und somit zwar eine Nebenfigur, aber eine feste Konstante in der Besetzung. Ihre Stimme ist wunderbar verführerisch und stets heiter. Die Wortgeplänkel, die sich Helen mit Diamond liefert, gehören zum Feinsten, das Blake Edwards je geschrieben hat.
Leider sind sie allzu kurz, denn sie gehören nicht zum jeweiligen Fall. Ich habe nie herausbekommen, was Helen Asher tagsüber macht. Wahrscheinlich füttert sie die Katze, denn abends, wenn Rick sein Ständchen spielt, miauen im Hintergrund die Katzen regelmäßig zum Steinerweichen, sozusagen als ironischer Kommentar seitens der Tierwelt (und des Tonregisseurs).
|Geräusche|
Alle Geräusche sind natürlich aus der Realität entnommen und verleihen der Handlung den Anstrich von Filmqualität. Aber sie kommen nie den Dialogen in die Quere, sondern sind in dieser Hinsicht zurückhaltend. Wir hören also sowohl Straßenverkehr und Hintergrundstimmen als auch altmodisches Telefonklingeln und Nebelhörner usw. In den diversen Wohnungen sind Standuhren, miauende Katzen (bei Helen) und natürlich jede Art von Türen zu hören. Mitunter erklingen auch Karusselle, Drehorgeln und Rennpferde.
|Musik|
Die Musik von Dirk Wilhelm fungiert meist als Pausenfüller, um so die Szenen voneinander zu trennen, aber auch um die Stimmung der nächsten Szene einzuleiten. Der Musikstil erinnert an nichts so sehr wie an die Filmmusik von „L.A. Confidential“. Zu hören sind also gedämpfte Trompeten oder Posaunen, ein gedämpftes Klavier und sehr dezente Streicher. Von Jazz kann also keine Rede sein, vielleicht sollte man einfach nur von „Cool“ sprechen.
Die Ausnahme von dieser Regel sind Ricks selbst vorgetragene Stücke, die er am Klavier für seine Helen spielt. Und man staunt, wie gut Tobias Kluckert singen kann.
_Unterm Strich_
Nach dem Erfolg von „L.A. Confidential“ und [„Die schwarze Dahlie“ 3353 sind Nostalgie-Krimis wieder angesagt. Verschiedene Hörbuchverlage haben dies mit diversen Serien – Lester Powells Damen-Krimis, Stahlnetz, Tatort, Derrick, Dr. Mabuse, Francis Durbridge u. v. a. – vorexerziert. Höchste Zeit war’s also, dass auch |Lübbe Audio| etwas Entsprechendes in sein Angebot aufnimmt.
Folge sieben ist sowohl actionreich mit einem tollen Shootout als auch sehr ironisch und humorvoll. Für das romantische Hörerherz tun Helen und Rick auch etwas. Folge acht ist ebenfalls ziemlich spannend, weist aber auch darauf hin, dass Ricks berufliche Wurzeln bei der Polizei liegen. Dort wurde er von Ben Johnson als Mentor ausgebildet. Leider erfahren wir nicht, was bzw. welcher Fall ihn dazu gebracht hat, die Polizeimarke zurückzugeben und ein schlecht bezahlter Privatschnüffler zu werden.
|Das Hörspiel|
Das Hörspiel ist von Rohrbecks |Lauscherlounge| sorgfältig produziert worden und ich habe an der Technik nichts auszusetzen. Die Stimmen der Hollywoodschauspieler verleihen der gewohnt abwechslungsreichen Handlung etwas Filmglamour. Da [„L.A. Confidential“ 1187 einer meiner Lieblingsfilme ist, konnte ich mich im Ambiente von Rick Diamond sofort zurechtfinden und die Produzenten brauchten keinerlei Erklärungen zum kulturellen Hintergrund mehr zu liefern.
Mag sein, dass die Figuren in ihren männlichen und weiblichen Geschlechterrollen recht überholt sind, aber herrje, das sind die Karl-May-Geschichten schließlich auch, und doch werden sie weiterhin von Millionen Lesern und Zuschauern verschlungen. Helen Asher ist keineswegs das häusliche Heimchen am Herd, sondern sie weiß ihren Rick durchaus zu nötigen, ihr zu Gefallen zu sein. Die Katze im Hintergrund ist nicht umsonst ihr Haustier, denn es heißt, Katzen seien unabhängig. Diese Rollenbilder sind also weit entfernt von der moralischen Korruption, die in den Noir-Filmen der dreißiger und vierziger Jahre gespiegelt wurde.
Wie die Schlacht um Mittelerde, nur mit Maschinengewehren
„Geisterjäger“ John Sinclair ist Oberinspektor in einer Sonderabteilung von Scotland Yard, die sich mit übersinnlichen Fällen befasst. Sinclair wird von einem Kreuz beschützt und gewarnt, das vom Propheten Hesekiel selbst stammt. Zur doppelten Sicherheit trägt er auch eine Beretta-Pistole mit sich, die mit Silberkugeln geladen ist. Werwölfe und ähnliches Gelichter mögen so etwas gar nicht. Heißt es.
Eine höllische Weihnachtsgeschichte, stilecht vorgetragen
Leser mit schwachen Nerven seien gewarnt: Clive Barker ist nichts für zart besaitete Gemüter! In seinen phantastischen Geschichten beschwört er voller Wortgewalt das Grauen und geht über alles hinaus, was man sich in seinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt hat. (Verlagsinfo) Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den World- und den British Fantasy Award. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.
Ein dicker Pluspunkt dieses Hörbuchs: Die drei ausgewählten Erzählungen sind ungekürzt zu hören! Das bedeutet aber auch: Erst ab 16 Jahren zu empfehlen.
Der Autor
Clive Barker, 1952 in Liverpool geboren, ist der Autor von bislang zwanzig Büchern, darunter die sechs „Bücher des Blutes“. Sein erstes Buch für Kinder trägt den Titel „The Thief of Always“ (Das Haus der verschwundenen Jahre). Er ist darüber hinaus ein bekannter bildender Künstler, Filmproduzent und -regisseur („Hellraiser 1“) sowie Computerspiel-Designer
Er lebt in Beverly Hills, Kalifornien, mit seinem Lebenspartner, dem Fotografen David Armstrong, und ihrer Tochter Nicole. Sie teilen sich das Haus mit vier Hunden, fünf Goldfischen, fünfzehn Ratten, unzähligen wilden Geckos und einem Papagei namens Malingo.
Seit 2002 veröffentlicht Barker einen Zyklus von wunderschön illustrierten Kinderbüchern mit dem Titel [„Abarat“. 1476 Alle Bücher spielen in der titelgebenden Fantasywelt, die – wie könnte es anders sein – auch einige teuflische Figuren vorweisen kann. Sie machen der 16-jährige Heldin Candy Quackenbush das Leben im Abarat schwer.
Matthias Koeberlin, geboren 1974, absolvierte die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Für seine Verkörperung des Ben in „Ben & Maria – Liebe auf den zweiten Blick“ erhielt er den Günther-Strack-Fernsehpreis. Für seine Interpretation des Lübbe-Hörbuchs [„Das Jesus-Video“ 267 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis des WDR (2003) nominiert. In der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers spielte er den Stephen Foxx.
Regie führte Marc Sieper, die Musikalischen Motive stammen von Andy Matern.
Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.
Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde [„Der Cthulhu-Mythos“ 524 zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)
Die Erzählungen
Das Hörbuch bietet lediglich eine Auswahl aus den Storys des Buches.
|1) „Das Buch des Blutes“|
„Auch die Toten haben Straßen“, lautet der schaurige erste Satz. Die Totenstraßen haben Mautstellen ebenso wie Kreuzungen, und an einer dieser Kreuzungen liegt das Londoner Haus am Tollington Place 65. Es steht leer und ein Spalt schlängelt sich durch die Mitte seiner 18.-Jahrhundert-Fassade. Der Riss zwischen den Welten der Lebenden der Toten führt zu einem undefinierbaren Gestank, der selbst das Ungeziefer vertrieben hat.
Seit drei Wochen führt das Parapsychologische Institut einer Uni in Essex hier Untersuchungen durch – oder vielmehr ein Experiment mit einem Medium. Dieses Medium ist der 20-jährige Simon McNeal. Doch Simon ist ein Schwindler, der behauptet, er könne prominente Tote wie John Lennon herbeizitieren und von ihnen Berichte, Briefe und Zeichnungen anfertigen lassen.
Die Psi-Forscherin Dr. Mary Florescu arbeitet im Stockwerk unter dem Schreibezimmer. Die Witwe hält Simon keineswegs für einen Schwindler und ist sogar ein wenig scharf auf den schönen Jüngling. Besonders dann, wenn er wie so oft nur eine Unterhose anhat …
Rick Fuller, ihr Fotograf, hat auf einmal eine Aura. Das findet Mary merkwürdig, aber es kommt noch besser: Die Wände und Decken des Hauses werden durchsichtig. Sie erblickt die Verkehrsader der Toten. An dieser Kreuzung dürfen nur Verursacher und Opfer von Gewalttaten passieren, und sie hört Schmerzensschreie, sieht die Wunden. Doch das gilt auch umgekehrt: Die Toten bemerken das Haus, als die Grenze verschwindet, und sie sehen, dass Simon, der Schwindler, die Geschichten von Toten frei erfunden hat. Das soll er büßen.
Die Toten verlangen Genugtuung, und als Mary zum Schreibezimmer hinaufgeht, sieht sie durch die Wände hindurch, was sie mit ihm anstellen: Sie schreiben in seine Haut hinein, schreiben ihre eigenen Geschichten wie in ein Buch, ein Buch des Blutes, an jede Stelle seines zuckenden, Abbitte leistenden Leibes …
Marys Erscheinen im Zimmer vertreibt die Toten. Sie begutachtet ihr Werk und weiß, dass sie die Geschichten veröffentlichen muss. McNeal wird leben, und er ist auf immer an Mary gebunden. Für Rick Fullers Verstand kommt hingegen jede Hilfe zu spät.
|Mein Eindruck:|
Die Story leitet nicht nur das Generalthema des Zyklus der sechs „Bücher des Blutes“ ein: die Geschichten der Toten und des Todes. Sie stellt auch eine Warnung dar. Mann sollte diese Geschichten ernst nehmen. Wer weiß, vielleicht könnten einem dies sonst die Toten übel nehmen und sich wie an Simon McNeal rächen. Die zweite Warnung richtet sich an unbedarfte Leser, die meinten, sie wüssten, was Horror ist. Nein, hier geht es hammerhart zur Sache, ohne angezogene Handbremse oder Bremsfallschirm. Man weiß nie, was auf einen zukommt, aber der Autor warnt den Leser ausdrücklich: Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst. Auch ein guter PR-Spruch.
|2) „Der Mitternachts-Fleischzug“|
Leon Kaufman ist erst seit dreieinhalb Monaten in New York City, der „Hochburg der Lust“, doch schon hat die Stadt seiner Träume ihren Glamour verloren. Sie bringt nicht Lust hervor, sondern Gewalt. Man nehme zum Beispiel den Fall der Schlachthaus-U-Bahn. Loretta Dyer wurde nackt und ausgeblutet von der Decke hängend gefunden, gerade so, als wäre sie eine Fleischseite beim Schlachter. Und erst gestern gab es gleich drei von dieser Sorte, nur wurde der Täter offenbar bei seiner „Arbeit“ gestört. Sie waren noch nicht ausgeblutet. Leon schaudert, als er zur Arbeit geht. Im Café meint ein Fettwanst, es handele sich um irgendwelche Ungeheuer aus der Retorte. Oder um einen durchgeknallten Cop auf der Pirsch nach Frischfleisch.
Mahogany erwacht pünktlich um 18:00 Uhr zur Nachtschicht. Er ist ein Auserwählter auf einer heiligen Missen, der einer alten Tradition folgt, jener der „Jäger der Nacht“ wie etwa Jack the Ripper. Jeder Jäger ist wählerisch: Mahogany sucht nur die Jungen und Gesunden heraus aus der Masse der U-Bahn-Benutzer. Leider hat der Job auch seine Nachteile: Ewiger Ruhm bleibt ihm versagt. Und nach zehn Jahren ist er mittlerweile etwas müde und langsam, weshalb ihm Fehler wie bei Loretta Dyer unterlaufen. Seine Meister mögen das überhaupt nicht, denn sie sind auf das Fleisch, das er ihnen bringt, angewiesen. Kurzum: Er braucht einen Nachfolger, einen Lehrling, dem er die Kniffe seines Handwerks beibringen kann.
Leon Kaufman nimmt die U-Bahn, die ihn um 23:10 nach Hause in Far Rockaway bringen soll. Schon bald schläft er ein. Weil die Polizei in einem Blumenhändler aus der Bronx den U-Bahn-Schlächter erwischt zu haben glaubt, gibt es heute Abend weniger Kontrollen als sonst. Als er aus einem Traum von Mutti aufschreckt, fällt ihm die irrsinnige Geschwindigkeit des Zuges auf. Und an der Haltestelle 4th Street scheint ein junger Mann zu fehlen. Da hört Leon auf einmal, wie im nächsten Waggon Tuch zerreißt, ob sich jemand die Kleider vom Leib risse. Als er hinter den Vorhang schaut, der die Tür zwischen beiden Waggons verdeckt, schaut, ist es ein Blick in eine Hölle aus Blut …
Es ist der Beginn einer alles verändernden Nacht für Leon Kaufman und Mahogany den Jäger.
|Mein Eindruck:|
„Der Mitternachts-Fleischzug“ ist höchst symbolträchtig und auf ihre spezielle Horrorweise auch kritisch gegenüber der Metropole New York. Die Großstadt ist dem Fleischjäger nur ein weiteres Jagdrevier im Dschungel. Und seine Herren, in deren Auftrag Mahogany (eine Assoziation mit Brecht/Weills „Stadt Mahagonny“ liegt nahe) Fleisch beschafft, waren schon lange VOR der Stadt und den Siedlern und Ureinwohnern hier. Sozusagen die Großen Alten, denen jeder opfern muss. Wen oder was sie verkörpern, muss sich jeder selbst ausdenken.
|3) „Das Geyatter und Jack“|
Die Herren der Hölle haben das Geyatter, einen niederen Dämon mit dem netten Namen Cuazzel, in das Haus des Gewürzgurken-Importeurs Jack J. Polo abkommandiert, weil Polos Mutter, eine Satanistin, sie um eine Seele betrogen hat. Rache ist Blutwurscht, lautet die Devise – Polos Seele muss her!
Leichter gesagt als getan. Cuazzel hat den Job, Jack in den Wahnsinn zu treiben. Aber nicht einfach so, sondern es gibt strenge Regeln zu beachten: Es darf Polos Haus nicht verlassen; es darf sich ihm nicht zeigen; es darf Polo nicht berühren. Das macht den Job schon schwer genug, findet es.
Aber auch Jack Polo kennt die Regeln, hat sich doch seine Mutter intensiv mit Seelenkunde und Theologie beschäftigt. Und das macht Cuazzels Job zu einer Achterbahnfahrt des Grauens: Schon drei von Jacks Katzen hat es abgemurkst, und Jack ist immer noch nicht wütend! Immer erklärt er alles mit diesem blöden Spruch: „Que sera sera.“ (Was sein wird, wird sein.)
Doch als die beiden süßen Töchter Jacks, Gina (23) und Amanda (22), ihn besuchen kommen, um mit ihm ein kuscheliges Weihnachtsfest zu feiern, sieht das Geyatter endlich seine große Stunde gekommen. Jetzt oder nie. Doch der Weihnachtsabend geht für alle ganz anders aus als erwartet.
|Mein Eindruck:|
Das Geyatter, dieser rote Dämon aus der Hölle, ist wirklich ein abgrundtief böses Kerlchen – mit Recht möchte man es für seine undankbare Aufgabe bedauern, Jack aus der Fassung zu bringen. Und seine Herren – allen voran der stinkige Beelzebub – sind ja so was von gnadenlos! Und dann all diese Regeln … Wie soll ein ganz normaler Dämon wie Cuazzel da auf einen grünen Zweig kommen? Er ist ja nur ein kleines Rädchen in der riesigen höllischen Bürokratie.
Die Story ist eine herrliche Satire auf alle Bürokratien der Welt sowie auf die Genspensterkrimis, die in merry old England seit jeher so beliebt waren. Bis Clive Barker den AutorInnen zeigte, wo der Hammer hängt. Natürlich gibt es in der Story jede Menge Schaueffekte, die man sich genussvoll bildlich vorstellen kann. Tatsächlich gibt es ja auch ein Comicbook davon: [„Ein höllischer Gast“. 1284
Auch als Weihnachtsparodie funktioniert die Story glänzend. Sie räumt auf mit all dem Humbug über unsichtbare Weihnachtsmänner und Christkindlein – nein, die Gespenster kommen direkt aus der Hölle und haben einen konkreten Auftrag: Seelenfang. Das legt den Verdacht nahe, dass auch die Veranstalter von Weihnachtsfeiern und Mega-Events nichts anderes im Sinn haben als – Seelenfang!
|Der Sprecher|
Als ausgebildeter Schauspieler weiß Koeberlin seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Auch die Aussprache der meisten englischen Namen und Bezeichnungen geht reibungslos vonstatten. Aber die Flexibilität seiner Stimme scheint recht begrenzt zu sein. Wenn Cuazzel spricht – was er am Ende seines Auftrags tun muss – so klingt die Stimme eine Spur höher als sonst, und auch der weibliche Stimmlage passt sich Koeberlin ein wenig an. Selten sinkt die Lautstärke zu einem Flüstern herab. Aber das war’s dann auch schon.
|Die Musik|
Die Musik von Matern ist dasjenige Stilelement, das den Zauber dieser Lesung ausmacht. Sie kommt selbstverständlich als Intro und Extro zum Einsatz, und regelmäßig ist an den spannenden und dramatischen, sprich: gruseligsten Stellen Hintergrundmusik zu hören. Diese nun aber zu charakterisieren, stellt sich als schwierige Aufgabe heraus. Ich konnte keine einzelnen Motive heraushören, vielmehr handelt es sich um Klangfolgen mit klassischen Instrumenten (und wohl dem einen oder anderen Synthesizer), die eine Atmosphäre der Beunruhigung, Anspannung, kurzum: des Grauens erzeugen. Um diese Wirkung erzielen, hat Andy Matern jedenfalls ganze Arbeit geleistet.
_Unterm Strich_
Um mit Barker zu sprechen: „Am besten macht man sich auf das Schlimmste gefasst, und ratsam ist es, erst einmal die Gangart zu erlernen, ehe einem die Luft für immer wegbleibt.“ Jede der Geschichten für sich allein weckt selbst beim abgebrühtesten Leser einen ganz speziellen Schauder, den nur wirklich gute Horrorstorys erzeugen können. Die Übersetzungen von Peter Kobbe sind zumindest hier noch sehr gut. Viele der Storys in den „Büchern des Blutes“ wurden verfilmt, und als Klassiker gehören die sechs „Bücher des Blutes“ in die Sammlung jeden Horrorfans.
Das vorliegende Hörbuch ist nun das erste seiner Art im deutschen Sprachraum und verdient daher besondere Aufmerksamkeit. Auf die einleitende Erzählung, die das Thema vorgibt und erklärt, folgt gleich mal eine der härtesten Storys von Barker überhaupt: „Der Mitternachts-Fleischzug“ (s. o.).
Danach gibt es zur Entspannung eine wundervoll-böse Geister- und Weihnachtssatire. Cuazzel ist der geplagte kleine Bürokrat, der von seinen großmächtigen Herren – „mögen sie lange Licht scheißen auf die Irdischen!“ – auf Seelenfang geschickt worden ist. Dumm nur, dass er sich an feste Gesetze und Regeln halten muss – das ist ja so was von ungerecht! Kein Wunder, dass es ihm am Schluss zu bunt wird, und er eben diese Gesetze übertritt. Das wird ihm zum Verhängnis, aber nicht so, wie wir das erwarten würden, sondern in Form der Umkehrung der Besitzverhältnisse … Es bleibt also bis zum Schluss spannend. So ein Dämon hat’s wahrlich nicht leicht. Die Story sprüht vor lustigen Einfällen und ist jedes Mal wieder ein Genuss. (Vielleicht sollte man sie nicht zu Weihnachten, sondern zu Halloween hören oder laut vorlesen. Könnte lustig werden.)
Die Vortragskunst des Sprechers eignet sich meines Erachtens mehr für die dramatischen gruseligen Stellen als für die komisch-makabren, die in „Das Geyatter“ zur Geltung kommen. Massiv wird Koeberlin unterstützt von Andy Materns ausgezeichnet passender Musik, die für die richtige Gänsehaut sorgt.
|Hinweis:| Die Erzählungen „Schweineblut-Blues“, „Sex, Tod und Starglanz“ und „Im Bergland: Agonie der Städte“ fehlen in dieser Ausgabe. Man kann sich also auf ein weiteres Hörbuch mit erstklassigen Horrorstorys freuen. [„Im Bergland …“ 3216 erschien im Januar 2007 bereits separat.
|Originaltitel: Books of Blood vol. 1, 1984
192 Minuten auf 3 CDs|
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„Geisterjäger“ John Sinclair ist Oberinspektor in einer Sonderabteilung von Scotland Yard, die sich mit übersinnlichen Fällen befasst. Sinclair wird von einem Kreuz beschützt und gewarnt, das vom Propheten Hesekiel selbst stammt. Zur doppelten Sicherheit trägt er auch eine Beretta-Pistole mit sich, die mit Silberkugeln geladen ist. Werwölfe und ähnliches Gelichter mögen so etwas gar nicht. Heißt es.
John Sinclair und seine Gefährten stehen der Mordliga gegenüber. Doch auch Morasso, ihr Anführer, hat Feinde, nämlich Asmodina, die Tochter des Teufels. Sinclair & Co. befinden sich zwischen diesen beiden Fronten. Er kann nur hoffen, dass in der folgenden Schlacht die eine oder andere Seite geschwächt oder gar vernichtet wird – und dass er nicht zwischen die Fronten gerät.
Folge Nr. 60 entspricht dem Band 200 der Bastei-Romanserie und ist der Auftakt zu einem Dreiteiler.
Die Hörspiele dieser Reihe sind Vertonungen der gleichnamigen Bastei-Heftserie. Mit der Folge 60 feiert die Hörspielreihe ein weiteres Jubiläum – mit einem Online-Gewinnspiel. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 18 Jahren.
_Der Autor_
Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 – also vor 37 Jahren – eröffnete der Roman „Die Nacht des Hexers“ die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause Bastei. Inzwischen sind über 1700 „John Sinclair“-Romane erschienen, die Gesamtauflage der Serie beträgt laut Verlag über 250 Millionen Exemplare.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Frank Glaubrecht spricht den Geisterjäger himself und ist die deutsche Stimme von Al Pacino.
Joachim Kerzel, die deutsche Stimme von Jack Nicholson und Dustin Hoffman, spricht den Erzähler.
Suko: Martin May
Sir James Powell: Karlheinz Tafel
Myxin: Eberhard Prüter
Kara: Susanna Bonaséwicz
Lucille Adams: Marie Bierstedt (dt. Stimme von Kirsten Dunst u.a.)
Madame Tanith: Karin Buchholz
Solo Morasso: Tilo Schmitz (t. Stimme von Ving Rhames etc.)
Asmodina: Martina Treger
Marvin Mondo: Till Hagen (dt. Stimme von Kevin Spacey u.a.)
Pamela Scott: Katrin Fröhlich
Vampiro del Mar: Helmut Krauss (dt. Stimme von Samuel L. Jackson, Marlon Brando u.a.)
Lupina: Claudia Urbschat-Mingues (dt. Stimme von Angelina Jolie)
Xorron: Udo Schenk (dt. Stimme von Ralph Fiennes u.a.)
Spuk: Boris Tessmann
Todesengel: Tanja Geke (dt. Stimme von Kate Hudson („Almost Famous“), Scarlett Johannson („The Prestige“) und Beyoncé Knowles)
Asmodis: Bernd Rumpf
Dämon: Oliver Stritzel
Kugel-Dämon: Sebastian Rüger
Logan Costello: Bernd Vollbrecht
Und weitere Sprecher.
_Der Regisseur_
… ist Oliver Döring, Jahrgang 1969, der seit 1992 ein gefragter Allrounder in der Medienbranche ist. „Als Autor, Regisseur und Produzent der „John Sinclair“-Hörspiele hat er neue Maßstäbe in der Audio-Unterhaltung gesetzt und ‚Breitwandkino für den Kopf‘ geschaffen“, behauptet der Verlag. Immerhin: Dörings preisgekröntes Sinclair-Spezial-Hörspiel „Der Anfang“ hielt sich nach Verlagsangaben wochenlang in den deutschen Charts.
Buch und Regie: Oliver Döring
Realisation: Patrick Simon
Tontechnik und Schnitt: ear2brain productions
Hörspielmusik: Christian Hagitte, Simon Bertling, Florian Göbels
Produktion: Alex Stelkens (WortArt) und Marc Sieper (Lübbe Audio)
_Handlung_
Asmodina, die Tochter des Höllenfürsten Asmodis, fädelt die Entscheidungsschlacht gegen Solo Morasso und seine Mordliga ein. Der SPUK sei ihr ein loyaler Partner und für John Sinclair, so berichtet sie, halte sie eine böse Überraschung bereit, um ihn in die Hölle zu locken. Jetzt bitte sie nur noch um die Unterstützung ihres Gesprächspartners: Daddy.
|Paris|
Es ist Freitagabend auf dem Montmartre von Paris, als das Medium Lucille Adams die Seherin Madame Tanith aufsucht. Madame hat ein Artefakt von großer Macht in ihrem Besitz: Die Kugel, die ihr einmal ein Abt geschenkt hat, könne Dimensionstore öffnen, versichert Lucille. Doch jener Abt, ein gewisser Pierre Dumont und Freund von Madame, sei ermordet worden, um in den Besitz der Kugel zu gelangen. Doch wer steckt dahinter?
Um dies herauszufinden, müssten Lucille und Madame die Kugel benutzen. Leider geht dabei etwas mächtig schief: Die Todesengel, Abgesandte Asmodinas, erscheinen und berühren die Kugel, bevor die herbeiteleportierte Zauberin Kara sie wieder vertreiben kann. Kara schwant Schlimmes. Sie beauftragt ihren Freund, den Magier Myxin, John Sinclair zu warnen …
|London|
John Sinclair und Suko sind bei Sir James Powell, dem Chef von New Scotland Yard, um die Lage zu besprechen. Meldungen aus dem Südatlantik weisen darauf hin, dass sich Solo Morasso und seine Dämonenbande in Feuerland verschanzt haben. Bestimmt hecken sie etwas aus. Sir Powell will jedoch nichts überstürzen, um beobachten und planen zu können – ein schwerer Fehler, wie sich bald zeigt. Denn der Feind ist bereits auf dem Vormarsch.
Als John mit seinem Bentley in die Tiefgarage seines Wohnkomplexes fährt, sieht er einen Mann am Boden liegen. Er will ihm helfen, als ihn ein schwerer Schlag von hinten niederstreckt. Als er wieder erwacht, sind Mann, Handy, Geldbörse, Waffe und Autoschlüssel weg. Nur sein Kreuz hat er noch, zum Glück. Dieses braucht er wider Erwarten sofort, denn ein gieriger Kugeldämon trachtet ihm nach dem Leben. John streckt ihm wie gewohnt sein geheiligtes Kreuz entgegen, eine der mächtigsten Waffen des Lichts. Doch nichts geschieht – das Kreuz ist wirkungslos! Erst Suko kann den Dämon unschädlich machen.
|Feuerland|
Unterdessen freut sich Solo Morasso über den Empfang des echten Kreuzes aus den Händen des Londoner Gangsters Costello, dessen Handlanger das echte Kreuz durch ein Duplikat ersetzt haben – mit Hilfe eines Scanners, den Marvin Mondo erfunden hat. Morasso gedenkt, das Kreuz im Kampf gegen Asmodina einzusetzen. Das Labor von Scotland Yard bestätigt, dass es sich um eine Fälschung handelt, was John da besitzt.
|London|
Niedergeschmettert sucht John nach einer weiteren mächtigen Waffe gegen das Böse. Er schaut in seinen unversehrten Tresor und holt den Kelch des Feuers heraus, dessen Eigenschaften allerdings unbekannt sind. Er versucht gerade, die eingravierten Zeichen zu entzifffern, als Blitze hervorschießen und ein Dimensionstor öffnen. Wohin verschwindet der Sohn des Lichts?
_Mein Eindruck_
Dieser Auftakt zur Trilogie „Morasso vs. Asmodina“ geizt nicht mit Schauplätzen und Akteuren. London, Paris, Feuerland und selbst Hölle sehen finstere Vorbereitung für den großen Showdown zwischen der Mordliga und der Tochter des Teufels. Während sich die Gegner ihre Waffen und andere Vorteile verschaffen, verliert unser Streiter des Guten sämtliche Trümpfe an die gegenseite. Es sieht für John Sinclair gar nicht gut aus. Dennoch landet er mitten in der Bredouille.
|Rätsel und Fragen|
Lange habe ich gerätselt, was der Erzählstrang um Madame Tanith eigentlich soll. Die Seherin und das Medium Lucille Adams sorgen sich um eine mysteriöse Kugel, einem Erbstück der katholischen Kirche mit mystischer Vergangenheit: Kein Geringerer als Nostradamus war einer ihrer Besitzer. Und wie sich herausstellt, steht die Kugel in enger Beziehung zum Kelch des Feuers – die Grals-Symbolik ist mehr als offensichtlich. Schließlich müssen die Guten, wenn sie gegen die höllischen Scharen bestehen wollen, entsprechend heilige und geweihte Objekte ins Feld führen. Wieder einmal sind die religiösen Untertöne der Sinclair-Geschichten deutlich.
Diese Beziehung von Kugel und Kelch erweist sich bei etwas Nachdenken insofern als folgenreich, als Asmodina nun mit Hilfe der von ihren Dienern berührten Kugel auf den Kelch zugreifen kann, der sich in Johns Besitz befindet – woher weiß sie das? – und den John als Ersatz für das gestohlene Kreuz – das kann sie ebenfalls nicht wissen – einsetzen will. Dieser Einsatz wird ihm zum Verhängnis: Madame Taniths Kugel zerrt ihn durch das von Kelch und Kugel erzeugte Dimensionstor in die Hölle. Wie man sieht, bleiben etliche Fragen der Logik offen.
|Kopie mit Pfiff|
Die Duplikation von Johns Kreuz ist nicht ohne Pfiff. Wie erwähnt, hat Marvin Mondo einen speziellen Scanner (und Kopierer) gebaut. Der Pfiff dabei: Nicht eine zweidimensionale Vorlage wie etwa Papier wird gescannt und kopiert, so ein 3D-Objekt – gibt es erst seit Kurzem und dürfte zu einer Menge Urheberrechtsstreitigkeiten führen.
Und angetrieben wird der Apparat nicht etwa von schnödem Benzin, auch nicht von Nukleartechnik, sondern von „kalter Verschmelzung“. Das ist die Übersetzung von „Cold Fusion“, der Atomverschmelzungstechnologie. Sie wurde mehrfach als erzielt berichtet, doch jedes Mal entpuppten sich die Versuche als Fakes. Marvin Mondo hat also wirklich die Nase vorn!
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Die Macher der „Geisterjäger“-Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: Bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.
Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück tun Helmut Krauss (Xorron), Kerzel, Glaubrecht und Co. dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieser Hörspielreihe ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen.
Übertriebene Ausdrucksweisen heben die Figuren in den Bereich von Games- und Comicfiguren. Das kann bei jugendlichen Hörern ein Vorteil sein. Die Figuren schreien wütend, fauchen hasserfüllt oder lachen hämisch. Besonders unheimlich ist die Darstellung des Spuks, eines wirklich mächtigen Dämons. Leider erfahren wir auch in dieser Trilogie rein gar nichts über seine Herkunft und Entstehung bzw. darüber, warum er aus Asmodinas Reihen zu Morasso übergelaufen ist.
Auch alle anderen Figuren muss der Hörer bereits kennen, um sie zuordnen zu können. Aber als Fan der Serie kennt man ja Sinclair, Asmodina, Kara, Myxin usw. bereits aus dem Effeff. Recht nett wirken die Todesengel, allesamt weiblich (keine Neutren also) und von höchst bösartiger Natur – so dienen sie Asmodina optimal. Tanja Geke kann hier wirklich die Sau rauslassen und gehässig lachen.
Besonders gefiel mir Marie Bierstedt als Lucille Adams. Sie setzt ihren Charme als Geschlechtsgenossin gegenüber der vorsichtigen Madame Tanith sehr erfolgreich ein und findet Dinge aus deren Vergangenheit heraus, die man einem Unbekannten nicht unbedingt auf die Nase binden würde. Karin Buchholz spricht Madame Tanith mit gewisser Reserviertheit und Autorität, wird aber von Lucille zunehmend verunsichert. Später schließt sie sich dem Club der Sinclair-Helfer an. Doch Lucille segnet das Zeitliche – bis auf Weiteres.
|Geräusche|
Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem halbwegs realistischen Genre-Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Schlüsselszenen recht stimmungsvoll aufgebaut. Stets sorgen die magischen Objekte für nette Effekte, die oftmals aus Blitzgeräuschen und gefährlichem Zischen bestehen – sie sind meist dann zu hören, wenn Gut und Böse aufeinandertreffen. Gerne werden auch Hall und Donner eingesetzt. In den Schlachtszenen kommen noch zahlreiche Geräusche wie Zischen und Einschläge von den Projektilen hinzu – man kommt sich vor wie in Mittelerde, wenn die letzte Schlacht tobt.
|Musik|
Die Musik leitet in den kurzen Pausen bzw. Übergängen gleich zur nächsten Szene über. Sie wurde von einem kleinen Orchester eingespielt, und bevorzugt werden düstere, basslastige Instrumente und Effektgeräte eingesetzt, beispielsweise metallische Hammerschläge, wie sie in „Terminator 2“ erklingen. Die Titelmelodie der Serie erschallt in einem hämmernden Rock-Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Sehr sympathisch. Sie wird am Schluss der CD kurz zitiert und erklingt in voller Länge erst am Ende der dritten CD.
Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.
|Booklet etc.|
… enthält im Innenteil Angaben über die zahlreichen Sprecher, die Macher sowie sämtliche Hörfolgen. Auf der letzten Seite weist der Verlag auf den offiziellen JOHN-SINCLAIR-Song „CAIN – Age of Darkness“ hin, der „auf allen bekannten Musik-Downloadportalen“ zur Verfügung stehe.
_Unterm Strich_
Als Auftakt der Trilogie weiß diese Folge nur wenig an Action zu bieten – diese findet sich naturgemäß im Finale, während der Entscheidungsschlacht. Immerhin gerät John in eine Art Überfall und sich gleich danach dem Angriff eines gierigen Kugeldämons ausgesetzt. Auch die zwei Damen in paris geraten in eine handfeste Auseinandersetzung mit den Todesengeln. Ansonsten lassen sich nur Ansätze zu späteren Konflikten registrieren. Deshalb heißt es wohl: „Bitte legen Sie CD #2 ein!“ Gemeint ist natürlich Folge 61.
|Audio-CD mit 49:17 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3-7857-4296-9|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de
[www.sinclair-hoerspiele.de]http://www.sinclair-hoerspiele.de
[www.wortart.de]http://www.wortart.de
Noch mehr zu |John Sinclair| finden Sie in unserer [Rezensionsdatenbank]http://www.buchwurm.info/book .
London um 1900: Die drei Geschwister Wendy, John und Michael Darling staunen nicht schlecht, als sie eines Nachts die Bekanntschaft von Peter Pan machen, dem Helden ihrer liebsten Geschichten und Spiele. Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen, als Peter, der Junge, der nie erwachsen werden will, ihnen anbietet, sie mit ins Nimmerland zu nehmen. Eine abenteuerliche Nacht steht den Kindern dort bevor, denn der finstere Captain Hook erwartet sie bereits. Er hat mit Peter Pan noch eine Rechnung offen … (Verlagsinfo)
Packend und vielschichtig: Angriff der Rachegöttinnen
Ein Zuhälter dient im Tierpark von Stockholm den Vielfraßen als Futter, ein arabischer Handy-Dieb wird auf den Schienen einer U-Bahn-Station zerstückelt und einem ehemaligen KZ-Häftling wird ein Draht in die Schläfe gestoßen … Diese eher privaten Lebensläufe verknüpft der Autor mit globalen Problemen, so dass sich mehr ergibt als „nur“ eine Kriminalgeschichte.
Der hochaktuelle Thriller um eines der wichtigsten Themen unserer Zeit: Zwölf Kinder aus zwölf Nationen, Teilnehmer eines Klima-Camps in Australien, werden entführt. Die Drohung der Kidnapper: Einigt sich die Weltgemeinschaft nicht binnen kürzester Zeit auf drastische Klimaziele, stirbt ein Kind. Vor laufender Kamera. Dann Woche für Woche ein weiteres. Die Welt hält den Atem an. Kann so erreicht werden, was in unzähligen Versuchen zuvor gescheitert ist? Werden die Regierungen nachgeben, wenn das Leben unschuldiger Kinder auf dem Spiel steht? Bald wird klar: Bei diesem Wettlauf geht es um weitaus mehr als das Leben Einzelner – und die Zeit läuft ab … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Mit „CO2“ hat Tom Roth einen spannenden, unterhaltsamen Thriller geschaffen, der kaum aktueller, brisanter oder authentischer sein könnte. Bereits der Einstieg ist rasant und macht wirklich neugierig, denn die Entführungsopfer scheinen ihre Lage nicht als bedrohlich wahrzunehmen… Tom Roth – CO2: Welt ohne Morgen weiterlesen →
„Lebendig begraben“ ist der achte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
– [Die Grube und das Pendel 744
– [Die schwarze Katze 755
– [Der Untergang des Hauses Usher 761
– [Die Maske des Roten Todes 773
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: Lebendig begraben
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Der Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.
_Die Sprecherin_
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
_Vorgeschichte_
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.
_Handlung_
Zehn Tage sind seit der Ankunft in New Orleans vergangen. Leonie Goron und „Edgar Allan Poe“ logieren noch in ihrer kleinen Pension. Leonie wird hier immer noch wegen ihrer Verpflichtung in der Stadt festgehalten, den Sarg ihrer Freundin Lucy Monahan, den sie mitgebracht haben, der Familie zurückzugeben. Das ist schon klar. Aber dies gilt nicht für Mr. Poe. Sein Grund zu bleiben ist Leonie selbst: Er hat sich in sie verliebt.
Wieder einmal sind sie zusammen zum Hafenkontor gegangen, um sich zu erkundigen, ob jemand nach dem Sarg gefragt habe. Wieder einmal haben sie eine negative Auskunft erhalten. Auch der Adressat „Tempelten“ habe sich nicht gemeldet. Möglicherweise habe er noch nicht vom Untergang der „Demeter 2“ erfahren, die den Sarg über den Atlantik transportieren sollte. Es gibt noch keine Transatlantikkabel für Telegramme, geschweige denn fürs Telefon.
Wie erstaunt sind Leonie und Poe, als sie vor dem Hafenkontor auf Poes Psychiater Dr. Templeton stoßen! Poe glaubte ihn noch immer oben an der nördlichen Ostküste – und nun ist er hier im tiefsten Süden, den die Vereinigten Staaten den Franzosen 1805 abgekauft haben (zusammen mit dem ganzen Mittelwesten, ein riesiges Territorium, das die Franzosen „Louisiana“ nannten).
Templeton hat hier in der Nähe ein Landhaus, auf das er sie einlädt. Im Café erkundigt sich der Doktor nach Poes Träumen. Diese betrachtet er als eine Art Schlüssel zu Poes Erinnerung an seine wahre Identität. Poe erwähnt den Sarg als Grund ihres Bleibens, erwähnt aber auch die diversen Mordanschläge, verschweigt aber die letzten Worte des sterbenden Israel Hands von der „Independence“. Leonie erwähnt einen Mr. Tempelten als Adressaten des Sarges – ob es sich wohl um Dr. Templeton handeln könnte? Der Doktor verspricht, in seinem Familienarchiv nachzusehen, ob sein Familienname jemals so geschrieben wurde. Ob sie nicht mitkommen wollten?
Gesagt, getan. Mit Neugier bemerkt Poe, der gegenüber Templeton sowohl misstrauisch als auch eifersüchtig geworden ist, dass auf dessen Kutschenladefläche eine große, längliche Kiste transportiert wird. Ob darin wohl ein Sarg Platz finden könnte? Ohne Zweifel.
Das ausgedehnte Anwesen Dr. Templetons unterscheidet sich drastisch vom französisch-legeren Stil Louisianas. Das Herrenhaus ähnelt eher einer englischen Burg im gotischen Stil à la „Haus Usher“, inklusive Teich, und im Garten steht ein Mausoleum inklusive Familiengruft. Doch das Schloss an dessen Tür ist neu. Das erklärt Templeton bei seiner Führung mit dem Aberglauben des Südens. Was meint er bloß?, fragen sich seine Gäste.
Als die Tür der Gruft von alleine zufällt, erklärt er ihnen, dass er durchaus Angst habe, einmal lebendig begraben zu werden und aus diesem Grund dagegen Vorkehrungen getroffen habe. Erstens gebe es eine Klingel in der Gruft, die im Haupthaus Alarm schlägt. Dort befindet sich dann der Schlüssel zur Gruft. Zweitens habe er einen Geheimgang anlegen lassen, der die Gruft mit dem Haus verbinde. Er befinde sich hinter einer der Steinplatten, die das Mausoleum komplett auskleiden. Es ist kalt wie am Nordpol in den dunklen Mauern.
In den folgenden Tagen fallen den Gästen mehrere Ungereimtheiten auf, die in ihnen das Gefühl drohender Gefahr wecken. Erstens gibt es keinerlei Bedienstete, wohl aber Wache haltende Bluthunde auf dem Gelände. Zweitens entdecken sie in jener Kiste einen Sarg, der aber schon bald wieder verschwunden ist. Sie konnten nicht feststellen, ob es sich um Lucys Sarg handelt. Drittens stellt sich heraus, dass Templeton sie bezüglich verliehener Dokumente des Familienarchivs angelogen hat.
Und viertens stößt Poe zu guter Letzt im Arbeitszimmer seines häufig abwesenden Gastgebers auf einen Umschlag mit Schlüsseln und zwei Fotografien. Das eine Porträt zeigt eine gewisse Lucy Monahan (die mittlerweile sehr tot ist), das andere – ihn selbst! Der Name darunter lautet: „Jimmy Farrell“. Ist dies sein wahrer Name und Lucy seine Schwester?
Der Blitz der Erkenntnis streckt den labilen Poe augenblicklich nieder. Als er erwacht, findet er sich in einer verschlossenen Sargkammer wieder. Es ist stockdunkel, stickig und äußerst kalt. Er ist lebendig begraben und die Luft geht ihm aus …
_Mein Eindruck_
Ich bin etwas geteilter Meinung über diese Episode, die beileibe nicht die letzte der POE-Serie sein kann. Da muss noch einiges nachkommen. Zum Glück gibt es noch einige der besten Poe-Erzählungen zu verarbeiten, so etwa alle, in denen Frauen als Hauptfiguren vorkommen. Ich freue mich schon auf die berühmteste dieser Gestalten, die Lady Ligeia. (Siehe dazu auch meine Rezension über: Poe: [„Faszination des Grauens“ 554 .)
Warum geteilt? Die Rahmenhandlung erfährt in Episode 8 endlich eine entscheidende Wendung: Poe findet heraus, wer er wirklich ist: Jimmy Farrell. Und er hat eine nahe Verwandte, möglicherweise sogar eine Gattin: Lucy Monahan. Doch dieser Gewinn wird bitter bezahlt: Seine neue Liebe Leonie Goron ist verschwunden. Und mit ihr der zwielichtige Dr. Templeton, der wahrscheinliche Drahtzieher aller seltsamen Geschehnisse, die Poe widerfahren sind. Wer weiß, was er mit ihr anstellt?!
Man sieht: Dieser Teil der Episode folgt der klassische Krimistruktur: Es wird ermittelt, was das Zeug hält, bis sich der Gastgeber als Hauptverdächtiger herausstellt. Doch wessen ist er schuldig? Das genau herauszubekommen, ist Poes Aufgabe am Schluss der Episode.
|Die Realität als Albtraum|
Die Träume, die sich bislang regelmäßig als eine Binnenhandlung betrachten ließen, sind diesmal verschwunden. Vielmehr hat sich die Realität in einen Albtraum verwandelt. Doch die Dauer dieser Szene ist ungleich kürzer im Vergleich zum Umfang dessen, was bislang als Rahmenhandlung angesehen werden konnte.
Die Szene in der Gruft wurde wieder einmal inspiriert von einer Erzählung Poes. Sie ist als „Die Scheintoten“ (besonders S. 322) in „Poe: Faszination des Grauens“ abgedruckt. Bei der Vorlage könnte es sich um „The premature burial“ von 1844 handeln. Dieses Original liegt mir nicht vor, so dass ich das nicht genau sagen kann. Auf jeden Fall kann es sich nicht um „Der Fall Valdemar“ (The facts in the case of Valdemar) handeln. Denn dort geht es um die Aufschiebung der Folgen des Todes mittels Magnetismus. (Man sehe sich beispielsweise die Verfilmung von Roger Corman mit dem unvergleichlichen Vincent Price in der Hauptrolle an.)
Die Vorkehrungen, die Templeton gegen den Fall des Lebendigbegrabenwerdens trifft, ähneln jenen, die der Ich-Erzähler in „Die Scheintoten“ vornimmt: die Alarmklingel, der Hebel, der die Türen öffnet und anderes mehr. Und wie diesem Erzähler nützen sie dem, der schließlich wirklich lebendig begraben wird, im Ernstfall herzlich wenig. Eine typische Poe’sche Ironie.
Diese Szene hat dennoch ihre eigentümliche Wirkung auf den Zuhörer. Denn bevor der lebendig begrabene Mr. Poe überhaupt an Wege denken kann, sich zu befreien, muss er erst einmal seine Panikattacken bewältigen, die ihn mit zügelloser Emotion daran hindern, überhaupt einen Gedanken zu fassen und sich an das zu erinnern, was sein Möchtegern-Kerkermeister über Fluchtwege gesagt hat. Die Szene hat mir gefallen, weil sie sowohl gruselig als auch recht spannend ist. Abgebrühte Zeitgenossen werden sie lediglich langweilig finden und sich vermutlich fragen, was das Ganze überhaupt soll.
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.
|Miss Leonie Goron|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.
_Sound und Musik_
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art von innerem Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.
Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.
Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.
Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei sowie Solisten auf Violine und Singender Säge (Christhard Zimpel) – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.
|Der Song|
In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen.
_Unterm Strich_
Der eine oder andere Hörer dürfte wie ich schon einige Zeit – spätestens seit den Anschlägen in Episode 5 – Dr. Templeton im Verdacht gehabt haben, für zwielichtige Machenschaften rund um Mr. Poe verantwortlich zu sein. Doch wer weiß, wie tief seine Verstrickungen mit dem Schicksal von Poes Familie wirklich reichen? Ist er auch für den Selbstmord der armen Lucy Monahan verantwortlich? Vielleicht sogar für den Untergang des Schiffes, auf dem sich Leonie Goron befand. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen …
Und viele weitere Erzählungen von Edgar Allan Poe zu verarbeiten. Schließlich hat der Mann rund 15 Jahre lang Erzählungen publiziert. Und nur die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Wir können also darauf hoffen, dass im nächsten Herbst wieder eine Staffel hervorragend gemachter Hörspiele veröffentlicht wird.
Die Episode „Lebendig begraben“ verfügt kaum über Action-Elemente und nur eine gruselige Szene. Für Unterhaltung ist also nur wenig gesorgt. Dennoch ist sie innerhalb der Serie eine der wichtigeren, weil sie innerhalb der bisherigen Rahmenhandlung eine entscheidende Wendung herbeiführt: Poe findet seine – wahrscheinlich – wahre Identität heraus, gleichzeitig verliert er seine neue Seelengefährtin Leonie. Der Zwiespalt dürfte Stoff für weitere Albträume liefern. Wir freuen uns schon darauf.
Wie ich in den Abschnitten über Sprecher, Sprecherin, Sound und Musik ausgeführt habe, kann die Episode zwar künstlerisch voll überzeugen, dramaturgisch jedoch nicht mit den vorhergehenden Hörspielen mithalten. Dennoch bietet sie den Reiz eines Kriminalhörspiels: Leonie und Poe ermitteln gegen ihren Gastgeber, mit durchaus handfesten Ergebnissen und einem drastischen Resultat: Poe wird lebendig begraben.
_Ausgleichende Gerechtigkeit: Verbrechen an der Liebe_
Die Themsemündung bei Gravesend im Jahr 1882: Theobald Jack Pansay lernt auf einem Schiff nach Indien die dort mit einem Offizier der britischen Armee verheiratete Agnes Keith-Wessington kennen. Sie beginnen während der Überfahrt eine leidenschaftliche Affäre miteinander. Als Theobald die Verbindung nach einem gemeinsam verbrachten Sommer in Simla beendet, kommt es zu einer Katastrophe mit ungeahnten Folgen … (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Rudyard Kipling (1865-1936) war 1907 der erste Brite, der den Literaturnobelpreis erhielt. Kipling wurde als inoffizieller Hofdichter angesehen. 1901 veröffentlichte er mit dem Roman „Kim“ sein Meisterwerk. Am bekanntesten wurde er jedoch mit seinen „Dschungelbüchern“. Sein ganzes Werk ist durchzogen von Geschichten mit fantastischen, übernatürlichen und sogar Science-Fiction-Elementen und -Motiven.
Die vorliegende Erzählung „The Pantom Rickshaw“ erschien zuerst 1888 in Indien und 1890 in England. Die gleichnamige Storysammlung wurde 1889 in die Sammlung „Wee Willie Winkie“ aufgenommen.
_Die Inszenierung_
Die Rollen und ihre Sprecher:
Theobald Jack Pansay: Matti Klemm (Robert Gant)
Agnes Keith-Wessington: Arianne Borbach (Diane Lane, Catherine Zeta-Jones)
Kitty Mannering: Uschi Hugo (Brittany Murphy, Tara Reid, Julie ‚Darla‘ Benz)
Dr. Heatherlegh: Bodo Wolf (Christopher Walken, William H. Macy)
Juwelier Hamilton: Wilfried Herbst (Charles Hawtrey, Max ‚Rom‘ Grodenchick in „Deep Space Nine“)
Rikscha-Verleiher: Tommy Morgenstern (‚Son-Goku‘, ‚Butt-Head‘)
Wirt: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander)
Damen der Gesellschaft: Gisela Fritsch und Eva-Maria Werth
Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand in den |Planet Earth Studios| und bei |Kazuya c/o Bionic Beats| statt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.
_Handlung_
Die Themsemündung bei Gravesend im Jahr 1882. Im Gewühl dieses Hafens sucht der junge Londoner Theobald Jack Pansay das Schiff „Pacific Pearl“, das ihn nach Indien bringen soll. Eine freundliche junge Dame weist ihm den Weg und lädt ihn ein, sie zu begleiten. Doch Agnes Keith-Wessington macht ihm von Anfang an klar, dass sie mit einem Offizier der britischen Armee verheiratet ist. Jack jedoch sucht ein Abenteuer, mit dem er sich die Wochen der Überfahrt vertreiben kann. Sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre miteinander.
|Indien: ein Versprechen|
In Bombay heißt es dann, Abschied zu nehmen. Er ist verlegen, als er merkt, dass sie sich total in ihn verliebt hat, er sie aber loswerden will. Er schließt einen Kompromiss mit sich. Sie soll ihn in drei bis vier Monaten in Simla treffen, wo die Bürokraten der Hitze des indischen Sommers in der Kühle des mittleren Himalayas entgehen. Agnes willigt sofort ein, denn sie will ihn um keinen Preis verlieren. Die Monate vergehen und er stellt fest, dass er Agnes‘ Zuwendung vermisst.
Das ändert sich jedoch, als er sie in Simla wiedersieht. Sie sind sehr vorsichtig, als sie sich in einer Mietrikscha zu den Sehenswürdigkeiten und Ausflugspunkten der reizvollen Umgebung fahren lassen. Die zwei Jampanis, die die Rikscha ziehen, seien diskret, sagt Agnes. Eines Tages fährt sie mit Jack zum Tempel der Schutzgättin Simlas. Shyamala sei eine Verkörperung der Todesgöttin Kali, die sowohl Zerstörung als auch Geburt und Erneuerung verkörpere. Agnes bekennt, sie fühle sich sehr mit Kali verbunden, deren Legende sie Jack erzählt. Dann verlangt sie von ihm, sie genau hier, vor dem Tempel und den Augen der Jampanis, zu lieben, und Jack gibt ihrem Begehren nach.
|Trennung – für immer?|
Doch er muss im Laufe der Zeit feststellen, dass sein eigenes Begehren erlischt. Wenig später macht er Schluss mit Agnes und leugnet, dass er sie jemals geliebt habe. Ihre Liebe erdrücke ihn und sei ein Fehler gewesen. Sie bittet um Vergebung und ist sogar bereit, weitere Opfer zu bringen, nur um ihn zu halten. Doch es ist zu spät. Alle ihre Briefe lässt er unbeantwortet, und es sind eine Menge.
Als er Agnes unbeabsichtigt bei einer Abendgesellschaft wiedersieht, bietet sie ihm an, alles zu opfern, um ihn zurückzugewinnen. Er wehrt sie ab, und sie weint. Bei einem weiteren Wiedersehen in Simla geht er von ihr mit den Worten „Fahr zur Hölle!“ In seinem Zorn gerät er einer anderen Reiterin in die Quere, deren Pferd scheut: Es ist Kitty Mannering, energiegeladen, jung und reich. Er verliebt sich auf der Stelle in sie. Eine Rikscha holpert vorbei, und sie glaubt, Agnes Keith-Wessington zu sehen, doch Jack ignoriert die Rikscha – ein Fehler.
Denn wieder und wieder begegnet ihm nun Agnes‘ Rikscha. Er soll zu ihr einsteigen. Sie warnt ihn davor, Kitty zu heiraten, und das erzürnt ihn wieder. Agnes magert ab und wird bleich. Als er die Nachricht von ihrem Tod erhält, ist er erleichtert und verbrennt all ihre ungeöffneten Briefe. Er versucht sie zu vergessen.
|Die Erscheinung|
Im April 1885 reitet er mit Kitty zum Juwelier und kauft ihr einen schönen Verlobungsring. Vor dem Laden hört er, wie Agnes‘ Stimme seinen Namen ruft. Er und Kitty sitzen auf, doch Agnes‘ Rikscha fährt mitten durch Kittys Araberpferd hindurch! Aber Kitty hat nichts gesehen und findet die Erschütterung und Verwirrung, die Jack an den Tag legt, höchst verwunderlich. Indigniert reitet sie von dannen. Er hingegen braucht erst einmal eine Stärkung.
Die Erscheinungen wiederholen sich, und er versucht herauszufinden, ob er verrückt geworden ist. Dass Agnes tot ist, weiß er ja, aber der Rikscha-Verleiher sagt ihm, dass auch die Jampanis gestorben seien, an der Cholera, und er die Rikscha der Memsahib Keith-Wessington eigenhändig zu Kleinholz zerhackt habe. Das solle Unglück abwehren. Jack grübelt, wie er die immer wieder erscheinende Gespenster-Rikscha loswerden könne. Er hat den Verdacht, dass sie, wie Kali, Fluch und Segen zugleich sei. Und dass er eines Tages doch noch einsteigen wird …
_Mein Eindruck_
Offensichtlich verknüpfte der Literaturnobelpreisträger Kipling in dieser kleinen Geschichte seine eigenen Indien-Erfahrungen mit dem alten Motiv um Verbrechen und Sühne. Ob es sich wirklich um ein Verbrechen an der Ehre der liebenden Agnes handelt, steht jedoch zur Debatte. Jack sieht das jedenfalls nicht so, doch er muss einsehen, dass die Sitten in Indien wesentlich strenger sind als im heimischen London.
Den ersten Vorgeschmack erhält er von seinem Therapeuten, dem Arzt Dr. Heatherlegh, der allerdings auch ein Freund der Mannerings ist. Der Doktor nennt ihn einen „Schuft“. Als Jack auch noch Kitty seine Vergangenheit mit der inzwischen verstorbenen Agnes offenbart, löst diese die Verlobung auf, die ihm ein sorgenloses Leben in Saus und Braus versprochen hatte. Kitty erklärt ihm klipp und klar, dass er ein Schwein sei, erstens eine Affäre mit einer Verheirateten angefangen und ihr dies zweitens verschwiegen zu haben. Ein Peitschenhieb ins Gesicht bekräftigt ihre Entrüstung. In Indien sind die Sitten nicht nur streng, sondern auch rau.
Die Gespenster-Rikscha symbolisiert zwei Dinge. Sie ist die äußere Verkörperung seiner Erinnerung an die Affäre und sein schlechtes Gewissen. Das ist der abendländische Aspekt. Was jedoch rein indisch ist, bildet den zweiten Aspekt: nämlich Agnes als Verkörperung der Todesgöttin. Kali ist eine Kraft, die der Liebe Dauer verleiht, die im Schatten ihres Tempels besiegelt wurde (die Tempelszene). Sie ist aber auch die Kraft, die den Tod bringt und überwindet. Sie zu missachten, bringt nichts, wie Jack erkennen muss. Er kann der Erscheinung selbst durch Kasteiung nicht entkommen.
Aber Agnes wird auch zu seinem Schutzgeist. Als eine Steinlawine Jack und Dr. Heatherlegh bedroht, warnt sie ihn, so dass er sich in Sicherheit bringen kann. Ihre Erscheinung ist Fluch und Segen zugleich und somit der doppelte Aspekt Kalis, der die meisten abendländischen Besucher Indiens verwirrt. Indem Kipling diese Geschichte ganz anders als andere Dreiecksgeschichten erzählt, macht er sie nicht typisch indisch, sondern zu einer Brücke zwischen Indien und dem Abendland. Möge derjenige, der sie begreift, daraus lernen.
_Die Inszenierung_
|Die Sprecher|
Die Sprecher könnten direkt aus einem viktorianischen Stück stammen. Matti Klemm spricht den jungen Mann ebenso kraftvoll wie den alten Mann, der auf die Indien-Episode 35 Jahre später zurückblickt und uns erklärt, wie es zu seinem traurigen Schicksal kommen konnte. Agnes Keith-Wessington wird von Arianne Borbach als eine ebenso leidenschaftliche wie aufopferungsvoll liebende Frau dargestellt. Über die Schnelligkeit, mit der sich Agnes in Jack verliebt, habe ich mich allerdings gehörig gewundert. Das hätten die ollen Viktorianer nur mit tiefsten Stirnrunzeln gesehen!
Über die Darstellung Uschi Hugos von Kitty Mannering habe ich mich sehr gefreut. Junge, energische Damen aus reichem Hause treten in Gruselgeschichten ja nicht allzu häufig auf. Wenn sie schon jung, hübsch und reich sind, dann wenigstens todkrank. Man denke nur an Poes Lady Madeleine Usher, Ligeia, Morella, Eleonora und wie sie alle heißen. Die restlichen Figuren sind alle nebensächlich, doch die Sprecher verleihen ihnen durch ihren Einsatz nichtsdestoweniger große Glaubwürdigkeit. So könnte es in Simla, dieser Sommerfrische der Kolonialherren, wirklich zugegangen sein.
|Musik|
Über den Score habe ich mich schier übermütig erfreut, denn anders als in den abendländischen Geschichten spielt hier Indien die erste Geige. Und was für einen tollen Sound hat der ungenannte Komponist gezaubert! Ich fühlte mich von den Flöten, Sitars, Gitarren und Tablas sofort auf einen anderen Kontinent transportiert. Das ist eine erfrischende Abwechslung zu den immergleichen westlich-romantischen Tonarten, die man im |Gruselkabinett| sonst so hört. Fehlt nur noch „Kashmir“ von |Led Zeppelin|, ebenfalls eine nordindische Melodie. (Leider bekommt |Titania| dafür niemals die Lizenz, weil sie zu teuer ist.)
Es ist klar, dass es sich um einen romantischen Stoff handelt. Schicksal, Tragik, Liebe, Tod spielen bestimmende Rollen. Dementsprechend dramatisch und abwechslungsreich ist auch die Musik komponiert worden. Es handelt sich um Originalmusik, nicht etwa um Kopien aus diversen romantischen Opern. Zusätzlich zu den orchestralen Parts hat der Komponist auch Chöre eingearbeitet, um der tragischen Geschichte mehr Schicksalhaftigkeit zu verleihen.
Die Musik gibt sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit klassischem Instrumentarium produziert – keine Synthesizer für klassische Stoffe! Die Musik steuert nicht nur die Emotionen des Publikums auf subtile Weise, sondern bestreitet auch die Pausen zwischen den einzelnen Akten. Dann stimmt sie das Publikum auf die „Tonart“ des nächsten Aktes ein.
Heitere Klänge wie etwa Sitars und Tablas wechseln sich mit düsteren Passagen ab, die von Streichern und Chören bestritten werden. Tiefe Bässe, die Unheil ankünden, fehlen jedoch, und das macht das unheimliche Geschehen, das erzählt wird, doppelt zweideutig. Auch dies gehört zum Doppelgesicht der Göttin Kali.
|Geräusche|
Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Auf der Seereise herrschen Möwenschreie und das Rauschen des Kielwassers vor, unterlegt mit dem Stimmengewirr in den beiden Häfen.
In Simla ist die Geräuschkulisse völlig anders. Wie es sich für einen Bergwald gehört, ist er mit den Stimmen von Vögeln und Affen erfüllt. Ab und zu hört man einen Wasserfall rauschen – sehr idyllisch. Durch diese Idylle galoppieren die englischen Herrschaften wie der Elefant im Porzellanladen (falls Elefanten galoppieren). Oder eine unheimliche Rikscha mit einer Toten darin rattert vorüber. Das liefert ein paar schöne Stereoeffekte.
Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.
|Das Booklet|
… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von |Titania Medien|. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Firuz Akin fand ich wieder einmal sehr passend und suggestiv. Man achte auf den weißen Schimmer, der die Rikschau samt Jampanis umgibt!
Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 14 Jahren.
Diesmal sind in einem zusätzlichen Katalog Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:
Nr. 30: J. W. Polidori: [Der Vampir 5426 (November 2008)
Nr. 31: Rudyard Kipling: Die Gespenster-Rikscha (November 2008)
Nr. 32 + 33: Barbara Hambly: Die Jagd der Vampire (2 CDs, erscheint im März 2009)
Nr. 34: F. M. Crawford: Die obere Koje (erscheint im April 2009)
Nr. 35: Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms (erscheint im April 2009)
Nr. 36+37: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (erscheint im Herbst 2009)
_Unterm Strich_
Obwohl die Gespenstergeschichte ein wenig unspektakulär erscheinen mag, so kommt es doch auf ihre Umsetzung an. Die Handlung selbst ist völlig klar herausgearbeitet, und es ist klar, worauf dies alles hinausläuft: auf ausgleichende Gerechtigkeit, die den Delinquenten früher oder – wie in diesem Fall – später ereilen wird.
Wichtig ist es zu begreifen, warum Agnes Keith-Wessington als Gespenst wiederkehrt, um Jack Pansays Gewissen zu plagen. Indien ist ja nicht gerade für Gespenster bekannt, doch wenn es um die Gunst der Todesgöttin geht, die Agnes erhalten hat, so ist mit ihrem Gespenst nicht zu spaßen.
Auch mit den strengen moralischen Maßstäben des kolonialen Indien muss Jack unangenehme Bekanntschaft machen. Die Story baut eine Brücke zwischen den beiden Kulturen und ihren jeweiligen Maßstäben dafür, was ein moralisches Verbrechen sein könnte. Auf diese Weise zeigt der Autor, wie relativ die britischen Maßstäbe im Vergleich mit einem anderen Land sein können.
Dass Jack früher oder später in Agnes‘ Gespenster-Rikscha einsteigen muss, um sie ins Jenseits zu begleiten, erinnerte mich an Emily Dickinsons berühmtes Gedicht über die Kutsche, die für sie hielt: Es war die Kutsche, die vom Tod gelenkt wurde.
|Das Hörspiel|
Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Ganz besonders gelungen fand ich den nordindisch angehauchten Score, der mich in eine andere Weltgegend entführte, und die Darstellung der drei Hauptsprecher Arianne Borbach, Matti Klemm und Uschi Hugo.
Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Wer jedoch mit Melodramatik absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen.
|Basierend auf: The Pantom Rickshaw, 1888
55 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3639-5|
„Die Morde in der Rue Morgue“ ist der siebte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch in den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
– [Die Grube und das Pendel 744
– [Die schwarze Katze 755
– [Der Untergang des Hauses Usher 761
– [Die Maske des Roten Todes 773
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
Seine Originalstory „The murders in the Rue Morgue“ lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Zwei grausige Morde haben in der Rue Morgue stattgefunden, doch die Polizei ist ziemlich ratlos. Sie können sich nicht vorstellen, wer als Täter in Frage kommt, noch wie es dem Täter überhaupt gelang, zum jeweiligen Tatort zu gelangen. Doch Auguste Dupin hält sich an die Gesetze der Logik, wie etwa an „Occams Rasiermesser“: „Wenn man alles, was nicht in Frage kommt, hat ausschließen können, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch aussehen mag.“ Folglich war der Mörder kein Mensch … – Der Rest ist eine ziemlich spannende Mörderjagd.
_Der Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.
_Die Sprecherin_
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
_Vorgeschichte_
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon sechs Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten …
_Handlung_
Endlich an Land! Möwen kreischen und Glocken bimmeln, um Leonie und den Fremden, der sich Edgar Allan Poe nennt, in New Orleans zu begrüßen. Er und seine Lebensretterin haben noch nicht herausgefunden, warum jemand ihn umbringen will, doch er will sich darüber keine Sorgen machen. Er erinnert sich jedoch, dass sein Psychiater Dr. Templeton dagegen war, dass er abreiste. Leonie prophezeit ihm, dass die Vergangenheit ihn einholen werde – wie ein Affe, den man nicht loswird und der einem ständig hinterherläuft.
Etwa so wie der Affe, der bei der Minstrel Show auf einer der Straßen Possen reißt und Passanten anbettelt, während ein Tamburin- und ein Knochenspieler, Mr. Tambo und Brother Bones, Musik machen. Leonie und Poe finden in einer billigen Pension am Hafen Quartier, unweit der Leichenhalle, der Morgue. Sie checken als Ehepaar ein, ihre Zimmer sind durch eine Tür miteinander verbunden. Poe döst in der Hitze ein und sein Geist kreiert wieder mal Phantasmen und einen bemerkenswert zusammenhängenden Traum …
(Übergang zur Binnenhandlung)
Die Szene wechselt nach Paris, wo ein gewisser Auguste Dupin, seines Zeichens Privatdetektiv, lebt. Doch der spielt erst ganz am Schluss eine Rolle. Man muss ihn jedoch kennen, denn er entscheidet mit seinen Erkenntnissen über das grausige Geschehen über das weitere Schicksal der Hauptfigur.
Dabei handelt es sich um einen Malteser Seemann, der auf einer Insel Schiffbruch erlitten hat und sich nun Ben Gunn nennt, nach der berühmten Figur aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. Ein junger Orang-Utan hat sich ihm auf Borneo angeschlossen, und den nimmt er nach seiner Rettung auf einem Walfänger mit. Der Affe eignet sich Kunststücke an, so etwa ahmt er hervorragend das Bartschneiden mit Hilfe eines scharfen Rasiermessers nach.
Als Ben in Paris eintrifft, ist er kein armer Schlucker, sondern im Grunde ein reicher Mann: Er hat einen Schatz auf seiner Insel gefunden und einen kleinen Teil davon mitgebracht, hauptsächlich Gold in einem Beutel. Ben, der sonst eigentlich ein umgänglicher Bursche ist, sperrt den Affen ein, wenn er ausgeht, und prügelt und peitscht ihn, wenn das Tier unartig war. Dazu wird Ben leider mehrmals Anlass haben …
Eine lebhafte Hafenszene, mit Möwengekreisch, Glockengebimmel, Hufgetrappel, Hundegebell. Ben bemerkt zwei Bürgersfrauen, die ratlos das Hafenbüro suchen. Sie scheinen Mutter und Tochter zu sein. Ein Fass rollt auf sie zu und wirft die Tochter ins Hafenbecken. Wird sie ertrinken?! Ben zögert nicht, ihr nachzuspringen und sie aus dem Wasser zu retten. Doch sie ist bewusstlos, und er bittet einen vorüberhastenden Arzt, ihm zu helfen. Die Wiederbelebung ist erfolgreich, und Ben belohnt den seltsamerweise nur widerwillig Hilfe leistenden Dottore mit einem Geldstück. Die Mutter lädt Ben zum Tee ein.
Bevor sich Ben zur Rue Morgue begibt, wo Madame L’Espanaye und ihre Tochter wohnen, sperrt er seinen Affen ein. Während Ben sich zur jungen Dame sehr hingezogen fühlt, verbietet die sittenstrenge Mutter jeglichen unschicklichen Kontakt, besonders nachdem er zugegeben hat, einen Affen zu haben. Dieser Ausdruck ist insofern komisch, als er auch bedeutet, etwas zu viel über den Durst getrunken zu haben. Ben lässt sich zu einem Wortspiel hinreißen, in dem Muscheln und Perlen vorkommen. Eine vorwitzige Anspielung, die sofort von Madame niedergebügelt wird.
Nach seiner Rückkehr findet Ben sein Zimmer verwüstet vor, der Affe wurde freigelassen. Ständig hat er nun das Gefühl, von einem Schatten verfolgt zu werden. Für den Affenkäfig kauft er sich nun einen schweren Eisenriegel. Ob das hilft?
Am Abend trifft er zufällig Mademoiselle L’Espanaye wieder, die sich beim Hafenmeister nach einem Schiff namens „Dimitri“ erkundigt. Wie sie dem ihr sympathisch gewordenen Ben anvertraut, wartet sie auf einen Sarg, den die „Dimitri“ aus Osteuropa bringen sollte. Er enthalte ihre Verwandte Lucienne L’Espanaye, doch auch einige Erbstücke wie etwa Perlen, die ein kleines, aber dringend benötigtes Vermögen wert seien. Doch der Hafenmeister hat gerade Meldung erhalten, dass die „Dimitri“ in der Biskaya gesunken sei. Mademoiselle (wie erfahren nie ihren Namen) L’Espanaye ist untröstlich, und der hoffnungsvolle Ben darf sie nach Hause bringen und Zukunftspläne schmieden.
Wieder fühlt er sich verfolgt. Wohl mit Recht, denn in ihrer Wohnung sieht auch Mademoiselle ein Gesicht am Fenster, das aber gleich wieder verschwindet. Als er in seine eigene Wohnung zurückkehrt, erfährt er vom Besuch eines Arztes. Das Zimmer ist verwüstet, der Affe übt im Bad das Rasieren. Als Ben es einzufangen versucht, entkommt das Tier mitsamt dem scharfen Rasiermesser. Ihre Verfolgung führt sie zu einem gewissen Haus in der Rue Morgue …
_Mein Eindruck_
Wie ein kurzer Vergleich dieser Handlung mit der Originalstory zeigt, dreht es sich nun keineswegs um spannende Ermittlungen, sondern um eine romantische Liebesgeschichte, die in einer Bluttat grausig endet. Auch die Täter sind etwas anders verteilt, und die Motive sowieso. Insgesamt ist der neue Entwurf nicht ohne Reiz, denn er spricht nicht, wie Dupins rationale Logik, so sehr die Vernunft an, sondern vielmehr auch die Emotionen des Hörers.
Die Wirkung dringt ungleich tiefer als Poes Finale. Ich musste feststellen, dass die Bluttat, unterstrichen von einer enervierenden Musik, mich den Atem anhalten ließ. Soeben hat man sich noch (mit Bens Augen sehend) in die liebevolle und vom Schicksal gebeutelte Mademoiselle L’Espanaye verliebt, da wird ihr auch schon das Schlimmste angetan – von ihrer Mutter, der liebenswerten Schreckschraube, ganz zu schweigen.
Man kann daher durchaus Bens emotionales Chaos, seine Benommenheit nachvollziehen, als nach Hause zurückkehrt und anderntags einem gewissen Auguste Dupin gegenübersteht, der ihm die Leviten liest. Dieser Plot ist ein Meisterstück an subtiler Lenkung der Emotionen des Zuhörers. Dafür wird allerdings die Plausibilität des Geschehens vernachlässigt. Ein gestrengerer Kritiker könnte den gesamten Plot „wegen Irrationalität“ in die Tonne treten.
Nun könnte man sich natürlich – ob der Verlagseinordnung als Horrorhörspiel – zynisch fragen, was denn, bitte schön, an einem simplen Doppelmord so horrormäßig sei. Das Blut an den Wänden, auf der Straße? Na schön, vielleicht könnte es sich dabei um Horror handeln. Auch spannende Ermittlungen gibt es hier nicht zu besichtigen und voyeuristisch zu begleiten, in der Hoffnung, das Böse zur Strecke zu bringen. Ganz im Gegenteil: Diesmal ist es der vermeintlich Gute, der sich unversehens in eine Gräueltat verwickelt sieht. Können wir dem Universum noch trauen? Oder müssen wir hinter diesen Vorgängen – wie Ben Gunn – das Wirken eines finsteren Verfolgers vermuten, quasi eine (Welt-)Verschwörung?
Und schon wieder taucht ein Arzt auf …
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
|Mr. Poe alias Ben Gunn|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Liebe für seine beiden Figuren eine zentrale Rolle: Poe findet größten Gefallen an Leonie, und dass sie als Ehepaar einchecken, gibt ihm Anlass zu schönsten Hoffnungen. Mademoiselle L’Espanaye ist noch ein ganzes Stück jünger, aber dafür noch schnuckeliger, ein wahres Goldstück – oder, besser noch, eine Perle. Ihr schreckliches Ende trifft Ben umso härter. Pleitgen legt größtes Gefühl in seine Stimme, um den chaotischen Gemütszustand Bens auszudrücken. In solchen Szenen stellt er sein ganzes Können unter Beweis.
|Miss Leonie Goron alias Mademoiselle L’Espanaye|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Sie kann aber auch im richtigen Moment zuschlagen.
Mademoiselle L’Espanaye ist eine naive, weil streng behütete junge Dame. Wie gesagt: ein schnuckeliges Goldstück, das ein klein wenig an Amélie erinnert. Sie interessiert sich für Affen und – aufgepasst! – sie weiß um das Geheimnis von Muscheln und Perlen. Diese doppelthematische Symbolsprache zieht sich durch das gesamte Hörspiel in Binnen- und Rahmenhandlung. Die Autoren versuchen uns etwas damit zu sagen. Jeder Hörer muss es für sich selbst entschlüsseln.
|Auguste Dupin|
Besonders verblüfft hat mich das Auftreten von Auguste Dupin. Da seine Rolle von Manfred Lehmann gesprochen wird, erklingt auf einmal die (deutsche) Stimme von Gerard Depardieu. Das ist insofern sehr passend, als Depardieu in dem Detektiv-Horror-Fantasy-Thriller „Vidocq“ die titelgebende Rolle eines Meisterdetektivs gespielt hat. Es ist lediglich bedauerlich, dass „Dupin“ nicht die Gelegenheit ergreift, Ben zu erklären, wie er auf die Lösung des Falles gekommen ist. Dafür müssen wir dann wieder das Original von Poe lesen (siehe oben).
|Sound und Musik|
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet: siehe meine Beschreibung oben. Hier kann sich der Hörer einfühlen. Hier wünsche ich mir die dreidimensionale Empfindung, die Dolby Surround vermittelt. Vielleicht wird es einmal alle acht POE-Hörspiele auf einer DVD in Dolby Surround (DD 5.1) oder DTS geben – das wäre mein bescheidener Traum.
Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.
Ganz besonders eindrucksvoll fand ich die Szenen in Paris. Denn hier kommen noch ein charakteristisches Akkordeon (Klaus Staab) und eine Klarinette (Tim Weiland) hinzu. Während das Akkordeon – o là là! – romantische Gefühle weckt, ist die Klarinette für unheilvolle Untertöne zuständig. Auf dem Höhepunkt in der Rue Morgue erklingt eine chaotische Kakophonie, die perfekt zum blutigen Geschehen passt und geeignet ist, den Zuhörer entsprechend zu erschrecken. Das ist ganz schön makaber.
|Der Song|
In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. Passt perfekt zum Perlenmotiv der Binnenhandlung.
_Unterm Strich_
Der Hörer sollte sich diesmal zufrieden geben und nicht die üblichen zwei oder drei Höhepunkte verlangen: Er bekommt nämlich diesmal nur ein Finale. Doch dieses ist so schön und geschickt aufgebaut, dass seine dramatische Wirkung umso nachhaltiger sein dürfte. Ich jedenfalls war ein wenig (ein ganz klein wenig) erschüttert.
Auch den üblichen Wahnsinn sucht man vergebens. Zunächst jedenfalls. Keine spinnerten Schatzsucher trampeln durch die Botanik; kein Mahlstrom lockt mit dem sicheren Tod in den Irrsinn. Allenfalls der Liebe süßer Wahn lockt unseren Helden durch Pariser Gassen. Der Tod offenbart sich in schrecklicher Zufälligkeit und sicher nicht, um irgendjemandes Nerven zu schonen.
Sprecher, Musiker, Toningenieure – ihre Leistung muss ich wieder einmal lobend hervorheben. Wie leicht könnte ein so emotionales Geschehen übertrieben, unecht oder gar abgeschmackt wirken. Hier ist vielmehr Subtilität gefragt, ohne die Lebhaftigkeit der Figuren zu verdecken. Dies gelingt den beiden zentralen Sprechern Pleitgen und Berben hervorragend.
|Ausblick|
Wieder ist ein kleines Puzzlestückchen enthüllt worden, das einen Hinweis auf den Drahtzieher der Anschläge auf Herr „Poe“ liefert. Ärzte allenthalben – sie spielen eine zwielichtige Rolle sowohl in Poes Träumen als auch in seiner Realität. Und sicherlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir können außerdem nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht auch Leonie Goron etwas im Schilde führt oder in den Plänen eines Arztes eine Rolle spielt.
|Originaltitel: The murders in the Rue Morgue
66 Minuten auf 1 CD|
_Inszenierte Lesung: Neues vom Geheimnis des Mars_
Arianna, Ronny, Carl und Elinn – alle zwischen 13 und 15 Jahren alt – sind als erste Kinder auf dem Mars geboren worden und aufgewachsen. Doch im Jahr 2086 sollen sie gemeinsam mit anderen Marssiedlern zur Erde zurückkehren, weil machthungrige Politiker behaupten, das Marsprojekt sei gescheitert. Die Vorbereitung zur Stilllegung der Forschungsstation laufen bereits auf Hochtouren – aber die vier Jugendlichen sind fest entschlossen, auf dem Roten Planeten zu bleiben. Besonders Elinn, die aus medizinischen Gründen auf der Erde nicht überleben könnte. Sie büchsen aus und kommen einem verborgenen Geheimnis des Planeten auf die Spur.
Band 2: Seit ihrer Entdeckung der blauen Türme ist der Mars in aller Munde. Wer hat die Türme erbaut und wozu? Wissenschaftler und Journalisten reisen an, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Die Marssiedlung wächst rasant, doch mit den Raumschiffen von der Erde kommen nicht nur Freunde des Marsprojekts. Ein Saboteur treibt sein Unwesen, um die Forschungsarbeiten zum Stillstand zu bringen und den Abbruch des Projekts herbeizuführen. Doch die vier Freunde kommen ihm auf die Schliche – und erhalten Hilfe von unerwarteter Seite …
Es handelt sich um eine inszenierte Lesung, die mit Musik und Geräuschen versehen ist.
_Der Autor_
Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.
Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“ und der Megaseller „Das Jesus-Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet und fürs Fernsehen verfilmt wurde.
Seitdem sind unter anderem die Romane „Eine Billion Dollar“, „Perfect Copy“, „Exponentialdrift“, „Die seltene Gabe“, „Das Marsprojekt 1-3“ sowie „Der Letzte seiner Art“ erschienen, einige davon zudem als Hörbuch. Auch das Sachbuch „Das Buch der Zukunft“ gehört zu seinen Publikationen. Eschbach hat mehrere Anthologien, darunter „Eine Trillion Euro“, herausgegeben und eine Reihe von literarischen Auszeichnungen erhalten. Heute lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in der Bretagne.
[„Ausgebrannt“ 3487 (Buchfassung)
[„Ausgebrannt“ 4942 (Hörbuch)
[„Der Nobelpreis“ 2060
[„Die Wiederentdeckung“ 3211 (Hörbuch)
[„Die Haarteppichknüpfer“ 1556
[„Quest“ 1459
[„Perfect Copy – Die zweite Schöpfung“ 1458
[„Der Letzte seiner Art“ 1250
[„Der Letzte seiner Art“ 317 (Hörbuch)
[„Die seltene Gabe“ 1161
[„Eine Billion Dollar“ 653
[„Das Jesus-Video“ 267 (Hörbuch)
[„Exponentialdrift“ 187
_Die Sprecherin_
Marie Bierstedt, Jahrgang 1974, trat ab Mitte der 80er Jahre in TV-Serien wie „Praxis Bülowbogen“ oder „Ein Heim für Tiere“ auf. Sie ist unter anderem die deutsche Stimme von Kirsten Dunst („Spider-Man“), Kate Beckinsale und Natalie Portman. Sie ist vielen Deutschen zudem als deutsche Stimmbandvertretung von Alyson Willow Hannigan in „Buffy“ vertraut.
Der Text wurde von Klaus Prangenberg gekürzt, Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme leitete Christian Päschk. Die Musik steuerte der bekannte Profi Andy Matern bei. Die Inszenierung besorgten Fabian Frischkorn und Horst-Günther Hank.
_Der Komponist_
Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.
Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde „Der Cthulhu-Mythos“ zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik-Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)
_Vorgeschichte_
Arianna, Ronny, Carl und Elinn – alle so um die 14-15 Jahre alt – sind als erste Kinder auf dem Mars geboren worden und aufgewachsen. Vor allem Elinn hat einen besonderen Draht zu ihrer fremdartigen Umgebung entwickelt – sie sieht ein Leuchten, das andere nicht wahrnehmen. Und sie findet Steine, die für sie wie Landkarten von einer bestimmten Gegend – dem Löwenkopf – aussehen, auch wenn sie anderen nichts sagen. Aber sie hat Recht, wie sich zeigen soll.
Doch eines Tages bekommen die Kids mit, welche geheimen Pläne die Erdregierung und der Marsgouverneur mit der Kolonie haben: Sie wollen sie schließen! Während Kostengründe vorgeschoben werden, geht es den dahinter stehenden Politikern nur um noch mehr Einfluss auf der Erde. Schon bald laufen die Vorbereitungen zu Stilllegung der Forschungsstation auf Hochtouren.
Niemand der Erwachsenen ahnt jedoch, dass die vier Freunde fest entschlossen sind, auf dem Mars zu bleiben. Selbst Carl, der auf der Erde studieren wollte, gibt seine Pläne auf. Und besonders Elinn könnte auf der Erdoberfläche wegen der dreimal höheren Schwerkraft gar nicht überleben, sondern müsste in einer Orbitalstation wie in einem Gefängnis ihr Leben fristen.
Mit dem intelligenten Zentralcomputer AI-20 auf seiner Seite entführt das Quartett einen großen Marsrover und fährt 180 Kilometer zur asiatischen Station. Dumm gelaufen: Die Chinesen machen ihren Laden ebenfalls dicht! Aber die haben wenigstens noch ein schickes Flugzeug, mit dem man entdecken könnte, was sich hinter dem Löwenkopf verbirgt …
_Handlung_
Urs Pigrato muss mit seiner Mutter von Genf zum Mars umziehen, wo sein Vater Statthalter der Erdregierung ist. Urs ist 15 Jahre alt und fühlt sich in den Netzwerken der Erde sehr wohl, wo er sich gerne im Virtu, der Virtuellen Realität, dem Magnet Scooting hingibt, einem Virtu-Sport. Nach drei Monaten Nichtstun trifft die Ladung von rund 80 Passagieren endlich auf der nackten Kugel aus Staub und Fels ein, die man den Roten Planeten nennt. Urs ist nicht begeistert, aber wegen der vielen Neuheiten ziemlich aufgeregt. Hier wird er die nächsten sechs Jahre seines Leben verbringen.
|Einsamkeit|
Als er seine Freunde im Virtu kontaktieren will, erlebt er eine bittere Enttäuschung: Weil die Kommunikationsverzögerung zwischen Erde und Mars rund 15 Minuten beträgt, ist die Teilnahme an Virtu-Spielen ausgeschlossen, denn dazu braucht man Reaktionen in Echtzeit. Bleibt also nur die E-Mail. Und die ist unzuverlässig, weil die KI AI-20, die sonst alles in der Siedlung steuert, keinen Zugriff auf das Mailsystem hat. Einen Tag lang ist gar kein Mailverkehr möglich; irgendjemand muss eine Riesen-Mail überspielt haben. Der Journalist Wim Van Leer entschuldigt sich zwar für seine Auftraggeber, aber die haben angeblich nichts geschickt. Sein Vater seufzt bloß: Er habe ständig mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen.
|Die blauen Türme|
Zu seinem Verdruss schneiden ihn die vier anderen Kinder. Er kann sich ungefähr denken, warum: Sie halten ihn für einen Spion seines Vaters. Der hat auch tatsächlich eine solche Andeutung gemacht, aber Urs hat das Ansinnen rundweg abgelehnt. Als Ausgleich nimmt ihn sein Vater zum Camp der Forscher an den blauen Türmen mit.
Sie sind fast 300 Meter hoch, drehen sich in 411 Stunden einmal um ihre Achse – jeder entgegengesetzt zum anderen – und scheinen absolut nichts zu bewirken. Aber sie sind durch einen Schirm so getarnt, dass man sie nicht entdeckt, wenn man höher als 2900 Meter fliegt – ein interessantes Rätsel. Zu seiner Verwunderung entdeckt Urs daneben das Flugzeug der Asiatischen Forschungsstation. Es ist hier gestrandet, denn keiner kann es zurückbringen. Irgendwie schade, findet Urs.
|Katastrophen|
In der Asiatischen Forschungsstation tritt ein Notfall ein: Schimmel verstopft die Lüftungsanlage. Urs‘ Vater schickt den zuständigen Ingenieur mit einem Kanister Fungizid zu den Asiaten. Doch seine Bemühungen sind vergeblich, denn der Schimmel ist so aggressiv, dass er sich rasend schnell ausbreitet und die Substanz der Wände angreift. Die Asiaten müssen die Station aufgeben, so dass es in der Siedlung noch enger wird. Hoffentlich findet der Schimmel nicht seinen Weg in die Siedlung. Quarantäne wird verhängt.
Nach einem Willkommensfest begibt sich Urs mit seinem Freund, dem russischen Kraftwerksingenieur Jurij Glenkow, zum südlichen Fusionsreaktor. Sie stellen nichts Ungewöhnliches fest und fahren mit dem Rover zurück Richtung Siedlung, um danach den Nordreaktor zu inspizieren. Doch auf halber Strecke bricht Glenkow bewusstlos zusammen. Urs gelingt es in letzter Sekunde, eine Kollision mit einem der zahlreichen Felsen zu vermeiden und den Rover zu stoppen – dabei erweist sich sein Training im Magnet-Scooting als nützlich.
Doch was nun? Er kann ja seinen Freund nicht hier draußen in der Wüste sterben lassen. Doch die einzige Person, die seinen Notruf aufzufangen in der Lage ist, ist Ariana DeJones, die Tochter des Siedlungsarztes. Sie lässt sich von Urs die Symptome schildern und diagnostiziert einen hypoglykämischen Schock, denn Glenkow ist Diabetiker und hat Unterzucker. Er befindet sich praktisch im Koma. Sie muss zu ihm hinfahren und zwei Spritzen verabreichen.
Es gelingt ihr, Urs‘ Rover im Nirgendwo zu orten und Glenkow zu helfen. Zusammen fahren sie und Urs zurück zur Siedlung. Dort stellen der neue Sicherheitschef Eikanen und der Arzt DeJones fest, dass Glenkow offenbar mit einem falsch eingestellten Insulininjektor getötet werden sollte. Es ist ein Mordanschlag. Doch wer hat es auf ihn abgesehen? Und wozu?
_Mein Eindruck_
In dieser ersten Fortsetzung des Zyklus hat der Autor die Kinderkrankheiten des Vorgängers „Das ferne Leuchten“ ausgemerzt und erzählt wesentlich professioneller und geschickter. Um für Abwechslung zu sorgen, wechselt er ständig die Szene, doch die Hauptfigur bleibt immer die gleiche: Urs Pigrato bewertet die Verhältnisse in der Siedlung mit dem frischen, unverstellten Blick des Außenseiters. Deshalb fallen ihm manche Dinge als ungewöhnlich auf, so etwa als Erstes der Gestank „wie auf einem Bauernhof“.
Nur hin und wieder wendet sich die Erzählung den vier ursprünglichen Kindern zu, die allmählich das Gewissen plagt: Es war schließlich bloß Carls Plan, Urs zu schneiden, und jetzt müssen alle den Preis dafür zahlen. Besonders Elinn ist gegen dieses fiese Vorgehen. Wider Erwarten spät finden daher Urs und Ariana zusammen und werden ein Freundespaar. Sie macht ihn mit den anderen bekannt, was diesen zu einer Fülle von Infos über das Leben auf der Erde verhilft.
Durch den Gedankenaustausch kommen sie endlich auch darauf, dass es einen Saboteur in der Siedlung geben muss: Er hat bereits die Asiatische Forschungsstation vernichtet und treibt nun sein Unwesen in der Siedlung. Aber wer ist es? Der Verdacht fällt auf den Journalisten Wim van Leer. Aber liegen sie dabei richtig? Ein Irrtum könnte sich als verhängnisvoll erweisen.
Ariana merkt wenig später, dass Urs verschwunden ist. Eine Suchaktion verläuft ergebnislos, doch Ariana fällt das merkwürdige Verhalten des Springbrunnens auf dem Zentralplatz auf. Es ist, als würde er dem Pulsschlag eines Herzens folgen …
_Die Inszenierung_
Der Text, den Marie Bierstedt, vorträgt, unterscheidet sich erheblich vom Buch. Mir ist ausgefallen, dass sich die gekürzte Lesung vor allem auf die Mars-Kinder konzentriert. Deshalb wurden alle Szenen, die in der Asiatischen Station spielen – und das sind eine ganze Reihe – ersatzlos gestrichen. Wenn also an manchen Stellen die Rede von Schimmel ist, so weiß der Hörer nicht, wie sich dessen Auftauchen real auswirkt. Denn dazu fehlen ja die Schilderungen. Auch wissenschaftliche Erklärungen wie etwa zur Nanotechnik wurden auf ein Minimum reduziert.
Diese Kürzungen sind aber gar nicht mal so schlecht, denn sie tragen dazu bei, die Szenen, in denen die Kinder auftauchen, anschaulich zu machen. Abstraktes bleibt weitestgehend außen vor. Das klappt besonders in der zweiten Hälfte sehr gut, in der ersten weniger. Zweitens dienen die Kürzungen dazu, die spannende Zentralhandlung auf den Saboteur und dessen Bekämpfung zu lenken, so dass sich der jugendliche Zuhörer eher darüber Gedanken machen kann als etwa über ekligen Schimmel. Ein zweiter zentraler Strang ist das Schicksal des Neulings Urs Pigrato. Er soll erklären, wie es dazu kommt, dass sich das Marskind Arianna de Jones in den Erdenwurm verliebt.
|Die Sprecherin|
Wenn man an Natalie Portman, Kate Beckinsale und Kirsten Dunst denkt, so hat man schon einen guten Eindruck von Marie Bierstedts Stimme im geistigen Ohr. Die Frau ist ja kein unbeschriebenes Blatt, sondern schon an unzähligen Hörspielproduktionen teilgenommen, häufig neben Detlef Bierstedt. In letzter Zeit hat sie viele Hörbücher aufgenommen, so etwa die Maximum-Ride-Serie von James Patterson. Wie im „Mars-Projekt“ steht dort eine Gruppe von Jugendlichen im Mittelpunkt der Handlung.
Die Sprecherin verleiht jedem Mitglied der Kindergruppe eine charakteristische Ausdrucksweise. Elinn beispielsweise, die Jüngste, klingt kindlich und, wenn sie über Marsianer spricht, etwas träumerisch. Kein Wunder, dass sie von den Erwachsenen belächelt oder gar gehänselt wird. Die Erwachsenen haben fast alle tiefere Stimmen.
|Fehler|
Leider macht Marie Bierstedt ein paar Fehler, die einem Astronomen die Haare zu Berge stehen lassen. Dazu gehört ihre französische Aussprache des lateinischen Namens „Valles Marineris“ (Täler des Seefahrers): Sie spricht „wall marineris“. Vielleicht hätte ihr mal jemand sagen sollen, dass auf dem Mars nur lateinische und englische Namen vorkommen, auch wenn das die Franzosen gewaltig ärgert. Diesen Fehler hat sie schon beim ersten Hörbuch gemacht.
Ebenfalls unplausibel erscheint mir ihre englische Aussprache des holländischen Namens Win van Leer: Sie sagt [wim wän li:r], als läge Leer irgendwo im Wilden Westen. Möglicherweise liegt eine Verwechslung mit dem englischen Verb „to leer“, also lüstern oder hinterlistig schielen, vor. Beides ergibt keinen Sinn. Wie sich herausstellt, ist Wim van Leer ein ehrlicher Journalist, auch wenn er zwischenzeitlich unter Verdacht gerät.
|Geräusche und Effekte|
Mit Geräuschen ist die Tonregie sehr sparsam umgegangen. Wir hören keine Schritte, keine Türen, sondern allenfalls mal einen medizinischen Alarm oder ein Düsentriebwerk. Auch ein elektromagnetisch entfachter Tornado kommt zu Gehör, mit einem Zischen und Grollen.
Mehr als einmal spricht Bierstedt die Rolle der KI AI-20, die auch für Kommunikation und Türen zuständig ist. Dann wird Bierstedts Text durch eine Effekt so verzerrt, dass sie monoton und synthetisch wie eine Maschine klingt. Offenbar haben die Sounddesigner keine gute Meinung von künftigen Künstlichen Intelligenzen. Sie lassen AI-20 wie einen hirnamputierten Roboter klingen.
|Musik|
An der Musik kann man ablesen, wie gut der Komponist Andy Matern wirklich ist. Er hat jeden Stil drauf und setzt zahlreiche elektronische Instrumente ein. Mit dynamischen Passagen voll Bass und Trommeln untermalt angespannte Situationen oder beschwört Spannung herauf. Mit cooler, relaxter Musik (Swing-Stil) entspannt er den Hörer und verleiht der jeweiligen Szene einen harmlosen, wenn nicht sogar heiteren Anstrich, so etwa auf der Feier. Und eine mystische Musik beschwört das Gefühl herauf, man sei dem Geheimnis der Marsianer ganz nahe.
Diese wechselnden Stimmungen sind höchst willkommen, denn der Vortrag der Sprecherin, so abwechslungsreich er auch sein mag, mutet dem jugendlicher Hörer auf Dauer doch etwas trocken an. Die Musik ist eindeutig ein ebenbürtiger Partner des Vortrags.
_Unterm Strich_
Die Geschichte ist spannend, im letzten Drittel sogar actionreich, und so einfach zu verstehen, wie es jedes Jugendbuch sein sollte. Was ich mir aber noch wünschen würde, wären mehr Ausflüge über die Oberfläche des Mars. Diese scheinen nur den Erwachsenen vorbehalten zu sein. Aber das wird sich im dritten Band ändern: Carl geht auf eine folgenreiche Expedition.
Ein tiefes Geheimnis liegt über diesen Exkursionen, denn vor Jahren verschwand der Vater von Carl und Elinn Faggan auf einer Expedition spurlos, und man erklärte ihn für tot. Was aber, wenn es Lebensräume unter der Marsoberfläche gäbe? Dann könnten sie vielleicht ihren Vater wiederfinden. Ein weiteres Rätsel bilden die Artefakte, die offenbar nur Elinn zu finden in der Lage ist. Am Schluss zeigen sich zwei neue solche Marsobjekte: Auf dem einen steht „Urs“, auf dem anderen „Elinn“ …
|Die inszenierte Lesung|
Marie Bierstedt erweckt die Figuren zum Leben und macht sie unterscheidbar. Besonders den grantigen, stets mürrischen Gouverneur Tom Pigrato erkannte ich jederzeit. Das Gleiche gilt natürlich für den russischen Ingenieur Jurij Glenkow mit seinem typischen Akzent. Die Figuren zeigen viele Emotionen und wirken dadurch auf glaubwürdige Weise menschlich.
Die Geräusche halten sich sehr in Grenzen, was aber durch die vielseitige und fast stets präsente Musik Andy Materns mehr als ausgeglichen wird. Schade, dass Marie Bierstedt wenig Ahnung in Sachen Physik und Astronomie hat.
|298 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3668-5|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.andreaseschbach.de
http://www.wellenreiter.la
Arianna, Ronny, Carl und Elinn – alle zwischen 13 und 15 Jahren alt – sind als erste Kinder auf dem Mars geboren worden und aufgewachsen. Doch im Jahr 2086 sollen sie gemeinsam mit anderen Marssiedlern zur Erde zurückkehren, weil machthungrige Politiker behaupten, das Marsprojekt sei gescheitert. Die Vorbereitung zur Stilllegung der Forschungsstation laufen bereits auf Hochtouren – aber die vier Jugendlichen sind fest entschlossen, auf dem Roten Planeten zu bleiben. Besonders Elinn, die aus medizinischen Gründen auf der Erde nicht überleben könnte. Sie büchsen aus und kommen einem verborgenen Geheimnis des Planeten auf die Spur.
Es handelt sich um eine inszenierte Lesung, die mit Musik und Geräuschen versehen ist.
_Der Autor_
Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.
Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“ und der Megaseller „Das Jesus-Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet und fürs Fernsehen verfilmt wurde.
Seitdem sind unter anderem die Romane „Eine Billion Dollar“, „Perfect Copy“, „Exponentialdrift“, „Die seltene Gabe“, „Das Marsprojekt 1-3“ sowie „Der Letzte seiner Art“ erschienen, einige davon zudem als Hörbuch. Auch das Sachbuch „Das Buch der Zukunft“ gehört zu seinen Publikationen. Eschbach hat mehrere Anthologien, darunter „Eine Trillion Euro“, herausgegeben und eine Reihe von literarischen Auszeichnungen erhalten. Heute lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in der Bretagne.
[„Ausgebrannt“ 3487 (Buchfassung)
[„Ausgebrannt“ 4942 (Hörbuch)
[„Der Nobelpreis“ 2060
[„Die Wiederentdeckung“ 3211 (Hörbuch)
[„Die Haarteppichknüpfer“ 1556
[„Quest“ 1459
[„Perfect Copy – Die zweite Schöpfung“ 1458
[„Der Letzte seiner Art“ 1250
[„Der Letzte seiner Art“ 317 (Hörbuch)
[„Die seltene Gabe“ 1161
[„Eine Billion Dollar“ 653
[„Das Jesus-Video“ 267 (Hörbuch)
[„Exponentialdrift“ 187
_Sprecherin & Inszenierung_
Marie Bierstedt, Jahrgang 1974, trat ab Mitte der 80er Jahre in TV-Serien wie „Praxis Bülowbogen“ oder „Ein Heim für Tiere“ auf. Sie ist unter anderem die deutsche Stimme von Kirsten Dunst („Spider-Man“), Kate Beckinsale und Natalie Portman. Sie ist vielen Deutschen zudem als deutsche Stimmbandvertretung von Alyson Willow Hannigan in „Buffy“ vertraut.
Der Text wurde von Klaus Prangenberg gekürzt, Regie führten Kerstin Kaiser & Verena Roelvink, für die Musik steuerte Andy Matern bei. Die Inszenierung besorgten Fabian Frischkorn und Horst-Günther Hank.
_Handlung_
Arianna, Ronny, Carl und Elinn – alle so um die 14-15 Jahre alt – sind als erste Kinder auf dem Mars geboren worden und aufgewachsen. Vor allem Elinn hat einen besonderen Draht zu ihrer fremdartigen Umgebung entwickelt – sie sieht ein Leuchten, das andere nicht wahrnehmen. Und sie findet Steine, die für sie wie Landkarten von einer bestimmten Gegend – dem Löwenkopf – aussehen, auch wenn sie anderen nichts sagen. Aber sie hat Recht, wie sich zeigen soll.
Doch eines Tages bekommen die Kids mit, welche geheimen Pläne die Erdregierung und der Marsgouverneur mit der Kolonie haben: Sie wollen sie schließen! Während Kostengründe vorgeschoben werden, geht es den dahinter stehenden Politikern nur um noch mehr Einfluss auf der Erde. Schon bald laufen die Vorbereitungen zu Stilllegung der Forschungsstation auf Hochtouren.
Niemand der Erwachsenen ahnt jedoch, dass die vier Freunde fest entschlossen sind, auf dem Mars zu bleiben. Selbst Carl, der auf der Erde studieren wollte, gibt seine Pläne auf. Und besonders Elinn könnte auf der Erdoberfläche wegen der dreimal höheren Schwerkraft gar nicht überleben, sondern müsste in einer Orbitalstation wie in einem Gefängnis ihr Leben fristen.
Mit dem intelligenten Zentralcomputer AI20 auf seiner Seite entführt das Quartett einen großen Marsrover und fährt 180 Kilometer zur asiatischen Station. Dumm gelaufen: Die Chinesen machen ihren Laden ebenfalls dicht! Aber die haben wenigstens noch ein schickes Flugzeug, mit dem man entdecken könnte, was sich hinter dem Löwenkopf verbirgt …
_Mein Eindruck_
In Eschbachs erstem Zukunftsroman für ein jugendliches Publikum versucht er, nicht die Fehler seiner berühmten deutschen Vorgänger zu machen, allen voran Hans Dominik. Dort lieferte die Technik stets den Schlüssel zu allen Problemen, und bei Otto Gail war der Mondflug kein Problem. Eschbach, ein ehemaliger Raumfahrtstudent, weiß natürlich viel mehr über die realen Bedingungen, auch auf dem Roten Planeten. Er versucht, den Leser für die Frage zu interessieren, wie sich Jugendliche auf einer fremdartigen und menschenfeindlichen Welt verhalten.
Bei der Weltkonstruktion kann man ebenso viele Fehler machen wie bei der Beschreibung von Menschen. Beides will wohlüberlegt sein. Zum Glück gibt es eine ganze Reihe von Autoren, die ein fremdes Habitat bereits beschrieben haben, und dazu gehören besonders Arthur C. Clarke, Isaac Asimov und Robert A. Heinlein. Natürlich hat auch die amerikanische Raumfahrtbehörde Unmengen von Literatur dazu produziert, und es hat zwei Experimente für ein autarkes Habitat auf der Erde gegeben. Fazit: Die Sache ist knifflig und erfordert exakte Planung.
Doch das dürfte den jugendlichen Leser weniger interessieren, sondern er darf das Problem als gelöst voraussetzen. Sonst würde die Marssiedlung ja gar nicht mehr existieren, oder? (En passant lässt der Autor eine Chronologie der Mars-Eroberung einfließen: Die erste bemannte Landung erfolgte demnach im Jahr 2019.) Viele wichtiger sind die Besonderheiten, die Marsmenschen aufweisen, also besonders die hier geborenen und aufgewachsenen.
Unter ihnen stellt sich die zwölfjährige Elinn als etwas ganz Besonderes heraus: Sie kann auf der Erde höchstes 60 Tage überleben, weil sich ihre Lungen zu sehr dem Mars angepasst haben. Dass sie aber auch noch einen besonderen Sinn entwickelt hat, mit dem sie das „Leuchten“ wahrnimmt, das die anderen nicht sehen, macht Elinn zu einer Art Seherin. Man sollte auf sie achten.
Elinn beschwört beim Plan der Erdpolitiker, die Marssiedlung zu schließen, ein massives Problem herauf, denn schließlich kann man sie nicht alleine zurücklassen. Eine Alternative wird geboten: die Unterbringung auf der neuen Raumstation der Erde. Doch das würde auf eine Art Einzelhaft hinauslaufen. Für ihren Bruder Carl ist das keine Alternative, sondern eine Notsituation. Mit diesem Argument bringt er die KI AI20 auf seine Seite und zur Kooperation.
Der Autor verliert sich ein wenig in den Argumentationskriegen um dieses Problem und verschenkt so wertvolle Sympathiepunkte. Worauf der Streit hinausläuft, ist wichtig: auf Carls Plan, bei den Chinesen um Asyl zu bitten. Auch das ist nicht wirklich interessant, aber die Chinesen haben viel bessere Technik als die Marssiedlung, wodurch ein wichtige Kenntnis gelingt: Elinns Löwenkopf gibt es wirklich – aber er ist getarnt! Jetzt endlich kann die Action losgehen.
Sie mündet in einem Showdown vor Ort und einer Offenbarung, die alle Spielregeln verändert. Beides geht bei Eschbach häufig Hand in Hand. Die Figuren anderer Autoren haben Epiphanien, doch sie bleiben meist persönlicher Natur. Eschbachs Offenbarungen ändern das Universum bzw. vielmehr dessen Wahrnehmung durch den Menschen. (Man denke an das Taschenuniversum der Haarteppichknüpfer, das in den Allgemeinraum zurückkehrt.) Fortan denken die Menschen darin auf einem anderen Niveau, agieren auf einem neuen Spielbrett.
Nun kommt es darauf an, sich den neuen Bedingungen anzupassen – oder Zerstörung heraufzubeschwören. Die Gegner des Wandels – sie wird hier „Heimkehrbewegung“ genannt – werden im nächsten Band „Die blauen Türme“ aktiv. Dieser Agententhriller verspricht spannender zu werden als der erste Band.
_Die Inszenierung_
|Die Sprecherin|
Wenn man an Natalie Portman, Kate Beckinsale und Kirsten Dunst denkt, so hat man schon einen guten Eindruck von Marie Bierstedts Stimme im geistigen Ohr. Die Frau ist ja kein unbeschriebenes Blatt, sondern schon an unzähligen Hörspielproduktionen teilgenommen, häufig neben Detlef Bierstedt. In letzter Zeit hat sie viele Hörbücher aufgenommen, so etwa die [Maximum-Ride-Serie 4026 von James Patterson. Wie im „Mars-Projekt“ steht dort eine Gruppe von Jugendlichen im Mittelpunkt der Handlung.
Die Sprecherin verleiht jedem Mitglied der Kindergruppe eine charakteristische Ausdrucksweise. Elinn beispielsweise, die Jüngste, klingt kindlich und, wenn sie über Marsianer spricht, etwas träumerisch. Kein Wunder, dass sie von den Erwachsenen belächelt oder gar gehänselt wird. Die Erwachsenen haben fast alle tiefere Stimmen, besonders natürlich die europäischen Männer wie etwa Tom Pigrato. Nur Yin Xi von der Station der Chinesen hat eine höhere Stimme, die fast schon weiblich wirkt.
Sehr gelungen fand ich den französischen Akzent von Madame Irène Dumelle. Dem Ingenieur Juri Glenko ist der russische Akzent deutlich anzuhören. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die synthetische Maschinenstimme der Künstlichen Intelligenz AI20. Dabei wird Bierstedts Stimme sowohl monoton als auch mit einem elektronischen Sound unterlegt – ein raffinierter Effekt.
|Fehler|
Leider macht Marie Bierstedt ein paar Fehler, die einem Wissenschaftler und Astronomen die Haare zu Berge zu Berge stehen lassen. So spricht sie statt des korrekten Ge für die Gravitations-Maßeinheit tatsächlich von „Gramm“, als ob sich die Gravitation wiegen lassen würde. Nun, man hat schon oft Masse und Gewicht durcheinandergebracht.
Ein weiterer Fehler, den sie wiederholt macht, ist die französische Aussprache des lateinischen Namens „Valles Marineris“ (Täler des Seefahrers): Sie spricht „wall marineris“. Vielleicht hätte ihr mal jemand sagen sollen, dass auf dem Mars nur lateinische und englische Namen vorkommen, auch wenn das die Franzosen gewaltig wurmt.
|Geräusche|
Mit Geräuschen ist die Tonregie sehr sparsam umgegangen. Wir hören keine Schritte, keine Türen, sondern allenfalls mal einen Alarm oder ein Düsentriebwerk. Das war’s schon. Die „Inszenierung“ der Lesung scheint sich mehr auf die Musik zu beziehen.
|Musik|
An der Musik kann man ablesen, wie gut der Komponist Andy Matern wirklich ist. Er hat jeden Stil drauf und setzt fast jedes Instrument ein. Mit dynamischen Passagen untermalt angespannte Situationen oder beschwört Spannung herauf. Mit cooler, relaxter Musik (Swing) entspannt er den Hörer und verleiht der jeweiligen Szene einen harmlosen, wenn nicht sogar heiteren Anstrich. Und eine mystische Musik beschwört das Gefühl herauf, man sei dem Geheimnis der Marsianer ganz nahe.
Diese wechselnden Stimmungen sind höchst willkommen, denn der Vortrag der Sprecherin, so abwechslungsreich er auch sein mag, mutet dem jugendlicher Hörer auf Dauer doch etwas trocken an. Die Musik ist eindeutig ein ebenbürtiger Partner des Vortrags.
_Unterm Strich_
Der Autor von „Das Jesus-Video“ legt hier sein erstes Jugendbuch vor. Die Geschichte von den rebellischen Marskindern zeichnet sich durch genaue Charakterisierung und eine glaubwürdige Schilderung ihrer fremdartigen Umgebung aus.
Die Handlung ist mäßig spannend und und setzt mehr auf Entdeckungen und Argumente als auf Konfrontation. Sie zeigt gewaltlose Wege zur Konfliktbewältigung auf, bei der vor allem Argumentation, Computerwissen und Einfallsreichtum zum Tragen kommen – eine feine Sache.
Das gewaltfreie Buch ist für die jugendliche Zielgruppe also durchaus geeignet. Eltern mit pubertierenden Sprösslingen können dieses Buch des bekannten Bestsellerautors unbesehen kaufen. Action-Junkies kommen hier allerdings weniger auf ihre Kosten und müssen bis zum letzten Viertel warten, bis es richtig losgeht.
|Die inszenierte Lesung|
Marie Bierstedt erweckt die Figuren zum Leben und macht sie unterscheidbar. Besonders den grantigen, stets mürrischen Gouverneur Tom Pigrato erkannte ich jederzeit. Das Gleiche gilt natürlich für die Französin Dumelle mit ihrem typischen Akzent. Die Figuren zeigen viele Emotionen und wirken dadurch auf glaubwürdige Weise menschlich. Die Geräusche halten sich sehr in Grenzen, was aber durch die vielseitige und fast stets präsente Musik Andy Materns mehr als ausgeglichen wird. Schade, dass Marie Bierstedt ihre Ahnungslosigkeit in Sachen Physik und Astronomie durch zwei Fehler offenbart.
|300 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3603-6|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.andreaseschbach.de
http://www.wellenreiter.la
Die drei Detektive sind mit Titus Jonas im Pick-up unterwegs, als Peter sich in einer Pause beim Erkunden einer Höhle verletzt. Doch nicht nur das bereitet Justus Sorgen. Eine seltsame Begegnung im Supermarkt von Carmine Falls beschäftigt ihn und seinen Onkel Titus. In der Kleinstadt Carmine Falls ist offensichtlich ein Verbrechen geschehen, und die Spur führt direkt zu Justus` Familie. Die drei ??? sind gleich doppelt gefragt. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Der Klappentext ist schon seltsam. Dass Peter sich in einer Höhle verletzt, finde ich jetzt schon interessant genug, als dass man auch schreiben könnte, warum zur Höhle er da überhaupt war … oder nicht? Eine Begegnung im Supermarkt ist da wohl wichtiger … und was ist das für ein Verbrechen, von dem da die Rede ist? Ich bin verwirrt … aber neugierig.
„Der Goldkäfer“ ist der sechste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hatte auch auf den ersten vier Hörbüchern der Serie die Hauptrolle inne:
– [Die Grube und das Pendel 744
– [Die schwarze Katze 755
– [Der Untergang des Hauses Usher 761
– [Die Maske des Roten Todes 773
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen, wohin er 1830 zurückkehrte, um diese dann ein Jahr später endgültig zu verlassen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. 1836 heiratete er seine damals dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Der Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.
_Die Sprecherin_
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und verschiedene weitere Figuren.
_Vorgeschichte_
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon fünf Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Schau an!
_Handlung_
Einen Tag von New Orleans entfernt kreuzt die „Independence“, auf der sich der Mann, der sich Edgar Allan Poe nennt, befindet, in einer Flaute. Schon ist das Wasser knapp und der Ausguck hält nach einer Insel Ausschau, auf der sich vielleicht eine Quelle befindet.
Zu dieser Zeit erfährt Leonie Goron viel über Poes Leben und was er durchgemacht hat. Sie fragt ihn daher: „Glauben Sie an diese Träume?“ Will heißen: Sind seine Albträume Prophezeiungen, Botschaften seines Unterbewussten? Ein ziemlich moderner Gedanke. Wenig später nimmt Poe auch ihren Körper erstmals als attraktiv wahr …
Die Rahmenhandlung kommt etwas voran. Der Sarg, den Leonie von Europa aus begleitet, ist an einen gewissen Tempelten adressiert, abgeschickt vom Bruder der im Sarg Bestatteten, einer gewissen Lucy Monahan. Poe stutzt: Handelt es sich bei diesem Tempelten um seinen Dr. Templeton? Die Schreibweise weicht jedenfalls ab.
Er fragt sich auch: Wenn diese Lucy Monahan die beste Freundin von Leonie war, warum weiß Leonie dann so wenig über Lucys Familie? Lucy lebte nicht in Paris wie Leonie, sondern in einer Landschaft namens Bukowina, nachdem sie sich von ihrer Familie getrennt hatte. Als Lucy ihre Freundin per Brief zu sich rief, hatte sie nicht mehr lange zu leben. Als Leonie bei ihr eintraf, hatte sie Selbstmord begangen. Der Rest ist bekannt: Leonie begleitete ihren Sarg auf dem untergegangenen Schiff, der „Demeter 2“, über den Atlantik – bis Poe auf der „Independence“ beide an Bord nahm.
„Land!“ An Steuerbord wird eine Insel gesichtet. Kapitän Hardy (Jürgen Wolters) meint, es handle sich wohl um die Sullivans-Insel, einem „merkwürdigen Stück Land“, das nach den zahlreichen Myrtensträuchern durftet, die darauf gedeihen. Poe kommt der Name irgendwie vertraut vor. Als er sich ausruht, schläft er ein und träumt.
(Übergang zur Binnenhandlung)
Er schlüpft in die Rolle eines Mr. Simpson, eines schon etwas betagten Herrn mit nicht gerade allerbester Konstitution, der sich als Archäologe betätigt. Gerade wartet er auf Sullivan’s Island, einer Flussinsel (!) auf die Ankunft eines jungen Fräuleins, das ihn zu sich in ihre Hütte bestellt hat.
Diese intelligente junge Frau namens Lucy Legrand (bei Poe ist es ein William) ist ein höchst quirliges Frauenzimmer, auch wenn ihr Alleinleben irgendwie anstößig wirkt – jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem sie sich wegen einer missbilligten Liebschaft mit ihrem Vater überworfen hatte, war sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus aus- und auf die Insel gezogen, wo sie sich nun offenbar mit amateurhaften Forschungen in der Pflanzen- und Insektenwelt die Zeit vertreibt.
Mr. Simpson soll ein außergewöhnliches Insekt begutachten: einen Goldkäfer. Er liegt schwer in der Hand und krabbelt noch. Auch einen Papierfetzen hat sie am Fluss gefunden, aber weil nichts draufsteht, wirft sie ihn zum Feuer, um ihn später zu verbrennen. (Bei Poe trägt der Käfer die Zeichnung eines Totenschädels. Der Diener Jupiter, den auch Lucy hat, ist abergläubisch und ahnt Schlimmes.)
Der Arzt des Städtchens, wo Simpson lebt, weiß von Legenden, in denen die Rede vom Geist eines Piraten ist, der einen unermesslichen Schatz an dieser Küste bewache. Als Simpson ihn wegen einer Erkältung konsultiert, erzählt er ihm auch von Lucys Hirngespinsten und dem Goldkäfer. Wenig später ruft sie ihn zum Fluss: Er soll auf eine Expedition mitfahren. Simpson staunt nicht schlecht: Spaten, Fernglas, Sense – und natürlich Jupiter. Was soll das bedeuten?
Aufgeregt erzählt ihm Lucy, dass der Papierfetzen mit einer Geheimschrift bedeckt sei: Es handelt sich um eine Schatzkarte. Dreimal darf er raten, welchen Schatz sie nun heben wolle!
Der brave Mister Simpson ist nun ebenso sicher wie der Diener Jupiter, dass die arme Miss Lucy komplett den Verstand verloren hat. Er soll sich irren. Doch er ahnt nicht, welch grausames Ende sein Abenteuer mit ihr nehmen wird.
_Mein Eindruck_
Ein Sack voll glücklicher Zufälle kommt der guten Lucy also zu Hilfe. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Poes Original wesentlich logischer zugeht. Immerhin gelingt es jedes Mal, die kodierte und in unsichtbarer Tinte geschriebene (Zitronensaft?) Schatzkarte zu entschlüsseln. Die Schwierigkeiten beim Aufspüren der richtigen Grabungsstelle sind eine andere Sache, und daran ist vor allem der Diener Jupiter schuld …
Die Hörspielfassung ist selbstverständlich viel romantischer und konfliktreicher aufgezogen, als es Poes Original jemals war. Der Autor bekam seinen Wettbewerbsgewinn vor allem für die trickreiche Entschlüsselung der Schatzkarte, die noch heute als Lehrmaterial für angehende Kryptographen dienen könnte. Dieser Prozess gibt aber in dramaturgischer Hinsicht überhaupt nichts her und wurde deshalb gestrichen. Man erfährt aber, dass Lucy Erkundigungen bei einem alten Einsiedler unweit der Stadt eingezogen hat und so auf die richtige Lösung gekommen ist: Der Teufelssitz über der kleinen, abgeschiedenen Bucht muss der Ort sein, den das X markiert. Und dort wartet der unheilvoll aufragende Baum mit dem Totenschädel – siehe das Titelbild …
Diese Binnenhandlung führt zu einem recht unerwarteten Actionhöhepunkt, der für Mr. Simpson bzw. unseren träumenden Mr. Poe recht unangenehm endet. Aber der Hörer bekommt noch mehr geliefert: Auch die Rahmenhandlung verfügt über einen Höhepunkt, der es an Dramatik und Action durchaus mit der Goldkäfer-Story aufnehmen kann: Poe und Leonie erkunden das Eiland und stoßen auf einen riesigen Baum auf einer Lichtung, der fatal an den Baum auf dem Teufelssitz erinnert. „Glauben Sie an Träume, Miss Goron?“, fragt er daher ahnungsvoll.
Mr. Poe fällt auf, wie stark sich die beiden Handlungen ähneln: Die Lucy im Traum trug nämlich das gleiche Gesicht wie Miss Goron. Und auf beiden Ebenen spielte ein gewisser Doktor eine unheilvolle Rolle. Dies veranlasst mich zu dem Verdacht, dass in Poes Geist alle Ärzte eine sinistre Qualität angenommen haben, seitdem er in Dr. Templetons Behandlung gewesen ist. Und Poe tut vielleicht sogar gut daran, Ärzten zu misstrauen. Jemand will ihm ans Leben, doch wer steckt dahinter?
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
|Mr. Poe alias Simpson|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge ist von Poes frohgemuter Stimmung nichts mehr übrig geblieben. Die beiden Anschläge haben ihn ebenso ins Grübeln gebracht wie der Traum vom „Sturz in den Mahlstrom“.
Deshalb bildet der joviale Mr. Simpson einen Ausgleich mit seinem menschenfreundlichen, aber leider zu vertrauensseligen Gemüt, durch das er Miss Lucy in schwere Bedrängnis bringt.
|Miss Leonie Goron alias Lucy Legrand|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5. In „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.
Auch in der Rolle der wesentlich jüngeren Lucy Legrand, in der ich sie fast nicht wieder erkannt hätte, verleiht Iris Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie sorgt für Action in der Binnenhandlung und setzt ihre Intelligenz für ein ansonsten wahnwitziges Unternehmen ein: die Hebung eines Piratenschatzes.
|Israel Hands|
Der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Bei dieser Figur, deren Namen in Episode 5 und 6 nicht genannt wird, könnte es sich um den Matrosen handeln, der immer wieder lautstark in „Mahlstrom“ zu hören ist („Ein Sarg an Bord – das bringt Unheil“) und dann in „Der Goldkäfer“ einen recht wirkungsvollen Auftritt hat. Mehr darf nicht verraten werden.
|Jupiter|
Auch die Rolle des Dieners Jupiters darf nicht verschwiegen werden. Jupiter ist wichtig, weil er erstens Unheil ahnt, denn das Ausbuddeln von Skeletten und Schätzen ist seiner Ansicht nach bestimmt kein gottgefälliges Treiben. Und zweitens sorgt er mit seinem Fehler des Verwechselns von links und rechts für eine Erhöhung bzw. Verzögerung der Spannung bei der Schatzsuche.
Thomas B. Hoffmann gestaltet die Stimme und Ausdrucksweise Jupiters auf so lebhafte und glaubwürdige Weise, dass man kaum glauben würde, er sei nicht mit einer dunklen Haut auf die Welt gekommen. Seine Rolle des gottesfürchtigen Dieners, der lieber Reißaus nehmen würde als nach Knochen zu buddeln, trägt so auch stark zum komischen Aspekt der Schatzsuche bei und beleuchtet die verschrobene Natur dieses Unterfangens.
|Sound und Musik|
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Besonders auffällig ist dies während der beiden Höhepunkte: Der soundmäßige Hintergrund stimmt einfach von A bis Z. Und wer genau aufpasst, kann sogar die Schritte von Leonie an Bord der „Independence“ erlauschen.
Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Schatzsucher-Szene und dem anschließenden Überfall.
|Der Song|
In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.
_Unterm Strich_
„Der Goldkäfer“ ist sozusagen Grusel für die ganze Familie – äh, ab 12. Schließlich können Jüngere wohl kaum etwas den Skeletten, Totenschädeln und mysteriösen Käfern abgewinnen, die in der Binnenhandlung das Dekor für eine abenteuerliche Schatzsuche bilden. Auch die Rahmenhandlung geht nicht ohne blutige Action zu Ende, und das sollte man vielleicht nicht unbedingt den Kleinen zumuten. Andererseits bekommen Splatterfreunde, für die nicht genug Lebenssaft spritzen kann, wenn es „guter“ Horror sein soll, hier fast nichts geboten, das ihren Blutdurst stillen könnte.
Wie schon „Sturz in den Mahlstrom“ ist „Der Goldkäfer“ in meinen Ohren eine sehr gute Hörspiel-Produktion, die auch sehr verwöhnte Ansprüche erfüllen kann. Die Sprecher, die Musiker, der Tonmeister – ihre Leistungen wirken hervorragend zusammen, um für eine Stunde ein perfektes Gruselerlebnis zu bescheren. Und das zu einem sehr annehmbaren Preis.
Wenn der Abfluss mal verstopft ist, sollte man Handyman Jack lieber nicht rufen. Jack repariert nämlich andere Sachen: Probleme, mit denen sonst niemand fertig wird. Er kümmert sich für gutes Geld darum, dass Unrecht bestraft wird. Dabei verlässt er sich auf eine Kombination aus Können und Dreistigkeit. Handyman Jack ist ein Held – aber auch ein Rätsel. Er lebt im Untergrund. Niemand kennt seine Identität. Jack verkörpert eine tödliche Mischung aus „Zorro“ und Bruce Willis.
Eigentlich hat Jack gar keine Zeit, für den Inder Kusum Bakti eine geraubte Halskette wiederzubeschaffen. Schließlich muss er sich um das Verschwinden der Tante seiner Freundin Gia kümmern. Und das ist vielleicht auch die letzte Chance, seine Beziehung zu Gia zu retten, deren Tochter Vicky er innig liebt. Gia hält freilich nicht viel von einem Mann, der zwar „Dinge in Ordnung bringt“, sich dabei jedoch außerhalb des Gesetzes bewegt und für die Regierung nicht existiert.
Aber dann stellt sich heraus, dass es um viel mehr als um eine Halskette geht. Auf einmal hat es Jack mit einem jahrhundertealten Fluch und einer Brut höllischer Wesen zu tun, die es ganz besonders auf Gias kleine Tochter abgesehen haben.
_Der Autor_
F. (Francis) Paul Wilson (geboren 1946) ist ein US-amerikanischer Besteller-Autor von Mystery-, Thriller- und Horror-Romanen. Wilson studierte Medizin am Kirksville College of Osteopathic Medicine und ist heute immer noch praktizierender Arzt. Wilsons bekannteste Romanfigur ist der Anti-Held Handyman-Jack (engl. Repairman-Jack). Neben Mystery-, Science-Fiction- und Horror-Romanen schreibt Wilson auch Medizin-Thriller. Außerdem ist er ein großer Fan von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos und hat auch selbst ein paar Storys in Anlehnung an diesen Mythos geschrieben. F. Paul Wilson lebt mit seiner Frau, zwei Töchtern und drei Katzen an der Küste von New Jersey.
Stephen King ist laut Verlag der Präsident des Handyman-Jack-Fanclubs. „Allein in den USA wurden schon über sechs Millionen Handyman-Jack-Romane verkauft“, tönt der Verlag.
F. Paul Wilson auf |Buchwurm.info|:
[„Handyman Jack – Schmutzige Tricks“ 4939 (Folge 1)
[„Handyman Jack – Der letzte Ausweg“ 5129 (Folge 2)
[„Das Kastell“ 795
[„Tollwütig“ 2375
[„Die Gruft“ 4563
_Der Sprecher_
Detlef Bierstedt ist Schauspieler und Synchronsprecher. Als deutsche Stimme von George Clooney verleiht er diesem Lässigkeit und Charme. Seit 1984 hat er über 600 Synchron-Rollen gesprochen und war als Schauspieler in der TV-Serie „Tatort“ zu sehen. Als Spezialist für spannende Thriller hat er auch [„Diabolus“ 1115 von Dan Brown vorgetragen. Nun haucht er Handyman Jack Leben ein. (Verlagsinfo)
_Die Macher_
Für Regie, Produktion & Dramaturgie zeichnet Lars Peter Lueg verantwortlich, für Schnitt, Musik & Tontechnik Andy Matern.
Lars Peter Lueg ist der exzentrische Verlagsleiter von |LPL records|. Der finstere Hörbuchverleger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen. LPL produziert alle Hörbücher & Hörspiele selbst und führt auch Regie. Er erhielt als Produzent einen Preis für „Das beste Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2003“. Eine seiner Regiearbeiten wurde vom renommierten |hörBücher|-Magazin mit dem Prädikat „Grandios“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt er beim Hörspielpreis 2007 eine Auszeichnung für die „Beste Serienfolge“. (Verlagsinfo)
Andy Matern ist seit 1996 als freiberuflicher Keyboarder, Producer, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann mehr als 150 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen. Andy Matern wurde als „Bester Hörspielmusiker des Jahres 2005“ ausgezeichnet. Sein neuestes Edelmetall wurde ihm für die Musik zu den Dan-Brown-Hörbüchern „Illuminati“ (Doppel-Platin) und [„Sakrileg“ 2361 (Platin) verliehen. (Verlagsinfo)
_Handlung_
Seine Freundin Gia hat sich von Jack getrennt: Er ist ihr zu unheimlich mit seinem verdeckten Leben als „Handyman“, der „Dinge in Ordnung bringt“. Er hat ja noch nicht mal ein Bankkonto, geschweige denn eine Sozialversicherungsnummer, ist es zu fassen! Dass sie beim heimlichen Putzen in seinem Büro in einem Versteck ein ganzes Arsenal von Ballermännern samt Munition gefunden hat, gab ihrer Selbstbeherrschung den Rest.
Dennoch muss sie ihn jetzt anrufen, denn die Polizisten, die sie zuerst rief, haben sich nicht bemüht, ihre verschwundene Tante Grace wiederzufinden. New York ist eine große Stadt – die Cops haben Dringenderes zu tun, als eine 70 Jahre alte Lady, und sei sie noch so nett, zu suchen. Jack kommt denn auch wenig später. Obwohl er einen interessanten neuen Auftrag von einem Inder erhalten hat, nimmt er sich die Zeit, um für Gias kleine Tochter Vicky ein Geschenk zu kaufen, denn er liebt sie wirklich. Das einzige Interessante, das er in Tante Graces Zimmer findet, ist eine grüne Flasche mit undefinierbarem Inhalt, angeblich ein Abführmittel. Dieses Zeug gibt er einem Bekannten zur Analyse.
Abends begibt er sich auf die Straße, um seinen neuen Auftrag auszuführen. Der Inder Kusum Bakti hat ihm eine stattliche Summe vorausgezahlt, um ein eisernes Halsband mit zwei Edelsteinen wiederzubeschaffen, das seiner Großmutter gestohlen worden sei. Nun liege sie mit einer Verletzung im Krankenhaus, doch nur das Halsband könne sie retten. Wenn Jack es bis zum nächsten Morgen wiederbeschaffen kann. Den Täter zu finden und zu ködern, erweist sich als Kinderspiel. Jack muss nicht mal schießen.
Kusum Bakti legt die Kette seiner Großmutter um, die schon bald genest, wie er behauptet. Mit dem restlichen Entgelt kommt auch ein Versprechen: Bakti stehe in Jacks Schuld. Dabei outet sich der Inder als Anhänger der Todesgöttin Kali – interessant, findet Jack. Am nächsten Tag will ihn Baktis Schwester Kolabati treffen. In einem eleganten Restaurant sitzend, erweist sich Kolabati als eine betörende und höchst begehrenswerte Frau. Und sie trägt die bewusste eiserne Halskette.
Sie erzählt Jack, ihr Bruder sei Anführer einer fundamentalistischen Hindu-Bewegung, die großen Einfluss habe. Kusum arbeite nun als Diplomat bei der UNO. Jack erzählt ihr nur so viel von sich, wie sie wissen soll: Wie er seinen ersten Job als Handyman erledigte. Aber er sagt ihr nicht, wie seine Mutter ermordet wurde. Kolabati muss mehr von ihrer Familie erzählen. Als sie ihn streichelt, ist dies das Signal, zu ihr auf ein Schäferstündchen zu gehen.
Das Liebesspiel dauert die ganze Nacht und erschöpft ihn. Sie hat die ganze Zeit Regie geführt. Plötzlich bemerkt sie einen Geruch nach Schwefel und er glaubt, sie „Rakosh“ flüstern zu hören. „Nicht bewegen!“, befiehlt sie, während sie ihn mit ihrem Astralkörper bedeckt. Als er sich umsieht, ist da nichts. Kaum hat sich der Gestank wieder verzogen, zieht sie sich an und sagt, sie müsse sofort zu ihrem Bruder. Jack hat eine böse Vorahnung. Was geht da zwischen den beiden vor?
|Unterdessen …|
Während Kolabati ihren Bruder vergeblich in seiner Wohnung sucht, befindet er sich auf seinem Frachtschiff, das im Hafen vor Anker liegt. Mit Fackeln und einer Peitsche fährt Kusum in den nach Schwefel stinkenden Frachtraum, um seine Geschöpfe zu züchtigen: die Rakoshi. Die Mutter, ein zweieinhalb Meter hohes humanoides Wesen mit Reptilienhaut auf dem Rücken, hat versagt: Sie hat erstmals eine Witterung verloren. Wie konnte das nur geschehen?
Die Mutter schiebt ihr ältestes Junges vor, das sich demütig von Kusum züchtigen lässt, obwohl es viel stärker ist als er und über eindrucksvolle Reißzähne verfügt. Doch schließlich ist er der Vater des Jungen: „kakaji“. Doch diesmal verschont er die Mutter, die sich entsprechend geehrt und stolz fühlen darf. Beim nächsten Auftrag in New York wird sie sich mehr anstrengen, so viel ist gewiss. Kusum fährt wieder mit dem Aufzug nach oben, um in seine Kajüte zurückzukehren. Er rätselt weiterhin: Wie ist es Handyman Jack nur gelungen, der Rakosh-Mutter zu entkommen?
_Mein Eindruck_
„Die Gruft“ ist eine wirkungsvolle Mischung aus Detektiv- und Horrorstory. Wenn Jack als Detektiv auftritt, steigt die Spannung durch seine Ermittlung ebenso wie durch die horrormäßigen Schauereffekte, die durch die Rakoshi-Monster erzeugt werden. Es ist klar, dass die Suche nach Tante Grace etwas mit dem Auftreten der Ungeheuer in der Stadt zu tun haben muss. Doch der Zusammenhang ist für Jack, dem wir über die Schulter sehen, lange Zeit nicht ersichtlich.
Natürlich ist der Schlüssel zu allem und zur Lösung des Problems in der Vergangenheit zu finden. Auf einmal sieht man sich wie Jack mit Geschehnissen im 19. Jahrhundert konfrontiert, genauer gesagt mit der Erstürmung eines bengalischen Kali-Tempels im Jahr 1881 durch einen gewissen Captain Westphalen. Wie sich herausstellt, ist dieser Soldat der britischen Kolonialtruppen der Vorfahre von Grace, Nelly, Gia und Vicky – allesamt geborene Westphalens. Dreimal darf man nun raten, wer sich an den Westphalens rächen will.
Dass es mit Bakti und seiner Schwester zu tun haben muss, ist klar. Wenigstens logisch ist jedoch Kusums Behauptung, er selbst sei damals zugegen gewesen. Wie kann es sein, dass der Diplomat über 100 Jahre alt ist, fragt sich Jack verwundert. Die Erklärung, die Kusum und Kolabati in Puzzleteilchen liefern, ist höchst beunruhigend: Sie haben quasi eine Art Unsterblichkeit erlangt, oder doch zumindest Langlebigkeit. Der Schlüssel dazu ist die eiserne Halskette, die der Todesgöttin geweiht ist. Es dauert nicht lange, dann darf sich Jack über einige Spezialeffekte dieser Halskette wundern.
|Die Ungeheuer|
Doch was hat es nun mit den Rakoshi auf sich? Wer die Erzählungen in „Letzter Ausweg“ kennt, der hat schon Bekanntschaft mit einem Rakosh gemacht: Er fristet seine Tage im Zoo von New York City. Obwohl das Wesen wie ein reptilisches Ungeheuer auf zwei Beinen aussieht, zeugen seine Augen doch von menschlicher Intelligenz. Wie es zu der Verbindung zwischen Mensch (Kusum) und Ungeheuer gekommen ist, wird ebenfalls im Verlauf von Jacks Ermittlung aufgeklärt. Einer der besten Schockeffekte besteht darin, die Beziehung zwischen Kusum und seinen Monstern offenzulegen.
Jack wäre kein Amerikaner und schon gar kein Mann, der „Dinge in Ordnung bringt“, wenn er nicht nach einer Endlösung des Problems der Rakoshi strebte. Kusum hat nämlich auch seine kleine Vicky, die letzte der Westphalens, gekidnappt, um sie in einer großen Zeremonie den Rakoshi zu opfern. Kann es Jack dazu kommen lassen? Selbstredend nicht! Bewaffnet mit einem Flammenwerfer und einem Arsenal von Handgranaten betritt er Kusums Schiff, um dem Spuk der Rakoshi ein für allemal ein Ende zu bereiten.
|Der Sprecher|
Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt kompetent und deutlich artikuliert vorgetragen, so dass man dem Text mühelos folgen kann. Er muss sich nicht besonders anstrengen, denn die amerikanischen und indischen Namen auszusprechen, ist eigentlich kein großes Kunststück für einen Mann mit Allgemeinbildung.
Da sich die Anzahl der Figuren sich in Grenzen hält, gerät man nie in Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Bierstedt versucht sein Möglichstes, die Figuren zu charakterisieren. Die wichtigste Figur ist natürlich Handyman Jack selbst, der Ich-Erzähler. Er klingt zwar nicht wie Bierstedts Synchronfigur George Clooney, aber doch einigermaßen cool und abgebrüht, wie ein Nachfahre von Philip Marlowe.
Sehr gelungen fand ich seine Darstellung der Verführerischen Kolabati: mit sanfter, betörender Stimme und einem tiefen Timbre würde sie mich jederzeit um den Finger wickeln. Ebenfalls beeindruckt war ich von der Darstellung Kusums als „kakaji“: Ein extrem gutturaler Klang verleiht diesem Wort eine unheilvolle Bedeutung wie auch eine bedrohliche Autorität. So erwacht der „Vater“ der Monster zum Leben. Klasse!
Bei so wenig Abwechslung in den Stimmlagen kommt es darauf an, die stimmliche Expressivität der jeweiligen Szene anzupassen und so den Ausdruck emotionaler und abwechslungsreicher zu gestalten. Dies gelingt dem Sprecher erfolgreich, und so kann sich der Hörer über Jammern, Verzweiflung, Hysterie, Schniefen, Stammeln, Verlegenheit, Angst, Spott, Arroganz, Verachtung, Nervosität, Erleichterung, Erschütterung, Aufregung, Besorgnis, Freude und viele andere Gefühlsausdrücke freuen. Ganz eindeutig ist dies Bierstedts eigentliche Stärke. Hörbar macht ihm dieser Aspekt seiner Arbeit am meisten Spaß.
|Musik|
Das Intro stimmt den Hörer bereits auf eine spannende, dynamische Handlung ein und erinnert von fern an Film-noir-Musiken. Das Outro entspricht dem Intro. Dazwischen hören wir immer wieder Musik, um die Pausen zu füllen, beispielsweise, um einen Szenenwechsel anzudeuten. Die Musik Andy Materns kann eine dynamische, einen angespannte oder auch eine relaxte Stimmung erzeugen, ganz nach Bedarf.
|Warnung!|
So etwas wie Hintergrundmusik ist nur in inszenierten Lesungen und Hörspielen üblich, wird daher auch hier nicht praktiziert – oder nur dergestalt, dass die Hintergrund- zur Vordergrundmusik wird, während der Vortrag endet. Der leicht zu verstörende Hörer sei vor den sehr tiefen Bässen an manchen Stellen gewarnt. Diese Bässe warnen vor kommenden Unheil.
_Unterm Strich_
Von der fulminanten Schlusssequenz war ich doch stark an die Standardszene in fast allen „Alien“-Filmen erinnert: das Verbrennen der Alien-Brut. Es ist eine so archetypische Szene, dass sie im ganzen Horrorgenre der Achtzigerjahre variiert wird: der Triumph des (männlichen bzw. mütterlichen) Menschen, der sein reinigendes Feuer gegen die feindliche Wildnis einsetzt. (Nur Mütter haben die weibliche Lizenz zum Töten.) Es ist, als wären wir immer noch Jäger und Sammler, die sich irgendwo in der Jungsteinzeit gegen Säbelzahntiger zur Wehr setzen müssten.
Dieses horrormäßige Fundament wird aber überlagert von der indischen Vergangenheit und ihren Implikationen und dann verknüpft mit dem modernen Großstadtleben. Der moderne Detektiv wird auf den Prüfstand gestellt, um mal zu sehen, ob er sich auch als Monsterjäger bewährt. Das tut er einwandfrei, denn schließlich geht es darum, die Liebe zu Vicky und Gia zu retten, also die Zukunft in Gestalt einer Familie.
Da stört es nicht, dass Kusum zu indischen Fundamentalisten gehört. Im Gegenteil: Angesichts der Unruhen im aktuellen Indien und der Terroranschläge in Mumbai erscheint Kusums Fanatismus sogar noch plausibler. Mystisch wird er lediglich durch die Langlebigkeit und die Verbindung zur Todesgöttin Kali. Diese wurde ja schon von Rudyard Kipling in dessen Erzählung „Die Gespenster-Rikscha“ beschworen, die kürzlich als |Gruselkabinett|-Hörspiel wirkungsvoll produziert worden ist.
|Das Hörbuch|
Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt in gewohnter Weise kompetent gestaltet, bietet aber ansonsten keine Zutaten wie etwa Musikuntermalung oder gar eine Geräuschkulisse. Musik füllt lediglich die Pausen für die Szenenwechsel, ist aber passend und im In- und Outro auch unterhaltsam. Gewarnt sei vor den sehr tiefen Bässen an manchen Stellen. Wohl dem, der ein robustes Nervenkostüm besitzt.
„Sturz in den Mahlstrom“ ist der fünfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch die ersten vier Hörbücher der Serie vorgelesen:
– [Die Grube und das Pendel 744
– [Die schwarze Katze 755
– [Der Untergang des Hauses Usher 761
– [Die Maske des Roten Todes 773
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
|Der Autor|
Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.
|Der Sprecher|
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Fremden, der sich „Edgar Allan Poe“ nennt.
|Die Sprecherin|
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron.
_Vorgeschichte_
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und nach zehn Wochen entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon vier Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise.
_Handlung_
Mit dem Segelschiff „Independence“ begibt sich der Fremde, der sich den Namen Edgar Allan Poe zugelegt hat, auf eine Seereise nach New Orleans. Von dort will er weiter in den Fernen Osten. Der Segler und sein Kapitän Hardy scheinen in Ordnung zu sein, doch kurz vor dem Auslaufen sieht Poe, wie ein Fremder einem der Matrosen etwas übergibt.
Das Schiff ist noch nicht lange auf See, als ein schwerer Belegblock auf Poe herabstürzt und ihn nur um Haaresbreite verfehlt. Das Seil daran ist jedoch nicht durchschnitten, und so macht sich Poe keine Sorgen deswegen. Ein Sturm ist im Anzug, sagt Käptn Hardy mit knorriger Stimme (Jürgen Wolters). Und eines der Opfer dieser stürmischen Gegend wird wenig später gesichtet.
Poe rudert zwecks Erkundung des Schiffswracks mit der Mannschaft hinüber. Das Erste, was man entdeckt, ist ein Sarg an Deck. „Das bringt Unglück“, dürfte ja wohl klar sein. Obwohl der Bootsmann sich zum Verlassen des sinkenden Wracks anschickt, sucht Poe noch achtern in den Kajüten – und wird fündig: Eine weibliche Gestalt in langem weißem Gewand erscheint wie ein Gespenst und fragt ihn: „Wo bin ich?“
Das Boot ist weg, das Schiff sinkt. Poe und die Lady springen ins Meer und finden sich später neben dem ominösen Sarg treiben. Nachdem die „Independence“ sie aufgefischt hat, stellt sie sich als Leonie Goron (mit französischer Aussprache) vor. Sie fragt ihn, ob er an Zufälle glaube. In der folgenden Nacht schiebt Poe ebenfalls Wache, weil der Sturm erwartet wird. Nach seiner Ablösung verschwindet der andere Matrose spurlos. Vielleicht sollte er sich spätestens jetzt Sorgen machen.
Der Sturm bricht unvermittelt los, und Poe und Leonie müssen unter Deck. Hier hat Poe wieder mal einen seiner typischen Albträume. (Es ist die Handlung von Poes titelgebender Story.)
An der norwegischen Küste wird der Fisch zwischen den küstennahen Inseln knapp, so dass zweien der der letzten unabhängigen Fischer, den Brüdern Per und Tore, nur noch die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub bleibt: Sie verkaufen entweder ihr Boot und verdingen sich als Matrosen beim reichsten Fischer Lars Hansen – oder sie blicken dem Tod ins Auge und versuchen ihr Glück bei den Äußeren Inseln. Doch dort lauert in der Meerenge ein Verderben bringender Mahlstrom auf Fischer, die nicht rechtzeitig zurückfahren. Ganze Dreimaster habe er schon verschlungen, erzählt das Seemannsgarn in der Hafenkneipe.
Doch Per wettet, er sei ein besserer Fischer als Lars Hansen. Dessen höhnisches Gelächter bringt ihn auf die Palme. Er setzt sein Boot ein, doch Lars muss ihm die Erlaubnis geben, um die Hand seiner Schwester Susanne anhalten zu dürfen, wenn Per gewinnt. (Ist doch immer eine Frau im Spiel, nicht?) Listig gibt Susanne ihm eine Taschenuhr mit, so dass er den Tidenwechsel besser einschätzen kann.
Doch der Chronometer erweist sich als ebenso trügerisch wie das Meer über dem Mahlstrom. Zu spät bemerken Per und Tore, wie es sich verändert und schließlich zu einem riesigen Trichter öffnet. Ihr schlimmster Albtraum scheint in Erfüllung zu gehen, da erkennt Per den Weg zur Rettung. Tore hält ihn für völlig durchgeknallt. Kein Wunder: Wer würde im Angesicht des sicheren Todes schon sein Schiff verlassen?
_Mein Eindruck_
Während die Binnenhandlung, die im Albtraum erzählt wird, ziemlich genau Poes genialer Horror-Story „Descent into the Maelstrom“ folgt, verarbeitet die Rahmenhandlung in freier und kreativer Weise Motive aus Poes Story „The oblong Box“ („Die längliche Kiste“). Darin befindet sich ebenfalls ein Sarg an Bord eines Segelschiffes, das unseren Erzähler von A nach B bringen soll. Jeder Matrose, der einen Schuss Pulver wert ist, weiß natürlich, dass ein Sarg an Bord Unglück magnetisch anzieht. Und denen von der „Independence“ geht es genauso. Recht haben sie, wie die folgenden Geschehnisse belegen. Offenbar zweimal entgeht Mr. Poe einem Anschlag auf sein Leben. Wer steckt dahinter? Die zweite Frage lautet natürlich: Warum besteht Leonie Goron so hartnäckig darauf, den Sarg an Bord zu nehmen, statt ihn der See zu übergeben?
Die zentrale Erzählung, „Der Sturz in den Mahlstrom“, gehört zu den wirkungsvollsten Meisterwerken der Horrorliteratur. Ähnlich wie „Grube und Pendel“ gerät die Hauptfigur durch Furcht und Schrecken in einen seelischen Zustand, der ihm eine „gleichgültige Neugier“ erlaubt. In diesem Zustand quasi außer sich, bemerkt er wie ein vernünftig denkender Mensch ein Phänomen, das er normalerweise nie wahrgenommen hätte: Massereiche Gegenstände erreichen den zerstörerischen Grund des riesigen Strudels schneller als kleine, leichtere. Dieser Beobachtung lässt er sogar die richtige Handlungsweise folgen, so wahnwitzig und selbstmörderisch sie auch erscheinen mag. Kein Wunder, dass ihn sein Bruder für verrückt hält, widerspricht dies doch dem so genannten „gesunden Menschenverstand“. Und wir dürfen annehmen, dass Per nun die Hand der süßen Susanne sicher ist.
|Die Sprecher / Die Inszenierung|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Als das Schiff ausläuft, das ihn zu neuen Ufern bringen soll, klingt er richtig frohgemut – genau wie die Musik, die sich machtvoll zu einem vorwärts drängenden Thema aufschwingt.
Während der Binnenhandlung spricht er auch Per, der den Mahlstrom erforscht. Ihn begleitet als Tore, Pers Bruder, Manfred Lehmann, der verdächtig wie die deutsche Stimme von Nick Nolte klingt. Auch der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Diese Figur konnte ich aber nicht entdecken. Kommt vielleicht noch.
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Der wird wohl noch benötigt … Auch in der Rolle als Susanne Hansen, in der ich sie fast nicht wiedererkannt hätte, verleiht Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie ist das listige Frauenzimmer, hinter dem Per her ist, das aber offenbar auch eigene Pläne verfolgt.
|Sound und Musik|
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt: wenn der Stürm wütet, wenn die Möwen kreischen, wenn Poe und Leonie halbtot im Meer treiben, im Regen, das Knarren der Takelage und vieles mehr. Der Hörer kommt sich vor wie der blinde Passagier auf einer abenteuerreichen Seereise, wie einst [Arthur Gordon Pym. 781
Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Mahlstrom-Sequenz, als die Musik die Katastrophe geradezu beängstigend spürbar macht.
|Der Song|
In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe |Orange Blue| (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.
_Unterm Strich_
Mit diesem Hörbuch beginnt eine neue Staffel von POE-Hörspielen bei |Lübbe|. Waren die ersten vier Hörspiele schon ob ihrer hervorragenden Produktionsqualität mit dem |Deutschen Phantastik Preis| 2004 ausgezeichnet worden, so legt |Lübbe| diesmal noch einen drauf. War die erste Staffel vom Charakter eines Kammerspiels gekennzeichnet, so weitet sich nun die Bühne zu Breitwandfilm-Cinemascope-Dimensionen. Sound, „Film“-Musik, Sprecher, Schnitt, Erzählstruktur – alle tragen zu einem hörbaren Kinoerlebnis bei.
Der Ausflug in Phantasieregionen dauert nur rund eine Stunde, aber das ist völlig in Ordnung – die Erzählstruktur trägt nur zwei bis drei Höhepunkte und ist am Ende offen. Will heißen: Hier muss offenbar noch einiges nachfolgen. Bin schon sehr gespannt.
_Jubiläumsausgabe: Vier actionreiche SINCLAIR-Abenteuer_
In brandneuem Design bekommt der JOHN SINCLAIR-Fan hier aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums vier der SINCLAIR-Hörspiele präsentiert:
1) [„Der Nachtclub der Vampire“ (Folge 1)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2078
2) [„Die Eisvampire“ (Folge 33)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2108
3) „Mannequins mit Mörderaugen“ (Teil 1, Folge 51))
4) „Horrortrip zu Schönheitsfarm“ (Teil 2, Folge 52)
Die Hörspiele dieser Reihe sind Vertonungen der gleichnamigen Bastei-Heftserie. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 18 Jahren.
_Der Autor_
Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 – also vor 37 Jahren – eröffnete der Roman „Die Nacht des Hexers“ die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause Bastei. Inzwischen sind über 1700 John-Sinclair-Romane erschienen, die Gesamtauflage der Serie beträgt laut Verlag über 250 Millionen Exemplare.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Frank Glaubrecht spricht den Geisterjäger himself und ist die deutsche Stimme von Al Pacino.
Joachim Kerzel, die deutsche Stimme von Jack Nicholson und Dustin Hoffman, spricht den Erzähler.
Suko: Martin May
Sir James Powell: Karlheinz Tafel
Und viele Weitere.
Regie führte Oliver Döring, Jahrgang 1969, der seit 1992 ein gefragter Allrounder in der Medienbranche ist. „Als Autor, Regisseur und Produzent der „John Sinclair“-Hörspiele hat er neue Maßstäbe in der Audio-Unterhaltung gesetzt und ‚Breitwandkino für den Kopf‘ geschaffen“, behauptet der Verlag. Immerhin: Dörings preisgekröntes Sinclair-Spezial-Hörspiel „Der Anfang“ hielt sich nach Verlagsangaben wochenlang in den deutschen Charts.
Buch und Regie: Oliver Döring
Realisation: Patrick Simon
Tontechnik und Schnitt: ear2brain productions
Hörspielmusik: Christian Hagitte, Simon Bertling, Florian Göbels
Produktion: Alex Stelkens (WortArt) und Marc Sieper (Lübbe Audio)
Mehr Infos: [www.sinclair-hoerspiele.de]http://www.sinclair-hoerspiele.de
[www.wortart.de]http://www.wortart.de (ohne Gewähr)
_1) „Im Nachtclub der Vampire“ (Folge 1)_
Der 45-jährige Vertreter Ted Willard ist im tiefsten Soho auf einen kleinen Nachtklub namens „Shocking Palace“ gestoßen, der einen auf Gothic macht. Die Mädels sind ja schnuckelig, tragen aber witzige Vampirbeißerchen, die garantiert künstlich sind (oder?). Gleich fühlt sich Teddy 15 Jahre jünger. Doch um Mitternacht ändert sich das Dekor schlagartig: Die Läden werden heruntergelassen und die Türen verriegelt. Was soll das jetzt, fragt sich Ted, als er auch schon ein unmenschliches Brüllen hinter seinem Rücken vernimmt und einen gleich darauf einen Schmerz in seinem Hals …
John Sinclair verabschiedet sich in London Heathrow von der netten deutschen Mitpassagierin Marina Held, die in London nach dem Abi Urlaub machen und in der Pension von Clara Sanders übernachten will. Als Marina nachts ins tiefste Soho gerät, erregt sie die Aufmerksamkeit des Zuhälters George, der ihr einen „lukrativen Nebenjob“ anbietet. Auf der Flucht vor diesem zudringlichen Kerl gerät sie vors „Shocking Palace“. Als sie zufällig durchs einzige Fenster späht, erblickt sie drei Frauen, die einen Kerl in einen Sarg legen. Doch die Vampirinnen bemerken, dass sie eine unerwünschte Zeugin haben, und machen sich an die Verfolgung. George gerät in die Fänge von Lara, dem Kopf der Beißerbande, doch Marina entkommt. Vorerst.
Als Marina zu Sinclair kommt und ihm das Gesehene und Erlebte berichtet, warnt er sie vor diesen Vampiren, doch sie soll nichts unternehmen. Doch Lara und ihr Herr und Meister sind bereits Marina dicht auf den Fersen. Die Personen, die sie in ihresgleichen verwandeln, bereiten Sinclair erhebliches Ungemach. Doch er hat ja das Kreuz des Propheten Hesekiel und weiß sein süßes Blut wehrhaft zu verteidigen. Da verschwindet Marina jedoch spurlos. Sinclair ahnt, dass sie im Nachtklub der Vampire nicht mehr lange zu leben hat, wenn er ihr nicht zu Hilfe eilt. Doch im Klub erlebt er eine böse Überraschung …
|Mein Eindruck|
Mädels mit langen Eckzähnen, das ist eine verdächtige Kombination. Aber Mädchen mit solchen Beißerchen, die dann nicht mal das Tageslicht scheuen, sind eine gefährliche Kombination. Das muss auch John Sinclair erfahren, als er sich auf die Fährte von Marina Held, der schönen deutschen Abiturientin, setzt und dabei ins verrufene Soho gerät. (Das muss eine ganze Weile zurückliegen, denn heute ist Soho auch nicht mehr das, was es mal war, den Säuberungen sei Dank.) Selbstredend findet der Showdown im „Shocking Palace“ statt, allerdings nur der erste …
Eine Pistole mit kleinen geweihten Holzpfählen zu laden, ist nicht nur einfallsreich, sondern wahrscheinlich auch ziemlich schwierig. Aber wohl auch nicht kniffliger als das Laden mit selbstgegossenen und geweihten Silberkugeln. Gegen die Pestilenz des Bösen sind eben Waffen von ganz besonderem Kaliber vonnöten. Wie schon das mächtige Kreuz Hesekiels, das Sinclair stets als ultimative Waffe gegen die Satansbrut einsetzt, beweist.
Interessanterweise steht diesmal nicht Sinclair im Vordergrund, sondern Marina Held. Die Deutsche hat zwar keine Referenzen als diplomierte Geisterjägerin vorzuweisen, sondern kommt frisch von der Schule. Aber sie ist dennoch relativ unerschrocken, als sie in Soho besagten Damen mit den langen Zähnen entkommt. Der Opferung als Jungfrau entgeht sie auch mit etwas Glück, obwohl es heute unwahrscheinlich geworden ist, dass achtzehnjährige Mädchen noch Jungfrau ist – eine aussterbende Spezies. Immerhin erweist sich Fräulein Held – nomen est omen! – als letzte Rettung für John Sinclair, um ihn vor der sicheren Vampirisierung zu bewahren. Und das wäre wirklich nicht zu verantworten, handelt sich doch hier um die erste von bislang 63 Folgen!
_2) „Die Eisvampire“ (Folge 33) _
Tief im Wald nördlich von London stolpert ein kleiner Mann durch die Botanik ringsherum und rezitiert seltsame Worte in einer fremden Sprache. Es ist der Zauberer Myxin, der einen Vampir-Dämon beschwört. Ein Dimensionstor öffnet und Kogan erscheint, reichlich ungnädig ob des Rufers, den er zu seinen Feinden zählt. Myxin fordert Informationen darüber, was die Mord-Liga und Asmodina, die Tochter des Teufels, vorhaben. Doch Kogan lässt ihn von seinem Diener, die er mitgebracht hat, packen, auf dass er den Störenfried aussaugen kann.
Allerdings kommt es nicht dazu. Einer der Diener wird gepfählt. Er zerfällt augenblicklich zu Staub. Und John Sinclair zielt mit seiner silberkugelgefüllten Beretta auf Kogans Stirn. Kogan weicht zurück. Myxin rappelt sich auf, als Kogan um Gnade winselt, um ihn erneut zu fragen. Kogan verrät, dass drei Eisvampire kommen sollen. Ein Schuss fällt, und der Vampir ist Geschichte.
Myxin ist ungewöhnlich ernst. Die Eisvampire sind die Gebrüder Konja. Sie unterjochten einst Ungarn, bevor sie nach Österreich vertrieben wurden und sich tief im Drachensteingebirge versteckten. Sollte Asomdina die drei Vampire aufgetaut haben, wäre das eine Katastrophe. Denn sie würden die Bevölkerung ringsum natürlich sofort ebenfalls zu Vampiren machen …
|In Österreich|
Es ist schon nach sechs Uhr abends, als Toni Berger sich in der Mittelstation der Seilbahn des Drachensteins von seinem Sohn Max verabschiedet und seine Lohnabrechnung schließt. Nun muss er nun bloß noch die Wege durch die Eishöhlen prüfen, durch die er tagsüber die Touristen zu führen pflegt. Auf seinem Prüfgang hört er diesmal ein ominöses Fauchen. Ein Tier kann es nicht sein, dass die drei Türen, die zur Höhle führen, waren alle verschlossen. Da greift ihn ein riesiger Mann an. Toni schreit auf. Spitze Zähne bohren sich schmerzhaft in seine Halsschlagader …
Joseph Spengler, Tonis Freund, ruft dessen Sohn Max an: Wo bleibt denn der Toni bloß? Sie wollten doch runter ins Dorf, nach Hallstatt, zu Tonis Frau Karla und seiner künftigen Schwiegertochter Hanni. Doch da atmet Joseph auf: Der Toni kommt aus der Höhle. Allerdings wankt er und stöhnend bittet er um Hilfe. Sofort hilft Joseph seinem Freund in die Gondel und startet die Talfahrt. Da greift Toni ihn an und es kommt zu einem Kampf, in dessen Verlauf Joseph aus der Gondel in die Tiefe fällt …
John Sinclair und sein chinesischer Mitarbeiter Suko checken ins Hotel Schönblick ein, das von Hanni und Max geführt wird. Die beiden geben sich als englische Geologen aus, die die Eishöhlen besichtigen und untersuchen wollen. Max Berger stürzt herein: Toni Berger und Joseph Spengler sind verschwunden! Er nimmt Johns und Sukos Hilfe an und macht sich auf die Suche. Doch Toni Berger ist bereits in seinem Haus und stattet seiner überraschten Frau einen Besuch ab. Er hat eine böse Überraschung für sie parat …
|Mein Eindruck|
Auf der Alm, da gib’s koa Sünd? Diese Behauptung trifft auf die Eishöhlen im Gebirge sicher nicht zu. Für mehr als einen Besucher erweisen sie sich geradezu als Todesfalle, erst für Toni Berger, dann für John Sinclair. Mit den Eishöhlen hat der einfallsreiche Autor (s. o.) eine weitere pittoreske Szenerie geschaffen, um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse auf die Bühne zu bringen. Wir erfahren zwar nicht, was die drei Eisvampire dort noch im ungemütlichen Eis hält noch was sie aufgetaut hat, aber auf jeden Fall bilden sie den Gegner, ohne den der Geisterjäger keine Existenzberechtigung zu haben scheint. Klar, dass hier auch der explosive Showdown stattfinden muss. Jedenfalls der Erste.
Denn auch Suko hat alle Hände voll zu tun. Toni Berger ist mittlerweile, nachdem ihn ein Vampir verwandelt hat, in eine dunkle Karikatur seiner selbst pervertiert worden. Aber das ist kein Grund für ihn, unglücklich zu sein: Schließlich kann er jetzt im Dunkeln sehen und ist potenziell unsterblich. Na, das ist doch nicht zu verachten.
Wenn da bloß nicht der unstillbare Hunger nach frischem Blut und neuer Lebenskraft wäre. So ein Vampir ist ja wie ein Auto ohne Benzin: Er braucht ständig Nachschub, um agieren zu können. So gesehen ist ein Vampir auf Entzug eine ernste Warnung vor der Energiekrise. Andererseits gibt es eine patente Methode, gute Freunde zu finden: Man beißt sie einfach! Schwupps, hat man einen Mitvampir und guten Kumpel. Das trifft natürlich auch auf die Mädels zu …
Der Vampir Toni Berger zeigt die dunkle Seite des wohlanständigen Spießbürgers: stets auf Schabernack der blutigen Art versessen, fühlt er sich im Dunkel der Welt am wohlsten. Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen – schnell ist auch seine Karla Schicksalsgenossin. Und sie haben nur auf die niedliche Hanni, die Schwiegertochter in spe gewartet. Dumm nur, dass ausgerechnet in diesem schönen Moment, als sie sich an der knusprigen Maid laben wollen, ein chinesischer Störenfried mit einer Dämonenpeitsche auftaucht …
_3) „Mannequins mit Mörderaugen“ (Folge 51)_
Die Fashion-Welt steht Kopf: Designerin Brenda Jones will ihre Show „Supermodel UK“ einstellen. Über die Gründe herrscht Rätselraten, denn Jones hat eine Nachrichtensperre verhängt. Brenda ihrerseits beschwert sich bei ihrem Partner Paul: Der Termin ihrer letzten Modenschau im Pariser Centre Pompidou wurde soeben verraten. Paul beruhigt sie: Es seien ja nur noch ein paar Tage. Was könne da schon passieren?
Pamela Scott ist zufrieden: Ihr Angriff auf das Haus von Brenda Jones läuft wie am Schnürchen, und die nichtsahnende Modetussi wird völlig überrascht, als Pamelas Maskierte sie gefangennehmen. Als die Nichtswürdige auch noch zu lügen versucht, haut Pamela ihr eine runter. „Wo sind die Models?“, will sie wissen. Jetzt gibt ihr die Frau die Information. Morasso funkt sie an, und Pamela gibt ihm einen Lagebericht: Alles bestens – weitermachen! Brenda hat ausgedient, aber für ihre Mädels findet sich eine weitaus wichtigere Verwendung …
John Sinclair und Suko kehren nach getaner Arbeit aus New York City nach Hause zurück. Allerdings müssen sie einen Zwischenstopp in Paris Orly einlegen. Dort erfahren sie, dass sich ihre Lieben in Paris einen Urlaub gönnen: Jane Collins, Sheila Conolly und Shao, Sukos Angebetete, wollen hierherkommen, um Brenda Jones’ Modenschau im Centre Pompidou besuchen. Und die Jungs kommen natürlich mit! John weiß nicht, ob er begeistert sein soll.
Auf dem Flugfeld werden er und Suko Zeugen eines sehr merkwürdigen Anblicks: Ein Gabelstapler verfrachtet vier – John fasst es kaum – SÄRGE von einem Propellerflugzeug in einen Transporter. Als es beinahe zu einer Kollision mit einem anderen Fahrzeug kommt, fällt einer der Särge herunter, geht auf – aus der Leiche quillt Rauch, Schreie gellen! John schaltet sofort: So reagiert nur ein Vampir auf das Sonnenlicht. Als er die Frau neben dem offenen Sarg wie einen Henker fluchen hört, erkennt er Lady X alias Pamela Scott. Die Mordliga, mit der er es gerade in New York City zu tun hatte, ist schon unterwegs nach Europa!
Als er auf Pamela feuert, schießt diese zurück. Polizeisirenen heulen auf. Während der Zombie-Samurai Tokata die Särge alle wieder auflädt, werden John und Suko von Pariser Polizisten gestellt und entwaffnet. Pamela Scott entkommt mit ihrer tödlichen Fracht. Was hat sie vor?
Als der Journalist Jacques Deverel auf der Straße nach Orly fährt, kommt ihm ein bemerkenswerter LKW entgegen. Er erhascht einen Blick in dessen Laderaum: Eine Frau steigt aus einem Sarg. Dieser nicht ganz alltägliche Anblick veranlasst Deverel zu wenden und dem Lkw nachzujagen. Er wittert die Story des Jahrhunderts. Als er an die Tür des Hauses klopft, an dem der LKW seine Fracht abgeladen hat, öffnet ihm eine attraktive Lady. Er wisse von den vier Models, die sie bei sich aufgenommen habe, sagt er, und wenn er sie interviewen dürfe, werde er auch nichts verraten.
Die Lady sträubt sich auch gar nicht und zeigt ihm ihre Models, eines schöner als das andere. Doch als er seine Kamera zückt, fallen ihm ein paar rätselhafte Details auf. Sie tragen alle Kontaktlinsen – wow, cool, diese gelben Augen! Und diese spitzen Eckzähne – ha, ganz schön apart. Doch warum schwitzt eines der Models Schleim aus? Und warum starren sie ihn alle so gierig an? So … hungrig?
|Mein Eindruck|
Nicht jedes Supermodel ist so brav und tüchtig wie Heidi Klum. Von gewissen Supermodels wie Naomi Watts ist bekannt, dass sie schon mal ausrasten. Zum Glück ist keine bislang als Vampirin hervorgetreten. Dem jeweiligen Journalisten, der das herausgefunden hätte, wäre es wahrscheinlich wie dem bedauernswerten Jacques Deverel ergangen, der quasi unter die Löwinnen fällt. In jedem Fall nutzt der Autor den Celebrity-Status der Supermodels aus, um sie zu Monstern aufzubauen. Natürlich als Opfer der Verkörperung des Bösen, der Mord-Liga.
In einer – auch akustisch realistisch nachgeahmten – Scheinwelt von Fummel, Frauen und Vampiren fühlt sich John Sinclair hörbar unwohl. Als ihn jane Collins & Co. dann auch noch mit einer „großen Sause“ in Paris quasi überfahren, scheinen sie für uns plötzlich große Ähnlichkeit mit den dämonischen Models anzunehmen. Der von Jane angedrohte Shopping-Ausflug erinnert auf einmal fatal an den Blutrausch eines Vampirs, wie er in Folge 52 an den Tag gelegt wird. Man fragt sich unwillkürlich, wo groß eigentlich der Unterschied zwischen den normalen Menschen und den „Kindern der Nacht“ ist. Die beabsichtigte Ironisierung von Sinclairs Lage wirkt brüchig und doppelbödig. Und ein Verdacht beschleicht uns in Folge 52, dass Jane und Co. wirklich furchterregende Vampirinnen abgeben würden.
Selbstredend gilt es, dies zu verhindern! Leichter gesagt als getan, denn wenn die Models vom Laufsteg über die Besucher herfallen, steht der Panik nichts mehr im Wege. Perfiderweise steckt auch der Conferencier mit ihnen unter einer Decke, denn auch er will seinen Liter Menschenblut haben (was ein wenig an Shylocks „Pfund Fleisch“ erinnert).
Der Gipfel der dramaturgischen Ironie besteht dann darin, dass er sich ausgerechnet an Pamela Scott vergreift, die wegen Johns Eingreifen einen Moment der Schwäche erleidet. Auf diese Weise schaden sich die Bösen gegenseitig. Und der Clou folgt in der Fortsetzung, als sich Pamela über ihre Verwandlung beschwert: Sie wollte doch Australien übernehmen – dummerweise in einem Land, über das die Sonne die absolute Herrschaft genießt. Pam würde als Vampirin einen schweren Stand gegen das Tagesgestirn haben.
_4) Fortsetzung: „Horrortrip zur Schönheitsfarm“ (Folge 52)_
Die Katastrophe auf der Modenschau im Centre Pompidou ist perfekt: Vampir-Models haben die vom Gas betäubten Besucherinnen der Schau verschleppt. Darunter befinden sich Jane Collins, Sheila Conolly und Shao, Sukos Freundin. Suko hat mit seiner Dämonenpeitsche allerdings eine als Model getarnte Dämonin zur Strecke bringen können, bevor ihn das Betäubungsgas außer Gefecht setzte. Jetzt breitet sich da nur eine Schleimpfütze aus.
Kommissar Meurisse und ein Agent vom Geheimdienst fühlen sich leicht veräppelt, als die beiden Polizisten aus Großbritannien behaupten, das Chaos auf der Modenschau sei von Vampiren und Dämonen angerichtet worden. Und von was für einer Liga soll hier die Rede sein? Mord-Liga? Nie gehört. Erst als Sinclair Meurisse bekniet, sich bei seinen Vorgesetzten in Paris für die Teilnahme Sinclairs an den Ermittlungen einzusetzen, besteht Hoffnung, die drei entführten Herzensdamen wiederfinden zu können.
Die drei Grazien erwachen aus ihrer Betäubung in einer Art medizinischem Untersuchungsraum. Ein einziger Mann befindet sich unter ihnen, wohl eher aus Versehen. Als sich die elektronisch gesicherte Tür öffnet, tritt ein etwa 50 Jahre alter Arzt ein. Er scheint ein Mensch zu sein, befindet Jane, aber die Frau an seiner Seite ist es sicherlich nicht: Pamela Scott alias Lady X. Und die spitzen langen Eckzähne verraten ihr, dass Lady X zu einer Vampirin geworden ist.
Während Jane lediglich fröstelt, weist Sheila Conolly eine völlig andere Reaktion auf. Sheila, die noch nie einen echten Vampir gesehen hat, erleidet einen hysterischen Anfall. Pamela Scott lacht bloß. Sie beansprucht Jane für sich, und der Arzt, der sich Francis Drusian nennt, überlässt sie ihr großzügig. Die anderen werden ein fast ebenso schlimmes Schicksal erleiden …
Unterdessen sind Sinclair, Suko und Meurisse in einem unauffälligen Wagen unterwegs zu einer der Schönheitskliniken, die es in Paris gibt. Suko hat sich erinnert, das Wort „Schönheitsfarm“ aufgeschnappt zu haben, als er halb betäubt am Boden lag. Die Schönheitsklinik von Dr. Drusian ließ sich auf den entsprechenden Listen schnell herausfinden: Drusian ist ein Geschäftspartner der berüchtigten Labors von Fariak Cosmetics, die Sinclair und Suko in London dichtgemacht haben. Die Brüder Fariak waren Vampire, die synthetisches Vampirblut herstellten, mit dem sie Europa unter ihre Kontrolle bringen wollten.
Was, wenn Dr. Drusian im Besitz von solchem infizierendem Vampirblut wäre? Er könnte im Handumdrehen zahlreiche Menschen zu Vampiren konvertieren und unter seine Kontrolle bringen. Hoffentlich kommen Sinclair und Co. noch nicht zu spät.
|Mein Eindruck|
In dieser Folge treffen Vampirismus und Medizin zusammen, um eine Bedrohung der besonderen Art zu schaffen: die pharmazeutische Umwandlung der europäischen Bevölkerung in Vampire. Seuchenkrankheit und moderne Chemie vereinen sich, wie sie es vielleicht bereits im Mittelalter getan haben. Damals hätte ein Alchimist seine Pillen jedoch noch selbst gedreht.
Allerdings scheinen die Tests mit Fariaks synthetischem Vampirblut noch nicht ganz abgeschlossen zu sein, sonst könnte man die Seuche ja gleich durchs Trinkwasser verbreiten, nicht wahr? Dass Frauen als Versuchskaninchen herhalten müssen, ist erstens ein zusätzlicher Nervenkitzel und zweitens ein Erfordernis der Dramaturgie: Die drei genannten Grazien sind den Geisterjägern lieb und teuer. Das trifft auf den gefangenen Mann nicht zu: Kein Wunder also, dass der Nobody also als Erster die Pille verabreicht bekommt. Es sind immer die Speerträger, die es als Erste erwischt.
Als John und Suko in den Komplex der Klinik eindringen, werden sie natürlich sofort gefangengenommen und zu Drusian gebracht. Schade, dass dieser Klinikleiter kein durchgeknallter Wissenschaftler à la Dr. Frankenstein aus der ehrwürdigen Tradition Hollywoods ist, sondern ein durchaus weltgewandter und kultivierter Franzose, der keiner Fliege was zuleide tun könnte. Doch der Schein trügt natürlich. Er ist ein Techniker ohne Moral, der die Pille die Arbeit des Grauens verrichten lässt. Sonst hätte er sich gar nicht erst mit der Mord-Liga eingelassen.
Zum Glück hat Suko einen Trumpf im Ärmel. Wie schon in Folge 50 dürfen wir wieder die Auswirkungen des Zeitstopps bewundern, den Suko mit dem Stab des Buddha bewirkt. Offenbar wurde er nicht gründlich durchsucht. Nun wendet sich das Blatt, sowohl für John und Suko als auch für Jane, die in den Klauen von Lady ein grausames Schicksal erleiden soll. Doch daraus wird wohl vorerst nichts: Jane gelingt es, Lady X zu entschlüpfen. Diese verfällt auf die hirnrissige Idee, das Haus zu sprengen …
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Die Macher der „Geisterjäger“-Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: Bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.
Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück tun Pigulla, Kerzel, Glaubrecht und Co. dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieser Hörspielreihe ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen.
Übertriebene Ausdrucksweisen heben die Figuren in den Bereich von Games- und Comicfiguren. Das kann bei jugendlichen Hörern ein Vorteil sein. Die Figuren schreien wütend, fauchen hasserfüllt oder lachen hämisch. Besonders unheimlich ist die Darstellung des Spuks, eines wirklich mächtigen Dämons. Leider erfahren wir rein gar nichts über seine Herkunft und Entstehung. Auch alle anderen Figuren muss der Hörer bereits kennen, um sie zuordnen zu können. Aber als Fan der Serie kennt man ja Jane Collins, Sinclair, Glenda Perkins, Kara, Myxin usw. bereits.
|Geräusche|
Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem halbwegs realistischen Genre-Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Schlüsselszenen recht effektreich aufgebaut. Vom Zischen einer Sense etwa über die allfälligen Schüsse und Schreie bis hin zum absoluten Sound Overkill, wenn die Macht des Kreuzes auf die Kraft des Bösen trifft – Explosionen, die auf einer leistungsfähigen Anlage die Wände zum Wackeln bringen können. So haben wir das gern!
|Musik|
Die Musik gibt ziemlich genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und leitet in den kurzen Pausen bzw. Übergängen gleich zur nächsten Szene über. Sie wurde von einem Orchester eingespielt, und so entsteht der Eindruck, die Begleitmusik zu einem alten Hollywood- oder British Horror Movie zu hören.
Stets gibt die Musik genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit einem klassischem Instrumentarium produziert. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Titelmelodie der Serie erschallt in einem hämmernden Rock-Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Sehr sympathisch.
Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.
_Unterm Strich_
Die digitale und inhaltliche Überarbeitung hat diesen frühen Folgen aus dem Jahr 2000 hörbar gut getan, sodass sie sich nun auf dem mittlerweile erreichten hohen Niveau befinden. Es gibt keine anachronistischen Anweisungen oder Kommentare mehr („rechten Fuß nachziehen“ oder dergleichen), und auch das kulturelle Ambiente ist modernisiert worden: Jetzt setzt jeder Handys ein, soweit es möglich ist, sowie Computer für die Datenbankabfrage.
Nur die Feinde scheinen jedoch nicht auf dem laufenden zu sein. Sie setzen immer noch auf altbackenes Design wie etwa Überdämonen, Vampire, Särge und dergleichen Schnickschnack mehr. Andererseits sind auch Sinclairs Waffen nicht gerade auf dem neuesten Stand: ein Kreuz oder ein mit Holzpflöcken und Silberkugeln geladene Pistole, herrje, solches Zeug hatte man wohl auch schon im 16. Jahrhundert. Was diese Leute brauchen, sind ein paar anständige Hacker, die ein Botnetz aufbauen, mit dem man ordentliche Cyberattacken gegen den Feind fahren kann, beispielsweise gegen den Zentralcomputer von Scotland Yard! Dagegen dürfte auch das beste Weihwasser nichts helfen.
|Zu „Die Eisvampire“|
Diese Episode Nr. 33 hat mich wegen ihrer alpinen Szenerie sofort an das Sherlock-Holmes-Abenteuer „The final problem“ erinnert, in dem Holmes die Lauterbachfälle hinabstürzt, noch im Fallen im Clinch mit Erzfeind Prof. Moriarty (siehe auch die DVD zur ersten Staffel mit den britischen TV-Verfilmungen). Doch statt einer langsamen Annäherung an die Konfrontation spielt die Seilbahn eine beträchtliche Rolle: Sie beschleunigt das verhängnisvolle Geschehen, indem sie den frischgebackenen Vampir Toni Berger im Handumdrehen ins Tal bringt. Immerhin findet an Bord ein klasse Kampf zwischen Berger und Spengler statt.
Die Episode bietet dem SINCLAIR-Fan zwei Showdowns, die nicht zu verachten sind. Dass Toni Berger erst seine Frau angreift und dann seine Schwiegertochter, verleiht seiner Existenz eine gewisse erotische Würze. Wird Suko rechtzeitig eingreifen, um Hannis Ehre zu bewahren?
Die Stimmen stammen von Frank Glaubrecht, Joachim Kerzel und Helmut Krauss, stammen also von der ersten Garde, die etwa bis Nr. 40 tätig war. Auch Toni berger wird von einer bekannten deutschen Synchronstimme gesprochen, aber ich konnte sie nicht zuordnen. Der Suko-Sprecher scheint mir ein anderer als Martin May zu sein, der seither auf Suko abonniert ist.
|Zu „Mannequins mit Mörderaugen“ und „Horrortrip zu Schönheitsfarm“|
Das Tempo ist moderat, die Dramaturgie holprig, aber Spaß macht es dennoch, dieser Folge zu lauschen. Ganz besonders das Finale kann es an Lautstärke mit einem Queen-Konzert aufnehmen (autsch!). Der Aufbau dieses spannenden Abenteuers hat mir in der ersten Hälfte besser gefallen, denn dort war die Ironie wesentlich ausgeprägter. Und nette Models gabs auch.
Die zweite Hälfte der Doppelfolge bewegt sich von Actionhöhepunkt 1 auf der Modenschau zum Actionhöhepunkt 2 im Finale. Dazwischen herrscht viel Ebbe, was die Spannung und die Action betrifft, von Erotik ganz zu schweigen. Am besten tritt noch die oberfiese Pamela Scott auf, und ihre Sprecherin legt sich mächtig ins Zeug, um einen lautstarken Eindruck zu hinterlassen – das gelingt Katrin Fröhlich zu meiner vollsten Zufriedenheit.
|Das Hörbuch|
Diese Ausgabe zum zehnjährigen Jubiläum der erfolgreichen Hörspielreihe bietet einige der farbigsten Episoden der Serien. Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lassen sich die Hörspiele empfehlen. Sie sind leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Die Action mit ihren explosiven Geräuscheffekten kommt ebenso wenig zu kurz wie einige Portion Erotik, was die Game-Freunde doch einigermaßen zufriedenstellen sollte.
|4 Audio-CDs mit 195 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3785744406|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de
Noch mehr über den Geisterjäger |John Sinclair| finden Sie in unserer [Rezenseionsdatenbank]http://www.buchwurm.info/book .
In letzter Sekunden hat der Verlag den Titel geändert. Statt „Die Scheintoten“ heißt der einundzwanzigste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |Lübbe Audio| nun „Schatten. Die Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör.
Poe hat eine gefährliche Macht in die Hände bekommen: Dr. Bakers Forschungsunterlagen. Um sich in Sicherheit zu bringen, bis er mit diesem Verbrecher verhandeln kann, verbirgt er sich mit Hilfe eines alten Bekannten in einem unheimlichen Versteck: einem Totenschiff, der „Rachel“. Doch die Toten scheinen ins Leben zurückzukehren. Was verbirgt sich hinter der verbotenen Tür im unteren Deck des Schiffs?
„Schatten“ basiert auf einer Story von Edgar Allan Poe, die den Titel „Shadow – A Parable“ trägt
Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten 20 Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
#13: Schweigen
#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz
Die vier neuen Folgen sind:
#18: Gespräch mit einer Mumie
#19: Die Sphinx
#20: Scheherazades 1002. Erzählung (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: Schatten (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
Die (am 30.3.2007) kommenden Folgen sind:
#22: Berenice
#23: König Pest
#24: Der Fall Valdemar
#25: Metzengerstein
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Laurie Randolph, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dickky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.
_Vorgeschichte_
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon zwanzig Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton darin spielt.
Am Anfang rekapituliert Poe sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte bis hin zum Inhalt von „Die Sphinx“, der 19. Folge der Serie, später dann Leonie die der 20. Episode. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.
_Handlung_
Kapitän Hardy, der süffelnde Kommandant der untergegangenen „Independence“, hat Poe geraten, sich vor seinem unsichtbaren Verfolger ein gutes Versteck zu suchen. Wie wär’s mit dem Totenschiff der Armen, das im nördlichen Hafen vor Anker liegt? Die „Rachel“ durchsucht bestimmt keiner. Gesagt, getan. Allerdings macht dieser abgetakelte Segler keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Der einzige Lebende an Bord ist der alte Ismael. Als Poe ihm zwei Flaschen guten Whiskys in die Hand drückt, ist er überredet. Poe darf frei logieren. Ismael warnt ihn aber vor den Ratten, die recht groß werden können. Und eine der Türen sei für ihn verboten, da habe er keinen Zutritt. Alles klar? Alles klar.
Ismael geht von Bord, denn er wolle einen Freund besuchen. Auf Blackwell Island (dort liegt Dr. Bakers Klinik!) sei die Cholera ausgebrochen, und schon bald werde es die ersten Leichen abzuholen geben. Nach ein paar Stunden, in denen sich Poe auf dem Kahn umsieht, ohne die verbotene Tür zu öffnen, nähern sich Schritte. Doch sie klingen leichter als die eines Mannes wie Ismael. Poe packt seine Axt fester. Nebel wallt zur Luke herein, durch welche die Gestalt herabsteigt, so dass sie nur undeutlich zu erkennen ist. Poe schlägt zu …
|Ein Besucher|
Und bereut es sofort. Es ist Leonie! Er verbindet ihre Kopfwunde und sie umarmen einander. Sie vergibt ihm, dass er sie in New Orleans hat sitzenlassen, denn inzwischen weiß sie ja, dass überall, wo er hingeht, Gefahr lauert. Er wollte sie durch seinen Fortgang davor beschützen. Doch nun kann sie ihn endlich vor Deibler warnen, Dr. Bakers Schergen, von dem Poe immer noch glaubt, dass er ihn in New Orleans getötet habe. Ist Deibler etwa sein unsichtbarer Verfolger, vor dem er sich versteckt? Aber da erzählt Leonie ihm den Hammer: Dr. Baker ist hier, in New York!
|Stimmen der Vergangenheit|
Als Poe ihr einen Brief von Lucy Monahan gibt, den er in Bakers Unterlagen gefunden hat, hält Leonie das Papier an das Licht des Ofens – und siehe da! Eine mit Zitronensaft geschriebene Geheimschrift wird sichtbar. Leider sind nur ein paar Wörter zu entziffern: „Francis [Baker] … Maske … Poe-“ Ein Fleck verdeckt den Rest des Wortes „Poe“. Ist es … Blut?
Während ein paar Stunden des Ausruhens hat Poe wieder einen seiner Albträume. Diesmal scheint es eine reale Erinnerung zu sein. New Orleans, der Karneval Mardi Gras, er mit Lucy Monahan, allein in einem Hotelzimmer. Ist dies ein heimliches Stelldichein? Da taucht am Fenster ein Gesicht auf, das wie ein Totenschädel aussieht! Lucy schreit auf – der Traum endet abrupt und Poe erwacht …
|Todeskampf|
Gerade noch rechtzeitig, denn schon wieder sind Schritte an Deck zu hören. Und sie stammen weder von einer Frau noch von Ismael. Eine Gestalt springt den überraschten Poe an …
_Mein Eindruck_
Das Totenschiff „Rachel“ ist einer der unheimlichsten Schauplätze der gesamten Serie. Angesichts von bislang 21 Episoden will das schon etwas heißen. Ratten groß wie Hunde, womöglich Leichen unter Deck und Zerfall allerorten. Entsprechend hoch ist das Gefühl der Beklemmung, aber auch die Geräusch- und Musikkulisse tragen zur Furcht vor dem Unbekannten an Bord bei. Dann ist da noch die verbotene Tür, vor der sich Poe hüten soll. Und wie sich herausstellt, ist das Verbot völlig berechtigt, denn was dahinter lauert, dreht auch einem hartgesottenen Horrorkonsumenten den Magen um.
Vorher gibt es jedoch noch solide Action zu genießen. Der Zweikampf zwischen Poe und dem Unbekannten, dessen Namen ich nicht verrate (Eingeweihte können leicht darauf schließen), lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Leonie greift zudem ein – das volle Programm. Doch dann passiert etwas Merkwürdiges. Der Fremde wird plötzlich ganz anderen Sinnes – eine 180-Grad-Wendung, die sich nur durch zwei Aspekte erklären ließe: Entweder ist der Fremde eh schon psychisch labil oder die Szene wurde radikal gekürzt. Ich tippe auf Letzteres.
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
|Mr. Poe|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Im ersten Teil des „Eleonora“-Traumes schwelgt sein Poe in verliebter Seligkeit, und das kann man deutlich hören. Umso gequälter klingt Poe in der zweiten Traumhälfte, als ihn die tote Geliebte in seinen Albträumen heimsucht.
Dieser Stimmungswandel leitet die Trennung von Leonie ein und macht diesen abrupten Schritt ein wenig nachvollziehbarer. Außerdem will er sie vor der Gefahr, die ihm droht, schützen. In den Episoden 16 und 17 jedoch ist Poe überzeugt, dass es ein Fehler, Leonie zu verlassen. Seine Träume in diesen Episoden belegen dies überdeutlich. Die Episode 21 sieht sie endlich wieder vereint.
|Miss Leonie Goron|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. In Episode 15 „Du hast’s getan“ steht sie selbst ihren Mann als Detektivin und Ein-Frau-Polizeitruppe. In Episode 18 tritt sie als Ägyptologin auf, unter dem Namen Leonie Sander. Sie spielt Scully an der Seite von Poes Mulder.
|Musik und Geräusche|
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Es gibt die realistische Umgebung eines stillliegenden Segelschiffes zu hören, aber unter Deck auch die Geräusche einer Kabine – und schließlich die eines Kampfes.
Auf die Dreidimensionalität wurde stärker geachtet: Stimmen von links und rechts, in der Ferne (leiser) und im Vordergrund (lauter), ja sogar innerer Monolog (spezielle Musikuntermalung mit ausgeblendeten Geräuschen) vermitteln den Eindruck einer Welt, in der sich ein Betrachter wie im Zentrum des Geschehens fühlen könnte.
Die Musik erhält eine wichtige Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung der ganzen Episode, denn an Bord des Totenschiffes ist die Gestaltung der beklemmenden Atmosphäre besonders wichtig, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln und seine Emotionen zu steuern.
Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.
_Der Song_
|Mara Kim: A Dream within a Dream|
Die Sängerin Mara Kim wurde unter anderem mit dem Hessischen Songpreis sowie bei den Berliner Festspielen ausgezeichnet. Die erste Veröffentlichung „Infinite Possibilities“ erschien 2003 auf der |Frankfurt Lounge|-CD mit dem Produzententeam „Superflausch“. Die 21-jährige Künstlerin, die sich auch selbst am Klavier begleitet, schreibt ihre Texte in verschiedenen Sprachen und arbeitet an ihrem ersten Soloalbum. Ihre Stimme ist einfach ein Ereignis und muss man gehört haben.
Die elegische Ballade „A Dream within a Dream“ wird im englischen Original vorgetragen, und zwar mit so viel Intensität, dass sie bei mir einen starken Eindruck hinterließ. Natürlich wird der klassische Gesang von einem Piano und den obligaten Streichern (gutes Cello) begleitet, insofern alles wie gehabt. Im direkten Vergleich mit der Vorlage fand ich heraus, dass der Teil der Strophen besser verteilt und am Schluss etwas gekürzt wurde. Dadurch erklingt der Refrain mit der Titelzeile häufiger und eindringlicher, der Song wirkt weniger wie ein Gedicht, sondern mehr wie ein Lied. Das Ergebnis der Bearbeitung spricht für sich.
_Unterm Strich_
„Schatten“ basiert zwar ebenfalls auf einer Story von Edgar Allan Poe, nämlich „Shadow – A Parable“, besitzt aber wie Folge 13 eine Übergangsfunktion. Denn noch ist nicht Feierabend für Edgar Allan Poe: Es stehen noch mindestens vier Epsioden aus, an deren Ende es zum aufschlussreichen Zusammentreffen zwischen Poe und Dr. Baker kommen sollte, der sich wie Victor Frankenstein an Poes Geist zu schaffen gemacht hat, wie Poe erfährt. Diese Information bringt er seiner geliebten Leonie recht schonend bei und es ist erstaunlich, dass sie ihm nicht nur verzeiht, sondern ihm, dem geistig Manipulierten, auch weiterhin vertraut.
Die Episode wartet nicht nur mit handfester Action und schöner Romantik auf, sondern schließlich auch mit magenumdrehendem Grauen, das aber reichlich makaber präsentiert wird. Zeit, von diesem schrägen Kahn runterzukommen und Land zu gewinnen.
Neben viel ereignisloser Vorlaufszeit hat die Episode nur noch eine Schwäche: der relativ abrupte Sinneswandel des Fremden, der Poe ans Leder will. Das führe ich auf eine radikale Kürzung der Szene zurück (die Zeitkapazität auf einer CD ist ja begrenzt). Das ist keine besonders gelungene Darstellung von Psychologie, aber in anderen Hörspielen geht es diesbezüglich noch viel haarsträubender zu. Hoffentlich halten sich solche Szenen künftig in Grenzen.
|75 Minuten auf 1 CD|
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