Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Fünf Freunde und die große Meuterei (Folge 144)

Die Handlung:

Als die Fünf Freunde an einer Führung durch den Londoner Hafen teilnehmen, reißt sich Timmy los und rennt in einen offenstehenden Container. Die Freunde folgen ihm, denn Timmy scheint etwas gewittert zu haben. Da wird der Container plötzlich geschlossen und verladen. Als es den Fünf Freunden nach Stunden gelingt, die Türen des Containers zu öffnen, befindet sich das Schiff bereits auf hoher See. Und als sie zur Brücke wollen, um dem Kapitän Bescheid zu geben, erwartet sie eine weitere böse Überraschung … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ob das alles so möglich ist, was da im Klappentext steht, ich weiß ja nicht … aber, nehmen wirs mal so hin und hoffen, dass die Freunde wieder vom Schiff runterkommen, bevor das in China oder Australien oder sonstwo angekommen ist.

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Die drei ??? und der weiße Leopard (Folge 212)

Die Handlung:

„Der weiße Leopard“, eine japanische Prunkschale, verschwindet trotz des hochmodernen Alarmsystems. Ein kniffliger Fall für die drei ???, denn auf der Schale liegt ein Fluch der Samurai. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Erwartet und hier ein Kombi-Fall? Zwei zum Preis für einen? Ein Kunstdiebstahl und noch ein Fluch dazu? Und … was sind denn wohl die Auswirkungen des Fluchs? Zehn Jahre eine laufende Nase? Nein … der Tod … gar nicht mehr so lustig.

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Beckett, Simon – Obsession (Lesung)

_Die Entdeckung der Anderen: Grauen und Erotik_

Als seine Frau plötzlich stirbt, ist Ben Murray am Boden zerstört. Allein Sarahs autistischer Sohn Jacob spendet ihm Trost. Aber als er die Schränke der Verblichenen ausräumt, macht Ben eine merkwürdige Entdeckung: Jacob war gar nicht Sarahs Kind, sondern wurde von ihr nach einer Fehlgeburt aus dem Krankenhaus geraubt. Sarahs Hebamme bestätigt dies. Fassungslos macht sich Ben auf die Suche nach Jacobs leiblichen Eltern – doch der Vater ist genauso von Jacob besessen wie Ben selbst …

_Der Autor_

Simon Beckett studierte Anglistik und arbeitet seit 1992 als freier Journalist. Seine Reportagen dienten ihm zum Teil als Grundlage für den Thriller „Die Chemie des Todes“. Insbesondere seine Recherchen auf der so genannten |Body Farm|, dem forensischen Trainingslager des FBI, flossen in diesen Roman mit ein. Beckett lebt mit seiner Frau in Sheffield, wo er 1968 auch geboren wurde.

Weitere Beckett-Romane:

– [Die Chemie des Todes 2355
– [Kalte Asche 4205
– [Leichenblässe 5625

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, der auch den Text kürzte, den Ton steuerte Tobias Pfister.

_Handlung_

Erst bringt Ben Murray seinen sechsjährigen Stiefsohn Jacob zu Bett, dann kehrt er in das nunmehr leere Schlafzimmer zurück. Er trauert um seine geliebte Frau Sarah, der vor kurzem beerdigt hat. Sie starb an einem Aneurysma, einem Hirnschlag. Am nächsten Tag holt Tessa, die Frau seines besten Freundes Keith, Jacob ab, um ihn zur Schule für Autisten zu bringen. Jacob ist ein besonderes Kind, das auf besonderer Behandlung besteht. Ben liebt ihn genauso, wie Sarah es getan hat. Umso härter trifft es ihn, als er entdeckt, dass Sarah ein Geheimnis hatte.

Als Ben Sarahs Kleiderschrank und Frisierkommode aufräumt, stößt er auf eine alte Metallkassette. Der Schlüssel findet sich unter Sarahs Schmuck. In der Kassette liegt nicht nur Jacobs Geburtsurkunde, sondern auch ein Stapel Zeitungsausschnitte. Sie bilden eine Serie von Artikeln aus der „Daily Mail“, die Sarah noch nie gelesen hat. Darin ist von einem Baby die Rede, das vor sechs Jahren im März aus einer Geburtsklinik verschwunden ist. Die Serie beginnt mit Jacobs Geburtstag. Ben stockt der Atem. Könnte Jacob gemeint sein? Aber die Rede ist von einem Stephen Cole, Sohn von John und Janet Cole. John sei ein Veteran des Golfkrieges. Die Coles rufen zur Rückgabe ihres Kindes auf, ihre Gesichter sind von Leid verzerrt.

Ben stürzt mit einer Panikattacke aus dem Zimmer. Er ist versucht, die Artikel zu verbrennen. Sarah hat ihm erzählt, Jacob sei der Sohn ihres ersten Freundes Miles. Sie war immer so froh über ihr Kind. Sollte sie es wirklich geraubt haben? Undenkbar! Obwohl kurz vor Jacobs viertem Geburstag Autismus festgestellt wurde, machte Ben Sarah einen Heiratsantrag, den sie annahm. Da ruft Geoffrey an, Sarahs Vater. Er berichtet, dass Jacob eigentlich sechs Wochen zu früh auf die Welt kam, aber bei der Geburt schon ein ordentliches Gewicht auf die Waage brachte: sechs Pfund immerhin.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, besucht Ben Jessica, Sarahs Freundin und Hebamme. Er hat kein gutes Verhältnis zu ihr, denn von Anfang gab sie ihm das Gefühl, er habe ihr Sarah weggenommen. Sie liest die „Daily Mail“, bemerkt Ben bestürzt. Die Hebamme mauert zunächst, bevor ihr Widerstand zusammenbricht und sie mit der Wahrheit herausrückt. Sarah erlitt vor sechs Jahren eine Fehlgeburt und war am Boden zerstört. Als Sarah wegging und mit einem anderen glücklich und strahlend zurückkam, hatte sie die Fehlgeburt völlig verdrängt. Was sollte Jessica tun? Sarah in den Wahnsinn treiben? Sie liebte Sarah!

Der Privatdetektiv, den Ben auf Anraten seines Freundes Keith, der Anwalt ist, engagiert hat, findet die leiblichen Eltern Jacobs: Janet Cole starb bei einem Verkehrsunfall, doch John Cole lebt in Tunford, einer kleinen Gemeinde südlichen von London. Cole sei mit Sandra, einer Pub-Bedienung, verheiratet und arbeite auf einem Schrottplatz. Doch Quiley, der Privatdetektiv, hat gründlicher recherchiert, als Ben lieb ist: Er weiß von dem Kindesraub und versucht, Ben subtil zu erpressen.

Ben fährt wenig später zusammen mit Keith nach Tunford, um sich Cole anzusehen, ganz unverbindlich. Es wird ein Desaster. Denn Quiley ist ebenfalls auf dem Schrottplatz, und als sich Ben Cole anschaut, sagt Quiley den entscheidenden Satz: Dies (Ben) ist der Mann, bei dem sich nun Stephen, Coles Sohn, befinde. Cole, der große Ähnlichkeit mit Jacob aufweist, aber als Ex-Soldat durchtrainiert und muskulös ist, geht ohne Vorwarnung auf den vermittelnden Keith los und schlägt ihn k.o. Als Cole festgehalten wird, hetzt er seinen Bullterrier auf Ben und Keith. Sie entkommen mit knapper Not. O Mann! Was für ein Irrer! Keith blutet wie ein Schwein, Ben steht unter Schock.

Drei Monate später hat das Jugendamt Ben seinen Sohn weggenommen und zu den Coles gegeben. Alle Proteste fruchten nichts. Der Gipfel der Ungerechtigkeit ist, dass Ben seinen Stiefsohn nur einmal in vier Wochen sehen darf. Beim ersten Besuchstermin öffnet eine lügnerische Schlampe: Sandra Cole. Das kleine Haus sieht ebenso ungepflegt aus wie der Vor- und der Rückgarten – überall Wrackteile vom Schrottplatz. Cole hetzt den Bullterrier wieder auf Ben, der den Zähnen des Hundes entkommt.

Doch Ben lässt zu seiner eigenen Verwunderung nicht locker. Er liebt seinen Sohn, aber er ist auch besessen von der Idee, ihn zurückhaben zu müssen. Cole ist nicht der richtige Vater für ihn, und diese Schlampe von Bardame erst recht keine Mutter. Daher verfällt Ben auf die Methode, die er als Profi-Fotograf am besten beherrscht: beobachten und fotografieren. Wenn das Jugendamt Beweise haben will, dass das Heim der Coles ungeeignet ist, dann soll es auch welche bekommen.

Aus seinem Versteck am Waldrand hinter dem Haus der Coles macht Ben schon bald Besorgnis erregende und verstörende Entdeckungen. Doch er selbst bleibt auch nicht unentdeckt.

_Mein Eindruck_

Dies ist kein Forensik-Krimi wie „Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ und „Leichenblässe“, sondern ein viel früher (1998) entstandener Suspense-Krimi mit Human-Drama-Aspekten. Nicht um die Aufklärung eines Verbrechens geht es, sondern um das Betreuungsrecht für einen autistischen Jungen. Das klingt banaler, als es sich liest. Einen großen Teil der Geschichte macht deshalb die menschliche Seite des Dramas um Jacob alias Stephen aus. Es ist, als würden zwei verschiedene Welten aufeinanderprallen und um Jacob kämpfen.

Es ist dem Leser von vornherein klar, dass die Konfrontation zwischen Ben und Cole nur auf einen Entscheidungskampf hinauslaufen kann. Aber Ben braucht lange Zeit und durchläuft viele Stationen, bis er sich so weit entwickelt hat, dass er den Kampf aufnehmen kann. Er ist nicht nur trauernder Vater, der seine tote Frau nicht verraten will, indem er ihr Vermächtnis – eben Jacob – im Stich lässt. Er ist auch ein Mann, und als solcher für erotische Reize empfänglich.

Es mag peinlich wirken, aber dieser Aspekt wird ganz explizit an Bens Erektionsfähigkeit gemessen. Seit Sarahs Tod kriegt er keinen mehr hoch, und es ist ausgerechnet die sexuell höchst attraktive Sandra Cole, die seinen kleinen Freund wieder zum Leben erweckt. Selbstredend ist dies ein Spiel mit dem Feuer. Aber es erweist sich als notwendig, um dem sturen, gefährlichen John Cole beizukommen.

|John Cole|

John Cole ist neben Ben Murray zweifellos die wichtigste Figur. Kein Wunder, findet der Showdown doch zwischen diesen beiden Vätern statt. Cole ist ein Golfkriegsveteran, der die Erinnerung von den Panzerwracks mit nach Hause genommen hat. Sandra zeigt Ben die entsprechenden Fotos. Cole entwickelte unter dem Einfluss dieser schrecklichen Eindrücke nicht nur eine Besessenheit mit Schrott und Wracks und Unfallopfern – er fährt immer als Erster zu gerade passierten Unfällen auf der Autobahn -, sondern auch eine fixe Idee.

Coles Theorie geht von der Existenz eines „Systems“ aus, in dem alles mit allem anderen verknüpft ist. Das ist zutreffend, denn die Quanten- und Stringtheorien der Physik unterstützen diese Idee, die ansonsten als „Schmetterlingseffekt“ oder „Chaostheorie“ Verbreitung gefunden hat. Da Jacob in Coles eigenem „System“ einen zentralen Baustein darstellt, kann er nicht zulassen, dass man ihn ihm wegnimmt. Sein System würde zusammenbrechen. Dass Jacob alias Stephen ein Autist ist, stellt für Cole nur eine Prüfung seines Glaubens dar: Ist er stark genug, diese Prüfung zu bestehen, oder wird er an dem Frust über Stephens Schweigen zerbrechen?

|Finale|

Wie auch in seinen Forensikthrillern (s. o.) gipfelt der Roman in einem actiongeladenen Finale, das gar nicht recht zu dem Human-Touch-Drama der vorhergehenden Erzählung passen will, die doch stark auf Psychologie Wert gelegt hat. Nachdem John Cole Stephen alias Jacob entführt hat, fährt die Polizei, alarmiert von Ben, schweres Geschütz auf. Eine Hundertschaft umstellt den Schrottplatz, wo sich Cole mit Jacob verschanzt hat. Der Exsoldat hat Todesfallen aufgestellt, und nichts ahnende Cops werden unversehens zu Opfer. Ben sieht nur einen Ausweg: Wenn Cole Ben haben will, den er für den Verursacher all seiner Probleme hält, dann soll er ihn haben. Ben begibt sich in die Höhle des Löwen.

|Der Sprecher|

Johannes Steck legt sich hier wieder richtig ins Zeug. Er versteht es wirklich, die Figuren zum Leben zu erwecken und uns dabei vergessen zu lassen, dass es weder Geräusche noch Musik im Hintergrund gibt. Sein beeindruckendsten Figuren sind die Männer, denn mit seiner Stimmlage fällt es ihm leichter, sie zu porträtieren. Besonders die Figur des John Cole beeindruckt durch die tiefe Tonlage und den bedrohlich kontrollierten Ausdruck. Eher lächerlich wirken der durchtriebene Detektiv Quiley und der schleimige Jugendamtsmitarbeiter Carlyle. Auch der gewandte Anwalt Keith, Bens Freund, tut sich nicht gerade durch Authentizität hervor, sondern wirkt eher windig und listig. Er ist es auch, der Quiley empfiehlt.

Unter den weiblichen Figuren gibt es leider viel weniger Abwechslung. Da ist zum einen Jessica, die abweisende Hebamme, dann die stets bemühte und beflissene Hausfrau und Mutter Tessa, Keiths Ehefrau. Sie spricht in einem sehr hohen Tonfall, den ich Steck überhaupt nicht zugetraut hätte. Auch Bens Assistentin Zoe ist gelungen: stets mürrisch, eine echte Londoner Stadtpflanze. Die Hauptfigur unter den Frauen ist jedoch Sandra Cole, die eine derartige erotische Ausstrahlung vermittelt, dass man um Bens „Jungfräulichkeit“ nur bangen kann.

Hinter diesen markant gezeichneten Figuren tritt der Sprecher zurück, so dass sich der Zuhörer gut unterhalten lassen kann, selbst wenn das erzählte Geschehen noch so erotisch oder grausig ist. Geräusche und Musik würden hier nur stören.

_Unterm Strich_

Der Originaltitel deutet etwas weniger spektakulär als der deutsche Titel an, um was es geht: um den „Besitz“ eines Kindes. Zwei Prinzipien treffen dabei aufeinander: die selbstlose Liebe Ben Murrays einerseits, der das Wohl des Kindes in den Vordergrund stellt, und die selbstsüchtige „Liebe “ John Coles, der Jacob als Baustein seines eigenen Welt-Systems betrachtet und eine Weiterentwicklung des Kindes weder fördert (keine Schule) noch zulässt (er schottet Jacob ab und lässt ihn auf dem Schrottplatz schuften).

Interessant ist dabei das Verhalten des Jugendamtes als Schiedsrichter: Eigentlich soll es dem Kindeswohl dienen, doch es gibt hier schwarze Schafe, die ihr eigenen Süppchen kochen. In einer dramatischen Konferenz kommt alles ans Tageslicht und führt zu einer Krise. John Cole ist unbeweglich in seinem totalen Anspruch auf Jacob. Doch Sandra erweist sich nicht als seine Stütze, sondern steht auf Bens Seite. Das betrachtet er als Hochverrat …

„Obsession“ bedeutet Besessenheit, aber es bleibt dem Leser bzw. Hörer überlassen zu beurteilen, ob diese Besessenheit nicht doch auch etwas Gutes haben könnte. Wenn alles gut ausgeht, kann man immer leicht sagen, dass Ben nur hartnäckig war, es aber Coles Obsession ist, die ihn in Gefahr bringt. Aber es hätte genauso gut Ben sein können, den das Jugendamt wegen seiner „Besessenheit“ bestraft hätte. Eltern dürften sich zweifellos auf Bens Seite stellen wollen, denn Cole ist offensichtlich verrückt. Aber Cole ist auch ein Vater mit entsprechenden Rechten. Vielleicht erzeugt Elternschaft automatisch auch eine Besessenheit, nur dass diese gutartig und notwendig ist: Liebe zu den eigenen Kindern.

|Das Hörbuch|

Johannes Steck versteht es wirklich, die Figuren zum Leben zu erwecken und uns dabei vergessen zu lassen, dass es weder Geräusche noch Musik im Hintergrund gibt. Auch vorm Brüllen und Rufen schreckt er keineswegs zurück. Doch keine Angst: Die Lautstärke bleibt stets im Normalbereich. Diese Lesung ist nicht nur spannend, sondern auch lebhaft und abwechslungsreich.

|Originaltitel: Owning Jacob, 1998
Aus dem Englischen übersetzt von Andree Hesse
472 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-618-5|
http://www.simonbeckett.com/German/home.php
http://www.argon-verlag.de
http://www.rowohlt.de

Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

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Lloyd Alexander – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Die vorliegende Audio-CD ist das erste Hörspiel zu einem der fünf-Taran-Romane überhaupt und verdient deshalb wohl besondere Aufmerksamkeit.

Der Autor

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus „Chroniken von Prydain“:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

Die Sprecher, die Produktion

„Das Buch der Drei“ ist eine Produktion des Südwestrundfunks Baden-Baden aus dem Jahr 2004. Die Hörspielbearbeitung besorgte Andrea Otte, die Musik trug „der deutung und das ro“ bei, Regie führte Robert Schoen.

»Jürgen Hentsch gab schon mal den Herbert Wehner in einem Doku-Drama. Tim Sander spielte bei GZSZ den Lover der Figur, die Jeanette Biedermann spielt. Natalie Spinell ist die Lolita in einem Nabokov-Hörspiel. Michael Habeck spricht Ernie, Barnie Geröllheimer, Harry Potters Dobby, aber auch Danny de Vito. Und Tommi Piper ist besser als die Stimme von ALF bekannt.« (Informationen von |Ciao|-Mitgliedern – danke!)

Erzähler: Jürgen Hentsch

Taran (Waisenjunge): Tim Sander

Eilonwy (Prinzessin): Natalie Spinell (Aussprache: e’lónwi)

Dallben (Zauberer): Rolf Schult (Aussprache: da[stimmloses th]ben)

Coll (Kämpfer): Heinrich Giskes

Fflewdur Fflam (Barde): Jens Harzer (Aussprache: flodjir flam)

Fürst Gwydion (einer der Könige von Prydain): Tommi Piper

Gurgi (Waldwesen): Joachim Kaps

Doli (Zwerg): Michael Habeck (Aussprache: dolí)

Eiddileg (Zwergenkönig): Franz Josef Steffes (Aussprache (e[stimmhaftes th]íleg)

Achren (Zauberin): Anja Klein

Handlung

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hilfshirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Annuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote „Kesselkrieger“ sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern in Spiral Castle, dem Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört, aber Gwydion keineswegs. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

Mein Eindruck

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Das Mabinogi

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht als Hochkönig über einen Großteil von Prydain. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Der Autor vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten. Allerdings muss der junge Hörer auch den gehörnten König dem Fürsten der Unterwelt als Vasallen zuordnen.

Achterbahnfahrt

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden von Wales, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste „Verschönerung der Wahrheit und Wirklichkeit“ erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

Die Feinde

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen Furcht einflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Dass Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit und sich der Gerettete revanchiert, wurde im Hörspiel gestrichen.

Aber auch die Zwerge, das Kleine Volk, dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangennimmt, heißt Achren und ähnelt einer weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander. Doch im Hörspiel wird ihre verführerische Konfrontation Gwydions ganz direkt geschildert. Sie ist offensichtlich ganz schön durchgeknallt.

Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich. Sie ist nicht nur selbst eine Schülerin der Magie – weshalb sie ja ihre Tante Achren besucht -, sondern findet in den Felsenhallen unter dem Spiral Castle ein superwichtiges Zauber- und Königsschwert, Durinwyn. Selbstverständlich wird es eine entscheidende Rolle spielen.

Die Sprecher, die Produktion

Zur Einstimmung beginnt das Hörspiel mit einem keltisch anmutenden, möglicherweise walisischen Volkslied. Es wird noch des Öfteren im Hintergrund angespielt und stammt von einem Duo mit einem bemerkenswerten Namen: „der deutung und das ro“. Dabei handelt es sich um Tobias Unterberg und Robert Beckmann, die bereits die Hörspielproduktion „Schloss Draußendrin“ unterstützten und bei alternativen Bands wie |The Inchtabokatables|, |Milar Mar| oder |Deine Lakaien| mitmischen. Der Zuhörer mit ein wenig Erfahrung in keltisch inspirierter Folk-Musik fühlt sich sofort in selige Zeiten von |Clannad|-Konzerten zurückversetzt. Wo immer man in Irland, Schottland oder Wales als Tourist hingelangt, kann man diese Art von Musik finden. Denn diese ist nicht einfach Touristenattraktion, sondern ein integraler Teil der Identität der keltischen Völker.

Wir sind also schon mal auf der richtigen Baustelle. Dann erklingt das helle „Ping!“ aus der Schmiede von Coll. Sofort entspinnt sich der erste Dialog zwischen Taran, Coll und dem Magier Dallben. Wenig später tragen die Abenteuer Taran hinfort, bis zum glücklichen Ausgang. Mehr darf nicht verraten werden. Doch bei den walisischen Namen sollte man die Ohren spitzen. Sie sind für unsere Hörgewohnheiten doch recht ungewöhnlich. Siehe dazu meine Aussprachehinweise oben.

Die Stimmen der Sprecher finde ich sehr passend und angemessen. Es gibt kein Zögern, keine falschen Töne, so dass die Sätze ganz natürlich klingen und nicht, als hätte man sie ein Dutzend mal geübt. Ich war erstaunt, dass Tommi Piper, der mit einer Fernsehserie in den 70ern oder 80ern bekannt wurde, inzwischen eine derart tiefe und raue Stimme hat, dass er ohne weiteres die Autorität ausstrahlt, die einem Fürsten wie Gwydion gebührt. Am lustigsten ist sicher die Stimme der quicklebendigen Prinzessin Eilonwy, die Taran in Grund und Boden plappert.

Da dies ein Hörspiel ist, gibt es nicht nur Stimmen, sondern auch Geräusche. Dazu gehören grunzende, quiekende Schweine ebenso wie reißende Harfensaiten. Am eindrucksvollsten sind jedoch das Erdbeben unter dem Spiral Castle und die finale Schlacht gegen den Gehörnten König: Blitz und Donner kommen hier in einer beeindruckenden Kombination zusammen. Die Tonregie hat saubere Arbeit geleistet.

Unterm Strich

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. (Das ändert sich in den Folgebänden.) Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette und hilfreiche Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann.

Das Hörspiel, das vom Sender SWR selbst als „Taran und das Zauberschwein“ (der frühere Buchtitel) angekündigt wird, ist eine professionelle Produktion ohne irgendwelche Ausfälle oder Mängel. Vielmehr bereitet die schnelle Abfolge der Begegnungen und Abenteuer unterhaltsame Kurzweil für junge Hörer. Es mag sich aber als hilfreich erweisen, das Buch zu lesen, um die Zusammenhänge ein wenig besser zu durchschauen. Man kann aber alternativ das Hörspiel mehr als einmal anhören und sich so die Zusammenhänge selbst erarbeiten. Denn was dafür nötig ist, ist vollständig vorhanden.

Mein Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“. Auch die Fortsetzung mit dem Titel „Der schwarze Kessel“ ist bereits als Hörbuch-CD erhältlich.
www.luebbe-audio.de

Marklund, Liza – Rote Wolf, Der

Ein gesuchter schwedischer Terrorist kehrt nach 30 Jahren im französischen Exil, wo er für die baskische ETA tötete, in seine alte Heimat zurück, um hier zu sterben. Zur gleichen Zeit beginnt eine Reihe von mysteriösen Morden, die Liza Marklunds Serienheldin Annika Bengtzon, eine Reporterin, neugierig machen. Wenn sie sich mal nicht die Finger an dieser Story verbrennt.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. „Olympisches Feuer“ wurde laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)

Mehr Infos: http://www.lizamarklund.net.

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane:

„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
„Prime Time“,
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
„Studio 6“

gelesen, die alle als Buch und Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.

Winter liest die von Gabriele Gierz gekürzte Fassung. Regie führte Georg Gess.

_Handlung_

PROLOG. Ein alter Mann kehrt aus der Fremde zurück in seine schwedische Heimat, nach Luleå (ausgesprochen ‚lüvleå‘). Vorerst hat er keinen Namen, aber wir erfahren, dass er todkrank ist (Krebs?) und gegen die Schmerzen Morphium nehmen muss. In seinen Albträumen hat er dunkelrotes Blut an den Händen. Er erinnert sich an die glorreiche Zeit vor 30 Jahren, an seine früheren Kameraden in der „Bewegung“. Und unter ihnen an „Roter Wolf“. – Schon bald geschieht ein Mord in Luleå, dann, wenig später, ein zweiter …

HAUPTTEIL.

Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat ihrem Chefredakteur Anders Schümann erfolgreich eine neue Serie „verkauft“: Sie will unaufgeklärte Terroranschläge zum Thema machen. Die neue, faktenorientierte Ausrichtung des Blattes, für die Schümann verantwortlich zeichnet, erlaubt es ihr.

Als sie hoch im Norden in Luleå ankommt, ist ihr Kontaktmann tot: Benni Ekland wurde am selben Morgen von einem Auto überfahren, offenbar war es ein Unfall, glaubt die Polizei. Annika wollte mit dem Reporter von der Lokalzeitung ihre Aufzeichnungen kollegial austauschen. Nun erfährt sie überrascht, dass er seinen Artikel bereits am Freitag zuvor veröffentlicht hat, und auch noch mit Infos und Formulierungen, die von ihr stammen. Saubere Arbeit, denkt sie zynisch.

Sie waren beide am gleichen Thema dran: Vor 30 Jahren erfolgte in der Nacht zum 18. November 1969 ein Anschlag auf den Fliegerhorst Norrbottn. Ein Militärflugzeug vom Typ F-21 flog in die Luft, angeblich nachdem jemand einen Eimer Restbenzin angezündet hatte. Dabei kam ein Mann ums Leben, ein zweiter wurde verletzt. Wie unwahrscheinlich diese Ursache wirklich ist, erfährt Annika nicht vom Pressesprecher des Fliegerhorstes.

Und es waren wohl auch nicht die Russen, wie er behauptet, sondern eine linke maoistische Splittergruppe, wie ihr Kommissar Suub erzählt. Deren Kopf operierte wie alle Gruppenmitglieder unter einem Decknamen; seiner war „Ragnvald“: das isländische Wort für den „Beherrscher göttlicher Mächte“. Er ging später erst nach Uppsala, kam zurück und verließ nach dem F-21-Anschlag das Land, um sich der baskischen Separatistengruppe ETA anzuschließen. Ragnvald ist offenbar Bombenspezialist.

Der Kommissar erzählt ihr dies nur, weil ihm Annika berichtet, was sie von einem jungen Augenzeugen des „Unfalls“, der ihrem Kollegen Ekland zugestoßen war, erfahren hatte. Ekland wurde von einem Mann in einem schweren Volvo mehrfach überfahren und praktisch zermalmt. Es war kaltblütiger Mord. Am Tag nach der Zeitungsveröffentlichung dieser Erkenntnis wird dem Augenzeugen, dem Jungen Linus Gustafsson, die Kehle durchgeschnitten. Annika ist von schweren Schuldgefühlen geplagt. Ihre Klaustrophobie kommt unter seelischem Stress immer stärker zum Ausbruch, wobei sie imaginäre Stimmen hört, die sie trösten wollen.

Hat die neuerliche Mordserie etwas mit dem F-21-Anschlag vor dreißig Jahren zu tun und mit Eklands Artikel darüber? Wenn ja, dann schwebt auch Annika in Lebensgefahr, die sich nun auf die Spur des Terroristen Ragnvald und seiner Freundin „Roter Wolf“ gesetzt hat, obwohl es ihr der Chefredakteur ihres Blattes verboten hat. Er glaubt nicht an Terroristen in Nordschweden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Doch Annika hat Recht: Ein Mitglied von Ragnvalds Maoistengruppe nach dem anderen findet einen unnatürlichen Tod. In einem alten verstaubten Archiv stößt Annika auf ein brisantes Bild: Es zeigt Ragnvald neben einer jungen Frau, wie sie im November 1969 ihre Hochzeit proben. Die junge Frau ist Karina Björnlund, die gegenwärtige Kultusministerin …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Liza Marklund in Gestalt ihrer Serienheldin Annika Bengtzon ein heißes Eisen an: die früheren linken Splittergruppen der sechziger Jahren, deren Mitglieder dann entweder Normalos wurden oder in den terroristischen Untergrund gingen. Nach dreißig Jahren ist der Spuk aber nicht vorbei, sondern geht in Luleå von neuem los. Lange Zeit ist unklar, ob wirklich „Ragnvald“, mit bürgerlichem Namen Göran Nilsson, hinter der neuen Mordserie steckt – oder ob nicht ein Trittbrettfahrer sich die Rückkehr des alten Leitwolfs zunutze macht, um alte Rechnungen zu begleichen. Daher bleibt die Handlung auch bis zum Finale spannend.

|Zweites Finale|

Aber es gibt noch ein zweites Finale. Dieses schließt einen zweiten Handlungsstrang, der in meiner Inhaltsangabe nur angedeutet wird. Hier steht Chefredakteur Anders Schümann im Mittelpunkt. Sein Herausgeber und Verlagseigner Wennargren bietet ihm einen Karrieresprung an: Schümann könnte Vorsitzender des mächtigen Verlegerverbandes werden und in dieser Position die Medienpolitik der schwedischen Regierung im Sinne Wennargrens beeinflussen.

Und das ist auch dringend nötig, denn die Amerikaner drängen mit aller Macht auf den schwedischen Markt, indem sie digitales Fernsehen forcieren, das im gesamten Skandinavien zu empfängen wäre, würde es die Regierung, sprich: Björnlund, ohne Vorbehalte erlauben. Doch genau diese Vorbehalte spielt den beiden nun Annika Bengtzon in die Hand, ohne es zu ahnen: Die Tatsache, dass Björnlund eine Art „Terroristenbraut“ war, macht sie erpressbar. Schon bald stößt Annika in Björnlunds (öffentlich zugänglichen!) Briefwechsel auf seltsame Botschaften – nicht nur von einem „Gelben Drachen“ (= Ragnvald), sondern auch von Herrn Wennargren.

Im Finale dieses Handlungsstrangs hauen sich Schümann und Bengtzon gegenseitig die jeweiligen Verfehlungen um die Ohren. Schümann hat die Regierung manipuliert, doch Annika hat ihrerseits ihre journalistische Freiheit missbraucht, um die Geliebte ihres Mannes zu diffamieren und um den Job zu bringen.

|Drittes Finale|

Und so kommt es im dritten Handlungsstrang denn auch zu einem weiteren Finale. Das nimmt nicht die Form eines lautstarken Ehekrachs an, sondern vollzieht sich quasi heimlich, still und leise. Annika hat aus ihren Beziehungen gelernt. Sie hat zwei wunderbare Kinder, die sie liebt und die sie ihrerseits lieben. Doch Thomas ist frustriert über Annikas häufige dienstliche Abwesenheiten, gerade an Wochenenden. Daher kommt ihm ein weiches Weibchen, das ihn verwöhnt, gerade recht: Sofia Grenburi ist eine Kollegin, die er fast täglich in seinem Landtagsverband sieht.

Allerdings ist er so verschossen in sie, dass er auf der Straße unvorsichtig wird, wo ihn Annika eines Tages voll Entsetzen in den Armen einer anderen sieht. Der Schock sitzt tief, und sie weint sich bei ihrer besten Freundin Anne Snapfane (aus „Prime Time“) aus. Doch Anne geht es selbst nicht so gut, denn die Regierung unter Björnlund will ihren Sender |TV Scandinavia| praktisch dichtmachen. (Wir wissen, warum.) Annika kriegt auch diesmal die Kurve und packt den Stier bei den Hörnern. Drei Anrufe einer neugierigen Journalistin beim Landtagsverband genügen und Sofia Grenburri ist als rechtsextreme Steuerhinterzieherin und Betrügerin gebrandmarkt.

|Ergo|

Das wiederum bringt Annika zwar ihren Thomas zurück, spielt aber Schümann einen Trumpf gegen sie in die Hand (Sofias Vorgesetzte haben sich bei ihm über Annika beschwert). In dem beschriebenen zweiten Finale stellt Annika ihn vor eine schwere moralische Entscheidung: Entweder er geht den von Wennargren vorgezeichneten Weg die Karriereleiter hinauf und erpresst Björnlund weiterhin – oder er bringt Annikas Hintergrundartikel mit der Wahrheit über Björnlund, die Maoistengruppe und den wahren Mörder in Luleå. Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Natürlich gibt es noch ein viertes Finale, in dem sich Annikas Konfrontation mit dem Serienmörder von Luleå abspielt, doch es wäre wirklich fies, irgendetwas darüber zu verraten.

|Nobody like you|

Thomas erkennt aufgrund des Artikels im „Abendblatt“, mit welch einer einzigartigen Ehefrau er gesegnet ist: „Es gibt einfach niemanden, der so ist wie Annika.“ Na, das ist doch schön, wenn ein Ehemann das erkennt, nachdem er fremdgegangen ist! Doch wir wundern uns von Anfang an, ob es nicht vielmehr auch die Stimmen in Annikas Kopf sind, die sie so einzigartig machen. Mehrere Male ist Annika nahe dran, aufzugeben und sich wie zu einem Fötus zusammenzukauern, weil die Gewalt, die sie bedroht, so unüberwindbar und überwältigend erscheint. Dann melden sich die Stimmen, die sie trösten und verwirren: Sie singen von Sommerabenden und Blumen und wie schön es in ihrer Jugend war, als sie die Großmutter (die in „Paradies“ starb) besuchte.

Annika muss sich immer selbst zur Ordnung rufen, um dem Sirenengesang Einhalt zu gebieten und der äußeren Welt Widerstand zu leisten. Da Annika wahrlich einzigartig zu sein scheint, ist anzunehmen, dass eine Reihe von Frauen es nicht schafft, diesen Widerstand zu leisten. In „Studio 6“ erzählte Marklund von zwei Frauen im Sexgewerbe, denen dies nicht gelang.

Annika, keineswegs der Übermensch, hat aber auch Angst vor „dem Tunnel“. Es blieb mir im ganzen Hörbuch unklar, ob ein bestimmter Tunnel gemeint ist, denn ich kenne „Olympisches Feuer“ nicht. Oder ob mit „dem Tunnel“ beziehungsweise „dem Tunnelblick“ ein ähnliches Angst- und Stressverhalten wie bei den Stimmen gemeint ist. Der „Tunnelblick“ ist ein allgemein bekanntes Phänomen, das beispielsweise bei Wut und Übermüdung auftritt. Deshalb wäre es vielleicht nützlich, doch das Buch zu lesen.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt allerdings nicht. Glücklicherweise ist Schwedisch nicht so schwierig wie das Walisische. 😉

So etwas wie Musik ist zwar ebenfalls zu hören, aber es handelt sich lediglich um einen einzelnen, bedrohlich klingenden Basston, der Anfang und Ende einer CD begrenzt. „Musik“ würde ich das nicht nennen.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Marklund ein wirklich packendes Abenteuer ihrer Heldin Annika Bengtzon vor. Sie zeigt auf, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, sondern im Gegenteil einen langen Schatten wirft, der bis heute und in höchste Regierungskreise reicht. Welche Konsequenzen dies haben kann, zeigt die Medienpolitik auf, die Marklund von innen heraus kennt. Aber auch für Annika erweisen sich die Folgen der Rückkehr eines früheren Terroristen als verhängnisvoll – besonders dann, als sie trotz Pflicht- und Schuldgefühlen nicht aufhören will, den Spuren auf den Grund zu gehen.

Auch diesmal macht Judy Winter das Marklund-Hörbuch zu einem Hörereignis erster Güte. Dies macht sich am eindrücklichsten in jener klaustrophobischen Szene bemerkbar, als Annika mit den anderen Ex-Mitgliedern von Ragnvalds Gruppe in einem eiskalten, stockdunklen Häuschen aus Beton eingesperrt ist – und den anderen Anwesenden nacheinander die Sicherungen durchbrennen. Annika hat größte Mühe, nicht ebenfalls in Panik auszubrechen und aufzugeben. Denn das wäre ihr Ende im Kältetod. Diese Szene ist unvergesslich; das ist größtenteils Winters Verdienst.

|Umfang: 443 Minuten auf 6 CDs|

Larsson, Åsa/Asa – Bis dein Zorn sich legt

_Tödliches Geheimnis unterm Eis_

Ein unbeschwertes Liebespaar: Im Sommer haben sie beim Tauchen ein Flugzeugwrack entdeckt. Jetzt ist der Vittangjärvi-See zugefroren. Niemand stört sie, als sie ein Loch in das dicke Eis sägen und sich in die Tiefe hinunterlassen. Niemand? Plötzlich ein geisterhafter Schatten: Die Markierungsleine wird gekappt, die Öffnung ins Freie durch eine Holztür versperrt. Die beiden haben keine Chance.

Die Polizistin Rebecka Martinsson übernimmt den Fall. Schnell wird klar, dass das Paar einem Geheimnis auf der Spur war. Das Flugzeug ist nämlich eine deutsche Junkers aus dem II. Weltkrieg. Was mag sie wohl bergen? Rebecka entdeckt ein gefährliches Netz aus Schuld, Angst und Verrat, in das die Bewohner ihres Heimatortes verstrickt sind. Und eine Geschichte, die nicht vergehen will.

_Die Autorin_

Åsa Larsson wurde 1966 in Kiruna geboren. Sie arbeitete als Steueranwältin, bis sie beschloss, Autorin zu werden. Mit ihrem ersten Krimi „Sommersturm“, der 2003 ausgezeichnet wurde, machte sie in Schweden Furore. Der zweite Roman „Weiße Nacht“ erhielt den Schwedischen Krimipreis 2004 und stand lange auf der Bestsellerliste.

Mehr von Åsa Larsson auf |Buchwurm.info|:

[„Weiße Nacht“ 3918
[„Der schwarze Steg“ 4919

_Die Sprecher_

Nina Petri gab ihr Schauspieldebüt in der TV-Serie „Rote Erde“ und war seitdem in vielen Erfolgsfilmen zu sehen, unter anderem in „Lola rennt“ und „Emmas Glück“. Sie wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Ulrike Grote spielte nach der Schauspielausbildung im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und an der Wiener Burg. Seit 2001 ist sie in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, wie etwa „Das Kanzleramt“ und „Tatort“. Seit 2003 arbeitet sie auch als Regisseurin. Für ihren Kurzfilm „Ausreißer“ gewann sie 2005 den Internationalen Studenten-Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film; ein Jahr später erhielt der Kurzfilm eine Oscar-Nominierung.

Stephan Schad, 1964 in Pforzheim geboren, lernte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Danach spielte er auf verschiedenen deutschen Bühnen und gehört seit 1998 dem Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters an. Außerdem arbeitet Schad für Film und Fernsehen sowie als Sprecher. Für |Hörbuch Hamburg| hat er unter anderem von Alan Weisman „Die Welt ohne uns“, von Rolf Lappert „Nach Hause schwimmen“ (mit Peter Jordan) und von Anna Gavalda [„Alles Glück kommt nie“ 5414 (mit Nina Petri) gelesen.

Bei den Aufnahmen in den Eimsbütteler Tonstudios führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Dies erfahren wir von dem schwebenden Geist, der uns die Geschichte erzählt …

Am 9. Oktober fahren sie, die 17-jährige Wilma, und ihr Freund Simon, 18, zu dem zugefrorenen See, um zu tauchen. Sie vermuten, dass im See das Wrack eines deutschen Flugzeugs der Wehrmacht liegt, das vom schwedischen Kiruna nach Norwegen wollte. Das Wrack liegt zwar in nur 17 Metern Tiefe, aber dort unten ist es stockdunkel, findet Wilma.

Nur die Sicherheitsleine verbindet sie und den ins Wrack tauchenden Simon mit Licht und Luft. Sie haben die Leine an einem Holzkreuz befestigt, das über dem Luftloch in der Eisdecke liegt. Plötzlich merkt sie, dass die Leine schlaff wird und zu ihr herunterfällt. Als sie auftaucht, liegt eine Tür über dem Luftloch und jemand steht darauf. Ihr geht der Sauerstoff aus, als der Atemregler vereist. Welcher Wahnsinnige hat ihr den einzigen Ausgang zum Leben versperrt?

Es ist Donnerstag, der 16. April, als Östen Marjavaara aus dem Eisloch im Fluss Wasser holen will und eine Leiche entdeckt. Sie steckt in einem Taucheranzug. Östen alarmiert die Polizei. Staatsanwältin Rebecka Martinsson ist in ihr Elternhaus in der Heimat zurückgekehrt und schläft wie ein Murmeltier. Bis sie um vier Uhr morgens von einem jungen Mädchen geweckt wird, dem Wasser aus Mund und Nase läuft. Es sagt: „Es war kein Unfall, ich bin nicht im Fluss gestorben, er hat mich hingetragen.“ Dann läuft die Gestalt weg. Rebecka erwacht. Nur ein Traum.

Am nächsten Tag steht Rebecka neben den zwei Polizisten Sven Erik Skolnake und Annamaria Mälla. Die Leiche der jungen Frau sei schon ziemlich angeknabbert, lag also schon lange im Wasser. Das Auto der Taucherin habe man gefunden, aber man vermisse noch ihren Begleiter. Seltsam ist nur, dass der Tank fast leer ist. Die Taucher hätten es nicht mal bis zur nächsten Tankstelle geschafft. Mälla benachrichtigt die achtzigjährige Anni, die Urgroßmutter Wilma Perssons. Rebecka erfährt bei der Obduktion, dass sich unter Wilmas Fingernägeln grüne Lackreste befinden. Als ob sie an lackiertem Holz gekratzt hätte. Der Gerichtsmediziner ist erstaunt, als sie ihn fragt, ob er feststellen könne, ob Wilma woanders als im Fluss gestorben sei. Eine Woche später kann er dies bestätigen: Wilma starb in einem See.

Von ihrem Nachbarn erfährt Rebecka , dass im Dorf, wo Wilma bei Anni lebte, die Fuhrunternehmerfamilie Kräkola eine despotische Herrschaft ausübe. Doch vor einer Woche habe Isaak, der Patriarch, einen Herzinfarkt erlitten. Von Anni erfährt Annamaria Mälla, dass Wilma eine Verwandte der Kräkolas war und sie des Öfteren besuchte. Doch die Kräkolas sind auf „Bullenbräute“ wie Annamaria überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie zerstechen ihre Reifen und klauen ihr Handy. Rebecka verbietet ihr, Rache zu üben, sondern schaltet die Medien ein. Ein Mann meldet sich, der eine Tür auf dem Eis des Sees gesehen hat. Kein Wunder: Sie wurde ihm geklaut.

Silfors gibt ihnen den Hinweis auf Jörleifur Arnasson, einen Einsiedler, der am See lebt. Vielleicht habe der was gesehen oder gefunden? Arnasson stellt sich als freundlicher Ökobauer heraus, der einen süßen Hund hat. Doch ob er mit der Polizei reden will, weiß er noch nicht. Als sie am nächsten Tag wiederkommen, liegt Arnasson tot auf dem Boden seiner Hütte. Alles wurde so arrangiert, dass es wie ein Unfall aussieht. Doch Rebecka und Annamaria fallen mehrere Ungereimtheiten auf.

Jemand will nicht, dass sie die Wahrheit über und den wahren Grund für Wilmas und Simons Tod herausfinden. Und derjenige geht dabei über Leichen, um sein schreckliches Geheimnis zu hüten …

_Mein Eindruck_

In einer kunstvollen verschlungenen Abfolge von realer Gegenwart, Geisterpräsenz und zahlreichen Rückblenden bis ins Jahr 1943 entfaltet die Autorin vor dem geistigen Auge des Lesers (und Hörers) ein Panorama von Beziehungen sowie ein Drama der verhängnisvollen Verstrickungen. Die beiden ahnungslosen Taucher rühren an ein Geheimnis, das niemals das Licht des Tages erblicken darf.

Denn es bedeutet die bleibende Schande über eine ganz bestimmte Familie, eine ganz bestimmte Frau. Die Schande besteht vor allem in der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht und Angehörigen der SS während der letzten Jahre des II. Weltkriegs. Damals kollaborierten Schweden aus Kiruna mit den Deutschen aus Profitgier gegen die norwegische Widerstandsbewegung.

Nicht nur wiegt die Schuld am Tod der Widerständler und Flüchtlinge schwer auf dem Gewissen der Frau. Die Furcht vor den Folgen der Entdeckung ihres Geheimnisses wiegt noch viel schwerer und veranlasst sie zu Kurzschlussreaktionen. In der Folge müssen ihre beiden Söhne, die selbst in Schuld verstrickt sind, dafür büßen, indem sie immer wieder dafür sorgen, dass das Geheimnis unentdeckt bleibt.

Als Rebecka Martinsson und Annamaria Mälla in der Vergangenheit des Dorfes am See stochern, stechen sie in ein Wespennest. Schließlich geraten sie aus der Schusslinie mitten ins Visier der Mörder. Es kommt zu einem packenden und zugleich tragischen Finale an den Ufern des verhängnisvollen Sees. Mehr darf nicht verraten werden.

Zugleich ist dies wieder mal eine Geistergeschichte, wie schon „Der schwarze Steg“. Der Geist der toten Wilma Persson erzählt uns von ihrem traurigen Geschick. Doch zugleich greift der Geist der Ungerächten ins Geschehen ein, indem er sich den Schlüsselfiguren zeigt und an ihr Gewissen appelliert. Wilma verkörpert nicht nur das schlechte Gewissen, sondern auch den Schrei nach Gerechtigkeit, auf dass ihr schändlicher Tod (und der ihres Freundes Simon) endlich gesühnt werde.

Der Autorin gelingt durch die Schichtung der Zeitebenen und des Berichterstatter-Ensembles – sie braucht nicht weniger als drei – ein Gewebe aus Beziehungen, das sich aus vereinzelten Anfängen entwickelt und bis zu einer Krise verdichtet: Etwas muss nachgeben. Doch welche Figur das sein wird, ist noch völlig offen. Besonders gefiel mir die Darstellung des Hjalmar Kräkola, eines unterdrückten Mathematikgenies aus der Provinz. Auf schicksalhafte Weise an seinen kriminellen Bruder Tuure gekettet, strebt er nach Ausbruch, doch stets gibt er den Befehlen seiner Mutter und seines Bruders nach. Gibt es für ihn eine Hoffnung auf Freiheit?

|Die Sprecher|

Nina Petri, die für die Gegenwart und die realistische Schilderung zuständig ist, beschreitet einen Mittelweg aus kontrolliertem Sprechen und emotionaler Aufladung dieses Sprechens in bestimmten Situationen, so etwa besonders in heiteren Szenen. Die Charakterisierung durch besondere stimmliche Charakteristik ist Petris Stärke hingegen nicht. Nicht jeder kann ein Rufus Beck sein.

Ulrike Grotes Stärke ist die Umsetzung von Emotionen in Sprechweisen. Ihr fällt es leicht, eine Figur durch die Art, wie sie sich ausdrückt und in bestimmen Situationen verhält, zu charakterisieren. Sie ist zuständig für die Szenen, in denen die Person und der Geist von Wilma Persson auftritt.

Stephan Schad ist für die Rückblenden auf Hjalmar und Tuure Kräkola zuständig. Dabei erzählt er vor allem jene folgenreiche Episode im Jahr 1956, als Hjalmar seinen jüngeren Bruder Tuure „verlor“, wie man ihm danach vorwarf, obwohl doch in Wahrheit Tuure sich von ihm getrennt hatte. Alle weiteren Szenen zwischen den zwei Brüdern werden von Schad vorgetragen, durchaus angemessen und mit einem rechten Maß an Realismus, Innenschau und Emotion. Schad ist ein guter Erzähler mit einem Timbre in der Stimme, das mich gefesselt hat.

_Unterm Strich_

Die Wahrheit aufzudecken ist gefährlich. Das müssen die Staatsanwältin und ihre Polizisten immer wieder erfahren, als sie den mysteriösen Fall der toten Eistaucherin lösen wollen. Denn dies geht nur durch das tiefe Graben in der fernen Vergangenheit vor 60 Jahren, als hier in der Ödnis der Bergbaulandschaft um Kiruna deutsche Soldaten und SS-Offiziere Jagd auf norwegische Widerständler und dänische Flüchtlinge machten – unterstützt von schwedischen Kollaborateuren.

Ist dies ein Geheimnis, für das noch heute gemordet werden muss? Rebecka Martinsson will es herausfinden. Doch wer nun einen Thriller nach dem Vorbild von Dan Browns „Meteor“ oder Indridasons „Gletschergrab“ erwartet, ist auf dem Holzweg. Die Autorin Larsson verfügt über ganz andere Stärken und hat ein ganz anderes Interesse als die genannten Herren. Dennoch ist das Finale ebenso spannend und dramatisch.

|Das Hörbuch|

Die Sprecherin Ulrike Grote verleiht den Szenen ihre emotionale Tiefe und erweckt die Figuren zum Leben, indem sie möglichst emotional vorliest. Zum Glück nicht so, dass sie übertrieben wirkt, sondern so, dass sie hinter den Figuren zurücktritt. Nina Petri ist für die realistischen Szenen aus der Gegenwart zuständig, und Stefan Schad nimmt sich des Blickwinkels von Hjalmar Kräkola an.

Diese Aufteilung mag zwar ein wenig teurer als der standardmäßige Einfrau- oder Einmannerzähler gewesen sein, wertet das Hörbuch aber fast schon zu einem Hörspiel auf, denn es gilt ja, verschiedene Rollen zu interpretieren. Ich fand diesen Wechsel fesselnd, denn er hielt ständig meine Aufmerksamkeit wach und hielt mich dazu an, die anderen Blickwinkel zu beurteilen. Eine Geschichte, die sich über 60 Jahre erstreckt, erfährt viele Interpretationen, und das meiste wird verschwiegen. Das Erzählen bedeutet also auch Entdecken. Und das fand ich spannend.

|Originaltitel: Till dess din vrede upphör
Originalverlag: Albert Bonniers Forlag, Stockholm 2008
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
301 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-641-1|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.asa-larsson.de

Raymond Jean – Die Vorleserin (Lesung)

Nur wenige kennen jenen verschmitzt-erotischen Film von Michel Deville aus dem Jahr 1988: „Die Vorleserin“. (Der Film wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet.) Aber er ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann. Denn Liebe und Lesen sind Verwandte: Beide stellen eine Reise dar, sagt Raymond Jean in seinem Werk, gleichgültig, ob es sich um Film, Buch oder – wie hier – um Hörspiel handelt.

Der Autor
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Doyle & MacNeile – Das Haus mit den Zwingern (Sherlock Holmes Folge 38)

Gestörte Idylle im Pfarrhaus

Die junge Miss Nancy Millington wird in der Baker Street 221b vorstellig, da sie sich Sorgen wegen ihrer neuen Nachbarn macht, welche nicht nur ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legen, sondern vor allem eine Reihe Hundezwinger auf dem weitläufigen Grundstück aufgestellt haben … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 12 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.
Doyle & MacNeile – Das Haus mit den Zwingern (Sherlock Holmes Folge 38) weiterlesen

TKKG – Attentat am Gämsengrat (Folge 220)

Die Handlung:

Die Klasse 9b befindet sich auf Abenteuerwoche in den Tiroler Alpen. Zwar steckt Tim, Karl, Klößchen und Gaby noch das Wildbach-Rafting vom Vortag in den Knochen, aber dennoch wollen sie heute die Gamsspitze erklimmen. Auf dem Weg nach oben setzen sich die vier von ihrer Klasse ab und beobachten in der Ferne einen Kampf zwischen zwei Gestalten. Hat die eine die andere gerade vom Berggrat gestoßen? Sind TKKG also Zeugen eines Attentats geworden? Bevor sie dem auf den Grund gehen können, bricht plötzlich ein Unwetter über sie herein und TKKG sitzen im strömenden Regen auf dem Berg fest. Ein Blitz zuckt am Himmel, ein Schuss gellt durchs Gebirge und ganz in der Nähe kämpft sich ein Mann mit blutender Schläfe auf TKKG zu… ( Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nach „Terror“ kommt jetzt „Attentat“, die „erwachsenere“ Schiene der beiden TKKG-Serien meints offenbar echt ernst … auch wenn der Reim im Titel eher lustig und ein Zungenbrecher ist. Der Klappentext lässt aber wenig Spaßiges erahnen, sondern einen echten Krimi. Mit Blut und Opfern und physischer Gewalt. Auf der Alm gibts wohl doch Sünde … na dann mal ab in Alpen um nachzuschauen.

TKKG – Attentat am Gämsengrat (Folge 220) weiterlesen

Perry Rhodan – Die Hyperseuche (Silber Edition 69)

Die Handlung:

Es beginnt scheinbar harmlos: Menschen der Erde ändern plötzlich ihren Charakter, viele widmen sich nur noch ihren Hobbys und lassen ihre Arbeit einfach liegen. Andere, bisher schlaff, stürzen sich mit Feuereifer hinein. Das ist die erste Phase der sogenannten Psychosomatischen Abstraktdeformation (PAD), einer Seuche, die von der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum eingeschleust wurde. Die zweite Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass Milliarden terranische Siedler den Zwang verspüren, ihre Urheimat wiederzusehen. Gleichzeitig verfallen andere Völker, wie die Haluter, einem Aggressionsdrang, der einen galaktischen Krieg heraufzubeschwören droht. Die dritte und letzte Phase ist tödlich. Um die gesamte Galaxis vor dem Aussterben zu bewahren, muss Perry Rhodan ins Paralleluniversum zurückkehren und seinen Gegenspieler eigenhändig töten … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nachdem ANTI-ES in der ersten Silberlesung nicht wirklich erfolgreich mit dem Versuch war, Perry in einem Anti-Universum stranden zu lassen, lässt sich die Superintelligenz etwas Neues einfallen. Lustig klingts ja, wenn die plötzlich zuerst auf der MARCO POLO auftretenden Bewusstseinsveränderungen „Hobbyseuche“ genannt wird. Aber das fanatische Konzentrieren auf eine bestimme Sache kann schnell fatal werden … das merken einige schon früh.

Perry Rhodan – Die Hyperseuche (Silber Edition 69) weiterlesen

John Sinclair – Ninja-Rache (Teil 2 von 2, Folge 148)

Die Handlung:

In der Hostessenbar der Mama-san Reika Hasegawa waren Suko und ich dem „Club der Weißen Tauben“ in die Falle gegangen! Seine Anführerin Amenouzume hetzte uns ihre seelenlosen Tengus auf den Hals, damit ihr Verbündeter, der Ninja-Dämon Shimada, freie Bahn hatte – für den letzten Kampf gegen unsere Freunde Shao und Yakup Yalcinkaya! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Taschenbuchs mit der Nummer
121 gemacht, das erstmalig am 9. April 1991 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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Hoffman, Jilliane – Vater unser (Lesung)

_Bin ich ein Monster oder bloß unzurechnungsfähig?_

Mord in Miami. Der Täter: Der angesehene Chirurg Dr. David Marquette. Die Opfer: seine Frau und seine drei kleinen Kinder. Ist der Familienvater psychisch krank – oder hat er kaltblütig gemordet? Ist er womöglich ein lang gesuchter Serienkiller? Staatsanwältin Julia Valentine will die Wahrheit herausfinden, gegen alle Widerstände. Und die lauern auch in ihrer eigenen Vergangenheit … (Verlagsinfo)

_Handlung_

In der Notrufzentrale von Coral Gables bei Miami nimmt Georgia Adams den Hörer ab. „Helfen Sie uns bitte!“, fleht die Stimme eines Mädchens sie an. „Er kommt zurück.“ Dann Stille. Georgia hat die Nummer gespeichert und ruft zurück – vergeblich. Sie schickt die Polizei zu der Adresse von Dr. David Marquette. Als Pete Colonna vor dem bezeichneten Haus steht, sieht alles in Ordnung aus: eine herrschaftliche Villa. Aber auf seine Rufe antwortet niemand. Nach fünf Minuten bricht er ein, und die Alarmanlage geht los. Als er und Sergeant Deamus in den ersten Stock gehen, entdecken sie schließlich die Blutspritzer auf dem Teppichboden – und dann die Leichen … Colonna erleidet einen Nervenzusammenbruch.

|Julia|

Staatsanwältin Julia Valentiano wird am Montag ins Büro von Charlie Rifkin gerufen, den Bezirksstaatsanwalt von Dade County, Miami, zuständig für Kapitalverbrechen. Dessen Stellvertreter, Julias Lover Ricardo Bellido ist schon da. Sie berichten ihr von dem, was Pete Colonna vorfand: David Marquettes Frau Jennifer und ihre drei kleinen Kinder wurden ermordet und Dr. Marquette selbst so schwer verletzt, dass er nun auf der Intensivstation liegt.

Bellido, der für den Fall zuständig ist, hält Marquette für den Tatverdächtigen. Julia soll helfen, ihn festzunageln und vor Gericht zu stellen. Sie ist verblüfft. Während er einerseits ihre Leistungen lobt, sie andererseits unter Zeitdruck setzt, verteidigt er seine Wahl gegenüber Rifkin. Julia will sich diese Chance, ihre Karriere zu fördern, nicht entgehen lassen und sagt zu.

Am Tatort hält Kommissar Steve Bryll Julia für eine Praktikantin – sehr erbaulich! Die Tatorte im ersten Stock jagen Julia das kalte Grauen ein und sie kommt sich vor wie in einem Horrorfilm. Jennifer Marquette wurde erst mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und dann mit 32 Stichen getötet. Zwischen zwei und 4:30 Uhr in der Nacht. Eigentlich hätte Dr. Marquette auf einem Ärztekongress in Orlando sein sollen; warum war er zu Hause? Detective John Laterino hat jede Menge offener Fragen und sät Zweifel. Dann die toten Kinder …

Julia wird es speiübel und muss eine Pause machen. John Laterino begründet seinen Verdacht gegen Dr. Marquette vor allem damit, dass es keinerlei Einbruchsspuren gibt. Die Alarmanlage war aktiviert. Marquette wurde in der Badewanne gefunden, mit zahlreichen Stichwunden. Ein Selbstmordversuch, meint John Laterino. Schon bald sind er und Julia per Du.

|Festnahme|

Kurz nachdem David Marquette auf der Intensivstation aufgewacht ist, veranlassen seine Eltern alles Nötige, um ihn in ein Krankenhaus in Chicago verlegen zu lassen. Das muss unbedingt verhindert werden, befiehlt Bellido. Julia reicht einen Antrag ein, Marquette festzunehmen, und Richter Irving Katz veranlasst alles Nötige. Sein Anwalt Mel Levinson legt vergeblich Beschwerde ein. Marquette wird in eine geschlossene Klinik verlegt.

Julia hat 180 Tage Zeit, um ihn rechtskräftig vor Gericht zu stellen und verurteilen zu lassen. Schnell sind 20 davon verstrichen. Besuche bei Marquette bringen nichts: Er ist apathisch, nicht ansprechbar. Auf Druck von Marquettes Vaters, eines Neurologen, beantragt Verteidiger Levinson, Marquette als unzurechnungsfähig anzusehen und ihn als schuldunfähig freizusprechen. Allerdings gilt in Florida: Alle sind als geistig gesund anzusehen, es sei denn, das Gegenteil kann bewiesen werden und der Täter nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Levinson behauptet, Marquette sei schizophren. Er sei bereits in Chicago in der Psychiatrie gewesen.

Bellido veranlasst, dass Laterino und Bryll Beweise für das Gegenteil herbeischaffen. Er selbst könnte zum nächsten Generalstaatsanwalt von Florida gewählt werden und muss diesen Fall gewinnen. Außerdem müssen Levinson und Julia entsprechende Gutachter aussuchen. Bellido will Christian Barracat für diese Aufgabe.

|Schatten der Vergangenheit|

In Julia kommen zunehmend ihr Zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit – und ob dieser Fall das Richtige für sie ist. Ihre Pflegeeltern, die sie großgezogen haben, raten ihr dringend ab. Aber sie schweigen hartnäckig darüber, wer am Tod ihrer Eltern schuld ist ist. War es wirklich ihr Bruder Andrew, der sie umbrachte? Und wo lebt er jetzt? Bei ihrer Ermittlung in der Vergangenheit ihrer Familie stößt Julia auf ein finsteres Geheimnis: Ihr Vater war schizophren, ihr Bruder ist es auch – und sie fühlt sich in letzter Zeit auch nicht so gut …

_Mein Eindruck_

Jeder Justizthriller funktioniert auf zwei Ebenen: auf der der juristischen Ermittlung und dem Prozess sowie auf der menschlichen Ebene. Letztere beeinflusst den Verlauf des Prozesses und seiner Vorbereitung und das ist auch der Fall bei Julia Valentiano. Ihre Haltung gegenüber David Marquette wandelt sich, erschüttert von der Begegnung mit ihrem Bruder, von Ablehnung hin zu Verständnis. Damit verrät sie allerdings die knallharte, karriereorientierte Haltung von Ricardo Bellido und seinem Chef Charlie Rifkin. Als sie ihren eigenen (!) Gutachter in eine Falle tappen lässt, so dass er offenbart, dass letzten Endes sein Urteil rein auf Instinkt basiert, führt dies nicht nur zum Skandal, sondern auch folgerichtig zu ihrem Rauswurf. Seis drum – sie hat ja Johnny Laterino und dessen Liebe.

Was ist ein Monster, fragt uns die Autorin und lässt verschiedene Stichwortgeber zu Wort kommen. Ein Monster ist ein Serienmörder, der im Bewusstsein seiner Schuld Menschen tötet. Ein Monster ist aber auch ein Simulant, der so tut, als wäre er unzurechnungsfähig, um zu vermeiden, als Mörder verurteilt zu werden. Doch der Verlauf des Prozesses zeigt deutlich, dass sich ebenso schuldig macht, wer einen Unschuldigen bzw. Unzurechnungsfähigen zum Tode verurteilt.

|Wechsel des Standpunktes|

Der Weg von Vorverurteilung hin zu Verständnis und Freispruch ist lang. Die Gesellschaft muss ihn ebenso gehen wie Julia Valentiano, die B-Staatsanwältin. Sie ist selbst betroffen von der Krankheit und hat einen psychotischen Schub, der einer möglichen Schizophrenie vorausgehen kann. Wunderbar und beängstigend ist ihr Gefühl der Dissoziation mitten im Gerichtssaal, wenn alle um sie herum unwirklich erscheinen. Wahrlich ein Moment von dickschen Dimensionen.

Sie selbst kann dem Eindruck dieser Scheinwirklichkeit nicht standhalten. Scheinwirklich deshalb, weil ihr Lover Bellido sie mit ihrer Chefin betrügt – sie hats genau gehört. Nicht sie hat Bellido verraten, indem sie seinen Gutachter bloßstellte, sondern zuvor Bellido sie, indem er sie betrog. Wie so oft, spielen grundlegende Loyalitäten wie Treue und Ehrlichkeiten eine ausschlaggebende Rolle im amerikanischen Thriller.

|Hochgeschlafen?|

Hat sich Julia hochgeschlafen, um ihren Job zu bekommen, fragt man sich wiederholt, wenn man merkt, wie abhängig sie von ihrem Lover und Mentor Ricardo Bellido ist. Andersherum könnte man allerdings fragen, ob sie eine Chance hatte, seinen Nachstellungen zu entgehen, wenn sie doch nur die B-Staatsanwältin ist und er der kommende Generalstaatsanwalt. Jedenfalls keine, wenn sie ihren Job behalten wollte.

So läuft es doch eigentlich überall in der Wirtschaft – aber auch in der Justiz? Die US-Justiz funktioniert anders als die hierzulande: Dort werden Anklagevertreter des Staates und seiner Organe gewählt, als wären sie Politiker. Folglich ist auch der Druck, unabhängig zu bleiben oder Loyalität zu beweisen, ungleich höher als in einem Rechtswesen, das von den organen der Politik auch gesetzlich unabhängig gemacht worden ist.

|Offene Fragen|

Natürlich muss die menschliche Ebene des Romans auch die Gefühle des Lesers erreichen und wecken. Dafür ist der erfahrenen Autorin praktisch jedes Mittel recht. Allein die Tatortszenen sind der pure Horror. Die junge Staatsanwältin Julia, die an unserer Stelle alles aufnimmt, ist entsprechend niedergeschmettert. Die Vorverurteilung des Täters kann beginnen. Aber hat man mit Dr. Marquette wirklich den Richtigen erwischt? Am Schluss wird klar: Selbst wenn er der Täter gewesen sein sollte, so kann man ihn nicht dafür verurteilen – er ist ein Opfer seiner Krankheit.

Die Autorin sät mehrmals Zweifel an Marquettes Täterschaft. Ja, sie geht sogar soweit, Julia einen anonymen Anruf entgegennehmen zu lassen, bei dem der Unbekannte sagt, Marquette sei es nicht gewesen. Das einzige Detail, dass uns an einem dritten Mann zweifeln lässt, ist die eingeschaltete aber nicht von außen ausgelöste Alarmanlage. Dieses Detail hat mich mehrfach verwirrt. Ein Einbrecher hätte sie auslösen müssen. Es sei denn, Marquette ist der Täter. Er wäre heimgekehrt und hätte sie eingeschaltet. Erst die Cops lösten sie aus. Vielleicht wird dieses Detail in der ungekürzten Fassung besser erklärt.

Auch die Rückblenden, in denen Julia über ihre Vergangenheit nachdenkt, werfen Fragen auf. Wenn Andrew, ihr Bruder, aus der geschlossenen Anstalt entlassen und nach seiner „Heilung“ in ein offenes Apartment ziehen darf, warum bringt er sich dann dennoch um? Müsste er sich nicht über seine Freiheit freuen? Die Antwort wird angedeutet: Sein Schuldbewusstsein, ausgelöst von Julia, überwältigte ihn.

_Die Sprecherin_

Andrea Sawatzki, Jahrgang 1963, reizen extreme Figuren, ihr Spiel kann in Sekundenschnelle von zarter Verlorenheit zu handfester Vitalität überspringen (FAZ). Für ihre Darstellung der „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger wurde sie u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo) Sie spielte u.a. in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ neben Moritz Bleibtreu sehr eindrucksvoll die Rolle einer Verhaltensforscherin, die vergewaltigt wird. Diese Szene wird in TV-Ausstrahlungen stets unterdrückt. Der ganze Film geht an die Nieren, aber diese Szene besonders.

Andrea Sawatzki ist zwar keine große Stimmkünstlerin, aber ihr gelingt der fast fehlerlose und recht flotte Vortrag dieses vielschichtigen Textes auf eine Weise, die das Verstehen einigermaßen leicht macht. Durchweg konnte ich die tiefere Tonlage für die männlichen Figuren leicht heraushören, wohingegen die weiblichen Figuren fast alle ziemlich gleich klingen. Das wirkt auf die Dauer ein wenig monoton.

Deshalb war es unabdingbar, dass die Sprecherin jeder Figur eine eigene Sprech- und Ausdrucksweise zugewiesen hat. So ist etwa Pamela, die Unterschichtenfrau, die von ihrem Männe geschlägen wird, unschwer als genervte Mutter und Gattin erkennbar. Sie wehrt sich erst lautstark gegen Julias Einmischung, kehrt dann aber reumütig zu ihr zurück.

Die Sprecherin legt anders als Sprecherinnen wie Franziska Pigulla wenig Wert auf Sentimentalitäten oder den Ausdruck von Kurzatmigkeit, häufiges Seufzen und dergleichen. Es ist ihr wichtiger, eine Figur durch die eigentümliche Sprechweise zu charakterisieren. In diesen Charakterisierungen erweist sich die Routiniertheit der Sprecherin, die hierbei offenbar auf ihre Schauspielausbildung zurückgreift.

Da das Hörbuch weder Musik noch Geräusche aufweist, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Die Autorin_

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Fort Lauderdale. „Cupido“ war ihr erster Roman. Noch bevor das Buch erschienen war, hatte das Filmstudio Warner bereits die Filmrechte für 3,5 Mio. Dollar gekauft. (Verlagsinfo) „Morpheus“ ist die Fortsetzung.

_Das Hörbuch_

Andrea Sawatzki trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt sie zur Spannung und Unterhaltung bei. Insbesondere John Laterino hat mir gut gefallen, wohingegen Julia immer als schwache Frau dargestellt wird – obwohl das gar nicht stimmt, wie sich am Schluss zeigt.

Mir war die Geschichte an manchen Stellen zu rührselig, aber der zweck dieser Sentiments ist, wie oben gesagt, die Anrührung des Hörers, damit er überhaupt bereit ist, seinen eigenen Standpunkt zu überdenken.

Die Lesefassung ist gekürzt. Regie führte Frank Bruder.

_Unterm Strich_

Diesmal erzählt Jilliane Hoffman eine ganz andere Geschichte als in „Cupido“ und „Morpheus“. Dass es diesmal keine richtige Ermittlung durch die Hauptfigur gibt, daran muss sich der Leser bzw. Hörer erst einmal gewöhnen. Diese Schwerpunktverschiebung ist aber notwendig, um das eigentliche Anliegen der Autorin vertreten und zur Geltung bringen zu können: die Relativierung der Einstellung gegenüber Geisteskranken.

Schizophrene sind für sie keine „Monster“, sondern selbst Opfer ihrer Krankheit, selbst wenn diese Leute unsägliches Leid über ihre Mitmenschen bringen. Geschickt versteht es die Autorin, den zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Wir erinnern uns allzu gut an Kevin Spacey in David Finchers „SEVEN“, von dem man auch nicht recht weiß, ob er durchgeknallt oder ein durchtriebenes Monster ist.

Das ist die Schwäche des ganzen Konzepts: Der Leser ist schon zu sehr durch solche Filme vorbelastet. Die Autorin muss ihre Hauptfigur deshalb selbst fast verrückt werden lassen, um deutlich machen, was Psychose überhaupt bedeutet – und dass es jeden treffen kann. Deshalb, so die Aussage, darf keiner auf den anderen zeigen und sagen, der sei ein Monster. Der Finger könnte zurück zeigen.

|Gekürzte Lesung auf 6 Audio-CDs mit 396 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Plea of insanity (2006)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Nina Scheweling und Sophie Zeitz
ISBN-13: 978-3866101685|

_Jilliane Hoffman bei |Buchwurm.info|:_
[„Cupido“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=699
[„Morpheus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1779

Wilks, Mike / Gustavus, Frank / Seibel, Antje – Mirrorscape – Gefangen im Reich der Bilder (Hörbuch)

_Spannende Abenteuer im Land der Phantasie_

Von den verborgenen Gängen der alten Malschule aus werden Mel, Ludo und Wren Zeugen eines unheimlichen Rituals: Ihr Meister Ambrosius Blenk malt vor einem seiner prächtigen Gemälde ein rätselhaftes Zeichen in die Luft – und plötzlich ist er verschwunden. In seinem Atelier machen die Freunde daraufhin eine unglaubliche Entdeckung: Sie sehen, wie die Gestalt des Meisters durch sein eigenes Bild schreitet.

Leider erfahren auch die Häscher der Gilden, die das Land Neem in ihrem eisernen Griff halten, von diesem Geheimnis und entführen Ambrosius Blenk. Um ihn zu retten, müssen sich die drei Freunde selbst auf eine abenteuerliche Suche nach Mirrorscape begeben, dem Reich der magischen Bilder. (erweiterte Verlagsinfo)

Ich würde das Hörbuch ab 13 Jahren empfehlen.

_Der Autor_

Mike Wilks, 1947 in London geboren, ist Künstler, Illustrator und Autor. Bereits mit 13 Jahren erhielt er ein Stipendium für die Kunstschule. Er studierte Graphik-Design und leitete einige Jahre erfolgreich eine Agentur, bevor er sich ganz dem Schreiben und Illustrieren widmete. Seine Bücher landeten in den Bestsellerlisten, während er selbst und sein Schaffen zum Thema einer Dokumentation des britischen Fernsehens wurden. Seine Originalwerke, die oft eine surreale Traumwelt darstellen, hängen unter anderem im Museum of Modern Art in New York City, in London und in vielen Privatsammlungen. [„Mirrorscape“ 5525 ist Wilks‘ erster Roman und der erste Teil einer Trilogie.

_Der Sprecher_

Andreas Fröhlich ist die deutsche Stimme von John Cusack und Edward Norton. Er wurde 1965 in Berlin geboren; bereits mit sieben Jahren begann er mit der Synchronarbeit, nachdem er im Kinderchor des „Sender Freies Berlin“ entdeckt wurde. 1978 stieg er in der Sprecherrolle des Bob Andrews bei einer der bis heute erfolgreichsten Hörspielreihen Deutschlands, „Die drei Fragezeichen“, ein.

Nach dem Abitur ging Fröhlich zunächst zum Theater, wo er unter anderem Rollen in Büchners „Woyzeck“ und in Shakespeares „Was ihr wollt“ spielte, bis er 1991 wieder zu seiner Arbeit als Synchronsprecher zurückkehrte. Außer als Sprecher arbeitet er als Synchronregisseur und Drehbuchautor, wo er unter anderem für die Synchronisierung von „Der Herr der Ringe“ verantwortlich war. In dieser Trilogie übernahm er zum Beispiel die Synchronisation des Wesens Gollum. Doch auch die deutschen Dialoge in Filmen wie Disneys „Mulan“ und „The Beach“ stammen aus seiner Feder. (Verlagsinfo)

_Produktion_

Die gekürzte Fassung erstellte Antje Seibel. Regie führte Frank Gustavus, die Aufnahme steuerte Klaus Trapp im Studio Wort, Berlin.

_Handlung_

Melkin Womper, ein 13-jähriger Weberssohn aus Feck, wird eines Tages von Dirk Tod angeworben, um in der Hauptstadt sein Zeichentalent zu erweitern: in der Gemäldefabrik des berühmten Ambrosius Blenk. Mel könnte dort ein Stipedium bekommen und zu einem ausgezeichneten Illustrator oder gar Gemäldemaler ausgebildet werden. Doch Dirk Tod hat wohl nicht damit gerechnet, dass die fünfte Gilde, nämlich diejenige mit dem Monopol auf Farbe, etwas dagegen haben könnte.

Deren Großvogt jedenfalls lässt Mels Förderer Fra Teum verhaften und alle von Mels Zeichnungen beschlagnahmen. Zum Glück interveniert Dirk Tod gegen diesen Adolphus Spute und seinen Folterer, den Zwerg Stockfisch, und nimmt Mel schleunigst in seiner Kutsche mit. Doch Dirk ahnt nicht, dass es Mel im Durcheinander gelungen ist, etwas aus Stockfischs Kasten mit Folterinstrumenten zu entwenden. Das Fläschchen wird sich noch als sehr wichtig erweisen.

|Die fünf Gilden|

Dirk erklärt ihm auf der Fahrt die Gilden oder Zünfte. Sie verfügen jeweils über das kontrollierende Monopol, das „Pläsier“, über die Handwerke und Substanzen, die einem der fünf Sinne zugeordnet sind: 1) Tastsinn, 2) Geruch, 3) Gehör, 4) Geschmack und 5) Sehen. Nr. 5 ist die größte, reichste und mächtigste aller Gilden, denn sie verwaltet auch die Energieversorgung und ist folglich reicher als sogar der König. Und Spute ist deren Großvogt, aber er wollte eigentlich Dirk Tod, den Maler.

|Zauberstaub|

Mel fragt sich, was an Dirk so Besonderes sein soll, dass ihn die Gildenpolizei verfolgt. Aber bei einer Rast beobachtet er Dirk, wie er sich heimlich mit Gildenleuten trifft und ihnen einen Geldbeutel übergibt. Mel beschließt, vorsichtig zu sein. Heimlich untersucht er das Fläschchen, das er geklaut hat. Darin befindet sich Pigmentstaub, der in Regenbogenfarben schimmert. Es ist kein Gift, und als Mel das Zeug ausspuckt, formt sich sofort ein Bild. Sehr interessant. Doch bevor er die Sache näher erkunden kann, klopft Dirk an die Tür.

Fünf Tage später gelangt die Kutsche nach Flam, die Hauptstadt des Landes Neem. Mel hat noch nie eine so prächtige und hochragende Stadt gesehen. Die Malschule des Ambrosius Blenk befindet sich in dessen ausgedehntem Stadtpalais, in das Dirk Tod Mel führt. Beklommen klammert er sich an seine Zeichenmappe, doch als er ein sehr realistisches Kunstwerk in der Eingangshalle erblickt, spürt er Erleichterung: Er ist in einem neuen Zuhause angekommen. Hier gibt es Dienstboten und putzende Mädchen wie Wren, die er aber nur am Rande bemerkt.

|Der erste Tag|

Der Diener führt Mel ins Refektorium der Lehrlinge. Im Speisesaal wird ihm gleich klargemacht, dass er nur ein Bauerntrampel vom Lande sei und dass Grot das Sagen hat. Der Oberlehrling verurteilt Mels Zeichnungen in Bausch und Bogen, und alle Lehrlinge pflichten ihm bei, außer einem. Dieser wird fortan Mels bester Freund in einer ansonsten feindseligen und misstrauischen Umgebung: Ludo. Er stammt aus einer der reichsten Familien und kann es sich daher nicht leisten, allzu aufmüpfig zu werden. Aber er erzählt Mel, dass Grot nie ein Gesellenstück ablieferte und mit seinen Schergen Bunt und Joges wie ein Tyrann herrscht. Außerdem sei er ein Angehöriger der mächtiger Smert-Familie, ein Neffe des Großvogtes Adolphus Spute. Au weia, denkt Mel, das kann nichts Gutes werden.

Nachdem sich Mel mit Ludos Hilfe im Schlafsaal einquartiert und seine Wertsachen in einem Loch in der Wand versteckt hat (ganz besonders das seltsame Farbpigment), gehen sie spätabends zum Gesinde, um noch etwas Essen zu ergattern. Das Putzmädchen Wren erbarmt sich ihrer, so dass sie nicht hungrig zu Bett gehen müssen. Unterdessen bemerkt Spute das Fehlen des Farbpigments und erhält den Auftrag vom Gildenlord Brol, es wiederzubeschaffen – oder er wird degradiert. Das ärgert Spute, denn er will selbst Hochmeister von Gilde Nummer fünf werden. Ein perfider Plan muss her.

|Der geheime Garten|

Am nächsten Tag übersteht Mel den Besuch des Hausherrn Ambrosius Blenk und seiner Gattin sowie die Tyrannei Grots, der ihn schikaniert. Er entdeckt Dirk Tods geheimen Garten, wo dieser ein „Dauerexperiment“ an Blumen und deren Pigmenten durchführt. Mel ahnt nicht, dass dies etwas extrem Ketzerisches sein könnte. Wenn es Dirk und seinen Verschwörern gelänge, bislang teure Pigmente künstlich herzustellen, würden die Pfründe der fünften Gilde ins Bodenlose fallen und sie ihre Macht verlieren. Die Bürger aber müssten nicht mehr so horrende Monopolpreise für alles Gefärbte bezahlen. Dirk scheucht Mel deshalb schnell wieder weg und erklärt lieber nichts.

Dafür lernt Mel Wren näher kennen, als er in einer entlegenen Kammer verschnauft, um vor Grot sicher zu sein. Das Mädchen liebt es ebenfalls, hier zu essen. Ihr Vater war ein genialer Uhrmacher, gehörte aber keiner Gilde an und wurde verhaftet. Sie hat einen Schlüssel von ihm und zeigt Mel den Geheimgang hinter der entsprechenden Tür. Hier sind die Kammern der Dienstboten. Aber als Mel seinen Freund Ludo einweiht, gehen sie zu dritt zur großen Uhr, die Wrens Vater einst konstruierte. Hier soll es ein Geheimnis in einem Flügel geben, sagt Wren, doch wo, wisse sie nicht. Das Glockenspiel bewegt sich zu jeder vollen Stunde, bewundert von den Bürgern unter auf dem Vorplatz. Doch das Geheimnis wird erst viel später enthüllt …

Als Mel einen Blick in Meister Blenks Privatatelier werfen will, entdecken sie ein weiteres Geheimnis. Gerade noch steht Blenk vor dem großen Gemälde, dann tritt er hinein und verschwindet darin. Aber wohin? Auf dem Gemälde ist eine Insel zu sehen, mit einem Gebäude, das wie ein Kopf aussieht. Sie können auf der Brücke, die zu der Insel führt, die winzige Gestalt des Meisters sehen – und sie bewegt sich! Mels scharfe Augen entdecken ein Symbol auf dem Bild und er zeichnet es ab. Dieses Symbol malte Blenk in die Luft, bevor er verschwand.

Am nächsten Tag treffen sich die Freunde in der Uhrenkammer und begeben sich zum Meisteratelier. Ludo und Mel haken sich unter, Mel malt das magische Symbol in die Luft vor dem Gemälde, dann treten sie hinein … in die Welt jenseits der Bild-Fläche, nach Mirrorscape. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass es hier alles andere als friedlich zugeht. Als ein Ungeheuer auftaucht, müssen sie schnell wieder zurück. Wo kommen die denn her?! Und wo ist hier der Ausgang, bitteschön? Da hören sie die Uhrglocke läuten …

_Mein Eindruck_

Es kann nicht ausbleiben, dass auch Mels Feinde Grot und Adolphus Spute von Mels Umtrieben Wind kriegen und ihm nach Mirrorscape folgen. Good guys wie bad guys müssen herausfinden, was es mit Mirrorscape auf sich hat. Gibt es hier vielleicht ein Widerstandsnest gegen die Tyrannei der Gilde Nr. 5, oder gar Separatisten? Könnte Mirrorscape am Ende gar die reale Welt in Gefahr bringen oder – unaussprechlicher Gedanke! – befreien?

|Die Welt der Phantasie|

Es ist offensichtlich, dass die Welt, die sich der Autor Wilks hat einfallen lassen, auch etwas mit unserer eigenen Welt zu tun hat. Sie verhält sich wie eine alternative Gegenwelt zur Real-Welt, wird aber auch wie ein Schlachtfeld genutzt, auf dem zahlreiche Kämpfe stattfinden. Mel ist mittendrin, und mit Hilfe der Bilder, die er als Durchgänge nutzt, gelangt er von einer Landschaft des Geistes in die nächste. Aber er ist ja nicht zum Sightseeing gekommen, sondern um seinen Freunden zu helfen. Schon bald stellt sich heraus, dass das Schicksal ganz Mirrorscapes von ihm abhängt. Seine Gegner haben vor, natürlich auch Mirrorscape unter ihre Kontrolle zu bringen. Jetzt sind Ideen gefragt.

|Müde Zauberer|

Erstaunlicherweise sind es nicht, wie bei Tolkien, die weisen Zauberer, die Mel den Weg weisen und ihm allwissende Ratschläge geben – oder gar eine Mission. Ambrosius Blenk, der Meister der Gemäldefabrik, ist nur einer von mehreren Gefährten Mels, verfügt aber über einen Butler mit erstaunlichen Fähigkeiten. Und der vor Jahren verschwundene Meister Lukas Flink, den Blenk regelmäßig besucht, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, um seinen Phantasien zu frönen. Bezeichnenderweise lebt er in einem Kristallhaus und nennt zwei Engel seine Freunde. Er erinnert an den umnachteten König Théoden vor Gandalfs Besuch. Es verwundert nicht, dass er sich aus allen politischen Händeln heraushalten will. Dummerweise respektieren Adolphus Spute und seine Schergen diesen Wunsch nicht.

|Ein weiteres „Otherland“?|

Schon bald wird es ziemlich eng für Mel und seine Freunde. Auf der Flucht vor den Feinden gelangen sie von einem phantastischen Szenario – auch als „Spiel-Level“ aufzufassen – ins nächste, allerdings erst dann, wenn ihnen eine rettende Idee gekommen ist, um diese Mausefalle zu verlassen. In dieser Hinsicht erweist sich „Mirrorscape“ als eine weitere Variante von Tad Williams‘ genialem und viel weiter gespanntem Mega-Roman [„Otherland“. 4196 Dass es dem Autor Wilks gelingt, die Lösung für Mels Probleme innerhalb eines einzigen Buches herbeizuführen, ist jedoch sehr löblich. Die Helden quatschen keine Opern, sondern handeln tatsächlich konsequent.

|Allzweckwaffe?|

Nun mag man sich fragen, ob eine permanente Flucht vor den Jungs mit den schwarzen Hüten wirklich eine ganze Handlung trägt. Theoretisch schon, und Autoren wie A. E. van Vogt haben ein Gestaltungsprinzip daraus gemacht. Nicht so Wilks, der sich wohl gedacht hat, dass eine ewige Schnitzeljagd etwas eintönig ist. Doch er hat ja Mel ein Geheimnis in die Hand gedrückt: den regenbogenfarbenen Zauberstaub, den Mel dem Großvogt stibitzt hat. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das superseltene Pigment, das allein schon auf Gedankenkraft gehorcht und – wie Mel kurz in dem Gasthof herausfand – komplette Welten in Mirrorscape erzeugen kann.

Wer nun aber denkt, diese Allzweckwaffe stelle die Lösung sämtlicher Probleme Mels dar, irrt gewaltig. Denn erstens muss er noch ein wenig in der Beherrschung des Zauberpigments üben, zweitens hat er nur einen winzigen Vorrat davon und drittens verfügt die Gilde Nr. 5 über einen sehr viel größeren Vorrat davon. Deren „Zauberlehrling“ Grot findet sich, wie nicht anders zu erwarten, zu allen Schandtaten im Dienste seiner Gilde bereit. Leider erweist er sich wieder einmal nicht gerade als Musterschüler seiner Kunst. Er hätte vielleicht doch lieber Tyrann von Gesellen und Dieb von Farbvorräten bleiben sollen.

Wie auch immer: Angesichts der ungeheuren Dimensionen der Kraft, über welche die Kontrahenten Mel und Grot verfügen, kann eine große Schlacht nicht ausbleiben. Sie muss die Entscheidung bringen. Sie setzen ganz unterschiedliche Mittel ein, und auf Seiten Grots kämpfen Ungeheuer, die einem Hieronymus Bosch Ehre machen würden. (Ein passender Vergleich, wenn man weiß, dass Bosch einer der wichtigsten Maler der nichtitalienischen Renaissance war.)

|Verrat der Phantasie|

Die Welt von Mirrorscape, die Welt der Phantasie und Vorstellungskraft, ist nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt, was die Moral anbelangt, genauso wenig wie im [„Herr der Ringe“. 5487 Es gibt durchaus auch Verrat, und man kann dabei an Saruman, Boromir, Gollum und Denethor denken. Mel, der Retter dieser Welt à la Frodo, wird ebenfalls verraten, und natürlich ist es jemand, dem er vertraut hat. Der Name des Verräters soll hier nicht preisgegeben werden (sonst wäre ich ja selbst einer). Aber durch solche Ränke wird die Handlung wesentlich spannender, als sie es durch die fortwährende Action eh schon ist.

|Worauf es ankommt|

Es sind also Tugenden wie Treue, Freundschaft, Einfallsreichtum und Opferbereitschaft, die wie bei Tolkien die Guten die Oberhand behalten lassen. Die Herrschaft über die Welt der Phantasie steht immer auf Messers Schneide, und erst in allerletzter Sekunde erfährt die Auseinandersetzung die entscheidende Wende. Liebe spielt dabei offenbar nur eine geringe Rolle, denn zwischen Mel und Wren bestehen zwar freundschaftliche Bande, aber mehr möglicherweise nicht. Vielmehr denkt Mel an seine armen Eltern, die noch mehr zu leiden haben werden, sollte die Gilde gewinnen. Doch was Mel für seine Eltern erreicht, das erreicht er auch für ganz Neem und Flam: Freiheit und Veränderung, und somit Hoffnung und Wachstum.

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich ist ein wahrer Stimmkünstler. Es hat mich immer wieder verblüfft, wie es ihm gelingt, seine Stimme so flexibel anzupassen, dass es ihm glückt, die optimale Ausdruckskraft hervorzubringen. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es Fröhlich war, der in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung den Gollum spricht.

Auch hier setzt er seine Stimmkunst effektvoll ein. Mit Leichtigkeit gelingt es ihm, die Nebenfiguren schon mit dem ersten Satz zu charakterisieren, so dass wir sie fortan als Angehörige der Guten oder der bösen Jungs erkennen können. Die Guten sprechen alle ziemlich normal und mit wenig verzerrter Stimme, wohingegen die bad guys vielfach ein verzerrte Sprechweise aufweisen. Adolphus Spute krächzt drohend, redet verächtlich und wirkt alles in allem hinterlistig und falsch. Auch Grot führt sich mit lallender Redeweise wenig positiv ein.

Es gibt jedoch einen kniffligen Fall, nämlich den Verräter: Er klingt normal, ist aber einer der Bösen. Interessant, wie der Sprecher diesen Widerspruch gelöst hat – selber hören! Die weiblichen Figuren sind mit einer höheren Stimmlage versehen, versteht sich, und der Sprecher hat auch damit überhaupt kein Problem, so etwa bei der lieben Wren. Ganz wunderbar ist die Charakterisierung von Blenks Gattin, der hochnäsigen Herrin des Hauses, die ach so stolz ist auf ihren Albinoaffen: Sie klingt ungeheuer hoch, verächtlich und etepetete. Offensichtlich liegen ihre geistigen (?) Interessen auf einem anderen Gebiet als der Malerei.

Am wichtigsten ist die Intonierung der Erzählerstimme. Senkt der Sprecher die Tonhöhe, klingt ein Satz bedrohlich oder geheimnisvoll raunend, je nach Satzmelodie. Diese Feinheiten hat Fröhlich routiniert im Griff. Misslungene Sätze wurden natürlich geschnitten und neu aufgenommen. Ich bin mit dieser Sprachaufnahme rundum zufrieden.

Da es weder Musik noch Geräusche gibt, brauche ich darüber keine Worte zu verlieren. Aber schade ist deren Fehlen schon.

_Unterm Strich_

In seiner Grundstruktur und in der Handlungsführung erinnert „Mirrorscape“ zuweilen an Tad Williams‘ „Otherland“. Doch Wilks‘ Roman spielt nicht mit der virtuellen Realität aus dem Rechner, sondern lässt die Barriere zwischen fiktiver Realität und der phantastischen Gegenwelt porös und durchlässig werden. Die Akteure in der Mirrorscape-Welt benötigen keinen VR-Helm mehr, denn sie haben ja das magische Zeichen für den Übergang. Und wenn sie sich eine alternative Welt schaffen wollen, benutzen sie ein ganz besonderes Farbpigment, den „Zauberstaub“, der auf Gedankenkraft hört.

Malerei als Zauberei aufzufassen, ist ein faszinierendes und weit tragendes Konzept. Der Autor versteht es, viele Ideen daraus zu entwickeln. Die Magie wird an keiner Stelle näher erklärt, so dass sie pure Phantasie bleibt und nie zum Ersatz für Technik wird.

Aber Malerei ist kein moralfreier Raum, denn der Maler ist sowohl für sein Tun wie auch für seine Schöpfungen verantwortlich. Damit gleicht der Maler, wie Mel vs. Grot, dem tätigen Menschen in unserer Realität. Und unsere Mirrorscape befindet sich in zwei Welten, die miteinander verschmelzen: einerseits in unserer Vorstellung und Phantasie (Kunst), aber auch im Cyberspace des Internet, wohin sich die menschlichen Interaktionen und künstlerischen Äußerungen zunehmend verlagern.

Bedeutet das, dass wir die primäre Realität, die wir immer noch „Welt“ nennen, vernachlässigen dürfen? Wohl nicht, denn dort befinden sich weiterhin unsere Körper und unsere Gefühle. Der Autor warnt uns mit der Metapher der Mirrorscape-Welt (wie schon Lewis Carroll mit „Alice hinter den Spiegeln“) vor den Folgen der Kontrolle unserer Phantasie durch Egoisten und Machthaber. Phantasie bedeutet nicht nur „Gefangenschaft im Reich der Bilder“, sondern auch die Rettung der Freiheit und somit die Verbesserung unserer Lebenswelt. Das mag naiv erscheinen, doch gibt es bessere Alternativen, die jeder einzelne von uns umsetzen könnte?

|Das Hörbuch|

Jedes Hörbuch mit Andreas Fröhlich ist ein besonderes Erlebnis, ganz einfach deshalb, weil dieser Sprecher es zu einem machen kann. Auch die aktuelle [„Wunschkrieg“-Trilogie 5641 von Kai Meyer hat er mit seiner Sprechkunst aufgewertet, so dass der Hörer gerne wieder dorthin zurückkehrt. Im vorliegenden Hörbuch kann sich Fröhlich munter in verschiedenen Phantasie-Szenarien austoben.

Das einzige Manko dieses Hörbuchs ist das Fehlen von Musik und Geräuschen. Da aber |Oetinger| einen wesentlich kleineren Vertrieb als |Lübbe| hat und die Stückzahlen wohl nur gering waren, ist der Preis relativ hoch. Da hätte eine Musikproduktion den Preis noch weiter in die Höhe getrieben.

|Originaltitel: Mirrorscape, 2007
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Münch
426 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-8373-0396-4|
http://www.oetinger.de/

TKKG junior – Stimmen aus dem Jenseits (Folge 18)

Die Handlung:

Es gibt keine Geister! Oder etwa doch? Das behauptet zumindest der alte Kinobesitzer Herr Ambrosios. Der hört beim Vorführen seiner alten Stummfilme nämlich neuerdings unheimliche Stimmen im Kinosaal. Doch TKKG sind sich sicher: Dafür muss es eine logische Erklärung geben! Doch als sie dann die Stimmen aus dem Jenseits mit eigenen Ohren zu hören bekommen, sind auch sie verunsichert. Ruft da vielleicht wirklich der Geist der vor langer Zeit bei Dreharbeiten verschwundenen Stummfilm-Darstellerin Dita von Hohenfels um Hilfe? Ein bisschen mulmig ist TKKG schon bei diesem Gedanken, aber sie wollen der Sache auf den Grund gehen! Und dabei lösen sie ganz nebenbei einen Fall, bei dem sich Kommissar Glockner und seine Kollegen bisher die Zähne ausgebissen haben …. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

„Who ya gonna call?“ TKKG Junior! Wer hätte gedacht, dass die Detektivtruppe (+ Hund) mal zu Geisterjägern mutiert? Vielleicht sollten sie sich beim Sohn des Lichts, John Sinclair, Tipps holen oder ein paar Utensilien ausleihen!

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Perry Rhodan – Kodexfieber (Silber Edition 154)

Die Handlung:

Im Jahr 429 Neuer Galaktischer Zeitrechnung kämpfen Menschen von der Erde in unterschiedlichen Regionen des Kosmos gegen mächtige Wesen. Perry Rhodan riskiert den Konflikt mit den übermächtigen Kosmokraten. Ihr Bann zwingt ihn, die Milchstraße zu verlassen – er reist in die Mächtigkeitsballung von Estartu. Dort kämpfen Vironauten von der Erde gegen das Kodexfieber, das sie in eine unheimliche Veränderung zwingt … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Los gehts mit einer Lossagung. Die Ritter der Tiefe haben keine Lust mehr auf den Job, den sie nach Wünschen der Kosmokraten mit Freude dienend ausführen sollten. Taurec findet das auch nicht so toll, aber jeder möchte gern wieder sein eigenes Ding machen. Bockig verhängt Taurec einen „Bann der Kosmokraten“ über die Ritter … klar, wenn sie nicht den Kosmokraten dienen, dann soll es ihnen halt schlecht gehen. Aber Perry bekommt ins Ohr geflüstert, dass es eine Möglichkeit geben könnte, wie er aus der Geschichte heil herauskommt.

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Michalewsky, Nikolai von / Redeker, Jochim-C. / Weymarn, Balthasar von – Mark Brandis: Raumsonde Epsilon 1 (Hörspiel, Folge 9)

_Die „Mark Brandis“-Reihe:_

01 [„Bordbuch Delta VII“ (Hörspiel) 4995
02 [„Verrat auf der Venus“ (Hörspiel) 5013
03 [„Unternehmen Delphin“ (Hörspiel) 5524
04 [„Aufstand der Roboter“ (Hörspiel) 5986
05 [„Testakte Kolibri 1“ (Hörspiel) 5984
06 [„Testakte Kolibri 2“ (Hörspiel) 5985
07 [„Vorstoß zum Uranus 1“ (Hörspiel) 6245
08 [„Vorstoß zum Uranus 2“ (Hörspiel) 6246
09 _“Raumsonde Epsilon 1 (Hörspiel)“_
10 „Raumsonde Epsilon 2 (Hörspiel)“

_Verwirrung im Sonnensystem: Die Aliens sind hier!_

Anno 2125: Mark Brandis‘ Schiff, die HERMES, ist mit der nun unbemannten DELTA IX im Schlepptau unterwegs zurück zur Erde. Die ermüdende Bordroutine auf dem wochenlangen Flug wird jäh unterbrochen: Die DELTA IX ist plötzlich spurlos verschwunden! Brandis erreicht auf der Suche nach Scotts Schiff die Station Zhongli Quan und muss bald feststellen, dass nicht nur die Vereinigten Orientalischen Republiken undurchsichtige Pläne verfolgen … (Verlagsinfo)

_Handlung_

Die HERMES befindet sich unter dem Kommando von Mark Brandis auf dem Rückweg vom Uranusmond Titania zur Venus, als die Verbindung zur der im Schlepptau befindlichen Delta IX abbricht. Seltsamerweise gibt es weder eine Kommunikationsmöglichkeit zu ihr noch einen Logeintrag, was mit ihr geschehen ist. Brandis löst Alarmstufe Rot aus.

Er setzt die Wissenschaftlerin Wolska auf eine Anomalie in den Gravitationsverhältnissen des Raumsektors an und geht auf Suchkurs. Als ein chinesisches Drachen-Symbol von Bord der Delta IX gefunkt wird, wird ihm erstaunt klar, dass die Chinesen das Raumschiff gekapert haben. Der Kommandeur der Gegenseite Xon Li Kwan nötigt Brandis, mit seiner HERMES zu einer Raumstation zu fliegen. Zuvor setzt Brandis einen Bericht an den Chef von VEGA ab und richtet die HERMES für ein kodiertes Signal ein. VEGA befiehlt, den eingeleiteten Angriff auf die Chinesen abzubrechen, die Delta IX den Chinesen zu überlassen, das UFO mit der Gravitationsanomalie zu erkunden und es zur Station Isidor zu bringen.

Leichter gesagt als getan, findet Brandis. Denn als er sich dem UFO nähert, taucht ein Schwerer Kreuzer von VEGA auf und nimmt die HERMES unter Beschuss! Während einer der Astronauten aus seiner Crew, der sich auf der Schiffsoberfläche befand, im All verlorengeht, muss Brandis zur Station Isidor, die der VEGA freundlich gesonnen ist, um Reparaturen durchzuführen. Allerdings befindet sich die Station zu seiner Überraschung nicht in Händen der Republiken, sondern in denen einer sogenannten Dritten Macht. Und der Schwere Kreuzer, der sie beschoss, wird von einem alten Bekannten und Feind befehligt.

Weitere unangenehme Überraschungen warten auf Brandis und seine Crew, aber ein unverhofftes Wiedersehen bringt neue Hoffnung.

_Mein Eindruck_

Wem dieser Handlungsverlauf etwas wirr vorkommt, dem ergeht es nicht besser als mir beim ersten Hören. Sicher, die offenen Fragen werden im zweiten Teil beantwortet, doch der Hörer könnte zumindest erwartet, dass die Kaperung der Delta IX und die Begegnung mit der Alien-Raumsonde – sie ist die „Gravitationsanomalie“ – näher erklärt werden. Nichts dergleichen, stattdessen scheinen sich die Autoren dazu entschlossen zu haben, Spannung durch das Warten auf Antworten zu erzeugen. Das ist vorerst ein wenig frustrierend.

Es ist das erste Mal in der „Mark Brandis“-Reihe, dass ein Alien-Artefakt entdeckt wird. Bislang haben sich die Menschen nur untereinander gekloppt. Nun müssen sie sich auch noch mit einem Faktor X herumschlagen. Allerdings braucht man nur sein Wissen über den Verlauf der Geschichte zu bemühen, um vorausahnen zu können, was das UFO im Sonnensystem auslöst: ein Wettrennen um den ersten Platz, wenn es darum geht, die Geheimnisse der überlegenen Technologie der Fremden an sich zu reißen und so einen Vorsprung im Wettlauf der Interessengruppen zu erringen. Und für diesen Vorteil scheint so mancher bereit, bis zum Äußersten zu gehen.

|Epsilon|

Warum die Raumsonde „Epsilon“ genannt wird, wird aus einer kurzen Erläuterung deutlich. „Epsilon“ beruht auf dem Doppelstern Epsilon Bootes, der 103 Lichtjahre entfernt ist. Die Theorie geht wie folgt: Was würde passieren, wenn eine fremde Zivilisation, deren Sonde sich bereits in unserem Sonnensystem befände, auf unsere Rufe warten würde und sich dann zu einem gegebenen Zeitpunkt zu erkennen gäbe, sobald unsere Technik einen genügend hohen Grad erreicht hätte, der eine Verständigung ermöglichen würde? Man kann sich einen gewissen Aufruhr im Ameisenhaufen des Sonnensystems vorstellen, wenn ein solcher Fremdling wie ein großer Käfer auftauchen würde. Bei den Ameisen ereilt ihn stets das gleiche Schicksal …

Diese Theorie ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern wird im Booklet zum 2. Teil genau erläutert. Sie existiert seit 1970 und wurde von Duncan Lunan, einem schottischen Autor, aufgestellt und verworfen. Ronald Bracewell, ein Radiologie-Professor in Stanford, stützte und erweiterte diese Theorie. Sie ist bis heute nicht widerlegt.

_Der Autor_

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den „Mark Brandis“-Büchern, der bis heute (nach Perry Rhodan) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.

Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Thomas Weichler.

Mehr Informationen gibt es unter [www.folgenreich.de.]http://www.folgenreich.de

|Die Sprecher und ihre Rollen:|

Prolog: Wolf Frass
Michael Lott spricht: Commander Mark Brandis
Major Frederick Young: Erich Räuker
Cmdr. Ernest D. Scott: Frank Glaubrecht
Bordcomputer: Anke Reitzenstein
Col. Barclay: Kai Jürgens
Lt. Iwan Stroganow: Martin Wehrmann
Cpt. Martin van Kerk: Michael Westphal
Cpt. Roger d’Arcy: Udo Schenk
Ludmilla Wolska: Tomasina Ulbricht
Lt. William Xuma: Michael Pan
Lt. Usko Koskinen: Julien Haggége
Bordsystem CORA: Christine Mühlenhof

Mehr Informationen hierzu finden Sie hier:
[www.markbrandis.de]http://www.markbrandis.de
[www.interplanar.de]http://www.interplanar.de

|Die Inszenierung|

Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Klänge, so etwa die Triebwerke der „Hermes“ oder das Öffnen und Schließen ihrer Luken und Schleuse. Doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt. Der Flug zur Station Isidor ist recht dramatisch anzuhören, aber leider ziemlich kurz. Was gäbe ich für eine ordentliche Raumschlacht à la „Perry Rhodan“!

Ungewöhnlich sind eher Sounds, die Verzerrungen im Funksprechverkehr simulieren – das lässt aufhorchen. Hier haben die Macher dazugelernt. Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Die meisten SF-Serien wie etwa „Raumschiff Enterprise“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen.

Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur Lübbes „Perry Rhodan“ kann in dieser Liga mitspielen, ist aber inzwischen auf Magerkost gesetzt worden. Auch das Design von verzerrten Meldungen per Funk ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend. Diesmal kommt besonders der Klangeffekt des Halls zum Einsatz: in den diversen Gefängniszellen, in denen sich Brandis und seine Crew wiederfinden.

|Die Sprecher|

Die Dialoge belegen die Verhaltensweisen von Erwachsenen statt von Jugendlichen. Man nimmt den Figuren jetzt ab, dass sie über das Schicksal von Menschen zu entscheiden in der Lage sind. Die Ernsthaftigkeit von „Raumpatrouille Orion“ ist mit der schnellen Handlung von „Perry Rhodan“ bestens kombiniert. Die Auseinandersetzungen sind im Unterschied zur vorhergehenden Folge nicht mehr intern, sondern äußerlich.

Und Brandis hat sich mit der Dritten Macht auseinanderzusetzen, die ihm ein fieses Angebot macht. Michael Lott alias Mark Brandis strahlt stets unbeugsame Autorität aus, doch auch er muss ja mal schlafen. Recht eindrucksvoll macht sich auch der Austausch der Stimmmodule des Bordcomputers bemerkbar. Spricht zunächst noch Anke Reitzenstein relativ kontrolliert und unmoduliert, so wird sie durch Christine Mühlenhof abgelöst, die eine geradezu menschliche Stimmmodulation aufweist, so dass man ihr gerne zuhört. So angenehm möchte ich auch mal geweckt werden!

Recht sonderbar wirkt Tomasina Ulbricht als Sprecherin der Wissenschaftsoffizierin Ludmilla Wolska: Trotz ihres lieblich-sanften Akzents spricht sie so langsam, dass man erwartet, sie gleich einschlafen zu hören. Dieser Eindruck liegt möglicherweise daran, dass Frau Ulbricht keine hierzulande geborene Deutsche ist. Zumindest lässt sich sagen, dass jeder Satz von ihr unverkennbar ist.

|Musik|

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Outro und in den Intermezzi. Letztere haben die Aufgabe, die längeren Szenen voneinander abzutrennen und eine Emotion zu vermitteln, z. B. Beklemmung oder Dramatik. Ganz am Schluss erklingt ein flottes Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsamen Hintergrundmusik abbremst.

|Das Booklet|

Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen 1-8 der Serie, über die Macher und über die Sprecher. Darüber hinaus gibt es jeweils Zusatzinformationen, so etwa über die Raumstation Isidor, den Jupitermond Kallisto sowie über die Begriffe „Astronomische Einheit“ – sie entspricht etwa 150 Mio. km – und „Telempathie“, die Fähigkeit, aus der Distanz Gefühle wahrzunehmen oder zu übermitteln. Sie charakterisiert die Raumsonde Epsilon.

Am wichtigsten scheint mir jedoch die Beschreibung und Darstellung des Raumschiff-Prototyps HERMES zu sein. Neben technischen Daten (immerhin 1250 km/sec Spitzengeschwindigkeit) finden wir eine Beschreibung der Defensiv- und Offensivkapazitäten, zu deutsch: Waffensysteme.

|Das Hörspiel|

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend oder gar romantisch. Allerdings ist das erste Drittel ein wenig verwirrend, weil die offenen Fragen nicht geklärt werden. Dies erfolgt erst im 2. Teil dieser Folge.

Dieses Drama ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.

Gut finde ich, dass Folgenreich und Universal Music jetzt den Vertrieb übernommen haben. Dadurch ist der Fortbestand der Serie wohl gesichert. Und nun kann man sich mit Frank Glaubrecht (bekannt als „John Sinclair“) und Simon Jäger auch namhafte Synchronsprecher leisten, die ein wenig (?) mehr kosten als die bisher eingesetzten. Das kommt dem Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert der Serie nur zugute.

_Unterm Strich_

Mark Brandis stößt mit seiner HERMES unerwartet auf eine Raumsonde, die nicht von Menschen gebaut wurde. Er hätte vorgewarnt sein sollen, dass sogleich der Wettlauf zu den technologischen Wundern dieser Sonde losgeht, wird aber überrascht, welche Mitspieler ihn nun ins Kreuzfeuer nehmen. Zum Glück erhält er Hilfe von unerwarteter Seite. Dadurch wird der Faden aufgenommen, der aus „Testakte Kolibri“ noch offen war.

|1 Audio-CD mit 56 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3829123174|

Mark Brandis – Raumsonde Epsilon 2 (Folge 10)

Die Büchse der Pandora als Zankapfel

Anno 2125: Mark Brandis‘ Schiff, die HERMES, ist mit der nun unbemannten DELTA IX im Schlepptau unterwegs zurück zur Erde. Die ermüdende Bordroutine auf dem wochenlangen Flug wird jäh unterbrochen: Die DELTA IX ist plötzlich spurlos verschwunden! Brandis erreicht auf der Suche nach Scotts Schiff die Station Zhongli Quan und muss bald feststellen, dass nicht nur die Vereinigten Orientalischen Republiken undurchsichtige Pläne verfolgen … (Verlagsinfo)

Mark Brandis – Raumsonde Epsilon 2 (Folge 10) weiterlesen

Stephen King – Billy Summers

Die Handlung:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

In dieser Geschichte folgen wir dem titelspendenden Billy Summers. Früher war er Scharfschütze im Irak-Krieg, heute Attentäter gegen Bezahlung. Nach außen gibt er sich gern dümmlich, aber innerlich ist er hellwach und gut organisiert.

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