Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

John Sinclair – Im Tempel des Drachen (Folge 144, Teil 2 von 2)

Die Handlung:

Der unheimliche Shaolin Lin Cho war der einzige Kämpfer gewesen, der die Barbarenhorde hatte aufhalten können – mit Hilfe des Drachengottes, den er im unterirdischen Tempel des Drachen besucht hatte. Tausend Jahre später wandelten Suko und ich im Hochland von Tibet auf Lin Chos Spuren … im Wettlauf mit Shimada! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer
486 gemacht, das erstmalig am 2. November 1987 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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Montgomery, Lucy Maud / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne in Windy Poplars. Folge 14: Ein harter Brocken

_Schauermärchen und andere alte Hüte_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne in Kingsport“)

Folge 13: Anne Shirley tritt ihre Rektorinnen-Stelle an der Summerside Highschool an. Schnell muss sie erkennen, dass sie in dem beschaulichen Städtchen keineswegs erwünscht ist. Bereits die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich schwierig, denn der alles beherrschende Pringle-Clan hat sich gegen die Neue verschworen …

Folge 14: Die unverheiratete Pauline Gibson fristet ein trauriges Dasein, denn sie betreut seit vielen Jahren ihre im Rollstuhl sitzende Mutter, die eine äußerst übellaunige Person ist. In einem Anflug von Mitleid ermöglicht Anne der Tochter den Besuch einer Familienfeier, indem sie für einen ganzen Tag die Sorge für die grantige Mrs. Gibson übernimmt …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die zweite Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: Anne in Windy Poplars (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin 6084
Folge 14: Ein harter Brocken
Folge 15: Das zweite Jahr in Summerside
Folge 16: Abschied von Summerside

Die 5. Staffel („Anne in Four Winds“) erscheint im Frühjahr 2010.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Und andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Akin.

_Handlung_

Nachdem sie in den Weihnachtsferien ihren Verlobten Gilbert und ihre Lieben auf Green Gables wiedergesehen hat, kehrt Anne nach Windy Poplars zurück. Sie schweigt eisern auf Fragen, wie es ihr nur gelang, die Pringles zu bezwingen. Da fällt ihr ein, dass Mrs. Campbell im Nachbarhaus ja mit den Pringles verwandt ist. Sie versucht ihr Glück und erreicht, dass Elizabeth Grayson, deren Urenkelin, mit ihr zum Hafen spazieren gehen darf. Das Mädchen zeigt auf die vorgelagerte Insel Flying Cloud, die einem reichen Bostoner gehört, wo aber alle ihre Phantasien spielen. Anne verspricht ihr im Sommer eine Bootstour zur Insel.

Im Februar hat Anne erstmals das zweifelhafte Vergnügen, Sophie Sinclairs Vater Cyrus kennenzulernen. Ihr Kollege George McKay möchte nämlich um die Hand von Sophies Schwester Esmé anhalten. Doch Cyrus Sinclair ist solch ein bockiger Schmollkopf, dass George seine Felle davonschwimmen sieht. Anne muss helfen! Bei einem Abendessen von denkwürdiger Unangenehmheit greift sie deshalb zu einer List und bricht so das Eis. Georges Antrag wird akzeptiert. Anne schafft es auch, dass Elizabeth sie in Windy Poplars besuchen darf.

Im April besucht Anne die alte Mrs. Gibson, deren Tochter Pauline trotz ihrer 45 Jahre immer noch unverheiratet ist. Diese Tatsache ist ein Affront für Annes Weltanschauung, dass jedes menschliche Wesen einen Gefährten braucht. Tatsächlich ist Paulines Mutter ein wahrer Hausdrache, der es raffiniert versteht, durch Wecken eines schlechten Gewissens ein Regime des Pychoterrors auszuüben. Als Pauline den Wunsch äußert, die Silberhochzeit einer Freundin zu besuchen, deren Brautjungfer sie einst war, stellt sich die Alte sofort dagegen. Nur Annes Angebot, für Pauline einen Tag lang einzuspringen, kann das arme Kind loseisen. Dies wird ein denkwürdiger Tag für Anne und besonders für Mrs. Gibson …

Überraschend erhält Anne eine Einladung von den beiden Oberhäuptern des Pringle-Clans. Maplehurst ist ein stattliches, geradezu schlossartiges Anwesen, das deren Vater Abraham erbaute. Doch von den beiden Schwestern ist nur Sarah, die Anne vor Weihnachten in Windy Poplars besuchte, zugegen. Sie zeigt ihr das „Schloss“. Schon wenig später rieselt es Anne schaudernd den Rücken hinunter, als Sarah erzählt, dass auf dem Haus ein Fluch liege und seit dem Tag seiner Einweihung Menschen ihr Leben darin gelassen hätten. Auch Gespenster gingen hier um, erzählt Sarah genüsslich.

Als Anne das Zimmer von Tante Arabella zugewiesen bekommt – man lässt sie nicht weg -, freut sie sich zu früh auf eine geruhsame Nacht. Tante Arabella habe sich im Wandschrank erhängt, berichtet Sarah, und gehe seitdem um. Na, das kann ja heiter werden, denkt Anne und bereitet sich auf eine unruhige Nacht vor …

_Mein Eindruck_

Wieder werden hier spätere Episoden vorbereitet. Der Handlungsstrang um Elizabeth Grayson wird weitergeführt, und es wird für das kleine Mädchen zunehmend besser. Doch der eigentliche Höhepunkt bleibt hier aus. Kenner ahnen aber, dass für Elizabeth nur ein Happyend infrage kommt. Ebenso für George McKay, der es mit dem Vater seiner Angebeteten aufnehmen muss. Auch Anne ist Cyrus Sinclair ein Dorn im Auge. Obwohl sie die erste Runde im Clinch mit ihm gewinnt, heißt das nicht, dass er klein beigibt. In Folge 16 bildet er noch einmal eine ganze harte Nuss.

Zentrale Sequenz dieser Folge ist Annes Aufenthalt bei Mrs. Gibson, den ich allerdings überhaupt nicht lustig fand. Wahrscheinlich muss man viel Nachsicht für den alten Drachen mitbringen, um Mrs. Gibsons Tyrannei auch Anne gegenüber ertragen zu können. Wenigstens hat Anne bei Pauline Gibson Erfolg auf der ganzen Linie, denn die hat nicht nur einen wunderschönen Tag verbracht, sondern ist Anne auch ewig dafür dankbar.

Die Autorin hat sicherlich ihren Nathaniel Hawthorne aus dem Effeff gekannt, so etwa „Das Haus mit den siebel Giebeln“ oder „Rappacinis Tochter“, Schauererzählungen der unheimlichen Art. Dass Neuengland dafür geradezu prädestiniert ist, zeigten nach Hawthorne auch Poe und Lovecraft sowie deren Brüder im Geiste (die Literaturhistoriker kennen bemerkenswert wenig Schwestern im Geiste).

Wie sonst hätte sie auf die Idee verfallen können, aus Maplehurst ein Spukschloss machen zu wollen? Aber wenn man die Idee hinter jeglicher Art von Schauerliteratur seit deren Erfindung im Jahr 1764 kennt, dann erscheint diese Gruselepisode durchaus folgerichtig. Sarah Pringle spricht von einem Fluch, der auf dem Anwesen und der Familie liege. Wenn man weiß, was ihr Onkel Myron angestellt hat (siehe Folge 13), dann kommt uns dieser Fluch ziemlich verdient vor. Denn ansonsten werden hier keinerlei Gründe genannt, woher der Fluch rühren sollte. Der Zimmermann, der das Haus baute, mag den Fluch ausgesprochen haben, doch aus welchem Grund, erfahren wir nicht.

Durch die massive Häufung der aufgezählten Todesfälle versucht Sarah Pringle vermutlich so etwas wie Supergrusel in Anne zu erzeugen, doch wir kringeln uns bereits vor Lachen, ebenso wie später die Tanten auf Windy Poplars. Aus dem Grusel wird im Handumdrehen eine Parodie auf alle Schauermärchen, und das ist der Sinn und Zwecke dieser Szene. Anne schläft denn auch friedlich im Bettchen eines Gespenstes. Die Ablehnung der Faszination von Gruselgeschichten ist die Absage der Autorin an alle Auswüchse der Schauerromantik, wie sie seit Bram Stokers Superseller „Dracula“ wieder auflebte.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1882, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist natürlich kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchsstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Zentrale Sequenz dieser Folge ist Annes Aufenthalt bei Mrs. Gibson, den ich allerdings überhaupt nicht lustig fand. Wahrscheinlich muss man viel Nachsicht für den alten Drachen mitbringen, um Mrs. Gibsons Tyrannei auch Anne gegenüber ertragen zu können. Viel lustiger fand ich die zweite längere Sequenz, die in Annes Besuch auf dem „Spukschloss“ der Pringles besteht. Hier zieht die Autorin den Hochmut des neuenglischen „Hochadels“ durch den Kakao: Die haben alle ihre Leichen im Keller, und was für viele, scheint sie zu sagen. Durch die Parodierung von Hawthornes Schauromantik kritisiert die Autorin auch modische Gruselstorys. So etwas könnten wir heute wieder gut gebrauchen.

|Das Hörspiel|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, dass man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|67 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-4139-9|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

TKKG junior – In den Fängen der Felsenbande (Folge 15)

Die Handlung:

Tim wird von seiner Vergangenheit eingeholt: Als er seiner Mutter in seinem alten Viertel einen Krankenbesuch abstattet, weil sie sich eine Grippe eingefangen hat, begegnet er seiner alten Sandkasten-Bande. Als er erfährt, dass die ein krummes Ding drehen wollen und ihn gern dabei hätten, lehnt er das Angebot deutlich ab. Dass er damit seine Mutter in Gefahr gebracht hat, wird ihm klar, als bei ihr eine Fensterscheibe eingeschmissen wird. Als die Situation schließlich völlig außer Kontrolle gerät, sind zum Glück seine TKKG-Freunde zur Stelle. Schaffen sie es, Tim aus der Klemme zu helfen? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Oha, der Klappentext klingt ja eher nach einem Fall für die ältere TKKG-Bande. Die hatte ja schon Kontakt zu Jugend-Gangs. Wie schlagen sich denn die TKKG-Kids in solch einer Situation?

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Edgar Allan Poe – William Wilson (Folge 32)

_Ein fiese Falle, ein perfider Doppelgänger_

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Feeninsel“ beginnt die achte Staffel des großen POE-Epos. Die Vorgeschichte findet man in den vorangegangenen 31 Folgen sowie in dem Roman [„Lebendig begraben“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404156757/powermetalde-21 erschienen bei |Bastei Lübbe|.

USA um 1850. Der Mann, der sich POE nennt und kein Gedächtnis besitzt, versucht nach den schrecklichen Erlebnissen in New York City, ein neues Leben zu beginnen. Er glaubt, er ist Poe, wer sonst? Sicher ruht auf dem Friedhof von Baltimore ein Namenloser. Nach seiner neuerlichen Gefangennahme, Verurteilung und Inhaftierung im Irrenasyl auf Blackwell’s Island ist es Poe gelungen, zurück nach Manhattan zu entkommen. Dort trifft er seine Beinahegattin Leonie Goron wieder und nimmt sich vor, seine wahre Identität von seinem Verleger Graham bestätigen zu lassen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht …

Die |Edgar Allan Poe|-Serie von |STIL| bei |Lübbe Audio|:

#1: [Die Grube und das Pendel 1487
#2: [Die schwarze Katze 755
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
#9: [Hopp-Frosch 1906
#10: [Das ovale Portrait 1913
#11: [Der entwendete Brief 1927
#12: [Eleonora 1931
#13: [Schweigen 3094
#14: [Die längliche Kiste 2510
#15: [Du hast’s getan 2518
#16: [Das Fass Amontillado 2563
#17: [Das verräterische Herz 2573
#18: [Gespräch mit einer Mumie 3178
#19: [Die Sphinx 3188
#20: [Scheherazades 1002. Erzählung 3202 (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: [Schatten 3206 (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
#22: [Berenice 4394
#23: [König Pest 4408
#24: [Der Fall Valdemar 4420
#25: [Metzengerstein 4471
#26: [Die Flaschenpost 4946
#27: [Landors Landhaus 4966
#28: [Der Mann in der Menge 5000
#29: [Der Kopf des Teufels 5089

Achte Staffel (11/2008):

#30: [Feeninsel 5540
#31: [Teer und Federn 5569
#32: William Wilson
#33: Morella

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

Mehr von und über Edgar Allan Poe auf |Buchwurm.info|:

[„Faszination des Grauens 554“]
[„Edgar Allan Poes Meistererzähler“ 4832 (Hörbuch)
[„Der Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11, Hörspiel)
[„Der Doppelmord in der Rue Morgue“ 2396 (Hörbuch)
[„Der Streit mit der Mumie“ 1886 (Hörbuch)
[„Die Brille“ 1885 (Hörbuch)
[„Mythos & Wahrheit: Edgar Allan Poe. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen“ 2933
[„Visionen“ 2554

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie unter anderem mit dem |Bambi| und mit der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Edgar Allan Poe: Ulrich Pleitgen
Leonie Goron: Iris Berben
Rick Ellis: Tilo Schmitz (Ving Rhames, Michael Clarke Duncan)
Griswold: Friedrich Georg Beckhaus (Robert Duvall, Klaus Kinski, Sir Ian Holm)
Mr. Graham: Matthias Klages (Thomas Gibson in „Chicago Hope“, John Allen Nelson in „24“)
Mr. White: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney)
Glendinning: Bodo Wolf (Christopher Walken, William H. Macy, Robin Williams)
Und andere.

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Giuliana Ertl, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dicky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon 31 Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

_Handlung_

Nachdem er von Blackwell’s Island – wieder einmal – entkommen ist, besucht Poe seine alte Anlaufstelle, den Wirt Rick Ellis im Gasthaus Madame Lovells. Rick verarbeitet zwar Menschenfleisch zu seinen hervorragenden Pasteten, doch Poe lässt Nachsicht gelten: Rick soll ihm ein Versteck besorgen, denn garantiert werden ihn die Behörden suchen. Rick weiß das optimale Etablissement: eine Gruft auf dem Friedhof von Kingstead. Gerade noch rechtzeitig kann sich Poe vor dem Journalisten Griswold verbergen, mit dem er schon negative Bekanntschaft geschlossen hat („Die Flaschenpost“). Der Typ hielt Poe für einen Hochstapler.

|Griswold|

Die Gruft ist „hübsch“ und hält sogar eines von Poes eigenen Werken bereit, das sein Vorgänger hier vergessen hat. In diesem Buch findet Poe seine eigene Kurzbiografie abgedruckt. Da kommt ihm die zündende Idee: Wenn er doch jemanden braucht, der ihm seine wahre Identität als Poe bestätigen kann, dann doch sein Verleger, Mr. Graham! Wieder bei Rick, trägt er seine Idee vor, doch diesmal wird er von Griswold entdeckt. Dieser bietet wider Erwarten seine Hilfe bei dem Unterfangen an und will den Verleger, den er persönlich kenne, mit Poe zusammenbringen.

|Mr. White|

Am nächsten Morgen trifft Poe vor dem Verlagshaus allerdings keinen Griswold. Auch Mr. Graham sei schon weg, lügt die Pförtnerin. Doch der Cheflektor, Mr. White, werde Poe sicher empfangen. Mr. White ist ein freundlicher und großherziger Mann, wie Poe erfreut feststellt. Vielleicht wendet sich doch noch alles zum Guten. White führt einige Prüfungen durch, darunter der Vergleich von Poes Profil mit einem der Schattenrisse, die White seinerzeit selbst angefertigt hat. Die Schattenrisse der Autoren hängen in Whites geheimem Privatraum, der hinter einem Regal versteckt ist. Als White verspricht, Poe mit Graham zusammenzubringen, geht Poe wie auf Wolken der Glückseligkeit zurück zu Rick. Es wird gefeiert.

|Das Versteck|

Am nächsten Morgen erscheint Poe zur verabredeten Zeit in Grahams Büro und stellt sich der Gestalt, die in einem Stuhl am Fenster sitzt, als Edgar Allan Poe vor. Doch die Gestalt, die abgewandt dasitzt, rührt sich nicht und sagt nichts. Es ist der tote Mr. White! Als er Stimmen kommen hört, versteckt sich Poe flugs in Whites Geheimzimmer hinter dem Bücherregal. Es ist tatsächlich Mr. Graham, allerdings auch Mr. Griswold. Poe zögert, sich aus seinem Versteck hervor zu wagen. Zu seinem Glück. Denn was die zwei sauberen Gentlemen sich zu sagen haben, lässt Poe das Blut in den Adern gefrieren: Er ist in eine teuflische Falle getappt …

_Mein Eindruck_

So weit also die vordergründige Story, die die Suche um Poes Identität wirklich eine gutes Stück weiterbringt. Typisch ist wieder mal der vehemente Stimmungsumschwung zwischen Glückseligkeit und tiefstem Unglück. Unter diesen Wechselfällen des Schicksals hatte Poe ja schon viele Male zu leiden. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, immer wieder von Neuem an sein Glück zu glauben.

Das unvermittelte, erneuerte Auftauchen Griswolds sollte uns stutzig machen. Was hat er hier in New York City zu suchen? Zuletzt sahen ihn Poe und Leonie draußen an der Küste in einem einsamen Gasthof (in „Die Flaschenpost“). Könnte es sich bei Griswold um jenen Schatten handeln, der von Dr. Templeton dabei beobachtet wurde, wie er ihr und ihrem Diener nachschlich (in „Feeninsel“)? Das würde Griswold ein weitaus größere Bedeutung zuweisen, als bislang deutlich geworden ist.

|Der Traum|

Der Grund, warum diese Folge „William Wilson“ betitelt ist, hat jedoch offenbar nichts mit Poes Besuch im Verlag zu tun, sondern vielmehr mit seinem Traum von einem Doppelgänger, eben jenem titelgebenden William Wilson. Der Träumer lernt ihn im Internat kennen und wundert sich: Der Junge heißt genauso wie er selbst. Während des Studiums treibt sich der Träumer in Lasterhöhlen herum, doch der andere Wilson taucht immer wieder auf, um ihm Streiche zu spielen.

Der Träumer entwickelt sich zu einem Meister im Ecarté-Spiel und droht in einem entscheidenden Spiel, Lord Glendinning zu ruinieren. Da taucht der Andere erneut auf, wenn auch vermummt bis über die Nase, und entlarvt das „Original“ als Falschspieler. Doch selbst als der Träumer bis nach Venedig reist und sich beim Karneval an eine liebliche Signorina heranmacht, kann er seinem Doppelgänger nicht entgehen, der sich auch diesmal wieder als Spielverderber zu betätigen versucht. Es kommt zu einem Degenduell, das über Leben und Tod entscheidet. Wer siegt, soll hier nicht verraten werden.

Einen Traum als Plot-Device zu verwenden, ist den Machern der Serie schon etliche Male eingefallen, doch in letzter Zeit haben sie selten zu diesem Stilmittel gegriffen. Umso mehr überrascht es nun und wirkt ein wenig wie die Holzhammermethode, um bei der Hauptfigur die epochale Erkenntnis herbeizuführen, dass ja auch seine Familie über seine Identität Zeugnis ablegen könnte. Potztausend, warum ist er nicht schon früher darauf gekommen? Das fragt sich allerdings auch der Hörer und wundert sich.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Aber Poe kann auch sehr pragmatisch agieren, und Pleitgen weiß die scharfe Beobachtungsgabe seiner Hauptfigur wie auch dessen Hinterlist ebenso glaubwürdig darzustellen. Sein Poe ist kein hilflos durch die Gassen torkelnder Somnambuler, sondern ein hellwacher Geist, der nur ab und zu unter ein paar Bewusstseinstrübungen leidet, die ihn in Gestalt von Träumen heimsuchen. Diese Träume, so erkennt er schließlich, sind Erinnerungen an seine eigenen Erzählungen.

Die Nebenfiguren sind wenig bemerkenswert, bis auf den Sprecher des Mr. White vielleicht. Detlef Bierstedt, sonst als deutsche Stimmbandvertretung von George Clooney im Einsatz, verleiht Mr. White eine flexible und glaubwürdige Erscheinung. Denn es gilt ja, eine ganze Menge Fragen zu beantworten und Mr. White in kürzester Zeit zu charakterisieren. Wie kann es sich dieser Lektor leisten, in seinen Büroräumen ein Geheimzimmer einzurichten und vor seinem Chef zu verbergen? Warum fertigt er von seinen Autoren Scherenschnitte an und keine Fotos? (Es gab damals ja bereits Daguerreotypien – vielleicht waren sie noch zu teuer.)

Sehr gut gefiel mir Tilo Schmitz in der Rolle des Wirtes Rick. Sein Name gemahnt ja an Rick’s Café in dem Filmklassiker „Casablanca“. Kein Wunder, dass bei ihm alle möglichen Flüchtlinge vorbeischauen, so etwa auch Poe. Rick hat seine eigenen Geheimnisse, so etwa seine berühmt-berüchtigten Fleischpasteten aus menschlichem Ursprungsmaterial. (Siehe dazu Folge 21 „Schatten“).

|Geräusche|

Der Sound liegt im Format PCM-Stereo vor, wie mir mein DVD-Spieler angezeigt hat, und klingt glasklar. Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt.

Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Aber sie werden nur ganz gezielt dort eingesetzt, wo sie einen Sinn ergeben. Wiederholt ist eine Glocke zu hören, sei es nun von einer Turmuhr (bitte die Schläge zählen – ein wichtiger Hinweis), oder auf dem Friedhof.

Diese untere Schicht von Geräuschen wird von der Musik ergänzt, die eine emotionale Schicht einzieht. Darüber erst erklingen die Stimmen der Sprechen: Dialoge, aber auch Rufe und sogar Schreie. Durch diese Klang-Architektur stören sich die akustischen Ebenen nicht gegenseitig, sind leichter aufzunehmen und abzumischen. Das Ergebnis ist ein klares Klangbild, das den Zuhörer nicht von den Informationen, die es ihm liefert, ablenkt.

|Musik|

Die Musik erhält eine wichtige Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der jeweiligen Hauptfigur und ihres Ambientes darzustellen. Allenthalben ist Poes musikalisches Leitmotiv zu hören sowie der Chor „Dies illa, dies irae“, der das Verhängnis – „jenen Tag des Zorns“ – ankündigt. Hinzukommen sehr tiefe, unheilvoll und bedrohliche wirkende Bässe. Sie werden von diversen elektronisch erzeugten Sounds ergänzt, die ich einfach mal der Musik zuschlage. Zur Abwechslung gibt es ein paar flotte Passagen, so etwa in der finalen Fechtszene des Traums.

Ein Streichquartett und Musiker des Filmorchesters Berlin wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht. An der Musik gibt es absolut nicht auszusetzen. Für die jüngere Generation mag sie aber zu klassisch orientiert sein. Rockige Klänge finden Jüngere eher in |LPL|s „Offenbarung 23“ oder „Jack Slaughter“.

|Der Song|

Jede Folge der Serie wird mit einem Song abgeschlossen, und in jeder Staffel gibt es einen neuen Song. Diese Staffel enthält den Song „You see“ von der deutschen Gruppe |[Elane.]http://www.powermetal.de/review/review-12848.html |Die Stilrichtung entspricht einem weiterentwickelten Celtic Folk Rock, wie er von der Gruppe |Clannad| in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. Auch bei |Elane| wird englische mit gälischer Sprache kombiniert.

Die Musik verbindet Romantik und sehnsuchtsvolle Mystik, was einerseits durch die Instrumentierung, zum anderen durch den mehrstimmigen Frauengesang betont wird. Zu den Instrumenten, die für Folk Rock obligatorisch sind, gehören die akustische Gitarre, die Harfe und die Flöte. Dass Drums, E-Gitarre und E-Bass eine elektrisch verstärkte Rhythmusgruppe bilden, wurde schon von |Clannad| als Standard etabliert. Besonders interessant bei |Elane| ist die Mehrstimmigkeit.

Ich konnte zwei tiefe Frauenstimmen ausmachen und eine hohe Frauenstimme, also Alt und Sopran. Die Überlagerungen machen die Harmonien zu einer kniffligen Angelegenheit der gegenseitigen Abstimmung, sonst können leicht Disharmonien oder gar Rhythmusstörungen entstehen. Soweit ich hören könnte, gelingt die Polyharmonie jedoch durchweg einwandfrei – Applaus.

_Unterm Strich_

Auf diese Folge habe ich schon lange gewartet. Sie beruht auf einer frühen Erzählung Poes, und nur wenige Male hat er sich überhaupt mit dem romantischen Thema des Doppelgängers beschäftigt. Umso wichtiger also ist diese Story.

Doch wie enttäuscht war ich von ihrer Umsetzung in dem Hörspiel. Zunächst wird sie als Traum sozusagen ausgelagert, statt in Poes Suche nach Identität eingebettet zu werden. Vielleicht wäre das den Machern zu kompliziert geworden. Das Stilmittel des Traums ist sowohl Poe als auch uns sattsam bekannt, so etwa aus „Das verräterische Herz“. Auch in der nächste Episode „Morella“ wird es eingesetzt, allerdings wesentlich raffinierter, weil der Schläfer nicht zwischen Traum und Wachtraum/Einflüsterung zu unterscheiden vermag.

Diese Episode dient dazu, wieder mal eine Hoffnung Poes auf Bestätigung seiner Identität zu bestätigen und zugleich zu zerschlagen. Und sie lässt Mr. Griswold, den perfiden Nachlassverwalter des historischen Poe, ein weiteres Mal in einer ominösen Rolle auftreten. Ob zwischen ihm und Poe bzw. Leonie eine schicksalhafte Verbindung besteht, muss sich noch erweisen. Aber ich würde nicht darauf wetten. Auf jeden Fall trägt er zu einer spannenden Handlung bei, indem er die Widersacher Poes repräsentiert, die dessen Auferstehung verhindern wollen. Ein toter Dichter ist eben viel lukrativer als ein lebender.

|Das Hörspiel|

Die akustische Umsetzung ist vom Feinsten, und man merkt in jeder Szene, wie viel Sorgfalt die Mitwirkenden und Macher aufgewendet haben, um die Episode reizvoll und stimmungsvoll zu gestalten. Ein Highlight ist für mich die Szene in Mr. Whites Geheimzimmer, in dem Poe von der grausamen Falle erfährt, in die er gelockt worden ist.

|57 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3688-3|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de
http://www.elane-music.de

Damhaug, Torkil – Bärenkralle, Die (Lesung)

_Vom wilden Bären gebissen? Norwegischer Psychothriller_

Mitten in Oslo werden innerhalb kürzester Zeit drei Frauen auf bestialische Weise ermordet. Kommissar Viken steht vor einem Rätsel, denn die schweren Verletzungen deuten auf den Angriff eines Bären hin. Doch wann hat man das letzte Mal von Bären in der Stadt Oslo gehört? Dann entdeckt der Kommissar, dass der beliebte Arzt Axel Glenne alle Toten kannte … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Torkil Damhaug, geboren 1958 in Lillehammer, studierte Medizin und Psychologie. Er arbeitete in Akershus als Psychiater, bevor er sich 2006 ganz dem Schreiben von psychologischen Thrillern widmete. Mit „Die Bärenkralle“, nominiert als bester norwegischer Thriller des Jahres 2007, gelang ihm der internationale Durchbruch. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist die deutsche Stimmbandvertretung von George Clooney und Jonathan Frakes (Star Trek TNG). Er hat auch schon die Dick-Francis-Romane, Romane von Rebecca Gablé oder Lincoln Child sowie Dan Browns „Diabolus“ gelesen. Regelmäßig ist er in den Hörspielserien „Offenbarung 23“ und „John Sinclair“ zu hören.

Die Lesefassung erstellte Katja Wanoth. Regie im Berliner Studio XBerg führte Johanna Steiner, das Mastering erledigte Jochen Simmendinger.

_Handlung_

Es beginnt ganz langsam am Montag, den 24. September in Oslo. Der Arzt Axel Glenne besucht wieder einmal seine in der psychiatrischen Klinik, in der er vor zwölf Jahren arbeitete, lebende Mutter Astrid. Doch sie erkennt ihren Sohn nicht. Sein Vater, einst der höchste Richter Norwegens, ist schon längst unter der Erde. Im Krieg floh er vor der Gestapo nach Schweden, wo er im Widerstand arbeitete. Doch wo ist Axels Zwillingsbruder Brede? Er weiß es nicht, denn nach jener Sache vor 25 Jahren, als der Hund erschossen wurde (von wem?), wurde Brede, der rebellische Tunichtgut, in ein Heim gegeben und Axel sah ihn nie wieder.

Dienstag, 25.9. Axel Glenne hat Bereitschaftsdienst bei Verkehrsunfällen gehabt. Das Gesicht der tödlich verunglückten jungen Frau Liss geht ihm im Schlaf nach. Er nimmt sich vor, ihre Mutter Ingrid Brodal, quasi eine Schulkameradin, zu besuchen. Da ist ihm, als sähe er seinen missratenen Bruder auf der Straße in Oslo. Ein Irrtum. In der Praxis beginnt heute eine junge Praktikantin, die aus Litauen stammt, ihren Dienst: Miriam. Erste Patientin ist Cecilie Davidsen, eine Stewardess, in deren Brust ein Knoten zu ertasten ist. Er rät zu einer Mammographie. Miriam fährt ihn abends zur Fähre, wobei er ihr von Liss erzählt. Am nächsten Abend bringt er sie nach Hause. Sie lädt ihn zu sich ein, doch er verzichtet lieber. Schließlich ist er verheiratet und hat drei Kinder.

Donnerstags macht er immer seine Radtour in den nahen Wald. Dann ist die Praxis geschlossen. Er gelangt zu dem Weiher, an dem er in seiner Jugend oft mit Brede war und wo er seine Frau Vibeke zum ersten Mal liebte. Nach dem Bad im Teich entdeckt er einen Pfad und Stiefelabdrücke, die zu einer kleinen Hütte führen, in der noch Proviant liegt. Dies könnte eine der Schutzhütten für die Widerstandskämpfer sein, um die sich im Krieg sein Vater kümmerte. Doch wer versteckt sich jetzt hier? Sein Fahrrad hat einen Platten, und er muss gehen. Dabei stößt er auf eine Physiotherapeutin, der er einmal eine Patientin überwiesen hat. Wie hieß sie noch gleich?

Am Freitag hat er wieder Dienst, doch am Abend ruht er aus, denkt an die süße Miriam. Morgens um zwei kommt seine Frau Bi nach Hause, sie hat auf einem Ball mit einem Polizisten getanzt. Sie haben Sex miteinander, wobei er sie mit Handschellen fesselt. Am nächsten Tag kommt sie zu ihm und sagt, dass ihre Physiotherapeutin Hilde Paulsen verschwunden sei, ermordet. Das war doch die Frau, die er auf dem Waldweg sah, fällt ihm ein. Axel fühlt sich verpflichtet, dies bei der Polizei auszusagen.

Am Montagabend gesteht ihm Miriam ihre tiefe Zuneigung, und er küsst sie. Mehr darf aber nicht geschehen, sagt er sich. Er will ja nicht wegen der 26-Jährigen seine Ehe gefährden. Doch es kommt anders. Als er am Dienstag Cecilie Davidsen die schlechten Ergebnisse von der Mammographie persönlich überbringen will, trifft er nur ihr Töchterchen an. Es war ein Fehler zu kommen. Irritiert geht er wieder.

|Die Erste|

Am Sonntag, den 7. Oktober, betrachtet Hauptkommissar Hans Magnus Viken den Fundort der weiblichen Leiche. Eine erste Identifizierung liegt vor: Es handelt sich um die vermisste Hilde Paulsen. Auffällig ist die blutige Krallenspur, die vom Hals bis zur Wange führt, und eine zweite, die den Rücken zerfurcht. Von welchem Tier stammen die denn, will Viken von einem Experten namens Arve Nordag wissen. Die wohlüberlegte Antwort lautet: „von einem Bären“. Die Reporterin Fredvold vom Fernsehen schnappt das auf, und schon bald ist von dem Bärenmord in allen Medien die Rede. Ein Bär in Oslo, wundern sich die Experten, und Axel Glenne findet das schlicht „absurd“.

Arve Nordag zweifelt an der Bärensache: Die Krallenspuren seien jünger als der Todeszeitpunkt. Dieser lag laut Obduktion etwa eine Woche nach Paulsens Verschwinden. Als sie die Verletzung erlitt, lebte sie noch, was Nordags Darstellung widerspricht. Sie starb erst vor ein bis zwei Tagen, und zwar nicht am Blutverlust, sondern an einer Droge, die ihr gespritzt wurde, wie mehrere Einstiche zeigen: Thiopenthal, ein Barbiturat aus der Tiermedizin, das für Vollnarkosen benutzt wird. Wie konnte der Täter an solch einen streng kontrollierten Stoff gelangen, wundert sich Viken.

Am nächsten Donnerstag, den 11. Oktober, radelt Axel Glenne mit Miriam zu seinem geliebten Weiher hinaus. Es versichert ihr, dass es hier weit und breit keinen Bären gebe. Nach einem Picknick gehen sie schwimmen und joggen, doch ein Regenguss zwingt sie, Schutz in der versteckten Hütte zu suchen. Hier könnten sie einander endlich lieben, doch ein Gesicht über den Holzbrettern lässt Axel die Lust vergehen. Er glaubt, er habe seinen Bruder gesehen. Der sagte vor 20 Jahren, als er ihn zuletzt sah, er werde Axels Leben so zerstören, wie er seines zerstört habe.

|Die Zweite|

Am Freitag ruft Henrik Davidsen bei Axel an, dass seine Frau Cecilie, die Stewardess, vermisst werde. Er habe die Polizei verständigt. In dieser Nacht fährt Hans Magnus Viken wieder zu einem Fundort, wo er die Leiche von Cecilie Davidsen zu sehen erwartet. Doch diesmal liegt die von Krallen zerfetzte Leiche mitten in einem öffentlichen Park. Alles ist genauso wie bei Hilde Paulsen, nur dass diese Frau zehn Jahre jünger war. Wieder findet sich Thiopenthal im Blut. Als Vikens Assistentin Nina Jepsen die Verbindungen zwischen den beiden Mordopfern prüft, blinkt Axel Glennes Name auf.

Viken und Nordag vernehmen den Arzt eine geschlagene Stunde lang. Doch Axel will weder über Brede sprechen noch Miriam erwähnen. Das hätte gerade noch gefehlt: „Ich war allein.“ Diese Lüge hätte sein Vater, der Richter, sofort geahndet. Nina Jepsen geht in der tiefsten Provinz einer alten Meinungsäußerung nach, wonach man mal einen Bären zu den hohen Herren nach Oslo schicken sollte. Auf ihrem Weg stößt sie erstmals auf die Esso-Tankstelle mit dem Skinhead. Der Tankstellenbesitzer hat zwei Anklagen wegen Vergewaltigung, aber ohne Verurteilung. Sie wird hier noch mehrere Male vorbeikommen, unter zunehmend merkwürdigeren Umständen …

|Die Dritte|

Eine Woche vergeht, bis am Freitag, den 19. Oktober, ein Mann bei Miriams Nachbarin Anita Elvestrand klingelt. Die ehemals Drogensüchtige sorgt sich um ihre Tochter Viktoria, die im Heim lebt. Der Mann sagt, es gehe um Viktoria, und natürlich folgt sie ihm. An diesem Abend wird Anita Elvestrand zum letzten Mal lebend gesehen …

|Die Vierte|

Miriam hat die Liebesaffäre mit Axel Glenne intensiviert und sieht ihn mehrmals in der Woche. Am Montag vermisst sie Anita und hat schreckliche Angst um sie. Was, wenn der Serienmörder ihr, Miriam, immer näher kommen will? Dann wäre sie die nächste, die Nummer vier auf seiner Liste! Aber was verbindet alle Frauen, fragt sie sich. Immer ist es Axel. Als er in der Nacht eine blutverschmierte Leiche vor Miriams Wohnung entdeckt, erleidet Miriam einen Schock: Anita fehlen die Beine.

Als wenig später Hans Magnus Viken bei Miriam anklopft, sagt sie, sie habe die Nacht allein verbracht. Er durchschaut sie sofort, denn er hat bereits eine feste Theorie über den Täter. Wer war in der Nacht bei ihr?

_Mein Eindruck_

Zunächst klingt die Story ziemlich simpel: Axel Glenne muss der Killer mit der Bärenkralle sein. Aber wie soll das zugegangen sein? Müsste er sich nicht an seine Taten erinnern und von ihnen irgendwie beeinflusst sein? Er würde doch seine Geliebte nicht in den Wald mitnehmen, um sie dort ebenfalls zu töten – oder vielleicht doch? Kommissar Viken hat eine verwegene Theorie, die auf seinen Erfahrungen mit Serienmördern in Manchester basiert. Axel Glenne staunt im Verhör: Er soll schizophren sein und nichts von seinem Alter Ego, das all diese bizarren Morde begeht, wissen! Der Kommissar hat einige Punkte, die für seine Theorie sprechen. Doch dann verschwindet auch Miriam …

|Mein Bruder, mein Killer?|

Axel Glenne erinnert sich, seine Frau und seine Freundin immer wieder an seinen Zwillingsbruder Brede. Dieser Tunichtgut hat gedroht, sein Leben zu zerstören. Und da er absolut identisch wie Axel aussieht, würde es ihm leichtfallen, sich für ihn auszugeben und sich an seine Patienten und seine engeren Kontakte heranzumachen. Etwa, um sie in eine tödliche Falle zu locken. Der Zweck der Serienmorde würde dann darin bestehen, Axel zu bestrafen, denn es kann nicht ausbleiben, dass jegliches Vertrauen in ihn zerstört wird (etwa durch die allgegenwärtigen Medien) oder Axel selbst beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln – aber das hat schon der Kommissar für ihn übernommen.

Der bis zuletzt unausgesprochene Grund, warum Axel ständig an Brede denken muss, ist ein tiefes Schuldgefühl. Dieses beruht auf einer Urszene, die mit der Erschießung von Axels Lieblingshund Baldur zu tun hat. Wer die Schuld hat und wer sie letzten Endes zugibt, sind zwei Paar Stiefel, wie sich herausstellt. Und der Grund, warum Brede seinen Zwilling so hasst, beruht auf Axels Verrat.

|Das blinde Auge des Gesetzes|

Das Grundthema des Thrillers dreht sich also um Vertrauen und Treue vs. Misstrauen und Verrat. Dies sind zwei zentrale Wertepole, die auch in der ganzen Gesellschaft wirksam sind. Die Kripo ist ein ausführendes Ermittlungsorgan dieser Gesellschaft, doch ihre Aufgabe besteht erst einmal darin, alle und jeden zu verdächtigen, so etwa auch den unbescholtenen Arzt Axel Glenne. So schräge Typen wie den geistig behinderten Oswald ignoriert die Polizei dann gerne, selbst wenn er lauthals brüllt: „Oswald Bären fangen!“

|VORSICHT, SPOILER!|

Die immense Ironie der Geschichte besteht nun darin, dass es genau die Kripo ist, die gegenüber sich selbst auf einem Auge blind ist. Der Serienmörder, den Viken so verbissen sucht, befindet sich in ihren eigenen Reihen. Und wann immer Nina Jepsen ihn auf Verdachtsmomente und Ungereimtheiten hinweist, will Viken nichts davon wissen. Oder Nina findet die Ungereimtheiten gar nicht erst, denn alle Dokumente und Informationen sind ja vom Täter manipuliert worden.

|ENDE SPOILER|

Diese Offenbarung kommt als totale Überraschung, und ich gebe sie hier nur sehr widerwillig preis, um mein Argument zu stützen: Das Versagen der eigenen Gesetzeshüter ist eine Folge fehlgeleiteten Vertrauens und Misstrauens. Jeder im Polizeiapparat, das zeigen die Cop-Szenen und Pressekonferenzen immer wieder, hat etwas zu verlieren und kocht sein eigenes Süppchen. Wie kann es Erfolg geben, wenn alle gegeneinander arbeiten, fragt der Autor unterschwellig. Und wenn es einen Einzelkämpfer wie Viken gibt, der auf einem Auge blind ist, ist der Justizirrtum fast vorprogrammiert.

Das nützt natürlich Miriam und Axel herzlich wenig, als sie sich in den Klauen des wahren Täters befinden, nur Zentimeter entfernt von einem echten Bären, der gerade aus seiner Betäubung erwacht …

|Der Sprecher|

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt kompetent und deutlich artikuliert vorgetragen, so dass man dem Text mühelos folgen kann. Er muss sich nicht besonders anstrengen, denn die norwegischen Namen auszusprechen, ist diesmal kein großes Kunststück für einen Mann mit Allgemeinbildung. Durch seine tiefe Stimmlage trägt Bierstedt das grimmige und blutige Schauspiel recht glaubwürdig vor.

Da sich die Anzahl der Figuren in Grenzen hält – es gibt nur drei Hauptfiguren -, gerät man nie in Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Bierstedt versucht sein Möglichstes, die Figuren zu charakterisieren, was ihm besonders gut bei den männlichen Figuren gelingt. Alle Frauenfiguren sind mit der gleichen hohen, sanften Stimmlage charakterisiert. Eine Ausnahme bei den Stimmen bildet der geistig behinderte Oswald, der – leider klischeehaft – mit einer hohlköpfig klingenden Stimme ausgestattet wird. Na ja, immer noch besser, als ihn auf nervende Weise quengeln zu lassen.

Bei so wenig Abwechslung in den Stimmlagen kommt es darauf an, die stimmliche Expressivität der jeweiligen Szene anzupassen und so den Ausdruck emotionaler und abwechslungsreicher zu gestalten. Dies gelingt dem Sprecher wesentlich erfolgreicher, und so kann sich der Hörer über Jammern, Verzweiflung, Hysterie, Schniefen, Stammeln, Verlegenheit, Angst, Spott, Arroganz, Sarkasmus, Nervosität, Erleichterung, Erschütterung, Aufregung, Besorgnis, Freude und viele andere Gefühlsausdrücke freuen. Ganz eindeutig ist dies Bierstedts eigentliche Stärke.

|Musik und Geräusche|

Musik und Geräusche gibt es keine, so dass ich darüber kein Wort zu verlieren brauche.

_Unterm Strich_

„Die Bärenkralle“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, denn es gibt nicht viele, in denen ein (vermeintlicher oder realer) Bär als Täter auftaucht. Mir ist jedenfalls keiner bekannt. Außerdem wartet Kommissar Viken, der nicht an Mordbären glaubt, mit einer ungewöhnlichen psychologischen Erklärung auf: Der Mörder ist paranoid-schizophren und weiß gar nicht, dass er drei Frauen ermordet hat: Axel hat alle Taten seinem (eingebildeten?) Zwillingsbruder Brede zugeschrieben. Das klingt schon mehr nach Edgar Allan Poe als nach einem gewöhnlichen Krimi.

Aber es kommt noch besser. Viken ist so auf den etwas zwielichtig geschilderten Axel Glenne fixiert, dass er betriebsblind wird und nicht merkt, wo er den Mörder suchen muss. Dieser Mörder ist ein Produkt des wilden Umlands und der Vergangenheit Norwegens, was die Geschichte auch zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Spiegel macht: Die Gegensätze zwischen moderner Stadtkultur und alter Landkultur plus Wildnis wurden selten in einem skandinavischen Thriller so deutlich herausgestrichen. Der Mörder macht sich beides zunutze, denn nur der Mensch kann beides in sich vereinen: den alten Adam und den domestizierten homo digitalis. Der Autor macht, verpackt in eine spannende Handlung, ein paar interessante Aussagen.

Axel Glennes Geschichte sieht scheinbar völlig banal aus, mit seiner Dreiecksgeschichte aus Ehebruch und vermeintlicher Heimsuchung durch einen Zwillingsbruder. Aber die Geschichte ist so raffiniert erzählt, dass wir nur immer von ihm etwas über Brede erfahren. Ein Psychogramm ergibt sich allmählich, das auf ewiger Schuld durch Treuebruch basiert. Wenn Axel seinen Bruder – und durch eine Lüge auch seine Eltern – verriet, wie könnte er jemals seiner Frau treu sein, fragt man sich. Aber auch die scheinbar so süße Miriam ist nicht ganz aufrichtig, war sie doch bereits einmal verlobt …

Wo man also hinschaut, findet man Betrug, Verrat, Täuschung und Irrtum. Die Welt ist ein Irrgarten, wie das Labyrinth aus Fluchtverstecken, das Axels Vater seinen zwei (?) Söhnen gezeigt hat. Dies ist eine versteckte Unterwelt, die suggeriert, dass es zwar eine Welt an der Oberfläche gibt, wo es angeblich gemäß Recht und Gesetz zugeht, doch dort unten sieht das Leben ganz anders aus. Und das ist ein ziemlich beunruhigendes Bild, das der psychologisch geschulte Autor von der ach so modernen westlichen Gesellschaft zeichnet. Die Bärenkralle – sie ist uns stets nur einen Tatzenhieb weit entfernt.

|Das Hörbuch |

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt in gewohnter Weise kompetent gestaltet, bietet aber ansonsten keine Zutaten wie etwa Musikuntermalung oder gar eine Geräuschkulisse. Vielleicht ist es wegen der fehlenden Ausstattung hinsichtlich Musik und Geräuschen ein wenig preisgünstiger als ähnliche Produkte mit sechs CDs ausgefallen. Es kostet knapp 20 Euronen.

|Originaltitel: Se meg, Medusa, 2007
Aus dem Norwegischen übersetzt von Knut Krüger
423 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3866108486|
http://www.argon-verlag.de

|Buchausgabe bei Droemer, August 2009
432 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426198360|
http://www.droemer.de

Info: Se meg, Medusa, 2007; Argon Verlag 2009, Berlin; 6 CDs, 423 Minuten, aus dem Norwegischen übersetzt von Knut Krüger

Arnaldur Indriðason – Codex Regius (Lesung)

Literaturthriller: Die Jagd nach der Handschrift

Kopenhagen in den 1950er Jahren: Die Begegnung mit seinem Professor stellt Valdemars bisher beschauliches Leben völlig auf den Kopf. Der junge Isländer war nach Dänemark gereist, um hier über die alten Pergamenthandschriften zu forschen. Dort kommt er düsteren Geheimnissen auf die Spur und macht sich zusammen mit dem Professor auf die Suche nach einer Reihe verloren gegangener Manuskripte. Ihre Jagd führt die beiden durch halb Europa und nicht selten geraten sie dabei in große Gefahr – denn für diese wertvollen Kulturschätze sind andere bereit, über Leichen zu gehen… (Verlagsinfo)
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Francis Marion Crawford – Denn das Blut ist das Leben (Gruselkabinett Folge 160)

Blutdürstige Liebe

Süditalien, 1905: Der skandinavische Maler Holger besucht seinen Freund in dessen einsamem Turm nördlich von Kap Scalea. Als beide im Mondschein auf eine Anhöhe schauen, bemerken sie einen wie ein Grab anmutenden Erdhügel, auf dem ein Menschenkörper zu liegen scheint. Neugierig nähert sich Holger der Stelle, findet jedoch nichts vor, obwohl sein Gastgeber eindeutig eine neblige Gestalt beobachtet, die sich an Holger heranpirscht …
Francis Marion Crawford – Denn das Blut ist das Leben (Gruselkabinett Folge 160) weiterlesen

Daniela Wakonigg – Mythos & Wahrheit: König Artus. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen

Artuslegenden mit hohlem Pathos

Der große König Artus von England gilt in der gesamten abendländischen Welt als Inbegriff eines ebenso starken und siegreichen wie gerechten Königs. Seine Geschichte und die der Ritter seiner Tafelrunde – eine Geschichte voll Heldenmut, Liebe und Verrat, voll mystischer Abenteuer um den heiligen Gral, geheimnisvolle Feen und Zauberer – fesselt die Menschen seit Jahrhunderten.

Wer war dieser außergewöhnliche Mann? Hat es ihn je gegeben? Warum erzählt man sich seine Geschichte noch heute? Und was genau ist eigentlich seine Geschichte? (abgewandelte Verlagsinfo)

Daniela Wakonigg – Mythos & Wahrheit: König Artus. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen weiterlesen

Gülzow, Susa / Klingler, Walter / Fodor, Ladislas / Stemmle, R. A. / von Harbou, Thea / Jacques, N. – Testament des Dr. Mabuse, Das

_Die Welt als Irrenhaus, regiert vom Bösen_

Dreiste Verbrechen, wie sie nur Dr. Mabuse planen kann, halten Berlin in Atem – doch der sitzt streng bewacht in einer Nervenheilanstalt. Kommissar Lohmann und sein Assistent Krüger kommen einer Bande auf die Schliche, die von einem geheimnisvollen Mann gesteuert wird. Aber wer ist dieser Anführer? Irrenarzt Prof. Pohland schwört, dass es nicht Mabuse sein kann …

_Die Autorin_

Susa Gülzow arbeitet seit 1988 als Autorin, Regisseurin und Sprecherin. Aus ihrer Feder stammen beispielsweise die Hörspielfassungen von „Lucky Luke“, diversen Heinz-Erhardt-Filmen und „Dr. Mabuse“ sowie zahlreiche Synchronbearbeitungen.

Die Dr.-Mabuse-Reihe nach dem Krieg:

1) [Die 1000 Augen des Dr. Mabuse 945 (1957)
2) [Im Stahlnetz des Dr. Mabuse 1717
3) [Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse 1738
4) Das Testament des Dr. Mabuse (1962)
5) Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (1963)
6) [Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse 6040 (1964)

_Die Inszenierung_

Die Regie führte 1962 Walter Klingler, die Musik lieferte Raimund Rosenberger, das Drehbuch stammt von Ladislas Fodor und R. A. Stemmle nach einem Original-Drehbuch von Thea von Harbou und der Figur von Norbert Jacques.

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Kommissar Lohmann: Gert Fröbe
Kriminalassistent Krüger: Harald Juhnke
Nelly: Senta Berger
Johnny Briggs: Helmut Schmid
Mortimer: Charles Regnier
Walter Rilla als Prof. Pohland
Sowie Wolfgang Preiss als Dr. Mabuse
u. v. a.
Erzähler: Wolf Frass

_Handlung_

Dr. Mabuse, das Genie des Bösen, sitzt sicher hinter den Gittern der Irrenanstalt von Dr. Pohland, schreibt und zeichnet. Eigentlich müsste er also ungefährlich sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Aber wie?

Als der Ganove Mortimer eine Gruft auf dem Friedhof betritt, bringt er einen neuen Rekruten der Bande mit. Der Neue staunt nicht schlecht, als sich an einer Wand des Raumes der Chef als Schatten an der Wand zeigt und eine unheimliche Stimme erklingt. Der Chef befiehlt den Überfalls auf einen Goldtransport – mit Hilfe einer Fallgrube. Wie kommt er nur auf solche genialen Einfälle, wundert sich der Neue, Eddie.

Der Überfall klappt wie geplant, und Kommissar Lohmann (Fröbe) und sein Assi Kürger (Juhnke) ärgern sich grün und blau. Der Wert des geraubten Goldes beträgt etwa 1,5 Millionen D-Mark. Kein schlechter Stundenlohn für eine Nacht Arbeit. Am Tatort findet Lohmann eine ungewöhnliche Sorte von Zigarette: eine Spezialanfertigung. Bankdirektor Heinrich verlangt die baldige Ergreifung der Täter.

Als der Chef seiner Bande den nächsten Überfall aufträgt, wagt es Eddie, die Tür zum Aufenthaltsraum des Chefs zu öffnen – er stirbt durch eine Kugel. Johnny Briggs, der Ex-Boxer (Schmid) soll ihn ersetzen, damit alles beim Unternehmen „Diamantenbörse“ klappt. Diesmal tritt die Bande als Fensterputzer auf, bevor sie die Bank betritt und den Tresor ausräumt. In null Komma nichts sind die Herrschaften wieder verduftet, und als Lohmann eintrifft, ist der Spuk vorüber. Auch diesmal entdeckt er die bewusste Zigarettenkippe – eine Art Signatur für eine bestimmte Person …

Lohmann will Dr. Mabuse sehen, und Dr. Pohland lässt ihn bis zu dessen Zelle vor. Mabuse schreibt und zeichnet, ganz harmlos, oder? Aber warum schreibt Mabuse dann in Spiegelschrift? Pohland nimmt alle Notizen mit. Angeredet von Lohmann, antwortet Mabuse nicht, sondern schreibt weiter. Lohmann sagt es Pohland nicht, aber er ist überzeugt, dass Mabuse der Kopf der Verbrecherbande ist, die die Bank ausgeräumt hat.

Johnn Briggs wird zum nächsten Coup abgeholt. Es geht um den Überfall auf den Zugwaggon einer Gelddruckerei. Doch diesmal hat sich ein Polizeispitzel in die Bande gemogelt und verpfeift das Vorhaben. Dumm nur, dass Krüger ihm kein Wort glaubt. So gelingt der Überfall, und fortan druckt die Bande in höchster Eile jede Menge Falschgeld. Als Lohmann wieder zu Mabuse vordringt, rastet ein anderer Patient der Anstalt aus: Mabuse habe ihn durch Gedankenübertragung bedroht. Plötzlich sieht sich Lohmann von einem Irren gewürgt …

_Mein Eindruck_

Die Wirkung des Film-Hörspiels lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Verunsicherung. Die Subversivität dieses Skripts ist allumfassend – Hut ab! Mabuse hat den netten Dr. Pohland zu seiner Marionette gemacht. Als Schattenmann gibt dieser dem Edelgangster Mortimer seine bzw. Mabuses Befehle, die zu drei großen Coups im Verlauf der Handlung führen. Mortimer hat beste Kontakte im Establishment, so etwa einen Anwalt. Er hat auch keine Mühe, die Stadtbank auszuspionieren. Ist es dumm oder dreist, dass er an jedem Tatort seine Unterschrift in Gestalt einer spezialgefertigten Dunhill-Zigarre hinterlässt? Genauso gut könnte er sagen: „Fangt mich doch, wenn ihr könnt!“

Das lässt sich Kommissar Lohmann nicht zweimal sagen. Doch obwohl Bankdirektoren ihn auf Knien um Schutz vor Mabuse bittet und er Mabuse auf die Finger schaut, kann er ihm nichts nachweisen. Denn das Verbrechen erfolgt ja durch den ehrenwerten Dr. Pohland! Dieser doziert als Gipfel der Ironie vor Studenten über das vorzügliche und bemerkenswerte Gehirn Dr. Mabuses. So wird das Böse zum Gegenstand der Bewunderung. Wenn das nicht subversiv ist.

Aber auch Lohmann ist nicht gegen Attacken gefeit. Im Irrenhaus, dieser Metapher für die neue Gesellschaft der Verbrecher, fällt er Pohland in die Hände, der ihn ebenfalls umpolen will. Nur das beherzte Eingreifen seines Assis und zweier Mitpatienten bewahrt Lohmann vor einem üblen Schicksal als Pohland-Mabuses Marionette. Selten wurde die Korrumpierbarkeit der Gesetzeshüter derartig offen angedeutet. In den USA hätte die Zensurbehörde MPAA den Film sofort aus dem Verkehr gezogen.

Dass auch Menschlichkeit und Liebe gegen ein Genie des Bösen keine Chance haben, belegt das Schicksal von Johnny Briggs (Helmut Schmid) und seiner Freundin Nele (Senta Berger). Der ehemalige Boxer Briggs bringt es nicht übers Herz, einen Bahn-Mitarbeiter zu erschießen, und wird deshalb von Mortimer zu Mabuse, dem Schattenmann, gebracht. Solche Insubordination wird lediglich als Verrat aufgefasst und mit dem Tode bestraft. Doch statt ein paar Kugeln ins Hirn ist die Strafe ganz nach dem Geschmack eines Hypnotiseurs: Briggs soll im Spiegelkabinett verrückt werden! Das klappt sogar, und so landen Johnny und Nele ebenfalls in der Irrenanstalt Pohlands.

Doch die Lage ist nicht hoffnungslos. Die Spannung wird durch die verschiedenen Spitzel, Verräter und Aufklärungsaktionen hoch gehalten, so dass Mabuse keineswegs freie Hand hat und für Lohmann Hoffnung besteht, Mabuse das Handwerk zu legen. Nur besteht eben die zentrale Ironie darin, dass Mabuse wie ein harmloser alter Mann aussieht, während der eigentliche Täter den weißen Kittel eines Irrenarztes trägt.

Am Schluss flüchtet Pohland nach Mabuses Tod und nimmt dessen Testament mit. In der nächsten Folge „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“ spielt es wieder eine Rolle. Es erweist sich aber als brisant genug, dass es jemand in seinem Tresor in die Luft jagt. Die Gefahr, die vom Bösen ausgeht, besteht also fort.

_Die Inszenierung_

Nach einer Fanfare in einem schrecklich miesen Sound, die zum Glück nur 30 Sekunden dauert, geht der Hör-Film sofort los. Es gibt keine Einleitung, lediglich eindringliche Musik, wie man sie aus den 1959 gestarteten Edgar-Wallace-Verfilmungen kennt. Die Musik dirigiert die Emotionen, die den Zuhörer (so wie einst den Zuschauer) erfüllen sollen: Beklemmung, Furcht, Entsetzen, aber auch romantische Gefühle, nach dem Finale schließlich Triumph und Erleichterung.

Schon nach wenigen Minuten gibt es die erste Leiche. Einige weitere werden folgen. Die Geräuschkulisse entspricht dem Niveau eines Edgar-Wallace-Krimis. Was mich jedoch völlig enttäuscht hat, ist die mickrige Qualität der Schüsse. Hier wurden offensichtlich nur Platzpatronen benutzt, deren Geräuschentwicklung doch sehr begrenzt ist. Aber es klingt einfach nach den Spielzeugpistolen, die wir Jungs beim Räuber-und-Gendarm- oder Cowboy-und-Indianer-Spielen benutzten (ich war immer der Indianer, logo!). Auch die Explosionen klingen eher nach einem zusammenkrachenden Haus als einer hochgehenden Ladung Sprengstoff.

Die Sprecher entsprechen den damaligen Schauspielern, ist ja klar. Herausragend fand ich Gert Fröbe als Kommissar Lohmann, Charles Regnier als Mabuses Handlanger Mortimer und das Paar Senta Berger und Helmut Schmid (der später eine denkwürdige Rolle neben einer doppelten Lilo Pulver spielen sollte). Schade, dass Harald Juhnke nicht zur Geltung kommt. Er darf mal wieder wie Harry bloß den Wagen holen und dumme Fragen stellen, um Fröbe die Gelegenheit zu geben, seine Weisheit herauszustellen.

Immerhin ist die Geräuschkulisse ziemlich realistisch, besonders in den Interieurs, aber auch auf der Straße. Schade, dass für den Effekt des Telepathiegeräts kein besonderer Sound gefunden wurde. Da der Mono-Sound keineswegs DD-5.1-Standard entspricht, knarren auch die Stimmen der Darsteller recht kernig und obertonlastig daher. Diese Qualität ist jedoch offenbar die des Originals, denn das Hörspiel wurde durchgehend, wie die DDD-Signatur auf der Hülle verrät, mit digitalen Mitteln hergestellt. Um mehr aus dem Original herauszukitzeln, wäre wohl ein teures Remastering nötig. Und das können sich meines Wissens nur die großen Studios leisten.

|Das Booklet|

Das Booklet umfasst zwölf Seiten, die sich sehen lassen können. Neben einem historischen Filmplakat sind hier nicht nur die Macher des Film detailliert vorgestellt, sondern auch die Verantwortlichen des Hörbuchs. Natürlich fehlt auch Produzent Sven Michael Schreivogel nicht. Er dankt mehreren Quellen, ohne deren Unterstützung das Produkt wesentlich magerer ausgefallen wäre, darunter der Tochter von Filmproduzent Artur Brauner, sowie den Erben von Norbert Jacques, dem Schöpfer der Figur des Dr. Mabuse.

Im Booklet sind zwölf Filmfotos in ausgezeichneter Qualität abgedruckt. Zu sehen sind:

Kommissar Lohmann: Gert Fröbe, u. a. als unfreiwilliger Patient des Irrenarztes Pohland;
Sein Kriminalassistent Krüger: Harald Juhnke, mit wilder Haartolle;
Nelly: Senta Berger neben Helmut Schmid als Johnny Briggs, ein smartes Liebespaar;
Mortimer: Charles Regnier, der sich mit einem dubiosen Schattenmann trifft;
Walter Rilla als Prof. Pohland, der sich über Gert Fröbe auf seinem Behandlungsstuhl freut;
sowie Wolfgang Preiss als Dr. Mabuse, an seinen Verbrechensplänen schreibend (in Spiegelschrift).

Außerdem ist ein Werkfoto von den Dreharbeiten zu sehen. Die letzte Seite führt die Trackliste auf.

_Unterm Strich_

Dieses Hörspiel verunsichert auf der ganzen Linie. Es gibt keine Maßstäbe, an denen sich der Filmfreund festhalten könnte: Weder triumphiert die Polizei, noch überleben Liebe und Menschlichkeit. Verrat reckt allenthalben sein hässliches Haupt, und die Zwielichtigkeit aller Beziehungen und Identitäten lässt sich am besten in der Irrenanstalt des Dr. Pohland-Mabuse symbolisieren.

Das Drehbuch ist schon ziemlich ausgetüftelt. Doch auch beim ersten Anhören ist die Essenz leicht zu kapieren: Grusel, Spannung, (sehr wenig) Romantik und (sehr viel) Terrorismus gehen hier eine bemerkenswerte Verbindung in einem Thriller ein, der heute leider schon wieder vergessen ist. Die antifaschistischen Untertöne des Fritz-Lang-Films von 1933 fehlen in den Fortsetzungen, dafür kamen Action und ironischer Humor besser zum Zuge. Ansonsten ist dieser erste Film einer Trilogie ziemlich grimmig. Gert Fröbe hat aber in „Goldfinger“ wesentlich besser gespielt.

Das Booklet zu der qualitativ hochstehenden Hörbuchproduktion wartet mit zwölf interessanten Fotos zum Film und mit einem Bild zum Dreh in Berlin auf. Die Filmfotos ergänzen die Informationen zu zahlreichen Mitwirkenden damals und heute.

Wenn der Rest der Reihe ebenso gut produziert wird, könnte das Thema „Dr. Mabuse, der Staatsfeind Nr. 1“ eine Wiederauferstehung mit Langzeitwirkung feiern. Der Käufer erhält für sein Geld einen reellen Gegenwert. Der Preis erscheint mir der Ausstattung angemessen.

|66 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-8218-5389-5|
http://www.eichborn.de

H. G. Wells – Das Imperium der Ameisen

Ungereimtheiten im Remake

„Seit die Menschen begonnen haben, den Regenwald aus reiner Gier Stück für Stück zu vernichten, glauben viele hier, dass sich die Natur eines Tages rächen wird. Dass der Regenwald ein Wesen erschaffen wird, das die Menschen für ihren Frevel bestrafen wird.“ Kapitän Gerilleau

„Oliver Dörings Adaption von H. G. Wells Science-Fiction-Klassiker „Das Imperium der Ameisen“ ist ein Mystery-Thriller mit einer ebenso spannenden wie furchterregenden Geschichte. Diese zeigt einmal mehr, wie zeitlos Wells‘ visionäres Werk ist.“ (aus der Verlagsinfo) Der gleichnamige Film von 1977 basiert auf dieser Story.
H. G. Wells – Das Imperium der Ameisen weiterlesen

Edgar Allan Poe – Teer und Federn (Folge 31)

_Revolutionäre Heilmethode: Teeren und Federn_

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Feeninsel“ beginnt die achte Staffel des großen POE-Epos. Die Vorgeschichte findet man in den vorangegangenen 30 Folgen sowie in dem Roman [„Lebendig begraben“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404156757/powermetalde-21 erschienen bei |Bastei Lübbe|.

USA um 1850. Der Mann ohne Gedächtnis, einst Insasse eines Irrenhauses und Opfer einer medizinischen Behandlung, weiß nun, wer er ist: Edgar Allan Poe. In seinem Grab ruht ein namenloser Landstreicher. Doch mittlerweile ist er wieder eingesperrt worden: als Mörder und Hexer verurteilt, sitzt er in einer Zelle des Irrenasyls auf Blackwell’s Island.

Als seine Beinahegattin Leonie Goron in der Anstalt auftaucht, ahnt er nicht, dass sie den Beweis für seine Unschuld gefunden hat. Ihr Anblick, bei dem er sich nicht verraten darf, gibt ihm Auftrieb, um in den Untergrund unter seiner Bettstatt zu graben. So gelangt er in die Zelle nebenan. Der dortige Insasse gibt ihm einen Rat, wie er todsicher aus der Anstalt fliehen kann. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Die Insassen übernehmen die Anstalt!

Die |Edgar Allan Poe|-Serie von |STIL| bei |Lübbe Audio|:

#1: [Die Grube und das Pendel 1487
#2: [Die schwarze Katze 755
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
#9: [Hopp-Frosch 1906
#10: [Das ovale Portrait 1913
#11: [Der entwendete Brief 1927
#12: [Eleonora 1931
#13: [Schweigen 3094
#14: [Die längliche Kiste 2510
#15: [Du hast’s getan 2518
#16: [Das Fass Amontillado 2563
#17: [Das verräterische Herz 2573
#18: [Gespräch mit einer Mumie 3178
#19: [Die Sphinx 3188
#20: [Scheherazades 1002. Erzählung 3202 (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: [Schatten 3206 (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
#22: [Berenice 4394
#23: [König Pest 4408
#24: [Der Fall Valdemar 4420
#25: [Metzengerstein 4471
#26: [Die Flaschenpost 4946
#27: [Landors Landhaus 4966
#28: [Der Mann in der Menge 5000
#29: [Der Kopf des Teufels 5089

Achte Staffel (11/2008):

#30: [Feeninsel 5540
#31: Teer und Federn
#32: William Wilson
#33: Morella

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

Mehr von und über Edgar Allan Poe auf |Buchwurm.info|:

[„Faszination des Grauens 554“]
[„Edgar Allan Poes Meistererzähler“ 4832 (Hörbuch)
[„Der Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11, Hörspiel)
[„Der Doppelmord in der Rue Morgue“ 2396 (Hörbuch)
[„Der Streit mit der Mumie“ 1886 (Hörbuch)
[„Die Brille“ 1885 (Hörbuch)
[„Mythos & Wahrheit: Edgar Allan Poe. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen“ 2933
[„Visionen“ 2554

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie unter anderem mit dem |Bambi| und mit der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Edgar Allan Poe: Ulrich Pleitgen
Leonie Goron: Iris Berben
Direktor: Frank Glaubrecht (Pierce Brosnan, Kevin Coster, Al Pacino, Christopher Walken …)
Mr. Maillard: Klaus Wiesinger
Abraham Farry: Klaus-Dieter Klebsch (Alec Baldwin, Peter Stormare, Gabriel Byrne)
Sowie Ingo Albrecht (Dwayne ‚The Rock‘ Johnson, George ‚Superman‘ Newbern) und Kim Hasper (Jason Biggs, James Franco, Jamie Oliver).

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Giuliana Ertl, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dicky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon 30 Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

_Handlung_

Der Mann, der nun weiß, dass er Edgar Allan Poe ist, sitzt für diese Behauptung in der Irrenanstalt auf Blackwell’s Island ein. Er ist isoliert, und es gibt kein Entkommen. Die Wärter sprechen nicht mit ihm, und der Direktor lässt ihn so lange hinter Gittern, bis er seinen Wahn zugibt. Immerhin hat Poe belauscht, dass es in die Gebäudeflügel noch eine Zelle gibt. Ob sie wohl leer ist?

|Der Tunnel|

Seine Knöchel sind inzwischen blutig vom Abklopfen der Bodenplatten seiner Zelle. Doch unter seiner Bettstatt, die am Boden festgeschraubt ist, entdeckt er einen Hohlraum. Mit einem gestohlenen Löffel, dessen Diebstahl er einem Raben und einer Elster zuschreibt, gelingt es ihm, die Fugen um die Platte auszukratzen und die Platte anzuheben. Darunter befindet sich zu seinem Erstaunen eine Röhre, die ins Erdreich führt: ein Tunnel?

Bevor er hineinkriecht, hört er die entzückende Stimme Leonies. Sie gibt vor, eine Journalistin aus England zu sein, die sich für die Behandlungsmethoden der Stadt New York interessiert. Der liberal eingestellte Direktor führt sie gerne herum. Sie fragt nach Langzeit- und Kurzzeitinsassen: Werden sie unterschiedlich behandelt? Poe fragt sich, ob sie zu ihm kommen wird.

|Der Schatzsucher|

Doch der Tunnel führt nur in die benachbarte Zelle statt in die Freiheit. Dort sitzt ein alter Mann ein, der sich Abraham Farry nennt und Poe seine Geschichte erzählt. Er stamme aus einer europäischen Familie, die schon immer die Grenze der Zivilisation bevorzugte. Im Indianerland sei er auf einen Schatz gestoßen und vergrub das Gold in einer Hütte. Die Micmacs duldeten seine Anwesenheit, doch er beging den Fehler, einen ihrer Friedhöfe zu betreten. Dort sei er wahnsinnig geworden. Inzwischen habe er sich wieder erholt und jahrelang den Tunnel gegraben, den Poe benutzte.

|Der Plan|

Farry behauptet, er habe nur noch drei Tage zu leben, so krank sei er inzwischen. Doch selbst sein toter Körper könne Poe noch zur Flucht verhelfen. Dann erzählt er ihm, auf welche Weise dieser aus der Irrenanstalt entkommen könne: Poe müsse sich schuldig bekennen. Man werde ihn zum Tod am Galgen verurteilen und auf einem Karren zur Richtstätte fahren. Die Fahrt sei die einzige Gelegenheit, sich mit einem Werkzeug der Fesseln zu entledigen. Dieses Werkzeug müsse sich Poe zuvor aus einem Knochen Farrys zurechtfeilen. Poe habe nur diese eine Chance.

|Leonie|

Leonie besucht Poe – endlich! Doch der verrät sich kein einziges Mal, um seinen Plan nicht zu gefährden, und sie muss wieder gehen, ohne etwas erfahren zu haben. Als endlich alles bereit ist und Poe zum Galgen geführt werden soll, öffnet sich Poes Zellentür. Doch weder die gewohnten Wärter noch der Direktor stehen davor, sondern zwei Gentlemen, die sich Maillard und De Coq nennen. Sie führen Poe in einen Speisesaal, in dem bereits andere Insassen sitzen und auf Speis und Trank warten. Poe ist verwirrt: Wer sind diese Leute? Werden sie seinen Plan scheitern lassen?

Am einen Ende der Tafel ragt unheilvoll ein großes Gestell empor, das schwarz verhüllt ist. Was mag sich darunter verbergen?

_Mein Eindruck_

Die Irren übernehmen die Anstalt. Dieser oftmals gebrauchte ironische Ausdruck wird mitunter auf die Demokratie angewendet, meist natürlich von Verfechtern antidemokratischer Herrschaftsverhältnisse wie etwa Faschisten. Sie wollen Revolutionen des Volkes diffamieren und in Misskredit bringen. Doch in Poes ursprünglicher Geschichte dient die Übernahme einer neuartigen Heilungsmethode für Geisteskranke. Professor Feather und Dr. Tarr haben sie erfunden und versprechen sich erheblichen Erfolg, indem sie die Geisteskranke wie „Normale“ behandeln. Das klingt schon richtig modern: Endlich werden die Irren nicht mehr wie Vieh weggesperrt, sondern quasi resozialisiert. Müsste doch wunderbar klappen, oder?

Das lässt für Poes Schicksal wirklich hoffen. Doch wer die musikalische Version der Story anhört, die Alan Parsons auf „Tales of Mystery and Imagination“ veröffentlichte, der ahnt, dass das Unheil mit Riesenschritten naht. Nicht nur ist die Musik ganz schön rockig, um Gewalttätigkeit anzudeuten, sondern auch das Stimmengewirr signalisiert Chaos und Disziplinlosigkeit. Wo ist die Führung, wenn man sie braucht? Die Herren Maillard und Le Coq, die Poe abholen (ihre Namen bedeuten „Stockente“ und „Hahn“), richten herzlich wenig aus. Poe ahnt, dass Unheil droht.

Es tritt in zweifacher Gestalt auf. Erstens wird das aufragende Gestell enthüllt, doch ich werde nicht verraten, worum es sich handelt. Poe fährt der Schrecken in die Glieder. Und zweitens folgt auf die ungenehmigte Übernahme der Anstalt quasi die Konterrevolution: Der Direktor und seine Leute können sich befreien und greifen die Insassen der Anstalt an. Nun folgt eine sarkastische Anwendung des Systems von Prof. Feather und Dr. Tarr: Wie ihr Name schon sagt, finden Federn und Teer praktische Anwendung – an den Insassen. Dann stecken die Wärter sie in Brand …

Rette sich, wer kann, sagt sich Poe und verkrümelt sich an einen strategisch günstigen Ort: auf den Leichenkarren …

Man kann also diese hintersinnige Erzählung als Poes Parabel auf die französischen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 lesen. (Poe starb im Herbst 1849.) Mit sarkastischer Ironie fasst er die Ironie als eine dirigierte Heilungsmethode auf. Weil sie aber nicht von den zu Heilenden ausgeht, sondern von Wohlmeinenden, geht der Schuss nach hinten los und vernichtet die Aufständischen durch die gegenteilige Anwendung der Heilmethode seitens der Konterrevolutionäre. Das „System von Prof. Feather und Dr. Tarr“ ist als Heilmethode denkbar ungeeignet. Der Patient muss selbst wissen, was ihn heilen kann. Genau wie das Volk, das sich Besserung hofft, sich selbst helfen muss – wie etwa die Amerikaner.

_Die Inszenierung_

|Mr. Poe|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Aber Poe kann auch sehr pragmatisch agieren, und Pleitgen weiß die scharfe Beobachtungsgabe seiner Hauptfigur wie auch dessen Hinterlist ebenso glaubwürdig darzustellen.

Sehr beeindruckt war ich von Klaus-Dieter Klebsch und seiner Darstellung des Abraham Farry, einer wohl frei erfundenen Figur. In diesem Charakter steckt eine Menge Potentzal, denn wir erfahren von übernatürlichen Kräften der Farry-Sippe und von Farrys Leben unter den Indianern. An einer Stelle war ich an Stephen Kings [„Friedhof der Kuscheltiere“ 3007 erinnert, als es um den Indianerfriedhof der Micmac-Indianer ging. Ob Poe schon davon wusste, kann ich nicht sagen, aber H. P. Lovecraft kannte definitiv die dunklen Legenden über diese Begräbnisstätten in Neu-England, denn er ließ sie in manchen seiner Horror-Erzählungen auftauchen.

Iris Berben „spielt“ ein paar kurze Auftritte als Leonie Goron. Wieder erscheint Leonie als eine weltkluge Lady, die sich sehr um ihren Beinahe-Ehemann Poe bemüht. Sie wird ihn erst in der übernächsten Folge in die Arme schließen können.

|Geräusche|

Der Sound liegt im Format PCM-Stereo vor, wie mir mein DVD-Spieler angezeigt hat, und klingt glasklar. Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt.

Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Aber sie werden nur ganz gezielt dort eingesetzt, wo sie einen Sinn ergeben. Die Geräusche in der Irrenanstalt sind teils lokal, teils entfernt. Lokal bedeutet in diesem Fall in Poes Zelle, in Farrys Zelle und im Speisesaal. Die Speisesaalszene ist geradezu surreal inszeniert, denn Poe glaubt ja, dass ihm nun sein letztes Stündlein geschlagen hat.

Die entfernten Geräusche bestehen aus Rabenkrächzen (man denke an Poes Gedicht „The Raven“), Elstern-Keckern und – tatsächlich – einem heulenden Wolf. Dies sind allesamt Signale des Todes: Poe befindet sich wahrlich „in profundis“. Sogar eine Glocke schlägt ihm die letzte Stunde, und ein penetrantes Uhrenticken im Speisesaal trägt auch nicht gerade zu seiner Beruhigung bei.

Diese untere Schicht von Geräuschen wird von der Musik ergänzt, die eine emotionale Schicht einzieht. Darüber erst erklingen die Stimmen der Sprechen: Dialoge, aber auch Rufe und sogar Schreie. Durch diese Klang-Architektur stören sich die akustischen Ebenen nicht gegenseitig, sind leichter aufzunehmen und abzumischen. Das Ergebnis ist ein klares Klangbild, das den Zuhörer nicht von den Informationen, die es ihm liefert, ablenkt.

|Musik|

Die Musik erhält eine wichtige Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der jeweiligen Hauptfigur und ihres Ambientes darzustellen. Allenthalben ist Poes musikalisches Leitmotiv zu hören sowie der Chor „Dies illa, dies irae“, der das Verhängnis – „jenen Tag des Zorns“ – ankündigt.

Hinzukommen sehr tiefe, unheilvoll und bedrohliche wirkende Bässe. Sie werden von diversen elektronisch erzeugten Sounds ergänzt, die ich einfach mal der Musik zuschlage. Diese Sounds klingen teils metallisch kalt und bedrohlich, teils bestehen sie aus Rumpeln und Grollen, und das ist ja auch nicht gerade beruhigend. Je surrealer die Szene im Speisesaal der Irren wirken soll, desto dissonanter fallen die Kadenzen der Musik aus. Diese Szene gipfelt nicht in einem Fiasko oder einer Katastrophe, sondern in einem Massaker. Kann Poe dem entrinnen?

Ein Streichquartett und Musiker des Filmorchesters Berlin wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht. An der Musik gibt es absolut nicht auszusetzen. Für die jüngere Generation mag sie aber zu klassisch orientiert sein. Rockige Klänge finden Jüngere eher in |LPL|s „Offenbarung 23“ oder „Jack Slaughter“.

|Der Song|

Jede Folge der Serie wird mit einem Song abgeschlossen, und in jeder Staffel gibt es einen neuen Song. Diese Staffel enthält den Song „You see“ von der deutschen Gruppe |[Elane.]http://www.powermetal.de/review/review-12848.html |Die Stilrichtung entspricht einem weiterentwickelten Celtic Folk Rock, wie er von der Gruppe |Clannad| in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. Auch bei |Elane| wird englische mit gälischer Sprache kombiniert.

Die Musik verbindet Romantik und sehnsuchtsvolle Mystik, was einerseits durch die Instrumentierung, zum anderen durch den mehrstimmigen Frauengesang betont wird. Zu den Instrumenten, die für Folk Rock obligatorisch sind, gehören die akustische Gitarre, die Harfe und die Flöte. Dass Drums, E-Gitarre und E-Bass eine elektrisch verstärkte Rhythmusgruppe bilden, wurde schon von |Clannad| als Standard etabliert. Besonders interessant bei |Elane| ist die Mehrstimmigkeit.

Ich konnte zwei tiefe Frauenstimmen ausmachen und eine hohe Frauenstimme, also Alt und Sopran. Die Überlagerungen machen die Harmonien zu einer kniffligen Angelegenheit der gegenseitigen Abstimmung, sonst können leicht Disharmonien oder gar Rhythmusstörungen entstehen. Soweit ich hören könnte, gelingt die Polyharmonie jedoch durchweg einwandfrei – Applaus.

_Unterm Strich_

Diese Folge fängt erst ganz langsam an, steigert sich dann in einem Wendepunkt des Ausbruchs und der Hoffnung, um dann in einem furiosen Finale seinen garstigen Höhepunkt zu erreichen. Das ist klassische Tragödiendramaturgie, wie man sie seit der Antike kennt. Das Dumme ist nur, dass sie dem modernen jungen Zuhörer einiges an Geduld abverlangt.

Doch die Geduld wird belohnt, und so zähle ich auch diese Folge zu den gelungeneren. Was man allerdings vom „System des Prof. Feathers und Dr. Tarr“ mitbekommt, ist herzlich wenig. Das macht aber nichts. Es gab schon viele Folgen, in denen fast nur ein Leitmotiv aus einer Poe-Story übernommen wurde, so in „Kopf des Teufels“. Dennoch kann man sich mit einiger Phantasie vorstellen, dass es hier um Revolution (als Umwälzung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse) und Konterrevolution geht.

|Das Hörspiel|

Die akustische Umsetzung ist vom Feinsten, und man merkt in jeder Szene, wie viel Sorgfalt die Mitwirkenden und Macher aufgewendet haben, um die Episode stimmungsvoll und zuletzt surreal und actionreich zu gestalten. Ein Highlight ist für mich die Szene in Abraham Farrys Zelle, wo wir nicht nur einen völlig anderen Blickwinkel erleben, sondern Poe auch ein Rettungsplan vorgelegt wird.

|70 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3687-6|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de
http://www.elane-music.de

Montgomery, Lucy Maud / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne in Windy Poplars. Folge 13: Die neue Rektorin

_Überraschende Entdeckung: Mörder im Stammbaum!_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne in Kingsport“)

Folge 13: Anne Shirley tritt ihre Rektorinnen-Stelle an der Summerside Highschool an. Schnell muss sie erkennen, dass sie in dem beschaulichen Städtchen keineswegs erwünscht ist. Bereits die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich schwierig, denn der alles berherrschende Pringle-Clan hat sich gegen die Neue verschworen …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die zweite Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: Anne in Windy Poplars (September 2009)

Folge 13: Die neue Rektorin
Folge 14: Ein harter Brocken
Folge 15: Das zweite Jahr in Summerside
Folge 16: Abschied von Summerside

Die 5. Staffel („Anne in Four Winds“) erscheint im Frühjahr 2010.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Und andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Nachdem sie das Redmond College erfolgreich absolviert und sich mit Gilbert Blythe verlobt hat, will Anne Shirley nun für drei Jahre als Rektorin an der Summerside Highschool arbeiten. Doch bereits die Suche eines geeigneten Domizils gestaltet sich unerwartet schwierig: Überall wird sie abgelehnt. Was steckt nur dahinter? Ein Besuch mit Rachel Lynde bei ihrer Freundin Polly Braddock ergibt Aufschluss: Die Pringles, ein mächtiger Clan in Summerside, wollten selbst die Rektorenstelle besetzen. Und Polly hat auch einen Tipp zur Wohnungssuche: die beiden Witwen Kate und Chatty Macomber in der Spooks Lane könnten sie aufnehmen. Das scheint zu klappen, nachdem auch das Urteil der Köchin Rebecca Dew positiv ausfällt. Und Polly rät auch dazu, das Haus Windy Poplars nur von hinten zu betreten sowie den Kater Dusty Miller niemals zu streicheln. Tipps, die Gold wert sind! Anne bekommt das Turmzimmer mit der tollen Aussicht – auf den Friedhof.

Nach diesem Wochenende erhofft sich Anne einen ebenso guten Start an ihrer Schule. Doch weit gefehlt: Katherine Brooke hatte selbst Ambitionen auf die Rektorenstelle und zeigt Anne fortan die kalte Schulter (was sich erst nach zwei Jahren ändert; siehe Folge 15). Dass sich auch sämtliche Pringle-Kinder der neuen Lehrerin verweigern würden, hätte sich Anne eigentlich denken können. Nur der junge Louis Allen und Sophie Sinclair arbeiten ausgezeichnet mit. Sie werden später, kräftig ermutigt von Anne, ein Liebespaar (siehe dazu Folge 16 mit einer dramatischen Hochzeit). Nur der Kollege George MacKay zeigt sich Anne gegenüber aufgeschlossen.

Vorerst können Annes Verbündete in Windy Poplars, deren Geheimnisse sie diskret hütet, nichts gegen die Pringles ausrichten. Zusammen mit Rebecca Dew bringt Anne der kleinen Elizabeth Grayson im düsteren Nachbarhaus Evergreens Milch, denn die Kleine wird von ihrer Urgroßmutter Mrs. Campbell schrecklich behandelt, finden die Frauen. Fortan macht es sich Anne zur Aufgabe, sich um Elizabeth zu kümmern. Wo mag nur ihr Rabenvater leben, dieser Mr. Grayson? (Mehr dazu in Folge 16.)

Ein erster Triumph über die Opposition naht – in Gestalt eines Theater-Clubs und einer Aufführung des von Katherine Brooke einstudierten Stücks „Maria Königin von Schottland“. Die Titelrolle soll Jem Pringle übernehmen, findet Miss Brooke, und obwohl Anne vorderhand zustimmt, baut sie als Ersatz Sophie Sinclair für diese Rolle auf. Ihre und Sophies Mühe wird belohnt: Als hätte sie es geahnt, erklärt die Hauptdarsteller Pringle am Tag der Aufführung, dass sie krank sei. Miss Brooke will abbrechen, doch Anne zaubert den Ersatz aus dem Ärmel. Sophies Auftritt wird ein durchschlagender Erfolg; alle Zuschauer sind zu Tränen gerührt und nässen ihre Taschentücher.

Aber noch sind die Pringles nicht geschlagen. Da fragt Anne ihre alte Bekannte Polly Braddock, ob sie für die Stadtarchivarin Mrs. Stanton nicht ein paar alte Dokumente habe? Polly hat, und zwar ein Schiffstagebuch ihres Onkels Andy, der mit Captain Abraham Pringle, dem Vater der herrschenden Dynastie, und dessen missratenem Bruder Myron zur See fuhr. Nachts in ihrer Kajüte, paddon, in ihrem Turmzimmer erfährt Anne von den schröcklichen Untaten jenes Unholds. Anne erkennt, dass dieses Tagebuch pures Dynamit darstellt …

_Mein Eindruck_

Die erste Folge der vierten Staffel legt die Grundlagen für mehrere thematische Spannungsbögen, die nach und nach alle eingelöst werden. Somit bilden diese Themen – ich habe sie angedeutet – ein inneres Korsett, das die gesamte Staffel zusammenhält und korärent wirken lässt. Das hat mir bei der letzten Staffel ein wenig gefehlt, so dass dort die Folgen ein wenig beliebig erschienen.

Anne sieht sich an mehreren Fronten herausgefordert und muss ihre ganz besondere Weltanschauung fortwährend verteidigen. Zwar sucht sie nicht mehr nach „verwandten Seelen“, findet sie aber ganz klar in den Bewohnern von Windy Poplars (weshalb in Folge 16 ein sehr tränenreicher Abschied folgen dürfte). Sehr lustig ist die ironische Position, in der sich Anne alsbald als Geheimnisträgerin wiederfindet: Jede der drei Frauen trägt tief in der Nacht eine Gesichtsmaske auf, doch keine der anderen darf je davon erfahren!

Lustig, wenn nicht sogar listig ist die psychologische Kriegsführung der beiden Tanten gegenüber ihrer Köchin Rebecca Dew, die durch ihre rauhen Umgangsformen etwas grob wirken kann. Später stellt sich heraus, dass Rebecca ein Herz aus Gold hat. Die Tanten wissen sie dadurch zu manipulieren, dass sie stets das Gegenteil von dem, was sie von Rebecca erwarten, behaupten oder tun. Todsicher wird Rebecca stets das Gegenteil davon tun. Hinter vorgehaltener Hand lachen sie über ihren Erfolg, obwohl sie im Grunde gar nicht so nett sind.

Auch Katherine Brooke, die stellvertretende Rektorin, fordert Annes Weltanschauung heraus: Dies ist keine verwandte Seele, sondern das genaue Gegenteil: Für sie stellt Anne alles dar, was sie selbst nie haben konnte oder je haben wird. Doch Anne ist überzeugt, dass unter dieser harten Schale ein weicher Kern steckt – ein weiteres Missionierungsprojekt, das Anne in Angriff nehmen kann. Genauso wie Elizabeth Grayson, die blasse Urenkelin, deren Seele so vernachlässigt wird, dass sie sich ein Traumland jenseits des Meeres vorstellen muss, um ihre Phantasie dort spielen zu lassen.

Das pièce de résistance ist allerdings der Pringle-Clan. Als Anne endlich mit dem Inhalt des Schiffstagebuchs die ultimative Waffe in der Hand hält, um das Ansehen der Pringles für ewig zu zerstören, verzichtet sie jedoch darauf. Das Ergebnis dieser Rücksichtnahme kann sich sehen lassen: Ihre Hoheit Sarah Pringle lässt sich dazu herab, Windy Poplars höchstpersönlich besuchen. Das verursacht natürlich gehörigen Aufruhr unter dessen Bewohnern. Mehr soll nicht verraten werden, aber fortan sind die Pringles an Annes Schule wahre Musterschüler …

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1882, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander.

Auffällig häufig ist jedoch die Kombination aus Brandung und Vogelgezwitscher zu hören. Das ist eine Besonderheit der meerumtosten Inselumgebung. Selbstredend erklingen zahlreiche Vogelstimmen, wenn Anne mit ihren Freunden durch den Wald spaziert. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist natürlich kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik – besonders die subtile Harfe – steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchsstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Der Staffelauftakt reißt mehrere Themen an und spannt so mehrere Spannungsbögen, die zum Teil bis zum Staffelabschluss reichen, so etwa die Geschichte der Elizabeth Grayson. Von besonderem Interesse sind die vielen Herausforderungen, die sich Annes Weltanschauung entgegenstellen. Diese Pringles sind wirklich nicht auf Friede, Freude, Eierkuchen aus! Bloß gut, dass sie durch einen Zufall – falls es für sie so etwas gibt – einen größeren Skandal aufdeckt, der die Pringles ohne weiteres zu Fall bringen könnte. Dies hat erstaunliche Folgen.

|Das Hörspiel|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|69 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-4138-2|

Home – Atmosphärische Hörspiele


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George Allan England – Das Ding (Gruselkabinett Folge 152)

Wer geht da? Ein Monster der Gedankenkontrolle

Anno 1930. In der Wildnis jenseits des Hudson Rivers sammelt eine Gruppe Wissenschaftler Aufzeichnungen und Gesteinsproben für eine Untersuchung, als ihre Führer auf bestialische Weise getötet werden. Aufgeschreckt stellen die Forscher fest, dass nun sie die nächste Beute für ein Wesen werden könnten, das nicht von dieser Welt zu sein scheint … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
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Lueg, Lars Peter / Richter, Devon / Frey, Nikola – Hexensabbat (Offenbarung 23, Folge 37)

Kurios: Königin Luises Wiederauferstehung

Ein paar Adelige aus der Prätorianer-Loge wollen Königin Luise wieder zum Leben erwecken – mit Pia von Boysen als Blutopfer! Dürfen Tom Baumann und Florian das zulassen? Selbstredend nicht!

„In einer Zeit, in der kein Geheimnis sicher ist vor unbarmherzigen Erpressern, rücksichtslosen Verschwörern, bestechlichen Behörden oder machthungrigen Geheimdiensten, kannst du nur dir selbst vertrauen. Wenn du die Wahrheit wirklich wissen willst, brauchst du Stärke und Mut. Niemand wird dir dafür danken, aber vielleicht kannst du die Welt verändern.

Was steckt hinter den Mysterien von Magie und Astrologie? Gibt es ein verborgenes Wissen, das niemand jemals ergründen darf? Kann es sein, dass es dort draußen mehr gibt als das, was man mit wissenschaftlichen Methoden erklären kann? Oder steckt eine einfache Erkenntnis hinter allem, was wir als ‚okkult‘ bezeichnen?“ (abgewandelte Verlagsinfo)
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Edwards, Blake / Rohrbeck, Oliver – Richard Diamond, Privatdetektiv: Fall 9 & 10

_Pferd und Witze lahmen: Krimi mit halber Kraft_

Die amerikanische Radio-Krimiserie der 1950er Jahre aus der Feder von Blake Edwards („Der rosarote Panther“) wird von der |Lauscherlounge| wieder zum Leben erweckt und mit bekannten Stimmen als Hörspiel vertont – den Stimmen von George Clooney, Ben Stiller und Reese Witherspoon.

Der smarte Privatdetektiv Richard Diamond gerät in seinen abenteuerlichen Fällen an fiese Verbrecher, mysteriöse Mörder und trifft verführerische Frauen. Aber er kehrt immer wieder zu seiner geliebten Helen zurück.

Fall 9: Der Graue Mann

Ein Mann mit grauen Augen, grauer Haut und grauer Zunge – so einen hat man in New York City noch nie gesehen. Ricks neuer Fall hat es in sich: In fünf Stunden müsse der Mann laut eigenen Angaben sterben und bittet ihn daher, eine bestimmte Person zu finden, der ihm helfen könne. Was hat es mit dem Mysteriösen auf sich?

Fall 10: Gute Nacht, Nocturne

Rick auf Spurensuche in einem Rennstall. Das wertvolle Pferd „Nocturne“ und sein Jockey sind spurlos verschwunden. Der Besitzer, ein ehemaliger Mafioso, beauftragt Diamond, das Pferd zu suchen. Doch der Detektiv findet etwas Schreckliches über seinen Auftraggeber heraus …

1. Staffel:

Fall 1: Die schwarze Puppe
Fall 2: Der braune Umschlag
Fall 3: Der Fall Ed Lloyd
Fall 4: Der Mordauftrag
Fall 5: Der Mord am Barbier
Fall 6: Der Gibson-Fall

2. Staffel:

Fall 7: Die rote Rose
Fall 8: Der Karussell-Fall
Fall 9: Der graue Mann
Fall 10: Gute Nacht, Nocturne
Fall 11: Der Nachtclub-Fall
Fall 12: Mr. Walkers Problem

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Richard Diamond: Tobias Kluckert (dt. Stimme von Tyrese Gibson, Adam Baldwin in „Firefly“)
Helen Asher: Ranja Bonalana (dt. Stimme von Julia Stiles, Renée Zellweger, Reese Witherspoon)
Lt. Walt Levinson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney, Bill Pullman, Robert ‚Freddy Krueger‘ Englund)
Sgt. Frazer: Oliver Rohrbeck (dt. Stimme von Ben Stiller, Michael Rapaport)
Sowie Alex Lutter, Joachim Kaps, Ilona Otto, Rainer Fritzsche und Denise Gorzellany. In Folge 10 kommen noch hinzu: Gerald Paradies, Uschi Hugo, Helmut Gauß, Thomas Hailer, Eva-Maria Werth und Detlef Gieß.

Regie führte Oliver Rohrbeck, die Musik komponierte Dirk Wilhelm, für Sounds/Mischung/Mastering war Tommi Schneefuß zuständig, die Aufnahme erfolgte im Hörspielstudio |Xberg|.

_Der Fall 9: Der graue Mann_

New York ist im Schnee versunken, und alles ist grau und weiß, außerdem saukalt, findet Rick in seinem karg eingerichteten Büro. Da tritt zu allem Überfluss ein grauer Mann ein. Alles an ihm ist grau; die Haut, die Augen, sogar die Zunge. Rick wundert sich sehr. Ansonsten ist der Typ gut angezogen und bittet Rick, binnen fünf Stunden einen Mann zu finden, sonst müsse er selbst sterben. Es handle sich um den College-Chemiedozenten Louis Karns. Der Lohn, den der Graue verspricht, ist beträchtlich: 500 $ jetzt, 500 $ im Erfolgsfall. Ricks Auftragsgeber nennt sich Roger Vegas, vom Studio für moderne Fotografie.

Bei Walt Levinson von der Polizei besorgt sich Rick Adressen und fährt zum Campus, um Louis Karns zu finden. Dort verweist ihn eine Bürokraft an Karns Stadthaus, wo dessen Schwester Drusilla wohne. Die aber behauptet, ihr Bruder sei verschwunden. Dieser Roger Vegas habe die Ehe ihres Bruders zerstört, so dass sich seine Ehefrau vor fünf Tagen vom Dach eines Hauses gestürzt habe. Also geht es um eine Dreiecksgeschichte.

Als sich Rick vor Drusillas Haus auf die Lauer legt, dauert es nicht lange, bis er ihrem Wagen folgen kann: zum Campus. Als sie zu einem kleinen Haus mit verschlossenem Eingang geht, gelingt es Rick, dort den geheimnisvollen Louis Karns persönlich abzupassen. Der kleine Mann weiß natürlich von Vegas, dem Grauen Mann. Aber alles verhalte sich anders, als Vegas es darstelle. Rick findet, dass etwas an diesem Fall oberfaul ist und besucht dessen Fotostudio. Dort ist nur der Verkäufer George Youngwell, den Rick allzu gut kennt: Er hat den Gauner selbst ins Kittchen gebracht.

Dieser Fall wird ja immer seltsamer, denkt Rick, und erfährt von Sgt. Frazer auf der Wache, dass in einen Fotoladen eingebrochen wurde und man Fingerabdrücke von Louis Karns gefunden habe. Die graue Gesichtsfarbe rühre von einer Vergiftung mit Silbersalzen her, wie man sie beim Fotografieren verwende. Rick fährt wieder zu Vegas‘ Fotostudio, um herauszufinden, was dieser Typ als wirkliche Einnahmequelle angeben kann …

|Mein Eindruck|

Die ist ein typischer Mystery-Fall, der sich im Laufe der Ermittlung als sein genaues Gegenteil entpuppt. Die Spannung erwächst daher nicht aus gewalttätiger Konfrontation, sondern aus der Lösung des Rätsels, eben des „mystery“. Außerdem hat der Fall ein paar Horrorzüge: der Graue Mann sieht nicht gerade sehr menschlich aus. Er gemahnt an die Grauen Männer, die in Michael Endes Fantasyroman „Momo“ ihr Unwesen treiben. Die Erklärung für das Grau ist jedoch bei Rick Diamond rein naturwissenschaftlich.

Die Lösung des Rätsels ist in doppelter Hinsicht überraschend. Der Klient ist der Täter und entlarvt sich obendrein auch noch selbst. Trotzdem gehört der letzte Lacher Mr. Karns. Die Rolle von Täter und Opfer wechselt dauernd, was den besonderen Reiz dieser Folge ausmacht.

_Der Fall 10: Gute Nacht, Nocturne_

Rick telefoniert gerade mit seiner Angebeteten, da tritt ein Italiener ein, der keine Faxen versteht: Rick soll sofort mitkommen. Louis Vendetti wolle ihn sehen. Der Name sagt Rick durchaus etwas: Vendetti ist ein Ex-Mafioso, der schon einiges auf dem Kerbholz hat, aber nun angeblich ehrlich geworden ist. Ob man das glauben darf?

Diamond soll Vendettis Rennpferd „Nocturne“ suchen, das kürzlich samt Jockey Troy Ogden verschwunden ist. Der Haken: Das Pferd muss rechtzeitig zum nächsten Rennen in sieben Stunden gefunden sein. Dafür gibt’s reichlich Knete: 500 $ im Voraus. Gebongt.

Rick sieht sich in den Ställen um und stößt auf den kleinen Stallknecht Hercules. Der hat tags zuvor einen Wagen mit Pferdeanhänger vorfahren gesehen, in den „Nocturne“ verfrachtet wurde. Troy Ogdens Vermieterin Angeline hat gesehen, wie Gangster den Jockey besuchten. Sobald Rick kapiert und sie mit einem neuen Mop und Eimer besticht, darf er auch Ogdens Zimmer betreten. Ein Foto von einer üppigen Blondine fällt ihm ins Auge: Debbie.

Debbie Carter ist Lehrerin auf einer Rollschuhbahn und auch ansonsten sehr ansehnlich, aber sie weiß auch nicht, wo Ogden zu finden sein könnte. Höchstens bei seinem Bruder, der eine Autowerkstatt besitzt. Als Rick dort das Rolltor hochschiebt, schluckt er schwer: Sowohl der Jockey als auch sein Gaul sind mausetot. „Nocturne“ wird keinen Blumentopf mehr gewinnen. Aber warum? Jetzt fängt der Fall an, interessant zu werden …

|Mein Eindruck|

Wenn sich schon ein Ex-Mafioso als Auftraggeber herausstellt, dann ist zu erwarten, dass an diesem Fall etwas faul ist. Natürlich spannt uns Rick erst einmal auf die Folter, bevor er die Katze aus dem Sack lässt. Es handelt sich um Versicherungsbetrug von der übelsten Sorte. Denn unter diesem Vorgehen haben nicht nur Jockeys zu leiden, sondern auch unschuldige Tiere, eben Rennpferde wie das hoch versicherte „Nocturne“.

Zum Ausgleich für die Schlechtigkeit der Welt singt Rick abends – oder morgens, ich bin mir nie so sicher – ein Ständchen zur Klavierbegleitung. Doch er will ihr immer noch keinen Heiratsantrag machen – schnüff!

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Es ist schon unterhaltsam, wenn man in einem Serienhörspiel all jene Schauspieler sprechen hört, die man sonst mit bildschirmfüllenden Actionkrachern oder großartigen Romanzen in Verbindung bringt: Reese Witherspoon, Colin Farell und George Clooney. Das hebt die Handlung, die ansonsten leicht etwas trivial hätte wirken können, doch gleich eine Stufe höher, verleiht ihr den Glanz von Hollywood.

Tobias Kluckert, 1972 geboren, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er lieh unter anderem Joaquin Phoenix als Johnny Cash in dem Film „Walk the Line“ seine Stimme, ist aber auch die deutsche Synchronstimme von Colin Farrell in „The New World“, von 50 Cent in „Get rich or die tryin'“ und Brian Krause als Leo in „Charmed“. Kluckert trägt mit seiner Darstellung der Hauptfigur das ganze Hörspiel und macht Diamond zu einem sympathischen Burschen, der tagsüber für Recht und Ordnung sorgt und – meistens, nicht immer – abends zu seiner Herzensdame zurückkehrt. Er will immer cool erscheinen, doch seine Aktionen sprechen eher dafür, dass er seinem Herzen gehorcht, so etwa, als er den Mord an seinem Lieblingsfriseur aufklärt.

Ranja Bonalana, die deutsche Stimme von Reese Witherspoon, spricht Helen Asher und somit zwar eine Nebenfigur, aber eine feste Konstante in der Besetzung. Ihre Stimme ist wunderbar verführerisch und stets heiter. Die Wortgeplänkel, die sich Helen mit Diamond liefert, gehören zum Feinsten, das Blake Edwards je geschrieben hat. Leider sind sie allzu kurz, denn sie gehören nicht zum jeweiligen Fall. Ich habe nie herausbekommen, was Helen Asher tagsüber macht. Wahrscheinlich füttert sie die Katze, denn abends, wenn Rick sein Ständchen spielt, miauen im Hintergrund die Katzen regelmäßig zum Steinerweichen, sozusagen als ironischer Kommentar seitens der Tierwelt (und des Tonregisseurs).

|Geräusche|

Alle Geräusche sind natürlich aus der Realität entnommen und verleihen der Handlung den Anstrich von Filmqualität. Aber sie kommen nie den Dialogen in die Quere, sondern sind in dieser Hinsicht zurückhaltend. Wir hören also sowohl Straßenverkehr und Hintergrundstimmen als auch altmodisches Telefonklingeln und Nebelhörner usw. In den diversen Wohnungen sind Standuhren, miauende Katzen (bei Helen) und natürlich Türen zu hören. Diesmal sind auch wiehernde Rennpferde und sämtliche Geräusche einer Pferderennbahn zu hören, inklusive Durchsage und Glocke.

|Musik|

Die Musik von Dirk Wilhelm fungiert meist als Pausenfüller, um so die Szenen voneinander zu trennen, aber auch um die Stimmung der nächsten Szene einzuleiten. Der Musikstil erinnert an nichts so sehr wie an die Filmmusik von „L.A. Confidential“. Zu hören sind also gedämpfte Trompeten oder Posaunen, ein gedämpftes Klavier und sehr dezente Streicher. Von Jazz kann also keine Rede sein, vielleicht sollte man einfach nur von „Cool“ sprechen.

Die Ausnahme von dieser Regel sind Ricks selbst vorgetragene Stücke, die er am Klavier für seine Helen spielt. Und man staunt, wie gut Tobias Kluckert singen kann.

_Unterm Strich_

Nach dem Erfolg von „L.A. Confidential“ und [„Die schwarze Dahlie“ 3353 sind Nostalgie-Krimis wieder angesagt. Verschiedene Hörbuchverlage haben dies mit diversen Serien – Lester Powells Damen-Krimis, Stahlnetz, Tatort, Derrick, Dr. Mabuse, Francis Durbridge u. v. a. – vorexerziert. Höchste Zeit war’s also, dass auch |Lübbe Audio| etwas Entsprechendes in sein Angebot aufnimmt.

In Fall Nummer neun macht die Action dem Rätsellösen Platz, um in der Handlung Spannung zu erzeugen. Bemerkenswert ist dabei, wie sich die Rollen von Täter und Opfer ständig abwechseln, so dass noch mit der Schlusspointe ein solcher Austausch stattfinden kann. Es kommt eben darauf an, wer zuletzt lacht.

Der zehnte Fall zieht sich ebenfalls einigermaßen hin, bis eine Lösung des Rätsels in Sicht kommt. Debbie Carter entpuppt sich nicht als die verführerische Männerfresserin, sondern als American Girl next door: nett, aber langweilig. Die Pointe mit dem Pferd trifft daher den Hörer umso härter. Einen Ausgleich gibt’s dann wieder im romantischen Epilog, als Rick seiner Angebeteten ein ironisch verbrämtes Ständchen bringt. Aber muss man deswegen gleich heiraten? Iwo, meint Rick. So bleibt ihm Zeit für den nächsten Fall.

|Das Hörspiel|

Das Hörspiel ist von Rohrbecks |Lauscherlounge| sorgfältig produziert worden und ich habe an der Technik nichts auszusetzen. Die Stimmen der Hollywoodschauspieler verleihen der gewohnt abwechslungsreichen Handlung etwas Filmglamour. Da [„L.A. Confidential“ 1187 einer meiner Lieblingsfilme ist, konnte ich mich im Ambiente von Rick Diamond sofort zurechtfinden und die Produzenten brauchten keinerlei Erklärungen zum kulturellen Hintergrund mehr zu liefern.

Mag sein, dass die Figuren in ihren männlichen und weiblichen Geschlechterrollen recht überholt sind, aber herrje, das sind die Karl-May-Geschichten schließlich auch, und doch werden sie weiterhin von Millionen Lesern und Zuschauern verschlungen. Helen Asher ist keineswegs das häusliche Heimchen am Herd, sondern sie weiß ihren Rick durchaus zu nötigen, ihr zu Gefallen zu sein. Die Katze im Hintergrund ist nicht umsonst ihr Haustier, denn es heißt, Katzen seien unabhängig. Diese Rollenbilder sind also weit entfernt von der moralischen Korruption, die in den Noir-Filmen der dreißiger und vierziger Jahre gespiegelt wurde.

|Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Wilhelm
64 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3615-9|

lauscher news


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TKKG – Tödliche Klarinette (Folge 216)

Die Handlung:

Gabys Einfall, mit der gesamten Klasse 9b einen Flohmarkt für einen guten Zweck umzusetzen, wird ein voller Erfolg! Klassenlehrer Dr. Waldemar Schindler rundet die Einnahmen auf und alle sind mächtig stolz: Die 9b wird dem gemeinnützigen Verein „Bildung für jeden!“ schon am nächsten Tag feierlich 1.000 Euro überreichen können! Doch am nächsten Tag ist das Geld aus der abgeschlossenen Schublade des Lehrerpults verschwunden. TKKG nehmen die Ermittlungen auf: Im Klassenzimmer, im Schulhof, im Park hinter der Schule, in der Kantine, in verschiedenen Internatszimmern. Es gibt mehrere Verdächtige, viele Indizien und eine Reihe möglicher Szenarien. Aber wie passt das alles zusammen? Und wie hängt das bloß mit dieser unheimlichen Wahrsagerin zusammen? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Tödliche Klarinette? Im Ernst? Wird da jemand mit so einem Musikinstrument erstochen? Oder erstickt dran, weil er den Mund nicht mehr vom Mundstück bekommt? Oder … erschlägt jemand mit einer Klarinette harmlose Wanderer? Oder oder oder … lauter dumme Gedanken formten sich in meinem Kopf schon beim Lesen des Titels. Aber, im Klappentext taucht nicht mal irgendwas annähernd Musikalisches auf … das klingt interessant. Vor allem … wie die Klarinette da reinpasst, wo es doch laut Klappentext um einen einfachen Diebstahl geht … oder nicht?

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Fünf Freunde und das geheimnisvolle Licht (Folge 140)

Die Handlung:

Eigentlich wollen die fünf Freunde nur gemütlich ihre Ferien miteinander verbringen. Aber schon in der ersten Nacht beobachtet Dick ein seltsames Licht auf der Felseninsel niedergehen. Als sie die Insel am nächsten Tag absuchen, entdecken sie einen verbrannten Busch und ein merkwürdiges Metallstück. Dann wittert Timmy etwas zwischen den Klippen am Meer. Aber die fünf Freunde können nichts entdecken. Vorerst nicht – denn zwischen den schroffen Felsen verbirgt sich ein Geheimnis. Und hinter dem sind nicht nur die fünf Freunde her. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Uhh, der Klappentext macht ja mal so richtig Lust auf dieses Abenteuer. Denn es wird sicherlich nicht jemand einfach über Nacht einen kleinen Leuchtturm auf Georges Felseninsel platziert haben und somit der Fall nach zwei Minuten schon vorbei sein.

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Die drei ??? Kids – Gefährlicher Nebel (Folge 80)

Die Handlung:

Undurchdringlicher Nebel zieht durch Rocky Beach. Überall wo er auftaucht, passieren mysteriöse Diebstähle. Was hat die Legende des Geisternebels damit zu tun? Justus, Peter und Bob behalten den Durchblick und haben bald einen heißen Verdacht (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Oha, The Fog, Nebel des Grauens? Horror und Gemetzel in Rocky Beach? Bei einer so niedrigen Altersempfehlung hoffentlich nicht. Na dann lasst uns mal mit den Jungs zusammen herausfinden, was das für ein komischer Nebel ist, wo der herkommt, wer ihn zum Klauen benutzt und was das alles mit dem Fluch des Käpt’n Rabraxus zu tun hat, von dem uns gleich zu Anfang vorgeseemannsgarnt wird. Mit Gruselsound und allem als Hintergrund.

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Olsberg, Karl – Der Duft (Lesung)

_Keine SF: der Geruch der Aggression_

Als die Unternehmensberaterin Marie Escher beauftragt wird, zusammen mit ihrem Kollegen Rafael das Potenzial einer Biotech-Firma zu untersuchen, ahnt sie noch nichts von jener Substanz, die bei den Männern, die sie einatmen, unkontrollierbare Aggressionen auslöst. Ehe sie sich versieht, ist sie Teil eines globalen Wettstreits um diesen „Duft“. Nicht nur islamistische Terroristen, sondern auch hochrangige Regierungsbeamte sind dahinter her. Doch Marie und Rafael geben nicht auf, denn nur sie können die Welt vor einem Kriegsausbruch bewahren … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Karl Olsberg wurde 1960 in Bielefeld geboren, studierte BWL in Münster und promovierte über Künstliche Intelligenz. Er war Unternehmensberater bei McKinsey, Marketingleiter eines TV-Senders und erfolgreicher Gründer von zwei Unternehmen der New Economy. 2005 wurde er Sieger des Kurzgeschichtenwettbewerbs des |Buchjournals|. 2007 erschien sein Hightech-Thriller [„Das System“ 4334 im |Aufbau|-Verlag. Olsberg arbeitet heute als Unternehmensberater in Hamburg. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

_Sprecher & Inszenierung_

Florian Fischer wurde in München geboren. Bereits während seiner Schulzeit sammelte er Erfahrungen als Synchronsprecher. 1993 begann mit „Alles Alltag“ für den |SWF Baden-Baden| seine Laufbahn als Schauspieler. Es folgte die Rolle des Henrik Sandmann in der beliebten Vorabendserie des |BR| „Aus heiterem Himmel“ sowie Rollen im „Tatort“, in „Der Bulle von Tölz“ und „Der Alte“. 2003 übernahm er im Kinofilm „Abgefahren“ die Rolle des sympathischen Chaoten Schraube.

Regie führten Volker Gerth und die Redakteurin Dr. Anke Susanne Hoffmann, die die Lesefassung gekürzt hat. Gerth hatte auch die Aufnahmeleitung bei |opus-live| in München inne.

_Handlung_

Als Leutnant Bob Harrisburg vom psychologischen Untersuchungsdienst der US Army den Tatort betritt, ist er erschüttert. In dieser irakischen Schule in Bagdad haben US-Soldaten nicht nur grundlos irakische Schulkinder massakriert, sondern auch eigene Kameraden. Wie konnte es dazu kommen? Die arabische Welt ist durch diesen Angriff der Amerikaner verständlicherweise in Aufruhr, daher muss der Vorfall schleunigst aufgeklärt werden.

Einer der überlebenden US-Soldaten, First Private Jordan Reeves, sitzt in seiner Zelle und steht noch unter Schock. Als Harrisburg ihn vernimmt, erzählt Reeves, dass er und seine Leute einen Attentäter verfolgt hätten, aber der war verschwunden, als sie den Klassenraum betraten. Auf einmal war die Welt voller Wut und Zorn. Er kann sich an keine Vorfälle mehr erinnern, aber es war, als wäre er besessen. Das Unheimliche daran war, dass es auch seinen Kameraden so erging. Der Rest ist Harrisburg bekannt.

Als ihn der Sicherheitsberater des US-Präsidenten nach der Ursache fragt, muss Harrisburg passen: Gas, Strahlen, Drogen, ein satanistischer Kult? Das passt alles irgendwie nicht. Wie auch immer: Demnächst findet in Dschidda in Saudi-Arabien eine Nahost-Friedenskonferenz statt. Noch so ein Vorfall, und statt Frieden werde es einen Weltkrieg geben. Harrisburg beginnt mit Hochdruck an der Aufklärung des Vorfalls zu arbeiten.

|Deutschland|

Die Unternehmensberaterin Marie Escher wird von ihrem Wohnort Berlin nach Frankfurt/Main geschickt, um dort den Vorstandsvorsitzenden Daniel Borland von der Oppenheim Pharma AG zu besuchen. Der betraut sie damit, herauszufinden, welche Zweige des Konzerns profitabel sind und welche man besser abstoßen sollte. Dazu gehöre besonders die Firma Olpharma, die natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel erzeugen soll, aber immer noch forscht und entwickelt statt zu produzieren.

Zusammen mit ihren Kollegen Konstantin Gavras und Rico Kemper besucht sie den Geschäftsführer von Olpharma, Dr. José Scorpa. Der Spanier weiß genau, was hier läuft, wenn Unternehmensberater anrücken: Seine Firma steht auf der Abschussliste. Kein Wunder, dass er sich wehrt. In den von ihm zur Verfügung gestellten Dokumenten stößt Marie auf eine ziemlich teure Forschungsstation in Uganda.

Nach einem Wochenende bei ihrem Vater, der sie innig liebt, aber ohne ihren Mann Arne, der sich scheiden ließ, kehrt Marie wieder zum Job zurück. Diese Forschungsstation in Afrika – was läuft da eigentlich? Der Stationsleiter heißt Andreas Borg, er forscht und entwickelt dort seit vier Jahren, liefert aber nichts. Im Gespräch mauert der Mann. Sie willigt in ein Abendessen mit Scorpa ein, doch es endet in einem Fiasko, als sie sich weigert, mit ihm zu schlafen.

Am nächsten Morgen geht sie verspätet und verkatert in dessen Firma, um dort mit Konstantin und Gavras einen Abschlussbericht zu erstellen. Doch das Büro sieht aus wie ein Schlachtfeld! Konstantin hat Rico, mit dem er sich ständig stritt, beinahe den Schädel eingeschlagen. Er selbst steht unter Schock und kann sich an nichts erinnern. Klar, dass er vom Dienst suspendiert wird. Rico kommt auf die Intensivstation.

Maries Chef Will Bittner ist außer sich, aber Daniel Borland gibt Marie zu ihrer eigenen Verwunderung noch eine zweite Chance. Diesmal bekommt sie den „Rookie“ Rafael Grendel an die Seite gestellt. Rafael erscheint ihr schon bald als extrem „unprofessionell“, denkt er doch auf ungewöhnlichen Bahnen. Er ist der festen Ansicht, dass sie selbst nach Uganda müssen, um der Sache mit Borg auf den Grund zu gehen. Das sieht auch Borland so, stellt Marie überrascht fest. Also fliegen sie los.

|Uganda|

In Uganda ruft Andreas Borg Arif Omdurman über Satellitentelefon an und warnt ihn, dass es Probleme gebe. Die deutsche Zentrale werde zwei Berater schicken. Arif ist pakistanischer Terrorist und freut sich auf einen „Arbeitsbesuch“ in Dschidda. Es freut ihn auch, dass sein Bild bei der CIA mittlerweile zehn Jahre alt und völlig überholt ist. Dann bereitet er seine Männer auf die Deutschen vor.

In der Forschungsstation begrüßt Borg Marie und Rafael freundlich, aber distanziert, schließlich wolle die Arbeit getan sein. Er könne keine Guides für sie abstellen. Marie und Rafael wundern sich, dass nur eine Assistentin in der ganzen Station arbeitet, doch Rafael macht ihr nach einem Rundgang klar, dass dieses Labor für die genannte Aufgabe unglaublich überdimensioniert sei. Irgendetwas sei hier oberfaul. Sie müssten mal schnüffeln gehen.

Unauffällig folgt Marie der einheimischen Assistentin in den Busch. Der Trampelpfad führt zu einer Hütte, durch deren Fenster sie lugt. Sie traut ihren Augen kaum: drei lebende Berggorillas – in Käfigen als Versuchstiere! Die vom Aussterben bedrohten Tiere stehen unter strengstem Naturschutz! Nachdem die Assistentin sie entdeckt hat und davongelaufen ist, lässt Marie Rafael Fotos von allem machen und eine Phiole von einem unbekannten Stoff mitnehmen, der auf dem Tisch steht. Vielleicht spielt dieses Zeug hier eine Rolle.

Borg lässt sich seltsamerweise nichts anmerken. Am Abend trifft das herbeigerufene Taxi auf Kigali ein und sie hoffen, dass sie unbehelligt zur Polizeistation gelangen, um dort ihre unglaubliche Entdeckung an Daniel Borland sowie die zuständigen Stellen weitergeben zu können. Wenn das rauskommt, wird Borgs Laden garantiert dichtgemacht.

Doch sie kommen nicht bis nach Kigali. Eine Straßensperre stoppt sie – es seien Banditen, sagt der Taxifahrer und kehrt sofort um. Doch Schüsse fallen und der Fahrer wird getroffen. Rafael springt aus der Tür, doch Marie steht unter Schock. Der Mercedes überschlägt sich, sie verliert das Bewusstsein. Als sie erwacht, brennt das Auto! Rafael zerrt sie aus dem Wagen und in die Büsche. Schon suchen die Banditen nach ihnen. Sie müssen schnell weiter. Marie versucht sich aufzurappeln, ist aber immer noch desorientiert. Weitere Banditen treffen ein, um das Autowrack und dessen Umgebung abzusuchen. Was sind das für Leute?

Rafael scheint sich im Urwald besser zurechtzufinden. Na klar, sie selbst habe ja „keine Phantasie“, wie er sagte! Zum Glück hat Rafael noch den Foto-Speicherchip und die Phiole. Sie überleben unentdeckt und wandern um die Virunga-Vulkane herum, mitten ins Naturschutzgebiet. Bis sie den Berggorillas in die Arme laufen.

|Dschidda, Saudi-Arabien|

Bon Harrisburg checkt im Kongresshotel ein und fragt nach dem Sicherheitschef von der CIA. Der Amerikaner Jim Cricket behauptet, alles im Griff zu haben: Sicherheitskontrollen, Metalldetektoren, Videokameras, ausgebildete Leute. Die Bitte von Harrisburg, keine Waffen im Haus zu erlauben, schlägt er rundweg ab. Harrisburg ist auf sich allein gestellt, um die unsichtbare Gefahr aufzuspüren.

Noch zehn Tage bis zur Konferenz mit den Staatsoberhäuptern und den UNO-Vorsitzenden. Arif Omdurman bekommt seine letzten Anweisungen, bevor er abfliegt. Da erhält er unerwarteten Besuch.

_Mein Eindruck_

Käme diese Story aus den USA, wäre sie nur ein Durchschnittsthriller. Doch da hier ein deutscher Autor am Werk war, sollte man einen zweiten Blick darauf werfen. Was mir als Erstes auffiel, ist das völlige Fehlen von Mystizismus und Rassismus, natürlich auch von penetrantem Patriotismus, den man in US-Thrillern durchaus hin und wieder findet. Nein, für Marie und Rafael ist der Fall ein reine Privatangelegenheit, die allenfalls noch ihren Auftraggeber und ihren Boss etwas angeht. Über das Fehlen der standardmäßigen Sexszene sind nur Voyeure traurig.

Weil besonders die Figur der Marie eingehend gezeichnet wird, interessiert uns vor allem ihr Schicksal. Sie ist eine typische Vertreterin ihres Standes: vergraben in den Parametern ihres Spezialwissens, orientiert an Profitvorgaben und mathematischen Modellen. Schnell tut sie jemanden als unprofessionell ab, der mehr Phantasie einsetzt als sie und so zu ungewöhnlichen Lösungen und Vorschlägen gelangt. Ironischerweise ist es sie schließlich selbst, die zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen muss, um den Kugeln der Verfolgern entgehen zu können. Sie hat einen harten Lernprozess durchlaufen.

Das beginnt schon beim Abweichen der gewohnten Bahnen mitten in Afrika: fremdes Land, beängstigendes Land. Nur gut, dass Rafael sich damit zurechtfindet, was schon recht erstaunlich ist. Leider erfahren wir über ihn wesentlich weniger als über Marie. Und nur höchst selten wird uns Einblick in das Seelenleben der beiden gewährt.

Über kurz oder lang entwickelt sich Marie aber sehr schnell weiter. Sie hat begriffen, dass genaue Beobachtungsgabe und scharfes Nachdenken über ihr und Rafaels Überleben entscheiden. Sie vermag sich auch durchzusetzen, schließlich ist sie ja nicht irgendwer. Es gehört schon einiger Mut dazu, einer amerikanischen Botschaftswache das Maschinengewehr zu entreißen! Dafür kann man nach Guantanamo geschickt werden (das dank Obama ja dichtgemacht werden soll).

Durch Kombinationsgabe begreift sie auch, dass im afrikanischen Busch ein paar Terroristen auf ihren Einsatz warten. Sie muss eine Möglichkeit und Chance finden, den Anschlag zu vereiteln. Sie hat ein Gewissen und Verantwortungsbewusstsein entwickelt, das ihr profitorientiertes Denken abgelöst hat. Sie hat es in der Hand, den Weltfrieden zu retten, weil nur sie den spezifischen Duft des Aggressionsmittels gerochen hat. Nur sie kann die Duftspur erkennen. Darin gleicht sie auf einmal dem Berggorilla, der sie in seinem Reservat verblüfft angestarrt hat. Jetzt ergibt die Gorilla-Episode einen Sinn: Auch wir Menschen sind auf einer bestimmten biologischen Ebene Tiere.

Und auf dieser Ebene sind wir für Duftstoffe wie Pheromone unbewusst empfänglich. Auf dieser Ebene wirkt auch der Aggressionsstoff. Nicht auszudenken, wenn Rafael den Stoff aus der Phiole an einem Gorillamännchen ausprobiert hätte! Ironischerweise wird diese Szene dann später, mitten auf der Friedenskonferenz, ausgespielt – allerdings ohne Gorillas, sondern mit dem menschlichen Ersatzpersonal: dem US-Präsidenten, dem UNO-Generalsekretär und ähnlich illustren Figuren der Weltbühne. Sie alle geraten in das Szenario, auf das Bob Harrisbirg und Marie Escher bereits gestoßen sind: pure, hirnlose Aggression.

Um was genau es sich bei dem Aggressionsduft handelt, ist für uns Chemie-Laien völlig uninteressant, und der Autor befindet es nie für nötig, das Teufelsgebräu zu erklären. Auf die Wirkung kommt es an und darauf, wie man sie unterdrücken oder bekämpfen kann. Natürlich ist auch die Frage höchst interessant, wer denn die Drahtzieher dieser Anschläge sind. Und siehe da: Es müssen nicht immer die bösen Islamisten und Al-Kaida sein, sondern durchaus mal Leute, die ein Interesse daran haben, dass Angst erzeugt und Waffen gebaut werden, die sie dann gewinnbringend verkaufen können. Dass es sich ein deutscher Autor erlauben kann, auch mal die Amis als die Schurken hinzustellen, ist dann schon wieder ungewöhnlich und positiv zu vermerken.

Am besten gefielen mir die Szenen in Afrika. Anhand der Beschreibungen merkte ich, dass der Autor wahrscheinlich selbst vor Ort war. Die Szenerie zwischen Nord-Uganda und Süd-Sudan mag auf Otto Normalbürger bizarr und exotisch wirken, aber sie ist einer der Brennpunkte im Weltgeschehen. Bloß, dass unsere Medien uns nur sporadisch mit Berichten darüber versorgen, so etwa über den Völkermord in Darfur.

Weniger faszinierend waren die Szenen im letzten Fünftel des Buches, als Marie wieder in Berlin ist und zu überleben versucht. Hier ist zu merken, dass die Szenen gestrafft und zusammengefasst wurden, so dass mehr erzählt als gezeigt wird. Das bedeutet nicht, dass die Gefahr für sie und Rafael geringer ausfiele. Insofern fällt die Spannung, die den Rest des Buches getragen hat, nur wenig ab.

|Der Sprecher|

Florian Fischer macht seine Sache recht gut. Seine Stärke liegt weniger auf der Charakterisierung von Figuren durch deren spezifische Aussprache oder Sprechweise. Dazu dient beispielsweise auch ein Akzent, sei er nun arabisch, slawisch oder spanisch. Die Figuren klingen oftmals ziemlich gleich.

Nein, er ist wesentlich besser, wenn er die jeweilige Situation dazu nutzen kann, etwas aus sich herauszugehen und emotional zu werden. Dann kann er auch mal aufgebracht, ärgerlich oder zärtlich wirken. Er kann rufen, lachen oder deklamieren. Auf solche Momente habe ich immer wieder gewartet, unterbrechen sie doch das Einerlei des erzählenden Plaudertons und lassen die Figuren zum Leben erwachen.

Er hat auch kein Problem, mal zwischendurch englisch zu sprechen. Der Übergang erfolgt unvermittelt und wie selbstverständlich.

|Geräusche und Musik|

Von Geräuschen kann hier keine Rede sein, dafür gibt es jedoch Musik. Diese Musik hat stets die Aufgabe, eine Zäsur zu setzen. Deshalb erklingt sie am Ende einer spannenden Szene und leitet die nächste ein, indem sie in den Hintergrund wandert. Die meisten Stücke sind ein bis zwei Minuten lang. Das Hinhören lohnt sich also nicht. Auch weil der Klangstandard lediglich Mono ist.

In diesem Hörbuch erzeugt die Musik Stimmungen, indem sie beispielsweise bedrohliche oder beunruhigende Bässe einsetzt. Ein Piano sorgt hingegen für Entspannung, ebenso relaxte E-Gitarren. Doch die Helden befinden sich in Afrika und Arabien. Entsprechende Rhythmen lassen den Zuhörer aufhorchen und stimmen ihn auf die kommende Szene ein. Trommeln und Flöten sind die bevorzugten Instrumente für solche Abschnitte. Nur an einer Stelle ist die Musik von Dschungelrufen ergänzt, die wahrscheinlich von Affen erzeugt wurden. Das passt gut an der Stelle, an der Marie und Rafael auf die Berggorillas stoßen.

_Unterm Strich_

„Der Duft“ ist ein gut durchdachter Thriller über eine besondere Art der Kriegsführung und des Terrorismus: mit Hilfe von Pheromonen, die den Verstand aus- und die Aggression von Männern (Frauen sind nicht betroffen) einschaltet. Konsequent ist die Handlung auf die Verhinderung des Anschlags auf die Friedenskonferenz in Dschidda zugeschnitten. Dabei sehen die Amerikaner doch ziemlich alt aus. Nur gut, dass sie die Hilfe von Marie Escher haben, einer kompetenten Deutschen, die die Gefahr buchstäblich „riechen“ kann.

Ob es solche Duft-Waffen schon gibt, weiß ich nicht, aber dass sie bereits irgendwo auf der Welt erforscht werden, dürfte eine plausible Annahme sein. Und vielleicht stehen sie auch schon in einem Giftcontainer für den Fall der Fälle bereit. Das ist aber nicht so wichtig wie die Tatsache, dass selbst der beste Friedenswille der Weltpolitiker außer Gefecht wird, sobald man sie durch einen solchen Duft zu aggressiven Tieren degradiert. Frieden erscheint plötzlich als ein zerbrechliches und gefährdetes Gut, um dessen Erhaltung wir uns alle bemühen sollten.

Die Zutaten des Thrillers sind keine Sciencefiction, sondern Routine aus Wirtschaft, Militär, Terrorismus und Chemie. Besonders gelungen sind die afrikanischen Szenen, die später noch eine besondere Bedeutung enthüllen und keineswegs einen Selbstzweck erfüllen.

|Das Hörbuch|

Florian Fischer zeigt seine Stärke in der emotionalen Schilderung von Szenen, weniger in der Charakterzeichnung. Die Musik dient als Zäsur zwischen Szenen, aber auch als Einstimmung des Hörers auf die nächste Szene. Es handelt sich nicht um Hintergrundmusik im landläufigen Sinn, weil sie nur am Anfang eines Kapitels erklingt. Die Musik weiß in den Pausen zwischen den Szenen zu entspannen und einen Übergang auf unaufdringliche Weise zu schaffen.

|430 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-86804-510-9|
http://karlolsberg.twoday.net
http://www.system-dasbuch.de
http://audiomedia.de/category/verlag/hoerbuch/target-mitten-ins-ohr/
http://www.aufbauverlag.de

Robert E. Howard – Die Toten vergeben nichts (Gruselkabinett Folge 164)

Rache aus dem Grabe

Texas, 1877: Vom Alkohol berauscht erschießt der Cowboy Jim Gordon den ehemaligen Sklaven Joel und dessen Gattin, die ihn vor ihrem Ableben mit einem Todesfluch belegt. Haben die Alpträume, die ihn von nun an Nacht für Nacht heimsuchen, etwas mit den mysteriösen Unfällen zu tun, die ihn und die anderen Cowboys von nun an erschüttern? Gordon beginnt, um sein Leben zu fürchten… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
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