Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Perry Rhodan – Die Sporenschiffe (Silber Edition 114)

Die Handlung:

Vor Jahrmillionen verbreiteten sie das Leben im Universum – jetzt sind sie todbringende Waffen: die gigantischen Sporenschiffe der ehemaligen Mächtigen. Im Jahr 3587 stehen Perry Rhodan und seine Gefährten an Bord des Raumschiffes BASIS vor der unmittelbaren Konfrontation mit ihnen.Nur wenn die Besatzung der BASIS diesen Konflikt übersteht, kann die Mission fortgesetzt werden. Die Terraner an Bord müssen ihre Heimat vor dem drohenden Untergang bewahren und zu den Kosmokraten vorstoßen. Diese sind für die Manipulation des Kosmos verantwortlich – und damit für die Weltraumbeben, die in der Milchstraße zu fürchterlichen Zerstörungen führen.Rhodan muss auf :die andere Seite9 der mysteriösen Materiequellen gelangen, um mit den Kosmokraten in Kontakt zu treten. Doch jetzt droht ihm und seinen Begleitern in der weit entfernten Galaxis Erranternohre der Kampf gegen die Sporenschiffe … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diese Silberlesung heißt „Die Sporenschiffe“ … aber waren die nicht eigentlich schon Thema im letzten Zyklus PAN-THAU-RA? Absolut, aber im Perryversum ist mit ansteigender Silberbandnummer immer seltener etwas abgeschlossen, immer seltener eine Idee knackig zu Ende gebracht, ohne ziemlich breitgetreten zu werden und da wundert es nicht, dass wir auch hier wieder auf Altlasten stoßen.

Perry Rhodan – Die Sporenschiffe (Silber Edition 114) weiterlesen

Rebecca Gablé – Das Lächeln der Fortuna (Lesung)

Ein farbenprächtiger Gobelin des Mittelalters

Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earl, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft. Aber Robin geht seinen Weg, der ihn zurück in die Welt von Hof und Adel – an die Seite des charismatischen Duke of Lancaster – führt.

Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber … (Verlagsinfo)

Die Autorin
Rebecca Gablé – Das Lächeln der Fortuna (Lesung) weiterlesen

Die drei ??? und der Mottenmann (Folge 206)

Die Handlung:

In Rocky Beach taucht eine schaurige Gestalt auf: Ein geflügeltes Wesen mit leuchtend roten Augen. Zeitgleich häufen sich die Unglücksfälle und Diebstähle in der beschaulichen Küstenstadt. Justus, Peter und Bob vermuten einen Zusammenhang und stürzen sich in die Ermittlungen, um das Geheimnis des Mottenmanns zu lüften. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Komische und gruselige „Männer“ gabs bei den Fragezeichen ja schon einige. Aus Eisen, ohne Kopf, ohne Augen und in Verkleidung steckten auch schon diverse Antagonisten der Jungs. Wer ist nun diesmal kostümiert unterwegs und welchen Vorteil verspricht er/sie sich denn davon? Und warum haben gefühlt alle immer rot-glühende Augen?

Die drei ??? und der Mottenmann (Folge 206) weiterlesen

Bradbury, Ray – Leviathan \’99 (Hörspiel)

Ahabs Begegnung mit dem Monster der Leere

Ismael fliegt 2099 mit einer bizarren Mannschaft im Raumschiff „Cetus 7“ den Sternen entgegen. Dem Kapitän raubte vor 30 Jahren der Komet Leviathan das Augenlicht. Seitdem ist er – wie einst Ahab vom weißen Wal Moby Dick – besessen, sich mit dem Riesenkometen zu messen. Ob das wohl gut geht?

Der Autor

Raymond Bradbury, geboren 1920 (und immer noch quicklebendig!) in Waukegan, Illinois, ist einer der bekanntesten Erzähler der USA, und zwar nicht nur in der Science-Fiction, sondern auch im sogenannten Mainstream. Als Ray vierzehn Jahre alt war, übersiedelte seine Familie nach Kalifornien, wo er 1938 seinen Highschool-Abschluss machte. Diesen Verlust der Heimat hat er immer wieder verklärend thematisiert.

1937 kam er erstmals mit der Science-Fiction-Szene Kaliforniens in Kontakt, als er Ray Harryhausen (Film), Forrest Ackerman (Fandom) und Henry Kuttner (Autor) traf. Zum Teil konnte er seine Träume mit ihnen erfüllen. Harryhausen wurde zu einem der größten Trick- und Special-Effects-Könner auf dem Gebiet des phantastischen Films („Kampf der Titanen“ u.v.a.), während Bradbury später als Autor weit über die Grenzen des Genres hinaus bekannt wurde.

Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin („Star Wars Episode V“) Leigh Brackett beeinflusste ihn wesentlich in seiner Entwicklung. 1943 wurde sein Stil poetischer, nostalgisch und zeigte einen Hang zum Makabren. Die damals großen Magazine wie die „Saturday Evening Post“ sollen sich angeblich um seine Storys gerissen haben. Er schrieb für John Huston 1955/56 das Drehbuch zu „Moby Dick“.

In letzter Zeit ist es still um Bradbury geworden, aber von ihm erscheinen immer noch aufwändig gemachte Novellen- und Storybände. Ridley Scott hat in seinem Film „Blade Runner“ eine Hommage eingebaut: Das Hotel, in dem der Showdown stattfindet, heißt „The Bradbury“. Und der Regen fällt wie in Bradburys Story „The Day It Rained Forever“ unablässig.

Seine wichtigsten Werke:

[Fahrenheit 451 400 (1953, verfilmt 1966 von F. Truffaut)
Der illustrierte Mann (1951, verfilmt 1968 mit Rod Steiger, dt. Titel: „Der Tätowierte“)
[Die Mars-Chroniken 1294 (1946-50, verfilmt 1980 mit Rock Hudson)

Die Sprecher und ihre Rollen

Ismael: Jürgen Goslar
Kapitän: Wolfgang Büttner
Quell: Günther Stutz
Redleigh: Heinz Stoewer
Rogers: Olaf Bison
Ellery Colworth: Anfried Krämer
Der Warner: Max Noack
Der Kleine: Yodok Seidl

Das Hörspiel hat Regisseur H. B. Fortuin 1969 für den Hessischen Rundfunk eingerichtet. Die Musik besorgte Tristram Cary.

Handlung

„Nennt mich Ismael.“ Man schreibt das Jahr 2099, und Ismael Jones, unser Erzähler, berichtet, dass er als erstes Kind im Weltraum geboren wurde und seine Eltern Ex-Marsianer waren. Sein Vater nannte ihn Ismael nach dem wandernden Gottessucher aus der Bibel. Und tatsächlich versteht sich Ismael als ein Wanderer, über Gras- und andere Meere, wie etwa die des unendlichen Kosmos, des Sternenmeers.

Eines Tages wird er im Raumfahrer-Wohnheim einem Zimmergenossen namens Quell zugewiesen. Quell ist drei Meter hoch und ein Telepath, er stammt von einer Inselwelt im Andromedanebel, wo Tiermenschen aufwachsen. Ismael fragt uns: „Was ist menschlich?“ Statt zu streiten, beschließen sie, lieber Freunde zu werden. Sie suchen eine neue Heuer, und ihre Wahl fällt auf die „Cetus 7“ (cetus = Wal), denn sie ist das größte jemals gebaute Raumschiff.

Hätten sie doch nur ein anderes Schiff gewählt! Ein „Warner“ namens Elias tut genau das: Er warnt sie vor dem Kapitän der Cetus 7, einem verrückten Albino, dem ein Unfall mit einem Kometen namens Leviathan die Augen ausgebrannt habe. Doch sie hören nicht auf ihn und helfen, das Schiff auszurüsten. Es ist eine seltsame Crew: zumeist Gnome und Zwerge, gezüchtete Genies, die allzu gerne spielen. Nur wenige Menschen sind an Bord, und der Käptn ist nirgends zu sehen. Vor dem Ablegen besuchen sie einen Gottesdienst und lauschen der Predigt des robotischen Pater Ellery Colworth, der schon seit hundert Jahren tot ist. Seine Botschaft: Alles ist Gottes Schöpfung, deshalb gilt es, alles Leben zu achten.

Am 2. August ’99 geht’s los. Vom Käptn hat Ismael nur ein seltsames Geräusch gehört: sein Körperradar, das der Blinde benötige, heißt es. Nach fünfzig Tagen nähert sich die Cetus 7, gesteuert vom Ersten Offizier Redleigh, einem Planeten im Sternbild Schwan. Doch statt ihn zu erkunden, befiehlt der Käptn eine Inspektion. Erstmals bekommt Ismael ihn zu Gesicht, den Albino mit dem Wärmesensor vor den Augen. Er kommt ihm unheimlich vor, wie „der Geist von Hamlets Vater, der neue Gespenster ausbrütet“.

Wer den Kometen Leviathan als Erster sichtet, bekommt eine Belohnung. Alle dreißig Jahre kommt das Ungetüm in diese Raumgegend, wo es einst dem Käptn das Augenlicht raubte. Dafür will er sich rächen und das Monster, diese „Lawine des Nichts“, für immer zerstören. Das ist der heilige Auftrag der Besatzung der Cetus 7. Und der Kapitän schwört sie gnadenlos darauf ein: den Kometen zerstören oder beim Versuch sterben. Es ist Wahnsinn.

Doch wo bleibt dabei die Achtung vor allen Geschöpfen Gottes, die Pater Colworth predigte, fragt der Erste Offizier. Das sei doch Gotteslästerung. Nichts da, bügelt der Kapitän die Kritik Redleighs nieder. Der Leviathan beging vielmehr als Erster eine Gotteslästerung an des Käptns Fleisch! Und für seine Rache sei er bereit, sich selbst zu opfern.

Die Monomanie des Kapitäns manifestiert sich immer wieder. Sie lassen einen Mond mit wundervollen toten Städten ebenso links liegen wie zwei irdische Raumschiffe. Nichts darf von der Jagd auf das Ungeheuer ablenken. Ismaels telepathischer Freund Quell ist von einer düsteren Vorahnung erfüllt; er „hört“ Stimmen von Toten und lässt sich eine Totenrüstung anfertigen (keinen Sarg).

Nach einem Hinweis von einem anderen Kapitän kommt es endlich zur finalen Konfrontation. Doch sie verläuft viel schrecklicher, als Ismael sich das hätte ausmalen können. Denn Leviathans furchtbare Kraft liegt nicht so sehr in seiner „körperlichen“ Erscheinung, sondern vielmehr in seiner Beeinflussung der Zeit …

Mein Eindruck

Die Zeit ist das zugrunde liegende Hauptthema der Erzählung, die 1968 zuerst veröffentlicht wurde. Das Universum wird hier endlich als das begriffen, was zu begreifen am schwersten fällt: Dass relativistische Zeit nicht immer die gleiche Rolle spielt und stets relativ zum Ort und zum Betrachter existiert.

Der Leviathan, der alle dreißig Jahre in die Nähe der Erde fliegt, ist wie ein Pendel der Regelmäßigkeit, während alles andere vergeht und verschwindet. Ganz besonders natürlich der Mensch. Deshalb muss der Kapitän aufbegehren. Allein schon der Flug mit Lichtgeschwindigkeit, den die Cetus unternimmt, entfernt die Besatzungsmitglieder mit relativistischer Geschwindigkeit von allen ihren momentanen Zeitgenossen. Sie stranden in ihrer eigenen Zeit, die sie wie in einer Kapsel mit sich nehmen: eine zusammengeschweißte Gruppe.

Sie begegnen auf ihrem Flug durch die Sternenmeere den „verlorenen Kindern der Zeit“: Radio- und Fernsehbotschaften aus dem Jahr 1939. Wir hören Reden des „Führers“, eine Ansprache von Chamberlain aus dem Jahr 1938, dann das Lied „Lili Marleen“ und dergleichen mehr. Doch für den Kapitän hat dies natürlich keine Bedeutung. Sollte es aber, ist er doch ebenfalls ein Rattenfänger, der seine Anhänger in den Untergang führt und den Rest der Welt mitreißt.

Und dann die erste Begegnung mit Leviathan. Seine unheimliche Weiße setzt Strahlen frei, die gemäß der Phantasie des Autors die Zeit krümmen. Die Cetus 7 gerät in ein Sargassomeer der Zeit, dümpelt in einer Flaute irgendwo im Abseits dahin, bevor sie sich aus eigener Kraft wieder befreit. Erneuter Angriff auf den Kometen, das große weiße Ungeheuer, zu dem der Kapitän es hochstilisiert.

Und als Ergebnis versprengt das große weiße Geheimnis die kleinen Menschlein in alle Zeiten, sei es in die Zeit Shakespeares oder in die Lincolns. Nur Quell in seiner Totenrüstung und Ismael, obwohl gestrandet in der Zeit, können hoffen, jemals wieder von einem Raumschiff gefunden zu werden. Und da Ismael uns Bericht erstattet, gelingt ihm das wohl auch. Er ist nicht nachtragend. Leviathan ist eben nur ein Geschöpf Gottes, nicht etwa Shiva selbst, der Gott der Zerstörung. Wer immer wieder vergeblich versucht, gegen das Universum aufzubegehren wie einst Faust und viele Heroen mehr, das sind gebrochene und wütende Menschen wie der Kapitän. Und dabei werden sie eins mit ihrem Ziel, das sie aufnimmt.

Besonders interessant ist vielleicht in diesem Zusammenhang, nun, da die Anklänge an „Moby Dick“ unübersehbar sind, dass es der Autor selbst war, der zusammen mit Regisseur John Huston das Drehbuch zur famosen Verfilmung von 1956 ablieferte. Diese Arbeit, die er 1955/56 in London verrichtete, hinterließ sicherlich einen bleibenden Eindruck bei Bradbury. Und nur ein Dutzend Jahre später wurde daraus die vorliegende Erzählung. Diese hat der Hessische Rundfunk in ein Hörspiel umgesetzt.

Die Sprecher

Es gibt drei oder vier Kategorien von Sprechern. Sie lassen sich gemäß ihrer Einstellung zum numinosen Leviathan einteilen. Da sind einmal die romantischen Träumer wie Ismael und Quell. Sie achten den Kometen als Gottes Schöpfung, bewundern auf eine passive Weise die Wunder des Weltraum. Ihnen diametral gegenüber steht der Kapitän, ein reiner Tatmensch, der keinen Zweifel an der Notwendigkeit zur Vernichtung des Kometen aufkommen lässt.

Und doch gibt es Zweifler. Zu ihnen gehört der Erste Offizier, der sogar an Meuterei denkt und den Kapitän, den er für offensichtlich wahnsinnig hält, mit der Pistole bedroht. In die gleiche Kategorie gehört der Warner Elias, dessen Worte Ismael und Quell in den Wind schlagen. Als letzte Kategorie könnte man diejenigen Crewmitglieder zählen, die kaum zu Wort kommen und einfach nur Mitläufer sind.

Der wichtigste Sprecher in diesem Reigen ist natürlich derjenige, der die Handlung am meisten bewegt: der Kapitän. Selbst wenn er nicht körperlich anwesend ist, so beherrscht sein Geist doch sein Schiff und die gesamte Besatzung. Durch die Weißheit seiner Haut, seine Blindheit, die Kyborg-Gerätschaften ist er als Über-Mensch ausgewiesen, und seine angeblichen Visionen heben ihn sowieso in den Status eines religiösen Führers empor. Einem solchen Mann zu trotzen, grenzt schon an Frevel.

Wolfgang Büttner füllt diese faustische Ahab-Figur mit einem enormen Stimme aus, die zum schmeichelnden Raunen ebenso fähig ist wie zum tobenden Brüllen. Das klingt dann sehr theatralisch. Und zudem kann er hier einen ellenlangen Monolog halten, als sei er Hamlet, der seines Vaters Tod kontempliert. Aber so wird „Ahab“ als ein gequälter Mensch sicht- und hörbar, der in der Vernichtung seines Zerstörers endlich Erlösung aus seiner Qual finden will. Untergang ist Befreiung. Galt das auch für Hitler? Diese Radiozitate aus den Jahren 1938/39 wurden nicht zufällig ausgewählt.

Jürgen Goslar als Ismael hingegen ist der genaue Gegensatz. Er hat stets etwas Heiteres, Insichruhendes in seiner Stimme, und wir können uns auf ihn verlassen, denn offensichtlich hat ihn „Ahabs“ Wahnsinn nicht angesteckt. Beim Angriff bleibt er als Einziger auf der Cetus 7 zurück. Er ist der außenstehende Beobachter, der nur berichtet, aber nicht wertet. Quell trägt ihm zu, was zwischen dem Kapitän und seinem Ersten Offizier vor sich geht. Wir müssen uns selbst einen Reim darauf machen, was passiert.

Musik und Geräusche

Die Musik wurde vollständig auf einem elektronischen Instrument erzeugt, das ich als Laie für einen Synthesizer halte. Für eine Orgel wären diese Töne und Klangfarben jedenfalls sehr ungewöhnlich, klassische Instrumente kommen überhaupt nicht vor. Da Synthis heutzutage völlig out sind, klingt diese Klanguntermalung ebenfalls antiquiert, und zwar so sehr, dass sie an „Raumpatrouille Orion“ erinnert und, wie die Kultserie, einen gewissen Retro-Charme ausübt. Die wenigen Geräusche, die vorkommen, sind nicht der Rede wert.

Unterm Strich

Obwohl das Hörspiel in der Art seiner Darstellungstechniken seine Entstehungszeit nicht verleugnen kann, so bietet es doch eine recht interessante Geschichte, die im Grunde von überzeitlicher Bedeutung ist: Der tätige Mensch muss es mit den Kräften des Kosmos aufnehmen, will er es wagen, dorthin vorzudringen. Und so ist das Scheitern immer ganz nahe im Bereich des Möglichen. Dass eine Raumreise aber auch die Begegnung mit dem Göttlichen sein kann, will jedoch dem Kapitän der „Cetus 7“ nicht in den Sinn: Er hält den Kometen Leviathan für eine Ausgeburt der Hölle.

Die recht geschickt und nah am Vorbild erzählte Geschichte ähnelt Herman Melvilles „Moby Dick“ bis ins Detail, denn Bradbury schrieb schließlich das Drehbuch für John Hustons famose Verfilmung des Romans. Wer sich jedoch ebenso deftige Action erhofft wie im Film, der wird vom Hörspiel ziemlich enttäuscht sein. Das Vergnügen ist eher intellektueller Natur, wenn auch die Regie versuchte, die Konfrontationen zur Erzeugung von Spannung zu nutzen. Der Erfolg dieser Bemühung hält sich in Grenzen.

Für Science-Fiction-Freunde ist das Hörspiel eine Gelegenheit, mal wieder eine Story aus dem Storyband „I sing the body electric!“ zu genießen. Doch schon 1968 war Bradburys Erzählkunst nicht mehr ganz taufrisch – kein Wunder, nach 30 Jahren ständiger Produktion (und der Mann schreibt heute noch!). Die große Erleuchtung oder Entdeckung sucht man deshalb in der Story vergeblich.

Originaltitel: Leviathan, 1968
Übersetzung von Hanns A. Hammelmann
80 Minuten auf 1 CD

King, Stephen – Friedhof der Kuscheltiere (Lesung)

_Der pure Horror: Manchmal kommen sie wieder …_

Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an den Film „Friedhof der Kuscheltiere“? Vielleicht sogar an dessen Fortsetzung von 1992? Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) produzierte 1999 ein stimmungsvolles Hörspiel, das dem Film durchaus das Wasser reichen kann – und das es seit einiger Zeit auch auf CD gibt.

Tatsächlich dringt der Horror des Endes noch stärker zum Zuhörer durch, denn keine Bilder bevormunden seine Vorstellungskraft – diese wird vielmehr selbst aktiv, wodurch der Horror umso unmittelbarer wirkt.

Tierliebhaber seien gewarnt: Wiederauferstandene Katzen gehören nicht ins Haus oder in die Nähe von Kindern!

_Der Autor_

Was kann man noch über Stephen King, einen der erfolgreichsten Autoren der Welt, sagen, was nicht schon jeder weiß? Er hat 1973 seinen ersten Roman, „Carrie“, verkauft, den er nachts in einem Wohnwagen schrieb, während er tagsüber als unterbezahlter Englischlehrer arbeitete. Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt. Die [wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Stephen__King hält reichlich Informationen zum Autor und seinem Werk für den Interessierten bereit.

_Die Sprecher_

Zu den Sprechern gehören Lászlo Kish, Christin Marquitan, Manfred Steffen und andere. Lászlo Kish spielte als Kommissar in diversen Tatort-Krimis mit. Manfred Steffen vermittelt den alten, väterlichen Nachbarn Jud hervorragend.

_Handlung_

Als neuer Universitätsarzt zieht der junge Louis Creeds (ein sprechender Name, denn „creed“ bedeutet ‚Glaube‘) mit seiner Frau Rachel, seiner Tochter Ellie und seinem Sohn Gage nach Ludlow, Maine. Ein wunderbares Haus in einer herrlichen Landschaft erwartet die Familie. Einziger Haken: Das Haus liegt direkt an einer viel befahrenen Landstraße, auf der Tanklaster und so weiter vorüberdonnern. Rachel macht sich große Sorgen. Als sie noch klein war, starb ihre Schwester Zelda, und seitdem macht sie sich deswegen Vorwürfe. Sie weigert sich sogar strikt, über die Tatsache des Todes auch nur zu reden.

Ein erstes Opfer der Straße landet auf Lous Operationstisch. Der junge Victor Pascoe scheint aber seltsamerweise schon vor seinem Unfall tot gewesen zu sein. Und er warnt Lou eindringlich vor dem hinteren Teil des Friedhofs der Kuscheltiere …

Schon bald wird die geliebte Katze der Creeds, Winston Churchill, überfahren. Die Beerdigung des Tierchens im hinteren, abgesperrten Teil des uralten, geheimnisvollen Indianerfriedhofs, den die Dorfkinder auf einem Schild als „Pet Sematary“ (Schoßtierfriedhof) bezeichnet haben, bleibt nicht ohne Folgen. „Church“ (= Kirche) kehrt lebendig zurück, ein bisschen aggressiv und nicht nur ein bisschen böse. Und da das Tier ganz und gar nicht gut riecht, bittet Ellie, das Viech rauszuschmeißen. Das hindert es aber nicht daran, zurückzukehren.

Der nette Nachbar der Creeds, Jud Crandall (Manfred Steffen), erzählt Lou nach ein paar freundschaftlichen Bieren, dass es nicht immer nur Tiere waren, die im abgesperrten Bereich des Friedhofs beerdigt worden waren. Jud selbst begrub dort im Jahr 1930 seinen geliebten Hund Spot. Aber als der Zweite Weltkrieg Leichen zurück nach Ludlow brachte, konnte der alte Betterman den Tod seines Sohnes Tim nicht verwinden. Jud und seine Freunde wurden eines Tages gerufen, um einen Zwist im Hause Betterman zu schlichten: Da war der alte Betterman, aber auch sein Sohn Tim, und der roch weder gut noch sah er sehr appetlich aus. Zwei Tage später sei das Betterman-Haus niedergebrannt. – Eine deutlichere Warnung könnte Jud eigentlich nicht aussprechen.

Aber dann wird auch Louis‘ und Rachels innig geliebter Sohn Gage ein Opfer des Straßenverkehrs, und der Horror kann beginnen. Denn weder Lou noch Rachel sind in der Lage, sich mit seinem Tod abzufinden. Sobald er Rachel mit Ellie zu ihren Eltern nach Chicago geschickt hat, denkt Lou darüber nach, wie er die Wiederaufstehung in die Hand zu nehmen hat.

Leider hat er in seinen Plänen nicht berücksichtigt, dass Ellie immer wieder prophetische Träume hat. Sie kann ihre Mutter dazu bewegen, in ihr Haus in Ludlow zurückzukehren. Was sie dort erwartet, soll hier nicht verraten werden.

_Mein Eindruck_

„Friedhof der Kuscheltiere“ ist sozusagen Stephen Kings schaurige Variation der alten Lazarus-Geschichte. Während der Schauplatz, gewissermaßen die Bühne des Geschehens, äußerst realistisch geschildert ist, verbreiten die eigentlichen Ereignisse das Gefühl, es mit etwas Unheiligem zu tun zu bekommen.

Wie sein Name schon sagt, ist Creed der Vertreter des rechten Glaubens, der durch die Liebe zu seinem Sohn vom Glauben abfällt, so dass er einen unheiligen Akt begeht, der fürchterliche Folgen zeitigt. Sein Kater Winston Churchill trägt nicht umsonst den Kosenamen Church. Die Kirche bzw. ihr orthodoxer Glaube sowie ihre Anweisungen für ein gottgefälliges Leben gehen nämlich mit dem Begraben Churchs und seiner Wiederauferstehung als Erstes über Bord. Aber warum sind die Zombies allesamt böse?

Nun wird es knifflig. Victor Pascoe und Jud Crandall warnen Lou Creed eindringlich. Dennoch schlägt er ihre Warnungen in den Wind. Warum? Weil er die spirituelle Instanz nicht anerkennt, die im hinteren Teil des Friedhofs waltet: der boshafte Indianergeist des Wendigo. Hier bestatteten die Micmac-Indianer ihre Toten. Aber es ist gut möglich, so Crandall und Creed, dass diese Stätte schon vor 2000 Jahren oder noch früher benutzt worden war. Und damals herrschten vielleicht noch schlimmere Geister als der Wendigo.

Lou spielt also ganz bewusst mit dem Feuer. Obwohl er als weißer Christ keine Ahnung von den indianischen oder „heidnischen“ Totengeistern hat, will er sich ihr Wirken nutzbar machen, indem er ihnen seinen Sohn bewusst opfert, als wäre er Abraham und sein Sohn Isaak. Doch er kennt nicht den Preis, den er für dessen Wiederauferstehung entrichten muss.

Man könnte also die Geschichte als religiöses Gleichnis deuten. Das soll den Zuhörer aber nicht daran hindern, die Geschichte intensiv zu erleben und den Grusel immer wieder von neuem zu genießen.

|Die Sprecher, die Musik, der Sound, die Hülle|

Alle Sprecher, selbst die ganz jungen, klingen wie professionelle Schauspieler. Lászlo Kish, Christin Marquitan und Manfred Steffen sprechen die Hauptrollen. Bei Marquitan und Steffen hatte ich das Gefühl, eine Filmszene anzuhören, so realistisch spielen sie ihre Rollen. Kish ist ein Sonderfall: Er ist gleichzeitig auch der Ich-Erzähler, und wir verfolgen neunzig Prozent des Geschehens durch seine Wahrnehmung. Nur gegen Ende wechselt der Blickpunkt zu Rachel und zu Jud. Die ausgefuchste Szenengestaltung stammt von Gregory Evans, Regie führte Johann M. Kamps.

Die Musik von Renaud Garcia-Fons erklingt in Stereo und setzt erstens auf den dezent aufspielenden Kontrabass und zweitens auf die ausgetüftelten Soundeffekte, die besonders in den Friedhofszenen einen gruseligen Rundumeindruck liefern. Dies schafft perfekt jene unheilvolle Atmosphäre, aus der dann die grausigen Szenen des Endes hervorbrechen. Ich konnte mich jedenfalls eines nicht ganz wohligen Schauderns erwehren. Zusammen mit der Stimme des völlig durchgeknallten Louis Creed geht das ganz schön an die Nerven. Und selbst die letzte Dialogzeile hält noch einen Schock bereit. Klasse!

Die Hülle für die CDs ist aus Pappe und bedruckt. Die Vorderseite zeigt eine Filmszene aus „Pet Sematary 2“: den Eingang zum Friedhof, in dem ein Junge steht. Die Rückseite bietet diverse Infos.

_Unterm Strich_

Auf nur drei CDs – insgesamt 180 Minuten – entwickelt das Hörspiel eine derartig unheilvolle Stimmung, dass es für so manchen Zuhörer zu viel sein könnte. Dabei treten die echten Horrorszenen erst im letzten Drittel auf. Die Spannung, was nun mit den einzelnen Zombies und mit Lou Creed geschieht, bleibt bis zur letzten Zeile aufrechterhalten.

_Stephen King bei |Buchwurm.info|_ (Auswahl):

[„Brennen muss Salem – Illustrierte Fassung“ 3027
[„Friedhof der Kuscheltiere“ 3007 (Audio)
[„Puls“ 2383
[„Trucks“ 2327 (Audio)
[„Colorado Kid“ 2090
[„The Green Mile“ 1857 (Audio)
[„Das Leben und das Schreiben“ 1655
[„Atemtechnik“ 1618 (Audio)
[„Todesmarsch“ 908
[„Der Turm“ 822 (Der Dunkle Turm VII)
[„Der Sturm des Jahrhunderts“ 535
[„Tommyknockers – Das Monstrum “ 461
[„Achterbahn“ 460
[„Danse Macabre – Die Welt des Horrors“ 454
[„Christine“ 453
[„Der Buick“ 438
[„Atlantis“ 322
[„Das Mädchen“ 115
[„Im Kabinett des Todes“ 85
[„Duddits – Dreamcatcher“ 45

John Sinclair – Werwolf-Omen (Folge 139)

Die Handlung:

Mitten in der Nacht lief mir auf einer einsamen Landstraße das Mädchen Laura Ascot vor den Wagen – und flüchtete in die Dunkelheit! Sekunden später huschte an ihrer Stelle ein Wolf zwischen den hohen Gräsern der Böschung entlang. Ich folgte seiner Spur und geriet in einen Kampf, in dem sich Werwölfe und Vampire als erbarmungslose Gegner gegenüberstanden … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer
372 gemacht, das erstmalig am 19. August 1985 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

John Sinclair – Werwolf-Omen (Folge 139) weiterlesen

TKKG junior – Schmierige Angelegenheiten (Folge 12)

Die Handlung:

Darf man Metallfässer in einen Waldsee der Millionenstadt werfen? TKKG sind der Meinung „Auf keinen Fall“ – und stecken damit schon knietief in ihrem nächsten Abenteuer. Auf der Spur von zwei Umweltsündern bekommen die Nachwuchsdetektive Hilfe von unerwarteter Seite. Gemeinsam mit der mutigen Sana können sie den Schlupfwinkel der Gangster ausfindig machen, geraten dabei jedoch in höchste Gefahr. Es gibt nämlich noch einen weiteren Schurken, mit dem sie nicht gerechnet haben … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Die Frage, ob man Metallfässer in einen Waldsee werfen darf oder nicht, dürfte für jeden vernunftbegabten Menschen keine sein. Wobei es auch da Ausnahmen gibt und die nur Euro-Zeichen in den Augen haben. Für die ist es nur ein Problem, dabei erwischt zu werden.

TKKG junior – Schmierige Angelegenheiten (Folge 12) weiterlesen

Sally Nicholls – Zeit der Geheimnisse (Lesung)

Magisch: Mit dem Grünen Mann durch die Zeit der Trauer

Nach dem Tod ihrer Mutter leben die beiden Schwestern Molly und Hanna bei den Großeltern auf dem Dorf. Doch das Leben auf dem Land, die Dorfschule, all das ist nicht so leicht für die Mädchen aus der Stadt Newcastle. Molly, die Leseratte, flüchtet sich in Fantasien von einem seltsamen Mann, der von wilden Reitern verfolgt wird. Einbildung? Hirngespinste?

Merkwürdig ist nur, dass die Fantasien der Zehnjährigen der Legende vom Eichenkönig ähneln, der, so die Sage, jedes Jahr sterben muss, um wenig später wiedergeboren zu werden. Der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen, von Winter und Sommer, aber auch von Sich-Verlieren und Sich-Wieder-Finden. (Erweiterte Verlagsinfo)

Die Autorin

Sally Nicholls, geboren 1983 in Stockton, studierte Philosophie und Literatur. Sie verfasste ihren Debütroman „Wie man unsterblich wird“ mit nur 23 Jahren. Er erschien 2008 in England und wurde bereits mit mehreren großen Literaturpreisen ausgezeichnet und in 18 Sprachen übersetzt (siehe meinen Bericht zum Hörbuch). Sally Nicholls lebt in London. (Verlagsinfo)

Die Sprecherin

Ulrike Claudia Tscharre (* 15. Mai 1972 in Urach) ist eine deutsche Schauspielerin. Sie besuchte von 1996 bis 1998 die Akademie für darstellende Kunst in Ulm. Im Fernsehen war sie erstmals als Susanne in der ARD-Serie Ina und Leo zu sehen. Sie gab ihr Kinodebüt 2004 in „Schöne Frauen“ als Karin Leiser unter der Regie von Sathyan Ramesh. Seitdem wirkte sie in zahlreichen TV-Produktionen mit. 2007 spielte sie an der Seite von Christoph Maria Herbst die weibliche Hauptrolle in der Comedy-Serie „Hilfe! Hochzeit! Die schlimmste Woche meines Lebens“. 2008-2009 drehte sie unter der Regie von Dominik Graf den Krimi-Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ in der Rolle der Sabine Jaschke, 2009 übernahm sie die Hauptrolle in dem TV-Melodram „Letzter Moment“. Außerdem ist sie als Sprecherin bei Hörspielen und Hörbuch-Produktionen, wie „Der Schwarm“ und Henning Mankells „Wallander“-Reihe als Linda Wallander zu hören. Ulrike C. Tscharre lebt in Berlin. (Quelle: Wikipedia)

Die Musiker

Für die Produktion zeichnete Rudi Mika verantwortlich, der auch die Musik auswählte und selbst an Geige, Mandoline, Mundharmonika, Kantele und diversen Gitarren zu hören ist. Neben ihm spielen fünf weitere Musiker diverse Instrumente.

Für den Ton des Textes im auraton Studio zu Berlin war Patrick Ehrlich zuständig. Die Musikeinspielungen fanden im subtone Studio zu Dortmund statt, wo der Musiker Ralf Kiwitt Ton und Technik steuerte.

Handlung

Molly Alice Brooke ist die jüngere von zwei Schwestern, die seit dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern draußen auf dem Land leben müssen, weil ihr Vater, ein freier Journalist in Newcastle, sich nicht alleine um sie kümmern kann. Abgesehen davon, dass sie die Stadt und alle ihre Freunde vermissen, müssen Molly und Hannah auch noch in die doofe Dorfschule, wo alle Kinder ungeachtet ihres Alters von nur einer Lehrerin unterrichtet werden. Wenigstens kriegt Moll im Laden ihres Großvaters immer einen Tee und kann eines ihrer vielen Bücher lesen. Niemand kann es jedoch Hannah rechtmachen. Sie liest auch nie was.

Die Begegnung

Hannah will abhauen, Moll muss ihr folgen. Doch die Straßen in Northumberland können vor allem in Dörfern sehr dunkel sein. Nur der Mond beleuchtet ihren Weg, als Moll ihre Schwester plötzlich aus den Augen verliert und spät abends nach Hause zurückgehen muss. Da hört sie Schritte, Reiter und das Hallen eines Horns und Hundegebell. Die Wilde Jagd ist unterwegs! Moll schließt die Augen, bis der Lärm verhallt ist. Als sie eine Böschung hinabrutscht, fangen starke Arme sie auf. Der Mann, hinter dem die Jäger her waren, beruhigt sie.

Sie sieht, wie jung er ist. Entsetzt starrt sie auf seine blutenden Wunden, da er weder Hemd noch Schuhe trägt. Er rät ihr, nach Hause zu gehen. Sie entgegnet, ihre Mom sei tot. Er warnt sie vor der Wilden Jagd, und Moll stolpert benommen zum Haus ihrer Großeltern. Sie erzählt alles ihrer Oma, die sie tröstet. Doch wo war Hannah, die auf sie achtgeben sollte, die ganze Zeit? Moll fühlt sich von ihr verraten.

Das Abbild

Auf einem Schulausflug der Schule erblickt Moll in der alten Dorfkirche eine Statue, deren Gesicht ihr bekannt vorkommt: So sah der Mann in der vergangenen Nacht aus. Miss Shelley erklärt ihr, dies sei der Grüne Mann. Er sei das Symbol für Wiedergeburt und finde sich deshalb sogar auf manchen Grabplatten abgebildet. Es sei ein uralter Gott, der jeden Winter sterbe und im Jrühjahr wiedergeboren werde. Diese Vorstellung findet Moll grässlich. Man sollte was dagegen tun.

Wiedersehen

Als Moll später an den Ort ihrer Begegnung zurückkehrt, folgt sie einer Blutspur. Über Zäune und durch Gatter gelangt sie zu einer baufälligen Scheune, die zunächst leer zu sein scheint. Doch dann hört sie ihn: „Ich bin hier.“ Er sieht genauso schlimm aus wie gestern, doch er behauptet, es gehe ihm gut und er brauche nichts. Kaum sieht sie einmal nicht hin, ist er verschwunden. Und als sie Hannah den Grünen Mann zeigen will, ist er natürlich nicht zu erblicken. Hannah ist wütend und spottet. Molly verteidigt sich, ihre Mutter Diana, gestorben mit 39 im August, hätte ihr geglaubt. Sie wusste, dass die Welt ein seltsamer, wundervoller Ort ist.

Beim nächsten Besuch in der Scheune staunt sie: Ein Babybaum wächst neben dem grünen Mann, und Gras und Efeu wachsen da, sogar eine Glockenblume. Als sie diese nach Hause bringt, wundert sich Jack, der Gärtner: „Hm, eine Glockenblume im Oktober!“ Sie fragt ihn, ob er an Magie glaube. Er überlegt: „Ja, aber nur in Bäumen.“ Sie fragt sich, welche Wünsche ihr ein Gott wohl erfüllen würde.

Als am Samstag Dad zu Besuch, fragt sie ihn, ob sie nicht wieder bei ihm leben könne. Sie würde kochen und putzen und alles. Doch er winkt ab, dass dies nicht gutgehen würde. Ein Besuch beim Grünen Mann tröstet sie über die Zurückweisung hinweg. Sie hat eine ganze Fragenliste angefertigt. Der Baum wächst zu einer stattlichen Eiche heran, die dem Dach entgegenstrebt. Er selbst sieht jetzt älter aus. Seinen Namen weiß er nicht. Älter sei er als eine Eichel. Und ihm werde nie kalt. Na, toll.

Aber er sagt etwas Besorgniserregendes: „Der Stechpalmenkönig, mein Verfolger, wird stärker.“ Und er hustet schrecklich. Moll fragt ihn, ob er, als Gott der Wiedergeburt, auch ihre Mutter wieder lebendig machen könne. Er verschwindet. Miss Shelley sagt, der Stechpalmenkönig sei wieder Eichenkönig bzw. der Grüne Mann auch ein Gott. Er sei dessen Gegengewicht und herrsche im Herbst und Winter. Moll findet, dieser König sei böse. Und die Wilde Jagd? Von der gebe es verschiedene Geschichten.

Fortan gilt Molly Alice Brooke offiziell als plemplem. Denn sie ist die Einzige, die den Grünen Mann in der Scheune sehen kann. Aber noch ist das Jahr nicht zu Ende…

Mein Eindruck

Molly wird sogar von ihrem Dad verdächtigt, unerlaubten, ja unmoralischen Verkehr mit einem echten Mann zu haben, und schaltet die Polizei ein. In dieser komischen Episode wird natürlich kein Mann gefunden. Aber Dad ist wütend auf seine Großeltern, die angeblich die Kinder verkommen lassen. Unfreiwillig muss er sich um die Erziehung seiner Töchter kümmern, und das führt zu einer neuen, erfreulicheren Entwicklung. Es besteht also Hoffnung, dass die zwei Mädchen in die Stadt zurückkehren.

Aber wir wollen natürlich wissen, was aus dem Grünen Mann wird. Es ist völlig klar, dass er eine Einbildung Mollys ist, aber was, wenn es ihn tatsächlich gäbe? Für Molly macht es keinen Unterschied, und so stellt sie sich seinen Werdegang vor. Er kämpft im Winter mit seinem Widersacher, dem Stechpalmenkönig, wird alt unterliegt und verschwindet aus der Scheune. Doch zur Tagundnachtgleiche des Frühjahrs ist er wieder da, stark und heiter. Und er ist jetzt der Anführer der Wilden Jagd! Molly steigt auf sein feuriges Pferd, und zusammen jagen jetzt sie zur Abwechslung den Stechpalmenkönig…

Heilender Mythos

Diese Einbindung des Mythos in Mollys subjektives Erleben – alles wird im unmittelbaren Präsens erzählt – kann nur funktionieren, weil wir wissen, dass Molly sehr viel liest und sich deshalb gern in ihre fiktiven Welten verliert. Dort endet alles immer mit einem Happyend und alles hat seine Ordnung, begründet sie ihre Einstellung. Doch im Hinblick auf den Grünen Mann, der ein weitverbreiteter britischer Mythos ist, wird Molly enttäuscht: Er muss erst sterben, um im Frühjahr wiedergeboren zu werden. Man sollte etwas dagegen unternehmen, findet Moll. Denn er ist der einzige Mensch, der sie in ihrer Trauer getröstet hat, so wie es ein richtiger Vater tun sollte.

Der Auslöser für diese Phantasie ist der Tod von Mollys Mutter. Sie liebte ihre Mom Diana Elwanor Brooke sehr, und der Tod kam sehr plötzlich durch ein Aneurysma, also eine Art Gehirnschlag, als Diana gerade mal 39 Jahre alt war. So etwas ist ein enormer Schock für die junge Molly, doch die ältere Hannah reagiert völlig anders: mit Wut auf die Ungerechtigkeit der Welt. Interessanterweise sind es gleichermaßen Hannahs Wutausbrüche wie auch Mollys vermeintliches Fremdgehen mit einem Mann, die ihren Daddy dazu bringen, sich besser um sie zu kümmern.

Die eigentliche Lehre des Mythos besteht darin, dass er zwei Seiten hat. Der grüne Mann, den wir im Herbst zusammen mit Molly bedauern, weil unter dem Angriff des Stechpalmenkönigs sterben muss, ist der gleiche, der im Frühjahr wieder jung auftaucht und nun seinerseits den Stechpalmenkönig erbarmungslos als Anführer der Wilden Jagd verfolgt.

Ewiger Kreislauf

Offensichtlich lässt sich nicht sagen, dieser sei gut und jener sei böse, wenn sich doch ihre Rollen Jahr für Jahr immer wieder umkehren. Molly ist ebenso verwirrt wie wir. Und das ist der Sinn der Sache. Wir können nicht sagen, dass Mom Dianas Tod schlecht oder gut war, denn allein schon diese Kategorisierung ist gegenüber einer Naturgewalt – mythologisiert als Grüner Mann – unsinnig. Daher ist auch nicht sinnvoll, ewig zu trauern. Denn Werden und Vergehen entsprechen dem Lauf der Dinge, der dem ewigen Kreislauf (festgehalten im Mythos) gehorcht.

Der Mythos, den die Autorin in ihre Geschichte gewoben hat, ist nur notwendig, weil er eine Geschichte darstellt, die selbst kleine Kinder verstehen können, und für sie eine wichtige Lehre bereithält. Je einfacher ein Mythos, desto beständiger ist er. So wie der vom Garten Eden und einem Goldenen Zeitalter der Unschuld. So etwas hat es ja auch nie gegeben.

Die Sprecherin

Ulrike Claudia Tscharre hat eine sehr flexible und ausdrucksstarke Stimme, der man sofort anmerkt, dass sie einer Schauspielerin gehört. Hannah spricht ganz anders als die sanfte Molly, nämlich energisch und vielfach wütend. Wenn ein Mann wie Jack spricht, senkt sie ihre Tonhöhe stark ab. Sprechen die Schulkinder, gibt es immer was zu lachen.

Sie kann auch ihr Sprechtempo unvermittelt steigern oder verlangsamen, stockend oder gar im Stakkato hetzend – das ist spannend. Mit Hilfe eines Filters klingt ihre Stimme verzerrt wie durch ein altes Telefon. Kurzum: Dieser Vortrag erweckt die Geschichte und ihre Figuren zum Leben.

Die Musik

Die Musikbeiträge bilden einen wesentliche Bestandteile des Hörbuchs. Sie füllen die Pausen zwischen Szenen, erklingen aber manchmal auch im Hintergrund des Vortrags. Die Beiträge bestehen meist aus schottischen, irischen und nordenglischen Volksmusikstücken. Im Booklet sind folgende Stücke aufgeführt:

– „John Barleycorn must die“ (englisch)
– „Sally Gardens“ (irisch)
– „The Trees They Grow So High“ (englisch)
– „The Harvest Home“ (Hornpipes, irisch)
– „Molly Brannigan“ (irisch)
– „Annie Laurie“ (schottisch)
– „Bonnie At Morn“ (schottisch)
– „Peggy Gordon“ (schottisch)
– „In the Bleak Midwinter“ von Gustav Holst (1974-1934)
– „O Little Town of Bethlehem“ von Lewis H. Redner (1831-1908)

Die Musik erklingt in der Regel zwischen den Szenen des Hörspiels. Vielfach ist die Wirkung erleichternd, weil sie so heiter und beschwingt ist, manchmal aber auch besinnlich und ruhig. Als integraler Bestandteil des Hörbuchs ergänzt sie den Vortrag ideal, quasi komplementär, aber auch kontrastiv.

Unterm Strich

Wer nun meint, nur weil es um die Verarbeitung eines Todesfalls gehe, müsse die Geschichte ebenfalls todtraurig und melancholisch sein, der irrt gewaltig. Denn Molly und Hannah müssen sich mit vielen neuen Dingen auseinandersetzen und gewinnen Freunde in der Schule, die ihnen viel Spaß bereiten – oder sie total abnerven. Dazu bietet die Geschichte viele lustige Szenen, vor allem wenn sie das Thema des Grünen Mannes ironisch durch die Brille der zynischen Vernunft beleuchten.

So bilden Humor, Phantasie, Musik und Mythos ein unterhaltsames und lehrreiches Gewebe aus vielerlei Themen. Man sollte allerdings ein wenig Aufgeschlossenheit gegenüber alten geschichten und Phantasie aufbringen, sicherlich auch gegenüber britischer Folk Music – die im Übrigen ausgezeichnet dazu passt. Am Schluss ist Moll gewachsen, körperlich wie auch seelisch, und wir begleiten sie bei diesem Prozess und ihrer seelischen Reifung.

Das Hörbuch

Die als Schauspielerin ausgebildete Sprecherin erweckt die Figuren zum Leben und kann ebenso gut dynamische Szenen schaffen, die den Hörer in ihren Bann schlagen. Soe muss ein Vortrag sein. Die ideale Ergänzung bildet die Musik. Sie besteht vielfach aus nordenglischen (dem Schauplatz der Handlung), schottischen und irischen Volksweisen, ergänzt durch zwei weitere Stücke.

Im Lied „John Barleycorn Must Die“ steckt eine weitere Verkörperung des Grünen Mannes. Es gibt unzählige Aufnahmen davon, doch diejenige, die die Gruppe Traffic (mit Steve Winwood als Sänger) in den Siebzigern aufnahm, ist eine der besten und längsten.

4 Audio-CDs mit 233 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Season of Secrets
Aus dem Englischen übersetzt von Birgitt Kollmann
ISBN-13: 978-3893533381

http://www.oetinger.de

_Sally Nicholls bei |Buchwurm.info|:_
[„Wie man unsterblich wird – Jede Minute zählt“ (Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6118

Franz Fühmann – Prometheus. Griechische Sagen (Hörspiel)

Prometheus‘ Geheimnis: das Experiment Mensch

Das Hörspiel des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aus dem Jahr 2001 beruht auf den zwei Romanen „Prometheus. Die Titanenschlacht“ und „Prometheus. Die Zeugung“ des DDR-Autors Franz Fühmann (siehe unten).

Fühmann, schon immer ein Freund der literarischen Gattung Mythos, verarbeitet die ältesten griechischen Sagen über die Entstehung von Himmel und Erde, die Titanen, ihre Niederlage gegen die (neuen) Götter, das Schicksal des Prometheus und seine Erschaffung der Menschen. Wie es danach weiterging, muss man bei Gustav Schwab nachlesen, denn Fühmanns Romane blieben unvollendet.

Franz Fühmann – Prometheus. Griechische Sagen (Hörspiel) weiterlesen

Amélie Nothomb – Mit Staunen und Zittern (Lesung)

Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle bei einem japanischen Unternehmen angenommen. Als Dolmetscherin, so glaubte sie, doch sie wird wegen ungebeten guter Leistungen alsbald strafversetzt – in die Buchhaltung. Dort wird ihr ein Crashkurs in Sachen Hierarchie erteilt. Da wird ihr klar: Eine Frau, zumal eine Langnase aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. Amélies letzte Wirkungsstätte sind daher folgerichtig die Toiletten. Und an diesem Örtchen verbringt sie die lustigste Zeit ihres Lebens.

Die Autorin

Amélie Nothomb – Mit Staunen und Zittern (Lesung) weiterlesen

King, Stephen – Brennen muss Salem (Lesung)

_Anti-Dracula: Vampire in Neuengland_

Ben Mears, ein mittelmäßiger Schriftsteller, kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt Salem’s Lot zurück. Er interessiert sich auffällig für das Marstenhaus, das als Spukhaus gilt und seit dem rätselhaften Tod seiner Bewohner im Jahr 1939 leer steht. Von diesem Haus geht eine unheimliche Kraft aus, und bald zeigt sich, wer in Salem’s Lot sein Unwesen treibt: ein Vampir. Ben Mears wagt es mit einigen Helfern, darunter einem alten Mann, einer jungen Frau und einem Jungen, den Kampf gegen die Macht des Bösen aufzunehmen. Doch dieses Wagnis kostet furchtbare Opfer …

Der Roman ist die amerikanische Antwort auf Bram Stokers Klassiker [„Dracula“. 3489

_Der Autor_

Stephen King, geboren 1947 in Portland, Maine, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, „Carrie“ (verfilmt), erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Büchern in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der |National Book Foundation| für sein Lebenswerk. (Verlagsinfo) Er lebt in Bangor, Maine, und Florida. Seine Erstleserin ist immer noch seine Frau und Schriftstellerkollegin Tabitha King. Inzwischen schreibt auch sein Sohn Joe Hill erfolgreich: „Blind“ ist bei |Heyne| erschienen.

Sein Hauptwerk, das zeigt sich immer deutlicher, ist der Zyklus um den dunklen Turm. Er besteht aus folgenden Bänden:

„Schwarz“ (ab 1978); „Drei“; „Tot“; „Glas“; „Wolfsmond“; „Susannah“; „Der Turm“ (2005).

_Stephen King bei |Buchwurm.info|_ (Auswahl):

[„Brennen muss Salem – Illustrierte Fassung“ 3027
[„Briefe aus Jerusalem“ 3714 (Audio)
[„Friedhof der Kuscheltiere“ 3007 (Audio)
[„Puls“ 2383
[„Trucks“ 2327 (Audio)
[„Colorado Kid“ 2090
[„The Green Mile“ 1857 (Audio)
[„Das Leben und das Schreiben“ 1655
[„Atemtechnik“ 1618 (Audio)
[„Todesmarsch“ 908
[„Der Turm“ 822 (Der Dunkle Turm VII)
[„Der Sturm des Jahrhunderts“ 535
[„Tommyknockers – Das Monstrum “ 461
[„Achterbahn“ 460
[„Danse Macabre – Die Welt des Horrors“ 454
[„Christine“ 453
[„Der Buick“ 438
[„Atlantis“ 322
[„Das Mädchen“ 115
[„Im Kabinett des Todes“ 85
[„Duddits – Dreamcatcher“ 45

_Der Sprecher_

Jürgen Kluckert hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ studiert und spielte Rollen im „Tatort“, bei „SOKO“ und „Liebling Kreuzberg“. Auch am Theater und als Synchronstimme, u. a. von Morgan Freeman, Nick Nolte, Robbie Coltrane und Chuck Norris, wurde er bekannt. 1994 übernahm er die Synchronisation von Benjamin Blümchen.

Kluckert liest die ungekürzte Romanfassung der Übersetzung von 1995. Die Aufnahme erfolgte in den dc-Tonstudios, NRW-Berlin, unter der Regie von Kati Schaefer. Die Musik stammt von Dennis Kassel und Dicky Hank, die Aufnahmeleitung oblag Klaus Trapp.

_Handlung_

Als Ben Mears in sein Heimatstädtchen Jerusalem’s Lot zurückkehrt, lernt er die junge Frau Susan Porter kennen. Sie wiederum erkennt den Autor vom Umschlag seiner Bücher wieder, die sie in der Ortsbücherei ausgeliehen hat. Was er ihr verschweigt: Eigentlich wollte er es in der Großstadt zu etwas bringen, aber der Tod seiner Frau Miranda bei einem Motorradunglück hat ihn aus der Bahn geworfen.

Nun will er sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen und ein neues Buch darüber schreiben. Erst wenn er wieder mit sich im Reinen ist, so hofft er, kann er einen Neuanfang wagen. Und für diesen Exorzismus muss er noch einmal in das Marstenhaus zurück. Dieser alte Kasten thront auf einem Hügel über der Stadt wie ein dunkler Gott. Als er einmal bei einer Mutprobe in das Haus ging, stieß er auf die von der Decke baumelnde Leiche des bereits 1939 gestorbenen Besitzers Hubert Marsten. Er hatte sich erhängt, nachdem er seine Frau erschossen hatte. Hatte sich Ben dieses Erlebnis nur eingebildet oder war es real? Um dies herauszufinden, muss Ben noch einmal in das verfluchte Haus gehen. Da sieht er zu seinem Erstaunen ein Auto davor stehen.

Beim lokalen Immobilienmakler will er das Haus mieten, muss jedoch erfahren, dass es bereits verkauft wurde, an einen Mann namens Straker und seinen Partner, einen gewissen Mr. Barlow. Straker eröffnet einen Antiquitätenladen in der Hauptstraße. Ben ist enttäuscht, doch die freundliche Zuneigung Susans muntert ihn wieder auf. Sie stellt ihn ihren Eltern vor, doch die sind überrascht. Ist Susan denn nicht mehr die Verlobte von Floyd Tibbits? Susan sagt nein, doch Floyd scheint noch nichts davon zu wissen. Das dürfte Ärger geben, und Susans Mutter lehnt Ben, diesen „windigen Schreiberling anrüchiger Romane“, von vornherein ab.

Noch ahnt keiner außer einem Totengräber, dass ein Hund tot aufgefunden wurde. Er wurde an das schmiedeeiserne Tor des Friedhofs gehängt. In der folgenden Nacht wird einer der beiden Jungen der Glicks vermisst. Ralph war mit seinem Bruder Danny auf dem Weg durch den Wald, um Mark Petries Monstersammlung zu bewundern, als etwas im Wald sie angriff. Aber was war es? Als Danny ohne seinen Bruder wieder auftaucht, ist er schwer verletzt und steht unter Schock.

Ben Mears beteiligt sich sofort an der Suche nach Ralph, die jedoch ergebnislos verläuft. Der Arzt Jimmy Cody stellt bei Danny Glick mit Verwunderung hochgradige Anämie fest und bemerkt die kleinen Bisswunden an Dannys Hals nicht. Vielleicht hält er sie für Abschürfungen. Am nächsten Tag muss er bestürzt Dannys Tod feststellen. Als Ben davon erfährt, kommt ihm die Häufung dieser Fälle, die noch nicht als Verbrechen erkennbar sind, als nicht ganz zufällig vor. Er bringt sie gefühlsmäßig in Zusammenhang mit dem Auftauchen von Straker und Barlow im Marstenhaus. Da liegt er goldrichtig.

Noch ahnen er und Susan nichts von der wahren Natur der Gefahr, doch der Schatten des Verhängnisses macht sich bemerkbar, als der Totengräber, der den Hund fand, Danny Glicks Sarg öffnet und die Leiche darin die Augen aufschlägt und ihn hypnotisiert. Den Biss in den Hals spürt Mike Ryerson kaum noch …

_Mein Eindruck_

Anders als sein Romandebüt „Carrie“ erreicht Kings Vampirroman „Brennen muss Salem“ (1975) ein klassisches Niveau, auf dem es seine Aufgabe als moderne, amerikanische Antwort auf Stokers „Dracula“ (1897) erfüllen kann. Selbstredend kannte King das britische Vorbild und hat es immer wieder gelesen, wie er im Vorwort zur Ausgabe von 1999 schreibt. Kings Roman beschreibt das gleiche Gefühl einer Invasion durch etwas Falsches, zieht die Geschichte aber völlig anders auf.

|Anti-Dracula|

Während Stoker seinen Grafen die Invasion Britanniens aus den Gräbern heraus vorantreiben lässt, quasi als Rache der Toten, so beginnt Kings Roman völlig im Normalen, nämlich in der typischen neuenglischen Kleinstadt – mit einem Unterschied: Das Marsten-Haus ist wieder bewohnt. Die Invasion hat bereits begonnen, doch es vergeht mindestens ein Drittel des Buches, bis sie als solche erahnt, benannt, erörtert wird, und noch einmal ein Drittel, bis sie auch bekämpft wird. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf, zumal in der Kleinstadt, wo jeder jeden kennt.

Lieber halten sich die Einwohner an den zurückgekehrten Neuling Ben Mears und nennen ihn einen Eindringling, der weiß Gott was im Schilde führt. Man bekämpft lieber den Teufel, den man kennt (pfui, ein Schriftsteller!) als einen Teufel, von dem man noch gar nicht zugeben will, dass er vielleicht existieren könnte. Bis es dann schließlich zu spät ist.

|Invasion|

Die perfide Invasion geht mit überraschender Leichtigkeit vonstatten. Zum einen hat der Tod keine Macht mehr über die vom Obervampir infizierten Opfer. Diese wiederum infizieren ihre Nächsten: Freunde, Eltern, Geschwister, Geliebte. Die Invasion weist die Charakteristika einer Epidemie auf. Doch die Überträger müssen, ähnlich wie Elfen und anderes Zaubervolk, willkommen geheißen und ins Haus gebeten werden. Das setzt die Bekanntheit, ja Vertrautheit mit dem Überträger voraus. Auf diesem Infektionsweg ist es gerade die private und intime Mitmenschlichkeit, die den Opfern den Garaus macht und schließlich zum Untergang der Stadt führt. (Auch „The Stand – Das letzte Gefecht“ beginnt mit einer Seuche …) Auch Ben Mears wird dadurch zur Zielscheibe.

Ben Mears blickt schon frühzeitig durch, weil in ihm das Misstrauen gegen das Marsten-Haus tief sitzt: Er hat dort einmal ein Horrorerlebnis gehabt, als er noch ein Junge war. Aber er weiß auch aus seiner Lektüre, was ein Vampir ist, was er tut und womit man ihn bekämpft. In diesem Wissen wird er durch den Lehrer und durch den Pfarrer unterstützt. Nur das richtige Wissen über den Feind kann zum Sieg über ihn führen, das wusste schon Sun Tzu im alten China. Allerdings gibt es etwas, was Ben Mears und seine Mitstreiter brauchen, das ihnen in ganz Neuengland nur eine einzige Institution geben kann: die katholische Kirche.

|Segen von oben|

Diese Bedingung kam für mich doch etwas überraschend. In „Dracula“ begnügen sich die wackeren Vampirjäger um Prof. Van Helsing mit Eichenpflöcken, silbernen Kruzifixen und allerlei frommen Sprüchen, aber keiner braucht den Segen der Mutter Kirche. Ganz anders in Salem’s Lot: Hier müssen die Vampirjäger – Mears, Cody, Mark Petrie – in Pater Callahans Kirche erst die Beichte ablegen und um Vergebung ihrer Sünden bitten, bevor der Pater sie segnen kann und ihnen Weihwasser etc. mitgibt.

Was hat dies zu bedeuten? Nun, ganz offensichtlich geht es darum, einen Exorzismus auszuführen, und den kann man nicht erfolgreich durchziehen, wenn das eigene Gewissen nicht absolut rein und gesegnet ist. Denn die schwarzen Flecken auf der Seele würde der Widersacher als Erstes aufs Korn nehmen, in der Erwartung, dass sich sein Opfer vor Schuldgefühlen windet, wodurch es eine leichte Zielscheibe wird. Der Widersacher, in diesem Falle Barlow, ist ein uraltes Wesen aus den Tiefen der Zeit und nimmt keine Rücksicht auf irgendwelche amerikanischen Gernegroß-Vampirjäger. Es erlebt jedoch eine Überraschung nach der anderen. Katholisch gesegnete Amerikaner haben eben doch einiges an Artillerie vorzuweisen …

|Exorzist|

Man sollte bedenken, dass nur fünf Jahre vor „Brennen muss Salem“ „Der Exorzist“ veröffentlicht wurde und dessen Verfilmung durch William Friedkin alle Besucherrekorde schlug. Von diesem Film könnte sich King ein paar Tipps hinsichtlich eines ordentlichen Exorzismus‘ abgeschaut haben. Und wie dort muss auch in „Brennen muss Salem“ der Priester einen hohen Preis bezahlen.

|Bewährtes Muster|

An diesem frühen Roman lässt sich schon das Strickmuster vieler späterer Bestseller Kings ablesen, wie etwa „Tommyknockers“ und „ES“. Es ist die detailliert geschilderte Kleinstadt mit ihrem engmaschigen Netz aus Beziehungen und Abhängigkeiten, die der Autor einer plötzlichen, fremdartigen Bedrohung aussetzt. Das Übernatürliche wird häufig mit einem bestimmten Ort, etwa wie in „das Haus Usher“, verbunden und lässt sich dort am besten bekämpfen. Die Kämpfer sind ganz unterschiedlich, ebenso wie ihre Methoden und ihr Glaubenssystem. Denn ohne Glaube, Liebe und Hoffnung – in dieser Dreieinigkeit – ist der Kampf von vornherein verloren.

|Der Sprecher|

Tobias Kluckert ist ein vielseitiger und sehr erfahrener Sprecher, der Morgan Freeman, Chuck Norris und Nick Nolte seine Stimme geliehen hat. Insbesondere Freeman und Nolte sind mir als Charakterdarsteller bekannt, und besonders Freeman ist eine hohe Integrität zu eigen. Diese Integrität kommt wiederum dem Erzähler der Geschichte von Salem’s Lot zugute, denn sie verleiht ihm eine Glaubwürdigkeit und Autorität, die für die Präsentation eines so ungeheuren Geschehens wie dem Kampf gegen einen uralten Vampir notwendig ist.

Kluckert gelingt es, die Emotionalität einer Szene ebenso wiederzugeben wie eine Figur genau zu charakterisieren. Sein Sheriff Gillespie spricht behäbig und sehr tief, ganz im Gegensatz zu dem agilen Ben Mears. Die Frauenfiguren wie Susan und Ann Porter haben allgemein eine höhere Tonlage und eine sanftere Sprechweise, genau wie Mark Petrie, der ja erst zwölf Jahre ist. Im finalen Showdown muss Mark unglaublich mutige (oder verzweifelte) Taten vollbringen, und wenn er mal spricht, klingt er häufig ängstlich und leise.

Man darf nun aber nicht meinen, dass alle Figuren leise reden, im Gegenteil. Bens Konfrontation mit dem Vampir ist recht lautstark, und die entsprechenden Rufe der beiden Kontrahenten lässt der Sprecher klar und deutlich aus den Lautsprecherboxen klingen. (Natürlich nicht so laut, dass das Trommelfell des Hörers geschädigt wird.)

Nur mit Kluckerts Aussprache mancher amerikanischer Namen bin ich nicht ganz einverstanden. Er spricht den Namen des Polizisten Parker Gillespie [gilspi] statt wie üblich [gi’léspi] aus, analog zu dem Namen des bekannten Jazzmusikers. Den Namen der Familie Dougall hätte ich [du:gl] statt [dagl] ausgesprochen, in der Hoffnung, dass mir ein nativer Sprecher Recht gibt. Aber dies sind offensichtlich Einzelfälle, über die es sich nicht zu streiten lohnt.

Geräusche hat die Lesung nicht vorzuweisen, und auch keine Hintergrundmusik, dafür jedoch ein In- und ein Outro, das dem düsteren Thema der Geschichte angemessen ist.

_Die Übersetzung_

… stammt von Peter Robert und ist die erste vollständige deutsche Version des Originals. Zuvor veröffentlichten der |Zsolnay|- (Hardcover) und der |Heyne|-Verlag (Taschenbuch) eine gekürzte Übersetzung, die Ilse Winger und Christoph Wagner im Jahr 1979 angefertigt hatten. Ich habe diese alte Version mit dem Original verglichen und zahlreiche Kürzungen vorgefunden, so dass diese Fassung in keiner Weise den Absichten des Autors entsprochen haben dürfte.

Erst Peter Robert hat eine gültige Übertragung angefertigt. Zum Glück folgt die Lesung Kluckerts dieser Fassung. Die enthält sämtliche Motti, darunter zahlreiche Gedichte des griechischen Lyrikers Georgios Seferis (dessen Namen Kluckert sogar korrekt ausspricht!), aber auch ein in den USA bekanntes Gedicht von Wallace Stevens. Dessen Titel „The emperor of ice cream“ leiht dem mittleren Teil des Roman seinen Titel.

In solchen Motti macht sich bemerkbar, dass King kein Groschenschreiberling ist, sondern ein gebildeter Englischlehrer, der erzählen kann. Den Ritterschlag zum ernsthaften Schriftsteller erhielt er erst vor wenigen Jahren – was sofort einen Aufschrei empörter Kritiker zur Folge hatte.

|Statt eines Booklets|

… sind die Hüllen der CDs mit Informationen bedruckt, die über die Biografie des Autors, sein Werk und über den Sprecher eingehend Auskunft geben. Selbst ein King-Fan findet in dieser Biografie noch interessante Details, so etwa die, dass er seinen verfilmten Bestseller „Carrie“ (1974) bereits in die Mülltonne geworfen hatte, weil er das Manuskript zu schlecht fand, bevor seine Frau Tabitha es wieder herausfischte und ihn dazu brachte, das Buch weiterzuschreiben. Für die Filmrechte bekam King seinen ersten dicken Scheck: 400.000 Dollar …

_Unterm Strich_

„Brennen muss Salem“ wurde 1979 fürs Fernsehen verfilmt, der Streifen wird aber nur selten gezeigt. Das liegt sicherlich zum einen daran, dass das Thema Vampire von King nicht gerade originell behandelt wurde, aber auch daran, dass die Darstellung unbedingt die breite Leinwand des Romans benötigt, um funktionieren zu können.

Erst durchs literarische Erzählen vieler winziger Details und der Überlagerung von Erzählsträngen und Zeitebenen macht der Roman dem Leser sinnfällig, dass die neuen Besitzer des Marstenhauses keine gewöhnlichen Besucher sind, sondern innerhalb der räumlichen und zeitlichen Existenz der Stadt Jerusalem’s Lot eine Anomalie und Invasion darstellen, die ihr Fortbestehen bedroht.

Doch so wie sich ein Organismus gegen eine Infektion wehren muss, so gibt es auch in Jerusalem’s Lot Elemente, die die Invasion der Vampire bekämpfen, solche, die sich ihr beugen, und solche, die keine Ahnung haben. Natürlich gibt es auch feindliche Übernahmen, so etwa im Fall von Susan Porter. Wenn sie ihren Geliebten Ben Mears in die Reihen der Vampire einreihen möchte, so kommt es zu einem tiefgreifenden emotionalen Konflikt seitens Ben. Er muss sich fragen, was der Untod für ihn bedeuten würde – ewiges Leben an Susans Seite und / oder ewige Verdammnis? Was würde der echte Tod für Susan bedeuten – ewiges Nichtleben, aber dafür Erlösung?

Der Showdown zwischen Ben und dem Obervampir läuft in mittlerweile klassisch gewordener Manier ab, aber nicht ganz so, wie man es aus „Dracula“ kennt. Die ungekürzte Version, die hier wiedergegeben wird, enthält einen zusammengehörigen Pro- und einen Epilog, der die Hauptgeschichte wie einen Rahmen umgibt und das weitere Schicksal Ben Mears‘ und Mark Petries in knappen Worten erzählt.

|Das Hörbuch|

Tobias Kluckert ist als deutsche Stimme von Morgan Freeman und anderen jedem Filmfreund ein Begriff, zumindest in akustischer Hinsicht, und kann seine Stimme mit Integrität und Autorität, aber auch Warmherzigkeit verbinden. Diese seltene Kombination kommt der Präsentation eines so ungeheuren Geschehens wie einer Vampirinvasion sehr zugute. Kluckert kann nicht nur ruhig erzählen, sondern auch Figuren individuell gestalten und Szenen mit einer angemessenen Stimmung schildern. Nur mit seiner Aussprache von zwei amerikanischen Namen bin ich nicht ganz einverstanden.

Fazit: Volle Punktwertung für diese Produktion.

|Originaltitel: Salem’s Lot, 1975
Aus dem US-Englischen übersetzt von Peter Robert
1237 Minuten auf 17 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

Ingrid Noll – Stich für Stich. Erzählungen (Lesung)

Der Noll-Faktor: spannend, kurios, amüsant, makaber

Das Hörbuch umfasst fünf „schlimme“ Geschichten, die entgegen der Erwartung, die man an Noll-Storys hat, nicht immer mit dem Ableben eines Beteiligten enden. Fünf Protagonisten – eine Domina, eine virtuose Stickerin, eine blonde Krankenschwester, die alle Klischees erfüllt, die Ehefrau eines passionierten Anglers, die verheiratete Ärztin mit der Hundedame. Fünf überraschende Wendungen – auch wenn man „seine“ Ingrid Noll schon kennt.

Die Autorin

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Selige Witwen
– Die Sekretärin
– Der Hahn ist tot

Die Sprecherin

Ursula Illert, 1946 in der Nähe von Frankfurt/M. geboren und aufgewachsen, ist eine Schauspielerin mit Erfahrung bei Theater, Funk und Fernsehen. Als passionierte Sprecherin hat sie für |Steinbach Sprechende Bücher| bereits zahlreiche Hörbücher gelesen. Ihre Begeisterung gilt Lesungen mit musikalischer Begleitung vor Publikum.

Handlung der 5 Erzählungen

1) Ein milder Stern herniederlacht

Eine Domina setzt sich mit 37 zur Reihe und verkauft all ihre Accessoires und Möbel – für ihre „Sklaven“ eine echte Überraschung. Drei Wochen später ist sie mit Oliver verheiratet, der sich schon auf das gemeinsame Kind freut. Mit dem drögen, anstrengenden Leben als Hausmütterchen werde sie schon zurechtkommen. Denkt sie. Denn Oliver weiß natürlich nichts von ihrem anrüchigen Vorleben.

Just im schönsten Moment in ihrem neuen Leben, beim Abendessen zu Weihnachten, klingelt es an der Tür und eine Gestalt der Vergangenheit verlangt ihr Recht: Georg, der Bankier, ist einer ihrer früheren „Sklaven“ und hat wegen Urlaub noch nicht mitgekriegt, dass sie aus dem Gewerbe ausgestiegen ist. Er verlangt hartnäckig sein Recht auf eine fachgerechte Demütigung.

Da die Ex-Domina nicht mit der Wahrheit über Gregors Verhältnis zu ihr herausplatzen kann, dauert es eine ganze Weile, bis Oliver die Sache endlich kapiert. Dann jedoch handelt er konsequent: Georg wird angekettet und darf den Abwasch machen. Ein weiterer „Sklave“ muss mit Demütigung versorgt werden: Er darf das Auto blitzblank schrubben. Schon bald finden sich jede Menge Haushaltsarbeiten, die es zu erledigen gilt, und der Haushalt ist endlich auf Vordermann gebracht.

Es gibt nur ein winziges Problem: Wie erklärt man den Familien der Sklaven ihr allzu langes Fernbleiben vom trauten Weihnachtsabendfeiern? Geniale Idee: Man inszeniert einen Frontalzusammenstoß der Autos, so dass man auch noch die Versicherung abzocken kann. Bei diesem im Schnee inszenierten Manöver geht leider etwas mächtig schief …

2) Stich für Stich

Das Geschlecht der Person, die ihre Geschichte erzählt, bleibt bis zuletzt unklar, denn darin besteht ja der Clou. Die Person liebt es schon seit ihrem 17. Lebensjahr zu sticken. Damals lag sie lange Zeit mit Hepatitis im Bett und musste ruhen. Ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei und fortan stickte sie, was der Faden hergab: Deckchen, Brieftaschen, eine komplette Gemäldegalerie klassischer Meister.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, da die Person bei einem Schwächeanfall im Supermarkt umkippt und ihr der Arzt eine Kneipp-Kur in Bad Wörishofen verordnet. Gesagt, getan. Man findet einen Kurschatten, eine echte Freundin: Gunda Mortensen. Nach dem Abschied setzt ein Briefwechsel die Freundschaft fort.

Der freudige Tag naht, da Gunda unsere Hauptfigur in ihren eigenen vier Wänden besuchen wird, wo auf sie eine handfeste Überraschung wartet. Nein, die Stickereien habe keineswegs die werte Frau Mutter gefertigt, sondern seien alle selbstgemacht. Langes Schweigen. Danach kommt Gunda nie wieder … Schade, ein solches Talent links liegen zu lassen.

3) Die blaurote Luftmatratze

In der Privatklinik für psychosomatische Krankheiten hat sich eine Krankenschwester – nennen wir sie Isolde – in einen besonderen Patienten verliebt, den sie gerne Tristan nennt. Wie sie steht er auf altmodische Luftmatratzen, denn darauf liegt er gerne im schönen Park der Klinik. Sie nennt ihn aber auch den „Schlangenmenschen“, denn er sagt, er habe eine Phobie vor Schlangen. Sie fragt ihn, wie es dazu gekommen sei. Ach, das sei nur ein Vorwand, um in Ruhe gelassen zu werden, meint er.

Mit 24 sei er Privatdetektiv geworden und wurde von der deutschen Textilindustrie damit beauftragt, die Herkunft von besonders schönen Pullovern etc. festzustellen, die zu Dumpingpreisen angeboten wurden. Folglich blieben die deutschen Fabrikanten auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Er flog nach Hongkong und entdeckte eine Spur, die ins Innere Asiens führte. Er versteckte sich auf einem LKW und fuhr dort zwei Wochen lang mit, denn obwohl ihn die Fahrer entdeckten, blieben sie freundlich. Und so gelangte er in eine tropische Region, in der eine versteckte Anlage von Männern in weißen Kitteln geleitet wurde. Lügen erwies sich als zwecklos, daher rückte er mit der Wahrheit heraus.

Statt ihn wegzuschicken, weil er spionierte, zeigten ihm die Männer voller Stolz ihre Anlage. Aber wo kamen die fabulösen Strickwaren her? Nirgendwo waren Strickmaschinen zu sehen. Da wies einer der Forscher ins Zentrum der weitläufigen Anlage, wo mehrere große Bäume standen. Und in den Bäumen befanden sich große Schlangen. Und jede Schlange strickte, was das Zeug hielt: Pullover, Westen, Schals, in allen Farben. Ja, er durfte sich sogar einen eigenen Pulloverentwurf wünschen.

Der Oberarzt glaubt natürlich kein Wort von diesem Garn. Professor Higgins wird von den gespannt lauschenden Patienten indigniert weggeschickt. Doch in der folgenden Nacht will Schwester Isolde die Wahrheit über den „Schlangenmenschen“ herausfinden und schleicht sich zu seiner Tür …

4) Fisherman’s Friend

Als sie 17, dumm und noch unschuldig war, lernte sie bei einer Fischerparty Eugen kennen, heiratete ihn mit 18 und wurde mit 19 Mutter von Jonas. Als Ladenbesitzer konnte ihr Eugen, der mittlerweile auf die 40 zuging, zwar ein Leben in Wohlstand bieten, doch sie erfuhr mit dem passionierten Angler weder Freude noch Liebe.

Da ist Uli schon ein ganz anderer Typ. Der Textilingenieur ist jung, gut aussehend und lustig. Sie verliebt sich sofort in ihn und hat eine Affäre. Sie überlegt, dass sie mit Eugens Erbschaft ziemlich angenehm mit Uli leben könnte. Ihren zielstrebigen Plan setzt sie in mehreren Phasen um, an deren Ziel sie und Uli Eugens Unfalltod beschließen. So weit, so gut. Doch der Plan sieht nicht vor, dass Uli und Eugen gute Kumpels werden und gemeinsam Angeln gehen!

Wütend und frustriert greift sie zur Selbsthilfe. Das unverdächtige Mordinstrument: selbstgemachte Frikadellen aus Fischpaste, in die sie ein paar Gräten platziert. Das funktioniert auch ganz hervorragend, allerdings mit einem ganz anderen Opfer als vorgesehen. Nach dem nächsten Angelwochenende berichtet die Zeitung von einem tot am See aufgefundenen Förster …

Monate vergehen, niemand wird festgenommen, doch die Affäre mit Uli endet. Da ruft die Witwe des Försters an und bittet um ein Treffen. Au weia, der Fluch der bösen Tat, denkt unsere Heldin und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu ihrer Verwunderung bedankt sich jedoch Adelheid herzlich für die Tat. Sie erklärt, wie sie die Wahrheit herausgefunden habe und dass sie nun herrlich von der Erbschaft leben könne. Ob sie sich nicht erkenntlich zeigen könne?

Der Plan ist ganz einfach. Und tatsächlich hat Eugen diesmal keine Chance, der Falle zu entgehen.

5) Der gelbe Macho

Sie ist eine gefühl- und fantasievolle Ärztin, ihr Mann Oswald ein eher prosaischer Typ. Sie holt aus dem Tierheim einen Hund, der sehr anhänglich wird und sich als sehr klug erweist: Klara. Über ihre Spaziergänge lernt die Ärztin einen anderen Hundehalter kennen: Der junge Jens hat einen gelben Hund namens Macho. „Macho ist spanisch und bedeutet männliches Tier“, erklärt er. Macho und Klara werden unzertrennliche Freunde. Zwischen der Ärztin und Jens klappt es nicht gleich, denn erstens ist sie verheiratet, und zweitens hat er eine Freundin.

Aber sie merkt bald, dass sie Jens liebt, und die schlaue Klara merkt das auch. Sie beißt ihr Herrchen Oswald und gehorcht ihm nur noch widerwillig. Bei einer Abi-Party tanzt die Ärztin wild mit Jens und küsst ihn. Welch ein feinfühliger Mann: Er will nach dem Abi Psychologie studieren. Nachts darf Klara ins Bettchen von Frauchen, und Oswald muss im Arbeitszimmer schlafen.

Danach nimmt die Natur unaufhaltsam ihren Lauf. Klara wird läufig, und Macho muss weggesperrt werden. Doch während eines Schäferstündchens mit Jens vergeht die Zeit wie im Flug, und wer denkt da schon an die Hunde? Das Ergebnis der doppelten Liebesnacht ist schon nach wenigen Monaten zu besichtigen: Mischlinge.

Mein Eindruck

Im Grunde folgt nur eine einzige dieser fünf Erzählungen dem klassischen Muster, dass dem Schicksal „nachgeholfen“ und ein Mann geopfert wird – aber dies natürlich in unnachahmlicher Noll-Manier. Die anderen Geschichten fallen ziemlich aus diesem Rahmen und lassen sich wohl eher unter der Bezeichnung „ironisch erzählte Kuriosa“ zusammenfassen.

Unter diesen vier Geschichten hat mir jene mit den spinnenden und strickenden Schlangen auf den Bäumen am besten gefallen. Sie ist so wunderbar schrullig und doch unglaublich detailreich ausgeschmückt. Natürlich ist kein Wort davon wahr, würde jetzt Prof. Higgins wie in „My Fair Lady“ knurren. Aber hat das jemals passionierte Geschichtenerzähler und -lauscher gestört? Natürlich nicht. (Übrigens scheint dies eine der Storys zu sein, die seinerzeit für die „Süddeutsche Zeitung“ über „Die blaurote Matratze“ geschrieben wurden.)

Es ist ein wenig auffällig, welch eine bedeutende Rolle Erotik in diesen Storys spielt. Dass eine Ex-Domina ihre Ex-Sklaven wieder einspannt, ist ein netter Einfall. Doch dass auch der Ex-Domina-Mann der Sache auf pragmatische Weise einige positive Seiten abgewinnen kann, ist der typische Noll-Schlenker, der die Sache erst richtig interessant macht. Womit es natürlich nicht sein Bewenden haben kann.

Eine ganz andere Seite der Erotik zeigt sich in „Der gelbe Macho“. Hier kommt die Liebe sozusagen auf den Hund, um es mal flapsig zu sagen. Doch der Hund – gemeint ist die schlaue Klara – trägt viel dazu bei, der Liebe Gelegenheit zu machen, indem sie Herrchen Oswald auf Abstand hält. Der Hund ist doch der beste Freund des Menschen.

Die Sprecherin

Ursula Illert kann sich sehr gut in die Lage der weiblichen Protagonisten hineinversetzen. Mit Verve trägt sie ihre Geschichten vor, mit deutlicher Aussprache und der Betonung auf die richtigen Stellen. Allerdings ist die letzte Geschichte wegen der immerhin fünf Akteure so vertrackt, dass man sie vielleicht noch einmal anhören sollte.

Unterm Strich

Bis auf eine eher konventionelle – und daher umso willkommenere – Geschichte („Fisherman’s Friend“) wissen die fünf Beiträge in dieser Sammlung mehr durch ihre Schrulligkeit zu amüsieren als durch Spannung zu fesseln. Das macht aber nichts, denn der typische Noll-Faktor ist durchweg gegeben: eine ungewöhnliche, zuweilen makabre und augenzwinkernde Note ist stets eingeflochten. Ich kann nur hoffen, nicht zu viel verraten zu haben – und um Vergebung für meine Sünden zu bitten, falls ich es doch getan habe.

Die Sprecherin bringt die Erzählungen voll zur Geltung und beeinträchtigt die Botschaft der Autorin in keiner Weise. Das Hörbuch kann einem Zuhörer durchaus einen schönen Nachmittag bereiten.

120 Minuten auf 2 CDs
steinbach sprechende bücher

Lehane, Dennis – Shutter Island (Lesung)

_Ermittlung in der Irrenanstalt: Fall mit doppeltem Boden_

Im Sommer 1954 wird US-Marshall Teddy Daniels nach Shutter Island zum Ashcliffe Hospital für geisteskranke Verbrecher gerufen. Es soll eine angeblich geflohene Mörderin aufspüren. Doch bald erweist sich die Insel als gefährlicher Albtraum. Wird er sie überhaupt je wieder verlassen? (Verlagsinfo)

Der Psychothriller wurde von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley in den Hauptrollen verfilmt.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster und wurde gleich mit dem Shamus Award ausgezeichnet. „Mystic River“ von 2003 wurde oscargekrönt von Clint Eastwood verfilmt. In seinen Romanen verarbeitet Lehane u. a. seine Erlebnisse mit geistig behinderten und sexuell missbrauchten Kindern. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|

[Kein Kinderspiel 1433
[Regenzauber 1346
[Mystic River 1340
[Shutter Island 1150
[Streng vertraulich 1435
[In tiefer Trauer 1436

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bekannt für seine Sprechrolle als Justus Jonas in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Als Sprecher synchronisierte er Hauptrollen in vielen Filmen und ist die deutsche Stimmbandvertretung von Ben Stiller.

Rohrbeck liest eine von Frank Gustavus gekürzte Fassung. Regie führte Tanja Fornaro, die Herstellungsleitung hatten Christian Neumann und Monja Ecker inne.

_Handlung_

Shutter Island liegt im Außenhafengebiet von Boston, Massachusetts. Die Insel hat eine bewegte Geschichte hinter sich, so etwa dass Piraten hier ihr Gold gehortet hätten, bis das Militär sie vertrieb und eine Festung samt Leuchtturm baute. Nachden Militärs kamen jedoch die Ärzte: Ashcliffe Hospital ist eine Klinik für geistesgestörte Schwerverbrecher, die in drei Blöcken untergebracht ist. Es ist eine Einrichtung der Bundesregierung, und deshalb sind auch Bundes-Marshals Edward Daniels und Chuck All hingeschickt worden.

Marshal Teddy Daniels ist hier in der Gegend aufgewachsen, sein Vater war ein Fischer, der 1938 auf See an Bord eines Walfängers unterging. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Teddy gegen die Deutschen, von der Landung in der Normandie bis in die Ardennen, der letzten westlichen Offensive der Wehrmacht. Nach dem Krieg lernte er seine Frau Dolores kennen und verliebte sich total in sie. Vor zwei Jahren ist sie beim Brand ihres Mietshauses ums Leben gekommen, doch den Brand legte der Hausmeister, ein gewisser Andrew Ladis. Ladis soll sich hier auf Shutter Island befinden, aber das ist natürlich nicht der offizielle Grund für Teddys Dienstfahrt. Die Vorgesetzten könnten sonst meinen, Teddy wolle sich an Ladis rächen.

Nein, der offizielle Grund, mit der Fähre zur Insel rauszufahren, ist die Flucht einer gewissen Rachel Solando, Patientin des Hospitals und Mörderin ihrer drei Kinder. Dr. Macpherson, der stellvertretende Anstaltsleiter, begrüßt die Marshals und bittet sie, ihre Dienstwaffen abzugeben. Sie tun dies nur unter Protest, der zu Protokoll genommen wird. Der Anstaltsleiter Cawley, ein Psychiater, erklärt ihnen, dass keiner wisse, wie die Patientin entkommen konnte. Oberpfleger Ganton, ein Schwarzer, habe sie ordnungsgemäß als Letzter eingeschlossen. Dennoch ist sie verschwunden – an vier wachhabenden Pflegern vorbei, und noch dazu barfuß. Doch als die Marshals um die Akten der Mitarbeiter bitten, werden diese ebenso verweigert wie die der Patienten. Cawley behauptet, er benötige dafür die Erlaubnis des Kuratoriums, das die Anstalt finanziert.

Die Suche im Hinterland verläuft erfolglos, Teddy bemerkt jedoch die Höhlen in den Klippen und den ehemaligen Leuchtturm. Der werde nun zur Abwasseraufbereitung verwendet, sagt man ihm. Er glaubt es nicht. Er glaubt vieles nicht, was man ihm hier erzählt. So etwa, dass die Strömung im Meer zu stark sei, um darin bis zur nächsten Insel schwimmen zu können. Nur die Ratten, die überall auf den Felsen zu sehen sind, die sind unwiderlegbar. Ein schwerer Sturm ist im Anzug. Wie Teddy erfährt, ist einer der Ärzte, ein gewisser Sheehan, mit der Fähre, auf der er kam, abgereist, um Urlaub zu machen. Ausgerechnet der Mann, der Rachel therapierte, ist also unerreichbar – na prächtig.

Die Vernehmung der Pfleger und der Patienten, die bei der letzten Gruppensitzung Rachels dabei waren, ergibt sehr wenig. Aber eine der Patientinnen, eine vernünftig redende Blondine, schreibt in Teddys Notizbuch: „Lauf!“ Nach dem Abendessen und einem Pokerspiel um Zigaretten gehen Teddy und Chuck zu Bett. In der Nacht träumt Teddy ungewöhnlich lebhaft von seiner Frau Dolores, die ihn der Lieblosigkeit und des Alkoholismus anklagt. „Zähl die Betten! Rachel ist hier!“ Als er den Zettel, den er in Rachels Zelle fand, entschlüsselt, wird ihm einiges klar: Es ist ein einfacher Zahlen-und-Buchstaben-Code, der Rachel Solandos Namen ergibt. Aber was bedeutet die Zahl 67? Auch Chefarzt Cawley weiß es nicht. Zum ersten Mal kommt Teddy der Verdacht, Rachel habe ihn hergelockt. Aber wozu? Teddy plagen Kopfschmerzen und er verrät Chuck die Sache mit Ladis, wegen der er sich um diesen Auftrag bemüht hat.

Inzwischen hat der Sturm die Insel erreicht. Chuck und Teddy finden in einem Mausoleum des Friedhofs Schutz vor stürzenden Bäumen und heulendem Wind. Mit einer Fähre ist jetzt garantiert nicht zu rechnen, sie sitzen hier fest. Das Ashcliffe Hospital ist keine Behandlungsklinik, sondern ein Forschungszentrum, das vom Komitee gegen unamerikanische Umtriebe finanziert wird, weiß Chuck. Aber was wird hier eigentlich erforscht? Vielleicht gibt die Station C darüber Aufschluss, doch Station C, untergebracht in der alten Festung, ist selbst für U.S. Marshals tabu.

Jedenfalls so lange, bis ihnen der Hurrikan dort Tür und Tor öffnet …

_Mein Eindruck_

„Shutter Island“ ist ebenso Thriller wie Psychodrama, und als solches stellt er die ganze Vorstellung, die sich der Leser bzw. Hörer von der Handlung macht, auf raffinierte Weise auf den Kopf. Zunächst betrachtet Teddy die Anstalt mit den Augen eines unter Verfolgungswahn Leidenden: Alle sind seine Feinde, insbesondere die Ärzte. Nach dem besuch in Station C stellt er sich ein stalinistisches Lager von Gehirnwäschern vor, das von Ex-Nazis geleitet wird. Aber ist das wirklich so, müssen wir uns fragen.

Teddy, unser Gewährsmann, hat die gelben Pillen von Dr. Cawley geschluckt, obwohl ihn seine innere Stimme (ganz besonders Dolorores) eindringlich davor gewarnt hat. Doch die Schmerzen der Migräne waren zu stark, und er schluckte die Pillen. Die Schmerzen sind vier Stunden später zwar weg, aber ist das, was er nun erlebt, auch wirklich – oder entspringt es nur seiner Einbildung? Mich erinnert dieser Plot sehr an einen der radikaleren Romane von Philip K. Dick, etwa an „Ubik“.

Nachdem Chuck für ihn das Einlieferungsformular für Andrew Ladis in Station C gefunden hat, hat Teddy die Handhabe, das Hospital schließen zu lassen und damit die Karrieren einer Menge verdienter Ärzte zu beenden, allen voran die von Dr. Cawley. Teddy erscheint es darum völlig logisch, dass die Anstaltsleitung alle Heben in Bewegung setzt, um ihn, Teddy, daran zu hindern, die Insel mit diesem brisanten Beweisstück zu verlassen. Sogar ein Ablenkungsmanöver wie die Sprengung von Dr. Cawleys geliebtem Oldtimer kann die Wachen nicht genügend abhalten, um die Fähre, die nun endlich eingetroffen ist, unbewacht zu lassen.

Teddy hat in den Höhlen, die er in den Klippen entdeckte, eine Frau getroffen. Da sie ein Skalpell trägt, muss sie entweder Patientin oder Ärztin sein. Er ist überzeugt, die echte Rachel Solando vor sich zu haben. Sie sagt, sie habe gegen die Methoden der Anstaltsleiter protestiert, doch vergeblich, und man habe sie zur Patientin degradiert. Denn es sei absolut unmöglich für einen, der zum Wahnsinnigen erklärt worden sei, seine Unschuld zu beweisen. Es ist ein Catch-22: Alles, was er argumentiert, wird als Beweis für seinen Wahnsinn aufgefasst.

Folglich gibt es kein Entkommen, auch nicht für Teddy Daniels. Teddy braucht Dr. Cawley nur zu sagen, er habe einen Kollegen namens Chuck All und – zack! – reif für die Klappsmühle. Denn Teddy glaubt doch nicht etwa, dass dieser Kollege, mit dem er noch nie zusammengearbeitet hat, echt ist, oder? Ob Teddy das Nervengift, das man ihm in Kaffee und Zigaretten verabreicht habe, schon spüre?

In einem Klima der wachsenden Paranoia muss Teddy alle seine Annahmen überprüfen – und wir ebenfalls. Um nicht alles zu verraten, sei nur gesagt, dass die Codes, die Rachel angeblich hinterlassen hat, wichtige Hinweise sind, auf das, was wirklich vorgeht. Es wird noch einige Überraschungen geben. Ich kann mir Leonardo DiCaprio in der Rolle des Teddy Daniels sehr gut vorstellen: ein Mann, der zunächst absolut integer erscheint, und sich dann doch als das Gegenteil erweist.

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, die deutsche Stimme von Ben Stiller, hat bereits in den Lesungen von Garth Nix’ siebenteiliger Fantasyreihe „Die Schlüssel des Königreichs“ seine sprecherischen Qualitäten und seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Ich hielt seinen Stimmumfang bislang für begrenzt, aber das hat sich jetzt geändert. Es gelingt ihm in „Shutter Island“ mühelos, die zahlreichen weiblichen Stimmen darzustellen. Insbesondere Dolores, Teddys verstorbene Frau, spielt eine ganz zentrale Rolle – als Stimme seines Gewissens, als Figur in seinen Träumen und als Hauptfigur in seinem finalen Erleben. Sie wirkt an keiner Stelle lächerlich: So könnte eine weibliche Stimme, die verführen soll, wirklich klingen. Natürlich gibt es auch vernünftig klingende Frauen wie Bridget Kearns, oder alte Schachteln wie die Moonpie-Lady, die eher krächzt als trällert.

Die Stimmen der männlichen Figuren sind eindeutig zu unterscheiden und charakterisieren die jeweilige Figur. Dr. Naring, der Kuratoiumsvorsitzende mit dem deutschen Namen (ein verkappter Nazi etwa?), klingt so zwielichtig böse, dass man Teddys Abneigung mühelos nachvollziehen kann. Dr. Cawley – im Film gespielt von Ben Kingsley – ist ebenso zwielichtig, einerseits scharfsichtig als Psychiater, andererseits fähig zu jeglicher Hinterlist, denkt Teddy. Und dann der Direktor erst: ein Bursche mit babyblauen Augen, der über die Notwendigkeit der Gewalt im Plan Gottes daherphilosophiert. Da schaudert es den Hörer unweigerlich.

Die wichtigsten Männerfiguren sind Teddy und Chuck. Chuck ist stets der coole Kumpel, mit dem man Pferde stehlen könnte, aber allmählich erscheint er in einem anderen Licht. Teddy klingt anfangs ganz normal, aber seine Stimme verändert sich je nach Situation und Emotion. Ganz hervorragend wechselt der Sprecher im finalen Showdown Teddys stimmlichen Ausdruck, von Selbstsicherheit und überlegenem Zweifel hin zu Selbstzweifel und Selbsthinterfragung. Bis in einem langen Monolog, der in einer traumhaft gehobenen Stimmlage vorgetragen wird (man denke an Hamlet oder Leopold Bloom in „Ulysses“), das Grauen langsam in Teddys Stimme schleicht, und aus Grauen Wahnsinn wird. Klasse!

Ich konnte keinerlei Aussprachefehler erlauschen.

|Musik|

Da es weder Musik noch Geräusche auf der Aufnahme gibt, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Unterm Strich_

Der Thriller bleibt auf vier Fünfteln der Strecke absolut spannend und wird zunehmend beklemmend. Doch das letzte Fünftel ist nicht mehr Thriller, sondern pures Psychodrama. Das erweist sich aber auch als notwendig, um die Welt, die wir hier durch Teddys Augen gesehen haben, komplett auf den Kopf zu stellen. Die Werte von Gut und Böse, von Heiler, Opfer, Verfolger, Strafe und Erlösung verkehren und relativieren sich. Das Finale ist erschütternd, indem es Einblick in echten Wahnsinn gewährt. Der Schluss jedoch ist wieder auf ironsiche Weise witzig, nach dem Motto: Wir sind zwar die Irren, aber es wäre doch gelacht, wenn wir nicht aus dieser Anstalt rauskämen.

Die Aussage des Buches ist deutlich, und doch spannend verpackt. Dass sich die Geschichte obendrein in einer Ära der Kommunistenhatz und Paranoia zugetragen haben soll, wirft ein Licht auf jene Zeit. Ganz nebenbei kommentiert der Autor eine Wende in der Psychiatrie, weg von der Gesprächstheorie, die dem Patienten eine Chance lässt, hin zum Einsatz von Psychopharmaka, die der Patient schlucken muss, will er nicht der Lobotomie entgehen, der „Hirnamputation“.

Das klingt ziemlich grimmig, und wenn man die Hintergrundgeschichte mit Dolores und Teddy erfährt, dann wird sie auch erschütternd. Das man sie nun verfilmt hat, spricht aber dafür, dass die Geschichte ernstzunehmen ist. Sie ist kein Effekt heischendes Hirngespinst, sondern ein Kommentar auf den Zusammenhang zwischen Verbrechen, Gewalt und Wahnsinn , nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen.

|Das Hörbuch|

Eigentlich hätte ich einen Sprecher mit einer tieferen, sonoren Stimmlage für einen so grimmigen Stoff erwartet, beispielsweise Wolfgang Pampel. Aber Oliver Rohrbeck macht seine Sache sehr gut, indem er sich als flexibler und feinfühliger Handhaber von Stimmlagen, Klangfärbungen und emotionalem Ausdruck erweist. Er kann die Figuren zwar nicht hundertprozentig zum Leben erwecken, aber er kann wenigstens hinter ihnen verschwinden, und das gelingt auch nicht jedem Sprecher. Um die Lesung zu einem Fünf-Sterne-Erlebnis zu machen, hat mir die entsprechende Musik gefehlt. Geräusche hätten hingegen nur gestört. Andy Matern hätte solche Musik wohl adäquat beisteuern können.

|6 CDs mit 470 Minuten Spielzeit
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andrea Fischer
ISBN-13: 978-3-7857-4225-9|
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de/
[www.lauscherlounge.de]http://www.lauscherlounge.de/

Clive Barker – Das dritte Buch des Blutes (Lesung)

Der Leichentuchkiller: Wildwest in Soho

Leser mit schwachen Nerven seien gewarnt: Clive Barker ist nichts für zart besaitete Gemüter! In seinen phantastischen Geschichten beschwört er voller Wortgewalt das Grauen und geht über alles hinaus, was man sich in seinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt hat. (Verlagsinfo) Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den |World|- und den |British Fantasy Award|. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.

Das Hörbuch enthält zwei ausgewählte Erzählungen und ist für Hörer ab 14 Jahren zu empfehlen.

Der Autor

Clive Barker, 1952 in Liverpool geboren, ist der Autor von bislang zwanzig Büchern, darunter die sechs „Bücher des Blutes“. Sein erstes Buch für Kinder trägt den Titel „The Thief of Always“ (Das Haus der verschwundenen Jahre). Er ist darüber hinaus ein bekannter bildender Künstler, Filmproduzent und -regisseur [(„Hellraiser 1“) 2433 sowie Computerspiel-Designer

Er lebt in Beverly Hills, Kalifornien, mit seinem Lebenspartner, dem Fotografen David Armstrong, und ihrer Tochter Nicole. Sie teilen sich das Haus mit vier Hunden, fünf Goldfischen, fünfzehn Ratten, unzähligen wilden Geckos und einem Papagei namens Malingo.

Seit 2002 veröffentlicht Barker einen Zyklus von wunderschön illustrierten Kinderbüchern mit dem Titel [„Abarat“. 1476 Alle Bücher spielen in der titelgebenden Fantasywelt, die – wie könnte es anders sein – auch einige teuflische Figuren vorweisen kann. Sie machen der 16-jährige Heldin Candy Quackenbush das Leben im Abarat schwer.

Der Sprecher und andere Mitwirkende

Matthias Koeberlin, geboren 1974, absolvierte die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Für seine Verkörperung des Ben in „Ben & Maria – Liebe auf den zweiten Blick“ erhielt er den Günther-Strack-Fernsehpreis. Für seine Interpretation des Lübbe-Hörbuchs [„Das Jesus-Video“ 267 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis des WDR (2003) nominiert. In der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers spielte er den Stephen Foxx.

Regie führte Kerstin Kaiser, die musikalischen Motive stammen von Andy Matern.

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde „Der Cthulhu-Mythos“ zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

Das Hörbuch bietet lediglich eine Auswahl aus den Storys des Buches, das 1984 erstmals erschien.

Die Erzählungen

1) Sündenböcke

Auf einem Segeltörn stranden die vier jungen Besatzungsmitglieder auf einer winzigen Hebrideninsel vor Schottland. Raymond, Jonathan, Angela und Frankie, die Köchin. Ray, der irgendwie das Kommando übernommen zu haben scheint, flucht über Nebel, Funkstille und überhaupt alles, was ihm über den Weg läuft. Nach einer Weile des Herumärgerns machen sich die vier Twens auf den Weg, um die öde Insel zu erkunden, auf der ihre |Emmanuelle| gestrandet ist.

Sie machen ein paar beunruhigende Entdeckungen. Erst einmal: Es wohnt keine Menschenseele hier, und es stinkt erbärmlich. Unrat und massenhaft Fliegen wirken nicht gerade einladend. Auf der anderen Seite stoßen sie auf einen Pferch, in dem drei krank aussehende Schafe weiden. Seltsam: Hat man die Viecher hier ausgesetzt? Aber wofür? Jonathan, der besoffen ist, nennt Angela, die zu Ray gehört, ein „dummes Luder“, und Frankie nennt ihn dafür ein „fieses Schwein“. Jonathan wiederum flucht über die „bekackten Schafe“, von denen eines zusammengebrochen ist. Mit einem Stein schlägt er dem wehrlosen Tier den Schädel ein. Als er wieder aus seinem Blutrausch erwacht, kotzt er sich die Seele aus dem Leib.

Frankie, die angeekelt ist, wundert sich über den Gestank und die ständig rieselnden und klappernden Steinlawinen. Was kann sie bloß verursachen? Inzwischen hat Ray herausgefunden, dass diese Insel ein Grabhügel für die Gefallenen der Weltkriege ist. Sie wurden hier angeschwemmt. Einer der kullernden Stein trifft Jonathans Schädel und schlägt ihn ein.

Da taucht ein Einheimischer auf, ein Fischer, wie es scheint. Er jammert: „Was habt ihr angerichtet? Ihre Gaben …“ Er hat das getötete Schaf gesehen. Die Schafe waren Gaben der Anerkennung an die Toten.

Diesen Frevel sollen die Anwesenden, ob Besucher oder Einheimische, mit dem Leben bezahlen. Denn nun machen sich alle Steine der Insel auf verhängnisvolle Weise selbständig …

Mein Eindruck

Die Erzählung greift drei Themen auf und verknüpft sie auf komplexe Weise. Die vier Reisenden auf dem Boot mit dem bezeichnenden Namen „Emmanuelle“ sind nicht miteinander verheiratet und frönen der freien Liebe, wenn auch nicht untereinander, sondern in den Paaren Ray & Angela sowie Frankie & Jonathan. Ihre lustbetonte Weltanschauung wird konfrontiert mit den zwei Themen Tod und Religion. Der Grabhügel gehört den Toten, welche nach Anerkennung heischen wie auf einem Friedhof. Stattdessen verhöhnt der besoffene Jonathan die Toten, indem er die Gabe der Anerkennung, eines der Schafe, mutwillig erschlägt.

Obwohl von Kreuzen und Kirchen weit und breit nicht die Rede ist, hat Jonathan dennoch gegen ein religiöses Gebot verstoßen: Ehrung der Toten. Die Sühne des Frevel kann nur in seinem eigenen Tod bestehen, doch dabei bleibt es nicht: Alle müssen sterben, damit sie sich dem Totenheer anschließen, selbst die relativ unschuldige Frankie.

Von Anfang an spielt der Text auf Jesus an. Raymond, der Anführer, soll einen „Jesus-Komplex“ haben, und seine Freundin Angela versucht „die Speisung der Fünftausend“. Ray schließlich sieht im Tod aus, als wolle er übers Wasser wandeln, doch er ist nur eine Marionette jener Puppenspieler, die auf der Insel der Toten das Sagen haben. Diese Puppenspieler haben für Jesus genauso wenig übrig wie Ray. Sie sind Heiden und verlangen Anerkennung, Huldigung. Ihre Strafe für Frevel ist nicht nicht christliche Vergebung, sondern heidnische Vergeltung. Die Opfer werden selbst Mitglieder des Totenreichs.

2) Bekenntnisse eines (Pornografen-) Leichentuchs

Ronny Glass, 32, dementiert, dass er jemals ein Pornograph gewesen sei, ja, er mochte nicht mal Sex, denn er war schließlich mit Bernadette, einer braven Katholikin, verheiratet und hatte zwei ebenso brave Töchter mit ihr. Der Buchhalter hatte nur ein einziges Laster, das ihm zum Verhängnis wurde: Habgier.

Eines Tages bot ihm ein Unternehmer namens McGuire einen Buchhaltungsjob in Soho an, den Ronny gleich hätte ablehnen sollen. Aber wie gesagt: Habgier. Und McGuire ist großzügig, denn er braucht Ronny, um seinem zwielichtigen Unternehmen einen seriösen Anstrich zu verleihen. Worin dieses besteht, entdeckt Ronny nur durch Zufall. Er stolpert in die Lagerhalle, und da stehen sie: Paletten voller Pornomagazine. Ronny kann sich kaum sattsehen an den Schweinereien. „Sex pur! Grauenvoll!“ Diese Ablehnung amüsiert McGuire keineswegs und er droht, Ronnys guten Ruf zu zerstören, sollte er nicht kooperieren. Angstvoll haut Ronny zu, doch McGuire schlägt zurück.

Ronny muss Bernadette anlügen und kann nicht schlafen. Am Sonntag ist seine Ehe ruiniert, sein Ruf zerstört: Die Sonntagszeitungen pfeifen es von allen Dächern, dass er ein Pornograph sei. Seltsam, dass McGuire kein einziges Mal erwähnt wird. Ronny sinnt auf Mord und greift McGuire und dessen Männer tätlich an, doch er zieht schließlich den Kürzeren und landet in der Leichenhalle. Hier beginnt Ronnys zweites Leben.

Nachdem sich sein Geist in das Leichentuch übertragen hat, bevor der Körper entsorgt wird, kann sich Ronny wieder auf den Weg machen, um seine Rache zu vollenden. Doch wie stellt es ein Leichentuch an, einen schwer bewachten Gangsterboss um die Ecke zu bringen?

Mein Eindruck

Thematisch dreht sich die Story um die Verflechtung der Unterwelt mit der Polizei, auch wenn es sich „nur“ um so genannte Pornographen handelt (von denen es in Merry Old England einige gibt) sowie um die Verstrickung eines unbescholtenen Mannes mit diesen kriminellen Kreisen.

In erzählerischer Hinsicht entwickelt sich die anfängliche Blut & Mord-Story zu einer immens grotesken Gespenstergeschichte. Ein auf der Straße wandelndes weißes Leinentuch, das Mordgedanken hegt? Wie lächerlich? Doch der Autor hieße nicht Barker, wenn er dieses irrsinnige Konzept nicht mit tödlicher Präzision und Beharrlichkeit ins Ziel steuern würde. Auch am finalen Schauplatz des Showdowns hagelt es wieder groteske Momente, so etwa der, als McGuire entdeckt, dass es seine Frau mit seinem Leibwächter treibt. Da fliegen wieder die blauen Bohnen um die Wette!

Doch was wird aus Ronny, dem heroisch rächenden Buchhalter mit den ungeahnten Machoqualitäten? Er endet als Wischtuch in einer Kirche. Dort haben die Spermaflecken, die der Pfarrer beim Fotografieren einer Nutte verursacht, schließlich nichts zu suchen. Der Kreis der Sünde schließt sich.

Der Sprecher

Als ausgebildeter Schauspieler weiß Koeberlin seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Auch die Aussprache aller englischen Namen und Bezeichnungen geht reibungslos vonstatten. Aber die Flexibilität seiner Stimme scheint noch relativ begrenzt zu sein. Der weiblichen Stimmlage passt sich Koeberlin ein wenig an. Selten sinkt die Lautstärke zu einem Flüstern herab oder erhebt sich zu einem Fauchen. Keuchen, Zischen, sogar Würgen gehören zum breiten Repertoire der situationsbetonten Darstellung.

Die Betonung hat sich inzwischen der des |Lübbe|-Stammgastes David Nathan angenähert, und das tut Koeberlins Vortrag sichtlich gut. Er ist wesentlich eindringlicher als noch beim „ersten Buch des Blutes“, besonders in der grotesken „Leichentuch“-Erzählung. Seine stimmliche Darstellung im Zusammenspiel mit den Soundeffekten und der Hintergrundmusik bildet ein eindringliches Stück Kopfkino, das mir selbst nach Wochen immer noch in Erinnerung geblieben ist.

Die Musik

Die Musik von Matern ist dasjenige Stilelement, das den Zauber dieser Lesung ausmacht. Sie kommt selbstverständlich als Intro und Outro zum Einsatz, und regelmäßig ist an den spannenden und dramatischen, sprich; gruseligsten Stellen Hintergrundmusik zu hören. Diese nun aber zu charakterisieren, stellt sich als schwierige Aufgabe heraus. Ich konnte kein einzelnes Motiv heraushören, vielmehr handelt es sich um Klangfolgen mit klassischen Instrumenten (und wohl dem einen oder anderen Synthesizer), die eine Atmosphäre der Beunruhigung, Anspannung, kurzum: des Grauens erzeugen. Um diese Wirkung erzielen, hat Andy Matern jedenfalls ganze Arbeit geleistet.

Unterm Strich

Ich kann das Hörbuch mit Einschränkungen empfehlen. Eine Einschränkung betrifft das Fehlen von drei der fünf Erzählungen aus der literarischen Vorlage: „Rohkopf Rex“, „Der Zelluloidsohn“ und „Menschliche Überreste“. „Sündenböcke“, die erste Erzählung des Hörbuchs, verrät etwas von der Sprachgewalt und Stimmungsmalerei, zu der Barker in seinen besten Geschichten fähig ist. „Bekenntnisse eines (Pornographen-) Leichentuchs“ ist mehr auf groteske Effekte und handfeste Action aus, sozusagen die Wildwestversion einer Gespenstergeschichte.

Die seit dem „ersten Buch des Blutes“ beträchtlich verbesserte Vortragskunst des Sprechers eignet sich meines Erachtens gut für die dramatischeren gruseligen Stellen. Massiv wird Koeberlin unterstützt von Andy Materns ausgezeichnet passender Musik, die für die entsprechende Gänsehaut sorgt.

Books of Blood vol. 3, 1984
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Kobbe
147 Minuten auf 2 CDs

http://www.luebbe-audio.de/

Fünf Freunde und der Schokoladendieb von London (Folge 137)

Die Handlung:

Im neuen Abenteuer der Fünf Freunde dreht sich alles um Schokolade. Die Fünf Freunde haben an einem Themenwettbewerb zu fairem Handel teilgenommen und dürfen zur Belohnung eine Schokoladenmanufaktur in London besuchen. Doch kurz zuvor wurde dort eingebrochen. Und wenig später wird Dick sein Rucksack mit Schokolade gestohlen. Da die Freunde nicht an Zufälle glauben, nehmen sie ihre eigenen Ermittlungen auf und decken trotz aller Hindernisse ein gemeines Verbrechen auf. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ein Schokoladendieb? Wäre das nicht ein Fall für Klößchen oder ist der mal wieder verschwunden? Man weiß es nicht, schließlich wohnen die Kirrins ja nicht in der „Millionenstadt“.

Fünf Freunde und der Schokoladendieb von London (Folge 137) weiterlesen

Jörg Maurer – Jörg Maurer trifft Mozart (Audio)

Leicht & verspielt: Mozart-Revue

Der Musikkabarettist und Autor Jörg Maurer zeigt uns eine Seite von Mozart, die wir ganz sicher noch nicht kannten! In seiner Hommage an das „Wunder von Salzburg“ streift er schwungvoll und gekonnt abschweifend, um originelle Interpretationen und parodistische Variationen nicht verlegen, durch Sonaten, Evergreens und Anekdoten. So erfährt man auch einiges über die lückenhafte Biografie des Herrn Mozart. (bearbeitete Verlagsinfo) Anlass für dieses Kabarettprogramm war der 250. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2006. Die Aufnahme ist schon etwas älter, aber das merkt man der Tonqualität nicht an.
Jörg Maurer – Jörg Maurer trifft Mozart (Audio) weiterlesen

Jörg Maurer – Beethovens kleine Patzer

Musikkabarettistische Revue

Ludwig van Beethoven ist bei Pianisten berüchtigt, dabei hatte er durchaus Unterhaltung im Sinn. Jörg Maurer präsentiert als ehemaliger Konzertpianist ein hochmusikalisches und zutiefst heiteres Kabarettstück über den wahren Beethoven, live und virtuos am Pianoforte präsentiert. (bearbeitete Verlagsinfo) Anlass für dieses Kabarettprogramm war der 175. Todestag des Komponisten im Jahr 2002. Die Aufnahme ist schon etwas älter, aber das merkt man der Tonqualität nicht an.
Jörg Maurer – Beethovens kleine Patzer weiterlesen

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta (Lesung)

In einem Waffenversteck der sizilianischen Mafia findet Commissario Montalbano eine unheimliche Szene: ein eng umschlungenes Paar Leichen, bewacht von einem Hund aus Terrakotta.

Des Rätsels Lösung war bereits einmal im deutschen Fernsehen zu erfahren. Wer den Film verpasst hat, kann die Lösung in diesem Hörspiel herausfinden.

Der Autor

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta (Lesung) weiterlesen

Perry Rhodan – Der Einsame der Tiefe (Silber Edition 149)

Die Handlung:

Die Tiefe ist ein gigantisches Gebilde, das am »Rand des Universums« existiert und von dem die Menschen erst seit Kurzem wissen. Von dort ist vor Jahrmillionen der Frostrubin verschwunden, der offenbar einen Teil der Naturgesetze lenkt.
Dessen Rückkehr sollen der Arkonide Atlan und der Terraner Jen Salik vorbereiten. Scheitern sie, sind die Existenz der Menschheit und die gesamte Milchstraße aufs Äußerste bedroht. Unter anderem müssen die beiden Männer das Grauleben bezwingen, einen mächtigen Gegner, der sich unaufhaltsam in der Tiefe ausbreitet und bislang nie besiegt worden ist.
Als eine der letzten Bastionen erweist sich Kyberland. Das sogenannte Reich der Technotoren wird von einem undurchdringlichen energetischen Wall geschützt. Doch das Grauleben hat bereits einen der wichtigsten Verteidiger übernommen. Atlan und Jen Salik müssen sich auf einen waghalsigen Plan einlassen … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Der Klappentext klingt ja richtig nach Action und Abenteuer. Was erleben wir denn wohl zusammen mit Atlan und seinen Freunden in dieser Lesung so alles Spannendes?

Perry Rhodan – Der Einsame der Tiefe (Silber Edition 149) weiterlesen

Die drei ??? Kids – Blinde Passagiere (Folge 76)

Die Handlung:

Vor der Küste von Rocky Beach liegt ein großes Kreuzfahrtschiff vor Anker. Doch an Bord geschehen seltsame Dinge und anscheinend macht sich eine Diebesbande ans Werk. Justus, Peter und Bob gehen der Sache… sie mischen sich unter die Passagiere. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Wenn ein Schiff ausläuft, ists weder eklig noch gibts was aufzuwischen … es fährt halt einfach nur los. Unentspannt könnte es allerdings werden, wenn man zu diesem Zeitpunkt an Bord ist, obwohl man das gar nicht (mehr) vorhatte … und sowieso keinen Fahrschein gelöst hat. Na dann mal ahoi!

Die drei ??? Kids – Blinde Passagiere (Folge 76) weiterlesen