Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Starr, Jason – Twisted City

Für den Journalisten David Miller bricht eine Welt zusammen, als seine geliebte Schwester Barbara an Krebs stirbt. Er verliert seinen hochdotierten Job, muss sich bei einem kleineren Wirtschaftsmagazin verdingen und geht eine Beziehung mit der abgerissenen Bar-Tänzerin Rebecca ein, die ihm mehr Ärger als Freude bringt. Mit der jungen, flippigen Rebecca hat er zwar durchaus Spaß, doch seine Freunde ziehen sich zurück, Rebecca nimmt Drogen und verprasst sein Geld.

Nach einem Kneipenbesuch stellt David fest, dass er seine Brieftasche verloren hat. Bald darauf meldet sich telefonisch eine Frau, die sie gefunden hat. Es stellt sich jedoch heraus, dass Sue, die Finderin, ein abgehalfterter Heroin-Junkie ist, die David erpressen will. Zu allem Unglück kommt auch noch ihr gewalttätiger Freund Ricky dazu und greift David an. Im darauffolgenden Kampf wird Ricky von David tödlich verletzt.

Was jetzt beginnt, ist ein wahrer Albtraum für David. Sue weigert sich, Rickys Leiche allein zu entsorgen. Aus Angst, von ihr bei der Polizei verraten zu werden, beseitigt David den Toten. Aber damit nehmen die Probleme kein Ende …

|Vielschichtige Charaktere|

So richtig durchschauen kann man eigentlich niemanden in diesem Roman, und das ist schon einer der Punkte, die seine Faszination ausmachen. Im Mittelpunkt steht der durchschnittliche David, dessen Leben gerade den Bach runtergeht. Seine Finanzen sehen seit seinem Jobverlust bitter aus, seine ausgeflippte Freundin Rebecca geht mit seinen Kreditkarten einkaufen, er fühlt sich einsam und er leidet nach wie vor unter dem Tod seiner Schwester. Immer wieder präsentieren sich dem Leser kurze Rückblenden über Gespräche und Erlebnisse mit Barbara, die zeigen, wie innig die beiden Frühwaisen einander verbunden waren.

David glaubt, es kann schlimmer kaum kommen – doch dann geschieht genau das. Aus Notwehr tötet er einen Drogendealer, aber seine Chancen, seine Unschuld zu beweisen, stehen schlecht. Die heroinsüchtige Sue erpresst ihn und ein unbekannter Dritter hat seine Finger mit im Spiel. Bald hat David keine Ahnung mehr, wem er noch trauen darf. Rebecca weigert sich, seine Wohnung zu verlassen und reagiert hysterisch auf die Trennung; die drogensüchtige Sue, die eigentlich ganz anders heißt, wechselt ständig zwischen Hilfsbereitschaft und Erpressung hin und her und der Stress auf der Arbeit gibt David den Rest.

|Spannung bis zum Ende|

Die Spannung wird bis zum Schluss durchgehalten, denn in diesem Roman ist so ziemlich alles möglich. Jason Starr lässt seine Figuren leiden und jeden von ihnen kann jedes Schicksal treffen. Mehrere der Charaktere sterben und bringen damit neue Wendungen in die Handlung. Der Leser fragt sich, ob David für den Tod von Ricky verantwortlich gemacht wird, welche Ausmaße die Epressung von Sue einnehmen wird, welche Richtung die Beziehung zu Rebecca nimmt und letztlich auch, welche Rolle die besondere Bindung zwischen der verstorbenen Barbara und ihrem Bruder spielt.

Es gelingt Jason Starr gut, zunächst das etwas deprimierende, aber immer noch durchschnittliche Leben seines Protagonisten zu zeichnen, das sich allmählich in einen Horrortrip verwandelt, aus dem es für David scheinbar kein Entrinnen gibt. Auch wenn er dem Leser sicher nicht uneingeschränkt sympathisch ist, verfolgt man gebannt sein Schicksal, das demonstriert, wie das Leben eines Durchschnittsmenschen völlig aus der Bahn geraten kann, eingebettet in eine Mischung aus Thriller, Beziehungsdrama und bitterböser Satire.

|Abruptes Ende|

Die Schwäche des Romans liegt im zu knapp gehaltenen Schluss. Es wirkt, als habe der Autor das Buch überhastet beendet. Die Ereignisse überschlagen sich, die Pointe kommt auf raschen Füßen daher und manche Dinge fügen sich zu einfach. Das liest sich im Gegensatz zu den vorher aufgebauten Probemfeldern zu simpel und enttäuscht ein wenig. Besser wäre gewesen, sich hier etwas mehr Zeit zu nehmen und drei, vier zusätzliche Seiten auf die Schilderungen der Entwicklungen zu verwenden.

Ein weiterer, wenn auch nicht gravierender Punkt ist die Ähnlichkeit zu Starrs anderen Werken. Seine rabenschwarzen Thriller verlaufen nach einem Muster, das dem Leser bekannt vorkommt. Auch bei „Tob Job“ etwa geht es um einen Durchschnittstypen in den Dreißigern, der ein deprimierendes Leben führt, das mit einem Mal aus den Fugen gerät und ungeplante Todesfälle bereithält. Ähnliches gilt in etwas abgeschwächter Form für „Die letzte Wette“. Nicht, dass es schadet, alle seine Romane zu lesen, doch es ist mit gewissen Abnutzungserscheinungen zu rechnen.

_Fazit:_ Ein schwarzhumoriger, rasant geschriebener Thriller über Erpressung, der bis zum Ende fesselt. Die undurchschaubaren Charaktere sorgen für Spannung, ebenso die überraschenden Wendungen. Negativ sind nur der recht offene und sehr kurz gehaltene Schluss sowie die Parallelen zu anderen Romanen des Autors.

_Der Autor_ Jason Starr, Jahrgang 1968, wuchs in New York auf und schreibt seit seiner Collegezeit. Vor seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete er unter anderem als Telefonverkäufer. Diese Erfahrungen brachte er in seinen Debütroman „Top Job“ mit ein. Alle seine Krimis zeichnen sich durch schwarzen Humor aus. Weitere Werke sind „Die letzte Wette“, „Ein wirklich netter Typ“ und „Hard Feelings“.

http://www.diogenes.de/
http://www.jasonstarr.com

Aster, Christian von – Im Schatten der Götter

_Trailer_

Ein durch und durch runder Thriller mit übernatürlichen Horrorelementen.

Eine unerklärliche Serie von Todesfällen auf den Straßen Berlins versetzt Kommissar Mathesdorf in helle Aufregung: Menschen ersticken ohne erkennbare Ursache. Seine Ermittlungen führen ihn tief in die sagenumwobene Vergangenheit des schwarzen Kontinents. Erst als ein mysteriöses Videoband und eine schöne Afrikanerin auftauchen, scheint sich der Nebel zu lichten. Doch nun beginnt der Alptraum erst recht, denn eine übernatürliche Macht bedroht die ganze Welt.

_Rezension_

Noch nie war ich so ambivalent beim Verfassen einer Rezension, gehen doch die Leistungen des Autors und des Verlages weit auseinander. Fangen wir mit dem einzigen Lichtblick an: der Autorenleistung. Christian von Aster erzählt in gewohnt „munterer“ Manier einen Mystik-Krimi, der die Brücke zwischen dem modernen Berlin und dem mystischen Afrika baut. Wie immer wird man sofort von dem umtriebigen Autor und Multitalent in die Handlung gezogen und von der ersten Seite an unterhalten; mit dem typischen „von asterischen“ Augenzwinkern-Zynismus, der lebendiger nicht sein könnte.

Das Buch handelt von einer mysteriösen Mordserie in Berlin, die den ermittelnden Hauptkommissar Jochen Mathesdorf und seine Kollegen vor Rätsel stellt. Auch Simon Grauerts ehemaliger Freund, Floyd Wittgenstein – in dessen Villa eingebrochen wurde und es ebenfalls Todesopfer gab, und dessen Reichtum auf dem ominösen Schiffsfund |Neruda| beruht, die er vor der Küste Afrikas geborgen hat -, gehört zu den Dreh-und Angelpunkten, um die sich die Todesfälle ranken. Mit der |Neruda| hat Wittgenstein auch eine goldene Schatulle mit Edelsteinen geborgen. In ihr ruht M’tu Yayee, der Schattenschläfer und Gott des Stammes Wasania. Wittgenstein, von Habgier ergriffen, bricht die Steine aus ihren Fassungen und verkauft sie. Darunter auch einen in Gold gefassten, der den Schattenschläfer bannt – oder sollte man sagen bannte? Grauert begegnet einer schönen Farbigen, die eine zentrale Rolle in dem Geschehen innezuhalten scheint und Grauert in ihren Bann zieht. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass die afrikanische Schattengottheit, der Schattenschläfer, als Mordinstrument agiert!

So weit, so gut. Doch kommen wir zum Verlag. Und da kann man wirklich nur sagen: es ist wirklich unglaublich was |Eloy Edictions| hier für satte zwölf €uro abliefert. Über das nichtssagende Cover, das dem Inhalt in keiner Weise den würdigen Rahmen verleiht, lässt sich ja noch streiten. Aber über die fehlerhaft gesetzten Seitenränder, Hammellücken, Hurenkinder (Anm. d. Ed.: Einzelzeilen eines Absatzes, die durch einen Seitenwechsel abgetrennt wurden) u. v. m. nicht. Das Lektorat jedoch setzt dem Ganzen die Krone auf. Es ist eine Meisterleistung der Fehlerhaftigkeit! So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt!

Es gibt keine einwandfreien Bücher, das erwartet auch (so gut wie) keiner, aber hier wird ein Buch auf den Markt geworfen, in dem es vor Fehlern nur so wimmelt. Wer die neue Rechtschreibung nicht beherrscht, sollte sich weiterhin der alten bedienen oder sich einen Lektor verdingen, der sein Metier zumindest halbwegs versteht. Wenigstens rein orthographisch. Aber auch stilistisch wurde hier wohl gedruckt, was der Autor abgeliefert hat. Und das ist eine Schande, denn ein gutes Lektorat sollte die Leistung des Autors immer unterstützen und abrunden. Hier wurde über jeden Fehler hinweggelesen. Es sollte in Anlehnung an die Goldene Himbeere im Filmgeschäft ein Zerbrochener Federkiel in der Literatur vergeben werden – und der gehörte 2005 |Eloy Edictions|, als erschreckendes Beispiel dafür, welche Art von Titeln oftmals angeboten werden und den Markt für ernsthaft herausgebrachte Bücher verstopfen. Was aber viel schlimmer ist: So wird bei den Lesern der Ruf der Kleinverlagsszene ruiniert, die sich redlich müht, Autoren, die keine Heimat in der Großverlagslandschaft erhalten, eine gute und vor allem professionelle Möglichkeit der Veröffentlichung zu bieten.

Aufgrund der eklatanten Verlagsfehler und gemessen an dem saftigen Preis bekommt dieses „Werk“ keine Kaufempfehlung. Umso bedauerlicher, weil der Autor Besseres verdient hätte! So bleibt mein Tipp an ihn, vorsichtiger in der Wahl seiner künftigen Verlage zu sein.

http://www.vonaster.de/
http://www.eloyed.com/

Hiaasen, Carl – Reinfall, Der

Dass der Plan, ihre schon im zweiten Jahr vor sich hin dümpelnde Ehe durch eine romantische Kreuzfahrt neu zu entfachen, gescheitert ist, weiß Joey Perrone spätestens dann, als Gatte Chaz sie des Nacht über Bord der „Sun Duchess“ stürzt. Wider Erwarten überlebt sie den Aufprall und macht sich schwimmend voller Zorn und Überlebenswillen auf den langen Weg zur leider gar nicht nahen Küste von Florida.

Dort wäre sie höchstens als Rest einer Haifischmahlzeit angetrieben, hätte sie nicht der mitternächtlich angelnde Ex-Cop Mick Stranahan zufällig aus dem Wasser gefischt. Er haust auf einer kleinen Insel, wo sich Joey heimisch zu machen beginnt: Sie will sich an ihrem Ehemann rächen – und das keineswegs vor Gericht, sondern persönlich.

Warum hat Chaz Perrone sie umbringen wollen? Ein Motiv gibt es eigentlich nicht, denn an Joeys beachtliches Vermögen kommt er auch im Fall ihres Todes nicht heran. Weder Joey noch Stranahan, den die Langeweile dazu treibt, sich dem Rachefeldzug seines ‚Gastes‘ anzuschließen, ahnen zunächst von der Verbindung zwischen Chaz und dem kriminellen Großgrundbesitzer Samuel Johnson Hammersnut, genannt „Red“, der in den Everglade-Sümpfen riesige Plantagen von Arbeitern bearbeiten lässt, die er wie Sklaven hält. Red leitet giftgeschwängerte Abwässer in das naturgeschützte Gelände, und Chaz, der als Biologe für den Staat arbeitet, vertuscht dies, wofür er gut bezahlt wird.

Joey und Stranahan beschließen, Chaz durch Erpressung in Angst und Schrecken zu versetzen. Leider wendet sich ihr Opfer an seinen Boss, der daraufhin den Schläger Tool zu Chaz‘ Leibwächter ernennt. Chaz selbst wird vom misstrauischen Detective Karl Roolvag beschattet, der nicht glauben mag, dass Joey ohne ‚Nachhilfe‘ über Bord ging.

Ohne voneinander zu wissen, gehen die genannten Personen ihren Plänen nach. Natürlich kommt man einander bald ins Gehege, was eine Kette fataler, gewaltreicher und bizarrer Geschehnisse auslöst, die in einem Finale münden, das nur grotesk genannt werden kann …

Seit vielen Jahren führt Carl Hiaasen seinen Kampf gegen die skrupellosen Seilschaften, die möglichst den gesamten US-Staat Florida in eine betonierte Urlaubs- und Wohnanlage verwandeln wollen. 90 Prozent der ursprünglichen Urlandschaft wurden bereits zerstört und zersiedelt, und auch den Rest wollen sich kriminelle Geschäftsleute unter den Nagel reißen, wobei sie von gut geschmierten Politikern gern unterstützt werden.

Der Kampf ist ungleich, denn die wenigen Verteidiger der ökologisch kostbaren Sumpfgebiete werden als lästige Feinde des notwendigen Fortschritts dargestellt und stehen auch sonst auf weitgehend verlorenem Posten. Hiaasen hat sich dennoch nie davon abhalten lassen, in dem Versuch, das scheinbare Unvermeidliche zu verhindern, seinen ganz persönlichen Weg zu gehen. Sehr richtig geht er von der Prämisse aus, dass den meisten Menschen von Alligatoren bevölkerte Sümpfe recht gleichgültig sind und faktenreiche Aufklärungsaktionen sie bloß langweilen. Also verpackt er seine Botschaft in spannenden, sarkastisch-witzigen und gern gelesenen Thrillern, die das Problem also unterhaltsam angehen und trotzdem nie verniedlichen.

„Der Reinfall“ gehört zu den Hiaasen-Romanen, mit denen sich der Autor weiter aus dem Fenster lehnt als sonst. Die weiterhin fortgesetzte Vernichtung Floridas scheint ihn zu beflügeln, wenn er sich als Schurken keinen Drogendealer oder den im Krimi-Genre der Gegenwart so beliebten Serienkiller wählt, sondern einen Plantagenbesitzer, der in Obst und Gemüse macht. Bei näherer Betrachtung sind freilich auch in diesem Gewerbe mafiöse Machenschaften üblich, und „Red“ Hammersnut ist deshalb als Bösewicht überaus glaubhaft.

Joey Perrone will sich an ihrem mörderischen Gatten rächen, während Mick Stranahan sie unterstützt, als er erfährt, dass dieser ein Biologe in Staatsdiensten ist, der helfen soll, die gefährdeten Sümpfe zu bewahren. Stattdessen hat sich Chaz Perrone auf die Seite des ‚Feindes‘ geschlagen und treibt auf seine Weise den Ausverkauf der Natur mit voran. Das kann und will Stranahan nicht dulden.

Das Fundament ist gelegt, als Katalysator für das Folgende fügt Hiaasen noch den verrückten Tool hinzu, und dann nimmt die Geschichte ihren höchst irrwitzigen Gang. Was schon im Plan recht unausgegoren klang, entwickelt sich zum totalen Fiasko. Sowohl Stranahan und Joey als auch Hammersnut, Charles und Tool verlieren die Kontrolle über die Ereignisse. Was schiefgehen kann, geht auch schief, und Hiaasen beschreibt das mit dem ihm eigenen Einfallsreichtum.

Die Handlung wirkt in ihrer Abgedrehtheit umso besser, als der Verfasser über einen echten Sinn für Humor verfügt (der stabil genug ist, die Übersetzung zu überstehen). Das plumpe Kalauern, mit dem uns z. B. deutsche „Comedians“ belästigen, ist Hiaasens Sache nicht. Sein Witz ist einfallsreich und knochentrocken, und er unterstreicht das Geschehen, ohne ihm die Spannung zu rauben. Die Stimmung kann schnell ins Gewalttätige umschlagen, was daran erinnert, dass Umweltzerstörung kein Kavaliersdelikt ist.

Durch das turbulente Garn führt ein alter Bekannter: Mick Stranahan war schon in mehreren Hiaasen-Romanen die Hauptfigur. Er stellt das Alter Ego seines geistigen Vaters dar, das dieser dort kräftig zuschlagen lassen darf, wo er selbst sich zurückhalten muss. Stranahan ist der Stachel im Fleisch des korrupten Florida-Establishment, weshalb man ihn auch mit 39 Jahren nach dem politisch unkorrekten Feuergefecht mit einem kriminellen Richter zwangspensioniert hat. Damit hat er sich nur oberflächlich abgefunden. Finanziell leidlich abgesichert, hat er sich an den Rand der Gesellschaft zurückgezogen. Doch die Zivilisation folgt ihm so zügig, dass er nur ohnmächtig zuschauen kann, wie sich seine Zufluchtsstätten in überteuerte, uniformierte Wohnslums verwandeln.

Die Wut über den Ausverkauf treibt Stranahan regelmäßig in seltsame Abenteuer. Lässt er sich erst nur von Joey Perrone um den Finger wickeln – Stranahan kann trotz sechs gescheiterter Ehen nicht von den Frauen lassen -, steigt er voll in deren Racheplan ein, nachdem Chaz Perrones ‚Verrat‘ an der Natur offenbar wird.

Chaz schildert Hiaasen als Verkörperung des Versagens, dessen sich der Staat Florida schuldig macht. Ebenso intensiv wie ungeschickt bemüht man sich seit einigen Jahren, den kläglichen Rest der Everglade-Sümpfe zu bewahren. 8 Milliarden Dollar lässt man sich das kosten – Geld, das freilich in allerlei dunklen Kanälen versickert. Wieso das so ist, demonstrieren Zeitgenossen wie Chaz Perrone, ein miserabler Biologe, der sich seinen Doktortitel von einem Gangster kaufen ließ, dem er dafür gefälschte Gutachten liefert.

„Red“ Hammersnut darf dafür die Abwässer seiner Plantagen weiterhin ungeklärt in die Sümpfe abfließen lassen. Er ist der moderne Nachfahre jener Raubbarone, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert die USA als ihren Privatbesitz betrachteten, den sie ausbeuten und zerstören konnten, wie es ihnen beliebte. Heute sind die Gesetze scheinbar gegen sie, doch Hiaasen lässt uns durch Hammersnut vorführen, wie der Staat an der Nase herumgeführt wird. Die Zeche zahlt wie immer der brave, dumme Bürger, der sich an die Regeln hält, die für einen Hammersnut keine Gültigkeit besitzen.

Joey Perrone ist eine Frau, die endlich aufwacht. Bisher hat sie nach Mr. Right und einem Leben in traulichen Zweisamkeit getrachtet. Wie sehr sie gescheitert ist, musste sie erst der Sturz in den Ozean lehren. Nun will sie Vergeltung, ohne freilich zu ahnen, welche Aktivitäten sie damit in Gang setzt. Aber Joey ist lernfähig und in der Lage, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen. Sie bekommt sogar ihren Kick an der Seite Stranahans, der eine anarchische Seite des Daseins verkörpert, die ihr bisher verschlossen geblieben ist.

Tool reiht sich in die Schlange der bizarren Killergestalten ein, die Hiaasen seit Jahren auf seine Romanhelden loslässt. Schon der Name macht deutlich, wo Tool in der Gesellschaft steht: ganz unten – ein Werkzeug, das sich einsetzen lässt, ohne sich um Gesetze oder Moral zu kümmern. Tool ist im Grunde eine Furcht erregende Gestalt, doch Hiaasen schildert ihn als fast sympathischen Schuft, der mit diversen, recht peinlichen Problemen zu kämpfen hat und gar nichts mit den glanzvollen Hollywood-Bösewichten gemeinsam hat. In dem Chaos, das ein Leben in Florida bedeutet, wirkt ausgerechnet Tool wie ein ruhender Pol. Er tut, was man ihm sagt, und kümmert sich um die großen Dinge dieser Welt einen Dreck. Das bewahrt ihn allerdings auch nicht vor einem Schicksal, das ihm im unpassenden Moment dicke Knüppel zwischen die Beine wirft, um ihm letztlich ein absurdes Happy-End zu gönnen.

Carl Hiaasen wurde 1953 in Florida geboren, ging hier zu Schule, studierte (bis 1974) Journalistik und ging anschließend zum „Miami Herald“. Bei dieser Zeitung ist er noch heute angestellt und schreibt Kolumnen und Berichte, in denen er jene Sünden anprangert, mit denen wir auch in seinen Romanen immer wieder konfrontiert werden. Zu schaffen macht Hiaasen besonders der unentwirrbare Filz aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen, der Florida in Sachen Korruption und Umweltzerstörung einen traurigen Spitzenplatz in den USA garantiert.

Da Hiaasen die Erfahrung machen musste, dass seine wütenden Attacken im täglichen Mediengewitter mehr oder weniger untergingen, begann er ab 1981 Romane zu schreiben, die in spannender Thrillerform und scheinbar fiktiv die genannten Missstände auch jenem Publikum nahe zu bringen versuchen, das gemeinhin nur den Sportteil einer Zeitung zur Kenntnis nimmt.

Hiaasen schrieb seine ersten drei Romane mit dem Journalisten-Kollegen William D. Montalbano, bevor er sich mit „Tourist Season“ (dt. „Miami Terror“) 1986 quasi selbstständig machte. Schon früh begann er damit, die bittere Medizin, die er verabreichen wollte, zu versüßen, indem er dazu überging, immer groteskere Plots für seine ohnehin actionbetonten Geschichten zu entwerfen. Ironie und Sarkasmus, die jederzeit in blanken Zynismus umschlagen können, demaskieren die Welt, wie Hiaasen sie in Florida vorfindet, als Tollhaus.

Die Rechnung ging auf: Weil Hiaasen sein Talent, wirklich krude Geschichten mit knochentrockenem und dadurch um so wirksamerem Witz zu entwerfen, rasch zur Perfektion entwickelte, fand er sein Publikum, das ihm – aus gutem Grund – treu geblieben ist.

http://www.manhattan-verlag.de

_Carl Hiaasen auf |Buchwurm.info|:_
[„Dicke Fische“ 1895
[„Unter die Haut“ 2455

Kuhn, Krystyna – Engelshaar

Hannah Roosen hat es nicht einfach. Ihren alten Job beim bei Psychologischen Notdienst der Polizei musste sie aufgeben, nachdem sie den Selbstmord eines jungen Mädchens nicht verhindern konnte. Die Schuldgefühle quälen sie und sie hofft, dass es ihr mit ihrem neuen Job bei der gerade gegründeten Arbeitsgruppe des Frankfurter Vermisstendezernats V11 endlich wieder besser geht.

Doch wie das Schicksal es will, muss sie sich bei ihrem ersten Fall erneut mit einem jungen Mädchen beschäftigen, genauer gesagt mit zweien. Jelena Epp ist allerdings tot, ihre beste Freundin Marina Klaasen verschwunden. Die beiden stammen aus Kirgisien und sind gemeinsam mit einer strenggläubigen Glaubensgemeinschaft, der Bruderschaft Ebenezer, nach Deutschland gekommen. Während Marina sich deren konservativen Regeln beugt, findet Jelena Anschluss bei einer russischen Gang von Jugendlichen und beginnt ein Verhältnis mit Kolja, dem Kopf der Bande.

Die Arbeitsgruppe vom V11, die neben der Polizeipsychologin noch eine Computerexpertin, einen psychiatrischen Gutachter und die Kommissare Fischer und Liebler als Mitglieder zählt, steht vor einem Rätsel. Als Vorzeigeprojekt des Innenministers, das dessen Ruf vor der Landtagswahl aufpolieren soll, stehen sie schon kurz nach ihrer Gründung vor dem Nichts. Wo ist das Motiv zu suchen? In der religiösen Gemeinde, die Jelena wegen ihres Lebenswandels ausgestoßen hatte? In der Gang der russischen Jugendlichen, weil Kolja aufgrund von Jelenas Aussage in Haft sitzt?

Ein schwieriger Fall, den Hannah Roosen und ihre Kollegen da zu knacken haben. Krystyna Kuhn macht es ihnen nicht leicht, indem sie einen geschickt verschachtelten, aber zumeist übersichtlichen Krimi schreibt. Die Handlung ist originell, spannend und geschickt aufgebaut. Es wäre ein Einfaches gewesen, den Täter in einer der beiden verdächtigten Gruppen – die religiösen Gemeinde und die Jugendgang – anzusiedeln, doch Kuhn lässt sich nicht auf diese Ebene herab. Sie behandelt sowohl die Gläubigen als auch die jungen Russen mit Respekt und verzichtet auf gängige Vorurteile. Das führt dazu, dass die Suche nach dem Täter zwar komplex, aber sehr realistisch verläuft und durch ihre Tiefe besticht.

Der eigentliche Täter entpuppt sich als Randfigur, der nur wenig Bedeutung beigemessen wird. Dennoch ist das Motiv nachvollziehbar und überrascht, da es nicht in übliche Krimi-Muster passt. Es geht viel tiefer und Kuhn schafft es, die Beweggründe des Täters sehr plausibel und einfühlsam darzustellen. Sie lässt dem Menschlichen hinter dem Mord sehr viel Raum, so dass es als Leser schwerfällt, den Täter zu verurteilen.

Was den Roman, neben der Handlung, so lesenswert macht, ist die Hauptperson und Ich-Erzählerin Hannah Roosen. Hannah ist keine Heldin, sie ist eine ganz normale Frau und Mutter eines pubertierenden Fünfzehnjährigen. Während in anderen Büchern von Krystyna Kuhn entweder eine lebenslustige Singlefrau („Fische können schweigen“) oder eine eiskalte Karrierefrau („Wintermörder“) im Mittelpunkt standen, präsentiert die Autorin in „Engelshaar“ eine sehr alltägliche Frauenfigur.

Hannah ist ständig überarbeitet, hat zu wenig Zeit für ihren Sohn, in ihrer Ehe kriselt es und ihr neuer Job setzt ihr zu. Sie hat das Gefühl, nicht richtig ernst genommen zu werden, und arbeitet deshalb umso härter. Sie geht geradezu in dem Fall auf, und das kommt wiederum dem Leser zugute. Er ist hautnah am Geschehen und sieht alles durch Hannahs psychologisch geschultes Auge.

Da die Polizeipsychologin auf eine sehr menschliche Art in der Ich-Perspektive erzählt, konzentriert sich das Buch weniger auf die trockenen Ermittlungen als vielmehr auf die zwischenmenschlichen Töne des Geschehens. Gut sortiert und anschaulich dargestellt, überzeugen sie vor allem dank Hannahs sympatischem Erzählstil.

Anders als bei anderen Büchern der Autorin fehlt in „Engelshaar“ der teilweise sehr bissige Humor von Kuhn. Der Schreibstil ist Hannah angepasst, die zwar durchaus auch mal witzig sein kann, vordergründig aber eine vom Leben eingespannte Frau ist. Kuhn drückt sich gewählt aus, ohne überkandidelt zu klingen. Sie schafft mit ihrer treffsicheren Art für Sätze und Wörter ein dichtes Erzählnetz, das sehr mitreißend ist

Mit „Engelshaar“, dem dritten von mittlerweile vier Kriminalromanen, untermauert Krystyna Kuhn ihre Stellung als eine von Deutschlands aufstrebenden Krimiautorinnen. Sie schafft es, ihre anderen Bücher weder in Bezug auf die Handlung noch in Bezug auf Hauptperson zu kopieren. Hannah Roosen glänzt nicht durch Originalität, sondern durch Bodenständigkeit und unglaubliche Authentizität. Dadurch, dass sie in ihren Büchern ihren Schreibstil der jeweiligen Protagonistin anpasst, ist jeder Roman der Autorin ein ganz neues Erlebnis!

http://www.piper-verlag.de

_Krystyna Kuhn auf |Buchwurm.info|:_

[„Fische können schweigen“ 2882
[„Wintermörder“ 4037

Browne, Robert Gregory – Devil\’s Kiss – Dir bleiben 48 Stunden

Robert Gregory Browne ist nicht der erste Autor, der seine Kenntnisse aus seiner Zeit als Drehbuchschreiber in seine Bücher einfließen lässt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass derartige Vorkenntnisse meist zu spannenden, gut aufgebauten Geschichten führen. Die Autoren wissen schließlich, wie man ein Publikum unterhält.

Robert Gregory Brownes Debüt „Devil’s Kiss – Dir bleiben 48 Stunden“ fängt vielversprechend wie ein Actionfilm an. Eine junge, schwangere Frau erschießt in einer Bank zwei Wachmänner und zwingt die Kunden, sich auf den Boden zu legen. Wenig später finden sich ihre Komplizen, unter ihnen ihr Ehemann Alex Gunderson, ein unterschätzter Terrorist, ein und sie brechen den Tresor auf. Obwohl die Polizei schnell vor Ort ist, schafft die Bande es zu fliehen. Sie hat dabei keine Skrupel, wie der Spezialermittler Jack Donovan feststellen muss. Er verfolgt die Bankräuber, was letztendlich zu einem schlimmen Unfall führt. Sara, Alex Gundersons Frau, wird bei diesem Unfall so schwer verletzt, dass sie ins Koma fällt, weitere Mitglieder der Bande sterben, Donovan überlebt verletzt.

Über eineinhalb Monate später ist der Fall Gunderson in den Hintergrund geraten. Einzig Donovan glaubt, dass der Mann sich nach wie vor in Chicago aufhält. Seine Vermutung wird bestätigt, als Gunderson Donovans Tochter Jessie entführt. Er vergräbt sie in der Erde und versorgt sie per Sauerstoffmaske mit genug Sauerstoff für 48 Stunden. Er stellt keine Bedingungen, er will nur, dass Donovan spürt, was er ihm mit Saras Unfall – den er dem Ermittler in die Schuhe schiebt – angetan hat. Die Lage spitzt sich zu, als es zu einem folgenschweren Unglück kommt …

Explosionen, freche Sprüche, ein fesches Gangsterpärchen – „Devil’s Kiss – Dir bleiben 48 Stunden“ beginnt frisch und energiegeladen. Die Kapitel sind kurz, frei von Ballast und die Perspektiven wechseln schnell. Trotzdem lässt Robert Gregory Browne seinen Charakteren dabei genug Platz, um sich zu entfalten. Er schafft es, mit wenigen, kargen Sätzen Persönlichkeiten zu beschreiben, was an und für sich schon eine große Leistung ist.

Wenn man nach einem Wort sucht, dass den Thriller kurz und bündig beschreiben würde, wäre es das Adjektiv „cool“. Browne setzt neben den anfänglichen Hollywoodeffekten auf lässige Cops, abgebrühte Gangster und derbe Dialoge. Die Sprache ist bildhaft und effektiv, die Handlung spannend, da rasant und voller Überraschungen.

Leider hält Browne nicht, was der Anfang verspricht. Die Suche nach Donovans Tochter hat aufgrund der Umstände sehr großes Spannungspotenzial, aber der Autor tappt in eine Falle, die er sich selbst stellt. Eingangs erwähnt er, dass das Nahtoderlebnis seines Onkels ihn sehr berührt hat und er es deshalb dem breiten Publikum nahebringen möchte. Doch die Art und Weise, wie er das tut, wiegt die guten Absichten nicht auf.

Jack Donovan rast verzweifelt durch Chicago. Auf einer Brücke kommt es zu einem folgenschweren Überholmanöver, bei dem Jack mitsamt seinem Auto in den eiskalten Chicago River fällt. Er ist kurz tot, kann aber wiederbelebt werden. Der Unfall kann ihn nicht von der Suche nach seiner Tochter abhalten. Im Gegenteil hat er noch mehr Antrieb erhalten, denn in den Minuten zwischen Leben und Tod ist ihm der verstorbene Alex Gunderson erschienen. Er hat ihm einen bedeutenden, aber verschlüsselten Hinweis gegeben und nun setzt Donovan alles daran, noch einmal in Kontakt mit Alex zu treten.

Bis diese übersinnliche Komponente ins Spiel kommt, ist wirklich alles in Ordnung mit der Geschichte. Sie ist spannend und logisch aufgebaut und man liest sie mit hohen Erwartungen. Doch nach einiger Zeit verliert man den Überblick. Für 48 Stunden tischt Browne dem Leser ganz schön viel auf inklusive einem schweren Autounfall mit Krankenhausaufenthalt. Die Handlung wird etwas verworren. Spätestens als Jack behauptet, seit seinem Nahtoderlebnis sei Gunderson in seinem Inneren, driftet der Thriller ins Unrealistische ab. Bei aller Liebe, aber hier schlägt Browne ein bisschen über die Stränge und schafft es nicht, dies ordentlich zu begründen.

Trotz eines sehr vielversprechenden Anfangs ist „Devil’s Kiss – Dir bleiben 48 Stunden“ letztendlich nur ein B-Movie. Auf der Haben-Seite stehen die gut ausgearbeiteten, originellen Charaktere und der knackige, coole Schreibstil. Und der Anfang der Handlung. Eigentlich steht alles auf der Haben-Seite bis auf die Wende, die der Thriller nimmt, als Jack von der Brücke in den Chicago River rast. Die Art und Weise, wie Robert Gregory Browne das Nahtoderlebnis in seine Geschichte einbaut, missfällt aufgrund ihrer unrealistischen Züge und des – man möchte sagen – übersinnlichen Schnickschnacks.

http://www.knaur.de

Molist, Jorge – Hüter des Tempels

Verschiedene Glaubensrichtungen, unsere Vorstellungen von Gott und seinen Gesetzen werden seit Menschengedenken nicht unbedingt friedlich interpretiert. Leider ist es so, dass Religion immer schon ein Mittel war, um Macht über die Bevölkerung auszuüben, sei es des Geldes wegen oder um den politischen Einfluss in der Region zu auszubauen. Das Negative der Religionen geht immer mit ihren positiven Auswirkungen einher, und da Menschen immer nach Macht und Einfluss streben, sind die unzähligen modernen Kommunikationsmöglichkeiten geradezu der beste Kanal, um auch die entferntesten (Un-)Gläubigen zu beeinflussen.

Nichtchristliche Sekten und auch christliche Splittergruppen werden oft skeptisch beobachtet, nicht nur von uns selbst, sondern auch von Politikern und kontrollierten staatlichen Institutionen immer genauer unter die Lupe genommen. In den Grundgesetzen ist zwar eine freie Ausübung der Religion, des Glaubens verankert, aber auch solche Glaubensgemeinschaften unterstehen rechtlich den Gesetzen des Landes, und das nicht ohne Grund.

Im Namen des Glaubens wurden und werden Kriege geführt, Menschen gezielt beeinflusst, verfolgt und getötet; dass alles geschieht dann im Namen eines Gottes. Vor Jahrhunderten waren es die Kreuzzüge, später dann Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken und jetzt werden erneut Kriege und Konflikte zwischen Christen und Moslems geschürt. Gerade die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und Gruppen bilden eine gefährliche Basis für leicht beeinflussbare Menschen, die sich schnell als Fisch zwischen den Maschen des Netzes wiederfinden können, das ein Menschenfischer ausgeworfen hat.

Der Thriller „Die Hüter des Tempels“ von Jorge Molist greift eine solche Konfrontation verschiedener Glaubensrichtungen auf und öffnet dadurch eine Parallele, die, obschon Fiktion, bald Wirklichkeit werden könnte.

_Die Geschichte_

In dem wichtigsten und mächtigsten Medienkonzern der USA laufen alle Kommunikationskanäle zentral zusammen und bilden ein nicht zu unterschätzendes Macthpotenzial aus, um Menschen zu informieren und zu beeinflussen – auf die eine oder andere Art und Weise. Auf diesen Medienkonzern wird ein Bombenanschlag verübt, bei dem eine der höchsten Führungspersonen des Unternehmens getötet wird. Dieser wurde schon als Nachfolger des alternden Konzernchefs gehandelt, war zudem sein bester Freund und hinterlässt nicht nur als Angestellter ein Vakuum in der Führungsetage.

Doch bald steht fest, dass der Anschlag gezielt und erst der Anfang einer großangelegten Unterwanderungsaktion einer Sekte gewesen ist, die sich die „Hüter des Tempels“ nennen. Dem FBI, das die Ermittlungen aufnimmt, ist diese Sekte scheinbar unbekannt, und zudem steht die Behörde auch unter den Druck des Konzernchefs, der Rache für seinen getöteten Freund erstrebt. Laut dem FBI möchte diese Sekte den Medienkonzern unterwandern und darüber ihre eigenen sehr religiösen und radikalen Ansichten verbreiten, um noch mehr Macht und Einfluss zu gewinnen. Doch es gibt noch eine weitere Interessengemeinschaft, eine andere sehr alte Glaubensgemeinschaft, die versucht, den Konzern zu beeinflussen und führende Positionen zu erlangen, um die „Hüter“ an ihren Plänen zu hindern – die Katharer.

Das alles interessiert den erfolgreichen Jaime Bernguer in seiner führender Position innerhalb der Rechnungsprüfung überhaupt nicht. Sein Leben erscheint ihm nach der Trennung von seiner Frau ohne wirklichen Sinn oder ein Ziel, das er erreichen könnte. Bei einem Mittagessen lernt er scheinbar zufällig die attraktive Konzernanwältin Karen Jansen kennen und verliebt sich in sie, allerdings ohne zu ahnen, dass die Gründe ihrer Zuneigung viel tiefer und weiter reichen als eine gegenseitige Sympathie, aus der eine Partnerschaft entstehen könnte.

Karen ist eine Katharerin. Am Anfang ihrer Beziehung scheint sie ihn nur benutzt zu haben und fügt sich nicht unbedingt in die Vorstellungen einer Liebe, wie sie Jaime empfindet. Jaime, ohnehin auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens, lässt sich aus Liebe zu ihr beeinflussen und willigt ein, sich an einem Ritual der Katharer zu beteiligen, welches ihm ermöglicht, unter Hypnose den Schritt in ein früheres Leben zu gehen. Laut dem katharischen Glauben ist die Reinkarnation der Seele ein notwendiger Prozess, um sich immer weiter zu entwickeln, um später ein spiritueller, vollkommener Teil Gottes zu werden. Ihren Körper betrachten diese als Gefäß, das der Teufel geschaffen hat, um die Seele binden und daran zu hindern, Vollkommenheit zu erlangen.

Jaime hat in der Hypnose wirklich ein entsprechendes Erlebnis. Im 12. Jahrhundert war er Pedro I., der König von Aragon, und verliebt in die Katharerin Corba, in der die frühere Verkörperung von Karen erkennt. Immer schneller wird Jaime in die Machenschaften der sich bekämpfenden „Hüter des Tempels“ und der Katharer verwickelt, und bald stellt er fest, dass eine Aufgabe aus seinem früheren Leben auf ihn wartet, der er sich nicht mehr zu entziehen vermag.

Als eine Mitarbeiterin des Konzerns auf einer Geschäftsreise brutal gefoltert und ermordet wird, die ebenfalls eine Anhängerin der Katharer war, wird Jaimes Rolle immer gewichtiger. Er muss den Konzernchef davon überzeugen, dass die Firma in Gefahr ist, überlaufen zu werden, und sammelt zusammen mit Karen Beweise, um dafür zu sorgen, dass die Hüter des Tempels aus den Führungsetagen entfernt werden.

Die Situation spitzt sich für beide Lager zu und die Hüter, die ihre Pläne in Gefahr sehen, entschließen sich zu einem brutalen Schritt. Ein Angriff auf den Chef des Medienkonzerns mitsamt seinen Getreuen soll ausgeführt werden; die Morde, die Schuld soll den Katharern zugeschoben werden. Jaime muss sich schnell entscheiden und seinerseits seine auch aus seinem letzten Leben stammenden Getreuen um sich scharren, um zu beenden, was vor Jahrhunderten begann …

_Kritik_

Ich gebe zu, die Handlung klingt an den Haaren herbeigezogen und unglaubwürdig, aber der Roman hat durchaus seine angenehmen Passagen und bietet dem Leser einen ersten Einblick in das Gedankengut katharischen Glaubens.

Jorge Molist schreibt ein wenig unstrukturiert; besonders die Rückblenden von Jaime erschweren es, der Handlung zu folgen, und weisen erzählerische Längen auf, die man sich manches Mal hätte ersparen können. Für die Handlung selbst im Grunde erlässlich, möchte man doch die Zusammenhänge der hier auftauchenden Protagonisten verstehen und verliert dabei die übergeordnete Handlung aus den Augen; zum anderen tauchen hier Fragen auf, die auch am Ende des Romans nicht beantwortet werden können.

Jaimes Charakter wird dabei noch am besten vom Autor interpretiert und hinterfragt. Leider bleibt hier das Zusammenspiel mit den anderen Figuren ein wenig auf der Strecke. Durch viele Wirrungen und Überraschungen in den Handlungen und der Positionen der Charaktere liest sich der Roman durchaus recht spannend und unterhaltsam. Allerdings empfinde ich viele Handlungsweisen der Hauptpersonen einfach unglaubwürdig und naiv. Liebe macht bekanntlich blind, aber dass sie den Bezug zur Realität völlig vernebelt, möchte man dem Autor nicht zwingend abkaufen.

Die Grundzüge der Religion des katharischen Glaubens spiegelt Jorge Molist recht gut wider. Auch wenn es sich nur um ein Grundgerüst handeln mag, wird hier die Definition von Freiheit und Achtung gegenüber Mitmenschen allzu glaubhaft geschildert, fast schon werbewirksam. Die Botschaft der Katharer und die Unterschiede zum katholischen oder allgemein christlichen Glauben werden vom Autor zwar in der Handlung beschrieben, aber nicht in ihrem Innersten erklärt. Ebenso bleibt der Ursprung und Hintergrund des katharischen Glaubens schlichtweg unerwähnt. Sicherlich haben solche Erklärungen und Interpretationen in einem Thriller nicht viel zu suchen und deshalb kann man hier auch nur bedingt kritisieren, aber wenn schon ein derart wichtiges Kapitel der Religionsgeschichte aufgegriffen wird, erwartet man schon etwas mehr Substanz. Jorge Molist nimmt sich selbst viele historische Freiheiten heraus und legt viel mehr Wert auf eine spannende, aber seichte Unterhaltung im Thriller-Genre.

_Fazit_

„Die Hüter des Tempels“ von Jorge Molist ist im Grunde ein spannender Thriller, der besonders im letzten Teil fesselt. Alleine die Überraschungen im Handeln der Personen lassen den Leser zügig durch die Seiten blättern. Der Roman weiß zu unterhalten, ohne aber nennenswert das Nachdenken anzuregen. Im Genre Thriller ist „Die Hüter des Tempels“ bestens aufgehoben. Historisch überzeugt er dagegen überhaupt nicht, weder in den Rückblenden noch in den Botschaften des katharischen Glaubens.

Der Roman ist, fassen wir es unter dem Strich zusammen, empfehlenswert für Leser, die sich gerne mit Verschwörungstheorien unterlegt mit Actioneinlagen unterhalten lassen möchten. Ein guter Roman, der eine spannende Geschichte zu erzählen weiß, ohne dass er jedoch in der Erinnerung lange präsent bleibt.

_Der Autor_

Jorge Molist wurde 1951 in Barcelona geboren. Als Ingenieur verbrachte er viele Jahre in den USA und anderen europäischen Ländern. Seine Begeisterung und Kenntnisse für Geschichte brachten ihn zum Verfassen historischer Romane. Sein Debüt „Das zweite Testament“ wurde über 150.000-mal verkauft. Heute lebt Jorge Molist als Unternehmensleiter in Madrid.

|Originaltitel: El retorno cataro
Aus dem Spanischen von Antoinette Gittinger
Taschenbuch, 512 Seiten|
http://www.heyne.de
[Wikipedia: Katharer]http://de.wikipedia.org/wiki/Katharer

Robert B. Parker – Der stille Schüler

Privatdetektiv Spenser untersucht ein Schulmassaker, das auffällig eifrig ad acta gelegt werden soll. Einem neugierigen Schnüffler, der unangenehme Fragen stellt, kann deshalb leicht etwas zustoßen … – Der 33te (!) Spenser-Thriller lässt durch seinen Plot aufhorchen, der in dem für den Verfasser typischen knappen und dialoglastigen Stil kompetent entwickelt aber etwas zu routiniert umgesetzt wird: für Spenser-Fans und Freunde des „private eye“-Thrillers im Stil des späten 20. Jahrhunderts.
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Michael Connelly – Der Mandant

Michael Haller ist der „Lincoln Lawyer“ – ein moralisch geschmeidiger Winkeladvokat, der seine Geschäfte am liebsten vom Rücksitz einer Limousine der gerade genannten Automobilmarke aus führt. Mobilität ist angesichts seiner Arbeitsmethoden keine schlechte Wahl, denn Haller pflegt seine Klienten finanziell so stark wie möglich zur Ader zur lassen und ist daher kein beliebter Zeitgenosse. Allerdings gehört er zu den besten seiner Zunft – ein mit allen Wassern gewaschener Strafverteidiger, der seinem Job bereits zwei Ehen geopfert hat.

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Bachmann, Richard / King, Stephen – Qual

Das Leben hat Clayghton Blaisdell jr, genannt Blaze, übel mitgespielt. Mit drei Jahren verliert er seine Mutter bei einem Unfall, sein Vater ist ein Trinker, der ihn oft verprügelt. Eines Tages wirft er seinen Sohn die Treppe hinunter. Blaze überlebt nur knapp und trägt einen Hirnschaden davon, der den begabten Jungen in ein leicht zurückgebliebenes Kind verwandelt. Er kommt in ein Waisenhaus, dessen strenge Erziehungsmethoden seine Lage aber nicht verbessern. Auch die kurze Zeit bei Pflegeeltern endet mit einer Katastrophe.

Blaze wächst zu einem einfältigen, aber dafür körperlich umso stärkeren Jugendlichen heran, der sich mit kleinen Delikten über Wasser hält. In diesem Milieu trifft er auf den gerissenen Gauner George, der ihn zu seinem Partner macht. Auch wenn Blaze hin und wieder unter Georges Attacken leiden und missgelungene Coups ausbaden muss, fühlt er sich bei ihm gut aufgehoben. Kurz vor der geplanten Entführung eines Babys reicher Eltern, das den beiden zwei Millionen bringen soll, stirbt George jedoch in einer Messerstecherei.

Blaze ist wieder auf sich allein gestellt – doch er fühlt Georges Gegenwart nach wie vor in seiner Nähe. Die Stimme seines Partners sitzt in seinem Kopf und sagt ihm, er soll den großen Coup alleine durchziehen. Blaze gelingt es tatsächlich, den kleinen Joe an sich zu bringen. Von nun an wird er nicht nur von der Polizei gejagt, sondern er spürt auch eine immer größer wachsende Zuneigung zu dem Baby …

Bereits aus dem Jahre 1973 stammt dieser frühe King-Roman, der unter seinem Pseudonym Richard Bachmann, das 1985 gelüftet wurde, erscheinen sollte. Das Manuskript geriet in Vergessenheit, bis es jetzt in überarbeiteter Form veröffentlicht wurde.

|Gelungener Protagonist|

Im Mittelpunkt steht Blaze, ein geistig leicht retardierter Mann mit hünenhafter Gestalt, unverkennbar eine Hommage an die Figur des Lennie aus Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“, wie King auch im Nachwort bestätigt. Blazes Leben steht von Anfang an unter einem schlechten Stern, die Mutter stirbt, der Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker. Der schwere Treppensturz hinterlässt neben dem Hirnschaden eine auffallende Delle in der Stirn des Jungen, die ihn, zusätzlich zu seinem früh entwickelten Bärenkörper, von nun an wie ein Kainsmal durchs Leben begleitet. Einen kleinen Lichtblick bildet seine Freundschaft im Waisenhaus zum schmächtigen John, die jedoch durch dessen Tod jäh beendet wird. Fast zwangsläufig gleitet der unbeholfene Blaze in ein kriminelles Leben ab und fast ebenso zwangsläufig verspürt man Mitgefühl. Obwohl man ahnt, dass es kein glorreiches Happy-End geben wird, hofft man beständig darauf, dass sich Blazes Lage bessern wird. Zu keiner Zeit ist Blaze ein schlechter Mensch, doch ein ums andere Mal überschätzt er seine körperlichen Kräfte, was fatale Folgen mit sich bringt.

Besonders gelungen sind die Rückblenden, in denen Blazes Kindheit und Jugend beleuchtet wird. Blaze wehrt sich gegen die Drangsalien des Rektors, macht Bekanntschaft mit der ersten Liebe und erlebt einen aufregenden Tag mit seinem Freund John in Boston, der ihm ein paar Momente des Glücks beschert. Bei etlichen tragikkomischen Szenen fällt es schwer, sich zwischen Lachen und Weinen zu entscheiden, etwa wenn er treudoof auf gehässige Kommentare seines Partners George reagiert.

|Wenig Gewalt, kein Horror|

Der Name Stephen King steht in der Regel für Horror, oft mit übernatürlichen Elementen. Unter den Pseudonym Richard Bachmann veröffentlichte er realitätsnähere, dafür sehr harte Romane mit deprimierend-düsterer Stimmung. Mit anderen Bachmann-Werken hat „Qual“ den knappen Stil gemeinsam. Keine ausufernden Schilderungen einer typischen Kleinstadt, wie King es sonst gerne zelebriert, dafür eine direkte Sprache, die andeutet, dass er sich stilistisch an den Hardboiled-Krimis der vierziger Jahre orientierte. Todesfälle und brutale Szenen werden nur kurz erwähnt, ohne dass auf Details eingegangen würde, doch gerade dieser lakonische Stil, der Blazes hartes, schnörkelloses Leben widerspiegelt, ruft beim Leser Emotionen hervor. Für einen Hauch von Mystik sorgt die Stimme des toten George, die Blaze in seinem Kopf hört, die aber eher den Status eines imaginären Freundes besitzt als den eines Geistes. Im Gegensatz zu Werken wie „Todesmarsch“, „Menschenjagd“ oder „Der Fluch“ ist die Atmosphäre nicht bitterböse, sondern eher auf Melancholie aufgelegt. Es ist kein reiner Krimi, sondern mehr ein tragisches Melodram über einen Außenseiter, das eher bewegt als nervenaufreibend fesselt.

|Kleine Schwächen|

Die Schwäche des Romans liegt in seiner Vorhersehbarkeit. Die geradlinige Handlung, die nie lange an einem Punkt in Blazes Leben verweilt, entwickelt sich zum größten Teil genau so, wie der Leser es erwartet. An keiner Stelle taucht eine überraschende Wendung auf, worunter mit der Zeit auch die Spannung leidet. Blazes Gefühle für das Baby kommen nicht unerwartet, da man seinen Charakter bis dato ausreichend kennt. Somit bleibt nur die Frage offen, welches Schicksal er und sein „Schützling“ nehmen, die aber am Ende nur von den eigenen Vermutungen bestätigt bleibt. Ein Manko darüberhinaus ist das zu rasch eingeleitete und zu knapp abgehandelte Ende. Gerade weil der Leser schon recht früh ahnt, auf was für ein Finale der Roman hinauslaufen wird, ist der Schluss im Vergleich zum Rest etwas enttäuschend. Man wünscht sich noch einen kleinen zusätzlichen Nachhall, muss sich aber mit einem unspektakulären Ende begnügen.

Sehr unglücklich gewählt ist der Titel der deutschen Übersetzung, da man sich unter „Qual“ kaum etwas vorzustellen hat. Während das Original schlicht nach seiner Hauptfigur „Blaze“ benannt ist, besitzt das deutsche Pendant keinen Bezug zum Inhalt, wenn man davon absieht, dass Blazes Leben größtenteils eine „Qual“ ist. Als schöne Beigabe für King-Fans ist im Anschluss die Kurzgeschichte „Erinnerung“ enthalten, die den Ausgangspunkt für den neuen King-Roman, der Anfang 2008 erscheinen soll, bildete.

_Als Fazit_ bleibt ein bewegender Roman über einen Außenseiter in bester Steinbeck-Tradition. Die vordergründige Krimi-Handlung um eine Entführung rückt zugunsten der melodramatischen Elemente in den Hintergrund. Kleine Abzüge gibt es für die vorhersehbare Handlung und das zu knapp gehaltene Ende.

_Stephen King_, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit „Carrie“ seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: „Es“, „Christine“, „Shining“, „Misery“, „The Stand“ und die siebenteilige Saga vom „Dunklen Turm“. Weitere Bücher erschienen unter dem Pseudonym Richard Bachmann. Mehr über ihn auf seiner Homepage http://www.stephenking.com.

|Originaltitel: Blaze
Originalverlag: Scribner
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger
Gebundenes Buch, 384 Seiten, 13,5 x 21,5 cm|
http://www.heyne.de

_Stephen King bei |Buchwurm.info|_ (Auswahl):

[„Brennen muss Salem – Illustrierte Fassung“ 3027
[„Brennen muss Salem“ 3831 (Hörbuch)
[„Briefe aus Jerusalem“ 3714 (Audio)
[„Friedhof der Kuscheltiere“ 3007 (Audio)
[„Puls“ 2383
[„Trucks“ 2327 (Audio)
[„Colorado Kid“ 2090
[„The Green Mile“ 1857 (Audio)
[„Das Leben und das Schreiben“ 1655
[„Atemtechnik“ 1618 (Audio)
[„Todesmarsch“ 908
[„Der Turm“ 822 (Der Dunkle Turm VII)
[„Der Sturm des Jahrhunderts“ 535
[„Tommyknockers – Das Monstrum “ 461
[„Achterbahn“ 460
[„Danse Macabre – Die Welt des Horrors“ 454
[„Christine“ 453
[„Der Buick“ 438
[„Atlantis“ 322
[„Das Mädchen“ 115
[„Im Kabinett des Todes“ 85
[„Duddits – Dreamcatcher“ 45

Kuhn, Krystyna – Wintermörder

Die im Spessart wohnende Autorin Krystyna Kuhn arbeitet fleißig daran, sich in der deutschen Literaturwelt einen Namen zu machen. Zwei Jugendbücher und vier Krimis gehen mittlerweile auf ihre Kappe. Einer davon ist „Wintermörder“, der die Gegenwart mit der dunklen Vergangenheit Deutschlands verbindet.

Myriam Singer ist Staatsanwältin. Ihr Beiname ist „Eiserne Lady“. Sie legt keinen Wert darauf, sich Freunde zu machen und hat kein Problem damit, beständig ihre geheime Telefonnummer zu ändern, weil man sie bedroht. Außerdem ist die junge Frau karriereversessen und mischt sich nur allzu gerne in die Ermittlungen der Kriminalpolizei ein, wenn es um „ihre Fälle“ geht.

An einem kalten Winterabend wird Henriette Winkler, die fünfundachtzigjährige Vorsitzende eines Frankfurter Bauunternehmens, brutal ermordet. Nachdem der Täter ihr sämtliche Knochen gebrochen hat, übergießt er sie mit Wasser und lässt sie in ihrem Garten erfrieren. Zeitgleich verschwindet Frederik, der Urenkel von Henriette Winkler. Die Kommissare Liebler und Fischer sowie Myriam sehen einen Zusammenhang. Sie können ihn nur nicht erklären. Es geht keine Lösegeldforderung ein, dafür wendet der Täter sich an Udo Jost, einen zwielichtigen Fernsehjournalisten. Er spielt ihm ein Foto zu, das Henriette Winklers Ehemann zur Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einer Nazigröße zeigt. Myriam Singer und Henri Liebler, der neuerdings darauf besteht, sie zu duzen, stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Wie hängt die Vergangenheit mit der Gegenwart zusammen und was hat Henriette Winkler zu verbergen gehabt?

Krimis, die einen Rückbezug zum Zweiten Weltkrieg herstellen, sind beileibe keine Seltenheit. „Wintermörder“ sticht in dieser Hinsicht auch nicht sonderlich hervor. Die Ereignisse sind nicht sonderlich originell, dafür aber wunderbar gradlinig und schnörkellos erzählt. Kuhn begeht nicht den Fehler, dem Privatleben ihrer Charaktere übertrieben viel Raum einzuräumen. Myriams einsames Singleleben kommt zwar ab und an zur Sprache, aber nie in ausschweifender Art und Weise. Der Fokus liegt eindeutig auf der Handlung. Das sorgt dafür, dass die Spannung sich gegen Schluss immer mehr steigert und in einem Showdown der leisen Töne endet.

Mit Myriam Singer ist Kuhn ein ungewöhnlicher Charakter gelungen. Myriam wirkt auf den ersten Blick nicht gerade sympathisch. Die karriereorientierte Staatsanwältin nimmt wenig Rücksicht und scheint vollkommen gefühlskalt zu sein. Ihre juristische Einstellung als Hardliner schlägt sich auch in ihrem Gefühlsleben nieder. Dennoch merkt der Leser an der einen oder anderen Stelle, dass sie doch nicht so glücklich ist, wie sie vorgibt.

Kuhn nutzt diese Tatsache für sich und zeichnet das vielschichtiges Bild einer modernen Karrierefrau. Myriam bestimmt das Buch mit ihrer Perspektive in der dritten Person. Der Journalist Jost und die Mutter von Frederik, eine ehemalige Freundin von Myriam, kommen zwar auch zu Wort, aber nur sporadisch. Dennoch sind diese Fremdperspektiven sehr dicht erzählt und überzeugen, da die Personen im Rahmen des Möglichen sehr genau ausgearbeitet sind.

Eine spannende Handlung und gut ausgearbeitete Personen machen aber noch lange kein gutes Buch aus. Es ist der Schreibstil, der letztendlich alles zusammenhält. Glücklicherweise hat Krystyna Kuhn schon in anderen Büchern bewiesen, dass sie gut schreiben kann. Ihr Stil ist sehr beweglich und orientiert sich stark an der Geradlinigkeit der Handlung. Sie benutzt nur wenige Metaphern, die sitzen dafür aber meistens. Ganz so kess wie bei [„Fische können schweigen“ 2882 klingt die Autorin dieses Mal nicht. Das passt aber zu der unterkühlten Art von Myriam Singer und schließt die eine oder andere bissige humorvolle Bemerkung nicht aus.

Insgesamt ist Krystyna Kuhn ein guter Kriminalroman gelungen. Die Handlung ist spannend, der Schreibstil prima und die Hauptfigur originell. Aufgrund der Wahl des Themas im Buch – der Zweite Weltkrieg und seine möglichen Auswirkungen auf die Jetztzeit – kann man „Wintermörder“ nicht als genrebrechende Innovation bezeichnen. Trotzdem hat die Autorin ihre Hausaufgaben gemacht und ein Buch geschrieben, dass immerhin handwerklich auf ganzer Linie überzeugt.

http://www.goldmann-verlag.de

Brennan, Allison – Leichte Beute

Leichen im Keller – die hat die berühmte Bestsellerautorin Rowan Smith genügend, auch wenn sie diese lieber in Vergessenheit wüsste. Doch nun scheint ihre mysteriöse Vergangenheit sie einzuholen, denn ein Mörder nimmt ihre Psychothriller zur Vorlage für seine eigenen grausigen Taten und lässt das entsprechende Buch, von dem er sich hat inspirieren lassen, am Tatort zurück.

Eigentlich hat Rowan alles, was man sich nur träumen kann: Sie hat vier Bestseller veröffentlicht, die fünfte Veröffentlichung steht kurz bevor und auch die Buchverfilmungen sind ein voller Erfolg. Außerdem ist Rowan unglaublich gut aussehend, durchtrainiert und steht in der Blüte ihres Lebens, doch dann geschieht der erste Mord und ihre erste Romanprotagonistin muss in der Realität auf grausame Art und Weise sterben. Sofort ist klar, dass nicht die Protagonisten das Ziel des Mörders sind, sondern die erfolgreiche Autorin selbst. Doch erst will der große Unbekannte seinen Spaß haben und Rowan noch lange quälen. Erst wenn sie gebrochen ist, sich fürchtet und kein eigenes Leben mehr führen kann, dann will er sie holen, foltern und schließlich ermorden.

Nicht nur Rowans Agentin hat Angst um Rowan, sondern auch ihr ehemaliger Chef beim FBI. Die beiden heuern einen Bodyguard für Rowan an, obwohl diese sich mit Händen und Füßen dagegen wehren möchte und der Meinung ist, dass sie als ehemalige FBI-Agentin allein für sich sorgen und auf sich aufpassen kann. Als Rowan ihren Bodyguard Michael Flynn allerdings kennen lernt, erkennt sie schnell, dass sie tatsächlich Schutz benötigt und nimmt die Hilfe widerwillig an. Michael verliebt sich auf den ersten Blick in Rowan, doch als sein Bruder John ins Spiel kommt, merkt Michael schnell, dass er nicht nur gegen einen gefährlichen unsichtbaren Mörder kämpft, sondern auch gegen seinen eigenen Bruder, der ebenfalls Gefühle für Rowan entwickelt hat. Das Spiel gegen die Uhr beginnt, doch nicht jeder wird diesen Kampf gewinnen …

Allison Brennans Geschichte ist nicht neu; sie ist nicht die erste, die von einer Krimiautorin schreibt, deren Fantasiemorde von einem Psychopathen in die Tat umgesetzt werden, doch gelingt ihr der Plot davon unabhängig ausgesprochen gut. Von Anfang an schlägt ihr Psychothriller den Leser in den Bann. Schon im Prolog lernen wir den Mörder kennen, wissen allerdings zunächst nicht, auf wen er es abgesehen hat und um wen es sich überhaupt handelt. Lange lässt Brennan uns darüber im Unklaren, in welcher Verbindung Rowan und der unbekannte Mörder zueinander stehen. Doch früh ist klar, dass Rowan Smith etwas zu verbergen hat. Bevor sie angefangen hat, Romane zu schreiben, hatte sie eine vielversprechende Karriere beim FBI. Ein Mordfall war es damals, der Rowan schlagartig dazu bewegt hat, ihren Job an den Nagel zu hängen und sich einer neuen Karriere zu widmen. Wieso hat der Fall Franklin Rowan so sehr erschüttert, dass sie nicht länger für das FBI arbeiten konnte? Nur ganz allmählich klärt Brennan diese brennende Frage auf.

Währenddessen mordet der Unbekannte weiter und stellt einen fiktiven Mord nach dem anderen nach. Doch schon beim zweiten Mord begnügt er sich nicht mehr damit, Rowans Geschichte zu imitieren, er schickt ihr einen Grabkranz und macht ihr somit klar, dass er es im Endeffekt nur auf sie abgesehen hat, dass sie seine Mordserie wird krönen müssen. Rowan ist erschüttert und fühlt sich schuldig, weil sie die Figuren erdacht hat und die Taten ihrer Fantasie entsprungen sind. Rowan ist sich sicher, dass die Lösung für die Mordserie in ihrer FBI-Vergangenheit zu finden ist, sie wühlt sich durch ihre alten Akten, kommt der Lösung allerdings kein Stückchen weiter. In diesem rasanten Katz-und-Maus-Spiel baut Allison Brennan immer weiter Spannung auf, bis man schließlich bis in die Nacht hinein weiterlesen muss, um endlich zu ergründen, was den Mörder antreibt und welchen Hass er Rowan gegenüber hegt.

Obwohl ihr Erzähltempo hoch ist, nimmt Brennan sich Zeit, ihre Protagonisten vorzustellen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Rowan Smith, die uns zunächst unergründlich scheint. Dass sie etwas verheimlicht, merken wir früh, auch dass sie in ihrer Vergangenheit großen Schmerz ertragen musste, lässt Brennan bald durchblicken, doch wer Rowan Smith wirklich ist, was sie zu verbergen hat, das erfahren wir spät. Auf den ersten Blick ist Rowan Smith die taffe Ex-FBI-Agentin, die mit der Waffe unter ihrem Kopfkissen schläft und jeden Tag mindestens zehn Kilometer am Strand entlangjoggt, sie kann also auf sich selbst aufpassen. Doch auf den zweiten Blick ist sie verletzlich, die Morde jagen ihr eine Heidenangst ein und reißen alte Wunden auf, die Rowan längt verheilt geglaubt hat. Sie wird immer schwächer, ängstlicher und verzweifelter, als der Mörder ihr immer näher kommt. Rowan Smith hat viele Facetten und wir lernen viele davon kennen, sodass sie nach und nach viel Profil gewinnt. Michael und John Flynn sind die beiden Männer, die ihr zur Seite stehen und die um Rowans Herz kämpfen. Beide Brüder haben sich verliebt, doch Rowan hat ihre Wahl längst getroffen. Der ebenso unergründliche John ist es, in dem sie einen Seelenverwandten wiederfindet. Er ist es, der schließlich ihr Herz erobert und mit dem sie eine gefährliche Affäre beginnt. Denn während die beiden sich ihrer Leidenschaft hingeben, schleicht sich der Mörder immer näher und droht den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen.

Im Rahmen der packenden Thrillerhandlung gelingt Allison Brennan die Charakterzeichnung ausgesprochen gut, obwohl sie durchaus Schablonen verwendet. Natürlich ist die weibliche Hauptfigur schön, stark und erfolgreich und natürlich steht ihr ein ebenso starker Mann zur Seite, der sie beschützen will. Dennoch fügt sich diese Charakterisierung stimmig in den Plot ein.

Nicht ganz schlüssig gelingt allerdings die leidenschaftliche Affäre zwischen Rowan und John, die zu einer Zeit beginnt, als um die beiden herum bereits die Welt einzustürzen droht. Rowan rückt auf der Liste des Mörders immer weiter nach oben, dennoch sind die beiden Verliebten kaum aus dem Bett zu kriegen und schaffen es nur mit Not, nicht gleich am Strand nach dem Joggen übereinander herzufallen, sondern erst dann, wenn die Haustür hinter ihnen zugefallen ist. Irgendwie erscheint es mir nicht sonderlich glaubwürdig, dass zwei Menschen die Welt um sich herum so weit verdrängen können, wo geliebte Menschen bereits sterben mussten und in jeder Sekunde der Angriff des Unbekannten zu befürchten ist. Auch die ausgiebige und detaillierte Schilderung der zahlreichen Sexszenen bedient sich aller greifbaren Klischees. Etwas mehr Einfallsreichtum wäre Allison Brennan dann doch zu wünschen gewesen.

Natürlich darf am Ende nicht der packende Showdown fehlen, bei dem Mörder und Opfer sich schließlich gegenüberstehen und um ihr Leben kämpfen. So lernt Rowan am Ende ihren Widersacher kennen, obwohl sie zu dem Zeitpunkt längst wusste, wer sie erwarten würde. Das Buchende wirkt ein wenig abgedroschen und war irgendwo auch absehbar, aber das mag man Brennan vielleicht verzeihen, denn es war ein Buchende wie jedes andere. Hier ist kein Knaller, keine große Wendung mehr zu erwarten, sie schildert lediglich überwiegend stimmig ihre Geschichte zu Ende. Mich persönlich konnte das Ende zwar nicht vom Hocker reißen, doch angesichts des gelungenen Spannungsaufbaus und der kurzweiligen und packenden Erzählung möchte ich der Autorin den einen oder anderen kreativen Hänger verzeihen.

„Leichte Beute“ ist ein Thriller, der einen von der ersten Seite an packt und nicht mehr loslässt, bis man das Buch endlich durchgelesen hat und an die Seite legen kann. Allison Brennan schlägt ein unglaubliches Tempo an und schafft es dennoch, nebenbei ihre Protagonisten vorzustellen. Brennan schafft es immer wieder genau im richtigen Moment, neue Informationen einzustreuen, die den Leser der Lösung des Falles ein winziges Stückchen näher bringen und die Spannung noch weiter steigern. Die Geschichte ist mysteriös, faszinierend und wahnsinnig spannend. Und auch wenn „Leichte Beute“ vielleicht nicht der ganz große Wurf ist, so unterhält der Psychothriller ausgesprochen gut.

http://www.diana-verlag.de

Durbridge, Francis – Paul Temple und der Fall Z

Eine Reise führt das Ehepaar Paul und Steve Temple nach England: Paul, der als Schriftsteller ebenso berühmt ist wie als Amateur-Detektiv, hat der berühmten Schauspielerin Iris Archer ein Theaterstück auf den schönen Leib geschrieben. Zu seinem Erstaunen sagt sie, die zunächst die Rolle der „Lady Seaton“ spielen wollte, nunmehr ohne Angabe von Gründen ab. Enttäuscht begeben sich die Temples auf einen längeren Urlaub, der sie nach Schottland in das idyllische Dörflein Inverdale führt.

Noch bevor sie ihr Ziel erreichen, werden sie von einem jungen, sehr aufgeregten Mann angehalten, der ihnen einen Brief übergibt, den sie unbedingt einem Mr. John Richmond in Inverdale übergeben sollen. Der hilfsbereite Temple schlägt ein – und wird neugierig, als ihn zwei zwielichtige Gestalten behelligen, denen er unbedingt besagten Brief aushändigen soll. Temple täuscht sie mit einem Trick und will in Inverdale Kontakt zu Richmond aufnehmen. Der entpuppt sich als Sir Graham Forbes, Chief Commissioner von Scotland Yard und ein alter Freund der Temples, der hier offenbar auf einer geheimen Mission ist. Im Gasthof „Royal Gate“ taucht darüber hinaus Iris Archer auf!

Wie der Zufall so spielt, sind die Temples genau dorthin gereist, wo ein international aktiver Spionagering sein Unwesen treibt. Die Kunde von einer angeblichen militärischen Wunderwaffe wurde ihrem Anführer – dem mysteriösen „Z.04“ – vom britischen Geheimdienst zugespielt, der sich tatsächlich aus der Reserve locken und den Erfinder nach Schottland verschleppen ließ. Dort hat er inzwischen seine Erfindung verbessert, die nunmehr funktioniert und auf keinen Fall das Land verlassen darf!

Temples Auftauchen sorgt für Nervosität unter den Spionen. Als er und Steve nur knapp einem Mordanschlag entgehen, schaltet sich der ergrimmte Detektiv in die Ermittlungen ein. Dank seiner Fähigkeiten entlarvt er allmählich die einzelnen Bandenmitglieder, zu denen auch Iris Archer zählt. Doch wenn es nicht gelingt, „Z.04“ die Maske vom Gesicht zu reißen, könnte der Coup der Spione noch gelingen …

Francis Durbridge gehört zu denjenigen Schriftstellern, die einst in Deutschland einen Ruf wie Donnerhall besaßen und deren Werke Rekordauflagen erzielten. Die heutige Generation eifriger Krimileser kennt ihn jedoch nicht mehr. Viele Jahre zurück liegt jene Ära, in der „Durbridge“ als Synonym für intelligente, sorgfältig produzierte TV-Mehrteiler – heute würde man von Mini-Serien sprechen – stand. „Das Halstuch“ oder „Melissa“ lockten in den 1960er Jahren – es gab damals nur zwei Fernsehsender – mehr als 90 Prozent der Zuschauer vor die noch schwarzweiß strahlende Röhre; kein Wunder, dass Durbridge den Deutschen als Gott seines Genres galt!

Das ist er nicht, wie sich bei nüchterner Betrachtung herausstellt. „Paul Temple und der Fall Z“ mag zwar nicht der beste Roman seines Verfassers sein, doch typisch ist er durchaus: ein Krimi, den wir heute gern „klassisch“ nennen, weil er in einer Art Operetten-Britannien spielt und sich die Figuren mit einem Spiel beschäftigen, das wir „Whodunit?“ nennen. Ein Verbrechen ist geschehen, dem sich weitere kriminelle Untaten anschließen. Im Wettlauf mit dem Bösen ermittelt in der Regel ein Detektiv – die Polizei begnügt sich mit der Rolle des Steigbügelhalters – und kann in letzter Sekunde den Fall lösen sowie den Täter oder die Täterin entlarven. Bis es so weit ist, konnten auch die Leser miträtseln; der Verfasser streute gut versteckt diverse Hinweise ein.

Die fallen hier freilich ein wenig zu deutlich aus, so dass man rasch merkt, wer sich als „Z.04“ tarnt. Ohnehin sollte man nachsichtig an die Lektüre dieses Romans gehen, um zum Schutze der Nackenmuskulatur allzu ausgiebiges Kopfschütteln zu vermeiden. „Paul Temple und der Fall Z“ wurde 1940 veröffentlicht und erzählt eine Spionagegeschichte. Eigentlich ist völlig klar, wer hinter den Spionen stecken muss: die Nazis, mit denen sich Großbritannien zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg befand. Doch davon lesen wir kein einziges Wort: „Paul Temple und der Fall Z“ spielt offensichtlich vor Ausbruch des II. Weltkriegs.

In diesem unseren Lande wurde besonders im Bereich der ‚leichten Lektüre‘ gern ausgeblendet, was auf die unschöne Episode des „III. Reiches“ verwies. So mancher zeitgenössische Serienheld gab den Nazis Saures, ohne dass man die womöglich darob eingeschnappten deutschen Leser damit nach 1945 konfrontiert hätte. Deshalb blieb auch dieses Buch im Gegensatz zu den meisten anderen Romanen der Temple-Serie in den 1960er und 70er Jahren ohne Eindeutschung. Erst 2006 wurde „Paul Temple und der Fall Z“ zum ersten Mal in Deutschland veröffentlicht; die deutschen Leser verkraften es nunmehr, dass ihre Landsleute einst nicht wohlgelitten waren, weil sie einen Weltkrieg entfesselt hatten …

Allerdings gibt es Indizien dafür, dass sich Durbridge selbst einer gewissen Realitätsflucht schuldig gemacht hat. Er war kein Enthüllungsschriftsteller, sondern ein „professional writer“, der sein Publikum primär unterhalten wollte. Nur so lässt sich die Naivität des Plots erklären (oder entschuldigen), den er uns in „Paul Temple und der Fall Z“ präsentiert. Seit John Buchans Geheimagent Richard Hannay 1915 in „The Thirty-Nine Steps“ (dt. „Die 39 Stufen“) Spione durch Schottland jagte, hat sich im Agentengeschäft offenbar nicht viel getan. Die Organisation des „Z.04“ besticht durch ihre vollkommene Realitätsferne; hier agieren Kino-Spione der B-Kategorie.

Ebenso kindisch gestaltet Durbridge auch sonst das ‚geheimdienstliche‘ Umfeld: Da erfindet ein Hobby-Genie in seinem Kartoffelkeller eine Superwaffe; er bietet sie dem britischen Kriegsministerium an, das ihn vor die Tür setzt, weil eine Kleinigkeit noch nicht funktionieren will; „Z.04“ schnappt sich den Erfinder und richtet ihm ein Labor in der schottischen Einöde ein, wo er sein Werk vollenden soll; die britische Regierung erfährt davon, weil der Bruder des Erfinders diesen nicht mehr besuchen darf; daraufhin schleust man einen Maulwurf ein, der zu den dümmsten seiner Branche gehört, und entsendet einen ältlichen Scotland-Yard-Beamten als Kontaktmann, der in einem geisterbahnhaften Gasthaus residiert; dieser hat wiederum keinerlei Bedenken, den Kriminalschriftsteller und Privatmann Paul Temple in die Ermittlungen zu integrieren.

Nein, diese ‚Geheimwaffe‘ und diejenigen, die sich darum balgen, sollte man als reine Mittel zum eigentlich Zweck betrachten. „Paul Temple und der Fall Z“ ist ein waschechter „Whodunit?“-Krimi, den Durbridge ein wenig ‚aufpeppen‘ wollte. Spionage ist in Kriegszeiten stets ein auch hinter der Front präsentes Thema („Feind hört mit“), so dass er sich darauf verlassen konnte, auch dann verstanden zu werden, wenn er das Thema eher abstrakt anging.

Dies bestätigt die Figurenzeichnung, die im klassischen Rätselkrimi seit jeher recht simpel und schematisch ausfällt. Das Verbrechen ist einerseits die Ausnahme von der Regel und andererseits eine sportliche Herausforderung für Menschen, die offenbar keine anderen Aufgaben und Sorgen haben. Paul Temple soll ein Schriftsteller sein, doch er findet immer die Zeit, durch die Lande zu reisen und Kriminalfälle zu lösen. Da er und Gattin Steve sich das leisten können, muss er wohl dennoch irgendwann arbeiten. Er sollte sich vielleicht stärker am Schreibtisch engagieren, lässt er sich hier doch gleich in zwei Fallen locken, auf die nicht einmal ein Krabbelkind hereingefallen wäre …

Müßige Kritik, die Figuren sollen und dürfen eindimensional wirken, denn sie spielen Rollen. Temple ist der Detektiv, der viel weiß, aber wenig sagt, Steve seine treue Gattin, die ihm den Rücken stärkt und hin & wieder gerettet werden muss, Iris Archer die große Diva in theatralischen Nöten, Sir Graham Forbes die knorrige Stütze des Empires, „Z.04“ und seine Kumpane vorbildliche Bösewichte, die nicht nur entsprechend reden und handeln, sondern auch finster aussehen – sie sind halt keine Gentlemen.

Wer sich sonst im Umkreis der Hauptfiguren tummelt, ist schlicht im Geiste und für manche proletarische Drolligkeit gut. Die Figuren – man sollte besser von ‚Darstellern‘ sprechen – müssen vor allem gut unterscheidbar sein. Hier verrät „Paul Temple und der Fall Z“ deutlich seine Herkunft: Durbridge hat diese Geschichte (übrigens gemeinsam mit Charles Hatton) ursprünglich nicht als Roman, sondern als Hörspiel erzählt, das von der BBC ausgestrahlt wurde. Dies erklärt die kammerspielähnliche Struktur oder die nur andeutenden Landschaftsbeschreibungen, die wohl erst später dort eingefügt wurden, wo der Verfasser dies für notwendig hielt. Die unerhörte Glaubwürdigkeit, die John Buchan im weiter oben genannten Thriller „Die 39 Stufen“ auch deshalb erzielte, weil er die schottische Landschaft quasi zur Hauptfigur machte, geht „Paul Temple und der Fall Z“ völlig ab – nicht unbedingt zum Nachteil dieses Buches, das als charmant-naive (und gut übersetzte) Krimi-Unterhaltung aus einer versunkenen Ära des Genres durchaus seine Meriten hat.

Francis Henry Durbridge wurde am 25. November 1912 in Hull (Yorkshire) geboren. Er studierte Englisch an der Birmingham University und arbeitete für kurze Zeit als Börsenmakler, bevor er sich als Schriftsteller etablierte. 1938 debütierte er mit „Send for Paul Temple“, dem Roman zu einer sehr erfolgreichen und auch außerhalb England gern verfolgten Hörspiel-Serie um Paul Temple, Schriftsteller und Detektiv, die von der BBC bis 1968 gesendet und von Durbridge geschrieben wurde.

Vier Paul-Temple-Filme kamen zwischen 1946 und 1952 in die Kinos, doch es waren typische B-Produktionen – billig und ohne Raffinesse hergestellt. Erfolgreicher war die für das Fernsehen konzipierte Serie um den Undercoveragenten Tim Frazer, die Durbridge in den 1960er Jahren mit diversen Co-Autoren verfasste.

Als Schriftsteller konnte Durbridge seine Arbeit als Hörspiel- und Drehbuchautor nie verhehlen. Seine Romane sind dialoglastig. Die Figuren gehören der gehobenen Mittelklasse an und haben erstaunlich viel Zeit, sich neben ihrer offenbar kaum Anforderungen stellenden Brotarbeit detektivisch zu betätigen. Gern bediente sich Durbridge auch des Plots vom unschuldig Verdächtigten, der sich in einer teuflischen Verschwörung gefangen sieht.

Auch in Deutschland konnte sich Durbridge einen Namen machen. Nach seinen Drehbüchern entstanden verschiedene TV-Mehrteiler, die aufgrund ihrer sorgfältigen Machart und Durbridges Meisterschaft, die Handlung genau dann abzubrechen, wenn es besonders spannend wurde – das Prinzip des Cliffhangers – zu sogenannten „Straßenfegern“ wurden und mehr als 90 Prozent der damaligen Fernsehzuschauer vor die Bildschirme lockte.

Mehr als dreißig Romane schrieb Durbridge, wobei er sich oft auf seine Drehbücher stützte. Wegen seiner Meriten als TV-Magnet wurden die meisten seiner Thriller in Deutschland veröffentlicht. In den späten 1970er Jahren ließen sowohl Durbridges Produktivität als auch die Anziehungskraft seiner Werke nach. Nach längerer Krankheit starb Francis Durbridge am 11. April 1998.

|Die Paul-Temple-Romane:|

(1938) Send for Paul Temple (kein dt. Titel)
(1939) Paul Temple and the Front Page Men (dt. „Paul Temple und die Schlagzeilenmänner“/“Paul Temple und der Klavierstimmer“)
(1940) News of Paul Temple (dt. „Paul Temple und der Fall Z“)
(1944) Paul Temple Intervenes (kein dt. Titel)
(1948) Send for Paul Temple Again! (dt. „Paul Temple jagt Rex“)
(1957) The Tyler Mystery (dt. „Vier mussten sterben“)
(1959) East of Algiers (dt. „Die Brille“)
(1970) Paul Temple and the Harkdale Robbery (dt. „Banküberfall in Harkdale“)
(1970) Paul Temple and the Kelby Affair (dt. „Der Fall Kelby“)
(1971) The Geneva Mystery (dt. „Zu jung zum Sterben“)
(1972) The Curzon Case (dt. „Keiner kennt Curzon“)
(1986) Paul Temple and the Margo Mystery (dt. „Der Hehler“/“Paul Temple und der Fall Margo“)
(1988) Paul Temple and the Madison Case (dt. „Paul Temple und der Fall Madison“)
(1989) Paul Temple and the Conrad Case (kein dt. Titel)

http://www.aufbauverlag.de

Caputo, Philip – Im Namen des Guten

Der schwarze Kontinent – eines der zuletzt wirklich erforschten Gebiete. Mit Afrika verbinden wir viele geheimnisvolle Eindrücke aus der klassischen Literatur, aus Filmen und Dokumentationen. Die endlosen Weiten der Nationalparks, der beeindruckende Kilimandscharo und die verschiedenen Stämme der Ureinwohner – genau daran werden sich Touristen erinnern und davon schwärmen.

Doch Afrika ist mehr als das muntere, vielfältige und sehr andersartige Land der unerschlossenen und romantischen Träume. Noch immer vergessen wir gern, dass es in vielen kleinen afrikanischen Staaten Kriege gibt, Völkermord in Sierra Leone oder dem Sudan, Bürgerkriege in Somalia und Rassengesetze, die man in Europa gar nicht mehr nachvollziehen kann.

Afrika als Kontinent gesehen ist sehr reich. Verschiedene Bodenschätze wie Silber, Gold und auch Diamanten sind immer wieder Auslöser von nationalen und internationalen Kriegen – der Wert des einzelnen Menschen schrumpft dagegen auf den minimalen Nenner, wenn z. B. das Töten schon von Kindern ausgeführt wird; für die ihre Kindheit nur ein brutaler Schrecken ist und oftmals die Seele wie auch den Körper verkrüppelte.

Zwar versuchen die wirtschaftlich großen Staaten unseres Planeten geringfügig Hilfe zu leisten, aber oftmals stehen diese Organisationen den Interessen einiger skrupelloser Machthaber machtlos gegenüber. Terre de homes, Ärzte ohne Grenzen, Entwicklungshelfer aus aller Welt, selbst die UNO sind machtlos. Ein Paradoxon, das wir oftmals nicht verstehen können.

Philip Caputo hat mit dem Roman „Im Namen des Guten“ eine Geschichte verfasst, die sich mit Afrika und seinen Problemen befasst.

_Die Story_

Die 90er Jahre im Sudan. Wie in vielen kleineren Staaten herrscht Bürgerkrieg zwischen den christlichen Stämmen des Südens und den islamischen Herrschern in der Hauptstadt Khartum. Der Abenteurer und charismatische Amerikaner Douglas Braithwaite gründet mit Hilfe eines Kenianers und eines risikofreudigen texanischen Buschpiloten eine von vielen privatisierten Airlines. Diese Airline soll internationale Hilfsgüter verteilen, um die Versorgung gerade auch in den entlegensten Gebieten zu gewährleisten.

Zeitgleich kommt eine christliche Hilfsorganisation im Sudan an. Die strenggläubige Amerikanerin Quinette verfolgt einzig und allein das Ziel, Sklaven freizukaufen, die in die Mühlen des Bürgerkrieges geraten sind. Doch auch ihr Idealismus findet keinen endgültigen und sicheren Weg der Hilfe. Sie begegnet dem Anführer der sudanesischen Rebellenarmee und verliebt sich Hals über Kopf in den geheimnisvollen und kultivierten Mann. Doch auch dieser verfolgt seine ganze eigene Ideologie und überredet schließlich Douglasm ihm nicht nur Hilfsgüter zu überlassen, sondern ihn auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen.

Wo liegen die Grenzen zwischen Hilfe und dem eigentlichen Geschäftswillen? Als die Situation im Lande eskaliert, verschwimmen diese Grenzen und der Idealismus der Hilfsbereitschaft schützt keinen davor, sich letzten Ende schuldig zu fühlen …

_Kritik_

Der Autor Philip Caputo greift ein sehr ernstes Thema auf. Zurzeit scheint sich ja auch jeder für diesen Kontinent mitsamt seinen Problemen zu interessieren. Der Schauplatz des Romans „Im Namen des Guten“ spielt zum größten Teil direkt im Sudan. Ein Land, von Bürgerkrieg geplagt, vom Staatsterror und massiven Verletzungen des Völkerrechtes an den internationalen Pranger gestellt. Wie viele Probleme im Afrika, spielen diese in den Medien nur eine untergeordnete Rolle und werden auch in ihrer Dringlichkeit nicht gewürdigt. Dabei wäre genau dies ein Anfang, ein wirklicher, und nicht das übliche Aufschieben und Wegschauen im Namen der Zivilisation.

Ich muss Philip Caputo wirklich loben, dass er den Völkermord thematisiert und zurück in das Bewusstsein des Lesers holt. Dass der Terror, egal ob nun von staatlicher Seite ausgehend oder von Seiten der Freiheitskämpfer, gefördert wird und die Summe dieser Kriegshandlungen nichts weiter ist als ein eskalierender Genozid, wird dem Leser von Kapitel zu Kapitel glaubhaft erklärt.

Aber nicht nur diese Grausamkeiten werden in den Vordergrund geschoben, hierbei handelt es sich doch eher um die Rahmenhandlung für die Erzählung.
Gekonnt beschreibt Caputo das Versagen der ehrenamtlichen, internationalen und staatlich unterstützten Hilfsorganisationen, die sich gerne als eifrige Helfer profilieren möchten. In einem Bürgerkrieg wird man früher oder später Partei ergreifen müssen, ein unwiederbringlicher Prozess, und leider bleibt dann für eine der beiden Seiten die humanitäre Hilfe auf der Strecke. Vertuschung von Spendengeldern oder unrechtmäßige Verwendung von Hilfsgütern bilden mit den oben genannten Punkten ein strenges und anspruchsvolles Grundgerüst.

Seine Charaktere in „Im Namen des Guten“ sind dagegen weniger gut ausgearbeitet. Ihre Zerrissenheit und ihre eigenen Konflikte sind zwar interessant beschrieben, aber manchmal etwas zu arg stilisiert – entweder als gut oder böse, zwei Aspekte, die in der Geschichte nicht glaubhaft interpretiert werden.

_Fazit_

Ich habe mir von dem Roman vielleicht etwas zu viel versprochen. Gerade vor dem Blickwinkel des Schauplatzes Afrika hatte ich eine ziemlich hohe Erwartungshaltung. Ich hatte einen Spannungsroman erwartet, aber genau das wollte Philip Caputo scheinbar nicht vorlegen. In jedem Fall wollte er die Probleme des Sudan-Konfliktes nicht bagatellisieren, wie viele andere Autoren auch, sondern mit seiner Geschichte die Sinnlosigkeit des Krieges darstellen. Lobenswert finde ich auch die scharfe Kritik, die er direkt an die Hilfsorganisationen richtet; diese Problematik zu thematisieren und zu erklären war wichtig, nicht nur für die Handlung, vielmehr für die Grundproblematik in diesen Regionen.

Vieles ist dem Autor in diesem Roman beispielhaft gelungen. Leider vermisst der Leser aber schnell die Spannung und die maßgebliche Unterhaltung. Der Roman umfasst knappe 750 Seiten, und erst in den letzten Kapiteln wird das Netz von Verstrickungen zu Ende geknüpft. Viele Situationen beschreibt Caputo in einer schier nicht enden wollenden Schleife. Langatmige Umschreibung und Erklärungen fördern die Handlung in diesem Falle überhaupt nicht. Und nach der Lektüre war ich wirklich erschöpft und einfach nur froh, dass es vorbei war.

Caputo hat etwas Großes schaffen wollen, etwas Einmaliges mit vielen, vielen Details. Sicherlich ist der Roman komplex, aber er ist auch mit Kleinigkeiten einfach überfrachtet. Es gibt eine Unmenge von Personen und Beziehungen zueinander, bei denen man doch recht schnell den Überblick verliert und sich dabei ertappt, einige Seiten zurückzublättern. Wie oben schon beschrieben, sind die Charaktere seiner Protagonisten nur oberflächlich konzipiert und nur wenige von ihnen kommen als wirklich glaubhaft rüber.

Ein Pulitzer-Preisträger ist sicher kein Garant für eine spannende und unterhaltsame Geschichte. Ein anspruchsvolles Buch habe ich durchaus erwartet und sicherlich hat „Im Namen des Guten“ auch seine guten Seiten, seine interessanten Kapitel, aber es war einfach zu viel des Guten. Die Grundzüge der Dramaturgie und der Sprachstil konnten durchaus überzeugen und stellenweise auch begeistern, aber der Gesamteindruck bleibt nicht stimmig.

Wer sich mit dem Thema Sudan und vielleicht der Rolle der Hilfsorganisationen in solchen Konflikten befassen will, sollte diesen Roman lesen. Er wird nicht alles erklären können, aber doch das Interesse für mehr Informationen bei den Lesern wecken. Dagegen steht natürlich das Interesse an einer spannenden und trotz allem unterhaltsamen Story, die der Roman leider nicht erfüllen kann.

_Der Autor_

Philip Caputo wurde 1941 in Chicago geboren. Er wurde Auslandskorrespondent der |Chicago Tribune| in Rom und 1973 für seine Reportage über den Wahlbetrug in Chicago mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Später verließ er die Chicagoer Tagespresse und ist seither als Schriftsteller tätig. Mehrere seiner Romane spielen in Afrika und Caputo hat eine sehr persönliche Bindung zu diesem Kontinent, da er viele seiner Länder bereist hat. Zusammen mit seiner Frau lebt Caputo in Norwalk, Connecticut.

|Übersetzung: Sabine Hübner & Nicola Volland
600 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag|
http://www.pendo.de/

Atkins, Charles – Gift

„Schuster, bleib bei deinen Leisten!“, dachte sich wohl Charles Atkins, als er den Thriller „Gift“ schrieb. Der Autor ist Psychiater, und anscheinend liegt es da nahe, sich auch literarisch mit psychischen Erkrankungen zu beschäftigen.

Dr. Peter Graininger ist Psychiater in der psychiatrischen Notfallaufnahme der New Yorker Universitätsklinik. Obwohl er es weit gebracht hat, lässt ihn die Erinnerung an den Unfall, bei dem seine Frau Beth ums Leben kam, immer noch nicht los. Mithilfe seines Sohns Kyle und seines Vaters, der ebenfalls Psychiater ist, versucht er wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Sein alter Studienfreund Ed Tyson, der mittlerweile ein hohes Tier an der Universität ist, hat ihm seinen Posten und auch die Wohnung, in der Peter lebt, beschafft.

Doch das hat Ed nicht nur aus Eigennutz getan. Er verfolgt Pläne, um Peter für eine Sache zu bestrafen, die bereits einige Jahre zurückliegt. Peter hat davon keine Ahnung, als er eines Tages Ann Walsh, Studentin, Gelegenheitsprostituierte und Geliebte von Ed, nach einem Selbstmordversuch behandeln soll. Wenig später wird Ann ermordet in einem Hotelzimmer aufgefunden. Peter war an diesem Abend bei Ed und seiner Familie zum Essen eingeladen. Als er am nächsten Morgen aufwacht, muss er feststellen, dass seine Erinnerungen an diese Nacht bei der Verabschiedung an Eds Haustür aufhören. Wo war er danach? Ist der Filmriss eine Nachwirkung des Traumas von Beths Tod oder geht es hier um etwas ganz anderes? Peter merkt schnell, dass er in einem perfiden Spiel gefangen ist …

Es ist nicht nur der Beruf, den Autor und Protagonist teilen. Auf seiner [Website]http://www.charlesatkins.com erläutert Atkins, dass er in „Gift“ auch eine persönliche Tragödie verarbeitet – genau wie Dr. Graininger. Aus dieser Verbindung resultiert eine sehr authentische Hauptfigur, die die Abgründe der menschlichen Seele aus eigener Erfahrung kennt. Immer wieder blendet Peter Erinnerungen an frühere Zeiten ein und gibt sich mehr als einmal der Schwäche hin, sich selbst gehen zu lassen.

An und für sich steht aber die rasante, geradlinige Thrillerhandlung im Vordergrund. Bis auf Peters persönliche Erinnerungen gibt es kaum Abschweifungen. In großen, abgestuften Schritten geht die Geschichte voran. Atkins verzichtet auf großartige Action und Blut oder weitläufige Plots. Er hält die Handlung im kleinen Rahmen, was sie sehr bodenständig wirken lässt. Sie enthält Bewegung, haarsträubende Ereignisse, aber dennoch bezieht sie ihre Spannung mehr aus der leisen, stillen Art und Weise der Manipulation, deren Opfer Peter wird.

Die Handlung besteht hauptsächlich aus einem Strang. Es gibt kaum Nebenhandlungen und auch die Nebencharaktere haben zumeist keine große Aufgabe, wenn sie nicht direkt in die Gesamtgeschichte verwickelt sind. Dadurch wirkt das Buch sehr kompakt, lässt an einigen Stellen aber etwas an Originalität missen. Das flotte Erzähltempo verhindert, dass sich bestimmte Charaktere entfalten können und Atkins Schreibstil ist ebenfalls nicht wirklich bemerkenswert.

Er arbeitet sowohl mit einer Perspektive aus der ersten als auch mit Perspektiven der dritten Person. Der Ich-Erzähler ist natürlich Peter, dem es dadurch besonders gut gelingt, seine traumatischen Erinnerungen zu beschreiben. Die anderen Perspektiven beschränken sich auf wenige Personen und unterscheiden sich untereinander kaum vom Schreibstil her.

Atkins schreibt flüssig und mitreißend. Er benutzt einen gehobenen Wortschatz und schafft es, klare Sätze zu bauen, die sich zu einem fließenden Text verbinden. Während Peters Perspektive durch die starke Subjektivität hervorgehoben wird, wirken die anderen jedoch etwas beliebig. Sie sind zu gleichförmig, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Einen bleibenden Eindruck hinterlässt „Gift“ insgesamt nicht unbedingt, dafür aber erstaunt hochgezogene Augenbrauen während der Lektüre. Der Thriller sprüht nicht vor Originalität, aber der Amerikaner Charles Atkins liefert saubere Handarbeit ab. Besonders positiv sind dabei der gut ausgearbeitete, sympathische Protagonist und vor allem die flotte und schnörkellose Handlung, die eine Menge Spannung aufzubauen vermag.

http://www.bastei-luebbe.de

Reginald Hill – Das Fremdenhaus

Das geschieht:

Illthwaite ist ein kleines Dorf in der englischen Provinz Cumbria. Seit Jahrhunderten lebt hier eine nicht unbedingt harmonische doch verschworene Gemeinschaft, die es gewohnt ist, Probleme intern zu lösen und der Außenwelt die kalte Schulter zu zeigen. Dabei ist es im Verlauf der Zeit mehrfach zu definitiv illegalen Aktivitäten gekommen, auf die man zum Teil stolz ist, während man weniger schmeichelhafte Ereignisse sorgfältig geheim zu halten sucht.

Nun kommen gleich zwei Besucher von sehr weit her nach Illthwaite, wo sie Nachforschungen über ihre Familien bzw. einen bestimmten Kirchenmann anstellen möchten. Samantha Flood, eine Mathematik-Studentin, reist aus Australien an, weil sie feststellen möchte, wieso ihre Großmutter, die hier im Ort ansässig gewesen sein soll, vor mehr als vier Jahrzehnten und noch als Kind davongejagt wurde. Reginald Hill – Das Fremdenhaus weiterlesen

Remes, Ilkka – Höllensturz

_Story_

Im nordfinnischen Provinzörtchen Pudasjärvi entdecken drei Wilderer die Leiche einer jungen Frau, der bereits kurze Zeit der Fund einer weiteren Toten folgen soll. Karri Vuorio, ein einstiger Großunternehmer, der sich der Wilderertruppe aus Abenteuerlust angeschlossen hatte, ist zutiefst entsetzt, handelt es sich bei den beiden Toten, Erja und Anne-Kristiine, doch um enge Freundinnen seiner Ehegattin Saara, einer Bibelforscherin, die jüngst in den Nahen Osten aufgebrochen ist, um ihre aktuellen Wissenschaften voranzubringen.

Die Kriminalkommissarin Johanna Vahtera wird mit dem Fall beauftragt und erfährt alsbald, dass sich die beiden Opfer, Saara und eine weitere junge Dame namens Lea, kürzlich in einem libanesischen Restaurant getroffen haben, kurz bevor die Vuorio nach Jordanien aufgebrochen ist. Vahtera nimmt Kontakt zu Lea auf und vereinbart ein Treffen in ihrem Haus, findet aber zum vereinbarten Zeitpunkt nur noch ihre Leiche auf.

Nun überschlagen sich die Ereignisse; der dreifache Mord erschüttert die gesamte Region, und als Karri schließlich noch erfährt, dass seine Frau von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten entführt wurde, brechen in Pudasjärvi mehrere Welten zusammen. Haben die Morde etwas mit der Verbundenheit der Damen zur Glaubensgemeinschaft der Laestadianer zu tun? Besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen den Attentaten und der Entführung in Nahost? Und welche Rolle spielen die inzwischen hinzugestoßenen Israelis, die großes Interesse daran bekunden, Saara zu befreien? Karri reist entgegen aller Vernunft nach Amman und versucht mit dem europäischen Spezialagenten Timo Nortamo, seine Frau zu befreien. Doch derweil spitzt sich auch in Finnland die Lage zu …

_Persönlicher Eindruck_

Nach dem fantastischen Debüt auf dem deutschen Markt, „Ewige Nacht“, durfte man berechtigterweise mit sehr großen Erwartungen auf den neuen Remes-Thriller „Höllensturz“ vorausschauen, selbst wenn die teils religiösen Inhalte zunächst einmal oberflächlich Skepsis hervorriefen, schließlich scheint dieser Themenkreis derzeit immer mehr Buchautoren zu inspirieren. Allerdings zäumt der Finne das Pferd von hinten auf und macht den brisanten religiösen Hintergrund nicht zum Aufhänger seines neuen Romans, sondern fügt ihn nahtlos und kontinuierlich in seine atemberaubende Kriminalgeschichte ein, die aufgrund der Fülle von stetig neuen Informationen in Sachen Spannung niemals abreißt und letztendlich den Anspruch auf ein Meisterwerk, wie er damals bei „Ewige Nacht“ berechtigt gestellt werden durfte, auch völlig befriedigt.

Dabei benötigt „Höllensturz“ jedoch eine nicht gerade unbescheidene Anlaufzeit, bis sich die komplexen Schemen lösen und die Szenerie vom Leser halbwegs nachvollziehbar nachkonstruiert werden kann. Zunächst nämlich versucht man vergeblich, die wirren Zusammenhänge zwischen der Mordserie in Saara Vuorios Heimat mit der Entführung der Bibelforscherin zu finden und den recht losen Gedankenkonstrukten eine Verbindung zuzuweisen. Zu weit hergeholt scheinen die ersten Theorien im Bezug auf Terrorakt und Dreifachmord in der finnischen Provinz. Dementsprechend zügig gehen dann auch die Ermittlungen voran; der Mörder scheint schnell gefunden, seine Motive erscheinen transparent und der befürchtete Aufwand erweist sich für die Ermittler fast schon als haltlos, noch bevor die Medien überhaupt Kenntnis von der Existenz der Ratte, wie Vahtera den Mörder bezeichnet, nimmt.

Dies ist für Remes genau der richtige Zeitpunkt, um das thematisch brisante Puzzle kurz auseinanderzureißen und die vorerst falsch eingesetzten Teile mit unheimlichem Geschick richtig zusammenzusetzen. Mit Karris Aufbruch nach Nahost werden die Grenzen der Ermittlungen in Pudasjärvi gesprengt; und wie schon zuvor eröffnet der Autor seiner Geschichte plötzlich eine Tragweite, die abzuschätzen man später kaum noch wagt. Internationale Organisationen, verschiedene Terrororganisationen und dazu noch einige unberechenbare Elemente halten Einzug in die Story, und noch bevor einem bewusst wird, welch enormes Geflecht Remes insgesamt doch wieder gesponnen hat, befindet man sich inmitten eines durch und durch von Verschwörungen und Überraschungen gezeichneten Thrillers, dem es zwar bisweilen ein wenig an tatsächlichem Realitätsbezug fehlt (diverse Entwicklungen laufen definitiv zu optimal und idealistisch), welcher aber genau diesen unbeschreiblich hohen Gehalt an Spannung innehat, wie es in dieser Sparte nur ein Qualitätswerk aufweisen kann. Darüber hinaus sind die Charakterzeichnungen auch dieses Mal wieder brillant, getragen von einer durchaus heftigen Entwicklung und erstellt auf Profilen, die kaum professioneller ausgearbeitet sein könnten.

Mit anderen Worten: Ilkka Remes ist allen Anforderungen gerecht geworden, die ein Genre-Meisterwerk beansprucht, und hat dabei den Balanceakt zwischen religiösen Verschwörungen, politischen Außergewöhnlichkeiten und einer reinen Kriminalgeschichte geschickt und gekonnt vollzogen – ohne dabei auch nur im Ansatz in die Reihe der Dan-Brown-Epigonen abzudriften. „Höllensturz“ ist der nächste Auszug einer bis dato bemerkenswerten Schriftstellerkarriere und eines der größten Schmankerl der aktuellen Saison!

http://www.ilkka-remes.de/
http://www.dtv.de/

_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911

Tandefelt, Henrik – Ultramarin

Im Vorwort seines Buches „Ultramarin“ schreibt Henrik Tandefelt:

|“Ein Krimi enthält vor allem Sex und Gewalt. Die Sprache ist niveaulos, die Charaktere sind billig. Deshalb ist es nicht gesund, Krimis zu lesen!“| (Seite 6)

Inwiefern sich das verallgemeinern lässt, ist fraglich. Schließlich gibt es auch genug Autoren, die das Gegenteil beweisen. Henrik Tandefelt möchte auch zu diesen gezählt werden. In seinem zweiten Roman schickt er deswegen den sympathischen Ich-Erzähler aus seinem Debüt [„Lauf, Helin, lauf!“ 3912 ins Rennen. Allerdings verschlägt es den Fotografen Joseph Friedmann dieses Mal nach Helsinki anstatt nach Småland.

Seine Freundin, die Opernsängerin Bella, hat eine Gastrolle an der finnischen Nationaloper bekommen, und Josef, der nicht wirklich etwas zu tun hat, kümmert sich um den Haushalt und die Hunde. Der Frieden währt allerdings nicht lange. Lindström, der Polizist, der mit Josef dessen ersten „Fall“ gelöst hat, ruft an und macht ihn mit einem Freund, der bei der Polizei in Helsinki arbeitet, bekannt.

Josef schließt Freundschaft mit Olli Mustonen und besucht ihn gerne in seinem abgelegenen Ferienhaus. In der Nähe liegt ein verwaister Hof, auf dem vor fünf Jahren der griesgrämige Arzt Jens Bäck ermordet wurde. Seitdem fehlen drei Bilder des russischen Malers Ajvazovskij und Bäcks Gehilfe Dimitri. Die Ermittlungen verliefen damals im Sande, doch natürlich kennt Josefs Neugier keine Gnade. Er beginnt auf dem Hof und in Bäcks Leben herumzuschnüffeln. Bald findet er heraus, dass Bäck, anders als die Polizei glaubt, sehr wohl einen Sohn hat, der in Schweden lebt und behauptet, seinen Vater kaum zu kennen. Warum ist er aber dann auf vielen Fotos mit Bäck zu sehen? Das soll nicht die einzige Ungereimtheit bleiben …

Was die Kritik in seinem Vorwort angeht, hält Tandefelt Wort. Josef Friedmann ist ein äußerst sympathischer Charakter. Er erzählt aus der Ich-Perspektive im Präsens, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Seine Wesenszüge sind klar gezeichnet, wirken aber etwas zu positiv. Es mangelt an wirklichen Macken, die den Protagonisten noch authentischer hätten dastehen lassen.

Die Geschichte konzentriert sich hauptsächlich auf Josefs Sicht, doch wie bei „Lauf, Helin, lauf!“ gibt es auch bei „Ultramarin“ eine zweite Perspektive. Während sie das letzte Mal aus der Sicht des menschlichen Opfers erzählte, begleitet sie dieses Mal die drei gestohlenen Gemälde und berichtet, jeweils aus dem Blickwinkel des momentanen Besitzers, wie sie immer weiter gegeben werden. Das ist auf jeden Fall ein geschickter Schachzug, auch wenn diese erfrischenden zweiten Perspektiven eher selten sind.

Als niveaulos kann man Tandefelts Schreibstil ebenfalls nicht bezeichnen. Er schreibt gehoben, aber dennoch einfach. Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist alles sehr subjektiv gefärbt, was kein Nachteil ist. Die persönliche Note macht es leicht, sich mit Josef Friedmann zu identifizieren, und seine lockere, humorvolle Art gefällt. Das Erzähltempus – Präsens – ist zwar, wie gesagt, etwas gewöhnungsbedürftig und hakt auch an einigen Stellen, alles in allem präsentiert sich „Ultramarin“ aber als runde Angelegenheit.

Einzig die Handlung dürfte dem Leser ein bisschen Kopfschmerzen bereiten. Tandefelt verlässt sich tatsächlich mehr auf die leisen Töne als auf Sex und Gewalt, aber so einen dichten, spannenden Plot wie bei seinem ersten Buch bekommt er dieses Mal nicht hin. Das liegt eventuell daran, dass es weniger Perspektiven und weniger aufzuklärende Fälle gibt.

Während sich „Lauf, Helin, lauf!“ durch eine mehrdimensionale Geschichte mit vielen losen Spannungsenden auszeichnete, ist „Ultramarin“ sehr einstrangig. An einigen Stellen plätschert die Story vor sich, und trotz des schönen Erzählstils finden sich einige Ausschweifungen. Tandefelt tendiert sehr stark dazu, präzise jeden einzelnen Handlungsschritt von Josef aufzuzählen. Mit der Zeit wird das mühsam, genau wie die Wiederholungen bei Josefs Ermittlungsarbeit. Man hat das Gefühl, als ob sein Leben daraus bestünde, Leute aufzutreiben, mit ihnen zu telefonieren und sie zu besuchen. Das führt dazu, dass die Handlung sich des Eindrucks einer leichten Konstruiertheit nicht erwehren kann.

Trotzdem gefällt Tandefelts Schreibstil nach wie vor. Wer die schwedische Krimischwermut satthat, wird an diesem Autor Gefallen finden, auch wenn „Ultramarin“ nicht an seinen Vorgänger heranreicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass die sympathische Hauptfigur uns auch in weiteren Büchern beehrt. An der Art und Weise, wie Henrik Tandefelt seine Bücher schreibt, liegt es nämlich nicht. Es ist fast einzig und allein die Handlung, die in diesem Fall nicht ganz rund läuft.

http://www.dtv.de

Barclay, Linwood – Ohne ein Wort

Um „Ohne ein Wort“ von Linwood Barclay wird in den Medien derzeit ein ziemlicher Wirbel veranstaltet. |Ullstein| hat sogar eigens eine [Website]http://www.ohne-ein-wort.de ins Leben gerufen und bewirbt das Buch mit einem Filmtrailer.

So viel Tamtam ist man eher von Autoren der Größenordnung einer Joanne K. Rowling gewohnt. Dementsprechend hoch sind deshalb die Erwartungen an „Ohne ein Wort“. Ist Linwood Barclay wirklich der neue Stern am Thrillerhimmel, wie der Verlag suggeriert?

Eine Supernova ist es nicht gerade, die Barclay dem Leser beschert, aber immerhin auch kein schwarzes Loch. „Ohne ein Wort“ ist ein gemütliches Büchlein, das sich hauptsächlich durch seine Alltagsnähe auszeichnet.

Nun gut. Das, was Cynthia Archer, mittlerweile 39 und Ehefrau und Mutter einer achtjährigen Tochter, mit vierzehn Jahren erlebt hat, ist alles andere als alltäglich. Nach einem heftigen Streit mit ihren Eltern wacht sie am nächsten Morgen auf und muss feststellen, dass alle verschwunden sind. Das große Haus ist leer, ihre Eltern und der ältere Bruder Todd sind samt den Autos verschwunden. Gepackt haben sie nichts, auch einen Abschiedsbrief haben sie nicht hinterlassen. Was ist passiert? Wurden die Bigges ermordet? Wieso wurde Cynthia verschont?

25 Jahre später möchte Cynthia Licht ins Dunkle bringen und wagt einen verzweifelten Versuch. Mithilfe eines lokalen Fernsehsenders dreht sie eine Reportage über ihr Schicksal und hofft, dass die Zuschauer ihr weiterhelfen können. Anfangs passiert nichts, doch dann fühlt Cynthia sich plötzlich verfolgt, in ihr Haus wird eingebrochen und am Ende stirbt auch noch ihre geliebte Tante Tess, die sie aufgezogen hat. Wenig später findet die Polizei einen zweiten Toten, Denton Abagnall. Der Privatdetektiv sollte im Auftrag der Archers ermitteln, und das hat ihn das Leben gekostet. Doch anstatt den wahren Mörder zu suchen, der laut Cynthia von den Ereignissen vor 25 Jahren weiß, ermittelt die Polizei gegen die Familie. Da trifft ein anonymer Brief ein, der mit dem Verschwinden von Cynthias Eltern zu tun hat …

Anders als man es vielleicht erwartet, ist Cynthia nicht die Erzählerin dieser Geschichte. Ihr Mann Terry berichtet, wie das Wiederaufrollen des Verschwindens die Familie zerrüttet und ihren Alltag belastet. Terry ist ein sympathischer Ich-Erzähler, wenn auch nicht sonderlich interessant. Er verkörpert den netten, aber leicht langweiligen Lehrer, der es mit niemandem böse meint. Trotzdem ist er gut ausgearbeitet und wirkt dadurch, dass er so alltäglich ist, sehr authentisch.

Der Schreibstil, der Terry Archer begleitet, ist sehr stimmig gelungen. Barclay schreibt flüssig mit einem leichtfüßigen, nie bösen Humor. Sein Wortschatz ist gewählt, aber nicht zu sehr, und sein Satzbau ist klar. „Ohne ein Wort“ lässt sich sehr flüssig und angenehm lesen.

Bei den anderen Personen ist es ähnlich. Sie sind gut ausgearbeitet, aber es fehlt ihnen an Originalität. Sie wachsen dem Leser zwar ans Herz, aber wer auf der Suche nach etwas Neuem und Besonderem ist, wird bei „Ohne ein Wort“ nicht fündig. Insgesamt präsentiert sich das Buch mehr als Hausmannskost denn als echte Delikatesse.

Das merkt man auch der Handlung an, die recht konventionell aufgebaut ist. Alle Ereignisse, die darauf hindeuten, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, bleiben in einem Rahmen, der nur wenig Spannung zulässt. Das bedeutet nicht, dass die Story schlecht wäre. Im Gegenteil baut Barclay sein Buch logisch auf und steigert die Spannung schön zum Ende hin. Dennoch ist das Buch nicht so fesselnd wie manch anderer Psycho-Thriller. Dafür fehlen die wirklich ausgefallenen Ereignisse und weniger leicht durchschaubare Ungereimtheiten.

Was Barclay sich über das Buch hinweg aufbaut, hält er am Ende leider nicht ein. Die Auflösung des Falls ist nicht wirklich spektakulär, auch wenn sie überrascht. Trotzdem hätte es sich gelohnt, das Ende so zu gestalten, dass die Auflösung auch wirklich am Ende steht. An dieser Stelle verschießt Barclay sein Pulver ein wenig zu früh, auch wenn man seiner sauberen Handarbeit keinen Vorwurf machen kann.

Insgesamt ist „Ohne ein Wort“ ohne Frage ein Psycho-Thriller der besseren Sorte. Der Schreibstil ist gelungen und reißt mit, und die Personen sind sympathisch, wenn auch nicht gerade Originale. Barclays Art, auf Qualität statt auf Innovation zu setzen, rächt sich erst bei der Handlung. Der Aufbau ist konventionell und das Ende wenig spektakulär. Dadurch hat die Spannung wenig Gelegenheit, um sich wirklich gut zu präsentieren, verschwindet aber nie von der Bildfläche.

http://www.ullstein-taschenbuch.de

Mignon G. Eberhart – Während der Kranke schlief

Im einsamen Haus lauern verfeindete Verwandte auf den Tod des reichen Familienoberhaupts, bis die Anwesenden sich gegenseitig zu dezimieren beginnen. Eine Krankenschwester betätigt sich als Privatdetektivin und kommt des Rätsels Lösung dabei zu nahe … – Atmosphärisch dichter „Whodunit“ mit wirklich allen Elementen dieses Genres, deren Autorin nach vielen falschen Fährten und Rätselraten den Täter aus dem Kreis der sämtlich verdächtigen Figuren herausfiltert.
Mignon G. Eberhart – Während der Kranke schlief weiterlesen

Eckert, Renate – Hungrige Schatten

Renate Eckert weiß, wovon sie schreibt. Genau wie die Protagonistin in ihrem ersten Buch, arbeitete auch sie lange Zeit als Journalistin. Sie kennt sich also aus mit den inneren Strukturen einer Redaktion.

Diese sind es, die der Journalistin Anne Michels das Leben schwer machen. Ihr Vorgesetzter mobbt sie, und das lastet schwer auf der jungen Frau. Sie ist neu in der beschaulichen Stadt Burgstadt, und bis auf Angie, eine Arbeitskollegin, und Phil, einen Kollegen, der heimlich in sie verliebt ist, hat sie noch nicht viel Anschluss gefunden.

Das ändert sich, als sie für die bevorstehende Oberbürgermeisterwahl die Kandidaten interviewen soll. Matthias Reininger, der charismatische Anwalt, ist ihr bereits bei einer Ordensverleihung für verdiente Kommunalpolitiker aufgefallen. Als sie ihn in seinem teuren Haus besucht, zeigt sich, dass sie ihm auch aufgefallen ist. Er spinnt sie ein mit seiner Aufmerksamkeit. Doch schnell zeigt sich, dass mit seiner Zuwendung eine dunkle Seite einhergeht. Er ist dominant, manchmal geradezu sadistisch. Anne ist trotzdem verrückt nach ihm und merkt erst viel zu spät, worauf sie sich da eingelassen hat …

Im Vordergrund der Geschichte steht Anne, die als Neue in der Redaktion viel einstecken muss. Für sie bedeutet der Job eine gute Gelegenheit, um sich von ihrer Vergangenheit freizustrampeln, die von der Autorin gut ausgearbeitet wurde. Anne hat auch eigene Charakterzüge, aber die sind größtenteils schwammig dargestellt, so dass es schwerfällt, sich mit der Protagonistin zu identifizieren.

Im Großen und Ganzen bleibt die junge Journalistin dem Leser verschlossen. Der Grund dafür ist der altbackene Schreibstil von Eckert. Sie benutzt einen gehobenen Wortschatz und bemüht sich um Abwechlsungsreichtum bei der Wortwahl. Dennoch klingen viele ihrer Formulierungen gestelzt und künstlich. Das Vokabular, auf das sie zurückgreift, ist stellenweise zu erhaben, und sie schafft es nur selten, wirkliche Emotionen zu erzeugen.

Dieser Schreibstil hat weitreichende Folgen. Die Grundidee, auf der Eckert ihre Geschichte aufbaut, ist nicht unbedingt schlecht. Eine junge, vielleicht etwas naive und vor allem einsame Frau gerät in die Fänge eines charismatischen, aber verdorbenen Mannes. Daraus ließe sich ohne Probleme das stricken, was auf dem Buchdeckel angegeben ist: ein Psychothriller.

Leider verbaut sich die Autorin mit dem Schreibstil diese Möglichkeit. Durch die Verschlossenheit und Künstlichkeit kann kaum Spannung aufgebaut werden. Selbst der Kriminalfall, den Annes Kollege Phil verfolgt, kann kaum punkten. Er steht nicht im Vordergrund und verläuft mehr oder weniger im Sande, weil aufgrund des Schreibstils einfach keine Spannung aufkommen möchte.

Ähnlich ist es mit der verhängnisvollen Verbindungen zwischen Anne und Matthias. Hier fehlt es an psychologischer Tiefe, obwohl die einzelnen Stufen dieses Handlungsstrangs gut aufgebaut sind. Letztendlich ist es wieder Eckerts Schreibstil, der die Spannung blockiert. So gewandt er auch erscheinen mag, verhindert er doch, dass das Buch in die Tiefe gehen kann.

Hinzu kommen die vielen Nichtnotwendigkeiten, zu denen abgeschweift wird. Was in manch anderen Büchern für Vielschichtigkeit und Erzähldichte sorgt, wirkt in diesem Fall überflüssig. Auch das lässt sich wieder auf den Schreibstil zurückführen, der es nicht schafft, solche Abschweifungen in den Erzählfluss zu betten.

Wie man sieht, ist bei „Hungrige Schatten“ der Schreibstil der springende und wunde Punkt. Handwerklich kann man sich nicht über ihn beschweren. Eckert kann schreiben und sie greift auf einen großen Wortschatz zurück. In diesem sind leider sehr viele gestelzte Ausdrücke und Formulieren enthalten, die schuld daran sind, dass es dem Buch an Lebendigkeit fehlt. Das wirkt sich negativ auf Handlung und Personen aus. Besonders dem Plot fehlt es an Spannung und Emotionen, auch wenn er auf einer passablen Grundidee fußt.

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