Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Jo Nesbø – Messer. Ein Harry-Hole-Krimi

Worum gehts?

Kommissar Harry Hole geht es schlechter denn je. Nicht nur, dass er seinen Job bei der Kriminalpolizei los ist, nein, auch seine Ehe mit Rakel ist endgültig gescheitert. Kein Wunder, dass er der Versuchung des Alkohols dieses Mal nicht länger widerstehen konnte.

Als er eines Morgens ohne jede Erinnerung der letzten Nacht aufwacht und seine Kleidung voller Blut ist, beginnt jedoch erst der wahre Albtraum.

Über den Autor

Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten Krimiautoren weltweit. Jo Nesbø lebt in Oslo.

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French, Nicci – In seiner Hand

_Horror der Gefangenschaft, Triumph des Überlebens_

Abigail Deveraux, eine junge Engländerin, wird eines Tages entführt und ohne ein erkennbares Motiv tagelang gefangen gehalten. Danach kann sie sich nicht mehr an ihr früheres Leben erinnern. Erst nach langen Wochen der Furcht und der Frustration gelingt es ihr, eine Spur zurück zum Ort ihres Martyriums zu entdecken.

Ein ziemlich spannender, gelungener Thriller von einer Autorin, die es durchaus mit Mo Hayder und Minette Walters aufnehmen kann.

_Die Autorin_

„Nicci French“ ist das Pseudonym einer Londoner Autorin mit weitreichenden psychologischen Kenntnissen und eines Journalisten. Die beiden haben mit „Höhenangst“ und vor allem mit dem genialen „Sommermörder“ viele Fans unter Thrillerfreunden gewonnen.

_Handlung_

Eines Morgens erwacht die 25-jährige Engländerin Abigail Devereaux in einem Albtraum. Sie weiß nicht, wo sie sich befindet, noch wie sie an diesen Ort kam. Gefesselt und geknebelt, mit einem Kapuze über dem Kopf und einem partiellen Gedächtnisverlust findet sie sich in der Gewalt eines Mannes wieder, dessen Gesicht sie niemals zu sehen bekommt. Nur sein keuchendes Lachen und Kichern jagt ihr Entsetzen ein.

Ihr Entführer gibt ihr zu Trinken, etwas zu Essen und hilft ihr, ihre Notdurft zu verrichten. Er sagt nie, was er von ihr will. Ohne dass er sie vergewaltigt, erniedrigt er sie, würdigt sie auf die Stufe eines gefangen gehaltenen Tieres herab. Er ezählt ihr von den Anderen: der ständig weinenden Kelly, der betenden Lauren, der feilschenden Fran und den zwei anderen. Abbie ist die Gefangene Nummer 6. Auch sie werde sterben, wie die anderen, nachdem sie einen Abschiedsbrief geschrieben habe.

Mit einem letzten Funken Überlebenswillen gelingt Abbie die Flucht zurück ins Leben, in die Freiheit. Doch der Albtraum hört damit keineswegs auf. Denn Polizei, Ärzte und Psychologen halten ihren Bericht für das Hirngespinst eines pathologischen Opfers. Verbittert erkennt Abbie, dass man ihr erst glauben wird, wenn der Mann, der sie entführte, sie getötet hat.

Als Kämpfernatur verspürt sie den Zwang, Gerechtigkeit zu erlangen. Und sei es um den Preis ihres eigenen Leben, das sie dem Entführer als Köder anbietet. Sie will sich aus befreien von der albtraumhaften Macht, die er in ihren Träumen über sie ausübt. Sie muss ihm in die Augen sehen, die sie nicht kennt. Allerdings muss sie zuerst herausfinden, warum auch sie von ihm als Opfer ausgewählt wurde. Wer ist Abigail Devereaux wirklich?

_Mein Eindruck_

Nach diesem beklemmenden Auftakt bemüht sich die Hauptfigur über den größten Teil der Handlung hinweg, ihr Leben zu rekonstruieren, an das sie sämtliche Erinnerungen verloren hat – entweder wegen der schlechten Behandlung oder wegen des posttraumatischen Schocks, den sie erlitten hat. Sie findet heraus, dass sie nicht mehr dieselbe ist wie vor ihrem Martyrium. Daraus ergeben sich neue Hoffnungen, aber auch neue Ängste: Da sie SEIN Gesicht nicht kennt, kann praktisch jeder Mann, mit dem sie |davor| zu tun gehabt hatte, der Täter sein. Die Welt ist ein Schattenreich geworden.

Was es für Abigail besonders schmerzhaft macht, das Martyrium zu verarbeiten, ist die Missachtung, die ihr die Behörden, die dafür zuständig wären, zuteil werden lassen. Insbesondere Inspektor Cross von der Polizei ist ein Mann, der nur nach Fakten handelt, weil er sich ständig für seine Aktionen verantworten muss. Wie aber kann er, so sein Argument, nur auf den Verdacht und die Befürchtungen einer traumatisierten Frau ohne Erinnerung hin einen Einsatz veranlassen? Wenn es nach ihm ginge, denkt Abbie, so müsste sie erst tot sein, bevor Cross etwas unternimmt.

Allerdings: Es gab doch bereits eine ganze Reihe vermisster Frauen. Leider reiche der Vorname nicht aus, um eine Verschwundene suchen, geschweige denn finden zu können, so Cross. Am Ende bleibt Abbie nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche zu begeben, ja: sich selbst als Köder anzubieten. Wenigstens führt dieser Akt der Verzweiflung zum gewünschten Erfolg. Doch über den Showdown soll hier nichts verraten werden.

|French-Style-Krimi|

Anders als bei Minette Walters oder Patricia Cornwell stehen nicht die Polizei- oder Forensikerarbeit, die Aktionen eines sozialen Umfelds im Vordergrund der Darstellung, sondern vor allem die rein private Ermittlung eines schutzlosen Opfers eines Verbrechens. Ähnlich wie bereits in „Der Sommermörder“ liegt über dem Mittelteil eine ungemütliche Vorahnung kommenden Unheils, denn jeden Moment könnte ja der Täter wieder zuschlagen. Als eine weitere Frau ermordet aufgefunden wird, der Abbie vor ihrer neuen Verkleidung ähnlich gesehen hatte, weiß Abbie, dass der Verfolger sie noch sucht. Alle ihre Ängste sind wieder da.

Diese Ängste, die sich gegen fast jeden in Frage kommenden Mann richten, stehen im Mittelpunkt der Schilderung, mit der sich die Autorin bemüht, ihr Anliegen zu vermitteln: Allzuoft sind die Opfer eines Verbrechens, bei dem der Täter nicht gefasst wurde, schutzlos weiteren Attacken preisgegeben. Einer Rechts- oder Selbstschutzorganisation solcher Opfer begegnen wir im Roman vergeblich. Ihr würde in Deutschland der Weiße Ring entsprechen. Auch psychologische Betreuung erhält Abbie nicht. Kein Wunder, dass sie unter Albträumen leidet. Dass Abbie so allein gelassen wird, verwundert durchaus.

Abbie ist eine ganz durchschnittliche junge Frau ohne intellektuellen Hintergrund. Ja, sie selbst schimpft sich des öfteren „du dumme, dumme Frau!“, wenn sie wieder etwas vergessen oder übersehen hat. Viele Frauen werden sich mit ihr identifizieren können. Denn Abbie verfügt über die Kraft des intuitiven Einfühlungsvermögens in eine menschliche Situation: Sie kann mit praktisch jedem Menschen schon nach wenigen Augenblicken zurechtkommen – außer wenn man sich ihr gegenüber unzugänglich zeigt. Dann tritt sie den Rückzug an. Ihre emotionale Stärke und Empathie machen sie sympathisch und bringen uns dazu, gespannt ihren zaghaften Ermittlungen zu folgen, selbst wenn sie noch so abwegig erscheinen: „Wo ist eigentlich die Katze?“ …

_Unterm Strich_

Nach dem hammerharten Auftakt und der darauf folgenden Ablehnung von Abbies Fall durch die Behörden erschien mir der Mittelteil zunächst wie ein spannungsloses Zwischenspiel. Aber hier sind wir bereits richtig: Abbie muss erst herausfinden, wer sie war, dann aber auch, wer sie jetzt ist. Nachdem sie ein erstes Koordinatensystem gefunden hat, kann sie schließlich unter dem Eindruck mehrerer schockartiger Entdeckungen in ihrer nächsten Umgebung daran gehen, den Täter aktiv zu suchen. Und von da an bricht die Spannung nicht mehr ab.

French hat einen sauber konstruierten Psychothriller abgeliefert, in dem sie mehr Wert darauf legt, mit Hilfe der Psychologie, des „inner space“, den Thrill zu erzeugen, als auf irgendwelche spaktakulären Aktionen. Im Grunde ist es ein Buch, das Hoffnung macht: Ein Opfer, das sich nicht aufgibt, hat die Chance, sich zu retten und obendrein auch noch Gerechtigkeit zu erlangen. Traurig ist jedoch, dass die moderne Gesellschaft diesem Opfer keinen Beistand leistet. Vielleicht hilft die Empörung über diesen Skandal, etwas zu verändern.

|Originaltitel: Land of the living, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Birgit Moosmüller|

Nesbø (Nesboe), Jo – Leopard

Mit dem „Schneemann“-Fall hat Jo Nesbø im Grunde genommen alles aus seinem Lieblingsermittler Harry Hole herausgeholt, was der verbitterte Mitvierziger in seiner Midlifecrisis bieten konnte: Ein genialer Fall, eine komplexe Ermittlungsreihe, ein skrupelloses Storyboard, faszinierende, manchmal sogar krankhaft-wahnsinnige Figuren und Wendungen, wie man sie selbst im hoch gelobten skandinavischen Thriller/Krimi-Sektor nur selten aufs Tablett gelegt bekommt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Fortsetzung gewesen, die Nesbø ein wenig nach hinten verlegt hat, nun aber mit einem lauten Knall zur Diskussion bringt. „Leopard“ soll nun den Schneemann ersetzen, ihm zumindest ebenbürtig sein. Eine schwere Aufgabe, wie auch der Autor weiß. Doch der würde sich nicht an eine solche Herausforderung wagen, wüsste er nicht, dass seine Geschichten jedes Mal wieder das Potenzial haben, an solche Geniestreiche anzuknüpfen.

_Story:_

Harry Hole knabbert immer noch an den Depressionen, die ihm der letzte Fall und die Trennung von seiner Geliebten Rakel beschert hat. Seit sechs Monaten lebt er im Untergrund von Hongkong, hat sich hier dem Opium verschrieben und steht auch bei den Triaden mit größeren Schulden tief in der Kreide. Als die norwegische Ex-Kollegin Kaja Solness plötzlich in seiner neuen Umgebung auftaucht und ihn bittet, zurückzukehren und an der Aufklärung eines weiteren Serienmords teilzuhaben, ist dies für Hole eine Art Chance, die er sich nicht nehmen lassen sollte. Doch Harry lässt sich nur schwer überreden, weil er nicht mehr zulassen will, dass ihn ein Fall emotional derartig berührt. Die Aussicht, seinen im Sterben liegenden Vater ein letztes Mal am Krankenbett zu sehen, überzeugt ihn letzten Endes doch, den Flieger nach Oslo zu nehmen und Solness zu begleiten.

Zurück im Polizeidienst hat die Koryphäe des Morddezernats jedoch direkt Startschwierigkeiten. Ein Kollege vom Kriminalamt will ihn fertigmachen und duldet keine Nebenbuhler bei der Suche nach dem Mörder der Personen, die vor kurzem unabhängig voneinander eine Berghütte besucht und dort genächtigt haben. Erst nach einigen Tagen entsteht dieser Zusammenhang, den Hole mit sehr freizügigen und nicht immer konventionellen Mitteln verfolgt, und der ihm nicht nur den Widerstand seiner Vorgesetzten, sondern auch immer mehr den Unmut seiner Kollegen einbringt. Als er schließlich suspendiert zu werden droht und ihm gleichzeitig die Parallelen zum Schneemann-Fall zu Kopf steigen, ist Harry nahe dran, endlich die Brocken hinzuschmeißen. Doch die hinterhältige Art und Weise, sowie die brutalen Folgen der Mordserie lassen ihm keine Ruhe und fordern seinen Einsatz – und auch wenn seine Methoden inzwischen deutlich in Frage gestellt werden, das Gerangel mit einigen zwielichtigen, korrupten Gestalten beim Kriminalamt seinen Tribut fordert und er bei einem Einsatz in den Bergen nur knapp dem Tod entrinnt, weiß er im Inneren, dass nur er es ist, der Ergebnisse bringen kann. So düster diese auch sein mögen …

_Persönlicher Eindruck:_

Zweifelsohne stand Jo Nesbø nach dem beeindruckenden „Schneemann“ unter gehörigem Druck; das Buch wurde seinerzeit in allen erdenklichen Bestseller-Listen an der Spitze geführt, konnte sich dort zu Recht längerfristig halten und zeigte nicht nur einen Kriminalfall in seiner pikantesten Inszenierung, sondern auch Protagonisten, wie sie eindringlicher und intensiver kaum wirken könnten. An deren Front stand selbstredend des Autors langjähriger Wegbegleiter Harry Hole, seines Zeichens eigenbrödlerischer Hauptkommissar der Osloer Polizei, Draufgänger, Miesepeter, suizidgefährdeter, stets vom Alkohol verfolgter Trinker und in der Quintessenz schließlich ein Mensch, der stets am Limit lebt, dort aber gar nicht leben mag. Die extremere Variante von Indridasons Erlendur kehrt also nun zurück und liefert sich unfreiwillig ein weiteres Gefecht mit einem Serientäter. Doch genau das ist es letzten Endes nicht, was „Leopard“, den schon im Vorfeld reservierten Bestseller-Leader von Nesbø, eigentlich ausmacht!

Stattdessen wird der Eindruck erweckt, als wolle der Autor in erster Linie eine Geschichte um seinen Liebling herumstricken, nicht jedoch einen Mordfall bzw. eine Serie, die einer intensiven Aufklärung von Seiten der entsprechenden Ermittlungsbehörden bedarf. Natürlich ist der Fall spannend. Natürlich ist auch die Art und Weise, wie die Geschichten innerhalb der Story verstrickt sind und wie die Morde schlussendlich umgesetzt wurden, grandios erzählt und unglaublich verzwickt zu einem Puzzle kombiniert worden. Doch es ist dieses Mal wirklich der Charakter Hole, der das Charisma des Romans beschreibt. Seine düstere, undurchdringliche Seele, seine stete Unberechenbarkeit, der Wahnsinn, der seine Taten lenkt, dann aber auch wieder die Genialität, mit der er der Leidenschaft für seinen immer geliebten und nur unfreiwillig aufgegeben Job nachgeht – all das vereint sich in „Leopard“ noch fokussierter und spezifischer, so dass es den Mordfällen so manches Mal schwer fällt, einfach nur für sich zu sprechen und nicht immer wieder vom Rummel um den Störenfried Hole eingeholt zu werden.

Vielleicht mag diese Darstellung auch ein wenig überspitzt sein, doch zusammengefasst befasst sich Nesbø weitaus umfassender mit seinem Antihelden als dies in all seinen vorherigen Episoden der Fall gewesen ist. Dies mag mehrere Gründe haben, von denen in der Gesamtbetrachtung jedoch nur einer wirklich in Frage kommt: Es ist der Schwanengesang auf eine der besten, wenn auch nur sehr schwer greifbaren Romanfiguren, die mit „Leopard“ womöglich seinen Abgang zelebriert. Verständlich wäre es vor dem Hintergrund dessen, wie sich die Story entwickelt sicherlich, denn Hole ist noch destruktiver seinem eigenen Körper und Geist gegenüber als noch im schwer verdaulichen „Schneemann“ und bringt viele Beispiele dafür, warum es wohl besser wäre, den Hut zu nehmen. Beispiele, die auch dem Leser eine unbeschreibliche Hoffnung suggerieren, dass jetzt Schluss sei – ohne dass hierbei negative Assoziationen zur Story und deren Verlauf eröffnet werden sollen.

Letztere ist nämlich gewohntermaßen stark, packend, gemein, fies und Hole-typisch ungerecht. Nicht nur der Fall an sich wirft zahlreiche Fragen auf, auch die intriganten Machenschaften in den einzelnen Dezernaten bringt Unruhe in die Sache und heizt die Spannung nachhaltig an. An gewissen Punkten der Handlung weiß man absolut nicht mehr, wem man überhaupt noch trauen kann und welcher Charakter nun zu welcher Seite gehört. Alles ist so perfide inszeniert, dann wieder schnell auf den Punkt gebracht, um direkt im nächsten Moment wieder wie Dynamit zu explodieren und einen Scherbenhaufen aus tausenden Puzzlestücken zu hinterlassen – Nesbø-like, fantastisch, auf jeden Fall aber auch sehr kontrolliert und niemals hektisch.

Hektik wäre bei einer Distanz von beinahe 700 Seiten aber auch eine Komponente, die kaum erträglich wäre – und dabei sollte man berücksichtigen, dass es dem Autor nach dem furiosen Auftakt tatsächlich gelingt, das hohe Tempo bis kurz vor Schluss durchzustehen. Leider leidet in den Schlusssequenzen die Glaubwürdigkeit ein wenig an den sich überschlagenden Ereignissen. Was beim „Schneemann“ alles noch passte und homogen wirkte, scheint hier einen Schritt zu weit hergeholt – wenn auch nicht völlig weltfremd. Aber vielleicht hätte man die Story dann doch auf den europäischen Kontinent verlagern und sich den Exkurs nach Kongo sparen sollen. Doch das ist sicherlich alles nur eine Frage der Betrachtungsweise. Für meinen Geschmack ist die Lösung jedenfalls nur semi-elegant.

Dass „Leopard“ allerdings ein durchweg starker Thriller ist, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass man mit Nesbøs Neuem nur dann wirklich was wird anfangen können wird, wenn man den Vorgänger genossen hat. Mit dieser Startvoraussetzung darf man sich jedoch wiederholt auf richtig starkes Krimi-Entertainment freuen, vielleicht sogar auf Holes letzten Auftritt. Wie auch immer: Im Vergleich mit der saisonalen Konkurrenz dürfte „Leopard“ definitiv in der Spitzengruppe liegen!

|Gebunden: 698 Seiten
Originaltitel: The King Maker
Übersetzt von Günther Frauenlob und Maike Dörries
ISBN-13: 978-3-550-08774-5|

_Jo Nesbø bei |Buchwurm.info|:_
[„Das fünfte Zeichen“ (Hörbuch) 2768
[„Die Fährte“ (Hörbuch) 2939
[„Der Erlöser“ (Hörbuch) 4847
[„Schneemann“ 5347

Tony Hillerman – Wolf ohne Fährte (Navajo Police 1)

Spannend und actionreich: Kampf mit dem Werwolf

Lieutenant Joe Leaphorn von der Navajo-Police ermittelt im zerklüfteten Canyon Country, beschattet von den scharfkantigen Felsen des Corn-Mountain-Massivs. Aus den Angelegenheiten der benachbarten Zuñi hält er sich eigentlich raus. Als aber zusammen mit dem jungen Zuñi Ernesto auch dessen bester Freund George, ein Navajo, verschwindet, wird Leaphorn hinzugezogen. Die beiden Jungen waren fasziniert von den Ritualen des Zuñi-Volkes und deren rachsüchtigen Göttern. Die aber, so heißt es, zeigen sich nur jenen, denen der Tod seine Aufwartung macht. (Verlagsinfo Unionsverlag)

„Bergen, ein Navajo mit einem geschwollenen Bein, hat sich hier heraufgeschleppt. Schlangenbiss. Ich bringe ihn nach Teec Nos Pas. Bin morgen Vormittag wieder zurück. John.“ Wieso „John“? Bergen McKee starrt ratlos auf den Zettel. Canfield heißt mit Vornamen Jeremy, nicht John. Die Anthropologen Bergen McKee und Jeremy Canfield arbeiten seit Tagen in der Navajo-Reservation. Canfield interessiert sich für Felsengräber, McKee will den Gerüchten nachgehen, denen zufolge hier in letzter Zeit ein „Werwolf“ sein Unwesen treibt.

Und nun ist Canfield in McKees Abwesenheit aus dem Lager verschwunden und hat nur diese mysteriöse Nachricht hinterlassen… McKee wird sehr nachdenklich. Er ist beunruhigt, obwohl es keinen greifbaren Anlass gibt. Er schläft nicht in seinem Zelt in dieser Nacht; er schlägt sein Lager in einiger Entfernung im Freien auf. Nach langem Grübeln schläft er ein.

Ein Geräusch lässt ihn hochfahren. Was war das? Ein Stein, der sich hoch über ihm in der Steilwand des Canons gelöst hat, poltert zu Tal. Was hat den Stein gelöst? Erosion? Ein Tier? Der Schritt eines Menschen? Dann sieht er die Gestalt. Undeutlich erkennt er im Mondlicht einen Menschen… einen Mann. Er ist sehr groß. Und er hat einen Wolfskopf.“ (Verlagsinfo Rowohlt)
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Peters, Elizabeth – Im Schatten des Todes (Lesung)

_Mumien, Mythen, Mitgiftjäger: Action in Ägypten_

Zwei britische Damen schippern Ende des 19. Jahrhunderts den Nil hinauf, um die Königsgräber von Amarna im Tal der Könige zu besuchen. Zu ihrem nicht geringen Schrecken ist eine wandelnden Mumie hinter der schwächeren der beiden Damen her, um sie zu entführen. Oder möchte ihnen jemand nur einen üblen Streich spielen?

_Die Autorin_

Dr. Elizabeth Peters promovierte in Ägyptologie. Das hat sie als Autorin auch umgesetzt, so etwa in diesem Buch. 1986 wurde sie mit dem Anthony Grand Master Award und 1989 mit dem Agatha [Christie] Award ausgezeichnet. In ihrer Amelia-Peabody-Reihe, zu der dieses Buch gehört (tatsächlich ist es der Auftaktroman der Serie), liegen siebzehn Bände vor, fünfzehn davon auf Deutsch. Auch als „Ellis Peters“ war sie mit ihren Bruder-Cadfael-Krimis erfolgreich, die u. a. mit Shakespeare-Schauspieler Derek Jacobi verfilmt wurden. Insgesamt soll die Verkaufszahl aller Peters-Titel laut Verlag bei rund zwei Mio. Exemplaren liegen. Sie schreibt auch unter den Pseudonymen Barbara Michaels und Barbara Mertz (ihr bürgerlicher Name ist Barbara Louise Gross Mertz).

_Handlung_

Miss Amelia Peabody, 32, unverheiratet, ist nicht gerade die durchschnittliche englische Lady: Sie hat eine halbe Million Pfund Sterling geerbt, hasst Röcke und lehnt es ab zu heiraten. Da braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie Ende des 19. Jahrhunderts (ca. 1887, zur Zeit des Mahdi-Aufstands im Sudan) eine Menge hochgezogener Augenbrauen hervorruft und ihr alle möglichen Abenteuer mit den Herren der Schöpfung zustoßen.

Als Tochter eines (soeben verstorbenen) Ägyptologen macht sie sich natürlich irgendwann auf den Weg zu den Stätten ihrer Sehnsucht, den Pyramiden und Pharaonengräbern am Nil. Doch vorab rettet sie eine junge mittellose Engländerin auf dem Forum Romanum aus einer der Ohnmachten, zu denen dieses unterernährte Geschöpf neigt. Der Name: Evelyn Barton Forbes. Das Schicksal: Opfer eines italienischen Mitgiftjägers namens Alberto, der sie um ihre Erbschaft bringen wollte. Als es mit der Erbschaft nichts wurde, weil Evelyns Cousin Lucas der Haupterbe von Lord Ellesmere wurde, ließ Alberto Evelyn sie sang- und klanglos sitzen. Die patente Amelia nimmt sich des armen Dings an und macht es zu ihrer Freundin. Zusammen fahren sie nach Kairo.

Beim Besuch der Pyramiden von Gizeh (al-Dschīza) wagt es nur Amelia, in das Innere des Grabmals von Pharao Chufu (= Cheops) vorzudringen; Evelyn schlottern vor Angst die Knie. In einem der Museen begegnen die beiden Ladys erstmals den beiden ungleichen Brüdern Emerson. Sie sind leicht zu unterscheiden: Radcliffe ist der hünenhafte Rüpel und Walter der feinsinnige Romantiker, der sich unsterblich in Evelyn verliebt – allerdings kennen sich die beiden bereits. Evelyn mag ihn wesentlich lieber als ihren Cousin Lucas, der ihr ebenfalls nachstellt und einen Antrag macht.

Nachdem der Museumsdirektor die Damen aus dem reichen Fundus seiner geraubten Schätze beschenkt hat, reist man ab an den oberen Nil, nach Amarna, wo etliche Königsgräber der Ausgrabung harren. Bevor es losgeht, finden merkwürdige Begegnungen statt: Der treulose Alberto ist abzuwehren, und an Amelias Bett erscheint eine mumienhafte Gestalt, die sofort wieder verschwindet …

In Amarna herrschen schlimme Zustände, die die Ägyptologin entsetzen: Landbevölkerung und Touristen gleichermaßen nehmen sich einfach die Funde, die sie in den Gräbern machen, verkaufen sie oder nehmen sie als Souvenir mit nach Hause. Von Wissenschaft keine Spur!

Radcliffe Emerson hat Echnatons Grab entdeckt, ist aber danach schwer fieberkrank geworden. Amelia heilt ihn und restauriert die Friese, während Evelyn die Wandmalereien zeichnet. Nachdem ein neues Grab mit einer Mumie darin entdeckt wurde, erregt das Verschwinden der Mumie einiges Aufsehen. Erst recht dann, als die Mumie zurückkommt und sich an Evelyn heranmacht. Das „Ding“ schlägt auch die Arbeiter in die Flucht, die den Fluch eines Priesterzauberers fürchten. Wer verbirgt sich hinter der Maske der wandelnden „Mumie“?

Amelias Misstrauen ist geweckt. Zusammen mit dem mittlerweile eingetroffenen Lucas Hayes, jetziger Lord Ellesmere, stellen sie und die Emersons dem „Ding“ eine Falle. Doch leider verläuft die folgende nächtliche Auseinandersetzung ganz anders, als sich das Amelia vorgestellt hat …

_Mein Eindruck_

Die Autorin versteht es hervorragend, mehrere Themen unter einen Hut zu bringen und den Leser durch Spannung, Romantik und Humor zu unterhalten. Anfangs spielt das romantische Thema eine wichtige Rolle, allerdings aus weiblicher Sicht, und deshalb stets auch mit ein wenig Existenzangst vermischt – Erbschaft ja oder nein, das kann schon den Unterschied zwischen Wohlstand oder Untergang bedeuten, wie der Fall von Evelyn Barton zeigt. Deshalb lautet die Devise, aufs richtige Pferd, pardon: auf den richtigen Mann zu setzen. Das ist auch nicht so einfach. Und bietet eine Menge Überraschungen.

Dass bei den Gräbern nächtens unheimliche Mumien wandeln, heulen und stöhnen, trägt nicht gerade zur Beruhigung der femininen Nerven bei. Evelyn fällt regelmäßig in Ohnmacht, aber das kennen wir schon. Amelia Peabody ist eher der energisch-rationale Typ und würde das „Ding“ sofort angreifen, wenn, ja wenn, die vermaledeiten Röcke nicht immer im Weg wären – die Viktorianerinnen trugen diese unbequemen Dinger Tag und Nacht. Sie fällt regelmäßig auf die Nase, was ihrem Stolz nicht besonders bekommt. Schließlich wird es ihr zu bunt, und sie bindet die Unterröcke an ihren Beinen fest: improvisierte Männerhosen – shocking!

Natürlich ist Amelias kriminalistischer Spürsinn geweckt, und sie setzt alles dran, das Rätsel der wandelnden Mumie zu lösen. Unerwartete Schützenhilfe erhält sie von Radcliffe Emerson, den sie ja gesundgepflegt hatte. Zwischen beiden läuft allmählich etwas, das merkt auch der stumpfsinnigste Leser. Um Evelyns Wohlergehen bemüht, versucht sie sie mit Walter zu verkuppeln. Weil Radcliffe seinen Bruder Walter jedoch keine arme Kirchenmaus heiraten lassen will, muss Amelia erst einmal Radcliffe überreden. Zu ihrem Erstaunen arbeiten die folgenden spannenden Ereignisse zu ihren Gunsten …

„Im Schatten des Todes“ erweist sich nach ein wenig Anlauf als ein nettes, altmodisches Ägypten-Abenteuer, in dem amouröse Nöte und rätselhafte Schurken die Helden und Heldinnen auf Trab halten. Selbstverständlich wartet am Schluss ein rundum beglückendes Happy-End auf den Leser, allerdings mit der einen oder anderen Überraschung.

Die zahlreichen Dialoge, aus denen das Buch überwiegend besteht, lassen die Handlung lebendig wirken. Dass die Äußerungen vor allem Amelias durchaus sarkastisch und ironisch gemeint sind, lässt uns Auer schnell merken. Diese humorvolle Seite des spannenden, romantischen Abenteuers ist sehr wichtig, um uns zu vermitteln, dass sich Amelia sehr wohl ihrer eigenen Position bewusst ist. Sie steht aber nicht hochmütig darüber, vielmehr erweist sie sich beim rechten Mann, wenn er denn mal so weit ist, durchaus als Evastochter.

_Unterm Strich_

„Im Schatten des Todes“ – der Titel klingt dramatischer als das Buch wirklich ist – entpuppt sich als schwungvoll und listig angelegt Spannungsabenteuer mit amourösen Zwischentönen. Der Schauplatz der Pharaonengräber von Amarna (Tal der Könige) trägt viel zur geheimnisvollen Atmosphäre bei, in der sich das Rätsel der wandelnden Mumie, die es auf Frauen abgesehen hat, recht gut entfalten – und schließlich lösen – lässt. Hin und wieder empfiehlt sich eine Pause, um die rasch aufeinanderfolgenden Ereignisse Revue passieren zu lassen. Der Genuss wächst mit der feinen Dosierung. Für Gierhälse ist die fein gestrickte Geschichte zu schade.

Ältere Herrschaften mit Kenntnissen über das alte Ägypten, die Pyramiden und womöglich viktorianische Frauenzimmer werden sicher ihre helle Freude daran haben. Jüngere Herrschaften, die mit Mumien, Mythen und Mitgiftjägern nix am Hut haben, können dieses Buch guten Gewissens übergehen.

|Originaltitel: Crocodile on the sandbank, 1975
Aus dem US-Englischen von Leni Sobez|

Stan Jones – Weißer Himmel – Schwarzes Eis. Ein Fall für Nathan Active

Der Sherlock der Eskimos: als Polizist in Alaska

Nathan Active ist ein Staatspolizist in Alaska. Der Trooper findet sich langsam am Polarkreis zurecht und kommt einem Umweltverbrechen auf die Spur – mit unorthodoxen Methoden.

Der Autor

Stan Jones stammt aus und lebt in Anchorage, der größten Stadt in Alaska. Als Spezialist für Umweltfragen, Zeitungs- und Radio-Journalist sowie leidenschaftlicher Buschpilot hat er die Erfahrungen gesammelt, die man nun in seinen Romanen wiederfindet. Er arbeitet an weiteren Büchern über den eigenwilligen Inupiat-Cop Nathan Active und dessen Abenteuer am Polarkreis.
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Patterson, James / de Jonge, Peter – Wenn er fällt, dann stirbt er

_Wider das korrupte Justizsystem_

Ein junger Mann wird auf dem Grundstück eines New Yorker Industriemagnaten auf Long Island zusammengeschlagen und ins Wasser des Atlantiks geworfen. Weil die Täter kommen ungeschoren davonkommen, nimmt der Bruder des Opfers das Gesetz in die eigene Hand, allerdings nicht mit einer Winchester oder Uzi, sondern mit den Mitteln Justitias.

_Der Autor_

James Patterson ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt.

Patterson ist extrem fleißig. Seine letzten Romane nach „3rd Degree“ waren „Sam’s Letters to Jennifer“, „London Bridges“, „Honeymoon“, „Maximum Ride“ und „4th of July“ (die Fortsetzung dieser Reihe). Im Juli 2005 erscheint „Lifeguard“.

Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Regelmäßig wird aus dem Buch auch ein Audiobook oder E-Book gemacht: Patterson kann überall dabei sein.

_Handlung_

Peter „Rabbit“ Mullen wird eines Morgens tot am Strand eines exklusiven Grundstücks auf Long Island gefunden. Die korrupte Polizei sagt, er sei ertrunken oder habe Selbstmord begangen. Doch Peters Familie ist überzeugt, dass er dazu nie fähig gewesen wäre: Es muss Mord gewesen sein. Und das belegt auch der Befund der Gerichtsmedizinerin.

Für Peters Bruder Jack, ein Anwaltspraktikant und Student der Rechte, ist klar: Der Mord soll von einem mächtigen Mann vertuscht werden. Barry Neubauer ist ein Spielwarenfabrikant, der als Multimilliardär rauschende Feste in seinem feudalen „Strandhaus“ auf Long Island zu geben pflegte. Peter Mullen half dabei stets aus, indem er die edlen Karossen der Reichen und Schönen einparkte und ein nettes Trinkgeld kassierte. Sein Bruder Jack ist seit einem Jahr mit Neubauers Tochter Dana liiert.

Dies alles ändert sich mit Peters Tod. Jacks Bemühen, den Mord als solchen aufzudecken, führt ihn schnurstracks in die Katastrophe: Job weg, Freundin weg, Vater an Herzinfarkt verstorben, Freunde von Unbekannten bedroht, die Gerichtsmedizinerin eingeschüchtert und umgedreht – die Wahrheit bleibt unterm Teppich.

Doch bei solch radikalem Wandel kommt es darauf an, was man daraus macht, denn jede Veränderung ist auch eine Chance. Jack gewinnt in Pauline eine neue Freundin, die ihm zu einem neuen Job verhilft und dabei unterstützt, sein Studium als Drittbester seines Jahrgangs abzuschließen.

Die Gelegenheit, mit den Neubauers und ihrer brutalen Clique abzurechnen, ergibt sich endlich, als Jack per Zufall mitten in New York City den totgeglaubten Freund von Peter sieht: Sammy Giamalva war Peters Komplize, wenn dieser die Schönen und Reichen (auch Neubauer selbst) sexuell verwöhnte. Und Sammy machte dabei viele, viele Fotos …

_Mein Eindruck_

Der direkte Anlass, dieses Buch zu schreiben, könnten die Prozesse um O.J. Simpson und ähnliche Berühmtheiten sein. Dass Simpson teilweise freigesprochen wurde (zumindest von der Mordanklage), empörte viele Amerikaner, die nun ihr Vertrauen in das Rechts- und Justizsystem ihrer Nation verloren. Es sah so aus, als hätten die Mächtigen das Recht gekauft und die Mittellosen würden vom Recht nicht mehr geschützt. Kurzum: Das Ende der Demokratie stand kurz bevor. Im Buch selbst wird direkt auf diese bedauerlichen Vorgänge verwiesen. Dass die Bush-Administration auch den Datenschutz abgeschafft hat (mit dem Patriot Act), dürfte zu einer weiteren Verunsicherung beigetragen haben.

Jack Mullen, der Ich-Erzähler über weite Strecken hinweg, nimmt das Gesetz, das er von der Pike auf gelernt hat, selbst in die Hand: Die letzten hundert Seiten bestehen aus einer nicht rechtmäßig einberufenen Gerichtsverhandlung, die im Fernsehen der Nation übertragen wird. Ich werde nicht verraten, wie der Prozess ausgeht, aber die Tatsache, dass eine solche Verhandlung nur außerhalb der legitimierten Gerichte stattfinden kann, spricht doch Bände.

|Die Ko-Autoren|

Warum haben Patterson und de Jonge – wie schon einmal zuvor – auch an diesem Buch kollaboriert? Ich stelle mir vor, dass de Jonge, ein Journalist beim „New York Times Magazine“ und anderen Publikationen, entweder schon ein fertiges Manuskript hatte, es aber zu lang war, oder die entsprechende Faktenrecherche für Pattersons Idee erledigte. Patterson ist ja nicht gerade bekannt dafür, die Schickeria von New York City aufs Korn zu nehmen. Wenn er schon konkret werden muss, dass lieber anhand von Dr. Alex Cross in Washington, D.C. Würde man jedoch „The Great Gatsby“ auf Patterson-Format stutzen, so bliebe sicherlich nicht viel von diesem Meisterwerk übrig.

|Speed-Reading|

Ohne Pattersons Markenzeichen wäre aus diesem Roman nur ein weiterer Dutzendroman über Long Island geworden. Doch die superkurzen Kapitel verleihen der Story nicht nur Speed, sondern sorgen auch für einen spannenden Cliffhanger-Schluss nach dem anderen. Als Folge will der Leser natürlich wissen, wie es weitergeht und blättert schnell um. Die Prosa ist direkt und schnörkellos, ohne den Leser geistig oder sprachlich zu fordern. In nur einem Tag sind die 300 Seiten verschlungen. Spätestens.

|Schwächen|

Diese Technik macht das Buch nicht per se gleich interessanter: Die Machenschaften der Long-Island-High-Society kann man sich auch ohne Thrillerbeleuchtung und weitere Anstrengung gut vorstellen. Man denke nur an die beiden Kennedys in den Sechzigern und ihre Eskapaden. Tatsächlich sind es vielmehr die Aktionen der Figuren auf der Seite Neubauer vs. Mullen als die Entwicklung der Figuren an sich, die das Buch unterhaltsam machen. Die Gerichtsverhandlung fördert ein schockierendes Detail der Wahrheit nach dem anderen ans Tageslicht.

Der Roman will einfach nur kompetente Spannungsliteratur sein, nicht etwa fundiertes Gesellschaftsporträt mit kritischem Ansatz. Insofern befriedigt der Roman ein nicht spezifisch amerikanisches Bedürfnis und muss daher durch die Konzentration auf Long Island und New York City die amerikanischen Leser direkter ansprechen.

Eine Menge US-Mythen kommen ins Spiel: Freiheit des Unternehmertums, der Palast am Meer als Machtdemonstration, das Abenteuer verbotener Sexspiele als Symbol zu großer Freiheit, dicke deutsche Autos als Symbole von Reichtum und wirtschaftlicher Vereinnahmung durch die deutsche Autoindustrie. Zudem werden eine Menge Ressentiments wiedergekäut, die dem deutschen Leser mitunter sauer aufstoßen, so etwa der deutsche Ausdruck „obere Klassen“ im englischen Text – das klingt, als würden die Autoren Karl Marx zitieren. Und das ist im Land des freien Unternehmertums natürlich verpönt.

|Robin Hood mit anderem Namen|

Jack Mullen ist eine Art Robin Hood oder Michael Kohlhaas, kämpft er doch gegen ein unfähig gewordenes System, das ihm keine Gerechtigkeit zu verschaffen vermag. Dies ist eine uramerikanische Haltung, denn die Kolonisatoren und Staatsgründer waren ja Rebellen gegen das als ungerecht empfundene Kolonialregime der britischen Krone. Die beiden Autoren, die Jack Mullen und seine Freunde erfunden haben, können eigentlich nicht anders, als ihn siegen zu lassen. Aber das sollte man möglichst selbst nachlesen.

_Unterm Strich_

Es gibt gute Thriller, und es gibt Patterson. Er ist bereits eine Klasse für sich. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob ihm de Jonges/Pattersons windschnittiger Gesellschaftsthriller behagt, der auf das typische Speed-Reading-Format zurechtgestutzt wurde, sozusagen auf Drehbuchformat.

Weil es kaum eine psychologische Entwicklung gibt, entwickelt der Leser keine weitergehende emotionale Bindung zu den Hauptfiguren Mack, Jack und Peter Mullen. Folglich zählt allein die Story, nicht so sehr die Frage, ob Gerechtigkeit das Leben für die Mullens und ihre Freunde besser machen wird. Nach dem Ende des Schein-Prozesses ist denn auch schnell die Luft raus.

|Originaltitel: The beach house, 2002
Übersetzung durch Edda Petri|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
[„Der 1. Mord“ 1361
[„Die 2. Chance“ 1362
[„Der 3. Grad“ 1370
[„4th of July“ 1565
[„Die 5. Plage“ 3915

Michael Connelly – Schwarzes Echo (Harry Bosch 1)

Tödliche Vietnam-Connection

Rauschgift und Diamanten – eine tödliche Mischung, wie sich für manchen Vietnamveteranen herausstellt. Bill Meadows hat das zwar zu spät gemerkt, seinem früheren Mitsoldaten aber einen brisanten Hinweis hinterlassen. Und wieder einmal versuchen zahlreiche offene und versteckte Gegner, Detective Harry Bosch an der Aufklärung des Todes von Bill Meadows zu hindern.
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Allie Reynolds – Blutige Bucht

Inhalt

Kenna ist schockiert als sie erfährt, dass ihre beste Freundin Mikki einen Mann heiraten will, den sie gerade erst kennengelernt hat. Kurzerhand macht sie sich auf den Weg nach Sydney, um die beiden zu überraschen. Doch sie wollen zum Surfen, also bleibt Kenna nichts anderes übrig, als sie zu begleiten. An der abgelegenen Ostküste Australiens trifft sie auf eine Gruppe ungleicher Menschen, die sich fernab der Zivilisation einen Rückzugsort geschaffen hat und alles tut, um ihn vor der Außenwelt zu bewahren. Hier zählen nur die Wellen, das Wetter und die Gezeiten. Doch das Küstenparadies birgt ein dunkles Geheimnis und schnell wird klar: niemand verlässt die Bucht lebend. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

“Blutige Bucht” ist von Anfang an herrlich beklemmend, rätselhaft sowie spannend. Die unheilvolle Atmosphäre ist durchweg greifbar, denn die paradiesische Bucht namens Sorrow Bay bietet jede Menge Gefahren: Ein nahezu undurchdringliches Waldstück mit Giftschlangen, Spinnen, Klippen sowie Gewässer mit starker Strömung. Aber auch die undurchsichtigen Bewohner der Bucht tragen zur bedrohlichen Stimmung bei – schließlich ist der Mensch das grausamste Tier.

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Vandenberg, Philipp – Akte Golgatha, Die

Dem Münchener Chirurgen Gregor Gropius stirbt nach einer Lebertransplantation der Patient weg: ein Kunstfehler? Keineswegs! Es war Mord: Die Leber war vergiftet. Wie sich zeigt, war der Tote ein ganz besonderer Patient: Er hatte das Grab Jesu gefunden …

_Der Autor_

Philipp Vandenberg, geboren 1941 in Breslau, landete gleich mit seinem Debütroman „Der Fluch der Pharaonen“ einen Bestseller. Viele seiner Romane und Sachbücher beschäftigen sich mit Archäologie. Vandenberg lebt mit seiner Frau abwechselnd in einem oberbayerischen Dorf oder in der Burganlage von Burghausen.

Weitere Titel: Der Pompejaner; Sixtinische Verschwörung; Das Pharaokomplott; Das fünfte Evangelium; Der grüne Skarabäus; Der Schatz des Priamos; Der Fluch des Kopernikus; Der Spiegelmacher; Purpurschatten; Der König von Luxor; Der Gladiator.

_Handlung_

Gregor Gropius, ein gut verdienender Chirurg an einem Münchner Klinikum, gerät schwer in die Bredouille, als ihm bei einer Leberverpflanzung der Patient stirbt. Gropius kann es nicht fassen, als sich herausstellt, dass die von einem anonymen Spender stammende Leber mit einem Insektizid vergiftet worden war. Obwohl man ihm einen Mord nicht zutraut, wird der Professor erst einmal beurlaubt. Schließlich will man keine anderen Patienten beunruhigen.

Zunächst hat Gropius seinen Oberarzt Dr. Fichte nicht im Verdacht, mit dem Mord etwas zu tun zu haben, aber das ändert sich, als er einen Privatdetektiv einschaltet. Der gesteht ihm, zuvor für seine Frau Veronique Gregors Leben ausspioniert zu haben, um ihr einen Scheidungsgrund zu liefern. Der Detektiv ertappt Dr. Fichte mit Dr. Plasskow, einem Golfkollegen Gropius‘. Er folgt den beiden nach Prag, wo sich zeigt, dass sie einen schwunghaften Organhandel betreiben und illegale Transplantationen durchführen. Und Fichte befindet sich in Begleitung von … Veronique. Macht das „geldgierige Frauenzimmer“ Geschäfte mit der tschechischen Organmafia?

Nach einigen unbequemen, aber ergebnislosen Fragen von Seiten der Münchener Sonderkommission kann sich Gropius einem anderen Kontakt widmen. Die Witwe des Ermordeten, die Kunstmaklerin Felicia Schlesinger, steht der Hinterlassenschaft ihres Gatten etwas hilflos gegenüber. Ihr Mann Arno war Archäologe und führte sein eigenes Leben an den diversen Grabungsstätten. Dort, in Israel, hatte er auch eine Geliebte, wie Felicia zu ihrer Erbitterung erfährt. Gropius besucht Felicia in ihrem Haus am Tegernsee, bemerkt, dass ihr eine Bombe geliefert wurde und transportiert diese mit seinem Wagen weg – mit knapper Not entkommt er dem Anschlag.

Für ihn (und den Bundesnachrichtendienst) stellt sich die Frage, wem der Anschlag galt: ihm oder Felicia? War es eine Warnung, da Felicia kurz vor der Detonantion angerufen wurde? Um jeden Zweifel auszuräumen, beschließt Gropius, die Spur aufzunehmen, die in Arno Schlesingers Vergangenheit. Diese führt zunächst nach Berlin und Turin, wo er jedoch gefangen genommen wird. Einen Tag später ist Professore de Luca, der Wissenschaftler, den er besuchen wollte, ebenfalls tot. Gropius entkommt nur, weil sein Tod den Hintermännern nichts nützen würde. Vielleicht führt er sie auf weitere Spuren.

Nun will es Gropius, der allmählich an seiner Aufgabe wächst, wirklich wissen. Während er sich zunehmend von Felicia Schlesinger entfremdet, erweist sich die Italienerin Francesca Colella, die er in Berlin und Turin antraf, als große Hilfe. Als die Bombenleger auch noch ihren Mann töten, hält sie sich an Gropius, denn er scheint zu wissen, wo’s langgeht.

In Israel stößt er endlich auf entscheidende Hinweise: Schlesinger hatte dort die Gebeine eines gewissen „Jeshua Sohn von Joseph Bruder von Jakobus“ gefunden, besser bekannt als Jesus von Nazareth. Kurz nachdem er die katholische Kirche damit erpresst hatte, erfolgte der Anschlag, der ihm die Leber zerriss. Kurz darauf landete er auf Gropius‘ OP-Tisch, doch die Gebeine Jesu wurden von einer weiteren Bombe vernichtet …

Nun meint der Vatikan, Gropius besitze die Forschungsergebnisse Schlesingers: die „Akte Golgatha“. Gropius‘ Gegner ist jedoch nicht nur die mächtige Kurie des Vatikans, sondern auch eine christliche Geheimorganisation, deren rätselhaftes Kürzel IND den Bundesnachrichtendienst in Verwirrung gestürzt hat: In nomine domini – „im Namen des Herrn“.

_Mein Eindruck_

Diesen Medizin-, Archäologie- und Religionsthriller mit Dan Browns Bestsellern „Sakrileg“ und „Illuminati“ zu vergleichen, liegt nahe. Doch der Versuch erweist sich schon bald als fruchtlos. Während Brown die geheime Geschichte des Religionsgründers erfindet und die des Abendlandes umschreibt (bzw. sich dazu früherer Autoren bedient), dienen Jesu Gebeine lediglich als Aufhänger für einen ganz normalen Thriller. Gropius‘ Erkenntnisse, die er sich stets mühsam in persönlichem Einsatz erkämpfen muss, führen zwar wie bei einer Schnitzeljagd zu weiteren Anhaltspunkten und Informationsquellen, verändern aber sein Weltbild nicht. Für Brown ist das alte Europa nur ein Palimpsest, das überschrieben wird – für Gropius ist es sein Lebensmilieu, über dessen Tellerrand er nicht hinausblickt.

Dennoch stellen Gropius und sein Erfinder Vandenberg am Schluss ein wenig verwundert fest, dass sich die Figur ganz schön verändert hat. Das ist auch für den Leser recht interessant, denn es lehrt eine Erfahrung, die man nicht aus Geheimschriften entziffert: Die Liebe des Lebens muss man sich erkämpfen.

Die erste Frau hat sich Gropius quasi gekauft, mit Reichtum an Finanzen und Wissen. Vroni, Veronika oder Veronique – schon bald entfremdete er sich von ihr. Er nahm sich die hübsche, geile Rita, eine Röntgenassistentin am Klinikum, die stets kam, wenn er sie rief: ein Betthase.

Doch die Schlesinger-Katastrophe ändert alles. Weder mit entfremdeten Gattinnen noch mit Betthasen lassen sich umfassende Probleme lösen wie das, vor dem Gropius jetzt steht: dem drohenden Ende seiner Karriere aufgrund einer ungeklärten Mordanklage. Leider erweist sich auch die Witwe Schlesingers nur begrenzt als hilfreich: Sie mag zwar gut im Bett sein, doch das Wissen, betrogen worden zu sein, macht sie verbittert.

Doch die Welt ist bekanntlich voll hübscher Frauen. Aber welcher kann Gropius trauen? Der Geliebten Schlesingers, Sheba Yadin, wohl kaum. Aber dann ist da noch die junge, attraktive Witwe Francesca Colella. Sie erweist sich als Gefährtin, die mit Gropius durch dick und dünn geht – bis zum Schluss. Sie ist sowohl mutig, schlagfertig als auch verständnisvoll. Als Italienerin hat sich auch ein großes Herz. Und sie kann warten, bis Gropius endlich auch seine Gefühle für sie zulässt.

Alles in allem hat dieser Roman zwar mehr mit echten Menschen zu tun, weil er den Figuren eine Tiefe und Breite zugesteht, die man in rasanteren Thrillern à la USA vermisst. Doch andererseits ist auch dieser Roman verpflichtet, den Leser zu unterhalten. An Vandenberg ist kein Wellershoff oder Schlink verlorengegangen: Sein Held Gropius ist kein Grübler, sondern mehr und mehr ein James Bond, der aus so mancher Falle herauslaviert und sogar mehreren Explosionen entgeht. Dass seine Bettgefährtinnen alles andere unansehnlich sind, schadet seinem Image gewiss nicht.

_Unterm Strich_

Ich konnte diesen Roman in wenigen Tagen lesen, da er nicht sonderlich anspruchsvoll ist. „Die Akte Golgatha“ ist ein einigermaßen spannend erzählter Thriller, der sich in den Bereichen Medizin (Organmafia), Archäologie (Israel) und Religion (Vatikan, IND-Orden) tummelt – allesamt Themen, die in Mode sind (spätestens seit „Jesus-Video“). Was den Leser wie den Helden verwirrt, ist die Verquickung all dieser Bereiche. Man fragt sich zunächst, wohin dies alles führen soll. Doch die Lösungen der Rätsel werden bis zur letzten Seite geliefert. Es bleiben keine losen Fäden zurück. Das nenne ich saubere Arbeit.

Angesichts der Fülle erotischer Begegnungen liegt der Vergleich mit James Bond nahe. Doch bei Bond gehören hübsche Frauen mit zwielichtigen Absichten gewissermaßen zum obligaten Inventar. Gropius hingegen – der nur auf Gattin und Geliebte zurückblicken kann – muss erst einmal seine Erfahrungen sammeln. Und das gestaltet sich interessanter als befürchtet. Diese Frauen sind keine Abziehbilder, sondern ebenbürtige Mitspielerinnen.

Merkwürdig ist jedoch, dass es keineswegs um das Schicksal der Welt oder wenigstens um den Untergang des Abendlandes geht. Zwar beißt hier und da jemand ins Gras, schon klar, aber die Eskalation reicht nicht in allerhöchste Ränge und aus den Liebesaffären werden keine Melodramen. Das macht die Geschichte ein klein wenig glaubwürdiger: Sowas könnte jedem von uns passieren (das nötige Kleingeld vorausgesetzt).

|Anmerkungen zur Sprache|

Damit die Figuren zum Leben erwachen, muss sich der Autor der richtigen Sprache befleißigen, sowohl in den Dialogen wie auch in den Beschreibungen. Doch schon für meine Generation der Sechziger- und Siebziger-Jahre-Männer klingen manche Satzkonstruktionen des 1941 geborenen Autors zu gestelzt. Das mag man in München ja anders sehen, wo man Latein noch in Ehren hält, doch in anderen Gegenden und Käuferschichten dürfte das auf weniger Verständnis stoßen. Mehrmals konstruiert Vanderberg Konditionalsätze, die statt ein „wenn/falls“ voranzustellen, ein „so“ benutzen. Das klingt nach Kanzleisprache.

Auch mit seinen Sprachbildern habe ich meine Mühe gehabt. Sprachbilder bestehen aus Redewendungen, Redensarten, Sprichwörtern, Vergleichen usw. Von manchen hat man völlig den Ursprung vergessen. Um solche geht es.

Als die Witwe Schlesinger erstmals auf Seite 59 auftritt, verwendet sie für ihr Aussehen den Ausdruck „in Schutt und Asche“ statt „Sack und Asche“. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn in Schutt und Asche können nur Gebäude und dergleichen liegen. Viele Seiten später verwendet der Autor den Ausdruck korrekt. Es war also nur ein Ausrutscher. Aber der Lektorin Daniela Bentele-Hendricks fiel er nicht auf.

Bauchschmerzen bereitete mir auch der Ausdruck „im Trüben fischen“. Dies tut ausgerechnet die honorige Sonderkommission Schlesinger in München. Meistens wird dieser Ausdruck mit zwielichtigen Organisationen in Verbindung gebracht. Ich hätte lieber den Ausdruck „im Dunkeln tappen“ (S. 344) verwendet, um eindeutig klarzumachen, was gemeint ist: dass nämlich die Polizisten nichts herausgefunden haben. „Im Trüben fischen“ geht auf eine Fabel von Aesop zurück und bedeutet im eigentlichen Sinne, sich aus einer unklaren Lage einen Vorteil zu verschaffen (der Fischer wirbelt den Schlamm im Wasser auf, um dieses zu trüben, damit ihm die Fische leichter ins Netz gehen).

Titus Müller – Der letzte Auftrag (Die Spionin 03)

Berlin, 1989. Ria Nachtmann hat ihre große Liebe geheiratet und sich als Spionin zur Ruhe gesetzt. Ihre Tochter Annie verfolgt derweil einen gewagten Plan: Sie will eine Doku des DDR-Widerstands drehen und sie in den Westen schmuggeln. Als sie und ihr Freund Michael dabei versehentlich zwei Männer einer KGB-Geheimoperation filmen, gerät alles außer Kontrolle. Der in Dresden stationierte russische Agent Wladimir Putin hängt sich an ihre Fersen. Mutter und Tochter stehen bald zwischen allen Fronten und müssen erkennen, dass es um nichts weniger geht als um den Sturz der DDR-Regierung und die Zukunft Deutschlands. (Verlagsinfo)
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Sebastian Fitzek – Der Heimweg

Jules Tannberg übernimmt von seinem Freund „Caesar“ die Nachtschicht beim Begleittelefon – einem Service, den Frauen anrufen können, wenn sie alleine auf dem nächtlichen Heimweg sind und sich unwohl fühlen. Während er auf den ersten Anruf wartet, läuft im Hintergrund im Fernsehen eine Folge von „Aktenzeichen XY … ungelöst!“, in der sie nach dem sogenannten Kalender-Killer suchen – einem Mörder, der seinen Opfern mit Blut ihr Sterbedatum an die Wand schreibt. Dann klickt es in der Leitung und Jules nimmt einen Anruf entgegen, der zur folgenschwersten Unterhaltung seines Lebens wird.
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Dashiell Hammett – Der dünne Mann. Ein Fall für Nick Charles

Papierexistenzen: ein höchst seltsamer Mordfall

Der Erfinder Clyde Wynant ist verschwunden, als seine Sekretärin Julia Wolf ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird. Wer ist der Mörder? Wynants Tochter Dorothy? Oder Wynants geschiedene Frau Mimi Jorgensen, die die Sekretärin (und Geliebte) ihres Ex-Mannes gehasst hatte? Und wo ist Wynant selbst? Da erhält Wyannts Anwalt Herbert Macaulay einen Brief von seinem verschwundenen Mandanten. Exdetektiv Nick Charles übernimmt den rätselhaften Fall, seine Frau Nora und sein Hund Asta helfen ihm tatkräftig.
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Hillerman, Tony – Coyote Waits (Navajo Tribal Police 10)

_Der lange Fluch: das Gold von Butch Cassidy_

In New Mexico versieht Jim Chee bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer seinen Dienst. Über Funk hört er mit, wie sein Freund und Kollege Delbert Nez einem anderen Autofahrer hinterherfährt und lacht. Doch Delbert trifft nie am Treffpunkt ein. Als sich Jim Chee auf die Suche macht, findet er Delbert sterbend in einem brennenden Auto vor – und einen alten Indianer mit einer rauchenden Pistole nicht weit entfernt. Für das FBI ist der Fall sonnenklar: Der Mörder ist der alte Schamane. Doch für Chee ergeben sich immer mehr Fragen, je näher er sich mit dem Rätsel dieses Mordes befasst …

_Der Autor_

Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.

|Die Leaphorn und Chee Reihe:|

1) The Blessing Way (1970) ISBN 0-06-011896-2
2) Dance Hall of the Dead (1973) ISBN 0-06-011898-9
3) Listening Woman (1978) ISBN 0-06-011901-2
4) [People of Darkness (1980)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8119 ISBN 0-06-011907-1
5) The Dark Wind (1982) ISBN 0-06-014936-1
6) The Ghostway (1984) ISBN 0-06-015396-2
7) Skinwalkers (1986) ISBN 0-06-015695-3
8) A Thief of Time (1988) ISBN 0-06-015938-3
9) Talking God (1989) ISBN 0-06-016118-3
10) Coyote Waits (1990) ISBN 0-06-016370-4
11) Sacred Clowns (1993) ISBN 0-06-016767-X
12) The Fallen Man (1996) ISBN 0-06-017773-X
13) The First Eagle (1998) ISBN 0-06-017581-8
14) Hunting Badger (1999) ISBN 0-06-019289-5
15) The Wailing Wind (2002) ISBN 0-06-019444-8
16) The Sinister Pig (2003) ISBN 0-06-019443-X
17) Skeleton Man (2004) ISBN 0-06-056344-3
18) The Shape Shifter (2006) ISBN 978-0-06-056345-5

|Filmographie:|

1) The Dark Wind (1991)
2) Skinwalkers (2002)
3) Coyote Waits (2003)
4) A Thief of Time (2004)
5) Skinning the Night: American Mystery (DVD)

Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt.

_Handlung_

Stammespolizist Jim Chee hat einen langen Arbeitstag hinter sich und freut sich auf eine gemütliche Tasse Kaffee mit seinem befreundeten Kollegen Delbert Nez. Doch dazu soll es nicht kommen. Irritiert hört Jim über den immer wieder unterbrochenen Funk mit, wie Delbert beginnt, einen Wagen zu verfolgen. Es soll sich um den Verrückten handeln, der angefangen, eine bestimmte Bergkette weiß anzustreichen. Jim hört Delbert belustigt auflachen, bevor der Funkkontakt vollends abbricht.

Im vereinbarten Café taucht Delbert nicht auf. Nervös fährt Jim los, um ihn zu suchen. Er muss irgendwo an der Route 33 stehen. Kurz bevor er einen Lichtschein bemerkt, sieht er, wie der Jeep eines vietnamesischen Schullehrers aus der Nähe abbiegt, aber nicht auf Jim reagiert. Der Lichtschein rührt nicht von einem Lagerfeuer her, sondern von Delbert Nez’s Einsatzfahrzeug, das in hellen Flammen steht. Sein Kollege sitzt noch darin, mit zwei Löchern in der Brust.

Jim Chees anschließender Einsatz macht Schlagzeilen. Wie er sich die linke Hand verbrannte, als er die Fahrertür des Wagens aufzog, um den Insassen mit der Rechten herauszuziehen. Doch Nez ist noch angeschnallt. Die ganze Aktion führt dazu, dass Chee für mehrere Wochen im Krankenhaus landet. Doch sein Einsatz ist noch nicht beendet. Er nimmt einen alten Navajo fest, der mit einer Whiskeyflasche und einer Pistole im Hosenbund die Landstraße entlangschlendert. Ashie Pinto leistet bei seiner Festnahme keinen Widerstand. Er sagt nur immer wieder. „I am ashamed – ich schäme mich.“

Aber mehr leider auch nicht. Die Pistole in seinem Gürtel erweist sich als die Tatwaffe. Für die zuständige Bundespolizei – jedes Reservat liegt auf Bundesbesitz – ist der Fall sonnenklar: Es kommt nur Ashie Pinto als Täter infrage. Aber Jim Chee fragt sich, wieso ein so angesehener Schamane – ein Kristallseher – wie der über 80 Jahre alte Ashie Pinto ohne fahrbaren Untersatz die rund 320 Kilometer zwischen seinem Wohn- und seinem „Fundort“ bewältigt hat. Es muss noch jemand anderen geben, der als Zeuge oder gar als Mittäter vor Ort gewesen sein muss. Neugierig macht sich Jim auf die Suche …

Lt. Joe Leaphorn von der Stammespolizei der Navajo erhält Besuch von zwei Frauen. Der Witwer, der seine geliebte Frau Emma durch eine langwierige Krankheit verlor, starrt neugierig auf die Visitenkarte der einen Frau: Prof. Louisa Bourebonette von der Uni Flagstaff in Arizona. Die Professorin drückt sich sehr deutlich und entschlossen aus. Im Unterschied zu der anderen Frau. Mrs. Keeyaneeh ist mit Ashie Pinto verwandt, eine Navajo. Beide weigern sich zu glauben, dass der alte Schamane etwas mit dem Mord an Officer Nez zu tun haben könne. In der Tat weisen sie auf einige Ungereimtheiten hin.

Zu seinem größten Bedauern sieht Lieutenant Joe Leaphorn keine Möglichkeit, diesen Fall, für den ja nur das FBI zuständig ist, an jemand anderen abzugeben. Jim Chee, der tapfere Held, liegt ja noch bandagiert im Krankenhaus. Und das FBI hat so schlampig ermittelt, dass in der Akte nicht einmal der Jeep vermerkt ist, den Chee gesehen hat. Und so macht sich Leaphorn an die Arbeit, um einen Fall zu untersuchen, mit dem er offiziell nichts zu tun hat und an dem bereits Jim Chee arbeitet.

Von unterschiedlichen Seiten arbeiten sich die beiden Polizisten an die unglaubliche Wahrheit heran, die zu diesem rätselhaften Verbrechen an einem Cop geführt hat …

_Mein Eindruck_

In dieser Folge der Chee & Leaphorn-Serie geht es um die Leute, die an der Navajo-Kultur und am Indianerland interessiert sind. Dieses Interesse kann sich positiv auswirken oder schlimme Folgen haben. Da sind zunächst die Akademiker wie Prof. Bourebonette, aber es gibt auch Leute wie Dr. Tagert, ein Historiker und sein Assistent Redd Odell.

|Alte Zeiten|

Immer wieder ackert beispielsweise Jim Chee die Erzählungen Ashie Pintos durch, die dieser Dr. Tagert auf Band aufnehmen ließ. Zunächst scheint die Transkription, die Odell anfertigte, ganz in Ordnung zu sein, doch als Chee sie mit dem O-Ton vergleicht, stößt er auf eine bemerkenswerte Lücke. Diese betrifft den Tatort, an dem Delbert Nez ums Leben kam.

Pinto erzählt dem seit Wochen verschwundenen Tagert von einer Zeit vor mindestens 80 bis 100 Jahren, als die Navajo und Pueblo noch gegen die Ute-Indianer selbständig vorgehen durften, um sich gegen Viehdiebstahl zu wehren. Angeführt von einem Navajo, holten Pueblo-Männer ihr gestohlenes Vieh zurück. Doch dann kam es in dem Malpais-Land, auf dem Delbert Nez starb, zu einer Begegnung mit Weißen.

Diesen Weißen galt das Interesse von Dr. Tagert und Redd Odell. Es sollte sich um Butch Cassidy und seinen letzten Kumpel handeln. Und Butch Cassidy sollte die Beute von seinem letzten, gescheiterten Beutezug dabei gehabt haben. Die Weißen nutzten das Indianerland als Versteck. Leider suchten sie sich ausgerechnet jene Felsformation aus, die als Wohnstätte von Coyote gilt.

|Coyotes Land|

Coyote, einer der heiligen Leute der mythischen Vorzeit der Navajo, ist bei vielen Stämmen des Südwestens als Trickster bekannt. Er ist der Außenseiter unter den Mächten. Seinem Rat ist nicht zu trauen, denn er sagt das eine und tut das andere. Wie Pinto, der Schamane, es Chee im Knast haarklein erklärt, sind alle Anhänger von Coyote „skinwalker“: Sie sehen außen wie Menschen aus, doch inwendig sind sie etwas anderes. Landläufig bezeichnen die Navajo sie auch als Hexer. Nach jedem Kontakt mit ihnen muss eine Reinigungszeremonie an jedem praktiziert werden, der mit ihnen zu tun hatte.

In seiner Chronik erwähnt Pinto, dass alle Navajo und Pueblo, die mit den beiden Weißen der Gegend zu tun hatten, gereinigt wurden, doch ihr Anführer unterzog sich auch einer Geisterreinigung. Pinto beschrieb den Ort ganz genau, wo die Weißen sich versteckten. Tagert und Odell kapieren sofort: Hier wartet ein Schatz darauf, gehoben zu werden. Und Coyote freute sich schon auf neue Opfer. Nur dass es für Weiße keine Reinigungszeremonie geben kann. Das Unheil nahm seinen Lauf. Aber war auch Delbert Nez verflucht?

|Vernunft|

Auch wenn Chee als angehender Schamane an die Mythologie glaubt, Lt. Leaphorn tut es nicht. Er ist ein Rationalist. Er glaubt keinen Moment an uralte Flüche, die sich an allen, die an diesen Ort rühren, bewahrheiten. Er glaubt daran, dass man die Wahrheit erkennen kann, wenn man nur seinen Blickwinkel ändert, indem man den Standort ändert. Als er dies tut, entdeckt er, wer der verrückte Felsenmaler ist. Und dieser stellt sich als der wichtigste Zeuge heraus, den die Stammespolizei bislang aufgetrieben hat.

|Das FBI|

Obwohl dies ja gar nicht der Fall der Stammespolizisten ist. Es ist der Fall des FBI. Der Autor lässt kein gutes Haar am FBI. Jeder Mann, der einen originellen Gedanken hat, liberal ist oder für schlechte Publicity sorgt, wird beim FBI automatisch geschasst. Und natürlich mischt man sich nicht in die Arbeit der anderen Dienste ein. Wie etwa der CIA. Und die CIA scheint ihre Hand über jenen vietnamesischen Schullehrer zu halten, den Chee in der Nähe des Tatorts gesehen hat. Doch der Lehrer war in seiner Heimat ein Oberst der südvietnamesischen Streitkräfte, der eng mit der CIA zusammenarbeitete. Folglich war für das FBI tabu. Was ihm aber nicht hilft: Eines Tages findet man ihn tot in seinem Haus. Mit seinem eigenen Blut hat er zwei Botschaften an die Wand geschrieben, eine davon für Chee …

|Flüchtlinge|

Die Parallele ist unübersehbar. Auch der Oberst ist ein Flüchtling, der im spärlich besiedelten Indianerland ein Versteck suchte, genau wie Butch Cassidy und sein letzter Helfer. Es hat beiden nichts genützt. Sie hatten niemanden, der sie schützte. Denn dies ist auch das Land, das von Klapperschlangen beschützt wird. Vor 80 Jahren wollte kein Navajo auf Kriegszug gehen, weil die Schlangen noch auf der Jagd waren. Keiner wollte riskieren, von einer gebissen zu werden.

Und auch heute noch erfahren Jim Chee und seine Freundin janet Pete hautnah, wie nah die Schlangen sind. Aber Jim Chee ist erfahren genug, sich mit einer Schlange zu verbünden und so Coyote zu überlisten. Denn der gierige Weiße, der sich als Leichenfledderer und Schatzsucher betätigt, hat keinen Respekt vor Schlangen, besonders dann nicht, wenn sie ihn von seiner Beute abhalten wollen. Und so zahlt er eben den Preis. Wie sagt doch Jim Chee an einer Stelle? „Coyote wartet – und er ist immer hungrig.“

|Wahrheit|

Wer hat nun aber Office Delbert Nez erschossen und verbrannt? Obwohl er ständig mit bandagierter linker Hand herumläuft, ist es Jim Chee gelungen, eine ganz Reihe Verdächtiger zu ermitteln. Da ist der verrückte Felsenmaler, da ist der vietnamesische Lehrer, schließlich der verschwundene Dr. Tagert und sein Helfer Odell, schließlich noch Ashie Pinto. Nur mit Leaphorns Hilfe gelingt es ihm, alle Aussagen zusammenzufügen und noch einen Showdown zu überleben. Schließlich eilt Chee zum Gerichtssaal, um einen alten Mann vor dem Knast zu bewahren. Doch dort erlebt er eine Überraschung. Denn Coyote bekommt immer, was und wen er haben will. Und er kann warten.

_Unterm Strich_

Diesmal habe ich drei Tage für diesen Krimi gebraucht. Nach einem furiosen Auftakt, der darin gipfelt, dass Jim Chee seinen Freund Nez vor dem vollständigen Verbranntwerden bewahrt und Ashie Pinto verhaftet, plätschert die Handlung vor sich hin. Zunehmend hegen die beiden unabhängig ermittelnden Polizisten Chee und Leaphorn Zweifel, dass Pinto den Mord begangen haben kann. Selbst wenn er doch mit einer fast vollständig geleerten Flasche besten Whiskeys aufgegriffen wurde. Aber es muss Zeugen gegeben haben. Diese finden sich in der Tat, und zwar mehr als genug, um zwei weitere Morde aufklären zu können.

|Schatzsucher|

Der Fan, der sich für das Indianerland im Südwesten der USA interessiert, wird aufhorchen, wenn er auch vom Ende eines der berühmtesten Banditen aller Zeiten liest: Butch Cassidy und sein Kumpel Sundance Kid lieferten die Vorlage für einen der erfolgreichsten Western überhaupt. Paul Newman spielte den Cassidy und Robert Redford den Kid. Ihre Hole in the Wall Bande raubt so manchen Zug aus, bis die Pinkerton-Detektei, aus der das FBI hervorging (so schließt sich der Kreis im Roman), sie nach Bolivien vertrieb.

Dort soll die Miliz sie erschossen haben. Im Roman finden tagert & Co. beweise für eine Rückkehr der beiden – und zumindest Cassidy soll im Navajo-Reservat mit einem Schatz sein Ende gefunden haben. Diesen Schatz zu heben, treibt die stets gierigen Weißen an. Und natürlich können sie sich nicht einigen, wie sie die Beute ihrer Leichenfledderei aufteilen sollen. Was verhängnisvolle Folgen hat.

Diese Vorgeschichte herauszufinden, dauert seine zeit, und Jim Chee steht, als Invalider, unter keinerlei Zeitdruck. Wochen vergehen. Auch Leaphorn, der Rationalist, sieht sich keineswegs gedrängt, dem FBI in die Quere zu kommen, ganz im Gegenteil: Er wird davor ausdrücklich gewarnt. Aber keiner der beiden Cops kann es mit seinem Gewissen vereinbaren, einen Stammesangehörigen, der möglicherweise unschuldig ist, einfach so verurteilen zu lassen. Und so kommt das eine zum anderen.

Zum Vergnügen des Lesers arbeiten die zwei Cops nicht zusammen, wie es weiße Cops täten. Vielmehr sind sie einander keineswegs grün. Leaphorn betrachtet Chee als ruhelosen Grünschnabel, der das Unmögliche versucht: Schamane und Cop zugleich zu sein. Chee sieht sch von Leaphorn bevormundet und sogar verdächtigt. Offensichtlich habe die beiden eine Runde Gesprächstherapie nötig. Die uns zum Glück erspart bleibt.

Wie gesagt, herrscht zwischen dem furiosen Auftakt und dem feinen Showdown in Coyotes Felsformation recht wenig Action, sondern viel Rätselraten und Ermittlungsarbeit. Wer dafür zu ungeduldig ist, sollte sich temporeicheres Lesefutter suchen. Wer indianische Geduld mitbringt, wird mit einem feinen Indianerkrimi belohnt.

|Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN-13: 978-0061099328|
http://harpercollins.com

_Tony Hillerman bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Labyrinth der Geister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1302
[„Das goldene Kalb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1429
[„Dunkle Kanäle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1478
[„Die Nacht der Skinwalkers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1624
[„Der Skelett-Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2631

Qiu Xiaolong – Die Frau mit dem roten Herzen. Ein Inspector Chen Krimi


Schöner kann der Tag gar nicht beginnen, denkt sich Oberinspektor Chen, bis er nur wenige Schritten später über eine übel zugerichtete Leiche stolpert. 17 rituelle Axtwunden: Ist der Tote dem Geheimbund der Triaden zum Opfer gefallen? Kaum im Kommissariat, erhält Chen jedoch einen anderen Auftrag: Er soll eine amerikanische Kollegin während ihres Aufenthalts in Shanghai begleiten – eine politisch heikle Mission.

Gemeinsam müssen sie die hochschwangere Wen finden, deren Mann in New York als Kronzeuge gegen einen gefürchteten Triaden-Boss vor Gericht steht und erst aussagen will, wenn seine Frau in die USA ausreisen darf. Doch die Chinesin ist spurlos verschwunden. Das ungleiche Ermittlerpaar macht sich auf die gefährliche Suche in die dunkelsten Ecken des Reichs der Mitte. (Verlagsinfo)
Qiu Xiaolong – Die Frau mit dem roten Herzen. Ein Inspector Chen Krimi weiterlesen

Hillerman, Tony – People of Darkness / Tod der Maulwürfe (Navajo Tribal Police 4)

Spannender Indianerkrimi

In New Mexico versieht Jim Chee bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer seinen Dienst. Eine Weiße meldet den Diebstahl von Erinnerungsstücken, doch als ihr Mann zurückkehrt, zieht er die Anzeige zurück. Der Polizeichef der Weißen warnt Jim, die Finger von der Sache zu lassen. Doch wer würde glauben, dass der Bestohlene ein Hexer ist? Nur Navajos, oder?

Und was könnte dies alles mit dem Tod und Verschwinden des Sohnes jenes Navajo-Schamanen zu tun haben, mit dem der Bestohlene ein enges Verhältnis hatte? Wer würde einen krebskranken Mann mit einer Bombe töten wollen? Jim Chee sucht im Malpais nach Antworten. Er ahnt nicht, dass dort bereits ein Mörder auf ihn wartet.

Der Autor

Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.

Kriminalromane im Diné

The Blessing Way, 1970 (Wolf ohne Fährte, 1972)
Dance Hall of the Dead, 1973 (Schüsse aus der Steinzeit, 1976)
Listening Woman, 1978 (Das Labyrinth der Geister, 1989)
People of Darkness, 1980 (Tod der Maulwürfe, 1982)
The Dark Wind, 1982 (Karo Drei, 1984, unter dem Titel Der Wind des Bösen, 1989)
The Ghostway, 1984 (Das Tabu der Totengeister, 1987)
Skinwalkers, 1986 (Die Nacht der Skinwalkers, 1988)
A Thief of Time, 1988 (Wer die Vergangenheit stiehlt, 1990)
Talking God, 1989 (Die sprechende Maske, 1990)
Coyote Waits, 1990 (Der Koyote wartet, 1992)
Sacred Clowns, 1993 (Geistertänzer, 1995)
The Fallen Man, 1996 (Tod am heiligen Berg, 1998)
The First Eagle, 1998 (Die Spur des Adlers, 2000)
Hunting Badger, 1999 (Dachsjagd, 2001)
The Wailing Wind, 2002 (Das goldene Kalb, 2003)
The Sinister Pig, 2003 (Dunkle Kanäle, 2004)
Skeleton Man, 2004 (Der Skelett-Mann, 2006)
The Shape Shifter, 2006 – ISBN 978-0-06-056347-9

Verfilmungen

Canyon Cop (The Dark Wind), 1991, Regie: Errol Morris, Hauptrollen: Lou Diamond Phillips (Jim Chee) und Fred Ward (Joe Leaphorn)

In einer Filmreihe des US-amerikanischen Senders PBS von Executive Producer Robert Redford und mit Wes Studi (als Joe Leaphorn) und Adam Beach (als Jim Chee) in den Hauptrollen entstanden die Filme
Skinwalkers, 2002,
Coyote Waits, 2003,
A Thief of Time, 2003.

Im Juni 2022 veröffentlichte AMC die Fernsehserie Dark Winds, die auf Hillermans Roman Das Labyrinth der Geister basiert und von Graham Roland entwickelt wurde. Die Hauptrollen spielen Zahn McClarnon und Kiowa Gordon.

Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt, Goldmann und im Unionsverlag, CH.

Handlung

Jim Chee ist bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer in ihrer Reservation bei Albuquerque, New Mexico. Eigentlich hat er nur mit Vorfällen zu tun, die aus dem Stammesterritorium stattfinden, aber da manche Ecken des Reservats, das größer ist als Neu-England, seltsam zwischen Navajo- und weißem Besitz aufgeteilt sind, ist es unvermeidlich, dass auch mit weißen Sheriffs kooperiert. Er ist jung und studiert immer noch die sonderbaren Wege des Weißen Mannes, die so ganz anders sind als die eines Navajo. Eines Tages, so plant Jim, wird er ein Heilsänger seines Stammes sein, ein Schamane.

Rosemary Vines ist die zweite Gattin von B.J. Vines, einem durch Uranfunde reich gewordenen Großwildjäger. Dessen Haus steht auf Indianerland. Jim bewundert das Grab eines Navajo namens Dillon Charley, das sich im Garten von Vines‘ Haus befindet. Mrs. Vines meldet einen Einbruchdiebstahl und bietet Jim eine Belohnung von nicht weniger als 3000 Dollar, wenn er die Stahlkassette, in der sich ein paar Erinnerungsstücke ihres Mannes befinden sollen, zurückbringt, bevor dieser von einem Aufenthalt zurückkehrt. Die Kassette befand sich in einem aufgebrochenen Safe im Trophäenraum des Jägers. Nichts sonst wurde angerührt. 500 Dollar kriegt Jim sofort, den Rest im Erfolgsfall. Eine hübsche Summe für ein paar Memorabilien.

Als Jim mit dem weißen Sheriff, einem alten Kerl namens Gordo (= Dicker) Sena, über diese Sache spricht, ergeben sich Verdachtsmomente. Sena ist ein langjähriger Feind von Vines und Dillon Charley, und zwar seit einer Sache vor 30 Jahren. Dieser Dillon Charley war ein Schamane, der den verbotenen Peyote-Kult praktizierte. So soll er nach dem Glauben seiner Anhänger, die sich „Volk der Finsternis“ (s. Titel) nannten, einen Sprengstoffunfall vorausgesehen haben, bei dem Senas älterer Bruder Robert getötet wurde. Sena gibt Charley die Schuld, und weil Vines Charley unterstützte, wurde auch Vines zu Senas Feind.

Vines kehrt zurück und sagt, alles sei ein Irrtum gewesen. Es sei zwar etwas gestohlen worden, aber das sei völlig wertlos. Und bietet 200 Dollar für Jim als Aufwandsentschädigung. Vines ist umgekehrt auch Senas Feind, denn er verdächtigt ihn, damals seinen eigenen Bruder umgebracht zu haben. Allmählich beginnt sich Jim zu wundern, ob in diesem Fall irgendjemand die Wahrheit sagt.

Als er Dillon Charleys Sohn Emerson sucht, der ebenfalls dem Peyote-Kult angehört, erfährt, dass sich Emerson krebskrank in das Krebsbehandlungszentrum die Uniklinik von Albuquerque begeben hat – und dass in genau diesem Moment sein Pickup in die Luft gesprengt worden sei, wobei sechs Menschen, die diesen gerade abschleppen wollten, getötet wurden. Diese ständigen Explosionen beginnt Jim allmählich auch, interessant zu finden.

Nun sucht er Emersons Sohn Tomas, der halb Navayo und halb Navajo ist. Ein Beamter sagt, Tomas sei halb verrückt und habe Visionen, weil er ständig Peyote nimmt. Jim findet Tomas auf eine Auktion von selbstgewobenen Navayo-Teppichen und -Decken, die ein Texaner leitet. Tomas, der völlig normal und zurechnungsfähig wirkt, findet das Verschwinden der Leiche seines Vaters vor zwei Tagen bedauernswert. Davon hört Jim zum ersten Mal. Wie kann in der Welt des weißen Mannes eine Leiche spurlos verschwinden? Dass sich die Cops nicht darum kümmern, wundert ihn nicht. Indianerangelegenheiten haben stets die niedrigste denkbare Priorität. Seinen wachsamen Augen fällt ein hellblonder Weißer auf, der sich ebenfalls suchend umschaut – und der nach der Auktion mit Tomas spricht.

Weil Tomas ihm verraten hat, wo die von ihm geraubte Metallkassette zu finden ist, fährt er mit der Weißen Mary Landon, die er auf der Auktion kennegelernt hat, hinaus ins Malpais, das „schlechte Land“, wie es die Spanier vor Jahrhunderten tauften. Dort erhebt sich ein uralter Vulkan, auf dessen Lavamassen nur die härtesten Pflanzen und genügsamsten Tiere gedeihen. Hier hat Tomas in einer Spalte die Kassette versteckt.

Jim Chee und Mary erleben eine böse Überraschung. Tomas ist erst wenige Minuten tot, und sein Mörder, der blonde Mann, hat es partout darauf abgesehen, unerwünschte Zeugen zu beseitigen …

Mein Eindruck

Der Auftraggeber des blonden Killers ist darauf erpicht, ein dunkles Geheimnis zu schützen und geht dafür über Leichen. Zunehmend nimmt der Buchtitel „Volk der Finsternis“ eine zweite, sinistre Bedeutung an, eine Bedeutung, die nur auf Weiße zutrifft. Es ist Jim Chees Aufgabe, diese ihm fremde Denkweise des weißen Mannes zu ergründen. Nur so kann er das Motiv verstehen, dass den blonden Mann antreibt und das 30 Jahre zuvor sechs Menschen das Leben kostete, verstehen.

Dass das Verbrechen noch weitergeht, belegen die Tode der damals Überlebenden: Sie starben alle durch Krebs. Wie kann das sein, wundern sich die Krebsärzte. Dies ist das zweite Geheimnis, das Jim aufdecken muss. Die Navajo glauben, die Ursache für diese Tode seien Sünden, die das Krebsopfer zu einem Hexer, einem Brujo, gemacht haben. Wie sich herausstellt, kehrt diese Denkweise das Verhältnis zwischen Opfer und Täter um. Aber in der Navajo-Kultur gibt es (noch) keine Vorstellung von absichtlich hervorgerufenem Krebs.

Der Autor macht den Leser durch die Figur des Jim Chee, eines Grenzgängers, mit der Mythologie und Denkweise der Navajo bekannt, wenn auch nicht vertraut – dafür wäre ein anderes Werk vonnöten. Durch die heiligen Wesen Changing Woman und Talking God haben die Navajo Lehren erhalten, wie sie Harmonie (beauty) in allen Lebensdingen erreichen und erhalten können. Diese Haltung ist dem Konkurrenzdenken des weißen Mannes diametral entgegengesetzt. Was das gegenseitige Verständis umso schwieriger macht.

Aber durch First Man kam auch die Sünde in die Welt der Menschenwesen. Er wurde zum Hexer, indem er sich selbst umbrachte und dann wieder neu erschuf. Dies war nötig, weil er die beiden Kardinalsünden des Inzests und des Verwandtenmordes nicht begehen konnte, denn schließlich existierte First Man allein auf der Welt. Dieses Konzept der Selbstvernichtung und Auferstehung erweist sich für Jim Chee als der andere Schlüssel zum Verständnis dessen, was es mit der gestohlenen Kassette auf sich hat.

Der erste Schlüssel ist einfach: Es ist simple Gier. Eine Denkweise, die einem Navajo fremd, einem Weißen aber geläufig ist. Und Gier hat in diesem verschlungenen Fall fast ein Dutzend Menschen getötet …

Vielfach stößt der Leser auf den Navajo-Glauben an die Geisterwelt und die Hexerei. Obwohl Jim Chee, der Heilsänger werden will, an diese Tradition glaubt, steht er ihr kritisch gegenüber, denn er hat Anthropologie und Soziologie bei den Weißen – und sie selbst – studiert. Sein späterer Partner Leaphorn, der hier nur am Rande erwähnt wird, ist noch kritischer und rationaler eingestellt. Sie kommen aber nicht umhin, sich mit den tödlichen Folgen dieses Glaubens auseinanderzusetzen, ganz gleich, ob sie nun daran selbst glauben oder nicht.

Der Originaltitel „People of Darkness“ bezieht sich nicht nur auf ein Volk, sondern auf dessen Totem, den Maulwurf. Dieser lebt im Reich der Dunkelheit und beherrscht die sechste Himmelsrichtung, den Nadir. Dillon Charley, der Schamane, soll diesen Kult gegründet haben, erzählt man Jim zunächst. Doch dann erfährt er, dass es vielmehr der Weiße B. J. Vines, der Dillon und seinen Anhängern die Amulette mit der Form des Totemtiers gab. Und diese Amulette trugen sie stets in ihrem Medizinbeutel bei sich.

Der gewiefte Krimi-Leser wird sofort eine Verbindung zwischen diesen Amuletten, den toten Indianern und den Uranfunden herstellen. Doch für Jim Chee ist dies alles nicht so einfach: Er braucht Beweise. Ganz besonders dann, wenn Leichen anfangen zu verschwinden …

Unterm Strich

Ich habe diesen Hillerman-Krimi in nur einem Tag gelesen. Die Sprache ist wie die Handlung einfach zu verstehen. Der Plot beginnt mit einer Explosion und führt stetig zu einem spannenden Höhepunkt. Die zahlreichen neuen Begriffe aus der Navajo-Kultur und Mythologie kann sich der Leser aus dem Buch selbst erschließen, selbst wenn sich daraus kein zusammenhängendes Bild ergibt.

Jim Chee ist der Führer in dieses unbekannte Land, und unsere Stellvertreterin ist die energische Mary Landon, der durchaus weiß, wie man ein Gewehr handhabt. Aus den Dialogen ergeben sich nicht nur Erkenntnisse zu den Navajos, sondern auch zu den Rätseln des anliegenden Falles. Leider ergibt sich aus der Beziehung dieser beiden Hauptfiguren keine romantische Liebesgeschichte. Offenbar verschwindet Mary wieder, denn Jim Chees Partner ist fortan Lt. Leaphorn von der Stammespolizei. Das werde ich bei den nächsten Hillerman-Krimis überprüfen. Sie liegen schon bereit.

Die Hillerman-Krimis kann ich empfehlen. Sie sind wie die von Robert B. Parker (siehe meine ca. 60 Berichte zu Parker) täuschend einfach gestrickt, führen aber zu überraschenden Ergebnissen. Zudem führen sie den Leser zu neugierig machenden Erkenntnissen, wenn Weiße und Ureinwohner miteinander zu tun haben. Denn die Navajo spiegeln die Mentalität der Weißen, die sie besiegten und beraubten, kritisch wider und erlauben dem weißen Leser, sich selbst und seine soziale Umgebung mit anderen Augen zu sehen.

Kein Wunder also, dass der Autor von den Navajo mit höchsten Auszeichnungen und Ehren bedacht wurde. In Albuquerque ist eine Bibliothek nach ihm benannt. Dass die Fantasyautorin Ursula K. Le Guin, Schöpferin von ERDSEE, nur Hillerman-Krimis liest, leuchtet mir völlig ein. Navajos sind für Weiße wie Aliens: rätselhaft, aber mit einer kompletten Mythologie ausgestattet, die ganz anders als die der Weißen ist.

Taschenbuch: 293 Seiten
ISBN-13: 978-0061099151

http://harpercollins.com

_Tony Hillerman bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Labyrinth der Geister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1302
[„Das goldene Kalb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1429
[„Dunkle Kanäle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1478
[„Die Nacht der Skinwalkers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1624
[„Der Skelett-Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2631

Patterson, James – 1. Mord, Der

Ein eiskalter Mörder tötet Flitterwöchner noch in der ersten Hochzeitsnacht – um herauszufinden, was das Schlimmste ist, das jemand tun kann. Doch alle weibliche Opfer verbindet etwas, und das ist der Schlüssel zur ungewöhnlichen Aufklärung des Falls. Denn diesmal wird nicht ein Einzelner wie Dr. Alex Cross aktiv, sondern gleich ein ganzer Klub von couragierten Frauen: der Mordklub.

Dies ist der erste Roman in einer neuen Reihe, die einfach von eins aufwärts durchnummeriert ist. Der 1. Band heißt daher „1st to die“, der nächste „2nd chance“, „3rd degree“ und so weiter.

_Handlung_

Lindsay Boxer ist die einzige Inspektorin in der Mordkommission des San Francisco Police Department (SFPD). Da muss sie manchmal ganz schön hart im Nehmen sein. So wie jetzt, denn nichts hat sie auf den Horror der Flitterwochenmorde vorbereitet. Der erste passiert im gleichen Hotel, in der auch die Hochzeit stattfand. Der zweite passiert verwirrenderweise draußen auf dem Land, im berühmten Weinbaugebiet des Napa Valley. Beide Male wurden an den schönen und wohlhabenden Opfern, die kurz vor ihrem Honeymoon Trip standen, grausame sexuelle Handlungen vorgenommen. Sie wurden nicht nur getötet, sondern auch in jeder Weise entwürdigt.

San Francisco ist dementsprechend geschockt und will schnell Aufklärung der Untaten und die Ergreifung des Monsters. Das ist leichter gesagt als getan. Zum Glück gelingt es ihr, eine neugierige junge Journalistin auf ihre Seite zu ziehen und mit ihr und Claire, Lindsays bester Freundin, einer Gerichtsmedizinerin, einen Klub der Detektivinnen zu gründen. Später ziehen sie noch eine Staranwältin hinzu – wer hätte das gedacht? Schon bald zeitigt das Puzzlespiel der Frauen erste Erfolge.

Doch Lindsay hat auch ein ganz privates Problem, das sie unmittelbar bedroht: Ihr Arzt entdeckt bei ihr eine Blutkrankheit, eine zunehmende Knappheit an roten Blutkörperchen. Als Folge des resultierenden Sauerstoffmangels kippt sie ab und zu in Stresssituationen einfach um. Gut, dass sie einen neuen Freund hat: Chris Raleigh. Nachdem sie ihr Misstrauen überwunden hat, erweist sich der Nichtpolizist Raleigh an ihrer Seite als wahre Stütze. Doch wie kann man eine Beziehung aufbauen, wenn man die wichtigste Wahrheit nicht sagen kann, weil dadurch die Beziehung zum Scheitern verurteilt wäre?

In diesen Zweifrontenkrieg Lindsays platzt die Nachricht eines weiteren Honeymoon-Mordes wie eine Bombe: Der Mörder hat im fernen Cleveland zugeschlagen. Treibt er nun im gesamten Land sein Unwesen? Als die Videoaufnahmen das Gesicht des ungebetenen Hochzeitsgastes enthüllen, traut Lindsay ihren Augen kaum: Der Killer ist eine weltbekannte Persönlichkeit. Wie soll sie ihn zur Strecke bringen?
Wer wird als Erster mit dem Sterben dran sein: das nächste Opfer, der Killer oder – Lindsay?

_Mein Eindruck_

[„Rosenrot Mausetot“ 429 hatte mich mit seinem hammerharten Schluss absolut umgehauen. Daher wagte ich nicht zu hoffen, dass Patterson ein weiteres Mal dieses Kunststück fertigbringen würde. Und dem ist auch so: „Der 1. Mord“ geht viel weiter in die Breite und drückt weitaus stärker auf die Tränendrüsen als „Rosenrot Mausetot“. Dieses Buch ist ergreifend. Dennoch bleibt das Buch spannend bis zur letzten Szene, weil es dem Autor gelingt, immer wieder mal ein neues Karnickel aus dem Hut zu zaubern; eine neue Wendung, auf die der Leser nicht – und die Hauptfigur schon gar nicht – vorbereitet ist.

Was sich schon bei „Rosenrot Mausetot“ anbahnte, setzt sich hier verstärkt fort: Nicht mehr heroische Männer wie Alex Cross stehen im Mittelpunkt des Geschehens, sondern vielmehr starke Frauen. Doch auch diese sind aufeinander angewiesen, sowohl beruflich wie auch privat, wie Lindsays Krankheit zeigt, sonst würden sie scheitern. Die Anwältin beispielsweise wird benötigt, um sich überhaupt an den prominenten Killer heranzuwagen – und dennoch setzt sie ihre Karriere dafür aufs Spiel.

Was ich hier um den Erhalt der Spannung willen nicht sagen darf, aber mit das Wichtigste am Buch ist, ist natürlich der Mörder. Die ersten vier Morde begeht er sowohl skrupellos als auch in erniedrigender Absicht. Dennoch will er etwas herausfinden: Was ist das Schlimmste, was man tun kann? Beim dritten Doppelmord mischt sich eine persönliche Beteiligung in die Tat, eine Art Rachsucht. Natürlich überrascht uns der Autor: Im Handumdrehen haben wir es mit mehr als nur einem möglichem Täter zu tun, aber welcher ist der richtige? Menschen können sich verkleiden. Bis zum Schluss bleibt diese ungewisse Spannung erhalten, und man kann nur um die Unversehrtheit Lindsays bangen.

|Patterson, der bessere Koontz?|

Patterson kennt seine Schauplätze aus dem Effeff, als ob er selbst dort gewesen sei. Man nimmt ihm die Akkuratheit seiner Beschreibungen ohne Weiteres ab. Und wo der Hintergrund als sicher gilt, kann bekanntlich im Vordergrund alles Mögliche passieren.

Mit der Betonung der emotionalen und sozialen Dimension des Verbrechens begibt sich Patetrson auf das Spielfeld eines anderen bekannten Spannungsautors, auf das von Dean Koontz. Koontz hat sich wegbewegt vom Übernatürlichen, Unerklärlichen hin zu höchst seltsamen Praktiken der Psychologie, dem Wahnsinn von Serienkillern. Bei Pattersons Killern hat dieser Wahnsinn noch Methode: dahinter steckt der Wunsch zu erkennen und zu schocken.

Glücklicherweise sind seine Büchern noch wesentlich dünner und schneller zu lesen als die Ziegelsteine, die Koontz in letzter Zeit produziert hat. Die superkurzen Kapitel, das Markenzeichen jedes Patterson-Romans, erlauben praktisch keine Atempause. Auch die 350 Seiten von „Der 1. Mord“ waren in drei Tagen verschlungen.

|Originaltitel: 1st to die, 2001
Aus dem Amerikanischen von Edda Petri|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
[„Der 1. Mord“ 1361
[„Die 2. Chance“ 1362
[„Der 3. Grad“ 1370
[„4th of July“ 1565
[„Die 5. Plage“ 3915

Hillerman, Tony – The Fly on the Wall

_Politthriller: Reporter in der Todesfalle _

John Cotton ist ein Reporter im Capitol eines US-Bundesstaates. Als ein Kollege in der zentralen Eingangshalle zu Tode kommt, beginnt Cotton nachzuschauen, welcher großen Story der Kollege auf der Spur sein wollte. Er stößt in ein Wespennest und liest schon bald die Nachricht von seinem eigenen Tod …

_Der Autor_

Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.

|Die Leaphorn-und-Chee-Reihe:|

1) The Blessing Way (1970) ISBN 0-06-011896-2
2) Dance Hall of the Dead (1973) ISBN 0-06-011898-9
3) Listening Woman (1978) ISBN 0-06-011901-2
4) [People of Darkness (1980)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8119 ISBN 0-06-011907-1
5) The Dark Wind (1982) ISBN 0-06-014936-1
6) The Ghostway (1984) ISBN 0-06-015396-2
7) [Skinwalkers (1986)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8152 ISBN 0-06-015695-3
8) A Thief of Time (1988) ISBN 0-06-015938-3
9) Talking God (1989) ISBN 0-06-016118-3
10) [Coyote Waits (1990)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8120 ISBN 0-06-016370-4
11) Sacred Clowns (1993) ISBN 0-06-016767-X
12) The Fallen Man (1996) ISBN 0-06-017773-X
13) [The First Eagle (1998)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8141 ISBN 0-06-017581-8
14) Hunting Badger (1999) ISBN 0-06-019289-5
15) The Wailing Wind (2002) ISBN 0-06-019444-8
16) The Sinister Pig (2003) ISBN 0-06-019443-X
17) Skeleton Man (2004) ISBN 0-06-056344-3
18) The Shape Shifter (2006) ISBN 978-0-06-056345-5

|Filmographie:|

1) The Dark Wind (1991)
2) Skinwalkers (2002)
3) Coyote Waits (2003)
4) A Thief of Time (2004)
5) Skinning the Night: American Mystery (DVD)

Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt.

_Handlung_

John Cotton ist seit neun Jahren ein erfahrener Parlamentsreporter im Capitol eines US-Bundesstaates. Der Mann aus Santa Fé sehnt sich zwar nach der reinen Wüstenluft seiner Heimat, doch das Geld muss er woanders verdienen. Hin und wieder bandelt er mit einer netten Frau aus dem riesigen Verwaltungsapparat des Capitols an. Derzeit ist Janet Janoski seine Favoritin, und sie ist neugierig, ob er ernstere Absichten hegt.

Wieder einmal stehen die Senatorenwahlen bevor, und jede Eingabe ins Landesparlaments wird mit Argusaugen beobachtet und unter dem Aspekt der Wahlkampftaktik bewertet. Gouverneur Roarks schärfster Rivale ist Senator Eugene Clark, und der macht eine Eingabe, um den Bau von Autobahnen zu verbessern. Keine große Sache, denkt Cotton zunächst, doch schon bald soll er seine Meinung ändern.

Am Ende dieses Tages torkelt sein Kollege Merrill McDaniels zur Bürotür herein, wo Cotton seine Sätze in das Telexgerät tippt, damit sie noch in die Abendausgabe der „Tribune“ kommen. Es ist ungefähr 21:30 Uhr, als Mac behauptet, er sei einer Riesenstory auf der Spur, deie einige Köpfe rollen lassen werde. Einen kleinen Teil davon werde er aus freundschaftlichen Gründen Cotton zukommen lassen. Kleine Dienste unter Brüdern sozusagen. Kaum ist Mac zur Tür hinaus, als ein anderer Typ Macs Notizblock sucht. Mit einem oder zwei davon zieht er wieder ab.

|Ein Tod im Haus|

Es ist 21:45 Uhr, und Cotton tippt gerade den letzten Absatz seines Berichts in die Telexmaschine, als er einen dumpfen Schlag hört. Er eilt hinaus und erkennt auf dem Boden der Rotunde der Eingangshalle einen dunklen Körper liegen. Als er die vier Stockwerke hinabsteigt und nähertritt, entdeckt er, dass es sich um die Leiche seines Freundes handelt. Kann Mac wirklich betrunken übers Geländer gefallen sein, fragt er sich? Sehr unwahrscheinlich.

Bei der Suche nach dem aktuellsten Notizblock Macs wird Cotton fündig – diesen hat der andere Typ nicht entdeckt, weil er hinter den Schreibtisch gefallen war. Rätselhafte Zahlen und Kurzschrift lassen Cotton grübeln. Am nächsten Tag berät er sich mit Janet Janoski. Mac war einer Sache dran, in deren Mittelpunkt das Straßenbauministerium stand. Mit Janet wird Cotton in den dortigen Archiven fündig: Hier sind die Zahlen, die sich Mac notierte. Aber was haben sie zu bedeuten? Allenfalls könnte man daraus ablesen, dass es einen korrupten Ingeneur namens H.L. Singer gibt, der für die Straßenbaufirma Reevis-Smith Bedarfe und Material manipuliert. Aber 90.000$ sind bei einem Gesamtbudget von 13 Mio. $ nur Peanuts. Wo soll hier Macs große Story sein, fragt sich Cotton.

|Ein Tod im Fluss|

Er sitzt gerade bei einer Partie Poker, als das Telefon klingt und eine Redaktion nach dem Verbleib von William Robbins, genannt Whitey, fragt. Wenig später bringt die Presseagentur Associated Press die Meldung, dass John Cotton mit seinem Wagen tödlich verunglückt sei. Zum Glück kann Cotton den Irrtum aufklären: Whitey hatte sich seinen Wagen geliehen. Diesen fand man in einem Fluss, nach dem Fahrer werde noch gesucht.

Ein Polizeibeamter gibt Cotton am folgenden Tag zu bedenken: War der Überholvorgang, bei dem Whitey in seinem, Cottons, Wagen auf einer Brücke von der Straße gedrängt wurde, vielleicht in Wahrheit ein Mordversuch, der wie ein Unfall aussehen sollte? Der Laster, der dafür benutzt wurde, wurde gestohlen, und zwar von einer Baufirma, die Cotton inzwischen gut kennt: Reeves-Smith. Allmählich weigert sich Cotton, an Zufälle zu glauben.

|Die „Bombe“|

Roarks rechte Hand Wingerd bittet Cotton zu sich. Er fragt, woran er und Mac arbeiten, denn dies sei eine besonders prekäre Zeit für Roark. Der Abgeordnete ist kurz davor, sich als Gegenkandidat zum Senatsposten des Bundesstaats aufstellen zu lassen. Quid pro quo, verspricht Wingerd, und Cotton erzählt ihm, woran er arbeitet. Keine große Story. Dennoch bietet ihm Wingerd einen Posten in Roarks Wahlkampfteam an. Cotton lehnt zu zögern ab – das sei nichts für ihn, selbst wenn er damit doppelt so viel verdienen könne.

Am Abend bekommt Cotton einen anonymen Anruf. Er hat gerade eine Zigarrenkiste auf seinem Esstisch geöffnet. Eine kleine Explosion war die Folge. Die Kiste enthält ein Foto, das Cotton von hinten zeigt. Man beobachtet ihn. Aber wer ist „man“? Der Mann am Telefon droht ihm, ihn umzulegen, sollte Cotton nicht am nächsten Morgen ins Flugzeug steigen und nach Hause zurückfliegen. Die kleine Explosion sei nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen.

|In den Bergen|

Cotton nimmt die Warnung erst einmal ernst und fliegt zurück in seine Heimatstadt Santa Fé. Die uralte Geschichte der ältesten spanischen Gründung nördlich des Rio Grande ist überall vorzufinden, doch was fehlt, sind die Leute aus seiner Vergangenheit. Also tut er das, wozu er eigentlich hergekommen ist und fährt in die Berge zum Forellenangeln.

Seltsamerweise taucht hier genau jener Mann auf, der im Flieger sein Sitznachbar war und mit ihm so leutselig geplaudert hat. Er nennt sich Adams und will ein Handelsvertreter sein, so harmlos, dass John ihm seinen Zielort an einem bestimmten Forellenbach verriet. Aber, so fragt sich John nun, wieso trägt Mr. Adams nun eine roten Jägerjacke und hält ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr im Anschlag – und ausgerechnet da, wo John angelt?

Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Doch Cotton hat den Vorspiel, die örtlichen Gegebenheiten zu kennen – und eine Angelrute zu besitzen, die sich geschickt einsetzen lässt …

_Mein Eindruck_

Das Thema dieses sehr frühen Roman von Tony Hillerman aus dem Jahr 1970 – damals war er immerhin erst 45 – ist das Berufsethos des Reporters. Der Originaltitel gibt das Ideal vor: Die Fliege an der Wand – sie sieht und hört alles, ist aber unparteiisch und berichtet objektiv. John Cotton wird jedoch zur Zielscheibe von finsteren Hintermännern und muss feststellen, dass er Teil seiner eigenen Story geworden ist. Nun ist er nicht mehr die Fliege an der Wand, sondern alles, was er zu berichten hat, ist quasi mit Vorbehalt versehen.

Er versucht sich durch Beschaffung von weiteren Beweisen und Zeugenaussagen aus dem Netz zu befreien, das sich immer enger um ihn zusammenzieht. Wem kann er noch vertrauen, wer wurde noch nicht gekauft? Er vertraut sich seinem Chefredakteur an, einem kalten Hund, er vertraut sich Janet Janoski an, die gerüchteweise die Geliebte des Gouverneurs Roark ist. Wird sie sein Manuskript seinem Chefredakteur übergeben, fragt er sich, als er zur letzten Station seiner Suche nach der Wahrheit fährt – was sich als fataler Irrtum herausstellt …

Das Ideal des objektiven, unvoreingenommenen Reporters lässt sich nach diesem Finale nicht mehr aufrechterhalten. Letztlich ist auch der Reporter Teil jener Gesellschaft, die er über dunkle Machenschaften aufzuklären versucht. Cottons Hoffnung besteht darin, dass die Wahrheit, die er zu transportieren hofft, zur politischen Willensbildung beiträgt. Das ist ein Trugschluss, wie sich zu seinem Leidwesen erweist. Selbst der einzige Mensch, dem er Unparteilichkeit unterstellt, ist nämlich einer der Drahtzieher. John Cottons Leben hängt an einem seidenen Faden. Und dieser Faden heißt Janet Janoski.

|Die drei Tage des Cotton|

Das Buch hat mich an Sydney Pollacks Paranoiathriller „Die drei Tage des Condor“ aus dem Jahr 1975 erinnert. Der Film erschien zwei Jahre nach der Watergate-Affäre, Hillermans Roman drei Jahre davor. Dennoch geht es jedes Mal um Korruption und dunkle Machenschaften, mal in der Landesregierung, mal in den Geheimdiensten der USA. Beides Mal erscheint die Demokratie, wie sie von den Gründervätern geplant worden war, also völlig pervertiert und unterminiert. Nicht das Volk (griechisch „demos“) herrscht („kratein“), sondern die Behörden, die es geschaffen hat, um es zu regieren und zu schützen.

SPOILER!

Die Spur, der John Cotton folgt, führt zunächst zu den Behörden, die den Bau der Autobahnen leiten und ausführen. Doch mit dem Beton, der dabei benutzt worden sein soll, wurden auch Straßen für Ferienanlagen erstellt. Ferienanlagen, die einer privaten Organisation gehören. Wieso sollten Steuergeldern in Privattaschen fließen, fragt sich Cotton, wenn nicht zur persönlichen Bereicherung von Hintermännern, die womöglich etwas mit der Mafia in Chicago zu tun haben?

Doch der Wahnwitz hat damit kein Ende, denn letzten Endes, so erfährt er, dient diese Konstruktion dazu, den Wahlkampf Roarks um den Senatorenposten zu bezahlen. Nun stellt ihn sein Gewährsmann vor die Wahl: Wer ist der bessere Mann – Roark oder Clark, der eindeutig für das organisierte Verbrechen arbeitet? Wird John Cotton, der am liebsten ein unparteiischer Beobachter wäre, die richtige Wahl treffen? Oder wird man ihm diese Wahl aus der Hand nehmen?

_Unterm Strich_

Der Einstieg in diesen frühen Krimi Hillermans war äußerst schwierig. Wer sich nicht mit den Bezeichnungen für die politischen und parlamentsbürokratischen Posten auskennt, sollte gar nicht erst damit anfangen. Zum Glück habe ich damit bereits ein wenig Erfahrung, v. a. durch Jeffrey Archer Parlamentsthriller. Außerdem ist es hilfreich, ein wenig über die zwei großen Parteien der Republikaner und Demokraten B escheid zu wissen.

Dass der Autor nie sagt, in welcher Stadt John Cotton arbeitet, macht meines Erachtens nichts. Man kann sich schnell ausrechnen, dass mit den Twin Cities, in der seine „Tribune“ erscheint, die Doppelstadt Minneapolis & St. Paul am Missouri gemeint ist. Folglich erscheint es plausibel, dass im dortigen Norden meist ein kaltes Sauwetter herrscht.

Es steht in krassem Gegensatz zu dem sonnigen Santa Fé, nach dem sich Cotton sehnt. Die Episode in der Mitte des Buches, die dort spielt, bildet szenisch wie auch sprachlich einen Gegenpol zum Rest des Buches: friedliche Natur pur, in die der Mensch wie ein Raubtier einbricht. Aber nun verfügt John Cotton quasi indirekt über den Beweis, dass die Sache, hinter der er her war, kein kleiner, sondern ein großer Fisch ist – sozusagen eine Riesenforelle. Das Finale war so packend, dass es mich vom Schlafengehen abhielt – was nicht jeden Tag vorkommt.

Ein Glück nur, dass sich Hillerman von dieser Art der Paranoia-Literatur der siebziger Jahre losgerissen hat. Vielleicht war die Konkurrenz durch Joseph Heller und Norman Mailer zu groß, aber er fand in der Landschaft von New Mexico, in der Santa Fé liegt, das ideale Terrain für seine Indianerkrimis um Jim Chee und Joe Leaphorn.

„The fly on the wall“ ist meines Wissens noch nicht übersetzt worden. Es gibt auch keine wirkliche Notwendigkeit dafür, denn erstens ist das hier geschilderte Milieu für einen deutschen Leser schwierig zu verstehen, zweitens erscheint mir das Thema der politischen Korruption in Regierungskreisen mittlerweile als wenig relevant. Das kann sich aber mit dem nächsten Korruptionsskandal schon wieder ändern – man denke nur an die schwarzen Kassen der CDU, für die einst Kanzler Kohl vor dem Ausschuss des Bundestages aussagen musste.

Englisch-Niveau: Erfordert beste Sprachkenntnisse des amerikanischen Englisch.

|Taschenbuch: 338 Seiten
ISBN-13: 978-0061000171|
http://harpercollins.com

_Tony Hillerman bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Labyrinth der Geister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1302
[„Das goldene Kalb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1429
[„Dunkle Kanäle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1478
[„Die Nacht der Skinwalkers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1624
[„Der Skelett-Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2631

Tony Hillerman – The Ghostway / Das Tabu der Totengeister (Navajo Tribal Police 06)

Navajo Tribal Police Krimi: Eine Frage der Identität

Margaret Billy Sosi hat von ihrem Großvater einen alarmierenden Brief bekommen, und sie macht sich sofort auf den Weg zu seinem Hogan. Doch als sie ankommt, ist ihr Großvater verschwunden. Haben die Gorman-Brüder etwas damit zu tun, die ein krummes Ding gedreht und bei ihm Zuflucht gesucht haben?

Auch Jim Chee von der Navajo Tribal Police stellt sich diese Frage, doch ehe er von Margaret Hinweise bekommen kann, ist auch sie verschwunden. Chee ist nicht der einzige Mensch, der sich auf die Suche nach ihr macht – aber der einzige mit guten Absichten… (Verlagsinfo)
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Wallace Stroby – Fast ein guter Plan (Crissa Stone 03)

Ein Krimi-Autor, der nicht rechnen kann

Eine halbe Million Dollar aus Drogendeals, bewacht von drei skrupellosen Kerlen mit automatischen Waffen. Für die Berufsverbrecherin Crissa Stone und ihr Team gehört der Raub des Geldes noch zu den einfachsten Übungen. Als das Aufteilen der Beute schiefgeht, entkommt Crissa dem Kugel­hagel allerdings nur knapp. Mit einem Seesack voll gestohlenem Geld befindet sie sich auf der Flucht.

Gejagt wird sie von brutalen Handlangern eines Drogenbosses und einem ehemaligen Cop aus Detroit, der seine eigenen tödlichen Pläne verfolgt. Crissa will ihnen das Geld auf keinen Fall überlassen. Auch als sie und ein Kind in Lebensgefahr geraten und ihre Verfolger sie in die Enge treiben, kämpft Crissa weiter. (Verlagsinfo)

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