Marjan Kamali – Die Löwinnen von Teheran

Wie durch ein von Blumen umranktes Fenster blickt man auf dem Cover von Marjan Kamalis Roman „Die Löwinnen von Teheran“ mit zwei dem Betrachter abgewandten Mädchen hinaus auf die Silhouette einer orientalischen Stadt. Dieses Bild ist Programm, denn auch der Roman selbst gewährt seinen Lesern einen begrenzten, aber eindringlichen Blick in eine der turbulentesten und folgenreichsten Perioden der iranischen Geschichte, in der die beiden Mädchen Ellie und Homa zunächst im westlich orientierten System des Schahs Mohammad Reza Pahlavi aufwachsen.

Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Die siebenjährige Ellie entstammt – worauf ihre verwitwete Mutter besonderen Wert legt – einer Dynastie von Königinnen und Königen, während Homa aus der unteren Schicht kommt und mit anderen Kindern auch auf der Straße spielend aufwächst. Dennoch werden die beiden unzertrennliche Freundinnen, verbunden durch die Liebe zum gemeinsamen Kochen in der Küche von Homas Mutter und vor allem durch den Willen, in der Schule die Besten zu sein. Homas Ziel ist es, Richterin zu werden – ein Berufswunsch, der 1951 im Iran noch ungewöhnlich war, 1959 tatsächlich möglich wurde und seit der Islamischen Revolution wieder ausgeschlossen ist. Getragen von der optimistischen Aufbruchstimmung der 50er, erklärt sie ihrer Freundin: „Jetzt sind wir vielleicht noch Kätzchen. Aber wir werden zu Löwinnen heranwachsen. Starke Frauen, die etwas bewirken.“

Doch der Wind dreht sich: Ein Putsch stürzt den populären Premierminister Mossadegh, der Schah kehrt gestärkt und deutlich autoritärer zurück. Während sich Ellie zunehmend mit der Idee einer Rolle als Hausfrau und Mutter anfreundet, tritt Homa in die Fußstapfen ihres oppositionellen Vaters und organisiert Studentenproteste – bis sie, wie zuvor schon ihr Vater, im Gefängnis verschwindet. Was Ellie für immer belastet, ist das Wissen darum, dass sie selbst in ihrer Naivität ihre beste Freundin an den Ehemann ihrer anderen Freundin Sousan und damit direkt an den Geheimdienst des Schahs verraten hat.

Die Leser erleben die Ereignisse überwiegend aus Ellies Sicht, deren Verhältnis zu Homa von immer neuen Schichten der Schuld geprägt ist – von kindlicher Eifersucht bis zum unbeabsichtigten Verrat. In kurzen, unverschachtelten Sätzen schildert die Autorin auch die komplizierten Verbindungen zwischen weiteren Figuren, etwa die von Sousan, die ihren Ehemann nicht wissen lassen darf, wie viel sie über seine Tätigkeit für den Geheimdienst weiß.

Am Ende lebt Ellie mit ihrem Mann in New York und sieht von dort auf die Umwälzungen der ausgehenden 1970er Jahre, als nach der Revolution von 1979 unter Ajatollah Chomeini eine islamistische Republik etabliert wird und zahlreiche zuvor erkämpfte Rechte der Frauen erneut eingeschränkt werden. Nun kann sie in der Ferne eine Schuld abtragen, die weiter reicht, als sie ahnt – während sie erkennen muss, dass nur aus der unbeugsamen Homa tatsächlich eine Löwin von Teheran geworden ist.

Die 47 linear erzählten Kapitel, die im Wesentlichen die Jahre 1950 bis 1982 umspannen und mit einem Epilog im Jahr 2022 enden, erzählen iranische Geschichte nicht als überraschende Abfolge politischer Ereignisse, sondern als etwas, das in private Beziehungen eindringt und sie verändert. Homas und Ellies Freundschaft wird so zum Gefäß, in dem sich diese Geschichte sichtbar macht. Man durchlebt die Höhen und Tiefen des Lebens ihrer so unterschiedlichen Protagonistinnen unmittelbar, sieht die schlimmen Dinge voraus, bevor sie passieren, und ist dennoch geschockt, wenn sie eintreten. Kamali gelingt es, ihre Leser zu empören, zu entsetzen und zu erschüttern, ohne dass der lyrische Ton ins Sentimentale kippt. Tatsächlich hat mich dieses Buch mit der überraschenden Aufklärung darüber, warum Homa nach der Freilassung aus dem Gefängnis den Kontakt zu Ellie nicht wieder aufnehmen wollte, zu Tränen gerührt.

Homa ist nicht nur eine exemplarische „starke Frau“ – ihre Stärke hat einen hohen persönlichen Preis. Ihre politische Haltung bestimmt Freundschaft, Mutterschaft, Ehe und letztlich ihr gesamtes Leben. Ihr schmerzhaftes Scheitern an den politischen Gegebenheiten und ihr niemals endender Kampf für die Rechte der iranischen Frauen kann man nicht ohne Bewunderung lesen. Obwohl Figuren und Geschichte fiktiv sind, ist es absolut vorstellbar, dass solche oder ähnliche Schicksale existieren. Die Gegenwart mit dem aktuellen Krieg im Iran zeigt, dass der im Roman beschriebene Zyklus aus Repression, Protest und Umsturz das Land bis heute nicht losgelassen hat. Was diese Entwicklung für die Frauen des Landes bedeutet, lässt sich im Moment noch nicht sagen. Mit „Die Löwinnen von Teheran“ ist es Marjan Kamali jedoch gelungen, über die Themen Freundschaft, Loyalität und Mut hinaus Verständnis für die Lage der Iranerinnen zu wecken und vor allem mit Homas kämpferischer Zuversicht auf die aktuellen Entwicklungen zu schauen.

Paperback: 352 Seiten
ISBN 13: 978-3985853182
Adrian & Wimmelbuchverlag

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