Evers, Michael / Moritzen, Reinhart – Mysterium am Ende der Moderne, Das. Schriften zur Verteidigung der Kunst. No. I-XX

_Spirituelle Aufklärung und Kunsttransformation_

„Im Großen gesehen kommt es darauf an, zwischen westlicher Aufklärung und Metaphysik die Synthese zu finden, also den Begriff der Aufklärung spirituell zu verstehen – was er tatsächlich ursprünglich war, bevor er materialistisch reduziert wurde.“ (Michael Evers)

Ist schon ein spannender Ansatz, den Michael Evers in seinem Aufsatz „An der Wellenfront: Neoplatonischer Idealismus und Alchemie“ vorstellt; zumal es recht wenige aktuelle Schriften über Kunst und ihre spirituellen Wurzeln gibt. Für Evers kann eine ästhetische Betrachtung westlich-europäischer Kunst ohne eine Bezugnahme auf die hermetische Philosophie, den Neuplatonismus und den Spiritualismus nicht stattfinden. Glaubt man Evers, sei eine kunsthistorische und kunsttheoretische Betrachtung, welche derartige Bezüge ausklammert, nur ein unvollständiger Abriss.

Neben einem absolut-idealistischen Agens, den Evers in der wahren Kunst erkennen will, stellt er durchaus auch konstruktive Überlegungen zu einer neuen spirituellen Kunst an. Für ihn besteht kein Zweifel, dass es an der Zeit ist, nicht nur reflektierte Rückbesinnungsarbeit zu leisten, sondern Kunst auch in einem organisch-ganzheitlichen Gestaltungsprozess zu begreifen. Ganzheitlich bedeutet für Evers, dass an dem Prozess des Kunstschaffens gleichsam emotionale und kognitive Anteile beteiligt sind. Dem Künstler müsse dies bewusst werden, damit eine transformatorische Synthese und spirituelle Kunstidentität entstehen könne.

Evers Aufsatz bewegt sich gekonnt an den Wurzeln spiritueller Philosophien, übt Kritik an einer philosophiearmen Kunst und vermag interessante Dimensionen abendländischer Kulturgeschichte aufzuzeigen; etwa dann, wenn Evers die Aufklärung als im Kern spirituell beschreibt.

Michael Evers erhält lyrische Rückendeckung von Reinhart Moritzen, der mit seinem Beitrag „Europa und ihr Kind“ den Band „Das Mysterium am Ende der Moderne“ vervollständigt.

Evers Aufsatz und Moritzens Lyrik sind in der Reihe „Schriften zur Verteidigung der Kunst“ in der |AQUINarte Presse| Kassel erschienen. Die Reihe befasst sich literarisch und kunsttheoretisch mit dem Phänomen der Moderne und ihrer spirituellen Einflüsse. Die Frage nach alchemistischen Einflüssen auf die europäische Kunst ist ein Schwerpunktthema. Die Bände beinhalten jeweils einen theoretischen Aufsatz und einen lyrischen Beitrag.

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Ruff, Matt – Ich und die anderen

Matt Ruff ist im Prinzip in sehr unberechenbarer Autor. Seine Bücher sind kurios und phantasievoll und zuweilen überraschend. Für den Leser ist ein neuer Matt-Ruff-Roman stets gleichermaßen ein neues Lesevergnügen wie eine Herausforderung. Ruff lässt sich ganz einfach nicht auf ein Schema festlegen. Seine Romane sind ein Wechselbad der Gefühle. Er vermischt verschiedene Genres wie kein anderer und komponiert aus Belletristik, Fantasy und Science-Fiction seine ganz individuellen Romankreationen.

Mochte man ihn auf das Einbinden von Elementen aus Sci-Fi und Fantasy nach seinen ersten beiden Werken „Fool on the Hill“ und „G.A.S.“ schon festlegen (obwohl beide Werke dennoch sehr unterschiedlich sind), so dürfte er seine Leserschaft mit seinem aktuellen Werk „Ich und die anderen“ aufs Neue überraschen. Auf den ersten Blick ein untypischer Ruff, entpuppt er sich erst bei genauerer Lektüre als randvoll mit typisch Ruffschen Romanelementen, allen voran seine herausragende und souveräne Erzählweise.

„Ich und die anderen“ hat ein für sich gesehen eher ungewöhnliches Thema. Es geht um Menschen, die unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leiden. Andrew Gage hat sich mit seinen diversen Persönlichkeiten mittlerweile sehr gut arrangiert. Mit Hilfe einer engagierten Psychologin hat er es geschafft, Ordnung in sein Leben zu bringen. Zu diesem Zweck hat er sich kraft seiner Gedanken ein imaginäres Haus erbaut, das nun alle Seelen seiner Persönlichkeit beherbergt. Sein Leben verläuft erstaunlich geregelt ab. Die Ordnung im Haus folgt festen Regeln, nach denen jeder Seele ein wohldosiertes Maß an „Körperzeit“ zugestanden wird.

Auf diese Weise kann Andrew das Leben ohne größere Probleme meistern. Glück für ihn, dass er einen Job in der Virtual-Reality-Firma von Julie Sivik gefunden hat. Sie weiß um seine Persönlichkeitsstörung und hat ihn genau deswegen eingestellt. Wer sonst sollte wohl besser etwas von Virtual Reality verstehen als ein Multipler, dessen ganzes Leben einem Außenstehenden wie Virtual Reality vorkommen muss?

Julie und Andrew werden darüber hinaus Freunde und genau deswegen kann Andrew Julies Bitte kaum abschlagen, sich um seine neue Kollegin Penny Driver zu kümmern. Penny ist ebenfalls multipel – nur, dass sie es selbst noch nicht weiß. Und so wird Penny regelmäßig von Blackouts geplagt, die immer dann eintreten, wenn eine ihrer anderen Seelen die Kontrolle über den Körper übernimmt. Andrew soll sich des Problems annehmen und Penny helfen, ihre Persönlichkeitsstörung in den Griff zu bekommen.

Andrew sträubt sich zunächst, weiß er doch aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, eine multiple Persönlichkeitsstörung zu meistern, nimmt sich schließlich aber doch der Angelegenheit an. Doch schon bald droht die Sache aus dem Ruder zu laufen. Andrews seelisches Gleichgewicht ist fragiler, als er selbst glaubt, und so bringt Pennys Persönlichkeitsstörung nicht nur ihr eigenes Leben gehörig durcheinander, sondern auch das von Andrew …

Man mag das Thema der multiplen Persönlichkeitsstörung auf den ersten Blick für ein eher schwieriges halten, und so erstaunt es auch, mit welcher Leichtigkeit Matt Ruff das Ganze anpackt. Er schafft es auf sehr plastische und nachvollziehbare Weise, die Problematik zu verdeutlichen. Er entblättert bis ins Detail, was sich in Andrews Kopf abspielt, und macht es dem Leser begreiflich. Man kann sich das Haus in Andrews Kopf und das Nebeneinander der unterschiedlichen Seelen, die stets um Aufmerksamkeit und Körperzeit buhlen, wunderbar vorstellen. Auch das Durcheinander unterschiedlicher Persönlichkeiten in Pennys Kopf wird gut deutlich, wenngleich es dort verständlicherweise wesentlich chaotischer zugeht.

Multiple Persönlichkeitsstörungen sind eine komplexe Angelegenheit. Matt Ruff verdeutlicht neben den Konsequenzen auch die Art und Weise, wie sie im Falle von Andrew und Penny entstanden sind. Sie funktionieren als eine Art Schutzmechanismus. Beide Protagonisten blicken auf traumatische Kindheitserinnerungen zurück, die als Ursache ihrer Störung anzusehen sind. Beide müssen sich im Laufe des Romans zu den Wurzeln ihrer eigentlichen Persönlichkeit vorarbeiten und sich damit auch den früheren traumatischen Ereignissen stellen.

Die Komplexität dieser Kernproblematik überträgt sich dabei auch auf den Roman selbst. Er ist enorm vielschichtig und bietet ein Wechselbad der Gefühle. Ruff bringt Kurioses und Dramatisches, Tragisches und Komisches gekonnt unter einen Hut. Sensibel fühlt er sich in seine Protagonisten hinein, macht die drückende Last ihrer Erfahrungen genauso fühlbar wie die irritierende Art der Persönlichkeitswechsel im Körper der Figuren. Das wirkt alles zugleich urkomisch und irrsinnig tragisch. Er verpackt einen ernsten und zutiefst tragischen Hintergrund in einer leichtfüßig erzählten Geschichte, die dadurch umso eindringlicher auf den Leser wirkt.

Was weiterhin eine enorme Leistung des Autors ist, ist der Erzählstil. „Ich und die anderen“ ist eine auf den ersten Blick eher unspektakuläre Geschichte. Zwei verstörte junge Menschen auf der Suche nach sich selbst – so könnte man das Romangeschehen kurz und knapp auf den Punkt bringen. An nacherzählbarer Handlung oder gar ganz konkret greifbarer Spannung hat der Roman nicht viel vorzuweisen. Bei einem 715-seitigen Werk mag man da glatt einen langweiligen Schinken erwarten, der sich wie Kaugummi schier endlos in die Länge zieht.

Doch wer das glaubt, der hat eben die Rechnung ohne Matt Ruff gemacht. Hat man sich erst einmal gedanklich auf die Welt von „Ich und die anderen“ eingelassen, lässt sie einen nicht mehr los. Ruff fesselt auf eine ganz eigentümliche und unterschwellige, geradezu kuriose Art. Eine ähnliche Erfahrung ist mir aus der mittlerweile schon einige Jahre zurückliegenden Lektüre von „Fool on the Hill“ im Gedächtnis. Auch da galt es erst einmal, sich in das Buch hineinzufinden. Ist man erst einmal drin, ist man aber derart gefesselt, dass man am liebsten alles andere stehen und liegen lassen möchte.

Ruff fesselt eben auf eine ganz besondere Art, die sich schwer erklären lässt. Auch bei „Ich und die anderen“ fällt es schwer, den Grund für den fesselnden Charakter der Lektüre auf den Punkt zu bringen. Fakt ist einfach, dass Ruff eine enorm plastische Art zu erzählen hat. Man sieht die Figuren förmlich vor sich und erlebt das reinste Kopfkino. So wird dann eben auch Lektüre unterhaltsam, die ganz nüchtern betrachtet nur wenig Spannung zu enthalten scheint.

Die Figuren sind eine weitere Stärke des Romans. Auf den ersten Blick wirken sie allesamt ein wenig entrückt – unrealistisch, möchte man schimpfen – aber Matt Ruff stellt sie mit so viel Liebe und Warmherzigkeit dar, dass man sie mit der Zeit ins Herz zu schließen beginnt. Jeder ist auf seine ganz individuelle Art sonderbar, jeder hat seine verrückten Seiten, und so mag man manches Mal auch den Realismus bezweifeln (auf welcher wirtschaftlichen Basis eine Firma wie die von Julie Sivik überhaupt existieren kann, bleibt beispielsweise etwas diffus), aber das sind alles Dinge, die im Laufe des Romans zunehmend unwichtiger werden und die man zunehmend unwichtiger nimmt.

Am Ende glänzt Ruff eben ganz durch seine brillante Erzählweise, die er mit so mancher Überraschung garniert, und die Interaktion seiner Protagonisten. Hinter seinem lockeren Erzählstil und seinem Sinn für Kurioses verbirgt sich eine Tiefe, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Man blickt zurück auf ein Buch, bei dem man auch am Ende noch nicht so ganz begreifen kann, warum es einen so gefesselt hat. Matt Ruff bleibt eben auch mit seinem dritten Buch immer noch etwas rätselhaft und sonderbar, aber das ist nur ein Grund mehr, ihn zu lieben …

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McNeill, Graham – Botschafter der Schlacht (Warhammer – Sturm des Chaos 1)

_Story_

Das Imperium wird zum wiederholten Male von den barbarischen Völkern aus dem Norden bedroht. Bis in die Nähe von Kislev ist man bereits vorgedrungen und droht nun, das Machtgebiet von Imperator Karl Franz zu überrollen. Kaspar von Velten, ein erfahrener Kriegsstatege, wird in den äußersten Ring nach Kislev gesandt, um in der dortigen Botschaft wieder für Ordnung zu sorgen. Sein Vorgänger, ein korrupter Taugenichts, hat ihm nichts als Chaos hinterlassen und wäre in seiner Position auch nicht mehr fähig gewesen, die Stadt der Tzarin zu verteidigen. Als von Velten und seine Gefolgschaft unter dem Regiment von Kurt Bremen Kislev erreicht, werden sie jedoch gar nicht herzlich empfangen. Das Imperium ist in der eisigen Stadt in Verruf geraten, unter anderem, weil der ehemalige Botschafter mit dem Ganoven Tschekalito zusammengearbeitet hat. Und Kaspar soll nun in kürzester Zeit wieder alles zurechtbiegen, um vor dem bevorstehenden Kampf gewappnet zu sein.

Obwohl sich der Botschafter redlich bemüht, mit Härte und Disziplin die alte Harmonie wiederherzustellen, stellen sich ihm merkwürdig viele mächtige Kontrahenten in den Weg. Einer davon, Sascha Kajetan, ist der geschickteste Schwertkämpfer der gesamten Bastion und verachtet von Velten wegen seiner Liaison mit der adligen, gutmütigen Anastasia. Weitaus schlimmer ist indes der ständige Konflikt mit der ortsanssäsigen Geheimpolizei, die ebenfalls mehrere Augen auf den neuen Botschafter geworfen hat. Und natürlich Tschekalito, der sich bereits bei Kaspars Ankunft mit diesem anlegt, weil er nicht bereit ist, in die schmierigen Geschäfte des Verbrechers einzusteigen.
Während Kaspar in Kislev um Anerkennung kämpft und dabei zunehmend Erfolg hat, treibt zu allem Übel auch noch ein Menschenschlächter in Kislev sein Unwesen. Und als dieser sich von Veltens bestem Freund annimmt, erlebt Kaspar seinen bis dato wohl heftigsten Rückschlag …

_Meine Meinung_

Ein breites Sammelsurium an verschiedenen Handlungseinheiten führt den Leser in die neueste Romanreihe aus der beliebten „Warhammer“-Welt ein und sollte eigentlich von Beginn an für Verwirrung sorgen. Immerhin geschieht in der eisigen, bereits aus früheren Bänden bekannten Stadt Kislev so einiges, ohne dass dabei direkte Zusammenhänge ersichtlich sind. Graham McNeill hat durch seine nüchterne Erzählweise jedoch permanent dafür gesorgt, dass dem Leser das Geschehen niemals aus der Hand gleitet. In einem sehr trockenen Stil berichtet McNeill von brutalen Auseinandersetzungen und blutigen Zwischenfällen, von korrupten Geschäftsleuten und enorm vielen zwielichtigen Persönlichkeiten, von unglaubwürdigen Adligen und scheinbaren Feinden, von dunkel befleckten Freunden und letztendlich auch vom großen Chaos, welches das Imperium schon in Kürze heimzusuchen droht. Seine Figuren sind dabei zumeist mit unverkennbaren Makeln bestückt. Selbst von Velten, der hier die Hauptrolle übernimmt, läuft immer wieder in Fallen hinein und ist bei seinen Entscheidungen alles andere als unfehlbar. Die Schurken indes sind in diesem Band sehr schwer auszumachen, denn bei so manchem Fiesling, der sich in Kislev herumtreibt, darf man berechtigterweise hoffen, dass er zur guten Seite überwechselt. Durch die gleichmäßig verteilten Machtgefüge besteht eine Abhängigkeit untereinander, die bis zuletzt auch einen großen Teil der Spannung von „Botschafter der Schlacht“ ausmacht. Mitunter sogar achtzig bis neunzig Prozent.

Wobei wir auch schon beim eindeutigen Mangelpunkt wären, dem Spannungsaufbau: Hier weist der erste Band dieser neuen Reihe nämlich erhebliche Defizite auf, die selbst durch die vielseitige Action nicht mehr kompensiert werden können. Graham McNeill setzt bei der Entwicklung des Plots kaum Schwerpunkte, so dass dem Leser bis zum Schluss verborgen bleibt, welche Ereignisse nun für die Geschichte wirklich wichtig sind. Betont emotionslos stellt er die chaotischen Zustände in Kislev dar, umschreibt die verschiedenen Gegenspieler und Gefährten des neuen Botschafters, gewährt Einblicke in das Seelenleben des verborgenen Kannibalen und widmet sich mit deutlich steigendem Tempo der Jagd auf den grausamen Menschenschlächter, vergisst aber währenddessen, die jeweilige Stimmung dem Anlass entsprechend zu modifizieren. Stets herrscht diese beklemmende, unterkühlte Atmosphäre vor, die den Entwicklungsspielraum der Story die gesamte Zeit über stark einschränkt und auch kaum zulässt, dass so etwas wie Euphorie aufkeimt – weder bei den betroffenen Personen in der Handlung noch beim Leser, der versucht, in die chaotische Welt von Kislev einzutauchen.

Dass die Geschichte dennoch relativ unterhaltsam ist, verdankt sie einzig und allein den undurchsichtigen Charakteren und den wenigen echten Überraschungen. Die Gewissheit, dass sich die Geschichte noch drehen muss und mit Sicherheit auch wird, verleiht dem Buch das Potenzial, den Leser auch weiter zu beschäftigen. Gerade zum Ende hin, wo dann doch endlich auch mal die ersehnten Schlachtszenarien die gewohnte „Warhammer“-Stimmung hervorrufen, verfliegt ein Stück der angehäuften Enttäuschung und hinterlässt einen – wenn auch nicht rundum – zufriedenen Fan, der sich aber auch im Klaren darüber ist, dass es in diesem Kontext schon weitaus bessere Romane gegeben hat.

Eines sollte man allerdings auch noch wissen: „Sturm des Chaos“ ist bis hierhin keine typische Fantasy-Reihe, sondern eher so etwas wie ein düsterer Thriller mit militärischem Inhalt. Aber eben trotz aller Kritik ein ganz annehmbarer.

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Peter Sander – Tod bei Tisch

sander-tod-bei-tisch-cover-kleinEin Kriminalschriftsteller stolpert in der schwedischen Provinz über einen angeblich durch Selbstmord geendeten Arzt und dessen undurchsichtige Familie. Er verliebt sich in die Tochter des Hauses, versucht den Fall selbst zu lösen und stellt sich dabei wider Erwarten so geschickt an, dass der Mörder schließlich mit den üblichen lebensgefährlichen Folgen nervös wird … – Konventioneller Krimi aus Skandinavien, der weniger durch einen originellen Plot oder Hochspannung gefällt, sondern handwerkliches Geschick und viel trockenen Witz zu bieten hat.
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Helen Morrison/Harold Goldberg – Mein Leben unter Serienmördern

Persönliche Geschichte und historische Fakten

Mehr als drei Jahrzehnten arbeitete die Ärztin und forensische Psychologin Helen Morrison als Profilerin, d. h. sie befragte und untersuchte gefangengesetzte Mörder, die gezielt in Serie mordeten und sich dabei so geschickt als ‚normale Menschen‘ tarnten, dass sie ihr Tun über Jahre oder Jahrzehnte fortsetzen konnten. Morrison versuchte einerseits herauszufinden, wie ihnen dies gelang, um mit der entsprechenden Kenntnis anderen, noch nicht entdeckten Serienkillern auf die Spur zu kommen, während sie sich andererseits zu begreifen bemühte, wie diese mörderischen Zeitgenossen „entstehen“ und sich entwickeln, um auf diese Weise Methoden zu ihrer frühzeitigen Erkennung und Behandlung zu finden.

Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse fasste Morrison in diesem Buch zusammen. Die Darstellung ist chronologisch strukturiert und stellt somit auch eine Autobiografie der Verfasserin dar, die ihre Arbeit verständlicherweise nicht strikt vom Privatleben trennen kann; die eine beeinflusst das andere, was folgerichtig in das Erzählte einfließt. Morrison beschreibt zunächst ihre ersten Gehversuche als Profilerin, die sie in den 1970er Jahren als junge und unerfahrene Ermittlerin mit einem Serienkiller namens „‚Babyface‘ Richard Macek“ zusammenführt. Morrison schildert die ungelenken Gehversuche, die in der Kriminalistik damals in Sachen Serienmord unternommen wurden. Es gab noch keine solide Informationsbasis, auf die man sich stützen konnte. Gewagte und aus heutiger Rückschau manchmal seltsame und riskante Versuche wurden in dieser Pionierzeit unternommen, um zu lernen, wie Serienmörder ticken („Gefährliches Terrain: Ein Serienmörder wird hypnotisiert“). Zahlreiche Sackgassen und Rückschläge mussten hingenommen werden, doch allmählich gewannen die Profiler an Boden („Einblicke in Maceks Geist“).

Im Verlauf ihrer Recherchen erkannte Morrison, dass Serienmord keine singuläre Erscheinung des 20. Jahrhunderts ist. Am Beispiel eines Veteranen – des Muttermörders und Leichenschänders Ed Gein, dessen Taten Alfred Hitchcock zum filmischen Meisterwerk „Psycho“ und Tobe Hooper zum Schock-Klassiker „Texas Chainsaw Massacre“ inspirierten – wirft Morrison einen Blick auf die (Kriminal-) Historie und weiß Serienkiller seit dem Mittelalter namhaft zu machen („Ed Gein und die Geschichte der Serienmörder“).

Prominenz und Alltag

Mit dem Fachwissen wuchs der Kreis derer, die Helen Morrison um Hilfe angingen. Es folgte die Prominenz in den Medien, die ihr manches unerfreuliche Erlebnis bescherte aber gleichzeitig half, auch mit den ‚Superstars‘ unter den Serienkillern zu arbeiten („John Wayne Gacy“). Der 33-fache Mörder Gacy verhalf ihr nicht nur zu neuen und wichtigen Erkenntnissen („Auge in Auge mit Gacy“), sondern brachte sie auch ins schmutzige Geschäft mit der ‚Gerechtigkeit‘: In den USA verdienen sich kriminalistische Fachleute gern ein Zubrot als Sprachrohre für Staatsanwälte oder Verteidiger („Im Zeugenstand beim Gacy-Prozess“).

Morrison zog sich nach diesen Erfahrungen auf ihre wissenschaftliche Arbeit zurück, verfeinerte ihre Untersuchungsmethoden parallel zu den medizinischen Errungenschaften, die inzwischen buchstäblich den Blick ins Hirn eines Menschen ermöglichten, und vertiefte ihr einschlägiges Wissen („Die Briefe und Träume des Bobby Joe Long“; „Der Sadismus des Robert Berdella“; „Der Auslöser: Michael Lee Lockhart“). Außerdem erweiterte sie ihr Untersuchungsfeld auf die Menschen, die – in der Regel ahnungslos – mit Serienmördern gelebt hatten: Eltern, Lebensgefährten, Kinder, Freunde („Serienmörder und ihre Angehörigen“) sowie jene seltsamen Menschen, die im Wissen um ihre Verbrechen mit Killern lebten oder diese bei ihren Foltermorden sogar unterstützten („Rosemary West und die Partner von Serienmördern“).

Gegenwart und Zukunft

Der Fortschritt der Kriminologie geht einher mit einer allgemeinen Globalisierung, die auch bisher fremde und isolierte Länder nicht mehr ausschließt. Dabei wird deutlich, dass Serienmörder weder Einzelfälle noch ein singuläres Phänomen der westlichen Industriestaaten sind. Es gibt sie auf der ganzen Welt („Serienmörder – ein internationales Phänomen“). Diese deprimierende Erkenntnis wird teilweise ausgeglichen durch die Tatsache, dass auch die Kriminalisten ihr Wissen verfeinern. Zwar bleibt die „CSI“-Perfektion sicherlich auch zukünftig dem Fernsehen überlassen, doch wird es Serienmördern immer schwerer fallen, ihre Untaten lange unerkannt zu treiben („Die DNA und der Mörder vom Green River“).

Morrison geht in ihrem Schlusswort noch einen Schritt weiter. Ist es möglich, Serienmörder nicht nur möglichst früh zu stellen, sondern kann man sie womöglich identifizieren, bevor sie überhaupt ihren ersten Mord begangen haben? Aus ihrer Arbeit meint sie eine Reihe von möglichen und gangbaren Wegen gefunden zu haben („Epilog: Wie geht es weiter?“).

Schlüssel zum Hirn des Killers

Bücher über Serienkiller und ihre Jäger gibt es sicherlich in ebenso großer Zahl wie ‚Sachliteratur‘ über den Heiligen Gral oder die Umtriebe der UFOs. Mit freundlicher Unterstützung durch Hannibal Lecter ist quasi ein eigenes Genre entstanden, das sich erstaunlich lange in der Gunst des Publikums hält und nicht zuletzt durch die „CSI“-Welle dank des Fernsehens neuen Auftrieb erhielt. Vom Treiben fiktiver Unholde und markiger Mörderfänger profitieren auch reale Kriminalisten, die lange im Verborgenen arbeiten mussten. Heute sind die neugierigen Laien geradezu süchtig nach Blicken in Labors & Leichenhallen, in denen Spezialisten gleich mittelalterlichen Hexenmeistern aus winzigsten Spuren verbrecherische Szenarien rekonstruieren.

Helen Morrison tritt erst auf den Plan, wenn der Strolch – Serienmörder sind in der Regel männlich – bereits gefasst wurde und sicher hinter Gittern setzt. Mit Fragebogen und Hirnstrommessgerät setzt sie sich dem Täter gegenüber und horcht ihn aus. Was keine besonders komplizierte Aufgabe zu sein scheint, relativiert sich durch die Erkenntnis, dass sie es hier mit Menschen zu bekommt, denen Gesetzesvorschriften oder die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens nichts bedeuten: Serienmörder, das weiß uns Morrison in ihrem Buch deutlich zu machen, leben nach ihrem eigenen Verhaltenskodex, der ausschließlich auf ihre privaten Bedürfnisse zugeschnitten ist, zu denen mit einer Furcht erregenden Selbstverständlichkeit Folter und Mord in Serie gehören.

Die Tatsache, dass man es mit einer „anderen Art“ von Mensch zu tun hat, die womöglich geistig gar nicht in der Lage ist zu begreifen, welcher Verbrechen sie sich schuldig macht, erschwert verständlicherweise die Kommunikation mit Serienmördern. Manche sind sogar stolz auf ihre ‚Leistungen‘ und erinnern sich gern ihrer Untaten, was wiederum Morrison einen wichtigen Zugang zur fremdartigen Denkwelt dieser Männer (und einiger weniger Frauen) öffnet.

Profiling als Geschäft

Dies zu schaffen, ermöglicht nicht nur viel Geduld – Morrison ringt und debattiert oft Wochen und Monate mit ihren Gesprächspartnern -, sondern auch eine stabile Psyche, denn mit einem Serienmörder in wirklich engen Kontakt zu treten, bedeutet wahrlich einen Blick in den Abgrund. Unglaubliche Scheußlichkeiten muss Morrison sich nicht nur auf Tatortfotos anschauen, sondern sich von oft triumphierenden Mördern in allen Details beschreiben lassen. Eine Flut belastender, dabei oft wenig informativer Worte und Bilder ergießt sich über sie, unter denen sie die wenigen relevanten Fakten erkennen muss und auswerten kann.

In mehr als drei Jahrzehnten hat Morrison ihr Verständnis vom Serienmörder entwickelt. Sie vertritt klare Standpunkte, die ihr Werk freilich nicht unumstritten machen. So ist sie beispielsweise davon überzeugt, dass Serienmörder als solche bereits geboren werden, sie also genetisch vorbelastet sind und letztlich außerstande sind zu begreifen, was sie anrichten. Auch gegen den Drang zum wiederholten Töten können sie sich im Grunde nicht wehren, so Morrison. Nach ihrer Meinung sind Serienmörder Menschen, die sich emotional niemals entwickelt haben sondern auf der Stufe eines Säuglings, der handelt ohne zuvor über eventuelle Folgen nachzudenken, stehengeblieben sind.

Die Logik dieser Theorie eines rein biologisch bedingten Serienmord-Phänomens ist weder absolut schlüssig noch in der Beweisführung überzeugend. Morrison ist sich dieser Tatsache bewusst. Man muss ihr hoch anrechnen, dass sie der Kontroverse nicht ausweicht, indem sie beispielsweise über ihrer Argumentation Nebelkerzen zündet. Klipp und klar und für Kritik sofort erkennbar fallen ihre Äußerungen aus. Unangenehmen Wahrheiten geht Morrison dabei nie aus dem Weg. Die Welt der Kriminalisten dreht sich nicht ausschließlich um die Suche nach Wahrheiten, sondern wird geprägt von Animositäten, Konkurrenzdenken und im Brustton der Überzeugung geäußerten Falscherkenntnissen. Mit seltener Deutlichkeit nennt Morrison Namen und Ereignisse, die kein gutes Licht auf die Forensiker, Profiler und kriminalistischen Psychologen werfen. Die Autoren ist eindeutig niemand, die ihrem Gegner auch die andere Wange hinhält, ihr Buch auch eine Abrechnung mit Zeitgenossen, die ihr beruflich in die Quere gekommen sind.

Warnung vor dem Heiler!

Unter diesen Aspekten muss man vor allem Morrisons Schlussfolgerungen im letzten Kapitel bewerten. Allen Ernstes plädiert sie für noch intensivere Untersuchungen weiterer Serienmörder, die Gehirnoperationen einschließen. Nicht einmal die Justiz der USA, die kaum als menschenfreundlich zu bezeichnen ist, gestattet solche Experimente. Morrison geht noch wesentlich weiter: Sie denkt über mögliche Konsequenzen ihrer Forschungsarbeit nach. Was geschieht, wenn sie wirklich eine Art ‚Serienmörder-Gen‘ entdeckt? Sollten alle Neugeborenen entsprechend untersucht werden? Kann man sie ‚heilen‘, wenn besagtes Gen auftritt? Falls nicht: Was macht man mit ihnen? Steckt man sie in Gefängnissanatorien, bevor sie – eventuell – zu morden beginnen?

Mit solchen drastischen ‚Anregungen‘ möchte die Verfasserin einerseits provozieren, denn der Serienmord ist für sie, die sich tagtäglich damit beschäftigt, ein brennendes Problem, dem von Politik und Öffentlichkeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Andererseits resultiert Morrisons Vorstoß aus dem, was sie lernen musste: Serienmörder sind nicht unbedingt die seelenlosen Kreaturen, die sie in ihren sieht. Auf jeden Fall aber sind jene Menschen und ihre Familien und Freunde unschuldig, die unter mörderischen Attacken schreckliche Qualen erdulden müssen. Wer so etwas quasi miterlebt, wird sich in der Planung von Gegenmaßnahmen nicht von den Grenzen des politisch Korrekten bremsen lassen.

„Mein Leben unter Serienmördern“ ist letztlich kein Fach- oder Lehrbuch, sondern ein allgemeinverständliches Sachbuch, das informieren und Denkanstöße liefern möchte. Als solches ist es eine interessante und anregende Lektüre. Morrison hält sich im Ton meist zurück, ohne aber zu leugnen, dass auch sie oft erschüttert und angeschlagen oder angewidert ihre Arbeitsstätten verlässt. Es fehlt das aufdringlich Spektakuläre, das Schwelgen in blutigen Details, welchem die „True Crime“-Sparte ihren anrüchigen Ruf verdankt. Morrison verzichtet auf Fotos von Tatorten oder die üblichen Fahndungsbilder von Verbrechern, denen ‚Monster‘ praktisch in die Fratzengesichter geschrieben steht. Das Buch kann durch solche Zurückhaltung am richtigen Fleck nur gewinnen.

Autorin

Helen Morrison (*1942) ist Ärztin und als solche spezialisiert auf die Gebiete Neurologie und Psychiatrie. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet sie als forensische Psychologin und hat mehrere Fachbücher sowie mehr als 125 Artikel für wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Mit ihrer Familie lebt Morrison in Chicago.

Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: My Life Among the Serial Killers (New York : William Morrow 2004)
Übersetzung: Sebastian Vogel
http://www.randomhouse.de/goldmann

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (7 Stimmen, Durchschnitt: 1,29 von 5)

Hillenburg, Stephen u.a. – SpongeBob Schwammkopf – Schwammiges Alibi

_Inhalt_

|“Ganoven“|
SpongeBob und Patrick entdecken in der ‚Krossen Krabbe‘ einige Gegenstände, die unrechtmäßig von Mr. Krabs ergaunert wurden. Der jedoch macht ihnen weis, dass diese Dinge nur geliehen sind. Der Schwamm und der Seestern nehmen dies zum Anlass, einen Ballon zu leihen und nach Gebrauch wieder zurückzugeben. Doch der Ballon platzt und die beiden ‚Ganoven‘ flüchten. Und das am Ballon-Umsonst-Tag …

|“Der Schrecken der Straße“|
Mrs. Puff reißt langsam der Geduldsfaden. Einen Versuch will sie ihrem Fahrschüler SpongeBob noch gewähren, ansonsten muss er die Fahrschule ein weiteres Jahr besuchen. Als dieser auch die letzte Chance verfehlt, greift die Lehrerin in die Trickkiste, um den Schwamm endlich loszuwerden. Doch sobald SpongeBob den Führerschein besitzt, wird sie von Gewissensbissen geplagt und sucht nach Wegen, ihren leichtsinnigen Fehler wieder auszubügeln …

|“Besuch vom Gesundheitsamt“|
Mr. Krabs ist der festen Überzeugung, dass der gerade eingetroffene Gast ein Inspektor des Gesundheitsamtes ist. Gemeinsam mit SpongeBob kümmert er sich besonders um diesen Kunden, bis im Fernsehen die Rede von einem Betrüger, der sich als Gesundheitsinspektor verkleidet sein Essen erschleicht, ist. Natürlich glauben die Angestellten der ‚Krossen Krabbe‘, dass ihr Gast der gesuchte Gauner ist und bereiten ihm einen besonders ekligen Burger zu. Dann jedoch erscheint im Fernsehen ein erstes Bild des Betrügers, und das sieht dem Verdächtigen gar nicht ähnlich …

|“Blaubarschbube rebelliert“|
Blaubarschbube hat es satt, ständig im Schatten von Meerjungfraumann zu stehen. Also wechselt er zum Bösen über und schließt sich der Bande von Mantarochen und Drecksackblase an. Als Blaubarschmann macht er mit seinen neuen Verbündeten das friedliche Bikini Bottom unsicher und genießt seine neue Freiheit. Doch Meerjungfraumann hat längst ein schlagkräftiges Team zusammengestellt, um den alten Kumpel wieder auf den Pfad der Tugenden zurückzubringen …

_Meine Meinung_

Nach längerer Zeit gibt es endlich wieder einen neuen Cine-Manga aus Bikini Bottom, der sich dieses Mal ausschließlich mit Gaunereien und übertretenen Verboten auseinander setzt. Selbst die besten Freunde des vorlauten Schwammes kommen in diesem Band mit dem Gesetz in Konflikt und verleiten ihn und seinen Kumpan Patrick ebenfalls dazu, illegale Handlungen durchzuführen. Dabei sind die Vergehen des kindlichen Dreamteams allerdings eher harmloser Natur, werden aber natürlich trotzdem völlig überspitzt dargestellt. Ein Ballon-Diebstahl zum Beispiel wird von den beiden selber als katastrophales Verbrechen geahndet, das selbst eine Flugzeugentführung übertrifft.

In anderen Folgen muss SpongeBob selber nach dem Rechten sehen. In der letzten Geschichte zum Beispiel verbündet er sich mit seinem Helden Meerjungfraumann, um den unzufriedenen Blaubarschbuben wieder zu besänftigen. Der nämlich durfte sich in der ‚Krossen Krabbe‘ keinen Erwachsenenburger leisten und ist nicht mehr bereit, sich von seinem Vorgesetzten unterbuttern zu lassen. Dabei verhält sich der Kerl noch kindischer als der Schwammkopf und sein rosaner Freund. In „Der Schrecken der Straße“ hingegen wird SpongeBob selber durch einen Gesetzesübertritt begünstigt. Mrs. Puff verhilft ihm ohne bestandene Prüfung zum Führerschein und bringt so das Leben der Bürger von Bikini Bottom in Gefahr. Um dies wieder rückgängig zu machen, begeht sie ein richtiges Verbrechen, das sie teuer zu stehen kommt.

Der Höhepunkt des aktuellen Sonderbandes ist jedoch die Geschichte um den vermeintlichen Gesundheitsinspektor, dem Krabs und SpongeBob auf einmal nicht mehr trauen. Als sie ihren Irrtum dann aber einsehen, müssen sie den Mann dringend beseitigen, um das Weiterbestehen des Lokals zu sichern. Und dabei scheut der geschäftige Mr. Krabs nicht einmal vor Mord zurück. Plötzlich sitzen die beiden so richtig in der Klemme.

In „Schwammiges Alibi“ wird der freche Schwammkopf mal wieder von seiner betsen Seite dargestellt. Auch wenn es sich mal wieder um einen relativ kurzen Band handelt, währt der Spaß ziemlich lange, weil man über manche Gags auch nach dem Lesen immer wieder lachen muss. Beispiel gefällig? Nun, in der ersten Episode entzünden die beiden selbst ernannten Verbrecher inmitten des Ozeans ein Lagerfeuer. Aus heiterem Himmel fragt Patrick, warum dies unter den Bedingungen überhaupt möglich ist, und zack, geht das Feuer aus. Genial! Und das ist erst der Anfang …

„Schwammiges Alibi“ setzt damit auch gekonnt die Tradition der vorherigen Bände fort und sammelt einige der besten Momente der TV-Serie in einem kleinen aber feinen Hochglanzcomic. Freunde der Serie finden zwar mit diesem Band keinen gleichwertigen Ersatz für das gut 20-minütige TV-Vergnügen, aber beste Unterhaltung ist auf jeden Fall garantiert.

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Massey, Sujata – Japanische Perlen

Ein Restaurant zu eröffnen, ist gar nicht so einfach, wie man sich das immer vorstellt. Diese Erfahrung muss auch Rei Shimura machen, die junge Halbjapanerin, die in Sujata Masseys Büchern die Hauptrolle spielt.

Allerdings ist es nicht Rei, die das Restaurant eröffnet. Rei, die mit ihrem Verlobten Hugh in Washington wohnt, seit sie ein Einreiseverbot in Japan hat, unterhält einen kleinen Antiquitätenhandel und bekommt den Auftrag, bei dem neuen asiatische Restaurant „Bento“ die Inneneinrichtung zu übernehmen. Froh über die Beschäftigung, wirft sie sich in die Arbeit und ist sehr zufrieden, als sie mit ihrer Cousine Kendall, einer eifrigen Spendensammlerin für den demokratischen Senator Harp Snowden, am Eröffnungstag dort speist. Allerdings verläuft der Abend anders als geplant. Als Kendall zum Telefonieren in den Hinterhof geht, wird sie entführt. Sie kann zwar unbeschadet befreit werden, aber die negativen Schlagzeilen interessiert das nicht.

Doch das ist nicht das Einzige, was im „Bento“ im Argen liegt. Eines Tages kommt die Angestellte Andrea auf Rei zu und bittet sie um Hilfe. Weil sie mitbekommen hat, wie gut Rei bei der Entführung ihrer Cousine gehandelt hat, glaubt sie, dass sie die Richtige wäre, um ihr bei der Suche nach ihrer asiatischen Mutter zu helfen. Sadoko, so der Name von Andreas Mutter, verschwand eines Tages spurlos, nachdem sie ihre zweijährige Tochter mit der Begründung, sie müsse schnell zum Arzt, bei Nachbarn abgegeben hatte. Man fand ihre Klamotten am Fluss, der durch ihren Wohnort floss, und Andreas Vater, ein amerikanischer Soldat, der seine Frau während des Vietnamkriegs kennen gelernt hatte, heiratete sehr bald eine alte Schulfreundin und gab Andrea zu Pflegeeltern.

Nun ist die junge Frau auf der Suche nach ihrer Mutter, die offiziell als vermisst gemeldet ist und von der man annimmt, dass sie verstorben ist. Doch Andrea glaubt nicht, dass es da mit rechten Dingen zugeht, und Reis Ermittlernase kann es nicht lassen, die Spur aufzunehmen. Ehe sie es sich versieht, steckt sie tiefer in mysteriösen Machenschaften drin, als ihr lieb ist…

„Japanische Perlen“ ist bereits das sechste Buch Masseys mit Rei Shimura. Sie bietet darin einen leicht bekömmlichen Mix aus fernöstlicher Exotik, Kriminalroman und Frauenlektüre. Ersteres basiert natürlich auf dem Thema des Buchs und auf Reis Herkunft. Ihre Mutter ist zwar Amerikanerin, aber Rei hat lange Zeit in Tokyo gewohnt und kennt sich mit der dortigen Kultur sehr gut aus, was auch immer wieder in die Geschichte einfließt. Zudem kommt in der Geschichte ihre Tante Norie zu Besuch, eine ältere, sehr hilfsbereite Dame, die sich mit der amerikanischen Kultur konfrontiert sieht und für das eine oder andere verschmitzte Grinsen sorgt.

„Kriminalroman“ steht nicht nur vorne auf dem Buch, sondern zeigt sich auch in der Handlung. Allerdings haben wir es hier weniger mit einem knallharten Ermittlerkrimi zu tun als viel mehr mit einem „Alltagskrimi“. Das spricht auf der einen Seite für die Autorin, weil es bedeutet, dass sie sehr authentisch schreibt. Auf der anderen Seite muss man aber auch damit rechnen, dass wir es hier nicht mit einem geladenen, actionreichen Buch zu tun haben, in dem auf jeder zweiten Seite Mord und Totschlag herrschen. Das sowieso nicht, denn Massey kommt ganz ohne Leiche aus. Ob das der Grund ist, dass es an einigen Stellen an Spannung fehlt? Allerdings ist es auch sehr erleichternd, dass Shimura-San keine übertriebene Ermittlerin, sondern auf dem Boden geblieben ist.

Was das Buch aber letztendlich zu einem Pageturner macht, ist der Frauenfaktor. Massey schreibt aus der Ich-Perspektive Rei Shimuras mit einer sehr einfachen und schönen Sprache, die subjektiv und manchmal humorvoll gefärbt ist. Sie spiegelt die japanische Freundlichkeit sehr schön wider und lässt dem Innenleben ihrer Protagonistin viel Raum, manchmal vielleicht sogar zu viel. Immerhin erspart sie uns übertriebene Sexszenen, auch wenn die Verlobung der guten Rei nicht zu kurz kommt. Sie schafft es, die Seiten so dicht zu füllen, dass sie zum Weiterlesen einladen und dazu noch nicht mal eine reißerische Menge Blut brauchen.

Letztendlich ist „Japanische Perlen“ wohl eher gute Unterhaltung als ein wirklicher Kriminalroman. Dazu erinnern die Protagonistin und der Schreibstil der Autorin zu sehr an einschlägige Frauenromane. Jedoch wird das Buch angenehm frei von Klischees gehalten, so dass es sich leicht lesen lässt und dank des Schreibstils auch mit einer geringen Menge Spannung auskommt, um dem Leser zu gefallen.

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Buchwurminfos IV/2006

Mit Beginn der aktuellen _Rechtschreibreform_ zum 1. August stellte der Axel Springer Verlag sämtliche Publikationen auf die Rechtschreibprogramme aus dem Hause Duden um. Im Jahr zuvor (2005) war der Duden zur Rechtschreibreform völlig gefloppt. Die Käufer boykottierten das Werk, da klar war, dass es schon bald wieder veraltet sein würde. Im Wettbewerb mit dem Wahrig-Wörterbuch wurde es schließlich verramscht. Der Gewinn des Brockhaus-Verlages brach um zwei Millionen Euro ein und die Aktionäre mussten auf ihre Dividenden verzichten. In diesem Jahr kam der Bertelsmann-Wahrig wieder schon im Juni heraus, der Duden dagegen erst Ende Juli. Erstaunlicherweise unterscheiden sich beide Werke erheblich. Es gibt zu viele fakultative Varianten. Z. B.: Warum schreibt sich „wohltuend“ zusammen, „wohl lautend“ aber nicht zwingend? Im neuen Duden befinden sich 3000 Rechtschreibempfehlungen, im neuen Wahrig dagegen nur 50 paradigmatische Fälle in Tipp-Infokästen. Auffällig dabei ist, dass der Duden tendenziell die Rechtschreibung von 2004 verteidigt, während der Wahrig eher den Vorschlägen des Rats der deutschen Rechtschreibung von 2006 folgt. Beim genauen Studium des Duden finden sich eine Menge Ungereimtheiten. Einerseits plädiert man für „gewinnbringend“ und „fleischfressend“, andererseits für „Erfolg versprechend“ und „Wasser abweisend“. Der Duden spricht von „frei laufenden“ Hühnern, der Wahrig von „freilaufenden“. Hilfreich scheint beim Wahrig immerhin eine 14-seitige Übersicht der Unterschiede zwischen 2004 und 2006. In den Rechtschreibbüchern bis zur 10. Klasse spart man deswegen noch strittige Begriffe aus, wie im „Findefix“ oder im Duden-„Grundschulwörterbuch“, wo einige Getrenntschreibungen unterschlagen bleiben (wie z. B. „allein erziehend“). Bis die Grundschulkinder alt genug sind für richtige Wörterbücher, stehen sicherlich noch genügend Korrekturen ins Haus. Derzeit tut das „richtige“ Entscheiden nach wie vor weh.

Nach den 26 Filialen von „Gondrom“, den Läden von Bouvier-Gonski und Kober-Löffler hat _Thalia_ nun auch achtzehn Buchhandlungen von „Grüttefien“ mit 50,1 % Anteil in den Konzern übernommen. Der Name Grüttefien wird zunächst noch erhalten bleiben, dann aber sukzessiv durch den neuen Namen Thalia ersetzt werden. Das Tempo, mit dem Thalia expandiert, überrascht. In den Großstädten und Einkaufszentren werden jetzt die Claims gegen die Konkurrenz wie Hugendubel, Buch & Kunst, Weltbild und Buch Habel (die auch kräftig expandieren) abgesteckt.

Der Umsatz der _Sondereditionen der Billigbibliotheken_ aus Zeitungsverlagen wie „SZ“, „Bild“ oder „Brigitte“ ist im Sinken begriffen. Wie Random House es vor kurzem schon prognostizierte, haben diese Editionen ihren Zenit erreicht. Für Taschenbuchverlage bedeutet das, dass sie wieder aufatmen können. Das Aus für solche Editionen ist das aber natürlich noch nicht. Im Herbst startet die Zeitschrift _“Geo“_ in Zusammenarbeit mit dem Bibliografischen Institut und Brockhaus eine 20 Bände umfassende _Lexikon-Edition_. Jeder Band enthält neben einem Lexikonteil ein „Geo“-Dossier mit Reportagen und Berichten zu ausgewählten Themengebieten. Billig dagegen ist das eigentlich wie bislang aber auch nicht mehr. Ein Einzelband kostet 17,90 Euro, die komplette Reihe ist für 299 Euro zu haben. „Bild der Frau“ startet mit dem Mira-Taschenbuchverlag die _“Bild der Frau“-Bestseller-Reihe_. U. a. gibt es da auch „Wo bist du?“ von Marc Levy im Hardcover für nur 5,95 Euro. Außerdem startet _“Bild“_ mit Random House die _“Erotik-Bibliothek“_. Erotik zum Hören als Hörbuch gibt es bereits in der _“Playboy-Hörbuch-Edition“_ vom Oskar Verlag zusammen mit der Zeitschrift „Playboy“. Die Zeitschrift „Eltern“ war 2005 unter dem Namen „Abenteuer Hören“ mit Hörbüchern an den Start gegangen und erweitert das nun zur _“Eltern-Abenteuer-Edition“_, wo in Kooperation mit Beltz & Gelberg, Random House Audio und Universum Film neben Hörbüchern auch Bilderbücher und Filme versammelt werden. Literarisch am interessantesten in diesem Jahr ist aber die Edition des „Spiegels“ mit den 40 Bänden aus vierzig Jahren _Spiegel-Bestseller-Listen_. Und im Herbst ebenso interessant, da mit CD gekoppelt, eine 20-bändige _“Klassik“-Edition der „Zeit“_, die sich den Stars klassischer Musik widmet. Aufgrund der derzeitigen Markverstopfung werden perspektivisch gesehen nur zwei, drei Verlage in diesem Geschäftsfeld tätig bleiben können. Die „SZ“ ist da auf jeden Fall dabei und plant auch weitere Editionen. Ob solche Prognosen eintreffen werden, wird sich aber erst noch zeigen. Über Umsatzeinbußen durch die Editionen (vor allem im Taschenbuchgeschäft) gibt es mittlerweile auch sehr widersprüchliche Untersuchungen. Große Verlage sprechen von Einbrüchen, unabhängige Studien dagegen von einem Zuwachs, weil das Leseinteresse geweckt worden sei.

Über _Bestseller-Charts_ zu berichten, ergibt angesichts der schon ganzjährigen Unbeweglichkeit dort eigentlich wenig Sinn. Neue Titel hinein bringt vor allem Elke Heidenreich jeweils mit ihrer „Lesen!“-Sendung im TV und fast alle ihre Bände aus der „Brigitte“-Edition landen automatisch sofort auf vorderen Plätzen. Erst im Sommer kam frischer Wind in die Charts und von null auf die ersten beiden Plätze stieg Random House ein mit Elisabeth Georges neuem Krimi „Wo kein Zeuge ist“ und dem dritten Teil von Jonathan Strouds „Bartimäus“-Trilogie „Die Pforte des Magiers“.

Den größten Umsatz machte während der Fußball-Weltmeisterschaft allerdings _Panini_ mit seinen Sammelbildern fürs Album. Kalkuliert war ein Bedarf für Deutschland von 100 Millionen Tütchen à sechs Bildchen, aber es wurden schließlich 155 Millionen ausgeliefert. Weltweit druckte Panini 4,8 Milliarden WM-Sticker. Im Jahr 2005 war der Umsatz mit Klebebildern 400 Millionen Euro und 2006 dürfte sich dieser um ca. 30 % steigern.

_Weltbilds Bestseller Jokers_ bietet unter www.jokers-downloads.de jeden Monat einen Kurzkrimi als pdf-Datei zum Download an.

_S. Fischer Verlag_ startet im Herbst eine 32-bändige Sonderedition mit modernen Klassikern in aufwendig gestalteten Leinenbänden mit abgerundeten Ecken (!) zum Preis zwischen 12 und 14 Euro. Der Name der Reihe lautet „_Jahrhundertwerke_“; Fischer will damit sein eigenes Profil zeigen und seine Substanzen wie Kafka, Hemingway, Fontane und Thomas Mann neu verwerten.

Die _Deutsche Grammophon Literatur_ vertont zusammen mit der _“Zeit“_ ausgewählte _Rowohlt_-Monografien zum Preis zwischen 9,90 und 11,90 Euro. Zu den ersten Hörbüchern, die in das Leben und Werk berühmter Persönlichkeiten einführen, gehörten Clara Schumann, Andy Warhol und Albert Einstein. Im Herbst folgen u. a. Marilyn Monroe und Jesus. Auch die „_Brigitte-Hörbuch-Edition_“ wird fortgesetzt. Elke Heidenreich hat wieder 26 Titel ausgewählt. Mit einem Kinderbuchprogramm geht die Holtzbrinck-Tochter _Argon_ im Herbst mit entsprechenden Hörbüchern an den Start. Ebenso im Herbst startet der _be.bra Verlag_ mit seinem Imprint _be.bra phon_ mit Krimis und Belletristik. Der _Dioneta Hörbuchverlag_ hat ein Programm mit Fantasy- und Spannungstiteln vorgelegt. Auch der Kinderbuchverlag _Coppenrath_ ist ins Hörbuchgeschäft mit dem erzählenden Kinderbuch eingestiegen. Unter dem Namen „Auge und Ohr“ gab es bereits eine Hör-Backlist, aber nun kommt dazu ein echtes Hörbuch-Programm mit fünf Produktionen pro Halbjahr.

Die Gewinner des _Leipziger Hörspielsommers_: Das erstplatzierte Werk „Tages Todestag“ von Kristoffer Keudel überzeugte die fünf Jury-Mitglieder des Leipziger Hörspielsommers durch seinen Perspektivenreichtum und eine „sprachlich gelungene Darstellung“. Das Kriminalhörspiel „er.ich“ eroberte den zweiten Platz. Der dritte Preis wurde an „Die Sonne, ein Park geht unter“ vergeben. Außerdem sprach die Jury vier lobende Erwähnungen aus.

Neben den Kiosk-Comicreihen gibt es natürlich interessante Comic-Verlage. Beispielsweise _Reprodukt_, der vor 15 Jahren mit einem Independent-Programm startete. Im Programm erscheinen episch anspruchsvolle Alben deutscher und franko-belgischer Zeichner. Letztere finden sich auch im Programm von _Avant-Verlag, Edition Moderne_ oder der _Edition 52_. Überhaupt scheint endlich der „Manga“-Markt, der derzeit noch 80 % Anteil hält, gesättigt. _Egmont Ehapa_ baut inzwischen auch wieder seinen Stamm deutscher Illustratoren kontinuierlich auf. Diesem Trend folgen alle großen deutschen Comic-Verlage. _Panini_ dagegen bedient mit viel Engagement die Superhelden-Fans. Zuletzt wurde ein Vertrag mit den zu _DC-Comics_ gehörenden US-Labels _Vertigo_ und _Wild Storm_ abgeschlossen, so dass nun das gesamte DC-Portfolio bei Panini erscheint. Aber auch das Manga-Programm von Panini hat noch Zuwachs: In „_Trinity Blood_“ – in Japan der Renner – werden Vampire gejagt und in „_Fullmetal Alchemist_“, mit über 10 Millionen verkauften Exemplaren in Japan einer der erfolgreichsten Mangas, bestehen die Brüder Ed und Al Abenteuer mit Magie und Alchemie.
Ansonsten jüngst bei Panini: In der _Wolverine_-Heftreihe startete mit Ausgabe 31 der Fünfteiler „Anfang und Ende“, in welchem wichtige Fragen zu Wolverines Geschichte behandelt werden. Ebenfalls als Heftreihe begann _Justice_, eine auf sechs Doppelhefte angelegte Story um die „Justice League of America“ (Superman, Batman, Aquaman, Wonder Woman, Green Latern und Flash). Gemalt von Alex Ross, geschrieben von Jim Krueger, ist diese kleine Reihe ein edel gemachtes photorealistisches Abenteuer. Und wie kürzlich „Batman“ ganz neu als Comic wieder begann, kommt nun auch „_All Star Superman_“, wo jeder, ohne je Superman gelesen zu haben, ganz von Anfang an wieder mitfiebern darf. Eine weitere Sensation im Heftbereich sind sieben Ausgaben der _Infinite Crisis_, all die bekannten Superhelden in einem gigantischen Paralleluniversum. Und was bei DC geht, gibt es bei Marvel ja ähnlich. In einer vierteiligen Heftreihe _House of M_, ebenfalls einer Parallelwelt, existieren mutierte Versionen von Spider-Man, X-Men und allen anderen Superhelden. Und diese Abenteuer gibt es auch in einer großen Special-Edition _House of M-Ausgabe, Marvel Monster Edition 13_ (mit anderen Geschichten). Im _JLA-Sonderband 13_ befindet sich eine 116-seitige _Infinite Crisis_-Ausgabe. Die Superhelden-Liga ist seit der „Identity Crisis“-Heftreihe in schwerer Krise und Batman ist schwer angeschlagen, da er von seinen Freunden über Jahre betrogen wurde. In den Sonderbänden _Batman/Superman_ ist mit Nummer 2 der Themenband „_Supergirl_“ erschienen, in welchem die gemeinsamen Abenteuer der beiden Superhelden weitergesponnen werden. Batman entdeckt dieses gefährliche Mädchen von Krypton. Besonders für die Fans der klassischen Charaktere ist diese zeichnerische Neuschöpfung ein Leckerbissen. Und bei Marvel ist der Sonderband _Der ultimative Spiderman 3: Dobule Trouble_ herausgekommen. Voll mit Highlights wie z. B. dem ersten Auftritt der Gwen Stacy, der Rückkehr des Doktor Octopus oder dem Debüt von Kraven, dem Jäger. Aber es gibt nicht nur solch alte Charaktere. Endlich ist auch das letztes Jahr gestartete erotisch-magische Meisterwerk von Jim Balent fortgesetzt worden mit dem 2. Band von _Tarot – Witch of the Black Rose: Rückkehr der dunklen Hexe_. Ein richtig gut gemachter Kultcomic mit sexy Hexen und finstersten Dämonen. Und zuletzt noch ein anderes ungewöhnliches Meisterwerk aus dem Haus Marvel. Mit Band 23 der Reihe _100 % Marvel_ ist _1602 – Die neue Welt_ erschienen. 2003 hatte Neil Gaiman, Autor u. a. vom Sandman, eine Maxiserie von acht Teilen geschaffen, in welcher Captain America in einem Paralleluniversum in die Vergangenheit geschickt wurde und eine weitere Parallelwelt erschuf. Am Ende dieser Aufsehen erregenden Geschichte kam Captain America zwar wieder in der Zukunft an, aber das Leben dort ging weiter und wird von Greg Pak und Greg Tocchini nun weitererzählt, wobei es direkt an das Ende der Story von Gaiman anschließt. Marvel-Superheldenbilder, wie man sie nun mal gar nicht gewohnt ist.

_Fredering & Thaler_ wurde an den _Christian Verlag_ verkauft. Fredering und Thaler hatten den Verlag 1988 gegründet, 1998 an Random House verkauft, 2002 jedoch wieder zurückgekauft.

Der _Marix-Verlag_ startet im Herbst die Reihe „_Wissen der Welt_“, die auf 100 Bände angelegt ist. Alle Titel sind Originalausgaben und kosten fünf Euro.

_Patmos-Verlag_ startete anlässlich des 60-jährigen Jubiläums die Neuauflage der _Artemis Bibliothek_, der traditionsreichen Reihe mit Texten der Weltliteratur von der Antike bis zu Klassikern des 20. Jahrhunderts.

_Peter Meyer Verlag_ hat 30-jähriges Jubiläum. Er begann mit ökologischer Alternativ- und anderer Szeneliteratur. Der Renner dabei ist immer noch „Connexions – Adressbuch alternativer Projekte“. Verlagsleiter Peter Meyer schrieb aber auch alternative Reiseführer, fünf Jahre lang bei „Reise know how“ und ab 1991 im eigenen Verlag „Peter Meyer Reiseführerverlag“.

_Compact Verlag_ feiert ebenfalls 30-jähriges Bestehen als Anbieter nützlicher und anwenderfreundlicher Sachbuchratgeber.

Der _Mitteldeutsche Verlag_ ist 60 Jahre alt geworden, der als Verlag für sozialistische deutsche Gegenwartsliteratur begonnen hatte. Neben „Aufbau“ war er der DDR-Verlag für Erstlingswerke. 1997 musste er Insolvenz anmelden und wurde von einer Druckerei-Familie gekauft. Veronika Schneider, die neue Inhaberin, setzte auf ein breiter gefächertes Angebot, das auch Medizin- und Juratitel beinhaltete. Die Belletristik wurde abgebaut. Erst mit dem Jubiläumsjahr soll diese als tragende Säule wieder neu aufgebaut werden.

Der Katalog zur Kunstausstellung _Documenta_ vom 16. – 23.September 2007 wird nicht mehr beim _Verlag Hatje Cantz_, der den Katalog drei Jahre herausbrachte und eigentlich auch weiterhin produzieren wollte, erscheinen. Die Veranstalter haben den Auftrag an _Taschen Verlag_ vergeben, der weltweit über bessere Vertriebswege verfügt.

_Europa Verlag_ hat Insolvenz angemeldet, aber der Inhaber Arne Teutsch gründete mit Gesellschafter Sparkasse Leipzig sofort den _Neuen Europa Verlag_, dessen Herbst-Programm sich an der eigentlichen Tradition des 1933 in Zürich gegründeten Europa-Verlages orientiert, mit Krimis, historischen Romanen und Sachbüchern. Ein Teil der Rechte-Inhaber des Europa-Frühjahr-Programmes hat seine Titel auch schon wieder in den neuen Verlag eingebracht.

Der _Georg Olms Verlag_ ist Partner eines vom _Moses Mendelssohn Zentrum_ initiierten Projekts: der _“Bibliothek verbrannter Bücher“_. Rund 300 vom NS-Regime verbotene Titel sollen bei Olms neu aufgelegt werden.

Bei _Suhrkamp_ dreht sich weiterhin das Personalkarussell. Durch die Verlagsneugründungen „Verlag der Weltreligionen“ und „Edition Unseld“ wurde eine Neuorganisation der Programmzuständigkeiten notwendig. Rainer Weiss sollte die Geschäftsführung vom Insel-Verlag an die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz abgeben und wäre lediglich Programmgeschäftsführer von Suhrkamp geblieben. Diese Aufgabenverteilung wollte er nicht mittragen und hat den Verlag verlassen. Unseld-Berkéwicz hat nun auch die Programmgeschäftsführung von Suhrkamp übernommen. Der Posten von Weiss wird nicht neu besetzt werden.

Darüber, dass das _Kursbuc_h von Rowohlt im Sommer letzten Jahres zum Zeitverlag wechselte, hatten wir berichtet. Wirtschaftlich hat sich das noch nicht gelohnt, aber der neue Verlag wollte auch vor allem das Journal mit seiner lebendigen Tradition am Leben erhalten. Das Kursbuch ist nicht die Fortsetzung der „Zeit“ mit anderen Mitteln geworden, sondern völlig eigenständig geblieben. Einiges hat sich dennoch verändert: Das neue „Kursbuch“ ist mit Bildstrecken und moderner Typografie leserlicher geworden. Das alte „Kursbuch“ war zudem monothematisch aufgebaut, was aus enzyklopädischer Sicht sinnvoll war, aber Käufer, die das jeweilige Thema nicht interessierte, ausschloss. Das neue Kursbuch ist themengespreizter, wenn auch miteinander verknüpft. Zeiten wie früher, wo sich eine Kursbuch-Ausgabe mehr als 100.000-mal verkaufte, sind nicht mehr zu erwarten. Der Ursprung des Magazins lag in den politisch aufgeladenen 60er Jahren, deren Brisanz heute gesellschaftlich nicht mehr vorhanden ist.

Im letzten Jahr hatten zwei Frauen – Mutter und Tochter – in vielen Instanzen das Verbot des Romans _“Esra“_ von _Maxim Biller_ durchgesetzt und damit eine große Debatte über Kunstfreiheit ausgelöst. In den Buchwurminfos hatte ich darüber berichtet. Nun setzen die beiden nochmals nach mit einer Forderung auf Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 100.000 Euro, die sie aufgrund der richterlich attestierten Verletzung ihres Persönlichkeitsrecht stellen. Zahlen sollen dies der Kiepenheuer & Witsch Verlag sowie der Autor selbst. Verhandelt wird darüber am 9. August beim Landgericht München. Über 100 Prominente – Autoren, Verleger, Theaterleute, darunter die Nobelpreisträger Günter Grass und Elfriede Jelinek – haben sich einem Aufruf gegen das Verbot und für die Freiheit der Kunst ausgesprochen. Bei _Königshausen & Neumann_ ist derweil auch schon ein Buch erschienen, das sich mit dem gerichtlichen Verbot beschäftigt: _Bernhard von Becker – Fiktion und Wirklichkeit im Roman, Der Schlüsselprozess um das Buch „Esra“_. Dabei geht es über die Entrüstung über das genannte Buch hinaus um das generelle Verhältnis zwischen den Persönlichkeitsrechten Einzelner und der Kunstfreiheit. Verschlüsselte zeitgenössische Persönlichkeiten in Romanen zu verpacken, ist ja nichts Ungewöhnliches, und das Ganze nennt sich als Genre „Schlüsselroman“. Im Buch werden die wichtigsten solcher Fälle vorgestellt, wobei Thomas Manns „Mephisto“ neben in jüngerer Zeit Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ wohl die bedeutendsten darstellen. Breiten Raum nehmen dabei auch die gegensätzlichen Rechtspositionen im Konflikt ein. Irgendwie bleibt der Eindruck, dass einen mit Bücherverboten generell ein mulmiges Gefühl beschleicht, vor allem weil in den letzten Jahren Bücherskandale und damit verbundene Verbote immer häufiger auftreten. Und es geht gar nicht mehr wie früher um unsittliche oder „kriminelle“ Inhalte, sondern um Inhalte im Bereich zwischen Wirklichkeit und Fiktion, durch die sich Einzelne in ihrer öffentlichen Darstellung gefährdet sehen konnten. Das Szenario lautet also nicht: Die Öffentlichkeit gegen ein Buch, sondern: Ein Einzelner gegen die durch das Buch hergestellte Öffentlichkeit. Die Auseinandersetzung selbst liest sich durchaus wie ein Krimi.

Das Buch _“Der Deutschland-Clan“_ von _Jürgen Roth_ bei _Eichborn_ bekam aufgrund von Beanstandungen des Alt-Bundeskanzlers _Gerhard Schröder_ ebenfalls Ärger. Der Verlag schwärzt nun die Textstellen, die im Zusammenhang mit Schröders Aufsichtsratsmandat beim russischen Energiekonzern Gasprom stehen und verzichtet auf gerichtliche Auseinandersetzungen. Davor wurden bereits 20.000 Exemplare verkauft und es steht auf den vorderen Plätzen der „Focus“-Bestsellerliste Sachbuch. Schon einmal hatte 2005 Schröder eine einstweilige Verfügung gegen Eichborn erwirkt. Damals ging es um das _“Schwarzbuch VW“_ von _Hans-Joachim Selenz_.

Eine ganz andere Art von Zensur erfahren derzeit Klassiker in England. Mit dem Furor der _Political Correctness_ passen die englischen Hausverlage ihre Bücher heutigen Sprach- und Lebensnormen an. Z. B. Enid Blyton („Fünf Freunde …“). Dort darf die Lehrerin keine Ohrfeigen mehr austeilen, Jungs und Mädchen teilen sich häusliche Pflichten. Aus Klassikern der Kinderliteratur werden weich gespülte Abenteuer für die Jugend von heute, die ihre Wurzeln aus vergangener Zeit leugnen.

Erwähnenswerte Nachträge zum Erscheinen der Taschenbuchausgabe und zum Filmstart von _Dan Browns „Sakrileg“_ können nicht ausbleiben. In der vorherigen Kolumne berichtete ich über die weltweite Kritik christlicher Kreise, aber erstaunlicherweise findet das sogar selbst in Deutschland statt. Viele Buchhandlungen, die ihre Schaufenster entsprechend gestalteten, bekamen Ärger mit manchen ihrer Kunden oder vorbeigehenden Bürgern. Die Regensburger Dombuchhandlung musste aufgrund solcher Meinungsmache ihr Schaufenster sofort wieder umdekorieren. Aber auch manche Kinobesitzer wurden mit Anfeindungen konfrontiert. In China ist übrigens von den Behörden die Kinoausstrahlung des „DaVinci Codes“ verboten worden, nachdem er dort bereits zehn Wochen lang lief. Spekuliert wird darüber, dass er zu gut bei den chinesischen Christen angekommen sei. Die Rechnung für die Branche ging voll auf. Das Interesse am Bestseller ist tatsächlich noch mal gestiegen und zieht auch die anderen Dan-Brown-Titel noch mal mit an. Allerdings laufen jetzt natürlicherweise vor allem die Taschenbuchausgaben. Ob als Hörbuch-CD, Buch oder Film bleiben Dan Browns Spitzentitel unangefochten in allen Medienkategorien führend. Unter den Hörbuch-Bestsellern räumt Lübbe-Audio mit „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Meteor“ auf den ersten Plätzen ab. Dieser Erfolg wird von einer immer größer werdenden Zahl von Nachahmertiteln zum Thema natürlich ebenso genutzt. Neben dem im letzten Buchwurm-Info empfohlenen „Da Vinci-Tarot“ gibt es auch das Spielkarten-Deck „Da Vinci Code“ mit 55 Spielkarten für Skat, Rommé, Canasta, Poker etc.

Die christliche Kritik an manchem Bestseller fing allerdings nicht erst mit „Sakrileg“ an, sondern schon – was fast wieder vergessen ist – bereits mit _Harry Potter_. Der heutige Papst Benedikt XVI. hatte bereits als früherer Chef der „vatikanischen Glaubenskongregation“ – noch als Kardinal Ratzinger – mehrmals über die Gefährlichkeit der Harry-Potter-Romane für die Erziehung der Jugend lamentiert. Nach Ansicht der Kirche sind die darin geschilderten Vorgänge um Magie und Zauberei vom „Teufel“ eingegeben und würden daher die Heranwachsenden zur „Sünde“ verleiten. Nicht anders in den USA, wo unter Präsident Bush (der den Irak-Krieg als von Gott beauftragt bezeichnet und wo jede Parlamentssitzung mit Gebet eröffnet wird) die christliche Lobby besonders stark ist. Im Bundesstaat Florida haben christliche Interessengruppen eine Verordnung durchgesetzt, wonach Kinder und Jugendliche eine schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern haben müssen, um Harry-Potter-Bücher aus Schulbibliotheken ausleihen zu dürfen. Mittlerweile gibt es in den USA sogar schon Kindergärten, in denen man den Kindern bestimmte Malfarben vorenthält, damit sie keinen Regenbogen malen können. Der religiöse Hintergrund ist, dass der Regenbogen seit langem schon als Zeichen Satans gilt, aber auch weil der Regenbogen in Homosexuellen-Kreisen als Symbol genutzt wird. Einige Eltern hatten Kindergärten mit gerichtlichen Klagen gedroht, wenn sie ihren Kindern erlauben, derart „sündige“ Bilder zu malen und sie dadurch homosexuell würden …

_Religiöse Bücher_ haben insgesamt aber Hochkonjunktur. Letztes Jahr vor allem wegen der Papstwahl, wo sich um Benedikt XVI. ja eine regelrechte Popkultur aufgebaut hat und 2005 zu einem Umsatzplus von 16 % für religiöse Bücher führte. Das hat sich aber ein Jahr später noch nicht – wie eigentlich erwartet – normalisiert. Die Nachfrage nach religiösen Büchern bleibt erhöht und das Potenzial scheint noch lange nicht ausgeschöpft.

In der letzten Buchwurminfo berichtete ich auch über die Repressalien, die _Peter Handke_ derzeit erleidet, weil er eine Rede bei der Beerdigung Milosevics gehalten und auch zuvor wegen des Balkankrieges gegen die „Mainstream“-Propaganda berichtet hatte. Nun hatte eine Jury entschieden, dass er den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten sollte. Alle vier Ratsparteien im Stadtrat haben diese Preisvergabe in einer Ratssitzung wegen seiner pro-serbischen Haltung gestoppt. Aus Protest gegen die Einmischung der Politik haben inzwischen zwei Mitglieder der Jury des Heine-Preises, Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefebvre, ihren Rückzug aus dem Gremium erklärt. In ihrer Begründung wandten sie sich unter anderem dagegen, für „politische Ränkespiele“ instrumentalisiert zu werden. Peter Handke den Pries zu verweigern, hat vor allem auch die Auszeichnung selbst beschädigt. Handke verzichtet aufgrund der „Pöbeleien“ auf den Preis. Es hat sich aber inzwischen eine Initiative _“Berliner Heinrich Heine Preis für Peter Handke“_ gegründet, die den Autor damit doch noch ehren will. Der Suhrkamp-Verlag steht hinter seinem Autor und schaltet ganzseitige Anzeigen mit Handkes literarischen Verdiensten. Die Anmaßung, dass sich Stadtratsvertreter anmaßen, einer Fachjury in den Rücken zu fallen, löst inzwischen sogar eine überfällige Debatte über Preisvergaben und Vetternwirtschaften im Literaturbetrieb aus.

Ausgerechnet zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums der Wochenzeitung _“Junge Freiheit“_ Anfang Juni kam es nun noch einmal zu einem unerfreulichen Vorfall. Mitarbeiter der Zeitung verteilten in Berlin auf der Straße vor den Zentralen des Springer Verlages (Bild, B.Z., Welt, Berliner Morgenpost), des „Tagesspiegel“, der „Berliner Zeitung“ und der „taz“ kostenlose Jubiläumsausgaben. Mit Ausnahme bei der „_taz_“ verlief das überall ohne Zwischenfälle. Dort wurden sie von Mitarbeitern der linksliberalen Zeitung als „Faschisten“ beschimpft, bedroht und geschlagen. Auch Frauen der „Jungen Freiheit“ wurden angegriffen. Die Polizei musste einschreiten und die „taz“-Mitarbeiter darüber aufklären, dass es sich keineswegs um Hausfriedensbruch handelt, wie diese versuchten zu argumentieren. Im Gegenteil wird gegen die „taz“-Mitarbeiter jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Die „taz“ selbst distanziert sich nicht von den Ereignissen, weswegen die „Junge Freiheit“ die Journalisten- und Zeitungsverlegerverbände dazu aufgerufen hat, die „taz“ zu einer Klärung des Falles und zu einer Verurteilung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung aufzufordern.

In der Türkei wurde erneut gegen eine Autorin Anklage erhoben: _Elif Shafak_ lässt in ihrem Roman „Father and Bastard“ Erzählfiguren von „Genozid-Überlebenden“ und „türkischen Schlächtern“ reden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verunglimpfung des türkischen Staates und der Nationalversammlung. Auf Deutsch wird der Titel bei Eichborn erscheinen.

Dagegen geschehen auch positive Dinge: Die Landesregierung von Baden-Würtemberg will die Pressefreiheit besser schützen. Justizminister _Ulrich Goll_ (FDP) kündigt eine Bundesratsinitiative an, um die Strafverfolgung von Journalisten zu erschweren. Zukünftig sollen Hausdurchsuchungen in Wohnungen von Journalisten und die Beschlagnahme von Recherchematerial nur noch mit richterlichem Beschluss möglich sein. Bislang galt dies nur für Redaktionsräume. Zudem soll es erschwert werden, Fernmeldedaten von Journalisten zu erfassen.

Im Mai wurde durch den Hörverlag zum ersten Mal der _PRIX HÖRVERLAG _ vergeben. Ziel des neuen Preises ist es, die freie Hörspielszene zu stärken. Der _1. Preis_ ging an den Hörspielautor _Stefan Finke_ mit seiner assoziativen Soundcollage _“Familienalbum. Innerer Monolog für Stimmen, Musik und Geräusche“_, produziert für den Bayerischen Rundfunk. Die Jury – besetzt mit dem Autor Wiglaf Droste, Udo Kittelmann (Museum für Moderne Kunst in Frankfurt), dem Musiker und Komponisten Hans Platzgumer, der Schauspielerin Wiebke Puls, dem Literaturkritiker Wilhelm Trapp und Verlegerin Claudia Baumhöver – stellte die drei besten unter 120 Einsendungen in Wort und Klang vor. Den zweiten Preis konnte das Berliner Autoren-Duo SEROTONIN (_Marie-Luise Goerke_ und _Matthias Pusch_) für den Beitrag _“Scheitern für Fortgeschrittene“_, produziert im Auftrag des WDR, entgegennehmen. Mit _“In’ Sack haun“_, ebenfalls eine WDR-Produktion, kam der Berliner _Hermann Bohlen_ auf Platz 3. Der PRIX HÖRVERLAG, der einzige Hörspielpreis, der von einem Verlag vergeben wird, wird alle zwei Jahre ausgeschrieben und hat das Ziel, unabhängige HörspielmacherInnen zu fördern und ihren Werken zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Münchner Hörbuch-Marktführer will freie Kreative ermutigen, die Möglichkeiten des Formats Original-Hörspiel in alle Richtungen auszuloten. Gleichzeitig sollen die Werke den Autoren und ihrem Publikum gleichermaßen Lust auf akustische Umsetzungen machen.

_Hans Pleschinski_ erhält im Oktober den _Hannelore-Greve-Preis der Hamburger Autorenvereinigung_, einen der höchstdotierten Literaturpreise Deutschlands. Bekannt wurde der Autor 2002 mit seinem Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ bei dtv.

Der _Deutsche Kulturförderpreis_ ging an das _Bankhaus Metzler_ für dessen Engagement beim Wettbewerb _“Ohr liest mit“_ des Börsenvereins, bei dem Schüler literarische Vorlagen in Hörspiele und Features umsetzen. Der Preis wird vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI vergeben und zeichnet das herausragende kulturelle Engagement von kleineren, mittleren und großen Unternehmen aus.

Mit dem _Hermann-Hesse-Förderpreis_ wurde die Literaturzeitschrift _Sprache im technischen Zeitalter_ ausgezeichnet. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift ist seit den frühen 1990er Jahren ein führendes Forum für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Das Magazin ist eine empfehlenswerte intelligente und leserfreundliche Verbindung von Literatur, Literaturwissenschaft und Essayistik.

Das _“Goldene Buch“_ der _Stiftung Lesen_, mit der seit 2005 Persönlichkeiten geehrt werden, die sich der Leseförderung verdient gemacht haben, ging an _Ulrich Wechsler_.

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den deutschen Soziologen und früheren Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, _Wolf Lepenies_, zum diesjährigen Träger des _Friedenspreises_ gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 8. Oktober 2006, in der Paulskirche statt und wird live im Ersten Deutschen Fernsehen übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2006 Wolf Lepenies und ehrt damit den wissenschaftlichen Schriftsteller, den anschaulich schreibenden Biographen, den stilsicheren Essayisten, der durch Wort und Tat belegt, dass zwischen Verhalten und Wissen, zwischen Moral und Wissenschaft ein unauflöslicher Zusammenhang besteht. Zwischen den in Kunst und Wissenschaft verbreiteten Haltungen von Enthusiasmus und Skepsis hat sich Wolf Lepenies für eine dritte Haltung entschieden: für den intellektuellen Anstand, wie er ihn bei Diderot vorgebildet sieht. Er hat den ,handelnden Intellektuellen’ in der Geschichte gesucht und ihn als einen Typus beschrieben, der für das Gemeinwohl einsteht. In den 15 Jahren seines Rektorats wurde das ,Wissenschaftskolleg zu Berlin’ zu dem vielleicht anregendsten und freiesten Ort Europas, zu einer Begegnungsstätte von westlicher Rationalität und östlicher Weisheit, von Kunst und Wissenschaft, zu einer Heimstätte für moderne Musik und Literatur. Den Samen dieses freiheitlichen Denkens hat er nach dem Fall der Mauer mit großer Tatkraft auch in anderen Städten und Institutionen gepflanzt, in St. Petersburg und in Warschau, in Sofia, in Bukarest, in Budapest und in Mali, und dadurch Völker und Kulturen im friedlichen Gespräch zusammengeführt. An die Stelle des Drohbildes vom ,Zusammenprall der Kulturen’ hat er das Hoffnungsbild kultureller Lerngemeinschaften gesetzt und solche Gemeinschaften in seinem Umkreis beispielhaft begründet. Er hat dem Frieden unter den Völkern einen Wurzelgrund gegeben. Dafür danken wir ihm.“ Wolf Lepenies, geboren am 11. Januar 1941 im ostpreußischen Deuthen (Allenstein), schloss sein Studium der Soziologie 1967 in Münster mit der Dissertation „Melancholie und Gesellschaft“ ab, die zwei Jahre später als Buch erschien. 1971 habilitierte er an der Berliner Freien Universität, an der er bis 2006 als Professor lehrte. Nach Auslandsaufenthalten in Paris und als Mitglied der School of Science des renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, wurde Lepenies 1986 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. In seiner Amtszeit bis 2001 initiierte er schon 1994 ein breit angelegtes Forschungsprogramm zum Thema Islam und intensivierte den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch vor allem mit den osteuropäischen Nachbarn durch die Einrichtung von Wissenschaftszentren. Lepenies ist weiterhin „Permanent Fellow“ des Wissenschaftskollegs; seit 2004 gehört er dem Aufsichtsrat der Axel-Springer AG an. Geehrt wurde Wolf Lepenies unter anderem mit dem Alexander-von-Humboldt-Preis für seine Verdienste um die deutsch-französische wissenschaftliche Zusammenarbeit (1984), dem Karl-Vossler-Preis (1998), dem Leibniz-Ring (1998), dem Joseph-Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften für sein Lebenswerk (1998), dem Theodor-Heuss-Preis gemeinsam mit Andrei Pleşu für ihr europa- und demokratiepolitisches Engagement (2000) sowie mit der Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2003). 1994 hielt er in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf den Friedenspreisträger Jorge Semprún. Mit seinen Werken „Melancholie und Gesellschaft“ (1969), „Das Ende der Naturgeschichte“ (1976) und zur Soziologie der Gesellschaft im 19. Jahrhundert lieferte Wolf Lepenies wichtige Beiträge zum modernen gesellschaftlichen Selbstverständnis. 1981 brachte er das vierbändige Werk „Geschichte der Soziologie“ mit Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität dieser Disziplin heraus. Als sein Hauptwerk gilt die Studie „Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft“ (1985) über die Etablierung der Sozialwissenschaften und ihre nationaltypischen Besonderheiten in England, Frankreich und Deutschland. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Lepenies mit seiner Biographie über den französischen Literaturkritiker „Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne“ (1997) bekannt. Sein neuestes Buch „Kultur und Politik. Deutsche Geschichten“ über das prekäre Verhältnis von Politik und Kultur zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert erscheint im Juli 2006. Wolf Lepenies ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Berlin.
Der rumänische Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Pleşu, ehemaliger Außenminister seines Landes, wird die Laudatio auf Wolf Lepenies halten. Die Verleihung findet am 8. Oktober 2006 in der Frankfurter Paulskirche statt und wird ab 11 Uhr im ersten Programm der ARD live übertragen. Andrei Pleşu, geboren am 23. August 1948 in Bukarest, wurde nach seiner Promotion 1980 Dozent an der Akademie der Schönen Künste, 1982 aber aus politischen Gründen entlassen. 1989 wurde er in das Dorf Tescani verbannt, als er sich mit dem oppositionellen Dichter Mircea Dinescu solidarisierte. Nach der Revolution 1989 wurde Pleşu Kulturminister, seine Amtszeit endete 1991 mit dem Sturz der Regierung. Er lehrte fortan Religionsphilosophie in Bukarest und übernahm Gastprofessuren in Berkeley und in Berlin, wo er als Fellow im Wissenschaftskolleg forschte. Von 1997 bis 1999 war Andrei Pleşu parteiloser Außenminister. In dieser Zeit intensivierte er die Annäherung an den Westen und schuf wichtige Voraussetzungen für die mittlerweile erfolgreichen Beitrittsverhandlungen Rumäniens zur Europäischen Union. Pleşu ist Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Akademien. Für seine politische und literarische Tätigkeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt in Bukarest, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Andrei Pleşu gehörte 1994 zu den Gründern des ‚New Europe College’, das er nach dem Vorbild des Institute for Advanced Studies in Princeton ausbaute und bis heute leitet. Zu den Unterstützern dieser und anderer Wissenschaftseinrichtungen in Osteuropa zählt der Friedenspreisträger 2006.
Für seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ erhielt _Daniel Kehlmann_ den diesjährigen _Heimito von Doderer-Literaturpreis_. Ebenso ging der _Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung_ an ihn.
Den _Ingeborg-Bachmann-Preis_ erhielt _Kathrin Passig_. Bemerkenswert dabei ist, dass diese Autorin bislang nur einen einzigen literarischen Text – die Erzählung „Sie befinden sich hier“ – geschrieben hat. Nach eigener Aussage hat sie dafür „insgesamt weniger als einen Tag gebraucht“. Sie überzeugte so sehr, dass sie auch den Kelag-Publikumspreis erhielt. Bislang war sie als reine Sachbuch-Autorin bekannt, was sie auch fortführen wird.
_Wolfgang Büscher_ erhielt für sein „Deutschland, eine Reise“ (Rowohlt) den _Ludwig-Börne-Preis_.
Am 11. Juli wäre _Herbert Wehner_ 100 Jahre alt geworden. Als eine der herausragendsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte verstarb er 1990. Zum Jahrestag fand in Dresden eine Großveranstaltung des Herbert-Wehner-Bildungswerkes statt, an der u. a. Helmut Schmidt, Greta Wehner, Hans-Jochen Vogel und Franz Müntefering teilnahmen. Aktuell dazu ist bei dtv von Christoph Meyer die Biografie „Herbert Wehner“ erschienen.

_Manfred Steffen_, einer der erfolgreichsten deutschen Hörspiel- und Synchron-Sprecher, feierte am 28. Juni seinen 90. Geburtstag. Steffen hat nahezu alle Bücher von Astrid Lindgren auf Tonträger gelesen und ist damit zu DER Stimme der Autorin im deutschsprachigen Raum geworden.

50. Geburtstag feierte am 28. Juni der Illustrator _Peter Knorr_, von dem sehr viele der Titelbilder im Kinder- und Jugendbuch-Programm von Beltz & Gelberg zu finden sind.

60. Geburtstag hatte am 23. Juni _Rafik Schami_, der einer der erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache ist. Die Gesamtauflage seiner Bücher bei dtv liegt über einer Million.

Am 18. Oktober 2006 wäre _Klaus Kinski_ 80 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint im Hörbuch-Programm der Deutschen Grammophon eine weitere Edition (4 CDs im Digipack) „Kinski spricht Deutsche Dichtung“ (Goethe, Büchner, Schiller, Hauptmann, Brecht und Nietzsche).

Am 11. Juli war der 50. Todestag von _Werner Riegel_, der 1956 mit erst 31 Jahren an Krebs starb. Von 1952 bis 1956 gab er die Literaturzeitschrift „Zwischen den Kriegen“ heraus, in der er politische Leitartikel, Gedichte und Aufsätze veröffentlichte. Dabei kritisierte er zumeist die frühe deutsche Nachkriegsliteratur der 50er Jahre. Er schätzte stattdessen vor allem George, Trakl, Benn und Brecht. Peter Rühmkopf bezeichnete Riedel als den „Revisionisten des Expressionismus schlechthin“. Auch Arno Schmidt schätzte diesen deutschen Dichter, der in der Geschichte der deutschen Literatur ansonsten wenig Bekanntheit behielt.

Aber auch einer der bedeutendsten deutschen Dichter hatte am 7. Juli den 50. Todestag: _Gottfried Benn_. Er begann bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu schreiben, aber vor allem sein lyrisches Spätwerk wie z. B. die „Statischen Gedichte“ von 1948 machten ihn zu einem der ganz Großen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Von Emigranten-Kollegen blieb er immer kritisiert, schrieb er doch 1933 „Der neue Staat und die Intellektuellen“, aber er bekam 1951 den Büchner-Preis und 1952 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Für die Linke zählt Benn zu den Nazis, obwohl er nicht dazugerechnet werden kann. Zwar kamen keine eindeutige Distanzierung, aber sehr wohl scharfe Kritiken von seiner Seite gegenüber dem Nationalsozialismus. Auch war er nie in der NSDAP Mitglied gewesen.

Am 1. Juni ist _Hans-Christian Kirsch alias Frederik Hetmann_ verstorben.

Im Juli ist Robert Gernhardt im Alter von 68 Jahren in Frankfurt am Main verstorben. Bekannt war er für seine satirischen Texte und Karikaturen. 1964/65 war er Redakteur der Satire-Zeitschrift „Pardon“. Zusammen mit Friedrich Karl Waechter, F.W. Bernstein, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid und anderen gründete er die „Neue Frankfurter Schule“, deren Publikationsorgan das Satiremagazin „Titanic“ wurde. Mit seinen zahlreichen Gedichtsbänden wurde er einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache und erhielt 2004 den Heinrich-Heine-Preis. Posthum erschien nun sein noch selbst fertiggestellter Gedichtband „Später Spagat“ bei S. Fischer. Im nächsten Jahr folgt noch der Erzählband „Denken wir uns“. Der umfangreiche literarische Nachlass ging an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

Das neue _Literaturmuseum der Moderne_ in Marbach (wir hatten schon berichtet) wurde nun am 6. Juni durch Bundespräsident Horst Köhler eröffnet. Auf mehr als 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeigt es in einer Dauerausstellung die bedeutenden Bestände der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, die im angeschlossenen Deutschen Literaturarchiv gesammelt und bewahrt werden. Im Zentralraum werden 1300 Objekte dauerpräsentiert; daneben steht ein Multimediaraum zur Verfügung; der dritte Saal dient Sonderausstellungen. Seit dem 7. Juli ist eine Ausstellung zu Gottfried Benn zu sehen, der auch zwei Tagungen angegliedert waren (Benns Modernität – 7. – 9.Juli, und Benns Nietzsche – 26. August). Das weltweit einzige Literaturmuseum verfügt über 1200 Textnachlässe, darunter 250 aus Gelehrtenhand; dazu kommt eine Spezialbibliothek von 750.000 Bänden. Der Museumsbau wurde von David Chipperfield in 21 Monaten für 11,8 Millionen Euro errichtet.
Auch im Internet hat das Literaturmuseum Neues zu bieten. Unter www.literaturportal.de finden Besucher unter anderem einen umfangreichen Literaturkalender, der das literarische Leben im deutschsprachigen Raum in all seinen Facetten dokumentiert. Das Archiv erweitert auf diese Weise seine dokumentarischen Leistungen und richtet seinen Scheinwerfer auch auf die aktuelle Gegenwart des Literaturbetriebs. Nutzer des neuen Angebots können gezielt nach Terminen von Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen mit literarischem Bezug suchen. Interessante Zusatzmodule komplettieren das Angebot.

Im Mai fand zum ersten Mal nach 20 Jahren der _72. internationale PEN-Kongress_, zu dem mehr als 450 Delegierte und Autoren aus aller Welt anreisten, wieder in Deutschland statt. Dem PEN (1921 gegründet) gehören etwa 140 Autorenverbände in 100 Ländern mit insgesamt 18 000 Mitgliedern an. Dazu gehört auch das „Writers in Prison Comitee“, das konkrete Fälle verfolgter oder inhaftierter Autoren verhandelt, Maßnahmen berät und international diplomatischen Einfluss genießt. Die Tagung in Berlin stand unter dem Motto „Schreiben in friedloser Welt“ und wurde von Bundespräsident Horst Köhler und dem Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eröffnet, der unter starkem Applaus die Bushregierung und ihre Kriegspolitik im Irak kritisierte.

Dem _Goethe-Institut_ geht nach jahrelangen Mittelkürzungen das Geld aus, um seinen Verpflichtungen zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland und zur Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit im bisherigen Umfang gerecht zu werden. Deswegen fordert es die Politiker auf, der „fortgesetzten Vernachlässigung auswärtiger Kulturarbeit ein Ende zu machen und weiteren Schaden von ihr abzuwenden“.

Nach einigen Querelen heißt von nun an die Deutsche Bibliothek doch _Deutsche Nationalbibliothek_. Neu ist außerdem, dass der Sammelauftrag auch für Netzpublikationen gilt, und im Verwaltungsrat werden auch Bundestagsabgeordnete sitzen.

Dieses Jahr ist wie bereits geschildert „Indien“ Gastland der diesjährigen _Frankfurter Buchmesse_. Erwartet werden rund 200 indische Verlage und mehr als 20 indische Autoren. Geplant wird derzeit schon für die Folgejahre. 2007 ist Katalonien zu Gast. 2008 folgt die Türkei. Ursprünglich wollte Angela Merkel, dass die USA zu diesem Zeitpunkt kommen. Aber von Amerika kam dazu das „Nein“, weil dann doch Präsidentschaftswahlen wären. Scheinbar haben die eher Angst, dass dann aufgrund der PR Bush an Stimmen verlieren würde. Für 2009 ist man mit China im Gespräch und 2010 ist Argentinien angedacht.

In der _Reform des Börsenvereins_ geht es voran. Im April hatte die Abgeordnetenversammlung, die sich nach Reformplänen selbst abschaffen müsste, mehrheitlich dieses Thema bereits zum zweiten Mal auf den Herbst vertagt. Auf den Buchhändlertagen im Mai wurde aber deutlich, dass die Mitgliederbasis die Reform will. Die Abgeordnetenversammlung wurde aufgefordert, zu einem klaren Ergebnis zu kommen (d.h. der Auftrag der Basis ist es, sich abzuschaffen), was auch Chancen auf Zustimmung hat, denn es wird künftig ein Branchenparlament geben, das alle Seiten zufrieden stellen kann.

|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|

Simon Sebag Montefiore – Stalin. Am Hof des roten Zaren

Inhalt:

Auf knapp 900 eng bedruckten Seiten zeichnet der Verfasser eine Biografie Stalins nach, die sich vor allem auf das Privatleben des sowjetischen Diktators konzentriert, während der Politiker Stalin von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung bleibt. Gleichmaßen knapp handelt Montefiore die Kindheits- und Jugendjahre ab; ihnen widmete er sich 2006 in einer eigenen Darstellung: „Young Stalin“ (dt. „Der junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators 1878–1917“).

Im Mittelpunkt steht jener Stalin, der seit dem Tod Lenins an die Spitze des Sowjetstaates drängt und sich ab 1929 dort ein Vierteljahrhundert hält, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre seine Gegner und Konkurrenten in gewaltigen Schauprozessen über die Klinge springen lässt, sich in den Jahren des II. Weltkriegs vom militärischen Dilettanten zum erbarmungslosen Kriegsherrn mausert und nach 1945 körperlich wie geistig verfällt aber voller Furcht und Paranoia zu einem neuen Kreuzzug gegen angebliche ‚Staatsfeinde‘ und mögliche Nachfolger bläst.

Dabei weitet der Verfasser den Darstellungsfokus auf das Umfeld Stalins aus. Dies beschränkt er nicht auf die Familie, die Verwandten oder Freunde. „Am Hof des roten Zaren“ residierten immer auch die „Magnaten“, jene privilegierten Männer (und einige Frauen), die dem Diktator politisch und privat zur Seite standen. Stalin war nie das einzigartige oder einsame Genie, zu dem er stilisiert wurde, sondern fest eingebettet in ein Netz, dessen Mitglieder einander ebenso heftig bekämpften wie stützten. Anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht Montefiore, wie das daraus resultierende, ebenso tyrannische wie absurde stalinistische Sowjetsystem nicht nur funktionierte, sondern sich selbst erhielt, solange es sein geistiger Vater mit eiserner Faust zusammenhielt.

Vier Fotostrecken illustrieren den Text. Die Fotos zeigen den ‚echten‘ Stalin, der sich hinter dem selbst geschaffenen Glorienschein als Mann mit vielen Interessen und Schwächen, aber auch als rücksichtsloser, gefühlsarmer Gewaltmensch entpuppt. Ein mehr als 100-seitiger Anmerkungsapparat verdeutlicht die unerhörte Fleißarbeit des Verfassers, der in mehreren Jahren die Welt überall dort bereiste, wo Stalin oder der Stalinismus Spuren hinterließ. Abgerundet wird das Werk von einem Stammbaum der Stalin-Familie sowie einem Register.

Das Problem einer gefälschten Vergangenheit

Wenn es auf dieser Welt eine Kreatur gibt, die sich zäher als jede Schabe ans Leben klammert, so ist dies der Bürokrat. Seit die Bürokratie existiert, produziert sie beschriebenes oder bedrucktes Papier in einem Überfluss, den selbst der eifrigste Geschichtsfälscher nie eindämmen konnte. Der Fluch wird zum Segen, wenn es gilt, die Wege eines Lebens zu rekonstruieren, das zu einem Gutteil der Aufgabe gewidmet war, die Vergangenheit auszutilgen oder umzuschreiben.

Josef Stalin gilt als einer der größten Geschichtsfälscher aller Zeiten. Er hat sogar eigene Institutionen ins Leben gerufen, die gut damit beschäftigt waren, historische Ereignisse im Sinne ihres Auftraggebers neu zu ‚interpretieren‘. Dazu gesellte sich seitens Stalin eine Verschwiegenheit in eigener Person, die nicht von ungefähr kam, gab es doch genug Verbrechen, Verrat und andere Scheußlichkeiten des jungen Josef, die nicht zum glorienumkränzten Bild des großen, genialen, gütigen Landesvaters passen wollten, der sich mit der Sowjetunion identifizierte und als deren Inkarnation unfehlbar sein musste.

Stalins (politische) (Un-) Taten sind indes von einer brutalen Eindeutigkeit, die selbst der berühmte „Eiserne Vorhang“ nicht decken konnte. Die letzten Dämme brachen mit dem Untergang der UdSSR. Immer neue Archivbestände öffnen sich seither auch dem westlichen Historiker. Sie komplettieren die Bilder sowjetischer Politprominenter oder werfen Licht dorthin, wo bisher überhaupt Wissenslücken klafften.

Der Mann hinter der Maske

Der politische Aspekt von Stalins Leben ist für Simon Sebag Montefiore indes von sekundärer Bedeutung. Die Archive in dieser Hinsicht auf verborgene Schätze zu durchsuchen, überlässt er Historikerkollegen. Sein Ansatz ist ein anderer: Montefiore nähert sich dem Menschen Stalin, dessen Leben und Wirken er durch die Herkunft geprägt sieht: Stalin war nach Montefiore nur vorgeblich ein sozialistischer Weltbürger und konnte seine georgischen Wurzeln nie verleugnen. So verhielt er sich wie ein orientalischer Potentat des Mittelalters, der – stets belauert von Feinden – Gewalt als legitimes und unentbehrliches Instrument einsetzte.

Stalin war freilich ein Diktator, dem die Vernichtungsmaschinerien des 20. Jahrhunderts zur Verfügung standen. Sein Terror konnte sich so über Länder und Kontinente verbreiten und kostete 20 Millionen Menschen das Leben. Noch viel größer ist die Zahl derer, die durch den Stalinismus Freiheit und Heimat oder ‚nur‘ Job und Karriere verloren; genau wird man niemals rekonstruieren können, wie viele individuelle Existenzen, Familien, Freundschaften Stalins Terror zerstörte.

Mit seiner These setzt sich Montefiore bewusst der Kritik aus. Dies ist legitim, viele Gegenargumente leuchten ein. Andererseits wagt es Montefiore, einen neuen Weg einzuschlagen. Dabei bringt er eine Unzahl wertvoller Fakten ans Tageslicht, die nun der historischen Diskussion zur Verfügung stehen. Vieles mag davon verworfen oder neu und anders bewertet werden, doch es ist jetzt bekannt – und dies eben nicht nur den Fachleuten.

Ein Buch, das jede/r verstehen kann

Montefiore achtet auf eine auch dem historischen Laien verständliche Sprache. „Am Hof des Roten Zaren“ weist sogar die Qualitäten eines Romans auf. Zeithistorie verwandelt sich unter der Feder Montefiores in (eine) spannende Geschichte. Die komplexe Materie prägt sich dem Leser ein; kein leichtes Unterfangen angesichts einer wahren Flut zu berücksichtigender Personen, deren komplizierte Namen nicht selten auch noch sehr ähnlich klingen. Montefiore behält die Übersicht, er verleiht der historischen Realität eine der Darstellung nützliche Form, ohne sie dabei um des Effekts willen zu verraten.

Natürlich – so muss man wohl sagen – gehen ihm dabei manchmal die Pferde durch. Montefiore weicht oft weit vom Pfad der wissenschaftlichen Objektivität ab. Er macht daraus keinen Hehl, es lässt den Text lesbarer wirken. Dies nimmt der Verfasser in Kauf, obwohl „Am Hof des Roten Zaren“ auf diese Weise vom Fach- und Sachbuch wird. Er schließt sich damit selbst aus dem universitären Elfenbeinturm aus, erweitert aber den Kreis seiner potenziellen Leser. Dass die Entscheidung richtig war, lässt sich daran ermessen, wie leicht sich dieses Buch mit seinen fast 900 eng bedruckten Seiten liest.

Autor

Simon Sebag Montefiore (geb. 1965) lehrt (Neuere) Geschichte im Gonville & Caius College zu Cambridge. (Seine Erfahrungen als Student und Nachwuchsdozent hielt er 1992 in seinem Bucherstling „King’s Parade“ fest.) Er hat sich auf die russische bzw. sowjetische Vergangenheit spezialisiert und sein Wissen auf ausgedehnten Studienreisen durch die ehemalige UdSSR vor Ort vertieft.

Montefiore schreibt für Zeitungen wie „Sunday Times“, „New York Times“ oder „Spectator“. Im Jahre 2000 veröffentlichte er das Sachbuch „Potemkin: Prince of Princes“, das großes Kritiker- und Publikumsinteresse erregte. Weitere erfolgreiche Werke folgten, unter denen „Stalin: The Court of the Red Tsar“ ein Bestseller und 2004 mit dem „History Book of the Year Award“ ausgezeichnet wurde.

Montefiore gehört der „Royal Society of Literature“ an. Darüber hinaus moderiert er TV-Dokumentationen. Mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Santa Montefiore, und seiner Familie lebt und arbeitet der Verfasser, der inzwischen auch Historien-Thriller schreibt, in London.

Taschenbuch: 874 Seiten
Originaltitel: Stalin – The Court of the Red Tsar (New York : Alfred A. Knopf 2004)
Übersetzung: Hans Günter Holl
http://www.fischerverlage.de

eBook: 8648 KB
ISBN-13: 978-3-641-13420-4
http://www.fischerverlage.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,50 von 5)

Anne Guillard – Valentine 1

Story

Valentine leidet unter sämtlichen Schönheitsfehlern, die ein weiblicher Körper mit sich bringen kann. Haare auf den Beinen, eine birnenförmige Figur, eine unvorteilhafte Kopfform und ein Selbstvertrauen, das gen Null tendiert. Bewaffnet mit ihren Epiliergeräten, arbeitet sie fast permanent daran, ihre Unzufriedenheit vergessen zu machen, was ihr jedoch auch deswegen nicht einfach fällt, weil sie von allen Seiten benutzt wird. Ihre Mutter zum Beispiel lässt ihren Hund zur Pflege bei ihr und geht im Dialog mit ihrer Tochter zu keiner Sekunde auf deren Probleme ein. Gleiches gilt für ihre Nachbarin, die ebenfalls ganz unverhofft ihre Tochter zum Babysitten abliefert und die gereizte Valentine ihrem Schicksal überlässt. In einer Welt voller Schönheitsideale hat man es als Frau eben nicht leicht. Besonders wenn man nicht einmal eine einzige Freundin, geschweige denn einen Liebhaber hat …

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Chelsea Quinn Yarbro – Hotel Transylvania

Bereits 1978 veröffentlichte Chelsea Quinn Yarbro „Hotel Transylvania“, den ersten Roman um den Vampir Saint-Germain. Ein ganzes Konglomerat an Fortsetzungen folgte. Trotzdem ist die Autorin in Deutschland (noch) weitgehend unbekannt. Vor drei Jahren hat sich dann der |Festa|-Verlag ihrer Bücher angenommen und zunächst „Hotel Transylvania“ auf deutsch veröffentlicht, gefolgt von „Palast der Vampire“ (2005).

„Hotel Transylvania“ spielt in Frankreich, genauer gesagt im Paris des Sonnenkönigs. Saint-Germain ist eine Lichtgestalt der Pariser Gesellschaft. Auf Partys ist er gern gesehen, als gut aussehendem Junggesellen laufen ihm die Debütantinnen scharenweise hinterher, und als Musiker begeistert er seine Zuhörer. Doch darüber hinaus gibt er der Gesellschaft auch genug Anlass zum Klatsch: Woher kommt Saint-Germain eigentlich? Warum sieht ihn nie jemand essen? Und woher nimmt er all die beeindruckenden Diamanten, mit denen er seine Garderobe aufpeppt?

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Hyung, Min-Woo – Priest – Band 10

[Band 1 1704
[Band 2 1705
[Band 3 1707
[Band 4 1709
[Band 5 1720
[Band 6 2515
[Band 7 2516
[Band 8 2575
[Band 9 2618

_Story_

Ivan Isaacs und sein bislang mächtigster Konkurrent, der gefallene Engel Acmode, stehen sich bei einem letzten Duell gegenüber. Allerdings hat Isaacs dieses Mal seinen Meister gefunden; alle Tricks und Finten sind gegen diesen Gegner unnütz, so dass Ivan schnell das Nachsehen hat und kurz davor steht, ein zweites Mal zu sterben. Sein Verbündeter Belial nutzt die Gunst der Stunde und schlägt dem rachsüchtigen Isaacs einen weiteren Deal vor: Er wird Acmode vernichten, sobald Ivan ihm auch den letzten Part seiner Seele überlässt. Doch damit müsste Ivan auch das einzige Überbleibsel seines menschlichen Daseins opfern.

Währenddessen sucht Sheriff Coburn immer noch nach dem flüchtigen Rächer. Gemeinsam mit der infizierten Lizzy und dem Priester Lucian jagen sie Ivan hinterher, weil sie sich in ihren individuellen Nöten von ihm Unterstützung versprechen. Doch keiner von ihnen begreift so recht, was eigentlich in ihrer Umgebung vor sich geht.

_Meine Meinung_

Mit der Nummer zehn erfährt die Handlung der „Priest“-Serie einen weiteren wichtigen Wendepunkt, der von einer erneuten elementaren Entscheidung des Protagonisten Ivan Isaacs gezeichnet ist. Er ist dem Tode geweiht, weil ihm Acmode im Duell keine Chance lässt, und kann seine Haut nur noch mit der Hilfe Belials retten. Doch der Teufel ist mit allen Wassern gewaschen und stellt weitere Forderungen an seinen Schützling. Ivan bleibt jedoch nicht viel Zeit, sich für das eine oder andere Übel zu entscheiden, denn der Kampf schreitet unerbittlich voran und jedes Hadern könnte schon zu einem vorschnellen Ende führen. Acmode ist nämlich zu allem bereit.

Der andere Part der Geschichte beschäftigt sich mit den einst noch unwichtig erscheinenden Personen, die Ivan dicht auf den Fersen sind, eigentlich aber gar nicht wissen, was sie sich von seiner Gefangennahme versprechen. Lediglich Lizzy ist fest entschlossen, dem kompromisslosen Rächer zu folgen, denn sie sieht in ihm den einzigen Weg, vor dem endgültigen Ausbruch des Zombie-Virus geheilt zu werden. Deshalb ist sie auch weitaus entschlossener als das Großmaul Coburn und der ängstliche Priester Lucian, der allerdings mehr über Isaacs zu wissen scheint als seine Weggefährten. Er steht für die Vernunft in diesem ungleichen Verbund, kann sich aber schlussendlich nicht gegen den starken Willen seiner Verbündeten durchsetzen.

Mit gleichbleibender Härte und einem erneuten Schuss leicht überzogener Gewalt setzt Min-Woo Hyung die Handlung fort, macht aber langsam auch Anstalten, das Finale der Serie vorzubereiten. Der Bund zwischen Isaacs und Belial wird immer stärker, und ihre rachsüchtige Hetzjagd gegen Temozarela schreckt auch vor unmenschlichen Zügen nicht mehr zurück. Selbst Ivan, der einst als Mensch geboren wurde, legt mit stetigem Fortschritt all seine humanen Tugenden ab, um die Prophezeihung zu erfüllen und endgültig Rache für die erfahrenen Ungerechtigkeiten zu nehmen. Zwar hat er in diesem Band einen herben Rückschlag in Kauf nehmen müssen, doch durch die neue Stärkung seitenes Belials wirkt er noch entschlossener, wobei sich aber noch nicht herausgestellt hat, inwiefern er sich tatsächlich mit dem Verrat an der Menschlichkeit arrangieren kann.

Weiterhin ist es dem Autor sehr schön gelungen, die Verbindung zwischen dem Sub-Plot um Coburn, Lizzy und Co. und der eigentlichen Handlung um die höheren Mächte zu verbinden. Nach anfänglicher Unklarheit ergeben sich nun endlich Zusammenhänge, die der Handlung noch einmal neue Freiräume schaffen und neue Spekulationen zulassen.

Zu kritiseren sind lediglich die Zeichnungen. Nicht selten verliert man bei den verworrenen Belistiftzeichnungen den Überblick, was sich gerade beim Kampf zwischen Acmode und Ivan Isaacs sehr negativ äußert. Man muss schon sehr genau hinsehen, um einzelne Details des jeweiligen Vorgangs auch genau zu erkennen, was den Lesespaß gerade in der ersten Hälfte des Buches ein wenig mindert. In späteren Abschnitten findet der Autor und Zeichner dann aber wieder zu seiner präzisen Handschrift zurück, so dass diese Kritik auch nur bedingt angebracht ist, aber eben nicht übersehen werden darf.

Davon einmal abgesehen, geht Min-Woo Hyung gemeinsam mit seinen Protagonisten zielgerichtet seinen Weg und bereitet sich mit behäbigen Schritten auf das schon lange erwartete Finale vor. Und dennoch lässt er sich bei der weiteren Gestaltung nicht in die Karten schauen. So varianten- und abwechslungsreich wie die bisherige Geschichte ist, so flexibel arbeitet der Mann auch in Nr. 10. Man ahnt zwar in groben Zügen, in welche Richtung „Priest“ tendiert, doch wagt man nicht, voreilige Schlüsse zu ziehen. Schließlich hat Hyung uns schon zu oft auf die falsche Fährte geführt. Es bleibt also weiter spannend, weil der Autor es wie kaum ein zweiter im Horror-Bereich versteht, bei bestehendem rotem Faden neue Handlungseinheiten in die Erzählung einzuflechten, ohne dabei den grundlegenden Rahmen zu verlassen. Daher lautet das Fazit auch dieses Mal wieder: unbedingt lesenswert.

http://www.tokyopop.de

Laymon, Richard – Insel, Die

Acht Reisende machen mit einer Jacht eine Urlaubsfahrt durch die Südsee. Plötzlich explodiert ihr Boot durch eine unbekannte Ursache. Dabei kommt offenbar Wesley, der an Bord gewesen ist, ums Leben. Der Rest von ihnen befand sich gerade zum Picknicken auf einer einsamen, nahe gelegenen Insel. Die Gruppe besteht aus Familie Collins und ihrem Anhang. Vater Andrew ist ein wohlhabender, pensionierter Marineoffizier, der trotz seiner sechzig Jahre noch relativ fit geblieben ist. Aus seiner ersten Ehe stammen die beiden Töchter Thelma und Kimberley. Die mollige und biedere Thelma ist Wesleys trauernde Witwe. Kimberley dagegen ist eine rassige Schönheit, der man ihr indianisches Blut ansieht. Sie ist verheiratet mit Keith, einem gut aussehenden Erfolgstypen. Billie ist Andrews zweite Frau, mit der er gerade den zwanzigsten Hochzeitstag feiert. Für ihr Alter ist die sehr weibliche Billie noch höchst attraktiv und dabei von sehr herzlicher Natur. Die Jüngste im Bunde ist Connie, die achtzehnjährige Tochter von Billie und Andrew, die zwar ebenfalls hübsch ist, aber weder die Attraktivität noch die Herzlichkeit ihrer Mutter besitzt. Den Abschluss bildet Connies Freund Rupert, den sie gerade an der Uni kennen gelernt hat. Obwohl die beiden ein paar Dates hatten, sind sie nicht richtig zusammen und streiten sich viel.

Auf der Insel versuchen die Überlebenden, sich so gut wie möglich mit ihren geborgenen Utensilien auszustatten, um bis zur Rettung durchzuhalten. Der literarisch ambitionierte Rupert beginnt gleich nach ihrer Ankunft, ein Tagebuch zu schreiben, das ihm später als Basis für einen Abenteuerroman dienen soll. Trotz der Katastrophe genießt der unerfahrene junge Mann das enge Beisammensein mit den schönen Frauen. Vor allem Kimberley und Billie faszinieren ihn, auch wenn er sich bemüht, seine Gefühle vor den anderen zu verbergen. Die Gruppe richtet sich ein Lager ein, fängt Fische und wechselt sich in der Nacht bei der Wache ab.

Am zweiten Tag jedoch geschieht ein Unglück: Keith ist während seiner Wache verschwunden. Nach kurzer Suche finden sie ihn aufgeknüpft im Dschungel, grausig zugerichtet und zweifelsfrei ermordet. Bis auf Thelma sind alle davon überzeugt, dass Wesley mit der Explosion seinen Tod nur vorgetäuscht hat und jetzt Jagd auf sie macht. Die Gruppe bewaffnet sich – doch kurz darauf wird erneut jemand aus ihrem Kreis ermordet. Ist es wirklich Wesley, der dahinter steckt? Was steckt als Motiv hinter den Morden? Wer von ihnen wird überleben? Für die Gestrandeten beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel auf Leben und Tod im tückischen Südseedschungel …

Eine Insel in der tropischen Südsee mag ein malerischer Schauplatz sein – allerdings nicht, wenn Richard Laymon die dazugehörige Handlung schrieb. Seine action- und gewaltgeladenen Horrorthriller werden derzeit endlich auch von deutschen Genrefans entdeckt und machen der |Heyne-Hardcore|-Reihe alle Ehre. Das galt bereits für [„Rache“ 2507 und erst recht für seine noch stärkere „Insel“, auch wenn kleine Mängel den Gesamteindruck trüben.

|Straffe Handlung, Spannung bis zum Schluss|

Mit einem „Heute ist die Jacht explodiert“ wird der Leser von der ersten Zeile an hineingerissen in eine turbulente Handlung, die an keiner Stelle Längen aufweist. Den Protagonisten bleibt kaum ein Moment zum müßigen Verweilen, jede Situation wift neue Fragen auf. Zunächst darf gerätselt werden, wie sie ihre Notlandung auf der offenbar unbewohnten Insel meistern; bald darauf folgt der erste Mord, der Schock, Verstörung und Unsicherheit nach sich zieht, wenig später der zweite Todesfall, die Jagd auf den Mörder, Lügen, Intrigen und Kämpfe ums nackte Überleben. Dem Leser stellt sich eine Reihe von Fragen, die ihn bei der Stange halten: Wer ist der kaltblütige Mörder, was für ein Motiv lässt ihn die Taten begehen, nach welchem Prinzip mordet er die Überlebenden, wer wird als nächster an die Reihe kommen, wird es Überlebende geben oder werden sie zuvor gerettet? Kaum etwas ist gewiss in diesem Strudel aus Wahnsinn, Gewalt und Grauen. Immer wenn man glaubt, dass sich eine ruhigere Phase ankündigt, wird man aufs Neue belehrt und eine überraschende Wendung wirft die Ereignisse wieder durcheinander. An Atempausen ist kaum zu denken, stattdessen hetzt man mit den Charakteren durch die grüne Hölle, ohne zu wissen, was hinter der nächsten (Handlungs-)Ecke lauert. Dabei bleiben die Geschehnisse aber erfreulicherweise stets übersichtlich. Es existieren keine Nebenschauplätze, keine Zweighandlungen, die den Leser verwirren könnten, so dass es bei aller Hektik keine große Konzentration braucht, um den Ereignissen zu folgen. Die Spannung wird bis zur letzten Seite gehalten. Bis dahin ist völlig unklar, wie das Schicksal der Gestrandeten endet und wer von ihnen die Katastrophe überlebt – falls überhaupt einer überlebt, denn nicht einmal dessen kann man gewiss sein. Schließlich basiert die Handlung auf Tagebuchaufzeichnungen, die theoretisch jederzeit enden könnten …

Das Prädikat „Heyne Hardcore“ steht für schockierende Inhalte, die nicht mit Gewaltdarstellungen geizen. War aber bereits „Rache“ schon kein Extremfall für den durchschnittlichen Horrorleser, so schocken die Gewaltmomente in der „Insel“ noch weniger. Natürlich passieren hier Morde, doch dem Leser wird meist das Endergebnis präsentiert, statt sich in seitenlanger Schilderung des Vorgangs zu ergehen. Lediglich kurz vor Schluss geht es extrem blutig zur Sache, aber auch hier dürften allenfalls sehr zarte Gemüter verstört reagieren. Grundsätzlich ist „Die Insel“ sicherlich ein harter Stoff, der aber nicht schwerer zu verdauen ist als das meiste andere der aktuellen Thriller- und Horrorliteratur auch. Die dichte Dschungelatmosphäre tut ihr Übriges, um den Leser zu fesseln. Es verbinden sich zwei interessante Ausgangspositionen: Die Gestrandeten müssen im fremden Dschungel überleben und gleichzeitig einen Mörder unter sich entlarven. Die tropische Hitze, die schwindenden Vorräte, Moskitoplagen und die Furcht vor wilden Tieren oder Verletzungen in dem unwirtlichen Gelände sorgen für zusätzlichen Zündstoff, wenn sie auch nicht ausgereizt werden. Diese Faktoren beinhalten durchaus noch ungenutztes Konfliktpotenzial, hätten die ohnehin sehr straffe Handlung allerdings womöglich überladen. Zum schnellen Tempo der Handlung passt der flüssige Stil, der sich leicht und locker lesen lässt. Rupert schreibt weder zu flapsig noch zu formell, sondern findet die ideale Mischung, um ein fließendes Lesevergnügen zu kreiieren.

|Mal Sympathie, mal Antipathie|

Eine von Laymons besonderen Stärken liegt in der Darstellung der Hauptfiguren, die dem Leser nie uneingeschränkt sympathisch sind. Zwar ist Rupert, der Tagebuch schreibende Student, ein netter Kerl, dessen Gedanken man weitestgehend nachvollziehen kann. Aber immer kurz bevor man ihn als Sympathieträger einstufen will, leistet er sich einen gedanklichen oder handlungsweisenden Fehltritt und offenbart abstoßende Charakterzüge. Denn trotz aller Sorge um das Heil seiner Mit-Gestrandeten hegt er gegen manche von ihnen deutliche Abneigungen, denen er in seinen Aufzeichnungen Luft macht. Obwohl er Keith keinen brutalen Tod gegönnt hat, kann er sich nicht eines kleinen Triumphgefühls erwehren, schließlich war ihm die Überlegenheit dieses aalglatten Supermanns schon lange ein Dorn im Auge. Parallel dazu erkennt Rupert mit dem Verstand natürlich an, dass sie alle darauf hoffen sollten, so schnell wie möglich gerettet zu werden. Doch gleichzeitig genießt der unerfahrene junge Mann die Gesellschaft so attraktiver Frauen. Egal wie ernst die Lage der unfreiwilligen Robinsonaden auch ist, für Rupert ist der Anblick der knapp bekleideten Ladys eines der Highlights seines spätpupertierenden Lebens.

Durch die gesamte Geschichte zieht sich dieses Spannungsverhältnis von Vernunft und Primitivität in Ruperts Charakter. Manches Mal fühlt man mit seinen Gedankengängen und kann sich nur zu gut in seine Not hineinversetzen. Andere Male fühlt man sich von seiner Lüsternheit und seiner Sensationsgier abgestoßen. Doch gerade dieser Zwiespalt in Ruperts Charakter macht ihn so authentisch, mehr als es ein heroischer Saubermann je könnte.

Auch die anderen Charaktere lassen sich kaum in ein festes Schema einordnen. Connie ist die meiste Zeit zickig, beweist aber zwischendurch auch ihre sensible Seite, Thelma ist unberechenbar in ihrer Parteinahme für Wesley und Andrew übernimmt in herrischer Befehlsmanier das Kommando. Die Gefahrensituation lässt zudem in jeder Person die Extreme hervorschnellen. Misstrauen greift um sich, die Charaktere entwickeln eine Hass-Liebe zueinander. Vor allem zwischen den Familienmitgliedern brechen alte Konflikte auf, die die Anspannung verstärken. Wer von ihnen ist wirklich so, wie er sich gibt, und wem kann man trauen – das sind zwei der Fragen, die sich Rupert wiederholt stellen muss.

|Schwächen in der Tagebuchform|

Grundsätzlich birgt die formale Umsetzung der Handlung ins Tagebuchformat einige Stärken, vorneweg das ungewisse Ende, denn niemand garantiert dafür, dass Rupert seine Aufzeichnungen zu einem vernünftigen Schluss bringt. Theoretisch könnte er früher sterben und das Manuskript mittendrin abbrechen. Auch ergeben sich ständig neue Erkenntnisse zu den Ereignissen. Wenn Rupert Vermutungen anstellt, kann der aktuelle Stand ein paar Tage darauf wieder ganz anders aussehen. Die Schwäche liegt jedoch in der unglaubwürdigen Umsetzung. Vor allem in der ersten Hälfte sind Ruperts Aufzeichnungen außerordentlich durchdacht und sehr ausführlich. Bis ins kleinste Detail erinnert er sich an die Dialoge, an die Mimiken und Gestiken seiner Inselmitbewohner. Besonders auffallend ist seine Strukturierung, die er sehr literarisch gestaltet, anstatt, wie es erwartenswert wäre, die Ereignisse auf den Punkt zu bringen, um seinen Emotionen Luft zu verschaffen.

Stattdessen formuliert er seine Gedanken, als gäbe ihm seine Situation jede Menge Zeit und Muße dazu. Erst in der zweiten Handlungshälfte weicht er etwas von diesem Schema ab. Seine Aufzeichnungen werden ein wenig wirrer und ungeordneter, sind aber immer noch viel zu ausführlich für ein Inseltagebuch, das unter enormen Druck verfasst wird. Tagebuchformen bringen immer das Problem mit sich, dass authentisch wirkene Aufzeichnungen meist nicht systematisch genug sind, um einen Leser zu fesseln. Trotzdem wäre es vorteilhaft und wünschenswert gewesen, Ruperts Extremsituation mehr in seine Art der Fixierung einfließen zu lassen. Die eingeschobene Erwähnung, dass Rupert literarische Ambitionen hegt und das Tagebuch später als Basis für einen Abenteuerroman nutzen will, erscheint eher als halbherziges Alibi statt als überzeugendes Argument.

|Mangelnder Realismus|

Offensichtlich wird dies auch, wenn Rupert sich bis zum Schluss immer wieder ironische und humorvolle Gedankengänge erlaubt, auch wenn sie angesichts der Lage unpassend sind. Das Gleiche gilt auch für seine sexuellen Phantasien, die er in den unangebrachtesten Momenten verspürt und zu Papier gibt. Diese Überbetonung des Triebhaften ist typisch für Laymon und gibt seinen Werken einen B-Movie-Charakter – glücklicherweise hält sich diese Tendenz jedoch in „Die Insel“ in Grenzen. Unangebrachte Reaktionen gibt es nicht nur von Ruperts Seite aus, sondern auch bei den anderen Figuren. Vor allem bei den Frauen wird zu gefasst auf die dramatischen Entwicklungen reagiert. Nur Thelma verfällt in eine realistische Krise, als sie vom mutmaßlichen Tod ihres Mannes Wesley erfährt. Kimberly und Billie dagegen beweisen während des ganzen Romans über eine außerordentliche Festigkeit und Stärke, in vielen Augenblicken halten sie sich tapferer als Rupert selbst, der als Einziger der Beteiligten keinen Angehörigen verliert und sich somit eigentlich am gefasstesten verhalten müsste. Zusammenbrüche weiblicher Protagonisten können zwar mitunter nervtötend sein, aber es wäre adäquater gewesen, zumindest phasenweise ihr Leiden und ihre Ängste stärker zu zeichnen. Schade ist zudem die ungenutzte Möglichkeit, die Täter-Verdächtigungen noch weiter zu streuen. Zu früh legt man sich auf einen bestimmten Täter fest, zu dem sich später ein zweiter hinzugesellt. Noch prekärer hätte man die Lage gestalten können, indem innerhalb der verbliebenen Gruppe stärkeres Misstrauen zum Vorschein gekommen wäre – um die Schlinge um Rupert so eng wie möglich zu ziehen …

_Als Fazit_ bleibt ein durchgehend spannender und unterhaltsamer Horror-Roman, der die Robinson-Crusoe-Thematik mit einer Mörderjagd verbindet. Von der ersten bis zur letzten Seite ist der Leser gefesselt von den dramatischen Ereignissen und überraschenden Wendungen. Weitere Pluspunkte sind die abwechslungsreichen Charaktere und der flüssige Stil. Kleine Schwächen liegen in der Tagebuchform, die nicht wirklich authentisch wirkt, und den teilweise zu harmlosen Reaktionen der Protagonisten. Von diesen Mängeln abgesehen, bietet sich ein Lesevergnügen für alle Freunde der Horrorliteratur.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe von Romanen, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u.a. „Rache“, „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und [„Vampirjäger“. 1138
Mehr über ihn gibt es auf seiner offiziellen [Homepage]http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm nachzulesen.

http://www.heyne-hardcore.de

Hohlbein, Wolfgang & Rebecca – Fluch der Karibik 2 – Dead Man\’s Chest

Derzeit beschäftigt nur ein Thema die hiesigen Lichtspielhäuser: der zweite Teil des erfolgreichen Piraten-Abenteuers „Fluch der Karibik“. Seit ein paar Tagen kämpft Jack Sparrow alias Johnny Depp auch wieder auf deutschen Leinwänden um große Schätze und schon die ersten Statistiken verraten, dass Regisseur Jerry Bruckheimer auch drei Jahre nach dem ersten Teil wieder mitten ins Herz der Fans getroffen hat. Und da man mit bewährten Traditionen nicht brechen soll, hat sich Wolfgang Hohlbein auch wieder um die literarische Umsetzung des Kino-Spektakels gekümmert. Was er diesmal aber besser nicht getan hätte …

_Story_

Will Turner und seine Geliebte Elizabeth stehen kurz vor ihrer Hochzeit, als sie von Lord Cutler Beckett von der East India Trading Company wegen der Beihilfe zur Flucht des Piraten Jack Sparrow verhaftet werden. Beiden droht wegen dieser Tat der Tod am Galgen, es sei denn, sie erklären sich bereit, ihrem ehemaligen Weggefährten seinen geheimnisvollen Kompass abzunehmen und ihn Beckett auszuhändigen. Weil beide keinen anderen Ausweg sehen, nimmt Will diese letzte Chance wahr und begibt sich auf die Suche nach Sparrow. Jener ist tatsächlich damit einverstanden, den Kompass zu entbehren, verlangt aber von Will im Gegenzug einen weiteren Gefallen: Jack sucht nach der so genannten Truhe des Todes, dessen mysteriöser Inhalt ihm dabei helfen soll, Davy Jones, den Herrscher der Meere, auf ewig zu bezwingen. Turner hat keine Wahl und sticht mit dem eigenartigen Piraten in See. Währenddessen sucht Elizabeth in den Weiten der Weltmeere ihren angehenden Gemahl …

_Meine Meinung_

In der Regel ist es ja ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Buchversion einer Geschichte immer besser ist als der zugehörige Film; zumindest wenn die cineastische Fassung auf der literarischen Vorgabe beruht. Anders hingegen sieht es bei Begleitbüchern zu aktuellen Kinofilmen aus, bei denen ja zumeist nur kurz und knapp der Inhalt des Movies wiedergegeben wird. Bei Autoren wie Wolfgang Hohlbein, der die Fortsetzung zu „Fluch der Karibik“ gemeinsam mit Rebecca Hohlbein geschrieben hat, darf man aber getrost ein wenig mehr erwarten als eine Nacherzählung, denn immerhin gehört der Mann zu den weltweit besten seines Faches. Gerade im Fantasy-Bereich gilt Hohlbein als unantastbar und bestätigt seinen guten Ruf auch permanent mit neuem, genialem Lesefutter. Womöglich besteht darin auch die Ursache für die eher unspektakuläre Erzählweise dieser Filmadaption. Im Grunde genommen konnte Hohlbein nämlich nur verlieren.

„Dead Man’s Chest“ wurde vom deutschen Schriftsteller von der ersten bis zur letzten Sequenz eins-zu-eins wiedergegeben. Hohlbein gelingt es an keiner Stelle, seinen eigenen träumerischen Stil einzubringen, was dazu führt, dass die Handlung ruckartig fortschreitet und ohne jegliche Ausschmückung – eigentlich die große Stärke des Autors – die Ziellinie überquert. Derjenige, der bereits das Vergnügen im Kino hatte, wird wissen, was Hohlbein an dieser oder jener Stelle genau meinte, wohingegen die Fantasie des Lesers detaillierterer Umschreibungen oft nur unscheinbar angeregt wird. Okay, es ist das Buch zum Film, aber darf man deswegen nicht trotzdem ein wenig erfinderisch sein?

Die Buchvariante indes macht kaum neugierig auf das große Kinospektakel – und das vor allem, weil dieses Spektakel nicht adäquat übersetzt wurde. Hohlbein macht aus dem Monster namens „Fluch der Karibik“ eine nette Abenteuergeschichte, bei der die einzelnen Schritte der Protagonisten gar vorhersehbarer sind als in der Leinwandfassung. Ich persönlich war richtig erschrocken, als ich vor einigen Tagen erleben musste, wie viel spannender und professioneller Jerry Bruckheimer mit dem Drehbuch umgegangen ist. Doch warum hat Hohlbein dies nicht getan? Gab es zu strenge Vorgaben? War die Motivation, einen bekannten Plot zu umschreiben, nicht sonderlich groß? Lag ihm die simple Piraten-Thematik nicht? Oder ist es tatsächlich ein Fehltritt, der von fehlenden Ambitionen zeugt? Spekulieren darf man im Nachhinein viel, konstatieren jedoch nur eines: „Fluch der Karibik – Dead Man’s Chest“ ist dem überwältigen Kinoereignis in allen Belangen haushoch unterlegen.

Eines muss man Hohlbein zum Schluss aber noch zugute halten: Das Charisma der Hauptdarsteller kann man selbst als absoluter Profi kaum treffend wiedergeben. Johnny Depp ist und bleibt ein absoluter Blickfang, dessen mysteriöse Aura oftmals zu hypnotisieren vermag, wohingegen Jack Sparrow im Buch lediglich eine simple Figur in der Vorstellungskraft des Lesers ist. Ähnliches gilt für Orlando Bloom alias Will Turner, der im Film einmal mehr bewiesen hat, dass er einer derart gewaltigen Hauptrolle gewachsen ist.

In Schutz nehmen möchte ich die Hohlbeins ob dieser Tatsachen allerdings nicht. Denn wer sich an ein solches Projekt heranwagt, sollte auch dafür sorgen, dass es der geläufigeren Vorgabe gewachsen ist. Und das gilt für das über |vgs| erschienene Taschenbuch ganz klar nicht. Das Fazit ist deswegen auch ganz eindeutig: Entweder man geht in den nächsten Tagen ins Kino und lässt sich dort vom Effekt-Feuerwerk berauschen oder spart sich die hart verdienten zehn Euro für die sicherlich zum Weihnachtsgeschäft erhältliche DVD.

http://www.vgs.de/

Gentle, Mary – 1610: Söhne der Zeit

Band 1: [„Der letzte Alchimist“ 2360
Band 2: [„Kinder des Hermes“ 2662

Mary Gentle (* 1956, Sussex), so könnte man meinen, sollte aufgrund ihrer Master-Abschlüsse in Kriegsgeschichte und Geschichte des 17. Jahrhunderts vermutlich Romane des Genres schreiben, das man gemeinhin als „historischer Roman“ bezeichnet.

Doch sie hat einen sehr eigenwilligen Stil und verbindet historischen Roman mit Science-Fiction-Elementen zu ihrer sehr eigenen Art von Phantastik; sehr oft verwendet sie einen Ich-Erzähler oder rekonstruiert die Handlung aus den Memoiren ihrer Hauptperson. Eine ungewöhnliche Mischung, die jedoch ankommt: Ihre [Legende von Ash, 303 einer Söldnerführerin, die im späten 15. Jahrhundert Burgund und Westeuropa vor einer karthagischen Invasion verteidigt, die in keinem Geschichtsbuch zu finden ist, wurde mit dem |British Science Fiction Award| sowie dem |Sidewise Award for Alternate History| ausgezeichnet.

„1610: Die Söhne der Zeit“ ist der dritte und abschließende Teil der (erstklassigen) Übersetzung von „1610: A Sundial in a Grave“, für die wie bereits bei „Ash“ Rainer Schumacher verantwortlich zeichnet. Gentle erzählt die Geschichte einer Figur, die literarisch stets als Antagonist der drei Musketiere aufgetreten ist: Valentin Rochefort. In seinen Memoiren lässt sie den amüsanten und teilweise gar selbstkritischen Rochefort aus dem Nähkästchen eines als Spion und Attentäter bekannten Haudegens über die Ereignisse des Jahres 1610 berichten.

Rochefort fällt in „1610: Der letzte Alchemist“ in Ungnade; er soll im Auftrag der Königin, Maria von Medici, ihren König und Gemahl Heinrich töten. Sie erpresst ihn mit dem Leben seiner Vertrauten Maignan und Santon und zwingt ihn somit, gegen die Interessen seines Herrn, dem Duc de Sully, einen Freund Heinrichs, zu handeln. Rocheforts Plan, das Attentat so stümperhaft durchzuführen, dass es scheitern muss, schlägt fehl: Wider Erwarten gelingt es dem unfähigen François de Ravaillac, Heinrich zu ermorden.

Rochefort muss aus Frankreich fliehen, gesucht wegen Beteiligung am Königsmord – zusätzlich gejagt von den Agenten Maria von Medicis wegen Mitwisserschaft. Er muss das Land verlassen und wird von dem jungen Duellanten Dariole begleitet, zu dem er eine seltsame Hassliebe hegt. Auf der Flucht nach England retten sie an der Küste Frankreichs den schiffbrüchigen japanischen Samurai Saburo, der dem englischen König James ein Geschenk überbringen soll.

In England angekommen, entpuppt sich Dariole zu Rocheforts Überraschung als eine junge Dame, was ihn in gewisser Hinsicht erleichtert, aber sein Gefühlsleben gehörig durcheinander bringt. Die Drei geraten unter den Einfluss des Mathematikers und Astrologen Robert Fludd. Fludd kann die Zukunft berechnen und vorhersagen, und was er sieht, gefällt ihm nicht. Rochefort versucht, sich ihm zu entziehen, doch Fludd kennt alle seine Winkelzüge bereits im Voraus. Er wird von Fludd erpresst, die Zukunft nach seinen Vorstellungen zu verändern: Er soll König James ermorden; nach Fludds Berechnungen kann nur Rochefort das Attentat erfolgreich ausführen und die Zukunft in die gewünschte Richtung lenken. Doch nicht nur er beherrscht diese häretische Kunst. Die Karmeliterin Schwester Caterina warnt Rochefort: Sollte er James ermorden, wird Dariole ebenfalls sterben …

In „1610: Die Kinder des Hermes“ gelingt es Rochefort dank Caterinas Ratschlägen, König James in seine geplante Ermordung einzuweihen und das Komplott Fludds zu vereiteln. Leider kann er nicht die Vergewaltigung und Entführung Darioles durch Handlanger Fludds verhindern, aber entgegen Fludds Berechnungen nimmt sich diese nicht das Leben und treibt damit auch nicht Rochefort zu unüberlegten Handlungen.

Zwar gelingt es Rochefort, Fludd in eine Falle zu locken, aber Caterina wird getötet und Dariole kann ihm die Vergewaltigung nicht verzeihen und fordert seinen Tod. Rochefort ist jetzt weniger Handelnder als Getriebener, denn König James und andere Machthaber wollen Fludd – als lebendigen Propheten und somit als ein Machtmittel ohne Gleichen.

Das Verhältnis zwischen Rochefort und Dariole leidet darunter. Eine unerwartete Wendung zwingt Rochefort zur Seereise nach Japan: Saburo ist mit Fludd geflüchtet – und die tollkühne Dariole hat sich sofort an die Verfolgung gemacht!

Hier setzt die Handlung von „1610: Söhne der Zeit“ ein. Rochefort gelingt es, Dariole einzuholen und Saburo und Fludd in Japan zu stellen. Doch Fludd ist kein Gefangener; Saburo weiß Dinge über eine 500 Jahre ferne Zukunft, die es unerlässlich machen, sich seiner zu bedienen – nicht nur im Interesse Japans. Aus diesen Überlegungen wird eine bekannte Geheimorganisation hervorgehen …

Mary Gentle überrascht den Leser bereits zu Beginn dieses dritten Teils gleich zweimal: Wer eine detaillierte Schilderung Japans im 17. Jahrhundert erhofft, was man erwarten könnte, wird überrumpelt werden. Denn Mary Gentle lässt Saburo mit Rochefort über die Zukunft reden. Vor ihrem Tod hat Caterina ihm von der glorreichen Zukunft Japans, aber auch von seinem Niedergang berichtet. Ein grausamer „Feuerregen“, der die japanischen Inseln verwüsten wird, droht in knapp 400 Jahren. Die offensichtlich damit beschriebenen Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki sowie der Zweite Weltkrieg werden auch durch Fludds Berechnungen bestätigt, die hinsichtlich zukünftiger Verwendung nuklearer Waffen für die Zukunft gar noch Schlimmeres voraussehen.

Dass Rochefort zu den Mitbegründern einer der bekanntesten Geheimorganisationen des 17. Jahrhunderts wird, mag überraschen, dramaturgisch wird es jedoch genauso wenig ausgeführt, wie die Schiffsreise nach Japan nötig ist. Hier wird nicht viel Konkretes beschrieben; die entscheidenden Aussagen werden wieder einmal bereits zu Beginn des Buches gemacht, was wegen der Dreiteilung der deutschen Übersetzung leider besonders antiklimatisch und negativ auffällt. Stattdessen wird die Beziehung zwischen Dariole und Rochefort erneut thematisiert. Leider ist Mary Gentle keine Romantikerin, und der Reiz dieser ungewöhnlichen Beziehung blieb bereits im zweiten Band auf der Strecke. Allerdings können Rochefort und der wieder aus der Versenkung aufgetauchte Robert Fludd diesmal wieder punkten. Rochefort ist nach wie vor ein unterhaltsamer Erzähler, auch Darioles Schlussmonolog ist humorvoll und amüsant; so bringt sie ihren Beichtvater mit einigen Jugenderinnerungen an Rochefort arg in Verlegenheit.

Die plötzliche Wende hin zur Gründung einer Geheimorganisation mit Wissen um die Zukunft erfolgt recht früh, ohne dass darauf Näheres zum Thema folgen würde. Auch wenn Gentle Rochefort und Dariole zu einer Art Happy-End verhilft – diese seltsame Liebesgeschichte allein sowie Darioles persönliche Fehde mit Fludd können dies nicht wettmachen.

Vorzüglich ist Mary Gentle aber die Hommage an den meist als Antagonisten der Musketiere dargestellten Rochefort gelungen. Der alte Haudegen ist wesentlich amüsanter und unterhaltsamer als bisherige Helden Gentles und verleiht dem Roman Schwung und Elan. Gewisse Ähnlichkeiten zu der „Legende von Ash“ lassen sich nicht verleugnen, phantastische und Science-Fiction-Einflüsse treten hier allerdings weniger stark hervor, dafür wurde mehr Wert auf Charaktere und ihre Interaktion gelegt, was der Geschichte gut getan hat. „1610“ liest sich wesentlich einfacher und unterhaltsamer als Mary Gentles bisheriges Meisterwerk, der Aufbau der Geschichte ist leider nicht so gut gelungen. Ist der erste Teil noch spannend und eine hervorragende Einleitung, leiden sowohl der zweite als auch dieser dritte und abschließende Teil unter den an den Anfang gestellten unerwarteten entscheidenden Wendungen, die zwar überraschen aber auch spannungszerstörend wirken. Wenn man klassische Spannungsbögen so bewusst dekonstruiert, sollte man alternativ etwas Besseres als Ersatz anbieten. Selbst Rocheforts geistreiche und unterhaltsame Erzählweise sowie die Beziehung zwischen ihm und Dariole können das jedoch nicht völlig kompensieren.

Trotz dieser Schönheitsfehler kann man „1610“ aufgrund des überzeugenden Rochefort historisch interessierten Lesern mit Liebe zu ungewöhnlicher Phantastik nur empfehlen.

Russell, Sean – Sturmvogel (Das verlorene Königreich 3)

Band 1: [„Nachtvogel“ 2673
Band 2: [„Goldvogel“ 2678

Wider erwarten ist es am Ende des zweiten Bandes sämtlichen Protagonisten gelungen, die stillen Wasser zu verlassen. Leider auch Eremon. Ja sogar Beldor ist entkommen, wenn auch auf ungewöhnliche Weise: Der Schatten, der ihn aus der Gruppe der Kämpfenden herausgerissen hat, hat ihn zur Pforte des Todes gebracht, wo ihm der Tod höchstpersönlich sein Leben gegen einen Dienst anbietet: Er soll ein Päckchen zu Eremon bringen. Beldor hat solche Angst vor dem, was ihn hinter der Pforte erwartet, dass er gehorcht. Kaum hat Eremon das Päckchen erhalten, lässt er Kilydd entführen, damit dieser ihm den Weg zur Insel des Wartens und zum Mondspiegel weist, einem geheimen Ort, an dem der Körper Wyrrs ruht. Zusammen mit Beldor, Kilydd und einigen seiner Leibwächter macht Eremon sich auf den Weg, und auch Carls Vater nimmt er mit. Niemand weiß, was genau Eremon vorhat, doch A’denné weiß, dass seine Chancen auf Überleben gering sind. Aber sinnlos sterben will er nicht …

Alaan, die Seetaler und Cynndl haben das Lager der Fáel erreicht, wo sie bereits erwartet wurden, denn Llya, Ebers kleiner Sohn, wusste vom Fluss, dass sie dorthin unterwegs waren. Die Fáel sind höchst beunruhigt, nicht nur durch die seltsamen Fähigkeiten des kleinen Jungen, sondern vor allem auch von einem Bild, das eine ihrer Gesichtestickerinnen hergestellt hat. Es zeigt einen Seelenfresser! Alaan ist entsetzt, denn dass die hellsichtige Frau dieses Bild gestickt hat, kann nur bedeuten, dass Eremon vorhat, ein solches Geschöpf zu erschaffen. Das muss unbedingt verhindert werden! Noch am selben Abend machen sich die Gefährten auf ins verborgene Land, um Eremon abzufangen …

Elise Willt und Gilbert A’brgail sind im Norden wieder aufgetaucht, in der Nähe der Heimat der Fáel! Zunächst werden sie gefangen genommen, und Elise droht die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Erst als die Fáel sicher sind, dass Sianon nicht die Oberhand über den gemeinsamen Körper gewinnen wird, lassen sie die beiden laufen. Auch sie erfahren von der Bedrohung durch den Seelenfresser. Doch Alaan ist bereits fort und Kilydd entführt. Da erklärt zu aller Erstaunen der kleine Llya, er werde sie zur Insel des Wartens führen. Auch diese Gruppe bricht sofort auf.

Carl A’denné musste auf seiner Flucht feststellen, dass Herzog Vast, ein Verbündeter der Rennés, ein Verräter ist! Mit Mühe hat er es von der Schlachteninsel bis zum Schloss an der Westrych geschafft. Nun soll er zusammen mit Jamm und Samul Renné, dem eigentlich das Schaffott droht, Michael, den Prinzen von Innes, zu seinen Soldaten zurückbringen. Michaels Vater ist von Eremon ermordet worden, und nach Eremons Abreise zur Insel des Wartens hat Menwyn Willt sich das Kommando über die gesamten Truppen unter den Nagel gerissen. Michael will sein Heer zurück und sich mit den Rennés verbünden, allerdings weniger gegen Menwyn als gegen Eremon! Schon bald sind die Vier wieder auf heimlichen Schleichwegen zwischen Scharen von Suchtrupps unterwegs.

_Showdown_

Das Pozedere ist vom zweiten Band bereits bekannt: Sämtliche Gefährten brechen in neuer Zusammenstellung zum wiederholten Male auf, um Eremon das Handwerk zu legen, beziehungsweise um auf irgendeine Weise Krieg zu führen. Der Handlungsstränge sind es diesmal nicht ganz so viele, dennoch ist die Übersicht noch schlechter als im zweiten Band! Das liegt daran, dass der Erzähler innerhalb der verschiedenen Fäden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt; im Falle der Gruppe um Eremon heißt das, es wird mal aus Beldors, mal aus A’dennés, mal aus Kilydds Sicht berichtet. Dasselbe gilt für die anderen Gruppen. Carl und Jamm werden kurzzeitig von Samul und Michael getrennt, erhalten aber gleichzeitig Zuwachs, sodass sich auch hier die Perspektive oft ändert. Inzwischen wechselt die Handlung auch innerhalb von Kapiteln von einem Strang zum andern! Das machte die Lektüre schon fast mühselig. Erst als die Erzählung sich auf die Ereignisse am Mondspiegel konzentriert, wo drei der verschiedenen Gruppen zusammentreffen, um sich – natürlich! – neu zu formieren, wird das besser. Danach lösen sich die Verwicklungen der Geschehnisse, die mit der verborgenen Welt und den Sagen aus der Vergangenheit zu tun haben, relativ rasch auf, und der Rest des Buches konzentriert sich auf den Showdown in der menschlichen Welt.

Auch diesmal passiert zunächst nicht wirklich viel. Das Buch füllt seine Seiten schlicht durch die Masse der parallel verlaufenden Fäden, die für sich betrachtet erstaunlich knapp wirken. Eremon befährt den Fluss, gefolgt von Sianon, die er mit Feuer aufzuhalten versucht, was ihm natürlich nicht gelingt. Alaan ist zu Pferd unterwegs und muss sich gegen Wesen aus dem Schattenreich zur Wehr setzen. Und Michael und sein Gefolge sind damit beschäftigt, wie zuvor schon Carl, durch Hecken und Wiesen zu kriechen, nur um am Ende verraten zu werden. Im Grunde also nichts wirklich Neues im Vergleich zu den Vorgängerbänden: eine Reise mit Hindernissen, die den Spannungsbogen aufrecht halten. Das gelingt im Großen und Ganzen auch, wirklich spannend wird es aber erst am Mondspiegel und dann noch einmal in der Schlacht zwischen Eremon, Alaan und Elise.

Der Tod, den Russell gegen Ende des zweiten Bandes als neues Element einbaute, hat die Seite der Sagenwelt noch einmal ein Stück erweitert. Die Auflösung dieser Bedrohung erfolgt allerdings erstaunlich unspektakulär und überzeugt weniger durch ihre Wucht als durch ihre Findigkeit. Vielleicht hätte ich den Kniff schon früher geahnt, wäre ich nicht so damit beschäftigt gewesen, die vielen Personen und die dazu gehörige Entwicklung der Ereignisse auseinander zu halten. Vielleicht war das ja Russells Absicht.

Die Erschaffung des Seelenfressers gehört zu den unappetitlicheren Szenen des Buches, und auch die Schilderung der Schlacht gegen Eremon war weit unangenehmer geschildert als der Kampf um die Schlachteninsel im zweiten Band. Für das Finale seiner Geschichte hat der Autor noch einmal schweres Geschütz aufgefahren. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Details wie schreiende Totgeburten oder Scharen brennender Soldaten und Pferde die Sache wirklich spannender machen! Wie auch immer, offenbar ist die moderne Fantasy nicht ganz willens oder in der Lage, ohne solche Szenen auszukommen.

Auch vor kleinen Pannen ist dieser Zyklus nicht gefeit. So passiert es im Laufe der Geschichte, dass Theason, der sonst immer nur in der dritten Person von sich spricht, auf einmal „ich“ sagt. Außerdem habe ich den Verdacht, dass dem Verlag in der Beschreibung von Elises Kampf mit Eremon eine Panne mit der Kursivschrift passiert ist. Sianons Erinnerungen sind erst kursiv, dann normal, dann wieder kursiv gedruckt.

_Unterm Strich_

Insgesamt kann man sagen, dass Russell nicht unbedingt die Fantasy neu erfunden hat. Vieles, was in seinen Schilderungen auftaucht – die Verbindung zwischen den Nagar und den Elementen, das verborgene Land und seine geheimen Wege, die Machtgier von Menschen und Zauberern – hat man schon bei anderer Gelegenheit mal gelesen. Auch ein Großteil der Personen – Toren Renné, Menwyn Willt, Fürst Innes oder Beldor – entstammt dem üblichen Vorrat an Charakteren: Helden, Machtmenschen, sture Narren oder fanatische Neidhammel. Die Welt der Menschen, die Russell entwirft, besteht vor allem aus Hass und Verrat.

Weit interessanter waren die Personen, die mit dem verborgenen Land in Kontakt standen. Rabal Krähenherz, Orlem Leichthand, Kilydd und Theason, sowie Eber und sein kleiner Sohn waren diejenigen, die dem Buch seinen Zauber verliehen, zusammen mit den Sagen aus der alten Zeit und den wunderlichen Orten, die im verborgenen Land existieren, wie der sprechende Felsen, die Insel des Wartens und der steinerne Wald. Hier zeigen sich die eigenen Ideen des Autors, und sie können sich durchaus sehen lassen.

Was das Buch ausmacht, ist die Mischung aus beidem. Russell hat mit dem verlorenen Königreich eine spannende, aufwändige Trilogie mit vielen Wendungen, Wirren und Geheimnissen geschrieben. Wer sich also an komplizierten Handlungsverläufen, einer großen Anzahl an handelnden Personen und ständig wechselnden Gruppenzusammensetzungen nicht stört, der liegt hier nicht falsch. Einen einzelnen Band der Trilogie zu lesen, womöglich noch außerhalb der Reihenfolge, macht allerdings keinen Sinn, da alle drei Teile voll aufeinander aufbauen und die ersten beiden Bände am Ende völlig offen sind! Wer sich auf diese Trilogie einlässt, muss sie vom Anfang bis zum Ende durchstehen, oder er wird nicht viel davon haben.

Sean Russell lebt in Vancouver. Er hatte bereits als Kind eine Vorliebe für phantastische Erzählungen und begann schließlich selbst zu schreiben. 1991 erschien sein erstes Buch. Aus seiner Feder stammen „Das Reich unter den Hügeln“ und „Der Seelenkompass“, „Welt ohne Ende“ und „Meer ohne Ufer“ sowie die Barbaren-Trilogie. Nicht alle dieser Bücher sind auf Deutsch erhältlich.

http://www.sfsite.com/seanrussell

Radford, Irene – Ruf der Drachen, Der (Der Drachen-Nimbus 3)

Band 1: [„Der Glasdrache“ 1755
Band 2: [„Der verbotene Zauber“ 2429

Nachdem der bösartige Lord Krej endlich in die Schranken gewiesen wurde, hofft man in Coronnan nach langer Zeit wieder auf den Frieden. Doch auch weiterhin stehen sich die Armeen der Stadt mit den Soldaten aus SeLenicca im Gefecht gegenüber und führen einen erbitterten Krieg. Doch ohne die Unterstützung der Drachenmagie kann auch der Thronerbe Darville nicht viel ausrichten, auch wenn er durch die Hochzeit mit Rossemikka eine wichtige Partei auf seine Seite ziehen konnte. Doch auch ihre Harmonie wird gestört, als der Geheimbund des Simurghen ein Attentat auf die Königsfamilie ausübt und ausgerechnet Jaylor die Rolle des Verdächtigen zuspielt.

Jaylor weiß, dass nur die Rückkehr der Drachen die Lage wieder beruhigen und die drohende Vernichtung aufhalten kann, jedoch ist er durch die aufkeimenden Beschuldigungen derzeit machtlos. Trotzdem kann er seine Macht als Höchster Magier der Kommune walten lassen, indem er den Waisenjungen Yakke auf die Suche nach den Drachen schickt. Doch seine Wahl scheint bedenklich, denn der junge Kerl hat bislang noch nie beweisen können, wie weit seine magischen Fähigkeiten fortgeschritten sind. Und als Simeon, der Herrscher von SeLenicca, ihn auf seiner Reise auch noch gefangen nimmt und ihm seine Magie entzieht, scheinen sich die Befürchtungen zu bewahrheiten. Aber auch der einst von Krej angeführte Geheimbund wächst zu neuer Kraft heran und plant, das Königreich ins Chaos zu stürzen. Schwere Zeiten brechen für König Darville und seine Verbündeten an, und es scheint nicht so, als wären die Untertanen des jungen Thronfolgers dieser neuen Herausforderung gewachsen …

_Meine Meinung_

Mit dem dritten Band des „Drachen-Nimbus“ schlägt Irene Radford gänzlich neue Wege ein. „Der Ruf der Drachen“ darf innerhalb der Reihe als Neubeginn gewertet werden, denn im Grunde genommen beginnt hier ein völlig neuer Handlungsabschnitt, der zwar auf den vorangegangenen Ereignissen fußt, prinzipiell aber klar für sich alleine stehen könnte.

Im Mittelpunkt stehen neben Darville und Jaylor dieses Mal allerdings andere Helden; so zum Beispiel er junge Yakke, ein Waise, der in der Magie sein Heil gefunden hat, allerdings noch nie den Ernstfall hat erproben müssen. Deshalb wächst in den eigenen Reihen auch die Skepsis, denn keiner traut dem Kerl so recht zu, dass er die Drachen nach Coronnan zurückführen kann. Lediglich Jaylor, der Hohe Magier der Kommune, schenkt ihm sein Vetrauen und sieht in ihm eine Art legitimen Erben seiner selbst. Yakke selber hingegen läuft aller Hoffnung zum Trotz mitten ins Unheil hinein. Gerade erst aufgebrochen, wird er vom hinterhältigen Simeon gefangen genommen und in ein Verlies in den düsteren Mienen gesteckt. Die gesamte Last, die auf seinen Schultern liegt, erdrückt ihn dort förmlich, und je länger seine Gefangenschaft andauert, desto geringer ist seine Hoffnung auf Befreiung und die Rettung von Coronnan. Als dann mit der Zeit auch noch seine Erinnerung schwindet, scheint das Schicksal des Königreiches endgültig besiegelt …

Eine weitere neue Heldin ist die ebenfalls noch junge Katrina, deren Familie ebenfalls von Simeon gejagt wird. Das junge Mädchen ist eine der wenigen verbliebenen Hoffnungsträgerinnen zur Zerstörung von Krejs Hinterlassenschaft, scheint aber gegen den Gemahl der Königin von SeLenicca ebenso machtlos wie ihr indirekter Kumpane Yakke. Wie sich aber noch herausstellt, ist dies nicht ihre einzige Gemeinsamkeit.

Jaylor hingegen, der Held der ersten beiden Bücher, agiert in „Der Ruf der Drachen“ zumeist aus dem Hintergrund heraus und zieht bei der verzweifelten Rettungsaktion primär die Fäden. Allerdings kann er nicht mehr so frei wie zuvor handeln, denn die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen belasten ihn sehr stark und machen das Leben in Coronnan für ihn noch gefährlicher, als es eh schon ist. Doch ebenso wie seine alte Gefährtin Brevelan kennt Jaylor Wege, um mit dieser neuen Situation umzugehen.

Irene Radford hat die Überleitung zum dritten Band dieses Mal weitaus besser hinbekommen als in den vorherigen beiden Romanen. Die von Anfang an relativ dröge Geschichte bekommt mit einem Mal eine gehörige Frischzellenkur verpasst und erstrahlt mit den neuen Gesichtern urplötzlich in einem ganz anderen Licht. Zwar bleibt sich die Autorin bei der partiellen Bedienung der üblichen Klischees – zum Beispiel beim Aufbau der schier ausweglosen Lage – weitestgehend treu, jedoch sind weder die Aktionen der Hauptfiguren noch die Handlungsabläufe an sich wirklich transparent, so dass Radford zwischendurch immer wieder Überraschungsmomente einbringen kann, die der Spannung sehr zugute kommen. Weil sich die Autorin bei den einzelnen Ausschmückungen zudem auch noch viel mehr Freiräume schafft, den Plot aber trotzdem zügig und stringent weitererzählt, kann man bei „Der Ruf der Drachen“ schlussendlich auch von einer Verbesserung in fast allen Belangen sprechen. Der neue Roman aus dem „Drachen-Nimbus“ wirkt in sich runder und besser durchdacht. Radford lässt sich nicht mehr so leicht in die Karten schauen und kreiert insgesamt eine weitaus düsterere Atmosphäre, die dem recht pessimistisch vorgetragenen Inhalt auch enorm zuträglich ist.

Damit ist man nun auch endlich an dem Punkt angelangt, den man sich schon für den ersten Teil gewünscht hätte. Ein reiferer Erzählstil und dazu mehr Überraschungen. Zwar ist „Der Ruf der Drachen“ noch nicht Fantasy-Spitzenklasse, aber immerhin auf einem Niveau, welches durchaus zum Hineinstöbern einlädt. Und da man den Nimbus auch noch mit dem dritten Band ohne weitere Verständnisprobleme angehen kann, kann ich mich dieses Mal auch zu einer leicht eingeschränkten Empfehlung aufraffen!

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Johns, Geoff / Jimenez, Phil – Infinite Crisis 2 (von 7)

[Band 1 2633

_Story_

Es herrscht ein riesiges Durcheinander in der Unendlichkeit des Universums. Lex Luthor hat seine Schurken versammelt, um Donna Troy alias Power Girl aufzuhalten, nachdem sie zahlreiche Superhelden rekrutiert hat, um die verschiedenen Anomalien, die sich in der jüngsten Vergangenheit aufgetan haben, zu untersuchen. Dabei stößt sie unter anderem auch auf den lange Zeit verschollenen Alexander Luthor und das Geheimnis der verschiedenen Parallelwelten, die ebenfalls über ihre eigenen Superhelden verfügten. Als sich diese Welten jedoch zu einer einzigen vermischten, beging man einen riesigen Fehler: Die falsche Erde wurde nach der Wiedergeburt des Universums gerettet. Nun liegt es an Power Girl und Superman, diesen Missstand erneut zu verändern und damit auch die stark gealterte Lois Lane vor ihrem natürlichen Tod zu bewahren.

_Meine Meinung_

Nach wie vor spielt sich die „Infinite Crisis“ auf unheimlich vielen Ebenen ab, so dass es dem Leser immer noch sehr schwer fallen wird, einen etwaigen Durchblick zu bekommen. Überall macht sich die jüngste Krise bemerkbar, und da man fast von Seite zu Seite die Szenerie wechselt und zudem enorm viele Helden aus dem DC-Universum an der Geschichte beteiligt sind, fehlt es auch dem zweiten Comic der siebenteiligen Reihe an einer klaren Linie.

Allerdings ist es Geoff Johns in der Fortsetzung seines ersten Verwirrspiels schon einmal gelungen, eine erste Verbindung zur legendären „Crisis On Infinite Earth“ herzustellen, deren Hintergründe nun auch die Auslöser des neuesten Chaos’ sind. Die Folgen, die sich aus dem Zusammenfügen der verschiedenen Terrarien ergeben haben, werden erst jetzt in vollem Maße offenbar, doch nun scheint es schon fast zu spät, um die verheerenden, drohenden Veränderungen, die noch bevorstehen, abwenden zu können.

Batman zum Beispiel hadert noch immer mit seinen Gefühlen, nachdem er herausgefunden hat, dass es sich bei dem OMAC-Killerrobotern um ausgewählte Menschen handelt, deren Schicksal er indirekt mit auf dem Gewissen hat. Superman hingegen sorgt sich um Lois Lane, die mit der Reise auf die neuen Erde und den Auswirkungen auf ihren Gesundheitszustand zu kämpfen hat. Er ist es auch, der Power Girl über die wahre Geschichte nach der längst verjährten ersten Krise aufklärt und so auch erst den Stein zu einer weiteren einschneidenden Veränderung in der verrotteten Welt ins Rollen bringt. Verrottet vor allem deswegen, weil schon zahlreiche Helden aus der Eliteklasse ihren Einsatz für die Gerechtigkeit haben bezahlen müssen, darunter zum Beispiel vertraute Charaktere wie der Blue Beetle, und sich nun schon Schurken zweiter Klasse unter der Führung eines zweiten Lex Luthor daran machen, das große Chaos zu nutzen, um den weltweiten Umschwung nach ihren Vorstellungen zu lenken.

In „Infinite Crisis“ bewegen sich Mächte ungeahnten Ausmaßes, was ja alleine schon bei der prominenten Besetzung des riesigen Crossovers deutlich wird. Mit der zweiten Ausgabe der deutschsprachigen Auflage kommt nun auch langsam eine Linie in die umfassende und überaus komplexe Story hinein. Die einzelnen Protagonisten können sich besser in Szene setzen, die Ursachen der Krise werden etwas konkreter dargestellt und die eventuellen, in diesem Falle auch weit reichenden Folgen werden dem Leser mit steter Entwicklung immer deutlicher bewusst. Jetzt muss es Autor Geoff Johns nur noch gelingen, die zahlreichen Handlungsstränge zusammenwachsen zu lassen und aus ihrer umfangreichen Verbindung eine gradlinige Storyline zu entwickeln.

Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, wer und was bereits nach zwei Heften in das Geschehen mit einbezogen wurde. Doch kurz vor Abschluss des ersten Drittels der Serie befindet sich der Verantwortliche schon auf einem sehr guten Weg, denn jetzt, wo das Vorgeplänkel überstanden ist und man erahnen kann, welche Wege die Geschichte gehen wird, zeichnet sich schon ab, dass „Infinite Crisis“ sowohl inhaltlich als auch qualitativ ein ähnlich genialer Kraftakt wie die gerade abgeschlossene |Marvel|-Reihe „House Of M“ werden wird. Und mit dieser Referenz sowie einem lauten Applaus für das Zeichner-Dream-Team Phil Jimenez & George Pérez, welches hier einen sehr feinen, detailverliebten Strich führt, möchte ich diese Kritik auch schon schließen und eine deutliche Empfehlung für diesen neuen DC-Hoffnungsträger aussprechen.

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Clifton Adams – Zug der Verdammten

Ein einfacher Cowboy soll zwei Schwerverbrecher vor die Schranken des Gerichts zu bringen, wobei ihm Kopfgeldjäger, lynchwütige Vigilanten und eine heiratslustige Frau in die Quere kommen ¼ – Spannender, stimmungsvoller Abgesang auf den „wilden“ Westen, der vom Wandel eines Herumtreibers zum verantwortungsbewussten Mann als Prozess erzählt, für den ein bitterer Preis gezahlt werden muss.
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Bendis, Brian / Coipel, Olivier – House Of M 4 (von 4)

[Band 1 2494
[Band 2 2495
[Band 3 2680

_Story_

In den Straßen von Genosha starten die Mutanten ihren Rachefeldzug gegen den mächtigen Magneto und dessen Komplizen, um der initiierten Scheinrealität endlich ein Ende zu bereiten. Wanda, die Verursacherin des ganzen Übels, hingegen nimmt gar nicht wahr, was außerhalb ihres Einflusses geschieht. Diese trägt den Geist von Charles Xavier in sich und kann mit nur einem Gedanken jegliche Kreatur auslöschen. Als sie herausbekommt, dass ihr eigener Vater sie verraten hat, beschließt sie tatsächlich, der Spezies der Mutanten ein Ende zu bereiten, um so ein Exempel an Magneto zu statuieren. Kurze Zeit später treffen die Superhelden im Rächer-Hauptquartier aufeinander und stellen fest, dass jeder von ihnen seine bzw. ihre außergewöhnlichen Kräfte verloren hat. Ihr Leben ist ihnen geblieben, jedoch müssen sie nun als normalsterbliche Bürger mit ansehen, wie die Erde wegen des Ungleichgewichts der Anziehungskräfte in ein heilloses Chaos stürzt. Sind die Mutanten damit tatsächlich für immer ausgelöscht?

_Meine Meinung_

Es ist soweit: Das große Finale des wohl umfassendsten Comic-Crossovers der letzten Jahre wird mit diesem vierten und letzten Band der dazugehörigen Miniserie beendet, hält aber für die Zukunft noch einige Überraschungen offen, die sich aus den ungewöhnlichen Ereignissen nach der Herrschaft des „House Of M“ ergeben. Doch kommen wir erst einmal zur Story der aktuellen Ausgabe, denn die hat es nach dem etwas zu vorschnell vorangeschrittenen Vorgängerband noch einmal so richtig in sich und bleibt auch bis zum Ende (und darüber hinaus) in alle Richtungen offen.

Endlich wird Wanda wieder in die Handlung mit einbezogen und muss nach den vielen Erschütterungen nun selber dafür sorgen, dass die Realität wieder ins rechte Licht gerückt wird. Dabei hatte sie niemals erahnt, dass Magneto sie nur als Mittel zum Zwecke seiner machtsüchtigen Pläne benutzt hat, was schließlich auch zu einem weiteren Wendepunkt in der ohnehin so abwechslungsreichen Erzählung führt. Wanda sieht klar und lässt sich nicht mehr von ihrer Gutgläubigkeit täuschen. Wohl wissend, welche gewaltigen Kräfte in ihr stecken, vollzieht sie einen geschichtsträchtigen Schritt in der Historie der Marvel-Comics und raubt den Superhelden und Mutanten ihr spezielles Gen, so dass diese von ihrer Sonderstellung nicht mehr Gebrauch machen können. Mit der Rückkehr zur Normalität wird somit dennoch das größtmögliche Chaos entfacht und nicht nur für die Mutanten selber das befürchtete Ende vorbereitet. Denn auch wenn sie vorerst gerettet sind, steuert die Erde auf direktem Wege in eine gewaltige Kollision hinein, die nur noch dann abgewendet werden kann, wenn die übermenschlichen Kräfte wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Doch auch dies liegt einzig und allein in der Macht von Wanda, wird aber hier noch nicht aufgelöst.

Stattdessen bietet Teil 4 nur wenige endgültige Fakten. Wolverine zum Beispiel hat nun endlich die fehlenden Puzzleteile, die zur Aufklärung seiner Vergangenheit fehlten, zusammengesetzt und kann sich komplett an die bislang ungeklärten damaligen Ereignisse erinnern. Hawkeye hingegen, lange Zeit einer der beliebtesten und bekanntesten Helden, wird plötzlich (obwohl sich so etwas bereits andeutete) tot aufgefunden und fällt dem „House Of M“ als vorläufig Erster zum Opfer. Denn wie gesagt: Auch wenn die Geschehnisse hier bereits überhand nehmen und die Reihe eigentlich abgeschlossen ist, ist dies alles nur der Anfang für einen langfristigen Umschwung im Marvel-Universum, der in naher Zukunft mit weiteren zugehörigen Serien und Nachzüglern bedacht und dann auch vollstreckt wird. Während diese Reihe nun also äußerst nachdenklich und auch erschreckend zu Ende gebracht wird, deuten sich schon weitere spezifische Serien wie „Generation M“ und „Son Of M“ an, in denen die Geschichte ebenso wie in den Episoden der ‚herkömmlichen‘ Marvel-Comics stringent weitergeführt und zu einem noch ungewissen Ende gebracht wird.

Bis hierhin bleiben jedoch erst einmal die umfassenden und im Falle des letzten Parts sehr positiven Gesamteindrücke des „House Of M“ haften. Es hat sich etwas getan in der Welt unserer Superhelden, und die Autoren haben tatsächlich Wort gehalten, indem sie selbst vor der Darstellung der dunkelsten Stunden der Mutanten-Geschichte nicht zurückgescheut haben. Das beseitigt zum Ende hin auch wieder die etwas unglaubwürdigen Ansätze, die man in Teil 3 noch verfolgte, und macht den Crossover dann doch noch zum Comic-Ereignis des Jahres. Wichtig nur: Man sollte bis hierhin auch alle Tie-ins verfolgt haben, denn sonst wird man Schwierigkeiten bekommen, den komplexeren Gedankengängen des Autors Brian Michael Bendis bis zuletzt folgen zu können.

Fazit zur Gesamtserie: Ein Muss, das in keiner Jahrgangssammlung fehlen darf!

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