Mit Beginn der aktuellen _Rechtschreibreform_ zum 1. August stellte der Axel Springer Verlag sämtliche Publikationen auf die Rechtschreibprogramme aus dem Hause Duden um. Im Jahr zuvor (2005) war der Duden zur Rechtschreibreform völlig gefloppt. Die Käufer boykottierten das Werk, da klar war, dass es schon bald wieder veraltet sein würde. Im Wettbewerb mit dem Wahrig-Wörterbuch wurde es schließlich verramscht. Der Gewinn des Brockhaus-Verlages brach um zwei Millionen Euro ein und die Aktionäre mussten auf ihre Dividenden verzichten. In diesem Jahr kam der Bertelsmann-Wahrig wieder schon im Juni heraus, der Duden dagegen erst Ende Juli. Erstaunlicherweise unterscheiden sich beide Werke erheblich. Es gibt zu viele fakultative Varianten. Z. B.: Warum schreibt sich „wohltuend“ zusammen, „wohl lautend“ aber nicht zwingend? Im neuen Duden befinden sich 3000 Rechtschreibempfehlungen, im neuen Wahrig dagegen nur 50 paradigmatische Fälle in Tipp-Infokästen. Auffällig dabei ist, dass der Duden tendenziell die Rechtschreibung von 2004 verteidigt, während der Wahrig eher den Vorschlägen des Rats der deutschen Rechtschreibung von 2006 folgt. Beim genauen Studium des Duden finden sich eine Menge Ungereimtheiten. Einerseits plädiert man für „gewinnbringend“ und „fleischfressend“, andererseits für „Erfolg versprechend“ und „Wasser abweisend“. Der Duden spricht von „frei laufenden“ Hühnern, der Wahrig von „freilaufenden“. Hilfreich scheint beim Wahrig immerhin eine 14-seitige Übersicht der Unterschiede zwischen 2004 und 2006. In den Rechtschreibbüchern bis zur 10. Klasse spart man deswegen noch strittige Begriffe aus, wie im „Findefix“ oder im Duden-„Grundschulwörterbuch“, wo einige Getrenntschreibungen unterschlagen bleiben (wie z. B. „allein erziehend“). Bis die Grundschulkinder alt genug sind für richtige Wörterbücher, stehen sicherlich noch genügend Korrekturen ins Haus. Derzeit tut das „richtige“ Entscheiden nach wie vor weh.
Nach den 26 Filialen von „Gondrom“, den Läden von Bouvier-Gonski und Kober-Löffler hat _Thalia_ nun auch achtzehn Buchhandlungen von „Grüttefien“ mit 50,1 % Anteil in den Konzern übernommen. Der Name Grüttefien wird zunächst noch erhalten bleiben, dann aber sukzessiv durch den neuen Namen Thalia ersetzt werden. Das Tempo, mit dem Thalia expandiert, überrascht. In den Großstädten und Einkaufszentren werden jetzt die Claims gegen die Konkurrenz wie Hugendubel, Buch & Kunst, Weltbild und Buch Habel (die auch kräftig expandieren) abgesteckt.
Der Umsatz der _Sondereditionen der Billigbibliotheken_ aus Zeitungsverlagen wie „SZ“, „Bild“ oder „Brigitte“ ist im Sinken begriffen. Wie Random House es vor kurzem schon prognostizierte, haben diese Editionen ihren Zenit erreicht. Für Taschenbuchverlage bedeutet das, dass sie wieder aufatmen können. Das Aus für solche Editionen ist das aber natürlich noch nicht. Im Herbst startet die Zeitschrift _“Geo“_ in Zusammenarbeit mit dem Bibliografischen Institut und Brockhaus eine 20 Bände umfassende _Lexikon-Edition_. Jeder Band enthält neben einem Lexikonteil ein „Geo“-Dossier mit Reportagen und Berichten zu ausgewählten Themengebieten. Billig dagegen ist das eigentlich wie bislang aber auch nicht mehr. Ein Einzelband kostet 17,90 Euro, die komplette Reihe ist für 299 Euro zu haben. „Bild der Frau“ startet mit dem Mira-Taschenbuchverlag die _“Bild der Frau“-Bestseller-Reihe_. U. a. gibt es da auch „Wo bist du?“ von Marc Levy im Hardcover für nur 5,95 Euro. Außerdem startet _“Bild“_ mit Random House die _“Erotik-Bibliothek“_. Erotik zum Hören als Hörbuch gibt es bereits in der _“Playboy-Hörbuch-Edition“_ vom Oskar Verlag zusammen mit der Zeitschrift „Playboy“. Die Zeitschrift „Eltern“ war 2005 unter dem Namen „Abenteuer Hören“ mit Hörbüchern an den Start gegangen und erweitert das nun zur _“Eltern-Abenteuer-Edition“_, wo in Kooperation mit Beltz & Gelberg, Random House Audio und Universum Film neben Hörbüchern auch Bilderbücher und Filme versammelt werden. Literarisch am interessantesten in diesem Jahr ist aber die Edition des „Spiegels“ mit den 40 Bänden aus vierzig Jahren _Spiegel-Bestseller-Listen_. Und im Herbst ebenso interessant, da mit CD gekoppelt, eine 20-bändige _“Klassik“-Edition der „Zeit“_, die sich den Stars klassischer Musik widmet. Aufgrund der derzeitigen Markverstopfung werden perspektivisch gesehen nur zwei, drei Verlage in diesem Geschäftsfeld tätig bleiben können. Die „SZ“ ist da auf jeden Fall dabei und plant auch weitere Editionen. Ob solche Prognosen eintreffen werden, wird sich aber erst noch zeigen. Über Umsatzeinbußen durch die Editionen (vor allem im Taschenbuchgeschäft) gibt es mittlerweile auch sehr widersprüchliche Untersuchungen. Große Verlage sprechen von Einbrüchen, unabhängige Studien dagegen von einem Zuwachs, weil das Leseinteresse geweckt worden sei.
Über _Bestseller-Charts_ zu berichten, ergibt angesichts der schon ganzjährigen Unbeweglichkeit dort eigentlich wenig Sinn. Neue Titel hinein bringt vor allem Elke Heidenreich jeweils mit ihrer „Lesen!“-Sendung im TV und fast alle ihre Bände aus der „Brigitte“-Edition landen automatisch sofort auf vorderen Plätzen. Erst im Sommer kam frischer Wind in die Charts und von null auf die ersten beiden Plätze stieg Random House ein mit Elisabeth Georges neuem Krimi „Wo kein Zeuge ist“ und dem dritten Teil von Jonathan Strouds „Bartimäus“-Trilogie „Die Pforte des Magiers“.
Den größten Umsatz machte während der Fußball-Weltmeisterschaft allerdings _Panini_ mit seinen Sammelbildern fürs Album. Kalkuliert war ein Bedarf für Deutschland von 100 Millionen Tütchen à sechs Bildchen, aber es wurden schließlich 155 Millionen ausgeliefert. Weltweit druckte Panini 4,8 Milliarden WM-Sticker. Im Jahr 2005 war der Umsatz mit Klebebildern 400 Millionen Euro und 2006 dürfte sich dieser um ca. 30 % steigern.
_Weltbilds Bestseller Jokers_ bietet unter www.jokers-downloads.de jeden Monat einen Kurzkrimi als pdf-Datei zum Download an.
_S. Fischer Verlag_ startet im Herbst eine 32-bändige Sonderedition mit modernen Klassikern in aufwendig gestalteten Leinenbänden mit abgerundeten Ecken (!) zum Preis zwischen 12 und 14 Euro. Der Name der Reihe lautet „_Jahrhundertwerke_“; Fischer will damit sein eigenes Profil zeigen und seine Substanzen wie Kafka, Hemingway, Fontane und Thomas Mann neu verwerten.
Die _Deutsche Grammophon Literatur_ vertont zusammen mit der _“Zeit“_ ausgewählte _Rowohlt_-Monografien zum Preis zwischen 9,90 und 11,90 Euro. Zu den ersten Hörbüchern, die in das Leben und Werk berühmter Persönlichkeiten einführen, gehörten Clara Schumann, Andy Warhol und Albert Einstein. Im Herbst folgen u. a. Marilyn Monroe und Jesus. Auch die „_Brigitte-Hörbuch-Edition_“ wird fortgesetzt. Elke Heidenreich hat wieder 26 Titel ausgewählt. Mit einem Kinderbuchprogramm geht die Holtzbrinck-Tochter _Argon_ im Herbst mit entsprechenden Hörbüchern an den Start. Ebenso im Herbst startet der _be.bra Verlag_ mit seinem Imprint _be.bra phon_ mit Krimis und Belletristik. Der _Dioneta Hörbuchverlag_ hat ein Programm mit Fantasy- und Spannungstiteln vorgelegt. Auch der Kinderbuchverlag _Coppenrath_ ist ins Hörbuchgeschäft mit dem erzählenden Kinderbuch eingestiegen. Unter dem Namen „Auge und Ohr“ gab es bereits eine Hör-Backlist, aber nun kommt dazu ein echtes Hörbuch-Programm mit fünf Produktionen pro Halbjahr.
Die Gewinner des _Leipziger Hörspielsommers_: Das erstplatzierte Werk „Tages Todestag“ von Kristoffer Keudel überzeugte die fünf Jury-Mitglieder des Leipziger Hörspielsommers durch seinen Perspektivenreichtum und eine „sprachlich gelungene Darstellung“. Das Kriminalhörspiel „er.ich“ eroberte den zweiten Platz. Der dritte Preis wurde an „Die Sonne, ein Park geht unter“ vergeben. Außerdem sprach die Jury vier lobende Erwähnungen aus.
Neben den Kiosk-Comicreihen gibt es natürlich interessante Comic-Verlage. Beispielsweise _Reprodukt_, der vor 15 Jahren mit einem Independent-Programm startete. Im Programm erscheinen episch anspruchsvolle Alben deutscher und franko-belgischer Zeichner. Letztere finden sich auch im Programm von _Avant-Verlag, Edition Moderne_ oder der _Edition 52_. Überhaupt scheint endlich der „Manga“-Markt, der derzeit noch 80 % Anteil hält, gesättigt. _Egmont Ehapa_ baut inzwischen auch wieder seinen Stamm deutscher Illustratoren kontinuierlich auf. Diesem Trend folgen alle großen deutschen Comic-Verlage. _Panini_ dagegen bedient mit viel Engagement die Superhelden-Fans. Zuletzt wurde ein Vertrag mit den zu _DC-Comics_ gehörenden US-Labels _Vertigo_ und _Wild Storm_ abgeschlossen, so dass nun das gesamte DC-Portfolio bei Panini erscheint. Aber auch das Manga-Programm von Panini hat noch Zuwachs: In „_Trinity Blood_“ – in Japan der Renner – werden Vampire gejagt und in „_Fullmetal Alchemist_“, mit über 10 Millionen verkauften Exemplaren in Japan einer der erfolgreichsten Mangas, bestehen die Brüder Ed und Al Abenteuer mit Magie und Alchemie.
Ansonsten jüngst bei Panini: In der _Wolverine_-Heftreihe startete mit Ausgabe 31 der Fünfteiler „Anfang und Ende“, in welchem wichtige Fragen zu Wolverines Geschichte behandelt werden. Ebenfalls als Heftreihe begann _Justice_, eine auf sechs Doppelhefte angelegte Story um die „Justice League of America“ (Superman, Batman, Aquaman, Wonder Woman, Green Latern und Flash). Gemalt von Alex Ross, geschrieben von Jim Krueger, ist diese kleine Reihe ein edel gemachtes photorealistisches Abenteuer. Und wie kürzlich „Batman“ ganz neu als Comic wieder begann, kommt nun auch „_All Star Superman_“, wo jeder, ohne je Superman gelesen zu haben, ganz von Anfang an wieder mitfiebern darf. Eine weitere Sensation im Heftbereich sind sieben Ausgaben der _Infinite Crisis_, all die bekannten Superhelden in einem gigantischen Paralleluniversum. Und was bei DC geht, gibt es bei Marvel ja ähnlich. In einer vierteiligen Heftreihe _House of M_, ebenfalls einer Parallelwelt, existieren mutierte Versionen von Spider-Man, X-Men und allen anderen Superhelden. Und diese Abenteuer gibt es auch in einer großen Special-Edition _House of M-Ausgabe, Marvel Monster Edition 13_ (mit anderen Geschichten). Im _JLA-Sonderband 13_ befindet sich eine 116-seitige _Infinite Crisis_-Ausgabe. Die Superhelden-Liga ist seit der „Identity Crisis“-Heftreihe in schwerer Krise und Batman ist schwer angeschlagen, da er von seinen Freunden über Jahre betrogen wurde. In den Sonderbänden _Batman/Superman_ ist mit Nummer 2 der Themenband „_Supergirl_“ erschienen, in welchem die gemeinsamen Abenteuer der beiden Superhelden weitergesponnen werden. Batman entdeckt dieses gefährliche Mädchen von Krypton. Besonders für die Fans der klassischen Charaktere ist diese zeichnerische Neuschöpfung ein Leckerbissen. Und bei Marvel ist der Sonderband _Der ultimative Spiderman 3: Dobule Trouble_ herausgekommen. Voll mit Highlights wie z. B. dem ersten Auftritt der Gwen Stacy, der Rückkehr des Doktor Octopus oder dem Debüt von Kraven, dem Jäger. Aber es gibt nicht nur solch alte Charaktere. Endlich ist auch das letztes Jahr gestartete erotisch-magische Meisterwerk von Jim Balent fortgesetzt worden mit dem 2. Band von _Tarot – Witch of the Black Rose: Rückkehr der dunklen Hexe_. Ein richtig gut gemachter Kultcomic mit sexy Hexen und finstersten Dämonen. Und zuletzt noch ein anderes ungewöhnliches Meisterwerk aus dem Haus Marvel. Mit Band 23 der Reihe _100 % Marvel_ ist _1602 – Die neue Welt_ erschienen. 2003 hatte Neil Gaiman, Autor u. a. vom Sandman, eine Maxiserie von acht Teilen geschaffen, in welcher Captain America in einem Paralleluniversum in die Vergangenheit geschickt wurde und eine weitere Parallelwelt erschuf. Am Ende dieser Aufsehen erregenden Geschichte kam Captain America zwar wieder in der Zukunft an, aber das Leben dort ging weiter und wird von Greg Pak und Greg Tocchini nun weitererzählt, wobei es direkt an das Ende der Story von Gaiman anschließt. Marvel-Superheldenbilder, wie man sie nun mal gar nicht gewohnt ist.
_Fredering & Thaler_ wurde an den _Christian Verlag_ verkauft. Fredering und Thaler hatten den Verlag 1988 gegründet, 1998 an Random House verkauft, 2002 jedoch wieder zurückgekauft.
Der _Marix-Verlag_ startet im Herbst die Reihe „_Wissen der Welt_“, die auf 100 Bände angelegt ist. Alle Titel sind Originalausgaben und kosten fünf Euro.
_Patmos-Verlag_ startete anlässlich des 60-jährigen Jubiläums die Neuauflage der _Artemis Bibliothek_, der traditionsreichen Reihe mit Texten der Weltliteratur von der Antike bis zu Klassikern des 20. Jahrhunderts.
_Peter Meyer Verlag_ hat 30-jähriges Jubiläum. Er begann mit ökologischer Alternativ- und anderer Szeneliteratur. Der Renner dabei ist immer noch „Connexions – Adressbuch alternativer Projekte“. Verlagsleiter Peter Meyer schrieb aber auch alternative Reiseführer, fünf Jahre lang bei „Reise know how“ und ab 1991 im eigenen Verlag „Peter Meyer Reiseführerverlag“.
_Compact Verlag_ feiert ebenfalls 30-jähriges Bestehen als Anbieter nützlicher und anwenderfreundlicher Sachbuchratgeber.
Der _Mitteldeutsche Verlag_ ist 60 Jahre alt geworden, der als Verlag für sozialistische deutsche Gegenwartsliteratur begonnen hatte. Neben „Aufbau“ war er der DDR-Verlag für Erstlingswerke. 1997 musste er Insolvenz anmelden und wurde von einer Druckerei-Familie gekauft. Veronika Schneider, die neue Inhaberin, setzte auf ein breiter gefächertes Angebot, das auch Medizin- und Juratitel beinhaltete. Die Belletristik wurde abgebaut. Erst mit dem Jubiläumsjahr soll diese als tragende Säule wieder neu aufgebaut werden.
Der Katalog zur Kunstausstellung _Documenta_ vom 16. – 23.September 2007 wird nicht mehr beim _Verlag Hatje Cantz_, der den Katalog drei Jahre herausbrachte und eigentlich auch weiterhin produzieren wollte, erscheinen. Die Veranstalter haben den Auftrag an _Taschen Verlag_ vergeben, der weltweit über bessere Vertriebswege verfügt.
_Europa Verlag_ hat Insolvenz angemeldet, aber der Inhaber Arne Teutsch gründete mit Gesellschafter Sparkasse Leipzig sofort den _Neuen Europa Verlag_, dessen Herbst-Programm sich an der eigentlichen Tradition des 1933 in Zürich gegründeten Europa-Verlages orientiert, mit Krimis, historischen Romanen und Sachbüchern. Ein Teil der Rechte-Inhaber des Europa-Frühjahr-Programmes hat seine Titel auch schon wieder in den neuen Verlag eingebracht.
Der _Georg Olms Verlag_ ist Partner eines vom _Moses Mendelssohn Zentrum_ initiierten Projekts: der _“Bibliothek verbrannter Bücher“_. Rund 300 vom NS-Regime verbotene Titel sollen bei Olms neu aufgelegt werden.
Bei _Suhrkamp_ dreht sich weiterhin das Personalkarussell. Durch die Verlagsneugründungen „Verlag der Weltreligionen“ und „Edition Unseld“ wurde eine Neuorganisation der Programmzuständigkeiten notwendig. Rainer Weiss sollte die Geschäftsführung vom Insel-Verlag an die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz abgeben und wäre lediglich Programmgeschäftsführer von Suhrkamp geblieben. Diese Aufgabenverteilung wollte er nicht mittragen und hat den Verlag verlassen. Unseld-Berkéwicz hat nun auch die Programmgeschäftsführung von Suhrkamp übernommen. Der Posten von Weiss wird nicht neu besetzt werden.
Darüber, dass das _Kursbuc_h von Rowohlt im Sommer letzten Jahres zum Zeitverlag wechselte, hatten wir berichtet. Wirtschaftlich hat sich das noch nicht gelohnt, aber der neue Verlag wollte auch vor allem das Journal mit seiner lebendigen Tradition am Leben erhalten. Das Kursbuch ist nicht die Fortsetzung der „Zeit“ mit anderen Mitteln geworden, sondern völlig eigenständig geblieben. Einiges hat sich dennoch verändert: Das neue „Kursbuch“ ist mit Bildstrecken und moderner Typografie leserlicher geworden. Das alte „Kursbuch“ war zudem monothematisch aufgebaut, was aus enzyklopädischer Sicht sinnvoll war, aber Käufer, die das jeweilige Thema nicht interessierte, ausschloss. Das neue Kursbuch ist themengespreizter, wenn auch miteinander verknüpft. Zeiten wie früher, wo sich eine Kursbuch-Ausgabe mehr als 100.000-mal verkaufte, sind nicht mehr zu erwarten. Der Ursprung des Magazins lag in den politisch aufgeladenen 60er Jahren, deren Brisanz heute gesellschaftlich nicht mehr vorhanden ist.
Im letzten Jahr hatten zwei Frauen – Mutter und Tochter – in vielen Instanzen das Verbot des Romans _“Esra“_ von _Maxim Biller_ durchgesetzt und damit eine große Debatte über Kunstfreiheit ausgelöst. In den Buchwurminfos hatte ich darüber berichtet. Nun setzen die beiden nochmals nach mit einer Forderung auf Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 100.000 Euro, die sie aufgrund der richterlich attestierten Verletzung ihres Persönlichkeitsrecht stellen. Zahlen sollen dies der Kiepenheuer & Witsch Verlag sowie der Autor selbst. Verhandelt wird darüber am 9. August beim Landgericht München. Über 100 Prominente – Autoren, Verleger, Theaterleute, darunter die Nobelpreisträger Günter Grass und Elfriede Jelinek – haben sich einem Aufruf gegen das Verbot und für die Freiheit der Kunst ausgesprochen. Bei _Königshausen & Neumann_ ist derweil auch schon ein Buch erschienen, das sich mit dem gerichtlichen Verbot beschäftigt: _Bernhard von Becker – Fiktion und Wirklichkeit im Roman, Der Schlüsselprozess um das Buch „Esra“_. Dabei geht es über die Entrüstung über das genannte Buch hinaus um das generelle Verhältnis zwischen den Persönlichkeitsrechten Einzelner und der Kunstfreiheit. Verschlüsselte zeitgenössische Persönlichkeiten in Romanen zu verpacken, ist ja nichts Ungewöhnliches, und das Ganze nennt sich als Genre „Schlüsselroman“. Im Buch werden die wichtigsten solcher Fälle vorgestellt, wobei Thomas Manns „Mephisto“ neben in jüngerer Zeit Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ wohl die bedeutendsten darstellen. Breiten Raum nehmen dabei auch die gegensätzlichen Rechtspositionen im Konflikt ein. Irgendwie bleibt der Eindruck, dass einen mit Bücherverboten generell ein mulmiges Gefühl beschleicht, vor allem weil in den letzten Jahren Bücherskandale und damit verbundene Verbote immer häufiger auftreten. Und es geht gar nicht mehr wie früher um unsittliche oder „kriminelle“ Inhalte, sondern um Inhalte im Bereich zwischen Wirklichkeit und Fiktion, durch die sich Einzelne in ihrer öffentlichen Darstellung gefährdet sehen konnten. Das Szenario lautet also nicht: Die Öffentlichkeit gegen ein Buch, sondern: Ein Einzelner gegen die durch das Buch hergestellte Öffentlichkeit. Die Auseinandersetzung selbst liest sich durchaus wie ein Krimi.
Das Buch _“Der Deutschland-Clan“_ von _Jürgen Roth_ bei _Eichborn_ bekam aufgrund von Beanstandungen des Alt-Bundeskanzlers _Gerhard Schröder_ ebenfalls Ärger. Der Verlag schwärzt nun die Textstellen, die im Zusammenhang mit Schröders Aufsichtsratsmandat beim russischen Energiekonzern Gasprom stehen und verzichtet auf gerichtliche Auseinandersetzungen. Davor wurden bereits 20.000 Exemplare verkauft und es steht auf den vorderen Plätzen der „Focus“-Bestsellerliste Sachbuch. Schon einmal hatte 2005 Schröder eine einstweilige Verfügung gegen Eichborn erwirkt. Damals ging es um das _“Schwarzbuch VW“_ von _Hans-Joachim Selenz_.
Eine ganz andere Art von Zensur erfahren derzeit Klassiker in England. Mit dem Furor der _Political Correctness_ passen die englischen Hausverlage ihre Bücher heutigen Sprach- und Lebensnormen an. Z. B. Enid Blyton („Fünf Freunde …“). Dort darf die Lehrerin keine Ohrfeigen mehr austeilen, Jungs und Mädchen teilen sich häusliche Pflichten. Aus Klassikern der Kinderliteratur werden weich gespülte Abenteuer für die Jugend von heute, die ihre Wurzeln aus vergangener Zeit leugnen.
Erwähnenswerte Nachträge zum Erscheinen der Taschenbuchausgabe und zum Filmstart von _Dan Browns „Sakrileg“_ können nicht ausbleiben. In der vorherigen Kolumne berichtete ich über die weltweite Kritik christlicher Kreise, aber erstaunlicherweise findet das sogar selbst in Deutschland statt. Viele Buchhandlungen, die ihre Schaufenster entsprechend gestalteten, bekamen Ärger mit manchen ihrer Kunden oder vorbeigehenden Bürgern. Die Regensburger Dombuchhandlung musste aufgrund solcher Meinungsmache ihr Schaufenster sofort wieder umdekorieren. Aber auch manche Kinobesitzer wurden mit Anfeindungen konfrontiert. In China ist übrigens von den Behörden die Kinoausstrahlung des „DaVinci Codes“ verboten worden, nachdem er dort bereits zehn Wochen lang lief. Spekuliert wird darüber, dass er zu gut bei den chinesischen Christen angekommen sei. Die Rechnung für die Branche ging voll auf. Das Interesse am Bestseller ist tatsächlich noch mal gestiegen und zieht auch die anderen Dan-Brown-Titel noch mal mit an. Allerdings laufen jetzt natürlicherweise vor allem die Taschenbuchausgaben. Ob als Hörbuch-CD, Buch oder Film bleiben Dan Browns Spitzentitel unangefochten in allen Medienkategorien führend. Unter den Hörbuch-Bestsellern räumt Lübbe-Audio mit „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Meteor“ auf den ersten Plätzen ab. Dieser Erfolg wird von einer immer größer werdenden Zahl von Nachahmertiteln zum Thema natürlich ebenso genutzt. Neben dem im letzten Buchwurm-Info empfohlenen „Da Vinci-Tarot“ gibt es auch das Spielkarten-Deck „Da Vinci Code“ mit 55 Spielkarten für Skat, Rommé, Canasta, Poker etc.
Die christliche Kritik an manchem Bestseller fing allerdings nicht erst mit „Sakrileg“ an, sondern schon – was fast wieder vergessen ist – bereits mit _Harry Potter_. Der heutige Papst Benedikt XVI. hatte bereits als früherer Chef der „vatikanischen Glaubenskongregation“ – noch als Kardinal Ratzinger – mehrmals über die Gefährlichkeit der Harry-Potter-Romane für die Erziehung der Jugend lamentiert. Nach Ansicht der Kirche sind die darin geschilderten Vorgänge um Magie und Zauberei vom „Teufel“ eingegeben und würden daher die Heranwachsenden zur „Sünde“ verleiten. Nicht anders in den USA, wo unter Präsident Bush (der den Irak-Krieg als von Gott beauftragt bezeichnet und wo jede Parlamentssitzung mit Gebet eröffnet wird) die christliche Lobby besonders stark ist. Im Bundesstaat Florida haben christliche Interessengruppen eine Verordnung durchgesetzt, wonach Kinder und Jugendliche eine schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern haben müssen, um Harry-Potter-Bücher aus Schulbibliotheken ausleihen zu dürfen. Mittlerweile gibt es in den USA sogar schon Kindergärten, in denen man den Kindern bestimmte Malfarben vorenthält, damit sie keinen Regenbogen malen können. Der religiöse Hintergrund ist, dass der Regenbogen seit langem schon als Zeichen Satans gilt, aber auch weil der Regenbogen in Homosexuellen-Kreisen als Symbol genutzt wird. Einige Eltern hatten Kindergärten mit gerichtlichen Klagen gedroht, wenn sie ihren Kindern erlauben, derart „sündige“ Bilder zu malen und sie dadurch homosexuell würden …
_Religiöse Bücher_ haben insgesamt aber Hochkonjunktur. Letztes Jahr vor allem wegen der Papstwahl, wo sich um Benedikt XVI. ja eine regelrechte Popkultur aufgebaut hat und 2005 zu einem Umsatzplus von 16 % für religiöse Bücher führte. Das hat sich aber ein Jahr später noch nicht – wie eigentlich erwartet – normalisiert. Die Nachfrage nach religiösen Büchern bleibt erhöht und das Potenzial scheint noch lange nicht ausgeschöpft.
In der letzten Buchwurminfo berichtete ich auch über die Repressalien, die _Peter Handke_ derzeit erleidet, weil er eine Rede bei der Beerdigung Milosevics gehalten und auch zuvor wegen des Balkankrieges gegen die „Mainstream“-Propaganda berichtet hatte. Nun hatte eine Jury entschieden, dass er den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten sollte. Alle vier Ratsparteien im Stadtrat haben diese Preisvergabe in einer Ratssitzung wegen seiner pro-serbischen Haltung gestoppt. Aus Protest gegen die Einmischung der Politik haben inzwischen zwei Mitglieder der Jury des Heine-Preises, Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefebvre, ihren Rückzug aus dem Gremium erklärt. In ihrer Begründung wandten sie sich unter anderem dagegen, für „politische Ränkespiele“ instrumentalisiert zu werden. Peter Handke den Pries zu verweigern, hat vor allem auch die Auszeichnung selbst beschädigt. Handke verzichtet aufgrund der „Pöbeleien“ auf den Preis. Es hat sich aber inzwischen eine Initiative _“Berliner Heinrich Heine Preis für Peter Handke“_ gegründet, die den Autor damit doch noch ehren will. Der Suhrkamp-Verlag steht hinter seinem Autor und schaltet ganzseitige Anzeigen mit Handkes literarischen Verdiensten. Die Anmaßung, dass sich Stadtratsvertreter anmaßen, einer Fachjury in den Rücken zu fallen, löst inzwischen sogar eine überfällige Debatte über Preisvergaben und Vetternwirtschaften im Literaturbetrieb aus.
Ausgerechnet zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums der Wochenzeitung _“Junge Freiheit“_ Anfang Juni kam es nun noch einmal zu einem unerfreulichen Vorfall. Mitarbeiter der Zeitung verteilten in Berlin auf der Straße vor den Zentralen des Springer Verlages (Bild, B.Z., Welt, Berliner Morgenpost), des „Tagesspiegel“, der „Berliner Zeitung“ und der „taz“ kostenlose Jubiläumsausgaben. Mit Ausnahme bei der „_taz_“ verlief das überall ohne Zwischenfälle. Dort wurden sie von Mitarbeitern der linksliberalen Zeitung als „Faschisten“ beschimpft, bedroht und geschlagen. Auch Frauen der „Jungen Freiheit“ wurden angegriffen. Die Polizei musste einschreiten und die „taz“-Mitarbeiter darüber aufklären, dass es sich keineswegs um Hausfriedensbruch handelt, wie diese versuchten zu argumentieren. Im Gegenteil wird gegen die „taz“-Mitarbeiter jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Die „taz“ selbst distanziert sich nicht von den Ereignissen, weswegen die „Junge Freiheit“ die Journalisten- und Zeitungsverlegerverbände dazu aufgerufen hat, die „taz“ zu einer Klärung des Falles und zu einer Verurteilung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung aufzufordern.
In der Türkei wurde erneut gegen eine Autorin Anklage erhoben: _Elif Shafak_ lässt in ihrem Roman „Father and Bastard“ Erzählfiguren von „Genozid-Überlebenden“ und „türkischen Schlächtern“ reden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verunglimpfung des türkischen Staates und der Nationalversammlung. Auf Deutsch wird der Titel bei Eichborn erscheinen.
Dagegen geschehen auch positive Dinge: Die Landesregierung von Baden-Würtemberg will die Pressefreiheit besser schützen. Justizminister _Ulrich Goll_ (FDP) kündigt eine Bundesratsinitiative an, um die Strafverfolgung von Journalisten zu erschweren. Zukünftig sollen Hausdurchsuchungen in Wohnungen von Journalisten und die Beschlagnahme von Recherchematerial nur noch mit richterlichem Beschluss möglich sein. Bislang galt dies nur für Redaktionsräume. Zudem soll es erschwert werden, Fernmeldedaten von Journalisten zu erfassen.
Im Mai wurde durch den Hörverlag zum ersten Mal der _PRIX HÖRVERLAG _ vergeben. Ziel des neuen Preises ist es, die freie Hörspielszene zu stärken. Der _1. Preis_ ging an den Hörspielautor _Stefan Finke_ mit seiner assoziativen Soundcollage _“Familienalbum. Innerer Monolog für Stimmen, Musik und Geräusche“_, produziert für den Bayerischen Rundfunk. Die Jury – besetzt mit dem Autor Wiglaf Droste, Udo Kittelmann (Museum für Moderne Kunst in Frankfurt), dem Musiker und Komponisten Hans Platzgumer, der Schauspielerin Wiebke Puls, dem Literaturkritiker Wilhelm Trapp und Verlegerin Claudia Baumhöver – stellte die drei besten unter 120 Einsendungen in Wort und Klang vor. Den zweiten Preis konnte das Berliner Autoren-Duo SEROTONIN (_Marie-Luise Goerke_ und _Matthias Pusch_) für den Beitrag _“Scheitern für Fortgeschrittene“_, produziert im Auftrag des WDR, entgegennehmen. Mit _“In’ Sack haun“_, ebenfalls eine WDR-Produktion, kam der Berliner _Hermann Bohlen_ auf Platz 3. Der PRIX HÖRVERLAG, der einzige Hörspielpreis, der von einem Verlag vergeben wird, wird alle zwei Jahre ausgeschrieben und hat das Ziel, unabhängige HörspielmacherInnen zu fördern und ihren Werken zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Münchner Hörbuch-Marktführer will freie Kreative ermutigen, die Möglichkeiten des Formats Original-Hörspiel in alle Richtungen auszuloten. Gleichzeitig sollen die Werke den Autoren und ihrem Publikum gleichermaßen Lust auf akustische Umsetzungen machen.
_Hans Pleschinski_ erhält im Oktober den _Hannelore-Greve-Preis der Hamburger Autorenvereinigung_, einen der höchstdotierten Literaturpreise Deutschlands. Bekannt wurde der Autor 2002 mit seinem Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ bei dtv.
Der _Deutsche Kulturförderpreis_ ging an das _Bankhaus Metzler_ für dessen Engagement beim Wettbewerb _“Ohr liest mit“_ des Börsenvereins, bei dem Schüler literarische Vorlagen in Hörspiele und Features umsetzen. Der Preis wird vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI vergeben und zeichnet das herausragende kulturelle Engagement von kleineren, mittleren und großen Unternehmen aus.
Mit dem _Hermann-Hesse-Förderpreis_ wurde die Literaturzeitschrift _Sprache im technischen Zeitalter_ ausgezeichnet. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift ist seit den frühen 1990er Jahren ein führendes Forum für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Das Magazin ist eine empfehlenswerte intelligente und leserfreundliche Verbindung von Literatur, Literaturwissenschaft und Essayistik.
Das _“Goldene Buch“_ der _Stiftung Lesen_, mit der seit 2005 Persönlichkeiten geehrt werden, die sich der Leseförderung verdient gemacht haben, ging an _Ulrich Wechsler_.
Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den deutschen Soziologen und früheren Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, _Wolf Lepenies_, zum diesjährigen Träger des _Friedenspreises_ gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 8. Oktober 2006, in der Paulskirche statt und wird live im Ersten Deutschen Fernsehen übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2006 Wolf Lepenies und ehrt damit den wissenschaftlichen Schriftsteller, den anschaulich schreibenden Biographen, den stilsicheren Essayisten, der durch Wort und Tat belegt, dass zwischen Verhalten und Wissen, zwischen Moral und Wissenschaft ein unauflöslicher Zusammenhang besteht. Zwischen den in Kunst und Wissenschaft verbreiteten Haltungen von Enthusiasmus und Skepsis hat sich Wolf Lepenies für eine dritte Haltung entschieden: für den intellektuellen Anstand, wie er ihn bei Diderot vorgebildet sieht. Er hat den ,handelnden Intellektuellen’ in der Geschichte gesucht und ihn als einen Typus beschrieben, der für das Gemeinwohl einsteht. In den 15 Jahren seines Rektorats wurde das ,Wissenschaftskolleg zu Berlin’ zu dem vielleicht anregendsten und freiesten Ort Europas, zu einer Begegnungsstätte von westlicher Rationalität und östlicher Weisheit, von Kunst und Wissenschaft, zu einer Heimstätte für moderne Musik und Literatur. Den Samen dieses freiheitlichen Denkens hat er nach dem Fall der Mauer mit großer Tatkraft auch in anderen Städten und Institutionen gepflanzt, in St. Petersburg und in Warschau, in Sofia, in Bukarest, in Budapest und in Mali, und dadurch Völker und Kulturen im friedlichen Gespräch zusammengeführt. An die Stelle des Drohbildes vom ,Zusammenprall der Kulturen’ hat er das Hoffnungsbild kultureller Lerngemeinschaften gesetzt und solche Gemeinschaften in seinem Umkreis beispielhaft begründet. Er hat dem Frieden unter den Völkern einen Wurzelgrund gegeben. Dafür danken wir ihm.“ Wolf Lepenies, geboren am 11. Januar 1941 im ostpreußischen Deuthen (Allenstein), schloss sein Studium der Soziologie 1967 in Münster mit der Dissertation „Melancholie und Gesellschaft“ ab, die zwei Jahre später als Buch erschien. 1971 habilitierte er an der Berliner Freien Universität, an der er bis 2006 als Professor lehrte. Nach Auslandsaufenthalten in Paris und als Mitglied der School of Science des renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, wurde Lepenies 1986 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. In seiner Amtszeit bis 2001 initiierte er schon 1994 ein breit angelegtes Forschungsprogramm zum Thema Islam und intensivierte den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch vor allem mit den osteuropäischen Nachbarn durch die Einrichtung von Wissenschaftszentren. Lepenies ist weiterhin „Permanent Fellow“ des Wissenschaftskollegs; seit 2004 gehört er dem Aufsichtsrat der Axel-Springer AG an. Geehrt wurde Wolf Lepenies unter anderem mit dem Alexander-von-Humboldt-Preis für seine Verdienste um die deutsch-französische wissenschaftliche Zusammenarbeit (1984), dem Karl-Vossler-Preis (1998), dem Leibniz-Ring (1998), dem Joseph-Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften für sein Lebenswerk (1998), dem Theodor-Heuss-Preis gemeinsam mit Andrei Pleşu für ihr europa- und demokratiepolitisches Engagement (2000) sowie mit der Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2003). 1994 hielt er in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf den Friedenspreisträger Jorge Semprún. Mit seinen Werken „Melancholie und Gesellschaft“ (1969), „Das Ende der Naturgeschichte“ (1976) und zur Soziologie der Gesellschaft im 19. Jahrhundert lieferte Wolf Lepenies wichtige Beiträge zum modernen gesellschaftlichen Selbstverständnis. 1981 brachte er das vierbändige Werk „Geschichte der Soziologie“ mit Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität dieser Disziplin heraus. Als sein Hauptwerk gilt die Studie „Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft“ (1985) über die Etablierung der Sozialwissenschaften und ihre nationaltypischen Besonderheiten in England, Frankreich und Deutschland. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Lepenies mit seiner Biographie über den französischen Literaturkritiker „Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne“ (1997) bekannt. Sein neuestes Buch „Kultur und Politik. Deutsche Geschichten“ über das prekäre Verhältnis von Politik und Kultur zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert erscheint im Juli 2006. Wolf Lepenies ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Berlin.
Der rumänische Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Pleşu, ehemaliger Außenminister seines Landes, wird die Laudatio auf Wolf Lepenies halten. Die Verleihung findet am 8. Oktober 2006 in der Frankfurter Paulskirche statt und wird ab 11 Uhr im ersten Programm der ARD live übertragen. Andrei Pleşu, geboren am 23. August 1948 in Bukarest, wurde nach seiner Promotion 1980 Dozent an der Akademie der Schönen Künste, 1982 aber aus politischen Gründen entlassen. 1989 wurde er in das Dorf Tescani verbannt, als er sich mit dem oppositionellen Dichter Mircea Dinescu solidarisierte. Nach der Revolution 1989 wurde Pleşu Kulturminister, seine Amtszeit endete 1991 mit dem Sturz der Regierung. Er lehrte fortan Religionsphilosophie in Bukarest und übernahm Gastprofessuren in Berkeley und in Berlin, wo er als Fellow im Wissenschaftskolleg forschte. Von 1997 bis 1999 war Andrei Pleşu parteiloser Außenminister. In dieser Zeit intensivierte er die Annäherung an den Westen und schuf wichtige Voraussetzungen für die mittlerweile erfolgreichen Beitrittsverhandlungen Rumäniens zur Europäischen Union. Pleşu ist Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Akademien. Für seine politische und literarische Tätigkeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt in Bukarest, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Andrei Pleşu gehörte 1994 zu den Gründern des ‚New Europe College’, das er nach dem Vorbild des Institute for Advanced Studies in Princeton ausbaute und bis heute leitet. Zu den Unterstützern dieser und anderer Wissenschaftseinrichtungen in Osteuropa zählt der Friedenspreisträger 2006.
Für seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ erhielt _Daniel Kehlmann_ den diesjährigen _Heimito von Doderer-Literaturpreis_. Ebenso ging der _Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung_ an ihn.
Den _Ingeborg-Bachmann-Preis_ erhielt _Kathrin Passig_. Bemerkenswert dabei ist, dass diese Autorin bislang nur einen einzigen literarischen Text – die Erzählung „Sie befinden sich hier“ – geschrieben hat. Nach eigener Aussage hat sie dafür „insgesamt weniger als einen Tag gebraucht“. Sie überzeugte so sehr, dass sie auch den Kelag-Publikumspreis erhielt. Bislang war sie als reine Sachbuch-Autorin bekannt, was sie auch fortführen wird.
_Wolfgang Büscher_ erhielt für sein „Deutschland, eine Reise“ (Rowohlt) den _Ludwig-Börne-Preis_.
Am 11. Juli wäre _Herbert Wehner_ 100 Jahre alt geworden. Als eine der herausragendsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte verstarb er 1990. Zum Jahrestag fand in Dresden eine Großveranstaltung des Herbert-Wehner-Bildungswerkes statt, an der u. a. Helmut Schmidt, Greta Wehner, Hans-Jochen Vogel und Franz Müntefering teilnahmen. Aktuell dazu ist bei dtv von Christoph Meyer die Biografie „Herbert Wehner“ erschienen.
_Manfred Steffen_, einer der erfolgreichsten deutschen Hörspiel- und Synchron-Sprecher, feierte am 28. Juni seinen 90. Geburtstag. Steffen hat nahezu alle Bücher von Astrid Lindgren auf Tonträger gelesen und ist damit zu DER Stimme der Autorin im deutschsprachigen Raum geworden.
50. Geburtstag feierte am 28. Juni der Illustrator _Peter Knorr_, von dem sehr viele der Titelbilder im Kinder- und Jugendbuch-Programm von Beltz & Gelberg zu finden sind.
60. Geburtstag hatte am 23. Juni _Rafik Schami_, der einer der erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache ist. Die Gesamtauflage seiner Bücher bei dtv liegt über einer Million.
Am 18. Oktober 2006 wäre _Klaus Kinski_ 80 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint im Hörbuch-Programm der Deutschen Grammophon eine weitere Edition (4 CDs im Digipack) „Kinski spricht Deutsche Dichtung“ (Goethe, Büchner, Schiller, Hauptmann, Brecht und Nietzsche).
Am 11. Juli war der 50. Todestag von _Werner Riegel_, der 1956 mit erst 31 Jahren an Krebs starb. Von 1952 bis 1956 gab er die Literaturzeitschrift „Zwischen den Kriegen“ heraus, in der er politische Leitartikel, Gedichte und Aufsätze veröffentlichte. Dabei kritisierte er zumeist die frühe deutsche Nachkriegsliteratur der 50er Jahre. Er schätzte stattdessen vor allem George, Trakl, Benn und Brecht. Peter Rühmkopf bezeichnete Riedel als den „Revisionisten des Expressionismus schlechthin“. Auch Arno Schmidt schätzte diesen deutschen Dichter, der in der Geschichte der deutschen Literatur ansonsten wenig Bekanntheit behielt.
Aber auch einer der bedeutendsten deutschen Dichter hatte am 7. Juli den 50. Todestag: _Gottfried Benn_. Er begann bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu schreiben, aber vor allem sein lyrisches Spätwerk wie z. B. die „Statischen Gedichte“ von 1948 machten ihn zu einem der ganz Großen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Von Emigranten-Kollegen blieb er immer kritisiert, schrieb er doch 1933 „Der neue Staat und die Intellektuellen“, aber er bekam 1951 den Büchner-Preis und 1952 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Für die Linke zählt Benn zu den Nazis, obwohl er nicht dazugerechnet werden kann. Zwar kamen keine eindeutige Distanzierung, aber sehr wohl scharfe Kritiken von seiner Seite gegenüber dem Nationalsozialismus. Auch war er nie in der NSDAP Mitglied gewesen.
Am 1. Juni ist _Hans-Christian Kirsch alias Frederik Hetmann_ verstorben.
Im Juli ist Robert Gernhardt im Alter von 68 Jahren in Frankfurt am Main verstorben. Bekannt war er für seine satirischen Texte und Karikaturen. 1964/65 war er Redakteur der Satire-Zeitschrift „Pardon“. Zusammen mit Friedrich Karl Waechter, F.W. Bernstein, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid und anderen gründete er die „Neue Frankfurter Schule“, deren Publikationsorgan das Satiremagazin „Titanic“ wurde. Mit seinen zahlreichen Gedichtsbänden wurde er einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache und erhielt 2004 den Heinrich-Heine-Preis. Posthum erschien nun sein noch selbst fertiggestellter Gedichtband „Später Spagat“ bei S. Fischer. Im nächsten Jahr folgt noch der Erzählband „Denken wir uns“. Der umfangreiche literarische Nachlass ging an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.
Das neue _Literaturmuseum der Moderne_ in Marbach (wir hatten schon berichtet) wurde nun am 6. Juni durch Bundespräsident Horst Köhler eröffnet. Auf mehr als 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeigt es in einer Dauerausstellung die bedeutenden Bestände der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, die im angeschlossenen Deutschen Literaturarchiv gesammelt und bewahrt werden. Im Zentralraum werden 1300 Objekte dauerpräsentiert; daneben steht ein Multimediaraum zur Verfügung; der dritte Saal dient Sonderausstellungen. Seit dem 7. Juli ist eine Ausstellung zu Gottfried Benn zu sehen, der auch zwei Tagungen angegliedert waren (Benns Modernität – 7. – 9.Juli, und Benns Nietzsche – 26. August). Das weltweit einzige Literaturmuseum verfügt über 1200 Textnachlässe, darunter 250 aus Gelehrtenhand; dazu kommt eine Spezialbibliothek von 750.000 Bänden. Der Museumsbau wurde von David Chipperfield in 21 Monaten für 11,8 Millionen Euro errichtet.
Auch im Internet hat das Literaturmuseum Neues zu bieten. Unter www.literaturportal.de finden Besucher unter anderem einen umfangreichen Literaturkalender, der das literarische Leben im deutschsprachigen Raum in all seinen Facetten dokumentiert. Das Archiv erweitert auf diese Weise seine dokumentarischen Leistungen und richtet seinen Scheinwerfer auch auf die aktuelle Gegenwart des Literaturbetriebs. Nutzer des neuen Angebots können gezielt nach Terminen von Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen mit literarischem Bezug suchen. Interessante Zusatzmodule komplettieren das Angebot.
Im Mai fand zum ersten Mal nach 20 Jahren der _72. internationale PEN-Kongress_, zu dem mehr als 450 Delegierte und Autoren aus aller Welt anreisten, wieder in Deutschland statt. Dem PEN (1921 gegründet) gehören etwa 140 Autorenverbände in 100 Ländern mit insgesamt 18 000 Mitgliedern an. Dazu gehört auch das „Writers in Prison Comitee“, das konkrete Fälle verfolgter oder inhaftierter Autoren verhandelt, Maßnahmen berät und international diplomatischen Einfluss genießt. Die Tagung in Berlin stand unter dem Motto „Schreiben in friedloser Welt“ und wurde von Bundespräsident Horst Köhler und dem Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eröffnet, der unter starkem Applaus die Bushregierung und ihre Kriegspolitik im Irak kritisierte.
Dem _Goethe-Institut_ geht nach jahrelangen Mittelkürzungen das Geld aus, um seinen Verpflichtungen zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland und zur Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit im bisherigen Umfang gerecht zu werden. Deswegen fordert es die Politiker auf, der „fortgesetzten Vernachlässigung auswärtiger Kulturarbeit ein Ende zu machen und weiteren Schaden von ihr abzuwenden“.
Nach einigen Querelen heißt von nun an die Deutsche Bibliothek doch _Deutsche Nationalbibliothek_. Neu ist außerdem, dass der Sammelauftrag auch für Netzpublikationen gilt, und im Verwaltungsrat werden auch Bundestagsabgeordnete sitzen.
Dieses Jahr ist wie bereits geschildert „Indien“ Gastland der diesjährigen _Frankfurter Buchmesse_. Erwartet werden rund 200 indische Verlage und mehr als 20 indische Autoren. Geplant wird derzeit schon für die Folgejahre. 2007 ist Katalonien zu Gast. 2008 folgt die Türkei. Ursprünglich wollte Angela Merkel, dass die USA zu diesem Zeitpunkt kommen. Aber von Amerika kam dazu das „Nein“, weil dann doch Präsidentschaftswahlen wären. Scheinbar haben die eher Angst, dass dann aufgrund der PR Bush an Stimmen verlieren würde. Für 2009 ist man mit China im Gespräch und 2010 ist Argentinien angedacht.
In der _Reform des Börsenvereins_ geht es voran. Im April hatte die Abgeordnetenversammlung, die sich nach Reformplänen selbst abschaffen müsste, mehrheitlich dieses Thema bereits zum zweiten Mal auf den Herbst vertagt. Auf den Buchhändlertagen im Mai wurde aber deutlich, dass die Mitgliederbasis die Reform will. Die Abgeordnetenversammlung wurde aufgefordert, zu einem klaren Ergebnis zu kommen (d.h. der Auftrag der Basis ist es, sich abzuschaffen), was auch Chancen auf Zustimmung hat, denn es wird künftig ein Branchenparlament geben, das alle Seiten zufrieden stellen kann.
|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|