Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?
Er schreibt:
„Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“
Im malerischen Städtchen Dunedin, ganz im Süden der Südinsel Neuseelands, verbringt Inspektor Parnell seinen Urlaub. Vor allem die Pinguin-Kolonien bieten ein faszinierendes Schauspiel für Touristen. Als im Nachbarzimmer seines Bed & Breakfast eine Leiche gefunden wird, ist es für Parnell jedoch mit der Ruhe vorbei. Neben der Leiche liegen nicht nur schwarze Pinguin-Federn, sondern Parnell gerät selbst unter Mordverdacht. Durch einen alkoholbedingten Filmriss kann er sich an nichts mehr erinnern. Wie soll er seine Unschuld beweisen? (Verlagsinfo) K. C. Crowe – Schwarze Bucht. Neuseeland-Krimi (Inspektor Parnell 02) weiterlesen →
Es könnte so idyllisch sein: ein entlegenes Tal, ein einsames Forsthaus, sympathische Aussteiger und viel, viel Wald. Doch dann liegt die Leiche eines Mannes in einem Hochsitz, und Kommissarin Judith Krieger, kettenrauchend und chronisch müde, beginnt zu ermitteln. Nach einer Reihe von Fehlern wird sie beurlaubt, aber ihr Kampfgeist erwacht, als eine zweite Leiche im Wald gefunden wird – in einem Bombenkrater. (abgewandelte Verlagsinfo)
|Die Autorin|
Gisa Klönne, geboren 1964 an einem unbekannten Ort. Studium der Germanistik und Anglistik sowie Politologie, außerdem Theater-, Film und Fernsehwissenschaften an in- und ausländischen Universitäten.
Nach erfolgreichem Abschluss Festanstellungen in verschiedenen Zeitschriftenredaktionen. Außerdem umweltpolitisch korrekt beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland) in verschiendenen Bereichen tätig. Seit 1999 ist Gisa Klönne selbständig und beschäftigt sich neben der Mitarbeit in zahlreichen Verbänden mit dem Schreiben von Romanen und Herausgeben von Anthologien.
Sie hält Seminare zu Themen wie „Reportage und Porträt, Schreiben fürs Internet, Pressearbeit und Kreatives Schreiben“ und ist nicht zuletzt als Reisereporterin unterwegs. Zurzeit lebt Gisa Klönne in Köln und der zweite Krimi ist in Arbeit. (Alle Angaben stammen von der Webseite http://www.koeln-krimi.de und lassen sich unter der Autorenhomepage http://www.gisa-kloenne.de nachprüfen.)
|Die Sprecherin|
Edda Fischer hat sich einen Namen gemacht als Theater- und Kino-Schauspielerin sowie als Sprecherin (Literatur, Lesung). Sie trat in Serien wie „Praxis Bülowbogen“, „SOKO Köln“, „Tatort – Willkommen in Köln“, in „Ohrenweide“ (WDR) und sogar in „Manta – der Film“ auf. Sie wirkte an Perry-Rhodan-Hörspielen mit, trat zudem in Literatursendungen auf. Sie wohnt in Düsseldorf. (Verlagsinfo)
|Der Regisseur|
Stefan Hackenberg studierte Jura, Anglistik und Germanistik in Köln. Ab 1986 war er Literaturdozent und Autor, ab 2000 arbeitete redaktionell und journalistisch für Fachmagazine, Hörfunksendungen wie die „Ohrenweide“ (WDR) und wurde Regisseur für Computerspiele (!) und bei künstlerischen Hör-Produktionen. Er bearbeitet Drehbücher, Hörbücher und Hörspiele. Lebt seit Jahren „bewusst“ in der Eifel. (Verlagsinfo)
_Handlung_
Es hätte wohl ein idyllischer Sonntag im Wald des Bergischen Landes zwischen Rhein und Sieg werden sollen, aber was Egbert Wiehl außer Pilzen noch findet, schlägt ihm schwer auf den Magen. Erst liegt da eine junge Frau in Joggerhosen am Boden, die sich die Seele aus dem Leib kotzt. Dann erst bemerkt er die Scharen von Krähen, die sich um einen Hochsitz versammeln und offenbar ein Festmal feiern. Es stinkt nach Verwesung …
|Ein Albtraum|
Kommissarin Judith Krieger, 38, hat wieder einen ihrer Albträume von ihrem verstorbenen Kollegen und Freund Patrick. Sie reitet auf einem Schimmel, der sie aus dem Wald auf offenes Feld hinausträgt. Sie kann nicht anhalten, wird mitgetragen … Judith hat schwere Schuldgefühle, dass sie Patrick hat für sich einspringen lassen und dass er bei diesem Kripo-Einsatz erschossen wurde. Das Telefon reißt sie aus dem Schlaf: Ein Toter wurde im Wald bei Unterbach gefunden. Ihr Boss Axel Millstedt sagt, sie muss für andere Kollegen einspringen, denn es ist Sonntag, der 26. Oktober. Bald ist Halloween.
Der Tote ist etwa 1,80 m groß, hat blondes Haar und trägt – soweit sie das anhand dessen, was die Krähen übrig gelassen haben, feststellen kann – blondes Haar. Er war muskulös, vielleicht ein Sportler. Daher findet Judith die selbstgedrehten Zigaretten auf dem Boden des Hochsitzes merkwürdig: Sportler können es sich kaum leisten, ihre Lunge mit Rauch und Teer zu belasten. War jemand bei ihm? Sie stellt einen Plastiksplitter sicher. Der Rechtsmediziner stellt fest, dass der Mann etwa sieben bis zehn Tage tot ist und zweimal von Schrotladungen durchlöchert wurde. Da wollte jemand sicher gehen, dass er auch wirklich stirbt.
|Die Försterin|
Die junge Frau am Tatort, die Egbert Wiehl gefunden hat, ist die lokale Försterin. Sie lebt in der Nähe im alten Forsthaus Unterbach. Und selbstverständlich besitzt Diana Westermann, 28, kraft ihres Amtes auch Schusswaffen, darunter auch Schrotflinten. Aber was sie der Kommissarin und ihrem hinterlistigen Kollegen Manfred Korzilius verschweigt: Sie hat immer eine Flinte unterm Bett versteckt, quasi als Reserve. Als man sie endlich in Ruhe lässt, bemerkt sie, dass die Waffe kürzlich benutzt wurde. Aber nicht von ihr …
|Der Ashram|
In der Nähe von Unterbach liegt das Gut Sonnenhof. Es ist mittlerweile in einen „Ashram“ umgewandelt worden, der hinduistische und buddhistische Ideale verbreiten will – ganz praktisch aber auch Yoga-Übungen anbietet. Die Nacht kostet stolze 65 Euro. Judith Krieger will den Leiter sprechen. Es sind zwei: Heiner von Stetten, der wie ein Buddha aussieht, und seine Frau Beate, die Judith misstrauisch beäugt. Keiner von ihnen weiß etwas über den Toten. Judith bemerkt eine junge nervöse Frau mit Rastalöckchen, die dem Anschein nach von einem rothaarigen Mann mit Froschaugen bewacht wird. Sie tauft ihn insgeheim Kermit. Sein Ashram-Name lautet Vidanya.
Die junge Frau heißt Laura und ist Diana Westermann bestens bekannt, denn Laura passt tagsüber auf die Försterhündin Ronja auf. Laura vermisst ihren Geliebten Andi, den sie schon am Gymnasium in Bonn kennen und lieben gelernt hatte. Nun vertreibt sie sich die nächtliche Einsamkeit mit Sex, den sie mit dem besitzergreifenden Jay hat. Sie wundert sich über seine häufige nächtliche Abwesenheit, die er nicht erklären will.
|Die Villa|
Der Tote wird als Andreas Wengert identifiziert, Sportlehrer am Schiller-Gymnasium in Bonn. Judith fährt mit Manfred Korzilius hin. Juliane Wengert ist eine schöne elegante Villenbesitzerin mit einem porzellanhaften Teint. Manni gibt ihr den Spitznamen „Miss Marmor“. Und als genauso weiß und hart erweist sie sich auch. Die vielreisende Dolmetscherin gibt vor, ihren Mann nicht zu vermissen, obwohl er schon zehn Tage auf einer Motorradtour unterwegs sein muss. Manni hat dessen BMW-Motorrad in einer Scheune bei Unterbach entdeckt: Der Zündschlüssel steckte noch. Würde das ein vernünftiger Mann tun?
Als er Frau Wengert eröffnet, man habe sein Motorrad verlassen im Wald gefunden, springt sie unvermittelt auf und rennt nach oben. Nachdem sich Manni und Judith von ihrer Überraschung erholt haben, springen sie auf und eilen ihr nach. Wo ist sie in diesem riesigen Haus? Judith hat den richtigen Riecher und findet das Badezimmer. Sie packt Frau Wengert und schreit sie an, was sie genommen hat, denn sie glaubt, die wolle sich vergiften, um sich der Gerechtigkeit zu entziehen. Manni taucht mit gezückter Pistole auf, weil er Schreie hört. Da endlich merken sie, dass die Wengert sich bloß erbrochen hat. Judith hat, traumatisiert von den Patrick-Albträumen, völlig überreagiert.
|Die Rote Karte|
Manni ist genervt und Chef Millstedt peinlich berüht. Er legt Judith nahe, sich beurlauben zu lassen und lässt sich von ihr sowohl Marke als auch Dienstwaffe aushändigen. Judith weint und geht nach Hause. Dort findet sie einen Abschiedsbrief von ihrem Freund Martin vor, der ihr die Wohnungsschlüssel zurückschickt. Heute geht auch alles den Bach runter, denkt sie und fängt an, sich zu besaufen.
Nun hat Manni Blut gerochen und schießt sich auf Juliane Wengert ein. Obwohl diese ihren Anwalt Albrecht Tornow hinzuzieht, ergeben sich laufend neue Verdachtsmomente gegen sie. Sie verschweigt zum Beispiel, dass ihr Mann eine Affäre mit einer – igitt! – minderjährigen Schülerin (obige Laura) hatte. Und sie verschweigt, dass sie eine Auslandsreise nach Jamaika gebucht hat. Manni schafft es, sie in U-Haft nehmen zu lassen. Schluss mit lustig. Die Villa wird durchsucht.
|Leiche Nummer zwei|
Aber Judiths „Instinkt“ sagt ihr, dass im Ashram etwas oberfaul ist, denn die beiden Leiter kommen ihr nicht koscher vor. Sie lässt sich dort aufnehmen, angeblich um sich vom Psychologen Heiner ihre Depression kurieren zu lassen, in Wahrheit, um seine Unterlagen nach Verschwundenen zu durchforsten, z. B. nach einer gewissen Darshan Maria Klein, die Manni sucht und deren Handy Diana Westermann inzwischen im Wald gefunden hat. Aber Darshan ist nie im indischen Ashram, wohin sie wollte, angekommen …
Hat nun Manni Recht mit seiner Theorie, dass die Wengert ihren Mann aus Eifersucht tötete, oder Judith, die glaubt, dass die Lösung im Ashram liege? Es steht eins zu null für Manni, doch dann finden Dianas Waldarbeiter eine weitere Leiche im Wald – in einem Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg.
Wenn Judith offiziell beurlaubt ist und sich dennoch an Tatorten herumtreibt, wie soll sie dann diesen wichtigen Fund ihrem Kollegen und ihrem Chef gegenüber rechtfertigen? Ihre Karriere, nein, ihre Zukunft liegt in Mannis Händen. Ist er ein Freund – oder ein Schwein?
_Mein Eindruck_
Dieser Krimi aus deutschen Landen ist ein sauberes Stück Arbeit. Endlich macht jemand mal klar, was der Kripoalltag an persönlichen Opfern von den Beamten fordert. Die Hauptfigur, Judith Krieger, leidet an einem Schuldtrauma und schafft es nur mit äußerster Mühe, ihren Job richtig zu machen. Schon wieder eine Leiche im Wald. Und dann noch eine weitere im Bombenkrater. Junge Frauen auf Abwegen. Sind Krieger und Diana Westermann die nächsten Opfer? Krieger begibt sich jedenfalls in die Schusslinie. So viel Pflichtbewusstsein (oder ist es ihr Trauma?) finden wir natürlich cool.
|Jenseits der Grenze|
Dass ihr Vorgehen keinesfalls vom Gesetz abgedeckt ist, ist ihrem Kollegen Manni natürlich ein Dorn im Auge, und wenn ihr Chef davon erführe, flöge sie achtkantig aus der Kripo. Man darf sich als Leser bzw. Hörer durchaus fragen, wie verbreitet ein solches riskantes Vorgehen ist. Andererseits kann es uns nur recht sein, denn offenbar gelangt die Ermittlerin nur auf diesem Weg zu den nötigen Informationen.
|Geliebte Heldin|
Im beginnenden Finale erstaunt es dann aber schon ziemlich, dass Krieger, die „Schwertkönigin“, wie „eine Amazone“ oder „Jägerin“ – die Autorin verliebt sich offensichtlich in ihre eigene Hauptfigur – das Kommando über die Kripostaffel übernimmt und auf diese Weise das Schlimmste verhindern kann. In dieser Stilisierung der Heldin verraten sich die Sehnsüchte und Wünsche der Autorin. Aber mal ehrlich: Jeder männliche Held, der zu Action taugt, wird mit den gleichen – natürlich maskulinisierten – Prädikaten versehen. Weicheier sind für den Müllberg der Geschichte.
|Ashram-Klischees|
Auch hinsichtlich der Darstellung des Ashrams schrammt die Autorin haarscharf an einem Sumpf von Klischees entlang: Meditierende Erleuchtungssucher, die von ihrem Guru hinters Licht geführt und ausgebeutet werden, kennt man schon, seit die Beatles 1968 von Maharishi Mahesh Yogi verarscht wurden und sich mit einem bissigen Lied („Sexy Sadie“) dafür revanchierten.
Und sexuelle Promiskuität? Herrje, die gibt’s wahrscheinlich in jedem Klüngel, der sich Orden oder Sekte oder Seminar nennt. Und außerdem wäre es auch furchtbar langweilig, wenn sich Männlein und Weiblein mal nicht außerhalb von Zucht und Ordnung zu „sportlichen Übungen“ träfen, denn sonst könnten ja gleich die Faschisten den Laden übernehmen. Ein solcher Überwachungsfanatiker scheint Vidanya zu sein, aber seine Gründe stellen sich als allzu menschlich und obendrein altruistisch heraus.
Die Autorin macht es daher ziemlich deutlich, dass es sich beim Ashram in Gut Sonnenhof nicht um das Domizil einer Sekte handelt, sondern um ein Seminarzentrum, das nicht von einem Guru, sondern von einem Psychologen (mit Buddhamerkmalen) und einer Frau (mit „Hexen“-Merkmalen wie rotem Haar) geführt wird. Die Macht liegt also nicht mehr alleine in den Händen von Männern. Daher fällt aber auch ein Teil des Verdachts auf die Ko-Leiterin des Ashrams. Eifersucht ist schließlich ein altbekanntes Motiv.
|Das Dunkel des Waldes|
Aber vor welcher Gefahr will der Roman eigentlich warnen? Dass junge Frauen zu Aussteigern werden und/oder einem Mann verfallen, der sie dann als seinen Besitz betrachtet, ist ja auch nicht gerade neu. Nein, so einfach ist es nicht. Lauras Spiel mit dem Feuer bezieht sich vielmehr darauf, dass sie gleich mit zwei Männern angebandelt hat: mit Andi Wengert und mit dem mysteriösen Jay aus dem Ashram. Sie traf sich mit beiden im nahen Wald zum Liebesspiel, mit der bekannten Folge, dass der eine den anderen kaltgemacht hat.
Dadurch verkehrt sich das Rückzugsgebiet Wald in sein Gegenteil. Es ist nun eine bedrohliche Wildnis, wo frau lieber Schutz suchen sollte als Abenteuer. Diana joggt hier zunächst ganz fröhlich, doch je mehr die Störung ihrer Privatsphäre zunimmt, desto unheimlicher wird ihr die ihr als Försterin anvertraute Umgebung. Ganz besonders auch deshalb, weil es hier nirgends Funkempfang per Handy gibt. Dieses kleine Detail zeigt, wie abhängig auch die Polizei von den kleinen Technikwundern geworden ist.
Dieses poetische Motiv des zwiespältig betrachteten Waldes ist für mich besonders interessant, denn ich lebe fast mein ganzes Leben am Rande eines Waldes, der den Städtern als Naherholungsgebiet dient. Fünfzig Metern von meinem Haus entfernt führt ein Bundeswanderweg durch die Botanik, und auf der Wiese hinterm Haus zeigen sich Eichelhäher und Grünspechte – typische Waldbewohner.
Wahrscheinlich hat mich der Roman mit seinen intensiven Waldbeschreibungen deswegen so stark beeindruckt. Wer sich allerdings keinen Wald vorstellen kann, dem dürfte der Zugang zur besonderen Eigenart dieses Krimis fehlen, die einen Großteil seiner Wirkung ausmacht. Lautet also die Botschaft, den Wald zu meiden? Nein, keineswegs. Vielmehr sollten sich Mädchen wie Laura (gerade mal 17) vorher überlegen, mit wie vielen und mit welchen Männern sie sich einlassen. Bevor es zu spät ist, so oder so.
|Ältere Damen|
Andererseits fällt es offenbar auch älteren Damen schwer, ihr Urteilsvermögen zu bewahren, wenn es um einen tollen Mann geht. Juliane Wengert ist offenbar eine Frau „aus gutem Hause“, wie man so schön sagt. Und ein Sportlehrer, da sind sich ihre villenbesitzenden Nachbarinnen einig, ist unter ihrem Niveau. Doch ihre Trauer um Andreas ist echt, als sie entsetzt und häppchenweise von seinem Ableben erfährt. Als sie jedoch mit zunehmendem Druck darüber informiert wird, dass er ja mindestens ein Verhältnis hatte, was das Eifersuchtsmotiv begründen würde, da muss sie erkennen, dass sie nicht mehr um ihren verlorenen Mann trauern kann. Diese Möglichkeit haben ihr die Polizisten, allen voran Manni, genommen. Ich bewundere die scharfsichtige Analyse von Julianes Gefühlen, die die Autorin in nur wenigen Sätzen vornimmt. Hier wird die zuerst hochnäsig erscheinende Lady auf eine ganz normale Frau reduziert, mit der wir Mitgefühl empfinden können.
|Die Sprecherin|
Juliane Wengert wird von der Sprecherin zunächst als eine sich stets distinguiert und beherrscht ausdrückende Dame präsentiert, doch Juliane verändert sich unter dem Druck der Polizeiermittlung: Ihre Marmoroberfläche zerbricht schrittweise, bis sie ein halbwegs menschliches Format erreicht hat. Sie herrscht ihren unfähigen Anwalt an, sie weint in der Zelle (es gibt jede Menge weinende Frauen in diesem Roman), bekommt aber schließlich ihre Freiheit zurück, doch das Leben, das sie früher hatte, hat sich in Rauch aufgelöst.
Da alle Hauptfiguren mit Ausnahme von Manni und Millstedt weiblichen Geschlechts sind, fällt es der Sprecherin Edda Fischer nicht schwer, sie mit ihrer Stimme zu charakterisieren und sie voneinander zu unterscheiden. Am markantesten ist da sicherlich Juliane Wengert. Aber auch Laura ist leicht auszumachen: Sie spricht fast immer einen inneren Monolog. Dadurch wird deutlich, dass sie in ihrer eigenen Welt lebt. Aber diese begrenzte Sichtweise verhindert auch, dass wir erkennen, um wen es sich bei Jay handelt.
Judith Krieger und Diana Westermann sind da schon schwerer auseinander zu halten. Doch da Krieger zehn Jahre älter ist und mehr Autorität besitzt, macht sich (meine ich gehört zu haben) ein härterer Tonfall bemerkbar. Außerdem ist immer sie es, die hier die Fragen stellt, ganz einfach.
Es gibt weder Musik noch Geräusche, also brauche ich keine Worte dazu verschwenden.
_Unterm Strich_
Gisa Klönne ist mit ihrem ersten Krimi eine eindrucksvolle Leistung gelungen: Er ist spannend bis zum Schluss, enthält realistische Schilderungen, hält beide Tattheorien im Gleichgewicht und wartet mit einigermaßen wahrscheinlichen Figuren auf. Natürlich sind einige Klischeeklippen zu umschiffen, so etwa der gesamte Komplex mit dem Ashram, aber auch Judith Krieger selbst, die Hauptfigur. Das gelingt nicht immer, hält sich aber in Grenzen.
Am eindrucksvollsten ist die Beschreibung des entscheidenden Schauplatzes: der Wald. Hier regiert das Gesetz des Dschungels, und das Hilfsmittel des allzeit verfügbaren Handys fällt hier komplett aus (ständig wird darüber geflucht), so dass die Akteure auf ihren eigenen Grips und ihre Initiative angewiesen sind, um zu überleben.
Edda Fischer macht mit ihrem Vortrag die spannende Handlung sehr anschaulich und hält in äußerst brenzligen Situationen oder wenn es auf feine Nuancen im Tonfall ankommt, stets das hohe Niveau, das ihre Lesung auszeichnet. Da kann man das Fehlen von Musik und Geräuschen durchaus verschmerzen.
|Keine Autoreninfos|
Dass man auf der Verpackung überhaupt keine Informationen zur Autorin bekommt, wohl aber ausführlichst zum Regisseur informiert wird, ist ein Anfängerfehler, der hoffentlich bald behoben wird. Stefan Hackenberg in Ehren, aber er interessiert den Zuhörer wirklich am allerwenigsten von allen Mitwirkenden. Leute, die im Tonstudio wirklich gut ihre Arbeit machen, brauchen solche Werbung nicht. Schlimm wäre es hingegen, wenn man sie wegen irgendwelcher Fehler bemerken würde.
|Hinweis|
… auf Judith Kriegers zweiten Fall. Das schreibt die Autorin auf ihrer Homepage (s.o.): „Ja, es gibt einen zweiten Fall für Judith Krieger und ihren Kollegen Manfred Korzilius. Ich arbeite gerade daran. Erscheinungstermin: Aller Voraussicht nach Herbst 2006. Arbeitstitel: ‚Die Eistaucher‘. Mehr verrate ich im Moment noch nicht.“ Wir freuen uns schon drauf.
|ca. 450 Minuten auf 6 CDs
Siehe auch unsere [Rezension 1879 zur Buchfassung.|
Mit „Hellfire Club – Reise in die Nacht“ hat Peter Straub einen packenden Psychothriller geschrieben, in dem es um ein altes Unrecht geht, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei stehen eine reiche Verlegerfamilie, die Chancels, und ihre dunkle Vergangenheit, ein skrupelloser Frauenmörder, eine brutale Entführung und ein mysteriöses Kultbuch in komplexem Zusammenhang. „Reise in die Nacht“ ist mit Abstand Straubs gelungenstes Buch, ästhetisch und künstlerisch wie auch für den Leser befriedigend, weist aber auch ein paar Fragen auf, die offen bleiben.
Der Autor
Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von 10 Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.
Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei Heyne erschienen:
Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen /Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht /Der Hellfire-Club (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
Die Story-Sammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ (beide bei Heyne ) sind ebenfalls sehr zu empfehlen.
Handlung
Im Mittelpunkt des Interesses steht die sympathische Nora Chancel; der Leser verfolgt ab dem zweiten Drittel des Buches, wie sich ihr bis dato behagliches Leben in atemberaubenden Tempo „von innen nach außen kehrt“ – eine häufige Metapher in diesem Roman. Denn bis zum Schluss enthüllen sich Geheimnisse, lösen sich Rätsel und verändert sich das Bild, das der Leser von den Figuren anfangs erhalten hat. Es ist ein Buch mit zahlreichen Falltüren und unerwarteten Wendungen – umso besser!
Auf „Reise in die Nacht“, so der Titel eines fiktiven, 1939 erschienen Bestseller-Romans von Hugo Driver, gründen sich Vermögen und Erfolg der neuengländischen Familie Chancel und ihres Verlags Chancel House (ein Anklang an Random House). Davey Chancel, Sohn des Inhabers Alden, gehört ebenfalls zur großen und besessenen Fangemeinde dieses Kultbuches. Er ist ein Träumer, abhängig von seinem Vater.
Seine Frau Nora, die als Krankenschwester in Vietnam mit einer brutalen Realität konfrontiert war, teilt Daveys Enthusiasmus nicht. Aber nicht allein aus diesem Grund gilt sie in der Familie Chancel als Außenseiterin. Das Grauen aus Vietnam verfolgt sie noch immer in ihren Träumen, und hin und wieder sieht sie hämisch grinsende Dämonen im Augenwinkel.
In der Kleinstadt Westerholm, Connecticut, wo auch die Chancels residieren, versetzt seit Wochen ein kaltblütiger Frauenmörder die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Als Natalie Weil, die heimliche Geliebte Davey Chancels (wie auch seines Vaters) unter mysteriösen Umständen aus einem verwüsteten, blutgetränkten Zimmer verschwindet und erst einige Zeit später wieder auftaucht, fällt der Verdacht auf Nora.
Auch der wankelmütige Davey hält nicht zu ihr, als das FBI aufkreuzt. Doch kurz bevor der wahre Sachverhalt – ein schlechter „Scherz“ von Daveys Vater – aufgeklärt werden kann, wird Nora von dem Rechtsanwalt Dick Dart, der bereits als der Killer überführt ist, im Polizeibüro als Geisel genommen und entführt.
Während ihrer Flucht durch Neuengland kann Nora nur überleben, indem sie vorgibt, auf der Seite dieses Psychopathen zu stehen, während Dart jeden erbarmungslos umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Nora begegnet wieder ihren Dämonen.
Allmählich enthüllt Dart seiner Gefangenen, was er als seine „Mission“ begreift: Er hat in seiner Kanzlei, die Chancel House seit Jahren betreut, erfahren, dass die Angehörigen der 1938 verstorbenen Schriftstellerin Katherine Mannheim Rechte auf das Manuskript „Reise in die Nacht“ beanspruchen – die Dichterin sei die wahre Urheberin des Buches. Sie war 1938 mit Hugo Driver und anderen Dichterkollegen Gast auf einem Landgut namens Shorelands und verschwand unter mysteriösen Umständen.
Dart versucht nun, alle Zeugen, die die Urheberschaft Drivers an dem von Dart kultisch verehrten Buch in Frage stellen könnten, zu beseitigen. Dabei geht er keineswegs zimperlich vor.
Als Nora sich schließlich von ihrem Entführer befreien kann, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei dem ebenso düsteren wie blutigen Geheimnis um das berühmte Manuskript Zug um Zug näher, stets verfolgt von FBI und Dart.
Als sie ihm wieder in die Hände fällt und sie zusammen nach Shorelands fahren, zurück zum Ursprung des Unheils, findet sie den „goldenen Schlüssel“ zum Untergang des Hauses Chancel wie auch ihre eigene innere Freiheit.
Mein Eindruck
„Hellfire Club – Reise in die Nacht“ enthält eine zielstrebig vorwärts preschende Handlung, die von glaubwürdigen Charakteren gestützt und gelenkt wird, bis die Bösen den verdienten Untergang erleben und die Guten verändert aus dem Showdown hervorgehen. Das Buch setzt sich mit Lebenslügen, verkorksten Beziehungen und dem falschen Kult um Bücher und andere Medien auseinander.
Nora Chancel ist eine Heldin wider Willen auf einer Höllenfahrt, genau wie der leidgeprüfte jugendliche Held in Hugo Drivers verhängnisvollem Roman – einer der zahlreichen Fälle von subtiler Ironie in diesem Buch. Dass der Autor ihr und allen anderen Charakteren die menschliche Würde lässt und sie nicht zu einem Abziehbild degradiert, ist ein hohes Verdienst und trägt sicherlich dazu bei, die Lektüre zu einem eindrucksvollen und befriedigenden Erlebnis zu machen. Ungelöst bleiben lediglich Fragen, die Dick Darts Verhalten am Schluss betreffen – hier hat der Autor einiges unterdrückt, das dem angestrebten Effekt widersprochen hätte. Unklar bleibt auch die Rolle, die Dick Darts Vater spielt – er bleibt zu passiv im Hintergrund.
Unterm Strich
Die knapp 640 Seiten (660 bei der |Heyne|-Ausgabe) lesen sich leicht in zwei, drei Tagen und man bekommt Lust, sie gleich nochmal zu lesen. Straubs zuletzt bei uns veröffentlichte Romane waren die Vietnam-Psychothriller „Koko“ und „Der Schlund“ sowie „Haus der blinden Fenster„, und deren Grauen ist auch hier zu spüren. Doch im Gegensatz zu ihnen ist „Reise in die Nacht“ viel stärker mit der Rolle der Literatur und ihrem Bannkreis beschäftigt: ihren manchmal gar nicht feinen Produzenten, ihren blinden, süchtigen Fans und ihren skruppellosen Vermarktern: „Geschäft ist Geschäft“ ist die Moral Amerikas. Straub führt subtil vor Augen, wohin diese kapitalistische Moral führt, wenn man sie konsequent zu Ende verfolgt. Hut ab, Mister Straub! Dies ist ein Meisterwerk.
Taschenbuch: 637 Seiten
Originaltitel: Night Journey, 1996
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber
ISBN-13: 978-3548255866 www.ullstein-buchverlage.de
Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: (No Ratings Yet)
Nichts ist zu privat, um auf Instagram geteilt zu werden. Auch nicht die Entführung deines Kindes
Vier Stunden nachdem die berühmte Influencerin Lotte Wiig ein Bild ihrer zweijährigen Tochter Poppy gepostet hat, verschwindet das Kind. Die Entführung erschüttert ganz Norwegen, denn Millionen von Menschen folgen dem Leben des bezaubernden Mädchens Tag für Tag. Erst vor kurzem wurde ein anderes Kind entführt, das zwölf Stunden später wieder auftauchte. Ist es der gleiche Täter? Kommissarin Emer Murphy erfährt von der Entführung aus den Medien, doch wegen einer psychischen Erkrankung darf sie im Moment nicht arbeiten. Aber Emer will dieses Kind unbedingt finden, denn Poppy berührt etwas in ihr. Etwas, das sie längst vergessen wollte. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Emer ist nach einem psychischen Zusammenbruch und einem wochenlangen Aufenthalt in der Psychiatrie hin- und hergerissen: einerseits wirken die verschriebenen Medikamente einem weiteren psychotischen Schub entgegen, anderseits leidet sie sehr unter den Nebenwirkungen. Dabei würde sie nichts lieber tun, als sich wieder in ihre Arbeit als Ermittlerin zu stürzen. Und die Reaktionen der zwei wichtigsten Menschen in ihrem Leben auf ihre Diagnose könnten nicht weiter auseinander liegen…Kristine Getz – Poppy. Dein Kind verschwindet. Und die ganze Welt sieht zu. weiterlesen →
LKA-Ermittler Tom Babylon ist wie elektrisiert. Seit vielen Jahren sucht er nach seiner kleinen Schwester Vi. Und plötzlich gibt es einen Hinweis: Ein Foto von Viola als erwachsene Frau, das er im Keller seines Elternhauses findet.
Wenig später kommt Toms Vater bei einem mysteriösen Überfall in der Berliner U-Bahn ums Leben. Tom fürchtet, auch der Täter ist auf der Suche nach Viola. Und er hat einen Verdacht, wer es sein könnte: sein früherer Mentor Dr. Walter Bruckmann, der geschworen hat, ihm das Leben zur Hölle zu machen.
Doch wie kann ein Mann, der seit seiner Verurteilung in einer psychiatrischen Anstalt in den Alpen einsitzt, in Berlin einen Mord verüben? (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Sita, eine LKA-Kollegin und gute Freundin von Tom, besucht den gemeingefährlichen Kriminellen Dr. Bruckmann in der Forensische Klinik Burg Tauenstein, um herauszufinden wie er trotz der Inhaftierung in einer Hochsicherheitspsychiatrie weiter Unheil anrichten kann. Als Sita sich ins Souterrain begibt, wo die Patienten verwahrt werden, ereignet sich ein verstörender Vorfall nach dem anderen, denn die Psychospiele sind eröffnet… Marc Raabe – Violas Versteck weiterlesen →
In Bad Soden wird eine Frau vermisst. Im Obergeschoss ihrer Wohnung findet die Polizei den dehydriertem und dementen Vater und in der Küche des Hauses die vermeintlichen Spuren eines Blutbads.
Die Ermittlungen führen das Ermittler-Duo Oliver von Bodenstein und Pia Sander sowie das gesamte Team des K11 zu einem renommierten Literaturverlag, bei dem die Vermisste Frau als Programmleiterin tätig war.
Schütze Cade wächst in der imperialen Ordnung auf, die die Planeten Erde, Mars und Venus beherrscht. Schon zehntausend Jahre herrschen Imperator, Statthalter und Feldherren, und der Orden der Schützen ist ihre eiserne Faust. Doch eines Tages gerät der stolze, vollständig indoktrinierte Schütze in die Hände der Rebellen, die den Sturz des Systems und die Errichtung des Menschen-Reiches anstreben. Und auf einmal ändert sich alles.
Die Autoren
„Cyril Judd“ ist das Pseudonym des Autorengespanns Cyril M. Kornbluth und Judith Merril.
1) Cyril M. Kornbluth
Wie auch in dem mit Frederik Pohl geschriebenen Roman „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1953) nimmt Cyril M. Kornbluth (1923-58) bestimmte Yankee-Eigenheiten satirisch auf die Schippe. Erzählungen wie diese bedeuteten erstmals eine Abkehr von der optimistischen, himmelsstürmenden SF des Golden Age (Heinlein, Asimov, van Vogt usw.) und eine deutliche Hinwendung zu den „weichen“ Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie. Der Mensch – und die Erde – rückten in den Mittelpunkt der Betrachtung und nicht eine Idee aus den technischen Naturwissenschaften, wie sie bislang vorherrschten.
Soziale und menschliche Probleme spielten nun eine Rolle. Auf diese Weise wurde Kornbluth zu einem Wegbereiter der SF der soziologischen, alle Grenzen sprengenden SF der sechziger Jahre (New Wave in USA und GB), die eine Literaturgattung war, die man ernst nehmen konnte (man denke etwa an John Brunners [„Morgenwelt“ 1274 und Thomas M. Dischs „Camp Concentration“). Leider setzte sein früher Tod mit 35 Jahren seiner Karriere ein jähes Ende.
Storysammlungen und Romane
1) Herold im All (Stories, 1968; Goldmann 1969)
2) Der Gedankenwurm (Stories; Suhrkamp 1987)
3) Der Altar um Mitternacht (Stories; Suhrkamp 1987)
4) Ehrbare Kaufleute und eine Handvoll Venus (The Space Merchants, 1953; mit Frederik Pohl; dt. 1971)
5) Welt auf neuen Bahnen (Wolfbane, 1959; mit Frederik Pohl; Goldmann 1972)
6) Gladiator des Rechts (Gladiator-at-law; mit F. Pohl; dt. 1962)
7) Die letzte Antwort (Search the sky, 1954; mit F. Pohl; Heyne 1972)
8) Die Worte des Guru (A mile beyond the moon; Goldmann 1975)
9) Katalysatoren (The wonder effect; mit F. Pohl; Goldmann 1977)
10) Nicht in diesem August (Not this August, 1955; Bastei-Lübbe 1985)
11) Schwarze Dynastie (The Syndic, 1953; Bastei-Lübbe 1986)
12) Start zum Mond (Takeoff, 1952; Pabel, Rastatt 1958)
13) (als Cyril Judd) Die Rebellion des Schützen Cade (Gunner Cade, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1972)
14) (als Cyril Judd) Außenstation Mars (Outpost Mars, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1984)
2) Judith Merril
Judith Merril, geboren 1923 als Juliet Grossman, lebt seit 1968 in Kanada. Von 1949 bis 1953 war Merril die Frau des bekannten SF-Herausgebers Frederik Pohl, der später mit Kornbluth zusammenarbeitete (s. o.). Ihre erste 1948 veröffentlichte SF-Story war „That only a mother“, die innerhalb der weiblichen SF zu den Klassikern zählt. Ihr erster Roman „Shadow on the hearth“ (wörtlich: „Ein Schatten auf dem Herd“) erschien 1950. Darin erlebt eine gewöhnliche Hausfrau den Atomkrieg. Die „SF Enyclopedia“ nennt den Roman eine der besten Geschichten über den nuklearen Holocaust. Die Verfilmung trägt den reißerischen Titel „Atomic Attack“.
„Dead Center“ (1954) erschien in einer Anthologie der besten amerikanischen Kurzgeschichten, und ihre Storysammlung „Daughters of the Future“ (1968) enthält drei bahnbrechende Novellen über Frauen (Mütter, Geliebte etc.) im Zeitalter der Raumfahrt. 1960 erschien mit „The Tomorrow People“ ein schwacher Roman, danach trat Merril vor allem als eine der fleißigsten Herausgeberinnen der SF überhaupt hervor.
In die Literaturgeschichte schrieb sie sich als eine der ersten Verfechterinnen der britischen New Wave in der SF ein. Diese literarische Bewegung verschmolz moderne Themen und Erzählformen mit SF-Motiven. Ihr wichtigster Exponent war J. G. Ballard, der tabubrechende Storys u. a. über J. F. Kennedy, Jacqueline Kennedy und Marilyn Monroe schrieb (in „The Atrocity Exhibition“).
Handlung
Schütze Cade (er hat keinen Vornamen) lebt in einer religiös verbrämten Militärdiktatur. Offiziell dient er dem Imperator, der jedoch durch seinen Statthalter und seine Feldherren vertreten wird. Das ganze System der Klin-Philosophie scheidet den elitären Orden der Schützen von den gewöhnlichen Bürgern, die angeblich keine Ahnung von den Vorrechten der Schützen haben. Schütze fühlt sich entsprechend privilegiert, ein System aufrechtzuerhalten, das angeblich bereits seit zehntausend Jahren besteht. Er verteidigt seine Ordensbrüder gegen jede Beleidigung oder Bedrohung von außen und trägt so zum Erhalt der Diktatur bei. Besonders die Brüder vom Mars vertreten ein paar allzu liberale Ansichten.
Aufgrund seiner vernagelten Froschperspektive hat er keine Ahnung von den Machtspielen des Statthalters und der Feldherren. Sein Truppeneinsatz im Kampf um ein Erzdepot irgendwo in Lothringen führt dazu, dass er in einem umkämpften Haus den Rebellen in die Hände fällt. Eine junge Frau hilft ihm, aber auch sie scheint den Rebellen des so genannten „Kairo-Mysteriums“ anzugehören. Unter Drogen gesetzt und hypnotisiert, wird er in die USA verfrachtet, wo sie ihm befehlen, den Statthalter zu ermorden. Cade, durch harte Ausbildung und Askese zur Disziplin geschult, kann sich dem posthypnotischen Befehl entziehen und die junge Frau täuschen.
Zusammen treten sie als Prostituierte und Freier verkleidet auf die Straße, wo sich Cade an einen Polizisten wendet. Er will unbedingt den Statthalter vor dem geplanten Anschlag und der Verschwörung warnen. Die junge Frau protestiert vergeblich gegen seinen offensichtlichen Unverstand: Beide werden verhaftet. Auf der Wache wird er nicht gerade sanft behandelt, als er behauptet, der Schütze Cade zu sein, von dessen Heldentod jeder inzwischen durch die Behörden informiert worden ist.
Während die Frau wieder entlassen wird, buchten die Polizisten Cade ein. In der Zelle lernt er den Klein-Lehrer Fledwick kennen, der sich als Dieb und Einbrecher durchschlagen wollte. Den beiden gelingt die Flucht, denn noch immer will Cade seine Vorgesetzten warnen. Doch auch beim Obersten Schützen in Washington, D.C., hat er kein Glück. Seine Gutgläubigkeit wird diesmal seinem Kameraden Fledwick zum Verhängnis, während ihm selbst in letzter Sekunde die Flucht gelingt.
Er muss unbedingt die junge Frau finden, sagt er sich, die sich als Prostituierte ausgab. Doch obwohl er sich in einem Bordell einquartieren darf, scheint es in der ganzen Halbwelt keine Frau wie jene Rebellin zu geben. Nach zwei Wochen vergeblicher Suche und weiterer Umwandlung zu einem Bürger begibt er sich zur Audienz beim Imperator. Dort sieht er nicht nur die junge Rebellin – offenbar ist sie ein Mitglied des Hofes -, sondern auch den Statthalter. Dieser verlangt eine Unterredung mit Cade.
Nun werden ihm endgültig die Augen über die wahren Sachverhältnisse im System geöffnet. Der Statthalter will ihn im Krieg gegen den Mars als Geheimagenten einsetzen. Cade beschließt, den Verräter seinerseits zu verraten und mit der jungen Frau abzuhauen. Doch diese hält eine weitere Überraschung für ihn bereit.
Mein Eindruck
Dieser aufklärerische Roman aus dem Jahr 1952 würde heute offene Türen einrennen, aber damals durfte er sich als Reaktion auf alle Militärdiktaturen des II. Weltkriegs verstanden wissen: Nazi-Deutschland, Italien, die Sowjetunion, Spanien und Japan. Die Abenteuer des Schützen Cade, der angeblich den Heldentod starb, zeigen auf, wie die Zivilbevölkerung unter der Willkürherrschaft des totalitären Regimes zu leiden hat: Verhaftung, Verurteilung, Ermordung ohne jede rechtliche Handhabe oder Verteidigung. Natürlich gibt es totale Überwachung und deshalb auch eine Geheimpolizei. Niemand entkommt der Bespitzelung.
Der Widerstand
Dennoch gibt es die Rebellen, die sich als eines der vielen Mysterien tarnen, also religiös begründete Geheimbünde, die sich im Verborgenen treffen. Mit ihrem Netzwerk können sie, so scheint es Cade, der Geheimpolizei entgehen und ihrerseits per Hypnose und Drogen ihre Agenten gefügig machen und auf Selbstmordmissionen schicken.
Was sie anstreben, ist natürlich der Sturz des unmenschlichen Tyrannensystems und die Errichtung des demokratischen Menschen-Reiches. Wie dieses aussieht, erlebt Cade erst auf dem Mars. Dort führt er die Bürger-Partisanen gegen die Statthaltertruppen in den Kampf. Mit seinen Methoden gelingt der Sieg. Dieses actionreiche Finale erinnerte mich stark an dasjenige von [„Der Wüstenplanet“, 1662 natürlich auch wegen des wüstenartigen Terrains auf dem Mars. Spätestens hier eröffnet sich das gewohnte Szenario der Space Opera.
Metamorphose
Der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist jedoch die totale Wandlung des Schützen Cade. Wie lässt es sich psychologisch plausibel darstellen, dass aus einem linientreuen Anhänger der staatlichen Doktrin ein rebellischer Bürger wird? Genauso gut könnte man aus einem SS-Mann einen Widerstandskämpfer machen. Die Autoren mühen sich redlich, diesen schrittweisen Prozess plausibel zu machen, so ganz will ihnen das aber nicht gelingen. Letzten Endes ist immer wieder eine List oder Zwang vonnöten, um Cade in die gewünschte Richtung zu treiben.
Eine Marsprinzessin
Und schuld ist daran fast immer das geheimnisvolle Mädchen, das für die Rebellen tätig ist. Sie ist nicht nur die Karotte, welcher der Esel Cade nachläuft, sondern auch die süße Belohnung für seine Mühe. Zunächst erscheint dieses schillernde Wesen als Widerstandskämpferin mit unsicherer Loyalität, dann als Prostituierte, schließlich sogar als Poesie vortragende Närrin bei Hofe. Alles nur Masken, denn letzten Endes erweist sie sich als Prinzessin von höchsten Graden. Das erinnert doch stark an Flash Gordons (1934ff) Verlobte Dale Arden, die er dem Schurken, Ming the Merciless vom Planeten Mongo, aus den Klauen reißt. Nur dass die Marsprinzessin Jocelyn ungleich selbständiger ist. Und dass es keinen verrückten Wissenschaftler namens Hans Zarkov gibt.
Die Übersetzung
Die deutsche Übersetzerin gab sich keinerlei Mühe, den Stil etwas aufzupeppen, sondern schluderte die Story einfach so herunter. Die zu erwartenden Druckfehler findet man denn auch ohne Mühe.
Was jedoch wesentlich schwerer wiegt, ist der begründete Verdacht, dass dieses Buch massiv gekürzt wurde. Es handelt sich zwar nur um einen Routine-SF-Roman, aber die „SF Encyclopedia“ erwähnt ihn immerhin als Beispiel dafür, dass Krieg als eine Art Volkssport betrieben wird. Say what?! Davon ist in der deutschen Fassung überhaupt nichts zu finden. Denn die Kriege, welche die Feldherren und der Statthalter unter sich anzetteln, sind nicht Volkssport, sondern Machtproben – eine Art überdimensionales Schach, wenn man will.
Dass hier gekürzt wurde, verrät auch der lückenhafte Szenenanschluss, der auf Seite 137 zu finden ist. Cade stellt eine Frage, und die liebliche Jocelyn schweigt zunächst, dann antwortet sie völlig unzusammenhängend: „Keinen einzigen.“ Von was, bitteschön?
Die mutmaßlichen Kürzungen würden auch den holprigen und holzschnittartigen Darstellungsstil erklären.
Unterm Strich
In seinem aufklärerischen, ideologiekritischen Ansatz, der gegen tumbe Soldaten wettert, bildet „Die Rebellion des Schützen Cade“ einen Vorläufer zu kritischer Soldaten-SF wie Joe Haldemans [„Der ewige Krieg“. 488 Aber die Form der Geschichte schuldet noch eine Menge ihren Vorbildern aus der Pulp-Ära, namentlich der romantischen Space Opera der dreißiger Jahre. Aber immerhin ist die weibliche Hauptfigur schon wesentlich selbständiger als etwa Flash Gordons ewige Verlobte Dale Arden. Denn inzwischen hatten C. L. Moores heroisch-geheimnisvolle Frauenfiguren eine Wandlung des Frauenbildes in der SF herbeigeführt. Und die Koautorin Judith Merril war selbst eine frühe Verfechterin starker und selbstverantwortlich agierender Frauen in der SF.
Die mutmaßlich stark gekürzte deutsche Übersetzung wird der Vorlage nicht gerecht. Diese Vorlage mag zwar ein routiniert geschriebener SF-Roman sein, aber er hat dennoch wesentlich mehr kritische Ansätze als so mancher Roman, den Heinlein zwischen 1947 und 1958 produzierte. Es wundert nicht, dass Heinlein bis heute nachgedruckt wird, aber „Schütze Cade“ völlig in der Versenkung verschwunden ist. Höchste Zeit für eine Neuübersetzung innerhalb einer kritischen Kornbluth-Würdigung.
Originaltitel: Gunner Cade, 1952
155 Seiten
Aus dem US-Englischen von Birgit Reß-Bohusch
Schwer was los in QualityLand, dem besten aller möglichen Länder. Jeder Monat ist der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, ein Billionär möchte Präsident werden, und dann ist da noch die Sache mit dem Dritten Weltkrieg. Peter Arbeitsloser darf derweil endlich als Maschinentherapeut arbeiten und versucht, die Beziehungsprobleme von Haushaltsgeräten zu lösen. Kiki Unbekannt schnüffelt in ihrer eigenen Vergangenheit herum und bekommt Stress mit einem ferngesteuerten Killer. Außerdem benehmen sich alle Drohnen in letzter Zeit ziemlich sonderbar … Marc-Uwe Klings lustige Dystopie um Menschen und Maschinen in einer Big-Data-Welt geht in die zweite Runde! Ein Roman voller kluger Einfälle, skurriler Figuren und verblüffender Plot-Twists. (Verlagsinfo)
Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund – Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?
Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig – und so komisch wie die Känguru-Trilogie. (Verlagsinfo)
Der Horrormeister aus Maine vermittelt in diesem Wälzer einen wertvollen Überblick über fast alle Erscheinungsformen von Horror und Fantasy: in Film, Radio, Buch und Fernsehen. Comics hat er zwar ausgespart, kommt aber immer wieder darauf zu sprechen. Außerdem ist der betrachtete Zeitraum auf die 30 Jahre von 1950 bis 1980 begrenzt. Dennoch ist „Danse macabre“ eines der grundlegenden Sekundärwerke zur Schauerliteratur, das in keinem Regal eines ernsthaften Horrorlesers fehlen sollte.
Wenige Tage nachdem Sandrine zu der Insel aufgebrochen ist, auf der ihre verstorbene Großmutter gelebt hat, findet man sie verstört und mit fremdem Blut an ihren Kleidern am Strand. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert. Was sie erzählt, ist wirr. Kommissar Damien kann sich keinen Reim darauf machen. Von welchem Kinderheim spricht Sandrine? Was hat es mit dem Bootsunglück auf sich, bei dem alle Kinder ums Leben gekommen seien sollen? Und weshalb stammelt sie immer wieder voller Schrecken diesen einen Namen: der Erlkönig? Damien folgt den Puzzleteilen von Sandrines Geschichte – und blickt schon bald in einen Abgrund, der dunkler ist als jede Nacht… (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Erstens: was für ein fesselnder Thriller, ich habe „Der Erlkönig“ innerhalb von eineinhalb Tagen regelrecht inhaliert, und mein Gehirn wurde – vor allem während des letzten Drittels – enorm durchgerüttelt!
Zweitens: was für ein Irrgarten, die Handlung ist meiner Meinung nach mit den Filmen von Christopher Nolan vergleichbar: undurchsichtig, mysteriös, verschachtelt, herausfordernd sowie anregend.Jérôme Loubry – Der Erlkönig weiterlesen →
Ein alter Buick steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Stephen King – ein Straßenkreuzer, der genau wie sein Eigentümer vom Himmel gefallen zu sein scheint. Der Fahrer, ein geheimnisvoller Mann in einem schwarzen Mantel, verschwindet, und schließlich erweist sich, dass der Wagen genauso wenig ein Buick, wie der Typ im schwarzen Mantel ein Mensch ist. Der Wagen wird von den Männern der State Police beschlagnahmt und in einem Schuppen abgestellt, wo der Buick bald ein ungewöhnliches Eigenleben entwickelt… (Verlagsinfo) Stephen King – Der Buick. Roman weiterlesen →
Mit „Duddits“ knüpft Stephen King an seine klassischen Erfolge wie Der Friedhof der Kuscheltiere oder Es an: Was die vier Freunde Pete, Henry, Jonesy und Biber als harmlosen Jagdausflug in die Wälder von Maine geplant hatten, endet in einer bizarren tödlichen Bedrohung. Da fällt ihnen Duddits ein, ihr alter Freund mit telepathischen Fähigkeiten – er ist ihre letzte Hoffnung auf Rettung aus diesem nicht enden wollenden Alptraum …
„Duddits“ (im Original: Dreamcatcher) ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Stephen King aus dem Jahre 2001. Im Jahre 2003 wurde er unter dem Titel „Dreamcatcher“ verfilmt. Das Manuskript, von Hand geschrieben, war ein Mittel des Autors, um sich von einem Autounfall im Jahre 1999 zu erholen und wurde von ihm in einem halben Jahr fertiggestellt. (Quelle: Wikipedia.de) Stephen King – Duddits / Dreamcatcher weiterlesen →
Ulf ist ein Geldeintreiber. Sein Biss ist der „Fischer“. Der Fischer ist DER Drogenhändler Oslos. Als Geldeintreiber wird man nicht unbedingt reich. Doch jetzt hat Ulf einen Weg gefunden. Glaubt er.
Zwei Probleme stellen sich: Drogenhändler lassen sich ungern reinlegen. Schicken sie ihre Killer los, braucht man ein gutes Versteck. (Verlagsinfo) Ulf denkt, er hat in der Finnmark ein gutes Versteck gefunden. Das erweist sich als Irrtum…
Ein Mann wird in einem Gewächshaus festgehalten. Unter ihm wächst der Bambus, Zentimeter für Zentimeter. Bis ihn die spitzen Sprossen stechen. Bis sie ihn durchbohren. Bis sie ihn qualvoll töten.
Profiler Jan Grall und Rabea Wyler haben schon viele verstörende Fälle bearbeitet, doch was sie an diesem Tatort vorfinden, treibt sie an ihre Grenzen. Ein albtraumhaftes Spiel gegen die Zeit beginnt, denn „der Erlöser“, wie der Täter sich nennt, wird nicht ruhen, bis seine Rache vollkommen ist. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Was haben ein Regenwald-Zerstörer, ein Mineralölkonzern-Chef, eine Großwildjägerin und Wustbaron gemeinsam? Sie verdienen es, die eigene bittere Medizin zu schmecken – das findet jedenfalls Der Erlöser…
Sheridan Grant muss nach der Rückkehr zur Willow Creek Farm feststellen, dass es dort keinen Platz mehr für sie gibt. Sie entschließt sich endgültig, alle Brücken hinter sich abzureißen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen.
Sie lernt Paul Sutton kennen und lieben. Der Arzt trägt sie auf Händen und liest ihr jeden Wunsch von den Augen. Sie beschließen ihre Liebe vor Gott unter Beweis zu stellen. Doch plötzlich, kurz vor der Hochzeit, bekommt Sheridan plötzlich Zweifel. Ihr wird auf einmal alles zu eng und bricht erneut aus ihrem neugewonnen Leben aus und kehrt nochmals zurück nach Nebraska.
Ein heftiger Familienstreit schlägt die 17-jährige Sheridan Grant in die Flucht. Sie möchte nicht länger auf der Willow Creek Farm bei ihrer Adoptivfamilie leben. Sie beschließt nach New York zu reisen und dort als Sängerin durchzustarten. Der Weg dorthin ist jedoch alles andere einfach. Ein blutiger Amoklauf mit tödlichem Ausgang ihres Bruders sorgt für eine Menge Pressewirbel um Sheridan. Sie wird beschuldigt für diese Bluttat hauptverantwortlich zu sein.
Währenddessen gelangt es Detective Jordan Blystone ein jahrzehntelang verschwiegenes, folgenschweres Familiengeheimnis zu lüften und bringt Sheridans intrigante Adoptivmutter Rachel dadurch vor Gericht. Sheridan muss eine schwere Entscheidung treffen. Entflieht sie ein für alle Mal und endgültig ihrer dunklen Vergangenheit oder gibt sie der Sehnsucht nach ihrer Heimat nach?
Nebraska, im mittleren Westen Amerikas, Anfang der Neunzigerjahre: Die Fünfzehnjährige Sheridan Grant lebt mit ihrer Adoptivfamilie auf einer Farm. Weit und breit gibt es nichts als Maisfelder. Die musikalisch sehr begabte Sheridan leider sehr unter der strengen Hand ihrer Stiefmutter Rachel. Nach dem Unterricht trägt Rachel ihr zahlreiche Arbeiten auf dem Hof und im Haus aus, so dass Sheridan kaum freie Zeit hat.
Gott sei Dank gibt es noch andere Menschen in der Nähe der Farm, die ihr gut zugetan sind und so sogar umwerben. Doch dann geschieht eines Herbstabends etwas Schreckliches und Sheridan wird von da an bewusst, wer es wirklich ernst mit ihr meint.
Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat – Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.
_Der Autor_
Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.
|Seine Helden|
Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.
_Handlung_
Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Boston, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt daher Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag. Kenzie hat bei der Sache gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.
Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons.
Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens ‚Die Botschafter‘ verbunden war. Beide geben vor, ihre „Klienten“ zu therapieren, verfolgen aber nur das Ziel, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.
Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & Trost. Price ließ dabei zwei Millionen Dollar mitgehen. Doch seltsam: Kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er – irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.
Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, so viel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietauto ausgestattet: Klarer Fall – bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul.
In Nullkommanix büchsen sie aus, mieten einen schrottigen Toyota und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand. Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung …
Als sie den „verschwundenen“ Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von der sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, denn Stones Leute killen ihn. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet – Ende des Falls?
Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder zurück nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finale mit zahlreichen Überraschungen kommt.
_Mein Eindruck_
Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die man Kenzie/Gennaro erzählt, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Dies ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker „Rashomon“. Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.
Folglich dreht sich der Fall dreimal: Zuerst glauben die zwei Schnüffler Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: „Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden“ sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.
|Schönheit, Wahrheit, Unschuld – alles Lüge?|
Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?
Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und das wiederum lässt Trevor Stone wie eines von Desirees Opfern aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.
Was Desiree so gefährlich macht, ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.
Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja vielleicht nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, „ein Nichts“, wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm „heilig“ – das drückt der Originaltitel „Sacred“ des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.
_Unterm Strich_
Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seine eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen – die sogar einen Sinn ergibt.
„In tiefer Trauer“ ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer „ewiger Werte“ zum Thema.
|Sehr humorvoll|
Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers – Kenzie überlegt einmal, wie sich Chico, Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage befreit hätten.
Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick. (Den deutschen Titel sollte man also nicht allzu wörtlich nehmen.)
|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
[Kein Kinderspiel 1433
[Regenzauber 1346
[Mystic River 1340
[Shutter Island 1150
[Streng vertraulich 1435
Geist ist geil! Seit 2002 – Ständig neue Rezensionen, Bücher, Lese- und Hörtipps