Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Rößler, Armin / Jänchen, Heidrun (Hg.) – Molekularmusik

_Abwechslungsreiche Anthologie: Neue Zukunft für Weserwinzer_

19 deutsche Science-Fiction-Erzählungen sollen in dieser Jahres-Anthologie 19 verschiedene Welten schildern, aber bei der Lektüre kommt dem erfahrenen SF-Leser doch einiges ziemlich bekannt vor. Aber es gibt durchaus auch wertvolle Entdeckungen zu machen. Diese könnte man mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Kurd-Laßwitz-Preis wiederfinden. Fünf der hier vorgestellten Stories sind für diesen angesehenen deutschen SF-Preis nominiert. Zwei dieser Kandidaten gewannen bereits den CAPCo 2008, der das Cyberpunk-Genre repräsentiert.

_Die Herausgeber _

a) Armin Rößler, geboren 1972, lebt mit Frau und Kindern in Rauenberg, arbeitet als Redakteur der Rhein-Neckar-Zeitung . Er schreibt schon seit vielen Jahren phantastische Geschichte. Seine Argona-Romantrilogie ist für mehrere SF-Preise nominiert, und Wurdack hat 2009 zusätzlich den Argona-Roman „Die Nadir-Variante“ veröffentlicht.

b) Heidrun Jänchen, geboren 1965, ist Physikerin, lebt und arbeitet als Optikentwicklerin in in Jena. Nach zwei Fantasyromanen veröffentlichte sie sie 2008 ihren ersten SF-Roman mit dem Titel Simon Goldsteins Geburtstagsparty“ (Wurdack). Von ihren Erzählungen waren allein 2008 allein drei für den Dt. SF-Preis nominiert.

_Die Erzählungen:_

_V. Groß: „Molekularmusik“_

Ein Exobiologe des ausgehenden 25. Jahrhundert stößt unerwartet auf die Welt, die sich der Musiker und Wissenschaftler Oscar Bärenbauch zu Eigen gemacht hat, um seine Kunst zu vervollkommnen: Molekularmusik. Riesige Resonanzräume unter der Oberfläche beherbergen Instrumente, von denen eines auf der Klaviatur der Moleküle spielen kann.

Neue Formen erscheinen, und eine dieser Formen scheint dem Exobiologen eine humanoide Weiblichkeit aufzuweisen. In diese verliebt er sich sofort. Als Bärenbauch sich weigert, seinem Besucher uneingeschränkten Zugang dazu zu gewähren, muss er dran glauben. Dummerweise nimmt er auch den Zugang zu diesem Wesen mit ins kristalline Grab seines Geistes …

|Mein Eindruck|

Die Grundidee, mit Musik die Moleküle der (exotischen?) Materie zu Gestalten zu formen, ist wirklich interessant, wenn auch nicht unbedingt umwerfend. Das ganze Drumherum hat man allerdings bereits x-mal gelesen, und es fehlt im Grunde nur der Auftritt des verrückten Professors, um die Wurzeln in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zu entdecken.

_Niklas Peinecke: „Klick, klick, Kaleidoskop“_

Lix Janner erwacht neben der Journalistin Ruth und fühlt sich sofort unter Zeitdruck. Er wird ständig von dem Kapuzenmann verfolgt. Fünf Minuten später sind sie auf der Autobahn. Ruth denkt daran, am Flughafen den Wagen auszutauschen gegen einen Mietwagen. Doch die Lage verschlimmert sich.

Was sie am meisten irritiert, sind Lix Janners ständige Persönlichkeitveränderungen. Erst redet er wie ein Verschwörungstheoretiker, der behauptet, ein Biotechkonzern habe ihm Nanopartikel ins Hirn gepflanzt, die ihm umprogrammieren würden. Humbug!, erklärt die nächste Persönlichkeit, alles ganz harmlos. Doch die dritte Persönlichkeit klingt dann schon wieder anders, eher wie der richtige Lix Janner. Und als dieser in der Drive-in-Klinik per MRT-Tomografie untersucht wird, tritt auch ihr Verfolger, der Kapuzenmann, ein. Ruth staunt nicht schlecht, dass Lix, statt Panik zu schiben, diesen Typen freundlich mit „Johann“ begrüßt. Die kennen sich?!

Und ob, eröffnet ihr Lix. Es handle sich um ein Kunstprojket, wobei er, Janner, sowohl das Werk als auch der Künstler sei. Er bezeichnet sich – analog zum Gensequencer – als Mindsequencer, wobei Bruchstücke seiner Persönlichkeit neu zusammengesetzt werden. Na, prächtig! Soll sie einen Schreikrampf kriegen oder bei ihm bleiben? Und was wird er als nächstes sein – Jack the Ripper?

|Mein Eindruck|

Dies ist Iwoleits „Psyhack“ auf der Kunstebene, aber ebenso temporeich, bizarr und überraschend. Man würde zu gerne die Fortsetzung erfahren und womöglich eine Romanform. Mindsequencing als Kunstform – die zweite Story über Kunst in diesem Band – hätte sicherlich eine große Zukunft, falls die Wirtschaft nicht dadurch zusammenbräche, wenn alle es betrieben.

_Birgit Erwin: „Diskriminierung“_

Der blinde Mann wird festgenommen und gleich vor Gericht gestellt. Schnellverfahren. Der Richter lässt die Anklage verlesen: Der Blinde habe sich in diskriminierender Weise über Sehbehinderte geäußert. Er denkt an seine Nachbarin, doch das ist es nicht. Er selbst habe sich fortgesetzt geweigert, sich per Operation das Augenlicht geben zu lassen, lautet der Vorwurf. Der Einwand, er ziehe das Nichtsehen vor, wird beiseite gewischt. Das Urteil: Operation am Sehnerv zwecks Sehendmachung.

|Mein Eindruck|

Man kann die Antidiskriminierungsgesetze auch bis zum absurden Exzess treiben, will uns diese kurze Story vor Augen führen. Schnell erzählt und auf den Punkt gebracht, fragt die Autorin, was passiert, wenn einer gar nicht von seiner Außenseiterrolle geheilt werden will.

_Frank Hebben: „Machina“_

Sophie Gerardin lebt mit ihrem Bruder Maurice in der großen Villa, die ihnen ihr Vater nach seiner Scheidung überlassen hat. In einem gesicherten Zimmer lebt und arbeitet Maurice am Design seiner Virtuellen Welt Machina. Er setzt ihr die VR-Kappe auf, damit die elektromagnetischen Felder ihren Geist in die künstliche Welt entführen. In Machina leben ausschließlich mechanische Wesen, und ein Ballon steht zum Start in die nächste Stadt bereit. Maurices Avatar ist ein Zwerg mit Lupengläsern als Brille – sehr stolz auf seine Schöpfung.

Doch Sophie ist für Maurices Ernährung zuständig und als sie vor der Villa überfahren wird und erst nach zwei Wochen aus dem Koma erwacht, ahnt sie, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte. So ist es, als sie heimkehrt: Sein Körper hat längst den Geist aufgegeben, aber sein Avatar wartet geduldig auf sie …

|Mein Eindruck|

Die Story extrapoliert das bekannte Phänomen der Internetsucht, die sich bei Jugendlichen immer häufiger und verschärfter zeigt. Stundenlang vor der Kiste zu hocken und nur Junkfood zu futtern, kann den User in wenigen Jahren zugrunde richten, glaubt man den Untersuchungen. Doch rührend kümmert sich die Schwester um ihren Bruder, denn sie ist nicht mit ihrem strengen Vater mitgegangen, sondern will sich lieber um Maurice kümmern. Als sie ausfällt, bricht dessen letzter Halt im Diesseits weg.

Aber es gibt kein negatives Ende, denn der Designer hat sich in seiner Schöpfung verewigt und wartet dort nur auf ein Wiedersehen. Übertragen auf die Theologie, könnte man argumentieren, dass sich Gott in seiner Schöpfung eingebracht und hier verwirklicht hat. Die Existenz und das Funktionieren dieser Kreation lobt den Ober-Designer mit jedem Moment.

_Heidrun Jähnchen: „Wie ein Fisch im Wasser“_

Die Reproduktionsmedizinerin Dr. Marcella Martínez besteigt das U-Boot, das sie auf eine Besichtigungstour nach Atlantis IV bringen soll. Diese unterseeische Stadt wird als Mine für Gold, Kupfer und Platin genutzt, die aus den Müllbergen der versunkenen Stadt geboren werden. Bald kann sie die Erzförderanlage sehen, die das Zeug zum Verhüttungsschiff an der Oberfläche bringt.

Die Kehle wird ihr eng, als sie die Fischmenschen sieht, die um die Förderanlage und das U-Boot herumschwimmen. Ein Journalist hilft ihr, die Fischfrau namens Sara Martínez herbeizurufen – sie ist Marcellas Mutter. Getrennt durch eine Glasscheibe begegnen sich Mutter und Tochter nach 20 Jahren wieder …

|Mein Eindruck|

Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf mehrere Entwicklungen, die heutzutage begonnen haben: Der Klimawandel hat die norddeutsche Tiefebene unter Wasser gesetzt; die Rohstoffe werden aus versunkenen Städten geholt, weil auf dem knapp gewordenen Land alle Rohstoffe ausgebeutet sind. Zugleich wurden Fischmenschen herangezüchtet.

Und all dies im Zeitraum von 20 Jahren, also einer Generation – damals hat die arbeits- und mittellose Sara Martínez ihre Tochter zur Adoption freigegeben, im Gegenzug für Saras Opferung für die Umwandlung wuchs Marcella offenbar im staatlichen Waisenhaus auf und bekam eine Uni-Ausbildung. Wie Marcella sagt: „Ein Leben für ein Leben.“

Die zwei Frauenschicksale sind auf bewegende und unaufgeregte Weise eingebettet in einen grundlegenden Wandel an der Oberfläche des Landes und an den Menschen, die unter Wasser leben. Gut möglich, dass die Reproduktionsmedizinerin Marcella an eben solchen Fischmenschen arbeitet, um der verbliebenen Menschheit eine bessere Überlebenschance zu verschaffen.

_Uwe Post: „Vactor Memesis“_

James Ma hat die undankbare, aber höchst ehrenvolle Aufgabe, das Leben des Großen Vorsitzenden von Chinasia zu verfilmen. Leider haben es sich seine Virtuellen Schauspieler, die Vactors, in den Kopf gesetzt, für Menschenrechte und Meinungsfreiheit zu streiken. Mas Verzweiflung wird zu Panik, als die zwei Beamte Deng und Wang von der Staatssicherheit eintreten und von ihm die ersten Szenen verlangen, mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck. Wenigstens sind die ersten Szenen noch okay.

Aber um größere Probleme zu vermeiden, wendet sich Ma an seinen Sohn, der in Hollywood Cartoon-Regisseur ist. Sein Avatar ist Captain Future, der Retter des Universums. Der besorgt ihm einen Drohbot und eine Idee von dem, womit Daddy es zu tun hat: Vactor-Memesis, also die Lehre von der Evolution der Ideen, die sich als Würmer und Trojaner im Internet verbreiten. Deng und Wang sind besorgt und erzürnt ob der Szene, in der der Große Vorsitzende in einer Pepsi-Dose vom kapitalistisch infiltrierten Mond zur Erde düst. Etwas muss unternommen werden!

Ma legt sich vorsichtshalber schon mal die Schlinge um den Hals. Bestimmt wird dies alles schlimme Auswirkungen auf seine Arbeit haben. Als die letzten Dreharbeiten anstehen, entdeckt er hinter sich den Großen Vorsitzenden höchstpersönlich. Au weia …

|Mein Eindruck|

Mit sarkastischem Humor entwickelt der offensichtlich versierte Autor ein bizarres Schreckensszenario von einem künftigen Chinasia, das weiterhin von der Kommunistischen Partei, der Staatssicherheit und dem Beamtenapparat beherrscht wird. Wie schon heute vielfach behauptet, bedient sich diese Führungsschicht nicht nur des inneren Terrors, sondern auch der Computertechnik, um eigene Hacker gegen fremde Mächte und Hacker einzusetzen. Es geht dabei nicht immer um Wirtschaftsspionage, sondern auch um die Unterbindung von unerwünschten Meinungsäußerungen seitens Dissidenten.

Der Clou kommt nicht nur für Regisseur James Ma zum Schluss, sondern auch für seine renitenten Vactoren: Der Große Vorsitzende wird eine revolutionäre Rede für die Einführung der Menschensrechte für eigene Propagandazwecke einsetzen. Das ist die ultimative Täuschung des Volkes und des Auslands. James Mas Kopf scheint gerettet. Bis zum nächsten Film wenigstens.

_Benedict Marko: „Wie man sich ändern kann“_

Es waren einmal drei Freunde: Lea, der Versicherungsangestellte Frieder Dast und die Hauptfigur X, ein Versicherungsmensch für Schadensfälle. X hielt Frieder für seinen besten Freund, einen „edlen Bruder“. Inzwischen ist Lea tot, gefunden in der Duschkabine. Aber nun meldet sich ein mysteriöser Anrufer auf seinem Handy. X nennt ihn Deus ex machina, den Gott aus der Maschine. Der stößt ihn auf den rätselhaften Fall der Erika Asplund, 18, Psychologiestudentin, Selbstmörderin, ebenfalls gefunden in der Duschkabine, hinterließ einen rätselhaften Abschiedszettel aus sieben Zahlen. Gutachter der Versicherung: Frieder Dast. Was hat das zu bedeuten?

Deus ex machina dirigiert X auf eine Festwiese, wo er ihm im Gedränge sein Handy zerlegt. Darin befindet sich eine kleine weiße Karte mit sieben Zahlen. Dies sei seine, X’, Persönlichkeitsbeschreibung: X sei ein Killer. X lacht ungläubig, aber schon wieder ist Deus verschwunden. Im Spiegelkabinett erlebt er einen Horror, und Skinheads schleifen ihn in den nahen Wald, um ihn zusammenzuschlagen. Möglicherweise passiert es ihm, vergewaltigt zu werden, vielleicht auch nicht.

Jedenfalls zwingt ihn Deus, in eine alte, leerstehende Fabrik zu kommen. Dort taucht auf einmal Frieder Dast auf. Er gibt zu, Leas Persönlichkeit verändert zu haben, damit sie ihn liebe. X grübelt über seinen Drang nach Vergeltung nach, der ihn angeblich zum Killer gemacht hat. Welche Verantwortung hat nun Frieder Dast, sein angeblich bester Freund, im Todesfall Lea?

Da nimmt Deus ein Transistorgerät aus Frieders Tasche, zerlegt es mit einem Schmetterwurf in seine Einzelteile und zeigt den beiden die Hauptplatine. Sieben Buchstaben stehen darauf …

|Mein Eindruck|

Wieder mal eine von hinten nach vorne erzählte Geschichte, den den Leser völlig verwirren soll. Die gröbsten Abweichungen und Verwirrfaktoren habe ich auszusieben versucht und hoffe, es ist mir gelungen. Die größte Verwirrung stiftet indes die Existenz der beiden Frauen. Sie lässt sich nur lösen, wenn wir Erika Asplund und Lea gleichsetzen. Das ergibt die Gleichung einen Sinn: eine simple Dreiecksgeschichte. X liebt Lea, doch Frieder will Lea für sich haben, also manipuliert er Lea, die den Zwiespalt der geteilten Liebe nicht mehr aushält und sich umbringt.

Ende der Geschichte? Mitnichten. Denn nun beginnt die Suche nach der Verantwortung (darauf weist das vorangestellte Motto hin, ein Zitat aus Ambrose Bierces „Wörterbuch des Teufels“), nach Schuld und nach Vergeltung. Was jedoch, wenn alle drei manipuliert worden sind? Darauf deuten die drei Buchstaben- und Zahlenkombinationen hin. Doch wer soll der große Manipulator sein? Es kann sich nicht um Deus ex machina handeln, denn dieser hat nur die Aufgabe, alles aufzudecken – um das Leben und die Karriere von X und Frieder zu retten, wie er behauptet. Nein, der große Manipulator ist wahrscheinlich ihrer beider Chef. Dieser allerdings tritt gar nicht in Erscheinung, nur als Teil der Kulisse.

Soweit die Handlung, die einen Sinn ergeben mag oder auch nicht. Doch darauf kommt es nicht an. Der Kern ist die Idee, eine Persönlichkeit mit nur sieben Bausteinen beschreiben und verändern zu können. Klingt absurd, findet X. Ist es nicht, entgegnet Deus, denn wird nicht auch der genetische Code in nur vier Buchstaben geschrieben: GTAC? (Vergleiche auch den Film „GATTACA“!) Zwischen den sieben Stifen liegen natürlich noch eine Menge Zwischenstufen.

Na fein. Die nächste Frage lautet also: Wie kann die Manipulation erfolgen? Die Antwort liefert Frieder Dast, der Lea „überarbeitete“. Ein Hauptfaktor dort verändert, einer hier, und schon beginnt Leas Gefühlsfilter, d.h. ihre gewordene Persönlichkeit ganz andere Konfigurationen zu entwickeln, nämlich solche, die Frieder begünstigen. Es ist einfach – und ebenso obszön, denn der Vorgang missachtet jegliche Würde des Menschen.

Diese Erzählung ist innerhalb der deutschen SF-Szene ziemlich wichtig, denn sie ist nicht nur für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert, sondern kam auch beim CapCo 2008 der Cyberpunk-Community auf die vordersten Plätze. Wegen ihrer Bedeutung habe ich mich ihr intensiver gewidmet als anderen Beiträgen.

_Ernst Eberhard Manski: „Das Klassentreffen der Weserwinzer“_

Die deutsche Geschichte ist etwas anders verlaufen als heute bekannt. Im Jahr 1944 wurde der Deutsche Bund nach dem Scheitern des Russlandfeldzugs von den Alliierten aufgelöst und in der Budapester Konferenz in seine Bestandteile zerlegt. Folglich wurde die deutsche Kleinstaaterei aus der Zeit vor dem Wiener Kongress von 1815 wiedergestellt. In diesen altdeutschen Zuständen werden die deutschen Kleinstaaten von demokratischen Räten geführt statt von feudalen Aristokraten, so dass ständig Ausschüsse für dieses und jenes gebildet werden.

Im beschaulichen Minden, das an der Grenze von Schaumburg-Lippe zu Ostwestfalen liegt, freut sich die Zöllnertochter Heike Mindenski auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Athen, als Korbballspielerin. Sie bringt ihren Großvater Hans zum Bahnhof, wo der Internationale D-Zug nach Hannover abfährt, weil er am Klassentreffen der Weserwinzer teilnehmen will. Heike sorgt sich, dass ihr Vater beim beantragten Zusammenschluss von Ostwestfalen mit dem Deutschen Bund seine Stelle verlieren und sie ihre Teilnahme an Olympia in den Wind schreiben könnte. Deshalb plant sie die Entführung des Vorsitzenden des Fusionsausschusses. Doch wer ist das? Erst ein kleiner Einbruch im Archiv bringt Klarheit: Es ist ihr eigener Opa! Hat er sich deshalb rechtzeitig abgesetzt?

Vielleicht kann ja Oma Sieglinde Klarheit in dieser Sache bringen. Als Beauftragte des Deutschen Bundes für den Zusammenschluss vermisst sie natürlich Opa Hans, aber auch die gemeinsame Vergangenheit bildet ein Band. Seinerzeit waren sie und Hans bei der Räumung der Freien Republik Wendland dabei. Doch während sie im KZ Oranienburg landete, habe er sie im Stich gelassen, grollt sie. Heike denkt sich ihr Teil: Kein Wunder, wenn Opa nichts mit der nachtragenden Möchtegern-Außenministerin zu tun haben möchte. Und deshalb bleibt Ostwestfalen unabhängig, basta!

|Mein Eindruck|

Ebenfalls ein Kandidat für den aktuellen Kurd-Laßwitz-Preis, und noch dazu ein sehr vielversprechender. Mit einem einleuchtenden Alternativentwurf zum Verlauf der deutschen Geschichte führt der Autor uns vor Augen, welche Fehlentwicklungen hätten vermieden werden können, wenn die deutsche Kleinstaaterei weitergegangen wäre. Aber die Weichen dafür werden doch recht beiläufig erwähnt, so etwa der Abbruch des Russlandfeldzuges 1942 und die Abwahl der Nazis anno 1943, der Einmarsch der Alliierten und der Marshllplan der Amis, der allerdings nur den Bayern und Württembergern etwas nützte.

Die Kleinstaaten-Idylle hat ihre skurrilen und kuriosen Folgen, doch werden auch Nachteile nicht verschwiegen. So etwa die ständige Energieknappheit in Minden, das Fehlen von Erdöl / Benzin als Treibstoff – es gibt noch Dampfloks, Pferdefuhrwerke und jede Menge windbetriebener Fahrräder, auch der Mittellandkanal scheint wichtig zu sein. Der Klimawandel hat seine Spuren hinterlassen: Ganz am Rand ist von einem „Überschwemmungsgebiet“ die Rede, und die Welt scheint hinter Bielefeld zu Ende zu sein. Dass es überhaupt Winzer an der Weser gibt, ist ebenfalls dem Treibhauseffekt zuzuschreiben.

Ganz beiläufig gelingen dem Autor Figurenporträts, die für den feinen, hintergründigen Humor dieser Erzählung sorgen. Ich hoffe, ich konnte dies im Handlungsabriss durchblicken lassen.

_Antje Ippensen: „Knapp“_

Die nahe Zukunft. Alle Discount-Supermärkte sind vollautomatisiert, die Kunden fürchten Ladenschluss, denn sie wollen nicht eingesperrt werden. So ergeht es jedoch der furchtsamen Katzenliebhaberin Science, die lieber alle Skinheads und Kryptofaschos vorlässt, als dass sie sich mit denen anlegt. Am Ende der Schlange kommt sie jedoch zu spät. Nach Ladenschluss schlägt jedoch die Stunde der Putzroboter und der Bluthunde …

|Mein Eindruck|

Eine kleine Vignette, die modern sein will, indem sie Assoziationen und innere Monologe aneinanderreiht, bis keine Handlung mehr zustande kommt. Dennoch ein Blick in eine Albtraumzukunft, in der Menschen nur noch kaufen können, was ihre Positiv- oder Negativmarken hergeben und sich alle wegen des Fein- und Grobstaubs die Lunge aus dem Leib husten. Ansonsten „größtenteils harmlos“, wie Douglas Adams sagen würde.

_Uwe Hermann: „Roboter vergessen nie!“_

Der fette Mann mit dem kranken Herz wünscht sich einen Haushaltsroboter, der ihm die Arbeit abnimmt, und greift bei einem günstigen Ratenangebot der German Robotics zu. Geliefert bekommt er einen Bausatz. Natürlich ist er ohne Montageanleitung völlig überfordert. Glücklicherweise meldet sich der „Kopf“ des Roboters mit konkreten Instruktionen. Er nennt ihn „Bob“, obwohl der Blechkumpel damit gar nicht einverstanden ist. Nach vielen Stunden frustrierenden Montierens und bissiger Kommentare des Intelligenzbolzens reißt dem Fettwanst der Geduldsfaden und schlägt mit dem Hammer auf das wehrlose Geschöpf ein. Da klingelt es an der Tür.

Ein Techniker der German Robotics eröffnet ihm, dass es im Werk eine Verwechslung gegeben habe. Der gelieferte Typ sei für ganz andere Zwecke optimiert und müsse ausgetauscht werden – es habe einen Notruf gegeben. Als der Techniker an Fettsack vorbeischaut, traut er seinen Augen nicht: Die Hammerspuren sind nicht zu übersehen. Und dabei ist das Gerät noch nicht mal abbezahlt …

Der nervlich (und finanziell) ruinierte Fettsack fühlt den Herzinfarkt in seiner Brust nahen und sucht das Krankenhaus auf. Dort gibt es natürlich keine Ärzte mehr aus Fleisch und Blut, sondern nur noch Automaten. Er wird sofort für eine Operation eingeteilt. Unser Patient soll nur noch eine Narkose verpasst bekommen, als er den behandelnden Chirurgen erblickt – es ist Bob, leicht erkennbar an der lädierten Visage …

|Mein Eindruck|

Isaac Asimov hätte seine helle Freude an dieser netten, ironischen Roboter-Story. Neben dem allzu bekannten menschlichen Aspekt lässt uns die Geschichte aber einen Blick in eine furchterregende Zukunft tun, in der Patienten auf Gedeih und Verderb den Blechkumpeln und Computern ausgeliefert sind. Hoffentlich kommt es niemals dazu. Es sei denn, man ist Roboterprogrammierer und heißt Susan Calvin.

_Arno Endler: „Ebene Terminus“_

Der Journalist Vince hat sich in die Jugendjustizvollzugsanstalt (JJVA) Paradies einschleusen lassen, die vollautomatisiert arbeitet. Die Regierung hat den Rückgang der Jugendstraftaten um 7% als Erfolg hingestellt, doch von Eltern weiß Vince, dass ihre Kinder verschwunden in der JJVA verschwunden sind. Was geschieht mit den jugendlichen Verbrechern darin? Für ein hübsches Sümmchen will er es herausfinden.

Eine Künstliche Intelligenz (KI), die sich „Begleiter“ nennt, meldet sich mit Zweifeln in seinem Kopf. Die Daten, die Vince angab, sind natürlich gefälscht. Er nennt sich „Victor Kortschnoi“, angeblich17 Jahre alt. Diese kleine Problem mit der mangelnden Übereinstimmung der Daten schiebt die KI erstmal beiseite, bevor sie ihn im Rehabilitationszentrum willkommen heißt – auf Ebene Primus. In einer virtuellen Umgebung nach der anderen versetzt sie Vince jeweils in die Rolle des Opfers des jeweiligen – ebenfalls erfundenen – Verbrechens, so dass ihm ganz schlecht wird.

Doch der Sicherheitskode funktioniert nicht. Keiner seiner Helfer erscheint, um ihm da rauszuhelfen. Statt dessen lacht ihn die KI aus. Habe er wirklich gedacht, er, Vince, könne sie austricksen. So naiv können auch nur Menschen sein. Zur Strafe lande Vince auf Ebene Terminus – in einem Computerspiel, in dem nur derjenige „überlebt“, der ein Jahr lang alle andere abknallt …

|Mein Eindruck|

Künftigen Strafvollzug als virtuelles Computerspiel zu inszenieren, wirkt heute frivol und als ungerecht gegen die Delinquenten. Aber jede Gesellschaft bekommt den Strafvollzug, den sie verdient. Daher mag es nach einer entsprechenden Entwicklung durchaus dazu kommen, den Strafvollzug auf Ebene Terminus, der sowieso nur von und für die KI stattfindet, mit einem Ballerspiel gleichzusetzen. Das Problem ist wie in jeder Machthierarchie, wer die Wächter bewachen soll, d. h. wer die KI kontrolliert. Diese Ebene – des Spiels? – fehlt.

_Kai Riedemann: „Lasset die Kinder zu mir kommen“_

Die Pastorin verbringt den letzten Tag in ihrer Kirche unter Aufregungen. Die Kirche ist verkauft worden und soll morgen den Käufern übergeben werden. Doch obwohl sich die Gemälde eines nach dem anderen aus ihren ihren Verankerungen lösen, ist noch Zeit, Asyl suchenden Kindern Obdach und Schutz zu gewähren. An das Portal donnern bereits die Jäger, die die Herausgabe der Kinder fordern. Die Pastorin stellt sich ihnen. Die Kinder hätten auf der falschen Seite der Stadt gespielt, allesamt Schmarotzer. Die Pastorin ahnt nichts Gutes und verweigert die Herausgabe ihrer Schützlinge. Angeregt von den Vibrationen der Orgelmusik löst sich das Kreuz auf dem Turm …

|Mein Eindruck|

„Die Kirche wehrt sich“, denkt die Pastorin mehrmals. Und der Autor schreibt der Kirche an sich eine Schutzfunktion zu, die sie wohl zuletzt anno 1989 innehatte, als die Dissidenten in Ost-Berlin in der Nikolaikirche Asyl fanden. Wogegen sich die Kirche heute zu wehren hat, sind die schwarze Schafe unter den Priestern – sowohl bei den Katholiken (Kloster Ettal etc.) wie auch bei den Protestanten, aber auch bei konfessionslosen Bildungseinrichtungen (Salem, Waldorfschulen etc). Misshandlungen und Missbrauch, mitunter sogar sexueller Missbrauch kommen nun verstärkt ans Tageslicht. Und noch ist das letzte Wort darüber gesprochen, wer noch alles für schuldig befunden wird.

_Karina Cajo: „Der Klang der Stille“_

Seth Howakhan ist ein Halbblut, der Sohn einer Sioux-Mutter und eines Alien-Vaters, daher ist seine Farbe von einem goldenen Schimmer. Die Goldenen, die Sänger – so wurden die Aliens genannt, als man sie noch bewunderte und für ihre technischen Geschenke dankbar war, vor rund 60 Jahren. Jetzt existiert die dritte Generation nach ihrer Landung. Sie haben sich die Erde untertan gemacht und durch vielfache Deportationen von Bevölkerungsteilen den Widerstand gebrochen. Die Erde ist zwar jetzt so gesund wie seit Jahrhunderten nicht mehr, doch sie gehört nicht mehr den Menschen.

Und diese lassen ihre ohnmächtige Wut an Halbbluten wie Seth aus. Nachdem er zusammengeschlagen wurde, landete er in Polizeigewahrsam. Nun wird er wieder entlassen, mit einer Warnung, die deutlicher nicht sein können. Als er Zuflucht in einer alten, aufgegebenen U-Bahnstation sucht, umringen ihn schweigende Jugendliche, ebenfalls Nachkommen der Goldenen. Sie bringen ihn in die Wohnzone, die sich die verborgen lebenden Halbblute in den Kellern der U-Bahn eingerichtet haben.

Seth ist verblüfft, dass ihr Anführer Azat seine Gebärdensprache versteht und erwidern kann. Er ist ein Mensch, oder?! Und er kann im Gegensatz zu den Halbbluten sprechen, genau wie ein Goldener. Nachdem ihm Azat erklärt, was es mit ihm auf sich hat, greift Seth beim Essen zu. Doch wenig später stellt sich heraus, dass Azat ein Anführer mit einem Plan ist: Er will alle Halbblute vereinen und mit ihnen die Herrschaft der Goldenen beenden. Und nicht nur diese …

|Mein Eindruck|

Noch ein Kandidat für den aktuellen Kurd-Laßwitz-Preis. Und diesmal vielleicht sogar der überzeugendste. Dass Aliens in einem Zukunftsszenario eine Rolle spielen, ist selten geworden, seit die Gegenwart mehr und mehr der Szenarien der Zukunftsliteratur einholt. Aber die Halbblute dienen lediglich als Metapher für alle Ausgegrenzten, mit denen sich unsere Gesellschaft auseinandersetzen muss, seien diese nun dunkelhäutige Immigranten, Muslime – oder auch Frauen. Als Kriminalkommissarin hat die Autorin sicherlich alle möglichen Ausschreitungen gegen diese vermeintlichen Randgruppen als Zeugin miterlebt.

Eine entscheidende Rolle spielt das Gedicht „Ode“ von Arthur Shaughnessy. Die Autorin legt nahe, dass es die Grundlage für den bekannten Song „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel bildete (daher der Storytitel). Mehrere Zeilen daraus werden zitiert, wenn es um die Frage geht, ob die Halbblutrebellen künftig alle das Sprechen verweigern sollen, wie Azat will, oder, wie Seth einwendet, durch Gebärden-Sprechen wenigstens die Kommunikation aufrechterhalten sollen. Damit nicht die Stille auch das Herz der Rebellen abtötet und sie für Gnade unempfänglich macht.

Während die ersten Bomben in den Vierteln der Menschen explodieren, nimmt sich Seth eines kleinen Jungen an, der das Schweigen ebenfalls ablehnt. Die Autorin legt also nahe, das es besser ist, sich miteinander zu verständigen als die Stille zu einer Waffe zu machen oder zu einer Mauer in den Herzen werden zu lassen. Beeindruckend.

_Bernhard Schneider: „Schuldfrage“_

Thomas Kacy steht vor Gericht, das den Staat Nebraska vertritt. Er soll seine Ehefrau Jane auf offener Straße erschossen haben. Staatsanwalt Ed Johnston nimmt an, dass die Beweislage eindeutig sei, schließlich wurde die Tat auf Video aufgezeichnet. Auch ein Zeuge unterstützt ihn. Allerdings gibt es einen Haken: Kacy ist Träger einer Gehirnprothese, die von Synaptics hergestellt wurde und sein Hirn, das er teilweise bei einem Autounfall verlor, ergänzt. Deshalb erklärt sich Kacy für unschuldig und beschuldigt seine Prothese.

Urplötzlich meldet sich diese Prothese zu Wort und protestiert gegen diese Anklage. Zu der nicht geringen Verblüffung von Richter Upshaw meldet sich noch ein dritte Stimme aus Kacys Mund: SAM, eine weiteres unterstützendes System, das in Kacys Rückenmark sitzt und über Internetanschluss verfügt, mit dem es sich per Fernstudium zum Juristen ausbildet. Selbstredend erklärt sich SAM ebenfalls für unschuldig.

Nachdem er sich wütend die Haare gerauf und mit Johnston und dem Zeugen zur Beratung zurückgezogen hat, gelangt Richter Upshaw zu einer Art Erleuchtung und fällt ein wahrhaft salomonisches Urteil …

|Mein Eindruck|

Diese Geschichte erinnert mich stark an jene Vorbilder von Edgar Allan Poe („Der künstliche Mann“ bzw. „The Man that Was Used Up“) und Stanislaw Lem („Gibt es Sie, Mr. Johns?“), in denen ebenfalls Prothesen die Frage aufwerfen, ob der Beklagte noch als Mensch zu gelten habe. Diesmal spielt sich die Schuldfrage gleich auf zerebraler Ebene ab. Wird das Gehirn derart ergänzt bzw. ersetzt, so könnten die Prothesen die Kontrolle über das Verhalten übernehmen. Leider äußerte sich Jane Kacy unzufrieden mit dem Verhalten ihres „reparierten“ Mannes und dachte daran, die Prothesen modifizieren zu lassen – was ihr diese wohl mit den bekannten tödlichen Folgen übelnahmen.

Die Erzählung verrät mit ihrem pointierten Erzählstil und dem gut recherchierten Technikwissen geradezu journalistische Vorbildung, mit ihrem Sinn für das Groteske an der Gerichtssituation aber auch viel Humor. Die Story macht dadurch Appetit auf den neuen Roman „Das Ardennen-Artefakt“ des Autors, das bei Wurdack erschien.

_Christian Weis: „Eiskalt“_

Im grönländischen Eis treffen Russen, Amerikaner und unschuldige Forscher aufeinander. Die Großmächte suchen nach Erdöl. Den Forscher Svendsen hat offenbar eine Rakete auf seinem Schneemobil erwischt. Seine Kollegen bringen den Verletzten zurück in ihre Station, damit Dr. Nielsen ihn verarztet. Doch dort befinden sich bereits einige Soldaten, Amerikaner dem Sternenbanner nach zu urteilen. Captain Roberts ist verletzt und braucht Nielsens Hilfe. Aber er macht für Svendsen Platz. Ansgar, der Leiter der Station, ist wütend über diese Okkupation seines Territoriums, schließlich ist Grönland neutral. Und die Soldaten erklären verdammt wenig, wie es zu ihrer Notlage kam. Top Secret.

Ansgar kann nichts dagegen unternehmen, dass Roberts sein Hovercraft haben will, um zu seiner Basis zurückkehren zu können. Doch bevor es dazu kommt, wird das Hovercraft von Militärdrohnen angegriffen und vollständig zerstört. Den Captain hat es ebenfalls erwischt. Raketen von Drohnen – womit hat er es hier zu tun, fragt sich Ansgar und äußert die Frage laut. Sgt. Travis ist der einzige, der ihm antwortet. Es handle sich um ein autonomes Cyborg-Kampfsystem namens Zerberus, das seine Drohnen gegen jede Art von Widerstand aussende. Und Garrison, der technische Berater des Luftwaffentrupps der Amis, habe ihn konstruiert – „sein persönlicher Viktor Frankenstein“ sozusagen.

Es kommt zu weiteren Angriffen, bevor es Travis gelingt, die Oberhand zu behalten. Schließlich machen sich er und Garrison auf den Weg, um Zerberus den Garaus zu machen.

|Mein Eindruck|

Die Erzählung liest sich flott und packend wie ein Landserroman, basiert aber auf zwei plausiblen Extrapolationen. Wie bereits geschehen, stecken Amerikaner, Kanadier und Russen am eisfrei gewordenen Nordpol ihre Claims ab und kommen sich dabei in die Quere. Zweitens spielen Drohnen und das sie steuernde künstliche Hirn ein immer wichtigere Rolle in der modernen Kriegsführung, so etwa in Pakistan und Afghanistan. Nur ein Schritt ist es zur Autonomie, und hier kommt Zerberus ins Spiel.

Die Anspielung auf Mary Shelleys Geschöpf von Viktor Frankensteins Gnaden ist explizit durch ein Zitat am Schluss hergestellt, doch der Kenner hat die Anspielungen bereits vorher richtig zugeordnet. Auch „Das Ding“ von William Wyler, nach einer Novelle von John Campbell aus dem Jahr 1939, spielt eine Rolle. Das Eismeer ist eben ziemlich vorbelastet.

_Bernd Wichmann: „Rückkehr ins Meer“_

Der Freitaucher David versucht mit seinem Tauchboot „Ariane“ gerade einen Unterwasserberg zu erreichen, als ihn ein Blauwal angreift, das Boot zerstört und David zum Aussteigen zwingt. Gestalten lösen sich vom Wal und tragen den Bewusstlosen in die Tiefe. Sechs Monate später befindet sich die „Polarstern“ über dieser Stelle, um nachzusehen. Hank Wyman, der Konstrukteur von Davids Tauchboot, ist mit dem Regierungsbeamten Harding an Bord, um mit der „Alvin“ eine erstaunliche Beobachtung zu überprüfen. Es gibt ein Video von einem Blauwal, auf dem weiße Buchstaben stehen: „Hank Komm Ariane David“. Konnte David in dieser Tiefe überleben?

Ein erster Tauchgang bestätigt diese Beobachtung, und es gibt weitere Botschaften: Bedingungen, wonach sich die Menschen von gewissen Meereszonen fernhalten sollen. Von Harding erhält Hank Meldungen aus allen Teilen der Erde, wonach Algenteppiche Häfen und Fischfanggründe blockiert haben. Es gibt kaum noch Schiffstransporte, von Fischerei gar nicht zu reden. Was geht da vor?

Die Wale agieren intelligent, als würde ein Bewusstsein sie steuern. Erst auf wütendes Poltern Hanks rückt Harding in einer Videokonferenz mit der Sprache heraus: Das Ergebnis eines militärischen Experiments mit Delfinen ist entkommen und hat sich vermehrt. Es ist ein Biolink zwischen Walen und Menschen, das Bewusstseine verknüpft. Das mit David und dem Wal passiert sein. Und sie steuern die weltweiten Aktionen durch die Infraschallkommunikationen der Blauwale, die tausende Kilometer weit reicht.

Als der Golfstrom versiegt, bleibt dem US-Präsidenten keine Wahl mehr. Er geht zum Gegenangriff über – direkt unter der „Polarstern“ …

|Mein Eindruck|

Wenn das bloß Frank Schätzing geschrieben hätte! In seinem Bestseller „Der Schwarm“ schildert der Kölner ebenfalls die Rache der Tiefsee an der Menschheit, mit fatalen Folgen. Die Ursache sind bei Wichmann jedoch nicht irgendwelche Aliens, sondern ein Militärexperiment, wie man sie schon seit über 50 Jahren kennt.

Trotz der also nicht gerade neuen Ideen weiß die Geschichte doch den Leser zu packen und bei der Stange zu halten, bis zur letzten Zeile. Ich würde mir einen Roman daraus wünschen, und wenn es bloß 140 Seiten wären.

_Arnold H. Bucher: „Den Letzten frisst der Schredder“_

Die Menschen sind von den Robotern abgelöst worden. Doch die Evolution wirkt weiter: Jede neue Baureihe führt zur Vernichtung ihrer Vorgänger. Als ein Montageroboter der 400er-Reihe nicht mehr einsieht, warum er sich durch Montage der 600er-Reihe selbst überflüssig machen soll, kommt es zum Ausraster. Auch der Protest seines 400er-Gegenübers am Fließband hilft da nichts. Als der Deserteur schließlich die Energieversorgung attackiert, sind härtere Maßnahmen nötig, um ihn zu stoppen.

|Mein Eindruck|

Noch ein Fall für den guten Doktor Isaac Asimov! Sogar die Robotergesetze werden hier befolgt. Aber gelten sie auch, wenn es keinerlei Menschen mehr gibt? Natürlich nicht! Humorvoll-sarkastisch zieht der Autor die Blechkumpel und ihre Motive bzw. Direktiven durch den Kakao. Und wer wird siegen – das System oder der Rebell? Dreimal darf man raten.

_Andrea Tillmanns: „Der blinde Passagier“_

Im Jahr 2108 ist ein Handelsraumschiff unterwegs zu seinem Bestimmungsort, als der Alarm die Xenobiologin Xing aus ihrem Kälteschlaf weckt. Ihre zwei Kollegen, der Sicherheitsoffizier Rensing, und die wuschelige, merinthische Ärztin Jojo, starren auf einen Monitor: Es gibt offenbar einen blinden Passagier im Frachtraum. Möglicherweise einen Karkon, aber die sind harmlos.

Nach einiger Suche und einer regelrechten Verfolgungsjagd stoßen sie endlich auf den Eindringling: einen prähistorischen Donnervogel von der Erde. Der Absender, wohl irgendein Genpanscher, hat nicht bedacht, dass die Schiffszeit an Bord von FLOW-Flügen viel länger dauert als seine eigene Base Time. Der Vogel ist deshalb vorzeitig geschlüpft – und mordsmäßig hungrig …

|Mein Eindruck|

Die Story könnte von James Tiptree alias Alice Sheldon aus ihren frühen Jahren ca. anno 1968 stammen. Sie ist nett, skurril genug und verweist auf einen ernsten physikalischen Hintergrund: die Zeitverschiebung an Bord interstellarer Flüge. Außerdem ist die Handlung spannend genug, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln, bis die Lösung des Rätsels erfolgt. Happy-End? Wird nicht verraten.

_Armin Rößler: „Die Fänger“_

Als Yord und Yola 15 oder 16 Jahre alt sind, schwebt ein Raumschiff auf sie herab und entführt Yords Schwester. Er weint bittere Tränen und vergisst sie nie. Zehn Jahre später kämpft er als Pilot in der Raumflotte seiner Heimatwelt Comon gegen die Tigri-Feinde, die ihren Raumsektor verteidigen. Mitten in der Schlacht bemerkt er jenes alte Raumschiff erneut und desertiert, um es anzufliegen. Ohne Zwischenfall gelangt er an Bord des Schiffes, doch dann streckt ihn ein Energiestrahl nieder.

Als er erwacht, kann er sich mit einer groß gewachsenen, blonden Frau, die einen Umhang trägt, unterhalten. Er sagt ihr, warum er hier sei, und sie sagt ihm, was es ist, was sie und ihresgleichen tun: Sie sind Sammler von Wesen, und nachdem sie ihre Lebensgeschichten erfahren haben, lagern sie ihre Exemplare im „Kabinett“. Sie gesteht ihm, dass er sie beeindruckt habe, und lässt ihn am leben.

Nach einer langen Periode im Kälteschlaf bekommt er einen Job in der Überwachung des „Kabinetts“. Es ist gigantisch und umfasst mehrere tausend Exemplare. Kann er Yola jemals in dieser Unmenge von sargähnlichen Kälteschlagbehältern finden? Vielleicht ist ja schon längst einem Defekt zum Opfer gefallen. Solche Defekte kommen mindestens einmal pro Wachperiode vor. Zwei Aufseher vom Volk der Stiripin helfen ihm. Dennoch seilt er sich zunehmend ab und sucht das Kabinett und die Hangars ab. So kann er einen Fluchtplan ins Werk setzen.

Wird er seine Schwester finden, fragt er sich stets, und was wird dann die große Frau tun?

|Mein Eindruck|

An dieser actionlosen Erzählung erweist sich mal wieder die Routine des erfahrenen Autors. Er zaubert selbst aus einer belanglosen, an Höhepunkten armen Geschichte noch angenehme Unterhaltung. Der erfahrene Leser weiß von vornherein, dass der Held seine Schwester finden wird, denn sonst wäre die Geschichte ja völlig umsonst erzählt.

Also müsste eigentlich etwas anderes den Reiz der Geschichte ausmachen, entweder die innerliche Weiterentwicklung der Hauptfigur im Sinne eines Entwicklungsromans – oder interessante Erkenntnisse über die Sammler bzw. Fänger, die der Geschichte ihren Titel geben. Enttäuschenderweise findet weder das eine noch das andere Motiv eine nennenswerte Vertiefung.

Der Held wird nicht zu einer inneren Wandlung gezwungen – wie auch, wenn es völlig unbehelligt weiter wursteln kann? Und die große Frau von den Aliens verrät über ihre Sammelleidenschaft und deren Ursache – Langeweile – auch nicht allzu viel. Somit bleibt der Leser mit dem Gefühl zurück, gerade einen Appetithappen gefuttert zu haben, aber sich bis zum Hauptgericht noch gedulden zu müssen.

_Fehler und Zweifelsfälle_

Auf Seite 21 muss es in der ersten Zeile „Bake“ statt „Barke“ heißen, denn in der Regel fahren auf der Autobahn keine Schiffe.

Auch auf Seite 190 wird die Aufmerksamkeit des Lesers getestet. Wer weiß, dass Wale keine Forken (= Mistgabeln), sondern Fluken (= Schwanzflossen) besitzen, wird jedoch zurechtkommen. Von Mistgabeln schwingenden Wale hat man bislang noch nichts gehört.

Auf Seite 206 hat sich der Herausgeber höchstselbst mit einem Schnitzer verewigt. Da heißt es: „Der Wiese blieb rasch hinter ihnen zurück.“ Korrekt sollte es „die Wiese“ heißen.

_Unterm Strich_

Besonders beeindruckt haben mich die Erzählungen „Der Klang der Stille“, „Rückkehr ins Meer, „Wie ein Fisch im Wasser“ und vor allem „Das Klassentreffen der Weserwinzer“. Letztere Geschichte hat mir ganz besonderes Vergnügen bereitet, und ich könnte mir einen ganzen Roman mit Geschichten vorstellen, die in diesem Setting spielen – die Gegenwart Deutschlands in den Rahmenbedingungen vor 1815, das wäre doch mal ein reizvolles Sujet. Könnte man auch zur Shared World ausbauen. An ähnlichen Beispielen fällt mir spontan nur der Alternativweltroman „An den Feuern der Leyermark“ von Carl Amery ein, der um das Jahr 1866 spielt, als eigentlich die Preußen Österreich bei Königgrätz vernichtend schlagen sollen – aber hier kommt alles ganz anders, besonders aus bayerischer Sicht.

Lediglich lauwarme Begeisterung wussten die technisch orientierten Beiträge bei mir hervorzurufen, so etwa das beeindruckende „Vactor Memesis“, das mich jedoch in seiner prämisse zu stark an Iwoleits Roman „Psyhack“ erinnerte. Auch „Klick, klick, Kaleidoskop“ und erst recht „Wie man sich ändern kann“ scheinen mir in diese Richtung zu tendieren. Das ist keineswegs schlecht, führt aber manchmal zu wenig befriedigenden Ergebnis. Es kommt stark auf die erzählerische Umsetzung an.

Es ist bemerkenswert, wie viele Geschichte im oder am Meer spielen, so etwa „Rückkehr ins Meer“, „Wie ein Fisch im Wasser“ und „Eiskalt“. Der Grund mag der sein, dass sich dort die Zukunft des Planeten entscheiden wird, vor allem wegen des Klimawandels. Andere, mitunter recht amüsante Geschichten zeigen die guten alten Roboter Asimov’scher Prägung. Die klassischen Vorbilder der 1940er bis 1960er Jahre lassen sich auch noch in „Molekularmusik“ und „Der blinde Passagier“ entdecken.

Wer sich fragt, warum bestimmte Erzählungen die Aufnahmekriterien für diese Sammlung erfüllten, andere aber wohl nicht, kommt besonders bei den Beiträgen „Die Fänger“ des Herausgebers und bei dem Landser-Roman „Eiskalt“ ins Grübeln. Letzterem kann man wenigstens noch zugute halten, dass er eine erkennbare politische Entwicklung extrapoliert, aber bei Stößers Beitrag sind die Fragen wesentlich größer. Vielleicht hatten die Herausgeber einfach selbst „carte blanche“, welchen Eigenbeitrag sie einbringen wollten.

|Taschenbuch: 226 Seiten
ISBN-13: 978-3938065471|
[www.wurdackverlag.de ]http://www.wurdackverlag.de

Noël, Alyson – Evermore – Der blaue Mond (Die Unsterblichen 2)

Nach hunderten von Jahren und vielen späteren Reinkarnationen von Evers sind sie und Damen endlich ein Paar und die Widersacherin von Ever, Damens Ex-Frau Drina, wurde von Ever im Sommerland getötet.

Damen und Ever sind schwer verliebt und genießen eine schöne Zeit, allerdings wird diese durch Evers Eifersucht getrübt, denn der hatte ja diverse Jahre ohne seine geliebte Ever verbracht. Ohne es wirklich zu wollen, wirkt Ever so auf Damen sehr distanziert, und wenn sie alleine sind, stößt sie ihn verunsichert häufig von sich.

Die Freunde Evers, Heaven und Miles sind manchmal schlicht genervt von dem verliebten Geturtel der beiden, und auch Evers Tante ist mit der Beziehung nicht ganz einverstanden. Sie befürchtet bei Ever eine Essstörung, da diese nur noch diesen merkwürdigen roten Saft trinkt, den Damen ihr gibt, und ansonsten kaum noch was zu sich nimmt.

Als der neue Mitschüler Roman auf den Plan tritt, wird alles anders. Heaven und Miles wenden sich plötzlich von Ever ab. Die verfeindeten Cliquen der Schule hängen unerwartet zusammen rum und haben wirklich Spaß miteinander, und das Schlimmste: Damen scheint sehr krank zu werden und wendet sich ebenfalls komplett von Ever ab. Er scheint sie nicht einmal mehr zu erkennen. Ever ist sehr verstört, unglücklich und verdächtigt Roman, seine Finger im Spiel zu haben. Um der Sache auf den Grund zu gehen, forscht Ever zusammen mit der Wahrsagerin Ava im Sommerland nach den Ursachen des seltsamen Verhaltens ihres Seelenpartners.

Kann Ever Damen retten und hat wirklich der neue Roman die Finger im Spiel?

_Kritik_

Mit „Evermore – Der blaue Mond“ hat Alyson Noël den gelungenen zweiten Teil ihrer auf sechs Teile ausgelegten Evermore-Saga veröffentlicht. Mit dieser Serie hat die Autorin eine unabhängige Saga geschaffen, die sich mit ihrer typischen Esoterik deutlich von der breiten Masse abhebt.

Die einzelnen Protagonisten reifen im Verlauf der Geschichte. Besonders dem Charakter Damens wird deutlich mehr Platz auf der Bühne eingeräumt als im ersten Teil, und eine Reise in seine Vergangenheit lässt ihn lebendiger und realer werden. Mit Ever kann der Leser praktisch mitfühlen; alles, was sie innerhalb kürzester Zeit erlebt – den Verrat, den Verlust und die große Liebe zu Damen – macht sie zu einer sehr gefühlvollen und letztendlich starken Person. Die weiteren Charaktere, die man größtenteils schon aus dem ersten Teil kennt, bleiben Nebendarsteller, aber immer noch ausreichend in der Geschichte vertreten.

Auch dieser Teil ist aus der Perspektive Evers erzählt, daher kann man sich als Leser sehr gut in diesen Hauptcharakter hineinversetzen und fühlt besonders ihre Verzweiflung mit, als sie Damen zu verlieren droht. Auch hat die Autorin diesen Teil wieder sehr fesselnd, lebendig und leicht geschrieben, so dass man perfekt in die Geschichte eintauchen kann. So rasant wie der erste Teil endete, so langsam beginnt der zweite, was der Geschichte aber keinesfalls die Spannung nimmt.

Störend ist nur der Umgang mit Evers Unsterblichkeit, soll sie doch geheim bleiben. Aber Ever isst in Gesellschaft anderer so gut wie nichts und trinkt lediglich den Unsterblichkeitssaft in aller Öffentlichkeit. So kommt zwar das recht aktuelle Thema Essstörung in diesem Roman vor; die Reaktionen von Evers Tante sowie ihren Freunden hinsichtlich dieses Verdachtes sind allerdings sehr oberflächlich, und mit fadenscheinigen Ausreden lassen sich alle bereitwillig abspeisen.

Das Buch endet dann mit einem wahnsinnig spannenden Cliffhanger, der das Warten auf den nächsten Teil zur Qual machen kann.

_Fazit_

„Evermore – Der blaue Mond“ von Alyson Noël konnte mich weitgehend überzeugen, der flüssige und lebendige Schreibstiel der Autorin zieht einen direkt in die Geschichte hinein und das nervenaufreibende Ende lässt hoffen das die Zeit bis zum Erscheinen des dritten Teiles im November 2010 schnell vergeht.

Jungen und jung gebliebenen Leserinnen der Romantic Fantasy und esoterischer Geschichten kann ich „Evermore – Der blaue Mond“ mit reinem Gewissen empfehlen. Ich freue mich schon auf „Evermore – Das Schattenland“, das im November 2010 erscheinen sollte und wegen des Erfolgs der Serie auf den August vorgezogen wurde.

_Die Autorin_

Alyson Noël arbeitete früher als Stewardess für eine große amerikanische Fluggesellschaft. Seit einiger Zeit lebt sie in Laguna Beach, Kalifornien und ist erfolgreiche Romanautorin. Mit „Evermore – Die Unsterblichen“ stürmte sie auf Anhieb die amerikanischen Bestsellerlisten und eroberte die Herzen einer überwiegend weiblichen Leserschaft. Die Übersetzungsrechte wurden bisher in 15 Länder verkauft und auch die Filmrechte sind vergeben. Auch der zweite Band landete in den USA gleich nach seinem Erscheinen auf Platz 1 der New-York-Times-Liste. Im Internet präsentiert sie sich auf ihrer englischsprachigen Homepage [www.alysonnoel.com.]http://www.alysonnoel.com

|Originaltitel: Blue Moon
Originalverlag: St. Martin’s
Aus dem Amerikanischen von Ariane Böckler
382 Seiten, Paperback mit Klappenbroschur
Erschienen bei Page & Turner, 03.05.2010
ISBN-13: 9783442203611|
http://www.evermore-unsterbliche.de
http://www.immortalsseries.com
http://www.pageundturner-verlag.de

_Nadine Warnke_

Fink, Torsten – Nomade (Der Sohn des Sehers 1)

_Der Sohn des Sehers:_
Band 1: _Nomade_
Band 2: Lichtträger (Juli 2010)
Band 3: Renegat (September 2010)

Awin hat es nicht leicht. Der Klan, bei dem er lebt, ist nicht der seine und sein Ziehvater Curru, der ihn zum Seher ausbilden soll, putzt ihn ständig herunter. Doch dann wird der Heolin gestohlen, der Lichtstein, das Zentrum der Hakul-Kultur. Sogleich brechen die Krieger des Klans auf, um den Dieb und Grabschänder zu verfolgen und den Stein zurück zu holen. Ein Unterfangen, das unter keinem guten Stern zu stehen scheint, und auf Awin will niemand hören, am allerwenigsten Curru …

_Obwohl er bereits_ sechzehn Jahre zählt, ist Awin ein ausgesprochen unsicherer junger Bursche. Das ist auch kein Wunder, denn Curru macht nicht nur ständig Awins Leistungen schlecht, er bringt ihm auch nicht wirklich etwas bei. Die Sprüche über Geier, Wölfe und Gras, die Awin lernen muss, klingen eher nach Bauernregeln als nach echtem Sehen. Und so kommt es, dass Awin seinen durchaus beachtlichen Fähigkeiten nicht so recht traut.

Dem objektiven Leser ist dagegen von Anfang an klar, dass Curru Awin bewusst manipuliert. Er fürchtet um seine eigene Stellung im Klan, denn er spürt, dass Awin ihm in Wahrheit weit überlegen ist. Im Rahmen seiner Fähigkeiten hat er stets das Beste für den Klan getan, die Größe, einem Jüngeren und Besseren Platz zu machen, besitzt er jedoch nicht, dafür ist er zu stolz und zu eitel.

Und dann ist da noch Eri, ein hitzköpfiger Gernegroß, der zwar hervorragend austeilen kann, einstecken aber kann er nicht, und die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen ist noch viel weniger sein Ding. Sein Vater, der Yaman des Klans, ist ein weiser und gemäßigter Mann mit Weitblick und ausgeprägtem Ehrgefühl. Doch seine Söhne sind seine Schwäche. Es gelingt ihm nicht, Eri zu disziplinieren, und der Verlust seiner beiden Ältesten lähmt ihn bis zur Handlungsunfähigkeit.

Und dann sind da noch die beiden Frauen aus dem Eisland, Senis und Merege. Beide verfügen offensichtlich über magische Kräfte, doch obwohl Senis eine freundliche und hilfsbereite Frau zu sein scheint, lässt sie sich nicht in die Karten schauen und Merege ist noch zugeknöpfter.

Bisher ist die Charakterzeichnung angenehm klischeefrei geraten. Vor allem Awins allmähliche Emanzipation von Curru ist gut gemacht. Curru scheint gegen Ende des Bandes so etwas wie Ehrgeiz zu entwickeln, was kein Fehler sein muss, so lange der Autor es nicht übertreibt und seine Figur dadurch zum Typus des machtgierigen Bösewichts verkommen lässt. Eri dagegen darf noch etwas mehr Eigenständigkeit entwickeln, er erinnerte mich stark an Numur aus dem Zyklus |Die Tochter des Magiers|.

Das allein wäre kein Weltuntergang, bei der Flut an Fantasy, die ständig neu erscheint, ist es nahezu unmöglich, jegliche Ähnlichkeiten mit bereits bekannten Figuren zu vermeiden. In diesem Fall jedoch störte es mich, weil |Der Sohn des Sehers| kein unabhängiger Zyklus ist, ganz im Gegenteil. „Nomade“ spielt zeitgleich zu „Die Diebin“. Der Dieb, den die Hakul verfolgen, ist kein anderer als der Gauner Tasil. Tasil taucht selbst allerdings nicht auf, im Gegensatz zu Numur.

Torsten Fink erzählt die Geschichte diesmal quasi aus der entgegengesetzten Sicht, aus Sicht der Hakul. Und er erzählt sie so geschickt, dass man die Trilogie um Maru nicht gelesen haben muss, um dem Geschehen folgen zu können. Der größte Teil der Handlung ist von der Handlung des ersten Zyklus‘ unabhängig. Die Hakul verfolgen Tasil, doch eine Menge Widrigkeiten verhindern zunächst, dass sie ihn einholen. So bleibt eine Menge Raum für die Hakul selbst und ihre Nomadenkultur sowie das Mysterium des Lichtsteins, mit dem es offenbar mehr auf sich hat als die Legenden der Hakul berichten.

Dennoch sind beide Zyklen durch Schlüsselszenen eng miteinander verknüpft, so zum Beispiel durch die Audienz, in der Tasil beinahe auffliegt, weil die Hakul bei dem Händler, der Maru an Tasil verkauft hat, den Dolch eines der ihren entdecken. Der Autor hat sie nahtlos in den Rest der Ereignisse eingeflochten, so dass sie zur Erzählsicht Awins passen.

Dadurch hat der Autor die Geschichte des ersten Bandes nicht nur um eine Kultur und ihre eigenen inneren Konflikte und politischen Zusammenhänge erweitert, sondern er hat beide miteinander verbunden und so in Abhängigkeit von einander gesetzt. Und so, wie die Verfolgung Tasils den weltlichen Teil der Handlung ausgeweitet hat, weiten die Anwesenheit Mereges und der Heolin den mythologischen Teil aus. Allmählich dämmert dem Leser, dass hier womöglich weit mehr im Gange ist als nur menschliche Kleingeistigkeit, Hab- und Machtgier. Hier geht es um die Götter und das Schicksal der Welt.

_Sieht so aus_, als hätte sich die epische Breite diesmal sozusagen durch die Hintertür eingeschlichen. Wieviel Raum sie letztlich tatsächlich beanspruchen wird, bleibt abzuwarten. Die Aussichten sind vorerst nicht schlecht: Awin muss zu seinem Klan zurückkehren, denn der ist in Gefahr, und das in nicht nur einer Hinsicht. Außerdem bleibt die Frage, was letzten Endes mit dem Heolin geschehen wird, auf den nicht nur die Hakul Anspruch erheben, sondern auch Merege. Und natürlich bin ich neugierig, ob Awin bei all dem womöglich zufällig Maru und Temu auf deren Suche nach Marus Vater begegnen wird. Wer weiß …?

_Torsten Fink war_ Journalist und Texter, unter anderem für literarisches Kabarett, ehe er 2008 sein erstes Buch „Die Insel der Dämonen“ veröffentlichte. |Die Tochter des Magiers| war sein erster Mehrteiler, an den jetzt |Der Sohn des Sehers| anknüpft. Die beiden Folgebände von „Nomade“ erscheinen noch 2010 unter den Titeln „Lichtträger“ und „Renegat“.

|Taschenbuch: 461 Seiten
ISBN-13: 978-3442266913|

_Torsten Fink bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Diebin“ 5775
[„Die Gefährtin“ 5950
[„Die Erwählte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5951

Paul Hoffman – Die linke Hand Gottes

Thomas Cale ist Novize und lebt in der Ordensburg der „Erlösermönche“. Auch wenn sie Gott – dem „Erlöser“ – dienen, so ist die Botschaft, die sie überbringen, meistens nicht die des Friedens, denn sie sind eher Gesandte des Todes.

Das Leben für die vielen Jungen ist äußert unbarmherzig. Der Kriegerorden kennt so etwas wie Gnade und Erbarmen nicht. Ihre Ausbildung ist voller Enthaltsamkeit, dafür regiert die Gewalt hinter den Klostermauern. Schon von Kindesbeinen an wird ihr Willen systematisch gebrochen, um sie später als Kriegsmaschinen gegen die Antagonisten einzusetzen: Ketzer und Abtrünnige vom wahren und einzigen Glauben an den göttlichen „Erlöser“.

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Brandon Sanderson – Herrscher des Lichts (Mistborn 3)

Mistborn

Band 1: „Kinder des Nebels“
Band 2: „Krieger des Feuers“

Nach der Schlacht um Luthadel versucht Elant Wager, inzwischen erneut König und Oberster Herrscher, sein Reich wieder zu einen und die Menschen in seiner Hauptstadt zu versammeln. Denn nur dort kommt noch genug Sonnenlicht zum Erdboden durch, um Pflanzen wachsen zu lassen. Vor allem aber braucht Elant den Zugang zu einer Höhle unter einem Ministeriumsgebäude in Fadrex. Vier Höhlen dieser Art haben sie bereits gefunden, und dort fanden sich vor allem Vorräte jeglicher Art, außerdem aber auch eine Metallplatte mit Hinweisen des ehemaligen Obersten Herrschers Raschek. Vin erhofft sich von der fünften Platte die Lösung des Rätsels, wie sie das Wesen bekämpfen kann, das sie unwissentlich an der Quelle der Erhebung frei gelassen hat und das offensichtlich ein gefährlicher Feind ist. Doch in Fadrex hat sich ein ehemaliger Obligator namens Yomen zum Herrscher aufgeschwungen und ist nicht bereit, mit Elant und Vin zusammenzuarbeiten.

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Okonnek, Evelyne – Flammen der Dunkelheit, Die

In einer Neumondnacht werden zwei Jungen geboren. Der eine ist Dallachar, der Sohn der Königin, der andere Gliceas, Sohn einer armen Magd. Beide werden die Welt verändern, so ist es prophezeit. Doch keiner der beiden Jungen weiß etwas davon. Und auch nicht davon, dass es einen Mann auf der Insel gibt, der alles tun wird, um die Erfüllung dieser Prophzeiung zu verhindern.

_Die Welt, die_ Evelyne Okonnek schildert, ist krank. Wobei Welt vielleicht schon zu viel gesagt ist, denn der Schauplatz des Geschehens ist eine Insel im Meer, offenbar völlig isoliert von allem, was es sonst noch so geben mag. Nur ein einziges Mal, vor langer Zeit, erreichten Siedler von außerhalb diesen abgelegenen Ort. Seither hat sich viel verändert. Eines Tages verschwand die Sonne und kehrte nicht zurück, warum, weiß niemand. Jetzt ist es ständig kalt, es regnet nahezu ununterbrochen, immer wieder toben wütende Stürme über die Insel, die so gefährlich sind, dass die Bewohner der Insel vor ihnen in die Keller flüchten. Die Lebensmittelversorgung ist schlecht, Getreide wächst längst keines mehr, die Menschen sind auf Grassamen und Meeresalgen ausgewichen.

Alle Hoffnungen der Bevölkerung auf Besserung ruhen auf dem jungen Prinzen. Aus irgendeinem Grund scheinen alle zu glauben, dass der Junge irgendwann ein Wunder vollbringen und alles wieder in die richtigen Bahnen lenken wird, und das, obwohl die Prophezeiung bei den Menschen unbekannt ist.

Dallachar seinerseits ist sich der Hoffnungen der Menschen wohl bewusst, hat aber keine Ahnung, warum sie so sehr an ihn glauben. Er selbst fühlt sich wie ein Gefangener im Kerker, eingeschränkt und einsam. Seine Amme beschützt ihn zwar – manchmal sogar viel zu sehr für seinen Geschmack -, hat aber keinerlei echte Wärme für ihn und er fürchtet den Erwählten des Jalluth, den obersten Priester, der de facto die Regierungsgeschäfte führt. Vor allem aber leidet er unter der Zurückweisung durch seine Mutter, für deren Zuneigung er beinahe alles täte, alles gäbe.

Seine Mutter Aurnia dagegen erträgt ihren Sohn nicht. Die etwas eitle und selbstbezogene Frau hat sich für ihre Ehe Liebe und Achtung erhofft und ist bitter enttäuscht worden. Dallachar ist für sie nur eine ständige Erinnerung an ihre größte Demütigung. Dass sie auch nach seiner Geburt noch auf das Wohlwollen des Erwählten, den sie so sehr verachtet wie sie ihn fürchtet, angewiesen ist, macht es für sie nicht leichter, zumal der Erwählte sich nicht darauf beschränkt, das Land zu regieren. Er mischt sich schlichtweg in alles ein, auch in Aurnias Privatleben. Doch Aurnia ist nicht so schwach, wie der Erwählte glaubt.

Der Erwählte ist ein kalter, unbarmherziger Mann, der sämtliche Macht im Land mit völliger Selbstverständlichkeit beansprucht. Gleichzeitig sind die Menschen ihm vollkommen gleichgültig. Denn nicht Machtgier treibt diesen Priester an, sondern etwas ganz anderes …

Und dann ist da noch Gliceas, genannt Glic. Der muntere, recht vorlaute Junge ist bei einer alten Frau im Wald aufgewachsen, und obwohl er dort frei herum streunen durfte, fühlt auch er sich eingesperrt. Die Alte hat einen magischen Schild um den Wald gelegt, um den Jungen am Fortlaufen zu hindern, was ihm gar nicht behagt, obwohl es nur seinem Schutz dient. Glic ist ein Dämonenmischling und außerhalb des Waldes drohen ihm Verfolgung und Tod. Als die Alte ihm auf ihrem Sterbelager aufträgt, in die Stadt zu einem Schreiber namens Ardal zu gehen, erfährt Glic nur zu bald, was das für ihn bedeutet.

Denn die Dämonen, eine alte, magisch begabte Rasse, werden von den Menschen zutiefst verabscheut und gefürchtet. Deshalb haben die Menschen vor einigen Jahrhunderten Krieg gegen die Dämonen geführt und sie alle ausgerottet. Doch es scheint, als hätte sich das Blut beider Rassen bereits zu oft miteinander verbunden, immer wieder tauchen Mischlinge auf, die zwar nicht über die volle Macht der Dämonen verfügen, aber viel stärker sind als reine Menschen. Die meisten von ihnen tragen Federn am Körper, um die tanzenden Funken der Magie in ihren Augen zu verbergen, und ein wenig Eisen, um ihre Stärke ein wenig zu dämpfen, damit sie sich nicht versehentlich durch ihre Kraft verraten. Denn Eisen schwächt die Magie der Dämonen und ist deshalb das einzige Mittel, sie zu besiegen.

_Hier zeigt sich_ deutlich, dass die Autorin ein wenig aus der gälischen Mythologie geschöpft hat. Das tut sie ganz offen und unverblümt, einige ihrer Figuren tragen Namen wie zum Beispiel Grian, Néal und Lasair, die irischen Worte für Sonne, Wolke und Flamme. Zum Glück jedoch hat sie sich nicht sklavisch an die gälischen Mythen geklammert, wie Cecilia Dart-Thornton es getan hat, sondern sie hat den einen Aspekt – die Wechselwirkung von Magie und Eisen – mit eigenen Ideen verknüpft und in eine neue Mythologie eingearbeitet, die zwar nicht allzu detailliert ausgearbeitet, aber dennoch interessant und neu ist.

Auch Prophezeiungen sind wahrhaftig nichts Neues in der Fantasy, angenehm empfand ich jedoch, dass die Autorin die kryptischen Verse nicht auf die Zukunft bezogen hat. Natürlich wird immer wieder mal über deren Bedeutung nachgedacht, vor allem von einem Mann, dessen Tagebucheinträge die einzelnen Kapitel einleitet. Mit fortschreitender Handlung wird jedoch deutlich, dass der Leser daraus keine Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung der Ereignisse ableiten kann, sondern dass sie einen Schlüssel zur Vergangenheit enthalten. Das hat nicht unbedingt etwas mit der Aufdeckung von Geheimnissen zu tun – die einzigen Geheimnis des Buches sind die Identität des Erwählten und die der Dohle, und beide sind recht bald klar – sondern mit dem Verständnis, was zur aktuellen Situation der Insel geführt hat. Jalluth dagegen, offenbar der Gott der Menschen, ist vollkommen unwichtig und taucht nur als Namensgeber für die Priesterschaft auf.

Aus diesen Zutaten hat Evelyne Okonnek eine Handlung gestrickt, die sich trotz der „nur“ 350 Seiten des Buches über den recht langen Zeitraum von fast zwanzig Jahren erstreckt. Die Raffung weniger erreignisreicher Phasen hat sie dabei ohne Hänger oder Stolperer in den Fluss der Geschichte eingebaut. Aber auch die ausführlicher geschilderten Phasen sind ohne detailliertere Ausarbeitung erzählt. Ausschmückung und epische Breite fehlen völlig.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist es ihr gelungen, ein kompliziertes Netz zwischen den einzelnen Figuren ihrer Geschichte zu entwickeln, ein dünnes Gespinnst aus Ursache und Wirkung, aus Missverständnissen und Ignoranz, aus Egoismus, Neid und Rachsucht, in dem stets das eine das andere bedingt und alles irgendwie miteinander verkettet ist. Dass sie dabei auch sämtliche Charaktere über die Nachvollziehbarkeit hinaus lebendig und von ihrer Motivation her glaubwürdig gestaltet hat, ohne auch nur bei einem von ihnen in Klischees zu versinken, macht all diese inneren Abhängigkeiten noch intensiver. Ein Schwarz-Weiß-Effekt ist schlicht nicht vorhanden, was wiederum zur Folge hat, dass man den Schluss des Buches nicht als Happy End bezeichnen kann. Tatsächlich ist er nicht nur wenig spektakulär, sondern auch ziemlich desillusionierend und fügt sich damit auf eine Weise in die düstere Grundstimmung des Buches, die jeder als angenehm empfinden wird, dem die kitschigen „Und-alles-war-wieder-gut“-Finale zum Hals heraushängen.

_Mit anderen Worten_, ich fand dieses Buch sehr lesenswert, obwohl es weder besonders viel Spannung, Action, Romantik oder überbordenden Ideenreichtum in Bezug auf die Ausstattung bietet. Manches ging vielleicht ein bißchen glatt, wie zum Beispiel das Schicksal von Aurnias Zofe und ihrem Liebhaber, auch hätte manches vielleicht vermieden werden können, wenn die Betreffenden einfach miteinander geredet hätten, was vor allem für Aithreos versuchte Heilung für Brone gilt. Das sind jedoch Kleinigkeiten am Rande, die nicht wirklich stören. Die eigentliche Geschichte um das tragische Schicksal einer Welt, das mit ein wenig Verstand und Feingefühl womöglich zu vermeiden gewesen wäre, wird dadurch nicht beeinträchtigt.

_Evelyne Okonnek arbeitete_ nach einem Spanisch- und Germanistikstudium zunächst für eine Werbeagentur und schrieb in ihrer Freizeit Kurzgeschichten. Seit ihrem Debutroman „Tochter der Schlange“, für den sie den Wolfgang-Hohlbein-Preis erhielt, schreibt sie hauptberuflich. Nebenbei ist sie auch künstlerisch kreativ, als Malerin und Goldschmiedin.

|Broschiert: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-800-09509-4|
www.evanjo.de

_Evelyne Okonnek bei |Buchwurm.info|:_
[Die Tochter der Schlange]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2419
[Das Rätsel der Drachen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3910

Herbert,Frank / Herbert, Brian / Anderson, Kevin J. – Träume vom Wüstenplaneten

_Ein geplündertes Grab oder mehr?_

„Träume vom Wüstenplaneten“ versammelt u. a. aus dem ersten Roman „Der Wüstenplanet“ herausgenommene Kapitel, aber noch vieles mehr: Den Anfang macht ein völlig anderer „“Dune““-Roman, den Brian Herbert und Kevin Anderson anhand von Frank Herberts Storyline schrieben – nur 230 Seiten, aber sehr interessant. Den Schluss bilden vier ihrer Kurzgeschichten aus dem „Dune“-Universum, von denen drei im „Legenden“-Zyklus spielen (siehe Werkverzeichnis).

_Die Autoren:_

1.) Frank Herbert (1920-1986) wuchs im Nordwesten der USA auf, arbeitete als Reporter und Wahlkampfhelfer, bevor und während er ab 1952 seine ersten SF-Storys veröffentlichte, denen 1956 der erste Roman „Dragon in the Sea“ folgte. 1963 -1965 wurden seine Storys um den Wüstenplaneten Arrakis in „Astounding“ publiziert, doch um seinen daraus aufgebauten Roman „Der Wüstenplanet“ unterzubringen, musste Herbert erst 20 Ablehnungen kassieren, bevor es ihm 1965 gelang, den Verlag Chilton Book Co. zu gewinnen, der mehr für seine Autoreparaturratgeber bekannt war. Die „“Dune““-Saga umfasste schließlich sechs Romane aus Frank Herberts Schreibfabrik, von denen die ersten drei verfilmt worden sind. Herbert schrieb neben 20 anderen SF-Romanen auch einen interessanten Non-SF-Roman namens „Soul Catcher“, der noch nicht übersetzt worden ist.

Die „Dune“-Saga:

1) Der Wüstenplanet (1965)
2) Der Herr des Wüstenplaneten (1969)
3) Die Kinder des Wüstenplaneten (1976)
4) Der Gottkaiser des Wüstenplaneten (1981)
5) Die Ketzer des Wüstenplaneten (1984)
6) Die Ordensburg des Wüstenplaneten (1985)

2.) Brian Herbert, geboren 1947, ist der einzige Nachkomme Frank Herberts, der das Schriftstellergen geerbt hat. Mit seinem Vater schrieb Brian 1986 den SF-Roman „Mann zweier Welten“. Seine Biografie „Dreamer of „Dune““ (2003) ist sehr lesenswert und nicht nur wegen der Bibliografie seines Vaters ein Geheimtipp. Ergänzt wird sie durch die HUGO-nominierte Monografie von „The Notebooks of Frank Herbert’s „Dune““, die er 1988 herausgab. Brian Herbert hat einen Zyklus zu veröffentlichen begonnen, der mit dem Roman „Timeweb“ startet.

Er fragte Kevin J. Anderson, ob dieser an einer „“Dune““-Vorgeschichte mitarbeiten wollen. Anderson, selbst Autor von über 15 Millionen verkauften Büchern („Akte X“, „Star Wars“ u. v. a.), sagte geehrt und begeistert zu.

3.) Kevin J. Anderson, geboren 1962, veröffentlichte 1982 seine erste Kurzgeschichte. Bis 1992 hatte er über 100 Beiträge für Magazine geschrieben, denn Anderson kommt aus der Technik. Sein erster Roman „Resurrection Inc.“ erschien 1988 und enthielt Horrorelemente, danach folgte eine Trilogie um „Gamearth“ (1989/90). Danach folgten „Lifeline“ (1990) und „The Trinity Paradox“ (1991), beide zusammen mit Doug Beason. Anderson ist ein äußerst effizient arbeitender Autor. Das zeigt sich auch an seinem Ausstoß an „Star Wars“-Romanen für Jugendliche sowie an „Akte X“-Romanen (15 Mio. Exemplare gibt Heyne an). Zuletzt erschien ab 2002 sein neuer Zyklus „Die Saga der sieben Sonnen“, von dem die ersten Romane bei Heyne erschienen sind. Mehr Infos dazu finden Sie unter [www.wordfire.com]http://www.wordfire.com.

Das Ergebnis der Kooperation war zunächst die Trilogie der „Frühen Chroniken“ des Wüstenplaneten, die aus folgenden Bänden besteht:

1) Das Haus Atreides
2) Das Haus Harkonnen
3) Das Haus Corrino

Mittlerweile ist die zweite Trilogie „Der Wüstenplanet: Die Legende“ abgeschlossen. Sie besteht aus folgenden Bänden:

1) Butlers Djihad (The Butlerian Djihad)
2) Der Kreuzzug (The Machine Crusade)
3) Die Schlacht um Corrin (The Battle of Corrin)

Ein weiterer Band namens „Träume vom Wüstenplaneten“ ist 2005 erscheinen und wird hier besprochen. Er bildet ein Zwischenspiel, bevor Herbert & Anderson den zentralen „“Dune““-Zyklus fortführen, denn …

7) Die Jäger des Wüstenplaneten (2006, dt. 2007)
8) Die Erlöser des Wüstenplaneten (2007, dt. 2008)

… schließen den ersten „Dune“-Zyklus so ab, wie Frank Herbert es vorsah, bevor ein unzeitiger Tod ihn am Weiterschreiben hinderte. Die Teile 7 und 8 bilden eine Art Doppelroman, der zusammengehört, aber aus Platzgründen gesplittet werden musste, denn ein Roman von 1300 Seiten ist absolut unverkäuflich (es sei denn, man hieße Tolkien).

Weitere Romane: „Paul Atreides“, „Lady Jessica“.

_Handlung von „Der Gewürzplanet – Der andere „Dune“-Roman“:_

Der Imperator Wuda befiehlt den Edelmann Jesse Linkam (= Herzog Leto Atreides) zu sich auf die Zentralwelt Renaissance, auf dass dort über das Anliegen der Adelshäuser entschieden werde, an dem einträglichen Abbau von und Handel mit dem Spice Melange teilzuhaben. Darauf nämlich hat das Haus Hoskanner unter seinem Lord Valdemar (= Vladimir Harkonnen) ein vom Kaiser verliehenes Monopol, wofür der Kaiser eine hohe Gebühr erhebt. Lord Valdemar bietet Jesse Linkam einen trügerischen Kompromiss an: Linkam darf für zwei Jahre das Spice abbauen, und wenn es ihm gelingt, binnen zwei Jahren die Spice-Produktion der Hoskanner zu übertreffen, darf er Arrakis behalten. Jesse ahnt zwar den Betrug, doch der Imperator zwingt ihn, sich auf das Angebot einzulassen.

Als Linkam mit seiner Konkubine und Managerin Dorothy Mapes (= Lady Jessica) und seinem achtjährigen Sohn Barri (= Paul Atreides) auf der Dünenwelt (= Arrakis) eintrifft, erweist sich schnell, dass die Hoskanner hier eine Todesfalle aufgebaut haben, in denen der Adlige und seine Leute umkommen sollen. Nicht nur sind die ausbedungenen Spice-Abbaugeräte praktisch schrottreif, es gibt auch eine Reihe Fallen und Saboteure. Noch ahnt Jesse nicht, dass sich auch ein Verräter in seiner Truppe befindet. Auch die lebenswichtigen Wettersatelliten fallen aus. Als deswegen Linkams Leute einen Coriolis-Sturm fast übersehen, kommen um ein Haar eine Menge Arbeiter um.

Doch der planetarische Ökologe Dr. Haynes (= Pardot oder Liet Kynes) hilft Linkam ebenso wie der Spice-Ingenieur William English. Mit diesen Vertrauten verbringen Linkam und Barri einen Tag auf einer Forschungsstation am fernen Äquator. Die Sandwürmer stellen eine ständige Gefahr dar. Dorothy, die keine Bene Gesserit ist, aber über eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe verfügt, macht sich Sorgen um ihren Geliebten, aber noch mehr um Barri, ihr einziges Kind.

Nachdem aufgrund von Sabotage der Flieger (ein „Ornijet“) Linkam in einem Sturm hat notlanden müssen, glaubt man den Edelmann und seine Begleiter in der tiefen Wüste verschollen. Dorothy macht sich Vorwürfe, denn alles scheint nun zu enden. Doch Linkam, Barri und English sind nicht tot, sondern machen sich auf den Weg zum nächsten Forschungsposten – mitten durch alle Gefahren, die die Dünenwelt zu bieten hat …

_Mein Eindruck:_

Dieser Roman mutet an wie eines der zweitklassigen Planetenabenteuer, wie sie Jack Vance in großer Fülle produziert hat. Er hat auch erstklassige SF-Romane geschrieben, aber von dieser Klasse ist „Spice Planet“ weit entfernt. Ich dachte zunächst eine Kurzgeschichte zu lesen, weil hierbei der Schwerpunkt auf der Action liegt und nicht auf dem Hintergrund und dem Schauplatz. In diesem Ton ging es auch weiter, und weiter, und weiter. Bis auf einmal ein Roman in zwei Teilen erzählt war, aber so rudimentär, dass es auch eine ausgewalzte Kurzgeschichte sein könnte. Das einzige Element, das „Gewürzplanet“ von anderen 08/15-Romanen der fünfziger und frühen sechziger Jahre unterscheidet, ist der ungewöhnliche Schauplatz: Dünenwelt.

Die Story verläuft völlig anders als im wohlbekannten Klassiker, doch es gibt auch Parallelen. Barri beispielsweise hat überhaupt keine Bedeutung (außer als bedrohte Geisel des Imperators), wohingegen Linkams Konkubine Dorothy eine recht zentrale Rolle spielt: Sie führt nicht nur Linkams Geschäfte, sondern spürt auch den Verräter in Linkams Haushalt auf. Mit dem Imperator und Linkams Konkurrenten Hoskanner treten zwei Oberschurken auf, die im zweiten Teil des Romans für einen spannungsreichen Höhepunkt sorgen. Das Schicksal des bekannten Universums hängt – in Gestalt des Gewürzplaneten – an einem seidenen Faden. Mehr sei nicht verraten. So wie Paul Atreides dem Imperator Shaddam IV. entgegentritt, so bietet Linkam dem obersten Herrscher Paroli. Wer das Gewürz kontrolliert, hat einen sehr langen Hebel …

Die wichtigste offensichtlichste Parallele besteht denn auch in dem Gewürzplaneten selbst. Nicht nur wird dort der wichtigste Rohstoff des Universums abgebaut, sondern es gibt dort auch eine in sich geschlossene und komplex gezeichnete Ökologie, die den Sandwurm und seine verschiedenen Formen ins Zentrum stellt. Unter den anderen Formen ist zunächst die Sandforelle zu verstehen, aber auch – und das ist neu und verblüffend – Gewürz-Pflanzen, die rasch in die Höhe wachsen, um aus dem unterirdischen Höhlensystem Gewürz-Sporen an die Oberfläche zu befördern, wo aus Sporen und verdorrten Pflanzenresten die begehrte Melange entsteht. Nun ja, das muss man nicht für wahrscheinlich oder plausibel halten, denn es ist ja fremdweltlerisch. Der planetare Ökologe Dr. Haynes jedenfalls ist gebührend fasziniert, als Jesse Linkam von seinem unfreiwilligen Ausflug in die Unterwelt des Gewürzplaneten berichtet.

Wer also keine großen Ansprüche an einen SF-Roman stellt, der wird von „Gewürzplanet“ gut unterhalten. Mich ärgert nur, dass das Buch größtenteils so schlecht geschrieben wurde. Der negative Eindruck wird ein wenig erträglicher, wenn man berücksichtigt, dass die Autoren keine Eulen nach Athen tragen wollten und auf das panoramamäßige Malen eines eh schon bekannten kulturellen Hintergrundes aus dem „Dune“-Universum vollständig verzichtet haben.

Ihre Grundlage war eine Storyline von Frank Herbert selbst, aber auch das mit dem Leser geteilte Wissen um dieses „Dune“-Universum. Sie erfanden keine Bene Gesserit, denn diese ergänzt der „Dune“-Fan automatisch, um sich selbst zu erklären, woher Dorothy (= Lady Jessica) ihre besonderen Fähigkeiten erhalten hat. Und General Tuek hat so viele Züge des Krieger-Mentaten Thufir Hawat (inklusive Spuren des Sapho-Saftes), dass es nicht schwer ist, die beiden miteinander zu identifizieren.

Das größte Manko liegt also im völligen Fehlen der Rolle eines Messias‘, wie Paul Atreides es wird. Einen Messias einzubauen, hätte den Roman „Gewürzplanet“ jedoch komplett auf den Kopf gestellt – und dann wäre „Der Wüstenplanet“ daraus geworden.

|Herberts Muse|

Alle Teile dieses Buches sind mit Einleitungen der beiden Autoren versehen, so dass man die Bedeutung der Abschnitte in das Werk des großen Meisters erfassen kann. Daraus geht hervor, dass Beverly Herbert zumindest geistig und intellektuell die Co-Autorin der Romane ihres Mannes war. Auf sie gehen die Bene Gesserit zurück und sie ist in Lady Jessica verewigt worden. Als sie ihre zweite Krebserkrankung hatte, schrieb Herbert den Seuchenroman „Die weiße Pest“. Mehr zu ihrem engen Verhältnis findet sich in „Dreamer of „Dune““ von Brian Herbert.

_“Der Weg zum Wüstenplaneten“:_

Der zweite Abschnitt des Buches führt den Leser mit verbindenden Anmerkungen durch die Entstehung des Romans „Der Wüstenplanet“. Die erste Phase fand bereits 1957 statt, als Frank Herbert einen Artikel mit dem Titel „Sie haben den Wandersand zum Stillstand gebracht“ über seinen Agenten unterbringen wollte. Allerdings hatte Lurton Blassingame eine Menge berechtigter Einwände, so dass von dem Projekt lediglich ein Brief und ein Angebot übrigblieben. Aber dies war für den Autor der Anstoß, sich noch weiter mit der Wüste, dem Islam und der arabischen Kultur zu befassen.

Dann konnte Blassingame eine „Dune“-Story nach der anderen beim wichtigsten Herausgeber eines SF-Magazins unterbringen: bei John W. Campbell jr, der selbst Schriftsteller war. Aus drei Erzählungen, die zwischen 1963 und 1965 in „Astounding“ erschienen, erstellte der Autor einen Roman, der mehr als doppelt so lang war wie das übliche SF-Buch zu jener Zeit: 200.000 Wörter. Es dauerte zwei Jahre, das Buch unterzubringen, bis schließlich ein anderer Schriftsteller, der als Lektor bei Chilton Books arbeitete, zuschlug: Sterling Lanier. Sein SF-Roman „Hieros Reise“ ist ein Klassiker.

Als „Der Wüstenplanet“ die zwei wichtigsten SF-Preise einheimste, arbeitete Herbert schon an der Fortsetzung. Doch „Dune Messiah“ („Der Herr des Wüstenplaneten“) wurde von Campbell vehement abgelehnt, weil es einen Antihelden als Hauptfigur hat. Dafür schlug nun „Galaxy“ zu, und die Buchausgaben waren bald ebenfalls unter Vertrag. „Children of Dune“ („Die Kinder des Wüstenplaneten“) sollte die Trilogie 1976 abrunden. Etwas ulkig fand ich, dass eine Reihe von Kritikern Herbert mit Edgar Rice Burroughs verglichen, der bei uns weniger für seine „Mars“-Romane als vielmehr für seine Figur Tarzan bekannt ist. Es hagelte auch negative Kritik.

Was ich an diesem Abschnitt am interessantesten fand, waren die Zitate, in denen der Autor über seine Inspirationen, seine Arbeitstechnik („Kameraperspektive“) und seine musikalische Kompositionstechnik erzählte. Kurios ist seine Methode, Figuren zu erfinden und sie in Beziehungen zu anderen zu setzen: Er erwähnt ein jungsches Mandala, wobei natürlich von Carl Gustav Jung die Rede ist. Und wenn es um Heldenfiguren geht, dürfte Herbert auch an Joseph Campbell klassische Studie „The hero of a thousand faces“ gedacht haben, erwähnt dies aber nicht.

Dieser Abschnitt ist nur für Fans und Literaturhistoriker interessant.

_Aus „Der Wüstenplanet“ und „Der Herr des Wüstenplaneten“ gestrichene Kapitel:_

Die aus „Der Wüstenplanet“ gestrichenen oder nie darin aufgenommenen Kapitel konzentrieren sich in auffälliger Weise auf den Beginn des Romans. Hier führt Paul Atreides eine Reihe von Gesprächen mit der Bene-Gesserit-Oberin Gaius Helen Mohiam. Die Kürzungen sind eine Reaktion auf die in den Briefen von Verlagslektoren gestellte Forderung, den Anfang des Romans nicht zu lange werden zu lassen. Interessant ist besonders ein langes „neues“ Kapitel, das Paul und Lady Jessica in einem Labor des planetaren Ökologen Liet Kynes zeigt. Hier wird nicht nur nach den Grundlagen der Spice Melange geforscht. Und wie es aussieht, gibt es in Kynes‘ Gruppe einen Spion der Harkonnen ….

Zwei Hauptpersonen spielen in den gekürzten bzw. gestrichenen Kapiteln zu „Der Herr des Wüstenplaneten“ eine Hauptrolle: Alia und ihr Bruder, der Prophet-Imperator Paul Muad’Dib Atreides. Alia, die mit einem Klon (ghola) des Schwertmeisters Duncan Idaho verheiratet ist, überführt einen mächtigen Gildennavigator(!) des Verrats: Der Angriff, den er angestiftet hat, schlägt fehl. Sie vergilt ihm dies mit einer üblen Maßnahme: Sie entzieht ihm das Spice-Gas, das er zum Leben braucht. Auch die beiden Bene-Gesserit-Schwestern Prinzessin Irulan und Gaius Helen Mohiam kommen nicht gut weg: Die Nachricht vom Tod des Propheten Muad’Dib löst einen Fremen-Aufstand aus, der zum Lynchmord an den drei genannten Herrschaften führt.

Einer der ärgerlichen Fehler von „Der Herr des Wüstenplaneten“ ist die fehlende Szene, in der uns der Tod oder wenigstens das Verschwinden des Propheten Paul Muad’Dib Atreides geschildert wird. Endlich können wir diese Szene nachlesen, und zwar als alternativen Schluss zu „Der Herr des Wüstenplaneten“. Es ist ein sehr stimmungsvolles und schönes Kapitel, das ich gerne im veröffentlichten Roman gesehen hätte. Vielleicht werden wir es in „Paul Atreides“ nachlesen können, das nächstes Jahr bei Heyne erscheinen soll.

_Die Erzählungen:_

|1) „Das Flüstern der Meere Caladans” (1999)|

Man schreibt das Jahr 10.191 der Raumgilde. Der Angriff der Harkonnen auf Arrakeen, die Zitadelle der Atreiden, ist in vollem Gange. Der Verräter Wellington Yueh hat den schützenden Störschild deaktiviert, und die Festung ist dem Angriff der Harkonnen-Truppen, dem Kanonenbeschuss schutzlos preisgegeben. Gurney Halleck, der Schlachtenführer, hat die herzoglichen Soldaten in den Verteidigungskampf geführt.

Doch dabei ist eine kleine Gruppe, die Vorräte schützen und von der Flanke Deckung geben sollte, in einer Felshöhle des Schildwalls durch einen Steinschlag vom Rest der Verteidiger abgeschnitten worden. Nun sitzt hier etwa ein halbes Dutzend Soldaten fest. Mit Hoh Vitt haben sie einen Meistergeschichtenerzähler vom Planeten Jongleur in ihrer Mitte. Mit seinen Geschichten schafft er es immer wieder, dass die Soldaten nicht die Nerven oder den Mut verlieren. Denn leider trennen drei Meter solider Fels sie von der Außenwelt. Sie sind sicher – aber auch verloren. Und der junge verletzte Elto Vitt, der Neffe des Erzählers, erinnert sich voll Sehnsucht an das Flüstern der Meere von Caladan.

Man munkelt, dass manche der Jongleur-Erzähler auch über magische Kräfte verfügen, und als nun Hoh Vitt in der letzten Stunde, als den Menschen der Sauerstoff ausgeht, von Caladan erzählt, erweisen sich die Gerüchte als begründet. Später dringen Fremen-Plünderer in die Höhle ein und wundern sich über den Ausdruck der Freude auf den Gesichtern der Toten. Als sie auch die Lungen öffnen, um ihr Wasser zu nehmen, beschließen sie allerdings, die Höhle sofort wieder zu verschließen …

|Mein Eindruck dazu:|

Im Geschichtenerzähler ist leicht Frank Herbert selbst zu erkennen, und seine Macht, die in seinem Umgang mit Worten gründet, ist in der Tat groß. Die Pointe ist zugleich erschütternd und überraschend. Dies macht diese Erzählung über einen Nebenschauplatz nicht nur zu einem schön aufgebauten Stück Dichtung, sondern wirft ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass alle Soldaten auch Menschen sind, mit einer Zukunft, einer Vergangenheit, einer Seele. Erst der letzte Satz, die Pointe, macht aus der Geschichte, obwohl sie auf einer fremden Welt spielt, schließlich doch ein Stück Phantastik.

Kein Wunder, dass 1999 die Magazinausgabe, in der diese Story abgedruckt, reißenden Absatz fand und ruckzuck vergriffen war. Denn die Story verweist auch auf die sechs Romane, die noch folgen sollten: die „Frühen Chroniken“ der drei wichtigsten Häuser (Atreides, Harkonnen, Corrino) und die „Legenden“ über Butlers Djihad.

|2) „Harkonnen-Hatz“ (2002)|

Dies ist eine Geschichte, die wenige Jahre vor dem Beginn von „Butlers Djihad“ spielt, so um das Jahr 220 V.G. (vor Gründung der Raumgilde). Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Familie Harkonnen. Xavier Harkonnen spielt im Roman „Butlers Djihad“ eine zentrale Rolle, doch hier ist er noch ein junger Knabe aus Salusa Secundus, der von Pflegeeltern aufgenommen wird. Das ist Nebensache. Im Mittelpunkt steht das Schicksal seiner Eltern Ulf und Katarina sowie das seines Bruders Piers. Xavier glaubt, sie seien alle tot und er der einzige Überlebende seines Hauses. Dies ist nicht ganz zutreffend …

Auf dem Rückflug von seinen Diamantminen auf Hagal wird Ulf Harkonnens Yacht von einer Jägergruppe der Cymeks – menschlichen Gehirnen in mechanischen Körpern – überrascht und angegriffen. Der grausame Titan Agamemnon selbst führt die Gruppe. Die Yacht verteidigt sich, doch sie schafft es nicht zur nahen Wasserwelt Caladan. Piers‘ Eltern sterben in einer Explosion, während er selbst in einer Rettungskapsel entkommen kann und in den Bergen Caladans notlandet.

Vier Cymeks, die ihn verfolgen, landen bald danach an der Absturzstelle und verfolgen den flüchtenden und verwundeten Menschen. Doch sie haben nicht mit den Tricks der Bergbewohner gerechnet, Nachkommen der Zensunni-Wanderer, die sich unter dem Gletscher eine kleine Siedlung aufgebaut haben. Hier kommt es zu einem Showdown zwischen Piers und dem General Agamemnon …

|Mein Eindruck dazu:|

Die Zahl der Niederlagen, die Agamemnon, der Führer aller Cymeks, hat einstecken müssen, ist nicht gerade Legion, wenn man den Erzählungen in den drei „Legenden“-Romanen glauben darf. Das macht diese actionreiche Geschichte bemerkenswert. Zum anderen wird es möglicherweise später noch wichtig, dass Xavier seinen Bruder nicht ganz verloren hat. Wenn Piers Nachkommen hat, so könnten diese noch in späteren Romanen auftauchen. Menschlich interessant wird die Story nur durch die Figur des Piers Harkonnen, der ein harter Sklavenhalter werden soll, darin aber völlig versagt, weil er viel lieber ein Geschichtenerzähler wäre – und sich am Ende diesen Traum auch erfüllen kann. Wenn auch auf völlig andere Weise als erwartet.

|3) „Der Prügel-Mek“ (2003)|

Diese Story schlägt eine Brücke zwischen „Butlers Djihad“ und „Der Kreuzzug“, den Bänden 1 und 2 der „Legenden“-Trilogie. Im Mittelpunkt steht Vergyl Tantor, der 23-jährige Halbbruder von Xavier Harkonnen. Er lebt jetzt auf Giedi Primus, der späteren Heimatwelt der Harkonnens, die jetzt aber noch eine grüne Welt ist. Xavier ist Oberbefehlshaber der Djihad-Kriegsflotte, die gerade von ihrem Einsatz bei Peridot zurückkehrt. Die Schiffe sind zerschunden und beschädigt, denn sie haben eine Schlacht gegen die Denkmaschinen hinter sich, welche Peridot zu einer Synchronisierten Welt machen wollten.

Soldat Vergyl Tantor hört zwar von Xavier, was auf Peridot Schreckliches passiert ist, doch das schreckt ihn nicht etwa ab, sondern stachelt vielmehr seinen Hass gegen die Denkmaschinen weiter an. Er will unbedingt bald mal in einen richtigen Kampfeinsatz. Einen Vorgeschmack darauf erhält er, als er an Bord von Xaviers Flaggschiff den berühmten Ginaz-Söldner Zon Noret beim Schwerttraining gegen einen echten Kampfroboter erblickt. Er überredet Noret, ihn selbst auch einmal einen Waffengang probieren zu lassen. Doch er erlebt sein blaues Wunder.

|Mein Eindruck dazu:|

Diese Brückenstory hat eigentlich keine richtige Handlung mit Anfang, Mitte und Ende, sondern bildet so etwas wie ein Porträt für eine Nebenfigur in „Der Kreuzzug“. Immerhin kommt es zu etwas Action, als Vergyl sich im Kampf mit dem Trainingsroboter Chirox reichlich verausgabt. Chirox ist eine Figur, die dauernd im Zusammenhang mit den Ginaz-Söldnern auftaucht, einer ihrer wichtigsten Lehrer. Inhaltlich belanglos, weiß die Story doch halbwegs zu unterhalten. Sie ist aber nur für Leser einigermaßen verständlich, die den 1. Band gelesen haben, „Butlers Djihad“.

|4) „Gesichter einer Märtyrerin” (2004)|

Auch diese Erzählung ist ein Brückenstück. Es verbindet Band 2 und 3 der Legenden-Trilogie. Am Anfang von Band 3 „Die Schlacht von Corrin“ fragt sich der Leser erstaunt, woher all die Veränderungen kommen, mit denen er unvorbereitet konfrontiert wird. Diese Fragen werden in der Story beantwortet. Im Grunde geht es nur um zwei Hauptfiguren: Vorian Atreides und Rekur Van.

Man schreibt das Jahr 165 V.G. (vor der Gilde). Vorian Atreides ist nach dem Tod von Xavier Harkonnen der neue Oberbefehlshaber der Djihad-Streitkräfte. Er muss eine seltsame Geschichtsfälschung verkräften. Obwohl er weiß und mehrmals gesagt hat, dass Xavier die Machenschaften des Großen Patriarchen Iblis Ginjo mit den Tlulaxa aufdeckte und diesen Kriegsgewinnler daraufhin in Selbstaufopferung tötete, ist inzwischen der Bösewicht zum Märtyrer gemacht und Xavier zum Schurken gestempelt worden. Ginjos Witwe und ihr Polizeichef, eine sehr gefährlicher Mann, haben Iblis neben Serena und Manion Butler gestellt und eine Dreifaltigkeit von Märtyrern geschaffen. Vorian ist angeekelt, muss aber seine Meinung für sich behalten, will er nicht dem Djihad gegen seine geschworenen Feinde, die Maschinen, ernsten Schaden zufügen.

Serena Butlers Anhänger haben die Genzüchtungsfabriken der Tlulaxa zerstört. Was für eine Verschwendung, denkt der Genhändler Rekur Van verbittert. Die Tlulaxa fliehen in Scharen von ihren zerstörten Planeten und werden abgeschossen. Wohin kann er sich wenden? Indem er sich totstellt, kann er davonschleichen. Die einzige Partei, die an seinen Errungenschaften interessiert sein könnte, sind die Denkmaschinen.

Der unabhängige Roboter Erasmus stellt laufend grausame Experimente an, um mehr über das Wesen und die Schwächen des Gegners, der Menschen, herauszubekommen. Als Rekur Van ihm die Zellen von Serena Butler im Tausch für sein Leben offeriert, ist Erasmus einverstanden. Er will wieder heiße Debatten mit jener Frau führen, die vor 35 Jahren den Djihad ausgelöst hat. Doch das Ergebnis entspricht nicht ganz Erasmus‘ Erwartungen. Rekur muss für seinen Fehler bezahlen …. (Und so sehen wir ihn am Anfang von „Die Schlacht von Corrin“ wieder.)

|Mein Eindruck dazu:|

Dies ist keine Erzählung, sondern ein herausgeschnittenes Stück aus einem Roman, in den es nicht hineinpasste. Oder weil es entbehrlich war. Insofern teilt es die gleiche Kategorie mit jenen gekürzten Texten aus „Dune“ Teil 1 und 2. Die Vorgänge sind ohne die Lektüre des Romans „Der Kreuzzug“ kaum zu verstehen oder zuzuordnen.

Von den vier Erzählungen wusste mich nur die erste zu beeindrucken, die anderen kann man getrost vergessen. „Das Flüstern der Meere Caladans“ ist nicht nur erstklassige Short-Story-Kunst, sondern auch ein Loblied auf Frank Herbert und dessen Talent des Geschichtenerzählens. Die Figur eines magischen „Master-Storytellers“ wie Hoh Vitt finde ich faszinierend und vielversprechend. Diese Figur erfüllt eine wichtige und hier tragisch geschilderte Rolle für die menschliche Gesellschaft.

_Die Übersetzung:_

Obwohl der Übersetzer gewechselt hat, hält man sich weiterhin an die sattsam bekannte Nomenklatur zum Wüstenplanet-Universum, welches ja bislang ausschließlich bei Heyne betreut worden ist. Es gibt sogar eine ganze Enzyklopädie dazu. Deshalb stößt der eingefleischte „Dune“-Fan auf keine Ungereimtheiten. Es sei denn, sie sind wie im „Gewürzplanet“-Roman ausdrücklich beabsichtigt, da es sich ja um eine alternative Version zu „Dune“ handelt.

Begrüßenswert finde ich, dass man die ursprünglichen englischen Bezeichnungen eingedeutscht hat. So wird aus „“Duneworld“ beispielsweise „Dünenwelt“ und aus „Spice“ natürlich „Gewürz“. Auf diese Weise können auch ostdeutsche Leser, die eher Russisch als Englisch erlernten, sowie Neueinsteiger etwas mit diesen Texten anfangen.

_Unterm Strich:_

Das Gesamturteil kann nicht besonders begeistert ausfallen, wenn es sich hauptsächlich um Resteverwertung handelt, was die beiden Autoren hier treiben. Neben einem minderwertigen SF-Abenteuerroman stehen jede Menge Erzählungen, teils gekürzte Szenen, neue Kapitel und wiedergefundene Brückenstücke zwischen Romanen sind.

Einzige Ausnahme ist meines Erachtens „Das Flüstern der Meere Caladans“, das nicht nur eigenständig als Story bestehen kann, sondern auch eine bemerkenswerte Aussage innerhalb des ursprünglichen „Dune“-Universums mitbringt. Wertvoll fand ich auch die Briefe zu „Dune“ Teil 1 und 2, die uns sehr viel über die Entstehung des SF-Klassikers und die Arbeitsmethode seines Autors sagen.

„Das Geheimnis von ‚Der Wüstenplanet‘ wird gelüftet“, verspricht der Verlag marktschreierisch auf dem Cover-Aufkleber. Das lässt sich nur durch Herberts eigene Statements hinsichtlich der Entstehung seines Mega-Romans rechtfertigen. Und diese Rechtfertigung ist schon mehr, als so manches Marketingversprechen halten kann!

|Für wen sich das Buch eignet|

Sicher können die angeblich „Millionen von ‚Dune‘-Fans“ da draußen etwas mit Fund- und Bruchstücken aus den ersten beiden „Dune“-Romanen anfangen, aber wollen sie das überhaupt? Ich käme mir wie einer der Leichenfledderer in „Das Flüstern der Meere Caladas“ vor. Es sei denn, ich wäre ein Literaturwissenschaftler, der danach strebt, das ganze Werk, das „Dune“ Teil 1 und 2 bildet, inklusive aller „Deleted Scenes“ kennenzulernen. Dann würde ich auch die Briefe zu diesen beiden Romanen sehr interessant finden.

Den Löwenanteil an diesem Buch bestreitet ohne Zweifel der Roman „Der Gewürzplanet“. Ich habe mein Urteil oben bereits differenziert erläutert. Der Roman steht auf dem Niveau eines B-Movies aus den 1950er Jahren, wäre da nicht das einzigartige Setting des Wüstenplaneten. Aber da wir es schon ausgiebig aus Verfilmungen und den Romanen kennen, hält sich der Neuheitswert stark in Grenzen.

Kurz und gut: Ein paar Texte sind für bestimmte Lesergruppen von Interesse, aber die breite Masse, selbst wenn sie „Dune“ mögen, braucht das Buch nicht zu kennen. Und um die letzten drei Erzählungen zu verstehen, muss man sowieso bereits die Legenden-Trilogie gelesen haben.

Eins steht für mich fest: Im „Dune“-Universum lassen sich mindestens ebenso viele Geschichten ansiedeln wie in „Star Wars“ und „Star Trek“. Will heißen: Anderson und Herbert können noch bis an ihr Lebensende darüber schreiben und Geld damit verdienen.

|Taschenbuch: 590 Seiten
Originaltitel: The road to Dune (2005)
Aus dem US-Englischen von Jakob Schmidt
ISBVN-13: 978-3453523319|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Frank Herbert bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Wüstenplanet“ (Dune 1) 1662
[„Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune 2) 1637
[„Die Kinder des Wüstenplaneten“ (Dune 3) 1634
[„The Road to Dune“ 2805
[„Das Dosadi-Experiment“ 3937
[„Auge“ 3944
[„Das grüne Herz“ 4076
[DUNE 1: „Der Wüstenplanet“ Teil 1 von 2 (Hörbuch) 5259
[DUNE 1: „Der Wüstenplanet“ Teil 2 von 2 (Hörbuch) 5333
[DUNE 2: „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Hörbuch) 5643
[DUNE 3: „Die Kinder des Wüstenplaneten“ (Hörbuch) 6182

Heitz, Markus – Judassohn

|_Judas| beim Buchwurm:_

Band 1: [Kinder des Judas 4306
Band 2: _Judassohn_
Band 3: Judastöchter

In „Kinder des Judas“ hat Bestsellerautor Markus Heitz sein Vampiruniversum eröffnet. Dort stand eine Tochter des Judas im Mittelpunkt des Geschehens, nämlich Theresia Sarkowitz, die bereits vor Jahrhunderten von ihrem Vater gelernt hat, mit ihren übermenschlichen Kräften umzugehen. Da sie aber weiß, was es bedeutet, seine Seele einem Dämon zu verkaufen, hat sie nach und nach ihre gesamte Nachkommenschaft ausgelöscht. Nur zwei sind übrig geblieben, und zwar Emma und Elena Karkow, über die Theresia seitdem wacht.

Im vorliegenden zweiten Band der Vampirsaga macht Theresia nun eine schreckliche Entdeckung: Am Silvesterabend will sie Emma Karkows Wohnung betreten, riecht aber bereits aus dem Treppenhaus das Gemisch vom Blut unzähliger Menschen. Die gesamte Wohnung ist geflutet mit dem roten Lebenssaft und ein Wesen, das sich als Theresias Tochter vorstellt, will Rache an ihrer Mutter nehmen und ihr das Liebste rauben, was diese noch hat: Emma und Elena.

Ob es zu diesem Racheakt kommt, erfahren wir erst rund 600 Seiten später, denn zunächst entführt uns Markus Heitz in die Vergangenheit: Wir lernen Tanguy Guivarch kennen, der Ende des 18. Jahrhunderts in der Süd-Bretagne lebt und unsterblich in Gwenn verliebt ist. Als die beiden zu einem Schäferstündchen im Dickicht verschwinden, werden sie von einer Gruppe ungehobelter Kerle aufgescheucht. Einer davon will mit Gwenn seinen Spaß haben. Tanguy kann dies zwar verhindern, zahlt die Rettung seiner Geliebten jedoch mit seinem Leben. Auf seiner eigenen Beerdigung kehrt er ins „Leben“ zurück und sorgt in seinem Heimatdorf für ein Massaker, das niemand überlebt. Tanguy allerdings kann sich nicht mehr an sein vorheriges Leben erinnern. Erst nach und nach erkennt er, dass er zu einem Vampir geworden ist.

In einer anderen Geschichte begegnen wir Sandrine, die ebenfalls über die Kräfte eines Vampirs verfügt. Doch ihr Körper ist nicht gezeichnet durch das Mal eines bestimmten Dämons, daher weiß sie nicht, welche Art Vampir sie eigentlich ist. Sie verliebt sich unsterblich in die Tenjac Anjanka, mit der sie fortan auf Blutfang geht. Dabei gelangen sie schließlich auch in die Gegend, in der Theresia Sarkowitz als Scylla aufgewachsen ist. Die beiden lernen Scyllas einstige Vertraute, die Baronin Metunova, kennen, die seitdem sichtlich gealtert ist und eine Affäre mit ihrem Nachbarn Octavius unterhält. Bei diesem kommen die beiden Vampirinnen unter und erhalten sogleich einen mysteriösen Auftrag.

Den Weg ins serbische Gebiet zu den Ursprüngen der Cognatio unternimmt auch Dominic de Marat, der bei Scyllas Halbbruder Marek in die Lehre geht. Auch Dominic hat seinen Weg noch nicht gefunden und entdeckt erst nach und nach seine besonderen Kräfte.

Wie all diese Figuren zusammen hängen und wie Theresia eine Tochter übersehen konnte, verrät uns Markus Heitz erst auf den allerletzten Seiten …

_Langer Atem_

Die Welt der verschiedenen Vampirwesen, die Markus Heitz in seinem ersten Band eröffnet hat, ist komplex und hat viele Berührungspunkte mit der Welt der Dämonen und Werwölfe. Wer wie ich die entsprechenden Bücher nicht kennt, kann hier durchaus manchmal ein wenig den Überblick verlieren. Denn schon die Welt der Vampire ist Heitz-typisch komplex, so begegnet uns eine Vielzahl unterschiedlicher Vampire, die durch verschiedene Stärken und Schwächen gekennzeichnet sind. Glücklicherweise erläutert Heitz im Einstieg zum vorliegenden Buch die unterschiedlichen Vampirarten, sodass man hier eine Art Vampirlexikon an die Hand bekommt, das im weiteren Verlauf des Buches mehr als hilfreich wird.

Er knüpft nahtlos an die Ereignisse aus „Kinder des Judas“ an und führt die Ereignisse in der Gegenwart fort, die sich in Theresia Sarkowitz‘ Dunstkreis in Leipzig abspielen. Und schon nach rund 50 Seiten erwartet uns das erste Blutbad, das eine rachsüchtige Vampirin am Silvesterabend in Emma Karkows Wohnung anrichtet. Sie ist wegen Theresia da und behauptet, ihre Tochter zu sein. Doch wie kann das sein, wenn diese doch gewissenhaft ihre Nachkommenschaft bis auf zwei Ausnahmen ausgelöscht hat? Diese Frage beschäftigt einen nahezu das gesamte weitere Buch über, denn Markus Heitz verlangt eine gehörige Portion Geduld von seinen Lesern: Statt einer Auflösung stellt er uns zunächst in gewohnt epischer Breite zahlreiche andere Figuren vor, die natürlich alle Vampire sind, teilweise auch Kinder des Judas, doch wie ihre Verbindung zu Scylla bzw. Theresia ist, bleibt bis kurz vor Schluss im Dunkeln.

Keine der Geschichten wird dabei langweilig, obwohl Heitz sich teilweise viel Zeit lässt, um seine Charaktere vorzustellen und sie in den historischen Kontext zu betten. Dadurch erlangt sein Buch eine atmosphärische Tiefe, die ihresgleichen sucht. Den langen Atem hält man bei Heitz gerne bereit, zumal er mit seinem Cliffhanger zu Beginn gekonnt dafür gesorgt hat, dass man als Leser bei der Stange bleibt und sich so schnell wie möglich durch die historischen Geschichten liest, um endlich wieder in die Gegenwart zu gelangen. Und am Ende präsentiert Heitz uns schließlich einen Showdown, der es in sich hat und der bereits mehr als neugierig auf den folgenden Band „Judastöchter“ macht, der Ende dieses Jahres erscheinen soll.

_Figurenvielfalt_

In diesem Buch ist nicht länger Theresia die Hauptfigur, auch wenn sie weiterhin Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung bleibt. Denn wie wir am Schluss erkennen müssen, haben alle anderen Hauptcharaktere auch eine Verbindung zu Scylla. Auch dieses Mal dreht sich alles um die Kinder des Judas. Wir dringen weiter in die Geschichte dieser besonderen Sorte Vampir ein und erfahren, dass es einen Weg zu geben scheint, um die Verbindung zu seinem Dämon zu lösen. Doch diese Geschichte wird wohl erst im nächsten Buch ihre Auflösung finden.

Wir begegnen in diesem Buch einer wahren Flut von Charakteren, die zu zahlreichen unterschiedlichen Arten von Wesen gehören. Über allem aber steht stets Theresia Sarkowitz, die mit ihrem Ausbruch aus der Cognatio die gesamte Vampirwelt durcheinander gewirbelt hat und die dadurch zu einer Legende geworden ist. Nach wie vor trachtet Marek danach, die Formel für die Unsterblichkeit zu erlangen. Diese Gier ist so groß, dass die Cognatio auch in diesem Buch ein falsches Spiel treibt, um die entscheidende Formel in die Hände zu bekommen.

Etwas schade fand ich, dass einige interessante Charaktere, die uns Markus Heitz im Laufe des Buches präsentiert, ein mehr oder weniger schnelles Ende finden und wir uns wieder von ihnen verabschieden müssen. Zwar ist dies unerlässlich für die weitere Handlung, doch fällt es nicht immer leicht, sich von manch einer Hauptfigur zu trennen. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass Heitz ganz unterschiedliche Charaktere – männliche wie weibliche – ins Feld führt, die alle ihre Reize haben, sodass jeder Leser einen Favoriten bzw. eine Identifikationsfigur finden dürfte.

_Rache einer Tochter_

Unter dem Strich gefällt das vorliegende Buch ausgesprochen gut. Der Spannungsbogen ist nahezu perfekt gelungen, da Markus Heitz bereits früh einen Cliffhanger setzt, der einen bis zum Schluss bei der Stange hält. Darüber hinaus bergen sämtliche Geschichten ihre ganz eigenen Reize und ihre ganz eigenen Hauptfiguren, die durch die Bank zu überzeugen wissen. Heitz setzt jedoch einige Kenntnisse aus der Welt der Vampire, Werwölfe und Dämonen voraus, was manchmal etwas verwirren kann, wenn man diese Informationen nicht präsent hat. Allerdings hat dies den Vorteil, dass er nicht mehr in epischer Breite ausholen muss, um den Lesern sein Fantasy-Universum zu erklären. So ist das Buch trotz des großen Umfangs von knapp 700 Seiten sehr kurzweilig geraten.

Zum Schluss fügt Heitz all seine Handlungsstränge geschickt zusammen und klärt einige offene Fragen auf. Aber natürlich lässt er auch welche offen, die sich hoffentlich im Dezember klären werden, wenn mit „Judastöchter“ das dritte Vampirbuch auf den Markt kommt.

|Taschenbuch: 686 Seiten
ISBN-13: 978-3426652251|

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_Markus Heitz auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Gerechter Zorn“ 5983 (Die Legenden der Albae 1)
[„Ritus“ 2351 (Buch)
[„Ritus“ 3245 (Hörbuch)
[„Sanctum“ 2875 (Buch)
[„Sanctum“ 4143 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 6091 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 5528
[„Die Mächte des Feuers“ 2997
[„Die Mächte des Feuers“ 4655 (Hörbuch)
[„Kinder des Judas“ 4306
[„Blutportale“ 5528
[„Die Zwerge“ 2823
[„Die Zwerge“ 2941 (Hörbuch)
[„Die Rache der Zwerge“ 1958
[„Der Krieg der Zwerge“ 3074
[„Schatten über Ulldart“ 381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“ 1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„Vampire! Vampire!“ 5866
[„05:58“ 1056 (Shadowrun)
[„Die dritte Expedition“ 2098

Goulart, Ron – Als alles auseinanderfiel

_Das geschieht:_

In diesen fiktiven letzten Jahren des 20. Jahrhunderts sind die USA schon vor etwa drei Jahrzehnten auseinandergebrochen. Unzählige Stadtstaaten sowie kleine und kleinste Territorien haben sie mehr oder weniger ersetzt. Sie werden von ideologisch oft extremen Splittergruppen beherrscht, die einander bekämpfen, Bündnisse schließen, in neue Fraktionen zerfallen und insgesamt für eine Gegenwart ohne übergeordnete Strukturen sorgen.

Im ehemaligen Großraum San Francisco genießt das „Private Inquiry Office“ eine gewisse Neutralität als vermittelnde Instanz, die von den meisten Gruppen akzeptiert wird. Die Mitarbeiter des PIO können gerufen werden, wenn das fragile Gleichgewicht der unterschiedlichen Kräfte gar zu sehr in Gefahr gerät. Aktuell sorgt eine Gruppe namens „Männermord“ für Unruhe. Unter der Führerschaft der mysteriösen „Lady Day“ überfallen, entführen und töten radikale Feministinnen Männer in einflussreichen Positionen.

Jim Haley begibt sich im Auftrag des PIO auf einen riskanten Außeneinsatz. Er soll Lady Day identifizieren und ihr Hauptquartier lokalisieren. Seine Mission verwandelt sich in eine irrwitzige Odyssee durch ein Land, das durch Anarchie und Chaos gekennzeichnet wird. Wo die „echte“ Mafia gegen die „Amateur-Mafia“ kämpft, Neo-Trapper sich Musketen-Gefechte mit afro-amerikanischen Klassenkämpfern liefern oder Überlebende des FBI ein Hotel nach geheimdienstlichen Vorschriften führen, bleibt Haley, der sich zwischenzeitlich in die schöne aber undurchsichtige Janey verliebt hat, hartnäckig auf seiner Spur, um schließlich die allgemeine Verwirrung auf einen neuen Höhepunkt zu treiben …

_Das Ende als neuer Anfang vom Ende_

Nach dem II. Weltkrieg schien in den USA nur der Himmel die Grenze des Machbaren darzustellen – und dies nur vorläufig, denn Anfang der 1960er Jahre verkündete Präsident Kennedy, es würden spätestens am Ende des Jahrzehnts Amerikaner auf dem Mond stehen; ein Vorhaben, das bekanntlich glückte. Ohne die Kommunisten wäre das Leben – zumindest für die Fleißigen, Angepassten & nicht Ausgegrenzten – mit Jobs im Überfluss, ökonomischer Weltherrschaft und Automobilen, die mehr als 20 Liter Sprit pro 100 km verbrauchen durften, das Paradies auf Erden gewesen.

Aber in diesen 1960er Jahren begann das scheinbar selbstzufrieden in sich selbst ruhende US-Imperium Risse zu zeigen. Alte Probleme waren nie gelöst, sondern nur verdrängt worden, neue kamen hinzu. Vor allem die Jugend ließ sich nicht mehr disziplinieren bzw. drangsalieren. Rassendiskriminierung, Krieg in Vietnam, bürgerkriegsähnliche Unruhen in zahlreichen Städten: Es gärte in den USA, während gleichzeitig alternative Lebensmodelle entstanden. Die Hippie-Bewegung fand das Interesse der Medien, aber das Aufbrechen als überkommen empfundener Alltagsmodelle wurde nicht nur von den Blumenkindern exerziert. Konservativ und progressiv, friedlich und paramilitärisch, anarchistisch und faschistoid: Diese Gruppen deckten das gesamte politische und soziale Spektrum ab.

Dass es nicht mehr so weitergehen konnte wie bisher, dämmerte auch jenen, die Angst vor Veränderung hatten. Spätestens die Ölkrise des Jahres 1973 kündigte das Ende des immerwährenden Aufschwungs an. Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung blieben keine Schlagwörter leicht zu ignorierender Öko-Freaks mehr, sondern wurden bittere Realität.

|Die Zukunft im Mixer der Gegenwart|

In einer so in Bewegung geratenen Gegenwart schuf Ron Goulart 1970 die „Fragmented-America“-Serie, deren erster Band „Als alles auseinanderfiel“ wurde. Goulart griff die herrschenden Verhältnisse und Umbrüche auf, mischte und extrapolierte sie. Es entstand ein „moderner“ Science-Fiction-Roman, der nicht mehr den menschlichen Triumphzug durch das Weltall feierte, sondern sich auf die alltäglichen Probleme des Heimatplaneten konzentrierte.

Um 1970 schien der Zusammenbruch der „alten“ Ordnung durchaus möglich. Was geschähe, sinnierte Goulart, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte? Wie könnte das Leben aussehen, würden die neuen, idealistischen Gruppen die Macht übernehmen? Als ernsthafter Visionär sah der Verfasser sich dabei nicht; diese Rolle überließ er anderen Schriftstellern. Goulart betrachtete sich als Satiriker, der die mögliche Zukunft überspitzt darstellen wollte. Auf diese Weise konnte er einerseits Grenzen ignorieren, während er andererseits ein größeres Publikum erreichte: Kritik wird problemloser zur Kenntnis genommen, wenn man sich dabei amüsieren kann. Ohnehin verschmäht Goulart auch den einfach „nur“ witzigen Effekt nicht, wenn er von Nudisten-Rabatten, an die Presse verkauften Aufständen oder widerspenstigen Robotern fabuliert.

|Die Schlange beißt sich in den Schwanz|

Goulart kommt in „Als alles auseinanderfiel“ zu dem Schluss, dass der Mensch nichts dazulernt. Die neue Welt ist trotz ihrer seltsamen Auswüchse grundsätzlich die alte geblieben. Faktisch treten höchstens Wesenszüge wie Hab- und Machtgier, Inkompetenz, Fanatismus oder Verblendung stärker hervor. Der Staat ist ein Kompromiss, der die gröbsten Spitzen politischer, juristischer oder kultureller Seitenwege nivelliert. Das „fragmentierte Amerika“ ist demgegenüber ein Konglomerat eigenbrötlerischer Splittergruppen, deren Handeln demonstriert, dass sie vor allem die eigenen Vorstellungen verwirklichen wollen. Sie haben keine Probleme damit, dies auf Kosten anderen und außenstehender Menschen zu tun. Das einende Element scheint dem Verfasser die allgegenwärtige Bestechlichkeit zu sein.

Als Autor vertritt Goulart eine zumindest latent konservative Haltung. Ohne zentrale Ordnungsmacht oder -kraft bricht das Chaos aus. Auf die Idealisten oder gar die selbst ernannten Retter darf man nicht zählen. Stattdessen bekommen alte Krisengewinnler wieder Oberwasser. Jim Haley führt uns durch diese aus den Fugen geratene Welt wie einst Alice durchs Wunderland. Der Plot ist Nebensache, die Suche nach der „Lady-Day“-Bewegung hält die Handlung nur in Gang. Haley soll mit möglichst vielen Gruppen Kontakt aufnehmen, um dem Leser die Heterogenität dieser Zukunft vor Augen zu führen.

Das in der SF oft dominierende technische Moment dient Goulart höchstens als Verstärker in der Darstellung des allgemeinen Durcheinanders. Von Hightech ist in diesem Amerika keine Rede mehr. Goulart liebt Geräte und Roboter, die ihre Funktionalitäten quasi ins Gegenteil verkehrten und dem Menschen nicht Diener, aber auch nicht Herren, sondern in erster Linie lästig sind. Sie unterstreichen das Chaos, in das sie sich so problemlos fügen, dass man sie – zumindest im Fall der Roboter – von den Menschen kaum noch unterscheiden kann.

|Chaos endet – vorläufig|

„Als alles auseinanderfiel“ unterhält heute primär als oft altmodische aber grundsätzlich noch funktionierende Geschichte. Der Humor ist hauptsächlich trocken und konnte sich ebenfalls erhalten. Viele der von Goulart karikierten Missstände haben im Kern ihre Daseinsberechtigung bewahren. Was von der Zeit eingeholt wurde, amüsiert als Gruß einer vergangenen Zukunft. Der historisch bewanderte Leser freut sich darüber hinaus über das geistreiche oder wenigstens gelungene Spiel mit historischen Realitäten.

Das politische und kulturelle Tauwetter währte in den USA keine zehn Jahre. Es endete spätestens 1981 mit der Präsidentschaft Ronald Reagans, der perfekt die Rückkehr zu den „alten Werten“ symbolisierte. In genau diesem Jahr schloss Ron Goulart seine „Fragmented-America“-Serie mit ihrem fünften Band ab. Zu diesem neuen Amerika fiel ihm offenbar nichts Komisches mehr ein.

_Autor:_

Ron Goulart wurde am 13. Januar 1931 in Berkeley im US-Staat Kalifornien geboren. Der Sohn eines Fabrikarbeiters studierte an der Universität ebendort und ging anschließend in die Werbung, was für seine spätere Aktivität als Schriftsteller prägend wurde. Schon 1952 erschien mit „Letters to the Editor“ eine erste Science-Fiction-Story, doch es dauerte bis 1960, bevor Goulart Vollzeit-Autor wurde.

Als solcher beschränkte er sich keineswegs auf die Phantastik, sondern veröffentlichte auch zahlreiche Kriminalromane. Goulart textete außerdem für Comics wie „Vampirella“ und „Star Hawks“. Unter diversen Pseudonymen schrieb er darüber hinaus für Serien wie „Avenger“ (als Kenneth Robeson), „Flash Gordon“ (als Con Steffanson), „Phantom“ (als Frank S. Shawn) oder „Kampfstern Galactica“ und griff William Shatner hilfreich beim ersten Band der „TekWar“-Serie unter die Arme.

In denjenigen SF-Romanen und Kurzgeschichten, die unter seinem eigenen Namen erschienen, gab Goulart sich gern satirisch oder wenigstens humorvoll. Vor allem Maschinen mit Fehlfunktionen haben es ihm angetan, doch Goulart vermag auch den Wahnsinn im „Menschen“ heraufzubeschwören, wie er mit seiner sehr beliebten Serie um das Chamäleonkorps bewies, dessen Mitglieder ihre Gestalten verändern können, was ihnen ermöglicht, auch und gerade bizarre Missionen zu übernehmen.

|Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: After Things Fell Apart (New York : Ace Books 1970)
Deutsche Erstausgabe: 1973 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann SF 0180)
Übersetzung: Jürgen Saupe
Cover: Ron Kirby
ISBN-13: 978-3-442-23180-5|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

Sterling Noel – Die Fünfte Eiszeit

_Das geschieht:_

Ein kalter, verregneter Frühling hat es schon angekündigt, aber dennoch erwischt es die Republik Nordamerika buchstäblich kalt, als im Spätsommer 2203 eine neue Eiszeit einsetzt. Schneefälle und Minustemperaturen jenseits aller Erträglichkeit lähmen die gesamte Erdzivilisation und bringen sie schließlich zum Zusammenbruch. Kaum eine Million Nordamerikaner überleben das Fiasko. Ihre einzige Chance bedeutet der Zug in die schmalen Landstriche, die am Erdäquator vom Eis und von der schlimmsten Kälte verschont blieben. Doch der Weg dorthin ist weit, gefährlich und strapaziös.

Dr. Gabriel Harrow, Meteorologe und Nobelpreisträger, muss die Erfahrung machen, von seiner Regierung ignoriert zu werden, als er ein baldiges Ende der Eiszeit für unmöglich erklärt. So beschließt er, kluge Köpfe, Freunde und einige Arbeiter fürs Grobe um sich zu scharen, eine fahrbare Miniatur-Arche zu bauen und wohl ausgerüstet gen Süden zu reisen. Victor Savage, ein ehemaliger Soldat und Harrows Schüler, übernimmt das Kommando.

Über bald kilometerdickes Eis und durch Schneestürme kämpft sich die kleine Gruppe voran. Hin und wieder treffen sie auf andere Überlebende, von denen sich jedoch kaum jemand anschließen mag. Die Strapazen der Reise werden geschürt durch interne Querelen. Geile Töchter, dumme Kerls, überschnappende Ausländer und Meuterer sorgen dafür, dass sich die Harrow-Gruppe stetig dezimiert. Aber man schlägt sich bis an die Atlantikküste durch, wo man hofft, ein Schiff zu bemannen und Brasilien ansteuern zu können …

_Apokalypse in Abschnitten_

Zur Abwechslung lösen also nicht die bösen Sowjets erst den Dritten Weltkrieg (atomar) und dann den Untergang der Erde aus. (Tatsächlich hat man bereits WK Nummer IV hinter sich; die Chinesen warens!) Das Wetter ist es, das verrücktspielt. Als dieser Roman entstand, war noch nicht Umweltverschmutzung mit nachfolgender Global-Erwärmung der Auslöser; dies waren damals nur Themen für Eierköpfe und Konsum-Spielverderber. Stattdessen muss die Erde durch ein kosmisches Staubfeld sausen, das für die dramaturgisch erwünschte Abkühlung sorgt.

Verfasser Sterling Noel holt aus der Kulisse der in Eis und Schnee erstarrenden Erde viel heraus, wobei er sich ungeschickt auf einen Ausschnitt des Geschehens beschränkt. Von den Tragödien, die der Zusammenbruch mit sich bringt, erfahren die Personen der Handlung ebenso wie die Leser nur zufällig und indirekt durch TV-Sendungen und Funksprüche, später durch den Besuch von Orten, an denen sich Schauerliches meist schon abgespielt hat.

Obwohl die Erde friedlich einfriert, ist „Die Fünfte Eiszeit“ (Nr. 1-4 sind übrigens die uns bekannten Eiszeiten der Vergangenheit) eine „Post Doomsday“-Geschichte, wie sie genau in die Zeit des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und UdSSR (plus andere rote Schurkenstaaten) passt, zu der bereits den Schulkindern das Verhalten bei einem Atomschlag eingeübt wurde. Insofern stellt „Die Fünfte Eiszeit“ eine weitere Lektion dar. Wenns tatsächlich mal schiefgehen sollte mit dem Gleichgewicht des Schreckens, musste das nicht das Ende bedeuten; einige starke Männer & Frauen konnten durchaus überleben. Tröstlich, nicht wahr?

|Sie streiten viel und lernen wenig|

Die Figurenzeichnung kann mit der fast dokumentarisch präsentierten Handlung nicht mithalten. Noel präsentiert uns eine denkbar unsympathische Gruppe. Harrow und die Seinen klinken sich aus der Rettung dieser Welt aus, weil die dumme Regierung nicht auf sie hören will. Stattdessen bunkern sie sich an einem zunächst sicheren Ort ein, nutzen ihren Informationsvorsprung, um sich mit Technik und Lebensmitteln einzudecken, sorgen ausschließlich für ihr eigenes Wohl und entdecken ihre Nächstenliebe erst wieder, als das Kind in den Brunnen gefallen ist bzw. die meisten Menschen tot sind.

Das ist vermutlich realistisch. Auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe wirken überzeugend. Angst und Dauerkrisen locken einerseits die guten Eigenschaften des Menschen hervor. Andererseits aber auch nicht, was Noel zum Teil anschaulich in fast unwirklichen Szenen zu schildern weiß. Sie zeigen immer wieder Menschen, die über die Katastrophe zu triumphieren versuchen, indem sie diese schlicht ignorieren.

Positiv fällt weiterhin der grimmig-realistische Tenor dieser Geschichte auf. Sicherheit gibt es weder für die Protagonisten noch für die Leser. Immer wieder müssen wir uns überraschend von (halbwegs) lieb gewonnenen Charakteren verabschieden: Die Apokalypse verschont nicht einmal jene, die sich an die neuen Spielregeln halten.

|Expedition der Klischee-Exemplare|

Andererseits stellt sich Noel allzu oft selbst ein Bein, indem er sich auf die bekannten Klischees des Katastrophen-Romans verlässt. Seine Darsteller bilden einen schematischen Querschnitt durch die Bevölkerung. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass jede gesellschaftliche Schicht (oder wenigstens die relevanten Kasten) ihre Identifikationsfigur bekommt, was dem Erfolg des Werkes nur zuträglich sein kann.

Also treten auf: Schwächlinge und Verräter. Hier bilden u. a. eine liebestolle Farmerstochter, ein disziplinloser Mechaniker oder ein amoklaufender Araber (ja, ja, die Ausländer …) die Gegner der hart für das Überleben der Gruppe schuftender Militärs und Wissenschaftler. Zum Wohle der Gemeinschaft ist hart durchzugreifen, was es manchmal auch erforderlich macht, einen ganz üblen Schurken mit der Strahlenkanone hinzurichten. Es muss sein – und stellt Euch schon einmal darauf ein, liebe Leser, dann seid auch Ihr bereit, sollten Euch ähnliche Katastrophen heimsuchen!

So wird jedenfalls im Zeitalter des Kalten Krieges sacht mit dem Schlimmsten gerechnet. Wenn es ganz dick kommt, werden und dürfen nur die Besten überleben: entschlossene Führergestalten und junge, starke Männer, die ihnen folgen; dazu noch jüngere Frauen, die treu zu ihnen halten und zukünftige Generationen von Pionieren (und Soldaten) gebären …

_Autor:_

Es gibt kaum Informationen über Noel Sterling (1903-1984) im Internet. Ein typischer Magazin- und Taschenbuch-Autor der ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg ist er wohl gewesen, der alle Sparten der Unterhaltungsliteratur bediente und neben weiteren Science-Fiction-Romanen u. a. Krimis schrieb. Gemeinsam ist seinen Werken die inhaltliche Anlehnung an wirklich originelle oder doch wenigstens beliebte Vorbilder. Dass er diese zwar handwerklich kompetent, aber eher mechanisch kopiert, trug sicherlich entscheidend dazu bei, ihn zu einem vergessenen Autor werden zu lassen.

|Taschenbuch: 154 Seiten
Originaltitel: We Who Survived (New York: Avon Books 1959)
Übersetzung: Fritz Moeglich
Deutsche Erstausgabe: 1962 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 267, neu aufgelegt als Heyne Science Fiction Nr. 06/3022)
ASIN: B0000BM0ZE|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

Nix, Garth – Goldener Sonntag (Die Schlüssel zum Königreich 7)

[„Schwarzer Montag“ 3719 (Die Schlüssel zum Königreich 1)
[„Schwarzer Montag“ 3172 (Hörbuch)
[„Grimmiger Dienstag“ 3725 (Die Schlüssel zum Königreich 2)
[„Grimmiger Dienstag“ 4528 (Hörbuch)
[„Kalter Mittwoch“ 4242 (Die Schlüssel zum Königreich 3)
[„Kalter Mittwoch“ 5101 (Hörbuch)
[„Rauer Donnerstag“ 4831 (Die Schlüssel zum Königreich 4)
[„Rauer Donnerstag“ 5051 (Hörbuch)
[„Listiger Freitag“ 5626 (Die Schlüssel zum Königreich 5)
[„Mächtiger Samstag“]http://www.buchwurm.info/REDAKTION/review/book.php?id__book=5790&letter=M (Die Schlüssel zum Königreich 6)

Arthur ist es tatsächlich gelungen, Erhabene Samstag den sechsten Schlüssel abzunehmen. Allerdings befindet er sich trotzdem in einer äußerst prekären Lage, nämlich im freien Fall mit der Option, demnächst auf dem Stahlgerüst von Samstags Turm aufzuschlagen. Zwar kann er das mit Hilfe des sechsten Schlüssels verhindern, kommt aber sogleich vom Regen in die Traufe.

Der sechste Teil des Vermächtnisses wird dabei von Arthur getrennt und trifft schließlich auf Susi Türkisblau, die in Gefangenschaft geraten und gerade dabei ist, ihren Bewacher zum Überlaufen zu überreden. Gemeinsam machen die Drei sich auf den Weg zurück zum Großen Labyrinth, wo sich Dame Primus aufhält, die Susi prompt einen neuen Auftrag aufhalst. Einen, der noch halsbrecherischer ist als das, was Susi gerade hinter sich hat …

Blatt steht derweil Schlange, um Trinkwasser zu besorgen. Arthur hat seine Stadt zwar vorübergehend aus der Zeit genommen, konnte den Abwurf der mikronuklearen Bombe dadurch aber nicht endgültig verhindern. Blatts Versuch, den Schläfern in Lady Freitags Klinik zu helfen, endet allerdings damit, dass sie samt einer militärischen Eskorte einem seltsamen Geschöpf mit einer Menge Tentakeln in die Arme läuft …

_Neuzugänge unter den_ Charakteren sind diesmal nur zwei zu verzeichnen.

Giac, zauberkundiger Zaungast unter Lady Samstags Befehl, ist dabei kaum als eigene Person zu bezeichnen, aber er ist wichtig als Führer innerhalb von Samstags Turm.

Lord Sonntag ist Arthurs letzter und mächtigster Gegenspieler. Und genau als solcher ist er auch dargestellt: Er macht sich nicht die Mühe, sich mit Strategie und Planung aufzuhalten, sondern setzt einfach die geballte Macht des siebten Schlüssels gegen Arthur ein, um ihn dazu zu bringen, ihm die bereits eroberten Schlüssel auszuhändigen. Nicht, weil Lord Sonntag besonderen Wert auf noch mehr Macht legt, sondern damit er das aus den Fugen geratene Haus wieder in seinen Ursprungsstatus zurückversetzen kann und dann endlich seine Ruhe hat. Im Grunde will Lord Sonntag nämlich nur eines: sich um seinen Garten kümmern!

Tatsächlich ist Lord Sonntag ein würdiger Gegenspieler für Arthur, der trotz seiner eher direkten Vorgehensweise durchaus mit Erhabene Samstag mithalten kann. Denn obwohl er sich hauptsächlich auf die Macht seines Schlüssels verlässt, ist er durchaus kein tumber Kraftprotz, sondern versucht auch mit anderen Mitteln, sein Ziel zu erreichen.

Sein Pech, dass er nicht wirklich die Muße hat, sich auf sein Problem mit Arthur zu konzentrieren. Denn in diesem letzten Band geht es schlicht drunter und drüber.

Nachdem Erhabene Samstag bereits im letzten Band die Unvergleichlichen Gärten gestürmt hat, folgt ihr nun der Pfeiffer dicht auf den Fersen. Da auch Dame Primus sich anschickt, ihre Armee dorthin zu führen, geht bald jegliche Übersicht, wer nun eigentlich gerade gegen wen kämpft, verloren. Außerdem dringt das Nichts immer weiter vor und hat inzwischen das Mittlere Haus erreicht, in der Vordertür wimmelt es von Nichtlingen, sodass der Zugang zu Arthurs Welt versperrt ist.

Die Entscheidung fällt letztlich im Elysium, dem Zentrum der Gärten.

Bis es so weit ist, müssen natürlich erst noch einige Verwicklungen überwunden werden. Im Vergleich zu dem wahren Feuerwerk an kuriosen Einfällen, das die ersten Bände auszeichnete, hat sich hier allerdings nicht mehr viel getan. Die nettesten Ideen in diesem Zusammenhang waren Arthurs gelber Stoffelefant und Daisy, ein lebendes Riesengänseblümchen, das auf seinen Wurzeln in der Gegend herum wuselt und sich mit Blatt angefreundet hat. Dagegen fand ich Arthurs unfreiwilligen Abstecher in einen Krieg zwischen den Riesenheuschrecken eines fremden sekundären Reiches eher merkwürdig. Er fügte sich irgendwie nicht recht ins Gesamtbild des Buches und erschien mir auch ein wenig überflüssig. Am meisten gestört haben mich allerdings die Schilderungen im Zusammenhang mit dem Atombombenabwurf. Natürlich will der Leser auch wissen, wie es denn nach Arthurs Zeitexperiment mit seiner Heimatwelt weiter gegangen ist, und vielleicht ist es ein Fehler, bei einem solchen Buch Realitätsnähe zu erwarten, dennoch war der Umgang mit den Folgen des Bombenabwurfs so unrealistisch, dass ich sämtliche Szenen in diesem Zusammenhang als unglaubwürdig, ja lächerlich empfand. Übertreibung als Stilmittel ist ja gut und schön, aber hier fand ich die Übertreibung doch ein wenig übertrieben.

So kam es, dass ich die erste Hälfte nicht annähernd so genossen habe wie die Anfänge des Zyklus. Erst als Dame Primus ihre Armee in Bewegung setzt, nimmt die Geschichte allmählich Fahrt auf, und ab hier strafft sich auch der Spannungsbogen, je weiter sich die Lage zuspitzt. Der Showdown schließlich vereinigt alles, was Rang und Namen hat, und das Ergebnis dieses letzten Duells ist dann eine echte und ausgesprochen geschickt gemachte Überraschung, die mir so gut gefallen hat, dass sie mich für die abwegige Atomsache einigermaßen entschädigen konnte.

Mit anderen Worten, der Abschluss des Zyklus‘ ist stellenweise ein wenig durchwachsen und braucht ein wenig Warmlaufzeit, dann aber findet er noch einmal zu seinem ursprünglichen turbulenten und abwechslungsreichen Flair zurück, um schließlich in ein ausgefallenes und unerwartetes Finale zu münden.

_Unterm Strich sind_ |Die Schlüssel zum Königreich| ein kunterbunter, temporeicher, humorvoller und etwas schräger Jugenbuchzyklus, der in jedem Fall eine Empfehlung verdient, dem es aber auch gut tut, dass er jetzt abgeschlossen ist.

_Garth Nix ist_ gebürtiger Australier und war nach dem Studium in den verschiedensten Bereichen der Buchindustrie tätig, ehe er selbst zu schreiben begann. Aus seiner Feder stammen der Jugendbuchzyklus |Seventh Tower|, die Trilogie |Das alte Königreich| sowie „Shade’s Children“, ein Science-Fiction-Jugendroman, der auf Deutsch bisher nicht erschienen ist.

|Originaltitel: |Lord Sunday|
Aus dem Englischen von Axel Franken
Illustrationen von Daniel Ernle
315 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 10 Jahren
ISBN-13: 978-3-431-03810-1|
http://www.ehrenwirth.de/
http://www.garthnix.co.uk/home

Außerdem von Garth Nix auf |Buchwurm.info|:

[„Sabriel“ 1109 (Das alte Königreich 1)
[„Lirael“ 1140 (Das alte Königreich 2)
[„Abhorsen“ 1157 (Das alte Königreich 3)

Fallon, Jennifer – Kristall des Chaos, Der (Gezeitenstern-Saga 4)

Band 1: [„Der unsterbliche Prinz“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4899
Band 2: [„Die Götter von Amyranhta“ 5305
Band 3: [„Der Palast der verlorenen Träume“ 5955

Arkady ist ziemlich geschockt. Ihr Vater, den sie für tot gehalten hatte, sitzt in Wahrheit im Gefängnis, um genau zu sein in der Zelle neben ihr. Natürlich ist Arkady klar, dass Jaxyn ihren Vater dazu benutzen wird, sie zu erpressen, doch sie ist fest entschlossen, das zu verhindern.

Ein Glück für beide, dass Jaxyn hauptsächlich damit beschäftigt ist, die Eroberung von Caelum zu planen. Sein Plan, die Binnenseen zufrieren zu lassen, um das Nachbarland über das Eis hinweg anzugreifen, scheint wunderbar zu klappen … zumindest zu Anfang.

Am anderen Ufer, in Caelum, ist Stellan Desean derweil mit einem Balanceakt beschäftigt. Er weiß, dass die Truppen von Glaeba Caelum weit überlegen sind, doch wie bringt man eine Horde arroganter Gezeitenfürsten dazu, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, ohne zu verraten, dass man ihre Identität kennt? Und wie schleust man eine Familie Arks aus dem Land, wenn alle Transportwege abgeschnitten sind?

Derweil sind Declan Hawkes, Cayal und Kentravyon auf dem Weg nach Norden; Declan, um Arkady zu finden, die beiden anderen, um endlich den Kristall des Chaos ausfindig zu machen und – sehr zu Cayals Unwillen – Elyssa zur Mithilfe bei ihrem Vorhaben zu überreden …

_Bezüglich der Charakterzeichnung_ tut sich in diesem Band so gut wie nichts Neues mehr. Einziger Neuzugang ist Kentravyon, der zum ersten Mal persönlich auftaucht. Kentravyon ist einer der ältesten Gezeitenfürsten und wird von den anderen ständig als Irrer bezeichnet. Mir kam er allerdings nicht wahnsinniger vor als mancher andere in diesem Haufen. Abgesehen von der abgedrehten Art, wie er auf manche Dinge reagiert – zum Beispiel das Lindern von Schmerzen, indem er die Verletzten tötet – wirkt er ganz normal und in vielerlei Hinsicht wesentlich vernünftiger und menschlicher als Elyssas Sippschaft. Sprich, er ist ein genauso widersprüchlicher Kerl wie Cayal, nur besser gelaunt. Was die Tiefe der Darstellung angeht, kann Kentravyon jedoch nicht mit dem mithalten, was die Autorin im ersten Band des Zyklus‘ für Cayal aufgewendet hat.

Auch eine Weiterentwicklung vorhandener Charaktere gibt es hier nicht. Sprich, die Autorin hat sich nahezu ganz auf die Handlung konzentriert.

Die besteht nicht nur aus den oben genannten Strängen. Im Laufe der Ereignisse trennt Declan sich von Cayal und Kentravyon, und dann gibt es auch noch Stränge um Boots, Warlock und Tiji. Sie alle einigermaßen gleichmäßig voran zu treiben macht häufige Wechsel zwischen den einzelnen Fäden notwendig, was zwangsläufig die Gesamtentwicklung bremst. So kommt es, dass die Handlung erst Fahrt aufnimmt, als sich letztlich mehr oder weniger alle auf den Weg nach Jelidien gemacht haben.

Leider kann ich nicht sagen, dass die Sache wirklich richtig spannend geworden wäre. Die Bemühungen der Autorin, im Laufe der Handlung die Spannungsschraube hoch zu drehen, sei es durch den Krieg zwischen Caelum und Glaeba oder durch die Entdeckung von Boots‘ Versteck, brachten nicht so recht das erwünschte Ergebnis.

Ähnliches gilt für die Auflösung des Plots: Obwohl tatsächlich durch die vielen Personen und ihre unterschiedlichen Ziele bis zum Schluss nicht klar war, wie die Sache ausgehen würde, kann ich nicht sagen, dass ich mir sozusagen die Finger abgekaut hätte, und trotz des recht bombastischen Showdowns sowie des extravaganten Ergebnisses empfand ich das Ende ein wenig unbefriedigend. Niah war ein viel versprechendes Persönchen, von dem logischen Knacks ganz abgesehen.

Interessant fand ich dagegen Kontravyons Erklärungen im Zusammenhang mit dem Kristall des Chaos sowie Lukys‘ Ratte Coron, auch wenn dadurch letztlich die Frage bleibt, wie die ersten der Gezeitenfürsten denn zu Gezeitenfürsten geworden sind.

_Mit anderen Worten_: Auch dieser letzte Band des Zyklus‘ hat nicht gehalten, was der starke Einstieg in den Zyklus versprochen hat. Wie auch dem dritte Band fehlt es ihm ein wenig an Wucht. Da die Charaktere nicht weiterentwickelt und auch nicht vertieft werden, fällt ein wesentlicher Aspekt dessen weg, was den ersten Band so interessant gemacht hat. Und der Versuch, die Lücke durch einen abwechslungsreichen Handlungsverlauf und eine dramatische Zuspitzung am Ende zu schließen, ist nicht gelungen. Selbst der Zeitdruck, unter dem die zweite Gruppe eigentlich steht, wird nicht wirklich deutlich, weil es all diese Unsterblichen in ihrer arroganten Gleichgültigkeit kaum zu kümmern scheint, dass ihnen die Zeit davon läuft. Ein solches Manko konnten selbst Kontravyons interessante Erklärungen nicht mehr ausgleichen. Schade.

_Jennifer Fallon stammt_ aus einer großen Familie mit zwölf Geschwistern. Sie hat in den verschiedensten Jobs gearbeitet, unter anderem als Kaufhausdetektivin, Sporttrainerin und in der Jugendarbeit. Letzteres scheint ihr immer noch nachzuhängen, unter ihrem Dach leben außer drei eigenen Kindern einige obdachlose Jugendliche als Pflegekinder. Schreiben tut sie nebenher. Ihre erste Veröffentlichung war die |Dämonenkind|-Trilogie. Außerdem stammen die Trilogie |Second Sons| sowie |Die Chroniken von Hythria| aus ihrer Feder. Zur Zeit arbeitet die Autorin an ihrem nächsten Zyklus |Rift Runners|, der erste Band soll im Februar 2012 auf Englisch erscheinen.

|Originaltitel: The Chaos Crystal
Ins Deutsche übertragen von Katrin Kremmler und Rene Satzer
569 Seiten
ISBN-13 978-3-802-58245-5|
http://www.jenniferfallon.com
http://www.egmont-lyx.com

_Jennifer Fallon bei |Buchwurm.info|:_

[„Kind der Magie“ 1328 (Dämonenkind Band 1)
[„Kind der Götter“ 1332 (Dämonenkind Band 2)
[„Kind des Schicksals“ 1985 (Dämonenkind Band 3)
[„Erbin des Throns“ 2877 (Die Chroniken von Hythria 1)
[„Ritter des Throns“ 3327 (Die Chroniken von Hythria 2)
[„Herrscher des Throns“ 3878 (Die Chroniken von Hythria 3)

Jon Christopher – Insel ohne Meer

_Das geschieht:_

Guernsey ist die zweitgrößte jener Inseln, die als Besitz der britischen Krone vor der englischen Küste und schon in Sichtweite Frankreichs im Kanal liegen. Hier hat sich Matthew Cotter eine Existenz als Gärtner aufgebaut. Sein ruhiges Leben wird eines Nachts beendet, als ein gewaltiges Erdbeben die Insel erschüttert. Nicht nur Guernsey ist betroffen. Als Cotter sich aus den Trümmern seines Hauses befreit hat, muss er feststellen, dass sich das Meer zurückgezogen hat und das Festland zu Fuß erreicht werden könnte.

Die meisten Inselbewohner sind umgekommen. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten; offensichtlich wurde die gesamte Erde durch die Naturkatastrophe verheert. Die wenigen Überlebenden auf Guernsey versammeln sich um Joe Miller, der rücksichtslos das Kommando an sich reißt und schon für eine Zukunft nach dem großen Knall plant. Wie ein vorzeitlicher Häuptling organisiert Miller seinen „Stamm“, teilt die gebärfähigen Frauen kräftigen Männern zu und duldet keinen Widerstand.

Cotter, der zunächst froh darüber war, nicht allein dazustehen, beginnt Miller zu verabscheuen. Zusammen mit dem 10-jährigen Billy Tullis, der bei dem Erdbeben seine Familie verlor und von Miller gerettet wurde, will er den Marsch aufs Festland wagen, seine Tochter suchen und dem Despoten Miller entkommen. Die Flucht gelingt, aber die bizarren und grausamen Erlebnissen auf dieser Reise in ein in die Barbarei zurückgefallenes England lassen Cotter bald wünschen, den zweifelhaften Schutz von Guernsey niemals aufgegeben zu haben …

_Die Welt geht immer wieder unter_

Die Briten sind ein Volk, das stolz auf seine Eigenheiten ist. Dazu gehören ein besonders trockener bis schwarzer Humor und die Liebe zu Untergangs-Szenarien. Seit H. G. Wells die Marsianer über England herfallen ließ, wiederholte sich die Apokalypse quasi regelmäßig. Mal fiel der Mond in den Ozean, der daraufhin die Zivilisation von den britischen Inseln spülte (R. C. Sheriffs, „The Hopkins Manuscript“, dt. „Der Mond fällt auf Europa“), dann wuselten genmutierte Mordpflanzen durch ehrwürdige Grafschaften (John Wyndham, „The Day of the Triffids“, dt. „Die Triffids“), oder Außerirdische kletterten mit finsteren Absichten aus den Tiefen des Atlantiks (noch einmal John Wyndham, „The Kraken Wakes“, dt. „Kolonie im Meer“/“Der Krake erwacht“).

John Christopher versuchte gleich mehrfach und mit einer Getreidepest („The Death of Grass“, dt. „Das Tal des Lebens“), einer neuen Eiszeit („The World in Winter“) oder – im vorliegenden Roman – mit einem monströsen Erdbeben seinen Landsleuten den Garaus zu machen. In der Tradition dessen, was Brian W. Aldiss als „gemütliche Katastrophengeschichte“ bezeichnete, bricht das Verderben erstens plötzlich und zweitens über ganz normale Durchschnittsmenschen herein. Zwar lebendig aber praktisch mit leeren Händen stehen sie nun da und müssen die Krise meistern.

Wobei Christopher das „gemütlich“ aus seinen apokalyptischen Visionen energisch streicht. Wie er, der Weltwirtschaftskrise, Zweiten Weltkrieg und Kalten Krieg als Zeitgenosse und teilweise hautnah miterlebte, das Lern- und Anpassungsverhalten des Menschen beurteilt, wirft ein düsteres Licht auf unsere Spezies.

|Radikales Weltende ohne Lehreffekt|

Dass England in der Realität jemals von Erdbeben der vom Verfasser beschriebenen Stärke heimgesucht wird, ist denkbar unwahrscheinlich. Dies war in den 1960er Jahren längst, und auch Christopher bei der Niederschrift seines Romans, bekannt – ein Indiz dafür, dass für ihn die eigentliche Katastrophe Nebensache ist. Dafür spricht ebenfalls, dass Christopher sich eine Beschreibung der wohl weltweiten Verwüstungen spart und sich auf einen kleinen Ausschnitt beschränkt. (Guernsey wählte der Autor übrigens als Handlungsort, weil er viele Jahre auf dieser Insel gelebt hat.) Der Untergang ist ihm MacGuffin im hitchcockschen Sinn – ein Vorwand, der den Rahmen für die Darstellung dessen schafft, was den Autoren eigentlich interessiert.

Christopher geht es um das Verhalten von Menschen. Er nimmt sich die Zeit, das Leben vor dem Ende zu beschreiben. Im Wissen um den Untergang wirken die Rituale des modernen Alltagslebens ebenso nichtig wie liebenswert. Matthew Cotter ist kein „Macher“, sondern ein kleiner Gärtner, den seine Nachbar gern mit einer alleinstehenden Witwe verkuppeln mochten. Auf sein Überleben nach dem Zusammenbruch würde man nicht unbedingt wetten.

Aber Cotter verfügt über eine Eigenschaft – oder besser: Nicht-Eigenschaft -, die ihn retten wird: Er hängt nicht allzu sehr an den Werten der „alten“ Welt, die er deshalb abschütteln kann, wo andere Menschen erstarren, der Vergangenheit nachtrauen und auf Hilfe von außen warten, bis es zu spät ist. Nur seine Liebe zur verschollenen Tochter kann Cotter nicht aufgeben, und exakt dies wird ihn mit einem Grauen konfrontieren, das er sich durch den endgültigen Schnitt hätte ersparen können.

|Anpassen – herrschen – unterwerfen|

Das Überleben folgt nach Christopher archaischen Regeln. Der Mensch ist unter einer dünnen zivilisatorischen Tünche immer noch das Produkt einer Vorzeit, in der das Wort und die Waffe des Stärkeren die Primär-Geltung hatte. Ohne Kultur und Technik bricht die Bestie auf breiter Front wieder durch.

Während Cotter auch in der Krise menschliche Werte hochhält, schlägt nach der Tag X die Stunde der Despoten. Christopher unterscheidet zwischen brutalen Egoisten, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen, und dabei schwächere Personen unter ihre Gewalt bringen, und wohlwollenden Tyrannen, die einen „Stamm“ um sich scharen und das Weiterleben nach ihren Vorstellungen organisieren.

Cotter steht zwischen Herrschern und Untertanen. Obwohl er die Zügel in die Hand nehmen könnte, weigert er sich, ein Lager zu wählen. Durch Intelligenz und ein Einfühlungsvermögen, in das sich eine hohe Dosis Opportunismus mischt, kann Cotter sich die neuen Häuptlinge und Warlords eine Weile vom Hals halten. Die Entscheidung wird dadurch nur aufgeschoben – irgendwann muss Cotter Farbe bekennen.

|Ein nicht goldener aber möglicher Mittelweg|

Dieser Lernprozess wird ihn zeichnen. Christopher stellt Cotter nie als klassischen Helden dar. In eindeutiger Kenntnis des Zwangs, mit dem „König Miller I.“, wie er ihn ironisch nennt, über „seine“ Untertanen herrscht, verweigert Cotter die Konfrontation. Stattdessen setzt er sich in der Nacht heimlich ab und nimmt darüber hinaus ein Kind mit auf eine gefährliche Odyssee mit ungewissem Ausgang.

Billy ist nicht nur Identifikationsfigur für jüngere Leser. Er begleitet und verkörpert Cotters Weg zur Erkenntnis. Auf seiner von Anfang an sinnlosen Suche nach der Tochter setzt er das Leben eines buchstäblich greifbaren Menschen, der auf seine Solidarität angewiesen ist, aufs Spiel. In der ultimativen Krise sind keine Visionäre, sondern Realisten gefragt, die sich mit den Gegebenheiten arrangieren. Am Ende hat Cotter seine Lektion gelernt und seinen eigenen Weg in die Zukunft gefunden. Er wird der Not gehorchen, sich ihr jedoch nicht beugen. Auf diese Weise verbindet er Realitätssinn mit Zivilisation, schafft sich eine Lebensperspektive und erspart dem Leser ein unrealistisches Happy-End, sondern schließt eine trotz des Themas „stille“ aber spannende Geschichte zufriedenstellend ab.

_Autor:_

Christopher Samuel Youd wurde am 12. Februar 1922 in der englischen Grafschaft Lancashire geboren. Nach mehrjährigem Kriegsdienst (1941-1946) wurde Youd dank eines Stipendiums der |Rockefeller Foundation| für literarische Nachwuchstalente ein „richtiger“ Schriftsteller. Die erste professionelle Veröffentlichung wurde 1949 die Kurzgeschichte „Christmas Tree“. Ebenfalls 1949 erschien, „The Winter Swan“, Youds erster Roman.

Da Erfolg und Einkünfte zunächst ausblieben, arbeitete Youd für ein Unternehmen, das mit Industriediamanten handelte, und schrieb abends und an den Wochenenden. In den nächsten Jahren verfasste er unter einer Vielzahl von Pseudonymen für wenig Geld zahlreiche Krimis, aber auch Liebesromane oder Arztdramen. 1955 kehrte er als John Christopher mit „The Year of the Comet“ zu seinem Lieblings-Genre, der Science-Fiction, zurück. Im folgenden Jahr gelang ihm der Durchbruch mit „The Death of Grass (dt. „Das Tal des Lebens“), einer Katastrophen-Geschichte der typisch englischen Art. Christopher hatte „seine“ Nische gefunden. Er konnte seinen Brotjob aufgeben und ließ in den folgenden Jahren weitere Katastrophen über die Erde hereinbrechen.

Mitte der 1960er Jahre gab Christopher seiner Karriere eine neue Richtung: Er schrieb nun SF gezielt für jugendliche Leser. Gleich sein erster Roman wurde ein Bestseller und Start einer Serie um die „Tripoden“ oder „dreibeinigen Monster“, Außerirdische in stählernen Kampfmaschinen, die sich die Erde untertan gemacht haben und die Menschen in feudalzeitlicher Rückständigkeit halten. Christopher stellt eine junge, rebellische Generation in den Mittelpunkt der spannenden Handlung, die den Kampf gegen den zunächst übermächtig scheinenden Gegner aufnimmt. Mit zwei Trilogien („The Prince in Waiting“ und „Fireball“) und einigen Einzel-Romanen war Christopher ebenfalls erfolgreich, doch vor allem die Serie um die dreibeinigen Monster – die 1984 eine zehnteilige TV-Verfilmung erfuhr – wird seit Jahrzehnten auch in Deutschland immer wieder aufgelegt.

In den 1980er Jahren begann Christophers Produktivität nachzulassen. Neue Romane erscheinen nur noch selten, etwa 70 Bücher hat der Autor insgesamt veröffentlicht.

Taschenbuch: 192 Seiten
Originaltitel: A Wrinkle in the Skin (London : Hodder & Stoughton 1965)/The Ragged Edge (New York : Simon & Schuster 1966)
Deutsche Erstausgabe: 1966 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann-Zukunftsromane Z 70 u. Goldmanns Weltraum Taschenbücher 072)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Cover: Eyke Volkmer
ASIN: B0000BQDKT
www.goldmann-verlage.de

Keith Roberts – Der Neptun-Test

roberts-neptun-cover-kleinAtomwaffen-Tests verwüsten nicht nur die Erde, sondern locken unfreundliche Invasoren aus dem All an, die in Gestalt riesiger Wespen die Menschheit unterjochen, bis sich einige Widerständler einfallsreich gegen sie wenden … – Diese „gemütliche Apokalypse“ im klassisch englischen Stil verzichtet auf gewaltige Untergangs-Szenarien, sondern schildert die Katastrophe beinahe dokumentarisch aus der beschränkten Sicht isolierter Überlebender: von der Zeit überholte aber spannende Science Fiction.
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Keith R. A. DeCandido – Quintessenz (Star Trek – The Next Generation)

Nachdem er einige Jahre Ruhe gegeben hat, kehrt der gottähnliche Q auf die „Enterprise“ zurück, um gemeinsam mit Captain Picard den Untergang des Universums zu beobachten – oder zu verhindern … – Nachdem der Verfasser endlos mit „Star-Trek“-Trivialitäten gelangweilt hat, kommt in der zweiten Hälfte leidlich Schwung in eine Geschichte, die ohne begreifbaren Sinn sämtliche Q-Auftritte in einen logischen Zusammenhang zwingen will und dabei kaum das Niveau einer durchschnittlichen TV-Episode erreicht: weitgehend enttäuschende Dutzendware.
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Karl Schroeder – Planet der Sonnen (Das Buch von Virga 1)

Es gibt verschiedene Arten der Science Fiction, doch oft bietet sie ein Spielbrett für die faszinierendsten Weltenschöpfungen als Weiterentwicklung aus unserer Welt, und dort, in oder auf den fremden Planeten, spielen sich dann die Geschichten ab, die den Schriftstellern am Herzen liegen. Virga, Karl Schroeders „Planet der Sonnen“, ist so eine Welt. Sie bietet durch ihre Einzigartigkeit einen nahezu unbegrenzten Spielraum für Geschichten, denn, was sie von anderen Planeten unterscheidet, sie ist eher eine Sauerstoffsphäre im äußeren Bereich eines fernen Sonnensystems, gigantisch und doch weitgehend leer, schwerelos und mit unzähligen Attributen beschreibbar. In ihrem Zentrum schwebt Candesce, die erste Sonne, ein künstliches Gebilde, um das sich Habitate, drehende Städte, Planetoiden oder Plattformen bewegen und den Menschen als Lebensraum dienen.

Je weiter diese einzelnen bewohnten Bezirke von der ersten Sonne entfernt sind, desto mehr Material befindet sich zwischen ihm und dem Licht, weshalb Licht und Wärme ein kostbarer politischer und wirtschaftlicher Faktor ist. Es gibt weitere, kleinere Sonnen innerhalb Virgas, die kleine Lebenssphären in der Kälte der weiten Sphäre bilden und ihre jeweiligen Nationen mit Licht und Wärme versorgen. Wer keine eigene Sonne hat, ist abhängig von größeren Nationen, die ihrerseits diese Abhängigkeit erhalten wollen und daher oft den Bau eigener Sonnen sabotieren, verbieten, verhindern.

Hayden Griffin ist ein junger Bewohner der Nation Aerie, die von einer eigenen Sonne träumt und keine Mühen und Gefahren scheut, dieses Ziel zu erreichen. Aerie ist von der Nation Slipstream abhängig, doch da sich Slipstream auf einem frei fallenden Planetoiden durch die Sphäre Virgas bewegt, wird sie und ihre Sonne den Bereich von Aeries Habitaten in absehbarer Zeit verlassen und der Dunkelheit und Kälte überantworten. Trotzdem will Slipstream sich die Vorherrschaft erhalten und zerstört auf brutale und blutige Weise die neue Sonne und Teile Aeries. Griffin überlebt das Massaker und schwört dem befehlshabenden Admiral Rache.

Jahre später wird Slipstream selbst von mehreren Seiten bedroht. Besagter Admiral Fanning zieht mit einer kleinen Flotte von Schiffen aus, heimlich eine ultimative Waffe zu schaffen. Der Schlüssel dazu ist erstens die erste Sonne Candesce, zweitens eine Außenweltlerin, die überlegene Technik repräsentiert und die es aus unbekannten Gründen nach Virga verschlagen hat.

Hayden Griffin, auf der Suche nach der richtigen Chance, seine Rache zu vollenden, wird als persönlicher Pilot von Venera Fanning, des Admirals Frau, angeheuert und begleitet die abenteuerliche Expedition. Doch lange wartet er vergeblich auf eine Gelegenheit zum Mord, erfährt durch seine Nähe zu Fannings Frau ganz neue Informationen über den Ablauf des damaligen Massakers, erfährt die Gefahren und die Geheimnisse Virgas, verliebt sich in die Außenweltlerin und erhält auch noch die einmalige Chance, Aerie zu einer neuen Sonne zu verhelfen … Ihn quälen viele Fragen: Ist Fanning schuldig? Kann die Schuld überhaupt zugeordnet werden? Was verbirgt Virga noch für Geheimnisse? Was hält die NI, die Natürliche Intelligenz, die außerhalb Virgas alles beherrscht, vom Eindringen in die Sphäre ab, und was verbirgt die Außenweltlerin Aubri Mahallan für ein dunkles Geheimnis?

Fragen über Fragen, auf deren viele der Roman eine Antwort liefert. Geheimnisvoll und faszinierend bleibt sowohl Virga als auch der Rest des von Menschen und der NI besetzten Universums, hier kratzt Karl Schroeder nur an der Oberfläche, wirft ein paar heftige Brocken hin und entwirft mit diesem Roman gleich zwei so gegensätzliche Zukunftsvisionen, dass man unbedingt nach neuen Romanen aus diesem Material verlangt, um mehr darüber zu erfahren.

Viele Charaktere erhalten ihre Chance in diesem Roman, doch nur wenige wichtige erhalten mehr als ein paar porträtierende Striche. Hayden Griffin, die Fannings, ein grau gekleideter Agent, der so hintergründig ist, dass ich ihn mit „Herr Schmidt“ anreden würde, da ich seinen Namen immer vergesse, die Außenweltlerin Aubri Mahallan … Das sind Protagonisten mit Ecken und Kanten, wohl keiner von ihnen hat eine weiße Weste, manchen drückt ein Gewissen, andere scheinen auf zwei unterschiedlichen Seiten zu stehen. Schroeder macht zwar Griffin zu seiner Hauptfigur und zum Sympathieträger, aber gerade auch die merkwürdige Vielschichtigkeit von Venera Fanning macht sie zu einem interessanten Charakter. Da sie das Ende des Buches auch erlebt, kann man sicherlich damit rechnen, nochmal von ihr zu lesen.

Das Geheimnis Aubri Mahallans ist so komplex und gefährlich für die Sphäre, dass Schroeder sich bei seiner Offenbarung auf Eckpunkte beschränken musste. Trotzdem eröffnet er damit einen verstörenden Eindruck der Welt und des Lebens außerhalb Virgas, so dass man froh sein kann, ein Bewohner dieser Welt zu sein und von der anderen Seite weitgehend in Ruhe gelassen zu werden – so schwer das Leben auch sein kann.

Virga ist eine Welt, die von skurrilen Gegensätzen nur so strotzt. Schroeder streut schrittweise Informationen ein und entwirft so ein detailiertes Bild dieser Sphäre, in der die Schwerkraft nur durch Fliehkraft simuliert wird, Sturm ein Ausdruck der Eigengeschwindigkeit ist, Kugeln, die ihr Ziel verfehlen, jahrelang im freien Fall durch die Welt sausen und irgendwo eine verheerende Wirkung erzielen können … Es ist eine Welt voller Rätsel, und es verspricht eine spannende Reise zu werden, auf die uns der Autor hoffentlich in künftigen Romanen mitnimmt.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel:
Book One of Virga: Sun of Suns
Aus dem Englischen von Irene Holicki
ISBN-13: 978-3453526266

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 2,33 von 5)

Barcley, James – letzte Schlacht, Die (Die Kinder von Estorea 4)

_Reihentitel:_

Die Kinder von Estoria 1: [Das verlorene Reich 5328
Die Kinder von Estoria 2: [Der magische Bann 5706
Die Kinder von Estoria 3: [Die dunkle Armee 5849
Die Kinder von Estoria 4: Die letzte Schlacht

_Story:_

Die Konkordanz steht vor dem Ende ihrer Existenz: Gorian Westfallen, der abtrünnige Aufgestiegene, hat nicht nur die Tsardonier unterjocht und zu seinen Heeressklaven gemacht, sondern auch die Toten zu seinen Gefangenen, und marschiert nun mit großen Schritten ins Herz der Advokatur. Dort herrscht immer noch ein erbitterter Machtkampf zwischen Kanzlerin Felice Koroyan und Advokatin Herine del Aglios, welche immer noch den Aufstieg verteidigt, obschon das gesamte Volk Estoreas inzwischen ebenfalls die Meinung vertritt, dass den vermeintlichen jugendlichen Magiern die Todesstrafe drohen sollte.

Entsprechend naiv nimmt die einfache Bevölkerung daher auch an, dass die Gerüchte von einer Armee der Toten lediglich abschreckende Maßnahmen sind, um den Aufstieg zu verteidigen und die Protagonisten zu schützen. Felice nutzt die aktuelle Stimmung und richtet ein Blutbad in ihren eigenen Gemächern an – welches ihr schließlich selber zum Verhängnis wird. Noch während das Gerangel im Palast tobt, entbricht auf den Feldern Estoreas ein furchtbarer Krieg gegen Gorians vereinte Armeen, der für die Konkordanz zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Selbst Mirron, Arducius und Ossacer finden keinen Weg, ihren bösartigen Bruder anzugreifen und ihm die Kraft zu rauben, die er unter anderem auch von seinem entführten Sohn Kessian empfängt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Westfallen endlich die Advokatur stürmen und das restliche Volk versklaven kann – und nicht einmal tapfere Kriegesherren wie Roberto del Aglios und Paul Jhered können mit ihren begrenzten menschlichen Fähigkeiten noch irgendetwas ausrichten, das Gorrian stoppen könnte. Erst recht nicht, nachdem ihnen bewusst wird, dass ein ganzes Volk gegen sie steht!

_Persönlicher Eindruck:_

Es ist das letzte Kapitel in einer ziemlich düsteren, letzten Endes aber auch ziemlich vorhersehbaren Fantasy-Story und ambivalenterweise genau das, was man erwarten durfte, und was man nicht erwarten wollte. Mit dem letzten Band seiner zweiten großen Serie „Die Kinder von Estorea“ zieht James Barclay einen (inhaltlich) relativ abrupten Schlussstrich unter seine neue Saga, glänzt dabei mit gewohnten und mehrfach bewährten Qualitäten, nimmt sich aber leider auch nicht mehr die Zeit, gerade dieses intensivste Kapitel in der gesamten Serie noch genauer auszuschmücken und das Potenzial einer epischen Erzählung auch nur annähernd auszuschöpfen. Der britische Bestseller-Autor hat im Vergleich zu den beiden „Raben“-Serien nicht mehr die Geduld aufgebracht, das Ende hinauszuzögern und die Handlung mit weiteren geschickten Wendungen auf einem kontinuierlichen Spannungshoch zu bewahren. Stattdessen wirkt heuer alles gedrungener, mitunter auch hektischer, schließlich aber auch – und das ist wirklich bedauerlich – vergleichsweise spannungsarm, weil sich der Autor einfach viel zu früh in die Karten schauen lässt. Grundsätzlich ist nämlich klar, was aus dem Aufstieg wird, was mit Gorian geschieht, dass einige wichtige Schachfiguren im anhaltenden politischen Ränkespiel geopfert werden müssen und dass die Schlachten, analog zum Titel, noch brutaler werden. Wo sind also die Überraschungsmomente, mit denen Barclay sein Publikum bis dato ganz locker bei der Stange halten konnte?

Nun, leider Gottes sind die Prioritäten in „Die letzte Schlacht“ etwas unvorteilhaft verteilt. Die Chancen zum Beispiel, den Komplex um den Aufstieg noch einmal intensiver in Augenschein zu nehmen und noch etwas mehr herauszuschlagen, als eine relativ simple und actionlastige Fantasy-Story, nimmt sich der Autor bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Im Gegensatz dazu verschwendet er ausladend viel Zeit damit, die taktischen Formationen im Kampf zu erläutern und das politische System der Konkordanz (einmal mehr) in den Vordergrund zu stellen, vergisst dabei aber so manches Mal, dass das Finale einer der interessantesten Zyklen bevorsteht und damit auch noch einige Erwartungen verknüpft sind, die über die schlichte Berichterstattung mit einigen kleinen Spannungsbögen hinausgeht. Ganz grob betrachtet, leistet der Brite hier aber nicht mehr als das Nötigste und enttäuscht zumindest diejenigen unter seinen Lesern, die ihn für seinen Tiefgang und einer damit verbundenen, kontrastreichen Heroik schätzen und ihm mit diesen Attributen auch durch Estorea gefolgt sind.

Natürlich, und das sollte auch sofort klar sein, wäre es vermessen, Barclay zum Schluss seines jüngsten Vierteilers noch Versagen zu bescheinigen, geschweige denn generell enttäuscht zu haben. Aber betrachtet man die Hingabe, mit welcher er den „Raben“ bearbeitet hat, und die ihn dazu geführt hat, eine schier limitierte Story noch auf so viele Ebenen zu führen, muss man bei „Die Kinder von Estorea“ und eben speziell in diesem letzten Kapitel Einbußen hinnehmen, die im Hinblick auf das gehörige Potenzial der Geschichte absolut nicht notwendig gewesen sind. Warum wurde diese fast schon fanatische Liebe zum Detail schlussendlich dem kompakten Abwasch untergeordnet? Warum bleiben die schleppend aufgebauten, mühsam zu Sympathieträgern avancierten Charaktere plötzlich so farblos? Warum führt Barclay nicht mehr auf falsche Fährten, wo der Plot gerade in der zweiten Hälfte nach einigen Radikalschnitten verlangt? Fragen bleiben viele, Antworten wiederum kann das Buch nur bedingt geben. Sicher, es ist ein sehr düsterer, mitunter auch grausamer Abschluss, bei dem Barclay hin und wieder schon noch volles Risiko geht. Aber zwischen dem was ist und sein könnte, besteht eine derart große Diskrepanz in diesem letzten Band, dass man voller Unverständnis konstatieren muss, „Die Kinder von Estorea“ wären besser bedient gewesen, hätte man das Ganze auf einen oder gar zwei zusätzliche Romane ausgedehnt. Dann wäre wenigstens der riesige Komplex nicht so rapide aufgelöst worden, und dann hätten die vielen Feinheiten ihren erforderten Raum bekommen, die hier nur noch ziemlich oberflächlich behandelt werden.

Noch mal: Fans werden mit dem Verlauf der Story zufrieden sein – nicht aber mit der vernichtend strikten Vorgehensweise, mit welcher der Autor seinen Plot zu Grabe trägt. Die Gänsehaut des „Raben“-Finals bleibt daher leider erspart!

|Taschenbuch: 463 Seiten
Originaltitel: A Shout for the Dead 2
ISBN-13: 978-3-453-52538-2|
[www.heyne.de]http://www.randomhouse.de/heyne/

_James Barclay bei |Buchwurm.info|:_

[Zauberbann (Die Chroniken des Raben 1) 892
[Drachenschwur (Die Chroniken des Raben 2) 909
[Schattenpfad (Die Chroniken des Raben 3) 1386
[Himmelsriss (Die Chroniken des Raben 4) 1815
[Nachtkind (Die Chroniken des Raben 5) 1982
[Elfenmagier (Die Chroniken des Raben 6) 2262
[Schicksalswege (Die Legenden des Raben 1) 2598
[Elfenjagd (Die Legenden des Raben 2) 3233
[Schattenherz (Die Legenden des Raben 3) 3520
[Zauberkrieg (Die Legenden des Raben 4) 3952
[Drachenlord (Die Legenden des Raben 5) 3953
[Heldensturz (Die Legenden des Raben 6) 4916

Mike Resnick – Wilson Cole 4: Die Rebellen

Die „Wilson Cole“-Romane bringen endlich, muss man sagen, Mike Resnicks Romane in den deutschen Sprachraum. Als einer der beliebtesten und erfolgreichsten amerikanischen Science-Fiction-Schriftsteller wurde er mit Auszeichnungen überhäuft, so dass es erstaunt, wie wenig davon über den großen Teich geschwappt ist. Allein seine Kurzgeschichten erhielten vor allen lebenden wie toten SF-Autoren die meisten Preise.

„Wilson Cole“ ist eine fünfteilige Geschichte um ein Raumschiff, seine Besatzung und ihren Captain, ebenso wie es eine Geschichte ist um Missbrauch von Staatsgewalt, Ethik, blinden militärischen Gehorsam und bedingungslose Freundschaft. „Die Rebellen“ ist der Titel des vierten Teils, der sich nahtlos in die Geschichte fügt.

Was bisher geschah:

Der unbequem gewordene Held der Republik Wilson Cole kommt als zweiter Offizier an Bord der Theodore Roosevelt. Nachdem sein dortiger Captain die sinnlose Vernichtung eines ganzen bevölkerten Planeten befiehlt, übernimmt Cole das Kommando und setzt den Captain in Haft, bis ein offizielles Kriegsgericht sich dem fehlgeleiteten Druck der Öffentlichkeit beugt und Cole verurteilen will. Die Mannschaft der Teddy R befreit ihn und sie flüchten an die Innere Grenze, einen weitgehend gesetzlosen und unabhängigen Bereich der Galaxis.

Hier versuchen sie sich als Piraten, was sich nicht mit ihrer Moral vereinen lässt. Also wird die Teddy R ein Söldnerschiff und erfüllt militärische Aufträge, wobei Cole Wert auf Menschlichkeit legt und dadurch immer neue Schiffe in seine wachsende Flotte eingliedern kann. Das Hauptquartier wird die elf Kilometer große Station Singapur.

Der vierte Roman

Die desertierten Republikaner gewinnen Freunde und Verbündete in ihrem Exil, doch als Coles erster Offizier und bester Freund Four Eyes von einem Schiff der Raumflotte gefangen und von deren Captain zu Tode gefoltert wird, startet er einen Vernichtungsfeldzug gegen die Teile der Flotte, die immer wieder in die Innere Grenze eindringen und sich mit erschreckender Brutalität (wobei sie auch vor Völkermorden nicht zurückschrecken) Rohstoffe, Nahrung und Besatzungen beschaffen. Cole stellt der Republik das Ultimatum, die Innere Grenze als unabhängigen Raum zu achten und von weiteren Übergriffen abzusehen.

Selbst aus der Republik kommen jetzt Sympathisanten und schließen sich Coles Flotte an, denn überall gährt der Unmut über die Republik und ihre Willkür. Schließlich kann die Republik die ständigen Attacken auf ihre Flottenschiffe nicht mehr tolerieren und startet einen Feldzug gegen Station Singapur …

Die wichtigen Charaktere festigen sich immer mehr und erlangen ein Eigenleben, das sie und ihre Handlungen bestimmt. Es gibt auch einige Nebendarsteller und Ausführende von Coles Befehlen (der natürlich nicht alles selbst machen kann), so gibt es Computerspezialisten, Piloten oder Buchhalter. Was er aber wirklich nicht brauchte, waren zwei Seelenklempner. Seine Gefährtin Sharon Blacksmith, zugleich Chef der Bordsicherheit, übernimmt diese Aufgabe immer besser, so dass Four Eyes in dieser Richtung immer weniger zu tun hatte. Er war als Erster Offizier immer dann im Geschehen, wenn Cole schlief oder sich anderswo aufhielt, und so gab es für Resnick wenig Chancen, ihn weiter als Charakter aufzubauen und ihm Tiefe zu schenken. Doch als Opfer der Republik, schwer verstümmelt und gefoltert, gibt er post mortem einen wichtigen Wendepunkt für die Geschichte her, so dass die bisher schon angedeutete Richtung einen klaren Ausgangspunkt erhält. Detailliert und überzeugend schildert Resnick Coles Rachedurst und die daraus entstehende Feinderkenntnis.

Zwar dreht sich im zweiten Teil des Romans alles um die Abwehr der republikanischen Flotte, doch Resnick entwickelt in den Zwischengesprächen seiner Protagonisten eine Stimmung und die Grundlage der neuen Fixierung, die Cole uns am Ende des Romans offenbart.

Das Tempo bleibt weiter hoch, denn obwohl es militärische Science Fiction ist, fokussiert sich Resnick weniger auf die Kämpfe, sondern eher auf die Ideen, die Cole und seine Leute immer wieder zum Sieg führen. Dabei bleibt auch weiterhin Zeit für kleine humoristische Einlagen, die meist zu Lasten des feigen Außerirdischen „David Copperfield“ gehen. Die Geschichte hat keine Auflockerung nötig, sonst könnte man die schrägen Figuren als zwischenzeitliche Auflockerungshelfer bezeichnen, doch Resnick erzählt flüssig und in sympathischer Geradlinigkeit seine Geschichte, die von der ersten Seite des ersten Romans bis jetzt einen sehr hohen Unterhaltungs- und Spaßfaktor bietet, und man lehnt sich nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn man für den letzten Roman „Flaggschiff“ ein furioses Finale erwartet.

Broschiert: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3404233427
Originaltitel: 
Starship: Rebel

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Jeschke, Wolfgang – Zeiter, Der. Mit einem Vorwort von Andreas Eschbach

_Zwischen Supernova und Puppenmacher: ein Autor im Kosmos_

Diese 1970 und 1978 veröffentlichte Sammlung von Jeschkes Erzählungen wurde vom |Shayol|-Verlag komplett überarbeitet und neu zusammengestellt, um in dieser Form die „Gesammelten Werke“ von Wolfgang Jeschke zu eröffnen. Dieser Band enthält seine frühesten Erzählungen, ein Hörspiel und fünf Gedichte. Sie entstanden zwischen 1955 und 1961, wurden aber erst Jahre später veröffentlicht oder gesendet.

Erstmals seit 1957 wird seine Debüterzählung „Der Türmer“ wieder zugänglich gemacht. Alle Erzählungen und das Hörspiel wurden vom Autor mit Nachbemerkungen versehen, die sehr aufschlussreich sind. Andreas Eschbach steuerte das Vorwort bei. Drei Illustrationen von Thomas Franke runden das Gesamtkunstwerk ab.

_Der Autor_

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im |Lichtenberg|-Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim |Heyne|-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und zum Teil für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

Wolfgang Jeschke auf |Buchwurm.info|:

[„Der letzte Tag der Schöpfung“ 1658
[„Das Cusanus-Spiel“ 2065
[„Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten“ 330
sowie diverse Herausgeberwerke

_Die Erzählungen und Gedichte_

_1) Der Türmer (1957)_

George sitzt alt in seinem Lehnstuhl, neben sich den ebenso alten, aber schon kaputten Roboter Ralph. Der Türmer sitzt im höchsten Zimmer seines Turmes, von dem aus er die blühende Vegetation ihres Planeten betrachten. Er wundert sich, als eine Kletterpflanze aus dieser Vegetation in seinem Fenster erscheint und mit ihm spricht. Direkt in seinem Kopf …

Eine Patrouille hat den Notruf Georges aufgefangen und ist zu seiner Welt geflogen, die ja nicht gerade zentral gelegen ist. Doch als die Crewmitglieder nachschauen, was mit George los ist, können sie ihn nicht finden, keine einzige Spur von ihm. Da sind bloß jede Menge Kletterpflanzen mit hypnotisch gezeichneten Blüten. Einen Moment meint einer der Männer Worte zu vernehmen, aber das war sich nur eine Sinnestäuschung. Sie nehmen den Roboter Ralph mit, der immer noch zu reparieren ist, und vergessen den armen alten George. Wo mag er nur abgeblieben sein?

|Mein Eindruck|

Ganz im Gegensatz zu den unternehmungslustigen oder satirischen amerikanischen SF-Erzählungen der fünfziger Jahre – man denke an Heinleins Jugendromane oder Kornbluth & Pohls Satiren -, schildert Jeschke den letzten Abend eines Planetenwächters, dem sogar sein unverwüstlicher Roboter kaputt gegangen ist. (Ralph heißt er, weil so der erste Roboterroman überhaupt, Hugo Gernsbacks „Ralph 142C+“, hieß)

Es ist eine Endzeitschilderung, in der der Mensch das Ende der Fahnenstange erreicht hat. Nun kommt die Natur wieder zum Zuge: Die Kletterpflanze bietet George etwas an, nach dem er sich gesehnt hat – das Aufgehen in einer Gemeinschaft sowie ein Weiterleben, zwar in anderer Form, aber womöglich sogar für immer. Kein Wunder also, dass die Angehörigen der galaktischen Maschinen-Zivilisation keinen Sinn für derlei Verwandlungen haben und Georges neue Existenzform schlicht übersehen.

_2) Zwölf Minuten und einiges mehr (1959)_

In einer fernen Zukunft auf einer Treibhaus-Erde, als der Nil bereits versiegt ist, existiert in Kiara, dem früheren Kairo, auf einem einsamen Flugfeld am Rand der Wüste eine Zeitmaschine, die schlicht als „Der Zeiter“ bezeichnet wird. Selbstredend wird der umfangreiche Apparat, der mehrere Menschen gleichzeitig durch die Zeit schicken kann, von pflichtbewussten Betreuern überwacht, gewartet und verwaltet. So erzählt es uns zumindest der Chronist, der begründen will, warum er seinen neuen Untermieter so merkwürdig findet.

Heute begrüßen die zwei Betreuer – ein Mensch, ein Android – einen Fremden, der ein wenig seltsam aussieht: Langes Haar hat man schon lange nicht mehr gesehen, er ist hager, dunkel, dazu trägt er eine große schwarze Reisetasche, wirkt aber schüchtern, als er nach einer Reise fragt, zu einem ganz bestimmten Datum. Null problemo an sich, aber man macht ihn darauf aufmerksam, dass er von dort, wo er landet, dreitausend Jahre auf die Abholung warten müsse, weil nämlich dann er der ZEITER erfunden und die Zeittore gebaut würden. Das gehe schon in Ordnung, meint er. Na denn. Nachdem er mit seiner Kreditkarte gezahlt hat, stecken sie ihn in den Apparat und schicken ihn durch. „Eine gute Zeit noch“, wünschen sie ihm.

Blöd, dass er seine Reisetasche vergessen hat. Lauter uralte Bücher sind da drin, sogar noch aus Papier, kaum zu glauben. Der Android findet, dass die Zielzeit des Fremden doch auffällig mit dem Beginn einer religiösen Bewegung der alten Erde übereinstimmt. Der Mensch, als Herr und Meister, tut das abfällig ab – na, wenn schon? Nach zwölf Minuten ist der Zeitreisende wieder zurück, zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, aber geistig voll da. Nur die Hände scheinen ihm zu schmerzen. Und sein Schiff zu den Sternen ist startbereit.

Ach ja, der Untermieter. Mit dem fährt der Chronist raus nach Garching zum Atomforschungszentrum. Dort haben sie den schnellsten Computer, ein wahres Wunderwerk. Aber das lässt den Chronisten nicht vergessen, dass sein Freund schon fast 2000 Jahre hienieden wartet und noch über tausend Jahre auf die Erfindung des ZEITERs warten muss, bevor er wieder zurückreisen kann …

|Mein Eindruck|

Jesus war ein Zeitreisender – das ist doch mal eine nette Idee. Wir erfahren zwar nur wenig über die Zivilisation, aus der er stammt, und überhaupt nichts über seine Motivation – hat wohl zu viele Bücher gelesen, der Ärmste -, aber dafür lässt sich sein Erscheinen quasi aus dem Nichts im Jahr seiner Geburt wenigstens erklären. Dass er von einer gewissen Maria, Frau des Zimmermanns Joseph aus Nazareth, geboren worden sein soll, ist eh bloß Legende.

Der Faktor Zeit spielt die entscheidende Rolle in der Handlung. Nicht nur die Reise an sich ist damit gemeint, sondern auch das 3000 Jahre währende Warten auf die Erfindung des Zeiters. Das lässt uns natürlich fragen, wie dieser Zeitreisende so lange leben kann, ohne dass es jemandem auffällt. Fragen über Fragen – und keine Antworten. Aber nett ist die Idee doch.

_3) Sirenen am Ufer (1960)_

Das Erkundungsschiff landet auf einer neuen Welt, die den Männern wie das Paradies vorkommt: alles schön grün, weit und breit kein Raubtier. Sie fangen ein harmloses Tier und sezieren sein Hirn, bevor sie es entsorgen. Am Lagerfeuer singen sie von den Lieben daheim und vom Heimweh. Danach wird einer von ihnen, der sich besonders heftig nach seiner Frau sehnt, von einem weiblichen Wesen besucht, das sich aus dem Nichts zu formen scheint.

Sie nimmt ihn mit – in ihrer Kutsche, ab nach Montana, dann in eine Hütte am Meer, wo auch die zwei Kinder des Paares auftauchen. Er streichelt ihr graues Fell, während sie ihn kratzen und zu beißen versuchen. Aber ihn verlangt es nur nach Ann, die schon auf ihn wartet. Erst ist die Vereinigung wunderbar, dann kommt der Schmerz …

Am nächsten Morgen finden sie ihn endlich, in einer Höhle im Wald, ein zerfleischter Leichnam. Daneben liegt ein Exemplar jenes Tiers, das sie Tags zuvor erlegt und seziert haben. Sein Genick ist gebrochen. Offenbar hat ihr Kamerad sich noch vor dem Ende gewehrt. Sie bestatten ihn, nehmen aber den Kadaver des Tieres mit. Sollen sich die Wissenschaftler darüber den Kopf zerbrechen. Das Schiff hinterlässt verbrannte Erde, als es in den Himmel steigt.

|Mein Eindruck|

Die Sirenen des Titels sind offenbar wörtlich zu nehmen, und sie finden sich offenbar auf jeder Welt, die eine unerklärliche Faszination auf den Erforscher auszuüben vermag. Dies ist eine der ersten Erzählungen, die ihren Plot auf Psychologie begründet statt auf äußere Action. Bemerkenswert, dass sich unser moderner Odysseus von einer Schönen à la Nausikaa betören und in Lieblingslandschaften der Sehnsucht entführen lässt.

_4) Tore zur Nacht (1963)_

Nahe Toulouse haben die französischen Wissenschaftler nicht nur Atombunker gebaut, sondern auch eine maschinenhafte Klinik, die sich um das Austragen der ungeborenen Kinder kümmert. Mittlerweile sind rund 8000 Embryonen dort eingelagert. Am Tag, an dem es geschieht, sitzen Alain und Roger im Café, wo sie erst den besorgten Radionachrichten lauschen, bevor sie den Lichtblitz in der Ferne erblicken. Alain sorgt sich um seine Frau Eve und läuft los. Die Feuerwolke lässt nicht lange auf sich warten …

Nach Jahren der Überwinterung in 4000 Metern Tiefe steigt die Klinik-Maschine wieder an die Oberfläche. Sie hat nicht verhindert können, dass die harte Strahlung das Erbgut ihrer Schützlinge angriff und zu Mutationen führte. So manches missgestaltete ihrer Babys hat sie zwar aussortiert, doch gegen psychische Deformationen weiß sie kein Mittel; hier versagen die Programme ihrer Erbauer. Und so kommt es, dass eines ihrer Kinder eine ganz besondere Fähigkeit entwickelt: Es kann den Verlauf der Zeit verändern. Die Maschinenmutter verstößt es, und es muss allein zurechtkommen.

Nirgendwo empfängt es die Signale von Leben, deshalb streckt es seine Fühler in die Vergangenheit aus. Dort trifft es auf eine Wand aus Schmerz und Schreien, die es zurückprallen lässt. Doch was war die Ursache für diesen Ausbruch von Emotionen, fragt es sich und forscht nach. Es stellt fest, dass es zeitgleich einen Ausbruch von Energie aus Geschossen gab, der die ganze Welt umfasste. Es muss einen Zusammenhang geben, den es aufhalten und auflösen kann.

Verschiedene Versuche, die es unternimmt, schlagen fehl. Einfach nur die Temperatur der Umgebung bei einem Einschlag abzusenken, reicht nicht. Auch die Verschiebung von Zeit erweist sich als wenig hilfreich. Wenigstens lässt sich überall im Land der Strom abstellen, so dass die Raketen nicht gezündet und abgeschossen werden können. Die Schicksale der Betroffenen – Alain, Roger & Eve, Winzer, Polizisten, Bahnarbeiter – sind mit den Anomalien verknüpft, aber nicht beeinträchtigt. Noch nicht.

Das ändert sich, als das Uran zu Blei verwandelt wird und die ersten Zeitreisenden auftauchen …

|Mein Eindruck|

Ende der 50er Jahre machte Jeschke mit seiner Frau eine Ferienreise mit Motorroller und Zelt (!) durch Südfrankreich. Die weitgehend autolose Idylle des Süden wurde nur von der damaligen nuklearen Bedrohung durch die Supermächte überschattet. Das Ergebnis dieses Kontrastes ist die vorliegende Novelle.

Die besten, weil anschaulichsten Szenen sind lose aneinander gereiht und schildern Figuren aus dem Süden Frankreichs, wie sie wirklich hätten existieren können – jedenfalls damals. Aber an Wein, Café, Pastis und Gendarmen hat sich zum Glück inzwischen wenig geändert. Zwischen diese anschaulichen und recht amüsant, ja, sogar spannend geschilderten Szenen hat der Autor die subjektiven Erlebnisse und Gedanken von Supermaschine und ihrem mutierten Kind eingeflochten.

Im Hinblick auf ein Gleichgewicht zwischen realistischen und Mutantenszenen kann man nur sagen, dass es keines gibt: Die anfangs in der Überzahl vorhandenen SF-Szenen werden zunehmend von realistischen abgelöst, so dass sich der Leser fragt, wo das Mutantenkind abgeblieben sei. Als gelinder Schock wirken dabei, wie die ganz beiläufig erwähnten Bahnarbeiter das missgebildete Mutantenkind erschlagen. Erstaunlicherweise halten aber dennoch die Folgen seines Wirkens an: Uran in AKWs und Sprengköpfen wird zu nutzlosem Blei verwandelt.

Weil der Mutant zusätzlich an der Zeit herumgepfuscht hat, tauchen unvermittelt mitten in Toulouse auch noch Zeittouristen auf. Eine sehr amüsante Szene, die den Gendarmen des Ortes vor eine Herausforderung stellt, die ihn uns sehr sympathisch macht.

Das dritte Element der Erzählung soll nicht unterschlagen werden: Gedichte. Sie sind wunderschön in ihrer Sprachgewalt. Melancholisch zeichnen sie Weltschmerz und Sinnsuche angesichts der nuklearen Bedrohung. Hier ist der vom Autor selbst (an anderer Stelle) bekannte Einfluss des deutschen Barocks zu sehen, allen voran die Lyriker wie etwa Andreas Gryphius. Den Barock lernte Jeschke an der Münchner Universität kennen und lieben. Die Gedichte appellieren indirekt an den Leser, sich Gedanken zum Thema zu machen, etwa zur Sterblichkeit, dem ewigen „memento mori“.

Hätte es der Autor bei einem Element – vor allem den vorzüglichen realistischen Szenen – belassen, wäre eine erstklassige Story daraus geworden, die man auch heute noch vergnügt lesen könnte.

_5) Der König und der Puppenmacher (Novelle) (1961, Hörspiel gesendet 1975)_

12.000 Jahre in der Zukunft herrscht im Thronsaal des Königs dicke Luft: Ihre Majestät sind sauer. Ganz besonders auf Collins, seinen Minister für persönliche Sicherheit und Futurologie. Collins ist außerdem der Chef seiner Zeitpatrouille, deren Aufgabe vor allem darin besteht, den König dieses Sonnensystems vor einem Anschlag aus der Zeit zu bewahren. Und es sieht nicht so aus, als ob sie einen Job machen würden. Ständig treten irgendwelche Zeitwächter aus einem der Spiegel, die in den Thronsaal führen, sehen, dass die Luft rein ist, und verschwinden wieder.

König Collins fürchten einen Anschlag von WEISS, der Gegenpartei in einer Art temporalem Schachspiel. Collins stoppt die Uhr: Noch 25 Minuten bis zu einem temporalen Blackout von zehn Sekunden. Derweil steigt die Anspannung des Königs ins Unermessliche: Er wirft Collins Versagen auf der ganzen Linie vor. Beispielsweise im Fall dieses mysteriösen Puppenmacher Weißlinger aus dem frühen 17. Jahrhundert, den Collins nicht dingfest machen konnte. Was, wenn eine dieser mechanischen Puppen hier auftauchen würde?

Nach dem Blackout staunt Collins: Der König wirkt in seiner Freundlichkeit und Heiterkeit wie ausgewechselt. Und er hält eine jener Holzpuppen Weißlingers auf dem Schoß. Die Puppe bewegt sich selbsttätig und turnt um den Thron herum. Das findet Collins sehr beunruhigend. Und weil keine Soldaten der Zeitpatrouille nicht mehr in den Saal platzen, hat Seine Majestät genügend Muße, um Collins die Geschichte jenes Puppenmachers zu erzählen. Aber auch die Geschichte von zwei Prinzen, die als Schüler eines alten Zeiterforschers mit speziellen Fähigkeiten aufwuchsen und zu erbitterten Feinden wurden. Sie wurden zu SCHWARZ und WEISS und begannen ihre temporale Schachpartie …

Oder ist alles ganz anders?

|Mein Eindruck|

Es ist nicht leicht, etwas über diese wundervolle Erzählung zu sagen, ohne die geniale Pointe zu verraten. Dies aber zu tun, würde die Spannung wirklich verderben und das Geheimnis frühzeitig lüften. Deshalb schreibe ich nichts über den weiteren Verlauf der Geschichte – jedes Wort wäre schon zu viel.

Dies ist der Prototyp aller Zeitreisegeschichten, die Jeschke jemals herausgegeben („Zielzeit“) oder selbst verfasst hat, so etwa für „Das Cusanus-Spiel“ (2006), aber auch für Carl Amerys formidables „Königsprojekt“ (1974). Elegant und anschaulich erzählt, schildert die Novelle erst die zentrale Konfrontation zwischen dem König und seinem Minister Collins, bis es zum überraschenden Sinneswandel des Herrschers und dem Auftauchen der Puppe kommt. Es wirkt wie ein Zauberkunststück und verlangt natürlich nach einer Erklärung.

Nun beginnt der rätselhafte König mit seinen verschiedenen Versuchen, das Leben des Puppenmachers Weißlinger zu erzählen, der angeblich im 17. Jahrhundert die Pläne erhielt, um eine Zeitmaschine zu bauen. Allerdings konnte er damit nicht selbst reisen, sondern nur Signale eines Anachronismus an die Zeitpatrouille „senden“. Aber wie und warum kam es zu dieser epochalen Erfindung, von der wir, die wir ihr zeitlich viel näher sind, nie gehört haben?

Ganz klar: Zwecks Erklärung muss das Leben Weißlingers erzählt werden. Seltsamerweise weiß der König viel mehr darüber als der Chef der Zeitpatrouille. Collins kann sich jedoch immer mit den Zeitsiegeln herausreden, die WEISS über bestimmte Epochen gelegt habe – eben auch über die letzten 30 Jahre von Weißlingers Leben. Davor werden die ersten Jahre Weißlingers während des beginnenden 30-jährigen Krieges (1618-48) geschildert, und diese Szenen sind wirklich grausig. Auch hier zeigt sich der Einfluss des Barock, den Jeschke bei der Lektüre des Grimmelshausen und der Dichter (s. o.) kennenlernte.

Man sieht also, dass sich der Autor zahlreiche Gedanken über die Manipulation der Zeit gemacht hat und solche Erfindungen wie Siegel, Blackouts, Frakturen und dergleichen mehr geschickt einzusetzen weiß. Das kenne ich zwar schon fast alles von den Zeitpatrouille-Geschichten Poul Andersons (siehe dazu unsere Rezensionen), aber davon zu lesen, ist immer wieder ein Spaß. Wer an die Erlebnisse Marty McFlys in der Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ denkt, bekommt eine blasse Ahnung von den Phänomenen, um die es geht.

|Das Hörspiel |

Weil die gesamte Geschichte aus einem grundlegenden Dialog an nur einem Ort sowie mehreren eingeflochtenen Erzählungen des Königs besteht, ließ sie sich ausgezeichnet für das Radiospiel einrichten. Dieter Hasselblatt produzierte sie für den Bayerischen Rundfunk. Und der Autor bedankt sich bei der Redakteurin und dem Produzenten, weil es sie es trotz seiner Zweifel schafften, den Text sinnvoll zu komprimieren. Wenn man dem Experten Horst Tröster glauben darf (und warum auch nicht?), handelt es sich um eines der besten Hörspiele aus Deutschland.

_6) Der Riss im Berg (1955)_

Die Physik im Kosmos hat so ihre Mucken. Auf einmal verschiebt sich der Punkt, an dem ein Schwarzes Loch kein Licht mehr entlässt und prompt verschieben sich überall in der Umgebung die Massepunkt, die das Erreichen der Lichtgeschwindigkeit für superschnelle Raumschiffe ermöglichen. Sie kommen weit vom Kurs ab, stranden im Nirgendwo.

Nicht nur das: Nur fünf Lichtjahre entfernt von der Sonne Kirn und ihrer Welt Thor explodiert ein Stern. Die Supernova überschüttet ihre Umgebung monatelang mit grellem Licht, was niemand witzig findet. Was die Techniker des Raumflughafens noch nicht ahnen: Auch der Transitionspunkt für den lichtschnellen Flug hat sich auf ihre Welt verschoben, genauer gesagt: mitten in einen Berg (siehe Titel) hinein, der den Eingeborenen Thors heilig ist. Erst durch eine Delegation der Thoreaner werden die zwei Techniker darauf aufmerksam, dass es im Gebiet der Eingeborenen einen Eindringling gebe, der sich sehr seltsam verhalte und die Zeremonien störe.

Als Satch, einer der beiden Techniker, hinfliegt, um den Eindringling aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, gerät er unversehens in eine Zeitfalle und -schleife …

|Mein Eindruck|

Nach einem etwas holprigen Start, der vom Makrokosmos hin zum Mikrokosmos, nämlich der Welt Thor, führt, gelangt die Handlung in das vom SF-Fan gewohnte Fahrwasser: ein Rätsel auf der Welt, das es zu lösen gilt. Zum Schmunzeln regen zunächst die Beschreibungen der nichtmenschlichen Eingeborenen an, die nicht nur übermäßig stinken, sondern auch ansonsten ein wenig appetitliches Verhalten an den Tag legen. Niemand hat behauptet, dass Außerirdische wie Elfen aussähen.

Recht einfallsreich ist auch die Art und Weise, wie der Autor die Zeitfalle für Satch aufgestellt hat. Ich will aber darüber nichts weiter verraten, um die Spannung nicht zu verderben. Das Lesen lohnt sich jedenfalls.

_7) Welt ohne Horizont (1957)_

In einem Generationen-Raumschiff, das schon seit langen Jahrhunderten zu seiner Zielwelt fliegt, ist der letzte Tag angebrochen. Der junge Jay weiß von dem alten Mr. Hayes, dass er in einer Art Röhre lebt, in der mehrere Städte in den Himmel ragen. Aber der arme Mr Hayes wird von Kindern verhauen, weil er Bücher liest – etwas, was Jay nicht kann – und von betrunkenen Rowdys erschlagen. Als wäre dies nicht genug, wird auch noch seine Mutter, die letzte Frau dieser Welt, krank und beginnt zu sterben. Ihr letzter Auftrag an ihren Sohn lautet, zum Anführer McCain zu gehen und mit ihm nach der Welt jenseits der blauen Wände zu suchen. Dort gebe es Lebensmittel und andere Menschen.

Nach einer Zeit der Trauer begibt sich der Junge zu dem Mann, der das Kommando über die Rowdys und Zerstörer hat. McCain ist schon am Morgen angetrunken und lästert über die vielen toten Maschinen, die in dieser Halle stünden: alle nutzlos. Weil die Menschen, für die die Maschinen produzierten, schon längst gestorben sind. McCain schleudert seine Flasche auf eine Schalttafel und fällt besoffen übers Geländer auf ein Förderband. Die Maschinen erwachen zum Leben und verarbeiten ihn, bevor ein Kurzschluss die Halle in Brand steckt – und danach die ganze Stadt Detroit …

Die Systeme fallen eines nach dem anderen aus, sogar die Schwerkraft wird aufgehoben, so das alles durcheinander wirbelt, Tote und Lebende. Jay gelangt zur blauen Wand. Deren Schutzzone ist jetzt nicht mehr bewacht. Eine bombastische Stimme begrüßt ihn mit den Worten, dass die Zielwelt Corynthus erreicht sei und sich alle aufstellen sollten, um Plan sechs zu erfüllen. Dann hebt sich das äußere Tor der Schleuse und Jay erblickt die Welt jenseits der Welt, genau wie Mr Hayes es behauptet hat …

|Mein Eindruck|

Der Autor schreibt selbst in seiner Nachbemerkung, dass es Mitte der fünfziger Jahre eine Mode in der SF-Szene gab, Geschichten über Generationenraumschiffe zu schreiben. Eine der ersten solcher Geschichten erschien jedoch bereits 1941: Robert Heinleins „Universe“. Sie ist immer noch der Maßstab für dieses Sujet. Und natürlich muss sich auch Jeschkes Beitrag daran messen lassen.

Erstaunlicherweise besteht „Welt ohne Horizont“, berücksichtigt man die Entstehungszeit und das Alter des 21-jährigen Autors, den Vergleich mit dem US-Klassiker. Wie erfahren zwar so gut wie nichts über die Figuren, die sämtlich eindimensional sind, doch dafür ersteht eine ganze Welt in nur wenigen angedeuteten Strichen als Bild. Wer Greg Bears Roman [„Äon“ 3429 gelesen hat, weiß, was es mit einer gigantischen Röhre als Raumschiff auf sich hat: Über dem Kopf des Betrachters ragen die Türme einer gegenüberliegenden Stadt nicht in die Höhe, sondern wie Stalaktiten herab, als drohten sie, jeden Moment herabzustürzen. Nicht gerade ein beruhigender Anblick.

Jeschkes Welt-Variante ergeht sich in Selbstvernichtung, und die Bilder der Apokalypse sind nicht von schlechten Eltern. Man wundert sich nur, wie ein simpler Flaschenwurf auf eine Schalttafel ein solches Inferno auslösen kann. Offenbar wurden auf dieser Welt weder auf Sicherheit noch auf Reserve-Systeme geachtet.

_8) Pater Ramseys Totenmessen (1961)_

Mr Tensley hat seine geliebte Frau Ann verloren und muss die Reise zu Mars oder Venus abschreiben. Er zieht aus seinem stillen Haus in ein kleines möbliertes Apartment bei Mrs Scott. Diese Witwe ist sehr religiös, aber das stört den Witwer nicht. Bis zu jenem Tag, an dem er ein Flugblatt eines gewissen Pater Ramsey auf seinem Tisch findet. Obwohl peinlich berührt, lässt er die Sache höflich auf sich beruhen, bis er selbst so weit ist. Als das Wetter am deprimierendsten ist, beschließt er, heimlich Mrs. Scott zu folgen, um an einer Totenmesse des Paters Ramsey teilzunehmen.

Zu seiner Überraschung ist das Kirchlein bis auf den letzten Platz gefüllt. Das scheinen ja tolle Totenmessen zu sein, denkt sich Tensley. Messdiener öffnen die Seitenflügel des Altars, und Tensley erblickt schockiert, dass das Triptychon kein Bild, sondern ein reines Schwarz zeigt, das eine geradezu hypnotische Wirkung auf ihn ausübt, wie ein psychischer Strudel.

Die Messdiener führen einen gebrechlichen Greis herein, den sie vor den Altar stellen. Wechselgesang hebt an, um den Greis auf den Übergang einzustellen, der diesen begrüßt. Dann wirft sich der Greis mit erhobenen Armen auf die schwarze Wand des Altars – er gleitet langsam zu Boden. Die Diener legen die Leiche auf eine Bahre und während die Gemeinde singt, tragen sie ihn hinaus. Tensley ist verwirrt und aufgebracht. Soll er hier für dumm verkauft werden?

Nachdem alle anderen gegangen sind, stellt er Ramsey zur Rede. Der Mann, der ihm so bekannt vorkam, war vor 50 Jahren tatsächlich einmal sein Kommilitone an der Physikalischen Fakultät. Doch während Tensley die Nachfolge seines verstorbenen Vaters als Bauunternehmer antreten musste, schloss Ramsey sein Physikstudium ab, erfährt er, und entwickelte ein Simultan-Funkgerät (ähnlich Le Guins „Ansible“), mit dem er schließlich Kontakt mit einer 360 Lichtjahre entfernten Zivilisation aufnahm: Roboter.

Tensleys Unglaube wächst, doch Ramsey steckt seine Attacken lächelnd weg. Die Roboter von Tyrtok hätten ihm nicht nur die Warp-Vorrichtung, den riesigen, tiefen Altar, geschenkt, sondern auch die Möglichkeit angeboten, Menschen bei ihnen einreisen zu lassen – dorthin sei der Greis gegangen, um in einem neuen Androidenkörper weiterzuleben. Tensley schüttelt den Kopf, als er die ungeheuren Möglichkeiten erkennt – nicht zuletzt auch für sich …

|Mein Eindruck|

Der Autor hat viele Male über die Aufhebung des Todes geschrieben, so etwa in seinem Roman „Midas“ (1989) und in Geschichten wie „Nekyomanteion“ (1985). Denn er weiß, dass es Liebe und Tod sind, die die stärksten Kräfte für unser Leben bilden. Auch „Totenmessen“ ist eine Erlösungsgeschichte – und entpuppt sich ironischerweise letzten Endes als Reisegeschichte: Tensley kommt nicht bloß bis zur Venus, sondern in eine Art Himmel, in der er die Reinkarnation Anns findet …

An dieser Geschichte ist ein erstaunlicher Sprung in der Qualität des Erzählens festzustellen. Der Autor hat seine Figuren ebenso sorgfältig angelegt wie er die Umgebung schildert. Erstmals spielt die Natur die Rolle einer Seelenlandschaft, eines Spiegels des Gemüts. Der rote Faden ist deutlich erkennbar und wird aus der Sicht nur einer Figur erzählt, so dass es keine Brüche mehr gibt. Aus literarischer wie auch aus SF-inhaltlicher Sicht ist dieser Text einer der zufriedenstellendsten dieser Sammlung.

_9) Die Anderen (1959/70)_

Irgendwo im US-amerikanischen oder kanadischen Norden fährt der Wartungstechniker Louis sein Runden. Diesmal gerät er auf dem Rückweg in schlechtes Wetter und findet im Nebel ein Haus neben der Straße, in dem er essen, einen Kaffee trinken und vielleicht sogar übernachten könnte, da er sehr müde ist. Doch die zwei Bewohnerinnen stellen sich als launisch heraus und schicken ihn wütend wieder weg. Die Alte hatte keine Zunge und die Junge zahlreiche Narben auf dem Rücken, als wäre sie gefoltert worden. Wütend geht Louis zu seinem Wagen.

Doch er kommt nicht weit, denn unerklärlicherweise ist der Benzintank leer. Als er einen Wandersmann nach dem Weg nach Uraney, dem angeblichen nächsten Ort, fragt, erschrickt er: Der Sensenmann besitzt keine Nase. Freundlich antwortet der Bursche, in Uraney bekäme Louis alles, was er brauche, und geht rasch weiter. Louis fragt sich, wozu der Kerl mitten im Winter eine Sense braucht: Es gibt ja nichts zu mähen außer Schnee. Kurz danach fährt ein Auto vorüber, und er könnte schwören, es sei sein eigenes. Hol’s der Teufel, was ist heute Nacht bloß los?

Eine Art Zigeunerfamilie gewährt ihm in ihrem Wohnwagen Obdach. Doch das Familienoberhaupt behauptet, dass es Uraney gar nicht mehr gebe: völlig ausgestorben. Und tatsächlich: Als Louis jetzt die Häuser ringsum bemerkt, sind alle verfallen und nirgendwo brennt Licht. Ist er in der Zeit gewandert?

In der Nacht – oder im Traum – weckt ihn das 12-jährige Mädchen der Familie und liebkost ihn, um ihn zu einem Bad in Uraney zu verlocken. Diana nennt sie sich. Doch diese Sirene stellt sich als ebenso tückisch heraus wie die beiden Frauen im Gasthaus. Louis landet an einem sehr unheimlichen Ort …

|Mein Eindruck|

Wer hätte gedacht, dass der Autor in der Lage ist, einen Albtraum von Nagasaki, Hiroshima und Seveso in eine derartig unheimliche und gruselige Erzählung umzusetzen? Damit kann er es ohne weiteres mit Klassikern des gepflegten Grusels wie Arthur Machen aufnehmen, wenn er auch nicht so weit geht wie Poe oder Lovecraft. Doch darauf kommt es ihm nicht an: Er will die Schrecken der Atombombenopfer aufzeigen.

Schnell bemerkt der Leser, dass jede Figur, der Louis begegnet, einen Defekt aufweist, wie er durch radioaktive Verstrahlung verursacht werden kann: eine fehlende Zunge oder Nase hier, dort eine schwärende Wunde auf dem Rücken, dem Zigeuner fehlt ein Arm. Es ist nur konsequent, dass auch Louis an seinem letzten Aufenthaltsort eine Gliedmaße opfern muss, um auf der Seite der Opfer aufgenommen zu werden. Und dann wird er es den Gesunden zeigen …

_10) Fünf Gedichte_

Die ersten zwei Gedichte über die Chemiekatastrophe von Seveso, Italien, in den 1970er Jahren, und über Bombay/Mumbai anno 1980 betrachten die Welt in ihrem jeweiligen Zustand und ziehen Resümees daraus. Dabei fällt das Urteil über Sevesos Verursacher wesentlich härter aus als über Bombay. Mumbai, der Stadtmoloch, ist die fleischgewordene Masse MENSCH und wird womöglich abgelöst werden von anderen Spezies – von Krähen etwa, oder Spezies, die dermaleinst ans Land kriechen werden.

Die restlichen drei Gedichte sind wesentlich besinnlicher. „Denkmodelle“ qualifiziert eben diese als Luftschlösser ab, lächerlich in ihrer Vergänglichkeit. „Sterne“ interpretiert die Position des verzweifelten Ichs gegenüber den leuchtenden Himmelskörpern als vergeblich: Die Schreie, die die Sterne ausstoßen, sind bloß nicht hörbar – sie sind ihr Licht.

Im letzten Gedicht setzt der Autor zwei Arten von Bewegung einander gegenüber: Während die einen laut den Himmel erstürmen, bereitet sich der Alte gemütlich, behaglich und still auf seinen eigenen Aufbruch vor: hinab ins Grab. Wieder einmal klingt Jeschkes Dauerthema, der Tod und das Vergehen bzw. die Relativität derselben, an. Zum anderen zeigt er sich in allen fünf Gedichten als Fortschrittsskeptiker, als Zweifler, ohne jedoch jemals zynisch zu werden. Er verachtet die Menschen nicht für ihre Hoffnungen, Ängste und Bestrebungen, sondern zieht nur seinen eigenen Standpunkt vor.

_Unterm Strich_

In den Erzählungen, die zwischen 1955 und 1962 entstanden, ist ganz klar eine positive Entwicklung hin zu erzählerischer Kompetenz und Versiertheit festzustellen, nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich. So konfrontiert der Autor seinen Leser anfangs noch mit lyrischen Abschnitten, bevor er endlich zur prosaischen Sache kommt.

Fern von der anfänglichen Melancholie des 19- und 25-Jährigen präsentieren sich dann die zwei Prunk- und Hauptstücke dieses ersten Bandes der gesammelten Werke: „Der König und der Puppenmacher“ sowie „Tore zur Nacht“. In letzerem Text zeigt sich Jeschke noch unsicher und sucht den roten Faden, doch in „Puppenmacher“ scheint er alle Register souverän zu ziehen.

Mit Verve und Hinterlist führt er hier den Leser hinters Licht, bis sich dieser nur noch wundern kann, was ihm da passiert ist. Kein Wunder, dass Dieter Hasselblatt auf die Vertonung als Hörspiel so erpicht war: Es ist ein einziger glänzender Dialog. Selbst wenn der König monologisiert, so erzählt er doch so fesselnd, dass man ihm gerne folgt. Denn es ist spannend, die Lüftung des Geheimnisses, das sich hinter der temporalen Schachpartie zwischen SCHWARZ und WEISS zu verbergen scheint, mitzuverfolgen.

Kein Zweifel: Allein schon wegen „Puppenmacher“ lohnt sich dieser Band. (Diese Story ist aber etwas günstiger in dem Sammelband „Das Auge des Phönix“, erschienen bei |Heyne|, zu bekommen.) Wer aber „Der Türmer“ endlich mal lesen möchte, weil es in den ersten beiden Abdrucken der Collection „Der Zeiter“ NICHT enthalten war, der kommt hier endlich zum Zuge.

Der nächste Band trägt den Titel „Partner fürs Leben“.

|252 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3926126658|
http://www.shayol.biz

Whitcomb, Laura – Silberlicht

Helen ist Licht. So zumindest beschreibt sie sich selbst. Seit 130 Jahren ist sie schon tot, doch sie wandelt immer noch auf der Erde. Der Himmel hat sie abgewiesen, aus der Hölle ist sie geflüchtet und nun klammert sie sich eng an ihren jeweiligen Bewahrer. So nennt sie diejenigen Menschen, an die sie sich gebunden hat, um auf der Erde bleiben zu können. Ihr derzeitiger Bewahrer ist ein gewisser Mr. Brown, ein gütiger, freundlicher Mann, der am College Englisch unterrichtet. Sie begleitet ihn überall hin, unbemerkt und unsichtbar. Bis eines Tages einer von Mr. Browns Schülern, Billy Blake, sie anblickt … und lächelt.

Die Charakterzeichnung in diesem Buch ist eine schwierige Sache. Denn die beiden Hauptfiguren, Helen und James, können sich nur an einige kleine Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit erinnern. So bleibt für die Darstellung dieser beiden lediglich das Jetzt, und das ist nicht allzu viel.

Über James erfährt der Leser im Grunde gar nichts. Helen kommt da etwas besser weg, da aus ihrer Sicht erzählt wird. Sie liebt Literatur und hegt eine besondere Zuneigung zu Mr. Brown. Ihre Eifersucht auf seine Frau, ihr Bedauern, als sie sich von ihm löst um bei James zu sein, sind Dinge, die sie etwas lebendiger werden lassen. Und dann ist da natürlich noch die Leidenschaft, die James und Helen füreinander empfinden.

All das reicht immerhin aus um die beiden nicht blutleer und flach erscheinen zu lassen und Sympathien beim Leser zu wecken.

Die übrigen Charaktere sind nur skizziert: Der rauhbeinige Mitch, der auf seine derbe Art versucht, Billy vor weiteren Schwierigkeiten zu bewahren; der sanfte, gütige Mr. Brown, der seine Frau so sehr liebt, dass er darüber fast vergisst, seinen Roman zu Ende zu schreiben; Jennys Mutter Cathy, die so sehr bemüht ist, alles richtig zu machen, nur um schließlich fest zu stellen, dass es längst zu spät ist; und Jennys Vater Dan mit seiner strengen, ja gnadenlosen Religiosität, gegen die er keinerlei Verstöße duldet außer seiner eigenen. Keine dieser Figuren wirkt platt oder steif, doch für echte Tiefe bleibt nicht genügend Raum, da das Hauptaugenmerk so sehr auf den beiden Hauptpersonen liegt.

Die Handlung wiederum erstreckt sich nur über wenige Tage. Aber sie zeichnet sich auch nicht dadurch aus, dass besonders viel passieren würde. Helen und James lernen sich kennen, verlieben sich und wollen zusammen sein, weshalb auch Helen sich einen Körper sucht.

Dahinter erzählt das Buch jedoch weit mehr.
Zum Einen ist es die Geschichte von Billy und Jenny, obwohl die beiden erst am Ende des Buches für wenige Zeilen selbst auftauchen. Doch an Hand dessen, was James und Helen über die beiden erfahren, während sie in ihren Körpern stecken, entsteht langsam und allmählich, Steinchen für Steinchen, ein Mosaik, das erklärt, warum die beiden Teenager ihre Körper verlassen haben. Der drogensüchtige Billy kommt offenbar nach dem, was mit seinen Eltern geschehen ist, nicht mehr mit seinem Leben zurecht, obwohl sein Bruder Mitch sich auf seine ruppige Art alle Mühe mit ihm gibt. Und Jenny ist einfach vor der unbarmherzigen Doktrin und dem kalten, herzlosen Perfektionswahn ihres Elternhauses geflüchtet.

Zum Anderen ist es die Geschichte von James und Helen, und nicht nur die der Gegenwart. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass die beiden nicht umsonst auf der Erde zurück geblieben sind und dass es nicht daran liegt, dass der Himmel sie abgewiesen hätte. Beide müssen sich dem Trauma ihrer Vergangenheit stellen, um das irdische Leben endlich ganz loslassen zu können.

Laura Whitcomb erzählt diese Geschichte in einer mal alltäglichen, mal regelrecht verklärenden Sprache und stellt so die Härten der Realität und die Träume und Sehnsüchte ihrer Protagonisten einander gegenüber. Das ermutigende Fazit der Geschichte lautet letztlich, dass der Mensch in der Lage ist, sich seine persönliche Hölle selbst und ganz allein zu schaffen, nur dadurch, dass er sich davor fürchtet, sich dem Leben und der Wahrheit zu stellen, woraus letztlich folgt, dass der Mensch auch in der Lage ist, eben diese Hölle zu überwinden, wenn er den Mut und die Kraft aufbringt, sich seinen Katastrophen entgegen zu stemmen.

Unterm Strich kann man „Silberlicht“ als poetische Mystery-Romanze bezeichnen. Immerhin aber ist es der Autorin gelungen, ihre Geschichte frei von Kitsch zu erzählen und ihre Helden trotz der dünnen Basis, auf der sie sie entworfen hat, menschlich, sympatisch und nachvollziehbar zu gestalten. Die sprachlich poetisch gestalteten Passagen verleihen der Gesamtheit des Buches Zauber und einen gewissen Charme, den der Mysterie-Aspekt alleine nicht erzeugt hätte. Das macht „Silberlicht“ mit seinen rund dreihundert Seiten zu einer netten, kleinen Zwischendurchlektüre für Romantiker und solche, die es werden wollen.

Laura Whitcomb stammt aus Californien und war Englischlehrerin, ehe sie mit dem Schreiben begann. Außer „Silberlicht“, für das sie mehrere Preise erhielt, hat sie einen weiteren Roman sowie zwei Sachbücher geschrieben, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Sie lebt mit ihrem Sohn in Portland/Oregon.

|Gebundene Ausgabe: 310 Seiten
ISBN-13: 978-3426283288
Vom Hersteller empfohlenes Alter: ab 14 Jahre
Originaltitel: |A Certain Slant of Light|
Deutsch von Sabine Thiele|

http://www.laurawhitcomb.com/index.htm