Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Michael Scott – Der unheimliche Geisterrufer (Die Geheimnisse des Nicholas Flamel 4)

Heroische Fantasy an der Grenze zur SF

Flamel Nr. 4: Das Monster aus der Finsternis

Die Zeit läuft ab für den Alchemysten Nicholas Flamel! Mit knapper Not konnten Flamel und die Zwillinge wieder zurück nach San Francisco fliehen. Doch auch hier gibt es kein Ausruhen. Um ihren Feinden entgegentreten zu können, muss Josh in der Feuermagie ausgebildet werden. Und kaum beherrscht er sie, verschwindet er spurlos.

Sophie ist zutiefst erschüttert, als sie herausfindet, dass erneut ihr Gegenspieler John Dee hinter dem Verschwinden ihres Bruders steckt. Der dunkle Magier hat nun jegliche Skrupel verloren: Mit Joshs Hilfe will er etwas Uraltes aus dem Geisterreich herbeirufen. Ein Wesen, das die Macht hat, selbst das Ältere Geschlecht zu töten – ganz sicher aber Josh. (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für jugendliche Leser ab 14 oder 15 Jahren, aber mein zwölfjähriger Neffe hat damit ebenfalls keine Schwierigkeiten.

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Glenda Larke – Trügerisches Licht (Der Bund der Illusionisten 2)

Der Bund der Illusionisten:

Band 1: „Flüsternder Sand“
Band 2: „Trügerisches Licht“
Band 3: „Brennender Wind“ (15.07.2013)

Ligea hat trotz ihrer Liebe zu Temellin und obwohl sie ein Kind von ihm erwartet auf ihr Geburtsrecht, die Herrschaft über Kardiastan, verzichtet und ist nach Tyrans zurückgekehrt. Sie will sich nicht nur persönlich am Exaltarchen Bator Korbus und seinem Vorsteher Rathrox Ligatan rächen, sie will ganz Tyrans umkrempeln: die Sklaverei abschaffen, die eroberten Provinzen in die Freiheit entlassen … ein Mammutprojekt, und teuer obendrein! Sie muss schnell sein, denn sobald Favonius‘ Nachricht von den Ereignissen in der Illusion Tyr erreicht, wird der Exaltarch versuchen, ihren Besitz zu beschlagnahmen. Doch ihr Vermögensverwalter ist gar nicht glücklich über Ligeas Pläne …!

Tatsächlich ist Ligeas Vorhaben eigentlich kaum in die Tat umzusetzen. Zwar ist Ligea realistisch genug, um langfristig zu denken, gleichzeitig ist das aber auch das größte Manko des Plans, worauf ihr designierter General Gevenan sie gleich zu Beginn hinweist. Glenda Larke – Trügerisches Licht (Der Bund der Illusionisten 2) weiterlesen

Catherine Fisher – „Incarceron: Fliehen heißt sterben“

Die junge Claudia führt ein privilegiertes Leben in einem großen Herrenhaus mit Dienstboten, kostbaren Kleidern und einem eigenen Pferd. Ihr Vater ist einer der mächtigsten Männer des Reiches, der Hüter von Incarceron. Leider hat er sich in den Kopf gesetzt, seine Tochter mit dem Kronprinzen Caspar zu verheiraten, den Claudia auf den Tod nicht ausstehen kann. Sie ist wild entschlossen, diese Heirat zu verhindern!

Finn gehört zu einer Bande von Kriminellen, aber er fühlt sich dort nicht wohl. Seine Erinnerungen reichen lediglich drei Jahre zurück, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er in einer Zelle Incarcerons aufgewacht ist. Doch er hat immer wieder Visionen, im Traum suchen ihn Erinnerungsfetzen heim. Finn ist überzeugt davon, dass er von Außerhalb stammt. Als eine Frau die Tätowierung an seinem Handgelenk erkennt, hat er zum ersten Mal eine Spur, die vielleicht zu den Antworten auf seine vielen Fragen führt …

Nach der Lektüre dieses Buches musste ich eine Weile überlegen, wie ich es wohl einordnen soll. Der Verlag führt es offenbar unter Fantasy. Ich persönlich tendiere aber eigentlich eher dazu, es unter Science-Fiction einzuordnen. Zu diesem Schluss kam ich, nachdem ich „Incarceron“ mit dem Dornen-Zyklus verglichen habe. Beide spielen in einer Welt, die die unsere sein könnte, allerdings nach einer Katastrophe globalen Ausmaßes. Beide enthalten Begriffe aus unserer aktuellen Realität oder zumindest Analogien dazu, und in beiden müssen die Protagonisten mit den widrigen Bedingungen fertigwerden, die Folge der Katastrophe sind. Was den Dornen-Zyklus für mich ins Genre der Fantasy rückt, ist der Aspekt der Necromantie. Ein solch phantastisches Element fehlt in „Incarceron“. Hier gibt es keine Magie, keine phantastischen Wesen, überhaupt nichts Übernatürliches. Nur Technik.

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Janice Hardy – Krieg der Heiler (The Healing Wars 3)

Endkampf um die Freiheit: spannende Jugendfantasy

Die Schifterin Nya und ihr Freunde fliehen vor dem Herzog von Baseer und kehren in ihre Heimatstadt Geveg zurück. Dort haben sich die Einheimischen wie auch die Baseeri-Adeligen gegen den Herzog erhoben. Um sie vor dem anstehenden Angriff der herzoglichen Armee zu warnen, begeben sich Nya und Co. in die geteilte Stadt. Doch was können sie schon gegen eine Armee von Unsterblichen ausrichten, fragt sich Nya bang.

Die Autorin

Janice Hardy wurde in Pennsylvania geboren und wuchs in Florida auf. Sie machte ihren Collegeabschluss in Grafikdesign und arbeitete als Gestalterin für verschiedene Zeitschriften. Während dieser Zeit absolvierte sie einen Kurs als Rettungstaucherin. Dabei lernte sie ihren Mann kennen. Heute leben die beiden im amerikanischen Bundesstaat Georgia.

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Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus



Worum gehts?

Der Cirque des Rêves – Zirkus der Träume. Ein Zirkus, der ohne jede Ankündigung in die Städte kommt und nur bei Nacht geöffnet hat. Das Freudenfeuer, ein Feuer, das permanent brennt und den komplette Zirkus erhellt, wird von zahlreichen geheimnisvollen Zelten umsäumt. Doch hinter der scheinbar so friedlichen Zirkuswelt spielt sich ein übler Wettstreit zwischen zwei verfeindeten Magiern ab. Da sie diesen Kampf nicht vollenden konnten, bereiten sie nun ihre Kinder darauf vor, den Kampf aufzunehmen und zu beenden, was sie nicht geschafft haben. Doch diese Rechnung haben sie ohne die beteiligten Kinder gemacht, denn als diese sich schließlich begegnen, verlieben sie sich unsterblich ineinander. Doch in der Welt des Cirque des Rêves stellt dieses Gefühl ein scheinbar unüberwindbares Problem dar, und bekanntlich kommt ein Problem selten allein … Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus weiterlesen

Oliver Plaschka – Das Licht hinter den Wolken (Lied des Zwei-Ringe-Lands)

April hat es nicht leicht. Sie ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ohne eine Mutter und mit einem Vater, der sie ausbeutet und misshandelt. Cassiopeia dagegen ist eine Senatorentochter, reich und privilegiert. Beide wurden bei ihrer Geburt auserwählt. Aber keines der beiden Mädchen weiß davon. Bis die Mächte der Welt den ersten Zug in der letzten Runde ihres Spiels machen …

So unterschiedlich wie ihre Lebenssituation sind auch die Mädchen selbst.

Cassiopeia ist zielstrebig und für eine Patrizierin ziemlich zäh. Nahezu alles, was sie von „Spielbeginn“ an tut, dient der Rache, und ganz gleich, was sie dafür aushalten muss, sie weicht nicht von ihrem Weg ab, opfert alles dafür. Oliver Plaschka – Das Licht hinter den Wolken (Lied des Zwei-Ringe-Lands) weiterlesen

Mark Lawrence – „König der Dunkelheit“ (The Broken Empire 2)

The Broken Empire:

Band 1: „Prinz der Dunkelheit“
Band 2: „König der Dunkelheit“
Band 3: „Emperor of Thornes“ (noch ohne dt. Titel)

Jorg hat Rache genommen und die Burg seines Onkels erobert. Er ist jetzt König des Hochlands. Aber damit ist die Sache für ihn noch nicht zu Ende. Denn als er Fürst Orrin vom Pfeil begegnet, der sich mit der größten Selbstverständlichkeit für den künftigen Kaiser des wiedervereinten Reiches hält, fühlt Jorg sich herausgefordert …

Mit dem zweiten Band der Trilogie habe ich mich um einiges schwerer getan als mit dem Ersten.

Jorg erzählt noch immer in der Ich-Form, auf dieselbe, schnörkellose Art wie zuvor, und auch diesmal gibt es zwei Handlungsstränge, von denen einer die endgültige Konfrontation mit Orrin vom Pfeil beschreibt, während die andere erzählt, was vier Jahre zuvor geschah. Unnötig zu erwähnen, daß in dem zeitlich vorgelagerten Erzählfaden sämtliche Weichen für den Showdown gestellt werden. Mark Lawrence – „König der Dunkelheit“ (The Broken Empire 2) weiterlesen

Glenda Larke: Flüsternder Sand (Der Bund der Illusionisten 1)

Der Bund der Illusionisten:

Band 1: „Flüsternder Sand“
Band 2: „Trügerisches Licht“
Band 3: „Brennender Wind“ (Juli 2013)

Ligea stammt aus Kardiastan, kam aber in so jungen Jahren nach Tyrans, daß sie sich an ihr Geburtsland so gut wie nicht erinnern kann. Obwohl sie bemüht ist, sich den Gepflogenheiten ihrer Umwelt anzupassen um dazuzugehören, gelingt ihr das bestenfalls oberflächlich. Trotzdem liebt sie Tyrans, das sie als ihre Heimat betrachtet. Bis ihr Vorgesetzter sie völlig unerwartet auf eine Mission in eines der eroberten Gebiete schickt … Kardiastan!

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Iain Banks – Förchtbar Maschien

Nur noch wenige Menschen bevölkern eine dem Untergang geweihte Erde. Die vergessene Hochtechnik der Vergangenheit setzt einen komplizierten Rettungsplan in Gang … – Science Fiction in Reinkultur: Hier wird ein ungemein komplexes Zukunftsbild entworfen, das nicht den Regeln der Spannungsliteratur folgt, sondern das Fremde, Unverständliche thematisiert: anspruchsvolle und etwas ‚andere‘ SF jenseits der üblich gewordenen Military-Space-Operas.
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Adam J. Dalton – Das Wispern der Schatten (Chronicles of a Cosmic Warlord 1)

Jillan ist dreizehn Jahre alt und steht damit kurz vor der geheimen Zeremonie, die ihn zum Erwachsenen machen wird. Doch obwohl er sich alle Mühe gibt, wie alle anderen zu sein, ist er doch ein Außenseiter, der von seinen Mitschülern verhöhnt und gehänselt wird. Als es im Rahmen einer erneuten Auseinandersetzung zu einem Toten kommt, flieht Jillan aus seiner Heimatstadt, aber es ist bereits zu spät! Er hat die Aufmerksamkeit des Heiligen Azual erregt … und auch noch die einiger anderer!

Adam J. Dalton bezeichnet seine Fantasy selbst als metaphysisch und düster. Damit hat er nicht einmal unrecht, abgesehen davon ist zumindest dieser erste Band seines neuen Zyklus auch noch abstoßend, nichtssagend und gegen Ende zunehmend nervtötend.

Fangen wir mit dem Aspekt „nichtssagend“ an. Ich gebe zu, dieses Adjektiv trifft nicht auf das gesamte Buch zu, sondern nur auf die Bösewichte. Leider stellen sie fünfzig Prozent aller Charaktere.

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Rachel Aaron – Meister der Stimmen (Die Legenden von Eli Monpress Band 1)

Miranda Lyonette wurde vom Rektor Spiritualis, dem Obersten des Magierordens, nach Allaze gesandt, um Eli Monpress dingfest zu machen, einen gewitzten Dieb, der im Verdacht steht, ein überaus mächtiges und gefährliches magisches Artefakt stehlen zu wollen. Doch als Miranda die Stadt erreicht, ist es schon zu spät: Eli Monpress hat den Diebstahl bereits durchgeführt. Allerdings hat er nicht, wie erwartet, das Artefakt gestohlen, sondern … den König!

Im Grunde ist Eli Monpress ja ein ganz charmanter Kerl. Er ist höflich, stets gut gelaunt und hat im Großen und Ganzen das Herz auf dem rechten Fleck. Sein Ehrgeiz, das auf seinen Kopf ausgesetzte Kopfgeld auf die schwindelerregende Höhe von einer Million Goldmark zu treiben, fand ich allerdings schon etwas eigenartig.

Auch Miranda Lyonette ist sympathisch. Sie ist mutig, resolut und besitzt ein ziemlich ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein.

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Elspeth Cooper – Die wilde Jagd (Die wilde Jagd 2)

Die wilde Jagd

Band 1: „Die Lieder der Erde“
Band 2: „Die wilde Jagd“
Band 3: „The Raven’s Shadow“ (noch ohne dt. Titel)
Band 4: „The Dragon House“ (noch ohne dt. Titel)

Teia ist ein junges Mädchen aus dem Wolfsclan, und sie steckt in ziemlichen Schwierigkeiten, denn sie ist den ehrgeizigen Zielen der Clansprecherin Ytha in die Quere geraten. Das allein wäre schon bedrohlich genug, aber Teia ist außerdem eine Seherin. Und sie hat gesehen, welche Folgen die Umsetzung von Ythas Plänen nach sich ziehen würde …

Gair kann seit Ayshas Tod an nichts anderes als Rache denken. Um ihn abzulenken, schleppt Alderan den Jungen gegen dessen Willen auf seine Suche nach dem Verbleib der Sternensaat mit. Ausgerechnet nach Gimrael, Ayshas Heimatland …

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Jennifer Rush – Escape

Vor fünf Jahren hat Anna entdeckt, dass in dem Labor ihres Vaters im Keller vier Jungen eingesperrt sind. Seither hat sie sich nahezu jede Nacht in den Keller geschlichen. Inzwischen betrachtet sie Sam, Trev, Cas und Nick quasi als Teil der Familie.
Doch als die vier eines Tages überraschend abgeholt werden sollen, überschlagen sich die Ereignisse, und plötzlich befindet sich Anna auf der Flucht …!

Salopp könnte man sagen, „Escape“ ist die Jugendvariante der Bourne-Identity. Allerdings muss man auch dazusagen, dass der Text stellenweise für ab 13-Jährige ganz schön starker Tobak ist, zum Beispiel, wenn Annas Gegenüber durch einen Kopfschuss getötet wird, und sich dabei Blut und Hirnmasse auf Annas T-Shirt verteilen.

Aber fangen wir vorne an.

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Mark Hodder – Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack

Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 1861 in einem ‚alternativen‘ London: Queen Viktoria ist schon vor vielen Jahren durch ein Attentat gestorben, dampfbetriebene Fahrzeuge beginnen die Pferdefuhrwerke zu verdrängen, und dank enormer Fortschritte in den Naturwissenschaften ist es u. a. möglich, genetisch ‚aufgerüstete‘ Haustiere als Diener und Boten zu beschäftigen. Das britische Empire ist bereits eine Weltmacht, die sich stetig weiter über den Globus ausdehnt. Forschungsreisende und Soldaten erforschen und besetzen ferne Länder auf exotischen Kontinenten. Zu den großen Entdeckern gehört Sir Richard Francis Burton, der allerdings in die Kritik geraten ist, nachdem er sich einen unwürdigen Streit mit seinem ehemaligen Freund John Speke um die Entdeckung der Nilquellen lieferte und dieser sich – offenbar in die Enge getrieben – eine Kugel in den Kopf geschossen hat.

Nichtsdestotrotz bietet die Regierung Burton einen Posten an. Als Agent für besondere Fälle greift er dort ein, wo Polizei und Scotland Yard überfordert sind. Aktuell geht es um das Auftreten von Werwölfen, die in den Slums von London ihr Unwesen treiben. Ebenso bedenklich ist das Auftreten einer bizarren Gestalt, die der Volksmund „Spring Heeled Jack“ getauft hat. Nachdem er sich viele Jahre nicht mehr gezeigt hat, ist Jack wieder aktiv. Auch Burton macht bald seine Bekanntschaft, wird von ihm bedroht und zur Aufgabe seiner Pläne aufgefordert, die Burton selbst freilich unbekannt sind: Jack spricht offensichtlich mit einem anderen, in der Zeit fortgeschrittenen Burton.

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Meyer, Kai – Geisterseher, Die

_Der Autor_

Kai Meyer ist 1969 geboren, muss sich in kürzester Zeit alles von Bildungswert angelesen haben und hat sich nach erfolgreicher redaktioneller Tätigkeit 1995 entschlossen, Berufsschriftsteller zu werden. Die Geisterseher ist demnach sein Einstiegsroman in die professionelle Zunft und er kann inzwischen auf 50 Titel zurückblicken (mindestens zehn finden sich in unseren Bücherregalen) sowie Übersetzungen in 30 Sprachen. Er ist einer der erfolgreichsten Phantastikautoren und ist überzeugt: „Unsere Phantasie (d. h. Wünsche, Träume, Ziele) beeinflusst unseren Alltag weit mehr als die Entscheidung, welches Auto wir kaufen.“

_Bildungskanon_

Natürlich wissen wir, dass es einen Goethe und einen Schiller gegeben hat und Letzterer früh starb. Grimms Märchen kann man auch getrost zur geläufigen Bildung rechnen und dass auch E. T. A. Hoffmann ein Zeitgenosse war, mag man noch wissen. Nehmen wir noch die Rosenkreuzer und die Illuminaten hinzu, darf sich unsere Bildung immer noch nicht erschöpfen, wenn man sich nicht durch den Autor erst auf die Sprünge helfen lassen möchte. Die Grand Dame von August dem Starken (Gräfin Cosel) müssen wir uns in Töchtern und Töchterstöchtern fortgesetzt denken. Elisabeth von Recke, die gegen Mystizismus ins Feld zog, werden wir nicht unbedingt kennen und auch nur wenige werden noch des Betrügers Graf Cagliostro gewahr sein. Mit all diesen Gestalten, sollten sie einem entfallen sein, kann man in Meyers Roman ein Wiedersehen feiern, es kommen noch einige andere verbürgte dazu und es ist der Fairness des Autors sehr anzurechnen, dass er den Leser mit seinen Bildungslücken nicht allein lässt, sondern in einem eigenhändigen Nachwort klarstellt, was man seiner Bildung wirklich zuschlagen kann und was eben nur mal so ausgedacht ist. In jedem Fall, das kann man mit Sicherheit sagen, wird Ihnen Meyer in dem, was er alles weiß, an Bildung voraus sein.

_Die Gärtnerin wars _

Da Meyer ja aus dem Krimigenre kam, wundert es nicht, dass er die Geschichte nach einem Erfolgsrezept des Krimis ausgehen lässt, das wohl lautet: „Der Gärtner wars.“ es ist hoffentlich nicht zu viel verraten, wenn es diesmal eine weibliche Person war, die quasi aus der Unscheinbarkeit geholt wurde und zum Universaltäter gekürt wird. Schiller sollte in seinen letzten Zügen doch den Geisterseher, sein einziges Romanfragment, vollendet haben. Die Brüder Grimm, die in Wirklichkeit erst später die Bekanntschaft mit Weimar machten, sind als Boten für die wenigen hundert Meter bis zu Goethes Wohnhaus ausersehen. Dieser kurze Weg reicht aber, dass das Manuskript geraubt werden konnte und von da an geht es geografisch ein wenig durch Osteuropa, bildungstechnisch durch die ganze damalige Bildung und okkultes Wissen. Sprachlich können wir uns aber auch in Weimar zu Hause fühlen, wo gleich am Anfang die Sonne Gold ins Pflaster „legiert“. Der Schatz besteht also nicht nur in reichlich Action und Spannung nach dem Vorbild eines Dan Brown, sondern auch in den sprachpoetischen Einfällen des Autors, die bei aller Fragwürdigkeit des Inhalts die Lektüre zu einem Gewinn machen. Die Logik, die sich in Wilhelm Grimms, dem Ich-Erzähler, Bruder Jacob Grimm konzentriert. Wenn die dann ab und an in Gang gesetzt wird, ist man mit der eigenen Logik schon meistens am Ende und kann nur staunen. Trotzdem darf man den Maßstock der Logik nicht zu streng an das Buch legen, sonst fiele einem auf, dass es bereits zu Anfang des Buches eine logische Handlung hätte geben können, die dann das ganze Herumreisen und Morden weitgehend überflüssig gemacht hätte. Die diversen Morde sind ein Kapitel für sich. Es werden einige anatomische Kenntnisse dem Leser abverlangt, aber den Physiker mag zweifeln lassen, ob das Blut eines im Bett Erstochenen einem artesischen Brunnen gleich bis an die Zimmerdecke aufschießen kann. Den Mediziner mag wundern, wie ein Gift in wenigen Stunden zur kompletten Verwachsung von Organen führen kann. Man hat eben einfach zu wenig Erfahrung in solchen Dingen und wir leben zum Glück in einer recht friedlichen Zeit. Da so Morde unserer täglichen Erfahrungswelt einigermaßen entzogen sind, ist es eine Frage, ob man sie dann in der zeitgenössischen Literatur nicht auch entbehren könnte, will man sich nicht wie Wilhelm des Öfteren übergeben müssen.

_Fazit_

Die Geisterseher gelten in Fankreisen als ein schwächerer Meyer, aber die Packungsdichte an Wissenswertem dürfte von anderen Büchern, die mehr Fantasy-Inhalt haben schwerlich zu überbieten sein. Demjenigen, der selbst etwas beschlagen in den Bildungsinhalten ist, und dem demzufolge weniger Spektakuläres geboten werden kann, steht offen, sich immer noch an den sprachlichen Einfällen zu erfreuen. Vielleicht hätte es dem Buch noch besser getan, wenn es nicht ein Dan Brown Pendant hätte sein wollen.

|Paperback, 361 Seiten
ISBN-13: 978-3746625324 |
http://www.aufbau-verlag.de

_Kai Meyer bei |Buchwurm.info|:_
[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
[„Dschinnland“ 5340 (Die Sturmkönige 1, Buchfassung)
[„Dschinnland“ 5635 (Die Sturmkönige; inszenierte Lesung zu Band 1)
[„Wunschkrieg“ 5744 (Die Sturmkönige 2, Buchfassung)
[„Wunschkrieg“ 5641 (Die Stürmkönige; inszenierte Lesung zu Band 2)
[„Die Wellenläufer“ 3247 (Hörbuch)
[„Die Muschelmagier“ 3252 (Hörbuch)
[„Die Wasserweber“ 3273 (Hörbuch)
[„Der Brennende Schatten“ 4506 (Hörspiel)
[„Die Vatikan-Verschwörung“ 3908 (Hörspiel)
[„Frostfeuer“ 2111 (Hörbuch)
[„Die Alchimistin“ 73
[„Das Haus des Daedalus“ 373
[„Der Schattenesser“ 2187
[„Die Fließende Königin“ 409
[„Das Buch von Eden“ 890 (Hörbuch)
[„Das Buch von Eden“ 3145
[„Der Rattenzauber“ 894
[„Faustus“ 3405
[„Seide und Schwert“ 3558 (Das Wolkenvolk 1, Hörbuch)
[„Lanze und Licht“ 4549 (Das Wolkenvolk 2, Hörbuch)
[„Drache und Diamant“ 4574 (Das Wolkenvolk 3, Hörspiel)
[Das Wolkenvolk – Seide und Schwert, Buch 1: „Wisperwind“ 5809 (Graphic Novel)

|Die Alchimistin – Das Hörspiel:|
1) [„Der Stein der Weisen“ 5052
2) [„Das Erbe des Gilgamesch“ 5155
3) [„Die Katakomben von Wien“ 5220
4) [„Das Kloster im Kaukasus“ 5263
5) [„Die Unsterbliche“ 5379
6) [„Die Schwarze Isis“ 5406
7) [„Der Schatz der Templer“ 5427
8) [„Der Alte vom Berge“ 5448

|Die Sieben Siegel|:
01 [„Die Rückkehr des Hexenmeisters“ 6209
02 [„Der schwarze Storch“ 6210
03 [„Die Katakomben des Damiano“ 6211
04 [„Der Dornenmann“ 6212
05 [„Schattenengel“ 6213
06 [„Die Nacht der lebenden Scheuchen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6580
07 [„Dämonen der Tiefe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6581
08 [„Teuflisches Halloween“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6582
09 [„Tor zwischen den Welten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=6583

Lynch, Scott – Sturm über Roten Wassern (Gentleman Bastards 2)

Gentleman Bastards:

1 „Die Lügen des Locke Lamora“
2 „Sturm über roten Wassern“
3 „Die Republik der Diebe“ (August 2013)

Nach den Ereignissen des ersten Bandes sind Locke und Jean in Tal Verrar gelandet. Wie alle Städte verfügt auch diese über eine unermesslich reiche und dekadente Oberschicht, allerdings besteht sie hier aus Kaufleuten, nicht aus Adligen. Kein Grund für Locke, hier keinen großen Coup durchzuziehen. Bis er feststellen muss, dass die Soldmagier auf die Verstümmelung eines der ihren genauso rachsüchtig reagieren wie auf seinen Tod …

Bedingt durch den Ortswechsel sind natürlich außer Locke und Jean sämtliche Charaktere neu.

Requin ist Chef des Sündenturms, des exclusivsten Spielcasinos der Stadt, abgesehen davon verfügt er über Spitzel und Schlägerbanden überall in der Stadt. Obwohl er sich im Grunde nicht in Politik einmischt, ist es kein Geheimnis, dass er mit den Stadträten, den Priori, sympathisiert. Abgesehen davon ist er dafür bekannt, ein Liebhaber von Antiquitäten zu sein.

Stragos ist der Archont, der militärische Oberbefehlshaber von Tal Verrar, und der politische Rivale der Priori, ein ehrgeiziger, rücksichtsloser Mistkerl, der es für ein erstrebenswertes Ziel hält, selbst die Natur durch ausgeklügelte Maschinen der Kunsthandwerker aus Tal Verrar zu ersetzen.

Und dann wäre da noch Zamira Drakasha, die Kapitänin der |Giftorchidee|, intelligent, tough und eine hervorragende Anführerin. Sie hat bereits eine schmerzhafte Niederlage gegen Stragos‘ Marine einstecken müssen, und obwohl sie sich seither von Tal Verrar fernhält, heißt das nicht, dass sie es ihm nicht liebend gerne heimzahlen würde.

Die Charakterzeichnung war schon im ersten Band nicht allzu tiefschürfend, das hat sich hier nicht geändert. Die genannten Personen sind kaum detaillierter oder intensiver dargestellt als Nebenfiguren wie Caldris oder Selendrí. Trotzdem besitzt jede von ihnen genug eigenes Profil, um nicht zweidimensional zu wirken.

Auch die Entwicklung der Handlung entspricht dem Vorgänger. Scott Lynch läßt sich Zeit mit der Entwicklung seines Plots. Einhundertfünfzig Seiten vergehen, ehe der Leser überhaupt eine Ahnung davon entwickelt, was für einen Coup Locke und Jean geplant haben. Gerade als es interessant zu werden beginnt, und der Leser sich zurücklehnt, um genüsslich zuzusehen, wie die beiden ihren Plan immer weiter in die Tat umsetzen, kommt ihnen wieder die Politik dazwischen. Locke braucht all sein schauspielerisches Geschick und all seinen Einfallsreichtum, um zwischen seinen beiden Gegnern – dem geschäftlichen und dem politischen – so zu lavieren, dass er sich und Jean nicht den Hals bricht. Bei all dem ist er nicht mehr in der Lage, die Ereignisse noch in die Richtung zu lenken, die er gerne hätte.

Und so finden die beiden Gentleman-Gauner sich schließlich ganz gegen ihren Willen auf einem Schiff wieder, das Richtung Süden segelt, um dort eine Horde Piraten zum Krieg aufzustacheln. Natürlich kann ein solches Unternehmen unter dem Kommando zweier so ausgemachter Landratten nur schiefgehen!

Trotz des steigenden Drucks auf Locke und Jean verläuft die Geschichte erstaunlich spannungsarm. Da es die beiden ungefähr bei der Hälfte des Buches aufs Meer verschlägt, müssen erneut Charaktere eingeführt und eine neue Umgebung anschaulich gemacht werden. Abgesehen davon passiert auf einer Schiffsreise in der Regel ziemlich wenig. So bleiben der Sturm und das Entern eines kleinen Kauffahrers eher kurze Actionepisoden, Teil eines durchgehenden Spannungsbogens sind sie nicht.

Dennoch wird es nie langweilig. Ob der Autor nun ausführlich beschreibt, wie Locke und Jean zwei reiche Damen im Spielcasino ausnehmen, oder wie sich der Alltag auf einem Piratenschiff abspielt, die Darstellung wirkt stets lebendig und einfallsreich. Manche Szenen waren für den eigentlichen Verlauf der Handlung nicht wirklich relevant, so zum Beispiel die Durchfahrt durch die Salon-Passage, oder Drakashas Konfrontation mit Rance, sie verliehen der Geschichte jedoch Flair und Abwechslung.

Gegen Ende schließlich wird es dann doch spannend. Abgesehen von der Seeschlacht schlägt der Autor noch einige Haken, die für Überraschungen sorgen, ohne die Logik zu verbiegen, und wartet mit einem gemeinen kleinen Schlusstrick auf.

Mir hat der zweite Band genauso gut gefallen wie der erste. Scott Lynch hat ein Händchen für die richtige Mischung aus Gaunerei, Charme, Lügen, Intrigen, Action, Humor und Dramatik, wobei letztere dankenswerterweise jegliches Pathos vermissen lässt. Seine Protagonisten sind hervorragende Sympathieträger, der Plot hintersinnig und gut durchdacht, sein Setting ist stimmungsvoll und lebendig.

Da stört es mich nicht im geringsten, dass diesmal ein Faden der Handlung nicht abgeschlossen ist. Ich werde den nächsten Band sowieso auf jeden Fall lesen.

Scott Lynchs beruflichen Werdegang, bevor er seinen ersten Roman veröffentlichte, könnte man salopp mit über-Wasser-halten umschreiben, als Tellerwäscher, Kellner und dergleichen. Nachdem die ersten beiden Bände über Locke Lamora innerhalb relativ kurzer Zeit erschienen sind, hat der Dritte nun doch etwas länger gedauert. Grund dafür könnte das Prequel „Bastards and Knifes“ sein, das 2011 veröffentlicht wurde, bisher aber nur auf Englisch erhältlich ist. Die Fortsetzung „The Republic of Thieves“ erscheint nun voraussichtlich im März diesen Jahres, die Herausgabe der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Die Republik der Diebe“ ist für August geplant.

Taschenbuch: 944 Seiten
Originaltitel: Red Seas under Red Skies
Deutsch von Ingrid Herrmann-Nytko
ISBN-13: 978-3453531130

http://www.scottlynch.us/
http://www.lockelamora.co.uk/
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,50 von 5)

Campbell, Jack – Ein teurer Sieg (Die verschollene Flotte 6)

_|Die verschollene Flotte|:_

Band 1: [„Furchtlos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6124
Band 2: „Black Jack“
Band 3: [„Fluchtpunkt Ixion“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7009
Band 4: [„Gearys Ehre“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7364
Band 5: [„Der Hinterhalt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7589
Band 6: _“Ein teurer Sieg“_
Band 7 : Jenseits der Grenze (Beyond the Frontier, 04/2011, dt. im Feb. 2013)
Band 8: „Ein halber Sieg“ (dt. am 19. April 2013)

_Militär-SF: Wie man den Aliens in den Hintern tritt_

Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heldenhaften letzten Gefecht hat man ihn für tot gehalten. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Als dienstältester Offizier führt er das Kommando über die Flotte, um sie sicher nach Hause zu bringen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …

Band 6: Der hundertjährige Krieg zwischen der Allianz und den Syndikatwelten tobt weiter, und Captain „Black Jack“ Geary wird zum Flottenadmiral befördert, obwohl der Große Rat der Allianz befürchtet, dass er einen Militärputsch vom Zaun brechen und sich zum Diktator erklären könnte. Gearys neuer Rang verleiht ihm die Befugnis, mit dem Feind zu verhandeln. Die Syndiks mussten gewaltige Verluste hinnehmen und sind möglicherweise endlich dazu bereit, in Friedensverhandlungen einzutreten. Doch jenseits der äußeren Grenze des Syndik-Raumgebiets lauert eine noch weit größere, fremde Gefahr … (Erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D. C.

_Vorgeschichte_

Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.

Um es kurz zu machen: Er bringt die Überreste der Allianzflotte heil zurück zur Hauptwelt der Allianz. Dort schlägt ihm blankes Misstrauen entgegen …

_Handlung_

Mit Co-Präsidentin Victoria Rione begibt sich Geary zum Sitz des Großen Rates, der die Allianz-Welt regiert. Wird er in einen Hinterhalt laufen, fragt sich der Kommandant, und einen Moment sieht es tatsächlich so aus, als hätten manche Generäle und Admiräle Finsteres im Sinn. Der Rat besteht selbstverständlich aus mehreren Fraktionen. Die einen sind hinterlistig auf Machterhalt erpicht, die anderen sind unglaublicherweise wirklich am Wohl und am Fortbestand ihrer Spezies interessiert.

Deshalb sieht sich Gearys einem Kreuzfeuer unterschiedlichster Fragen ausgesetzt. Ob er gedenke, die Macht an sich zu reißen, da ihm ja nun der mächtigste Streitkräfteverband der Allianz unterstehe? Er denke gar nicht daran, lautet Gearys verblüffende Antwort. Und es bedarf Co-Präsidentin Riones Zeugnis und Beredsamkeit, um diese unerwartete Antwort glaubhaft erscheinen zu lassen. Könnte Geary wirklich so verrückt sein, die Allianz retten zu wollen, statt sich zu bereichern?

Tatsächlich sehnt sich Geary, der über Hundertjährige, nach Jahren des unablässigen Krieges und der Tortur des Durchbrechens der Barriere der Syndikatswelten nur noch nach Frieden und Ruhe. Vorzugsweise an der Seite der überaus loyalen und einfühlsamen Kapitänin Tanya Desjani. Doch daraus wird nichts: Denn die Syndiks sind ebenso noch dort draußen an den Grenzen wie auch die Aliens jenseits des Syndikraums. Die Allianz kann nicht zulassen, dass sie einen neuen Angriff vorbereiten.

Das Hypernet, dessen supergeheimen Schlüssel er mitbringt, darf die Flotte indes nicht benutzen, denn es besteht der begründete Verdacht, dass die Aliens alle Hypernet-Tore so konfiguriert haben, dass sie jederzeit in Supernovae verwandelt werden können. Also ist die Allianz wieder auf die konventionelle Sprungmethode angewiesen, will sie die Syndiks zu einem Frieden oder wenigstens Waffenstillstand bewegen. Aber wenn man die Syndiks zu einem Bündnis gegen die Aliens veranlassen könnte, hätte die menschliche Spezies wesentlich bessere Überlebenschancen.

Als frischgebackener Admiral verlässt Geary die Ratssitzung, begleitet von loyalen Admirälen und einer zufriedenen Victoria Rione. Zwei weitere Räte, Costa und Sakai, begleiten die Flotte auf dem Weg ins Syndik-Gebiet. Nur Tanya Desjani brüllt Geary an, was ihm einfalle! Er will nur Flottenadmiral auf Zeit sein, also bis zum Ende dieser Mission. Er wundert sich über Desjani, die offenbar nur sein Bestes im Sinn hat, aber nicht privat, sondern nur in der Flotte, wie es scheint.

|Der Angriff|

Die Informationen, die der gefangen genommene Syndik-CEO Boyens über die verbliebene Syndik-Führung und die Aliens liefert, sind zu spärlich, um vorerst nützlich zu sein. Geary fliegt mit seiner Flotte, die durch ein paar neue Schlachtkreuzer fragwürdiger Qualität verstärkt worden ist, durch die Hintertür ins Hauptsystem der Syndiks. Deren Flotte befindet sich am anderen Ende des Systems, und natürlich ist das zentrale Hypernet-Portal komplett vermint. Hätte die Allianzflotte den naheliegenden Weg dorthin genommen, wäre es zu schweren Verlusten beim Eintritt ins System gekommen. Aber so fliegt sie in voller Stärke ein.

Die Syndiks verhalten sich nicht wie erwartet. Ihre Flotte greift nicht sofort an, sondern fliegt einen Kurs, der querab liegt. Geary fragt sich, ob sie ihn in eine Falle locken will. Es wäre nicht die Erste, in die er getappt ist. Die Gefahr muss also woanders zu finden sein. Aber das Hypernet-Portal, das sich auf ein Signal hin sprengen lassen würde, weist eine Schutzvorrichtung auf. Das beruhigt Geary zunächst, doch dann erfährt er, dass sich eine Schutzvorrichtung in ihr Gegenteil umprogrammieren lässt …

Der oberkommandierende Syndik-CEO Shalin tut freundlich und versucht, Geary zu provozieren. Die alte Allianzflotte hätte nun ohne zu zögern wie ein Stier angegriffen, um ihn und seine Flotte auf die Hörner zu nehmen. Geary sucht und findet den Hinterhalt, in den ihn Shalin locken will. Das gesamte System ist eine einzige große Mausefalle für die Allianz-Flotte! Ein zweites Kalixa droht, finstere Realität zu werden.

Doch erstens reicht es manchmal schon, die Mausefalle überhaupt als solche zu erkennen. Und zweitens kommt es im Katz-und-Maus-Spiel immer darauf an herauszufinden, wer die Katze ist und wer die Maus …

_Mein Eindruck_

Diesmal hat Geary die Aufgabe, den Krieg mit den Syndiks ein für alle Mal zu beenden. Zu seiner Bestürzung muss er erkennen, dass die Falle im Hauptsystem der Syndiks genausogut auf die Vernichtung der Allianzflotte hinauslaufen kann. Das macht diesen Moment so spannend: Die Kräfte sind ausgeglichen, und der Ausgang des Konflikts ist wieder offen.

|Zwei Frauen|

Nun kommt es wieder darauf an, die Figuren auf dem kosmischen Schachbrett möglichst günstig neu aufzustellen – oder die Regeln des Schachbretts zu verändern. Was Geary unternimmt, darf hier nicht verraten werden, aber ohne die Empfehlungen von zwei Frauen würde er nicht weit kommen, was ich sehr positiv finde: Desjani, die Kapitänin des Flaggschiffs, ist Geary nicht nur sehr zugetan, sondern auch ein kluger Kopf.

Doch da gibt es noch Victoria Rione, die Politikerin, die völlig anders denkt. Sie betrachtet die politischen Implikationen der verfahrenen Situation, in die die Syndiks die Allianzflotte gelockt haben. Weil es eine unüberwindbare Barriere im Sprechen und Denken von Offizieren und Politikern gibt, ist es immer Anlass zu Verwunderung, wenn Desjani und Rione übereinstimmen. Geary, der zwischen ihnen steht, wundert sich nicht nur, sondern bekommt auch beklommene Empfindungen, wenn sich die beiden Rivalinnen so einig sind – dabei sieht er nämlich meist nicht gut aus. So ist am Rande für eine kleine Komödie des Allzumenschlichen gesorgt, die die Anspannung ein wenig ausgleicht, die durch die militärischen Operationen verursacht wird.

|Action|

Die Raumschlacht gegen die Syndiks, die ebenso vorhersehbar wie unausweichlich ist, bildet den zentralen Mittel- und Wendepunkt dieses Bandes der Reihe. Ich werde den Ausgang nicht verraten, aber da Geary überlebt, um die Reihe fortzuführen, dürfte der Ausgang jedem Leser klar sein. Nur soviel: Wieder einmal bringen die Manöver Gearys einen entscheidenden Vorteil. Aber es kommt auf seiner Seite auch zum bestürzenden Versagen eines draufgängerischen Offiziers, immerhin der Captain eines Kriegsschiffs. Das verheißt nichts Gutes für die neue Generation an Allianz-Militär.

Doch wo bleibt dann das Action-Finale, fragt sich der erfahrene Leser der Reihe zu Recht. Zum Glück gibt es ja noch die Aliens, deren Existenz Geary und seine Leute immer wieder vermutet haben. Die Enigmas, wie die Syndiks sie nennen, haben die Portale des Hypernets, das sie den Menschen vor 69 Jahren „schenkten“, manipuliert und einen Endknoten zur Supernova explodieren lassen. Es sind also nicht gerade freundliche Zeitgenossen.

Auch die Würmer in allen Rechnern und elektronischen Systemen der Allianzflotte haben sie platziert und zu fiesen Zwecken benutzt. Geary & Co. finden heraus, dass die Syndiks bislang vergeblich gegen die Aliens gekämpft haben, weil sie keine Ahnung von der Existenz dieser Würmer hatten. Wie sich zeigt, dienen die Würmer dazu, die jeweilige Wahrnehmung der Alien-Bedrohung zu manipulieren – die Syndiks sehen die Welt ganz einfach nicht so, wie die Allianz sie sieht, nachdem sie die Würmer beseitigt hat.

Als die Aliens das Midway-System für sich beanspruchen, löst dies eine Kettenreaktion aus. Wenn dieses Grenzsystem fiele, müssten die Syndiks 20 Welten aufgeben. 20 Welten, die jetzt, nach dem Ende des Syndikats, allen Menschen gehören. Geary, Rione und Desjani ist klar, dass ein Rückzug nicht infrage kommt. Also bleibt nur die militärische Auseinandersetzung, um den Enigmas eins auf die Nase zu geben, was ihnen sagt: Bis hierher und nicht weiter!

|Humor|

Wieder mal fehlt der Humor nicht. In einer witzigen Szene mit Geary und anderen Allianz-Offizieren vergleicht der Autor Aliens mit ANWÄLTEN. Tatsächlich seien ihm, dem Offizier, schon Anwälte untergekommen, die keinen Unterschied zu Aliens aufwiesen. Solche Seitenhiebe mag der amerikanische Leser sicher. Dem deutschen Leser, der (noch) Respekt vor Anwälten hat, kommen solche Sätze eher spanisch vor, nehme ich an.

|Verhinderung der Love Story|

Seit (mindestens) vier Bänden läuft was zwischen Geary und Desjani. Aber was ist es, fragen sich die Leser zunehmend verwirrt, wenn nicht sogar verzweifelt. Sein mindestens vier Bänden schleichen die beiden umeinander herum, ohne zu Potte zu kommen. Sie reden von Ehre und Distanz und Respekt. Was soll das?! Der Grund ist die militärische Rangordnung.

Die Rangordnung, so erwähnt der Autor am Rande, verbietet den beiden im Rang verschiedenen Offizieren, sich auf eine Affäre einzulassen, wie sie Geary noch mit der nichtmilitärischen Politikerin Rione eingehen konnte (Band 1 und 2). Das kommt uns spanisch vor, denn wieso sollte die ferne Zukunft die gleichen Regeln befolgen wie das Militär des 20. Jahrhunderts, als es bereits die ersten Frauen im Militärdienst gab?

Der Grund ist also nicht bloß eine Nachwirkung der uralten Ständeordnung, sondern hat damit zu tun, dass Vorgesetzte, wie es Geary es als Flottenkommandant ist, keine Untergebenen, wie es Desjani als Kapitänin ist, ausnutzen und nötigen können. Nötigung würde die vielzitierte „Ehre“ der Beteiligten verletzen und sie zum Gespött des Offizierskorps machen. Beziehungen sind offenbar nur zwischen im Rang Gleichgestellten erlaubt. Das ergibt durchaus einen Sinn.

Aus dieser verqueren Logik ergibt sich zwingend, dass Geary die Ehre und die Liebe Desjanis nur auf einem einzigen Wege erhalten bzw. bekommen kann: durch die Heirat. Aber hallo!, denkt jetzt so mancher Leser, hier bahnt sich eine dramatische Szene an, und so kommt es auch, aber unter ganz anderen Vorzeichen, als es so mancher Leser erwartet.

_Die Übersetzung _

Ralph Sander hat einen guten, wenn auch nicht sonderlich anspruchsvollen Job erledigt. Falschen Endungen gibt es kaum, dafür eine Reihe von Kommafehlern. Aber beim Redigieren sind ihm ein paar Fehler unterlaufen, die den Leser verwirren können.

S. 170: „Mit Blick auf die Gerüchte über ein angebliches Verhältnis mit [Captain Tanya] Desjani habe, die die Runde machten …“ Das Wörtchen „habe“ ist in diesem Satz überflüssig.

S. 176: „Dann veränderte sich ihr Minenspiel.“ Ich spiele auch gern Minesweeper, aber nicht auf dem Gesicht eines Gesprächspartners. Der verzieht dann nämlich seine MIENE.

S. 180: „Ich bedauere ( …), was diese Legende Menschen wie Ihnen und Michael angerichtet hat. “ In gutem Deutsch sollte es „angetan“ heißen statt „angerichtet“.

S. 294, letzte Zeile: „Er könnte also durchaus der der Meinung sein …“ Ein „der“ reicht völlig aus, finde ich.

S. 378: „Gearyr“ statt „Geary“

S. 407: “ …würden wir uns freuen, wenn Sie uns im Gegensatz den Gefallen tun, es uns wissen zu lassen.“ Hä, wieso „Gegensatz“? Im Gegensatz wozu? Es geht an dieser Stelle um einen Austaussch von Gefälligkeiten, und dabei spricht man wohl besser von „im Gegenzug“ statt von Gegensatz. Ein echt dicker Hund, der auf unsichere Stilfähigkeiten des Übersetzers schließen lässt.

_Unterm Strich_

Die Beendigung des Krieges gegen die Syndiks dürfte sich so mancher Fan dieser Military-SF-Reihe anders vorgestellt haben. Die Allianzflotte sieht sich in einer großen Mausefalle gefangen. Spannende Frage: Wird sich der Held der Serie daraus befreien können, wird ihm erneut Inspiration zuteilwerden? Die lebenden Sterne, die in dieser fernen Zukunft, die Götter ersetzen, und die Vorfahren mögen ihm beistehen.

Wie auch immer: Der Autor erzählt straff und verzettelt sich nicht in Nebenhandlungen. Die zentrale Schlacht bestimmt die Mitte des Bandes und fällt höchst befriedigend aus, ab gesehen von kleinen Schönheitsfehlern an der Schlacht, für die gewisse Offiziere – immer wieder Offiziere – verantwortlich sind. Aber der Hintergrund dieser Taten verdeutlicht einmal mehr, dass beide Seiten, die Allianz wie auch die Syndiks, von hundert Jahren Krieg völlig ausgeblutet sind. Aber statt eines Schreckens ohne Ende, der bei Gearys Versagen droht, gibt es ein Ende mit Schrecken, das eine Entscheidung herbeiführt.

Nun kann sich die Allianz, als überlegener Vertreter der Menschheit, den Aliens zuwenden. Die finale Schlacht weist ihre ganz eigenen Reize auf, denn davor sehen sich Geary & Co. einer haushohen Übermacht gegenüber. Es gibt etliche Überraschungen, die hier nicht verraten werden dürfen.

Wie es sich gehört, kommt die menschliche Seite nicht zu kurz. Endlich finden Geary und Desjani, die einander ja schon ewig umschleichen, zueinander, und das sogar „voller Ehre“. Halleluja! Die Szene mit dem kuriosen Heiratsantrag kam mir vor wie aus einer dieser Militärkomödien aus den fünfziger Jahren. Auf moderne weibliche Leser könnte sie ganz schön bizarr wirken. Andererseits verschickt man auch heute keine Heiratsanträge per SMS, oder?

Das kann aber die Tragödien nicht verdecken, die der hundertjährige Krieg auch in gearys Familie verursacht hat. Seine Großnichte Jane gehört nun zur Flotte, sein Neffe Michael ist immer noch irgendwo verschollen und dessen Tochter wird bald ebenfalls der Marine beitreten. Der lange Krieg hat nun mittlerweile die Dimension eines Verhängnisses angenommen, das über den Gearys liegt. Das kommt Geary, dem ja selbst eben diese 100 Jahre fehlen, äußerst seltsam vor.

Die nächsten Bände werden also sowohl die Familiengeschichte der Gearys weiterführen, als auch die Suche nach Michael Geary, der im ersten Band spurlos verschwand. In dieser Hinsicht weist die Reihe einen langen Spannungsbogen auf, dessen Ende wahrscheinlich noch lange nicht erreicht werden wird.

|Taschenbuch: 445 Seiten
Originaltitel: The Lost Fleet: Victorious, 2010
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
ISBN-13: 978-3404206636|
http://www.luebbe.de

Tom Wolfe – Back to Blood

Worum gehts?

Nestor Camacho ist ein amerikanischer Polizist mit kubanischen Wurzeln und genau deshalb ist es auch Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet er einen kubanischen Flüchtling, 20 Meter von seiner Freiheit entfernt, vom Mast einer Luxusyacht vor Miami holen soll.

Im ersten Moment steht er ziemlich zwischen den Stühlen und weiß nicht recht, wie er reagieren soll: Den Anweisungen des Chefs folgen und den Flüchtling herunterholen oder überwiegt doch sein Vaterlandsstolz? Nachdem er seine Entscheidung getroffen hat, ist er bei seinen Kollegen der Held, jedoch bei seiner Familie und sogar bei seiner Freundin ein Verräter und der Bürgermeister, ebenfalls kubanischer Herkunft, überlegt, ob er ihm nun den Tapferkeitsorden aushändigen oder ihn vom Dienst suspendieren soll …

 

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David Goyer & Michael Cassutt – Himmelsschatten

Im August des Jahres 2019 kehren die USA in den Weltraum zurück: Was eigentlich als Mondfahrt geplant war, wird zum Planetenbruchstück „Keanu“ umgeleitet, das – von weit außerhalb des Sonnensystems kommend – diesem einen Besuch abstattet. Bevor „Keanu“ wieder den Weiten des Alls verschwindet, will man ihn erforschen. Die „Destiny 7“ wurde unter dem Kommando von Zack Stewart auch deshalb an den Start gebracht, um der ‚Konkurrenz‘ eins auszuwischen: Ein russisch-indisch-brasilianisches Konsortium hat das Raumschiff „Brahma“ in den Raum geschossen. Auf keinen Fall werden die USA Taj Radhakrishnan und seinen drei Kollegen das Feld allein überlassen!

Sowohl der „Destiny“ als auch der „Brahma“ gelingt die Landung auf dem 100 km durchmessenden Himmelskörper, der sich vor Ort als außerirdisches Raumschiff entpuppt. Die insgesamt sieben Raumfahrer schließen sich zwecks Untersuchung zusammen, während auf der Erde Hektik ausbricht: Für die USA gilt immer noch eine 1948 erlassene Militärdoktrin, nach der außerirdische Intelligenzen als potenzielle Feinde zu betrachten sind.

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Goyer, David S./Cassutt, Michael – Himmelsschatten

_Das geschieht:_

Im August des Jahres 2019 kehren die USA in den Weltraum zurück: Was eigentlich als Mondfahrt geplant war, wird zum Planetenbruchstück „Keanu“ umgeleitet, das – von weit außerhalb des Sonnensystems kommend – diesem einen Besuch abstattet. Bevor „Keanu“ wieder den Weiten des Alls verschwindet, will man ihn erforschen. Die „Destiny 7“ wurde unter dem Kommando von Zack Stewart auch deshalb an den Start gebracht, um der ‚Konkurrenz‘ eins auszuwischen: Ein russisch-indisch-brasilianisches Konsortium hat das Raumschiff „Brahma“ in den Raum geschossen. Auf keinen Fall werden die USA Taj Radhakrishnan und seinen drei Kollegen das Feld allein überlassen!

Sowohl der „Destiny“ als auch der „Brahma“ gelingt die Landung auf dem 100 km durchmessenden Himmelskörper, der sich vor Ort als außerirdisches Raumschiff entpuppt. Die insgesamt sieben Raumfahrer schließen sich zwecks Untersuchung zusammen, während auf der Erde Hektik ausbricht: Für die USA gilt immer noch eine 1948 erlassene Militärdoktrin, nach der außerirdische Intelligenzen als potenzielle Feinde zu betrachten sind.

„Keanu“ hat inzwischen ein Todesopfer gefordert: Im Inneren fanden die Forscher eine lebensfreundliche Zone, in der allerdings die insektenähnlichen „Wächter“ ihr Unwesen treiben, von denen einer den Piloten „Pogo“ Downey in Stücke reißt. Wenig später ist Pogo wieder da: „Keanus“ Erbauer verfügen über eine Technik, die es ermöglicht, Tote ins Leben zurückkehren zu lassen. Stewart hat inzwischen seine verstorbene Gattin Megan wiedergetroffen.

Doch sind die „Revenants“, wie man sie nennt, überhaupt Menschen? Welche Überraschungen brütet „Keanu“ noch aus? Kreuzt er zufällig die Erdumlaufbahn? Was planen seine weiterhin unbekannten Erbauer …?

_Tanz auf dem Quark_

Bekanntlich können auch kleine Dinge gewaltige Schatten werfen, wenn die Sonne tief genug steht. Ersetzen wir die „kleinen Dinge“ durch den hier zu besprechenden Roman und die Sonne durch die von der Werbung geschürte Erwartungshaltung, passt das Bild perfekt in seinen Rahmen. Dabei stellt dieses ziegelsteindicke Buch, dass als Tüpfelchen auf dem I den grandiosen Titel „Himmelsschatten“ trägt, dennoch nur die Ouvertüre eines gewaltigen Epos‘ dar, das sich über zwei mindestens ebenso seitenstarke Bände fortsetzen wird – allerdings ohne diesen Rezensenten, der nach der Lektüre deutlich missmutiger als Marcel Proust über die Spuren der verlorenen (Lebens-) Zeit sinniert.

Da haben wir also eine Geschichte, die sich im Original über 400 Seiten wälzt – der Umfang wird in der deutschen Übersetzung auf deutlich mehr als 600 dürftig bedruckte Seiten aufgebläht – und doch nur Einleitung bleibt. Schlimmer als eine Geschichte ohne Pointe ist eine langweilige Geschichte, die man zu allem Überfluss bereits kennt. Unter diesen drei Hieben geht „Himmelsschatten“ zu Boden. Dies geschieht nicht erst, wenn man das Buch gelesen zuklappt, sondern bereits nach dem ersten Viertel, wenn man bemerkt, dass die Autoren uns nicht wirklich etwas zu sagen haben und außerdem mit einer Dreistigkeit Seiten schinden, die einfach ärgert.

Noch das unwichtigste Detail wird lang und breit erläutert und erklärt, was sicher notwendig ist, da die Handlung von „Himmelsschatten“ so dürftig bleibt, dass sie kaum eine Kurzgeschichte tragen könnte. Was Peter Jackson mit dem „Hobbit“ schafft, können wir schon lange, dachten sich Goyer & Cassutt offensichtlich. Sie vergaßen dabei, dass Schaumschlägerei im Film einfacher fällt, wenn dort eindrucksvolle Bilder die Zuschauer ablenken.

|An die Zukunft denken!|

In diesem Zusammenhang lässt eine Information tief blicken. Für „Himmelsschatten“ wurden die Filmrechte bereits verkauft. Goyer, der bisher ohnehin hauptsächlich für Film und Fernsehen schreibt, arbeitet an einem Drehbuch für das Studio Warner Brothers. Wenn daraus nichts wird, könnte er den Stoff zu einer TV-Serie umschneidern, die man bereits deutlich vor dem inneren Auge ablaufen sieht: Hin und wieder gibt es teure Spezialeffekte, zwischendurch Fernseh-Füllstoffe: Klischee-Figuren haken Klischee-Probleme ab, zanken und vertragen sich, feiern |familiy values| und andere Werte.

Solche Erklärungen sucht man auf der verzweifelten Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso Käse jener Stink-Stufe, die „Himmelsschatten“ erreicht, als Meilenstein der Unterhaltungsliteratur verkauft werden kann. Träge säumen öde Ereignisse, die nicht nur in der Science-Fiction schon viel zu oft ausgemolken wurden, den Platt-Plot. Überraschungen fallen aus, für Zeitvertreib sorgt höchstens ein privates Quiz, bei dem sich der Leser die Frage stellt, wo er bereits besser gesehen oder gelesen hat, was er gerade ertragen muss.

Tempo sollen kurze Kapitel sowie der regelmäßige Sprung zwischen den Ereignissen auf „Keanu“ und auf der Erde suggerieren. Doch die einen sind einschläfernd, die anderen lassen ob ihrer abgedroschenen Gefühlsduseleien den leserlichen Blutdruck in die Höhe schnellen.

|Was ist flacher als ein Blatt Papier?|

Goyer & Canutt lassen in der Figurenzeichnung kein Fettnäpfchen aus. Da haben wir den gefühlvollen aber willensstarken US-Helden, der nicht nur mit dem kindischen Spitznamen „Zack“ geschlagen ist, sondern darüber hinaus den charismatischen, verständnisvollen Raumschiff-Kapitän, den sich in Sehnsucht an die tragisch verstorbene Gattin verzehrenden Witwer, den halbherzig neu verliebten Mann UND den überforderten Vater einer heftig pubertierenden Tochter geben muss.

Letztere sorgt auf der Erde für jenen Trubel, den im US-Fernsehen pubertierende Töchter üblicherweise anrichten. Selbstverständlich hasst Rachel die Schwiegermutter in spe, ist dem Vater entfremdet, mit dem Handy verwachsen, verstößt manisch selbst gegen unwichtige Regeln und ist auch sonst die reinste Nervensäge.

Die tote Gefährtin/Mutter taucht später wiederbelebt in „Keanus“ Bauch auf, wo sie und Zack damit beschäftigt sind, zwei Jahre getrenntes Liebes- und Familienleben aufzuarbeiten. Manchmal gibt Megan Erinnerungsschnipsel an ihr Geisterdasein frei, die geheimnisvoll wirken und die Ankunft der „Konstrukteure“ vorbereiten sollen, die „Keanu“ konstruierten und bauten. Bereits diese dürren Infos lassen den Rest der heißen Luft aus der Blase, die eigentlich drei Bände „Heaven’s Shadow“ in die oberen Ränge der Bestsellerlisten tragen soll.

|Quirlen, quirlen, quirlen!|

Niemand interessiert sich für die stewartschen Familienproblemchen. Niemand interessiert sich für sämtliche anderen Figuren, die ebenfalls mit einer denkbar stumpfen Schere aus jenem Papierbogen geschnitten wurden, der ihre Charaktertiefen definiert. Wer will wissen, dass Astronautin Yvonne Hall mit ihrem Über-Vater hadert, der ‚zufällig‘ ein hohes Tier im NASA-Control-Center ist? Dennoch malträtieren uns Goyer & Canutt mit endlosen Passagen einschlägiger Erinnerungen, Identitätskrisen und Gewissensnöte, die rein gar nichts zur Handlung beitragen, die währenddessen faul auf der Stelle dümpelt.

Manchmal reicht es nicht einmal für Routine. An einer Stelle wird der ebenfalls wiederbelebte Astronaut „Pogo“ Downey – was finden US-Amerikaner bloß an dümmlichen Spitznamen? – urplötzlich verrückt. Selbst die rudimentäre Zeichnung des noch lebenden Pogo gibt dafür keinen Grund. Der war bisher der grobe, fröhliche, für lahme Witze zuständige Sidekick. Nun mutiert er zum Mörder und Saboteur, weil Goyer & Cassutt nichts Besseres einfällt, um die Raumfahrer möglichst dramatisch auf „Keanu“ stranden zu lassen.

Unbeholfen versucht sich das Autorenduo zu schlechter Letzt an der Kritik irdischer Verhältnisse, bleibt dabei jedoch stets an der Oberfläche: Die daraus resultierende Bedeutsamkeiten sind reine Behauptung, weil es der Leser (und spätere Zuschauer) erwartet, dass Wissenschaftler liebenswerte Idealisten und Politiker machtgeile Schurken sind und Militärs den Finger ständig am Abzug haben.

Auf diese Weise wird „Himmelsschatten“ zu einem Instant-Bestseller aufgeschäumt. Wer die Originalität fürchtet aber Versatzstücke schätzt, wird diesen Roman lieben. Auch der Umfang muss nicht schrecken: „Himmelsschatten“ ist so strukturiert, dass man notfalls nur den ersten und letzten Absatz eines (und nicht einmal jedes) Kapitels lesen muss, ohne den Anschluss an die Handlung zu verlieren. Wer auch an Unterhaltungslektüre höhere Erwartungen stellt, sollte den „Himmelsschatten“ auf der Suche nach sonnigeren Lektüre-Gefilden schleunigst und ohne den Gedanken an eine Rückkehr verlassen.

_Verfasser_

_David Samuel Goyer_, geboren am 22 Dezember 1965 in Ann Arbor, US-Staat Michigan, studierte an der University of Southern California, die er 1988 mit einem Abschluss der „School of Cinema-Television“ verließ. Bereits ein Jahr später verkaufte er ein erstes Drehbuch für den 1990 mit Jean-Claude van Damme in der Titelrolle entstandenen Film „Death Warrant“ (dt. „Mit stählerner Faust“).

Seit den 1990er Jahren schreibt Goyer für verschiedene Comic-Serien wie „Doctor Strange“, „Ghost Rider“, „Batman“, „Superman“ und „The Flash“. Für „Blade“ verfasste er zusätzlich die Drehbücher für den zweiten und dritten Kinofilm; „Blade: Trinity“ wurde 2004 von Goyer inszeniert, für „Batman Begins“ (2005), „Batman: The Dark Knight“ (2008), „Batman: The Dark Knight Rises“ (2012) und „Man of Steel“ (2013) schrieb er an den Drehbüchern mit. Auf Goyers Konto gehen allerdings auch Film-Gurken wie „Jumper“ (2008), „The Unborn“ (2009) oder „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ (2011).

_Michael Joseph Cassutt_ wurde am 13. April 1954 in Owatonna, US-Staat Minnesota, geboren und wuchs in Hudson, Wisconsin, auf. Nach der High School studierte er an der University of Arizona in Tucson Medien- und Kommunikationswissenschaft. Anschließend schlug sich Cassutt als Discjockey durch, leitete einen Radiosender und ging schließlich zum Fernsehen. Für den Sender CBS brachte er Drehbücher und Scripts zur Serienreife.

Ab 1985 schrieb Cassutt verstärkt selbst für das Fernsehen. Zu den zahlreichen Serien, die auf seine Vorlagen zurückgriffen, gehören „Eerie, Indiana“, „The Outer Limits“, „The Dead Zone“ oder „Stargate SG-1“. Selbst vor die Kamera trat Cassutt für den History Channel; hier schrieb und moderierte er Dokumentationen über Astronomie und Weltraumfahrt.

Parallel zu seinen TV-Aktivitäten verfasste Cassutt Romane und Kurzgeschichten, wobei er sich auf die Genres Science-Fiction und Fantasy spezialisierte. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1974, der Roman-Erstling „The Star Country“ 1986. Darüber hinaus veröffentlicht Cassutt Artikel zu Themen der Luft- und Raumfahrt und ist Autor der Enzyklopädie „Who’s Who in Space“, die Lebensläufe von 700 Astronauten und Kosmonauten sammelt. Zwischen 2000 und 2009 schrieb Cassutt eine monatliche Kolumne: „The Cassutt Files“ beschäftigte sich mit Kino- und TV-SF.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Michael Cassutt in Los Angeles.

|Taschenbuch: 639 Seiten
Originaltitel: Heaven’s Shadow (New York : Ace Books 2011)
Übersetzung: Ingrid Herrmann-Nytko
ISBN-13: 978-3-453-52999-1
eBook: 965 KB
ISBN-13: 978-3-641-09216-0|
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