Archiv der Kategorie: Belletristik

Izzo, Jean-Claude – Sonne der Sterbenden, Die

Marseille ist Izzo. Izzo ist Marseille. Fast schon untrennbar sind die Stadt und der Autor verbunden. Kein Wunder, dass auch Izzos letzter Roman, den er vor seinem Krebstod 2000 geschrieben hat, in „seiner“ Stadt spielt. Ebenso wie schon die „Marseille-Trilogie“ („Total Cheops“, „Chourmo“, „Solea“), mit der ihm der Durchbruch gelang und durch die er in die Topliga der französischen Krimiautoren aufstieg, ist auch „Die Sonne der Sterbenden“ eine Liebeserklärung an Marseille.

Dabei war Izzo nie zwangläufig nur auf Krimis festgelegt. Nur Marseille, Marseille war immer sein wichtigstes Thema – nicht nur die Stadt an sich, sondern auch deren Einwohner, die Izzo stets am Herzen lagen. „Die Sonne der Sterbenden“ ist ebenfalls kein Kriminalroman. Vielmehr eine Lebensgeschichte, ein Reflektieren des Erlebten und eine Analyse des Scheiterns.

Erzählt wird das Leben von Rico, einem Pariser Clochard. Rico lebt schon seit einigen Jahren auf der Straße, losgelöst vom normalen Leben und von der Gesellschaft. Einen Freund und Vertrauten hat er in Titi gefunden. Titi ist ebenfalls Clochard und lebt schon länger auf der Straße als Rico. Die Beiden passen aufeinander auf und können sich aufeinander verlassen – jederzeit. Bis Titi eines kalten Wintertages tot unter der Bank einer Metrostation gefunden wird. Rico zieht es das letzte bisschen Boden unter den Füßen weg. Mit Titi verliert er seinen einzigen Bezugspunkt.

Mit Titis Tod will auch Rico seinem Leben in Paris einen Schlusspunkt setzen. Er erinnert sich der glücklichen Momente in seinem Leben, an die Frauen, die er einst geliebt hat, besonders seine große Liebe Lea, und erinnert sich damit zwangsläufig an Marseille, wo er seinerzeit mit Lea lebte und liebte. Rico zieht Bilanz: Er hat alles verloren, wurde von seiner Frau Sophie geschieden, was den ersten Schritt in den Abgrund markierte, darf seinen Sohn Julien nicht mehr sehen und haust nun schon seit Jahren auf der Straße. Kurzum, Rico hat sein Leben gründlich verpfuscht. Mit Titis Tod fällt diese Bilanz umso schmerzhafter aus und Rico beschließt, Paris zu verlassen. Er macht sich auf in Richtung Süden, Marseille als Ziel seiner Reise vor Augen. An Marseille knüpft er alle seine Hoffnungen …

„Die Sonne der Sterbenden“ erzählt die Geschichte von Rico, allerdings nicht aus seiner Perspektive. Der eigentliche Erzähler der Geschichte ist Abdou, ein junger Araber, der in den Straßen von Marseille zu Hause ist und der in Rico eine Art väterlichen Freund findet. Ihm scheint genauso wie dem Leser Ricos Lebensbeichte zu gelten. Und die fällt, typisch für Jean-Claude Izzo, genauso düster wie ehrlich und unverklärt aus. Doch in all den dunklen Gedanken, in all den schweren Erinnerungen, die auf Ricos verhärteter Seele lasten, glimmt auch ganz klein und fast unscheinbar immer noch ein Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich irgendwann doch noch alles zum Guten wendet. Rico nährt diese Hoffnung durch die Rückkehr nach Marseille, den Ort, an dem er die glücklichsten Momente seines Lebens verbrachte.

Izzos klassische „Hauptfigur“ Marseille betritt dabei erst im letzten Drittel des Romans die Bühne. Bis dahin steht die Reflektion von Ricos Leben im Vordergrund. Während seiner Reise gen Süden denkt Rico immer zurück an die Vergangenheit. Erinnerungen vermischen sich mit neuen Eindrücken. Rico trifft unterwegs neue Menschen, erhält neue Perspektiven, bei denen vor allem zwei prägend sind. Zunächst wäre da der Junge Felix. Etwas zurückgeblieben, stets in Begleitung eines Fußballs, den er unter dem Arm umherträgt, und mit einem tätowierten Eidechsenkopf an der Schläfe, wirkt der Junge stets etwas verschlossen und geheimnisvoll. Und dann wäre da noch Mirjana, die aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet ist und nun dadurch, dass sie sich an Männer verkauft, versucht, die Schulden abzubezahlen, die sie bei den Schleppern für die „Einreise“ nach Italien bezahlt hat. Diese Begegnungen hinterlassen bleibenden Eindruck bei Rico und er denkt auch später immer wieder daran zurück.

Das Reflektieren seines eigenen Lebens vollzieht er entlang seiner Reiseroute immer wieder in verschiedenen Momenten. Rico erzählt, wie es zu seinem Absturz kam. Erschreckend und faszinierend zugleich, wie einen Menschen eine beendete Beziehung aus der Bahn werfen kann, wie ihn unerwiderte Gefühle irgendwann an den Rand der Gesellschaft drängen. Rico beschreibt dabei eine fast schon klischeehafte und doch so logische Chronologie des Absturzes: unerwiderte Liebe, Alkohol, Einsamkeit, Jobverlust, Schulden, Obdachlosigkeit. Irgendwann hat Rico einfach kapituliert, die Illusion auf eine Rückkehr ins normale Leben aufgegeben. Izzo drückt das so aus: |“Nicht in die Gesellschaft zurückkehren zu wollen, war kein Unvermögen. Nur eine große Müdigkeit.“| (S. 135)

Während Rico seine Vergangenheit reflektiert, kristallisiert sich immer deutlicher seine gegenwärtige Erscheinung heraus. Rico ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ein Toter, der noch immer unter den Lebenden wandelt: |“Wir ziehen mit unserer alten Haut durch die Gegend. Wir sind nur noch leere Hüllen.“| (S. 142) So bringt Mirjana die klägliche Existenz auf den Punkt, die nicht nur sie selbst führt, sondern auch Rico. Ein Aspekt, der die Figuren verbindet. Beide sind ganz unten angekommen und jeder geht mit seinem Schicksal auf seine eigene Art um. Die Unterschiede in der Existenz der Beiden sind nur marginal und dennoch überdeutlich, was Rico dadurch betont, dass er sich an die Worte seine Freundes Titi erinnert: |“Ich will dir mal was sagen, Rico, wenn ein Mann am Ende ist, geht er betteln, eine Frau dagegen, die verkauft sich. Also denk immer daran, die Erniedrigung, die du empfindest, ist im Vergleich zu der, die sie empfinden müssen, gar nichts.“| (S. 144)

Izzo wäre nicht Izzo, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse ziehen ließen, in denen stets auch Kritik mitschwingt. Auch dafür eignet sich „Die Sonne der Sterbenden“ wunderbar, genau wie es schon bei der „Marseille-Trilogie“ der Fall war. Izzo lässt den Leser durch die Augen des Clochards Rico die Gesellschaft von außen betrachten. Er verpasst dem Leser einen veränderten Blickwinkel, indem er ihn Ricos Perspektive einnehmen lässt. Erst eine Figur, die am Rand der Gesellschaft steht, die nicht mehr Teil von ihr ist, macht die Kritik an der Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft besonders deutlich und schärft den Blick für die Problematik der an den Rand Gedrängten, die im gesellschaftlichen Auf und Ab irgendwann unter die Räder gekommen sind. Rico ist ein Paradebeispiel dafür: |“Rico gehörte nicht zu denen, die in Wiedereingliederungsstatistiken erfasst wurden. Andere ja, zweifellos. Glücklicherweise. Oder unglücklicherweise, wer weiß. Aber für einen, der wieder auf die Beine kam, wie viele stürzten da wohl im gleichen Moment ab?“| (S. 181)

Rico fühlt sich nicht mehr dazu in der Lage, etwas wie Liebe zu empfinden. |“Die Worte der Liebe wie „ich liebe dich“ und alle anderen, abgeschmackt und infantil, die man erfindet, waren langsam zerfasert. Sie riefen nur noch Erinnerungsfetzen hervor.“| (S. 133) Trotz der offensichtlichen emotionalen Wüste, die Rico durchwandert, merkt man der Erzählung an, dass Izzo große Gefühle mit seinen Figuren verbindet. Er zeichnet sie liebevoll und mit einem feinsinnigen Gespür für ihr Schicksal. Izzo hat eben ein großes Herz, wie seine Bücher immer wieder zeigen, nicht nur für Marseille, sondern auch für Menschen und im Besonderen eben auch für die, die am Rande stehen. Das ist eine der großen Stärken, die einem bei jedem Izzo-Roman aufs Neue ins Auge fallen.

Etwas verwirrend empfand ich im ersten Moment die Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler bleibt dem Leser zunächst verborgen. Man weiß nicht, wer er ist, mutmaßt zunächst, es wäre vielleicht der Autor selbst, um dann beim Einstieg ins letzte Drittel der Geschichte mit Abdou in Marseille endlich den Erzähler präsentiert zu bekommen. Marseille spart Izzo sich für sein Finale auf. Mit dem erstmaligen Auftauchen Abdous vollzieht sich ein Bruch. Izzo verändert den Blickwinkel mit dem Auftauchen des Jungen, was beim Lesen im ersten Moment wie ein Stolperstein (bewusst oder unbewusst) wirkt. Man fällt ein wenig aus dem Erzählfluss heraus und mich persönlich hat dieser Bruch ein wenig irritiert. Man braucht danach einen Augenblick, um wieder in die Handlung zurückzufinden und sich wieder voll und ganz auf das Schicksal von Rico einzulassen.

Sprachlich ist „Die Sonne der Sterbenden“ ein fast typischer Izzo. Schon der Titel verheißt Tragik und Dramatik. Einerseits schreibt Izzo klar und gradlinig, ohne zu beschönigen, andererseits aber wunderbar poetisch und melancholisch. Izzo schafft es immer wieder, das Seelenleben seiner Protagonisten in perfekt passende Worte zu kleiden, ohne dabei verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Das ist seine ihm eigene Art, die ihn neben der Leidenschaft für seine Figuren so lesenswert macht.

Izzos Figuren gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Man trägt Rico auch weiter mit sich herum. Ein Einzelschicksal, zweifellos, aber dennoch eines, das einem dank Izzos fabelhafter Darstellung in eindrucksvoller Erinnerung bleibt – packend und ergreifend.

Jojo Moyes – Mein Leben in deinem

Worum geht’s?

Jeder kennt diesen Traum, einmal in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen. Für Sam bietet sich diese Gelegenheit völlig unerwartet, als sie nach dem Training im Sportsclub versehentlich zur falschen Tasche greift. Der Inhalt unterscheidet sich in jeglicher Hinsicht von ihrem Stil. Bei der wunderschönen Chanel-Jacke und den wertvollen Premium High Heels kann sie nicht widerstehen. Als sie die Kleidungsstücke anzieht, fühlt sie sich plötzlich wie ein anderer Mensch – fernab von Geldsorgen, Tristesse und ohne einen Ehemann, der statt zu arbeiten nur noch auf dem Sofa gammelt.

Nisha ist die Besitzerin dieser Sporttasche. Nach außen hin führt sie la dolce vita. Immer perfekt angezogen, makellos sitzendes Make Up, ein reicher Ehemann und ein Leben, in dem Geld keine Rolle spielt. Doch so erging es ihr nicht immer und gerade scheint dieses mühsam aufgebaute Leben erneut zu scheitern.

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Lennon, J. Robert – Postmann

Die Kritiker überschlagen sich förmlich vor Lob, wenn es um „Postmann“, den neuesten Roman aus der Feder des amerikanischen Autors J. Robert Lennon, geht. Da wird Lennon schon mal als „literarisches Schwergewicht ersten Ranges“ bezeichnet (|Chicago Tribune|) oder als „Sprachkünstler mit einem abgedrehten Sinn für Humor“ (|The Times|) und „Postmann“ wird mit den schönsten Adjektiven geschmückt: „originell, authentisch, schräg, wunderbar und auf jeden Fall mitreißend“ (ebenfalls |The Times|). Kein Wunder, dass der Verlag selbst nicht davor zurückschreckt, den Roman, mit dem Lennon in den USA und England der Durchbruch gelang, als „eines der beeindruckendsten Werke der amerikanischen Literatur der letzten Jahre“ zu titulieren*. So viel Lob steckt halt an und ermuntert nicht zuletzt auch den Leser, einen genaueren Blick auf einen bis dato eher unbekannten Autor zu werfen.

Für mich ist „Postmann“ ein Roman, der im ersten Moment schwer greifbar ist. Den Handlungsbogen genau zu erfassen, erscheint zunächst nicht ganz einfach. Der Leser begleitet den neurotischen Postboten Albert Lippincott für zehn Tage. Die gegenwärtige Handlung wird dabei oft an den Rand gedrängt und Lennon verliert sich in ausgiebigen Rückblenden, die das Leben von Albert reflektieren. Der Roman zeigt sich bei näherer Betrachtung sehr vielschichtig und entwickelt dabei immer wieder eine Tiefe, die man anfangs nicht vermutet.

Hauptfigur ist also Albert Lippincott, unser neurotischer Postbote, vom Autor stets liebevoll Postmann genannt, wohnhaft in Nestor, einer kleinen Universitätsstadt im Staate New York. Zunächst schauen wir ihm an einem ganz normalen Arbeitstag über die Schulter. Es ist Freitagmorgen, er sortiert seine Post, stellt sie zu und zweigt sich den einen oder anderen Brief als Abendlektüre ab. Den Rest des Tages verbringt er auf dem wenig aufregenden Nestor-Fest, bestaunt die Attraktionen, die alle anderen auch bestaunen, und isst Hühnchensandwiches, die ihm nicht wirklich schmecken. Das klingt zunächst alles wahnsinnig unspektakulär und ist für Postmann der normale Alltag.

Doch genaugenommen ist dieser Freitag für Postmann alles andere als ein normaler Freitag. Er markiert den Beginn eines Prozesses, der sein Leben vollkommen umkrempelt. Am Ende ist nichts mehr wie es war, doch Postmann ahnt davon an diesem Morgen noch gar nichts. Erste Probleme deuten sich an, als er sieht, dass Jared Sprain, einer der Bewohner in seinem Zustellbezirk (und einer, von dem er noch einen Brief zu Hause liegen hat), tot aus seiner Wohnung getragen wird. Selbstmord – was nicht wirklich verwunderlich ist, denn Sprain war schon lange depressiv. Dennoch plagen Postmann Gewissensbisse, hatte er es doch in der letzten Woche versäumt, den Brief eines Freundes von Sprain zuzustellen, in dem dieser ihm (wie so oft) seine Selbstmordgedanken auszureden versucht. War Postmann durch das Nichtzustellen des Briefes etwa schuld an Sprains Selbstmord? Sollte nun auffliegen, dass Postmann sich die Briefe seiner Kunden „ausleiht“?

Im Laufe weniger Tage häufen sich, ausgehend von diesem Ereignis, für Postmann mehrere Probleme an, die seine kleine Welt ins Wanken bringen. Sein trostloses Wochenende über hängt er größtenteils der Vergangenheit nach, bevor sich mit Beginn der neuen Woche die Turbulenzen verschlimmern …

Das Bild, das Lennon von seinem Postmann skizziert, weckt die vielfältigsten Gefühle. Mal wirkt die Gestalt des neurotischen kleinen Briefträgers geradezu zum Lachen, mal stimmt uns seine jämmerliche amerikanische Kleinstadtwelt mit ihrem ganz normalen Wahnsinn traurig oder melancholisch. Mit einem Blick für die tragikomischen Momente im ganz alltäglichen Leben lässt Lennon die markantesten Punkte in Postmanns Dasein Revue passieren.

Wer Postmann aufgrund seines derzeitigen Lebenswandels für einfältig und beschränkt hält, der wird sich im Laufe des Buches wundern. Postmann hat sogar mal ein paar Semester studiert, bevor er seine mittlerweile 30-jährige Postkarriere startete. Postmanns Leben hat viele Facetten: sein gescheitertes Studium, seine schwierige, manchmal etwas zu ungeschwisterlich innige Beziehung zu seiner Schwester, dann seine gescheiterte Ehe mit der Krankenschwester Lenore, das etwas verkorkste Verhältnis zu seinen Eltern und nicht zuletzt eine verrückte Reise in die tiefste Provinz Kasachstans.

Lennon widmet sich dieser vielschichtigen Lebensgeschichte seines oberflächlich betrachtet eher langweiligen Charakters ausgiebig, und so sind es auch die Rückblenden, in denen mit Blick auf den Handlungsbogen die Stärken des Romans liegen. Die Gegenwart gerät dabei schon mal ein wenig ins Hintertreffen und so hatte ich gerade im Mittelteil des Romans hier und da ein wenig das Gefühl, dass Lennon etwas die Ausgewogenheit der beiden Erzählebenen vermissen lässt. Die Rückblenden sind stark, keine Frage, aber man verliert darüber in der Gegenwart hier und da ein wenig den Faden – nicht zuletzt auch, weil die Handlung in der Gegenwart streckenweise nicht so recht vorankommt.

Die Gegenwart spielt vor allem am Anfang und am Ende eine größere Rolle, so dass Lennon den Roman trotz dieser stellenweise auftretenden Gegenwartsschwäche als eine runde, größtenteils stimmige Sache gestaltet. Am Ende schafft er es, die Balance wieder herzustellen. Kern des Romans ist letztendlich die Lebensgeschichte von Postmann und die stellt Lennon ganz hervorragend dar. Thematisch ist dabei im weitesten Sinne mal wieder der viel beschworene amerikanische Traum ein entscheidendes Element, beziehungsweise sind es die Schwierigkeiten, selbigen im alltäglichen Leben zu verwirklichen.

Lennons Roman ist ein Sammelsurium verkrachter Existenzen, von denen jede auf eigene Art scheitert. Postmanns Mutter, die stets von einer großen Gesangskarriere geträumt hat, aber nur Auftritte in billigen Bars auftreiben kann. Postmanns Vater, der ein großer Wissenschaftler hätte werden können, der sich aber zunehmend in seinem Kellerlabor verkriecht und vom Familienleben kaum etwas mitbekommt. Postmanns Schwester, die ihre hart erarbeitete Schauspielkarriere nie so voranbringen konnte wie sie wollte. Und Postmann selbst, der anfangs zunächst einen vielversprechenden Weg mit seinem Studium eingeschlagen hat, der versucht alles richtig zu machen, aber im weiteren Verlauf schon an den kleinsten Dingen scheitert.

Für den Leser fällt Postmanns Scheitern unter Umständen ganz amüsant aus, denn gerade seine Figur ist so tragisch und komisch zugleich, dass man mal über ihn lachen kann, im nächsten Moment den Kopf schüttelt und ihn einen Idioten schimpfen will und im übernächsten Mitleid empfindet. Man kommt nicht umhin, Postmann mit all seinen Macken und eigenartigen Lebensweisen als schräg zu bezeichnen, und spätestens, wenn Postmann mutterseelenallein in der tiefsten Provinz Kasachstans hockt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Lennon skizziert die Figur liebevoll und detailreich, so dass der 605-seitige Umfang des Romans durchaus angemessen erscheint – gerade auch mit Blick auf Lennons etwas weitschweifige aber mitreißende Erzählweise.

Lennons Stil braucht ein paar Seiten, bis er sich richtig entfaltet, bis man sich voll und ganz auf Figuren und Handlungsorte einlässt, aber kommt er erst einmal in Fahrt, ist er dem Anschein nach nicht mehr zu bremsen. Auf Basis einer kleinen, nahezu belanglosen Romanfigur an einem verschlafenen Ort entsteht ein Roman, der überraschend tiefgreifend und weitsichtig ist. Lennon schmückt seine Betrachtungen von Postmanns verkrachter, fast schon mickriger Existenz mit philosophischen Fingerübungen und gesellschaftlichen Überlegungen und bereichert seinen Roman damit um eine weitere interessante Facette.

Dank seines gewitzten Umgangs mit der Sprache und seines feinsinnigen, teils schwarz angehauchten Humors übermittelt er seine Ansichten und Eindrücke nachhaltig. Lennon versteht es, treffende Vergleiche zu ziehen und mit seinen ausgeklügelten Formulierungen stets den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die Lektüre wird dadurch im Laufe der Zeit zu einem wahren Genuss. Nett verpackt in einem ironischen, gewitzten Ton, mit bildhaften Vergleichen und einer Prise Melancholie schafft es Lennon, den Leser auch sprachlich zu fesseln und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Lennon gelingt auf diese Weise eine lesenswerte Reflexion des Lebens an sich, mit all den glücklichen Momenten und all den Lebenslügen und dem verloren gegangenen amerikanischen Traum. Man kommt nicht umhin, auch nach der Lektüre immer mal wieder an Postmann zurückzudenken. Er wächst einem trotz aller Schrullen, trotz all der merkwürdigen neurotischen Züge, die er entwickelt, eben doch nachhaltig ans Herz.

Klappt man am Ende das Buch zu und lässt „Postmann“ noch einmal in Ruhe gedanklich Revue passieren, so lässt es sich kaum umgehen, beim Blick auf all das Lob und all die positiven Worte zu Lennons Roman zustimmend zu nicken. Es ist genau so wie der |Independent| schreibt, es gelingt Lennon tatsächlich „meisterlich, die Traurigkeit und Melancholie des Alltags einzufangen“. „Postmann“ ist ein Wechselbad der Gefühle, das mit zunehmender Seitenzahl an Dramatik und Tragik gewinnt und dabei stets ein wenig schräg, sonderbar und auf seine ganz eigene Art liebenswürdig bleibt. Lennons Stil überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer schon mit Freude Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen gelesen hat, für den könnte sich „Postmann“ als Glücksgriff entpuppen.

* Wobei wir nicht so spitzfindig sein und die Kompetenz des |Heyne|-Verlags mit Blick auf die amerikanische Literatur infrage stellen wollen, nur weil sie den Australier Max Barry in den Verlagsempfehlungen amerikanischer Szeneautoren auf der letzten Seite des Buches zum Amerikaner machen. Schließlich gehört Australien in [„Logoland“, 96 Barrys abgedrehter Utopie der globalisierten Welt von morgen, praktisch mehr oder weniger zu den USA. Also ist das gar kein Fehler, sondern höchstens vorausschauend …

Coupland, Douglas – Hey Nostradamus!

_Douglas Coupland_

Douglas Coupland wurde 1961 geboren und lebt heute in Vancouver. Seinen Durchbruch feierte er Anfang der 90er mit dem Kultroman „Generation X“. Es folgten die Romane „Shampoo Planet“, „All families are psychotic“, „Miss Wyoming“ und „Girlfriend in a coma“. Neben seinen fiktionalen Romanen veröffentlichte er auch Essays und Ähnliches, so auch „American Polaroids“ oder den Fotoband „City of glass“.

_Hey Nostradamus!_

Der Roman beginnt im Jahr 1988. Wir begegnen der Ich-Erzählerin Cheryl, die uns gleich zu Beginn eröffnet, dass sie tot ist. Wie es dazu kam, erzählt sie auf den folgenden Seiten. Cheryl wohnt in Vancouver und geht noch zur High School. Sie hat einen Freund namens Jason, er geht auch zur High School, ist im Gegensatz zu ihr aber in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Sie lieben sich, beide möchten miteinander schlafen, Jason will davor aber unbedingt heiraten, was sie heimlich auch tun. Cheryl wird daraufhin schwanger. Eines Tages kommt es darüber zum Streit. Am selben Tag stürmen maskierte Schüler die Cafeteria und Cheryl befindet sich mitten in einem Schulmassaker, dessen Opfer sie schließlich wird. Als sie stirbt, schreibt sie noch folgende Zeilen:

|“God is nowhere. God is now here“|

Jason beendet den Amoklauf, indem er einen der Attentäter mit einem Stein erschlägt. Ende des ersten Teils, jetzt springt die Geschichte zum Jahr 1999. Jason ist nun der Ich-Erzähler und schildert das Massaker aus seiner Sicht der Dinge. Wir erfahren eine Menge neuer Dinge; so wurde Jason beschuldigt, von diesem Attentat gewusst zu haben, weil er es schließlich auch beendet hatte. Cheryl wurde wegen ihrer Botschaft zur Heiligen hochsterilisiert und Reg, der Vater von Jason, sagte, dass sein Sohn zur Hölle fahren wird, weil dieser einen Attentäter umgebracht hätte. Egal ob er damit anderen das Leben gerettet hat, Mord bleibt Mord. Daran soll auch die Ehe von Jasons Eltern zerbrechen. Seine Noten werden schlecht und die Leute fangen an, ihn zu meiden. Zwar stellte sich die Vermutung, dass Jason am Amoklauf beteiligt war, als falsch heraus, aber ein bitterer Beigeschmack bleibt natürlich immer und so begegnet der Leser einem Jason, der seinen Glauben verloren hat, nie über den Tod seiner Jugendliebe hinweggekommen ist und versucht, irgendwie durchs Leben zu kommen. Er geht den Weg des geringsten Widerstands, folglich ist er weder auf beruflicher noch auf zwischenmenschlicher Ebene erfolgreich.
Es folgen darauf zwei weitere Kapitel, das dritte führt ins Jahr 2002, diesmal erzählt Heather, die neue Freundin von Jason. Seinen Abschluss findet die Geschichte 2003 aus der Perspektive von Reg, Jasons Vater, der nun auf der Suche nach seinem inzwischen verschollenen Sohn ist.

_Hey, LESENSWERT!_

Dieses Buch ist hervorragend, da es auf mehreren Ebenen funktioniert und die Charaktere so glaubwürdig und echt wirken. Sie sind typisch Coupland. Es sind Außenseiter, zumindest werden sie das. Trotzdem kann man sich sehr gut in sie hineinversetzen, da Coupland ihre Macken nicht überzeichnet und normal wirken lässt. Durch die Erzählperspektive findet man sich zudem in der Gedankenwelt der durchweg interessanten Charaktere wieder, was zur Identifikation beiträgt.

Thematisch spielt Religion eine ebenso große Rolle wie die Frage, ob es ein Schicksal gibt, ob alles im Leben schon vorbestimmt ist, was den Titel „Hey Nostradamus“ erklärt. Für mich steht aber im Mittelpunkt, wie ein einzelnes Vorkommnis, in diesem Fall ein Schulmassaker, das Leben so vieler Menschen für immer verändert, ihr Leben sozusagen steuert. Damit sind nicht nur die Menschen, die direkt etwas mit Cheryl zu tun hatten, gemeint, sondern auch Menschen, die sie nie kannten. Jasons Leben wurde zum Beispiel extrem durch den Tod der Jugendliebe geprägt, die Ehe seiner Eltern ging deswegen auseinander und Heather, die nie etwas mit Cheryl zu tun gehabt hat, soll trotzdem dadurch beeinflusst werden, weil sie eine Beziehung mit Jason eingeht. Man kann aber noch so vieles in diesem Roman finden; so könnte man im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Jason die Rolle der Medien diskutieren, aber auch unsere Gesellschaft im Allgemeinen, die jemanden nur aufgrund von Vermutungen verurteilt.

Genazino, Wilhelm – Liebesblödigkeit, Die

Der Trend geht eindeutig zur Zweitfreundin, jedenfalls wenn man dem Protagonisten aus Wilhelm Genazinos aktuellem Roman „Die Liebesblödigkeit“ Glauben schenken mag. Wieso sollte der Mensch sich auch mit nur einem Partner zufrieden geben, wenn sogar von ihm erwartet wird, dass er beide Eltern liebt und sich dabei nicht auf einen Elternteil beschränken darf? Diese und andere philosophisch angehauchten Fragen sind Thema der „Liebesblödigkeit“ – ein Buch, das schon durch seinen sympathischen Titel zum Kauf verlocken kann. Erst im vergangenen Jahr wurde Wilhelm Genazino mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und selbst das „literarische Quartett“ hatte nur Worte des Lobes für Genazino übrig; so begann der Verkauf seines neuesten Werkes mit vielen Vorschusslorbeeren.

Der alternde Ich-Erzähler der „Liebesblödigkeit“ hat bereits seit einigen Jahren zwei Freundinnen parallel, die voneinander nichts wissen. Auf der einen Seite wäre da Sandra, die als Sekretärin arbeitet und sich um die Altersvorsorge ihres Partners sorgt und ihn deswegen gerne heiraten möchte, auf der anderen Seite steht Judith, die gescheiterte Konzertpianistin, die nun als Nachhilfelehrerin ihr frustriertes Dasein fristet und den lieben langen Tag in der Straßenbahn sitzt, um von einem Schüler zum nächsten zu fahren. Beide Frauen bevorzugen Lebensweisen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, sodass es dem Ich-Erzähler ermöglicht wird, sein Doppelleben gefahrlos aufrechtzuerhalten. Doch nun spürt er die ersten Erscheinungen des Alterns, die Krampfadern schmerzen mehr denn je und beeinträchtigen bereits den Sex im Liegen und auch sein Urin sah schon einmal besser aus. In dieser Situation kommen ihm erstmals Gedanken an die Trennung von einer der beiden Frauen. Denn was wäre, wenn er plötzlich ins Krankenhaus müsste und Sandra und Judith sich dort begegnen würden? Eine Entscheidung muss her, denn er kann nicht mehr länger mit beiden Frauen ein Verhältnis haben, auch wenn dieses Arrangement doch so praktisch ist. Als Sandra ihm schließlich einen Heiratsantrag macht, gerät unser Frauenheld in eine Zwickmühle.

Finanziell hält der Ich-Erzähler sich mit Seminaren über die Apokalypse über Wasser, ein Thema, das aktueller denn je zu sein scheint, sodass sich seinem Seminar in der Schweiz kurzentschlossen einige Rentner anschließen, um seinen spannenden Vorträgen lauschen und mit ihm über apokalyptische Themen diskutieren zu können. Den Erzähler erfreut dies, sichern die neuen Seminarteilnehmer ihm doch freie Kost und Logis im Hotel.

Gleichzeitig beobachtet der Erzähler genauestens seine verkommende Umwelt und kommentiert diese mit meist scharfen Worten. Auf diese Weise wird zunehmend das Elend dieser Welt deutlich, das sich oft schon in den kleinen Gesten widerspiegelt. Nebenbei tauchen immer wieder skurrile Gestalten wie Schockforscher und auch Ekelreferenten auf, die mit ihren gewagten Thesen die Welt verbessern wollen. Im Laufe der Geschichte gibt der Erzähler darüber hinaus viele Informationen über sich und seine Vergangenheit preis, der Leser lernt seine Exfrau Bettina kennen und erfährt die Gründe für das Scheitern ihrer Ehe. Am Ende des Buches steht schließlich die wichtige Entscheidung über seine Zukunft aus …

Schon mit den allerersten Sätzen beweist Wilhelm Genazino sein überragendes Erzähltalent, punktgenau und präzise weiß er sämtliche Situationen und Personen zu beobachten und zu analysieren. Dabei entgeht keine Kleinigkeit seinem scharfen Auge, jede noch so vermeintliche Nebensächlichkeit findet eine Erwähnung und trägt zum Gesamtbild des Romans bei. Genazino zeichnet ohne Scheu und Rücksichtnahme ein ehrliches und teilweise sogar abstoßendes Bild von einem gescheiterten Apokalypseexperten, der seine Seminare geben muss, bis er tot umfällt, weil er sich nicht um seine Altersvorsorge gekümmert hat. Selten habe ich eine so gelungene Charakterstudie in einem Roman wiedergefunden wie in diesem, denn durch die schonungslosen Beobachtungen unseres Erzählers lernen wir mehr über ihn, als ihm lieb sein wird. In jeder noch so peinlichen und unangenehmen Situation ist der Leser dabei, sei es der Kauf der ungeliebten fleischfarbenen Stützstrümpfe oder die genaue Beobachtung seines wandelbaren Urins, nichts wird uns vorenthalten. Auch die beiden Lebenspartnerinnen werden detailliert vorgestellt und kritisiert. Wie bricht es dem Erzähler doch fast das Herz, als ihm Sandra stolz ihre talentlosen Bilder vorführt und er peinlich berührt daneben steht und diese gar nicht ansehen mag. Kein Fehler, keine Charakterschwäche wird verschwiegen, die Personen werden regelrecht seziert. Auch für seine Seminarteilnehmer hat der Erzähler oft nur Spott übrig. So versucht er immer wieder, diesen anderen Menschen zu entkommen, um seine Ruhe zu haben.

Genazino spielt mit den Sympathien der Leser, denn als Sandra bereits wie die sichere Siegerin im Liebesduell aussieht, zeigt sie ihre selbstgemalten Bilder und beweist ihr fehlendes kulturelles Verständnis, während Judith gerade auf diesem Gebiet punkten kann. Immer wieder schwankt der Leser hin und her, fiebert mal mit Sandra mit, mal mit Judith. Bis zum Schluss scheint die Entscheidung offen zu sein, wobei Sandra doch der wesentlich größere Raum im Buch zugestanden wird. Obwohl der Erzähler schonungslos ehrlich dargestellt wird mit all seinen Verfehlungen und Ansichten, werden dennoch Sympathien für ihn aufgebaut. Seine Handlungsweisen werden dem Leser verständlich gemacht, seine beiden Liebschaften werden nachvollziehbar, wie ich mir dies nie hätte vorstellen können. Der Erzähler wirkt immer mehr wie eine geradezu armselige Gestalt, die weiß, dass sie gescheitert ist. Eine Identifikation mit dem Erzähler ist über weite Strecken nicht möglich, trotzdem findet man immer wieder eigene Gedanken im Text wieder, oftmals kann man den tragischen Helden irgendwo verstehen.

Die beschriebenen Situationen muten meist völlig skurril an, besonders das Apokalypseseminar in der Schweiz springt dem Leser hierbei ins Auge. Während der Erzähler sich vorher lieblos überlegt, welche Thesen er in seinen Vorträgen anbringen kann, sind seine Seminarteilnehmer restlos begeistert. Als Leser wird man allerdings nie den Eindruck los, dass der Erzähler für seine Mitmenschen oft nur Spott und Mitleid übrig hat. Ganz am Rande lässt er den Gedanken fallen, dass er sich ebenso gut in ein anderes Themengebiet einlesen könnte, aber die Apokalypse ist beliebt und läuft gut, warum also sollte er umschwenken auf ein anderes Seminarthema? Die Apokalypse ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, seine persönliche Überzeugung kann er jedoch gut verbergen. Trotz all der Skepsis bleibt der Erzähler von seinen apokalyptischen Studien offensichtlich nicht ganz verschont, denn häufig dringen seine gesundheitlichen Ängste durch und wir gewinnen den Eindruck, dass die Hauptfigur sich wohl etwas zu viel mit der Apokalypse beschäftigt hat.

Auch sprachlich weiß Genazino auf ganzer Linie zu überzeugen, seine Sätze klingen ausgereift und überzeugend, seine Geschichte ist einfach nett und sympathisch geschrieben. „Die Liebesblödigkeit“ ist ein kleines aber feines Stück Literatur, das leicht zu lesen, aber nicht leicht zu verdauen ist. So schnell das Buch auch durchgelesen ist, so schnell ist es noch lange nicht vergessen, denn nach Zuklappen des Buches schwirren uns viele Gedanken über das eigene Leben und die Gesellschaft durch den Kopf, sodass das Buch noch lange nachwirkt. „Die Liebesblödigkeit“ ist nicht einfach zu konsumieren, auch über das Ende sollte man nachdenken, um herauszufinden, was Genazino damit sagen möchte. Für mich ist dieser Roman dadurch schon jetzt die persönliche Entdeckung des Jahres. Wie oft habe ich beim Lesen schmunzeln müssen über die Eigenarten der Figuren, wie gut habe ich mich unterhalten gefühlt, dieses Buch werde ich sicherlich bald ein zweites Mal lesen.

„Die Liebesblödigkeit“ erzählt auf den ersten Blick eine nette kleine Geschichte über das Leben und die Liebe, die aber schon auf den zweiten Blick deutlich mehr zu offenbaren hat. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr die Frage nach der Trennung von einer Frau. Dieser Punkt ist nur einer von vielen, denn im Leben des Erzählers liegt mehr im Argen als nur seine |ménage à trois|. Wilhelm Genazino beweist neben seinem hervorragenden Erzähltalent auch eine scharfe Beobachtungsgabe, die nicht nur den Charakterzeichnungen zugute kommt, sondern auch für eine besondere Plastizität des gesamten Geschehens sorgt. Die auftauchenden Figuren werden teilweise richtiggehend seziert und absolut schonungslos vorgestellt. Dieser Roman hat zwar nur etwas mehr als 200 Seiten und ist zügig durchgelesen, dennoch wirkt die Erzählung lange nach. Hinter diesem fast seichten Buchtitel und kindlich wirkenden Buchcover versteckt sich eine fein erzählte Geschichte, in der es viel zu entdecken gilt. So bleibt am Ende eigentlich nur festzustellen, dass Genazino sich seine Vorschusslorbeeren vollauf verdient und seine Leserschaft absolut zufrieden gestellt hat. Nur ein einziger kleiner Wehmutstropfen bleibt zurück, denn das Ende des Romans kommt ein klein wenig zu plötzlich und an einem Punkt, an dem der Leser den tragischen Erzähler lieb gewonnen hat und gerne mehr über seine Zukunft erfahren möchte.

Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein

Ich habe geweint. Ganz ehrlich. Als die Geschichte zu Ende war, kullerten mir Tränen die Wangen hinunter. Das war mir noch nie passiert. Im Kino ja. Man kommt nicht umhin, hier und da mal auf die Tricks des Hollywoodkinos hereinzufallen und in die Gefühlsfalle zu tappen. Aber bei einem Buch? Nein, bei einem Buch war mir das noch nie passiert. Nur bei Anna Gavaldas neuem Roman „Zusammen ist man weniger allein“. Dabei drückt sie doch gar nicht auf die Tränendrüse, hebt keine hinterhältigen Gefühlsfallen in einem kitschbehangenen Plot aus und winselt nicht um Mitleid für ihre schicksalsgebeutelten Figuren. Warum also gleich anfangen zu heulen? Eine schwierige Frage, also verliere ich vielleicht lieber erst einmal ein paar Worte zur Handlung.

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Marlen Haushofer – Die Wand

Die Phantasie der Menschen regt sich schaudernd, aber neugierig, wenn die Frage in den Raum geworfen wird: Was wäre, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst? Die Antworten auf diese Frage könnten unterschiedlicher und teilweise dümmer nicht sein. Wenn man der letzte Mensch auf dieser Welt ist, muss man alle Handwerksberufe in sich vereinen, um zu überleben. Strom, Heizung und warmes Wasser gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Arzt, der Krankheiten heilt, keinen Bäcker, bei dem man Brötchen kaufen kann, es gibt nicht mal jemanden, der einem zuhört.
Entweder lernt man, mit der Natur zu leben oder man gibt sofort auf und sucht sich einen Baum mit einem starken Ast, der sehr hoch ist.

Die Protagonistin aus Marlen Haushofers „Die Wand“ gibt nicht auf. Sie ist zu Besuch bei ihrer Kusine und deren Mann. Sie ist zu Besuch in einem Jagdhaus, das in einem Kessel liegt, umringt von Bergen und Wald. Sie ist zu Besuch, als die Wand sie vom Rest der Welt trennt und sie zur wahrscheinlich einzigen Überlebenden macht. Ihre Kusine und deren Mann sind ins Dorf gegangen und als sie nicht wieder zurückkommen, macht sie sich in Begleitung des Jagdhundes Luchs auf den Weg und stößt auf eine unsichtbare Barriere, die einfach so da ist. Ohne Sinn, ohne Logik und vor allem ohne Erklärung.
Im ersten Moment völlig verwirrt, hält sie die Wand für eine Illusion, eine Sinnestäuschung, wieder einen Moment später ist die Wand eine militärische Waffe, eingesetzt von einer unbekannten Siegermacht, die sicherlich bald feststellen wird, dass sie irgendetwas nicht verstanden hat und nicht da sein dürfte, wo sie jetzt ist: Auf der anderen Seite der Wand. Auf der Seite, wo alles lebt, wo Vögel ohne Vorwarnung gegen die Wand geflogen sind und jetzt halb zerfetzt am Boden liegen. Auf der Seite, wo die Vögel nicht einfach so vom Himmel gefallen sind und die Menschen nicht in ihrer letzten Haltung erstarrt sind, als wäre plötzlich die Atmosphäre verschwunden. Auf der Seite, wo Luchs nun ihr einziger Freund wird und Angst ihre größte Herausforderung.

Als sie den Bericht beginnt, lebt sie bereits mehrere Jahre alleine im Jagdhaus. Sie glaubt nicht, dass ein menschliches Auge ihre Worte jemals lesen wird. Sie schreibt, um sich einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren, sieht sich aber selbst, wie sie eines Tages das Geschriebene findet und es animalisch zerfetzt. Sie schreibt auf alte Kalenderrückseiten, um nicht wahnsinnig zu werden.
Innerhalb kurzer Zeit wird Luchs vermenschlicht. Auch die alte Katze, die sich eines Tages bei ihr einnistet, wird zum Menschersatz. Zusammen mit der Kuh Bella, die sie auf einem Erkundungstrip findet, schmelzen die drei zu einer neuen Familie zusammen.
Ihre echte Familie existierte sowieso schon lange nicht mehr. Ihr Mann war vor mehreren Jahren gestorben, ihre Kinder waren längst erwachsen und ihr komplett entfremdet, als die Wand die Scheidung endgültig machte. Sie mochte ihre Kinder als Erwachsene sowieso nicht leiden. In ihrer Erinnerung bleiben sie klein und brauchen ihre Mutter noch. Nun brauchen die Tiere sie. Die Kuh stellt sie alleine vor große Probleme. Sie braucht einen Stall und nach kurzer Zeit keimt der Verdacht auf, dass das Tier trächtig ist.
Sie muss sich um Nahrung kümmern. Sie hasste es schon immer, Tiere zu töten, doch nun ist sie gezwungen, auf die Jagd zu gehen. Dankbar für einen kleinen Vorrat an Bohnen und Erdäpfeln, beginnt sie den Ackerbau zu lernen. Sie lernt, an Rückschlägen, an ihrer mangelnden Kraft, Intelligenz und Courage nicht zu verzweifeln, sondern erneut das Haupt zu heben und verbissen weiterzumachen. Sie lernt das Überleben für sich und ihre Tiere. Und um sie herum hält die Wand, hinter der es offenbar kein Leben mehr gibt, den Tod von ihr fern.

Sie hat keinen Namen, denn in einer Welt, wo sie niemand mehr rufen kann, ist ein Name bedeutungslos geworden. Bedeutung haben nur noch der Wald, die Tiere und ihre Gedanken, die in ihrem Erlebnisbericht herumspringen wie Flöhe auf einem Hundefell. Ihre Worte sind einfach – sie selbst hält sich für eine Frau durchschnittlicher Intelligenz. Doch gerade diese Einfachheit ist schmerzhaft eindringlich. Ihre sprunghafte Analyse der zwei Leben, vor und nach der Wand, klingt hart und abgestumpft und ist doch nur ein Resultat der Distanziertheit – wer soll ihr schon einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Kinder als heranwachsende, gefühlskalte Monster sieht? Sie fühlt sich befreit von den Zwängen und Regeln, die andere Menschen ihr aufgedrückt haben. Es gibt keine Menschen mehr und nun kann sie sich selbst die Wahrheit eingestehen: Irgendwie ist die Wand doch das Beste, was ihr widerfahren konnte.

Doch Menschen können nicht ohne andere Menschen leben. So werden die Tiere ihre Gefährten. Der Hund, der ihr bedingungslos vertraut und sie beschützt, sie aufmuntert, sie rüffelt. Die Katze, die launisch mit Zuckerbrot und Peitsche spielt und sie emotional am meisten berührt. Die kleinen Katzen, die ihre Kinder werden und ihr alle wieder genommen werden. Sie nimmt sich vor, ihr Herz nicht wieder zu verlieren und kann doch nichts gegen den nächsten Wurf unternehmen. Sie lernt, dass Abschied nehmen nun einmal mit ihrem neuen Leben untrennbar verbunden ist.
Bella, die Kuh, die ihr größtes Sorgenkind und ihre Nährmutter ist. Bella, die ihr Stier als neuen Sohn gibt, um den sie sich kümmern kann. Bella ist Segen und Fluch zugleich, denn gerade die Kuh zeigt ihr mit ihren Anforderungen, wie klein und schmächtig und unzulänglich sie ist. Und gerade die Kuh treibt sie immer wieder an, noch mehr zu schaffen.

Marlen Haushofer veröffentlichte „Die Wand“ im Jahre 1963. Zu dem Zeitpunkt war sie 43 Jahre alt, verheiratet, geschieden und mit dem gleichen Partner erneut verheiratet. Sie hatte bereits die Novelle „Das fünfte Jahr“ veröffentlicht, für die sie mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Mit „Die Wand“ schuf sie ihr Lebenswerk.

Eingezwängt von den Erwartungen ihrer Familie, floh sie sich ins Schreiben, schuf sich ihre Wand, die sie gegen die Menschen abschottete. In der Natur und in ihrer Arbeit fand sie vorübergehende Erfüllung – wie ihre Heldin in dem Roman. Ihre Sprache ist trostlos und wunderschön, teilt Empfindungen in ihrer höchsten und reinsten Form mit. Der Leser wird mit einer Identitätskrise konfrontiert, die ihn selbst tief erschüttert und ihm zeigt, wie sinnlos und töricht die meisten menschlichen Wünsche und Erwartungen sind. Natürlich kommt unterschwellig die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Tragen und das ist bei diesem Roman äußerst legitim. Denn „Die Wand“ zeigt eine neue Einschätzung des Lebens, die unweigerlich zum Nachdenken führt. Hinzu kommt eine unheimliche, düstere Atmosphäre, die schwermütig und hoffnungslos ins Gehirn des Lesers schleicht und gleichzeitig doch von so viel Freiheit und Schönheit spricht, dass einem das Herz noch schwerer wird.

Marlen Haushofer starb im März 1970 an Krebs. „… ein Abschied ohne Bedauern, sachlich-entrückt: fixiert in ihrem geistigen Vermächtnis, luzid ob seiner Erkenntnis und Selbsterkenntnis:
‚Mach dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir. Vielleicht hast du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.'“ (Zitat aus dem Nachwort von Klaus Antes)

„Die Wand“ ist das einzige Buch, das ich bisher von der österreichischen Autorin gelesen habe, aber dafür geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Nur wer wirklich an hoher literarischer Kunst interessiert ist, an einer Psychoanalyse auf poetischem Niveau, nur der sollte dieses Werk zur Hand nehmen und sich auf einen einzigartigen Ausflug in ein Jagdhaus in einem Kessel zu Füßen von Bergen und mitten im Wald, ganz allein mit sich und einigen herzgewinnenden Tieren, begeben. Denn so könnte es sich anfühlen, der letzte Mensch auf der Welt zu sein.

James Bradley – Wrack

Ein alter Mann erzählt von einem verschollenen Entdeckerschiff, will aber vor allem Zeugnis über sein Leben und einige düstere Geschehnisse ablegen … – Vorgeblich ist dies eine Abenteuergeschichte mit Krimi-Elementen, was der Verfasser geschickt als Köder für seine Leser einsetzt, denn primär geht es hier tatsächlich um eine Lebensgeschichte, die jedoch sowohl spannend als auch so geschrieben ist. James Bradley – Wrack weiterlesen

Ellen Sandberg – Das Unrecht

Annett lebt ein glückliches Leben: Mit ihrem Mann Volker steuert sie auf die Silberhochzeit zu, und die beiden Kinder sind bereits aus dem Haus und stehen selbst mitten im Leben. Nur beruflich macht sie gerade eine Durststrecke durch: Sie bewirbt sich in einem Bamberger Verlagshaus um eine Stelle als Mediengestalterin, da ihre alte Stelle nur eine befristete Elternzeitvertretung war. Sie hat kein gutes Gefühl bei dem Vorstellungsgespräch, auch wenn sie den Job zu gerne hätte.

Um sie aus ihrer Verzweiflung zu holen, bietet ihr Mann Volker, der erfolgreich als Makler arbeitet, eine Stelle in seinem Büro an, die nach dem Selbstmord einer Mitarbeiterin noch nicht neu besetzt ist. Annett zögert: Sie ist zwar glücklich mit Volker, aber Tag für Tag zusammenarbeiten mag sie nicht mit ihm, außerdem sucht sie eine Stelle in einem anderen Bereich.

Um sich selbst zu finden, nimmt sie sich eine kurze Auszeit und fährt in ihre frühere Heimat Wismar. Doch dort reißen alte Wunden auf. Annett denkt an alte Zeiten zurück, an die Clique von fünf Freunden, die im Sommer 1988 viel Zeit zusammen verbracht hat. Und sie denkt an Mischa, mit dem sie einen Sommer lang sehr glücklich gewesen ist.

Inzwischen weiß sie, dass einer der Clique zum Verräter wurde, der vieles zerstört und auch Annetts Leben in ganz neue Bahnen gelenkt hat. Mit 28 Jahren Abstand möchte sie nun herausfinden, was damals geschehen ist – sie ahnt nicht, welche Flut von Ereignissen sie damit herauf beschwört…
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Régine Deforges – Lola. Erotische Variationen

Pariser Frauen im Liebeskampf

„Lola“ erzählt 13 Geschichten von Liebe und Wollust, von Verführungen und Verirrungen, Träumen und sinnlichen Genüssen, heimlichen Wünschen und Ausbrüchen wilder Leidenschaft – Geschichten von den Frauen einer Stadt, die wie keine andere mit den Liebenden im Bunde ist. (Verlagsinfo)
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Régine Deforges – Das Unwetter. Erotischer Roman

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?

Er schreibt:

„Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“

Der Leser ist gewarnt.
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Buschheuer, Else – Masserberg

_Elses Zauberberg_

„Masserberg“ ist sowohl ein erotischer „Zauberberg“ als auch ein spannender Stasi-Roman. Die Autorin von [„Ruf! Mich! An!“ 1338 kehrt sich hier ab von ihrem erotischen Szene-Thriller und wendet sich weitaus ernsteren Themen zu, weiß diese aber auch in ernst zu nehmender Form zu präsentieren. Die Themen sind sowohl höchst intim und privat, doch selbst das Privateste war der Stasi ja auch eminent politisch. Vielleicht hilft dieses Buch, die Bewohner des ehemaligen anderen deutschen Staates besser zu verstehen.

_Handlung_

Die 17-jährige Melanie Tauber tritt im Frühjahr 1984 einen Klinikaufenthalt in Thüringen an, um ihre Augenkrankheit, eine „Iridozyklitis“, behandeln zu lassen. Die Klinik auf dem Lerchenberg ist so etwas wie der „Zauberberg“, nur eben für die DDR-Gesellschaft, fünf Jahre vor dem Fall der Mauer. „Einmal Masserberg, immer Masserberg“ wird sie von den halb blinden Omas auf ihrem Zimmer begrüßt.

Na toll, denkt sie sich und macht sich sofort daran, ihren diversen Verehrern daheim zu schreiben. Die besorgen ihr schöne Sachen zum Anziehen und zum Schminken, so dass Mel in der Einheitsarchitektur der Klinik aussieht wie ein kecker Paradiesvogel – und entsprechend viel Neid, Missgunst und Geilheit weckt. Ihre Weigerung, sich lebendig begraben und reglementieren zu lassen, ruft diverse Ordnungs- und Überwachungskräfte auf den Plan, allen voran „der Marxist-Leninist“, der sich durch sein Sächseln lächerlich macht. Aber auch der kubanische Arzt Carlo Sanchez hat ein Auge auf Mel geworfen – in jeder Hinsicht …

Einige von Mels fernen Verehrern sind mit den Vorbereitungen der Flucht in den Westen beschäftigt. Die Stasi, so zeigt sich, hat ein Auge auf die Verbindung zu Mel und aktiviert daher ihren „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) „Skalpell“, um mehr darüber herauszufinden. IM Skalpell heißt mit bürgerlichem Namen Carlo Sanchez. Wegen einer dummen Geschichte, die mit der Beleidigung eines Honecker-Porträts zu tun hat, geriet er in die Klauen der Stasi: „Entweder Sie arbeiten für uns und wir bezahlen Sie, oder Sie gehen zurück nach Kuba.“ Sanchez‘ Leben ist fortan eine einzige Lüge.

Was Sanchez nicht vorhersehen kann: Er, der verheiratete Ehemann, verliebt sich bis über beide Ohren in die freche neue Patientin, besonders nachdem er sie bei ihren frühmorgendlichen Sprechproben gesehen hat. Sie probt klassische Gedichte, und zwar trägt sie diese mit einer solchen Inbrunst vor, dass selbst ein IM beeindruckt ist.

Es kommt, wie’s kommen muss. Auch Mel verguckt sich in den Arzt, der so ganz anders aussieht und sich verhält als der Rest der Belegschaft. Sie treffen sich zu Stelldicheins im Wald, und es ist eine Freude mitzuerleben, wie Mel, die zusehends schwächer wird und schon Schlaftabletten für ihren Selbstmord hortet, wieder aufbüht. Nach angemessener Zeit merkt sie, dass sie schwanger ist und will „ihren“ Arzt am 18. Geburtstag heiraten. Doch Sanchez ist durch die Stasi-Forderungen in einen Gewissens-, nein, in einen Herzenskonflikt geraten: Er soll Mel verraten und ihr Tagebuch besorgen. Es kommt, wie’s kommen muss: nämlich zu einer Katastrophe.

_Beobachtungen_

„Masserberg“, das weiß die Autorin auch, ist zu einem Gutteil „Zauberberg“ von Thomas Mann, also ein Brennglas der damaligen Gesellschaft, verarbeitet aber auch zahlreiche eigene Erfahrungen und Erlebnisse der Autorin. So tauchen darin nicht nur Todkranke auf, sondern auch quicklebendige Originale, deren Dialekt (Itzgründisch etc.) schon fast ausgestorben ist.

Buschheuer wurde 1965 in Eilenburg bei Leipzig geboren, war Thälmann-Pionier, FDJlerin, Mitglied des Rundfunk-Kinderchores Leipzig, dann aber auch Punk, Ehefrau (ein neuer Beruf?), Kartenabreißerin, Marktverkäuferin, Bibliothekarin, Buchhändlerin, Klatschkolumnistin, Reporterin, Redakteurin, Autorin und Fernsehansagerin. Heute ist sie bekannt als Autorin und Wetterfee bei Pro Sieben und N24. Dass sie selbst einmal Patientin in Masserberg war – „für einige sehr prägende Wochen“ sagt sie im Interview – hat sicher viel zum realistischen Eindruck beigetragen, den ihre Schilderung dieses Ortes vermittelt.

Nach dem Lesen des Buches konnte ich mir eine genauere Vorstellung von diesem fremden Land und seiner noch fremderen Gesellschaft machen. Ich erinnerte mich an eigene Bekannte in Magdeburg und Thüringen, die ich etwa zehn Jahre nach der Masserberg-Zeit kennen lernte. Die DDR-typischen Produkte waren bereits verschwunden, doch die baufälligen Häuser und Kirchen erinnerten noch an den allgemeinen Zerfall dieses Landes. Die Autorin gibt die Zustände genau wieder, wichtiger sind aber die psychische Verfassung der Behördenvertreter (Stasi usw.) und noch viel mehr die der davon Unterdrückten.

Für meinen Geschmack musste ich ein wenig zu lange auf den Beginn der Liebesaffäre zwischen Mel und Sanchez warten – sie beginnt erst nach Seite 100 – und so steckte ich eine Zeit lang in der Mitte fest. Nach einem neuen Anlauf aber zeigte sich, dass sich von hier an die Handlung erheblich beschleunigte und besonders durch die Enttarnung des Stasi-Hintergrundes von Sanchez eine Spannung aufbaute. Da war klar, dass diese Story in eine Katastrophe münden würde, aber es war nicht klar, ob Mel, die ich schon lieb gewonnen hatte, überleben würde.

_Fazit_

Für „Masserberg“ sollte man Geduld mitbringen. Es ist ganz anders als ihr erster Bestseller. Es gibt zwar auch komische Szenen und viel Ironie, aber die ernsten, realistischen Szenen überwiegen bei weitem.

Denn ebenso wie „Zauberberg“ ist ihr Buch ein Buch über Leiden. Es ist die Passion eines DDR-Teenagers, der stellvertretend für die junge Generation eines totalitären Staates steht. Insofern verkörpert Mel die Zukunft dieses Landes. Doch die Verhältnisse, sie erlauben diese Zukunft nicht. Und so bangt der Leser von Anfang an um Mel und ihre Gesundheit, aber auch um ihre Freiheit. Dies auf integre Weise vermittelt zu haben, ist keine geringe Leistung.

Warner, Alan – Hin und weg

_Die ravende Maria_

Die schottische Literatur erlebt eine Renaissance, nicht erst seit „Trainspotting“ von Irvine Welsh. Alan Warners Roman „Hin und weg“ kontrastiert die herbe schottische Alltagsrealität mit der abgehobenen Musikwelt der Raver an der Costa del Sol. Und er hat die – vielleicht utopische – Hoffnung, dass die Transformation einer Frau durch den Rave vielleicht etwas Positives zu den schottischen Verhältnissen beitragen könnte.

_Handlung_

Morvern ist eine ganz normale Arbeitssklavin im örtlichen Supermarkt, wo sie sich den Arsch abrackert. In diesem Hafennest an der schottische Küste gibt es nicht mehr allzu viele Jobs. Das Waisenkind, das mit seinem Freund zusammenlebt, macht jeden Abend in den Kneipen mächtig einen drauf. Ihre beste Freundin Alannah unterstützt sie dabei nach Kräften. Morvern kennt sie alle, die Kollegen ihres Pflegevaters bei der Lokalbahn, die so köstlich derbe Witze erzählen. So kann sie kostenlos auf der Lok mitfahren und ein bisschen rauskommen.

Eines Morgens kippt ihr Freund, der Schriftsteller, im Badezimmer tot um. Schädelbruch oder so was. Während amerikanische Teenager nun einen Schreikrampf nach dem anderen bekommen würden, behält Morvern die Nerven und geht erstmal ordentlich zur Arbeit. Am Abend macht sie wieder einen drauf, diesmal inklusive Sex mit Männern. Morvern nimmt, was sie kriegen kann.

Natürlich muss die Leiche weg. Dafür gibt es den Dachboden. Sehr praktisch ist im Winter der fallende Schnee, der dafür sorgt, dass die Leiche nicht verfault, wenn sie auf der Tischplatte der Modelleisenbahn liegt. Aber wehe, der Frühling kommt oder die Handwerker, um den Schornstein zu reparieren! Das kann einem schon mal die Fahrprüfung versauen.

Doch Glückes Geschick! Ihr verblichener Ex-Freund hat ihr ein Romanmanuskript hinterlassen, das Morvy unter ihrem eigenen Namen an Londoner Verlage schickt. Mit einem satten Vorschuss von 2500 Pfund Sterling düsen sie und Lanna ab an die Costa del Sol und raven sich den Arsch ab, bis sie vor Musik, Bier und Ecstasy nicht mehr wissen, wie sie heißen. Doch was die Animateure unter „Unterhaltung“ verstehen, trifft nicht so ganz Morvys Geschmack: Badesachentausch im Sack mit anschließendem Wettschwimmen vor der Videokamera (wohlgemerkt: die Frauen oben ohne, die Männer im Bikini …). Morvy macht die Fliege.

Quasi als Ausgleich bestattet sie die Einzelteile der eigenhändig zersägten Leiche vom Dachboden, indem sie sie in den Bergen begräbt. Nach so viel Arbeit tut Nacktbaden im Bergbach richtig gut! Sie schmeißt ihren Job, als sie ihren Ex auch noch beerben darf: Wow, weitere 44.000 Pfund Sterling! Störend ist eigentlich nur, dass ihr Lanna erzählt, sie habe es kürzlich noch mit Morvys Ex getrieben, von dem sie glaubt, er sei verreist. Genauer gesagt, so rechnet Morvy nach, am Abend vor dessen Hinscheiden …

Dicke Luft hängt also zwischen beiden, als es wieder in den sonnigen Süden geht, zum Raven. Allerdings setzt sich Morvy diesmal ab, um es ruhiger angehen zu lassen. Sie trifft die Lektoren ihres Londoner Verlags und macht schon wieder einen drauf.

Erst in ihrem nächsten Urlaub findet sie endlich zu sich selbst. Und so kommt es, dass eines Abends eine schwangere junge Schottin im Schneefall über den Bergpass nach Hause kommt – wie weiland Maria nach einer langen Reise aus Ägypten.

_Fazit_

„Movern Callar“ ist von einer flott zu lesenden, eingängigen Einfachheit, die das Auge täuscht. Warners Sätze kommen so simpel und schnell daher wie ein Pferd im Galopp, dass man darüber vergisst, was er nicht sagt. Das schwarze Loch, der blinde Fleck in dieser Erzählung ist die Gestalt der Mutter. Morvy hat ihre Mutter, eine von Spaniern abstammende Schottin, nicht gekannt, nur ihre Pflegemutter. Kein Wunder, dass sie sich selbst in erster Linie dem Vergnügen verpflichtet fühlt, eine befreite junge Frau. Die Mutterrolle ist keine Option.

Erst der Tod ihres Ex und das Sichverlieren im sonnigen Süden führen Morvern zu sich selbst. Sie schläft nicht mehr mit Männern, dafür registriert sie fasziniert, wie der Glaube an die Muttergottes die menschliche Gemeinschaft an ihrem spanischen Urlaubsort zusammenhält und ihr Identität verleiht. Hier sind offenbar ihre Wurzeln und ein Humus. Zwar dauert es noch drei Jahre, bis sie selbst Mutter wird, doch der Weg ist vorgezeichnet.

Das Buch erzählt uns, wie Frauen als Mütter für die Kontinuität in einer menschlichen Gemeinschaft sorgen. Zumal in der Gemeinschaft eines vom Aussterben bedrohten schottischen Dorfes. Hier werden die Männer – etwa ihr Pflegevater – ebenso von den Bessergestellten (den „Sassenachs“) – betrogen wie die anderen Frauen in Morvys Alter um ihre Jugend. Keine Zukunft, keine Hoffnung. Sollte man meinen.

Hier bringt sich die neue, geläuterte Morvern ein. Sie macht ihrem spanischen Familiennamen Callar – es bedeutet so viel wie „ruhig sein, schweigen“ – alle Ehre. Sie raucht nicht und hat das Trinken aufgegeben. Sie ist fähig zu beten, als sie an einem Altar steht. Als sie in ihre Heimat zurückkehrt, kehrt nach einem Stromausfall auch das elektrische Licht wieder zurück …

Dies ist beileibe kein religiöses Buch, wie Morverns Umgang mit der Leiche zeigt. Aber es findet in der Religion Vorbilder und einen verbindenden Glauben, die Hoffnung ermöglichen. Und nicht nur die Kirche kann hier Glauben verkörpern, sondern offenbar auch Rave. Von solchen Musiktiteln ist der ganze Roman durchzogen, und man sollte sie vielleicht kennen, um die Hauptfigur vollständig zu verstehen. Das musikalische Leitmotiv wird bis zur Schlussszene durchgehalten. Dadurch mutet das Buch an keiner Stelle altmodisch an, sondern stets modern. Und im Gegensatz zu „Trainspotting“ zeigt es keine abgründigen, völlig fertigen Existenzen, sondern vielmehr eine Entwicklung zum Positiven.

|Originaltitel: Morvern Callar, 1995
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Lohmann|

Claire Winter – Kinder des Aufbruchs

Im ersten Band „Kinder ihrer Zeit“ hat Claire Winter die Geschichte erzählt, wie die beiden Zwillinge Emma und Alice 1945 auf der Flucht aus Ostpreußen getrennt werden. Beide glauben, dass die andere nicht überlebt hat. Emma wächst bei ihrer Mutter in Westberlin auf, Alice in einem Kinderheim in der DDR. Erst Jahre später treffen sie sich überraschend wieder und geraten zwischen die Fronten der Geheimdienste.

Im vorliegenden zweiten Band – den man unbedingt auch erst nach „Kinder ihrer Zeit“ lesen sollte – geht die Geschichte nach dem Mauerbau weiter: Nun leben beide Schwestern im Westen Berlins. Emma arbeitet erfolgreich als Dolmetscherin und ist mit dem Physiker Julius Laakmann verheiratet. Die Ehe ist glücklich, doch beide haben einen großen Schicksalsschlag einstecken müssen. Alice arbeitet als Journalistin und ist mit Max verheiratet, mit dem sie auch eine gemeinsame Tochter hat. Doch beide haben nur aus Freundschaft geheiratet und führen keine Ehe im klassischen Sinne, auch wenn die gegenseitige Anziehung immer stärker wird.

Emma lernt die erfolgreiche Sängerin Irma Assmann kennen, die vor einiger Zeit aus dem Osten geflohen ist. Als Alice davon erfährt, ist sie beunruhigt, da sie von Irmas Beziehungen zum KGB weiß. Darüber hinaus trifft Alice auf einen Mann, den sie unbeabsichtigt ins Gefängnis gebracht hat. Aus Schuldgefühlen möchte sie ihm nun dabei helfen, seine Schwester aus Ostberlin zu befreien. Zusammen nehmen sie Kontakt auf mit einer Gruppe Studenten, die einen unterirdischen Tunnel nutzen, um Menschen aus dem Osten in den Westen zu bringen.

Die beiden Schwestern ahnen nicht, dass sie erneut zwischen die Fronten der Geheimdienste geraten…

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Forsyth, Frederick – Phantom von Manhattan, Das

Thrillerspezialist Forsyth erzählt die Geschichte des „Phantoms der Oper“ dort weiter, wo Andrew Lloyd Webbers bekanntes Musical endete. Die hat nur am Rande etwas mit Leroux‘ Erzählung von 1911 zu tun, wie Forsyth in seinem langen Vorwort zugibt. Aber das Buch hat dennoch seine schaurigen Momente.

_Handlung_

Am Schluss von Webbers „Phantom of the Opera“ gibt Christine ihrem Verehrer, dem Phantom, den Ring zurück, den er ihr als Zeichen seiner Liebe gegeben hatte. Danach verschwindet das Phantom in der Nacht. Keiner weiß, was aus ihm geworden ist. Doch im September 1906 ruft eine Sterbende den Notar Dufour an ihr Bett, um ihm einen Brief an ihren Zögling Erik Mülheim mitzugeben sowie mehrere wertvolle Napoleons d’Or-Münzen. Erik Mülheim ist der wahre Name des Phantoms.

Antoinette Giry enthüllt Dufour, wie sie den entstellten Knaben einst aus dem Käfig eines Schaustellers entführt und in der Unterwelt der Pariser Oper, wo sie arbeitete, versteckt hatte. Dort schuf sich der Knabe seine eigene Welt, fernab von den Menschen, die sein Anblick mit Entsetzen erfüllte. Als er sich in die schöne Sängern Christine de Chagny verliebte und sie zum Star machte, schöpfte er Hoffnung. Dies ist die Handlung des Musicals, und sie endet tragisch.

Da rettete ihn Antoinette erneut und schickte ihn auf einem Auswandererschiff nach Amerika. Unter den Gesetzlosen von Coney Island arbeitete sich Erik nach oben. Mit Hilfe des skrupellosen Freundes namens Darius bringt er es schließlich zu einem millionenschweren Vermögen. Sein Hochhaus des E.M. Tower überragt Manhattan. Doch als man ihm die Mitgliedschaft in der Metropolitan Opera verwehrt, baut er seine eigene Oper und eröffnet sie mit zwei Megastars der Zeit: den Opernsängerinnen Nellie Melba und Christine de Chagny, seiner früheren Liebe.

Als der Notar Dufour in Manhattan auftaucht, gelingt es einem Journalisten, ihn zu Erik Mülheims Penthouse zu begleiten, damit der Notar den Brief Antoinette Girys übergeben kann. Der Journalist erblickt Mülheims Fratze in einem polierten Tablett, das Gesicht des mächtigsten Industriellen Amerikas, des großen Unsichtbaren.

Doch das Verhängnis naht, als Christine de Chagny in New York an Land geht und die neue Oper Mülheims singen soll. Sie ahnt noch nichts von dem Brief, den Erik erhalten hat und von dem Hass, den Darius für Erik empfindet. Der erwähnte Journalist hat das Privileg, den schicksalhaften Ereignissen beizuwohnen, doch verstehen, so gibt er 41 Jahre später bei einer Vorlesung zu, konnte er sie damals noch nicht.

_Fazit_

Zeitungsberichte, Briefe, Geständnisse, Gebete, eine Vorlesung – sie alle bilden das Gewebe der Fakten, mit denen uns der Autor versorgt. Wir haben den Eindruck, wir hätten es mit tatsächlichen Ereignissen des Jahres 1906 zu tun. Diese Doku-Fiction war schon immer Forsyths Stärke. Er erwähnt ausdrücklich seinen Dank an Caleb Carr, einen Historiker New Yorks. Dessen Romane „Die Einkreisung“ und „Engel der Finsternis“ vermitteln uns auf ebenso dokumentarische Weise ein Bild vom New York der vorletzten Jahrhundertwende – der jeweilige Tonfall eines Schreibers oder Sprechers ist genau getroffen.

Lohnt es sich also, dieses kleine Buch zu lesen? Zum einen für jene Leser, die schon das Musical mögen und wissen wollen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Und zum anderen können sich Freunde der Schauerromantik dafür begeistern, denn Schicksal, dunkle Leidenschaften und Geheimnisse sowie Überraschungen gibt es hier genug.

Man sollte sich aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies nicht gerade das ist, was man als „Weltliteratur“ bezeichnet. Und da es auch kein Agententhriller ist, könnten einige Fans Forsyths enttäuscht sein.

|Originaltitel: The Phantom of Manhattan, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Wulf Bergner|

John Fowles – Die Grille. Historischer Krimi

Schwarze Magie mit Erstkontakt

Im April 1736 verschwindet in einer entlegenen englischen Grafschaft unter mysteriösen Umständen eine Reisegruppe hochgestellter Persönlichkeiten. Was als spannender historischer Kriminalfall beginnt, entpuppt sich bald als vielschichtige Parabel der europäischen Geistes- und Sozialgeschichte.

Dieser berühmte Roman des englischen Romanciers tarnt sich als Kriminalfall, bei dem mehrere Todesfälle mit religiösen Erscheinungen in Verbindung gebracht werden. Doch wer sind die mysteriösen Fremden in diesem Stück? Etwa Leute von einem anderen Stern?

Der Autor
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Mara Andeck – Sisi. Die Sterne der Kaiserin

Elisabeth von Österreich wird am Heiligen Abend im Jahr 1837 als Tochter eines Herzogs und einer Prinzessin geboren und hat von Anfang an alles, was das Herz begehrt. Fanny Angerer dagegen kommt am 18. Januar 1842 als Tochter einer unverheirateten Hebamme in ärmsten Verhältnissen zur Welt. Später arbeitet sie bei ihrem Stiefvater Angerer im Friseursalon und macht sich einen Namen mit ihren ausgefallenen Haarkreationen und Flechtfrisuren. Als sie bei einer Premierenaufführung im Wiener Burgtheater der Hauptdarstellerin eine besonders kunstvolle Frisur zaubert, wird die Kaiserin von Österreich auf die Friseurin aufmerksam und engagiert sie im Alter von nur 21 Jahren.

Fanny muss verbringt fortan mehrere Stunden täglich in der Hofburg, um die knielangen Haare der Kaiserin zu kämmen und zu frisieren. Aber erstmals in ihrem Leben steht sie auf eigenen Beinen und ist finanziell unabhängig. Allerdings muss sie am Hof einige wichtige Regeln lernen, insbesondere lernt sie, dass sie dort niemandem trauen und keine Freundschaften schließen kann. Sisi aber vertraut Fanny immer mehr und setzt diese später sogar als Doppelgängerin ein, um sich selbst kurze Fluchten der Freiheit zu erschleichen. Fanny muss im Gegenzug Stillschweigen über alles halten, was sie am Hofe über Sisi erfährt und was diese denkt und tut.

Aber Fanny hat auch einen Verehrer. Zunächst nimmt sie dieses Werben gar nicht ernst, doch irgendwann kann sie die Augen nicht mehr davor verschließen, dass Hugo Feifalik ernste Absichten hegt. Doch möchte sie tatsächlich eine Beziehung eingehen? Möchte sie heiraten und ihre Freiheiten und ihre Stellung am Hofe aufgeben? Fanny findet sich in einer schlimmen Zwickmühle…
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Sara Molin – Zimtschnecken zum Frühstück

Worum geht’s?

Clara ist Lehrerin aus Leidenschaft und möchte mit ihrer frischen Art neuen Wind an die Schule, in der sie als Schwedisch-Lehrerin arbeiten, bringen. Doch ihre Kollegen sind bereits ein wenig verstaubt, weshalb sie bei ihnen mit ihrer unkonventionellen Art nicht so gut ankommt. Als hätte sie damit nicht schon genug Ballast, verlässt ihr Freund Klas sie für eine andere. Leider sind weder Claras Eltern noch ihre Schwester Paulina ihr eine Stütze.

Doch dann trifft sie plötzlich und völlig unerwartet ihren Jugendschwarm Jonathan wieder und schwimmt auf Anhieb mit ihm auf einer Welle. Außerdem lernt sie Paulinas neuen Freund Marcus kennen. Mit ihm kann sie Gespräche auf Augenhöhe führen. Eine Frage lässt sie jedoch nicht los – Was findet Marcus an ihrer oberflächlichen Schwester Paulina? Und eine zweite – Darf man sich in den Freund der kleinen Schwester verlieben?

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Takis Würger – Unschuld

Wenn alle lügen. Und niemand unschuldig ist.

Molly Carver bleiben fünfunddreißig Tage, um die Unschuld ihres Vaters zu beweisen. Seit Jahren sitzt er für den Mord an dem sechzehnjährigen Casper Rosendale im Gefägnis – nun soll das Urteil vollstreckt werden. Auf der Suche nach Antworten kehrt Molly zurück in das Ostküstendorf ihrer Kindheit. Unter falschem Namen beginnt sie, als Hausmädchen für die Rosendales zu arbeiten, eine Familie, die einmal einflussreicher war als die Rockefellers… (Verlagsinfo)

Inhalt und Eindrücke:

Molly Carver wächst in einfachen Verhältnissen allein bei ihrem Vater Florentin auf, nachdem sich die Mutter aus dem Staub macht, als Molly gerade einmal fünf Jahre alt ist. Das bescheidene Zuhause der Beiden ist ein blassgrüner schäbiger Wohnwagen in einem Wohnwagenpark am Rande der Kleinstadt Rosendale im Staat New York.

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Preethi Nair – Die Freischwimmerin

Bhanu ist 59 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder, ein nettes Häuschen und blickt auf 40 Ehejahre zurück. Das soll gebührend gefeiert und auch das Ehegelübte mit ihren Mann Hiten erneuert werden. Da begegnet Bhanu plötzlich der großen Liebe ihrer Jugendjahre wieder. Deepak ist der Mann, der ihr als Heranwachsende das Gefühl gegeben hatte, ein wertvoller Mensch zu sein und sie als geliebte Erinnerung durch ihr ganzes Leben begleitet hat. Nun ist er endlich wieder da und Bhanu stellt ihre ganze Existenz in Frage.

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