Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

TKKG – Attentat am Gämsengrat (Folge 220)

Die Handlung:

Die Klasse 9b befindet sich auf Abenteuerwoche in den Tiroler Alpen. Zwar steckt Tim, Karl, Klößchen und Gaby noch das Wildbach-Rafting vom Vortag in den Knochen, aber dennoch wollen sie heute die Gamsspitze erklimmen. Auf dem Weg nach oben setzen sich die vier von ihrer Klasse ab und beobachten in der Ferne einen Kampf zwischen zwei Gestalten. Hat die eine die andere gerade vom Berggrat gestoßen? Sind TKKG also Zeugen eines Attentats geworden? Bevor sie dem auf den Grund gehen können, bricht plötzlich ein Unwetter über sie herein und TKKG sitzen im strömenden Regen auf dem Berg fest. Ein Blitz zuckt am Himmel, ein Schuss gellt durchs Gebirge und ganz in der Nähe kämpft sich ein Mann mit blutender Schläfe auf TKKG zu… ( Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nach „Terror“ kommt jetzt „Attentat“, die „erwachsenere“ Schiene der beiden TKKG-Serien meints offenbar echt ernst … auch wenn der Reim im Titel eher lustig und ein Zungenbrecher ist. Der Klappentext lässt aber wenig Spaßiges erahnen, sondern einen echten Krimi. Mit Blut und Opfern und physischer Gewalt. Auf der Alm gibts wohl doch Sünde … na dann mal ab in Alpen um nachzuschauen.

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Perry Rhodan – Die Hyperseuche (Silber Edition 69)

Die Handlung:

Es beginnt scheinbar harmlos: Menschen der Erde ändern plötzlich ihren Charakter, viele widmen sich nur noch ihren Hobbys und lassen ihre Arbeit einfach liegen. Andere, bisher schlaff, stürzen sich mit Feuereifer hinein. Das ist die erste Phase der sogenannten Psychosomatischen Abstraktdeformation (PAD), einer Seuche, die von der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum eingeschleust wurde. Die zweite Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass Milliarden terranische Siedler den Zwang verspüren, ihre Urheimat wiederzusehen. Gleichzeitig verfallen andere Völker, wie die Haluter, einem Aggressionsdrang, der einen galaktischen Krieg heraufzubeschwören droht. Die dritte und letzte Phase ist tödlich. Um die gesamte Galaxis vor dem Aussterben zu bewahren, muss Perry Rhodan ins Paralleluniversum zurückkehren und seinen Gegenspieler eigenhändig töten … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nachdem ANTI-ES in der ersten Silberlesung nicht wirklich erfolgreich mit dem Versuch war, Perry in einem Anti-Universum stranden zu lassen, lässt sich die Superintelligenz etwas Neues einfallen. Lustig klingts ja, wenn die plötzlich zuerst auf der MARCO POLO auftretenden Bewusstseinsveränderungen „Hobbyseuche“ genannt wird. Aber das fanatische Konzentrieren auf eine bestimme Sache kann schnell fatal werden … das merken einige schon früh.

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John Sinclair – Ninja-Rache (Teil 2 von 2, Folge 148)

Die Handlung:

In der Hostessenbar der Mama-san Reika Hasegawa waren Suko und ich dem „Club der Weißen Tauben“ in die Falle gegangen! Seine Anführerin Amenouzume hetzte uns ihre seelenlosen Tengus auf den Hals, damit ihr Verbündeter, der Ninja-Dämon Shimada, freie Bahn hatte – für den letzten Kampf gegen unsere Freunde Shao und Yakup Yalcinkaya! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Taschenbuchs mit der Nummer
121 gemacht, das erstmalig am 9. April 1991 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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Hoffman, Jilliane – Vater unser (Lesung)

_Bin ich ein Monster oder bloß unzurechnungsfähig?_

Mord in Miami. Der Täter: Der angesehene Chirurg Dr. David Marquette. Die Opfer: seine Frau und seine drei kleinen Kinder. Ist der Familienvater psychisch krank – oder hat er kaltblütig gemordet? Ist er womöglich ein lang gesuchter Serienkiller? Staatsanwältin Julia Valentine will die Wahrheit herausfinden, gegen alle Widerstände. Und die lauern auch in ihrer eigenen Vergangenheit … (Verlagsinfo)

_Handlung_

In der Notrufzentrale von Coral Gables bei Miami nimmt Georgia Adams den Hörer ab. „Helfen Sie uns bitte!“, fleht die Stimme eines Mädchens sie an. „Er kommt zurück.“ Dann Stille. Georgia hat die Nummer gespeichert und ruft zurück – vergeblich. Sie schickt die Polizei zu der Adresse von Dr. David Marquette. Als Pete Colonna vor dem bezeichneten Haus steht, sieht alles in Ordnung aus: eine herrschaftliche Villa. Aber auf seine Rufe antwortet niemand. Nach fünf Minuten bricht er ein, und die Alarmanlage geht los. Als er und Sergeant Deamus in den ersten Stock gehen, entdecken sie schließlich die Blutspritzer auf dem Teppichboden – und dann die Leichen … Colonna erleidet einen Nervenzusammenbruch.

|Julia|

Staatsanwältin Julia Valentiano wird am Montag ins Büro von Charlie Rifkin gerufen, den Bezirksstaatsanwalt von Dade County, Miami, zuständig für Kapitalverbrechen. Dessen Stellvertreter, Julias Lover Ricardo Bellido ist schon da. Sie berichten ihr von dem, was Pete Colonna vorfand: David Marquettes Frau Jennifer und ihre drei kleinen Kinder wurden ermordet und Dr. Marquette selbst so schwer verletzt, dass er nun auf der Intensivstation liegt.

Bellido, der für den Fall zuständig ist, hält Marquette für den Tatverdächtigen. Julia soll helfen, ihn festzunageln und vor Gericht zu stellen. Sie ist verblüfft. Während er einerseits ihre Leistungen lobt, sie andererseits unter Zeitdruck setzt, verteidigt er seine Wahl gegenüber Rifkin. Julia will sich diese Chance, ihre Karriere zu fördern, nicht entgehen lassen und sagt zu.

Am Tatort hält Kommissar Steve Bryll Julia für eine Praktikantin – sehr erbaulich! Die Tatorte im ersten Stock jagen Julia das kalte Grauen ein und sie kommt sich vor wie in einem Horrorfilm. Jennifer Marquette wurde erst mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und dann mit 32 Stichen getötet. Zwischen zwei und 4:30 Uhr in der Nacht. Eigentlich hätte Dr. Marquette auf einem Ärztekongress in Orlando sein sollen; warum war er zu Hause? Detective John Laterino hat jede Menge offener Fragen und sät Zweifel. Dann die toten Kinder …

Julia wird es speiübel und muss eine Pause machen. John Laterino begründet seinen Verdacht gegen Dr. Marquette vor allem damit, dass es keinerlei Einbruchsspuren gibt. Die Alarmanlage war aktiviert. Marquette wurde in der Badewanne gefunden, mit zahlreichen Stichwunden. Ein Selbstmordversuch, meint John Laterino. Schon bald sind er und Julia per Du.

|Festnahme|

Kurz nachdem David Marquette auf der Intensivstation aufgewacht ist, veranlassen seine Eltern alles Nötige, um ihn in ein Krankenhaus in Chicago verlegen zu lassen. Das muss unbedingt verhindert werden, befiehlt Bellido. Julia reicht einen Antrag ein, Marquette festzunehmen, und Richter Irving Katz veranlasst alles Nötige. Sein Anwalt Mel Levinson legt vergeblich Beschwerde ein. Marquette wird in eine geschlossene Klinik verlegt.

Julia hat 180 Tage Zeit, um ihn rechtskräftig vor Gericht zu stellen und verurteilen zu lassen. Schnell sind 20 davon verstrichen. Besuche bei Marquette bringen nichts: Er ist apathisch, nicht ansprechbar. Auf Druck von Marquettes Vaters, eines Neurologen, beantragt Verteidiger Levinson, Marquette als unzurechnungsfähig anzusehen und ihn als schuldunfähig freizusprechen. Allerdings gilt in Florida: Alle sind als geistig gesund anzusehen, es sei denn, das Gegenteil kann bewiesen werden und der Täter nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Levinson behauptet, Marquette sei schizophren. Er sei bereits in Chicago in der Psychiatrie gewesen.

Bellido veranlasst, dass Laterino und Bryll Beweise für das Gegenteil herbeischaffen. Er selbst könnte zum nächsten Generalstaatsanwalt von Florida gewählt werden und muss diesen Fall gewinnen. Außerdem müssen Levinson und Julia entsprechende Gutachter aussuchen. Bellido will Christian Barracat für diese Aufgabe.

|Schatten der Vergangenheit|

In Julia kommen zunehmend ihr Zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit – und ob dieser Fall das Richtige für sie ist. Ihre Pflegeeltern, die sie großgezogen haben, raten ihr dringend ab. Aber sie schweigen hartnäckig darüber, wer am Tod ihrer Eltern schuld ist ist. War es wirklich ihr Bruder Andrew, der sie umbrachte? Und wo lebt er jetzt? Bei ihrer Ermittlung in der Vergangenheit ihrer Familie stößt Julia auf ein finsteres Geheimnis: Ihr Vater war schizophren, ihr Bruder ist es auch – und sie fühlt sich in letzter Zeit auch nicht so gut …

_Mein Eindruck_

Jeder Justizthriller funktioniert auf zwei Ebenen: auf der der juristischen Ermittlung und dem Prozess sowie auf der menschlichen Ebene. Letztere beeinflusst den Verlauf des Prozesses und seiner Vorbereitung und das ist auch der Fall bei Julia Valentiano. Ihre Haltung gegenüber David Marquette wandelt sich, erschüttert von der Begegnung mit ihrem Bruder, von Ablehnung hin zu Verständnis. Damit verrät sie allerdings die knallharte, karriereorientierte Haltung von Ricardo Bellido und seinem Chef Charlie Rifkin. Als sie ihren eigenen (!) Gutachter in eine Falle tappen lässt, so dass er offenbart, dass letzten Endes sein Urteil rein auf Instinkt basiert, führt dies nicht nur zum Skandal, sondern auch folgerichtig zu ihrem Rauswurf. Seis drum – sie hat ja Johnny Laterino und dessen Liebe.

Was ist ein Monster, fragt uns die Autorin und lässt verschiedene Stichwortgeber zu Wort kommen. Ein Monster ist ein Serienmörder, der im Bewusstsein seiner Schuld Menschen tötet. Ein Monster ist aber auch ein Simulant, der so tut, als wäre er unzurechnungsfähig, um zu vermeiden, als Mörder verurteilt zu werden. Doch der Verlauf des Prozesses zeigt deutlich, dass sich ebenso schuldig macht, wer einen Unschuldigen bzw. Unzurechnungsfähigen zum Tode verurteilt.

|Wechsel des Standpunktes|

Der Weg von Vorverurteilung hin zu Verständnis und Freispruch ist lang. Die Gesellschaft muss ihn ebenso gehen wie Julia Valentiano, die B-Staatsanwältin. Sie ist selbst betroffen von der Krankheit und hat einen psychotischen Schub, der einer möglichen Schizophrenie vorausgehen kann. Wunderbar und beängstigend ist ihr Gefühl der Dissoziation mitten im Gerichtssaal, wenn alle um sie herum unwirklich erscheinen. Wahrlich ein Moment von dickschen Dimensionen.

Sie selbst kann dem Eindruck dieser Scheinwirklichkeit nicht standhalten. Scheinwirklich deshalb, weil ihr Lover Bellido sie mit ihrer Chefin betrügt – sie hats genau gehört. Nicht sie hat Bellido verraten, indem sie seinen Gutachter bloßstellte, sondern zuvor Bellido sie, indem er sie betrog. Wie so oft, spielen grundlegende Loyalitäten wie Treue und Ehrlichkeiten eine ausschlaggebende Rolle im amerikanischen Thriller.

|Hochgeschlafen?|

Hat sich Julia hochgeschlafen, um ihren Job zu bekommen, fragt man sich wiederholt, wenn man merkt, wie abhängig sie von ihrem Lover und Mentor Ricardo Bellido ist. Andersherum könnte man allerdings fragen, ob sie eine Chance hatte, seinen Nachstellungen zu entgehen, wenn sie doch nur die B-Staatsanwältin ist und er der kommende Generalstaatsanwalt. Jedenfalls keine, wenn sie ihren Job behalten wollte.

So läuft es doch eigentlich überall in der Wirtschaft – aber auch in der Justiz? Die US-Justiz funktioniert anders als die hierzulande: Dort werden Anklagevertreter des Staates und seiner Organe gewählt, als wären sie Politiker. Folglich ist auch der Druck, unabhängig zu bleiben oder Loyalität zu beweisen, ungleich höher als in einem Rechtswesen, das von den organen der Politik auch gesetzlich unabhängig gemacht worden ist.

|Offene Fragen|

Natürlich muss die menschliche Ebene des Romans auch die Gefühle des Lesers erreichen und wecken. Dafür ist der erfahrenen Autorin praktisch jedes Mittel recht. Allein die Tatortszenen sind der pure Horror. Die junge Staatsanwältin Julia, die an unserer Stelle alles aufnimmt, ist entsprechend niedergeschmettert. Die Vorverurteilung des Täters kann beginnen. Aber hat man mit Dr. Marquette wirklich den Richtigen erwischt? Am Schluss wird klar: Selbst wenn er der Täter gewesen sein sollte, so kann man ihn nicht dafür verurteilen – er ist ein Opfer seiner Krankheit.

Die Autorin sät mehrmals Zweifel an Marquettes Täterschaft. Ja, sie geht sogar soweit, Julia einen anonymen Anruf entgegennehmen zu lassen, bei dem der Unbekannte sagt, Marquette sei es nicht gewesen. Das einzige Detail, dass uns an einem dritten Mann zweifeln lässt, ist die eingeschaltete aber nicht von außen ausgelöste Alarmanlage. Dieses Detail hat mich mehrfach verwirrt. Ein Einbrecher hätte sie auslösen müssen. Es sei denn, Marquette ist der Täter. Er wäre heimgekehrt und hätte sie eingeschaltet. Erst die Cops lösten sie aus. Vielleicht wird dieses Detail in der ungekürzten Fassung besser erklärt.

Auch die Rückblenden, in denen Julia über ihre Vergangenheit nachdenkt, werfen Fragen auf. Wenn Andrew, ihr Bruder, aus der geschlossenen Anstalt entlassen und nach seiner „Heilung“ in ein offenes Apartment ziehen darf, warum bringt er sich dann dennoch um? Müsste er sich nicht über seine Freiheit freuen? Die Antwort wird angedeutet: Sein Schuldbewusstsein, ausgelöst von Julia, überwältigte ihn.

_Die Sprecherin_

Andrea Sawatzki, Jahrgang 1963, reizen extreme Figuren, ihr Spiel kann in Sekundenschnelle von zarter Verlorenheit zu handfester Vitalität überspringen (FAZ). Für ihre Darstellung der „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger wurde sie u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo) Sie spielte u.a. in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ neben Moritz Bleibtreu sehr eindrucksvoll die Rolle einer Verhaltensforscherin, die vergewaltigt wird. Diese Szene wird in TV-Ausstrahlungen stets unterdrückt. Der ganze Film geht an die Nieren, aber diese Szene besonders.

Andrea Sawatzki ist zwar keine große Stimmkünstlerin, aber ihr gelingt der fast fehlerlose und recht flotte Vortrag dieses vielschichtigen Textes auf eine Weise, die das Verstehen einigermaßen leicht macht. Durchweg konnte ich die tiefere Tonlage für die männlichen Figuren leicht heraushören, wohingegen die weiblichen Figuren fast alle ziemlich gleich klingen. Das wirkt auf die Dauer ein wenig monoton.

Deshalb war es unabdingbar, dass die Sprecherin jeder Figur eine eigene Sprech- und Ausdrucksweise zugewiesen hat. So ist etwa Pamela, die Unterschichtenfrau, die von ihrem Männe geschlägen wird, unschwer als genervte Mutter und Gattin erkennbar. Sie wehrt sich erst lautstark gegen Julias Einmischung, kehrt dann aber reumütig zu ihr zurück.

Die Sprecherin legt anders als Sprecherinnen wie Franziska Pigulla wenig Wert auf Sentimentalitäten oder den Ausdruck von Kurzatmigkeit, häufiges Seufzen und dergleichen. Es ist ihr wichtiger, eine Figur durch die eigentümliche Sprechweise zu charakterisieren. In diesen Charakterisierungen erweist sich die Routiniertheit der Sprecherin, die hierbei offenbar auf ihre Schauspielausbildung zurückgreift.

Da das Hörbuch weder Musik noch Geräusche aufweist, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Die Autorin_

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Fort Lauderdale. „Cupido“ war ihr erster Roman. Noch bevor das Buch erschienen war, hatte das Filmstudio Warner bereits die Filmrechte für 3,5 Mio. Dollar gekauft. (Verlagsinfo) „Morpheus“ ist die Fortsetzung.

_Das Hörbuch_

Andrea Sawatzki trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt sie zur Spannung und Unterhaltung bei. Insbesondere John Laterino hat mir gut gefallen, wohingegen Julia immer als schwache Frau dargestellt wird – obwohl das gar nicht stimmt, wie sich am Schluss zeigt.

Mir war die Geschichte an manchen Stellen zu rührselig, aber der zweck dieser Sentiments ist, wie oben gesagt, die Anrührung des Hörers, damit er überhaupt bereit ist, seinen eigenen Standpunkt zu überdenken.

Die Lesefassung ist gekürzt. Regie führte Frank Bruder.

_Unterm Strich_

Diesmal erzählt Jilliane Hoffman eine ganz andere Geschichte als in „Cupido“ und „Morpheus“. Dass es diesmal keine richtige Ermittlung durch die Hauptfigur gibt, daran muss sich der Leser bzw. Hörer erst einmal gewöhnen. Diese Schwerpunktverschiebung ist aber notwendig, um das eigentliche Anliegen der Autorin vertreten und zur Geltung bringen zu können: die Relativierung der Einstellung gegenüber Geisteskranken.

Schizophrene sind für sie keine „Monster“, sondern selbst Opfer ihrer Krankheit, selbst wenn diese Leute unsägliches Leid über ihre Mitmenschen bringen. Geschickt versteht es die Autorin, den zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Wir erinnern uns allzu gut an Kevin Spacey in David Finchers „SEVEN“, von dem man auch nicht recht weiß, ob er durchgeknallt oder ein durchtriebenes Monster ist.

Das ist die Schwäche des ganzen Konzepts: Der Leser ist schon zu sehr durch solche Filme vorbelastet. Die Autorin muss ihre Hauptfigur deshalb selbst fast verrückt werden lassen, um deutlich machen, was Psychose überhaupt bedeutet – und dass es jeden treffen kann. Deshalb, so die Aussage, darf keiner auf den anderen zeigen und sagen, der sei ein Monster. Der Finger könnte zurück zeigen.

|Gekürzte Lesung auf 6 Audio-CDs mit 396 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Plea of insanity (2006)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Nina Scheweling und Sophie Zeitz
ISBN-13: 978-3866101685|

_Jilliane Hoffman bei |Buchwurm.info|:_
[„Cupido“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=699
[„Morpheus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1779

Wilks, Mike / Gustavus, Frank / Seibel, Antje – Mirrorscape – Gefangen im Reich der Bilder (Hörbuch)

_Spannende Abenteuer im Land der Phantasie_

Von den verborgenen Gängen der alten Malschule aus werden Mel, Ludo und Wren Zeugen eines unheimlichen Rituals: Ihr Meister Ambrosius Blenk malt vor einem seiner prächtigen Gemälde ein rätselhaftes Zeichen in die Luft – und plötzlich ist er verschwunden. In seinem Atelier machen die Freunde daraufhin eine unglaubliche Entdeckung: Sie sehen, wie die Gestalt des Meisters durch sein eigenes Bild schreitet.

Leider erfahren auch die Häscher der Gilden, die das Land Neem in ihrem eisernen Griff halten, von diesem Geheimnis und entführen Ambrosius Blenk. Um ihn zu retten, müssen sich die drei Freunde selbst auf eine abenteuerliche Suche nach Mirrorscape begeben, dem Reich der magischen Bilder. (erweiterte Verlagsinfo)

Ich würde das Hörbuch ab 13 Jahren empfehlen.

_Der Autor_

Mike Wilks, 1947 in London geboren, ist Künstler, Illustrator und Autor. Bereits mit 13 Jahren erhielt er ein Stipendium für die Kunstschule. Er studierte Graphik-Design und leitete einige Jahre erfolgreich eine Agentur, bevor er sich ganz dem Schreiben und Illustrieren widmete. Seine Bücher landeten in den Bestsellerlisten, während er selbst und sein Schaffen zum Thema einer Dokumentation des britischen Fernsehens wurden. Seine Originalwerke, die oft eine surreale Traumwelt darstellen, hängen unter anderem im Museum of Modern Art in New York City, in London und in vielen Privatsammlungen. [„Mirrorscape“ 5525 ist Wilks‘ erster Roman und der erste Teil einer Trilogie.

_Der Sprecher_

Andreas Fröhlich ist die deutsche Stimme von John Cusack und Edward Norton. Er wurde 1965 in Berlin geboren; bereits mit sieben Jahren begann er mit der Synchronarbeit, nachdem er im Kinderchor des „Sender Freies Berlin“ entdeckt wurde. 1978 stieg er in der Sprecherrolle des Bob Andrews bei einer der bis heute erfolgreichsten Hörspielreihen Deutschlands, „Die drei Fragezeichen“, ein.

Nach dem Abitur ging Fröhlich zunächst zum Theater, wo er unter anderem Rollen in Büchners „Woyzeck“ und in Shakespeares „Was ihr wollt“ spielte, bis er 1991 wieder zu seiner Arbeit als Synchronsprecher zurückkehrte. Außer als Sprecher arbeitet er als Synchronregisseur und Drehbuchautor, wo er unter anderem für die Synchronisierung von „Der Herr der Ringe“ verantwortlich war. In dieser Trilogie übernahm er zum Beispiel die Synchronisation des Wesens Gollum. Doch auch die deutschen Dialoge in Filmen wie Disneys „Mulan“ und „The Beach“ stammen aus seiner Feder. (Verlagsinfo)

_Produktion_

Die gekürzte Fassung erstellte Antje Seibel. Regie führte Frank Gustavus, die Aufnahme steuerte Klaus Trapp im Studio Wort, Berlin.

_Handlung_

Melkin Womper, ein 13-jähriger Weberssohn aus Feck, wird eines Tages von Dirk Tod angeworben, um in der Hauptstadt sein Zeichentalent zu erweitern: in der Gemäldefabrik des berühmten Ambrosius Blenk. Mel könnte dort ein Stipedium bekommen und zu einem ausgezeichneten Illustrator oder gar Gemäldemaler ausgebildet werden. Doch Dirk Tod hat wohl nicht damit gerechnet, dass die fünfte Gilde, nämlich diejenige mit dem Monopol auf Farbe, etwas dagegen haben könnte.

Deren Großvogt jedenfalls lässt Mels Förderer Fra Teum verhaften und alle von Mels Zeichnungen beschlagnahmen. Zum Glück interveniert Dirk Tod gegen diesen Adolphus Spute und seinen Folterer, den Zwerg Stockfisch, und nimmt Mel schleunigst in seiner Kutsche mit. Doch Dirk ahnt nicht, dass es Mel im Durcheinander gelungen ist, etwas aus Stockfischs Kasten mit Folterinstrumenten zu entwenden. Das Fläschchen wird sich noch als sehr wichtig erweisen.

|Die fünf Gilden|

Dirk erklärt ihm auf der Fahrt die Gilden oder Zünfte. Sie verfügen jeweils über das kontrollierende Monopol, das „Pläsier“, über die Handwerke und Substanzen, die einem der fünf Sinne zugeordnet sind: 1) Tastsinn, 2) Geruch, 3) Gehör, 4) Geschmack und 5) Sehen. Nr. 5 ist die größte, reichste und mächtigste aller Gilden, denn sie verwaltet auch die Energieversorgung und ist folglich reicher als sogar der König. Und Spute ist deren Großvogt, aber er wollte eigentlich Dirk Tod, den Maler.

|Zauberstaub|

Mel fragt sich, was an Dirk so Besonderes sein soll, dass ihn die Gildenpolizei verfolgt. Aber bei einer Rast beobachtet er Dirk, wie er sich heimlich mit Gildenleuten trifft und ihnen einen Geldbeutel übergibt. Mel beschließt, vorsichtig zu sein. Heimlich untersucht er das Fläschchen, das er geklaut hat. Darin befindet sich Pigmentstaub, der in Regenbogenfarben schimmert. Es ist kein Gift, und als Mel das Zeug ausspuckt, formt sich sofort ein Bild. Sehr interessant. Doch bevor er die Sache näher erkunden kann, klopft Dirk an die Tür.

Fünf Tage später gelangt die Kutsche nach Flam, die Hauptstadt des Landes Neem. Mel hat noch nie eine so prächtige und hochragende Stadt gesehen. Die Malschule des Ambrosius Blenk befindet sich in dessen ausgedehntem Stadtpalais, in das Dirk Tod Mel führt. Beklommen klammert er sich an seine Zeichenmappe, doch als er ein sehr realistisches Kunstwerk in der Eingangshalle erblickt, spürt er Erleichterung: Er ist in einem neuen Zuhause angekommen. Hier gibt es Dienstboten und putzende Mädchen wie Wren, die er aber nur am Rande bemerkt.

|Der erste Tag|

Der Diener führt Mel ins Refektorium der Lehrlinge. Im Speisesaal wird ihm gleich klargemacht, dass er nur ein Bauerntrampel vom Lande sei und dass Grot das Sagen hat. Der Oberlehrling verurteilt Mels Zeichnungen in Bausch und Bogen, und alle Lehrlinge pflichten ihm bei, außer einem. Dieser wird fortan Mels bester Freund in einer ansonsten feindseligen und misstrauischen Umgebung: Ludo. Er stammt aus einer der reichsten Familien und kann es sich daher nicht leisten, allzu aufmüpfig zu werden. Aber er erzählt Mel, dass Grot nie ein Gesellenstück ablieferte und mit seinen Schergen Bunt und Joges wie ein Tyrann herrscht. Außerdem sei er ein Angehöriger der mächtiger Smert-Familie, ein Neffe des Großvogtes Adolphus Spute. Au weia, denkt Mel, das kann nichts Gutes werden.

Nachdem sich Mel mit Ludos Hilfe im Schlafsaal einquartiert und seine Wertsachen in einem Loch in der Wand versteckt hat (ganz besonders das seltsame Farbpigment), gehen sie spätabends zum Gesinde, um noch etwas Essen zu ergattern. Das Putzmädchen Wren erbarmt sich ihrer, so dass sie nicht hungrig zu Bett gehen müssen. Unterdessen bemerkt Spute das Fehlen des Farbpigments und erhält den Auftrag vom Gildenlord Brol, es wiederzubeschaffen – oder er wird degradiert. Das ärgert Spute, denn er will selbst Hochmeister von Gilde Nummer fünf werden. Ein perfider Plan muss her.

|Der geheime Garten|

Am nächsten Tag übersteht Mel den Besuch des Hausherrn Ambrosius Blenk und seiner Gattin sowie die Tyrannei Grots, der ihn schikaniert. Er entdeckt Dirk Tods geheimen Garten, wo dieser ein „Dauerexperiment“ an Blumen und deren Pigmenten durchführt. Mel ahnt nicht, dass dies etwas extrem Ketzerisches sein könnte. Wenn es Dirk und seinen Verschwörern gelänge, bislang teure Pigmente künstlich herzustellen, würden die Pfründe der fünften Gilde ins Bodenlose fallen und sie ihre Macht verlieren. Die Bürger aber müssten nicht mehr so horrende Monopolpreise für alles Gefärbte bezahlen. Dirk scheucht Mel deshalb schnell wieder weg und erklärt lieber nichts.

Dafür lernt Mel Wren näher kennen, als er in einer entlegenen Kammer verschnauft, um vor Grot sicher zu sein. Das Mädchen liebt es ebenfalls, hier zu essen. Ihr Vater war ein genialer Uhrmacher, gehörte aber keiner Gilde an und wurde verhaftet. Sie hat einen Schlüssel von ihm und zeigt Mel den Geheimgang hinter der entsprechenden Tür. Hier sind die Kammern der Dienstboten. Aber als Mel seinen Freund Ludo einweiht, gehen sie zu dritt zur großen Uhr, die Wrens Vater einst konstruierte. Hier soll es ein Geheimnis in einem Flügel geben, sagt Wren, doch wo, wisse sie nicht. Das Glockenspiel bewegt sich zu jeder vollen Stunde, bewundert von den Bürgern unter auf dem Vorplatz. Doch das Geheimnis wird erst viel später enthüllt …

Als Mel einen Blick in Meister Blenks Privatatelier werfen will, entdecken sie ein weiteres Geheimnis. Gerade noch steht Blenk vor dem großen Gemälde, dann tritt er hinein und verschwindet darin. Aber wohin? Auf dem Gemälde ist eine Insel zu sehen, mit einem Gebäude, das wie ein Kopf aussieht. Sie können auf der Brücke, die zu der Insel führt, die winzige Gestalt des Meisters sehen – und sie bewegt sich! Mels scharfe Augen entdecken ein Symbol auf dem Bild und er zeichnet es ab. Dieses Symbol malte Blenk in die Luft, bevor er verschwand.

Am nächsten Tag treffen sich die Freunde in der Uhrenkammer und begeben sich zum Meisteratelier. Ludo und Mel haken sich unter, Mel malt das magische Symbol in die Luft vor dem Gemälde, dann treten sie hinein … in die Welt jenseits der Bild-Fläche, nach Mirrorscape. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass es hier alles andere als friedlich zugeht. Als ein Ungeheuer auftaucht, müssen sie schnell wieder zurück. Wo kommen die denn her?! Und wo ist hier der Ausgang, bitteschön? Da hören sie die Uhrglocke läuten …

_Mein Eindruck_

Es kann nicht ausbleiben, dass auch Mels Feinde Grot und Adolphus Spute von Mels Umtrieben Wind kriegen und ihm nach Mirrorscape folgen. Good guys wie bad guys müssen herausfinden, was es mit Mirrorscape auf sich hat. Gibt es hier vielleicht ein Widerstandsnest gegen die Tyrannei der Gilde Nr. 5, oder gar Separatisten? Könnte Mirrorscape am Ende gar die reale Welt in Gefahr bringen oder – unaussprechlicher Gedanke! – befreien?

|Die Welt der Phantasie|

Es ist offensichtlich, dass die Welt, die sich der Autor Wilks hat einfallen lassen, auch etwas mit unserer eigenen Welt zu tun hat. Sie verhält sich wie eine alternative Gegenwelt zur Real-Welt, wird aber auch wie ein Schlachtfeld genutzt, auf dem zahlreiche Kämpfe stattfinden. Mel ist mittendrin, und mit Hilfe der Bilder, die er als Durchgänge nutzt, gelangt er von einer Landschaft des Geistes in die nächste. Aber er ist ja nicht zum Sightseeing gekommen, sondern um seinen Freunden zu helfen. Schon bald stellt sich heraus, dass das Schicksal ganz Mirrorscapes von ihm abhängt. Seine Gegner haben vor, natürlich auch Mirrorscape unter ihre Kontrolle zu bringen. Jetzt sind Ideen gefragt.

|Müde Zauberer|

Erstaunlicherweise sind es nicht, wie bei Tolkien, die weisen Zauberer, die Mel den Weg weisen und ihm allwissende Ratschläge geben – oder gar eine Mission. Ambrosius Blenk, der Meister der Gemäldefabrik, ist nur einer von mehreren Gefährten Mels, verfügt aber über einen Butler mit erstaunlichen Fähigkeiten. Und der vor Jahren verschwundene Meister Lukas Flink, den Blenk regelmäßig besucht, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, um seinen Phantasien zu frönen. Bezeichnenderweise lebt er in einem Kristallhaus und nennt zwei Engel seine Freunde. Er erinnert an den umnachteten König Théoden vor Gandalfs Besuch. Es verwundert nicht, dass er sich aus allen politischen Händeln heraushalten will. Dummerweise respektieren Adolphus Spute und seine Schergen diesen Wunsch nicht.

|Ein weiteres „Otherland“?|

Schon bald wird es ziemlich eng für Mel und seine Freunde. Auf der Flucht vor den Feinden gelangen sie von einem phantastischen Szenario – auch als „Spiel-Level“ aufzufassen – ins nächste, allerdings erst dann, wenn ihnen eine rettende Idee gekommen ist, um diese Mausefalle zu verlassen. In dieser Hinsicht erweist sich „Mirrorscape“ als eine weitere Variante von Tad Williams‘ genialem und viel weiter gespanntem Mega-Roman [„Otherland“. 4196 Dass es dem Autor Wilks gelingt, die Lösung für Mels Probleme innerhalb eines einzigen Buches herbeizuführen, ist jedoch sehr löblich. Die Helden quatschen keine Opern, sondern handeln tatsächlich konsequent.

|Allzweckwaffe?|

Nun mag man sich fragen, ob eine permanente Flucht vor den Jungs mit den schwarzen Hüten wirklich eine ganze Handlung trägt. Theoretisch schon, und Autoren wie A. E. van Vogt haben ein Gestaltungsprinzip daraus gemacht. Nicht so Wilks, der sich wohl gedacht hat, dass eine ewige Schnitzeljagd etwas eintönig ist. Doch er hat ja Mel ein Geheimnis in die Hand gedrückt: den regenbogenfarbenen Zauberstaub, den Mel dem Großvogt stibitzt hat. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das superseltene Pigment, das allein schon auf Gedankenkraft gehorcht und – wie Mel kurz in dem Gasthof herausfand – komplette Welten in Mirrorscape erzeugen kann.

Wer nun aber denkt, diese Allzweckwaffe stelle die Lösung sämtlicher Probleme Mels dar, irrt gewaltig. Denn erstens muss er noch ein wenig in der Beherrschung des Zauberpigments üben, zweitens hat er nur einen winzigen Vorrat davon und drittens verfügt die Gilde Nr. 5 über einen sehr viel größeren Vorrat davon. Deren „Zauberlehrling“ Grot findet sich, wie nicht anders zu erwarten, zu allen Schandtaten im Dienste seiner Gilde bereit. Leider erweist er sich wieder einmal nicht gerade als Musterschüler seiner Kunst. Er hätte vielleicht doch lieber Tyrann von Gesellen und Dieb von Farbvorräten bleiben sollen.

Wie auch immer: Angesichts der ungeheuren Dimensionen der Kraft, über welche die Kontrahenten Mel und Grot verfügen, kann eine große Schlacht nicht ausbleiben. Sie muss die Entscheidung bringen. Sie setzen ganz unterschiedliche Mittel ein, und auf Seiten Grots kämpfen Ungeheuer, die einem Hieronymus Bosch Ehre machen würden. (Ein passender Vergleich, wenn man weiß, dass Bosch einer der wichtigsten Maler der nichtitalienischen Renaissance war.)

|Verrat der Phantasie|

Die Welt von Mirrorscape, die Welt der Phantasie und Vorstellungskraft, ist nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt, was die Moral anbelangt, genauso wenig wie im [„Herr der Ringe“. 5487 Es gibt durchaus auch Verrat, und man kann dabei an Saruman, Boromir, Gollum und Denethor denken. Mel, der Retter dieser Welt à la Frodo, wird ebenfalls verraten, und natürlich ist es jemand, dem er vertraut hat. Der Name des Verräters soll hier nicht preisgegeben werden (sonst wäre ich ja selbst einer). Aber durch solche Ränke wird die Handlung wesentlich spannender, als sie es durch die fortwährende Action eh schon ist.

|Worauf es ankommt|

Es sind also Tugenden wie Treue, Freundschaft, Einfallsreichtum und Opferbereitschaft, die wie bei Tolkien die Guten die Oberhand behalten lassen. Die Herrschaft über die Welt der Phantasie steht immer auf Messers Schneide, und erst in allerletzter Sekunde erfährt die Auseinandersetzung die entscheidende Wende. Liebe spielt dabei offenbar nur eine geringe Rolle, denn zwischen Mel und Wren bestehen zwar freundschaftliche Bande, aber mehr möglicherweise nicht. Vielmehr denkt Mel an seine armen Eltern, die noch mehr zu leiden haben werden, sollte die Gilde gewinnen. Doch was Mel für seine Eltern erreicht, das erreicht er auch für ganz Neem und Flam: Freiheit und Veränderung, und somit Hoffnung und Wachstum.

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich ist ein wahrer Stimmkünstler. Es hat mich immer wieder verblüfft, wie es ihm gelingt, seine Stimme so flexibel anzupassen, dass es ihm glückt, die optimale Ausdruckskraft hervorzubringen. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es Fröhlich war, der in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung den Gollum spricht.

Auch hier setzt er seine Stimmkunst effektvoll ein. Mit Leichtigkeit gelingt es ihm, die Nebenfiguren schon mit dem ersten Satz zu charakterisieren, so dass wir sie fortan als Angehörige der Guten oder der bösen Jungs erkennen können. Die Guten sprechen alle ziemlich normal und mit wenig verzerrter Stimme, wohingegen die bad guys vielfach ein verzerrte Sprechweise aufweisen. Adolphus Spute krächzt drohend, redet verächtlich und wirkt alles in allem hinterlistig und falsch. Auch Grot führt sich mit lallender Redeweise wenig positiv ein.

Es gibt jedoch einen kniffligen Fall, nämlich den Verräter: Er klingt normal, ist aber einer der Bösen. Interessant, wie der Sprecher diesen Widerspruch gelöst hat – selber hören! Die weiblichen Figuren sind mit einer höheren Stimmlage versehen, versteht sich, und der Sprecher hat auch damit überhaupt kein Problem, so etwa bei der lieben Wren. Ganz wunderbar ist die Charakterisierung von Blenks Gattin, der hochnäsigen Herrin des Hauses, die ach so stolz ist auf ihren Albinoaffen: Sie klingt ungeheuer hoch, verächtlich und etepetete. Offensichtlich liegen ihre geistigen (?) Interessen auf einem anderen Gebiet als der Malerei.

Am wichtigsten ist die Intonierung der Erzählerstimme. Senkt der Sprecher die Tonhöhe, klingt ein Satz bedrohlich oder geheimnisvoll raunend, je nach Satzmelodie. Diese Feinheiten hat Fröhlich routiniert im Griff. Misslungene Sätze wurden natürlich geschnitten und neu aufgenommen. Ich bin mit dieser Sprachaufnahme rundum zufrieden.

Da es weder Musik noch Geräusche gibt, brauche ich darüber keine Worte zu verlieren. Aber schade ist deren Fehlen schon.

_Unterm Strich_

In seiner Grundstruktur und in der Handlungsführung erinnert „Mirrorscape“ zuweilen an Tad Williams‘ „Otherland“. Doch Wilks‘ Roman spielt nicht mit der virtuellen Realität aus dem Rechner, sondern lässt die Barriere zwischen fiktiver Realität und der phantastischen Gegenwelt porös und durchlässig werden. Die Akteure in der Mirrorscape-Welt benötigen keinen VR-Helm mehr, denn sie haben ja das magische Zeichen für den Übergang. Und wenn sie sich eine alternative Welt schaffen wollen, benutzen sie ein ganz besonderes Farbpigment, den „Zauberstaub“, der auf Gedankenkraft hört.

Malerei als Zauberei aufzufassen, ist ein faszinierendes und weit tragendes Konzept. Der Autor versteht es, viele Ideen daraus zu entwickeln. Die Magie wird an keiner Stelle näher erklärt, so dass sie pure Phantasie bleibt und nie zum Ersatz für Technik wird.

Aber Malerei ist kein moralfreier Raum, denn der Maler ist sowohl für sein Tun wie auch für seine Schöpfungen verantwortlich. Damit gleicht der Maler, wie Mel vs. Grot, dem tätigen Menschen in unserer Realität. Und unsere Mirrorscape befindet sich in zwei Welten, die miteinander verschmelzen: einerseits in unserer Vorstellung und Phantasie (Kunst), aber auch im Cyberspace des Internet, wohin sich die menschlichen Interaktionen und künstlerischen Äußerungen zunehmend verlagern.

Bedeutet das, dass wir die primäre Realität, die wir immer noch „Welt“ nennen, vernachlässigen dürfen? Wohl nicht, denn dort befinden sich weiterhin unsere Körper und unsere Gefühle. Der Autor warnt uns mit der Metapher der Mirrorscape-Welt (wie schon Lewis Carroll mit „Alice hinter den Spiegeln“) vor den Folgen der Kontrolle unserer Phantasie durch Egoisten und Machthaber. Phantasie bedeutet nicht nur „Gefangenschaft im Reich der Bilder“, sondern auch die Rettung der Freiheit und somit die Verbesserung unserer Lebenswelt. Das mag naiv erscheinen, doch gibt es bessere Alternativen, die jeder einzelne von uns umsetzen könnte?

|Das Hörbuch|

Jedes Hörbuch mit Andreas Fröhlich ist ein besonderes Erlebnis, ganz einfach deshalb, weil dieser Sprecher es zu einem machen kann. Auch die aktuelle [„Wunschkrieg“-Trilogie 5641 von Kai Meyer hat er mit seiner Sprechkunst aufgewertet, so dass der Hörer gerne wieder dorthin zurückkehrt. Im vorliegenden Hörbuch kann sich Fröhlich munter in verschiedenen Phantasie-Szenarien austoben.

Das einzige Manko dieses Hörbuchs ist das Fehlen von Musik und Geräuschen. Da aber |Oetinger| einen wesentlich kleineren Vertrieb als |Lübbe| hat und die Stückzahlen wohl nur gering waren, ist der Preis relativ hoch. Da hätte eine Musikproduktion den Preis noch weiter in die Höhe getrieben.

|Originaltitel: Mirrorscape, 2007
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Münch
426 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-8373-0396-4|
http://www.oetinger.de/

TKKG junior – Stimmen aus dem Jenseits (Folge 18)

Die Handlung:

Es gibt keine Geister! Oder etwa doch? Das behauptet zumindest der alte Kinobesitzer Herr Ambrosios. Der hört beim Vorführen seiner alten Stummfilme nämlich neuerdings unheimliche Stimmen im Kinosaal. Doch TKKG sind sich sicher: Dafür muss es eine logische Erklärung geben! Doch als sie dann die Stimmen aus dem Jenseits mit eigenen Ohren zu hören bekommen, sind auch sie verunsichert. Ruft da vielleicht wirklich der Geist der vor langer Zeit bei Dreharbeiten verschwundenen Stummfilm-Darstellerin Dita von Hohenfels um Hilfe? Ein bisschen mulmig ist TKKG schon bei diesem Gedanken, aber sie wollen der Sache auf den Grund gehen! Und dabei lösen sie ganz nebenbei einen Fall, bei dem sich Kommissar Glockner und seine Kollegen bisher die Zähne ausgebissen haben …. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

„Who ya gonna call?“ TKKG Junior! Wer hätte gedacht, dass die Detektivtruppe (+ Hund) mal zu Geisterjägern mutiert? Vielleicht sollten sie sich beim Sohn des Lichts, John Sinclair, Tipps holen oder ein paar Utensilien ausleihen!

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Perry Rhodan – Kodexfieber (Silber Edition 154)

Die Handlung:

Im Jahr 429 Neuer Galaktischer Zeitrechnung kämpfen Menschen von der Erde in unterschiedlichen Regionen des Kosmos gegen mächtige Wesen. Perry Rhodan riskiert den Konflikt mit den übermächtigen Kosmokraten. Ihr Bann zwingt ihn, die Milchstraße zu verlassen – er reist in die Mächtigkeitsballung von Estartu. Dort kämpfen Vironauten von der Erde gegen das Kodexfieber, das sie in eine unheimliche Veränderung zwingt … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Los gehts mit einer Lossagung. Die Ritter der Tiefe haben keine Lust mehr auf den Job, den sie nach Wünschen der Kosmokraten mit Freude dienend ausführen sollten. Taurec findet das auch nicht so toll, aber jeder möchte gern wieder sein eigenes Ding machen. Bockig verhängt Taurec einen „Bann der Kosmokraten“ über die Ritter … klar, wenn sie nicht den Kosmokraten dienen, dann soll es ihnen halt schlecht gehen. Aber Perry bekommt ins Ohr geflüstert, dass es eine Möglichkeit geben könnte, wie er aus der Geschichte heil herauskommt.

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Michalewsky, Nikolai von / Redeker, Jochim-C. / Weymarn, Balthasar von – Mark Brandis: Raumsonde Epsilon 1 (Hörspiel, Folge 9)

_Die „Mark Brandis“-Reihe:_

01 [„Bordbuch Delta VII“ (Hörspiel) 4995
02 [„Verrat auf der Venus“ (Hörspiel) 5013
03 [„Unternehmen Delphin“ (Hörspiel) 5524
04 [„Aufstand der Roboter“ (Hörspiel) 5986
05 [„Testakte Kolibri 1“ (Hörspiel) 5984
06 [„Testakte Kolibri 2“ (Hörspiel) 5985
07 [„Vorstoß zum Uranus 1“ (Hörspiel) 6245
08 [„Vorstoß zum Uranus 2“ (Hörspiel) 6246
09 _“Raumsonde Epsilon 1 (Hörspiel)“_
10 „Raumsonde Epsilon 2 (Hörspiel)“

_Verwirrung im Sonnensystem: Die Aliens sind hier!_

Anno 2125: Mark Brandis‘ Schiff, die HERMES, ist mit der nun unbemannten DELTA IX im Schlepptau unterwegs zurück zur Erde. Die ermüdende Bordroutine auf dem wochenlangen Flug wird jäh unterbrochen: Die DELTA IX ist plötzlich spurlos verschwunden! Brandis erreicht auf der Suche nach Scotts Schiff die Station Zhongli Quan und muss bald feststellen, dass nicht nur die Vereinigten Orientalischen Republiken undurchsichtige Pläne verfolgen … (Verlagsinfo)

_Handlung_

Die HERMES befindet sich unter dem Kommando von Mark Brandis auf dem Rückweg vom Uranusmond Titania zur Venus, als die Verbindung zur der im Schlepptau befindlichen Delta IX abbricht. Seltsamerweise gibt es weder eine Kommunikationsmöglichkeit zu ihr noch einen Logeintrag, was mit ihr geschehen ist. Brandis löst Alarmstufe Rot aus.

Er setzt die Wissenschaftlerin Wolska auf eine Anomalie in den Gravitationsverhältnissen des Raumsektors an und geht auf Suchkurs. Als ein chinesisches Drachen-Symbol von Bord der Delta IX gefunkt wird, wird ihm erstaunt klar, dass die Chinesen das Raumschiff gekapert haben. Der Kommandeur der Gegenseite Xon Li Kwan nötigt Brandis, mit seiner HERMES zu einer Raumstation zu fliegen. Zuvor setzt Brandis einen Bericht an den Chef von VEGA ab und richtet die HERMES für ein kodiertes Signal ein. VEGA befiehlt, den eingeleiteten Angriff auf die Chinesen abzubrechen, die Delta IX den Chinesen zu überlassen, das UFO mit der Gravitationsanomalie zu erkunden und es zur Station Isidor zu bringen.

Leichter gesagt als getan, findet Brandis. Denn als er sich dem UFO nähert, taucht ein Schwerer Kreuzer von VEGA auf und nimmt die HERMES unter Beschuss! Während einer der Astronauten aus seiner Crew, der sich auf der Schiffsoberfläche befand, im All verlorengeht, muss Brandis zur Station Isidor, die der VEGA freundlich gesonnen ist, um Reparaturen durchzuführen. Allerdings befindet sich die Station zu seiner Überraschung nicht in Händen der Republiken, sondern in denen einer sogenannten Dritten Macht. Und der Schwere Kreuzer, der sie beschoss, wird von einem alten Bekannten und Feind befehligt.

Weitere unangenehme Überraschungen warten auf Brandis und seine Crew, aber ein unverhofftes Wiedersehen bringt neue Hoffnung.

_Mein Eindruck_

Wem dieser Handlungsverlauf etwas wirr vorkommt, dem ergeht es nicht besser als mir beim ersten Hören. Sicher, die offenen Fragen werden im zweiten Teil beantwortet, doch der Hörer könnte zumindest erwartet, dass die Kaperung der Delta IX und die Begegnung mit der Alien-Raumsonde – sie ist die „Gravitationsanomalie“ – näher erklärt werden. Nichts dergleichen, stattdessen scheinen sich die Autoren dazu entschlossen zu haben, Spannung durch das Warten auf Antworten zu erzeugen. Das ist vorerst ein wenig frustrierend.

Es ist das erste Mal in der „Mark Brandis“-Reihe, dass ein Alien-Artefakt entdeckt wird. Bislang haben sich die Menschen nur untereinander gekloppt. Nun müssen sie sich auch noch mit einem Faktor X herumschlagen. Allerdings braucht man nur sein Wissen über den Verlauf der Geschichte zu bemühen, um vorausahnen zu können, was das UFO im Sonnensystem auslöst: ein Wettrennen um den ersten Platz, wenn es darum geht, die Geheimnisse der überlegenen Technologie der Fremden an sich zu reißen und so einen Vorsprung im Wettlauf der Interessengruppen zu erringen. Und für diesen Vorteil scheint so mancher bereit, bis zum Äußersten zu gehen.

|Epsilon|

Warum die Raumsonde „Epsilon“ genannt wird, wird aus einer kurzen Erläuterung deutlich. „Epsilon“ beruht auf dem Doppelstern Epsilon Bootes, der 103 Lichtjahre entfernt ist. Die Theorie geht wie folgt: Was würde passieren, wenn eine fremde Zivilisation, deren Sonde sich bereits in unserem Sonnensystem befände, auf unsere Rufe warten würde und sich dann zu einem gegebenen Zeitpunkt zu erkennen gäbe, sobald unsere Technik einen genügend hohen Grad erreicht hätte, der eine Verständigung ermöglichen würde? Man kann sich einen gewissen Aufruhr im Ameisenhaufen des Sonnensystems vorstellen, wenn ein solcher Fremdling wie ein großer Käfer auftauchen würde. Bei den Ameisen ereilt ihn stets das gleiche Schicksal …

Diese Theorie ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern wird im Booklet zum 2. Teil genau erläutert. Sie existiert seit 1970 und wurde von Duncan Lunan, einem schottischen Autor, aufgestellt und verworfen. Ronald Bracewell, ein Radiologie-Professor in Stanford, stützte und erweiterte diese Theorie. Sie ist bis heute nicht widerlegt.

_Der Autor_

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den „Mark Brandis“-Büchern, der bis heute (nach Perry Rhodan) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.

Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Thomas Weichler.

Mehr Informationen gibt es unter [www.folgenreich.de.]http://www.folgenreich.de

|Die Sprecher und ihre Rollen:|

Prolog: Wolf Frass
Michael Lott spricht: Commander Mark Brandis
Major Frederick Young: Erich Räuker
Cmdr. Ernest D. Scott: Frank Glaubrecht
Bordcomputer: Anke Reitzenstein
Col. Barclay: Kai Jürgens
Lt. Iwan Stroganow: Martin Wehrmann
Cpt. Martin van Kerk: Michael Westphal
Cpt. Roger d’Arcy: Udo Schenk
Ludmilla Wolska: Tomasina Ulbricht
Lt. William Xuma: Michael Pan
Lt. Usko Koskinen: Julien Haggége
Bordsystem CORA: Christine Mühlenhof

Mehr Informationen hierzu finden Sie hier:
[www.markbrandis.de]http://www.markbrandis.de
[www.interplanar.de]http://www.interplanar.de

|Die Inszenierung|

Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Klänge, so etwa die Triebwerke der „Hermes“ oder das Öffnen und Schließen ihrer Luken und Schleuse. Doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt. Der Flug zur Station Isidor ist recht dramatisch anzuhören, aber leider ziemlich kurz. Was gäbe ich für eine ordentliche Raumschlacht à la „Perry Rhodan“!

Ungewöhnlich sind eher Sounds, die Verzerrungen im Funksprechverkehr simulieren – das lässt aufhorchen. Hier haben die Macher dazugelernt. Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Die meisten SF-Serien wie etwa „Raumschiff Enterprise“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen.

Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur Lübbes „Perry Rhodan“ kann in dieser Liga mitspielen, ist aber inzwischen auf Magerkost gesetzt worden. Auch das Design von verzerrten Meldungen per Funk ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend. Diesmal kommt besonders der Klangeffekt des Halls zum Einsatz: in den diversen Gefängniszellen, in denen sich Brandis und seine Crew wiederfinden.

|Die Sprecher|

Die Dialoge belegen die Verhaltensweisen von Erwachsenen statt von Jugendlichen. Man nimmt den Figuren jetzt ab, dass sie über das Schicksal von Menschen zu entscheiden in der Lage sind. Die Ernsthaftigkeit von „Raumpatrouille Orion“ ist mit der schnellen Handlung von „Perry Rhodan“ bestens kombiniert. Die Auseinandersetzungen sind im Unterschied zur vorhergehenden Folge nicht mehr intern, sondern äußerlich.

Und Brandis hat sich mit der Dritten Macht auseinanderzusetzen, die ihm ein fieses Angebot macht. Michael Lott alias Mark Brandis strahlt stets unbeugsame Autorität aus, doch auch er muss ja mal schlafen. Recht eindrucksvoll macht sich auch der Austausch der Stimmmodule des Bordcomputers bemerkbar. Spricht zunächst noch Anke Reitzenstein relativ kontrolliert und unmoduliert, so wird sie durch Christine Mühlenhof abgelöst, die eine geradezu menschliche Stimmmodulation aufweist, so dass man ihr gerne zuhört. So angenehm möchte ich auch mal geweckt werden!

Recht sonderbar wirkt Tomasina Ulbricht als Sprecherin der Wissenschaftsoffizierin Ludmilla Wolska: Trotz ihres lieblich-sanften Akzents spricht sie so langsam, dass man erwartet, sie gleich einschlafen zu hören. Dieser Eindruck liegt möglicherweise daran, dass Frau Ulbricht keine hierzulande geborene Deutsche ist. Zumindest lässt sich sagen, dass jeder Satz von ihr unverkennbar ist.

|Musik|

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Outro und in den Intermezzi. Letztere haben die Aufgabe, die längeren Szenen voneinander abzutrennen und eine Emotion zu vermitteln, z. B. Beklemmung oder Dramatik. Ganz am Schluss erklingt ein flottes Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsamen Hintergrundmusik abbremst.

|Das Booklet|

Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen 1-8 der Serie, über die Macher und über die Sprecher. Darüber hinaus gibt es jeweils Zusatzinformationen, so etwa über die Raumstation Isidor, den Jupitermond Kallisto sowie über die Begriffe „Astronomische Einheit“ – sie entspricht etwa 150 Mio. km – und „Telempathie“, die Fähigkeit, aus der Distanz Gefühle wahrzunehmen oder zu übermitteln. Sie charakterisiert die Raumsonde Epsilon.

Am wichtigsten scheint mir jedoch die Beschreibung und Darstellung des Raumschiff-Prototyps HERMES zu sein. Neben technischen Daten (immerhin 1250 km/sec Spitzengeschwindigkeit) finden wir eine Beschreibung der Defensiv- und Offensivkapazitäten, zu deutsch: Waffensysteme.

|Das Hörspiel|

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend oder gar romantisch. Allerdings ist das erste Drittel ein wenig verwirrend, weil die offenen Fragen nicht geklärt werden. Dies erfolgt erst im 2. Teil dieser Folge.

Dieses Drama ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.

Gut finde ich, dass Folgenreich und Universal Music jetzt den Vertrieb übernommen haben. Dadurch ist der Fortbestand der Serie wohl gesichert. Und nun kann man sich mit Frank Glaubrecht (bekannt als „John Sinclair“) und Simon Jäger auch namhafte Synchronsprecher leisten, die ein wenig (?) mehr kosten als die bisher eingesetzten. Das kommt dem Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert der Serie nur zugute.

_Unterm Strich_

Mark Brandis stößt mit seiner HERMES unerwartet auf eine Raumsonde, die nicht von Menschen gebaut wurde. Er hätte vorgewarnt sein sollen, dass sogleich der Wettlauf zu den technologischen Wundern dieser Sonde losgeht, wird aber überrascht, welche Mitspieler ihn nun ins Kreuzfeuer nehmen. Zum Glück erhält er Hilfe von unerwarteter Seite. Dadurch wird der Faden aufgenommen, der aus „Testakte Kolibri“ noch offen war.

|1 Audio-CD mit 56 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3829123174|

Mark Brandis – Raumsonde Epsilon 2 (Folge 10)

Die Büchse der Pandora als Zankapfel

Anno 2125: Mark Brandis‘ Schiff, die HERMES, ist mit der nun unbemannten DELTA IX im Schlepptau unterwegs zurück zur Erde. Die ermüdende Bordroutine auf dem wochenlangen Flug wird jäh unterbrochen: Die DELTA IX ist plötzlich spurlos verschwunden! Brandis erreicht auf der Suche nach Scotts Schiff die Station Zhongli Quan und muss bald feststellen, dass nicht nur die Vereinigten Orientalischen Republiken undurchsichtige Pläne verfolgen … (Verlagsinfo)

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Stephen King – Billy Summers

Die Handlung:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

In dieser Geschichte folgen wir dem titelspendenden Billy Summers. Früher war er Scharfschütze im Irak-Krieg, heute Attentäter gegen Bezahlung. Nach außen gibt er sich gern dümmlich, aber innerlich ist er hellwach und gut organisiert.

Stephen King – Billy Summers weiterlesen

Katzenbach, John – Rache, Die (Lesung)

_Der Banker als Bankräuber: Lebenslüge adieu!_

Megan und Duncan Richards haben Karriere gemacht und sich in ihrem bürgerlichen Wohlstand bequem eingerichtet – aber das war nicht immer so: Als naive Weltverbesserer hatten sie sich in ihrer Studentenzeit einer radikalen Gruppe angeschlossen und bei dem Überfall auf einen Geldtransporter mitgemacht. Doch nur Olivia Barrow, die Rädelsführerin, war dafür ins Gefängnis gewandert. Nun wird sie aus der haft entlassen und hat sich geschworen, an den Verrätern von damals blutige Rache zu nehmen … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Handlung_

Megan und Duncan Richards haben sich 1986 fein eingerichtet in ihrem bürgerlichen Leben an der Ostküste der USA. Er ist Bankmanager, Sie Immobilienmaklerin. Und eigentlich wollten sie ihren gemeinsamen Abend dieses erfolgreichen Tages – sie ist wieder ein Haus losgeworden – zusammen mit ihren Kindern verbringen. Doch es gibt eine kleine Störung. Opa Tom Pearson sollte Tommy von der Schule abholen und ihn schnurstracks zu Megan nach Hause bringen – aber er ist bereits eine Stunde überfällig. Duncan beruhigt sie erst am Telefon, doch dann bekommt er selbst einen unangenehmen Anruf – von einer Stimme aus der Vergangenheit. Tommy und Opa seien als Geiseln entführt worden …

|Rückblende aufs Jahr 1968|

Megan und Duncan sind noch nicht miteinander verheiratet, aber schon zusammen, als sie beide bei einer Art Stadtguerilla und politischen Rebellengruppe an der Westküste mitmachen. Die Anführerin Olivia Barrow schwört die kleine Gruppe aus Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen auf den Kampf gegen das Establishment ein, angeblich im Namen der Gerechtigkeit.

Doch wie gerecht kann ein Banküberfall schon sein, fragt sich zweifelnd Megan, die wirklich die Hosen voll hat. Und dass ihr wegen ihrer neu entdeckten Schwangerschaft morgens stets übel wird, trägt auch nicht gerade zu ihrem Kampfeseifer bei. Kurz bevor die Gruppe zum Überfall ausrückt, offenbart sie Duncan ihren Zustand. Er ist zum Glück höchst erfreut über die Aussicht, Vater zu werden. Doch nun kommen auch ihm Bedenken: Was, wenn dieses Unternehmen schiefläuft? Was wird dann aus Megan und dem Baby?

Der Überfall auf die Bank, den Olivia angeblich fein säuberlich ausgetüftelt haben will, gerät zum Fiasko. Nicht nur, dass der eine Wachmann des Dow-Chemical-Geldtransportes sofort Lunte riecht, bringt den Ablauf durcheinander, nein, auch einer der Wachleute innerhalb der Bank feuert aus allen Rohren. Olivias Geliebte bricht im Kugelhagel zusammen, was Olivia aus dem Konzept bringt. Es gibt weitere Tote in und vor der Bank. Duncan soll den Fahrer beim Rückzug spielen, doch als er merkt, dass die Sache schiefläuft und bereits die Sirenen der Polizeiautos nahen, gibt er die Sache auf und überlässt Olivia sich selbst. Kurz darauf nimmt er Megan mit, gemeinsam und unerkannt machen sie sich aus dem Staub. Bis heute dieser Anruf gekommen ist …

|Gegenwart (1986)|

Richter Tom Pearson und sein Enkel Tommy sitzen im Auto ihrer Entführer. Es sind drei: Olivia Barrow, die freigelassene Exterroristin, ihr Liebhaber Bill Lewis sowie Ramón, ein Helfer. Olivia ist interessanterweise die Anführerin. Sie lässt die beiden Geiseln in eine Dachkammer sperren, ie sich in einem alten Haus am Waldrand befindet. Dann setzt sie mit ihren zwei Helfern ihren Plan in die Tat um.

Duncan Richards sieht sich konsterniert Olivias Forderung gegenüber, die sie persönlich in seinem Büro überbringt: Er soll seine eigene Bank ausrauben! Erst dann bekommt er die beiden Geiseln lebend wieder zu sehen. Duncan bleibt nichts anderes übrig, als auf Olivias Forderung einzugehen. Er fühlt sich ihr gegenüber auch ein wenig schuldig. Zu Megan erwähnt er von dieser Aufgabe kein Sterbenswörtchen.

Doch die Kidnapper lassen die Familie Richards keineswegs in Ruhe, sondern üben eine Art Psychoterror aus. Als auch noch Ramón ins Haus einbricht, bringt dies für Megan das Fass zum Überlaufen. Sie ergreift Maßnahmen, um das Versteck der Entführer ausfindig zu machen. Nach einer Weile wird sie fündig und spioniert die Hütte am Waldrand aus. Olivia hat sich Opas Auto als letzten Fluchtweg beiseite gestellt. Sie hat offenbar ihre eigenen Pläne – ohne die beiden Kerle.

Während Duncan seine eigene Bank ausraubt, haben die beiden entführten Tommys in der Dachkammer Todesängste auszustehen. Während sich Richter Pearson bereits an die Arbeit macht, um sich durch die morschen Wandbretter zu graben, erholt sich sein Enkel von einer Panikattacke. Allerdings macht Olivia weiterhin Terror. Nicht mehr lange, wenn es nach Richter Pearson geht.

Als Duncan das geraubte Geld übergeben will, zickt Olivia so lange herum, bis er gründlich gedemütigt ist. Doch dies ist nicht das Ende seiner Qualen: Sie kündigt an, ihn fortan jedes Jahr heimsuchen zu wollen, wie ein Vampir, der ihn aussaugt, bis von seinem Familienglück nichts mehr übriggeblieben ist. Da platzt auch beim ängstlichen Duncan die Hutschnur.

Zusammen mit Megan und den beiden Zwillingen Karen und Lauren staffieren sie sich für ein Überfallkommando aus, um im Morgengrauen die Geiseln zu befreien.

_Mein Eindruck_

Wie schon in „Das Rätsel“ endet die Geschichte mit einem bleigeladenen, explosiven Showdown. Und mir drängt sich der Verdacht auf, der Autor habe seine frühen Romane, wie „Die Rache“, nur deshalb geschrieben, um einen actiongeladenen Showdown inszenieren zu können. Eine Art Western der Gegenwart sozusagen.

Zum Western gibt es allerdings einen gravierenden Unterschied, nämlich die Gegenüberstellung zweier Zeitebenen: hier 1986, dort 1968. Die Figuren erzählen es immer wieder: 1968 herrschte in den USA der Ausnahmezustand. Mit Robert Kennedy und Martin Luther King waren zwei Führer der Landes ermordet worden. 1963 wurde John F. Kennedy getötet und 1966 Malcolm X. Kein Wunder also, dass sich auf der einen Seite Paranoia entwickelte und sich eine Gegenkultur bildete, die das kriegsführende „System“ nicht bloß unterminieren, sondern auch erschüttern und schließlich beseitigen wollte.

An der Westküste trieben die „Weathermen“ ihr terroristisches Unwesen, und so erscheinen Olivia Barrows Kämpfer durchaus plausibel. Sie wollen eine Bank ausrauben, um geld für Waffen zu beschaffen – und um Dow Chemical zu schädigen. Sie hätten sich, wie die RAF in Deutschland, kein schlechteres Ziel aussuchen können.

Das Jahr 1986 liegt mitten in der Amtszeit Ronald Reagan, als der Kapitalismus fröhlich gedieh und „der militärisch-industrielle Komplex“ (Eisenhower) blendende Geschäfte machte. Die Wirtschaft blühte, und die Bank verdienten fleißig am verliehenen Geld. Erst 1987 kam dann der erste Warnschuss in Form eines Börsencrash. 1986 ist also noch alles in bester Ordnung. Bis sich für die Richards die Nemesis wieder erhebt und zuschlägt.

Das Witzigste an Olivia Barrows Plan ist wohl, dass sie den Banker Duncan zwingt, zum Bankräuber zu werden. Dadurch wird Duncan wieder zu dem gemacht, was er schon 1968 sein sollte. Doch diesmal macht er alles viel besser, nach seinem eigenen System. Und dieses System sieht vor, alles nach dem Einbruch eines Dritten aussehen zu lassen. Seine Raffinesse und Umsicht ist dabei sehr zu bewundern. Erstaunlich, welche kriminelle Energie immer noch im alten, gemütlichen Duncan steckt, würde Olivia jetzt lästern. Mittlerweile wissen wir ja nach 2008, dass auch viele andere Banker kriminelle Energie entwickelten. Diese war allerdings systemimmanent aktiv, siehe Bob Madoff. Gesprengte Tresortüren würden dabei in die Kategorie „Grober Unfug“ fallen.

Der Showdown ist eine Umkehrung des Überfalls von 1968: Der Schatz besteht in den beiden Entführten, und die Richards-Familie setzt alles daran, sich diesen Schatz zu holen. Selbst Megan muss eine Knarre nehmen, ebenso die beiden 18-jährigen (und somit wohl volljährigen) Zwillinge. Als sich die beiden Mädels ihrem Erzfeind Olivia Barrow gegenübersehen, schlägt die Phantasie des Autors allerdings über die Stränge: Sie sollen sich an ihre Zeit im Mutterleib erinnern und so den Erzfeind erkennen, auf dass sie keinerlei Gnade üben. Das ist natürlich blanker Blödsinn.

_Der Sprecher_

Simon Jäger, die deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett, ist ein sehr fähiger Sprecher für diesen gruseligen Text. Er lässt sich jede Menge Zeit, spricht deutlich und kitzelt die unterschwelligen Bedeutungen des Textes hervor. So entsteht ein deutliches Bild der Vorgänge.

Indem er die Figuren mit einer individuellen Ausdrucksweise und Stimmhöhe ausstattet, macht er sie leicht erkennbar. Doch erst in emotionalen Situationen erwachen sie zum Leben, wenn der Sprecher sie rufen, klagen und brüllen lässt. Simon Jägers Vortragsweise ist zwar nicht so emotional wie die von Johannes Steck, doch viel fehlt nicht mehr.

Simon Jägers Vortrag ist lebhaft und emotional, er kann die Figuren in den emotionalen Szenen wirklich zum Leben erwecken. Dass es weder Geräusche noch Musik gibt, finde ich weniger schön, aber wahrscheinlich würden sie bloß stören, so wie im Simon-Beckett-Hörbuch „Leichenblässe“.

Simon Jäger, geboren 1972 in Berlin. Seit 1982 arbeitet er als Synchronsprecher bei Film und TV. Er lieh u.a. Josh Hartnett, James Duvall, Balthazar Getty, River Phoenix seine Stimme, aber auch „Grisu dem kleinen Drache“, und war auch in TV-Serien wie „Waltons“, „Emergency Room“ zu hören. Seit 1998 arbeitet er zudem als Autor und Dialogregisseur.(Homepage-Info) Jäger liest eine von Dicky Hank gekürzte Fassung.

_Der Autor_

John Katzenbach war ursprünglich Gerichtsreporter für den „Miami Herald“ und die „Miami News“. Er hat bisher zehn Spannungsromane veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie im westlichen Massachusetts, USA.

_Unterm Strich_

Die Familie Richards begegnet ihrer Nemesis und konfrontiert sie mit ihrer Lebenslüge – das ist eigentlich eine gute Ausgangslage, um ein paar ätzende Kommentare auf die Reagan-Ära loszuwerden. Pustekuchen! Familie Richards wird mit der Spät-Terroristin durchaus allein fertig, indem sie ihr Waffenarsenal auspackt und selbst gegen die Gefahr aus dem Innern der Gesellschaft vorgeht.

Und die beiden Tommys in der Dachkammer, die zwei andere Generationen verkörpern, berappeln sich auf ähnliche Weise: Opa hat immer noch ein paar knackige Weisheiten an den Enkel zu vermitteln, bis dieser endlich Mut genug aufbringt, die Flucht zu wagen. Wahrscheinlich wird Klein-Tommy später mal ein Marine werden und den Kameltreibern im Irak den Hintern versohlen.

Das einzig Gute an dem Roman sind wahrscheinlich die witzigen Pläne Olivia Barrows, die den Banker wieder zum Bankräuber machen, sowie der explosive Showdown. Ansonsten ereignet sich vor allem Psychoterror, und das kann ganz schnell langweilig werden. Zum Glück hat es nie eine Verfilmung dieses Garns gegeben. Der Produzent hätte sich ja mit einer womöglich politisch interpretierten Aussage weit aus dem Fenster lehnen müssen. Das tut selten gut.

|6 Audio-CDs mit 429 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Day of Reckoning
Aus dem Amerikanischen von Anke und Eberhard Kreutzer
Regie: Tanja Fornaro
Aufnahmeleitung im Studio XBerg: Jochen Simmendinger
ISBN-13: 978-3-86610-758-8|
[www.argon-verlag.de]http://www.argon-verlag.de

_John Katzenbach bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Anstalt“ 2688
[„Der Patient“ 2994
[„Das Opfer“ 3414
[„Der Fotograf“ 4360
[„Das Rätsel“ 4627
[„Das Rätsel (Hörbuch)“ 5843

Jules Verne – Die Jagd nach dem Meteor (Lesung)

Satirisch: der Fang des Goldmeteors

Ein Meteor, aus reinem Gold nähert sich der Erde. Ein Wettrennen aller Staaten und Mächte nach diesem Wertobjekt setzt ein. Der geniale Privatmann Xirdal aber hält den Trumpf in der Hand: Er konstruiert einen Apparat, mit dem er den Meteor lenken kann. Und er lenkt ihn auf ein zuvor gekauftes Stückchen Land. Truppen rücken an, gesteuert von der Macht und Goldgier ihrer Befehlshaber. Ob das wohl gut geht?

Der Autor

Jules-Gabriel Verne, in Deutschland anfänglich Julius Verne (* 8. Februar 1828 in Nantes; † 24. März 1905 in Amiens), war ein französischer Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seine Romane „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869–1870) sowie „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (1873) bekannt. Neben Hugo Gernsback, Kurd Laßwitz und H. G. Wells gilt Jules Verne als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur. (Wikipedia.de)

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym„. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst 1994 veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin. „Die Jagd nach dem Meteor“ erschien ebenfalls erst nach Vernes Tod (siehe unten).

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs und Mädchen auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie [„Die Mitte der Welt“ 804 von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl sowie die beinahe ebenbürtige Meg Finn hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Rufus Beck liest die ungekürzte Fassung, die dennoch lediglich drei Stunden lang ist.

Handlung

Die meiste Zeit spielt die Handlung in der braven Stadt Weston im US-Bundesstaat Virginia. Das genaue Jahr ist unbestimmt, doch es gibt einen kleinen Hinweis: Die US-Flagge hat zu diesem Zeitpunkt nur 43 Sterne statt der heutigen 50. Und es ist Frühling. März, um genau zu sein.

Prolog

Obwohl es wenig zur Haupthandlung beiträgt, sei doch erwähnt, dass die Geschichte mit einer Blitztrauung beginnt. Miss Arcadia Walker, 24 und ebenso schön wie wohlhabend, heiratet Seth Stanford, einen Globetrotter, und zwar vor dem Haus des ehrenwerten Friedensrichters John Proth – zu Pferde. Will heißen, keiner der beiden Brautleute fühlt sich bemüßigt, vom Ross zu steigen. Im Pferdeland Virginia werden diese Dinge eben pragmatisch erledigt. Es kann aber auch ganz anders laufen. Im späteren Verlauf der Handlung begegnen wir den beiden wieder, so etwa bei ihrer – ebenso rasch erledigten – Scheidung. Richter John Proth fällt eine wichtige Rolle im nun folgenden Drama zu.

Die Entdeckung des Meteors

Das bis dato noch friedliche Weston beherbergt zwei Hobbyastronomen: Dean Forsyte, 45, und Dr. Sidney Huddleson. Forsytes Neffe Francis Gordon gedenkt am 18. Mai die hübsche Jenny, Huddlesons Tochter, zur Frau zu nehmen. Durch die Ereignisse an und nach diesem 16. März scheint sich dieses freudige Ereignis jedoch in ernster Gefahr zu befinden, niemals stattfinden zu können. Morgens um sieben beobachten die beiden Astronomen unabhängig voneinander einen Meteor, der die Erde umkreist.

Nach dieser epochalen Beobachtung gehen dem Direktor der Sternwarte von Pittsburgh am 24. März zwei Briefe beinahe identischen Inhalts zu: Sowohl Forsyte als auch Huddleson beanspruchen das Recht, den Meteor entdeckt zu haben, jeweils für sich. Diese Tatsache ist auch umgehend Gegenstand eines Artikels in der Lokalzeitung Westons. Noch bleibt alles friedlich, wenn sich auch die beiden Entdecker nicht mehr grün sind. Schon bald macht sich die Satirezeitschrift „Punch“ über ihren Ruhmeseifer lustig.

Goldrausch

Die Lage ändert sich, als die Sternwarte von Paris in alle Welt hinausposaunt, der gesichtete Meteor bestehe aus purem Gold. Natürlich nicht in geschmolzener Form, sondern durchsetzt mit Löchern und Rissen. Zunächst schätzen die Amateure einen falschen Durchmesser, doch dann entscheidet Pittsburgh: Wenn die Masse des Himmelskörpers 1,867 Mio. Tonnen beträgt, so liegt sein Goldwert bei nicht weniger als 5,8 Trillionen Dollar!

Milliardäre

Sofort erklären sich Forsythe und Huddleson zum Besitzer des Meteors und zu Multimilliardären. Wäre die Bevölkerung von Weston nicht schon längst in zwei Parteien zerfallen, spätestens jetzt gingen der Streit und die Schlägereien los. Wenigstens kommt keiner der beiden an das Gold heran, sonst wäre alles noch viel schlimmer. Aber jeder fragt sich jetzt: Wo wird der Meteor abstürzen? Der eine sagt: Japan, der andere sagt: Patagonien. Die Sternwarte Boston mischt sich ein und sagt: Alles Blödsinn! Für die Besitzansprüche der Astronomen auf noch nicht abgestürzte Flugkörper erklärt sich das Westoner Gericht unter dem wackeren Richter John Proth nicht zuständig.

Unerhörte Tricks

In Paris gibt es einen wohlhabenden jungen Erfinder namens Zehyrine Xirdal, der nicht nur ein Genie ist, sondern auch beste Beziehungen zur Bank seines „Onkels“ Monsieur Lecoeur unterhält, welchselbiger die Ehre hat, sein Geld verwalten zu dürfen. Nachdem er aus der Zeitung vom Meteor erfahren hat, fordert Xirdal vom Onkel 10.000 Francs und ein Grundstück. Und wo, bitteschön? Dort, wo der Meteor abstürzen wird. Woher er diesen Punkt bereits kenne? Xirdal antwortet: Ich werde es so einrichten.

Gesagt, getan. Xirdal baut ein mysteröses Maschinchen, das der Banker nicht versteht, aber das dennoch seinen Zweck erfüllt: Durch bis dato unbekannte Gravitationsstrahlen gelingt es Xirdal, die Bahn des Meteors nach seinen Wünschen abzulenken. Dadurch gerät der Leiter der Sternwarte Boston, der ansonsten so reputierliche Mr. J.B.R. Loewenthal, schwer in die Bredouille, denn alle seine Berechnungen und Voraussagen erweisen sich plötzlich als Makulatur.

Huddleson und Forsyte sehen sich veranlasst, ihre angebrochenen Reisen nach Japan und Patagonien abzubrechen und heimzukehren. An die Hochzeit von Francis und Jenny ist natürlich nicht mehr zu denken: König Chaos regiert. Aber noch lassen die Verlobten die Hoffnung nicht fahren, denn irgendwann MUSS der Meteor doch fallen, oder?

Der Tag des Absturzes

Unterdessen ist eine internationale Konferenz einberufen worden, die entscheiden soll, wie mit dem zu erwartenden Goldsegen zu verfahren sei. Xirdal schickt den Diplomaten zwar ein Telegramm, er sei der Besitzer des Meteor, doch vergesslich, wie er ist, unterlässt er es, seinen Namen darunterzusetzen. Es wird nicht weiter beachtet. Da verkündet Boston, der Meteor werden etwa am 19. August bei Uppernarvik in Westgrönland niedergehen. Dänemark, die Kolonialmacht Grönlands, jubelt und entsendet als Bevollmächtigten Erich von Schnack ins Polargebiet.

Innerhalb weniger Wochen findet sich trotz schneidender Kälte rund 3000 Ausländer in dem kleinen Städtchen ein. Sie erleben eine Überraschung: Uppernarvik liegt auf einer Insel und ist ringsum von Meer umgeben, das bis in eine Tiefe von 2000 bis 3000 Metern reicht. Was, wenn der himmlische Goldklumpen ins Wasser fiele? Huddleson, Forsyte und alle Abenteurer, die sich hier eingefunden haben, beginnen nervös und trotz der Kälte zu schwitzen.

Doch sie bleiben nicht lange allein. Nach dem Absturz des Meteors um exakt 6:57:35 Uhr am 19.8. finden sich unvermittelt mehrere Kriegsschiffe aller wichtigen Nationen des Erdballs ein. Da wird Herr von Schnack viel protestieren müssen. Doch man stelle sich seine Überraschung vor, als er mit einer Horde von 3000 Neugierigen (darunter den Erstentdeckern) durch Eis, Wind und Schnee zur Absturzstelle eilt – und von einem Drahtzaun gestoppt wird, auf dem ein Schild prangt: „Privatgrundstück! Zutritt verboten!“

Mein Eindruck

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!“ Mit diesem Goethevers ließe sich die Handlung, die Verne in einem seiner letzten Romane ausgearbeitet hat, im Groben umschreiben. Es ist nicht nur eine Kritik an der verbreiteten Gier nach materialistischer Werten. Verne starb 1905, als sich die Nationalstaaten nicht nur Westeuropas so ziemlich den ganzen Rest der Welt angeeignet hatten. Nur noch neun Jahre bis zum großen Knall, dem Ersten Weltkrieg. Der Roman lässt sich als Warnung auffassen.

Was Verne voraussah, waren der Zank um den Besitz fremder Menschen, Völker oder Länder, der sich im Zuge des Kolonialismus über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Überall sah er Zwist statt Einigkeit, sogar auf den internationalen Konferenzen, von denen er eine in seinem Roman stattfinden lässt und die ergebnislos im Sande verläuft, da die Teilnehmer hoffnungslos zerstritten sind.

Die Parabel

Er braucht für seine warnende Parabel nur noch zwei Faktoren: ein Ding von ungeheurem Wert und jemanden, der es sich zu beschaffen weiß. Schon geht das schönste Wettrennen los, wie es die Welt anlässlich des Goldrausches in Alaska anno 1890 erlebt hatte. Und was, wenn sich jemand diesen Reichtum mit Hilfe einer genialen Erfindung unter den Nagel reißen könnte? Würde er mit seinem Fang glücklich werden?

Es lebe der Kapitalismus!

Na ja, wenn nicht Xirdal selbst, so doch zumindest sein findiger Onkel, der Bankier, der die Aktienmärkte zu manipulieren weiß wie kein zweiter. Schon damals also sah Verne die virtuellen Werte, die die Aktien darstellen, beziehungsweise die entsprechenden Insiderinformationen als eine Gefahr für die Weltwirtschaft an. 24 Jahre nach seinem Tod kam der große Börsenkrach an der Wall Street und ließ seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

Untergang des Mikrokosmos

Dies ist der Makrokosmos, doch der Mikrokosmos eines Gemeinwesens wie Weston kann ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Astronomenstreit spaltet die Stadt ebenso wie die Familien und lässt Francis‘ und Jennys Vermählung zunehmend unwahrscheinlich erscheinen. Auf einmal ist die private Zukunft unmittelbar gefährdet: Es ist eine andere Art von Krieg, die hier stattfindet, die aber dennoch eine klare Folge hat: Zwar nicht den Tod von Menschen (noch ist niemand bei den Schlägereien zu Tode gekommen), aber zumindest das Ausbleiben von Nachwuchs. Und was wird dann aus den Alten?

Die Figuren

Sprachlich ist der Text recht einfach gehalten, er weicht auch in Sachen Charakterisierung nicht von Vernes Methode ab, seine Figuren kurz und knapp zu definieren (es fehlen nur noch die Playmate-Maße von Jenny Huddleson und Arcadia Walker). Aber durchweg ist Vernes geradezu sarkastischer Humor zu spüren, wenn er die Figuren einem Wechselbad von Gefühlen aussetzt. Jenny und ihre Schwester weinen „Wasserfälle“, und selbstredend raufen sich die Entdecker die ergrauenden Haare. Es geht sehr emotional zu, besonders als sich die Entdecker dem Objekt ihrer Begierden und Träume selbst gegenübersehen und ob der glühenden Hitze des Meteoriten schier verzweifeln.

Im völligen Kontrast dazu steht der verantwortungslose junge Erfinder Xirdal. Schon sein säuselnder Vorname Zephyrine erinnert an den antiken Südwind Zephyr und beschreibt den moralischen Ernst seiner Lebensauffassung genau. Als ihn ein Kumpel zu einem Strandurlaub einlädt, überlegt Xirdal nicht lange und sagt zu. Er macht sich einen faulen Lenz, während sich die restliche Welt im freien Fall Richtung Chaos befindet. Dass er obendrein vergesslich ist, überrascht uns nicht.

Kritisiert Verne in Xirdals Figur die Fin-de-siècle-Stimmung seiner Zeit: das Dandytum, die Sorglosigkeit, den Tanz auf dem Vulkan? Es erscheint nicht unwahrscheinlich. Leider gibt es keine moralische Instanz, die Xirdal in die Hand fällt. Denn Richter Proth weilt fern von Grönland und Paris.

Der Sprecher

Rufus Beck macht sich mal wieder einen Spaß daraus, die Figuren durch ihre Sprechweise zu charakterisieren – je kurioser sie sich ausdrücken, desto schöner. Denn dies ist immer noch ein Jugendbuch, wohlgemerkt, und so sollen auch Jugendliche ab zwölf Jahren ihre Freude daran haben. Der Vortrag darf nicht monoton und dröge sein, sondern muss ihre Aufmerksamkeit fesseln.

Denn wenn man’s recht bedenkt, so passiert in der Tat nicht allzu viel Action. Die Zusammenhänge und Reaktionen sind daher deutlich darzustellen, um ihre Signifikanz hervorzuheben: Wieso sollten Zeitungsberichte oder Bulletins von irgendwelchen Sternwarten wichtig sein? Game-Junkies wissen mit so etwas wohl nur wenig anzufangen, wohl aber hoffentlich Leute, die etwas für Bücher übrig haben, und nicht nur für Bücher: für das gedruckte Wort überhaupt.

Diesen jungen Bücherfreunden kommt Becks Vortrag entgegen. Und wenn es sich um Fans der Geschichten des Jules Verne handelt – umso besser. Man vermag sich anhand Becks Darstellung plastisch vorzustellen, wie flatterhaft das Wesen von Z. Xirdal ist, wie ernsthaft und jähzornig der Charakter von Dean Forsyte, wie hochnäsig die ehrenwerte Miss Arcadia Walker dahergeritten kommt und wie charmant ihr Noch-Ehemann, der unstete Tausendsassa Seth Stanford. Da loben wir uns doch den standhaften Richter John Proth, der für Recht und Ordnung sorgt, nicht nur in Weston, sondern auch in seinem Garten.

Unterm Strich

Auch eine warnende Parabel wie „Die Jagd nach dem Meteor“ kann Spaß machen, wenn sie richtig erzählt und dargeboten wird. Für Vernes Oevre ist dieser Roman ja nicht gerade der erste Versuch, einen Weltherrscher in spe zu porträtieren. Neu ist hingegen, dass dieser potentielle Weltherrscher, nämlich Z. Xirdal, ein verspielter, vergesslicher junger Mann ist, dem jegliches Verantwortungsbewusstsein abgeht.

Auch der Grund, warum er den Zankapfel, nach dem alle Welt giert, aus eben dieser Welt schafft, passt genau zu ihm: Es ist ihm zu viel Stress und davon hat er bald die Nase voll. Er lebt nach dem Lustprinzip und kennt keine Pflicht. Das Gold ist ihm schnuppe, denn er braucht es nicht, lebt er doch vom Erbe seiner Vorfahren. Er wollte nur zeigen, dass er ein Genie ist. Dumm nur, dass genau dieser Punkt niemanden zu interessieren scheint. Die Welt, sie ist nun mal undankbar.

Rufus Becks Vortrag charakterisiert nicht nur Xirdal genau, sondern auch viele andere Figuren, allen voran die beiden Streithähne Forsyte und Huddleson. Obwohl die Action sich stark in Grenzen hält, macht das Hörbuch dank seiner Vortragskunst Spaß. Der einzige Punkt, der mich erheblich stört, ist der hohe Preis für 180 Minuten Hörbuch. Bei anderen Verlagen bekommt man für 24 Euronen doppelt so viel Sprechzeit.

Werksverzeichnis: Romane

Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie (Romanfragment). 1861
Die fröhlichen Leiden dreier Reisender in Skandinavien. 2020
Cinq Semaines en ballon. 1863
Fünf Wochen im Ballon. 1875
Voyage au centre de la Terre. 1864
Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. 1873
De la Terre à la Lune, trajet direct en 97 heures 20 minutes. 1865
Von der Erde zum Mond. 1873
Voyages et Aventures du capitaine Hatteras. 1866
Abenteuer des Kapitän Hatteras. 1875
Les Enfants du capitaine Grant. 1867 und 1868
Die Kinder des Kapitän Grant. 1875
Vingt mille lieues sous les mers. 1869 und 1870
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. 1874
Autour de la Lune. 1870
Reise um den Mond. 1873
Une ville flottante. 1871
Eine schwimmende Stadt. 1875
Aventures de trois Russes et de trois Anglais dans l’Afrique australe. 1872
Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Südafrika. 1875
Le Pays des fourrures. 1873
Das Land der Pelze. 1875
Le Tour du monde en quatre-vingts jours. 1873
Reise um die Erde in 80 Tagen. 1873
L’Île mystérieuse. 1874 und 1875
Die geheimnisvolle Insel. 1875 und 1876
Le Chancellor. 1875
Der Chancellor. 1875
Michel Strogoff. 1876
Der Kurier des Zaren. 1876
Hector Servadac. 1877
Reise durch die Sonnenwelt. 1878
Les Indes noires. 1877
Die Stadt unter der Erde. 1878
Un capitaine de quinze ans. 1878
Ein Kapitän von 15 Jahren. 1879
Les Cinq Cents Millions de la Bégum. 1879
Die 500 Millionen der Begum. 1880
Les Tribulations d’un Chinois en Chine. 1879
Die Leiden eines Chinesen in China. 1880
La Maison à vapeur. 1880
Das Dampfhaus. 1881
La Jangada. Huit cents lieues sur l’Amazone. 1881
Die „Jangada“. 1882
L’École des Robinsons. 1882
Die Schule der Robinsons. 1885
Le Rayon-vert. 1882
Der grüne Strahl. 1885
Kéraban-le-têtu. 1883
Keraban der Starrkopf. 1885
L’Étoile du sud. 1884
Der Südstern oder Das Land der Diamanten. 1886
L’Archipel en feu. 1884
Der Archipel in Flammen. 1886
Mathias Sandorf. 1885
Mathias Sandorf. 1887
Un billet de loterie. 1886
Ein Lotterie-Los. 1887
Robur-le-conquérant. 1886
Robur der Sieger. 1887
Le Chemin de France. 1887
Der Weg nach Frankreich. 2012
Nord contre Sud. 1887
Nord gegen Süd. 1888
Deux ans de vacances. 1888
Zwei Jahre Ferien. 1889
Famille-sans-nom. 1889
Die Familie ohne Namen. 1891
Sans dessus-dessous. 1889
Kein Durcheinander – auch bekannt unter: Alles in Ordnung und Der Schuss am Kilimandscharo. 1891
César Cascabel. 1890
Cäsar Cascabel. 1891
Mistress Branican. 1891
Mistress Branican. 1891
Le Château des Carpathes. 1892
Das Karpatenschloss. 1893
Claudius Bombarnac. 1892
Claudius Bombarnac. 1893
P’tit-bonhomme. 1893
Der Findling. 1894
Mirifiques Aventures de Maître Antifer. 1894
Meister Antifers wunderbare Abenteuer. 1894
L’Île à hélice. 1895
Die Propellerinsel. 1895
Face au drapeau. 1896
Vor der Flagge des Vaterlandes. 1896
bekannter unter dem Titel Die Erfindung des Verderbens.
Clovis Dardentor. 1896
Clovis Dardentor. 1896
Le Sphinx des glaces. 1897
Die Eissphinx. 1897
Le Superbe Orénoque. 1898
Der stolze Orinoco. 1898
Le Testament d’un excentrique. 1899
Das Testament eines Exzentrischen. 1899
Seconde Patrie. 1900
Das zweite Vaterland. 1901
als Fortsetzung der Robinsonade Der Schweizerische Robinson von Johann David Wyss geschrieben.
Le Village aérien. 1901
Das Dorf in den Lüften. 1901
Les Histoires de Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Die Historien von Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Les Frères Kip. 1902
Die Gebrüder Kip 1903
Bourses de voyage. 1903
Reisestipendien. 1903
Un drame en Livonie. 1904
Ein Drama in Livland. 1904
Maître-du-monde. 1904
Der Herr der Welt. 1904
L’Invasion de la mer. 1905
Der Einbruch des Meeres. 1905

Die folgenden Werke aus dem Nachlass Jules Vernes wurden von seinem Sohn Michel Verne mehr oder weniger stark überarbeitet und veröffentlicht:

Le Phare du bout du monde. 1906
Der Leuchtturm am Ende der Welt. 1906
Le Volcan d’or. 1906
Der Goldvulkan. 1906
L’Agence Thompson and Co. 1907
Das Reisebüro Thompson & Co. 1907
La Chasse au météore. 1908
Die Jagd nach dem Meteor. 1908
Le Pilote du Danube. 1908
Der Pilot von der Donau. 1908
Les Naufragés du Jonathan. 1909
Die Schiffbrüchigen der „Jonathan“. 1909
Le Secret de Wilhelm Storitz. 1910
Wilhelm Storitz’ Geheimnis. 1910
Hier et demain. 1910
Gestern und morgen. 1910
Ein Sammelband, der mehrere der Kurzgeschichten enthält.
L’Etonnante Aventure de la mission Barsac. 1919, geschrieben von Michel Verne
Das erstaunliche Abenteuer der Expedition Barsac. 1978

Ebenfalls aus dem Nachlass Jules Vernes stammen folgende Werke:

Voyage à reculons en Angleterre et Écosse. 1859 bis 1860 geschrieben, 1989 veröffentlicht
Reise mit Hindernissen nach England und Schottland, 1997
L’Oncle Robinson. etwa um 1870 bis 1871 geschrieben, 1991 als Fragment veröffentlicht
Onkel Robinson
Paris au 20e siècle. 1863 geschrieben, 1994
Paris im 20. Jahrhundert. 1996

(Quelle: Wikipedia.de; zu fast allen diesen Titel bitet die Wikipedia eine Inhaltsangabe!)

|181 Minuten auf 3 CDs
übersetzt von Stefan Reisner|

Schenkel, Andrea Maria – Kalteis. Das Hörspiel

_Geheime Reichssache: der Frauenmörder Kalteis_

Anfang der 1930er Jahre werden junge Frauen vergewaltigt und umgebracht. Josef Kalteis ist verhaftet worden, aber gehen wirklich alle Verbrechen auf sein Konto? In diesem Hörspiel kommen Täter wie Opfer zu Wort. Es basiert auf einem authentischen Fall. Josef Kalteis alias Johann Eichhorn wurde von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt, alle Akten zur Geheimen Verschlusssache erklärt.

_Die Autorin_

Andrea Maria Schenkel, 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihren Bestseller „Tannöd“ erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis 2007. Die Lesung von Monica Bleibtreu wurde mit dem Dt. Hörbuchpreis 2007 ausgezeichnet. Der Roman wird zur Zeit verfilmt. Inzwischen ist ihr dritter Roman „Bunker“ erschienen, auch als Hörbuch.

Andrea Maria Schenkel auf |Buchwurm.info|:

[„Tannöd“ 4057 (Hörspiel)
[„Tannöd“ 2348 (Buchausgabe)

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Kathie: Laura Maire
Hofmann, Passantin: Andrea-Marie Wildner
Kathie als Kind: Linda Marie Schenkel
Kalteis: Ulrich Noethen
Und weitere.

|Der Regisseur und Bearbeiter|

Norbert Schaeffer, geboren 1949 in Saarbrücken, ist ein renommierter Hörspielregisseur. Er studierte Germanistik, Soziologe und Politologie. 1979 bis 1981 machte er eine Ausbildung zum Rundfunkjournalisten beim Saarländischen Rundfunk und arbeitete schließlich als Regieassistent. Von 1984 bis 2006 war er als freier Regisseur und Bearbeiter tätig. Seit März 2006 ist er Leiter der Hörspielabteilung des NDR in Hamburg. Hier hat er u. a. „Schnee“ von Orhan Pamuk und „Tannöd“ inszeniert.

|Die Musik| trug wie bei „Tannöd“ wieder Martina Eisenreich bei.

_Handlung_

Es ist der 29. Oktober 1939. Der Volksdeutsche Josef Kalteis wird zum Volksschädling erklärt und nicht begnadigt, also zum Tode verurteilt. Weil der Angeklagte ein Mitglied der NSDAP ist, wird die Prozessakte zur Geheimen Reichssache erklärt. Damit findet ein langes Verfahren seinen Abschluss. Aber hat man den Richtigen verurteilt?

Josef Kalteis gibt im Februar 1939 vorm Staatsanwalt zu Protokoll, er sei seit 1937 mit Walburga Pfafflinger verheiratet und habe mit ihr zwei Söhne, die mit ihnen in Aubing wohnen. Er arbeite als Rangierer bei der Bahn. Er sei aber kein Kostverächter, sondern schaue schon mal auch andere Frauen an, so etwa in bestimmten Gasthäusern. Die Schwarzhaarigen mit einem breiten Hintern mochte er am liebsten. Und er hat auch eine Methode, sie zu behandeln …

Seine Frau hat er erst nach der zweiten Schwangerschaft geheiratet, um Unterhaltszahlungen zu vermeiden. Auf die Behauptung, er habe seine Frau geschlagen, leugnet der Angeklagte erst, dann gibt er es zu. 1938 war er in Obermenzing bei München beim Schlachten einer Sau. Er kann alle Handgriffe kann genau beschreiben und erklären sowie Tipps geben.

Anwohner bemerken, wie ein Pärchen im Schnee liegt, wenig später kommt die Frau zur Tür getorkelt und erklärt, sie sei vergewaltigt worden. Die Anwohnerin radelt dem Kerl nach, doch er versteckt sich hinter einem Gartnhaus. Frau Schreiber stellt ihn zur Rede, aber er läuft davon. Sie radelt ihm hartnäckig weiter nach, aber er hört nicht zu. Nur der Gastwirt Schmied eilt ihm nach und verfolgt ihn über die Felder. Kalteis erinnert sich an ein Mädchen auf dem Gehweg vor Aubing, seinem Wohnort. Er packte es, aber an den Rest will er sich nicht mehr erinnern können. Zwei Frau verfolgten ihn, so viel weiß er noch, und dass ihn auf den Wiesen die Gendarmen festgenommen haben.

|Ein Opfer?|

Am Samstag, den 3. Oktober 1931, bricht Kathi Hertl aus Wolnzach auf nach München, um es in der großen Stadt zu etwas zu bringen, wie die tollen Schauspielerinnen. Sie geht zuerst zur Firma Hofmann und deren Direktorin, aber die hat keinen Bedarf, und ein Dienstmädchen bei einem Rechtsanwalt will Kathie auch nicht gern sein.

Am nächsten Tag fragt sie ihre Tante, aber die hat auch keinen Platz, deshalb kriecht sie bei einer Freundin unter, für ein paar Tage. Sie denkt über die Gustl nach, die ein Model wurde und dann die Syphilis bekam. Am 5. Oktober wirft die Freundin die Kathi hinaus. Sie soll in die Marienherberge. Abends kehrt Kathie wieder im Gasthaus Soller ein. Dort lernt sie den Blonden kennen. Aber sie geht mit einem anderen und küsst ihn zum Abschied. Am 9. Oktober, einem Freitag, trifft sie ihn mittags und geht mit in sein Haus in Waldperlach. Aber sie gibt sich ihm nicht hin, sie sei ja noch Jungfrau und kein Flittchen. In seiner Brieftasche findet sie grausame Fotos, die sie aber verdrängt. Am nächsten Tag wartet sie vergeblich, und am Sonntag hat er schon eine andere.

Auf der Wiesn wurde ein etwa 16- bis 18-jähriges Mädchen zuletzt gesehen, wie es sich von einem Mann Mitte 20 ansprechen ließ und mit ihm ging, Richtung Krankenhausanlagen. Der Mann, so die Zeugin, sah aus wie ein Kraftfahrer, so kräftig. Josef Kalteis erinnert sich ebenfalls an die Kathi Hertl, denn sie gefiel ihm…

|Vermisst|

Mehrere Zeugen beschreiben einen Mann mit Sportmütze, zwischen Germering, westlich von München, und südlich von Starnberg mehrfach beobachtet wurde, wie er Radfahrerinnen auflauerte. Manche von ihnen entkamen seinen Nachstellungen, doch einige auch nicht. So etwa Marlies, verheiratet seit dem 7.5.1934, 26 Jahre alt, für die am 30. Mai 1934 im Radio eine Vermisstenmeldung ausgegeben wurde …

_Mein Eindruck_

Diese Inhaltsübersicht habe ich aus den verschiedenen Einzelszenen des Hörspiels zusammengestellt. Da es von der Autorin (oder nur vom Verlag?) eine „Stimmencollage“ genannt wird, konnte ich nicht erwarten, so etwas wie eine Thrillerhandlung zu erhalten. Aber das, was ich am Ende bekam, waren gerade mal Bruchstücke von Szenen, die ich zusammensetzen musste – so ähnlich erging es wohl auch den Polizisten, die die Mordfälle zu untersuchen hatten.

Es ist ein Puzzle aus Impressionen, aber es gibt wenigstens zwei rote Fäden. Der eine ist Josef Kalteis selbst, der vor dem Staatsanwalt aussagen muss. Der Vorgang, dass er erst nach Leugnen die Wahrheit eingesteht, ist einfach zu verstehen. Leider kommt er im letzten Drittel nur einmal vor. Der zweite Handlungsstrang dreht sich – minutiös protokolliert wie ein Tagebuch – um Kathi Hertl aus Wolnzach in Bayern, die in München und Umgebung gerade mal eine Woche überlebt, bevor sie umgebracht wird.

Ihr Schicksal wird nun verallgemeinert. Was diese zwei klaren Bilder im Bewusstsein des Hörers verwischt, sind die drei oder vier anderen Mordopfer wie etwa Melanie aus dem Jahr 1934. Zum Glück gibt es hier gemeinsame Nenner wie etwa den, dass alle Opfer Rad fuhren, allein waren und ziemlich lange Strecken über flaches Land zurücklegten, welches damals viel weniger dicht besiedelt war als heute. Sie waren folglich ihrem Jäger ziemlich stark ausgesetzt. Ob dieser Jäger nun Josef Kalteis war oder auch ein „Kraftfahrer“ (LKW-Fahrer), bleibt offen.

Leider erfahren wir auch über die Psyche des Mörders Kalteis herzlich wenig, zumindest im Hörspiel – im Buch könnte hierzu viel mehr stehen. Dass er ein Triebtäter ist, macht er selbst klar, als er den Staatsanwalt um Hilfe wegen seines Triebs anfleht, dem er immer wieder ausgesetzt sei. Und als er seine bevorzugten Opfer beschreibt – mollige Schwarzhaarige – wird ebenfalls klar, dass hinter seiner Gier nicht nur Sexgier steht, sondern noch etwas Schlimmeres: ein Wille zur Vernichtung des Opfers. Ohne weiter in Details gehen zu wollen, sei hier nur auf Kalteis‘ kundige Schilderung einer Sauschlachtung verwiesen. Es genügte ihm nicht, „nur“ zu töten; der Tod musste einer Schlachtung gleichkommen.

Man fragt sich unwillkürlich nach den tiefenpsychologischen Gründen für ein solches Verhalten. Davon ist im Hörspiel jedoch an keiner Stelle die Rede. Das ist sehr schade. Denn nun kann man keine Parallele ziehen von Kalteis‘ Verhalten zu dem der Nationalsozialisten, die ab 1938 über die umliegenden Völker herfielen und deren Juden sowie andere unerwünschte Gruppen vernichteten.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Das Hörspiel eröffnet mit der Verkündung des Urteils über Kalteis. Die Atmosphäre ist unpersönlich, funktional, der Richter oder Staatsanwalt anonym. Die erste richtige Figurenstellung betrifft Kathie Hertl, die ihre Gedanken sprechen lässt. Laura Maire und Linda Marie Schenkel sprechen diesen Part, mal Kathie als Kind, mal als jugendliche Kindfrau. Sie unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer junger Frauen jener Zeit und ist als Individuum uninteressant, sondern lediglich als Exemplar, als Typ. Das ist schade, denn so hält sich die Anteilnahme des Hörers in Grenzen. Lediglich Begegnungen mit Ima und Freundin etc. zeichnen ein diffuses Bild von ihr.

Auch das Bild, das Kalteis abgibt, ist diffus, wie schon oben angedeutet. Ulrich Noethen verleiht ihm mit seiner Stimme aber eine Glaubhaftigkeit, die Kathies Rolle fehlt: Diese Stimme ist nicht die eines abweisenden Despoten, sondern die eines Ehemanns, Familienvaters, Wirtshausgastes. Und dann ist da noch die andere Sache. Hier wird Noethen richtig emotional, bis es am Schluss aus ihm herausbricht, man möge ihn vor „dem Trieb“ retten.

Der Rest der Rollen verteilt sich auf Nebenfiguren, hauptsächlich Zeugen und Angehörige von Opfern. Hier wird zuweilen das Zeitkolorit eingefangen, so etwa als Mussolini, der Duce, München besucht und alles Volk herbeiströmt, um den Staatsbesucher zu begaffen.

|Geräusche und Soundeffekte|

In der Szene der Urteilsverkündung hören wir eine Schreibmaschine ihren bürokratischen Takt hämmern. Klar ist, dass hier ein Menschenleben zu Ende gebracht wird. Sogleich folgt als Kontrastprogramm das Läuten von Kirchenglocken, als Kathie nach München aufbricht. Sie ist behütet und religiös aufgewachsen, nun sehnt sie sich nach dem Glamour der Stadt, und romantische Geigen unterstreichen ihre Phantasien. Später kommt noch Caféhausmusik hinzu, nie jedoch die Wirtshaus-Blasmusik, die man von Bayern erwarten würde. Einmal läuft im Hintergrund aus dem Radio schmalzige Popmusik jener Zeit.

Das Kontrastprogramm zu diesen Phantasien liefert die Vergewaltigung vor Frau Schreibers Garten, die Verfolgung (wieder per Rad) und das abschließende Kreischen von Krähen. Diese Szene ist quasi die kalte Dusche für den Hörer und lässt für Kathies Phantasien nichts Gutes erwarten.

Immer wieder fiel mir ein unterschwelliges Rumpeln auf, das an unheilverkündenden Textstellen – Szene wäre zu viel gesagt – eingesetzt wird. Das Rumpeln taucht zuerst am Ende der Sauschlachtungsschilderung durch Kalteis auf, dann wieder bei Erwähnung der ermordeten Hertha und schließlich bei der Erwähnung der Zeitungsartikel, die Kalteis aufhob. Der tiefe Soundeffekt fällt nur dem aufmerksamen Hörer auf, verfehlt aber kaum seine Wirkung: das der Beunruhigung.

|Die Musik|

Die Musik von Martina Eisenreich hält sich gänzlich fern von Melodien und Kadenzen, sondern beschränkt sich auf die Erzeugung von Stimmungen und einer unheimlichen Atmosphäre. Es ist nicht einmal eine Kirchenorgel zu hören, allenfalls eine Kirchenglocke. Dafür wirkt die Musik aber unterschwellig umso stärker. Niemand kann sich ihren subliminal wirkenden Klängen entziehen.

Ergänzt wird die Originalmusik mit Konserven, die ein wenig verzerrt aus dem Radio in den Haushalten dringen. Es ist Friedenszeit, Vorkriegszeit, eigentlich eine ländliche Idylle. Wenn da nur nicht Kalteis wäre.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist die Aufarbeitung einer langen Mordserie, die mindestens drei Jahre währte und das Münchner Umland unsicher machte. Dass man von diesem obsessiven Serientäter noch nie gehört hat, liegt wohl an dem Umstand, dass es sich um eine Geheime Reichssache handelt.

Es wäre interessant gewesen, mehr über die Recherche und die Motivation der Autorin zu erfahren, aber das Hörspiel ist als dritte Verwertung dieses Materials wohl nicht der rechte Ort für solche Informationen. Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte zunächst zum Buch greifen. Spannend genug ist die Ermittlung ja. Die Frage, ob Kalteis der einzige Täter war, bleibt leider unbeantwortet. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, dass er es nicht war.

|Das Hörbuch|

Die Sprecher sind ausgezeichnet für ihre Rollen geeignet, wenn mir auch die Rolle der Kathie ein wenig zu zurückgenommen vorkam. Dafür ist Kalteis relativ dominant, und er hat sogar das letzte Wort. Was ich mir unter „Britschn“ vorstellen soll, die er (seinem Opfer) „rausgeschnitten“ habe, wage ich mir allerdings gar nicht vorzustellen.

Realistische Geräusche ergänzen die Soundeffekte und die Orginalmusik sowie die Musikkonserven aus den 1930er Jahren. So wird das Geschehen sowohl in eine reale Zeit und Region gebunden als auch mit einer psychologischen Dimension vertieft. Die Ermittlung mit all ihren Zeugenschilderungen ist nur ein Drittel der Wahrheitsfindung, und die anderen beiden Drittel bestehen aus Kalteis‘ Aussagen und Kathis persönlichem Erleben, das sie aus subjektiver Sicht erzählt. Diese Darstellungsweise ist ein bewährtes ästhetisches Konzept, und es gibt nichts daran auszusetzen. Was noch fehlt, ist eine tiefere psychologische Dimension in der Figur des Kalteis. Vielleicht bietet das Buch mehr in dieser Hinsicht.

Dass selbst ein Hörspiel von nur 81 Minuten (inkl. einer Minute Absage der Mitwirkenden) rund 20 Euro kostet, ist schon ziemlich happig. Ich finde das zu teuer. Man sollte sich vielleicht die CD gebraucht zulegen, oder noch besser die Lesung kaufen, die von Monica Bleibtreu ausgezeichnet vorgetragen wird.

|81 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-639-8|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.andreaschenkel.de

Domínguez, Carlos María – Papierhaus, Das (Lesung)

_Die Schattenlinie der Liebe und der Bücherwelt_

Ein Universitätsdozent erhält eines Tages ein altes Exemplar von Joseph Conrads Roman „Die Schattenlinie“. Doch es kommt eigentlich zu spät, denn die Adressatin, eine Literaturdozentin und -liebhaberin, ist kürzlich verstorben. Bei dem Versuch, den Absender kennen zu lernen und ihm das Buch zurückzugeben, stößt er auf ein tragisches Schicksal.

_Der Autor_

Carlos María Domínguez wurde 1955 in Buenos Aires, Argentinien, geboren und lebt seit 1989 in Montevideo, Uruguay. Hier arbeitet er als Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Sein Werk umfasst drei Romane, Biografien, ein Theaterstück und natürlich viele Reportagen, von denen einige als Buch veröffentlicht wurden. Seine Erzählung „Das Papierhaus“ wurde 2001 in Uruguay mit dem Premio Lolita Rubial ausgezeichnet und ist das erste auf deutsch erschienene Buch des Autors.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erhielt seine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und stand seit Mitte der neunziger Jahre in zahlreichen großen Rollen auf der Bühne. Zu seinen Filmerfolgen zählen „Die Musterknaben“, neben Oliver Korittke, und – zusammen mit Dietmar Bär – „Durch dick und dünn“ sowie diverse Rollen in Film und Fernsehen. (Verlagsinfo) Tarrach liest die ungekürzte Fasssung. Regie führte Torsten Feuerstein.

_Handlung_

Bluma Lennon ist Literaturdozentin an der Uni Cambridge und begeistert sich leidenschaftlich für Bücher. Doch genau diese Leidenschaft wird ihr zum Verhängnis, wie sich leider erweist.

Kurz nachdem sie in einer Buchhandlung eine alte Ausgabe der „Gedichte“ von Emily Dickinson (USA, 19. Jahrhundert) erstanden hat und gerade in das zweite dieser Kunstwerke vertieft ist, wird sie von einem Auto überfahren.

Ein argentinischer Kollege, dessen Namen wir nie erfahren, tritt ihre Nachfolge an der Uni an und erhält kurz nach ihrem Tod ein an sie adressiertes Päckchen aus Uruguay mit kuriosem Inhalt: Es handelt sich um ein altes, zerlesenes Exemplar von Joseph Conrads (Polen, 19. Jahrhundert) Roman „Die Schattenlinie“. An Buchdeckeln und -rücken klebt eine Zementkruste – interessant. Kein Schreiben begleitet das Buch, nur eine Widmung Blumas gibt Aufschluss über den Absender des Päckchens: „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey“.

Diese Widmung wurde vor zwei Jahren auf einem Literaturkongress in Monterrey geschrieben, vermutlich für einen ihrer Liebhaber, mutmaßt Blumas Kollege. Doch viele ungeklärte Fragen bleiben: Warum kehrt das Buch verdreckt zwei Jahre später nach Cambridge zurück? Wo war es in der Zwischenzeit? Sollte Bluma etwas an den Zementresten ablesen? Hat da jemand ein Haus gebaut?

Man muss dem Rätsel auf den Grund gehen, so viel ist klar, doch es lässt sich nicht in Cambridge lösen. Auf den Spuren des Absenders begibt sich unser Literaturdozent schließlich von Neugier getrieben auf eine Reise um die halbe Welt. Zuerst in seine argentinische Heimat, dann ins urugayische Montevideo. Dort kennen sich die Büchersammler und -händler, weil sie sich gegenseitig bei Nachlassversteigerungen ausstechen.

Vom Antiquar de Narli hört unser Erzähler erstmals von Carlos Brauer, jedoch mit einer Art Grauen. Der Sucher wird weitergeschickt zu Delgado, der Carlos Brauer die längste Zeit kannte. Carlos hatte rund 20.000 Bücher, doch wo sind sie jetzt? Nach einem Brand in seiner Wohnung, bei dem er den Katalog zu seiner Bibliothek einbüßte, zog Carlos mitsamt seinen Büchern an die Küste.

Schließlich stößt der Sucher auf das titelgebende Papierhaus und die Geschichte eines Mannes mit einer außergewöhnlichen Liebe zu Büchern. Diese Liebe hat ihn seine Existenz gekostet.

_Mein Eindruck_

Jedes Buch hat sein eigenes Schicksal, aber jeder Leser, Sammler, Händler von Büchern ebenso. Die Rede ist hier nicht vom „Trend zum Zweitbuch“, sondern von richtig großen Privatbibliotheken. Sie sind so umfangreich, dass sie einen Faktor im Leben darstellen. Die Bücher belegen die komplette Wohnung und werden zu einem Gesundheitsrisiko oder einer potentiellen Brandquelle.

Sie besiedeln nicht nur den physischen Lebensraum, sondern auch die Innenwelt. Das führt mitunter zu recht kuriosen Verwaltungsmethoden. Nach welchem Prinzip soll eine Bibliothek sortiert und katalogisiert werden? Daran scheiden sich die Geister. Carlos Brauers Prinzip war a) die thematische Zuordnung und b) die Berücksichtigung von Dichterfeindschaften. Dazu gehört natürlich eine Menge Hintergrund- und Szenewissen. Er war quasi ein Insider der lateinamerikanischen Literaturszene. Doch wie soll er sich an die Ordnungsprinzipien erinnern, sobald seine Kartei verbrannt war? Plötzlich hat er keinen Zugang mehr zur alten Ordnung. Alles ändert sich.

Die Liebe einer Nacht mit Bluma Lennon hat als Unterpfand jenes Buch „Die Schattenlinie“ hervorgebracht. Und als Bluma starb, wurde dieses Unterpfand zu einem Bumerang, der das Leben der anderen Hälfte des Liebespaars ebenso aus der Bahn warf. Unser Erzähler lernt Carlos nie persönlich kennen, als sei Carlos jenseits der Schattenlinie verschwunden. Vielmehr erhält er mehrere Berichte über ihn und sein verrücktes „Papierhaus“, das Strandhaus, das er aus den Büchern seiner Bibliothek mauern ließ. Plötzlich hatte die Metapher, dass ein eifriger Leser in seiner Bibliothek lebe, Gestalt angenommen. Aber als Bluma ihr Buch zurückforderte, bedeutete dies das Ende dieses Hauses …

Der Autor erweist sich als umfassender und intimer Kenner der Welt-Literatur, nicht nur jener Lateinamerikas. Und er kennt die Leser, Sammler, Jäger und Händler, die sich dem Buch gewidmet haben. Dieses Kulturprodukt erweist sich nicht immer nur als Kulturträger, sondern auch als Gefahr für seine Besitzer – so etwa unter der argentinischen Militärdiktatur, als viele Leute ihre potenziell gefährlichen Bücher verbrannten, versteckten und vergruben.

Gefährlich erweist sich das uralte Kulturprodukt auch, wenn die Liebe seine Wege kreuzt, wie in dem Fall von Bluma Lennon und Carlos Brauer. Bücher brachten sie zusammen und eines verband sie, Bluma starb lesend, Carlos ging in seinen Büchern unter.

Das Buch hat nicht nur eine tragische Handlung, sondern beschreibt auch fast den gesamten Kosmos des Erlebens, den die Bücherfreunde erfahren. Insofern ist die Geschichte von höchstem Interesse für jeden passionierten Leser. Carlos Brauers Methode, sein Haus aus Büchern zu erbauen, hält sozusagen die Apokalypse bereit: den Inhalt und ideellen Wert völlig zu ignorieren und ein Buch ausschließlich als physischen Gegenstand, wie einen x-beliebigen Backstein, zu behandeln. Für Bibliophile gibt es keinen größeren Horror.

|Der Sprecher|

Jürgen Tarrach erweist sich als überaus kompetenter Sprecher des Textes. Zwischen jedem Kapitel macht er eine deutliche Pause, so dass der Hörer nie im Zweifel ist, wo die eine Szene aufhört und die nächste anfängt. Tarrachs Vortrag selbst lässt auch nichts an Verständlichkeit zu wünschen übrig. Und er begeht auch selten den Fehler, zu viel Emotionalität hineinzulegen. Seine Fähigkeit, alle spanischen, französischen und die meisten der englischen Autorennamen korrekt auszusprechen, ist zu bewundern. Die einzige Ausnahme, die ich registrieren konnte, ist der Name des Iren William Butler Yeats. Aber für irische Namen gelten sowieso andere Regeln.

|Das Booklet|

Als informativ und hilfreich erweist sich das achtseitige Booklet. Hier findet man nicht bloß Werbung und eine Leseprobe, sondern auch akkurate Informationen über den Autor, den Sprecher, die CD-Tracks und schließlich sogar eine Landkarte. Auf dieser ist der Reiseweg unseres Berichterstatters eingetragen, ja sogar seine Fortbewegungsmittel Flugzeug, Schiff (aliscafo) und Bus und Taxi. Der Weg führt ihn zu Carlos‘ letztem Domizil an der Laguna von Rocha. Und die Weltkarte verdeutlicht unübersehbar, über welche Distanzen hinweg ein Buch drei Menschen verbinden kann.

_Unterm Strich_

„Das Papierhaus“ hält für jeden begeisterten Leser und Bücherfreund eine Fundgrube von Erlebnissen, Ansichten und Einstellungen bereit, die Aufschluss darüber gibt, wie es Schicksalsgenosssen ergehen kann. So mancher wird sich darin wiedererkennen. Das Buch erweist sich als der Liebe Unterpfand, doch kann es auch eine Gefahrenquelle sein.

Die tragisch-ironische Geschichte der Liebe zwischen Carlos Brauer und Bluma Lennon belegt, welches Schicksal Bücher bedeuten können, aber sie führt den kenntnisreichen Erzähler auch in den Kosmos der Literatur und der Bücher, als gerate er in eine Unterwelt, in der Auguren Wahrheiten bereithalten. Wie weiland Odysseus irrt er auf der Spur von Carlos Brauer von einem Ratgeber zum nächsten, nur um auf den ultimativen Horror zu stoßen: die Apokalypse der Bücher – das Papierhaus.

Und nach diesem traumatischen Erlebnis, nach der Rückkehr aus der Unterwelt, ist seine Einstellung zu den Büchern nie mehr die gleiche. Als wäre „Die Schattenlinie“ überschritten worden, von der Joseph Conrad in seinem Reiseroman erzählt. Die Schattenlinie ist jene reale Grenze auf dem Globus, wo sich der Tag von der Nacht scheidet. Sie wird in Wissenschaftskreisen auch als „Terminator“ bezeichnet … Und wer wissen will, wo das schicksalsträchtige Buch seine letzte Ruhe findet, muss die Geschichte selbst lesen oder hören.

Jürgen Tarrach liest die Geschichte in diesem Hörbuch ungekürzt vor, und es gibt durchaus schlechtere Methoden, sich dieses Buch anzueignen. Ich habe seinem Vortrag gerne zugehört, und da die Story nicht lang ist und kaum Personal aufweist, brauchte ich nicht einmal Notizen zu machen. Wer kann, sollte die Geschichte mehrmals hören. Dann geben sich die ironischen Aspekte der Story zu erkennen. Denn natürlich enthält auch sie eine Schattenlinie.

|Originaltitel: La casa de papel, 2004
Aus dem Spanischen von Elisabeth Müller
120 Minuten auf 2 CDs|

Die drei ??? Kids – Fußball-Diebe (Folge 83)

Die Handlung:

Großes Fußball-Finale in Rocky Beach und natürlich sind Justus, Peter und Bob dabei. Doch schon bald zeigt sich, dass hier irgendwer ganz fies manipuliert. Die drei ??? Kids ermitteln … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Preisfrage: Was macht ein Hase, der nur auf seinen Hinterläufen steht und mit einem Fanschal bekleidet ist in einem Fußballtor während eines Spiels? Ist doch ganz klar: Er jubelt, weil Peter grad den Ball gehalten hat. Nein, weitere Fragen sind grad nicht erlaubt.

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Montgomery, L. M. / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne in Avonlea. Folge 6: Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen

_Ein rabenschwarzer Tag & neue Hoffnung_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne auf Green Gables“.) Anne genießt ihre letzten Ferientage auf Green Gables. Mit Beginn des neuen Schuljahres wird sie die Lehrerstelle an der Dorfschule von Avonlea übernehmen. Für den kleinen Ort haben Anne und ihre Freunde ehrgeizige Pläne. Flugs wird ein Dorf-Verschönerungs-Verein gegründet. Überschattet werden die Spendensammel-Aktionen durch Probleme mit der Kuh Dolly und einem sehr wütenden neuen Nachbarn …

Folge 6: Anne Shirley wird von den meisten Schülern an der Dorfschule angehimmelt. Aber keineswegs alle mögen die neue junge Lehrerin. Der flegelhafte Anthony Pye hat es regelrecht auf Anne abgesehen. An einem kalten Wintermorgen kommt es zu einer sehr hässlichen Szene in der Schule, die keines der Schulkinder von Avonlea je vergessen wird …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die zweite Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen
Folge 7: Eine weitere verwandte Seele
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die dritte Staffel: Anne in Kingsport

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für |Europa|, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Diana Barry: Uschi Hugo (Neve Campbell)
Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett)
Jane Andrews: Cathlen Gawlich (Jaime King, Amy ‚Fred‘ Acker)
James A. Harrison: Heinz Ostermann (Kammerschauspieler)
Anthony Pye: Maximilian Artajo (‚Aang‘ in „Avatar“)
Und viele weitere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Aufnahme leiteten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Es ist inzwischen November, und die Bewohnerschaft von Green Gables ist um zwei vermehrt worden. Die Zwillinge Dora und Davy Keth, jeweils acht Jahre alt, sind die Halbwaisen von Mary Keith, die starb. Doch weil ihr Bruder in British Columbia lebt, ist das Schicksal der Kinder ungewiss. Anne und Marilla Cuthbert haben sich bereit erklärt, die Kinder bei sich aufzunehmen. Doch das stellt sich als Bürde heraus. Während Dora ein liebes, braves Mädchen ist, ist Davy ein richtiger Lausejunge, dem die strenge Hand eines Vaters fehlt. Er lügt, spielt Streiche und bereitet allen Verdruss. Einmal sperrt er sogar seine Schwester in den kalten Schuppen ein.

|Ein neuer Freund|

Doch es gibt einen Ausgleich für Anne. Sie ist inzwischen mit dem Nachbarn Mr. James A. Harrison gut Freund geworden, und nur dessen vorwitziger Papagei Ginger piesackt sie mit seinem Schrei „Karotte!“ Anne hat gelernt, diese Rufe gutmütig hinzunehmen. Bei ihrem jüngsten Besuch redet sie Mr. Harrison ins Gewissen, dass er doch bitte für die Verschönerung des Gemeindesaals spenden solle. Joshua Pye werde das Anstreichen übernehmen, und der ganze Dorfverschönerungsverein, sie eingeschlossen, freue sich bereits auf den neuen Anstrich: ein dezentes Grün.

|Katastrophe|

Als Plaudertasche und Vereinsvorstand Rachel Lynd das vollbrachte Werk begutachten will, trifft sie fast der Schlag. Sie eilt davon, um allen, die es wissen oder nicht wissen wollen, zu verkünden, welch einen Frevel Joshua Pye begangen hat. Auch Gilbert Blythe und seine Freund Fred Wright sind aufgebracht über diese „Katastrophe“ und erzählen ihren Freundinnen Jane Andrews, Anne und Diana Barry davon. Ja, es ist schreckliche Wahrheit: Der Gemeindesaal ist knallblau gestrichen worden! Die nichtsnutzigen Pyes haben die Nummer der Farbe verwechselt, die man ihnen angegeben hatte.

|Eine verwandte Seele|

Es wird Dezember, und die Zeit für Bratäpfel ist gekommen. Anne erzählt Gilbert begeistert von ihrem Schüler Paul Irving, elf, in dem sie eine verwandte Seele erkannt habe. Auch er habe die GABE: Er könne wie sie mit seinen Phantasien andere Welten erstehen lassen. Er stellt sich Felsenmenschen vor, die an seinem Strandabschnitt leben. Paul lebe allein bei seiner Großmutter, denn seine Mutter sei gestorben und sein Vater lebe in Boston. Stephen Irving hatte vor 25 Jahren einen Streit mit seiner Verlobten Lavender Lewis, nach dem sie sich trennten. Was auch Lavender wurde, weiß Anne nicht (aber sie wird es herausfinden). Unterdessen schreibt Paul seiner Lehrerin ganz liebe Briefe, die Gilbert beinahe eifersüchtig machen.

|Ein rabenschwarzer Tag|

Der schrecklichste aller Tage bricht damit an, dass Anne Shirley Zahnschmerzen hat, aber aus Pflichtgefühl trotzdem in die Schule geht. Wegen des Schneesturms kommt Anne erst einmal zu spät, aber sie ist nicht die Einzige: Auch Anthony Pye, der ungezogene Junge ihrer Klasse, nimmt sich die Freiheit, einfach so spät zu kommen wie sie. Die Stimmung wird nicht besser, als Clarissa Donnell so nervös ist, dass sie die Kohlen kaum in der Heizofen praktizieren kann. Anthony lacht sich natürlich schief, was Anne zornig macht.

Als er seinem Klassenkameraden ein Päckchen zustecken will, konfisziert Anne es einfach und befiehlt ihm, es in den Ofen zu stecken. Die Kinder essen sowieso zu viel Kuchen und werden fett. Doch im Päckchen waren Feuerwerksknaller … Als sich der Krach verzogen hat, gibt es für Anne nur eines zu tun, will sie Anthony zur Räson bringen: Sie muss ihn züchtigen. Doch das widerspricht allen ihren Prinzipien für die Erziehung von Schulkindern. Sie steht vor einer schrecklichen Wahl …

_Mein Eindruck_

Annes Bemühen, den Mitmenschen und vor allem „verwandten Seelen“ zu ihrem ihnen zustehenden Glück zu verhelfen, wird auf eine harte Probe gestellt: Sie muss entweder Anthony Pye züchtigen oder vor ihrer Klasse (und deren Eltern) für immer das Gesicht verlieren. Seltsamerweise erwirbt sie sich Anthonys Achtung, nachdem sie es doch fertiggebracht hat, ihn zu bestrafen. Wenn sie sich auch Gewissensbisse macht, so ist doch fortan ein besserer Unterricht möglich als je zuvor. Und nur die Mutter von Jacob Donnell, pardon: D’onéll, beschwert sich französelnd, dass Anne ihren Sohn nicht mit seinem echten Namen „Saint Clair“ anspreche. Anne hat Mitleid mit Jacob und spricht ihn fortan nur vor Mrs. Donnell mit Saint Clair an.

„Edel sei der Mensch, Zwieback und gut“, sagten die Studenten in Anspielung auf Goethe. Anne hat sich Goethes Motto auf die Fahnen geschrieben und hat keinen Zweifel, ihre Suche nach dem Glück ihrer Mitmenschen zum Erfolg führen zu können. Dazu gehört die Aufnahme von zwei Waisenkindern – sie ist ja selbst eines – ebenso wie die Verschönerung des Dorfes, die sie im Verein betreibt. Die Erziehung Davys ist ebenso mit Fallstricken versehen wie das Anstreichen des Gemeindehauses: Beides geht gründlich daneben, wie es aussieht. Von den Untaten des jungen Waisenjungen werden wir noch mehr hören.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die siebzehnjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Sehr gut gefiel mir auch Heinz Ostermann, der Sprecher des Mr. Hamilton. Er legt ihm ein ganzes Spektrum von Grantigkeit, Freundlichkeit und schließlich sogar Zärtlichkeit in den Mund, dass man fast einen gerundeten Charakter vor sich hat. Witzig fand ich den krächzenden Papagei, der immer „Karotte!“ ruft, um Anne zu triezen.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus. Dagmar von Kurmin muss wie Heinz Ostermann sowohl Strenge als auch Freundlichkeit verkörpern. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in Folge 8 in ihr Haus aufnimmt.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1879, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander.

Auffällig häufig ist jedoch die Kombination aus Brandung und Vogelgezwitscher zu hören. Das ist eine Besonderheit der meerumtosten Inselumgebung. Selbstredend erklingen zahlreiche Vogelstimmen, wenn Anne mit ihren Freunden durch den Wald spaziert. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist natürlich kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Es passiert im Winter natürlich nicht allzu viel auf Green Gables, aber die zwei neuen Waisenkinder sorgen für gehörig Aufregung. Besonders der achtjährige Davy scheint sich ebenso wie Anthony Pye gegen Anne verschworen zu haben, und sie kommt aus den Aufregungen kaum heraus, die diese beiden Jungen ihr bereiten. Leider ist dies im Grunde wenig spannend für männliche Zuhörer, denn es handelt sich vor allem um Erziehungsfragen. Auffällig ist die häufige Abwesenheit von Gilbert Blythe, Annes Jugendfreund, so dass es keine romantischen Verwicklungen gibt. Das sollte sich möglichst bald ändern.

Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, dass man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Film ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|Basierend auf: Anne of Avonlea, 1909
68 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3634-0|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

John Sinclair – Die Schwert-Legende (Folge 147, Teil 1 von 2)

Die Handlung:

Feueralarm im Luxushotel „Am Cheyne Walk“ – in genau jenem Hotel, in dem vor Kurzem ein Mitglied des „Clubs der Weißen Tauben“ vom Ninja-Dämon Shimada getötet worden war. Damit begann ein Abenteuer, das Suko und mich nicht nur in die Fänge einer japanischen Göttin, sondern bis in die Unterwelt Yomi führen sollte. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Taschenbuchs mit der Nummer 101 gemacht, das erstmalig am 8. August 1989 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

John Sinclair – Die Schwert-Legende (Folge 147, Teil 1 von 2) weiterlesen

Crawford, Francis Marion / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – obere Koje, Die (Gruselkabinett 34)

_Grusel zur See: handfestes Gespenst in Kabine 105_

Auf hoher See im Jahr 1899: Was hat es auf sich mit der oberen Koje in Kabine 105 des Passagierdampfers „Kamtschatka“? Niemand von der Besatzung scheint erfreut zu sein, dass offenbar Passagiere für diese Kabine gebucht haben. Nach der ersten Nacht an Bord wird dem See-erprobten Reisenden Aldous Brisbane auch klar, warum … (Verlagsinfo)

Vom Verlag wird das Hörbuch empfohlen für Hörer ab 14 Jahren.

_Der Autor_

Der amerikanische Autor Francis Marion Crawford wurde 1854 in Italien geboren, lebte die meiste Zeit dort und starb im Jahr 1909. Obwohl er meist Romane über die Gesellschaft auf dem alten Kontinent schrieb, erinnert man sich seiner vor allem wegen der Erzählung „Die obere Koje“ (The Upper Berth) aus dem Jahr 1886. Es handelt sich nach Angaben der „Encyclopedia of Fantasy“ um eine der am häufigsten nachgedruckten Geistergeschichten überhaupt.

Insgesamt schrieb Crawford sieben Storys über das Übernatürliche, die in den „Uncanny Tales“ 1911 in Großbritannien zusammengefassst veröffentlicht wurden. Darunter sind erwähnenswert „Man Overboard“ (1903) und die Vampirerzählung „For the blood is the life“. Unter den Romanen sind „Mr Isaacs“ (1882), „The Witch of Prague“ (1891) und „With the Immortals“ (1888) zu erwähnen. „Khaled“ (1891) ist eine Arabische Phantasie und „Cecilia: A Story of Modern Rome“ (1902) eine leichte Romanze über Traumerfüllung und die mögliche Reinkarnation.

_Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Aldous Brisbane: Axel Malzacher (dt. Stimme von Sean Patrick Flanery)
Robert, Steward: Tobias Nath (Luke Kirby)
Dr. Morten Hollows: Jürgen Thormann (Michael Caine)
Cpt. Grady: Peter Reinhardt (Jeff Daniels)
Joseph Carlyle: Uwe Büschken (Hugh Grant)
Mitreisender: Markus Pfeiffer (Colin Farrell)
Ertrunkener: Uli Krohm (Omar Sharif)

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand in den |Planet Earth Studios| statt und wurde bei |Kazuya| abgemischt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Ein Schrei, ein Platschen, und weg ist er. – Ob der Erzähler an Gespenster glaubt? Ja, er hat eines nicht nur gesehen, sondern sogar berührt. Und es roch nicht besonders gut …

Im Juni 1899 geht Aldous Brisbane, ein erfahrener Seereisender, an Bord des Passagierdampfers „Kamtschatka“, um nach New York zu fahren. Was er dort vorhat, sagt er uns nicht. Aber als der Steward Robert von ihm erfährt, dass er Kabine 105 gebucht hat, wird dieser bleich und nervös. Er lässt ja fast Brisbanes Koffer fallen. Robert redet sich heraus.

Kabine 105, so stellt sich heraus, liegt ziemlich achtern und unten nahe den Maschinen. Sofort fällt dem Passagier der modrige, unangenehme Geruch seines Domizils auf. Robert gibt eine fadenscheinige Erklärung. Brisbane wundert sich, dass die obere Koje verhängt ist. Schläft da schon jemand? Auch dafür liefert der Steward keine Erklärung.

Als er zu Bett geht, steht ein fremder Koffer in der Kabine. Doch der neue Passagier kommt erst mitten in der Nacht – offenbar so ein feiner Pinkel, mit Spazierstock und allem. Reden will er auch nicht, also pennt Brisbane wieder ein. Brisbane wird zweimal geweckt. Einmal von panischen Rufen und einer geöffneten Tür, die er schleunigst schließt. Später von der beißenden Kälte, die in der Kabine herrscht, und dem fauligen Gestank. Der Mitfahrer in der oberen Koje gibt röchelnde Laute von sich, als ertrinke er. Wirklich rücksichtslos! Doch Brisbane klopft und ruft vergeblich. Der Vorhang öffnet sich nicht.

Am Morgen schreckt er auf: Das Bullauge ist ja offen! Menschenskind, da kann ja glatt das Schiff absaufen! Er schließt es sofort wieder und nimmt sich vor, sich bei der Crew zu beschweren. Als er dem Schiffsarzt Hollows davon erzählt, erwähnt dieser nur, dass es darüber schon mal Beschwerden gegeben habe, und lädt ihn ein, die Kabine zu wechseln, in seine eigene. Brisbanes Ablehnung kontert er mit der Befürchtung, er könne wie seine drei Vorgänger enden und über Bord gehen. Brisbane ist erstaunt und sieht seine Kabine mit neuen Augen. Noch ahnt er nichts Böses.

Kapitän Grady ist besorgt um seinen standhaften Fahrgast. Er bittet ihn um Mithilfe bei der Suche nach seinem verschwundenen Mitfahrer, der offenbar ebenfalls über Bord gesprungen sei. Schon der vierte! Doch diesmal habe es keine Zeugen gegeben. Hm, so eine Todesserie kann ein Schiff in den Ruin treiben, wenn sie publik wird. Doch Brisbane sichert seine Diskretion zu.

Nach einem Tag mit Hollows kehrt Brisbane in seine Kabine zurück. Der Gestank ist umwerfend, das Bullauge steht schon wieder offen und er schließt es. Er meint eine warnende Stimme zu vernehmen, die ihn zur Flucht mahnt, aber da ist niemand. Als das Bullauge schon wieder offen ist, klagt er Robert an, der jedoch seine Unschuld beteuert.

Brisbane ist nach einer langen Nachtwache kaum eingeschlafen, als ihn ein kalter Luftzug und das Platschen von Wasser wecken: Die Kabine steht unter Wasser! Gischt schwallt herein, denn die Kabine liegt, wie gesagt, nahe der Wasserlinie. Als er die Vorhänge der oberen Koje beiseite zieht, packt ihn eine Hand und würgt ihn …

_Mein Eindruck_

Wieder mal ein Seestück, wie sie in der |Gruselkabinett|-Reihe recht beliebt sind, z. B. über den „Fliegenden Holländer“. Auch diesmal spielen Geister eine Rolle, allerdings in ziemlich handfester Form. Die Begleiterscheinungen der Kälte und des Gestanks sind lebhaft geschildert und gehören inzwischen zum Standard, mit dem ein Gespenst aufzuwarten hat. Dass es zudem die Eigenheit hat, Reisende entweder in den Wahnsinn der Panik und so in den Tod zu treiben, war zu erwarten. Dass es sie aber auch würgt, ist wesentlich mehr, als man gemeinhin von Gespenstern zu hören gewohnt ist.

Dadurch wird das Gespenst aber auch umso gefährlicher. Doch worin liegt über die Ursache für seine Anwesenheit, fragt sich der Reisende Aldous Brisbane. Leider vergeblich, und so bleibt es bei der Schilderung der Folgen einer Begegnung damit. Ob es sich um den Wiedergänger eines Ertrunkenen handelt, steht zu vermuten, und möglicherweise wurde der Mann über Bord geworfen, will sich aber für diese Untat rächen.

Die Spannung folgt dem Prinzip der allmählichen Steigerung. Zunächst ist Brisbane nur neugierig wegen der zahlreichen Rätsel, dann verärgert, schließlich ergreift er Maßnahmen gegen den unliebsamen Kabinengenossen. Denn durch das ständig geöffnete Bullaugen kann ja Wasser eindringen und die Kabine überschwemmen. Diese Gefahr ist aber noch gar nichts gegen den Würgegriff des Gespenstes selbst. Schließlich müssen Brisbane und Kapitän Grady zum Äußersten greifen, um die Gefahr zu bannen. Davon soll jedoch nichts verraten werden.

Es mag dem der Seefahrt unkundigen Hörer seltsam anmuten, welch ein Gewese um das geöffnete Bullauge gemacht wird. Das ist ja fast schon lächerlich, welche Bedeutung in der Geschichte diesem scheinbar unbedeutenden Gegenstand zugemessen wird. Das grenzt ja fast schon an einen Slapstick-Film aus der guten alten Charlie-Chaplin-Zeit. Aber für den Seereisender sind offene Bullaugen eine ernstzunehmende Gefahr, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für das Schiff, das dadurch volllaufen oder zumindest Schlagseite bekommen kann. Die Zeitgenossen von 1886 wussten noch um diese Gefahr.

Aber mal ehrlich: Brisbane erscheint uns in seiner Sturheit, die er Standhaftigkeit im Angesicht der Gefahr nennt, ein wenig dickköpfig und unvernünftig. Andererseits ist es für ihn vielleicht eine Sache der Ehre, die Begegnung mit einem „albernen“ Gespenst selbst durchzustehen. Würden wir das nicht heute auch noch tun? Allein schon der GLAUBE an ein Gespenst käme uns doch völlig lächerlich vor, geschweige denn dessen tätlicher Angriff. Vielleicht ist skeptischen Zeitgenossen mal ein Aufenthalt auf einem schottischen Gespensterschloss anzuraten.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Dramaturgie des Hörspiels ist ganz auf den Erzähler und die Hauptfigur des Aldous Brisbane zugeschnitten. Der Steward, der Schiffsarzt, der Kapitän und schließlich der Zimmermann sind nur Nebenfiguren, die ihm helfen, das Rätsel der oberen Koje aufzuklären und ihm entsprechende Informationen zu liefern. Daher kommt dem Sprecher des Brisbane, Axel Malzacher, eine ganz besondere Bedeutung zu. Er erledigt diese Aufgabe mit Bravour. Selten habe ich einen so fesselnden und doch souveränen Vortrag gehört. Als Erzähler behält er den Überblick, doch als Beteiligter weiß er die entsprechenden Emotionen heraufzubeschwören.

Unter den Nebenfiguren ragt lediglich der Schiffsarzt Hollow heraus, und zwar weil ihm Jürgen Thormann, die deutsche Stimmbandvertretung von Sir Michael Caine, eine entsprechende Präsenz verleiht. Dagegen verblassen Kpt. Grady und Steward Robert.

|Geräusche|

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, so etwa Klopfen, Quietschen, Münzenklimpern und so weiter. Die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Das ständige Rauschen der Wellen wird bei geöffnetem Bullauge viel lauter, ohne jedoch den Dialog zu beeinträchtigen. Das dumpfe Geräusch der Motoren sinkt nach einer Weile in die unterschwellige Wahrnehmung ab, verdeckt auch durch die vielen Sounds. Möwengeschrei und Nebelhörner untermalen die Kulisse im Hafen.

|Sounds|

In der aktuellen Staffel der drei Gruselkabinett-Hörspiele „Die obere Koje“, „Die Jagd der Vampire“ und „Das Schloss des weißen Lindwurms“ spielen Sounds erstmals eine auffallend bedeutende Rolle, um die Atmosphäre einer Szene zu verstärken. Musik allein reicht einfach nicht mehr, um den Horror zu evozieren und zu veranschaulichen.

Nun ist die Beschreibung von Sounds stets auf Analogien angewiesen, und auch ich muss mich damit behelfen. Am wichtigsten sind die Sounds, sobald das Gespenst seinen gruseligen Auftritt hat. Angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass das Gespenst einen stark beeinträchtigten Körper hat und, wenn überhaupt, dann nur als Schatten zu sehen ist, ist ein stark veränderte Stimme zu erwarten. Von einem Grollen und Knurren könnte man sprechen, das dann aber in ein höhnisches Lachen übergeht, das wässrig und bedrohlich klingt. Es ist das Lachen des Todes, und die Heiterkeit ist ganz auf seiner Seite …

|Musik|

Der Prolog beginnt mit einer düsteren, unheimlich anmutenden Musik, wie man sie aus vielen Horrorfilmen kennt, besonders aus Englands |Hammer Studios|. Danach wird die Musik nie idyllisch, sondern allenfalls am Schluss ein wenig entspannt. Auch eine romantische Passage mit dem Klavier habe ich ganz am Anfang entdeckt. Doch zwischen Anfang und Schluss steigern sich vor allem Geräusche, Sounds und Stimme spannungsvoll zu einem Höhepunkt, der in der Konfrontation mit dem Gespenst gipfelt.

Musik, Geräusche, Sounds und Stimmen wurden so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer dichten Klangkulisse verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

|Das Booklet|

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von |Titania Medien|. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Firuz Akin fand ich wieder einmal sehr passend und suggestiv.

Diesmal sind wieder in einem zusätzlichen Katalog Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:

Nr. 30: J. W. Polidori: Der Vampyr (November)
Nr. 31: Rudyard Kipling: Die Gespenster-Rikscha (November)
Nr. 32 + 33: Barbara Hambly: Die Jagd der Vampire (2 CDs, März 2009)
Nr. 34: F. M. Crawford: Die obere Koje (April 2009)
Nr. 35: Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms (April 2009)
Nr. 36+37: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (erscheint im Oktober 2009)
Nr. 38: Hanns Heinz Ewers: Die Spinne (erscheint im November 2009)
Nr. 39: H. P. Lovecraft: Der Tempel (erscheint im November 2009; Story siehe „Jäger der Finsternis“)

_Unterm Strich_

Gespenster an Bord von Schiffen werden sofort mit dem Klabautermann und ähnlichem Seemannsgarn in Verbindung gebracht. Doch Crawfords Schiffsgespenst hat damit überhaupt nichts am Hut. Es existiert eigenständig, hat eine Reihe von Opfern auf dem Gewissen, die es in den Wahnsinn trieb, so dass sie über Bord sprangen. Doch Aldous Brisbane scheint ein Mann der Vernunft zu sein, auch wenn er dies nicht an die große Glocke hängt. Er will auch nicht wie im „Gespenst von Canterville“ irgendwelche Mutprüfungen absolvieren. Nein, er will während der Überfahrt bloß seine Ruhe.

Die Spannung steigert sich allmählich und schrittweise zu einem Actionhöhepunkt. Dennoch fand ich es bedauerlich, dass wir nichts über die Motivation und den Ursprung der Geistererscheinung erfahren. Dazu müsste man wohl die Geschichte lesen. Die Lektüre wäre wohl auch kein schlechter Einstieg ins Werk dieses bereits fast vergessenen Autors.

|Das Hörbuch|

Das Hörspiel bietet auch dem Kenner von Schauergeschichten ein suggestives Seestück mit einer fein ausgetüftelten Klangkulisse. Besonders die Leistung von Axel Malzacher gilt es hervorzuheben, neben der des Sounddesigners und der Tonmischung.

|Originaltitel: The Upper Berth, 1886
60 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3824-5|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.luebbe-audio.de

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)
[„Der Glöckner von Notre-Dame“ 5399 (Gruselkabinett 28/29)
[„Der Vampir“ 5426 (Gruselkabinett 30)
[„Die Gespenster-Rikscha“ 5505 (Gruselkabinett 31)
[„Jagd der Vampire. Teil 1 von 2“ 5730 (Gruselkabinett 32)
[„Jagd der Vampire. Teil 2 von 2“ 5752 (Gruselkabinett 33)

Håkan Nesser – Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod (Van Veeteren 9)

Der literarische Frauenmörder

Ein Priester, der von einem Zug überfahren wird. Ein Mädchen, das spurlos verschwindet. Eine Mutter, die niemand vermisst. Welche Verbindung besteht zwischen den dreien? Als Van Veeteren sein Antiquariat verlässt, um einigen mysteriösen Todesfällen nachzugehen, weiß er noch nicht, dass sein Gegenspieler ein zu allem entschlossener Serienmörder ist … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Der Sprecher

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen.

Handlung

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

Mein Eindruck

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

Der Sprecher

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

Ein Autorenfehler?

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen. Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben.

Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der potentielle Fehler ist auch im Hörbuch enthalten. Oder der Autor wollte die Aufmerksamkeit seiner Leser bzw. Hörer testen…

Unterm Strich

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Das Hörbuch

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Audio: 420 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Svalan, katten, rosen, döden
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3898306645

www.randomhouse.de