Eddie Haines ist am Ende. Als Fernsehsprecher wollte er in Hollywood den Durchbruch schaffen. Stattdessen ist er ohne Job und pleite. Gerade will er sich die Kehle durchschneiden, als ihn „Professor“ Otto Hermann anspricht. Der geniale aber kriminelle Psychologe hat ihn beobachtet und im gebrochenen Haines den idealen Komplizen erkannt. Er baut ihn als „Dr. Judson Roberts“ zum auslandsberühmten Lebensberater auf, der sich nun in Hollywood niedergelassen hat und gnädig Patienten annimmt.
Sie müssen freilich so gut betucht sein wie Lorna Lewis, ein Filmsternchen, das ‚Roberts“ wegen seiner unglücklichen Ehe um Rat bittet. Hermann sorgt dafür, dass sich ‚Arzt‘ und ‚Patientin‘ näherkommen und dabei von Lornas wütendem Gatten überrascht werden. Ein Kampf bricht aus, bei dem Haines den Nebenbuhler tötet. Hermann verwischt die Spuren und türkt einen Autounfall. Der Fall wird zu den Akten gelegt. Hermann triumphiert: Nun hat er seinen Komplizen in der Hand, und Lorna Lewis muss ihm Schweigegeld zahlen! Robert Bloch – Werkzeug des Teufels weiterlesen →
Eigentlich befindet sich der ehemalige Detective Inspector John Rebus in seinem Ruhestand, uneigentlich jedoch kann er sich nicht so richtig aus dem Polizeigeschehen zurückziehen. So kommt es, dass er sich nun in seiner Freizeit mit den sogenannten Cold Cases, den ungelösten Fällen, beschäftigt. Eines Tages bittet eine Frau, deren Tochter seit der Jahrtausendwende nicht wieder von der Silvesterparty nach Hause gekommen ist, um seine Hilfe. Zunächst denkt John Rebus, dass es sich hier um einen aussichtslosen Fall handelt; je mehr er jedoch in die Ermittlungen dieses Falles einsteigt, desto bewusster wird ihm, dass es sich hier um keinen Zufall handelt, da seit jeher immer wieder junge Mädchen in der näheren Umgebung verschwanden, wie auch damals Sally. Ian Rankin – Mädchengrab weiterlesen →
Einst war Steve Dark Star-Ermittler der „Special Circumstances Division“, einer vom US-Justizministerium eingerichteten Einheit, die sich um jene Super-Verbrecher kümmert, die sowohl der Polizei als auch dem FBI und anderen Behörden durch die Finger schlüpfen. Darks letzte Jagd endete in einem Desaster; der Serienkiller Sqweegel ermordete seine Gattin und trieb ihn beinahe in den Wahnsinn. Um seiner überlebenden Tochter Sibby ein Vater sein zu können, quittierte Dark den Dienst.
Doch er ist nun einmal der geborene Ermittler. Seinem neuen Job als Dozent geht Dark deshalb nur lustlos nach, und Sibby ‚parkt‘ er bei den Großeltern. Privat hält er seine Datenbank psychopathischer Mörder auf dem neuesten Stand und sehnt sich im Grunde zurück ins „Special-Circs“-Team. Dieses Tor bleibt ihm jedoch verschlossen, wie Dark erfahren muss, als er seine Hilfe in einem aktuellen Fall besonderen Wahnsinns anbietet: Ein Killer ‚arbeitet‘ nach dem Vorbild des Tarot-Spiels! Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynski – Level 26: Dunkle Prophezeiung weiterlesen →
In der letzten Januarwoche erhält die Polizei von Kapstadt eine anonyme Mail: „Ich werde jeden Tag einen Polizisten erschießen – bis Sie den Mörder von Hanneke Sloet anklagen“. Da die Polizei jedoch nicht weiß, wer der Täter des Sloet-Falles ist, müssen die Beamten schon bald merken, dass der Erpresser seine Drohungen wahrmacht, denn kurz nach der ersten Mail wird der erste Polizist von einem Heckenschützen ins Bein geschossen. Doch das war nicht der letzte Angriff des Attentäters …
Inhalt
Die junge Anwältin Hanneke Sloet wurde ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Tatwaffe, ein langes Schwert, liegt neben dem Opfer, welches keine Unterhose mehr trägt. Die Polizei von Kapstadt hat diesen Fall aufgenommen, ihn jedoch bisher nicht auflösen können, so dass der Täter weiterhin auf freiem Fuß ist.
Im Kellergeschoss der osttexanischen Gesellschaftspyramide schlagen sich Hap Collins und Leonard Pine in unterbezahlten Jobs und ohne Hoffnung auf eine positive Veränderung durch ein auch sonst nie unkompliziertes Leben: Die Freunde haben ein ausgeprägtes Talent dafür, sich in gefährliche Schwierigkeiten zu bringen.
Auslöser der aktuellen Krise ist dieses Mal Leonard. Er wurde von seinem Lover Raul verlassen, der sich ausgerechnet mit einem beinharten Biker namens „Horse Dick“ McKnee zusammengetan hat. Als dieser mit schrotzerschossenem Schädel gefunden wird, gilt Leonard als Hauptverdächtiger, da er seinem Unmut über den Rivalen oft und mit bedrohlichen Worten Luft gemacht hatte.
Zwar kann er seine Unschuld beweisen, doch als auch Raul als Leiche auftaucht und die örtliche Polizei sich an einem Mord unter Schwulen desinteressiert zeigt, beginnt Leonard mit einem persönlichen Rachefeldzug. Als guter Freund lässt ihn Hap nicht im Stich und hat rasch die Folgen zu tragen: Die Häuser der Freunde werden durchwühlt, sie selbst überwacht. Offensichtlich hatte Raul etwas in seinem Besitz, das er vor seinem Tod in Sicherheit bringen konnte und das jemand um wirklich jeden Preis zurück will. Joe Lansdale – Schlechtes Chili weiterlesen →
Die junge Schriftstellerin Monica Stanton hat mit „Sehnsucht“, einem schmalzig-verruchten Liebesroman, einen Bestseller gelandet. Produzent Thomas Hackett will das Buch nicht nur verfilmen, sondern wirbt Monica außerdem als Drehbuchautorin an. Sie landet in der Grafschaft Buckinghamshire und dort in den Pineham-Ateliers, wo sie der ebenfalls als Autor angeheuerte Krimi-Schriftsteller William Cartwright unter seine Fittiche nehmen soll. Dabei gerät Monica in die Dreharbeiten zum Thriller „Spione auf See“ und trifft ihre Lieblings-Schauspielerin Frances Fleur. Auch Regisseur Howard Fisk und sein Assistent Kurt von Gagern lernt sie kennen; dieses Team wird später „Sehnsucht“ in einen Film verwandeln.
Man ist im Atelier allerdings ein wenig abgelenkt, denn aus der Werkstatt ist mehr als ein Liter hochgiftiger Schwefelsäure verschwunden. Die Hälfte taucht später in einer Wasserkaraffe auf dem Set von „Spione auf See“ auf, wo eine Katastrophe gerade noch verhindert werden kann. Wenig später lockt ein Unbekannter Monica in eine andere Kulisse und wartet dort mit dem Rest der Säure auf sie; der Anschlag missglückt nur knapp.
Die Regierung ihrer britischen Majestät registriert schockiert einen enormen Schwund bei der Diamantenförderung in der westafrikanischen Kolonie Sierra Leone. Aus den Minen von Sefadu werden kostbare Steine für viele Millionen Pfund gestohlen. Dahinter steckt eine große Organisation. Das Leck ist so groß geworden, dass nun der Geheimdienst um Unterstützung gebeten wurde: Die „Pipeline“, d. h. der Schmuggel-Weg, den die Diamanten zwischen Förderung und Verkauf im Ausland nehmen, soll geschlossen werden. Im Verdacht sie zu betreiben steht die Handelsgesellschaft „House of Diamonds“. Sie wird mit der US-Mafia und hier mit der Spangled-Bande in Verbindung gebracht, der die Brüder Jack und Seraffino Spangle vorstehen.
James Bond, Agent mit der Dienstnummer 007, ergreift erfreut die Gelegenheit, der ungeliebten Schreibtischarbeit zu entfliehen. Er schlüpft in die Haut eines kleinen Kriminellen, der kürzlich von der Organisation als Kurier angeheuert wurde. In seinen Job eingeführt wird er von der ahnungslosen Spangled-Handlangerin Tiffany Case.
Einst gehörte Pekkola zu den Mächtigen des russischen Reiches. Zar Nikolaus II. persönlich hatte ihn zu seinem „Smaragdauge“ ernannt. Der loyale und mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattete Pekkola ermittelte gegen Verschwörer und Verräter, die es auf das Leben des Zaren abgesehen hatten. Doch als 1917 die Oktoberrevolution ausbrach, rissen die Bolschewiki die Herrschaft an sich. Nikolaus und seine Familie ließen die neuen Machthaber nach Sibirien verschleppen und ermorden, Pekkola verschwand im Straflager Borodok, wo er möglichst rasch eines ’natürlichen‘ Todes sterben sollte.
Pekkola hat den Gulag stattdessen bereits neun Jahre überstanden, als man sich im Jahre 1929 seines Ermittler-Talents erinnert. Inzwischen herrscht Josef Stalin, der „Rote Zar“, über die Sowjetunion. Unter seinem Terrorregime ist das Land verarmt. Stalin erinnert sich des 1917 intensiv gesuchten aber nie gefundenen Zarenschatzes, der ihm jetzt gut zupass käme. Außerdem will er Genaues über den Tod des Zaren wissen: Ausgerechnet er, der Millionen Russen in Straflager verschleppen und umbringen ließ, ist für den Mord an den Romanows nicht verantwortlich.
Sonia, eine Frau in den Vierzigern, lebt ein zurückgezogenes Leben am Themseufer. Eines Nachmittags steht überraschend der Neffe einer einstigen Freundin vor ihrer Türe, um sich eine Musikplatte auszuleihen. Je länger Jez‘ Aufenthalt bei ihr andauert, desto mehr wird Sonia bewusst, in welche Abgründe sie sein Auftauchen zieht und dass sie plötzlich mehr und mehr dazu bereit ist, jede Grenzen zu überschreiten. Durch ihn fühlt sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt und sie beschließt Jez bei sich zu halten – für immer …
Die Freunde Bernhard Borge, Autor erfolgreicher Kriminalromane, Kai Bugge, Psychologe, und Inspektor Hammer von der Kriminalpolizei der norwegischen Hauptstadt Oslo schließen eine Wette ab: Bugge und Hammer werden den nächsten Dall gemeinsam aufklären, und Borge wird quasi als Sekundant festhalten, wer den Sieg davonträgt: der moderne Seelenforscher oder der traditionelle Spürhund. Die Gelegenheit ergibt sich, als Borge von seinem Vetter in die Sommerfrische eingeladen wird. Helge Gårholm hat in seiner an einem einsamen Fjord gelegenen Villa „Seewind“ wie so oft eine illustre Gesellschaft um sich geschart, Er ist ein Frauenheld, der seine Gefährtinnen betrügt und gegeneinander ausspielt. Kann er gleichzeitig einen oder gar mehrere Rivalen vor den Kopf stoßen, ist ihm das umso lieber.
Die Freunde Bernhard Borge, Autor erfolgreicher Kriminalromane, Kai Bugge, Psychologe, und Inspektor Hammer von der Kriminalpolizei der norwegischen Hauptstadt Oslo schließen eine Wette ab: Bugge und Hammer werden den nächsten Dall gemeinsam aufklären, und Borge wird quasi als Sekundant festhalten, wer den Sieg davonträgt: der moderne Seelenforscher oder der traditionelle Spürhund.
Die Gelegenheit ergibt sich, als Borge von seinem Vetter in die Sommerfrische eingeladen wird. Helge Gårholm hat in seiner an einem einsamen Fjord gelegenen Villa „Seewind“ wie so oft eine illustre Gesellschaft um sich geschart, Er ist ein Frauenheld, der seine Gefährtinnen betrügt und gegeneinander ausspielt. Kann er gleichzeitig einen oder gar mehrere Rivalen vor den Kopf stoßen, ist ihm das umso lieber.
New York während der Wirtschaftskrise 1935: Noël Coward, britischer Bühnenautor und Schauspieler, droht der Ruin. Der Vorzeige-Snob muss sich als Nachtclub-Sänger verdingen. Immerhin ist das „Cascades“ ein feines Etablissement, obwohl es von drei Erzgaunern geführt wird, die sich euphemistisch „Vivaldi“, „Beethoven“ und „Bizet“ nennen. Tatsächlich heißen sie Brunetti, Goldfarb und O’Shaughnessy, und die Polizei ist schon lange hinter ihnen her, ohne ihnen bisher je etwas nachweisen zu können.
Seit jeher verdient das Trio gut durch Mädchenhandel. Zwar weit entfernt, in Schanghai, zieht die Polizei die Leiche der Sängerin Maxine Howard aus einem Fluss; sie trägt eine Drahtschlinge um den Hals. Maxine arbeitete allerdings undercover für die US-Behörden und hatte offenbar zu viel gewagt. Inspektor Wang eilt aus Schanghai nach New York, um seinem alten Studienkameraden und Freund Detective Jacob Singer bei den Ermittlungen zu unterstützen.
Singer freut sich, bei diesem Fall quasi dienstlich seinem Hang zur Society- und Künstlerwelt New Yorks nachgeben zu können. Er lässt sich geschmeichelt von Coward bei seinen Ermittlungen begleiten. Der Künstler fühlt sich zum Detektiv berufen. Tatsächlich ist er denkbar ungeeignet, zumal nicht nur die drei Gangster argwöhnisch werden: Da ist auch Electra Howard, eine praktizierende Voodoo-Priesterin, die den Mördern ihrer Schwester Maxine blutige Rache geschworen hat. Mit im Spiel ist Nicholas Benson, ein Schriftsteller mit tragischer Vergangenheit, die er Diana Headman, einer Sängerin, und ihrer Mutter Millicent verdankt, deren genaue Rollen beim Tod ihrer Gatten ungeklärt sind.
Sie alle treffen im „Cascades“ zusammen und belauern einander. Den ersten Fehler begeht freilich das allzu wissbegierige Revuemädchen Edna. Es endet mit einem Blasrohr-Pfeil im Hals. Edna wird nicht das letzte Opfer bleiben, und es sieht ganz so aus, als träfe ihr Los auch den allzu unbekümmerten Noël Coward …
_Vergangenheit als Spielplatz_
Es gab einen Noël Coward, dem in den 1930er Jahren in den USA eine Karriere im Showbusiness gelang. Da dies in rauen Zeiten geschah, war Coward wahrscheinlich in die eine oder andere kriminelle Affäre verwickelt. Ganz sicher hat er jedoch niemals dabei geholfen, einen Mädchenhändler-Ring zu sprengen: Der „Mordfall für Noël Coward“ ist definitiv Fiktion.
Jeder Schriftsteller, der reale Personen in erfundenen Handlungen auftreten lässt, geht ein Risiko ein. Er muss darauf achten, die Wahrheit nicht gar zu sehr zu verbiegen und darf z. B. aus Noël Coward keinen Spion à la James Bond machen. (Coward zog übrigens in späteren Jahren nach Jamaika und wurde Nachbar von – Ian Fleming.) Sogar der historische Laie merkt so etwas und ist (zu Recht) verärgert.
George Baxt wagt es und siegt glänzend. Dabei versucht er nicht einmal, sich sklavisch an die Coward-Biografie zu halten, sondern bedient sich geschickt der Maske, die dieser ebenso exzentrische Mensch wie geniale Künstler der Welt präsentierte. Noël Coward à la Baxt ist der liebenswürdig-boshafte Dandy, der in einen ihm angemessen Kriminalfall gerät.
„Mädchenhandel“ ist an sich ein ernstes Thema, aber dennoch klingt dieser Begriff heute altmodisch und sogar etwas lächerlich. Genau darauf spekuliert Baxt, denn nur in diesem Klima der Nostalgie gedeiht seine Geschichte, die primär eine Nachschöpfung des klassischen angelsächsischen Kriminalromans ist, wie sie typisch war für die Zeit, in der „Mordfall für Noël Coward“ spielt.
|Die gelebte Legende|
Er gilt noch heute als Verkörperung britischer Eleganz in ihrer unnachahmlichen Mischung aus Eleganz, Hochnäsigkeit und boshafter Ironie: Noël Coward (1899-1973). Ein echtes künstlerisches Multitalent war er, der als Schauspieler (Film, Theater) und Sänger in Stücken auftrat, die er oft selbst geschrieben hatte. In der Gesellschaft kultivierte er oben skizziertes Bild, was ihn daheim zum Liebling sogar des Königshofes machte. In den ‚Kolonien‘ wartete man in New York und Hollywood neugierig auf diesen Vorzeige-Briten, der auch die Neue Welt erobern konnte.
Dass Coward homosexuell war, wusste praktisch die gesamte Welt; es spielte nie eine Rolle, denn er war diskret bis zur Selbstverleugnung und erregte deshalb in einer wenig toleranten Ära kein unerfreuliches Aufsehen. George Baxt weiß alle Facetten dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit spielerisch einzusetzen, sodass sogar durchklingt, wie mühsam Coward sein Versteckspiel oft gefallen sein muss. Trotzdem interessiert hier natürlich weniger der wahre Noël Coward (der die vornehme Fassade trotz mancher persönlicher Schicksalsschläge bis zu seinem Tod aufrecht zu erhalten wusste), sondern der von den Medien und dem kollektiven Gedächtnis geschaffene Über-Gentleman.
|“Screwball“-komödiantisch ausgeklammerter Ernst|
Jacob Singer ist wie immer liebenswert rampenlichtsüchtig und ansonsten unauffällig; der perfekte Gastgeber für die nur locker nach ihm genannte Krimi-Reihe Nicht der Detektiv (bzw. hier Polizist) steht im Mittelpunkt. Interessanter sind die prominenten Persönlichkeiten, die Georg Baxt Revue passieren lässt.
Hattie Beavers markiert den schmalen Grat, auf dem Baxt in seiner Rekonstruktion der 1930er Jahre wandelt. Sie tritt als Black-Mama-Dienstbotin und damit in einer jener Klischee-Rollen auf, in die Amerikas schwarze Bürger im Film oder auf der Bühne lange abgedrängt wurden. Baxt spielt hier entweder mit heute politisch unkorrekten Klischees, um diese noch deutlicher anzuprangern, oder er sah sich im Zwiespalt, seiner Geschichte sonst eine außer der Zeit stehende Figur aufprägen zu müssen: Rassendiskriminierung gehörte in dieser Ära zum US-amerikanischen Alltag. In gewisser Weise sorgt Baxt für Abhilfe, indem er mit Electra Howard einen selbstbewussten schwarzen Zeitgenossen auftreten lässt. Auch Inspektor Abraham Wang ist alles andere als ein radebrechender, serviler Charlie-Chan-Chinese.
Leicht ist der Tonfall, und schlimmer als jeder Mord ist es, wenn den Beteiligten im flotten Wortgefecht die Paraden (und die Drinks) ausgehen. Übertreibung geht völlig in Ordnung, sodass problemlos eine leibhaftige Voodoo-Priesterin, ein chinesischer Inspektor, drei Operetten-Gangster oder der monumentalzinkige Komiker Jimmy Durante auftreten können. Als wär’s ein Bühnenstück von Noël Coward selbst, so läuft die unterhaltsame Story bis ins furiose (und feurige) Finale logisch, aber leicht und locker vor den Augen des Lesers ab; auch das ist gewollt, und es funktioniert.
_Verfasser_
George Baxt wurde am 11. Juni 1923 in New York, Stadtteil Brooklyn, geboren. Der Überlieferung nach war er ein Wunderkind, dessen erste Geschichte bereits 1932 veröffentlicht wurde. Auch am Theater versuchte sich das Multi-Talent; sein erstes Stück wurde gespielt, als Baxt gerade 18 war – und nach einem Tag abgesetzt.
Baxt erweiterte unverdrossen die Palette seiner Aktivitäten, schrieb für Bühne, Film und Fernsehen, arbeitete als Theateragent und für die Presse und lernte dabei viele der Künstlerinnen und Künstler kennen, die er später in seinen Thrillern auftreten ließ. In den 1950er Jahren zog Baxt nach England. Dort schrieb er eine Reihe von Drehbüchern für Horrorfilme wie „Circus of Horrors“, „Horror Hotel“ oder „Burn, Witch, Burn“: solide, trashige B-Movie-Ware, die noch heute gern im Nachtprogramm finanzschwacher TV-Sender gezeigt wird.
Seltsamerweise schrieb Baxt erst 1966 seinen ersten Roman („A Queer Kind of Death“). Der Titel verrät es: Hier startete die für ihre Zeit noch ungewöhnliche (insgesamt zehnbändige) Serie um den homosexuellen Privatdetektiv Pharoah Love. Weniger konträr, sondern für das breite Publikum verfasst war die „###- Murder-Case“-Serie, die Baxt 1984 begann; für das „###” ist jeweils der Name eines berühmten (weiblichen oder männlichen) Künstlers (meist Filmstars) einzutragen. (Band 4 bildet die einzige Ausnahme.) Als Ermittler trat in allen diesen Romanen Detective Jacob Singer auf.
Mit großem Erfolg führte George Baxt die Reihe über 13 Bände fort. Mit „The Clark Gable and Carole Lombard Murder Case“ verabschiedete er sich 1997 von Jacob Singer und trat in den Ruhestand. Am 28. Juni 2003 starb George Baxt kurz nach seinem 80. Geburtstag in New York City.
|Gebunden: 284 Seiten
Originaltitel: The Noël Coward Murder Case (New York : St. Martin’s Press 1992)
Übersetzung: Gertraude Krueger
ISBN-13: 978-3-251-30106-5|
_George Baxt bei |Buchwurm.info|:_
[„Mordfall für Tallulah Bankhead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1002
Davy Fox ist ein Kriegsheld, der in seinem Heimatstädtchen Wrightsville von den Bürgern, die ihn seit seiner Geburt kennen, von seiner Familie und von Gattin Linda ungeduldig bzw. sehnsüchtig erwartet wird. Hoch dekoriert aber tief bekümmert kehrt Davy zurück, denn was er auf den Schlachtfeldern des II. Weltkriegs erlebt hat, verstärkte noch sein Nervenleiden: Als Davy zehn Jahre alt war, musste er miterleben, wie die Polizei seinen Vater abführte. Bayard wurde beschuldigt, seine Gattin Jessica vergiftet zu haben. Obwohl er dies abstritt, sprachen die Beweise so eindeutig gegen ihn, dass Bayard 1933 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde.
Davy glaubt, des Vaters Mörder-Gen geerbt zu haben. Im Krieg hat er sich abreagiert, indem er die bösen Japse scharenweise niedermähte. Nun liegt er in jeder Nacht wach neben Linda im Bett und kämpft gegen den Impuls an, ihr den Hals zuzudrücken. Als er ihm unterliegt, kommt Linda nur knapp mit dem Leben davon. Sie hält zu Davy und glaubt nicht an einen Familienfluch. Stattdessen bittet sie einen alten Freund, den Mordfall Jessica Fox wieder aufzurollen: Ellery Queen, Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, soll Bayards Unschuld beweisen, um damit Davys Komplex ad absurdum zu führen.
Trotz der Aussichtslosigkeit des Unterfangens stimmt Queen zu. Es gelingt ihm sogar, Bayard für die Dauer der Ermittlungen aus dem Gefängnis zu holen: Queen will die Tat in Wrightsville und in dem seit 1933 leer stehenden Fox-Haus detailgetreu rekonstruieren, um Fehler in der Beweisführung zu finden. In der Tat kommt es zu einer Überraschung: 1933 hatte Bayard seinen Bruder Talbot mit Jessica erwischt. Ebenfalls erst jetzt gesteht Emily, Talbots Frau, von der Affäre gewusst zu haben. Weitere Lücken tun sich im Tathergang auf, was Queen ebenso freut wie Sorgen bereitet: Sollte der wahre Täter fürchten, nach vielen Jahren noch ertappt zu werden, müsste er (oder sie) aktiv werden, um mögliche Zeugen zum Schweigen zu bringen – und genauso geschieht es …
_Der Kriminalroman wird ungemütlich_
Ellery Queen hatte 1945 als Figur eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich: Gestartet war er 1928 als klassischer Gentleman-Detektiv, der sich reich und blasiert dazu herabließ, Verbrechen nicht deshalb aufzuklären, weil die Polizei zu dumm war, sondern weil es ihn interessierte. Die langweiligen Attitüden des realitätsfernen Laffen legte Queen rasch ab. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt selbst (wenn auch als Kriminalschriftsteller), legte mit dem Standesdünkel jegliche Berührungsängste ab und mischte sich unters Volk.
Ende der 1930er Jahre gingen die Vettern Frederic Dannay und Manfred B. Lee, die sich hinter dem Schriftsteller-Pseudonym „Ellery Queen“ verbargen, einen großen Schritt weiter. Hatte das Lösen eines Kriminal-Rätsels bisher eine recht mechanische, auf die Ermittlung als Kunst und Handwerk zentrierte Handlung bedingt, schloss dieser Vorgang nunmehr ausdrücklich das psychologische Element ein: Morde und andere Untaten werden nicht aus heiterem Himmel begangen. Verbrechen haben eine Vorgeschichte, in welcher Menschen und ihre Taten wichtige Rollen spielen.
Der II. Weltkrieg und die damit einhergehenden Umwälzungen machten die Erkenntnis, dass das Böse vor allem im Menschenhirn wurzelt, zum Allgemeingut. Selbst Hollywood konnte sich dem nicht mehr verschließen. Die 1940er Jahre wurden zur großen Zeit des „Crime Noir“, der Krimis der „Schwarzen Serie“, deren Protagonisten nichts Menschliches mehr fremd war.
|Kleinstadt-Hölle auf Erden|
Der Ellery Queen des Jahres 1945 konnte sich in diesem gewandelten Umfeld gut behaupten. Auch er schreckt nicht mehr vor ‚unangenehmen‘ Wahrheiten zurück, zu denen die Anerkennung eines Phänomens gehörte, das lange „Kriegsneurose“ genannt aber vor allem vom Militär als Lappalie abgetan wurde: Soldaten sollten kämpfen. Wurden sie verwundet, flickte man sie wieder zusammen, damit sie ihren Job fortsetzen konnten. Wer sich dem verweigerte, obwohl ihn weder Beine, Arme oder Augen fehlten, galt als Drückeberger und Schwächling.
Doch gegen den armen Davy Fox fahren Dannay & Lee noch schwerere Geschütze auf. Schon in Friedenszeiten und Kindertagen hat sein Gemüt Schaden genommen. Der eigene Vater hat die Mutter umgebracht. Er wird verhaftet und landet für immer im Gefängnis. Für die Familie gilt er als tot, über Bayard Fox wird nicht gesprochen. Die ‚Schande‘ ist dennoch allgegenwärtig, denn die Familie Fox lebt in Wrightsville, einer Kleinstadt, die nur oberflächlich alle Eigenschaften einer Dorfidylle zeigt.
Faktisch ist Wrightsville eine Brutstätte der unbilligen Neugier, des unterdrückten Hasses und der üblen aber heimlichen Nachrede. Da man eng aufeinander hockt, versucht man, die Bosheiten nicht ausbrechen zu lassen. Stattdessen kocht man sie im eigenen Saft und steigert nur ihre Intensität. Stets steht man unter nachbarlicher Aufsicht, werden Worte und Taten kommentiert. Im Guten und vor allem im Bösen bleibt die Ortschronik lebendig: Nicht einmal tot kann man Wrightsville entkommen.
|Verbrechen als Familienerbe?|
In diesem Klima wuchs Davy Fox auf – und entwickelte eine eigene Wahnvorstellung: Er glaubt, von einem Mörder-Gen befallen zu sein, das ihm sein Vater vererbte. Die Vorstellung vom Bösen, das quasi wie ein Virus weitergegeben wurde, hatte 1945 schon eine lange Tradition im Kriminalroman. Sie war angenehm logisch, denn obwohl ihr jegliche wissenschaftliche Basis fehlte, ‚erklärte‘ sie, was man nicht verstand und verstehen wollte: Selbst dort, wo Familienstand, Vermögen und Erziehung es doch verhindern sollten, wurden Menschen kriminell. Wo man in früheren Zeiten vielleicht einen Fluch verantwortlich gemacht hätte, konnten nun böswillig den Familienstammbaum heimsuchender Fremdlinge mit „bösem Blut“ haftbar gemacht werden.
Träfe dies zu, wäre Davy Fox verloren. Glücklicherweise glaubt Ellery Queen nicht an Kleinstadt-Psychologie, sondern an harte Fakten. Der Teufel steckt dieses Mal buchstäblich im Detail. Selten sah sich der Detektiv einer so lückenlosen Indizienkette gegenüber wie im Fall Bayard Fox. Jedes Glied nimmt er unter die Lupe – und wird jedes Mal enttäuscht: Die Behörden haben einst gründlich gearbeitet.
Haben sie natürlich nicht, denn sonst fände diese Geschichte ein rasches und trauriges Ende. In der dicht verwobenen Beweisfolge gibt es eben doch Lücken. Sie werden von denen, die mit Queen den Fall neu aufrollen, als Lappalien abgetan. Der erfahrene Rätselkrimi-Leser weiß, dass dem ganz sicher nicht so ist und Queen hier den Strohhalm gefunden hat, mit dessen Hilfe er langsam aber sicher jenes Beweisgebäude niederreißen wird, das Polizei und Justiz vor zwölf Jahren aufwändig errichteten.
|Wird er oder wird er nicht?|
Die Spannung wird dieses Mal dadurch geschürt, dass nicht nur der Leser Ellery Queen über die Schulter schaut: Ein ganzes Rudel verzweifelter Füchse hängt buchstäblich an seinen Lippen. Vor allem Linda, Davys Gattin, macht aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube. Aus heutiger Sicht ist sie sogar kontraproduktiv mit ihrem ständigen Greinen und Händeringen, weil es mit Bayards Rehabilitierung nur schleppend vorangeht.
Hier zeigt sich das Alter dieses Kriminalromans nicht nur nostalgisch, sondern negativ. Welcher Unterhaltungswert wohnt Frauen inne, die primär als Nervensägen agieren? Die Zeitgenossen sahen dies natürlich anders. Mit dem gesellschaftlichen Status ihrer Männer steht und fällt die Position der Fox-Frauen. Sie kennen es nicht anders, weshalb auch die düpierte Emily beim einst untreuen Talbot Fox bleiben wird.
Ellery Queen lässt sich nicht drängeln. Er wird dadurch zum ausgleichenden Element, das der Handlung gut bekommt. Unter der modernen Psychologie kommt immer wieder die altbekannte Frage zum Vorschein: „Whodunit?“ – Wer ist es gewesen. Nicht immer konnten Dannay & Lee den Seifenoper-Gehalt der späteren Queen-Krimis so gut unter Kontrolle halten wie dieses Mal. Mit „Willkommen, Mr. Fox“ ist ihnen eines ihrer Glanzstücke gelungen. Die Spannung steigt bis zum Finale, das wider Erwarten & den gesunden Menschenverstand die scheinbar festgefügte Indizienkette sprengt, damit Queen die Einzelteile in neuer Reihenfolge zusammensetzen kann. Jetzt plötzlich springt dem kunstvoll genas geführten Leser ins Gesicht, wo seine Denkfehler lagen.
Das Tüpfelchen auf diesem I bietet ein Finaltwist, der genau diese Erkenntnissicherheit noch einmal umwirft: Es war alles ganz anders. Solche Tricks gelingen selten bzw. selten so gut wie hier. Kein Wunder, dass nicht nur Literaturkritiker diesen 17. Band der Serie für einen der besten Ellery-Queen-Romane überhaupt halten!
_Autoren_
Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.
Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!
In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden die meisten der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.
|Taschenbuch: 187 Seiten
Originaltitel: The Murderer Is a Fox (New York : Little, Brown and Company 1945)
Übersetzung: Ursula von Wiese
ISBN-13: 978-3-453-03844-8|
http://neptune.spaceports.com/~queen
http://www.heyne-verlag.de
_Ellery Queen bei |Buchwurm.info|:_
[„Chinesische Mandarinen“ 222
[„Der nackte Tod“ 362
[„Drachenzähne“ 833
[„Das Geheimnis der weißen Schuhe“ 1921
[„Die siamesischen Zwillinge“ 3352
[„Der verschwundene Revolver“ 4712
[„Der Giftbecher“ 4888
[„Das Haus auf halber Straße“ 5899
[„Und raus bist du!“ 6335
[„Schatten über Wrightsville“ 6362
[„Spiel mit dem Feuer“ 6459
[„Die trennende Tür“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7138
[„Sherlock Holmes und Jack the Ripper“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7343
[„Die verräterische Flasche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7755
[„Die Zange“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7789
[„Das zwölfte Geschenk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8130
New York während der Wirtschaftskrise 1935: Noël Coward, britischer Bühnenautor und Schauspieler, droht der Ruin. Der Vorzeige-Snob muss sich als Nachtclub-Sänger verdingen. Immerhin ist das „Cascades“ ein feines Etablissement, obwohl es von drei Erzgaunern geführt wird, die sich euphemistisch „Vivaldi“, „Beethoven“ und „Bizet“ nennen. Tatsächlich heißen sie Brunetti, Goldfarb und O’Shaughnessy, und die Polizei ist schon lange hinter ihnen her, ohne ihnen bisher je etwas nachweisen zu können.
Seit jeher verdient das Trio gut durch Mädchenhandel. Zwar weit entfernt, in Schanghai, zieht die Polizei die Leiche der Sängerin Maxine Howard aus einem Fluss; sie trägt eine Drahtschlinge um den Hals. Maxine arbeitete allerdings undercover für die US-Behörden und hatte offenbar zu viel gewagt. Inspektor Wang eilt aus Schanghai nach New York, um seinem alten Studienkameraden und Freund Detective Jacob Singer bei den Ermittlungen zu unterstützen.
Die Fälle des Sebastian Bergmanns:
„Der Mann, der kein Mörder war“ (November 2011) „Die Frauen, die er kannte„
„Die Toten, die niemand vermisst“ (erscheint im Juli 2013)
Worum gehts?
Innerhalb von kurzer Zeit wurde bereits das dritte Opfer in Stockholm bekannt. Abermals eine junge Frau in einem hellblauen Nachthemd, die zunächst brutal vergewaltigt und anschließend durch einen Kehlenschnitt getötet wurde. Alles deutet auf einen nicht unbekannten Serienmörder hin, Edward Hinde. Seltsamerweise sitzt dieser jedoch seit Jahren im Hochsicherheitstrakt eines schwedischen Gefängnisses.
Davy Fox ist ein Kriegsheld, der in seinem Heimatstädtchen Wrightsville von den Bürgern, die ihn seit seiner Geburt kennen, von seiner Familie und von Gattin Linda ungeduldig bzw. sehnsüchtig erwartet wird. Hoch dekoriert aber tief bekümmert kehrt Davy zurück, denn was er auf den Schlachtfeldern des II. Weltkriegs erlebt hat, verstärkte noch sein Nervenleiden: Als Davy zehn Jahre alt war, musste er miterleben, wie die Polizei seinen Vater abführte. Bayard wurde beschuldigt, seine Gattin Jessica vergiftet zu haben. Obwohl er dies abstritt, sprachen die Beweise so eindeutig gegen ihn, dass Bayard 1933 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde.
Davy glaubt, des Vaters Mörder-Gen geerbt zu haben. Im Krieg hat er sich abreagiert, indem er die bösen Japse scharenweise niedermähte. Nun liegt er in jeder Nacht wach neben Linda im Bett und kämpft gegen den Impuls an, ihr den Hals zuzudrücken. Als er ihm unterliegt, kommt Linda nur knapp mit dem Leben davon. Sie hält zu Davy und glaubt nicht an einen Familienfluch. Stattdessen bittet sie einen alten Freund, den Mordfall Jessica Fox wieder aufzurollen: Ellery Queen, Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, soll Bayards Unschuld beweisen, um damit Davys Komplex ad absurdum zu führen.
Die junge Gabriella bleibt nach einem Discoabend mit ihren Freundinnen alleine zurück, um noch ein wenig weiterzufeiern. Als sie sich gerade ihre Jacke überziehen möchte, um den Heimweg anzutreten, kommt die Kellnerin auf sie zu, gibt ihr einen Drink und richtet ihr schöne Grüße von einem Mann aus, der an der Theke steht. Nach einem kurzen Gespräch und weiteren Drinks, entschließt sich Gabriella mit ihrer neuen Bekanntschaft, die direkt um die Ecke wohnt, nach Hause zu gehen. In seiner Wohnung angekommen, wird nicht lange gefackelt und direkt aufs Schlafzimmer zu gesteuert, doch da wird Gabriella zweifellos bewusst, dass sie in eine böse Falle getappt ist, aus der sie vielleicht nicht lebend wieder herauskommen wird.
Finanz-Tycoon Wyndon Leroux ruft seinen Star-Architekten Craig Barton in die Firmen-Zentrale. Der leistet unwillig Folge, denn er ist noch immer zornig, weil ihm Leroux sein ‚Baby‘ entzogen hat: Das 66-stöckige „National-Curtainwall“-Gebäude, genannt „Glashaus“, gilt als das fortschrittlichste Hochhaus der Gegenwart. Barton hat es entworfen, aber die bauliche Umsetzung übertrug Leroux anderen, willfährigen Untergebenen.
Den Grund meint TV-Journalist Jeffrey Quantrell ausgemacht zu haben: Für das „Glashaus“ wurden Bauvorschriften ignoriert oder nachträglich gemildert, um Kosten zu sparen. Politik und Stadtverwaltung sind mit im Boot. Da er plant, Kopien des „Glashauses“ überall auf der Welt zu errichten, lässt Leroux seine Verbindungen spielen, um Quantrell auszuschalten. Außerdem treffen dessen Anschuldigungen zu: Das „Glashaus“ ist weder feuersicher noch problemlos zu evakuieren.
Dies rächt sich, als in einem kleinen Lagerraum Feuer ausbricht. Die minderwertigen internen Sicherheitseinrichtungen des „Glashauses“ versagen, die Feuerwehr wird erst spät alarmiert. Das Gebäude steht in einer Höhe in Flammen, die den Einsatz schweren Löschgeräts verhindert. Viele Mieter wurden nicht über den Brand informiert. Im Dachrestaurant essen zahlungskräftige Gäste ahnungslos zu Abend. Unter ihnen befinden sich Bartons Gattin und Wyndon Leroux mit Frau.
Einsatzleiter Mario Infantino und seine Feuerwehrmänner kämpfen sich Stockwerk für Stockwerk vor. Immer wieder laufen ihre Löschversuche ins Leere, weil sich das Feuer aufgrund der akuten Baumängel ausbreiten kann. Auf allen Etagen kämpfen Menschen mit- oder gegeneinander um ihr Leben. Als schließlich eine Gasleitung explodiert, steht das „Glashaus“ bis zu seiner Spitze in Flammen, wo sich die Überlebenden verschanzt haben …
_Hybris und Höhen_
Man kann sagen, dass 1974 das Thema nicht nur in der Luft lag, sondern hoch in dieselbe ragte: 1973 waren die beiden Türme des „World Trade Centers“ in New York eröffnet worden. Mit 417 und 415 Meter Höhe stellten sie zu diesem Zeitpunkt die höchsten Gebäude der Welt dar. Ihre eindrucksvolle Präsenz regte die Fantasie an – im Positiven wie im Negativen. Umgehend eignete sich die Unterhaltungsindustrie die Türme bzw. das Wolkenkratzer-Thema an: Wer hoch baut, kann umso tiefer fallen, ein Geschehen, der sich spektakulär, spannend und einträglich darstellen lässt.
Schon 1933 hatte King Kong dramatisch das Empire State Building erklommen. (1976 wiederholte er diesen Kletterakt am World Trade Center.) Auch ohne Riesenaffen ließ sich das Hochhaus als Spielfläche nutzen. Eine alltägliche Gefahr sorgte für entsprechenden Grusel, der durch das Element der Höhe enorm gesteigert wurde: Häuser brennen, weshalb der Mensch das Feuer fürchtet, seit er nicht mehr in brandfesten Höhlen haust.
Was geschieht, wenn Flucht vor dem Feuer unmöglich und man ihm ausgeliefert ist? Darüber hatten sich selbstverständlich jene, die Hochhäuser entwarfen, bauten und einrichteten, ausgiebig Gedanken gemacht. Es fehlte indes die Erfahrung, ob die getroffenen Schutzmaßnahmen greifen würden; man konnte schlecht einen Wolkenkratzer testweise anzünden. In diese Grauzone der Ungewissheit siedelten Kritiker des Hochhausbaus ihr Misstrauen an: Bauunternehmen sparen gern, wo sie können, und pfuschen, wo sie hoffen, nicht erwischt zu werden. Entsprechende Vorurteile wurden durch schwarze Schafe der Branche genährt und ließen sich problemlos extrapolieren. Hilfreich hinzu gesellte sich der in den 1970er Jahren aufkeimende Generalverdacht, als kleiner Bürger von korrupten, gierigen und skrupellosen Politikern und Konzernen hintergangen zu werden.
|Katastrophen en gros|
Halbwissen und Verdacht verdichteten sich u. a. in einer ganzen Serie sogenannter Katastrophen-Thriller, in denen Hollywood Flugzeuge abstürzen („Airport“, 1970), Schiffe kentern („The Poseidon Adventure“, 1972; dt. „Höllenfahrt der Poseidon“) oder die Erde beben („Earthquake“, 1974; dt. „Erdbeben“) ließ.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Wolkenkratzer ins Visier genommen wurden. Tatsächlich kamen gleich drei Autoren auf diese Idee. 1973 veröffentlichte Richard Martin Stern (1915-2001) „The Tower“ (dt. „Der Turm“). 1974 folgte das Autorengespann Thomas N. Scortia und Frank M. Robinson mit „The Glass Inferno“ (dt. „Inferno“). Die Handlungen und ihre Ähnlichkeiten waren zufällig bzw. wurden vom Thema vorgegeben.
Von den beiden genannten Romanen ist „Inferno“ der gelungenere – dies nicht, weil er verfilmt wurde, denn „The Towering Inferno“ (dt. „Flammendes Inferno“), der Kino-Blockbuster des Jahres 1974, basierte auf einem Drehbuch, für das beide Bücher verschmolzen wurden. „Inferno“ ist demnach kein „Buch zum Film“, sondern eine Vorlage, die sich durchaus vom Film unterscheidet.
|Der menschliche Faktor|
Der Katastrophen-Thriller bildet ein eigenes Genre, dessen Grenzen recht eng gefasst sind. Dreh- und Angelpunkt stellt das jeweils gewählte Desaster dar. Allein ist es freilich nicht handlungsfüllend, denn selbst die spektakulärste Apokalypse lässt den Leser (oder Zuschauer) kalt, wenn er oder sie sich nicht mit jemandem identifizieren kann.
Dies gibt einen doppelzügigen Spannungsbogen vor. Zunächst werden uns einzelne Personen vorgestellt. Üblicherweise präsentiert der Katastrophen-Thriller einen mehr oder weniger repräsentativen Schnitt durch die Gesellschafts-Pyramide. Hier sind es u. a. ein rücksichtsloser Kapitalist, ein idealistischer Architekt, seine oberflächliche Gattin, ein unerschrockener Feuerwehrmann, ein publicitygeiler Journalist, ein reumütiger Trickbetrüger, ein schwuler Innenausstatter, ein farbiger Sicherheitsmann, ein vom Entzug geschüttelter Junkie u. a. Pechvögel, deren Lebensläufe uns so ausführlich geschildert werden, dass wir heilfroh sind, als es auf S. 170 endlich richtig brennt.
Diese Biografien wechseln sich mit Szenen des Unheils ab. Scortia/Robinson schildern die Entwicklung des Feuers vom schwelenden Funken zum brüllenden, alles verschlingenden Sturm mit dokumentarisch anmutender Detailfreude. Während die Figurenzeichnungen oft ins Klischee abgleiten, sind diese Kapitel zeitlos spannend. Die Autoren steigern das, indem sie das Feuer personifizieren. Sie nennen es „das Tier“ und unterstellen ihm eine diabolische Intelligenz, die in der menschlichen Angst vor dem Feuer begründet liegt.
|Das Ende ist (trügerisch) nahe|
Wenn die Flammen toben, scheiden sich die Protagonisten in Helden, Feiglinge und Opfer. In der Krise bröckelt die Tünche der Zivilisation. Der nackte Charakter bricht sich Bahn, was eine gute Geschichte ergibt. Wiederum lodert das Klischee beinahe so kräftig wie das Feuer, aber Scortia/Robinson widmen sich glücklicherweise ebenso intensiv der eigentlichen Handlung – dem Feuer im Hochhaus, das einen gänzlich anderen Verlauf nimmt als ein Feuer auf ebener Erde. Daraus entwickeln sich Szenen, in denen sich menschliches Schicksal und präzise Katastrophenbeschreibung ideal mischen und eine mitreißende Lektüre bedingen.
Selbstverständlich verzichten Scortia/Robinson nicht auf den Verzögerungseffekt: Gegen Ende des zweiten Drittels scheinen die Flammen bereits zu erlöschen. Der erfahrene Leser lässt sich dadurch nicht täuschen. Kurz darauf bricht das Feuer in einer zweiten, ungleich brutaleren Inkarnation erneut aus. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Das zahlenstarke Feld der Figuren wird dramatisch ausgedünnt. Faktisch ist an Rettung nicht zu denken. Wie Ratten sitzen die verbliebenen Bewohner des „Glashauses“ in der Falle. Verzweiflung greift um sich, die Besonnenen finden sich mit ihrem Schicksal ab, die Helden grübeln fieberhaft über eine Lösung nach.
Selbstverständlich gibt es ein Hintertürchen. Wer das Geschehen bis hierher atemlos verfolgt hat, wäre arg vor den Kopf gestoßen, blieben sämtliche Figuren auf der Strecke, wie es die Logik geböte. Zudem wohnt jedem Katastrophen-Thriller das Element der finalen Erkenntnis inne: Aus den Trümmern rappeln sich die Überlebenden auf und geloben Besserung. (Die kriminellen und unbelehrbaren Zeitgenossen haben es praktischerweise nicht überstanden und fallen als Spielverderber aus.) So geschah es bereits beim Turmbau zu Babel, wurde offensichtlich folgenlos vergessen und lässt seitdem Raum für die nächste Katastrophe. (Dass Wolkenkratzer einstürzen können, weil fanatisierte Verbrecher sie mit Flugzeugen rammen, lag 1974 außerhalb selbst Hollywoods Vorstellungskraft.)
|“Inferno“ – der Film|
Quasi brandheiß schmiedete 1974 Filmproduzent Irwin Allen (1916-1991) das Eisen. Er entfesselte gern Kino-Katastrophen und hatte u. a. zwei Jahre zuvor „The Poseidon Adventure“ („Höllenfahrt der Poseidon“) realisiert. Der enorme finanzielle Erfolg ließ Allen den Einsatz erhöhen, wobei er dem bewährten Rezept treu blieb: Eine schlichte aber bewährte Story wertete er durch spektakuläre Tricks und eine Starbesetzung bis in die Nebenrollen auf.
Die Action-Szenen inszenierte Allen vorsichtshalber selbst, während sich ‚Haupt-Regisseur‘ John Guillermin den Schauspielern widmete. Die Besetzungsliste las sich wie ein „Who’s Who“ des alten und neuen Hollywood: Steve McQueen, Paul Newman und Faye Dunaway spielten die Hauptrollen. Unterstützt wurden sie u. a. von Fred Astaire, William Holden, Robert Wagner und Richard Chamberlain.
Stirling Silliphant übernahm die komplizierte Aufgabe, gleich zwei Romanvorlagen (s. o.) zu einem harmonischen Drehbuch zu kombinieren. Es gelang ihm, für den Rest sorgten Geld und Hollywood-Knowhow. Das „Flammendes Inferno“ tobt in seiner ungekürzten (im deutschen Fernsehen selten gezeigten) Fassung stolze 165 Minuten, ist aber keineswegs langweilig. Ohne es durch fehlplatzierten Tiefsinn zu verärgern, wird dem Publikum ein grandioses Action-Spektakel präsentiert, das sich noch heute sehen lassen kann, obwohl die Spezialeffekte vom Zahn der Zeit kräftig angenagt wirken. Sogar die Kritik war angetan, während sie Katastrophen-Filme üblicherweise gar nicht schätzte. An den Kassen spielte „Flammendes Inferno“ das Zehnfache der Produktionskosten ein.
_Autoren_
_Thomas Nicholas Scortia_ wurde am 29. August 1926 in Alton (US-Staat Illinois) geboren. Er studierte Chemie an der Washington University in St. Louis. Nach seinem Abschluss (1949) arbeitete Scortia für verschiedene Raumfahrt-Unternehmen.
Nach dem Ende der bemannten Mondfahrt (1972) wurden zahlreiche Angestellte ‚freigestellt‘. Scortia hatte bereits in den 1950er Jahren einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein Debüt war „The Prodigy“ in der Ausgabe März 1956 des Magazins „Science Fiction Adventures“. Um seinen Ruf besorgt, bediente sich Scortia der Pseudonyme Scott Nichols, Gerald MacDow und (möglicherweise) Arthur R Kurtz.
Nach einem ersten Roman, dem 1961 erschienenen Thriller („What Mad Oracle?“), begann Scortia nach 1970 eine Laufbahn als freier Schriftsteller. Dem Science-Fiction-Roman „Artery of Fire” folgte „The Glass Inferno” (dt. „Inferno“), geschrieben 1973 mit dem Science-Fiction-Autor Frank M. Robinson. Mit ihm arbeitete Scortia in den nächsten Jahren immer wieder zusammen.
„The Glass Inferno“ ebnete – nicht zuletzt durch die sehr erfolgreiche Verfilmung 1974 – Scortia den Weg zum Erfolg. Bis zu seinem frühen Tod erschienen regelmäßig weitere Thriller, die sich oft um aus technischem und menschlichem Versagen geborenen Katastrophen und Krisen drehten. Mitte der 1980er Jahre erkrankte Scortia an Leukämie, was möglicherweise die Folge einer allzu intensiven beruflichen Beschäftigung mit der nuklearen US-Waffentechnik war. Er starb am 29 April 1986 in La Verne, Kalifornien.
_Frank Malcolm Robinson_, geboren am 9 August 1926 in Chicago, Illinois, begann seine berufliche Laufbahn als Laufbursche für einen großen Verlag. 1944 wurde er eingezogen und zog mit der Navy in den II. Weltkrieg. Nach dem Ende seines Dienstes studierte Robinson Physik am Beloit College in Wisconsin. Da er nach seinem Abschluss 1950 keine Arbeit fand, kehrte er in den Militärdienst zurück. Dieses Mal diente er in Korea.
Zurück in den USA studierte Robinson Journalismus. Ab 1956 arbeitete er für ein populärwissenschaftliches Magazin, zwischen 1959 und 1973 für verschiedene Herren-Magazine und zuletzt für den „Playboy“, bevor er sich als freier Schriftsteller in San Francisco niederließ. Ab 1950 hatte er Kurzgeschichten und bereits 1956 den SF-Thriller „The Power“ (dt. „Die lautlose Macht“) veröffentlicht, der 1968 verfilmt wurde.
Zwischen 1974 und 1980 schrieb Robinson fünf Wissenschafts- bzw. Technik-Thriller mit Thomas N. Scortia (1926-1986). Nach Scortias Tod veröffentlichte Robinson nur wenige Romane. Er wandte sich in den 1990er Jahren wieder stärker der Kurzgeschichte zu. Sehr aktiv wurde er im sekundärwissenschaftlichen Bereich. Robinson veröffentlichte unzählige Essays u. a. Texte in SF- und Film-Magazinen. Zudem gilt er als ausgewiesener Kenner der „Pulp“-Magazine und hat mehrere reich illustrierte Bücher zum Thema veröffentlicht.
|Taschenbuch: 430 Seiten
Originaltitel: The Glass Inferno (New York: Doubleday & Company, 1974)
Übersetzung: Heinz Nagel
ISBN-13: 978-3-404-00423-2|
http://www.luebbe.de
Bruce Jansen ist der neue, frisch gewählte Präsident der USA. Doch am Tag des Wahlsiegs wird seine hochschwangere Frau kaltblütig erschossen. Sowohl Frau als auch ungeborenes Kind kommen bei dem Attentat ums Leben. Alles deutet auf Bud Curtis, Vater einer Mitarbeiterin Jansens, als Täter hin, und kurze Zeit später ist er zum Tode verurteilt.
Nach Wochen der Trauer nimmt Jansen schließlich sein Amt auf und trifft immer häufiger fragwürdige Entscheidungen, so dass innerhalb kürzester Zeit die gesamte USA in einen Ausnahmezustand versetzt wird. Niemand darf mehr öffentlich seine Meinung äußern, Radiosender werden ausgelöscht und Talkshows zensiert. Alles droht aus den Fugen zu geraten …
_Die |Inspektor-Wexford|-Romane von Ruth Rendell:_
01. |From Doon with Death| (1964, Alles Liebe vom Tod)
02. |A New Lease Of Death/The Sins of the Fathers| (1967; Mord ist ein schweres Erbe)
03. |Wolf To The Slaughter| (1967; Schweiß der Angst/Den Wolf auf die Schlachtbank)
04. |The Best Man to Die| (1969; Mord am Polterabend)
05. |A Guilty Thing Surprised| (1970; Der Liebe böser Engel)
06. |No More Dying Then| (1971; Schuld verjährt nicht)
07. |Murder Being Once Done| (1972; Die Tote im falschen Grab)
08. |Some Lie and Some Die| (1973; Phantom in Rot)
09. |Shake Hands For Ever| (1975; Der Kuss der Schlange)
10. |A Sleeping Live| (1978; Leben mit doppeltem Boden)
11. |Put on by Cunning/Death Notes| (1981, Durch Gewalt und List)
12. |The Speaker of Mandarin| (1983; Durch das Tor zum himmlischen Frieden)
13. |An Unkindness of Ravens| (1985; Die Grausamkeit der Raben)
14. |The Veiled One| (1988; Die Verschleierte)
15. |Kissing the Gunner‘s Daughter| (1992; Eine entwaffnende Frau)
16. |Simisola| (1994; Die Besucherin)
17. |Road Rage| (1997; [Wer Zwietracht sät 1771 )
18. |Harm Done| (1999; [Das Verderben 2918 )
19. |The Babes in the Wood| (2002; [Dunkle Wasser 340 )
20. |End in Tears| (2002; Ein Ende mit Tränen)
21. |Not in the Flesh| (2007; Der vergessene Tote)
22. |Monster in the Box| (2009)
23. |The Vault| (2011)
_Das geschieht:_
Eigentlich sucht der alte Jim Belbury auf Old Grimble’s Field bei Flagford nach Trüffel-Pilzen, die auch in der englischen Grafschaft Sussex gedeihen. Stattdessen gräbt Hündin Honey eine knöcherne Totenhand aus der Erde. Die alarmierte Polizei birgt später das vollständige Skelett eines Mannes, der hier vor mindestens zehn Jahren verscharrt wurde.
Da dies heimlich und damit sicherlich in verbrecherischer Absicht geschah, werden Ermittlungen in Gang gesetzt. Zuständig ist die Kriminalpolizei von Kingsmarkham, wo der Fall an Inspektor Wexford geht. Die Nachbarn und der Eigentümer des Grundstücks werden befragt. John Grimble ist ein schwieriger Zeuge, der mit allen Behörden über Kreuz liegt, seit ihm untersagt wurde, auf Old Grimble’s Field Mietshäuser zu errichten. Vor elf Jahren hatte er in Erwartung der Baugenehmigung einen Abwassergraben anlegen lassen, der wieder zugeschüttet werden musste – eine Gelegenheit, die der unbekannte Mörder nutzte, um sein Opfer loszuwerden.
Auf dem Grundstück steht noch der Bungalow, den einst Grimbles Vater bewohnte. Der Sohn wollte ihn für die Neubauten abreißen. Da sich dieser Plan zerschlug, ließ er das Haus leer stehen und verrotten. Als die Polizei die Ruine routinemäßig durchsucht, entdeckt man im Kohlenkeller ein weiteres Skelett. Dieser Mann kam vor acht Jahren ums Leben, wie forensisch festgestellt werden kann.
Die Vermutung liegt nahe, dass zwischen den Knochenfunden ein Zusammenhang besteht. Allerdings bereitet es nach so vielen Jahren große Schwierigkeit, die Leichen zu identifizieren. Die Nachbarn verschanzen sich hinter kollektivem Unwissen, doch Wexford und seine ebenso kundig wie geduldig ermittelnden Kollegen stoßen auf diverse Lücken in diversen Alibis. Hier lässt sich ansetzen, bis Stück für Stück ein Verbrechen ans Licht kommt, wie es so komplex und bizarr nur das wahre Leben schreiben kann …
_Bekannte Qualitäten_
Wenn eine 76-jährige Autorin ihren 59. Thriller veröffentlicht, der gleichzeitig der 21. Band einer Serie ist, die 964 gestartet wurde, darf sich der Leser vor allem auf eines einstellen: Routine. „Der vergessene Tote“ bietet genau das, wenn man „Routine“ als „in jahrzehntelanger Erfahrung gereiftes Handwerk“ definieren möchte. Natürlich wohnt dem Wort eine weitere, weniger positive Bedeutung inne, die auf eine allzu großzügige Anwendung generell bekannter, oft verwendeter und nur variierter Plots und Figurenzeichnungen zielt. Auch das trifft auf „Der vergessene Tote“ zu, wie selbst der enthusiastische Fan der Wexford-Romane von Ruth Rendell zugeben muss.
Beginnen wir mit dem Erfreulichen: „Der vergessene Tote“ ist ein moderner Kriminalroman der alten englischen Schule. Darin liegt kein Widerspruch, setzt man die „alte Schule“ mit jener Sorgfalt gleich, die angelsächsische Krimi-Meister beiderlei Geschlechts seit vielen Jahren in ein Genre investieren, das von der hehren Literaturkritik lange und zum Teil noch heute als schnöde Unterhaltung abqualifiziert wird – was selbst dann Unrecht wäre, träfe es zu.
Verbrechen – Ermittlungsstart – Irrtum und Sackgasse – Einkreisung des Täters – logische aber überraschende Auflösung: Die Eckpfeiler des „Whodunit“ stehen fest in diesem Roman, der darüber hinaus in der unmittelbaren Gegenwart wurzelt und sich keineswegs in jene welt- bzw. alltagsabgeschiedenen Winkel zurückzieht, in denen sich der Rätselkrimi gern ansiedelt. Kingsmarkham mag eine fiktive Stadt sein, doch die geschilderten Probleme spiegeln die gegenwärtige Realität sehr wohl wider.
|Kriminalistisches Treiben jenseits der Mode|
Der Plot ist angemessen verzwickt aber nicht überkonstruiert. Gleich zwei Skelette unterschiedlichen Ablagealters werden entdeckt. Die vom Krimi lesenden Publikum erwartete Spannung resultiert u. a. aus der Frage, ob und in welchem Zusammenhang diese beiden Leichen stehen. Rendell biegt für den gewünschten Effekt die Gesetze der Wahrscheinlichkeit ein wenig zurecht, was indes höchstens den Puristen stören wird, für den glasklare (Krimi-) Logik das Maß aller Dinge ist.
Die gibt es hier nicht, und sie wird auch nicht vermisst, denn Rendell hat die Handlung so gut im Griff, dass logische Brüche und Schlampigkeiten im Detail – wieso kann ein Hund ausbuddeln, was vor Jahren mehr als metertief begraben wurde? – zur Kenntnis aber nicht übelgenommen werden. Außerdem liebt die Realität manchmal obskure Zufälle, die aufzugreifen sich mancher Schriftsteller nicht trauen würde.
Das Tempo ist gemächlich, denn die Ermittlungen werden von Profis durchgeführt, die ihren Job verstehen. In Kingsmarkham ist der Revieralltag nicht von Mobbing und Konkurrenzkämpfen gekennzeichnet, ohne die der moderne britische Polizei-Thriller kaum mehr auszukommen scheint. Zwar gibt es Konflikte, doch letztlich ziehen alle im Dienst der Sache – die hier altmodische Gerechtigkeit heißt – an einem Strang.
|Wiedersehen mit alten Bekannten|
Was moderne kriminalistische Techniken betrifft, bleibt Rendell eher vage. Ihre Krimis kommen ohne CSI-Wunder aus. Computer werden erwähnt, Handys genutzt, aber generell bleibt dieser Teil des Polizeiapparates im Hintergrund. Ermittelt wird noch vor Ort und mit sehr viel Fußarbeit. Rendell kann sich hier geschickt auf ihre Hauptfigur berufen: Wexford ist ein Veteran, der die Hightech akzeptiert, sie aber nicht selbst bedient. Einerseits muss er das aufgrund seines inzwischen erreichten Ranges nicht, andererseits will und kann er es im fortgeschrittenen Lebens- und Dienstalter nicht mehr. Dies passt zu ihm, denn Wexford ist ein Kriminalist, der Fakten nicht digital zusammenpuzzeln lässt, sondern sie analog im eigenen Schädel wälzt, bis sie sich zu einem Mosaik fügen, das die Tatgeschichte widerspiegelt.
Inzwischen haben Rendells Leser Wexfords Leben beruflich wie privat mehr als vier Jahrzehnte verfolgt. Der Inspektor ist älter geworden, aber er altert nicht in realen Jahren. Beliebte Nebenfiguren wie der Kollege und Freund Michael Burden treten auf, selbstverständlich sind auch Gattin Dora und der Rest der Familie wieder mit an Bord. Frühere Wexford-Krimis werden angesprochen; es hat sich über die Jahre eine Chronik entwickelt, die nicht nur die Familie Wexford, sondern auch die Stadt Kingsmarkham erfasst. Sie hat sich seit 1964 stark verändert, was das kriminelle Milieu ausdrücklich einschließt.
Schon früh wurden Wexford und seine Familie zu Schnittpunkten, an denen Rendell krimiferne Elemente knüpfen konnte. Der Polizist ist immer auch Mensch, und die Berücksichtigung dieses Aspekts ist im Krimi der Jetztzeit eine Selbstverständlichkeit – leider, muss man oft sagen, da die Grenze zwischen vertiefter Charakterisierung und Seifenoper schmal bzw. schmierig ist. Zwar begeht Rendell nicht den Fehler, den Krimi zum Beziehungsdrama mit schmückendem Krimi-Beiwerk herunterkommen zu lassen und ihre Werke dabei immer weiter aufzublähen – der Elizabeth-George-Faktor -, doch sie ist nicht immun gegen die Verlockung, ihre beliebten Krimis als Plattform für Botschaften zu nutzen, die ihr jenseits der Krimispannung wichtig sind.
|Politisch korrekt & mit Botschaft|
Noch als ironische Übertreibung könnte man den Eifer werten, mit der einige Rendell-Figuren sich in politisch korrektem Gutmenschentum förmlich aufreiben. Vor allem Detective Sergeant Hannah Goldsmith überschreitet mit ihrem unkontrollierbar gegen Chauvinisten und Umweltverschmutzer gerichteten Beißreflex die Grenze zur Lächerlichkeit. Allerdings gehört Rendell einer Frauengeneration an, die sich ihre Rechte buchstäblich erkämpfen musste und deshalb weiterhin wachsam mit dem Gewehr bei Fuß bereitsteht.
Zur Predigt entartet Rendell ein Subplot, der mit dem eigentlichen Kriminalfall nichts zu tun hat: Wexford und eine Gruppe ähnlich gesonnener Aktivisten bemühen sich, ein somalisches Mädchen vor der traditionellen Beschneidung zu retten. Zwar ist dieser barbarische Akt nicht nur in England gesetzlich verboten, doch er wird heimlich und notfalls im Rahmen eines Auslands-‚Urlaubs‘ vollzogen. Das Problem wird gern verdrängt, da die Beschneidung zu jenen undankbaren Themen gehört, mit denen man sich politisch nur in die Nesseln setzen kann. Rendell bezieht Stellung, doch ein Kriminalroman ist dafür der falsche Ort, wenn dies so didaktisch, mit betroffen erhobenem Zeigefinger und im Stil einer staatlichen Aufklärungsbroschüre vermittelt bzw. der Geschichte aufgeladen wird.
Die Wexford-Serie wird diesen unnötigen, selbst verursachten Tiefschlag überstehen. Schon die früheren 20 Bände waren nicht durchweg gelungen. Immer kam jedoch ein neuer Krimi, der den Leser wieder versöhnte. Auch dieses Mal kann man darauf hoffen, denn Rendell ist keineswegs im Ruhestand: Nach „Der vergessene Tote“ erschienen bereits zwei weitere Wexford-Krimis – eine erfreuliche Information.
_Autorin_
Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Sie arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie sich als Schriftstellerei selbstständig machte. Hier schreibt sie als Ruth Rendell die seit vier Jahrzehnten bei Kritik und Publikum ungemein beliebten Inspektor-Wexford-Romane. Unter dem Pseudonym „Barbara Vine“ verfasst Rendell serienungebundene Bücher, die weg vom klassischen Krimi eher psychologisch die menschlichen Abgründe ausloten.
Rendell hat bisher mehr als fünfzig Romane sowie unzählige Kurzgeschichten vorgelegt. Ihr erstaunliches Arbeitstempo geht mit einer bemerkenswerten Niveaustabilität einher. Nicht nur Verlage und Medien feiern sie deshalb als „Königin der Kriminalliteratur“. Auch ihre Kolleginnen und Kollegen zollen ihr Anerkennung: Allein drei Mal wurde Rendell mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet. Königin Elizabeth II., die auch einen guten Krimi schätzt, hat sie in den Adelsstand erhoben. Dame Ruth Rendell lebt und arbeitet in London.
|Taschenbuch: 348 Seiten
Originaltitel: Not in the Flesh (London : Hutchinson 2007)
Übersetzung: Eva L. Wahser
ISBN-13: 978-3-442-37979-8|
http://www.randhomhouse.de/blanvalet
_Ruth Rendell bei |Buchwurm.info|:_
[„Unschuld des Wassers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6442
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