Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Simms, Chris – Panther, Der

_Das geschieht:_

Detective Inspector Jon Spicer von der Greater Manchester Police bearbeitet aktuell den Fall eines anonymen Notrufs, der eine blutige Schlägerei auf einem Parkplatz meldete. Die eintreffende Streife fand viel Blut aber kein Opfer. Spicer kann trotzdem einen der Beteiligten ermitteln. Derek Peterson ist allerdings wenig mitteilsam. Der wegen Kindsmissbrauch aktenkundige Mann hatte auf dem Parkplatz nach Sexpartnern Ausschau gehalten, als er verprügelt wurde.

Dass Peterson nicht die ganze Wahrheit sagt, will ihm Spicer zunächst durchgehen lassen. Am nächsten Tag ist Peterson tot: Mit zerfleischtem Oberkörper und herausgerissener Kehle liegt er auf einem anderen Parkplatz unweit des stadtnahen Moors. Kurze Zeit zuvor hatte man die Farmersfrau Rose Sutton nur wenige Kilometer entfernt ebenso zugerichtet gefunden.

Die Medien horchen auf: Seit jeher werden im weiten, unwegsamen Moor große Raubkatzen gesichtet. Sicher feststellen konnte man sie dort freilich nie. Doch Haare in den Wunden der Leichen lassen sich einem Panther zuordnen. In den Zoos der Umgebung vermisst niemand ein Tier. Spicer glaubt ohnehin an einen Mörder, der eine falsche Spur legen will.

Diese Rechnung könnte aufgehen, denn schnell beginnt sich Panik auszubreiten. Spicer gerät immer stärker unter den Druck nervöser Vorgesetzter und ungeduldiger Reporter. Zusätzlich lenken private Probleme ihn ab: Die gerade geborene Tochter raubt ihm den Nachtschlaf, und Gattin Alice scheint unter Depressionen zu leiden. Der Fall droht dem überforderten Spicer die letzten Kräfte zu rauben. Als der ‚Panther‘ wieder zuschlägt und kurz darauf der endlich ermittelte Hauptverdächtige tot aufgefunden wird, kann Spicer nicht mehr …

_Englischer Krimi von glücklicherweise hoher Stange_

Keine Sorge, er fängt sich bald wieder, wobei die Einmischung eines besonders verhassten Vorgesetzten den dringend erforderlichen Energieschub bringt. Zudem gehört der Ärger mit dem Boss, der unterstützen müsste aber stattdessen mobbt & mauert, zur unbedingten Dreiheit des modernen englischen Kriminalromans. Zu dem zählt „Der Panther“ nicht nur, sondern in dem scheint er spurlos aufzugehen: Selten findet man einen Krimi, der so deckungsgleich jede Genrevorgabe erfüllt. Da erstaunt es zunächst umso mehr, dass „Der Panther“ trotz des gänzlich fehlenden Faktors „Originalität“ gut unterhält: Solides Handwerk kann ein sprühendes Ideenfeuerwerk durchaus ersetzen.

Um das oben angerissene Thema abzuschließen: Die übrigen Elemente der erwähnten Dreiheit sind natürlich „der Fall“ – das Verbrechen an sich – und das Privatleben der Hauptfigur, das Simms vorschriftsmäßig chaotisch schildert. Der Säugling schreit, die Gattin verhält sich wunderlich, die hübsche Kollegin gurrt, der lästige Hund soll aus dem Haus, und Oma hat die Nase voll vom Babysitten: Kein Mainstream-Krimi geht heute mehr ohne Seifenoper; Schaumschläger wie Elizabeth George füllen damit mindestens die Hälfte ihrer ziegelsteindicken Bestseller-Schwarten.

Auch „Der Panther“ ist deutlich seitenstärker als nötig geraten. Umfang und Handlung stehen in keinem ausgewogenen Verhältnis zum Plot, obwohl Simms es nicht ausufern lässt: Sein Roman ist immer noch mehr Krimi als Ausschnitt aus der Lebens- und Leidensgeschichte eines englischen Polizisten.

|Katzenspuk in nebliger Landschaft|

Es beginnt trügerisch als langweilige Routine. Detective Inspector Spicer untersucht eine Schlägerei. Das Schicksal und Chris Simms wollen es, dass binnen kurzer Zeit ein Panther umgeht, die Zahl der Leichen sprunghaft wächst und die Spuren bis ins Afrika der 1950er Jahre zurückreichen: Arthur Conan Doyle trifft Henning Mankell, könnte man es beschreiben, nur dass Chris Simms nicht in dieser Liga schreibt.

Der um den Panther kreisende Handlungsstrang erzählt eindeutig die bessere Geschichte. Simms lebt in Manchester; er kennt die Stadt und ihr Umland sowie ihre Bewohner. Auf seiner hochprofessionellen Website gewährt der Autor einen bestätigenden Blick hinter die Kulissen seines Romans.

Wir erfahren dort außerdem, dass Einheimische und Touristen seit vielen Jahren und vorzugsweise in der Dämmerung Panther, Pumas u. a. Großkatzen durch das Moor schleichen sehen. Die Landschaft begünstigt solche Sichtungen. Große Teile der Grafschaft Greater Manchester gehören zum Peak-District-Nationalpark, der sich über weite Teile Mittel- und Nordenglands und über mehrere Grafschaften erstreckt. Die Landschaft wird durch unwirtliche, menschenleere Hochmoore gekennzeichnet, in denen sich sicherlich auch Elefanten verstecken könnten, wenn es den englischen Winter nicht gäbe. Jedenfalls wurde noch niemals eine der ‚entdeckten‘ Raubkatzen nachgewiesen, was Krypto-Zoologen, UFO-Gläubige und (andere) Spinner nicht davon abhält, an ihre Existenz zu glauben. Das Internet birst vor einschlägigen Websites, die vor allem als gruseliger Einblick in die verbohrte Wirrköpfigkeit erschreckend zahlreicher Zeitgenossen taugen.

|Ein Instrument der Rache|

Auf seinem zweiten Standbein ruht Simms Garn ein wenig wackeliger. Um dem Plot zur dem Umfang angemessenen Intensität zu verhelfen, greift der Autor räumlich und zeitlich weit aus. Was er dabei mit den Fingerspitzen erwischt, rutscht ihm ein wenig aus der Schreibhand. Was genau damit kritisiert wird, soll und darf hier nicht konkretisiert werden, um dem Leser die Auflösung der Geschichte fair vorzuenthalten. Angedeutet sei hier der Rückgriff auf ein Kapitel der Vergangenheit, das Simms zum Zeitpunkt der Niederschrift stark beschäftigt hat. Dass es nicht gut ins Gefüge dieses Krimis passt, konnte oder wollte er nicht einsehen. Er zog sogar noch eine weitere Subtext-Ebene ein: Zwischen den alten Gräueln, die seinen Mörder zu seinen Taten bringen, schlägt Simms einen Bogen zu jenen Folter-Skandalen, mit denen die US-Armee im Irak 2006 und damit zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Romans unrühmlich von sich reden machte.

Dieses Anliegen – verstärkt durch lange historische Rückblenden – bekommt dem Roman schlecht, da es ihm sichtlich aufgepfropft wird, statt in die Handlung einzufließen. Simms scheut nicht einmal vor einem märchenhaften Epilog zurück, in dem das ‚Erbe‘ des Mörders – der auch als Historiker beachtliche Qualitäten bewies – zur Veröffentlichung vorbereitet und der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen wird. Es wäre hilfreicher gewesen, der Handlung ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So wird im Laufe des Geschehens tatsächlich ein Panther im Moor geschossen, wodurch die Gefahr gebannt zu sein scheint. Simms möchte möglicherweise einer Szene aus „Der weiße Hai“ seine Referenz erweisen. Leider ‚vergisst‘ er uns darüber in Kenntnis zu setzen, woher dieses Tier eigentlich gekommen ist; dieser Referent hat jedenfalls trotz intensiven Suchens keine entsprechende Info entdeckt.

Es ist wie gesagt das Handwerk, mit dem Simms nicht nur den Karren aus dem Dreck, sondern auch die Aufmerksamkeit seiner Leser auf sich zieht. Er |kann| schreiben, er hat einen Sinn für Humor, den er deutlich feiner dosiert als beispielsweise Ian Rankin oder gar Stuart MacBride und er zeichnet gut Figuren. Auf diese Weise schafft man keine Klassiker aber Unterhaltung, was keineswegs als Negativkritik gemeint ist.

_Autor_

Chris Simms wurde 1969 in Horsham, einer unweit Londons gelegenen Kleinstadt in West Sussex, geboren. Er studierte an der Newcastle University, gönnte sich nach dem Abschluss eine Weltreise und siedelte sich 1994 in Manchester an. Er arbeitet freiberuflich für Werbeagenturen.

„Outside the White Lines“, ein erster Kriminalroman, wurde 2003 veröffentlicht und erhielt gute Kritiken. Mit „Killing the Beasts“ (dt. „Das siebte Opfer“) erschien zwei Jahre später der erste Band einer Serie um Detective Inspector Jon Spicer von der Greater Manchester Police. Vom „Shots Magazine“ wurde dieses Buch als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet.

|Taschenbuch: 509 Seiten
Originaltitel: Savage Moon (London: Orion 2007)
Übersetzung: Silvia Visintini
ISBN-13: 978-3-426-50487-1
Als eBook: August 2011 (Knaur eBook)
ISBN-13: 978-3-426-40970-1|
http://www.chrissimms.info
http://www.knaur.de

Schüller, Martin – TATORT: Moltke

_Duisburg: Moltke_

_Zur Story_

Es weihnachtet in Duisburg und während Thanner sich schon darauf freut seine neue Flamme Simone festlich zu bekochen und von „savoir vivre“ salbadert, ist Kollege Horst Schimanski von dem ganzen Trubel ziemlich angenervt. Als die beiden mit Thanners Einkäufen vollgepackt zu ihrem Dienstwagen kommen, erwartet sie im Kofferraum eine Überraschung. Immobilien-Mogul Gress liegt dort als hübsch verschnürtes Weihnachtspaket darin – ausgeknockt aber lebendig – zusammen mit einer Pulle Wodka. Schimanski weiß sofort, dass dies eine Botschaft für ihn ist. Der Wink mit dem Zaunpfahl stammt vom Polen Zbigniew Pawlak, genannt „Moltke“. Der ist offenbar inzwischen aus dem Knast raus. Dort war er vor zehn Jahren nach einem schweren Raubüberfall gelandet, bei dem einer ihrer Komplizen seinen verwundeten Bruder Bruno während der Flucht förmlich hinrichtete.

Moltke wurde als einziger der insgesamt vier Täter geschnappt – von Schimanski. Zwei davon sind demnach also immer noch auf freiem Fuß und freuten sich über die 1,5 Millionen Mark Beute, die mit ihnen verschwand. Bis jetzt. Gress war wohl einer davon, doch leugnet er die Beteiligung am Überfall natürlich vehement. Schimanski rollt seinen alten Fall von 1978 wieder auf, um endlich einen Schlusspunkt darunter zu setzen und Moltkes Rachefeldzug zu beenden, bevor der sich den anderen Komplizen – und Mörder seines Bruders – auch noch krallt. Gress wurde inzwischen nämlich ermordet aufgefunden, doch ist Schimmi nicht von der Täterschaft des im Prinzip sanftmütigen Polen überzeugt. Im Gegensatz zu Thanner, für den ist der Fall glasklar. Er möchte sich zudem gerne profilieren, da er eine leitende Position im Rauschgiftdezernat angeboten bekommen hat.

_Eindrücke_

Die Umsetzung eines solch kultigen Falles, noch dazu einen mit Schimanski und Thanner, war für Martin Schüller sicher nicht ganz leicht. Immerhin lebt(e) der Duisburger TATORT ganz stark von Goetz George als Darsteller des stets etwas schmuddelig wirkenden Hauptkommissars mit dem Herz am rechten Fleck. Erschwerend kommt hinzu, dass die dazugehörige Kulisse schon 24 Jahre zurückliegt – Erstausstrahlung war immerhin 1988, wo dementsprechend auch die Handlung spielt. Das nostalgische Flair der späten Achtziger einzufangen und authentisch in einen erst 2010 entstandenen Roman zu packen, ist ihm aber recht gut gelungen. Schimmis schnoddrige Ruhrie-Schnauze und Thanners dazu kontrastierenden Spießeranwandlungen, sowie eine ordentliche Portion Lokalkolorit, lesen sich amüsant, können aber den audiovisuellen Eindruck der TV-Vorlage nicht erreichen, trotz dem, dass „Moltke“ beinahe 1:1 dem Drehbuch entspricht.

Dabei wurden selbstverständlich einige Anpassungen fällig, da das Storytelling in beiden Medien naturgemäß grundverschieden ausfällt. Die novellisierte Version muss oft Gefühlsregungen und Gedanken der Figuren in Worte kleiden und das lässt de facto meist weniger Interpretationsspielraum für das Publikum, als Mimik und Gestik des jeweiligen Schauspielers. Damit begibt sich jemand, der ein Drehbuch zum Roman aufbohrt, immer auch auf einen schmalen Grat, unter Umständen zu viel zu verraten. Vor allem bei einem Krimi besteht eine nicht unbeträchtliche Gefahr das ganze Ding so zu spoilern, dass die Spannung letztlich lange vor dem Showdown flöten geht. Das ist hier dankenswerterweise nicht so. Der Plot an sich ist schon so konzipiert, dass bis zum Schluss nicht klar ist, wer nun eigentlich der Vierte im Bunde der Bankräuber war. Doch auch als das offenbart wird, ist die Sache noch nicht (ganz) durch.

_Fazit_

Schimmi in Romanform – kann das klappen? Ja, es kann. Allerdings fehlt schon ein wenig etwas, wiewohl das Kopfkino so manches ausbügelt, zumindest, wenn man die damaligen TV-Vorlage(n) kennt. Nicht-TATORTler dürften die Figurenzeichnung hingegen vielleicht etwas flach finden, wobei auch das Original damals schon ziemlich arg im (Ruhrpott-)Klischee wühlte. Aber davon ab: Dieser Personenkreis wird sich sicher eher zufällig zur Lektüre einfinden. Alles in allem bringt Martin Schüller auch diese, diesmal nostalgisch angehauchte, TATORT-Umsetzung (er adaptierte für die Buchreihe bislang bereits die Kölner, Münsteraner und sogar einen Fall des bayerischen Ermittlerteams) routiniert unter Dach und Fach. „Moltke“ ist zwar nun nicht der kriminalistische Kracher, doch durchaus eine der besseren Episoden – sei es als TV-Fassung oder wie hier in Schriftform. Daumen hoch.

|Taschenbuch, 154 Seiten
Von Martin Schüller
Nach einem Drehbuch von Axel Götz, Jan Hinter und Thomas Wesskamp
Emons-Verlag, Mai 2010
ISBN 978-3-89705-734-0|
[www.emons-verlag.de]http://www.emons-verlag.de

_Der TATORT bei |Buchwurm.info|_

[40 Jahre TATORT – Das Lexikon]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7281
[Köln: Die Blume des Bösen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6803
[München: A gmahde Wiesn]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6804
[Saarbrücken: Aus der Traum]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6547
[Berlin: Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[Kiel: Borowski und die einsamen Herzen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7105
[Hannover: Erntedank]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7000
[München: Starkbier]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7149
[Bremen: Strahlende Zukunft]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956
[Münster: Tempelräuber]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6549
[Leipzig: Todesstrafe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[Köln: Das Phantom]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7655
[Münster: Das ewig Böse]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7682

Ed McBain – Heißer Sonntagmorgen

Auf dem Weg zu einem Mord erlebt eine Jugendgang, wie ihr kriminelles Idol in eine Polizeifalle gerät; aus der Festnahme wird ein öffentliches Spektakel, das unterdrückten Volkszorn und tödliche Gegenattacken auslöst … – Das spannende Geschehen gleicht einer bedrückend reibungslos arbeitenden Maschine, die durch rassistische Vorurteile angetrieben wird und mit hoher Produktionsrate neue Gewalt erzeugt: ein manchmal didaktisch wirkender aber weiterhin eindrucksvoller Kriminalroman.
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Rönkä, Matti – Bruderland (Viktor Kärppä 2)

_|Viktor Kärppä|:_

Band 1: [„Der Grenzgänger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7978
Band 2: _“Bruderland“_
Band 3: [„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
Band 4: [„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955

_Das Wiesel mausert sich zum Chefdiplomaten zwischen den Fronten_

Viktor Kärppä hat sein Auskommen: Er lebt von seinem kleinen Autobahnkiosk, geringfügigen Schiebereien und dann und wann sogar versteuerten Gelegenheitsjobs. Doch der launische Polizist Korhonen reißt ihn aus seiner Idylle heraus. Erneut ist ein Jugendlicher in Helsinki an verunreinigtem Heroin gestorben und Viktor soll herausfinden, wer das gefährliche Rauschgift nach Finnland schmuggelt. Widerstrebend und auf seine sehr eigenwillige Art macht er sich an die neue Aufgabe und gerät bald einmal mehr zwischen die Grenzen von legal und illegal, Polizei und Mafia, Finnland und Russland, Bruderhass und Familienzusammenhalt. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönka lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Für seinen ersten Roman „Der Grenzgänger“ wurde Rönkä sowohl mit dem „Deutschen Krimipreis 2008“ als auch mit dem finnischen Krimipreis 2006 ausgezeichnet. Der Autor erhielt außerdem den Nordischen Krimipreis 2007.

_Hintergrundinformationen _

Folgendes Wissenwertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornojewitsch / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im 2. Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten Papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Nach seinen Abenteuern in „Der Grenzgänger“ rackert Viktor wieder auf dem Bau, macht aber für Kumpel Karpow auch halblegale Sachen. Viktors Freundin Marja weil in den USA zu einem Studienaufenthalt, und sie finden beim Mailen heraus, dass sie einander fehlen. Als Brüderchen Alexej nach dem Tod der Mutter endlich eine Genehmigung zur Auswanderung bekommt, will auch der Neuzugang untergebracht und mit Arbeit versorgt sein. Der ehemalige Ingenieur wird erst einmal in einer Werkstatt eingestellt und erweist sich dort als Verkaufsgenie für Motoröl.

Alles scheint in Butter zu sein, als Teppo Korhonen von der Kripo auftaucht und Viktor ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Wieder ist ein finnischer Junge an schlechtem Heroin verreckt, nun werden andere Saiten aufgezogen. Und da Viktor sowieso Korhonen noch einen Gefallen schuldig sei, könne er gleich mal anfangen, nach dem Importeur dieses Teufelszeugs Ausschau zu halten. Und wehe, es sind die Russen! Dann könne sich Viktor schon bald auf ein Donnerwetter gefasst machen. Viktor glaubt nicht, dass Alexej etwas damit zu tun hat. Oder doch?

Doch die Finnen sind nicht die Einzigen, die den Heroinimporteur suchen. Weil sowas die internationalen Beziehungen beschädigen könnte, sucht die Petersburger Unterwelt selbst nach den Konkurrenten in Helsinki. Viktor freut sich wenig über das Wiedersehen mit einem ehemaligen Kollegen aus der Spezialtruppen-Ausbildung in der alten Sowjetunion. Und Nazarjan ist begleitet von einem „Kühlschrank“ namens Gerasimow, der ebenso kalte Augen aufweist – ein Killer, wie er im Buch steht.

Da kommt auch ein Wiesel wie Viktor ins Frösteln. Er ruft bei Onkel Oleg in Petersburg an; wenige Tage später erhält er eine Einladung ins Allerheiligste der Petersburger Unterwelt. Dort schmiedet man große Pläne für die Zukunft Russland, und wolle Viktor dabei nicht in verantwortungsvoller Position mitmachen? Viktor konzentriert sich lieber auf das Naheliegende, nämlich auf die Suche nach dem Heroinimporteur. Als ein ihm vertrauter Name genannt wird, läuft es ihm eiskalt über den Rücken: Es ist ein guter Freund.

Doch als sich Viktor aufmacht, den Freund vor den Killern der Petersburger Mafia zu schützen, stellt er sich zwischen alle Fronten …

_Mein Eindruck_

Was sich schon im Debütroman „Der Grenzgänger“ angedeutet hat, wird in „Bruderland“ zur Spezialität ausgebaut: ein ehemaliger Russe, der aber eigentlich Finne ist (s. o.) wird zur Schachfigur, die sich im Spannungsfeld von Fremdenhass, Integration und biografischen Altlasten zu behaupten versucht. Mit der Finnin Marja hat Viktor die Chance, die Integration zu schaffen – obwohl Marjas Familie auch schön eigenwillig ist.

Vorbei ist es nun mit den literarischen Vorbildern Dashiell Hammett und Raymond Chandler, denn der Autor hat nun seinen eigenen Weg gefunden. Alle folgenden Krimis (siehe meine Berichte) passen in das oben gezeichnete Muster, das der Autor auf vielfältige Weise zu variieren weiß. Es eignet sich, um diverse soziale Brennpunkte kritisch ins Auge zu fassen. In „Bruderland“ sind es Heroinimporte, in „Grenzgänger“ waren es Produktfälschungen, Schmuggel und Menschenhandel.

Während der wie stets völlig durchgeknallte Kommissar Korhonen unserem helden das Leben schwer macht, kann er swich eines leisen Misstrauens gegen den eigenen Bruder nicht erwehren. Denn Alexej pflegt zwielichtigen Umgang mit Leuten, die selbst schwerbewaffnet auf eine feuchtfröhliche Feier gehen. In einer kritischen Situation bereinigt Viktors beherztes Eingreifen die Lage – und zugleich lernt er eine attraktive Frau mit dem verlockenden Namen Helena kennen. Es dauert aber nur Monate, bis die zu ihrem Ex zurückfindet, der Viktor als „Russen-Romeo“ abqualifiziert.

Ganz allmählich dreht der Autor den Spannungshahn auf. Zu den besten Sequenzen des Romans gehört zweifellos der Besuch in St. Petersburg. Viktor hat einige Zeit hier verbracht. Doch so prächtig die Bauten der Stadt an der Newa sind, die immerhin Putin und Medwedjew hervorgebracht hat, so zwielichtig sind die noblen Vertreter der Petersburger Unterwelt. Sie wollen ein neues Russland aufbauen, und ihr Sprecher weist ein Kleine-Jungen-Gesicht auf, das nicht allzu entfernte Ähnlichkeit mit dem des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin aufweist. Man kann sich leicht ausmalen, in wessen Taschen die künftigen Reichtümer Russlands fließen sollen. Ohne Viktor!

Natürlich muss auch die eigentliche kriminalistische Handlung zu ihrem Finale finden. Ich darf verraten, dass der Autor einige explosive Momente bzw. Effekte aufzubieten weiß. Klare Botschaft: Es herrscht Krieg in Helsinkis Straßen. Doch wer der eigentliche Heroinimporteur ist, den Korhonen sucht, wird dabei eher Nebensache. Mehr darf nicht verraten werden, aber auch diese Identität dient dem Autor zu belegen, dass Finnland in Gefahr ist: von innen wie von außen. Die Frage ist, ob Leute wie Viktor Kärppä geeignet sind, diese Gefahren abzuwenden.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin legt ein großes Gespür für die korrekte Wortwahl an den Tag, so dass der deutsche Stil meist ganz natürlich klingt, ganz besonders auf der Ebene der Umgangssprache. Stilistische und semantische Schnitzer wie in „Grenzgänger“ habe ich mir keine notiert. Aber es ist nicht einfach für den deutschen Leser, finnischen Sprachwitz nachzuvollziehen. Warum ist es beispielsweise lustig, dass Korhonen den Spitznamen „Teppo“ erhält, obwohl er korrekt „Terho“ heißt? Ein Glossar oder Fußnoten wären hilfreich gewesen.

_Unterm Strich_

Ich habe den gesamten Roman auf nur zwei Bahnreisen gelesen. Die Seiten lesen sich quasi wie von selbst, denn entweder sind die Szenen spannend oder schön schräg – was in Finnland ja recht einfach ist. Der Autor kennt seine Landsleute bestens und weiß ihre Eigenarten – in jedem Haus gibt es mindestens eine Sauna – durchaus amüsant zu würdigen. Ein oder zwei ordentliche Showdowns bilden schließlich das actionmäßige Sahnehäubchen, das den Leser zufrieden zurücklässt.

Diesen Krimi sollte man nicht unbedingt als ersten Kärppä-Roman lesen, denn sein Inhalt bildet nur eine (die zweite) Station in der chronologisch weiterentwickelten Biografie der Hauptfigur. Viktors Leben mit Marja, aber auch mit Alexej wird in den Folgeromanen enger, leider auch seine Bekanntschaft mit den Spionen in der russischen Botschaft zu Helsinki.

Weil eine ganze Reihe von Nebenschauplätzen eine Rolle spielen, könnten Zweifel aufkommen, ob es sich überhaupt um einen Krimi handelt. Aber die Form des Krimis hat sich in ihrer Tradition gewandelt, vor allem seit den Krimis von Sjöwall/Wahlöö um den schwedischen Kommissar Beck. Nun werden auch sozialpsychologische Missstände für würdig befunden, untersucht zu werden, und was könnte dafür eine bessere Bühne abgeben als ein klassischer Culture Clash? Finnen, Russen und drittens Leute wie Viktor, die irgendwo dazwischen stehen – hier trifft West- auf Osteuropa.

|Taschenbuch: 222 Seiten
Originaltitel: Hyvä veli, paha veli (2003)
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3894255633|
http://www.grafit.de

Abrahams, Peter – Verblendet

_Das geschieht:_

Bildhauer Roy Valois lebt und arbeitet abgeschieden aber inzwischen berühmt und wohlhabend geworden in Ethan Valley, einem Städtchen im US-Staat Vermont. Als bei ihm eine fortgeschrittene Lungenkrebserkrankung festgestellt wird, beginnt Valois sein Leben neu zu ordnen. Außerdem plagt ihn die Neugier: Wie wird die Nachwelt über ihn denken? Mit ein wenig Unterstützung bricht er in die Datenbank einer großen Zeitung ein, um seinen eigenen Nachruf zu lesen, der dort für den Fall der Fälle auf seinen Abruf wartet.

Valois ist zufrieden, doch ein Fehler stört ihn: Delia, seine immer noch geliebte, vor 15 Jahren bei einem Helikopter-Absturz in Venezuela umgekommene Gattin, habe nicht für die Vereinten Nationen, sondern für das private Hobbs-Institut als Beraterin gearbeitet, informiert er Jack Gold, den Reporter, der den Nachruf verfasste. Gold verspricht nachzuforschen. Wenig später wird er überfallen, ermordet und seiner Unterlagen beraubt.

Im Rahmen einer experimentellen Therapie reist Valois nach Baltimore. Zwischen den Behandlungen sucht er in Washington nach Spuren. Dort will man allerdings von einem Hobbes-Institut niemals gehört haben. Als Valois zufällig Tom Parish, Delias Chef, ausfindig machen kann, leugnet dieser jede Bekanntschaft ab und taucht unter. Da Valois mit Beweisen nicht dienen kann, glaubt ihm die Polizei seine Geschichte nicht.

Frustriert kehrt Valois nach Ethan Valley zurück. Dort muss er feststellen, dass jemand sich Einlass in sein Haus verschafft und es durchsucht hat; eine Skizze des Hobbs-Instituts ist verschwunden. Kurz darauf meldet sich der Geschäftstycoon Calvin Truesdale bei Valois. Der als Kunstsammler bekannte Milliardär interessiert sich angeblich für eine von seinen Arbeiten. Doch Valois ist im Besitz eines alten Fotos, dass Truesdale zusammen mit Parish zeigt …

_Mit dem Rücken zur brüchigen Wand_

Der Durchschnittsmensch in einer Ausnahmesituation ist die perfekte Identifikationsfigur für diejenigen Leser, die gern davon träumen, dass ein Abenteuer Abwechslung in ihren Alltag bringt, ohne die damit verbundenen Risiken eingehen zu müssen. Der Plot sorgt für den doppelten „Suspense“-Faktor, geht es doch nicht nur um die spannende Frage, ob der unerfahrene ‚Held‘ entkommt, sondern auch und vor allem, wie ihm, der in Sachen Täuschung und Gewalt weder ausgebildet ist noch über entsprechende Erfahrungen verfügt, dies gelingt.

Peter Abrahams verschärft die Krise, indem er eine Hauptfigur präsentiert, die an zwei tödlichen Fronten kämpft. Roy Valois ist nicht nur einer Verschwörer-Gruppe auf die Spur geraten, die ihn gern aus dem Weg geräumt sähe. Ihm sitzt ohnehin Gevatter Tod im Nacken bzw. im Brustkorb, wo dieser – gern in sowieso gefährlichen Situationen – die asbestkrebsbefallenen Lungen zwischen seinen Knochenfingern walkt, sodass dem armen Valois buchstäblich die Luft dort wegbleibt, wo es lebenswichtig wäre zu handeln.

„Verblendet“ ist als Roman eine vollständige Sammlung sämtlicher Wendungen bzw. Klischees, die das „Allein-gegen-alle“-Genre hervorgebracht hat. Deshalb erstaunt es besonders, wie gut sich Abrahams ihrer bedient hat: „Verblendet“ ist eine wunderbare, d. h. spannende, rasante und wendungsreiche Verfolgungsjagd, die darüber hinaus einen wichtigen Faktor vorbildlich berücksichtigt: Wir Leser bangen um die Hauptfigur. Der Verfasser musste sie uns dafür ans Herz legen. Roy Valois ist weder ein sentimentaler noch ein herausragend sympathischer Mann. Trotzdem |wollen| wir, dass er obsiegt: gegen seine unsichtbaren Feinde und gegen den Krebs.

|Wo kann ich mich verstecken?|

Abrahams ist als Erzähler ein Profi, der auf eine mehrere Jahrzehnte währende Schriftstellerkarriere zurückblicken kann. Wo andere Autoren allmählich auslaugen, ist er gereift. „Verblendet“ beweist, dass der Autor genau weiß, wie man eine solche Geschichte (beinahe) über die volle Distanz bringt. Dies bedeutet in erster Linie eine Variation des Bekannten, das neu arrangiert sichtlich den bewährten Unterhaltung-Sog ausüben kann.

Zur Spannung kommt mehr als ein Quäntchen Paranoia. In der multimedialen Welt des 21. Jahrhunderts muss sich Mr. Jedermann besonders hilflos und ausgespäht vorkommen. Die technischen Mittel, die Valois gestatten, die Spur des Gegners aufzunehmen, stehen auch diesem zur Verfügung, um den neugierigen Schnüffler ausfindig zu machen. Das Internet entwickelt sich dank des Erfindungsgeistes eines geschickten Verfassers zur Höllengrube. Für die Zündung sorgt die unschuldige Neugier eines kranken Mannes, der nur seinen Nachruf lesen wollte.

Längst zum zweiten Teufelswerkzeug ist im modernen Thriller das Handy geworden, weil es eher der verräterischen Ortung als der Kommunikation dient. Gemeinsam sorgt die geballte Hightech für einen dem Verfasser nützlichen Effekt: Irgendwann erkennt der flüchtige Held, dass er sich nur verstecken kann, wenn er sich ihrer entledigt. Damit kann das gute, alte Katz-und-Maus-Spiel wieder beginnen; in unserem Fall bedeutet dies, dass sich Roy Valois von verlässlichen Freunden zum Finalkampf Auto fahren lässt.

|Wem kann ich trauen?|

Die Antwort muss in einem guten Thriller selbstverständlich lauten: Niemandem! Es ist Teil der Spannung, dass sich Roy Valois‘ menschliches Umfeld in ein gesichtsloses Heer potenzieller Feinde verwandelt. Die meisten seiner Freunde sind und bleiben Freunde, doch Abrahams kreiert und schürt eine Atmosphäre, in der jedes Wort, jede Handlung eine unterschwellige und bedrohliche Zweitbedeutung gewinnt. Valois nimmt Menschen, die er seit Jahrzehnten kennt bzw. zu kennen glaubt, unter die Lupe und meint plötzlich Fremde zu sehen.

Vertrackterweise geht sein Misstrauen nicht tief genug oder besser gesagt: in die falsche Richtung. Hierin wird abermals die verständliche Ratlosigkeit eines Menschen deutlich, der im postulierten Sumpf korrupter Politiker, selbstherrlicher Konzern-Könige und unkontrollierbarer Geheimdienstlern umherirrt und unterzugehen droht. Der Feind hat dieses Problem nicht und ist Valois deshalb immer einen Schritt voraus.

Was zu der Frage führt, wieso ausgerechnet ein todkranker Bildhauer seinen zudem schwer bewaffneten Verfolgern nicht nur immer wieder ein Schnippchen, sondern ihnen auch die Schädel einschlagen kann. Dies ist eine typische Schwachstelle solcher Thriller: Das Opfer muss über sich hinauswachsen und dabei auch sich selbst unbekannte Kräfte entwickeln; für den Rest sorgt der Faktor „Gerechtigkeit“, eine romantische Vorstellung, der auch Abrahams sich nicht entziehen kann: Roy Valois zerschlägt den gordischen Knoten, weil er im Recht ist. Allerdings muss man dem Verfasser zugestehen, dass es der Leserschaft sicherlich nicht recht wäre, würden Valois und dieser Roman realistisch etwa auf Seite 100 durch eine gut gezielte Schurkenkugel ausklingen.

|Was ist eigentlich geschehen?|

Das in festen Bahnen laufende und ruhige Leben des Roy Valois verwandelt sich in Treibsand – ein Vorgang, den Abrahams mit großem Geschick und fast sadistisch als Kettenreaktion zu schildern weiß. Nicht einmal auf seine Erinnerungen kann Valois sich berufen, denn diese sind falsch. Zu Krankheit und Todesgefahr kommt die Erkenntnis, ausgerechnet von der geliebten Frau, nach der Valois sich seit 15 Jahren in Trauer verzehrt, belogen worden zu sein.

Aus dieser Not muss Valois eine typische Thriller-Tugend machen und sich neue Verbündete suchen. Denen kann er – wahrscheinlich – zwar trauen, hat sich jedoch damit abzufinden, dass sie auch keine Profis in Sachen Lug & Trug sind, weshalb gut gemeinte aber schlecht durchdachte Pläne die Lage für den Helden noch brenzliger gestalten.

Aber auch in diesem Punkt meint es das kosmische Schicksal im trauten Bund mit dem vielbeschäftigten Zufall gut mit Valois: Im Alleingang rollt er die dunkle Vergangenheit des Hobbs-Instituts und seiner Betreiber auf, die selbstverständlich immer noch im Untergrund tücken. Bis zum Oberschurken muss er sich dabei durch ein Feld immer gefährlicherer Schergen schlagen, wobei Autor Abrahams hin und wieder keinen echten Rat weiß und beispielsweise ein aufgeregtes Pferd mit harten Hufen eine lebensgefährliche Situation klären lässt.

|Wie soll das enden?|

Die vor allem auf Dauer wenig überzeugenden Stehaufmännchen-Qualitäten des Roy Valois wurden bereits negativ angemerkt. Dieser Schwachpunkt artet leider ausgerechnet im Finale zum Logikloch aus. Abrahams scheinen schließlich die Ideen ausgegangen zu sein. Was sonst könnte eine Erklärung für die peinlich primitive Weise sein, auf die sich Valois Zugang zum Stützpunkt des bösen Drahtziehers verschafft, der doch über ein Heer bestens ausgebildeter Leibwächter gebietet, wie Abrahams nie müde wurde uns vor Augen zu führen? Innen wird er nicht etwa sofort geschnappt, sondern kann sich frank & frei bewegen und binnen weniger Minuten nicht nur die letzten Rätsel lösen, sondern auch eine entlarvende Botschaft finden, nach der sein Widersacher – auf dem eigenen Grundstück! – seit anderthalb Jahrzehnten vergeblich gesucht hat.

Dass alles in einem simplen Faustkampf zwischen Gut & Böse gipfelt, könnte dieser Geschichte den Rest geben. Aber in letzter Sekunde, mit den letzten Zeilen besinnt sich Abrahams eines Besseren. Die große Verschwörung wird aufgedeckt, aber ein Happy End für Roy Valois wird es wohl nicht geben. Es wäre in der Tat ein wenig zu viel jener naiven Gerechtigkeit gewesen, über der man im Geiste stets das Sternenbanner im Wind knattern hört. So aber überwiegt die positive Erinnerung an einen Roman, dessen Pageturner-Qualitäten nicht von der Werbung behauptet, sondern von einem talentierten Autoren verwirklicht wurden, und der es daher nicht verdient, in einem Meer ähnlich lieblos gestalteter aber tatsächlich langweiliger Verbrauchs-Taschenbücher unterzugehen.

_Autor_

Peter Abrahams wurde am 28. Juni 1947 in Boston, US-Staat Massachussetts, geboren, verlegte seinen Wohnort jedoch nach dem Studium beruflich bedingt ins kanadische Ottawa, wo er für den Sender CBS als TV-Produzent arbeitete.

Als Schriftsteller ist Abrahams für seine solide geplotteten, sorgfältig umgesetzten, klassischen Thriller bekannt, für die er als literarische Vorbilder Graham Greene und Ross Macdonald nennt. Abrahams verzichtet auf überzogene Effekte und versteht es, Spannung auch oder gerade aus dem Verhalten glaubwürdig gezeichneter Menschen in einer lebensverändernden und -bedrohlichen Situation zu ziehen.

Das hierin seit Jahrzehnten gezeigte Talent weiß Abrahams auch in die auf fünf Bände angelegte „Young-Adult“-Krimi-Serie „Echo Falls Mysteries“ einzubringen, mit der er nicht nur die Kritik, sondern auch das anvisierte jugendliche Publikum überzeugen konnte. Sorgfältig geheim hielt Abrahams dagegen seine Urheberschaft an der „Chet-&-Bernie“-Mystery-Serie: Unter dem Pseudonym „Spencer Quinn“ beschreibt er die Abenteuer eines Privatdetektivs, die aus der Sicht seines Hundes (!) geschildert werden.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Abrahams heute wieder in Massachusetts und hier in Falmouth oder auf Cape Cod.

|Taschenbuch: 413 Seiten
Originaltitel: Nerve Damage (New York : William Morrow 2007)
Übersetzung: Frauke Czwikla
ISBN-13: 978-3-426-50770-4|

|Als eBook: Juni 2012 (Knaur eBook)
479 KB
ISBN-13: 978-3-426-41294-7|

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Eden, Cynthia – Echo der Vergangenheit

_Die Reihe:_

Teil 1: „Echo der Angst“
Teil 2: _“Echo der Vergangenheit“_
Teil 3: „Echo des Zorns“ (13.12.2012)

_Inhalt:_

Er nennt sich Phoenix und verbrennt seine Opfer bei lebendigem Leib – ein brutaler Serienmörder versetzt die Kleinstadt Charlottesville in Angst und Schrecken. Brandermittlerin Lora Spade setzt alles daran, dem Morden ein Ende zu bereiten und den Täter zu stellen. Unterstützung erhält sie von dem FBI-Agenten Kenton Lake, der allerdings schon bald einen furchtbaren Verdacht hegt: Phoenix scheint aus den Reihen der Feuerwehrleute selbst zu stammen …

In Charlottsville herrschen Angst und Schrecken. Ein Feuerteufel regiert die Stadt und bringt dabei jedes Mal einen Menschen ums Leben. Nach dem brutalen Feuertod ihres Freundes setzt sich Lora mit dem FBI in Verbindung, weil sie weiß, dass es ein Serienmörder ist, der ihr ihren Freund geraubt hat. Keine sechs Monate später kommt es wieder zu einem Feuer, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Nun ist auch das FBI bereit sich dem zu stellen. Zwei Mitarbeiter kommen nach Charlottesville und fangen mit den Ermittlungen an. Nachts will sich Kenton mit einem Informanten treffen, nur kommt er leider etwas zu spät. Das Gebäude steht in Flammen. Er versucht ihn zu retten, muss dann aber von Lora und ihrer Mannschaft gerettet werden. Daraufhin stehen sie sich das erste Mal gegenüber. Kenton ist fasziniert von Lora, wohingegen Lora nur Verachtung für Kenton übrig hat. Aber je mehr Feuer in Charlottsville ausbrechen und Leute dabei ihr Leben verlieren, desto mehr müssen Lora und Kenton zusammenarbeiten. Sie haben Verdächtige, die dann aber unschuldig sind. Immer wieder müssen sie mit ihrer Suche von vorne anfangen. Währenddessen kommen sich Lora und Kenton näher. Als sich Phoenix endlich bei ihnen meldet, ist die Lage sehr ernst. Nun müssen sie einen Jugendlichen retten, der sich den Feuerwehrleuten in den Weg stellt, angestiftet von Phoenix. Der lacht sich ins Fäustchen. Nun ist es an Kenton, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Nur hat er nicht damit gerechnet, dass auch Phoenix ins Rampenlicht will. In letzter Sekunde können sie verhindern, dass die Öffentlichkeit Zeuge dieses Schauspiels wird. Nach einem erneuten Feuer wird Phoenix von einem Zeugen beobachtet und fast kommt diese Neuigkeit an die Öffentlichkeit. Als der Zeuge aus seinem sicheren Versteck flüchtet, heftet sich Phoenix an seine Fersen und bringt ihn schließlich um. Nach diesem Ereignis ist sich Kenton noch sicherer, dass der Feuerteufel aus den Reihen der Feuerwehr kommt. Und nun rückt Lora ins Augenmerk des Mörders.

_Meine Meinung:_

Cynthia Eden hat es in diesem gut recherchierten Buch geschafft, den Leser in die Welt des Feuers zu ziehen. Detailverliebt was die Beschreibung des Brennstoffes und der Auswirkung des Feuers betrifft, macht dies das Buch schon zum Lesevergnügen. Aber es gibt noch andere Faktoren, weshalb man das Buch nicht mehr zur Seite legt. Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet und sehr gut beschrieben, sodass man meinen könnte, es wären gewöhnliche Leute, die nebenan wohnen. Lora, die schreckliche Schicksalsschläge in ihrem Leben erleiden musste, ist eine ungeduldige aber auch sanftmütige Frau. Kenton ist ein sensibler und wagemutiger Mann, der sich seiner Gefühle sicher ist. Beide sind zusammen ein perfektes Paar mit kleinen Fehlern, die beide aber stärken. Auch die anderen Charaktere im Buch wie Loras Geschwister oder Kentons Kollegen sind wie Leute von nebenan. Cynthia Eden hat sie so normal wie jeden anderen Menschen beschrieben, sodass man nicht diesen Übermenschen hat, der die ganze Welt rettet, und trotzdem sind Kenton und Lora Helden.

Die Geschichte an sich ist eigentlich ganz simpel aber trotzdem spannend. Bis kurz vor dem Ende der Geschichte weiß man nicht, wer Phoenix ist, was der Spannung zuträglich ist. Immer mehr Verdächtige tauchen auf und werden dann entlastet, bei einigen ist man sich sicher, dass sie nicht der Täter sein können, aber dann kommen Indizien hinzu, bei denen man doch wieder denkt, die Person müsse doch der Täter sein. Am Ende ist man so konfus, dass man nicht mehr weiß, was man noch erwarten soll.

Der Schreibstil der Autorin macht es dem Leser einfach, der Geschichte zu folgen, da Cynthia Eden leichtflüssig und zusammenhängend schreibt. Sie benutzt nicht viele Fremdwörter und mit ihren Protagonisten wird die Story rund. Weil dieses Buch das Zweite in der Reihe ist, sollte man vorher „Echo der Angst“ lesen, da das Buch die Geschichte von Kentons Kollegin Monica Davenport und ihrem Chef Luke Dante erzählt. Aber man kann „Echo der Vergangenheit“ auch als eigenständiges Buch lesen.

_Fazit:_

Eine wundervolle Geschichte mit Spannung und Liebe, das finden Sie hier auf jeden Fall. Wenn sie auch noch auf Verbrecherjagd gehen wollen, dann sollten Sie es auf jeden Fall lesen. Hier gibt es Protagonisten zum Verlieben und eine gute Geschichte. Sie werden dieses Buch und diese Reihe lieben. Eine Mischung aus Erica Spindler und Susan Andersen macht dieses Buch lesenswert.

_Zur Autorin:_

Cynthia Eden ist eine nationale Bestseller-Autorin von Paranormal-Romance- und Romantic-Suspense-Romanen. Ihre Bücher erhielten Rezensionen von Publishers Weekly und ihr Roman, ECHO DER ANGST („Deadly Fear“), wurde RITA ® Finalist für das beste Romantic-Suspense-Buch.

Cynthia ist ein Südstaaten-Mädchen, das Horror-Filme, Schokolade und Happy Ends liebt. Sie wollte schon immer schreiben (sagen das nicht die meisten Autoren?). Sie liebt es, Geschichten über Monster, Vampire, Werwölfe und sogar die Real-Life-Monster, die ihre Romantic-Suspense-Geschichten bevölkern, zu schreiben.

Cynthias Bücher wurden übersetzt ins Japanische, Deutsche, Thailändische. Sie promovierte „summa cum laude“ von der University of South Alabama, wo sie Soziologie und Kommunikation studierte. Cynthia hat als College-Beraterin, Lehrerin und als Redakteurin gearbeitet. Aber jetzt ist Cynthia begeistert, ihre Tage damit zu verbringen, sich Geschichten auszudenken.

|Taschenbuch: 411 Seiten
Originaltitel: Deadly Heat
ISBN-13: 978-3802586286|
http://www.egmont-lyx.de

Christie, Agatha – Ein Schritt ins Leere

_Das geschieht:_

Der Golfplatz des Städtchens Marchbolt, gelegen an der Küste von Wales, ist wegen einer tiefen Schucht gefürchtet, über die der Ball an einer Stelle getrieben werden muss. Eines nebligen aber ansonsten schönen Tages findet Robert „Bobby“ Jones, vierter Sohn des örtlichen Pfarrers, dort beim Spiel einen Mann, der offensichtlich den Klippenrand übersehen und abgestürzt ist. Bevor der Fremde stirbt, spricht er noch diesen Satz: |“Warum haben sie Evans nicht informiert?“|.

Weder Bobby noch seine Jugendfreundin Frankie – alias Lady Frances Derwent – oder gar die Polizei wissen mit dieser Äußerung etwas anzufangen. So geht es auch Amelia Cayman, die den Verunglückten voller Trauer als ihren Bruder Alexander Pritchard identifiziert, den seine Wanderlust nach Marchbolt getrieben habe.

Zufällig erkennt Bobby, dass Amelia eine Betrügerin und der Tote kein Mr. Pritchard ist. Während die fantasievolle Frankie schon längst an ein Verbrechen dachte, stimmt ihr der bodenständige Bobby erst zu, nachdem man ihn zunächst mit einem fingierten Jobangebot außer Landes locken und nach dem Scheitern dieses Plans vergiften wollte. Da die Polizei den Fall ratlos ad acta legt, beschließt das kriminalistisch eher unerfahrene Paar, sich als Detektive zu versuchen. Die Spur führt in die Grafschaft Hampshire und dort zum Landsitz der Familie Bassington-ffrench. Frankie lädt sich dort quasi selbst ein, während Bobby ihr als Chauffeur verkleidet Rückendeckung gibt.

Während sich Frankie mit Sophia, der Dame des Hauses, rasch anfreundet, gibt das sprunghafte Verhalten des Gatten Henry Rätsel auf. Schwager Roger vermutet eine Morphiumsucht. Eigentlich fände sich eine Lösung für dieses Problem direkt vor der Haustür: Dort hat Arzt Dr. Nicholson eine private Klinik für ’nervenkranke‘ Angehörige der High Society eingerichtet, die hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit ‚ausspannen‘ – oder geht hier deutlich Illegales vor, wie Frankie und Bobby bald zu argwöhnen beginnen …?

_Schräger Humor & die Kunst der Andeutung_

Ein „screwball“ bezeichnet im Baseball einen Spielball, der angeschnitten wird, um ihm eine unerwartete Flugbahn zu verleihen und den Gegner zu verwirren. Da dieser Sport in den USA einen quasi-religiösen Status einnimmt, ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff für eine entsprechende Variante der Hollywood-Filmkomödie adaptiert wurde, die in den frühen 1930er Jahren für frischen Kino-Wind sorgte.

Die „Screwball“-Komödie nimmt keine große Rücksicht auf eine logisch jederzeit nachvollziehbare Handlung. Diese wird ersetzt durch einen humorvollen „Krieg der Geschlechter“, den eine Frau und ein Mann führen, von denen der Zuschauer längst weiß, dass sie füreinander bestimmt sind, während sie durch ein von kurios überdrehten Episoden geprägtes Geschehen stolpern und sich dabei mit rasantem Wortwitz beharken, dem stets ein frivoler Unterton innewohnt. Am Ende steht die erst widerwillig aber dann umso intensiver eingestandene Liebe.

Mit Filmen wie „It Happened One Night“ (1934; dt. „Es geschah in einer Nacht“) oder „Hands Across the Table“ (1935, dt. „Liebe im Handumdrehen“) gewann die „Scewball“-Komödie rasch ihr Publikum – und ihre Nachahmer, denn diese primär auf das Wort setzenden Beziehungskomödien eigneten sich auch für das Theater oder die Unterhaltungsliteratur. Also versuchte auch Agatha Christie, die nicht nur eine fähige, sondern auch eine geschäftstüchtige Autorin war, den „screwball“ zu schlagen. Dabei kam ihr zupass, dass sich die Komödie problemlos ins Krimi-Genre verpflanzen ließ.

|Wo die Liebe hinfällt|

Alle einschlägigen Elemente sind vorhanden. Schon der (Original-) Titel ist ein absichtlicher Verstoß gegen den heiligen Ernst des klassischen Kriminalromans. Die letzten Worte eines Sterbenden schweben ständig über einem Geschehen, für das sie nur von marginaler Bedeutung sind. Vor allem für ihre Leser löst Christie schließlich das Geheimnis um „Evans“.

Im Mittelpunkt stehen „Bobby“ und „Frankie“ als aus englischer Sicht denkbar ungleiches, weil durch gleich mehrere Gesellschaftsklassen getrenntes Paar. Die stärkere Rolle übernimmt – auch dies typisch für die „Screwball“-Komödie – die weibliche Figur, die hier nicht von ungefähr einen männlichen Spitznamen trägt. Frankie lässt sich keineswegs in den Hintergrund abschieben, sondern wird an der Seite des Mannes aktiv. Sie ist sogar die treibende Kraft, die den sowohl gutmütigen als auch etwas trägen Bobby als Ermittler aktiviert. Als die beiden dann zur Tat schreiten, muss Bobby sich als Chauffeur verkleiden und Frankie unterordnen. Der ebenfalls selbstbewussten und aus eigenem Verdienst erfolgreichen Christie dürfte diese Frauenrolle leicht aus der Feder geflossen sein.

Realismus bleibt reine Behauptung. Zwar versucht sich Bobby als Automechaniker, aber es ist offenbar kein Problem, die Werkstattarbeit ruhen zu lassen, um stattdessen Detektiv zu spielen. Bobbys Kompagnon „Badger“ („Dachs“) Beadon ist gleichzeitig der „screwball“-typische ‚beste Freund‘ der Helden, der stotternd und tölpelhaft für Lacher sorgt aber trotzdem – wen schert die absolute Unglaublichkeit – wie hergezaubert zur Stelle ist, wenn eine helfende Hand nötig wird. Dass darüber die gemeinsame Werkstatt pleitegeht, ist kein Beinbruch – Frankies reicher Lord-Vater sorgt mit einigen nennwerthohen Geldscheinen für Abhilfe.

Frankie ist dem alltäglichen Daseinskampf ohnehin enthoben und kann sich ihren exzentrischen Zeitvertreiben widmen. Als Tochter eines Hochadligen ist sie nicht nur reich, sondern auch hübsch und besitzt deshalb doppelte Narrenfreiheit; etwaige Halb- und Ungesetzlichkeiten werden vom verständnisvollen, gut entlohnten und verschwiegenen Familienanwalt folgenlos unter den Teppich gekehrt.

|Auch halbblinder Eifer schadet nur|

Christies Verdienst ist es, das „Screwball“-Element kunstvoll in einen Kriminalroman zu integrieren. „Der Schritt ins Leere“ ist trotz der zahlreichen inhaltlichen Hakenschläge und des offensiven Witzes ein ‚richtiger‘ Christie-Krimi. Dem absurden Geschehen liegt ein sauber geplottetes und raffiniertes Verbrechen zugrunde, das keineswegs nur Vorwand ist. Als „Whodunit“ funktioniert „Der Schritt ins Leere“ ganz klassisch, Autorin und Leser liefern sich auf der Suche nach dem Täter ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Als Gewinnerin geht indes und wie üblich Christie ins Ziel; ihr Publikum überlässt ihr den Lorbeer im Tausch gegen die gelungene finale Überraschung gern.

Das „Screwball“-Element passt vorzüglich zur Ermittlung zweier ebenso eifriger wie unerfahrener Hobby-Detektive. Die auffällige Abwesenheit der Polizei ist der Komödie geschuldet, denn Einmischungen von amtlicher Seite sind in dieser Geschichte nicht vorgesehen. Nach Herzenslust können Bobby und Frankie deshalb in immer neue Verkleidungen schlüpfen, lügen oder einbrechen. Selbst als sie in der Todesfalle des Schurken landen, fehlt dieser Situation jeglicher Ernst, weshalb sie problemlos auf denkbar kuriose Weise aufgelöst werden kann. Nicht einmal dem mehrfach mörderisch aktiven Schurken kann man böse sein, weshalb Christie auf die alte Binsenweisheit „Crime doesn’t pay“ verzichtet. Wieso sollte die langweilige Gerechtigkeit in diesem Absurd-Umfeld den Bösewicht ereilen, der sich wie ein Sportsmann in seine Niederlage fügt und letzte offene Fragen in einem ausführlichen Brief beantwortet?

So eine nur locker in der zeitgenössischen Wirklichkeit verankerte Geschichte hält sich frisch. In Deutschland wurde sogar die Übersetzung aus dem Jahre 1935 beibehalten – dank leichter Überarbeitung ist sie noch immer lesenswert, und sie bewahrt den Tonfall dieses Romans, der eine andere, ebenfalls interessante Seite der Agatha Christie präsentiert.

|“Der Schritt ins Leere“ im Film|

Angesichts der beschriebenen Meriten wundert es, dass es 45 Jahre dauerte, bis „Der Schritt ins Leere“ filmisch aufgegriffen wurde. Agatha Christie, die sehr gut um die Qualitäten ihrer Romane wusste, ärgerte sich vor allem über die minderwertige Umsetzung, die einige ihrer Krimis im Medium Fernsehen erfahren hatten, und hielt sich deshalb sehr mit der Vergabe von Filmrechten zurück. Dies änderte sich erst nach ihrem Tod, da ihre Erben weniger empfindlich waren. „Why Didn’t They Ask Evans?“ wurde 1980 sehr nah am Werk als dreistündiges TV-Epos umgesetzt. Mit einer eindrucksvollen Reihe berühmter englischer Schauspieler – darunter John Gielgud, Joan Hickson, Bernard Miles oder Eric Porter – wurden noch die Nebenrollen prominent besetzt.

Sehr kurios mutet dagegen die Version von 2009 an: Sie wurde drastisch umgeschrieben, bis sie ins Konzept der seit 2004 erfolgreich laufenden Fernsehserie „Marple“ passte. Also klärt nunmehr Miss Marple das Evans-Rätsel, während Bobby und Frankie im Feld der übrigen Darsteller aufgehen.

_Autorin_

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex Gatten nicht ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen vor allem die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino- und TV-Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt.

|Taschenbuch: 221 Seiten
Originaltitel: Why Didn’t They Ask Evans? (London: Collins 1934)
Übersetzung: Otto Albrecht van Bebber
ISBN-13: 978-3-596-16890-3|
http://www.agathachristie.com
http://www.fischerverlage.de

_Agatha Christie bei |Buchwurm.info|:_
[„Und dann gabs keines mehr“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=433
[„Das Haus an der Düne“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=658
[„Die blaue Geranie“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1178
[„Mord im Orientexpress“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1844
[„Rolltreppe ins Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2806
[„Tod in den Wolken“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3787
[„Alter schützt vor Scharfsinn nicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7286
[„Der Tod wartet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7804
[„Das Eulenhaus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7870

Andreas Eschbach – Herr aller Dinge

Der Kurd-Laßwitz-Preisträger 2012!

Andreas Eschbach, einer der geistreichsten deutschen Schriftsteller unserer Tage, knöpft sich auch diesmal weltverändernde Potenziale vor. Herr aller Dinge transportiert eine vielschichtige Geschichte, deren erzählerisches Hauptaugenmerk auf die Beziehung zweier höchst unterschiedlicher Menschen gerichtet ist – quasi der erste Liebesroman aus Eschbachs Feder, könnte man behaupten. Handeln tut er allerdings vor allem von den Entwicklungen, die Hiroshi Kato, eine der beiden Hauptpersonen, antreiben und schließlich zu bahnbrechenden Erkenntnissen führen – und Eschbach entwickelt die Geschichte so geschickt, dass sich Hiroshi einer unermesslichen Verantwortung stellen muss und damit – liebe Leserinnen, hört kurz weg – die tragische Beziehung zu Charlotte Malroux auch so endet, wie sie sich entwickelte.

Charlotte Malroux ist die Tochter des französischen Botschafters, zum Beispiel in Tokio, wo sie die Bekanntschaft eines Jungen aus der Nachbarschaft, des Sohnes einer Hausangestellten sogar, macht und aus dieser Bekanntschaft für den Jungen, Hiroshi Kato, etwas erwächst, was ihn sein Leben lang mit der Sicherheit einer Idee begleitet und leitet, denn es führt ihm den Sinn und Unsinn der menschlichen Würde am Maßstab der Güterverteilung mehr als einmal deutlichst vor Augen, ein Charakteristikum unserer Gesellschaft, das er ausschalten will. Widersprüchlich ist er sich des Schicksals seiner Begegnung mit Charlotte und der Bedeutung derselben in tiefster Sicherheit bewusst, so dass sich für ihn grundsätzlich nicht die Frage nach einer anderen Frau stellt, vor allem, nachdem er sie an einer amerikanischen Universität wieder trifft und sich ihre kindliche Beziehung mit derselben Selbstverständlichkeit fortsetzt, die sie auch schon in Japan auszeichnete.

Sowohl Hiroshi als auch Charlotte verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten, die bei Hiroshi weltlicher, intellektueller Natur zu sein scheinen, doch möglicherweise auf Charlottes Gabe zurück zu führen sind: Charlotte hat Zugang zu historischen Erinnerungen, sie sieht die Bilder und die stärksten Gefühle der Menschen, die irgendeinen beliebigen Gegenstand berührten. Dabei werden diese Bilder deutlicher und stärker, je länger ein Gegenstand im Besitz eines Menschen war. Die Verbindung zwischen dieser Gabe und Hiroshis Begabung im technisch-mathematischen Bereich wird in einer frühen Szene des Romans deutlich, als die beiden Kinder auf einem Ausflug ein Artefakt entdecken, ein Messer, das eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Charlotte ausübt. Sie riskiert mehr als nur Ärger, als sie unbedingt versucht, das Messer zu berühren, um seine Geschichte zu erfahren. Unter den intensiven und schmerzhaften Eindrücken verliert sie das Gleichgewicht und Hiroshi fängt sie auf – und erlebt einen kurzen Kontakt über Charlotte mit dem Wesen des Messers. Dieser Zufall könnte von zentraler Bedeutung für die Ausprägung seiner unwahrscheinlichen Begabung sein.

Während sich nun auf der einen Seite alles um Hiroshis großes Ziel dreht, jedem Menschen zu jeder Zeit alles zu ermöglichen, ist die Beziehung der beiden Dreh- und Angelpunkt der weiteren Geschichte. Charlotte durchlebt emotionale Irrwege, bis sie an einer Expedition teilnimmt, durch die die Wende eingeleitet wird. Ab diesem Zeitpunkt fokussiert sich die Handlung immer mehr auf die Auswirkungen, die Hiroshi in der Entdeckung der perfekten Nanomaschinen erlebt, erkennt und befürchtet. Hier nimmt der Roman zwar deutlich sichtbar Charakteristika eines Science-Fiction-Thrillers an, und Eschbach scheut nicht einmal die Entfaltung des großartigen, umfassenden Erkenntnisbildes, ein Gefühl, das dem bewanderten SF-Leser als „Sense of Wonder“ geläufig ist. Trotzdem bleibt die Triebfeder die Beziehung zwischen den Protagonisten, aufgelockert durch eine auf Eifersucht basierende Intrige, die man sich getrost wegdenken kann. Dem gegenüber entwirft Eschbach ein grausames Bild von einer Menschheit, die vom Vernichtungswillen getrieben den Sprung in die Zukunft schafft. Mit dieser Erkenntnis der Möglichkeiten und im Science-Fiction-Sinn auch der eigenen Geschichte trifft Hiroshi seine Entscheidungen und sucht einen anderen Weg.

Die bedingungslose Zuneigung Hiroshis zu Charlotte und seine immerwährende Sicherheit, sie beide gehörten zusammen, führt tragischerweise dazu, dass er sich immer mehr von ihr distanziert. Hier kommen nämlich die Wirtschaftsmächte, Geheimdienste und Regierungen ins Spiel, die bei derlei gefährlichen Entdeckungen stets mit von der Partie sind. Logischerweise muss sich Hiroshi gegen eine einzelne Macht entscheiden, eine Tatsache, die sich schon lange durch die Literatur zieht und der sich auch Eschbach nicht verschließt. Also wird er als Gefahr eingestuft und verfolgt und muss Charlotte durch seine Abwesenheit schützen.

Man könnte denken, Hiroshi hätte seine Kenntnisse und Fähigkeiten auch einsetzen können, um unterzutauchen, doch sehen wir hier zwei Aspekte, die sich aus der Geschichte ergeben und das nicht zulassen. Charlotte erkrankte an einem Tumor, was Hiroshi natürlich kurz vor dem Showdown zu ihr lockte, um sie zu heilen – und damit die Verfolger auf den Plan ruft. Und Eschbach wählte Hiroshi als Japaner zum Protagonisten, um einen Menschen zu haben, der traditionell fähig ist, auch den letzten und endgültigen Schritt zu gehen und eine Weiche für die Zukunft der Menschheit zu stellen. Diese letzten Szenen des Romans kumulieren noch einmal alle Action und Gefühle, die sich mal auf- und abschwellend durch die Geschichte ziehen. Eschbach trifft den Nerv seiner Leser und schafft einen abschließenden Höhepunkt von ungeheurer Kraft. Der Kreis schließt sich in Gestalt eines Messers, das Charlotte als Erinnerungsstück von Hiroshi erhält. Und das eine Anleitung enthalten mag, sollte die Menschheit je für Hiroshis Erkenntnisse reif sein.

Viele Kritiker gelangen zu dem Schluss, dass Eschbach zwar außergewöhnliche Ideen umsetzt und tolle Romane schreibt, aber gleichzeitig eine unüberwindbar erscheinende Schwäche in dem Ende seiner Geschichten liegt, das den Leser oft verwirrt oder unbefriedigt zurücklässt. Mit „Herr aller Dinge“ widerlegt Eschbach diese Theorie, zwar nicht zum ersten Mal, aber in höchster Deutlichkeit und Selbstverständlichkeit, so dass man das Buch zuklappt – und erst einmal nichts sagt.

Gebunden, 687 Seiten
ORIGINALAUSGABE
ISBN: 978-3-7857-2429-3
Leseprobe
http://www.luebbe.de

Ausgezeichnet wurde der Roman mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 2012
Die Jury des Deutschen Science Fiction Preises verlieh dem Roman den Zweiten Platz, knapp hinter Karsten Kruschels „Galdäa – Der ungeschlagene Krieg“.

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (8 Stimmen, Durchschnitt: 2,50 von 5)


 

Ursula Poznanski – Fünf

Von der Jugendspannung zum Erwachsenen-Thrill.

Mit „Erebos“ hat Ursula Poznanski wahrhaft einen Meilenstein der Jugendliteratur geschrieben: Anschaulich, aktuell, klug komponiert und rasend spannend. Im Anschluss folgte dann mit „Saeculum“ ein weiterer Roman, der die Generation X das Nägelkauen lehren sollte, und mit „Fünf“ schließlich jagt sie uns Erwachsenen durch schlaflose Nächte.

Es beginnt, wie es immer beginnt. Mit einer Leiche. Die Salzburger Ermittlerin Beatrice Kaspary wird in die österreichische Idylle gerufen, um den Fund einer Leiche zu identifizieren. Identität? Nicht festzustellen. Nur ein paar seltsame Symbole, die der toten Frau in die Fußsohlen tätowiert wurden, und das aufkeimende Gefühl, dass die Frau Grausames erlebt hat. Schnell finden Beatrice und ihr Ermittlerteam heraus, dass es sich bei den Symbolen um Koordinaten handelt, und diese Koordinaten führen sie mitten hinein in eine blutige Schnitzeljagd, in einen Wettlauf mit der Zeit, bei dem der Mörder den Ermittlern ständig neue Rätsel vor die Nase hält, wie die berühmte Möhre vor den hungrigen Gaul.

Welche Motive hat der Mörder? Wozu dieses Rätselspiel? Beatrice wird hineingerissen in einen Sog aus Gewalt und dunklen Geheimnissen, ihre eigene Vergangenheit beginnt, in ihrem Grab zu rumoren und sich vor ihr zu erheben.

Wie eine Achterbahnfahrt ohne Notbremse …

… so liest sich der neue Poznanski, aber nicht wie eine dieser lahmen Kirmessrelikte, die einen in aller Ruhe in die Höhe ziehen, damit man schon mal die Luft anhalten kann, bevor es in die Tiefe geht, nein, „Fünf“ ist Katapultachterbahn: einsteigen, anschnallen und binnen eines Augenblicks auf die Endgeschwindigkeit beschleunigt werden. Während man versucht Luft zu holen, rauscht die Landschaft an einem vorbei, Storywirbel und Spiralen, von denen einem schwindlig wird, trügerisch ruhige Passagen hinter denen bösartige Abfahrten lauern und fiese kleine Kurven, nach denen man irgendwann endgültig die Orientierung verloren hat, bis man dann in den Bahnhof einfährt; die Bremsen dröhnen, man ist schweißgebadet und grinst trotzdem über das ganze Gesicht, und kann es kaum glauben, dass man diesen irren Ritt überhaupt überlebt hat.

Tja, und dann stolpert man raus aus dem Waggon und setzt sich an den Rand der Strecke – während man wieder etwas Kontrolle über seine weichen Knie bekommt, fällt einem so langsam auf, wie toll die gesamte Strecke durchkomponiert ist und wie solide sie zusammengeschraubt wurde: Ursula Poznanski hat einen knappen, präzisen Stil; kurze und sinnliche Sätze, die einerseits diese hohe Geschwindigkeit erzeugen, die andererseits bleibende und vorstellbare Eindrücke hinterlassen – seitenlanges Philosophieren über die möglichen Motive des Mörders findet sich hier nicht, und das ist auch gut so! Die Fakten sprechen für sich, liefern genug Rätselhaftes.

Auch die Figuren passen zum rasanten Stil: Es handelt sich um keine tiefgründigen Persönlichkeiten, die in tausend Facetten funkeln und strahlen, sondern sie wirken wie mit dem Messer geschnitten: Klar, unmissverständlich und direkt; „What you see, is what you get“, könnte man sagen, „du siehst was du kriegst“ – einen Frauen verstehenden Kollegen, einen verbissenen Spurensicherer, einen überheblichen Psychologen, einen tyrannischen Chef, einen Kinder aufwiegelnden Ex-Mann.

Also, um es zusammenzufassen: Ja, auch Erwachsene kann Ursula Poznanski an ihre Lesesessel ketten! Und wie schon bei Erebos hat sie es geschafft, dem Leser am Ende ihres Romans ein „Aaaaaah! So hängt das alles zusammen!“, zu entlocken, ergänzt von einem: „Da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen!“

Zugegeben, auf dem Weg zu diesem Punkt steht der Leser manchmal ein bisschen ratlos da, angesichts all der Rätsel und Leichen und Fragen, aber da man ja eh unweigerlich bis zum tollen Schluss weitergerissen wird, tut das dem Nervenkitzel keinen Abbruch.

Auch bauen sich „Saeculum“ und „Erebos“ wie zwei unüberwindliche Titanen vor „Fünf“ auf und stehlen Ursula Poznanskis Neuem die Show. „Fünf“ kommt bei Weitem konventioneller daher als seine beiden Vorgänger: Ermittler im Katz und Maus-Spiel mit einem Verbrecher – das hat sicherlich weniger Alleinstellungsmerkmale als die beiden vorherigen Jugendthriller, was auch zur Folge hat, dass die deftige Mörderhatz nicht an die grandiose Atmosphäre seiner beiden Vorgänger heranreicht. Trotzdem. Wer keinen Nachfolger zu „Erebos“ und „Saeculum“ erwartet, wird von „Fünf“ bestens unterhalten werden und feststellen, dass das Land der Berge und Seen eben auch ein paar herrlich gruslige Abgründe zu bieten hat!

Gebunden: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3805250313
Verlagshomepage

Cortez, Donn – Du wirst sein nächstes Opfer sein

_Das geschieht:_

Seit der geniale aber irre „Patron“ seine Familie auslöschte, ist Jack Salter, ehemals Künstler, zum „Closer“ geworden: Er stöbert Serienkiller und andere Kapitalverbrecher auf, die dem Gesetz dank ihres Geschicks oder eines guten Anwalts durch die Maschen schlüpfen konnten, und foltert ein Protokoll ihrer Untaten aus ihnen heraus. Diese Unterlagen gehen anonym an die Polizei, während Jacks Opfer in einem ebenfalls anonymen Grab enden.

Auch Killer gehen mit der Zeit: Jacks ‚Schöpfer‘, der „Patron“, hat eine Website eingerichtet, auf der sie miteinander kommunizieren können. Nachdem Jack den „Patron“ liquidierte, nutzt er diese Plattform, um jene, die sich dort melden, in seine Falle zu locken. Aktuell in seinem Visier ist „Remote“, der für sich in Anspruch nimmt, wie Jack einen Kreuzzug gegen das Böse zu führen, und deshalb sein ‚Partner‘ werden möchte.

Jack hätte durchaus nichts gegen Unterstützung, doch ihm missfällt „Remotes“ Methode: Dieser fängt sich Männer und Frauen, deren Gehirne er tüchtig wäscht und die er dann in ein Geschirr steckt, das mit einer Hightech-Überwachungsanlage, einem Elektro-Schocker und viel Sprengstoff ausgerüstet ist, um sie schließlich als „Drohne“ mörderisch gegen das eigentliche Ziel zu schicken.

Solche Instrumentalisierung outet „Remote“ selbst als Soziopathen, argwöhnt Jack, der seinen ‚Partner‘ deshalb ausschalten will. „Remote“ schlägt einen Handel vor: Er liefert Jack eine seiner „Drohnen“ aus, wenn dieser ihm dafür eines seiner Opfer überlässt: „Remote“ will feststellen, wie Jack ‚arbeitet‘. Hier bietet sich Jack die Chance, an „Remote“ heranzukommen: Er gibt sich als sein Opfer aus und wird als solches in „Remotes“ festungsartiges Hauptquartier geschafft. Dort stellt sich heraus, dass „Remote“ nicht nur misstrauisch, sondern auch schlauer ist als Jack dachte …

|Die Tücken übertriebener Selbstjustiz|

Mit „The Closer“ bereitete Donn Cortez dem durch persönliches Leid zum Rächer gewordenen Künstler Jack Salter 2004 einen viel beachteten ersten Auftritt. Vor allem unterhaltsam aber auch reflektierend entwarf er eine Figur, die im Kampf mit Monstern aus freien Stücken selbst zum Monster geworden war. Dieser Prozess hatte keinen gefühlstoten Folterknecht und keine gewissenlose Kampfmaschine entstehen lassen. Jack Salter wurde als gebrochener Mensch geschildert, der in der selbst gewählten Mission endgültig zugrundezugehen drohte.

Sieben Jahre ließ Cortez den „Closer“ ruhen, was kaum verwundert, da es schwierig bis unmöglich war, die Geschichte des Jack Salter überzeugend fortzusetzen. Cortez stellt es mit „Du wirst sein nächstes Opfer sein“ selbst unfreiwillig unter Beweis. (Für den nichtssagend-dämlichen deutschen Titel ist er aber nicht verantwortlich.) Er verlässt sich auf sein handwerkliches Geschick als Geschichtenerzähler im Dienste diverser Franchises, für die er rasch und zuverlässig Lesefutter produziert, und stellt es in den Dienst der eigenen Figur.

Auf der Strecke bleibt dabei jeglicher Subtext, der „The Closer“ über den üblichen Folter-&-Metzel-Unfug à la Chris Carter hinaushob. „Du wirst …“ präsentiert nicht nur eine simple, sondern eine eindimensionale Story, die durch Klischee-Action, Geisterbahn-Bösewichte sowie den Plot nicht bereichernde, sondern überflüssige, nur die Seitenzahl verlängernde Nebenhandlungen auf Spannung und Tempo getrimmt werden soll. Cliffhanger-Kapitelenden und schnelle Schauplatz-Wechsel sollen zusätzlich für jene Dynamik sorgen, die „Du wirst …“ gänzlich abgeht.

|Wie soll das gehen?|

Schlampige Arbeit ist man von Donn Cortez auch in seinen Auftragsarbeiten eigentlich nicht gewohnt. Umso verwunderlicher sind die gewaltigen Logiklöcher, die er hier entweder ignoriert oder durch das Höllentempo, mit dem er die Handlung vorantreibt, zu überwinden gedenkt.

Glaubt jemand, dass „Remotes“ Hightech-Geschirre tatsächlich zur Tag-und-Nacht-Fernsteuerung der „Drohnen“ taugen? Dass diese – nach dem Mord, für den sie abgerichtet wurden, großherzig freigelassen – tatsächlich den Mund halten? Sogar das Geschirr selbst entsorgen? Wie effektiv ist es, für jeden Lumpen-Kill eine neue „Drohne“ zu fangen und ‚auszubilden‘? Wie wahrscheinlich, dass jeder Mord gelingt und die „Drohne“ alle Spuren verwischen kann, die auf „Remote“ hindeuten?

Freilich fällt „Remote“ in die Klasse jener Hannibal-Lecter-Über-Killer, die mit traumwandlerischer Sicherheit wissen und einplanen, was ihren Gegnern durch die Köpfe geht. „Remote“ verfügt über einen logistischen Background, um den ihn die CIA beneiden müsste. Schon Bau und Einrichtung seiner Labor-Burg dürfte nur unbemerkt geblieben sein, wenn „Remote“ die beauftragten Architekten, Lieferanten und Arbeiter wie weiland die ägyptischen Pharaonen nach getanem Job über die Klinge hat springen lassen.

|Monster vs. Anti-Monster|

Auf der anderen Seite steht der „Closer“, dessen ‚Organisation‘ kaum überzeugender wirkt. Sie besteht aus Jack und seiner Assistentin Nikki, die ihm außerdem wie Jiminy Cricket Disneys Pinocchio als Gewissen dient und um der dramatischen Wirkung willen eine taffe Nutte ist. Außerdem gibt es eine ‚geheime‘ Website, auf der sich publicitysüchtige Super-Strolche outen können. Obwohl Jack auf strengste Geheimhaltung angewiesen ist, kennt sogar Biker-Tölpel Goliath den „Closer“, der zu einem Mythos geworden ist, den Autor Cortez vor allem behauptet.

Richtig ärgerlich stimmt Cortez‘ schon erwähnte Zeilenschinderei. Mehrfach werden Figuren eingeführt, deren Existenz und Handeln zur Handlung kaum oder gar nicht beitragen. Einen aufwändig entführten Schurken lässt Nikki mit dem Versprechen, von jetzt an ein braver Junge zu sein, sogar einfach wieder laufen, weil es in unserer Geschichte keine Verwendung mehr für ihn gibt!

Einen Schatten der ursprünglichen „Closer“-Thematik bieten die Diskussionen zwischen Jack und „Remote“. Auch hier wird selbstverständlich viel Klischee-Stroh gedroschen. Wenigstens hat Cortez eine Idee, die glaubhaft begründet, wieso Jack seinem Gegner dessen Geheimnisse nicht durch Folter abpressen kann. Er muss alternativ planen. Was dabei herauskommt, ist einmal mehr unlogisch, bietet dem Leser aber endlich im Ansatz die ersehnten Überraschungen.

|Vom Ursprung des Blöden|

Liegt die enttäuschende Qualität dieser Fortsetzung in ihrer Veröffentlichung begründet? Der geschäftstüchtige Cortez setzt als Schriftsteller längst nicht mehr auf den klassischen Buchhandel. Unter dem Pseudonym D. D. Barant begann er 2009 eine Serie von Mystery-Thrillern, die zunächst und womöglich ausschließlich als eBooks veröffentlicht werden. Auch „Du wirst …“ erschien 2011 in diesem Medium, das gegenüber dem gedruckten Buch auch deshalb im Aufwind ist, weil es nachdrücklich beworben wird. Exklusive eBook-Verbrauchsliteratur kann dabei helfen, wenn sie dem größten gemeinsamen Leser-Nenner folgt und hohe Käuferzahlen generiert.

Cortez liefert, wofür er bezahlt wird. „Du wirst …“ zeigt, dass ihm dabei der Redaktionsschluss wichtiger als das Produkt ist. So wundert es kaum, dass dieser Roman nicht mit einem „Ende“, sondern mit einem weiteren Cliffhanger ausklingt: Siehe da, der „Patron“, den Jack in Band 1 blutig zur Strecke gebracht hat, schickt eine Mail: Er ist wieder da und fit für „Closer III“! Wie kann das logisch sein? Nur Spielverderber stellen solche Fragen! Viel wichtiger ist dem entsprechend geeichten Publikum, dass weiter gefoltert, getückt und gekillt wird!

_Autor_

Donn Cortez ist eines der Pseudonyme des kanadischen Schriftstellers Don Hildebrandt, der als „Don H. Brandt“ Science-Fiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin „Locus“ als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für Marvel Comics, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.

Ab 2006 verfasste Cortez, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Als „D. D. Barant“ schreibt Hildebrandt seit 2009 außerdem über die Fälle des FBI-Profilers Jace Valchek, der allerlei Monster wie Vampire und Werwölfe jagt.

|Taschenbuch: 317 Seiten
Originaltitel: Remote (TKA Distribution 2011)
Übersetzung: Simon Weinert
ISBN-13: 978-3-426-50983-8

Als eBook: April 2012 (Knaur eBook)
ISBN-13: 978-3-426-41304-3|

http://www.donncortez.com
http://www.ddbarant.com
http://www.sfwa.org/members/DeBrandt
http://www.knaur.de

_Donn Cortez bei |Buchwurm.info|:_
[„CSI Miami: Der Preis der Freiheit“ 5017
[„CSI Miami: Tödliche Brandung“ 5122
[„Closer“ 5371
[„Mörderisches Fest“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_-book=5686

D. E. Meredith – Der Leichensammler

Eine Serie bizarrer Morde erschüttert London im Winter des Jahres 1856; ein Polizist, ein eifriger Arzt und ein junger Aristokrat bemühen sich um die Auflösung einer Verschwörung, die ihrerseits ein unfassbares Verbrechen verbergen soll … – Gut recherchierter Historienkrimi, der zeitgenössische Missstände aufgreift und dramatisiert, wobei die Autorin ein wenig zu didaktisch in Empörung und Gräueln schwelgt: noch etwas verhaltener Einstieg in eine neue Krimi-Serie.
D. E. Meredith – Der Leichensammler weiterlesen

Rönkä, Matti – Grenzgänger, Der

_Auftritt des Wiesels: Der Privatdetektiv zwischen allen Fronten_

Viktor Kärppä ist russischer Emigrant – und ein Mann mit vielen Fähigkeiten. Da sein Diplom der St. Petersburger Sportakademie in Finnland nichts wert ist, hat er in Helsinki ein Detektivbüro eröffnet. Viktor nimmt Aufträge aller Art an und dient vielen Herren auf beiden Seiten der finnisch-russischen Grenze.

Nun soll er im Auftrag des Antiquars Aarne Larsson dessen Ehefrau Sirje finden, die spurlos verschwunden ist. Ein Routinejob, denkt Viktor. Doch die Suche nach der jungen Frau stört die Kreise gnadenloser Gangster. Denn bald stellt sich heraus, dass Sirje die Schwester des estnischen Drogenkönigs Jaak Lillepuu ist. Viktor gerät in das Fadenkreuz russischer Spione und estnischer Schmuggler, und als wäre das nicht genug, sitzt ihm noch der exzentrische Kommissar Korhonen im Nacken. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Für seinen ersten Roman ›Der Grenzgänger‹ wurde Rönkä sowohl mit dem ›Deutschen Krimipreis 2008‹ als auch mit dem finnischen Krimipreis 2006 ausgezeichnet. Der Autor erhielt außerdem den Nordischen Krimipreis 2007. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

„Bruderland“
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955
„Zeit des Verrats“

_Hintergrundinformationen _

Folgendes Wissenswertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornostajew / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im Zweiten Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden Menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten Papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Viktor Kärppä alias Viktor Nikolajewitsch Gornostajew sitzt in seinem Detektivbüro in Helsinki, als Aarne Larsson eintritt. Larsson ist ein Antiquariatsbuchhändler um die sechzig, der seine Frau Sirje, 35, seit Anfang Januar vermisst. Sie ist spurlos verschwunden. Selbst die Polizei hat die Suche aufgegeben, denn sie mischen sich nicht in die Angelegenheiten von Gangstern ein.

Gangster?, stutzt Viktor und schaut noch mal in Larssons detaillierten Unterlagen nach. Da steht’s: Sirjes estnischer Mädchenname lautet Lillepuu. Ihr Bruder ist der estnische Drogenkönig Jaak Lillepuu. Au Backe, denkt Viktor. Auch sein Auftraggeber Gennadi Ryschkow warnt ihn vor Jaak Lillepuu. Ein knallharter Typ, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Na, prächtig.

Ryschkows Partner Karpow beklagt sich, dass ihm und Ryschkow unbekannte Gangster eine Lagerhalle voll geschmuggelten Alkohols und gefälschter Zigarettenpackungen ausgeräumt hätten. Und den Wächter Jura hätten sie gleich mitgenommen. Dieser Jura taucht im Kofferraum eines japanischen Autos in einer Tiefgarage wieder auf. Allerdings in Einzelteilen. Was die Kriminalbeamten Teppo Korhonen und Ypi Parjanne neugierig darauf macht, ob wohl Kärppä etwas darüber weiß. Immer nett, wenn die Kripo morgens um drei auf einen Plausch vorbeischaut. Besonders ohne Schlüssel. Dass selbst Korhonen, der Viktor als Informant benutzt, über die Suche nach Sirje Bescheid weiß, findet Viktor auch nicht gerade beruhigend. Wer weiß noch davon?

Die letzte Spur von Sirje Larsson verliert sich in einem verfallenden Mietsblock voller Esten, Finnen und Ingermanländer. In der bezeichneten Wohnung ist sie nicht, wohl aber eine attraktive Psychologiestudentin namens Marja Takal, die Viktor äußerst interessant findet. (Er wird sie später heiraten.) Mit ihrer Hilfe hört er sich weiter um.

Aufschlussreicher ist ein Besuch in Estland bei Sirjes Eltern. Während ihr Vater recht verschlossen und abweisend wirkt, ist ihre Mutter recht besorgt. Aber hier finden sich keine Spur und kein Hinweis auf Sirje. Der Vater erwähnt, dass Sirjes Bruder Jaak Lillepuu am Telefon meinte, das interessiere ihn nicht. Doch als Jaak auf der Fähre zurück nach Helsinki persönlich auftaucht, klingt das ganz anders. Er legt Kärppä über die Reling, so dass dieser einen intensiven Blick auf die trügerischen Wellen der kalten Ostsee werfen kann. Die mit einem Messer unterstrichene Botschaft ist deutlich: Finger weg von dieser Sirje-Sache!

Die Botschaft kommt durchaus an. Doch als Kärppä sieht, dass Jaak eine Zigarette aus einer Packung raucht, die kürzlich aus Karpows Lagerhaus geklaut wurde, zählt er zwei und zwei zusammen. Hier ist etwas oberfaul, und er gedenkt, der Sache auf den Grund zu gehen. Er stößt auf gefälschte Leichen und einige unangenehme Wahrheiten …

_Mein Eindruck_

Wer seinen Dashiell Hammett und Raymond Chandler kennt, der weiß, dass kaum eine der Figuren, die in dieser Geschichte auftauchen, die ist, die sie zu sein vorgibt. Viktor Kärppä lernt noch auf die harte Tour, dass das Leben einen doppelten Boden hat und er sich beeilen sollte, dies mal nachzuprüfen, auf dass er nicht ins Bodenlose falle. Sein Fehler ist nur, dass er nicht annimmt, dass selbst der doppelte Boden noch eine weitere Ebene haben könnte.

Jeder verfolgt seine eigenen Absichten und andere müssen dafür die Zeche zahlen. Das war schon in den alten Noir-Krimis von Chandler & Co. so. Nach dem Fall des Eisernen Vorhang schicken sich die Russen und Esten an, Finnland zu überrennen und mit gefälschter Schmuggelware zu überschwemmen. Kein Wunder, dass ihnen Nationalisten wie Larsson in die Quere kommen können.

Zu den Russen zählt Kärppä natürlich selbst, und dass er einst bei einer Spezialeinheit der Russischen Armee ausgebildet wurde, kommt ihm jetzt zupass. Tarnen, spionieren, täuschen und tricksen, das liegt dem „Wiesel“, wie sein Name bedeutet, im Blut. Und diese Tatsache reibt ihm Teppo Korhonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase. Allerdings verdankt es Viktor diesen Fähigkeiten sowie seinen guten Kontakten in die Leningrader Unterwelt, dass er noch am leben ist.

Eine der wichtigsten Szenen, die Kärppäs Hintergrund beleuchten, dreht sich um sein in Ingermanland zurückgebliebenes Mütterchen. Die alte Frau hat das Putzen übertrieben und einen Herzanfall erlitten. Wer kümmert sich um sie, wer kommt für die Klinikkosten auf, wer transportiert ihre Söhne Alexej und Viktor hin und zurück? Viktor ist auf viele zwielichtige Leute angewiesen, in deren Schuld er ungern stehen möchte.

Zu diesen Leuten gehören auch sein Auftraggeber, Mentor und Chef Ryschkow. Kann Kärppa diesem Mann, der in vielen Halbweltprojekten seine Finger drin hat, wirklich trauen? Chandler-Kenner würden rufen: „Niemals!“ Warum sollte Kärppä auf solche Rufer hören? Nun, spätestens dann, als er sich in Jaak Lillepuus Organisation einschleusen lässt und dort unerwartet viele Gesichter sieht, die er ganz woanders vermutet hatte. Die Rückfahrt mit der estnischen Fähre mündet in einen spannenden Showdown.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzerin legt ein großes Gespür für die korrekte Wortwahl an den Tag, so dass der deutsche Stil meist ganz natürlich klingt. Mit zwei dubiosen Ausnahmen. Auf S. 16 heißt es: „Ich verkaufe also kaum fiktive Prosa“, sagt der Antiquar Larsson. Bei uns sagt man allerdings nicht „fiktive Prosa“, denn dass Prosa-Geschichten fiktiv sind, versteht sich ja von selbst. Man sagt daher „fiktionale Prosa“, also erzählende Prosa. „Fiktiv“ steht nur deshalb da, weil am Ende des Absatzes die Rede von Fiktion vs. Fakten ist.

Auf S. 67 steht der Satz “ …Ryschkow hatte möglicherweise zu enge Verbindungen zur FSP oder anderen Nachfolgeorganisationen des KGB.“ Korrekt wäre FSB, wie es ja dann auch in späteren Rönkä-Romanübersetzungen heißt. Den FSB gibt es bis heute.

_Unterm Strich_

Für sein Krimidebüt verlässt sich Matti Rönka auf die erprobten Kniffe der Altvorderen und Meister dieses Fachs. Trau keinem, der dich beauftragt oder dich um einen Gefallen bittet, sollte sich Viktor Kärppä hinter die Ohren schreiben. Und was du siehst, ist nicht unbedingt das, wofür du es hältst. Es ist eine Welt der Fälschungen, in der es keine festen Identitäten mehr gibt, keine festen Loyalitäten, und schon gleich gar keine Wahrheiten.

Aber es gibt die Stimme des Blutes. Sie ruft rein und wahr über viele Meilen hinweg. So findet Viktor Kärppä flugs ans Krankenbett seiner Mutter und trifft dort seinen Bruder. Schon bald werden sie in Rönkäs Romanen Seite an Seite auftauchen. Aber auch die Liebe kann ehrlich sein, und so kommt es nicht von ungefähr, dass Viktor Kärppäs letzter und dringendster Hilfruf nicht an Alexej gerichtet ist, sondern an seine Freundin Marja. Was wird sie damit machen? Diese Seite der Geschichte ist Rönkäs unverwechselbarer Beitrag zum Genre.

Jeder Krimi von Matti Rönkä bietet lohnende Krimilektüre (siehe meine Berichte). Das vorliegende Debüt erhielt so viele Auszeichnungen und Lorbeeren, dass ich sie hier lieber nicht aufzählen möchte. Sie könnten unglaubwürdig wirken. Das soll keinesfalls davor abschrecken, sich den 220-Seiten-Krimi in ein bis zwei Tagen zu Gemüte zu führen.

|Taschenbuch: 222 Seiten
Originaltitel: Tappaja näiköinen mies, 2002;
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3894255602|
http://www.grafit.de

_Matti Rönka bei |Buchwurm.info|:_
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955

Hilton, Matt – Knochensammler, Der

_Das geschieht:_

Joe Hunter, einst Elitesoldat der Special Forces und gewalttätig an den Fronten im Krieg gegen den internationalen Terrorismus aktiv, hat sich selbstständig gemacht. Man kann ihn anheuern, wenn finstere Zeitgenossen zur Bedrohung werden, die Polizei außen vor bleiben und die Lösung endgültig ausfallen soll.

Aktuell hat ihn Ex-Schwägerin Jennifer gerufen: Ihr nichtsnutziger Nicht-mehr-Gatte John ist bei einem seiner windigen Geschäfte in den USA verschollen. Obwohl die Brüder zerstritten sind, soll und wird Joe nach ihm suchen. Die Zeit drängt, denn jenseits des Atlantiks haben Polizei und FBI die Jagd auf John eröffnet: Man hält ihn für den berüchtigten „Tubal-Kain“, einen Serienkiller, der es auf die Knochen seiner Opfer abgesehen hat.

Tatsächlich haben sie die Wege von John und Tubal-Kain zufällig gekreuzt. Da John den Killer gleich mehrfach dumm aussehen ließ, hat der ihn in seine Gewalt gebracht, um ihn in seinen Schlupfwinkel in der Mojawe-Wüste zu verschleppen, wo er ihn zu Tode foltern will.

Allerdings gedenkt nicht nur Hunter, Tubal-Kain einen Strich durch die Rechnung zu machen. John hat gleich zwei Gangsterbosse bestohlen, die ihm deshalb ihre Schergen hinterherschicken. Ebenso präsent ist die Polizei. Zu allem Überfluss hat auch die CIA die Finger im Spiel. Hunters alter Freund Walter Conrad, jetzt Führungsoffizier für Undercover-Agenten, hat gute Gründe, dem ehemaligen Kameraden die private Jagd auf den Knochensammler zu gestatten. Da Hunter weiß, wie Geheimdienste ticken, fragt er sich allerdings, ob man auch ihn spurlos verschwinden zu lassen gedenkt, wenn er Tubal-Kain erwischt hat. Diese Frage rückt in den Hintergrund, denn statt unterzutauchen, nimmt der Killer freudig die Herausforderung an, gegen Joe Hunter anzutreten, und zeigt sich in diesem Kampf erschreckend einfallsreich …

|Schon wieder ein Killer-Genie?|

Geht man von den nackten Tatsachen aus, kann Matt Hilton keine besonderen Erwartungen wecken. Wie viele geniale Killer machen eigentlich die Buch- und Filmwelt unsicher? Sie scheinen den Löwenanteil ihrer Arbeitszeit damit zu verbringen, sich als geistig besonders derangierte Zeitgenossen zu präsentieren. Auch „Tubal-Kain“, der sich alttestamentarisch pompös nach dem Stammvater aller Eisen- und Messerschmiede nennt, dürfte bereits mit der Präparierung seines Schlupfwinkels rund um die Uhr beschäftigt sein und gar keine Zeit zum Morden haben. (Was ist übrigens ein ‚Schlupfwinkel‘ wert, der mit obskuren Knochen-Skulpturen ‚geschmückt‘ schon von Weitem sichtbar ist? Tubal-Kain ist zudem selten daheim und kann ungebetenen Besucher deshalb nicht die Tür weisen.)

Auf das ausgefahrene Hannibal-Lecter-Gleis will uns Hilton freilich gar nicht locken, auch wenn er hin und wieder befährt. „Der Knochensammler“ wird zum Action-Thriller, der seine Spannung weniger aus der Konfrontation als aus einer möglichst rasanten Handlung zieht. Dieses Ziel verliert der Verfasser nie aus den Augen, weshalb er die üblichen Fallen meidet, die eine solche Geschichte lähmen oder aus der Bahn werfen könnte. Dazu gehört eine unnötig intensive Figurenzeichnung, die womöglich durch ellenlange Rückblenden vertieft wird.

Gern schwelgen Action-Autoren auch in (waffen-) technischen Details und ähnlichem Ballast, der nur auf ein Tempo drückt, das auch deshalb wichtig ist, weil es eine in der Regel nur bedingt realistische Geschichte so rasch über logische Löcher treibt, dass der Leser diese kaum oder gar nicht zur Kenntnis nimmt. So erstaunt hier die Freiheit eines Hau-drauf-Söldners, der zehn Jahre nach 9/11 ungebremst und schwer bewaffnet durch gleich mehrere US-Staaten wüten darf: Die Rückendeckung durch einen nicht besonders ranghohen CIA-Kumpel macht’s möglich. Während Joe Hunter vorwärts stürmt, räumt Conrad hinter ihm die Leichen auf.

|Ein bisschen anders ist immer gut|

Glücklicherweise weiß Hilton, wie man dem Leser solche Unwahrscheinlichkeiten verkauft sowie eine Story vermeidet, die nur Klischees wiederkäut. „Der Knochensammler“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein Action-Thriller. Von denen schreibt Hilton einen pro Jahr; er kann sich deshalb nur bedingt an einer Geschichte festbeißen. Die daraus resultierende Fertigungseile meistert der Profi durch eine Routine, die jenen Lesern, die vor allem unterhalten werden möchten, entgegenkommt.

Den roten Faden bildet die Jagd, wobei Hilton kapitelweise vom „Jäger“ – der hier passend „Hunter“ heißt – zum „Wild“ springt. Genretypisch ist dieses „Wild“ lange im Vorteil; ein Faktor, den Hilton allerdings nicht durchgängig im Griff hat. Normalerweise müsste er Tubal-Kains schier übermenschlichen Fähigkeiten im letzten Drittel sacht dimmen, um ihn im finalen Duell dem Jäger höchstens gleichstark wirken zu lassen. Stattdessen wundert sich der Leser, wie rasch einem zudem gut vorbereiteten Super-Killer ein Ende gemacht werden kann.

Aber Tubal-Kain ist eben kein Killer der Oberliga. Vor allem er selbst vertritt diese Meinung, was üblich für einen Psychopathen ist. Ironisch bricht Hilton dieses überzogene Selbstbild mehrfach, indem er den Killer sehr menschlich irren lässt. So ist es der Diebstahl seines Wagens, der Tubal-Kain dermaßen ergrimmt, dass er seine mörderischen Aufstieg zum Ruhm unterbricht und den frechen Schurken verfolgt: Ein echtes (kriminelles) Mastermind hätte diesen Zwischenfall abgehakt.

|Die Tücke des Objekts|

Auf diese Weise lässt Hilton nicht zum ersten Mal die Handlung eine unerwartete Wendung nehmen. Der ahnungslose Dieb wird für den Mörder gehalten, während er tatsächlich ein verzweifeltes Katz-und-Maus-Spiel mit dem tatsächlichen Killer spielt, um am Leben zu bleiben. Solche Kniffe kennt der erfahrene Thriller-Leser zwar, der sich dennoch um Hiltons Finger wickeln lässt.

Ebenfalls genrekonform erhöht Hilton stetig den Schwierigkeitsgrad, dem sich Retter und Rächer Hunter ausgesetzt sieht. Nacheinander schalten sich immer neue Parteien mörderisch ins Geschehen ein. Schließlich hat Hunter nicht nur den Killer vor sich, sondern die Mordschergen zweier Gangsterbanden, das FBI, die CIA und die örtliche Polizei im Nacken. Dies sorgt nicht nur für Spannung, sondern auch für episodische Zwischenfälle, die zwar der eigentlichen Handlung nichts bringen aber effektvoll demonstrieren, wie gute Menschen es bösen Strolchen heimzahlen, was eine allzu rücksichtsvolle Gesetzgebung normalerweise verhindert; eine allzu ernsthaft liberale Haltung ist übrigens der Lektüre eines solchen Romans eher abträglich.

Selbstverständlich geht nicht nur dem Killer, sondern auch den Jägern ständig etwas schief. Selbst Kampfkraft und Entschlossenheit können gegen die Tücke des Objekts nichts ausrichten. Auch auf diese Weise steigert der Autor die Spannung, wobei er sichtlich von den Erfahrungen der eigenen Vergangenheit zehren kann: Matt Hilton war Sicherheitsmann und Polizist und ist Kampfsportler, was allen Beweihräucherungen hierarchisch und auf Disziplin aufgebauter Institutionen zum Trotz Männer vom Schlage eines Joe Hunter plastischer wirken lässt.

|Das Ende ist immer übel|

Für den weiter oben schon erwähnten erfahrenen (oder hart geprüften) Thriller-Leser gibt es diverse Boni. So überrascht angenehm Hiltons Erzählstil, der keineswegs künstlich knapp bzw. abgehackt atemlose Spannung suggerieren soll, sondern den zurückhaltend-sachlichen Stil des klassischen britischen Thrillers bewahrt, ohne zu vernachlässigen, dass wir inzwischen im 21. Jahrhundert leben. Ähnlich meisterhaft schreibt Hiltons Kollege Lee Childs über seinen gerechten Vigilanten Jack Reacher, der zumindest hierzulande deutlich erfolgreicher zuschlägt als Joe Hunter, obwohl auch dieser längst Held einer titelreichen Reihe ist.

Ebenfalls ein Zeichen für Routine und erzählerische Ökonomie ist der Verzicht auf allzu detailfreudige Metzel-Szenen. Zwar schreibt Hilton keineswegs zimperlich, aber er stützt sich nicht auf entsprechende Schilderungen, die er ins Geschehen integriert, wo es dramaturgisch Sinn ergibt. Eine Ausnahme bildet das Finale, das Hilton erstaunlich in Richtung Splatter-Horror abgleiten lässt. Hier überwältigt der Effekt doch die Story; womöglich bricht hier hinter dem Thriller-Autor Matt Hilton der Schriftsteller Vallon Jackson – Hiltons Pseudonym für seine Horror-Storys – hervor. Mit einem sarkastischen Schlusstwist kann Hilton diese Scharte aber in letzter Sekunde auswetzen. Der Ring ist frei für Joe Hunters nächstes Abenteuer, und der Leser wird als Zuschauer erneut & erfreut seinen Platz einnehmen.

_Autor_

Matthew Hilton wurde 1966 in Schottland geboren, wuchs jedoch in Carlisle in der englischen Grafschaft Cumbria auf, wohin die Familie umzog. Er begeisterte sich für (Kampf-) Sport und arbeitete 18 Jahre für einen privaten Sicherheitsdienst. Vier Jahre als Polizist schlossen sich an, bevor Hilton erfolgreich als Schriftsteller Fuß fassen konnte.

Geschrieben hatte Hilton schon in jungen Jahren. Er orientierte sich an Autoren, die auch im 21. Jahrhundert eher klassisch erzählen: Robert Crais, Jeffrey Deaver, Jack Kerley, David Morrell, Dean Koontz und vor allem John Connolly. In zwei Jahrzehnten entstanden sieben actionbetonte Romane, die sämtlich unveröffentlicht blieben. 2008 fand Hilton einen Agenten, der nicht nur seinen Debütroman bei einem Verlag unterbrachte: „Dead Man’s Dust“ (dt. „Der Knochensammler“), dem ersten Band einer Serie um den ehemaligen Söldner Joe Hunter, der sich nun als Söldner im Dienst der Gerechtigkeit durchschlägt, sollten gleich vier Romane folgen.

Weitere Bände schlossen sich an, als diese fünf Action-Thriller sehr erfolgreich wurden. Jedes Jahr veröffentlicht der weiterhin in Cumbria ansässige Hilton vertragsgemäß ein neues „Hunter“-Abenteuer. Unter dem Pseudonym „Vallon Jackson“ veröffentlich Hilton außerdem Horror-Storys. Er ist zudem Mitherausgeber des Webzines „Thrillers, Killers ’n‘ Chillers“.

|Taschenbuch: 379 S.
Originaltitel: Dead Men’s Dust (London: Hodder & Stoughton 2009)
Übersetzung: Imke Walsh-Araya
ISBN-13: 978-3-453-43425-7|
http://www.matthiltonbooks.com
http://matthiltonbooks.blogspot.de
http://vallonjacksonbooks.wordpress.com
http://www.randomhouse.de/heyne

Rönkä, Matti – Entfernte Verwandte

_Finnen-Krimi für den langen Atem_

Helsinki 2006: Viktor Kärppä führt gerne mal billigen Fusel aus Russland ein, um ihn teuer weiterzuverkaufen. Ansonsten sind seine Geschäfte durchaus legal. Okay, da sind die zwei Wohnungen, die er an einen russischen Gangster vermietet hat. Aber was geht das Viktor an? Das ändert sich, als er dort kiloweise Drogen findet. Und kurz darauf ein entfernter Verwandter ermordet wird … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönka lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

„Der Grenzgänger“
„Bruderland“
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
„Zeit des Verrats“

Hinsichtlich des Hintergrunds bitte meine Rezension zu „Russische Freunde“ lesen. Danke.

Folgendes Wissenswertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornojewitsch / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im II. Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden Menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Der Bauunternehmer Viktor Kärppä kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Seit seine Lebensgefährtin Marja eine kleine Tochter namens Anna hat, fordert sie von Vitjuha mehr Erfüllung seiner Vaterpflichten. Doch in der Firmenkasse herrscht Ebbe, die nach Flutung verlangt. Das Baugeschäft bringt wenig ein, also hat Viktor an den Exilrussen Maxim Frolow zwei Wohnungen vermietet. Weil ihm Frolow auch noch Schwarzarbeiter andrehen will, schaut Viktor mal nach dem Rechten. Was er findet, schockt ihn.

In Wohnung Nr. 1 hat Frolow ein Bordell eingerichtet. Wenigstens verrät ihm die Prostituierte, was es mit Frolows Geschäften auf sich hat: Menschen- und Drogenhandel beispielsweise. In Wohnung Nr. 2 findet er einen Junkie im Heroinrausch vor. Na prächtig, denkt Viktor, und es ist auch noch Slawa, den er als Hausmeister eingestellt hat, um ihn von der Straße zu holen. Das hat man nun von der Nächstenliebe. In einem Versteck findet er mehrere Kilo Rauschgift, das Frolow hier wohl gebunkert hat.

Bevor man jemanden verrät, sollte man unter Russen immer erst prüfen, über welche Verbindungen das Ziel verfügt. Deshalb schaltet Viktor den Kulturattaché der russischen Botschaft in Helsinki. Mit anderen Worten: den Chefspion Putins in Finnland. Alexander Malkin liefert auch die entsprechenden Informationen über Frolows Verbindungen: einen Esten und einen Tschetschenen. Der Este Wadim besorgt das Rauschgift, aber der Tschetschene Imran ist wahrscheinlich ein Terrorist. Das baut Viktor richtig auf. Er verweist Slawa sicherheitshalber des Landes, bevor der sich zusammenbrauende Ärger blutig wird.

Eines Tages steht eine Frau mit einem Jungen vor der Tür, und Marja ärgert sich erneut: Is Viktors Haus jetzt zum Asylantenheim erklärt worden? Aber nein. Xenja ist die Frau von Pawel, seinem Vetter 2. Grades, und Sergej ist ihr Sohn. Pawel, der aus dem russischen Ingermanland (s. o.) stammt, sollte hier in Finnland ein paar Wochen oder Monate auf dem Bau schwarz arbeiten, erzählt sie, doch er habe nie wieder etwas von sich hören lassen. Blutsbade verpflichten ihn, Xenja und Sergej aufzunehmen. Wenigstens dies versteht Marja.

Inzwischen sind die Cops Viktor auf den Fersen, denn sie versuchen, etwas über seinen angeblichen „Partner“ Maxim Frolow herauszufinden. Als auch noch Frolows Handlanger Wadim und Imran ihn einzuschüchtern versuchen, weil sie alles über Slawas Verschwinden erfahren haben, ist das Maß voll. Viktor besorgt sich eine Lebensversicherung in Gestalt des gebunkerten Heroins in seiner Wohnung. Die Prostituierten bringt er bei seiner Sekretärin Oksana unter.

Doch wo ist nur Vetter Pawel abgeblieben, fragt sich Viktor, der von seine Kusine Xenja täglich neu daran erinnert wird. Als ein Pärchen die verbrannte Leiche von Pawel auf einer versteckten Baustelle findet und gleich danach der Cop Teppo Korhonen bei Viktor auftaucht, äußert Viktor seinen Verdacht gegen Frolow, der ja solche Schwarzarbeiter als moderne Sklaven ausbeutete.

Kurz darauf ist Xenja verschwunden. Viktor und sein Assistent Matti Kiuri ahnen Schlimmes. Sie bewaffnen sich bis an die Zähne und rasen los, um Maxim Frolow einen längst überfälligen Besuch abzustatten …

_Mein Eindruck_

Wie schon in „Russische Freunde“ und „Zeit des Verrats“ setzt sich der Autor kritisch mit dem neuen Finnland auseinander, das offenbar von vielen Russen besiedelt wird. Nicht zuletzt auch von Russen, die ehemals Finnen waren, also Karelier und Ingermanländer (s. die Hintergrundinformation). Welche Moral und Absichten hegen diese Zugewanderten, fragt der Autor, und das Urteil fällt nicht immer positiv aus.

Maxim Frolow ist der ultimative Gangster, der sich als Biedermann ausgibt. Doch Drogen- und Menschenhandel sind für ihn kein Problem. Hauptsache, seine Schergen, der Tschetschene und der Este, machen für ihn die Drecksarbeit, solange er seine weiße Weste behalten kann. Natürlich versucht er, auch so „aufrechte“ Zuwanderer wie Viktor Kärppä zu korrumpieren. Doch dabei löst er einen alten Konflikt aus, der ihn Viktor zum Feind macht: die entfernten Verwandten erheben ein Anrecht auf Viktor – und ausgerechnet einen davon, Pawel, hat Frolow als modernen Sklaven ausgebeutet und dessen Witwe und Waisensohn hinterlassen. (Wer jetzt an antike Mythen denkt, liegt genau richtig.)

Sicher, Viktor ist selbst kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Ex-Karelier. Und ebenso wenig sind es wohl seine Vorväter gewesen, wie wir aus seinen Erinnerungen und Träumen erfahren. Darutner waren Rebellen, aber auch Kollaborateure mit dem russischen System. Und schließlich hat Mütterchen Russland selbst dafür gesorgt, dass aus Viktor etwas Rechtes wurde: Es bildete ihn zum Soldaten der Spezialtruppen ebenso aus wie zum Skilaufweltmeister – eine körperliche Kondition, die ihm auch heute noch, rund 20 Jahre später, zustatten kommt.

Die causa Frolow zwingt Kärppä, das listenreiche Wiesel, sich für eine Seite zu entscheiden. Der Moment dafür lässt sich genau bezeichnen. Viktor hat Frolows Drogenversteck in Ruhe gelassen, obwohl das Rauschgift ein Vermögen wert ist. Erst als der Tschetschene und der Este ihm und Matt Kiuri drohen, sieht Kärppä den Zeitpunkt gekommen, sich die Heroin-Kilos anzueignen – sie liegen ja in seiner eigenen Wohnung – und als Lebensversicherung zu verwenden. Er denkt nicht im Traum daran, das Teufelszeug selbst zu verhökern. Damit würde er sich auf eine Stufe mit Frolow stellen.

Eine zweite, finale Wendung erfolgt, als Pawel, Xenjas mann, tot aufgefunden wird und Xenja selbst verschwindet. Wurde sie entführt, fragen sich Viktor, Matti, Sergej und schließlich auch Marja. Nur ein Besuch bei Frolow kann Aufklärung bringen. Doch was dann folgt, ist alles andere als das, was der Leser, der amerikanische Krimikost gewöhnt ist, erwartet hat.

_Die Übersetzung_

Zur Übersetzung gilt, was ich bereits über „Russische Freunde“ und „Zeit des Verrats“ schrieb:

„Die Übersetzerin hat nicht nur die wechselnden Ebenen des sprachlichen deutschen Stils gut getroffen, sondern auch unzählige kulturelle Details Finnlands und Russland sicher übertragen. Inwieweit sie dabei eigene Formulierungen hat einfügen müssen, bleibt unklar. Jedenfalls hat sie dazu keine Fußnoten bemüht, die manchen Lesern ja so lästig fallen.

Weil es keine Fußnoten gibt, muss man sich aber auch mit der Tatsache abfinden, dass manche der russischen Ausdrücke, die Viktor benutzt, einfach so stehen bleiben. Es sind allerdings nie ganze Sätze, so dass man die Wörter leicht online nachschlagen kann.“

Diesmal hat Gabriele Schrey-Vasara zwei Fehler gemacht. Der Erste findet sich auf Seite 154: „… den Gegner mit einem skrupellosen Angriff überrempeln.“ Korrekt wäre natürlich „überrumpeln“. Das (An-) Rempeln wäre viel zu schwach und wirkungslos.

Das erste Wort auf S. 233 lautet „Kriminalmeister“. Unter diesem finnischen Polizeidienstgrad, dem offenbar untersten bei der Kripo, kann sich der deutsche Leser leider nichts vorstellen. Hier wäre die deutsche Dienstgradentsprechung besser gewesen.

_Unterm Strich_

Für meinen dritten Rönka-Roman habe ich etwas länger als sonst benötigt. Der Auftakt scheint kein Ende zu nehmen, und die Mitte scheint nirgendwohin zu führen. Erst der Abschluss der vielen ausgeworfenen Handlungsfäden erfolgt mit der angemessenen Spannung und Action. Andererseits lebt dieser Roman von seinen inneren Kontrasten.

Der Handlungsstrang um den Karelier Pawel Wadajew beispielsweise ist sehr subjektiv im Erzählstil des persönlichen Erzählers gehalten, so dass wir zwar viel von seiner schlichten Denkungsart mitbekommen, aber reichlich wenig von Außenwelt. Es ist fast schon ein innerer Monolog, ähnlich einem der zahlreichen Träume, die Viktor Kärppä erlebt.

Dann wieder erlebt Kärppä mit seinem Spezialfreund Korhonen von der Kripo einen merkwürdigen Dialog nach dem anderen. Der kleine Sergej, Xenjas Sohn, erklärt Teppo Korhonen für „plemplem“, und damit hat er völlig recht. Allerdings versteckt der Finne mit seiner überdrehten Art nicht nur seine Verzweiflung über seine eigene Familie (drei Frauen!), sondern auch die wachsende Frustration über permanente dienstliche Zurücksetzungen. Muss er sich doch neuerdings von einem jungen Schnösel herumkommandieren lassen!

Dem stehen die harten Fakten gegenüber, die Kärppä schrittweise über Frolow ans Tageslicht fördert: der Handel mit harten Drogen aus Estland, die Zuhälterei mit russischen und estnischen Frauen, schließlich der Menschenhandel mit Fremdarbeitern wie Pawel Wadajew. Kärppä, das alte Wiesel, erkundigt sich erst einmal, wie die Russen überhaupt zu Frolow stehen, bevor er ihn sich vornimmt. Weder die Petersbürger Unterwelt noch die Spione in der russischen Botschaft würden Frolow auch nur eine Träne nachweinen, ganz im Gegenteil.

Deshalb scheint Viktor der Menschheit in Form der finnischen Gesellschaft einen Gefallen zu tun, wenn er Frolow zur Rede stellt, wo Xenja abgeblieben sei. Doch das, was er vorfindet, entspricht ganz und gar nicht seinen Erwartungen. Mehr darf nicht verraten werden. Man sieht also, dass man für diesen Kärppä-Krimi einen etwas längeren Atem mitbringen sollte. Aber das Finale entlohnt für die Mühe voll und ganz.

|Hinweis|

„Entfernte Verwandte“ sollte um der Chronologie der Ereignisse willen nach „Russische Freunde“ und vor „Zeit des Verrats“ gelesen werden. Der Hauptgrund ist der, dass der kleine Sergej, Xenjas Sohn, in „Russische Freunde“ noch nicht da ist, in „Zeit des Verrats“ aber gar nicht mehr erklärt wird. Die Erklärung liefert nur der Roman dazwischen, eben „Entfernte Verwandte“.

|Originaltitel: Isä, poika ja paha henki, 2008;
Taschenbuch: 253 Seiten
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3404166633|
http://www.luebbe.de

_Matti Rönkä bei |Buchwurm.info|:_
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947

Agatha Christie – Alibi

Das geschieht:

King’s Abbot ist ein Dorf irgendwo in Südengland. Auf den ersten Blick ist die Zeit hier stehengeblieben; es geht beschaulich zu, die große Welt ist weit entfernt, Neuigkeiten bestehen aus Klatsch & Tratsch, der sich meist auf die zahlenarme örtliche Prominenz konzentriert. Diese beschränkt sich auf die Familien Ferrars und Ackroyd, die auf King’s Paddock bzw. auf Fernly Park residieren. Bisher stand Mrs. Ferrars im Zentrum des Dorfgeredes; sie gilt als Mörderin ihres Gatten, der vor einem Jahr recht unerwartet starb. Die Polizei sah keinen Grund zum Eingreifen, zumal Hausarzt Dr. James Sheppard einen natürlichen Tod bescheinigte. Nun starb auch Mrs. Ferrars – der Selbstmord einer von Reue zerfressenen Frau, wird in King’s Abbot gemunkelt. Agatha Christie – Alibi weiterlesen

Rönkä, Matti – Russische Freunde

_Die finnisch-russische Connection: Buddy Movie oder Actionkrimi? _

Viktor Kärppä ist cool und smart – und hat eine Spezialausbildung der Russischen Armee hinter sich. Nun lebt er friedlich in Helsinki. Bis das Haus, das er mit seiner Lebensgefährtin Marja eingerichtet hat, niederbrennt. Ursache: Brandstiftung. Kärppä hat sich in Russland offenbar jemanden Großes zum Feind gemacht. Er musst dorthin reisen und sich in die Höhle des Löwen begeben … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

1) Zeit des Verrats
2) Entfernte Verwandte
3) Bruderland
4) Der Grenzgänger

_Handlung_

Der Mann, der sich jetzt Viktor Kärppä nennt und in einem Vorort von Helsinki mit seiner Lebensgefährtin Marja lebt, frönte nicht immer einer so friedlichen Existenz als Hersteller von Fertigbauhäuschen. Er war mal in einer Spezialeinheit der russischen Armee, hat auch noch Verbindungen zur dortigen Halb- und Unterwelt. Russische Freunde, denkt Vitja, kann man immer brauchen.

Ganz besonders dann etwa, als zwei geschniegelte Typen in Geschäftsanzügen bei ihm auftauchen und verlangen, dass er alle seine Firmen – und es sind schon eine ganze Reihe – auf sie überschreibt. Wenn er wisse, was gesund für ihn ist. Viktor denkt gar nicht daran und hält die beiden Typen hin, die bald von handfesten Typen in Anoraks gefolgt werden. Er überschreibt seine Firmen in ein zugriffssicheres Dickicht von Holdings und Briefkastenfirmen, während er sich in St. Petersburg erkundigt, wer eigentlich dahintersteckt.

Als die Russen sein schönes neues Haus abfackeln, befindet sich zum Glück Marja nicht darin. Aber jetzt ist klar, dass sein Bruder Aleksej Marja bei ihrer russischen Familie verstecken und Viktor schleunigst abhauen muss. Bevor sie ihn in seiner Lagerhalle aufspüren, wo er seine falschen Pässe und Kreditkarten hervorholt, stößt er auf Teppo Korhonen, den finnischen Polizisten, der unbedingt Lorbeeren mit der Lösung eines „großen Falls“ ernten möchte. Der alte Cop hat neue Ehren offenbar dringend nötig. Und so tut sich Viktor notgedrungen mit ihm zusammen. Denn Korhonen hat wenigstens einen fahrbaren Untersatz.

Allerdings sind ihnen die russischen Verfolger auf den Fersen. Während sich das ungleiche Duo seinen Weg freikämpft, versucht Kärppä herauszufinden, wer ihm ans Leder will. Und die Hinweise sind nicht gerade vielversprechend. Er wird sogar bereits entlang der finnisch-russischen Grenze von den Leningrader Mafiabossen und ihren Helfern erwartet, heißt es.

Aber ein Ass hat Viktor noch im Ärmel, denn er war nicht umsonst in der Roten Armee Hauptmann. Im hintersten Nordfinnland macht er zusammen mit Korhonen über die Grenze und begibt sich mit Hilfe seiner ehemaligen Armeegenossen in die Höhle des Löwen. Das ist bestimmt das Letzte, was der unbekannte Feind von ihm erwarten würde, oder?

_Mein Eindruck_

Falsch gedacht, denn der „Feind“ sitzt ganz woanders, wie ja schon der Buchtitel andeutet. Genug verraten! Die Figur des Viktor Kärppä alias Kornojewitsch macht die Krimireihe, die Matti Rönkä kontinuierlich ausbaut, so einzigartig und unverwechselbar. Er ist ein Grenzgänger, der es aus der ehemaligen Sowjetunion in den reichen Westen geschafft hat.

Denkt er. Leider findet das nicht jeder gut, den er hinter gelassen zu haben meint. Es gibt „russische Freunde“ jenseits der finnischen Grenze, die ihm mal so, mal so gegenüberstehen. Viele sind in der Halbwelt, in die Militärangehörige und Geheimdienstler gerutscht sind. Manche sind immer noch beim Militär und retten Viktor den Hintern. Sogar alte Geheimdienstcodes des FSB kann er noch (wenigstens einmal) verwenden. Dieser Hintergrund zusammen mit seiner Spezialausbildung zu einem eiskalten Killer machen Viktor zu einem Protagonisten, von dem sich der Actionfreund einiges erwarten darf.

Dummerweise will Viktor ein friedlicher Zivilist sein, dem nichts so zuwider ist wie aufzufallen. Ganz besonders in Finnland, seiner neuen Heimat, wäre es äußerst lästig, wenn die Behörden auf ihn aufmerksam würden, denn er denkt gar nicht daran, irgendwelche Steuern zu bezahlen. Auch Marja, seiner Angebeteten, ist ein Besuch vonseiten der Cops – oder gar von Gangstern – nicht zuzumuten, findet er.

Leider hat er aber dann doch eine polizistische Klette am Hintern, und das ist kein anderer als der unverwechselbare Teppo Korhonen. Teppo scheint der übliche trinkfreudige Saunagänger zu sein, als den man sich mancherorts einen typischen finnischen Mann vorstellt. Doch unter seiner sangesfreudigen Art verbirgt Teppo großen Schmerz, ein humanes Gemüt und sogar einen Cop, der, wenn’s darauf ankommt, auch mal die Knarre zum Einsatz bringt. So rettet er etwa Viktors Hintern, als der in der Klemme steckt. Teppo ist dafür sogar barfuß durch Brennnesseln getapst – wie er nicht aufhört, Viktor jammervoll in Rechnung zu stellen.

Dieses dynamische Duo verkörpert das neue Finnland, das voller Fremder ist. Viele Exilrussen stoßen auf alteingesessene Finnen, die ihnen erst einmal misstrauisch gegenüberstehen. Diese Russen bringen natürlich ihre Eigenheiten mit, so etwa die Steuerhinterziehung, die Schwarzarbeit und vieles mehr. Andererseits bieten sie Cops wie Korhonen einen Zugang zum Riesenreich der Russen, von dem ja ein kleiner Teil, nämlich Karelien, einmal finnisches Staatsgebiet war.

Vielfach wird im Buch an die Winterkriege 1941 bis 1944 hingewiesen, als Sowjets und Finnen (und zeitweilig auch die deutsche Wehrmacht) dieses Gebiet umkämpften (es gibt dazu auch den Spielfilm „Beyond the Frontline“ von 2004). Die finnischen Soldaten, die sich damals für Karelien und die finnische Freiheit „opferten“, sind in den finnischen Legenden längst zu Märtyrern und Helden verklärt worden, ganz besonders der Nationalheld General Mannerheim.

Über den Umweg Viktor Kärppä gelingt es dem Autor, diese finnische Eigenart zu relativieren und einer ganz leisen Kritik zu unterziehen: Übertreiben es die Finnen nicht ein bisschen mit ihrer Heldenverehrung? Der Autor, selbst ein bekannter TV-Journalist, hält seinen Landsleuten den Spiegel vor.

Doch er vergisst nicht, dass er den Leser auch unterhalten muss. Nach einem Mittelteil mit vielen verschlungenen Wendungen und tröpfchenweise errungenen Informationen, der einem humorvoll-ironischen Budday Movie sehr ähnelt, findet der Roman doch noch zu einem mit Action und Spannung geladenen Finale. Hier trifft Viktor endlich auf seinen eigentlichen Gegner. Er denkt, er hat alle Trümpfe in der Hand, doch er lässt sich ablenken. Unversehens hat der Gegner die besseren Karten. Korhonen zum Einsatz!

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin hat nicht nur die wechselnden Ebenen des sprachlichen deutschen Stils gut getroffen, sondern auch unzählige kulturelle Details Finnlands und Russland sicher übertragen. Inwieweit sie dabei eigene Formulierungen hat einfügen müssen, bleibt unklar. Jedenfalls hat sie dazu keine Fußnoten bemüht, die manchen Lesern ja so lästig fallen.

Weil es keine Fußnoten gibt, muss man sich aber auch mit der Tatsache abfinden, dass manche der russischen Ausdrücke, die Viktor benutzt, einfach so stehen bleiben. Es sind allerdings nie ganze Sätze, so dass man die Wörter leicht online nachschlagen kann.

_Unterm Strich_

Der Krimianteil eines solchen Spannungsroman wird vom Autor zwar nie vernachlässigt, aber auch nicht allzu sehr hervorgehoben, vor allem nicht im Mittelteil. Dort merken wir dann, dass es dem Autor um den Kultur-Clash geht, wenn ehemalige Russen wie Viktor Kärppa und alteingesessene Finnen wie Teppo Korhonen aufeinandertreffen. Dann bekommt jede Kultur mitsamt ihren Helden ihr Fett weg. Der Leser, der schon einiges über die Finnen weiß, etwa durch Arto Paasilinnas humorvolle Romane, ist dabei zweifellos im Vorteil. Denn es gibt im Buch weder ein Glossar noch Fußnoten.

Ich fand diese Konstellation jedenfalls recht erfrischend. Kärppä ist einerseits nicht der eiskalte russische Killer, sondern ein Möchtegern-Zivilist, der sich widerwillig russischer Eigenheiten bedienen muss. Sein Buddy wider Willen, der finnische Polizist Teppo Korhonen, andererseits verdeckt seine Fachkompetenz gekonnt hinter dem Klischee des sanges- und trinkfreudigen Saunagängers.

Von dieser Fassade sollte man sich nicht täuschen lassen. Wie in einem Road Movie müssen sich die beiden Männer, der russische Beinahegangster und der finnische Kommissar, miteinander anfreunden. Da kann es schon mal passieren, dass Teppo friedlich einkaufen geht, während Viktor kurz mal die Verfolger zu Kleinholz zerlegt – mit einer Botschaft an deren Auftraggeber, versteht sich.

Diese Doppelbödigkeit macht den eigentlichen Reiz des Romans aus. Das Finale jenseits der Grenze liefert dann das Sahnehäubchen auf der Spannungsseite. Ganz nebenbei lernen wir genau diese Grenzgegend genau kennen, und hier scheinen sich noch eine Menge zwielichtige Gestalten herumzutreiben. Wer will, könnte also locker mal rübermachen, entweder nach Russland oder in den glorreichen Westen. Viktors Wohlergehen jedoch hat bei alten Freunden Neid und Minderwertigkeitsgefühle geweckt. Ob die ihn einfach so ungeschoren reich werden lassen? Zweifel sind angebracht.

|Originaltitel: Ystävat kaukana, 2005
189 Seiten
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3404160273|
http://www.bastei-luebbe.de

Joe R. Lansdale – Ein feiner dunkler Riss

Das geschieht:

13 Jahre ist Stanley jung, als die Familie Mitchel – Vater Stanley, Mutter Gal und Schwester Caldonia, frühreife 16 – in die kleine Stadt Dewmont im US-Staat Texas ziehen. Dort übernimmt der Senior das örtliche Autokino; ein Geschäft, das gut läuft, denn wir schreiben das Jahr 1958.

Allmählich lebt die Familie sich ein. Beim neugierigen Streifzug durch die Wälder der Umgebung stoßen Stanley Junior und Caldonia auf die Ruinen eines Hauses. Hier ging vierzehn Jahre zuvor die Villa der Stilwinds, der ersten Familie des Ortes, in Flammen auf; dabei starb die Tochter Juwel Ellen. Die Tragödie blieb der Bevölkerung auch deshalb im Gedächtnis, weil man in derselben Nacht die junge Margret Wood vergewaltigt und kopflos auf dem Bahngleis fand; der Täter wurde niemals ermittelt. Seitdem spuke Margrets Geist an der Mordstätte umher, heißt es. Joe R. Lansdale – Ein feiner dunkler Riss weiterlesen

Cyril Hare – Selbstmord ausgeschlossen

Hare Selbstmord ausgeschlossen Cover Diogenes kleinDas geschieht:

Als der alte Leonard Dickinson sein Leben aufgrund einer allzu großzügig bemessenen Schlafmittel-Dosis im ländlich ruhigen Pendlebury Old Hall Hotel aushaucht, ist als Urlaubsgast und Zeuge zufällig Inspektor Mallet von Scotland Yard vor Ort. Er hatte Dickinson am Vorabend als schwermütigen Mann kennengelernt, was er auch zu Protokoll gibt. Da es keine verdächtigen Indizien gibt, wird der Fall als Selbstmord zu den Akten genommen.

Diese Nachricht sorgt bei den Hinterbliebenen für Aufregung. Gattin Eleanor, Sohn Stephen und Tochter Anne sind für ihren Lebensunterhalt auf das Erbe angewiesen. Leonard hinterließ zwar eine Lebensversicherung in Höhe von 25.000 Pfund, die jedoch bei Selbstmord des Versicherten nicht ausgezahlt wird.

Cyril Hare – Selbstmord ausgeschlossen weiterlesen

Rother, Stephan M. – Ich bin der Herr deiner Angst

Im Hamburger Club „Les Fleurs du Mal“ machen die Polizisten eine grausige Entdeckung: Ihr Kollege Ole Hartung, der undercover im Club ermitteln sollte, wurde dort brutal ermordet. Selbst der erfahrene Ermittler Jörg Albrecht ist sprachlos und gibt sich selbst die Schuld, denn er war derjenige, der seinen Kollegen in diese verdeckte Ermittlung geschickt hatte. Eine schlanke Gestalt in einem Catwoman-Kostüm war zuvor mit Ole im Club angekommen – wer ist die geheimnisvolle Person, der Hartung fälschlicherweise sein Vertrauen geschenkt hat? Um seine Witwe zu trösten, kündigt sich die hochschwangere Polizistin Kerstin Ebert an – doch obwohl sie nur wenige hundert Meter entfernt wohnt, kommt sie nie bei der trauernden Frau Hartung an. Kurze Zeit später wird Kerstin Ebert auf dem Friedhof ermordet aufgefunden, eine tödliche Strahlendosis war ihr und ihrem Baby zum Verhängnis geworden.

Durch eine Zeugin erfahren die Ermittler, dass Kerstin Ebert sich regelmäßig mit einem älteren Herrn im Rollstuhl auf dem Friedhof getroffen hat und es den Anschein hatte, dass sie diesem Mann vertraut. Wie passen Catwoman und der alte Mann im Rollstuhl zusammen? Die Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs fragen sich, ob es auch in ihrem Leben eine Person gibt, die erst vor Kurzem in ihr Leben getreten ist und der sie aber vertrauen, ohne dass andere Menschen in ihrem Umfeld davon ahnen. Albrecht ist sich dessen nicht bewusst, doch bei Hannah klingeln sämtliche Alarmglocken, denn erst kürzlich ist sie mit einem sehr attraktiven Mann im Bett gelandet, der ihr auch jetzt wieder über den Weg läuft. Hat sie etwa eine Affäre mit dem Mörder?

Noch weitere Morde geschehen, alle Opfer hatten mit einem Kriminalfall zu tun, der bereits 30 Jahre zurückliegt und an dem Albrechts ehemaliger Vorgesetzter zerbrochen ist, weil dessen Tochter dabei ums Leben gekommen ist. Doch was hat der damalige Fall mit dem aktuellen zu tun? Immerhin sitzt der damalige Täter in der Psychiatrie in Königslutter fest und kann schwerlich selbst für die neuen Taten verantwortlich sein …

_Angstspiel_

Im direkten Umfeld der Hamburger Kriminalbeamten Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs kommen Menschen auf grausame Art und Weise ums Leben. Der Täter spielt offensichtlich mit den ureigensten Ängsten der Menschen – ein späteres Opfer wird lebendig begraben, ein anderes kopfüber in einen Sumpf gehalten, bis es ertrinkt. Albrechts Sekretärin hat schnell den richtigen Riecher, denn 30 Jahre zuvor gab es einen sehr ähnlichen Fall, den Traumfängerfall, bei dem die Menschen ebenfalls an ihren eigenen Ängsten gestorben sind. Alle Spuren führen zu diesem Fall, und so laufen auch in der Psychiatrie in Königslutter schließlich alle Fäden zusammen. Jörg Albrecht schafft es, Zugang zu dem Täter von damals zu erhalten und ihn zu dem neuen Fall zu befragen. Doch merkt er schnell, dass die Befragungen zu einem Katz-und-Maus-Spiel verkommen und er in eine Falle zu tappen scheint. Was aber wird hier gespielt?

Noch größere Ängste steht Hannah Friedrichs aus, die sich Hals über Kopf (obwohl sie ja verheiratet ist) in die Affäre mit einem erfolgreichen Anwalt gestürzt hat, der ihr aber immer dubioser vorkommt und der offensichtlich auch etwas zu verheimlichen hat. Als sie auf der Arbeit ein Video von einem ihrer Sexspielchen erhält, läuft es ihr eiskalt den Rücken runter – wer hat ihr das Video geschickt und was bezweckt der Erpresser damit?

Stephan M. Rother schafft es auf der ersten Hälfte des Buches, seine Leser vollkommen in den Bann zu ziehen. Die Taten sind so grausam, wie man es sich nur in seinen düstersten Albträumen je ausgemalt hat. So fiebert man der Auflösung entgegen und grübelt mit den Ermittlern zusammen, wer hinter der Mordserie stecken kann und hofft inständig, dass es keinen treffen möge, der einem beim Lesen bereits ans Herz gewachsen ist. Doch Rother verschont praktisch niemanden. Viele Personen haben nur sehr kurze Auftritte, sodass man sie kaum kennen lernen kann, aber schon bei der zweiten Toten – der hochschwangeren Polizistin – weiß man, hier werden Albträume wahr. Der Spannungsbogen ist über weite Strecken einfach nur genial. Ich habe das Buch abends kaum aus der Hand legen können, weil es so spannend war.

Dann aber sackt die Spannung komplett in sich zusammen: Als Stephan M. Rother beginnt, den Fall von damals wieder aufzurollen und er häppchenweise zu erklären beginnt, was hinter dem neuen Fall steckt, wird es immer abstruser. Bei seiner Auflösung hat er noch die eine und auch andere dicke Überraschung in petto, denn natürlich steckt jemand hinter der Mordserie, den man nun wirklich nicht auf dem Schirm gehabt hatte und es hängen auch tatsächlich beide Mordserien miteinander zusammen, doch die Verbindung ist dermaßen hanebüchen, dass ich am Ende nur noch den Kopf schütteln konnte. Dazu trägt der rund 100-seitige Showdown bei, der zäh wie Kaugummi ausfällt und trotz der lebensgefährlichen Situation nicht so recht packen will. Hier wäre weniger wirklich mal mehr gewesen.

Was mir auch nicht wirklich gefallen hat: Das Buch ist aus der Ich-Perspektive erzählt, und zwar aus Sicht von Hannah Friedrichs. In den Szenen, in denen sie nicht dabei ist – wenn Jörg Albrecht sich beispielsweise mit einem Psychologen trifft, um ein Täterprofil zu erstellen – fehlt diese Ich-Perspektive zwar, aber wann immer Hannah Friedrichs dabei ist, erzählt sie uns die Geschichte. Und das mag nicht so recht überzeugen – wieso gerade Friedrichs, die weder die Ermittlung leitet noch die entscheidenden Schritte zur Aufklärung macht? Am Ende durchschaut sie den Mörder zwar als Erste, aber auch da überzeugt sie bei ihrem Auftritt im Showdown nicht wirklich. Ich habe nicht generell ein Problem mit der Ich-Perspektive, aber hier mag sie nicht so recht passen.

_Spannend mit Abstrichen_

Bis etwa zur Hälfte des Buches war ich vollkommen in der Handlung versunken und blätterte mit kribbeligen Fingern Seite um Seite um, damit ich auch schnell vorankomme. Doch als Stephan M. Rother beginnt, seine Geschichte aufzuklären, verliert das Buch nicht nur rapide an Fahrt, sondern auch an Glaubwürdigkeit. Wie schlussendlich alle Fäden zusammen laufen, fand ich dermaßen abgefahren und übertrieben, dass ich das Buch am liebsten in die Ecke gepfeffert hätte. Dazu trägt auch das sehr müde, fast 100 Seiten andauernde Finale bei, das sich schier ewig hinzieht. Schade, dass Rother hier zu dick aufträgt, denn spannend schreiben kann er, nur sollte er beim nächsten Mal nicht ganz so übertreiben.

|Taschenbuch: 576 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-25869-5|
http://www.rowohlt.de
http://herr-deiner-angst.de

Preyer, J. J. – Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge

_Unberechenbarer Holmes vs. Mathegenie Moriarty: Showdown im Grabmal_

Hier ist sie endlich: Die Wahrheit über das finale Duell zwischen Sherlock Holmes und seinem teuflischen Gegenspieler Professor Moriarty, bei dem die Statue eines Engels sowie der Schriftsteller Oscar Wilde eine nicht unerhebliche Rolle spielen – neben dem Meisterdetektiv, versteht sich. (Erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

J. J. Preyer wurde 1948 in Steyr, Österreich, geboren. Nach einem Studium der Germanistik und Anglistik übte er eine Lehrtätigkeit in der Jugend- und Erwachsenenbildung aus. Ab 1976 arbeitete er als Lektor in Großbritannien, gründete 20 Jahre später den Oerindur Verlag und gab unter anderem Romane von C. H. Guenter heraus. Seit 2010 schreibt er für die Jerry-Cotton-Reihe des Bastei-Lübbe-Verlags, seit 2012 für den Blitz-Verlag auch die Reihe „Der Butler“.

Weitere Werke:

– „Sherlock Holmes und die Freimaurer“
– „Das Kennedy-Rätsel (mit Cisa Cavka“
– [„Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5513
– [„Sherlock Holmes und der Fluch der Titanic“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6914

_Handlung_

In jener verzweifelten Zeit nach dem Verschwinden seiner Frau Mary Morstan-Watson und vermeintlichen Tod seines Freundes Sherlock Holmes wälzt sich Dr. John Henry Watson in quälenden Fieberträumen in seinem Bett, unfähig zu jedweder Tätigkeit. Im Traum erscheint ihm Prof. Moriarty als Schlange, die ihn vor die Wahl stellt, einen der beiden Lieben zu retten, wenn Watson den anderen opfert. Niemals, weigert sich der Träumer.

Da erscheint ihm in einem gesünderen Traum Holmes und zwingt ihn zur Logik und Faktenbewertung. Ist Mary Watson tot? Nein, nur verschwunden. Und er, Holmes? Seine Leiche wurde nie gefunden. Und was ergibt sich daraus? Klarer Fall: Watson muss sich endlich aufraffen und nach Mary gemäß den Gesetzen der Logik suchen, auch wenn die Logik mit ihm auf Kriegsfuß stehen mag.

Wenig später erblickt Watson seinen Freund leibhaftig an seinem Bett. Holmes kümmert sich freundlich um den Fiebernden und verspricht ihm, Mary zu finden. Er habe bereits einen Verdacht, wer hinter der Entführung stecken könnte: Moriarty natürlich. Denn Mary Watson ist keine andere als die Tochter von Moriartys Stabschef Oberst Sebastian Moran (aus dem „Abenteuer in dem leeren Haus“). Sie sollte Watson ausspionieren, verliebte sich aber in ihn und wurde daher zurückgezogen. Also ist es nur eine Frage der Höhe des Lösegeldes, wie man diese Geisel wieder auslösen kann. 5000 Pfund erweisen sich als die ausreichende Summe, wie sich zeigt: Mary kehrt wieder zu Watson zurück.

Doch dieser glückliche Ausgang der Entführung löst nicht das Grundproblem: Prof. Moriarty und seine verzweigte Organisation aus Verbrechern und geschmierten Speichelleckern unterminieren die Grundmauern der Gesellschaft. Soeben hat er die Herrschaft über die angesehene „Times“ erlangt und schickt sich an, die „Encyclopedia Britannica“, die von der Zeitung herausgegeben wird, umzuschreiben!

Der Times-Chefredakteur, Charles Bell, ist ein guter Freund von Holmes und berichtet, wie ihm Moriarty zusetzt. Daher verwundert es den Detektiv nicht, als der Leibdiener und Lehrer der Queen selbst, ein Inder namens Abdul Karim, von einem Times-Artikel ins Zwielicht gerückt wird. Hatte die Queen, Gott behüte!, etwa ein Techtelmechtel mit ihm? Holmes beschließt einzuschreiten und besucht seinen Bruder Mycroft, der ja immerhin der Chef des königlichen Geheimdienstes ist. Doch Mycroft wird selbst von seinem Diener abgehört …

Von Mycroft erfährt Holmes mehr über den tragischen Sturz des Dichters und Dandys Oscar Wilde, der mittlerweile wegen Homosexualität im Gefängnis sitzt. Erneut eine Intrige von Moriarty, fragt sich Holmes, und stößt tatsächlich auf eine Verbindung aus ferner Vergangenheit, als Moriarty noch ein sehr junger Mathematiklehrer in der irischen Kleinstadt Enniskillen war. Dort muss sich etwas Schlimmes zugetragen haben, das Moriarty der Familie Wilde immer noch nachträgt, ein dunkles Geheimnis, das niemals entdeckt werden darf.

In Enniskillen entdeckt Holmes erstmals die unheilvolle Rolle, die seit jeher Moriartys Mutter Elena, die Schlangenbeschwörerin, gespielt hat – und dass Moriarty mit den Wildes verwandt ist, darf niemand jemals erfahren. Fortan schwebt Holmes in Lebensgefahr …

_Mein Eindruck_

Der Autor setzt von Anfang zwei Metaphern ein, die den ganzen Text durchziehen: Schlangen und Mathematik. Es handelt sich stets um Giftschlangen, versteht, und ihr Gift besteht in einer Lüge. Bemerkenswert daran ist die Verbindung zu Moriarty, dem Mathematiker. James Moriartys Mutter Elena weist eine gespaltene Zunge auf, beherrscht ihren Sohn von jeher und ersinnt Böses für alle, von denen sie glaubt, dass sie zu viel wissen. Ihr Sohn ist ihr völlig ergeben, nicht zuletzt, weil sie ihn noch stillte, als er bereits 20 Jahre alt war, aber auch, weil sie stets einen Dolch bei sich trägt, den sie auch kaltblütig einzusetzen weiß.

Psychologisch gesehen ist es kein Wunder, wenn sich James Moriarty der Berechenbarkeit der Zahlen, Menschen und anderer Dinge widmet. Er muss sich dann nicht mit der Unberechenbarkeit seiner Mutter beschäftigen. Vielmehr denkt er, dass ihn die Mathematik und ihr Kalkül stärker machen, zumindest bei seinen Untergebenen und gegenüber den schwachen Menschen, die dieses Privileg noch nicht genießen.

Sherlock Holmes erkennt Moriartys Stärke als seinen schwachen Punkt. Er muss alles versuchen, um nicht selbst berechenbar zu handeln und zu denken. Das widerspricht jedoch seiner bisherigen Grundeinstellung und entspricht eher der Natur seines Freundes Watson. Watson ist Gefühl pur, wohingegen Holmes bislang stets das Gehirn dieses dynamischen Duos gewesen ist. Sobald Watson auf berechenbare Weise handelt, indem er sich, statt an den kühnen Plan Holmes‘, lieber an Scotland Yard wendet, hagelt es regelmäßig Opfer.

Aufgrund dieser leidvollen Erfahrung muss sich Watson, um seine erneut entführte Mary wiederzubekommen, wohl oder übel in Holmes‘ Hände geben. Dieser hat im ehemaligen Henker von London, einem weiteren Opfer Moriartys, den idealen Ausführenden seiner Pläne gefunden. Es kommt, nach einigen „unberechenbaren“ Wendungen, zu einem Showdown, der passenderweise in einem Grabmal mit einer Statue des Schlangentöters Michael stattfindet …

|Schwächen|

Diese Metaphorik und Umkehrung der Charakter-Vorzeichen ist klug ausgedacht und umgesetzt. Leider reicht das nicht ganz, um dem Leser auch das entsprechende Vergnügen daran zu vermitteln. Diese Umkehrungen müssen auch begründet und plausibel dargestellt werden. Daran hapert es vor allem in den entscheidenden Dialogen, die Holmes mit Watson führt.

Man kann natürlich sein diebisches Vergnügen daran finden, dass Holmes sich seinem besten Freund, Biographen und Chronisten gegenüber so verwirrend und „unberechenbar“ zeigt. Aber andererseits muss auch der hinterletzte Leser (der „dümmste anzunehmende User“, kurz: DAU) kapieren, welches schräge Spielchen Holmes treibt. Leider erwies auch ich mich als zu sehr DAU, um Holmes zu begreifen, vor allem am Anfang. So wird beispielsweise das wahre Geschehen, das sich an den Reichenbach-Fällen zugetragen haben muss, nur scheinbar erklärt – anhand der offiziellen Erklärung, die sich Watson für seine Geschichte „Sein letzter Fall“ ausgedacht hatte (S.23/24).

Zweitens erweist sich die Sprache selbst als Hindernis. Um den DAU zu bedienen, bedient sich der Autor eines Kniffs, den er aus den JERRY-COTTON-Heftromanen kennt, die er für den Bastei-Verlag schreiben darf: Er benutzt immer wieder den vollen Namen seines Protagonisten, wo es gefühlsmäßig gar nicht nötig wäre. Der volle Name stellt eine unwillkommene Distanz her, wo gerade Nähe hergestellt worden war oder Nähe wünschenswert wäre. Gleichwertig ist das Synonym „Der Detektiv“, was ebenso Distanziertheit erzeugt.

Ein Taschenbuch von 230 Seiten hätte theoretisch Platz genug, um die Figuren psychologisch besser zu charakterisieren. Doch der Autor fand es angebracht, sie wie in einem Groschenroman zu präsentieren: als Handlungsträger ohne Innenleben. Das zeigt sich besonders krass im Finale, wenn die Spielfiguren nacheinander fallen, als hätte ein Gott sie angeordnet. Da geht es holterdiepolter, bis nur noch die Guten übrig bleiben – ähm, zumindest die Männer …

Der Satz auf S. 157, den Elena Moriarty sagt, ist kein korrektes Deutsch: „Ich VERBIETE mir derart respektlose Reden!“ Nun, sie kann sich selbst alles Mögliche verbieten, aber wenn sie anderen etwas verbieten will, sollte sie „Ich VERBITTE mir derart respektlose Reden!“ sagen.

|Hinweis|

Schon zu Beginn erhalten wir Hinweise, dass die Handlung anno 1895 spielt, exakt vier Jahre nach dem verhängnisvollen Sturz an den Reichenbach-Fällen im Frühjahr 1891, bei sowohl Moriarty als auch Holmes den Tod gefunden haben sollen – falls man Watsons Geschichten Glauben schenkt. Die Jahreszahl 1895 passt auch zu Moriartys 50. Geburtstag und seinem Geburtsdatum 13. Juni 1845.

_Unterm Strich_

Über den Umweg der Familie von Oscar Wilde stößt also Holmes auf das Geheimnis, das die Familie Moriarty um jeden Preis – auch um den vieler Menschenleben – hüten will. Interessant ist dabei die Beschäftigung mit Oscar Wildes Werken mit darin verschlüsselten Hinweisen, Holmes‘ Begegnung mit dem inhaftierten Dichter selbst und natürlich die Konfrontation mit Moriarty selbst. Dessen Mutter wird als giftige Schlange dämonisiert, bis wir selbst ein wenig Mitgefühl mit dem „Napoleon des Verbrechens“ entwickeln.

Etwas erstaunlich für den Holmes-Kenner kommt das neuartige „unberechenbare“ Verhalten des Meisterdetektivs. Dass Holmes riskante Pläne ausheckt, gegen die Watson gerne sein Veto einlegen darf, empfand ich durchaus als neu und interessant. Der Grund dafür: Holmes will kein Spiegelbild seines Gegenspielers sein, sondern etwas Eigenständiges, etwas nicht Kalkulierbares. Nur dann kann er hoffen, alle Pläne, die das Mathegenie Moriarty gegen ihn bereithält, auszutricksen. Aber einmal ist er zu unvorsichtig und geht beinahe den Weg aller Sterblichen …

Dieser Roman der „Sherlock Holmes“-Reihe hat mich nur zu etwa 60 Prozent überzeugt, denn die sprachliche Ausführung und die Charakterisierung entsprechen zu sehr dem Niveau von Groschenromanen. Etwas mehr Zeit und Mühe für die Überarbeitung hätte sich bestimmt positiv bemerkbar gemacht.

|Taschenbuch: 221 Seiten
ISBN-13: 978-3898403368|
http://www.blitz-verlag.de

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