Frauke Buchholz – Endzeit. Krimi (Ted Garner 04)


Schopenhauer vs. Nostradamus: Showdown in der Wildnis

Im vierten Band der preisgekrönten Thriller-Reihe wird dem ehemaligen Profiler Ted Garner alles abverlangt. Ein grausamer Mord an einer -jungen Familie holt ihn ein letztes Mal zurück in den Dienst. Die Spur des Täters führt tief in die Wildnis -Kanadas und in die Reservate der First Nations. -Garner, getrieben von übersteigertem Ehrgeiz und Vorurteilen, ist schnell überzeugt, den Schuldigen in einem jungen Indigenen gefunden zu haben, der erst kürzlich aus der Haft entlassen wurde.

Doch als er bei weiteren Ermittlungen auf die Unterstützung der Stammespolizei angewiesen ist, wird ihm klar, dass viel mehr hinter dem Fall steckt. In der eisigen Natur des kanadischen Nordens gerät Garner in einen erbarmungslosen Kampf auf Leben und Tod. (Verlagsinfo)

Die Autorin

Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik in Köln, Heidelberg und Aachen und promovierte über zeitgenössische Literatur indigener US-AutorInnen.

Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen sind. Ihre Geschichte „Barfly“ wurde 2020 mit dem 1. Preis der Gruppe 48 ausgezeichnet.

Frostmond“ war ihr erster Kriminalroman. „Frostmond“ erhielt im September 2021 den „Harzer Hammer“ und im April 2022 den „Stuttgarter Krimipreis“ für das beste Debüt. (Webseiteninfo) Danach folgte 2022 „Blutrodeo“, Ted Garners zweiter Fall (siehe meinen Bericht) und „Skalpjagd“, sein dritter Fall. „Endzeit“ soll die Serie abschließen.

Handlung

Der kanadische Ex-Profiler Ted Garner ist aus Calgary nach Montreal geflogen. Hier hatte er sich mal in die nette Buchhändlerin Sophie LeRoux verliebt, die nicht nur Schopenhauer kennt, sondern Garner auch noch tausend Dollar lieh – die er ihr nun zurückgeben will. Das klappt auch ganz gut, obwohl Garner sich eher linkisch anstellt. Immerhin bekommt er dafür eine Einladung zum Abendessen. Das Abendessen fängt gut an, endet dann aber abrupt durch einen Schuss. Die Mafia hat ihm eine heftige Botschaft geschickt, sie wegen des Kasinos, für das sich Garner interessiert hatte (siehe „Skalpjagd“), in Ruhe zu lassen. Ein Flugticket ist der Botschaft beigelegt – und ein Foto von Garner zwei Söhnen…

Zwei Jahre später

Zwei Jahre quält er sich in Regina, Saskatchewan, als Therapeut durch – im Grunde interessieren ihn die Probleme seiner Klienten nämlich gar nicht -, dann steht Ethan Walker, sein ehemaliger Chef bei der Polizei, auf der Matte und bittet um Hilfe: Eine Frau und zwei ihrer Kinder wurden mit einer Axt erschlagen. Jason Ross, der Ehemann bzw. Vater, ist allem Anschein nach schwer verletzt: Sein Ohr wurde im Haus gefunden. Er und sein dreijähriger Sohn Felix werden vermisst. Walker braucht ein Täterprofil und Ted Garner ist nur zu gerne bereit, es ihm zu liefern. Er schließt die Praxis und macht sich an seine Recherchen.

Nach einem Besuch bei seiner forensischen Standeskollegin Ava steht für Garner und Walker der Täter fest: Charlie Byrd, ein junger, psychisch kranker Cree, doch der ist bei seinem Großvater im Cree-Reservat untergetaucht. Dann geht bei der Familie der ermordeten Melanie Ross ein Erpresserschreiben ein. Für eine Million Dollar kämen Jason und sein Sohn frei. Ist Charlie Byrd für diese Forderung verantwortlich?

Kamloops ist eine größere Stadt und ein Zentrum für Outdoor-Touristen. Peter Morrison, ein Unternehmersohn aus Florida, der mit Ross verschwägert ist, hat die Million in einer Sporttasche dabei. Garner redet dem Mann gut zu, es werde schon alles gut gehen. Nicht zuletzt, weil eine Menge Scharfschützen der RCMP vor Ort sind, um den Erpresser zu erledigen.

Schlag ins Wasser

Doch die Geldübergabe mitten in der Wildnis scheitert, zumindest für die Cops – der Täter entkommt ja mit seiner Beute. Garner erstellt für Walker, den lokalen Polizeichef Ross und seine Ranger-Kollegin aus Vancouver eine erste Analyse. Ein Mann zwischen 30 und 40 Jahren, körperlich fit, zu gezielter Planung fähig, skrupellos, möglicherweise ein Exsoldat. Die Käfige des Wildtierzoos wurden nämlich mittels Sprengstoff geöffnet. Die ausgebrochenen Tiere verursachten ein Chaos, indem Peterson schwer verletzt wurde. Doch nun wird ein Jeep in der Wildnis gefunden, der innen voller Blutspritzer ist. Ein indianischer Traumfänger wird gefunden, danach das Hemdchen eines Kleinkindes und ein Hemd des Mannes. Ein falsche Fährte?

Charlie Byrd stellt sich den Behörden, behütet von seinem Großvater. Doch beim Verhör rastet Ethan Walker völlig aus, woraufhin ihm der – zuvor durchsuchte – junge Mann ein Messer in den Bauch rammt. Wenige Tage später lebt er nicht, was Ava zu einer wütenden Anklage gegen Garner – ausgerechnet – veranlasst. Garner fragt sich, ob sie wirklich den richtigen Täter hatten.

Zwei Monate später

Hay River liegt am Großen Sklavensee im Nordwest-Territorium. Die Ärztin Genevieve Paradis stammt aus Toronto, doch nach sechs Jahren missglückter Affäre mit einem verheirateten Arztkollegen hat sie das Weite gesucht, eben Hay River. Zwei Monate sind den turbulenten Ereignissen in Kamloops und Regina vergangen

Kinderfund

An Heiligabend findet die Ärztin Geneviève Paradis ein schwer krankes Kleinkind. Jemand hat es vor der Notaufnahme der Klinik abgelegt und eine Lungenentzündung verursacht. Ob es sich um den vermissten Felix Ross handelt, lässt sich noch nicht feststellen, denn das Kind spricht nicht. Erst am 2. Januar entdeckt Walker die landesweit herausgegebene Vermisstenmeldung im Netz. Er bittet Garner, dem die ganze Sache immer noch auf dem Magen liegt, mal bei Geneviève Paradis vorbeizuschauen und sich das Kind anzusehen.

Das Kind hat zwar seine Lungenentzündung auskuriert, ist aber weiterhin stumm und unansprechbar. Doch das Haus ist nicht sicher, denn Spuren von Schneeschuhen umzingeln die Behausung. Sie müssen sofort zum Sheriff! Doch der Verfolger ist ihnen zuvorgekommen: Im Sheriffbüro liegt eine Leiche, einen Pfeil in der Brust. Ist der Mörder ein Indianer?

Die Cree

Bei der anschließenden Begegnung mit der resoluten Polizistin Hannah Beaver von der Deneh Tribal Police und ihrem Kollegen Adam Hunter realisiert Garner, dass auch er nicht frei ist von rassistischen Vorurteilen. Er hat die Mordsache Ross gründlich vergeigt. Jetzt muss er einiges wiedergutmachen. Beaver nimmt ihn mit ins Reservat. Auch dort wurde jemand ermordet…

Unterdessen

…liest jemand eifrig die Prophezeiungen von Michel de Nostredame, genannt Nostradamus und sieht diese zunehmend bewahrheitet, gerade in Kanada: Waldbrände, Überschwemmungen, die Techgiganten und vieles mehr. Dagegen kann ein echter Mann nur eines tun: sich vorbereiten, seine Familie retten und in die Wildnis gehen. Doch dieser Plan geht gründlich schief…

Mein Eindruck

Entführungen gehören zu den für die Ermittler und Opfer schlimmsten Verbrechen. Das bekommt Garner am eigenen Leib zu spüren. Der Ermittlung ist stressig, und die zeitliche Investition belastet seine Ehe. Aber um die Anspannung zu beenden, muss er die wahren Ermittler – er ist ja lediglich Psychotherapeut – bis zur Erledigung des Falls unterstützen. Er legt sich richtig ins Zeug und fährt rund 1500 km bis nach Hay River.

Die Cree-Polizei

Zu seiner Überraschung erweist er sich als ausgemachter Rassist, als er es dort mit Hannah Beaver und ihren Stammesangehörigen zu tun bekommt. Die Cree sind eine christlich gläubige Gemeinschaft, und das kann man von den Weißen, zu denen sich Garner zählt, nicht gerade behaupten: Ethan Walker ist auf die „Indsmen“ nicht gut zu sprechen. Hat er deshalb Charlie Byrd in den Tod getrieben?

Der ermordete Jüngling Donnie Thibault hingegen war in Hay River nach Jahren in einer Pflegefamilie wieder in die Cree-Gemeinde aufgenommen worden und hatte die alte Lebensweise wieder angenommen. Daher wird sein gewaltsamer Tod umso schmerzlicher empfunden. Doch wer hat ihn auf dem Gewissen?

Showdown

Erst als Garner zusammen mit Hannah Beaver, Adam Hunter und Donnies Großvater Joel Thibault auf die Suche geht, erfüllt ihn allmählich ein Gefühl, dass sein Leben doch einen Sinn hat: Er muss mit den anderen das Böse bekämpfen. Schon der erste falsche Schritt lässt ihn jedoch in eine Sprengfalle tappen…

Textschwächen

S. 157 und 168: Ein Stiefel hat keinen „Stiefelschacht“, wohl aber einen „Stiefelschaft“. Google: „Ein Stiefelschaft bezeichnet den Teil eines Stiefels oder Reitstiefels, der vom Knöchel bis zum Knie oder Oberschenkel reicht. Er umschließt das Bein und schützt oder stützt es.“

S. 308: „rot glühende Funken umstieben ihn“. Ich bin immer noch der Ansicht, dass „stieben“ nicht die Vergangenheits-, sondern die Gegenwartsform ist, sooft ich diesen Usus in der Gegenwartsliteratur auch finde. Die Vergangenheitsform lautet „stoben“. Google und das PONS-Wörterbuch geben mir recht: “ „Stieben“ ist das Verb in der Gegenwart (Präsens), „stoben“ ist die dazugehörige Form in der Vergangenheit (Präteritum).Präsens (Gegenwart): Es stiebt (z.B. „Der Schnee stiebt vom Dach“). Präteritum (Vergangenheit): Es stob (z.B. „Die Funken stoben aus dem Kamin“). Neuerdings gilt auch „stiebte“.

Unterm Strich

Nach einem etwas langsamen Auftakt, der mit einem Paukenschlag endet, möchte sich Ted Garner am liebsten wieder in die Polizeiarbeit stürzen. Nach zwei Jahren Paartherapiesitzungen fühlt er sich ziemlich unterfordert, da kommt ihm die Anfrage seines früheren Chefs gerade recht. In flottem Tempo geht der Fall vonstatten und wird seinem ersten Höhepunkt zugeführt. Der erweist sich als Schlag ins Wasser.

Das Finale zwei Monate später ist wesentlich verwickelter gestaltet, und mehr darf hier nicht verraten werden. Doch nun tritt die Ärztin Geneviève Paradis in den Vordergrund, und es ist eine Freude, ihr bei der Rettung des Kleinkindes über die Schulter zu schauen. Sie wünschte sich schon in Toronto ein Kind, nun endlich hat sie eines. Aber darf sie es behalten, fragt sie sich bange, und dann kommt auch noch dieser Garner ins Haus.

Immer wieder geht es um Kinder, sei es von den Weißen oder von Indigenen. Denn sie bilden quasi die Zukunft, und jeder Verlust ist schmerzhaft. Der Täter hingegen glaubt die Zukunft zu kennen und schreckt nicht davor zurück, dafür seine Kinder zu opfern. Der Roman führt diese Gegensätze ganz klar vor Augen. Dabei kommen die ethischen Prinzipien der Weißen und deren praktische Umsetzung gar nicht gut weg, die gemeinschaftlichen Leitlinien und Rituale der Cree jedoch wirken wie Vorbilder. Der Band ist dem kanadischen Aktivisten Leonard Peltier gewidmet, der seit den 1970er Jahren für die Rechte Indigenen Völker in Nordamerika kämpfte.

Bis zuletzt bleibt Garner, dem wir über die Schulter schauen, im unklaren darüber, wer der Täter ist und was er vorhat. Als er das erkennt, ist es für ihn fast schon zu spät. So bleibt die Spannung bis zum Schluss der Haupthandlung erhalten.

Nachspann & Epilog

Ein Nachspann schildert minutiös die Vorgänge am 12. Oktober in Moose Jaw, im Haus der Familie Ross. Das ist starker Tobak und der Leser sollte sich wappnen. Im Epilog legt Garner in Montreal Rosen auf das Grab der erschossenen Sophie. Die Szene ist so malerisch, dass man gleich hinreisen möchte. Garner erfährt späte Genugtuung, als die Mafiafamilie, die Sophie morden ließ, in einer landesweite Razzia aus dem Verkehr gezogen wird.

Hinweis

Wer mehr über diese Mafiageschichte erfahren möchte, der lese den packenden Krimi „Skalpjagd“, in dem Ted Garner eine Hauptrolle spielt. Dann versteht man auch besser, warum ständig auf die Figuren aus diesem Band verwiesen wird.

Taschenbuch: 328 Seiten
ISBN-13: 9783865329240

Pendragon

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