Jan-Erik Fjell – Nebelstille (Anton Brekke 01)

Die Jagd des Zockers

Ein spektakulärer Mord in einer beschaulichen Seefahrtstadt gibt der norwegischen Polizei Rätsel auf: Der Milliardär Wilhelm Martiniussen wurde grausam in seinem luxuriösen Zuhause erdrosselt, seine Freundin blieb wie durch ein Wunder vom Täter verschont. Und wie hängt Martiniussens Tod mit einem geheimnisvollen Fremden zusammen, der kurz nach seiner Ankunft in Norwegen niedergeschlagen wurde und im Koma liegt? Mit der Aufklärung des Falls wird Anton Brekke betraut, herausragender, aber eigenwilliger Kriminalkommissar aus Oslo. Brekke muss tief in die Vergangenheit eintauchen und stößt auf eine Wahrheit, undurchdringlich und bedrohlich wie ein Nebel über dem Fjord …

Erstmals 2011 unter dem Titel »Der stumme Besucher« auf Deutsch erschienen.

Der Autor

Jan-Erik Fjell wurde 1982 geboren und wuchs bei Fredrikstad im Osten des Oslofjords auf. Er studierte Informatik, heute ist er als Radiomoderator tätig und widmet sich dem Schreiben von Kriminalromanen. Er zählt zu den erfolgreichsten Krimiautoren Norwegens und wurde mit dem renommierten Preis des norwegischen Buchhandels und dem Frederik-Preis ausgezeichnet. Seine Thriller um den Kommissar Anton Brekke stürmen in Norwegen regelmäßig die Buchcharts und sind auch hierzulande Bestseller.

Die Anton-Brekke-Reihe

1) Nebelstille
2) Kälteeinbruch (2013)
3) Racheglut
4) Blutwinter
5) Düsterstunde
6) Nachtjagd
7) Dunkelhaus
8) Schattenwald
9) Finsterherz

Handlung

Wilhelm Martiniussen ist ein norwegischer Milliardär, der in letzter Zeit sein Leben komplett umgekrempelt hat. Als er sich eine Freundin aus der Umweltschützerszene zulegte und das Ölsand-Projekt in Kanada stoppte, stieß er seine Miteigentümer der Ölfirma vor den Kopf. Nun ist er tot. Als Kommissar Anton Brekke die feudale Wohnung des Toten über den Fahrstuhl betritt, stößt er gleich auf die Leiche und die Rechtsmediziner, die sie untersuchen. Martniussen wurde auf sehr ungewöhnliche Weise um die Ecke gebracht: Er wurde mit einer Klaviersaite erdrosselt. Für Brekke ist klar, dass hier ein kaltblütiger Profi am Werk war. Aber er muss sich die Miteigentümer der Ölfirma trotzdem anschauen. Vielleicht war der Täter ja nur ein gedungener Helfer.

Die Freundin des Toten liegt mit einem Schock und einer schweren Erkältung im Krankenhaus. Brekke fragt sich, warum der Mörder sie verschont hat. Sie wäre ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Dass der Fall eine Menge Staubaufwirbelt, ist von vornherein klar. Kommissar Haugen führt die Ermittlung, aber es tut seinem Image gar nicht gut, als er ins Wasser des Hafens von Fredrikstad-Krakelör gestoßen wird und schwimmend versucht, festes Land zu erreichen. So viele Kameras an diesem kleinen Ort, fällt Brekke auf. Irgendeine davon muss doch was gefilmt haben…

Brekke ist ein süchtiger und erfahrener Spieler, aber die Männer aus dem Vorstand von Mardan, Martiniussens Firma, hat er noch nie in den Hinterzimmern und illegalen Zockerkneipen, geschweige denn auf den Rennbahnen gesehen. Dabei hätten sie das nötige Kleingeld. Björn Danielsen scheint wirklich um seinen Freund in Firmengründer zu trauern, außerdem steht er seit 1999 als Haupterbe von 2,5 Milliarden Kronen fest – ein handfestes Motiv. Und dieser Frode Moen erst: Um ein Haar verurteilt wegen Insiderhandels, außerdem hasst er, wie er bei seiner Vernehmung (ohne Anwalt) zugibt, Martiniussens Freundin und ist ein ausgesprochener Gegner des Beschlusses, das Kanada-Projekt aufzugeben. Moen redet wie ein Wasserfall. Es ist klar, dass er Angst hat. Aber wovor?

Cosa Nostra Nummer 2

Der Stadtpolizei von Sarpsborg ist ein Schwerverletzter gemeldet worden. Nachdem der Tourist mit seiner tiefen Kopfwunde komatös in die Klinik transportiert worden ist, suchen zwei der Cops die Fundstelle ab. Die Brieftasche könnte ja Aufschluss auf seine Identität geben. Die Gegend ist eine einsame Baustelle, doch der erfahrenere der beiden Polizisten wird fündig: Brieftasche und Kreditkarte. Der alte Knacker heißt Vincent Giordano und kommt von der US-amerikanischen Ostküste, also New York City oder New Jersey.

Anton Brekke bekommt nur per Zufall und Hörensagen von dem alten Mann mit, der jetzt im Koma in der Klinik von Fredrikstad liegt. Und er hat keinerlei Anlass, ihn mit dem Mord an Martiniussen in Verbindung zu bringen. Danielsen erzählt zwar nebenbei, dass Martiniussen mal in den Siebzigern in New York gewesen sei, aber doch wohl nur als Tourist, oder? Allerdings ist bemerkenswert, dass Vincent Giordano für die mächtige Locatelli-Familie gearbeitet hat, deren Oberhaupt kürzlich verstarb. Jetzt ist Don Calogero Locatelli am Ruder, der Sohn der Nummer eins der Cosa Nostra in den USA. Was Brekke nicht weiß: Calogero sucht selbst nach Vincent Giordano, der sich bloß kurz von seiner Tochter verabschiedete, bevor er sich auf „Geschäftsreise“ begab.

Der Hintermann

Ein weiterer Kommissar wird zu dem Mordfall hinzugezogen, denn das Innenministerium sieht irgendeine Priorität. So kommt es, dass Kommissar Erik Lange, ein wahrer Elefant im Porzellanladen, hinzustößt und triumphierend verkündet, dass Frode Moen eine Geliebte habe. Deshalb stand sein rotes Motorrad, von dem sie Ü-Video-Foto haben, am Tattag nahe dem Tatort! Woher er diese epochale Info hat, verrät er nicht, denn dann müsste er sagen, dass ein sehr zwielichtiger, aber steinreicher Typ, der nur „Der Leutnant“ genannt wird, ihm dies verklickert habe.

Brooklyn

Dass Vincent Giordano spurlos verschwunden ist, macht FBI-Agent Percivall Wilson besorgt. Es ist nämlich dadurch ein Machtvakuum entstanden, das die anderen Familien ausnutzen könnten. Doch bevor es zu einem der berüchtigten Bandenkriege wie anno 1968 kommt, will Wilson jeden Stein in New York City umdrehen. Er beginnt bei „Bobby’s“, dem italienischen Lokal, in dem Vincent stets einen Tisch für sich reserviert hat. In letzter Zeit ist er dort nicht aufgetaucht. Bobby Parvati, den er schließlich privat sprechen kann, wirkt nervös, ja, geradezu besorgt. Er hat von seinem Stammgast und Freund nichts gehört. Schon eine Minute später tauchen zwei düster gekleidete Gorillas Don Calogeros im Lokal auf…

Mein Eindruck

In seinem ersten Krimi legt der Autor die Messlatte schon ziemlich hoch. Er hat nämlich in die eh schon komplexe Wirtschaftskrimihandlung die komplette Biografie eines New Yorker Mafioso eingebaut, nämlich die von Vincent Giordano alias Vincenzo da Luca. Das erweist sich für den Leser als kluger Schachzug, denn während die Handlung in Fredrikstad – es liegt am östlichen Ufer des Oslofjords – so vor sich hin plätschert, lässt es Vincent ab seiner Aufnahme in den Zirkel der Locatelli-Familie so richtig krachen. Eine Menge Leichen pflastern seinen Weg. Am Ende des biografischen Teils erweist sich, dass dieses Vorwissen, das später Brekke aus Wilsons Locatelli-Akte erhält, notwendig ist, um den Fall aufzuklären. Und dabei sorgen die Giordano-Episoden für gehörig Nervenkitzel.

Der Zocker

Derjenige, der den Roman trägt und den Fall voranbringt, ist natürlich Anton Brekke selbst. Er ist eine wirklich einzigartige Figur, der sich gegen zahlreiche Luschen durchzusetzen weiß. Dass er süchtig nach Spielen und Wetten ist, trägt ihm zwar eine Reihe Niederlagen ein – seine Frau hat ihn verlassen -, doch er hat gelernt, haarscharf zu kalkulieren und sich stets seine Chancen auszurechnen.

Nur diese Fähigkeit erlaubt es ihm, die Einladung eines so gefährlichen Mannes wie Calogero Locatelli nicht auszuschlagen, sondern vielmehr anzunehmen. Diese Szene verhilft ihm nicht nur einem Verständnis des Charakters von Giordano, sondern er klaut auch ganz nebenbei ein altes Foto aus dem Jahr 1968. Damals wäre Calogero durch einen Anschlag der Mafiafamilie von New Jersey fast draufgegangen, hätte ihn nicht Giordano gerettet.

Ein verräterisches Foto

Nun also, rund 40 Jahre später, ist jemand ganz anderes, dem an diesem Foto, das Brekke bereits eingehend betrachtet hat, etwas Bemerkenswertes auffällt: eines der Gesichter darauf, ist ganz in der Nähe gesehen worden. Der das bemerkt, ist Magnus Torp, der noch auf die Polizeihochschule geht und bei seiner Mutter wohnt. Torp wird ständig schikaniert und von Brekke veräppelt, doch das erzieht ihn dazu, ein Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit zu entwickeln. Torp, der in vielen späteren Brekke-Fällen auftritt, ist sich deshalb ganz sicher, dass er dieses bestimmte Gesicht auf einem alten Mafia-Foto wiedererkannt hat. Brekke ist zwar stolz auf Torp, aber ihm wird blitzartig bewusst, dass sich der aus Koma erwachte Mafioso in höchster Lebensgefahr befindet. Zusammen rasen sie zum Krankenhaus…

Seitenhiebe

Viele Menschen in diesem Roman üben Macht aus, und meistens unrechtmäßig. Der Autor liefert sie unserer Kritik aus, aber die Menschen, die sie benutzen, gehören in die gleiche Schublade. Da ist, wie gesagt, Kommissar Erik Lange, der sich der Schuld des zwielichtigen „Leutnant“ befindet, der selbst jahrelang als Söldner gekämpft hat. Wer den kleinen Hinweisen folgt, erkennt, dass der „Leutnant“ den norwegischen Justizminister in der Hand hat.

Don Calogero Locatelli steht diesem Kerl in nichts nach. Er hat den Vizedirektor der CIA in der Hand. Ein Telefonanruf genügt, und der Vize gibt nach. Der ruft hat in allen Ländern einen Handlanger, im Fall von Norwegen handelt es sich um den „Leutnant“.

Frauen

Schon in der ersten Mordszene tritt eine Frau auf. Es ist die junge Aktivistin, in die sich Martiniussen verliebt hat. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überlebt. Oder doch nicht? Denn wer anhand der spärlichen Hinweise, die aus der gesamten Backstory um Giordano resultieren, die Verbindung zwischen Martiniussen und Giordano hergestellt hat, der könnte zum Schluss kommen, dass Martiniussens Mörder nicht unbedingt Giordano gewesen sein muss.

Martiniussen war ja ca. 1970 in New York City und trat dabei bei einem Mafiaprozess als Zeuge auf. Er entkam offenkundig der Vergeltung durch die Mafia und wog sich in Sicherheit. Bis zum Tag seines vorzeitigen Ablebens. Wenn aber nicht Giordano sein Mörder war, dann wird erklärlich, dass der alte Mafiakiller seinerseits Opfer eines Anschlags wurde. Alte Rechnungen erlöschen eben nie.

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Ina Kronenberger ist einwandfrei. Ich konnte keine Fehler finden.

Unterm Strich

Der Krimi ist spannend und kenntnisreich geschrieben, aber mir hat die Mafia-Story eindeutig besser gefallen. Sie erweist sich auf den letzten hundert Seiten des Roman von eminenter Bedeutung, denn nur sie trägt die Auflösung des Rätsels um die zwei Verbrechen in Fredrikstad bei und stellt die Verbindung zwischen Giordano und Martinussen her. Sobald Brekke die Verbindungen in seinem Kopf herstellt, eilt er los, um ausgerechnet einen Mafiakiller zu retten. Ein Herzschlagfinale folgt.

Der Autor hat sich einige Späße erlaubt. So ist sein Hauptkommissar alles andere als ein edler Ritter in schimmernder Rüstung, sondern ein äußerst sündiger Zocker. Die Nummer zwei, Haugen, leidet an Hämorrhoiden und Nummer 3, der blutjunge Magnus Torp, ist noch feucht hinter den Ohren. Kommt noch dazu, dass die Nummer 4, Kommissar Erik Lange, mit Verbrechern Geschäfte macht und schließlich den Kürzeren zieht.

Aber auch wenn Brekke ein durchtriebener Kerl ist, so liebt er doch die Kinder und die Unschuldigen. Einen seiner wertvollsten Hinweise erhält er von einem Jungen, der unter dem Down-Syndrom leidet und verwahrlost als Halbwaise in einer Hütte aufwachsen muss. Der junge Lars liebt Cola für sein Leben gern und Brekke verschafft ihm dieses Göttergetränk ohne Skrupel aus Erik Langes Kühlschrank. Lars ist leidenschaftlicher Fotograf und hat nicht nur Fotos von Sport- und Luxusautos geknipst, sondern auch vom Verfolger Wilhelm Martinussens…

Meine Lektüre

Vom norwegischen Nebel habe ich nichts entdeckt, aber der neue Buchtitel klingt genauso unheimlich und geheimnisvoll wie die anderen Romane der Brekke-Reihe bei Goldmann. Ich habe den spannenden Krimi in wenigen Tagen bewältigt, aber selbst jetzt noch ist mein Hirn beschäftigt, die entscheidenden letzten Verbindungsstücke zusammenzusetzen. Daher kann ich nur jedem Leser raten, ganz genau aufzupassen. Denn nicht alles wird haarklein erklärt – es bleibt noch jede Menge Arbeit übrig. Das Buch lohnt eine zweite Lektüre.

Taschenbuch: 462 Seiten
O-Titel: Tysteren, 2010
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger.
ISBN-13: 9783442495559

Goldmann-Verlag

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