Arthur Conan Doyle & Richard Austin Freeman – Die Dame mit dem blauen Hut (Sherlock Holmes Folge 70)

Das Geheimnis der Ochsengalle

Die attraktive Edith Grant wird brutal ermordet in einem Erste-Klasse-Zugabteil aufgefunden. Wenig später verhaftet die Polizei einen jungen Maler, der mit dem Opfer kurz zuvor in Streit geraten war und zudem ein Medaillon vom Tatort mitgenommen hat. Dessen Unschuld zu beweisen, stellt für Sherlock Holmes keine leichte Aufgabe dar, denn alles scheint gegen den Beschuldigten zu sprechen… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

Die Autoren

1) Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen ca. 60 Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

2) Richard Austin Freeman wurde am 11. April 1862 in Marylebone, einem Stadtteil von London, als jüngstes von fünf Kindern eines Schneiders geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Die Quellen werden erst dichter, nachdem Freeman 1880 eine chirurgische Ausbildung im Middlesex Hospital begann, die er 1886 erfolgreich abschloss. 1887 ging Freeman, inzwischen verheiratet, als junger Arzt in die westafrikanische Kronkolonie Goldküste (heute Ghana). Dort erkrankte er schwer am Schwarzfieber, das er nur knapp überlebte. Seine Gesundheit verbot den weiteren Aufenthalt in Afrika.

Invalid kehrte Freeman 1891 nach London zurück. Als Mediziner fand er nur mühsam sein Auskommen. Zunehmend widmete er sich deshalb der Schriftstellerei. Unter dem Pseudonym Clifford Ashdown und in Zusammenarbeit mit einem Freund, dem Gefängnisarzt und Anwalt John James Pitcairn (1860-1936), erschien 1902 sein Debütroman „The Adventures of Romney Pringle“. Weitere Kollaborationen mit Pitcairn folgten, bis Freeman 1907 dem Solo-Krimi „The Red Thumb Mark“ (dt. „Der rote Daumenabdruck“) veröffentlichte. Hier hatte Dr. John Evelyn Thorndyke seinen ersten Auftritt. Bis 1942 folgten 30 Romane und Storysammlungen.

In der Person des Dr. Thorndyke ließ Freeman seine naturwissenschaftliche Bildung einfließen, die er geschickt mit dem zeitgenössischen kriminalistischen Wissen verknüpfte. Seine betont sachlichen Schlussfolgerungen kann Thorndyke stets mit soliden Beweisen untermauern, die er sich in oft langwierigen und komplizierten Laborsitzungen (über die er sein Publikum ausgiebig informiert) forschend und ableitend verschafft hat. Angeblich hat Freeman jedes Experiment selbst durchgeführt, bevor er Thorndyke darüber berichten ließ.

Die späteren Thorndyke-Fälle wirken zunehmend formelhaft; die neuen Vertreter des Genres Kriminalromans ließen einen seiner Pioniere buchstäblich alt aussehen. Freeman konnte sich indes eine Nische sichern, die ihm ein treues Publikum und seinen Lebensunterhalt sicherte.

R. Austin Freeman starb am 28. September 1943 in seinem Haus in Gravesend, einer Hafenstadt in der Grafschaft Kent, wo er seit 1903 mit Gattin Annie und seinen beiden Söhnen lebte.

„Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs“

Folge 1: Im Schatten des Rippers
2: Spuk im Pfarrhaus
3: Das entwendete Fallbeil
4: Der Engel von Hampstead
5: Die Affenfrau
6: Spurlos verschwunden
7: Der Smaragd des Todes
8: Walpurgisnacht
9: Die Elfen von Cottingley
10: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band / Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Neuausgabe)
11: Das Zeichen der Vier (4/2014, Neuausgabe)
12: Ein Skandal in Böhmen (4/2014)
13: Der Bund der Rotschöpfe (5/14)
14: Eine Frage der Identität (9/14)
15: Das Rätsel von Boscombe Valley (10/14)
16: Der blaue Karfunkel
17: Die fünf Orangenkerne
18: Der Mann mit der entstellten Lippe
19: Der Daumen des Ingenieurs
20. Der adlige Junggeselle
21. Die Beryll-Krone
22. Das Haus bei den Blutbuchen
23. Silberblesse (6/16)
24. Das gelbe Gesicht (6/16)
25. Der Angestellte des Börsenmaklers (7/16)
26: Die „Gloria Scott“ (11/16)
27: Das Musgrave Ritual (12/16)
28: Eine Studie in Scharlachrot (2 CDs)
29: Die Junker von Reigate
30: Der bucklige Mann
31: Der Dauer-Patient
32: Der griechische Dolmetscher
33: Das graue Haus
34: Die quietschende Tür
35: Der Hund der Baskervilles (2 CDs)
36: Das unheimliche Pfarrhaus
37: Der verschwundene Kutscher
38: Das Haus mit den Zwingern
39: Eine Frage des Teers
40: Die dritte Botschaft
41: Mayerling (2 CDs)
42: Der Tote im Extra-Waggon
43: Der Zuträger
44: Der zweite Hund
45: Harry Price und der Fall Rosalie
46: Der Mann in Gelb
47: Das verlassene Haus
48: Der Gezeitenstrom
49: Das Grauen von Old Hall
50: Ludwig II. – Der Tod im Würmsee (2022)
51: Was das Feuer übrigließ
52: Der stille Tod
53: Der maskierte Tod
54: Tod eines Giftforschers
55: Geheimsache Styles Court
56: Der Mann im Speisewagen
57: Die vierte Flasche
58: Das Musikzimmer
59: Gottes Mühlen
60: Der zehnte Earl
61: Die Spuren auf der Treppe
62: Mr. Marburys Hände
63: Der Lumpensammler von Paris (6/24)
64: Der verschwundene Grafensohn (27.9.24)
65: Der Fall Harry Houdini
66: Der Frauenmörder von Boston
67: Watsons erster Fall
68: Blutiger Schnee in Bloomsbury Hill
69: Die Perle des Mandarins
70: Die Dame mit dem blauen Hut
71: Blaubarts Erbe
72: Der Aluminiumdolch
73: Die trügerische Spur
74: Botschaft aus dem jenseits
75: Der Fall Oscar Brodski

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Joachim Tennstedt: Sherlock Holmes
Detlef Bierstedt: Dr. John Watson
Regina Lemnitz: Mrs. Hudson
Uschi Hugo: Chatherine Winfield
Axel Lutter: Sir Alfred Braid
Bene Gutjan: Harold Spofford, Maler
Lutz Reichert: Inspektor Lestrade
Thomas Balou Martin: Metzger Weasley
Bodo Primus: Schaffner

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden im Titania Medien Studio, bei Advertunes, in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trugen Ertugrul Edirne und Bastien Ephonsus (Cover) bei.

Handlung

Bei einer Vernissage in London stellt der Künstler Harold Spofford seine gemälde aus, die er in sieben Jahren schuf. Er begrüßt das Publikum, unter dem sich auch Sherlock Holmes und Dr. John Watson eingefunden haben. Diese haben scharfe Augen und bemerken, dass die Frau, die neben Spofford steht, braunhaarig ist, im Gegensatz zu dem häufig zu sehenden Modell, das blond ist. Die braunhaarige Catherine Winfield bezaubert Watson auf der Stelle. Holmes aber fragt sich, ob auch das blonde Modell zugegen ist.

Sir Alfred Braid, der bekannte Kunstkritiker, hat ebenfalls den Unterschied zwischen den beiden Damen bemerkt und sagt dem Künstler Ärger voraus. Nach Braids Abgang fordert Holmes seinen Freund Watson heraus, die Porträts kritisch zu betrachten. Wad falle ihm dran auf? Nun, „Die Dame mit dem blauen Hut“ ist sicherlich nicht Spoffords Braut Catherine, sondern eine ganz andere Dame: Edith Grant.

Doch wer den Teufel nennt, braucht nicht lange nach ihm zu suchen: Edith Grant wird von Holmes in einem Nebeneingang hinter einem Vorhang erspäht. Sie trägt ein Medaillon. Dann verschwindet sie. Holmes meint zu Watson, dem er sie gezeigt hat, dass Edith vielleicht in Gefahr schwebe.

Wie aufs Stichwort erscheint Spofford und erzählt, dass Edith, die ja bislang bloß sein Modell gewesen sei, bald nach Manchester reisen werde, um dort an der Oper zu singen. Allerdings gebe davor noch einiges zu bereinigen, denn – noch – ahne Catherine nichts von seiner Affäre mit Edith? Edith habe ihm zwar sein Briefe usw. zurückgegeben, aber das Medaillon, herrje. Sie soll es ihm am nächsten Mittag an der Euston Station übergeben, und kein anderer als der Meisterdetektiv soll dafür sorgen, dass diese Übergabe auch stattfindet. Holmes ist dazu bereit, denn Spofford will offenbar klar Schiff in seiner Vergangenheit machen. (Das kann Holmes gut verstehen, denn auch er erinnert sich nur ungern an jene Dame, die ihn als einzige mal besiegt hat: Irene Adler.)

Am Euston Bahnhof

Holmes und Watson finden sich zu richtigen Zeit am richtigen Ort am Euston Bahnhof ein, doch von Edith Grant und Spofford keine Spur. Der Zug fährt ab und sie beschließen, bei einem heißen Grog auf den nächsten Zug nach Manchester zu warten, ist ja bloß eine gute Stunde. Doch dann der frühere Zug hat nach etwa 800 Metern gehalten, und eine Absperrung wird eilends errichtet. Etwas muss passiert sein.

Es gelingt Holmes, den Schaffner zu überlisten, indem er sich auf Inspektor Lestrade beruft, und erhält Zutritt zu dem abgesperrten Waggon. Der Schaffner berichtet von einer schrecklichen Bluttat, die in eine Waggon der Ersten Klasse ereignet habe. Dort habe sich vor der Abfahrt ein lautstarker Streit zwischen einer Dame und einem Gentleman ereignet, der darin endete, dass sie ihm etwas vor die Füße warf.

Bestimmt das Medaillon, vermutet Watson. Ihm ist klar, dass es sich um Edith Grant und Harold Spofford gehandelt haben muss. Aber nun ist Spofford verschwunden und, wie sie nun entdecken dürfen, liegt die Dame erschlagen auf dem Boden ihres von der Polizei versiegelten Abteils. Die Sichtverhältnisse sind nicht allzu gut, denn draußen haben Gleisarbeiter einen Holzstapel in Brand gesteckt, und der Rauch hüllt den ganzen Zug ein.

Holmes dringt unerschrocken in das Abteil ein, wo die Leiche liegt. Watson erkennt erschüttert das schöne blonde Modell aus den vielen Porträts wieder. Sie hat nicht nur eine Wunde an der Wange, sondern auch eine eingedrückte Schläfe. Neben ihr liegt jener blaue Hut, denn sie auf einem der Porträt trug: Er ist mit Pailletten bestickt. Davon findet Holmes auf seiner Spurensuche jede Menge. Die Halskette mit dem Medaillon fehlt.

Das kann auch Inspektor Lestrade bestätigen, der nun herzutritt. Er hat einen seiner großmütigen Tage und lässt Holmes und Watson gewähren. Denn, wie er triumphierend verkündet, ist der Täter gefasst worden und stecke hinter Schloss und Riegel. Es ist kein anderer als Harold Spofford. Der Fall ist also gelöst und alle können zufrieden nach Hause gehen.

Da ist Holmes aber ganz anderer Meinung. Nach einem Besuch bei Scotland Yard und der Leichenhalle ist er sich sicher: „Wir brauchen Ochsengalle“. Watson runzelt die Stirn…

Mein Eindruck

Eines der Porträts, die Edith Grant zeigen, erinnert Holmes und Watson an Gainsboroughs Porträt der Herzogin von Devonshire. Nur dass es spiegelverkehrt ist und einen anderen diffusen Hintergrund zeigt. Unverkennbar ist jedoch der große blaue Hut, der Ediths (gefärbte) blonde Lockenpracht bedeckt. Dieser Hut spielt offenkundig eine große Rolle in dem Fall, und eifrig sucht Holmes nach den Pailletten, die ihn bedecken.

Holmes geht praktisch eine Wette mit Lestrade ein, um die Unschuld von Harold Spofford zu beweisen. Viele Indizien sprechen gegen den Maler: der lautstarke Streit, das Medaillon, sein starker Eschenstock, dessen spitzes Ende durchaus eine Schläfe durchschlagen könnte, und ein letzter Briefs Ediths an ihn, den er an sich genommen hat. Wer könnte verdächtiger erscheinen!

Wie schon häufiger, verfolgt Watson die unverständlichen Ermittlungen seines Freundes, des Meisterdetektivs. Dieser begibt sich auf das Gelände des weitläufigen, laut und verrußten Bahnhofs, auf dem zahlreiche Züge aus dem Norden der Insel eintreffen oder dorthin abfahren. Darunter auch Züge mit Viehwaggon aus den Rinder, die für den Schlachthof bestimmt sind, neugierig ihre gehörnten Köpfe stecken.

Der Holmes‘ führt ihn nicht nur zu einer Apotheke, sondern auch zu Metzger Weasley. Dort erhält er einige aufschlussreiche Hinweise. Erbittet Weasley mit einem Beweisstück sowie Inspektor Lestrade zu sich in die Baker Street 221B. Hier beweist er, dass Edith Grants Ende ein äußerst ungewöhnliches und tragisches war…

Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Watson, gesprochen von Detlef Bierstedt, nimmt die Stelle des zweifelnden gesunden Menschenverstandes gegenüber Holmes ein, welcher ein getriebener Junkie der Vernunftarbeit zu sein scheint. Watson ist der Gemütsmensch, ein Jedermann mit dem Herz auf dem rechten Fleck und einer tiefen Zuneigung zum schönen Geschlecht, aber auch ein kenntnisreicher Mediziner. Außerdem fungiert er als Chronist, hat also Einfluss auf die Auswahl der hier präsentierten „geheimen“ Fälle des Meisterdetektivs.

Sherlock Holmes

Was Joachim Tennstedt als Sherlock in diese Figur hineinlegt, ist in der Gemäldegalerie sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen. Aber er ist gegenüber Spofford ebenso höflich wie gegenüber dem Kunstkritiker, also eher neutral.

Das hindert ihn nicht daran, jederzeit die Augen offenzuhalten und die halb verborgene Edith Grant zu erspähen. Er zieht seine Schlüsse und prophezeit, dass Spofford schon bald eine Menge Ärger am Hals haben würde. Seine Ermittlung, verwundert beäugt von Watson, lässt an „Innovationsfreude“ nichts zu wünschen übrig.

Nebenfiguren

Wie gesagt, hat Inspektor Lestrade heute seinen großzügigen Tag. Er lässt den „beratenden Detektiv“ einen versiegelten Tatort eingehend untersuchen. Auch der Schaffner hat heute seinen nachsichtigen Tag und verrät Holmes zahlreiche Beobachtungen. Über die Rolle des Metzgers Weasley lässt sich streiten: Ist er Informant oder nur Statist? Wie auch immer: Seine Rolle ist wichtig. Allein schon wegen der Ochsengalle.

Geräusche

Eine große Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Diesmal hat die Tonregie fünf Schauplätze zum Leben erweckt: die Gemäldegalerie mit ihrem Stimmengewirr, den ebenso erscheinenden Euston Bahnhof, das Zugabteil mit der Leiche, Scotland Yard mit seinem Leichenhaus und schließlich die Wohnung in der Baker Street 221B (ein gewohntes Interieur). Die ungewöhnlichsten Geräusche stammen wohl von den Rindern in ihren Viehwaggons und von den Dampfpfeifen der Lokomotiven.

Der Einsatz einer Soundbar ist sehr zu empfehlen, um die vielfältigen Hintergrundgeräusche zu erfassen. Dann kann der Hörer alle Nuancen auskosten. Die meisten Soundbars sind mit mehreren Klangprofilen versehen und lassen sich entsprechend dem Hörspiel auf das „VOICE“-Profil einstellen, das die Stimmen hervorhebt. Wer es etwas gruseliger mag, kann die Bassverstärkung, vulgo Subwoofer, einschalten.

Die tiefen Bässe, die Unheil oder Gefahr ankündigen, kommen durch den Subwoofer in einer Soundbar noch besser zur Geltung. Meine Soundbar von einem japanischen Hersteller hat, wie ich froh entdeckte, drei Bassstufen, so dass ich das Maximum an tiefen Tönen herausholen kann. Das erweist sich als günstig, denn an mehreren Stellen reizt das Klangdesign diese Bässe auf subtile Weise aus.

Musik

Das Intro, eine Art flott-dezente Teemusik, bildet den heiter-beschwingten Auftakt des Hörspiels, während Watson seine Einleitung vorträgt, was die Natur der „geheimen Fälle“ anbelangt. Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Zwischendurch gibt’s mal heitere Musik, und Intermezzi sowieso.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt eine Szene, in der Edith Grant, das erblondete Modell von Spofford, den Betrachter im Stil der Herzogin von Devonshire anschaut (siehe oben). Man beachte den großen blauen Hut. Natürlich fehlt in ihrem Outfit ein wichtiges Detail: das verräterische Medaillon. Dieses gelungene Motiv stammt von Bastien Ephonsus.

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS und der HOLMES-Reihe verzeichnet. Diese Vorschau wird online auf der neugestalteten Homepage bestens dargeboten. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Die CD und der Einleger sind mit den Sherlock-Holmes-Motiven versehen, die die Reihe von Anfang an begleitet haben.

Von Herbst 2023 bis Mitte 2026

185: Lovecraft: Die Musik des Erich Zann (September 23)
186: ETA Hoffmann: Der Ghoul (Oktober 23)
187: Blackwood: Die Weiden (November 23)

188: Seidel: Der Hexenmeister
189: McGraup: Heimlich
190: Grimm: Schauermärchen 1

191: Grimm & Bechstein: Schauermärchen 2 (9/24)
192: Lovecraft: Gefangen bei den Pharaonen (Okt. 24)
193: Heron: Flaxman Low – Der Fall Yand Manor House (11/24)

194: E.F. Benson: Das Geständnis des Charles Linkworth (3/2025)
195: Upward & McGraup: Heimtückisch (04/2025)
196: Heron: Flaxman Low – Saddler’s Croft (05/2025)

197: Lovecraft: Das Grauen von Dunwich (27.3.2026)
198: Poe: Der schwarze Kater
199: Blackwood: Der Wendigo
200: Walpole: Das Schloss von Otranto

Unterm Strich

Zunächst scheint es sich bei der blutigen Tat, der die angehende Opernsängerin Edith Grant zum Opfer fällt, um einen schweren Fall von Eifersucht zu handeln. „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leichen schafft“, hat einmal ein gewitzter Schreiberling formuliert, und für Inspektor scheint dies hier zuzutreffen. Damit ist der Fall für ihn abgeschlossen.

Aber wir Sherlock-Fans wissen, dass Lestrade immer den naheliegendsten Schluss zieht und sich folglich das leichteste Opfer schnappt. In diesem Fall ist dies der Maler Spofford, der noch dazu mit sehr verdächtigen Gegenständen ertappt worden ist. Darunter befindet sich ein schwerer Eschenstock mit Metallspitze. Ungeachtet der Tatsache, dass schon niederländischen Maler und die französischen Impressionisten solch ein Hilfsmittel eingesetzt haben, um diverse Dinge wie einen Sonnenschutz daran zu befestigen, so erscheint der Stock doch ideal für einen Mord geeignet.

Ein Wunder, dass Holmes nicht mit den Augen rollt – das kommt allerdings akustisch nicht zur Geltung. Am besten wirkte auf mich daher die ziemlich innovative Ermittlung, die Holmes an verschiedenen Orten verfolgt. Dazu gehört beispielsweise die Bestellung von Ochsengalle, deren Rolle Dr. Watson zu enträtseln versucht. Das ist ziemlich ironisch, denn Holmes, vertreten von Tennstedt, schauspielert hier auf heftigste. Im Rückblick wird die Rolle der Ochsengalle klar, was Holmes‘ Auftritt noch witziger erscheinen lässt.

Kardinalfrage

Der heutige Hörer könnte sich allerdings fragen, warum dieser Fall unter die „geheimen Fälle des Sherlock Holmes“ fallen sollte, wo doch jeder B- und C-Promi sein Privatleben auf sozialen Netzwerken wie etwa X offenlegt. Vor rund 130 bis 140 Jahren dachten die arrivierten Leute doch tatsächlich, dass es etwas wie ein Privatleben geben sollte. Und dass dieses sonst niemanden anginge. Sie hatten so viel Angst um ihren „guten Ruf“, dass sie alles unternahmen, um diesen zu schützen, ganz besonders dann, wenn sie die Frau an ihrer Seite wechselten. Briefe, diese antiquierte Verständigungsform, spielten dabei eine wichtige Rolle, ebenso solche Erinnerungsstücke wie etwa Medaillons. Im vorliegenden Fall droht beides in die falschen Hände zu fallen, womöglich in die eines Kunstkritikers. Das wäre für den angehenden Maler-Promi Spofford ein Karriere-Spoiler.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Wie erwähnt, hatte die Tonregie fünf Schauplätze – In- wie auch Exterieurs – darzustellen.

Die komplexeste Szene ist der Euston-Bahnhof, ein riesiges Areal, bei dem es sich lohnt, ganz genau hinzuhören. Viele Klangquellen werden vermischt. Das Muhen von Schlachtrindern wird von Dampfpfeifen konterkariert, als würden Natur und Technik auf Kollisionskurs gehen. (Was wohl J.G. Ballard daraus gemacht hätte?)

Die Sprecherriege für diese HOLMES-Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich (Tennstedt) und George Clooney (Bierstedt), auch Bodo Primus, Helmut Zierl und Regina Lemnitz sind mir als Synchronsprecher vertraut. Mit Julian Tennstedt findet nun offenbar auch die nächste Generation von Sprechern Zugang zu einer der qualitativ besten Hörspielserien in Deutschland.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich und wirkungsvoll inszeniert, ohne an Spannung einzubüßen. Die Stimmen der Hollywoodstars Clooney und Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling. Mir fehlten lediglich Mrs. Hudson und der Ruf eines Käuzchens.

CD: über 80 Minuten,
ISBN 978-37857-8770-0

www.titania-medien.de

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