
Agatha Christie – Das Haus an der Düne weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Mickey Spillane – Tod mit Zinsen
Privatdetektiv Mike Hammer wird alt. Er weiß es, nachdem ihn zwei Bauchschüsse trafen und deutlich mehr Zeit als früher verstreicht, bis er halbwegs auf den Beinen und den nichtswürdigen Strolchen hinterher ist, die ihn so rüde aus dem Weg schaffen wollten. Seinen Beinahe-Mörder, den Mafia-Kronprinzen Azi Ponti, hat Hammer zwar mit seiner alten .45er den Schädel vom Hals geschossen. Azis Bruder, der verrückte Ugo, ist noch sehr lebendig und hat Blutrache geschworen.
Eigentlich wollte Hammer sich in Florida auskurieren. Doch in New York erwischt es seinen alten Armee-Kumpel Marcus Dooley, der als Buchhalter für den Mafia-Paten Lorenzo Ponti – Azis und Ugos Vater – gearbeitet hat. Voller Reue über seinen Absturz ins Verbrechen hatte Dooley dessen größten Coup sabotiert: Lorenzo ließ die Gewinne der Mafia einsammeln. Die stolze Summe von 89 Milliarden Dollar war dabei zusammengekommen, die Lorenzo für schlechte Zeiten bunkern wollte. Mickey Spillane – Tod mit Zinsen weiterlesen
Steve Hamilton – Himmel voll Blut
Paradise ist ein winziger Flecken im US-Staat Michigan. Hierher ist der Ex-Baseballprofi und Ex-Polizist Alex McKnight nach diversen beruflichen und privaten Schicksalsschlägen gezogen und führt ein zurückgezogenes Dasein als Vermieter einiger Jagdhütten. Eine kurze Episode als Privatdetektiv endete ebenfalls in einem Fiasko: McKnight ist fertig mit der Kriminalistik und mit dem Leben.
Die selbst auferlegte Klausur endet, als Vinnie „Roter Himmel“ LeBlanc, McKnights indianischer Nachbar und Freund, ihn um Hilfe bittet. Sein Bruder Tom steckt wieder einmal in Schwierigkeiten. Er ist als Begleiter einiger Jäger in die kanadischen Wälder gezogen und dort verschwunden. McKnight soll LeBlanc bei der Suche helfen.
Der Freund schlägt ein; man macht sich auf zum Lake Agawaatese in der Provinz Ontario. Dort erfährt man Unerfreuliches: Tom ist in eine üble Gesellschaft gewalttätiger, heftig trinkender Zeitgenossen geraten, die offenbar dem Unterweltmilieu nahe stehen. Schlimmer noch: Der Jagdführer und seine fünf Begleiter sind spurlos verschwunden.
Alex und Vinnie beginnen beherzt mit Nachforschungen. Binnen kurzer Zeit haben sie die örtliche Polizei verärgert, die sich ungern von Detektiv spielenden Ausländern überrumpeln lässt. Doch als in einem Waldstück der sorgfältig versteckte Wagen der vermissten Jäger gefunden wird, muss auch der misstrauische Constable DeMers zugeben, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.
Auf eigene Faust untersuchen Alex und Vinnie die einsam gelegene Hütte der Jagdgesellschaft. Dort finden sie Tom und seine Gefährten – grausam ermordet und nicht tief genug begraben. Der Schock ist noch nicht überwunden, da geraten sie in einen Hinterhalt. Ohne Waffen und Nahrung werden sie von unsichtbaren Mördern durch den Wald gehetzt, die alles daran setzen, die lästigen Mitwisser neben die anderen Leichen zu legen …
Womit nur der erste Höhepunkt dieses erstaunlichen Thrillers erreicht ist. Wo andere Autoren bereits auf die Zielgerade einbiegen, setzt Steve Hamilton erst richtig zum Höhenflug an. Noch mehrere aufregende Höhepunkt werden folgen, bis der Bodycount im Finale bei elf (!) Leichen steht.
Dabei bietet „Himmel voll Blut“ alles andere als eine simple Metzelstory. (Der Unheil verkündete Titel ist übrigens die Übersetzung eines indianischen Personennamens.) Selten gelingt es einem Kriminalschriftsteller, so viele Bluttaten als Kette bizarrer, aber in ihrer konsequenten Sinnlosigkeit beklemmender Ereignisse zu schildern. Die elf Menschen sterben sämtlich aus den „falschen“ Gründen. Die scheinbaren Schurken sind hier oft Opfer, im falschen Moment am falschen Ort, ihre Mörder eigentlich unzurechnungsfähig. Gewalt gebiert Gewalt: Eindrucksvoll weiß Hamilton diese uralte Binsenweisheit mit Leben zu erfüllen.
Die kanadische Wildnis stellt die grandiose Kulisse der schaurigen Handlung dar. Auch hier weicht Hamilton vom Klischee ab: „Natur“ ist für ihn kein Ort, der den Menschen Willkommen heißt. Ganz im Gegenteil; die Idylle verwandelt sich rasch in eine Hölle, geht ihr Besucher seiner Hilfsmittel und Waffen verlustig. Das schließt die indianischen Mitspieler unseres Dramas jederzeit ein. Sie sind eben keine „edlen Wilden“, die im süßlichen Einklang mit Mutter Erde am liebsten dem Rauschen der Bäume lauschen, sondern schätzen die Errungenschaft der ökologisch unkorrekten Zivilisation durchaus sehr.
Wie Volker Neuhaus (der „Himmel voll Blut“ auch übersetzt und den lakonischen Witz des Originals bewahrt hat) in seinem Nachwort schreibt, tritt Steve Hamilton in große Fußstapfen. Die Konfrontation des Entdeckers und Siedlers mit der unbekannten Natur ist ein Topos der nordamerikanischen Literatur. Kein Wunder, denn bis der riesige Kontinent in alle Richtungen „erobert“ war, gehörte die Auseinandersetzung mit wenig erfreuten Ureinwohnern, wilden Tieren, extremen Wetterverhältnissen und anderen Widrigkeiten zum Alltag in den USA und Kanada. Das musste zwangsläufig Spuren auch in der Kunst hinterlassen. Neuhaus nennt die „Lederstrumpf“-Saga (1823-41) von James Fenimore Cooper als ein Vorbild für „Himmel voll Blut“. Große Worte, aber Parallelen lassen sich in der Tat erkennen.
Diese Abenteuer-Tradition verknüpft Hamilton nun mit dem ebenfalls ehrwürdigen Genre des Detektivromans. Der „Private Eye“ tritt in den USA seit jeher agiler auf als sein europäischer Kollege. Er ist außerdem eher im gesellschaftlichen Randbereich zu finden. In gewisser Weise verkörpert er so den unabhängigen, für Recht & Ordnung sorgenden „Westerner“ der alten Pioniertage – ein Idealtyp, den es so wohl niemals gab, der aber dank Literatur und später Film zur gern eingesetzten Heldenfigur wurde.
Wobei dieser Held im 21. Jahrhundert kein strahlender mehr sein kann. Die Gegenwart ist zynisch geworden und schätzt ihre Idole mit Kratzern und Schwächen; das lässt sie „menschlicher“ wirken. Alex McKnight erfüllt diese Voraussetzungen perfekt. Er ist einsam, arm, ohne Rang und Namen. An einem öden Ort hat er sich verkrochen, nachdem seine Karriere gescheitert, jeder Neubeginn misslungen und sein Privatleben nicht mehr existent ist. Wie eine Maschine versucht er sein Leben zu führen, das allmählich aus der Bahn zu geraten beginnt.
Alex McKnight macht sich etwas vor: Er flüchtet vor dem Leben, aber das Leben wird ihn stets finden. Deshalb ist er eigentlich froh, als ihn Freund Vinnie um Hilfe bittet. Ein ausgeprägtes Helfersyndrom wurde McKnight ohnehin aufgeprägt – schon der Name verrät es dem Kundigen! Jetzt kann er seine brachliegenden Energien endlich wieder auf ein Ziel bündeln. Kein Wunder, dass er Vinnie mit manchmal masochistisch anmutender Leidensbereitschaft bis zum bitteren Ende folgt.
Auf seine Weise leidet Vinnie LeBlanc unter ähnlichen Problemen wie sein Freund. Er ist Indianer, was ihn in einem mittelmäßigen Roman als politisch korrektes Zerrbild hätte enden lassen: der gute amerikanische Ureinwohner, vom bösen Bleichgesicht in Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft verdrängt, betrogen und entmündigt.
Stattdessen ist Vinnie LeBlanc vor allem ein Mann, der in den USA lebt und zufrieden damit ist. Im Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada arteten die Auseinandersetzungen zwischen Weiß und Rot niemals so dramatisch aus wie im Westen. Deshalb leben beiden Rassen schon lange neben- und sogar miteinander. Nicht Rassismus ist daher Vinnie LeBlancs größtes Problem, sondern seine aufdringliche Verwandtschaft, vor der er aus dem Reservat geflüchtet ist, wo ein einträgliches Kasino ihm und seinem Stamm ein Leben in Wohlstand und Sicherheit bietet.
Die mit knochentrockenem Humor geführten Wortgefechte zwischen McKnight und LeBlanc gehören zu den Glanzlichtern des Romans. Sie verraten aber auch viel über die Sprachlosigkeit der Kulturen: Zwischen den „alten“ und den „neuen“ Amerikanern herrscht eher Waffenstillstand als Frieden.
Das gilt auch für das Verhältnis zwischen den US-Amerikanern und ihren kanadischen Nachbarn. Witze über Kanada gehören zum Standardrepertoire amerikanischer Komödien. Hamilton vermeidet jede Klamotte, aber er verschweigt nicht die Probleme, die aus der Rivalität zweier kulturell sehr unterschiedlicher Riesenstaaten entstehen, und nutzt sie geschickt für seine Story.
Steve Hamilton ist ein Mann, der entweder die Arbeit oder ein sicheres Einkommen liebt. Obwohl inzwischen als Schriftsteller erfolgreich, hat er seinen „richtigen“ Beruf nicht aufgegeben und ist weiterhin für den Konzern IBM tätig. Sein Herz gehörte – man liest dies wohl in jeder Autorenbiografie – jedoch seit jeher dem Fabulieren. Schon mit zwölf Jahren schickte er (erfolglos) eine erste Kurzgeschichte an das „Ellery Queen Mystery Magazine“. Seine berufliche Zukunft trieb ihn freilich wie bereits erwähnt in eine ganz andere Richtung.
Nach zehn Jahren Tätigkeit für IBM ließ sich der alte Traum vom Schreiben nicht länger unterdrücken. Hamilton belegte Kurse in einer Schreibwerkstatt. Als er damit begann, einen ersten Roman zu verfassen, ging er zielorientiert vor: Ein großer Verlag lobte für den besten Krimi eines Nachwuchs-Autoren einen Preis aus und – was noch wichtiger war – versprach die Veröffentlichung. Hamilton schrieb „A Cold Day in Paradise“ (1998; dt. „Ein kalter Tag im Paradies“), die ersten Alex McKnight-Geschichte, und gewann – auch solche Geschichten werden gern erzählt – den Wettbewerb!
Besagter Roman wurde auf Anhieb ein Verkaufserfolg. Die Kritiker liebten das Buch ebenfalls. „A Cold Day in Paradise“ gewann mit dem „Edgar Award“ und dem „Shamus Award“ gleich zwei der renommiertesten Thriller-Preise und stand auf der Vorschlagsliste für weitere.
Der Erfolg ist Steve Hamilton (der übrigens mit Frau und Familie im US-Staat New York lebt) seither treu geblieben, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich der Autor seit seinem gefeierten Erstling stetig gesteigert hat. „Blood in the Sky“, immerhin schon Band 5, gilt als der beste der Serie.
Steve Hamilton informiert über sich und sein Werk auf einer eigenen Website: http://www.authorstevehamilton.com
Die Alex-McKnight-Serie …
… erscheint in Deutschland in „DuMonts Kriminal-Bibliothek“:
1. A Cold Day in Paradise (1998; dt. „Ein kalter Tag im Paradies“) – KB Nr. 1103
2. Winter of the Wolf Moon (2000, dt. „Unter dem Wolfsmond“) – KB Nr. 1106
3. Hunting Wind (2001; dt. „Der Linkshänder“) – KB Nr. 1111
4. North of Nowhere (2002; dt. „Nördlich von Nirgendwo“) – KB Nr. 1121
5. Blood Is the Sky (2003; dt. „Himmel voll Blut“) – KB Nr. 1128
6. Ice Run (2004; noch kein dt. Titel)
Clive Cussler – Die Troja-Mission [Dirk Pitt 17]

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Reginald Hill – Das Haus an der Klippe
Chief Inspector Peter Pascoe von der Kriminalpolizei der Stadt Mid-Yorkshire in der gleichnamigen englischen Grafschaft geht in Gedanken die Liste möglicher Feinde durch, als Ellie, seine Gattin, von einem zwielichtigen Pärchen beinahe entführt wird. Kurz darauf folgt eine zweite Attacke. Gemeinsam mit Pascoe ermitteln der exzentrische Detective Superintendent Andrew Dalziel, Detective Sergeant Edgar Wield und Constable Shirley Novello.
Die Spur führt zu Patrick „Popeye“ Ducannon, einen ehemaligen IRA-Terroristen, der ins Waffengeschäft eingestiegen ist. Er handelt mit einer kleinen aber radikalen Guerillera-Gruppe aus Kolumbien. Anführer Chiquillo reist persönlich nach Europa, doch die Übergabe endet in einem Fiasko: Chiquillo wurde ein kolumbianisches Killer-Kommando hinterhergeschickt. Während der Ducannon verletzt zurückbleibt, macht sich Chiquillo mit den Waffen und einer großen Menge Kokain, das der Bezahlung dienen sollte, aus dem Staub. Ducannon denkt nicht daran, sich betrügen zu lassen. Chiquillos Rebellen-Kollegen wollen ihren Konkurrenten ausschalten, bevor er mit den Waffen nach Kolumbien zurückkehrt. Reginald Hill – Das Haus an der Klippe weiterlesen
Edmund Crispin – Schwanengesang

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Matt Dickinson – Tod im Eis
„Capricorn“ heißt eine kleine Forschungsstation, die in der Antarktis über einem Gletscher errichtet wurde. Fünf Personen bohren hier ein tiefes Loch ins Eis, unter dem ein unterirdischer See liegt, in dem womöglich bisher unbekannte Urtiere hausen. Die Glazialbiologin und Stationsleiterin Dr. Lauren Burgess steht unter Druck; der Zeitrahmen ist eng, die Arbeit gefährlich, der Geldgeber ungeduldig, die Fachwelt missgünstig. Deshalb kommt der Hilferuf einer gescheiterten Polarexpedition denkbar ungünstig. 300 frostige Meilen von der Station entfernt hat der Extremreisende Julian Fitzgerald sich und seinen Gefährten, den Norweger Carl Norland, durch schlechte Planung und eklatante Führungsschwäche in höchste Gefahr gebracht. Lauren Burgess und der Mechaniker Sean Lowery unternehmen den riskanten Versuch, die beiden Männer zu bergen, was wider Erwarten gelingt.
Fitzgerald dankt es seinen Rettern schlecht. Er war bereits in einige Skandale verwickelt. Ein neuerliches Scheitern würde ihn Ruf, Ruhm und Sponsorengeld kosten. Deshalb drängt Fitzgerald auf eine Fortsetzung der Expedition, die aus den „Capricorn“-Beständen ausgestattet werden soll. Dass dies wegen der beschränkten Ressourcen kaum machbar ist, will der arrogante Mann nicht akzeptieren. Ohnehin verfällt er zusehends dem Wahnsinn. Als er herausfindet, dass Norland einen Enthüllungsartikel plant, dreht Fitzgerald durch. Er sabotiert die Funkanlage der Station, plündert deren Vorräte, will ein Schneemobil stehlen und steckt dabei „Capricorn“ in Brand. Matt Dickinson – Tod im Eis weiterlesen
Disher, Garry – Willkür
Wyatt, inzwischen 40 Jahre alt, kann auf eine 20-jährige Karriere als Berufsverbrecher zurückblicken. Er hatte „klein angefangen, sich zunehmend vervollkommnet, um mit ungefähr dreißig dann ehrgeizigere Vorhaben anzupacken – Banken, Lohngelder, Goldvorräte.“ Jetzt steckt er in einer kritischen Phase: Verschiedene Coups waren in der jüngsten Vergangenheit schief gegangen und ihm fehlt das Geld, weitere Coups vorzubereiten. Zu allem Überfluss hat das Syndikat ein Kopfgeld auf seine Liquidierung ausgesetzt und das macht down-under zu einem gefährlichen Pflaster für ihn.
|“Nicht zum ersten Mal musste er wieder bei null anfangen, doch aus irgendwelchen Gründen stellte er seit neustem langfristige Überlegungen an.“|
Und Wyatt hat noch eine offene Rechnung mit dem Mescis-Clan zu begleichen. Sie hatten ihn in der Vergangenheit um 200.000 Dollar betrogen (von dem im dritten Wyatt-Roman [„Hinterhalt“ 613 erzählt wurde). Wyatt nimmt Kontakt über den pensionierten Berufsverbrecher Rossiter zu seinem alten Partner Frank Jardine auf. Gemeinsam stören die beiden erst mal die operativen Geschäfte des Syndikats, um einerseits die Aussetzung des Kopfgeldes auf Wyatt zu erreichen und andererseits einen Vorschuss für die Ausschaltung des Mescis-Clans zu bekommen. Aber ihre Pläne kollidieren mit den Interessen anderer, die gänzlich andere Absichten verfolgen:
|“Bisher war immer der Ertrag das bestimmende Motiv seines Handelns gewesen. Diesmal jedoch hatten sich zusätzlich Rachegedanken Einlass verschafft.“|
_Victor und Leo Mesic:_ Nach dem Tod des Vaters, dem Clanchef Karl Mesic, droht den beiden Brüdern der Verlust ihrer lukrativen Geschäfte, weil Konkurrenten ihre Schwäche auszunutzen versuchen.
_Bax:_ Der korrupte Detective steht auf der Lohnliste des Mesics-Clans und ist heimlicher Geliebter der Ehefrau von Leo, Stella Mesic. Bax fürchtet nichts mehr als den Verlust seines Lebenstandards, nämlich teure Klamotten und schnelle Autos.
_Rossiter:_ Der ehemalige Berufsverbrecher hat sich aus seinen früheren, erfolgreichen kriminellen Geschäften zurückziehen müssen, als ein Killer ihn übel zurichtete, um Wyatts damaligen Aufenthaltsort herauszubekommen. Eillen, seine Ehefrau, und Niall, sein Sohn und Neonazi, sind deshalb gar nicht gut auf Wyatt zu sprechen.
_Napper:_ Der korrupte Sergant ist geschieden und die Alimentenzahlungen an seine Frau und Tochter haben ihn an den Rand des finanziellen Ruins gebracht. Er sucht verzweifelt Geldquellen, um die sich türmenden Rechnungen bezahlen zu können.
|“Wollte er für den Rest seines Lebens so weitermachen? Würde seine Courage ihm treu bleiben? Wenn er aufhörte zu arbeiten (ein Ende durch Festnahme, Verletzung oder Tod fand keine Berücksichtigung in seinen Erwägungen), besäße er dann ein hinreichend dickes finanzielles Polster für ein angenehmes Leben?“|
Garry Disher erzählt einen komplexen Plot aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Protagonisten. Souverän verknüpft er dabei die einzelnen Erzählstränge, er wechselt Schauplätze und Perspektiven, beschleunigt und bremst das Tempo und man folgt gespannt und fasziniert seinen Geschichten. Disher erschafft lebendige, unverwechselbare Charaktere, deren Schicksal uns bis zum bitteren Ende fesselt. Die zunächst ruhig dahinfließende Geschichte verdichtet sich mehr und mehr bis hin zu einem furiosen Finale. Garry Disher erzählt seine Geschichte sehr filmisch, knappe Beschreibungen, knappe Dialoge. Sein Stil ist lakonisch, trocken und trotzdem packend. Beeindruckend ist die düstere, |hardboiled| Atmosphäre und die Zwangsläufigkeit, mit der die verschiedenen Interessen der Protagonisten sich in einem großen, explosiven Finale entladen.
Dishers Roman zeichnet sich aber auch durch Ironie, Humor und Persiflage aus. Napper, die heimliche Hauptfigur, wird bis an den Rand der Lächerlichkeit geführt und doch ist er es, der die Zündschnur in Brand setzt.
|“Er schüttelte den Kopf. Ich unterscheide mich nicht im Geringsten von anderen Männern meines Alters, dachte er, mache mir Gedanken über die Jahre bis zum Ruhestand, bis zum Tod.“|
Garry Dishers Wyatt-Romane stehen in der Tradition Donald E. Westlakes, der in den 60er Jahren Furore mit seinen Romanen um den professionellen Dieb Parker machte. Dishers Protagonisten sind ebenfalls Kriminelle und korrupte Bullen. Disher zeichnet dabei seine Figuren als gewöhnliche Menschen mit normalen privaten und beruflichen Problemen. Wyatt plant nicht den großen Coup, sondern sein krimineller Job dient dem ganz normalen Broterwerb. Seine jüngsten Fehlschläge bedrohen seine Unabhängigkeit und zum ersten Mal macht Wyatt sich Sorgen um seine Zukunft. Deutlicher als in seinen früheren Romanen gibt Disher Wyatt menschliche Züge. Er ist nicht mehr der eiskalte Profi, dem niemals Unsicherheit oder Zweifel an seinen Fähigkeiten, eine riskante Situation zu meistern, zu schaffen machen. Wyatt wird zunehmend bewusster, dass er ein Anachronismus in den Zeiten von Kreditkarten und elektronischen Geldtransfers ist, mit seinem Bestreben, ausschließlich Bargeld bei seinen Überfällen zu erbeuten. Mit Wyatt hat Disher eine faszinierend ambivalente Figur geschaffen, die man wider Willen sympathisch findet.
„Willkür“ wird in einem Sog erzählt, der den Leser mitreißt und ihn nicht ruhen lässt, bis die 250 Seiten verschlungen sind. Ein absoluter page-turner. Wyatt macht süchtig … nach mehr Geschichten von Wyatt.
Garry Disher beweist mit seinem vierten Wyatt-Roman seine große Klasse. Er muss einen Vergleich mit dem großen Donald E. Westlake nicht scheuen. Unbedingt empfehlenswert!!!
_Claus Kerkhoff_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|
Lucy Wadham – Verschwunden

Schröder, Angelika – Mordsliebe
„Mordsliebe“ spielt an einem Ort, an dem sich die 1955 in Westfalen geborene und in Hagen als Grundschullehrerin arbeitende Angelika Schröder bestens auskennt: eine Grundschule in einem fiktivem Stadtteil von Hagen. Der eher ruhige Krimi lebt von der präzisen und liebevollen Charakterisierung seiner Figuren. Obwohl dem Leser schnell klar ist, wer der Täter sein muss, vor allem durch die den Kapiteln vorangestellten Einblicke in die Gedanken des Mörders, macht es Spaß, die Hauptpersonen auf der Suche nach Hinweisen zu begleiten. Mit treffenden Worten skizziert Angelika Schröder auch den Hintergrund ihres Debütromans: schwierige Schüler, gleichgültige Eltern und resignierte Lehrer in einer heruntergekommenen Grundschule.
Viele der in dieser Grundschule unterrichteten Kinder stammen aus schwierigen Familienverhältnissen – von alleinerziehenden Müttern, die neben der Arbeit nur noch wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen können, bis hin zu Missbrauch durch den Vater oder den neuen Freund der Mutter – und die Schule selbst ist dringend sanierungsbedürftig. Die Kellerklassenräume sind durch Schimmel unbenutzbar geworden, in den anderen Klassenräumen fällt den Kindern schon mal der Putz von der Decke und die Sporthalle ist durch ein undichtes Dach kaum einsetzbar. Helga Renner, die Hauptfigur des Romans, unterrichtet dort eine zweite Klasse. Vier Wochen vor Beginn der Romanhandlung wurde ein Mädchen aus ihrer Klasse, die achtjährige Sandra Linner, ermordet im Westpark aufgefunden. Die ermittelnden Beamten der Mordkommission, Klaus Kersting und Jürgen Masowski, wissen bislang nur wenig: Sandra hat ihren Mörder vermutlich gekannt, da sie keine Gegenwehr geleistet hat, und der Mörder trug einen grauen Wollmantel, von dem Fasern an Sandras Kleidung gefunden wurden. Nun wird ein zweites Kind tot im Westpark gefunden: Auch der Drittklässler Benjamin Fränzke wurde, wie Sandra, ohne Gegenwehr zu leisten von seinem Mörder erdrosselt. Doch noch immer verlaufen alle Ermittlungen im Sande und Angst macht sich breit im Viertel, den der Mörder könnte jederzeit wieder zuschlagen.
Die Vorsitzende der Elternschaft Anne-Liese (Ali) Merklin überredet Helga dazu, auf eigene Faust nach dem Täter zu suchen. Mit ihrer Kenntnis des Viertels und dessen Bewohner und Helgas Kenntnissen über die Grundschüler und das Kollegium erhoffen sie sich mehr Hinweise, als die Polizei bisher entdecken konnte. Auch Helgas Aikido-Gruppe möchte sich an den Ermittlungen beteiligen und verabredet sich, Patrouille im Westpark zu gehen. In Zweiergruppen wollen sie dort ihre Hunde spazieren führen, joggen oder Aikido trainieren, um zu beobachten und so die Kinder vielleicht zu beschützen.
Tatsächlich gelingt es ihnen, neue Spuren und Verdächtige in beiden Mordfällen zu entdecken, diese erweisen sich jedoch schnell als Sackgassen. Erst ein dritter Mord an dem neunjährigen Marcel Wohmann lässt in Helga einen schrecklichen Verdacht aufkommen.
Insgesamt besticht „Mordsliebe“ zwar nicht durch große Spannung oder lebensbedrohende „Action“, doch berührt die Geschichte aufgrund der Lebendigkeit ihrer Figuren. Positiv fällt auch die Lösung des Falles auf: die Hobby-Detektive versuchen nicht, den Täter alleine zu stellen, sondern leiten ihren entscheidenden Hinweis an die Beamten der Mordkommission weiter, die dann kompetent die weiteren Ermittlungen und die endgültige Lösung des Falles übernehmen. Man könnte sich durchaus vorstellen, dass der Roman von einer wahren Begebenheit erzählt, nur bleibt zu hoffen, dass Angelika Schröder die Verhältnisse an deutschen Grundschulen aus dramaturgischen Gründen stark übertrieben hat.
Jeffery Deaver – Das Gesicht des Drachen [Lincoln Rhyme/Amelia Sachs 4]

Disher, Garry – Hinterhalt
20.000 Dollar hat Wyatt eingesackt, viel weniger als die erhofften dreihunderttausend Dollar, die das Lohnbüro gebunkert haben sollte. Und die läppische Beute wird ihm gleich im Motel von zwei Typen aus den Händen gerissen: Einen von ihnen, Mostyn, kann er kaltstellen, aber Whitney, der zweite Detektiv, macht sich mit dem Geld auf und davon. Wyatt bleiben „zweihundert Dollar, ein paar Dietriche und an Kleidung nur das, was er am Leibe trug“. Reichlich wenig für jemanden, der immer auf der Suche ist nach „dem großen Ding“. Jetzt hängt er fast mittellos in der Nähe Melbournes herum und ist so weit, jede seiner lächerlichen Ausgaben auf den Cent genau nachzuhalten.
Wyatt hätte sich aber nicht sein Leben lang halbwegs erfolgreich durchs Leben geschlagen – immerhin hat er sich ein schnuckeliges Farmhaus mit nettem Gelände auf einer abgelegenen Halbinsel zulegen können -, wenn ihn ein Rückschlag wie dieser in seinem Elan gestoppt hätte. Freunde hat er, zumindest ein paar, denen er vertrauen kann. Okay, sein Verbindungsmann Rossiter fällt aus, und die Ehefrau reagiert allergisch auf Wyatts Anruf: „Deinetwegen haben sie meinen Alten fast erwürgt!“ Und Loman – na ja, am Apparat meldet sich eindeutig ein Polizist: „Er ist buchstäblich verkohlt.“
Bleibt Harbutt, die dritte Wahl. Und der kreuzt nicht alleine am Treffpunkt auf, sondern mit Dern, der eine Latte an möglichen Aufträgen mit sich herumschleppt, die von Wyatt gleich einmal der Reihe nach aussortiert werden. Außerdem schließt sich Thea dem Trio an: „Damals hatte sie sich Maxine genannt“. Dieses „damals“ hängt Wyatt noch nach, jedenfalls taucht Thea-Maxine später alleine auf, um einen früheren eiligen Abschied nachzuholen. Dern hat sein Mädchen aber nicht aus den Augen verloren. Nach einer einseitigen Prügelei macht sich Wyatt wieder einmal aus dem Staub.
An einem anderen Ort braut sich bereits neue Unbill zusammen: Mark Stolle, Chef des Detektiv-Duos, will selbst den Auftrag erledigen und Wyatt aufspüren; seine Auftraggeberin lässt auch nach dem ersten Fehlschlag nicht locker.
Wyatt macht sich in der Zwischenzeit zu seiner Farm auf, um sich das dort deponierte Geld und eine Waffe vor dem Zugriff anderer zu sichern: Seine Farm steht längst zum Verkauf, nachdem er landesweit gesucht wird. Auf der Farm schließt sich auch der Kreis, denn Finn, der Bruder eines Ermordeten, passt ihn dort ab. Vor drei Monaten hatte er eine Kanzlei ausgeraubt, Anna Reid hatte den Job ins Rollen gebracht. Und eben diese Anna Reid kommt plötzlich mit ins Spiel, als Stolle auf der Suche nach Wyatt erst einmal dessen Farm anläuft. Finn wird erschossen, Wyatt kann entkommen – aber Stolle lässt nicht locker. Und die Auftraggeberin wird auch zufrieden gestellt …
258 Seiten Umfang hat „Hinterhalt“, nicht unbedingt viel für den Preis, der verlangt wird. Für ein paar Euro mehr kann ich schon Bücher mit dem doppelten Umfang einbringen – habe ich da für teuer Geld ein schlechtes Geschäft gemacht? Keineswegs und ganz im Gegenteil: Ich bin ja schon dankbar, wenn sich Autoren auf das Wesentliche zurücknehmen können und da von Zeilenschinderei absehen, wo es insbesondere dem Lesegenuss zugute kommt. „Hinterhalt“ legt ein rasantes Tempo vor, es bleibt für den Leser kaum Zeit zum Verschnaufen, und das hängt auch damit zusammen, dass Garry Disher den Inhalt auf das für ihn Wichtige kondensiert, also auf Reflektionen, Innenansichten, gute Gespräche verzichtet: Pure Action ist angesagt.
Das ist nicht jedermanns Sache, und auch der Rezensent würde sich mit argem Bauchgrimmen nach dem zu häufigen und einseitigen Genuss der Disher-Romane nach einem Highsmith-Krimi sehnen. Aber Wyatt, Held und Anti-Held in einer Person, strahlt eine magische Anziehungskraft aus, die vielleicht mit unserer dunklen Saite zu tun hat, die manchmal in uns anklingt, zumindest dann, wenn sie auf ungefährliche Weise angeschlagen wird: Er ist ein gewöhnlicher Verbrecher, dabei wenig ehrenhaft, schnell mit der Waffe und skrupellos, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Und doch schimmert auch seine „gute“ Seite durch, wenn er am Ende des Romans die eben eingeheimste Barschaft mit vollen Händen von sich gibt, weil eine Frau – die er zuvor aus dem Gefängnis befreit hat – ihn darum bittet. „… aber er wusste, dass ab jetzt alles nur besser werden konnte“.
Natürlich wird nichts besser werden, weil dieses „besser werden“ auch immer den Klang nach Beständigkeit mit sich trägt, einen Dauerzustand, von dem man sich nicht mehr lösen kann, will man sich nicht wieder verschlechtern. Wyatt dagegen ist unstet, auf Veränderung aus, ein Nomade, den nichts dort hält, wo er gerade ist. Und so ist der Schluss von „Hinterhalt“, als die Frau befreit wird und er den Gedanken hat, mit ihr zusammenbleiben zu können, nur zwangsläufig. „Zwei- oder dreimal im Jahr verschwinde ich für eine Woche, für einen Monat, komme nach Hause …“ Das hätte niemals gut gehen können, doch sie nimmt ihm die Last ab, eine solche Beziehung scheitern zu lassen. Sie nimmt seine Geldofferte an und verschwindet aus seinem Leben …
Garry Disher erhielt zu Recht 2000 und 2002 den Deutschen Krimipreis. „Hinterhalt“ passt sich nahtlos an die beiden Vorgänger „Gier“ und „Drachenmann“ an: schnelle Kost für heiße Sommertage.
_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|
Johansen, Iris – Und dann der Tod
_Das geschieht (Teil 1: Einleitung)_
Nachdem sie im vom Bürgerkrieg geschüttelten Kroatien Zeugin furchtbarer Gräuel wurde, soll ein ausgedehnter Urlaub der jungen Fotojournalistin Elizabeth Grady die dringend benötigte Erholung bringen. Aus Schaden leider nicht klug geworden, bleibt sie nicht im Paradies auf Erden – den Vereinigten Staaten von Amerika -, sondern reist schon wieder ins Ausland, obwohl ihr wie jedem guten US-Bürger klar sein sollte, dass in der Fremde stets das Böse lauert. Darüber hinaus geht es auch noch nach Mexiko, das seit Pancho Villa selig bekanntlich eine Brutstätte des Chaos, der Korruption und der latinischen Ausschweifungen ist.
Elizabeth wird begleitet von ihrer älteren Schwester Emily, einer erfolgreichen Chirurgin, die selbst ein wenig Ruhe vertragen kann. Dass Tenajo, ein Dörflein tief und abgelegen im mexikanischen Hinterland, schwerlich die richtige Wahl als Ferienort war, wird den Schwestern klar, als sie bereits hinter dem Ortsschild die erste Leiche finden. Aber das ist nur der Anfang: Auf den Straßen, in den Häusern liegen die Bürger, wie sie ein unsichtbares Verhängnis dahingerafft hat. Elizabeth und Emily reagieren politisch korrekt: Geschockt aber pflichtbewusst suchen sie die Totenstadt nach Überlebenden ab und finden tatsächlich ein gesund gebliebenes Baby!
_Das geschieht (Teil 2: Die Jungfrau, der Drache & der Ritter)_
Da keine gute Tat auf dieser Welt unbestraft bleibt, naht nunmehr hakennasig das Böse in Gestalt des verbrecherischen Colonels Esteban. Tenajo und seine ahnungslosen Bewohner sind (bzw. waren) Schauplatz eines unmenschlichen Experiments, bei dem Terroristen (dieses Mal aus Libyen) eine neue Bio-Waffe testen wollten. Dumm gelaufen, dass sich ausgerechnet in diese Einöde zwei Gringas verirrten! Da diese außerdem aus den USA stammen, duckt sich Esteban (der gerade kalt lächelnd ein paar Dutzend Landsleute über die Klinge hat springen lassen), als Uncle Sams Schatten ihn trifft. Er ruft seinen psychopathischen Killer Kaldak und lässt Elizabeth gefangen nehmen, während Emily spurlos verschwindet.
Esteban wartet, bis Elizabeth durch Drogen und Drohungen außer Gefecht gesetzt ist. Dann taucht er an ihrem Krankenbett auf, wo er mit seinen Schandtaten prahlt und als Engel des Todes bewundert werden möchte. Haha, aber nicht mit den Girls aus Michigan! Elizabeth zieht Esteban eins mit der Bettpfanne über, nur der zufällig auftauchende Kaldak rettet seinen Chef. Dem steht ob der Demütigung der Schaum vorm Mund. Feigling, der er ist, fordert er Kaldak auf, seine Gefangene hübsch langsam und qualvoll zu Tode zu bringen und ihm anschließend davon zu erzählen; er selbst traut sich nicht einmal an die gefesselte Elizabeth mehr heran.
Die wird ausgerechnet vom finsteren Kaldak aus dem Gefängnis geschmuggelt (und kann dabei noch das Baby retten). Zwar muss sie beobachten, wie er dabei ein paar Hälse bricht, aber das ist unwichtig, als Kaldak verkündet: „‚Ich arbeite seit ein paar Jahren für die CIA.'“ Plötzlich ist Elizabeth fast schon wieder zu Hause: |“Sie fühlte sich erleichtert. ‚Das hätten sie mir doch gleich sagen können.'“|
_Das geschieht (Teil 3: Triumph der Gerechtigkeit)_
Nun flüchtet man gemeinsam durch den Tropenwald, verfolgt vom wütenden Esteban und seinen tumben Schergen, die dort nicht einmal einen Elefanten finden könnten, geschweige denn eine amerikanische Bürgerin, die gerade ihr Waldläuferblut wiederentdeckt hat. Also entkommen die Schöne und das Biest, um daheim Pläne zu schmieden, a) Emily zu retten, b) die Welt = die USA vor einem terroristischen Giftanschlag zu bewahren, und c) Emily zu retten. (Elizabeth ist da sehr hartnäckig). Wie es sich für eine echte Demokratie gehört, arbeitet der US-Geheimdienst dabei eng und offen mit Elizabeth, einer besorgten Bürgerin & Steuerzahlerin zusammen. Und da Kaldak jetzt als einer der Guten identifiziert ist, findet Elizabeth ihn plötzlich auf aufregend verbotene Weise attraktiv …
|Papier ist geduldig, der Leser hoffentlich nicht|
Mit „Und dann der Tod“ begründet Iris Johansen ein Subgenre des modernen Thrillers: die Action-Schmonzette. Mit diesem Schöpfungsakt ist die kreative Kraft der Autorin aber sichtlich verpufft; was folgt, ist eine inhaltlich wie formal plump zusammengebolzte Story ohne Sinn, Verstand und Profil. Man fühlt sich in eine dieser billigen ‚Weltpremieren‘ des deutschen Privatfernsehens versetzt („Rette Deine Schwester und die Welt! – Todesschreie aus dem Virencamp“). Die Liste der Dinge, die erst stören und dann ärgern, ist schier endlos und geht über die penetranten US-Hurra-Patriotismen weit hinaus.
Bereits die ‚Entwicklung‘ der an sich schon wenig innovativen Ausgangsidee ist eine starkes (bzw. schwaches) Stück. Im zweiten Drittel bricht die Handlung sogar völlig zusammen und irrt endlos im Leerlauf umher, weil sich der schändliche Esteban nicht über die Grenze in die USA traut – er würde sich wahrscheinlich wie ein Vampir in Staub auflösen -, seine Opfer mit albernem Telefonterror und Halloween-Scherzchen piesackt und ihnen den dämlichsten Killer der Welt auf den Hals schickt.
Zumindest Elizabeth und Kaldak benötigen diese Pause, denn sie sollen sich ja nach dem Willen der Autorin näher kommen, und das braucht seine Zeit. Schließlich ist Elizabeth eine moderne und selbstbewusste Frau, die nur einen echten Traumprinzen an sich heranlässt! Freilich gleicht das uralte menschliche Balzritual deshalb eher einem scharfen Kreuzverhör, was jegliche Romantik nachhaltig verfliegen lässt.
|Die Lady Gaga des Thriller-Genres|
Was uns zur Figurenzeichnung bringt, der eigentlichen Achillesferse der Autorin. Elizabeth Grady erreicht auf jeder Nervensägen-Skala dieser Welt absolute Spitzenwerte. Schon die hysterische Naivität, mit der sie auf das Drama reagiert, das sich um sie herum abspielt – |“Das dürfen Sie nicht! Lassen Sie das! Wo ist der amerikanische Botschafter?“| – reizt noch den nachsichtigsten Leser zur Weißglut.
Als Romanfigur ist Elizabeth Grady jedoch auch sonst eine Zumutung. Wo sie geht und steht, markiert sie das tapfere Cowgirl, das dem bösen Feind quasi reflexartig die Stirn bietet, ihm ständig empört flammende Reden ob seiner Sündhaftigkeit hält, um dann als Rambo & Ripley in Personalunion und mit einem heldenhaft geretteten Eingeborenenbaby auf dem Arm den Verfolgern und den Unbilden der Natur zu trotzen (und vermutlich unterwegs noch achtlos im Wald fortgeworfenes Bonbonpapier aufliest).
Unbarmherzig sitzt sie später den eigenen Jungs (Army/Navy/Air Force, Geheimdienst etc.) im Nacken und erinnert sie in jedem Satz mindestens zweimal an ihre patriotischen Pflichten – und zum Teufel mit den Hoheitsrechten irgendwelcher sowieso unterentwickelter Dritte-Welt-Operettenstaaten, wenn dort ein US-Bürger in Gefahr schwebt!
Ärgerliche Banalitäten dieser Art ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Kaldak, der als un- und übermenschliche Mordmaschine eingeführt wird, degeneriert bald zum netten Teddybären, der nur die Bösen killt (und auch die nicht gern), kleine Kinder liebt und nach dem Essen das Geschirr abspült. Kein Wunder, dass ihn die spießige Elizabeth prompt anhimmelt, sobald er sich als CIA-Agent und damit als einer der ‚Guten‘ entpuppt! Merke: Töten ist o. k., solange es nur terroristisches Gezücht aus dem Ausland trifft, denn dann ist es gerechte Strafe!
Schurken mit der Tendenz zum Todlachen
Über Esteban und seine Handlanger muss erst recht kein Wort verloren werden. Sie sind gnadenlos überzeichnet und als Bösewichte etwa so überzeugend und Furcht erregend wie der Räuber Hotzenplotz: Da hat die Große Terroristische Geißel im Hintergrund sieben Jahre (!) am Giftgas-Krieg gegen die USA getüftelt – und alles, was dabei herauskommt, sind ein paar Anschläge auf Hinterwäldler-Nester im Nirgendwo, durchgeführt von einer Bande Trottel, denen ein durchgeknallter Psychopath vorsteht, der für die Rache an einer neurotischen Weltverbesserin den ‚genialen‘ Plan aufs Spiel setzt. Wenn dies die Realität widerspiegeln sollte, wissen wir jetzt, wieso Saddam, Muammar, Fidel & Co nie ein Bein auf die Erde jenseits der Grenzen ihrer privaten Königreiche bekommen haben.
Im letzten Drittel wird’s einfach grotesk. Johansen schreckt nicht dafür zurück, Elizabeth Gradys traumatische Erlebnisse in Kroatien mit dem Tenajo/New Orleans-Handlungsstrang zu verknüpfen. Dies soll wohl die erschreckende Vision eines weltweiten Komplotts heraufbeschwören, wirkt aber einfach nur lächerlich, weil es so dilettantisch umgesetzt wird. Das eigentliche Grauen scheint für Elizabeth ohnehin darin zu liegen, dass sie ihr Prinz trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch aufs Kreuz gelegt hat. (Dies bitte ruhig zweideutig verstehen.) Heulend aber ungebrochen nimmt sie es nunmehr eben allein mit dem Reich des Bösen auf.
Zum großen Finale ist Kaldak rechtzeitig wieder da, um sich als Buße für sein chauvinistisches Tun eine Kugel einzufangen, die eigentlich für Elizabeth bestimmt war. Es dürfte ihm nicht schwer gefallen sein, sie und den schließlich doch in die USA geschlichenen Esteban zu finden, hat dieses Genie des Bösen sein Hauptquartier doch ausgerechnet in einer Windmühle aufgeschlagen …
Hiermit soll es genug sein. Was Iris Johansen und ihre Thriller immer wieder |“auf die obersten Plätze der Bestsellerlisten“| bringt, wie es im Klappentext vollmundig heißt, ist angesichts dieses Machwerks ein Rätsel – es sei denn, dass sich außer den sprichwörtlichen Fliegen auch ein paar Millionen Leser nicht irren können …
|Taschenbuch: 366 Seiten
Originaltitel: And Then You Die … (New York : Bantam Books 1998)
Übersetzung: Norbert Möllemann
ISBN-13: 978-3-548-25451-7|
[Autorenhomepage]http://www.irisjohansen.com
[Verlagshomepage]http://www.ullsteinbuchverlage.de
(Michael Drewniok)
Jeffery Deaver – Der faule Henker [Lincoln Rhyme/Amelia Sachs 5]

Jess Walter – Stummes Echo

Klewe, Sabine – Schattenriss
Die 38-jährige Sabine Klewe, selbstständige Literaturübersetzerin und Dozentin in Düsseldorf, gibt mit „Schattenriss“ ihr Romandebüt. Der Inhalt ihres 227 Seiten umfassenden Erstlingswerkes ist schnell erzählt. Die Landschaftsfotografin Katrin Sandmann fotografiert für einen Artikel über Sterbehilfe des Niederkassler Kuriers Gräber auf dem Düsseldorfer Südfriedhof. Am nächsten Morgen wird auf einem dieser Gräber eine Leiche gefunden. Alles sieht danach aus, als hätte die 15-jährige Schülerin Tamara Arnold Selbstmord begangen, doch Katrin entdeckt auf den Fernsehbildern, dass etwas auf dem Grab fehlt. Auf den von ihr aufgenommenen Bildern wird der Grabstein von der Figur eines kleinen steinernen Engels geziert. Sie zeigt ihre Fotos der Polizei und tatsächlich ist der steinerne Engel verschwunden. Zuerst glauben die Ermittler Komissar Klaus Halverstett und Rita Schmitt nicht an einen Zusammenhang, doch dann ergeben sich neue Hinweise.
Tamara war nicht allein auf dem Friedhof, laut Obduktionsbericht hatte sie kurz vor ihrem Tod noch Geschlechtsverkehr. Dabei ist beunruhigend, dass Tamaras Körper mit Schnittwunden und Striemen übersäht ist. Einige dieser Wunden sind fast schon vernarbt. Wurde Tamara über längere Zeit missbraucht?
Als Katrin nach einer weiteren Befragung vor dem Polizei-Präsidium Tamaras Eltern kennen lernt, fühlt sie sich verpflichtet, zur Aufklärung des Falles beizutragen, und fängt an auf eigene Faust zu ermitteln. Mehr zufällig als aufgrund detektivischer Fähigkeiten, gelingt es ihr auch den Fall zu lösen, dabei gerät sie in tödliche Gefahr.
Die Geschichte um den Mord an Tamara Arnold hätte sehr großes Potenzial geboten, einen „psychologisch-intelligenten“ (Klappentext) Krimi zu schreiben, Sabine Klewe schafft es jedoch nicht, aus einem zweitklassigem Krimi – den man innerhalb weniger Stunden gelesen und in genauso kurzer Zeit auch wieder vergessen hat – einen wirklich erstklassigen Psycho-Thriller zu machen. Möglichkeiten dazu hätte sie genug gehabt, denn „Schattenriss“ bietet einen äußerst interessanten Plot, der sich im Verlauf der Geschichte auch spannend entfaltet. Leider hat der Roman aber ein paar Ecken und Kanten, die dem Lesevergnügen eher abträglich sind.
Die Geschichte des Opfers Tamara Arnold, mit ihrem Hang zur Selbstverstümmelung und Masochismus, und die Motivation zu ihrem Mord bleibt zum größten Teil im Dunkeln. Was hat dieses Mädchen dazu getrieben, sich selbst zu verletzen? Warum erpresste die ehemals sehr gute Schülerin ihren Chef in der Videothek und versteckt dann das Geld in ihrem Zimmer? Sabine Klewe benutzt den Mord an Tamara nur als etwas, das aufgeklärt werden muss, unter der Prämisse: Wenn der Mörder gefunden wurde, wird schon wieder alles gut. Der Mörder in „Schattenriss“ ist aber kein Serienkiller, der sich ein x-beliebiges Opfer ausgesucht hat, Tamara wurde gerade wegen ihrer drastischen Veränderung vom netten Mädchen in eine selbstzerstörerische, erpresserische Masochistin umgebracht. Was hat Tamara Arnold so verändert, dass der Mörder sich gezwungen sah, sie umzubringen? Die Beantwortung dieser Fragen hätte dem Leser sicherlich einen emotionaleren Blick auf den Mord verschaffen können.
Profitiert hätte der Roman auch von einer sorgfältigeren Ausarbeitung der übrigen Figuren. Manche der aufgeführten Charaktere hätte man komplett streichen können, so nutzlos und uninteressant sind sie für den Verlauf der Geschichte (Rita Schmitt). Einige spielen nur Hinweisgeber für die Hauptfigur, bleiben für die Geschichte jedoch völlig bedeutungslos und austauschbar. Ein „Schuss Romantik“ sollte sich wohl aus der Beziehung von Katrin Sandmann mit Manfred Kabritzky ergeben, man erfährt jedoch so gut wie nichts über den Reporter. Eine Zeitlang gibt er Hinweise, dann ist er Katrins Hauptverdächtiger (aufgrund eines unglaubwürdigen Indizes), dann darf er die Heldin aus einer lebensbedrohlichen Situation retten, trotzdem ist während des ganzen Romans von Gefühlen zwischen den beiden nichts zu spüren.
So richtig schlecht ist dann aber die Aufklärung des Falles durch Katrin Sandmann. Das Indiz, das sie letztendlich zum Mörder führt, ist vollkommen lächerlich. Ohne einen richtigen Hinweis, nur einem Gefühl nach, besucht sie am Ende den Mörder, der, obwohl sie noch keine Frage gestellt hatte, sofort gesteht. Dann legt er Katrin Handschellen an, die dabei völlig passiv bleibt und holt erst danach einen Messer, mit dem er sie bedroht. Anschließend muss sie natürlich vom strahlenden Helden gerettet werden, den sie vorher zu Unrecht beschuldigt hat (s. o.).
Fazit: „Schattenriss“ ist ein durchaus spannender Krimi, bei dem der Mörder nicht schon auf den ersten Seiten klar ist. Dabei bleibt er allerdings meilenweit unter seinem Potenzial, die Figuren bleiben leblos und die Aufklärung des Falles ist nicht wirklich nachvollziehbar.
Zu erwähnen wäre noch ein merkwürdiger Druckfehler, der sich durch das gesamte Buch zieht, anstelle der Buchstabenkombination vera wurde rita gedruckt also z. B. „ritabreden“ für „verabreden“. Das stört den Lesefluss an manchen Stellen dann doch erheblich.
Rankin, Ian – Ein eisiger Tod
Der neue Fall beginnt spektakulär aber trügerisch: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei Edinburgh und sein Chef Frank Lauderdale verfolgen zwei junge Männer, die angeblich die Tochter von Lord Provost gekidnappt haben. Die Jagd endet im Desaster; Rebus und Lauderdale verunglücken mit dem Wagen, die in die Enge getriebenen „Entführer“ – die keineswegs taten, wessen man sie verdächtigt – stürzen sich lieber in den Tod als ins Gefängnis zu wandern.
Rebus kann diesen Vorfall nicht verwinden. Er stellt Nachforschungen an, die wie üblich seine Vorgesetzten missmutig stimmen, sobald die Spur in höchste politische und wirtschaftliche Kreise weist. Offenbar arbeiten Beamte wie besagter Lord Provost – aber nicht nur er – mit großen Konzernen zusammen. Gewaltige Fördergeldsummen und Privilegien werden zweckentfremdet, um Schottland in eine Hard- und Softwareschmiede zu verwandeln.
Schleunigst wird Rebus auf einen anderen, weniger brisanten Fall angesetzt. Vor den Augen des Stadtrats Tom Gillespie hat sich der Ex-Sträfling Hugh McAnally mit einer Schrotflinte den Schädel vom Hals gesprengt. Im zunächst verärgerter Rebus erwacht Eifer, als er entdeckt, dass auch Gillespie zur Gruppe der Verschwörer gehört. Anscheinend sollte er eindringlich gewarnt werden, denn der Stadtrat beginnt offenbar die Nerven zu verlieren.
Für Rebus kommt es knüppeldick. Er ist den inneren Kreis der Verschwörer inzwischen zu nahe gekommen. Der Polizeichef selbst tanzt nach deren Pfeife. Rebus wird „beurlaubt“, was ihn jedoch nicht abhält, auf eigene Faust seine Nachforschungen fortzusetzen. Er öffnet den Deckel zur Büchse der Pandora. Dort lauern keine Monster, sondern die eiskalten Großspekulanten einer globalisierten Oberschicht, die sich an die Gesetze und Regeln der „normalsterblichen“ Bürger nicht gebunden fühlen. Sie schicken Rebus keine Schläger auf den Hals, sie haben ganz andere, erschreckende Möglichkeiten, um ihren Gegner „legal“ auszuschalten.
Freilich kennen sie John Rebus nicht. Dessen Privatleben ist wieder einmal ein Chaos, und die Angst, seinen Job und damit seine einzige Stütze zu verlieren, lässt ihn erst recht die Flucht nach vorn antreten. Mit dem Mut der Verzweiflung foppt er seine Feinde, tritt sie in die Kniekehlen, schreckt selbst vor nächtlichen Einbrüchen nicht zurück, um ihnen begreiflich zu machen, dass die Welt nicht ihr persönliches Eigentum ist …
Kein irrer Serienmörder, kein Rätsel schmiedender Kidnapper, kein „richtiger“ Verbrecher treibt dieses Mal sein Unwesen. Nicht zum letzten Mal trifft John Rebus auf eine viel gefährlichere Kategorie von Schurken. Es sind die Herrscher der Gegenwart, denen ihre Macht zu Kopf gestiegen ist. Längst haben auf dieser Welt nicht mehr Könige das Sagen. Auch ihre demokratisierten Nachfolger mussten das Feld längst räumen. Heute tanzen sie wie die Mehrheit ihrer Bürger nach der Melodie, die gesichtslose Großkonzerne anstimmen.
Mit perfider „Logik“ verwischen diese die Grenze zwischen „Falsch“ und „Richtig“. Simple Gesetze kümmern sie nicht, die das „Ganze“ im Auge behalten. Naiv ist, wer glaubt, man könne eine Industrie ansiedeln, indem man sie einlädt zu kommen. Im Rahmen des Gesetzes sind gewisse Investitionsanreize möglich. Sie reichen längst nicht mehr aus. „Interessenten“ müssen mit Fördergeldern, Steuernachlässen und anderen Sonderrechten massiv umworben werden.
Wenn das Gesetz keinen ausreichenden Spielraum bietet, solche Firmen zu locken, dann muss man dieses Gesetz halt biegen oder auch brechen: Arbeitsplätze winken als „Preis“ für solche Mauscheleien, welche die Unbeweglichkeit der Justiz in einer schnellen, globalisierten und letztlich eigenen Regeln gehorchenden Geschäftswelt ausgleichen.
So reden sich jedenfalls jene ihr Handeln schön, die in dieses „Spiel“ verwickelt sind. Nicht einmal die Tatsache, dass sie selbst finanziell von ihren Manipulationen profitieren, bringt ihre Selbstgerechtigkeit ins Wanken: Dies ist die Belohnung, die wagemutigen Kämpfern gegen die Rezession zusteht; wir kennen diese Argumentation aus diversen realen Prozessen gegen gestrauchelte, aber niemals einsichtige Finanzgenies.
Wie Ian Rankin seinen John Rebus herausfinden lässt, ist es auch zu einfach: Besonders im angeblich vereinten Europa ist die Subventionspraxis so verwickelt, dass eigentlich niemand ihr Funktionieren wirklich begreift. Das öffnet dem Betrug Türen und Tore. Manche Kapitel lesen sich etwas zäh, wenn Rankin aufdröselt, wie dies in Schottland funktionieren könnte. Tatsächlich erfasst den Leser Verzweiflung, wenn er (oder sie) begreift, dass der Kontinent Europa wohl niemals eine echte Gemeinschaft bilden wird. Jedes Land blickt auf eine viele Jahrhunderte währende individuelle Geschichte zurück. Einheit lässt sich nicht erzwingen. Kompromisse sollen sie gedeihen lassen. Diese sind unendlich kompliziert in ihren Details. Wer sich in diesem Gestrüpp auskennt, kann sein Wissen kriminell in blanke Münze verwandeln.
Schottland ist ein ideales Beispiel. Einst war dies ein eigenes Königreich und erbitterter Feind des Herrschers von England. Die „Vereinigung“ erfolgte durch Gewalt, und die britische Insel ist längst noch nicht zusammengewachsen. So existiert Schottland um des lieben Friedens willen heute als „quasi-selbstständiges“ Land im Norden Großbritanniens. Die politischen Konsequenzen sind unendlich kompliziert – und teuer für die Bürger, die mit ihren Steuern die daraus resultierenden Streitigkeiten und Absurditäten brav finanzieren.
Auch John Rebus ist keineswegs ein unbeirrbarer Idealist, der den gordischen Knoten der Korruption durchschlagen will. Er macht sich seine Gedanken darüber, dass sein Handeln die Schiebereien auffliegen lässt und das Aufblühen einer Industrie verhindern wird, deren Arbeiter sich einen Dreck um die Unrechtmäßigkeit ihrer Entstehung kümmern würden. Rankin hat die wichtigste Währung der Gegenwart und Zukunft bereits erkannt: Es sind Arbeitsplätze, die heute als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Rankin gönnt sich die literarische Freiheit, noch einmal „das Recht“ obsiegen zu lassen. Freilich ist er nicht so naiv zu glauben, dass die Entlarvung einzelner Konzernkrimineller das System noch aus dem Gleichgewicht bringen könnte.
Man glaubt es kaum, aber Ian Rankin gelingt es noch jedes Mal, die Welt für seinen John Rebus ein wenig düsterer zu gestalten, ohne damit aufdringlich oder unglaubhaft zu wirken (d. h. die sog. „Wallander“-Verdrießlichkeit heraufzubeschwören). Dieses Mal ist es vor allem die echte und gut nachvollziehbare Furcht unseres „Helden“ vor Gegnern, die sakrosankt erscheinen und sich mit normalen kriminalistischen Methoden – die Rebus so perfekt beherrscht – nicht aus der Reserve locken lassen.
Darüber hinaus ist Rebus‘ Privatleben sogar noch bemitleidenswerter als sonst. Seine geliebte Dr. Patience Aitken hat ihn vor die Tür gesetzt. An Versöhnung ist nicht zu denken, nachdem Rebus nach einer für ihn üblichen Unbedachtsamkeit auch noch ihre geliebte Katze gekillt hat (eine der für Rankin typischen, von knochentrockenem Humor geprägten Episoden, an denen „Ein eiskalter Tod“ wieder einmal so reich ist).
Im Büro setzt man ihm als neue Vorgesetzte ausgerechnet Gill Templer, eine andere Ex-Gefährtin, vor die Nase, die durch forcierte Unfreundlichkeit deutlich zu machen gedenkt, dass Rebus keine Sonderrechte genießt. Da ist dessen Kampf mit dem schleimigen Kollegen Flower fast eine Erleichterung, weil dieser dem ebenso boshaften wie einfallsreichen Inspektor nicht wirklich gewachsen ist.
In und um das Revier St. Leonard’s tummeln sich wie immer Rebus‘ geplagte, verärgerte, schockierte, sarkastische, abgebrühte Kolleginnen und Kollegen. Ihr Auftritt bietet jeweils ein willkommene Ablenkung von den deprimierenden Heimlichkeiten der „Ehrenmänner“, mit denen es Rebus in diversen Ministerien, Konsulaten oder Firmenpalästen zu tun bekommt. Die Polizisten Siobhan Clarke und Brian Holmes, die es noch am besten mit Rebus aushalten, müssen sich freilich dieses Mal mit Nebenrollen begnügen.
Ian Rankin wird 1960 in Cardenden (Verwaltungsbezirk Fife), einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studiert er ab 1983 Englisch, zunächst mit dem Schwerpunkt Amerikanische, später Schottische Literatur.
Schon früh hat Rankin zu schreiben begonnen. Zunächst ein hoffnungsvoller Poet, wechselt er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versucht er sich an einem Roman, findet aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erscheint 1986 in einem studentischen Kleinverlag.
Nachdem sein Stipendium ausgelaufen ist, verlässt Rankin 1986 die Universität. Gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Gattin geht er nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitet. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionageroman „Watchman“ (1990).
Allmählich beginnt sich der Erfolg einzustellen. Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasst Rankin in rascher Folge drei actionlastigen Thriller. 1991 greift Rankin eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hat auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus von der Kriminalpolizei der schottischen Metropole Edinburgh. „Knots & Crosses“ war 1987 weniger als Kriminalroman, sondern eher als intellektueller Spaß im Stil Umberto Ecos gedacht, den sich der literaturkundige Autor mit seinem Publikum machen wollte. Schon die Wahl des Namens, den Rankin seinem Helden gab, verrät das Spielerische: Um Bilderrätsel – Rebusse – dreht sich die Handlung.
Mit John Rebus gelingt Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftet. Als man ihn immer wieder auf das weitere Schicksal des Sergeanten anspricht, wird er sich dessen Potenzials bewusst. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt seither den dunklen Seiten nach, die den Bürgern, vor allem aber den (zahlenden) Touristen von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kirche gern vorenthalten, aber nicht selten von ihr, deren Angehörige sich über die ‚Normalsterblichen‘ und ihre Regeln und Gesetze erhaben fühlen, mit verursacht werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Simple Schurken, deren möglichst malerisches, weil „gerechtes“ Ende bejubelt werden kann, gibt es bei ihm nicht.
Ian Rankins Rebus-Romane kommen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zwei Mal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 1992 ehrt man ihn in den USA mit dem „Chandler-Fulbright Award“ als „vielversprechendsten Nachwuchsautoren des Jahres“. Rankin gewann im Jahre 2000 weiter an Popularität, als die britische BBC begann, die Rebus-Romane zu verfilmen.
Ian Rankins Website (http://www.ianrankin.net ) ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.
Die John-Rebus-Romane erscheinen in Deutschland im |Wilhelm Goldmann Verlag| (Stand: Herbst 2004):
01. Verborgene Muster (1987, Knots & Crosses) – TB-Nr. 44607
02. Das zweite Zeichen (1991, Hide & Seek) – TB-Nr. 44608
03. Wolfsmale (1992, Wolfman/Tooth and Nail) – TB-Nr. 44609
04. Ehrensache (1992, Strip Jack) TB-Nr. 45014
05. Verschlüsselte Wahrheit (1993, The Black Book) – TB Nr. 45015
06. Blutschuld (1994, Mortal Causes) – TB Nr. 45016
07. Ein eisiger Tod (1995, Let it Bleed) – TB Nr. 45428
08. Black & Blue (1997)
09. The Hanging Garden (1998)
10. Dead Souls (1999)
11. Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000) – TB Nr. 45387
12. Puppenspiel (The Falls, 2001) – TB Nr. 45636
13. Die Tore der Finsternis (Resurrection Man, 2002)
14. Die Kinder des Todes (A Question of Blood, 2003)
15. Fleshmarket Close (2004; noch kein dt. Titel)
Darüber hinaus gibt es zwei Sammlungen mit Rebus-Kurzgeschichten: „A Good Hanging & Other Stories“ sowie „Beggars Banquet“.
Morag Joss – Des Hauses Hüterin

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S. S. Van Dine – Der Mordfall Terrier

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Bruce Alexander – Wer die Wahrheit kennt
London 1772: Die Reichen & Mächtigen zittern, denn eine Rotte ruchloser Räuber erdreistet sich, sie in ihren feudalen Stadtsitzen zu überfallen und auszurauben. Die Bande ist gut organisiert, geht professionell und schwer bewaffnet zu Werke und schreckt vor Gewalt nicht zurück. Wütende VIPs, verängstigte Bedienstete und leere Schmuckschatullen bleiben zurück, wenn die Schurken das Feld räumen – und dieses Mal eine Leiche: Im Haus von Lord Lilley of Perth haben die Schurken einen Hausdiener erschossen, der ihnen in die Quere kam.
Der Fall geht an Sir John Fielding, Richter am Gericht in der Bow Street und Chef der Bow Street Runners, der ersten regulären Polizeitruppe der Stadt. Obwohl er sein Augenlicht verloren hat, ist Fielding ein begnadeter Kriminalist, der sich höchst fortschrittlicher Methoden bedient. An den Tatorten führt er gern selbst die ersten Verhöre und lässt sich bei der Indiziensicherung von Jeremy Proctor, seinem jungen Assistenten und Leibwächter, zur Hand gehen.
Viel hat das Personal in Lord Lilleys Haus nicht zur Lösung des Falls beizutragen. Allen ist allerdings aufgefallen, dass die Räuber von schwarzer Hautfarbe waren – eine bemerkenswerte Tatsache in einer Zeit, da den Farbigen in der englischen Gesellschaft höchstens die Rolle unterwürfiger und exotischer Diener vorbehalten ist. Hier gehen offensichtlich nicht vom britischen Herrenvolk beeindruckte und deshalb doppelt gefährliche Männer ihrem verbrecherischen Metier nach.
Schwarze Männer attackieren weiße Herren! Das sorgt für Aufregung in London, was vielen unglückseligen Dienern aus Afrika oder aus den amerikanischen Kolonien unerfreuliche Aufmerksamkeit beschert. Aber ist etwa genau das die Absicht der Räuber? Sind die Verbrecher wirklich farbig, oder geben sie dies der Ablenkung wegen nur vor? Diese Fragen stellt sich Richter Fielding, nachdem ein Attentat auf ihn verübt wurde, das ihn allerdings nicht von weiteren Ermittlungen abhält. Dies missfällt seinen Kontrahenten – mit den zu erwartenden lebensbedrohlichen Folgen …
Die Angst des Herrn vor seinem Sklaven
Dass sich pöbelhaftes Diebespack am Eigentum der von GOTT dem HERRN begünstigten Oberschicht vergreift, ist schon ein starkes Stück, das allein in diesem Jahr 1772 die Schuldigen unverzüglich an den Galgen bringen würde. Aber dass hinter den Überfällen womöglich farbige Menschen zweiter Klasse stehen, gibt den Ereignissen eine ganz andere Dimension: Schwarze Männer sind zum Gehorchen und Arbeiten unter der weisen Führung weißer Herren auf dieser Welt! Ein Verstoß gegen diese Regel ist geradezu eine Todsünde. Vor allem rüttelt es an politischen und gesellschaftlichen Grundfesten und kann daher keinesfalls geduldet werden.
Ohnehin wirft die Anwesenheit schwarzen Mitbürger in England ein diffiziles juristisches Problem auf: Kluge und der Gerechtigkeit verpflichtete Männer stellen die Frage, wieso es möglich sein kann, dass die Sklaverei auf der Insel selbst verboten ist, während in den Kolonien, die denselben Gesetzen unterstehen wie das Mutterland, Menschen ge- und verkauft werden können. Jene, die davon profitieren, sind selbstverständlich nicht an einer Änderung des status quo interessiert und gern bereit, gegen gefühlsduselige = geschäftsschädliche Philanthropen vorzugehen.
So kämpft Sir John Fielding in seinem aktuellen Abenteuer gleich gegen zwei Feinde. Die Entlarvung der Räuber verursacht ihm dabei nicht halb so viel Kopfweh wie die „Hängt-sie-vorsichtshalber-alle-auf!”-Stimmung, die sich in London breitzumachen beginnt. Viele unschuldige schwarze Menschen geraten in Gefahr. Auf Fürsprecher können sie kaum hoffen, auf Schutz noch weniger.
Die Angst des Bürgers vor seiner Polizei
Denn wir befinden uns hier in einer Zeit, und einer Stadt, in der es geradezu eine Beleidigung ist, „Polizist“ genannt zu werden. Der typische „Bow Street Runner“ klärt ein Verbrechen höchstens, wenn es unter seinen Augen geschieht, und selbst dann in der Regel unter Einsatz seines Knüppels. „Deduktion“ ist ein Fremdwort, eine Ermittlung anhand von Indizien gilt beinahe als Zauberei. Das Mittelalter ist dem London von 1772 immer noch näher als die Moderne. Seit dem Großen Brand von 1666 ist schon wieder ein Jahrhundert verstrichen, das nicht dem Fortschritt der desolaten Gesellschaftsordnung gewidmet wurde. Es gibt kein soziales Netz, das Gesetz basiert eher auf Rache als auf Gerechtigkeit und ist ganz sicher auf jenem Auge blind, das sich auf die Unterprivilegierten richtet.
Sind dem Leser solche Fakten bewusst, gewinnt die an sich wenig originelle Handlung eigenen Qualitäten. Andere Zeiten, andere Sitten: Bruce Alexander führt es uns plastisch vor Augen, weil er es selbstverständlich in seine Geschichte eingehen lässt. Ein bisschen didaktisch geht er dabei manchmal vor, aber anschließend hat man begriffen, was London in ein Pulverfass verwandelt.
Sehr erfreulich ist Alexanders Verzicht auf jene offensive Entrüstung – „Nein, wie ungerecht!“ -, wie sie z. B. Anne Perry zum Stilmittel erhebt bzw. missbraucht. Man kann und darf die Menschen einer vergangenen Epoche nur bedingt nach den moralischen Standards der Gegenwart beurteilen; sie wussten es bis zu einem gewissen Grad tatsächlich nicht besser.
Geschichte ohne genaue Zielrichtung
Schade nur, dass die vielversprechenden Elemente dieses Romans sich nur mühsam zu einer schlüssigen Handlung fügen wollen. Über mehr als vierhundert Seiten erstreckt sie sich, doch der Leser fragt sich bald nach dem Grund, denn die meiste Zeit beschreibt der Verfasser, wie Jung Jeremy von Ort zu Ort läuft, um des Richters kryptischen Anweisungen Folge zu leisten.
Es geht kaum voran mit der Kriminalgeschichte, die durch historische Anekdoten und behagliche Beschreibungen des städtischen Alltags keinesfalls ersetzt werden kann. Die Kriminalistik ist ein mühsames Geschäft voller Sackgassen und Irrtümer. Fatal ist nur, dass man Autor Alexander nicht abnimmt, dass er genau diese Mühsal darstellen wollte.
Stattdessen scheint er selbst nicht recht zu wissen, was er eigentlich erzählen möchte. So schindet er Zeit und füllt viele Seiten mit unnötigem und nicht einmal interessantem Geplänkel. Statisch mäandert die Handlung bis zum angestrengt wirkenden Finale umher. Man liest manchmal gespannt, aber man fiebert niemals mit. Ohnehin legt Alexander keine Indizien, sondern eher Fußangeln aus, sodass man schon allzu früh weiß, wohin der Hase laufen wird. Überraschungen bleiben erwartungsgemäß aus.
Der Mann vor Sherlock Holmes
John Fielding ist eine historische Gestalt. Ob er im Winter des Jahres 1721 schon blind geboren wurde oder sein Augenlicht erst später verlor, weiß man nicht. Fest steht, dass Fielding in der historischen Kriminologie eine prominente Stellung einnimmt, auch wenn er heute meist im Schatten seines als Schriftsteller berühmter gewordenen Halbbruders Henry – sein „Tom Jones“ ist ein unsterblicher Klassiker des Schelmen- und Gesellschaftsromans – steht.
John begann seine Laufbahn als Assistent des Bruders Henry begann ab 1748 als Friedensrichter und später als Ratsherr damit, der kaum strukturierten Ordnungsmacht seiner Heimatstadt eine solide Basis und Durchsetzungskraft zu verschaffen. Ab 1750 schufen die Brüder gemeinsam die erste echte Polizeiorganisation: die Bow Street Runners. Während es bisher nur Stadtwächter gegeben hatte, schickten die Fieldings die Runners auf die Straße – daher der Name. Sie ‚erfanden‘ den Steckbrief, führten – für die damalige Kopf-ab-Mentalität sensationell – eine Kronzeugenregelung für überführte Verbrecher ein und machten sich für eine Liberalisierung der Gesetze für jugendliche Straftäter stark. Als Henry Fielding 1754 starb, rückte John an seine Stelle und setzte das begonnene Werk trotz seiner Behinderung mit Erfolg fort. 1761 wurde er geadelt; zwanzig Jahre später starb er. Unter seinem Spitznamen „The Blind Beak“ war er längst zu einer legendären Gestalt geworden.
Bruce Alexander macht aus ihm eine Art Sherlock Holmes, setzt seiner ansonsten möglicherweise gar zu offensichtlichen Genialität aber eine Grenze, indem er ihn mit einem Gebrechen schlägt. Das ermöglicht ihm die Einführung einer zweiten Hauptfigur. Jeremy Proctor ist Fieldings Watson, der in Vertretung des Lesers die dummen Fragen stellt, um seinen Herrn in besseres Licht zu setzen. Zudem ist Jeremy jung, neugierig und beweglich, was es Alexander ermöglicht, ihn wie eine Schachfigur durch London springen zu lassen.
Dünnblütige Figuren vor saftiger Kulisse
Jeremy ist ein Kind seiner wenig mitleidvollen Zeit – eine Waise, die das Glück hatte, Sir Johns Aufmerksamkeit zu erregen. Der ist nun Vaterfigur und Lehrer in Personalunion. Die Fielding-Romane schildern auch Jeremys Weg zum erwachsenen, gut ausgebildeten Ermittler.
Dem heutigen Leser dürfte Jeremy als Person flach erscheinen. Er ist stets ein wenig zu eifrig und zu ‚vernünftig‘, um für sich einzunehmen. Damit reiht er sich in das Feld der übrigen Figuren ein. Bruce Alexander ist sicher kein begnadeter Schriftsteller. Er erzählt Geschichten ‚aus zweiter Hand‘. Diese wimmeln von beschränkten & dünkelhaften Adligen, dümmlichen & kichernden Zofen, steifen & hochnäsigen Butlern und was der wandelnden Klischees mehr ist.
Niemand wirkt lebensecht, alle scheinen sie Rollen zu spielen – oftmals im Halbschlaf. Als Leser nimmt man an ihrem Schicksal keinen echten Anteil. Auch der an sich interessante Konflikt um die Menschenrechte der ‚schwarzen‘ Engländer kommt nie über das Niveau politisch korrekter Zustimmungsbekundungen hinaus. Die Vergangenheit ist für Alexander nur exotische Folie für eine Story, die ohne diesen Bonus reichlich mager daherkäme.
Autor
Bruce Alexander Cook wurde am 7. April 1932 in Chicago, US-Staat Illinois, geboren. Sein Interesse an der Schriftstellerei blieb zunächst akademisch: Bruce studierte Literatur. Seinen Wehrdienst leistete Cook als Übersetzer ab; er wurde u. a. in Deutschland eingesetzt.
Nach der Rückkehr ins Zivilleben und inzwischen verheiratet, begann Cook Anfang der 1960er frei- und hauptberuflich für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. 1971 veröffentlichte er das Sachbuch „The Beat Generation“. Es folgten weitere Sachbücher und Biografien und 1978 „Sex Life“, ein erster Roman. Unter dem Pseudonym Bruce Cook erschienen vier Romane um den südkalifornischen Privatdetektiv Antonio „Chico“ Cervantes.
Erst die örtlich und zeitlich denkbar weit von seiner Heimatstadt Los Angeles entfernt angesiedelten Historienkrimis um den (realen) Richter und frühen Kriminologen Sir John Fielding brachten Alexander 1994 den endgültigen Durchbruch. Er setzte die Reihe bis zu seinem Tod am 9. November 2003 in Hollywood fort. Sie umfasste zehn Bände; ein elfter wurde postum von seiner Witwe und dem Autor John Shannon beendet.
Taschenbuch: 412 Seiten
Originaltitel: The Color of Death (New York : G. P. Putnams Sons 2000)
Übersetzung: Andreas Jäger
http://www.randomhouse.de/btb
Der Autor vergibt: 
















