Interview mit Alfred Büngen, Geest-Verlag

Alfred Büngen gründete zusammen mit einem Freund 1989 in Ahlhorn den Geest-Verlag. Foto: HeinzelHerr Büngen, in Ihren Verlagsgrundsätzen steht: „Die von ihm (dem Geest-Verlag) verlegte Literatur muss ihren Inhalten nach Ziele verfolgen, die dem Leser eine Auseinandersetzung mit grundlegenden gesellschaftlichen und humanen Fragestellungen ermöglicht.“

Bedeutet dies, dass Sie kontroverse Literatur verlegen? Aber wie kontrovers kann ein Gedicht schon sein? Sind Ihre AutorInnen lauter Radikale?

Wenn Sie wollen, verlegen wir kontroverse Literatur. Literatur, die den gesellschaftlichen Alltag hinterfragt, aufbricht. Ein Gedicht kann nicht nur, sondern sollte eigentlich kontrovers sein.

Ihr Verlag engagiert sich intensiv für die Lesekultur in Europa. Welche Formen hat Ihr Engagement?

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Lee Child – Der Janusmann (Jack Reacher 7)

Cop-Action: Showdown mit dem toten Mann

Vor sechs Jahren quittierte Jack Reacher, damals Spitzenermittler der US-Militärpolizei, den Dienst. Er tauchte unter – unerreichbar, unauffindbar. Doch dieses eine Mal kommt der rastlose Einzelgänger freiwillig aus der Deckung. Durch puren Zufall ist er einem Mann begegnet, den er seit zehn Jahren für tot gehalten hat. Die Narben auf dessen Stirn erinnern Reacher an sein furchtbarstes Erlebnis, und er weiß: Noch immer geht von dem Janusmann eine tödliche Gefahr aus … (Verlagsinfo)

Der Autor

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Arthur Conan Doyle – Die geheimnisvolle Kiste (Lesung)

Beklemmend: Terroristen an Bord?

Auf einer Seereise beobachtet der Schriftsteller Hammond zwei finstere Kerle, die sich an einer kleinen geheimnisvollen Kiste zu schaffen machen, die sie mit an Bord brachten. Für Hammond steht fest: Es muss eine Bombe sein. Zusammen mit seinem Freund Dick Martin versucht er die drohende Katastrophe zu verhindern und belauscht die Männer, fordert sie sogar mit Worten heraus. Schließlich muss er seine Feigheit überwinden und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Da macht er eine überraschende Entdeckung.
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Stanislaw Lem – Robotermärchen & Kyberiade: Der Weiße Tod

Vom Großen Kosmogonischen Konstrukteur und seinen silbernen Geschöpfen: Sprachliche Märchen-Kunstwerke für Groß und Klein

Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neu programmierten Sprösslinge von Robotern, klar? Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können. Märchenhaft.

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Stephen King – Briefe aus Jerusalem (Lesung)

Schaurig: der Untergang des Hauses Boone

Als Charles Boone sich nach Chapelwaite in Neu-England aufmacht, ahnt er noch nicht, dass auf dem ererbten Landsitz ein verhängnisvoller Fluch lastet. Doch schon bald, so verraten seine Briefe, wecken seltsame Geräusche und hartnäckige Gerüchte in der Nachbarschaft seinen Argwohn: ein verschollenes Dorf, wo das Böse regiert, ein mysteriöses Schattenwesen, das Blutzoll fordert – über kurz oder lang gerät Charles Boone an den Rand des Wahnsinns …

Der Autor
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Elizabeth Peters – Im Schatten des Todes (Lesung)

Untote Pharaonen: Action am Nil

Zwei britische Damen schippern Ende des 19. Jahrhunderts den Nil hinauf, um die Königsgräber von Amarna im Tal der Könige zu besuchen. Zu ihrem nicht geringen Schrecken ist eine wandelnden Mumie hinter der schwächeren der beiden Damen her, um sie zu entführen. Oder möchte ihnen jemand nur einen üblen Streich spielen?

Die Autorin

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[NEWS] Silke Müller – Wir verlieren unsere Kinder!

Nicht die Dauer der digitalen Medien-Nutzung ist das Problem, sondern die Inhalte, die Kinder konsumieren. Schon Grundschüler sind Bildern von Gewalt, Pornographie und Rassismus ausgesetzt. Eine Schulleiterin schlägt Alarm!
“Wissen Sie, was Ihr Kind auf seinem Smartphone sieht?” Diese Frage stellt Silke Müller ahnungslosen Eltern auf Infoveranstaltungen ihrer Schule. Die Fotos, Sticker und Videos, die sie dann zeigt, sind so verstörend, dass kaum jemand hinsehen kann. (Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
Droemer

Tom Arden – Der rote Schlüssel (Der Kreis des Orokon Band 2)

Zusammen mit „Der Tanz des Harlekin“ ist dies Tom Ardens erste deutsche Veröffentlichung. Ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt. „Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy“, urteilte das US-Fachmagazin LOCUS. Die vollständige Lektüre des ersten Romans, den der deutsche Verlag in zwei Bände aufgeteilt hat, fördert aber auch einige Schwächen zutage.

Der Autor

Tom Arden (* 1961 in Mount Gambier, Australien; † 15. Dezember 2015 in London, England; bürgerlich David Christopher Rain) war ein australischer Fantasy-Schriftsteller.
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Henri-Pierre Roché – Jules und Jim (Lesung)

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …
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Edgar Allan Poe – Grube und Pendel (Gruselkabinett 111)

Inquisitionsfoltern und späte Rache: Poe im Doppelpack

Rom 1846: Der Edelmann Montrésor sieht sich seit Jahren der infamen Verspottung durch Fortunato ausgesetzt und ersinnt daher einen perfiden Plan, sich dieses Plagegeistes zu entledigen – vor allem, da die beiden, was Fortunato gar nicht mehr gegenwärtig hat, eine gemeinsame Vergangenheit haben, die bis in das Jahr 1796 zurückreicht… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor
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Dayfydd ab Hugh / Brad Linaweaver – Höllischer Himmel (Doom #3)

Die ganze Erde ist von Aliens besetzt! … Die ganze Erde? Nein! Ein von unbeugsamen Menschen bewohntes Eiland hört nicht auf, den „Freds“ Widerstand zu leisten. Der Name dieser schönen – und, nachdem Salt Lake City in einem nuklearen Höllenfeuer unterging, auch letzten – Bastion der Menschheit lautet Hawaii.

Nach ihren bisherigen Abenteuern erscheint der Aufenthalt auf der Insel den vier Helden – Fly, Arlene, Albert und Jill – wie Urlaub im Paradies; ein wolkenloser Himmel, weiße Strände und ein tiefblaues Meer machen die Bedrohung durch die Invasoren fast vergessen. Doch die Anzeichen mehren sich, dass das geruhsame Leben bald vorbei sein wird. Seeungeheuer und monströse Flugkreaturen ziehen immer engere Runden um die Insel und innerhalb der militärischen Forschungseinrichtungen sind erste Opfer von Zombieübergriffen zu beklagen.

Dennoch gibt es einen winzigen Funken Hoffnung, denn endlich ist es Wissenschaftlern gelungen, die Nachricht einer außerirdischen Spezies zu entschlüsseln, welche mit den „Freds“ ebenfalls im Krieg zu liegen scheint. Um Kontakt zu diesen potenziellen Verbündeten herzustellen, gibt es nur einen Weg: Fly & Co. müssen zurück nach Phobos, um von dort die Transporter-Tore zu durchschreiten. Da Jill jedoch nicht über einen ausreichenden militärischen Background verfügt, muss sie murrend und widerwillig auf der Erde zurückbleiben und wird durch einen Captain Hidalgo ersetzt. Obwohl keiner der Pioniere damit rechnet, je wieder heimkehren zu können, machen sich vier Marines auf die lange Reise zum Marsmond und darüber hinaus.

Wider Erwarten erweist sich die Kontaktaufnahme mit den scheinbar freundlich gesinnten Aliens als relativ unproblematisch. Doch was die Menschen dann über die Hintergründe des Krieges erfahren, erschüttert nicht nur Alberts mormonisches Weltbild.

Was sich schon in Band 2 andeutete, findet in „Höllischer Himmel“ seine konsequente Fortsetzung: Das Monster-Schlachten rückt zugunsten einer durchaus klassischen Science-Fiction-Geschichte mit Space-Opera-Elementen in den Hintergrund.

Mit dieser Umorientierung einher gehen gerade in der ersten Hälfte der Buches recht ausführliche charakterisierende und ruhigere Passagen; um zu viel Ernsthaftigkeit bemüht, vernachlässigen die Autoren hier allerdings den bissigen Humor, welcher die ersten beiden Romane auszeichnete, sodass die Geschichte an diesen Stellen etwas trocken und langatmig wirkt. Auch der ständige Wechsel der Ich-Erzähler, der dadurch auf die Spitze getrieben wird, dass er sich nunmehr innerhalb der einzelnen Kapitel und zwischen sechs Personen vollzieht, macht diesen Doom-Roman streckenweise zu schwer verdaulicher Kost.

Deutlich frischer und schließlich auch origineller wird die Story ab dem Moment, als die Helden ins All aufbrechen. Die Erstkontaktsituation, die Widrigkeiten der Raumfahrt und schließlich die Erklärungen zu den Ursachen der Invasion bringen Dafydd ab Hugh und Brad Linweaver wieder auf die gewohnt lockere Art und Weise zu Papier, wobei weniger die zotige Sprücheklopferei als vielmehr eine witzige Situationskomik die Interaktionen der Protagonisten bestimmt. Insbesondere einige Seitenhiebe auf technikgläubige Science-Fiction-Fans und -Autoren gehören zu den erwähnenswerten Highlights dieses Romans.

Fazit: Trotz einiger Längen, des nervtötenden ständigen Wechsels der Erzählpersektive und eines unbefriedigenden Endes ein durchaus gelungener Roman, der eine Brücke zwischen (intellektuell) anspruchslosem Ego-Shooter und „gehaltvoller“ Space-Opera schlägt.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|

Marklund, Lisa – Holzdieb, Der

_Showdown hinterm Holzstapel_

In Schweden herrscht eiskalter Winter an Weihnachten. Dem alten Waldarbeiter Gustav, der nur mit seiner Katze zusammen in einem kleinen Häuschen am Waldrand wohnt, wird in letzter Zeit regelmäßig aus seinem Schuppen Holz gestohlen. Als seine Nichte Annika Bengtzon dem Holzdieb auflauert, erlebt sie eine große Überraschung. Eine „anrührende Geschichte über Armut, Einsamkeit und Liebe“, schreibt der Verlag.

_Die Autorin_

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden erfolgreiche Krimis. Die Romane wurden laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm und arbeitet wieder als Journalistin. (Verlagsinfo)

Mehr Info: http://www.lizamarklund.net und http://www.hoffmann-und-campe.de.

_Die Sprecherin_

Susanne Schröder, geboren in München, absolvierte ihre Ausbildung an der Schauspielakademie in Zürich. Sie spielte an den Kammerspielen und am Residenztheater in München. Bekannt ist sie darüber hinaus durch ihre Auftritte in TV-Serien und Fernsehspielen. Für den Hörverlag hat Schröder bereits „Die kleine Meerjungfrau“ von H.C. Andersen gelesen.

Die Regie führte Toni Nirschl und den Ton steuerte Ron Behrendt.

_Handlung_

Der alte Gustav erwacht in der Kälte seiner Hütte, in der nur ein Kater – ein ausgezeichneter Mäusejäger – ihm Gesellschaft leistet. Früher war Gustav mal Waldarbeiter, und er kennt sich aus mit Holz. Es ist noch Nacht, aber er muss sich erleichtern und frisches Feuerholz holen. Da bemerkt er, dass sich schon wieder jemand an einem seiner umfangreichen Holzstapel bedient hat. Diesmal hat es die Birke erwischt. Gustav ist von Wut und Schmerz über den Verlust erfüllt. Der Winter ist saukalt, und wie soll er das ohne genügend Holz überleben?

Gustav ist Annika Bengtzons Onkel. Und seit ihrer Kindheit bei der Oma in Mittelschweden besucht sie ihn zu Weihnachten, um einen Kuchen und andere Leckereien zu bringen. Er hat ihr alles beigebracht, was sie über Bäume, Holz und Holzeinschlagen weiß, und das ist eine ganze Menge. Seit zwei Monaten arbeitet sie allerdings in der Hauptstadt, beim „Abendblatt“. Als Annika dieses Jahr in Gustavs Hütte treten will, starrt sie in den Doppellauf einer Schrotflinte.

Als sie wütend gegen diese Behandlung protestiert, erklärt er ihr den Grund. Wer ist der Holzdieb? Da er oder sie immer zu Fuß kommt, muss er – oder sie – aus dem Dorf Hedberga stammen. Annika gibt ihm das Weihnachtsessen und geht ins Dorf, wo Kirchenlieder erklingen. Dessen Bewohner kennt sie aus ihrer Kindheit und Jugend. Hier hatte sie ihren ersten Freund, den sie an eine Schlampe namens Ingela Jönsson verlor, die von allen nur verächtlich „Spermatopf“ genannt wurde, weil sie so leicht herumzukriegen war.

Nach dem Neuschnee folgt Annika den Spuren des Holzdiebs, die zum Schuppen mit den Holzstapeln führen. Der Dieb ist noch da! Sie geht hinein und erlebt eine Überraschung: eine alte Bekanntschaft. Plötzlich fallen Schüsse: Gustav hat beide ins Visier genommen! Nur der Schuppen bietet Deckung – und eine Gelegenheit, mal herauszubekommen, was den Holzdieb zu seinem Verbrechen veranlasst hat.

_Mein Eindruck_

In „Der Holzdieb“ greift Liza Marklund das Thema der Armut in den einkommensschwachen Schichten auf und beleuchtet, was es für die Betroffenen bedeutet. Der Grund für die Armut ist meistens entweder Ruhestand (Gustav) oder Arbeitslosigkeit (Holzdieb) – oder beides. Da die Stilllegung alter Industrien wie etwa der Holz- oder Erzindustrie viele Beschäftige in die Arbeitslosigkeit entlässt, erleben diese Menschen ein ziemlich trauriges Weihnachtsfest – so etwa auch Gustav.

Doch wie hilft der Wohlfahrtsstaat Schweden den betroffenen Bürgern? Durch die so genannte „Sozialstation“. Deren lokale Leiterin taucht denn auch auf, doch ihr Vorschlag besteht lediglich darin, Gustav ins Pflegeheim zu stecken. Als ob der Mann nicht für sich selbst sorgen könnte! Und sein Holz soll man dem Dieb wohl schenken? Aber Annika, die immer praktisch und unkonventionell denkt, hat einen konstruktiven Vorschlag parat.

Die Autorin setzt wieder ihr patentiertes Handlungselement ein: den intensiven Dialog. Denn man muss die Menschen erst einmal verstehen, bevor man sie verurteilt, ist ihre unausgesprochene Ansicht. Ihre Serienheldin Annika Bengtzon hat diese Haltung schon in mehreren gelungenen Romanen in die Tat umgesetzt. Und auch diesmal gelingt ihr die angestrebte Erkenntnis – ebenso im Zuhörer. Mitgefühl entsteht gerade, da fallen die Schüsse Gustavs wie Hammerschläge auf die zarten Bande zwischen Annika und dem Holzdieb.

Aber es ist nicht so, als würde Annika aus Gefühlsduselei Mitgefühl (nicht zu verwechseln mit Mitleid) entwickeln, denn sie hat ihre eigenen Gründe, dem Holzdieb nicht helfen zu wollen. Sie könnte sich ja auch rächen wollen. Die Gelegenheit dazu bietet sich ihr, denn sie braucht bloß ihrem Onkel den Holzdieb vor die Flinte zu schubsen – Problem erledigt. Oder doch nicht? Denn da kommt auch schon die Polizei angerückt. Und Annika hat sowieso nicht das Zeug zu einer Mörderin.

_Die Sprecherin_

Nicht mehr Judy Winter spricht wie bisher die Hörbücher von Liza Marklund, sondern die wesentlich jüngere Susanne Schröder. (Winter wurde 1944 geboren, ist also schon über 60.) Statt einer tiefen Altstimme verfügt Schröder wohl eher über so etwas wie einen Sopran. Das weckt Zweifel, ob sie die wesentlich „härteren“ Romane auf eine glaubwürdige Weise bewältigen könnte.

Doch darauf kommt es in „Der Holzdieb“ nicht an. Da Gustav kaum spricht, hat sie lediglich Frauenfiguren zu sprechen, und diese Aufgabe bietet keine unüberwindbaren Schwierigkeiten.

Es gibt weder Musik noch Geräusche, denn bei allen Single-CDs der „Smart-Edition“ des Hörverlags fehlen diese Zutaten. Ein niedriger Preis zieht eben auch eine geringere Ausstattung nach sich.

_Unterm Strich_

„Der Holzdieb“ ist eine typische Weihnachtsgeschichte, wie sie von den Zeitungen und Herausgebern weltweit immer wieder bestellt wird. Man denke etwa an David Baldaccis Roman „Das Geschenk“ (The Christmas Train). Alle diese Geschichten blicken auf eine lange Tradition zurück, die bis ins 19. Jahrhundert reicht, bis zu der berühmtesten aller Weihnachtsgeschichten: „A Christmas Carol“ von Charles Dickens. Schon damals spielte Armut eine wichtige Rolle für die Handlung; man denke nur an den armen „Scratchit“, dessen Name andeutet, dass er alles zusammenkratzen muss, was er noch kriegen kann.

Der Holzdieb in Marklunds Geschichte ist im Gegensatz dazu jedoch keineswegs ein Anlass, Mitleidstränen zu zerdrücken, sondern wie schon von jeher ein faules, opportunistisches Miststück. Sie verdient vielleicht unser Mitgefühl, aber nicht unser Mitleid. Mit ihrer Patentlösung schlägt Annika zwei Fliegen mit einer Klappe: eine große Hilfe und eine kleine Rache. Das entbehrt nicht eines gewissen ironischen Humors.

Die Sprecherin Susanne Schröder ist ein beinahe vollwertiger Ersatz für Judy Winter. Sie spricht deutlich und akzentuiert, so dass man den Sätzen ohne Mühe folgen kann. Ihre Annika-Figur ist ebenso als energische Person erkennbar wie in den von Judy Winter gesprochenen Romanen.

Insgesamt bietet das Hörbuch eine Ergänzung im Werk von Liza Marklund, auf die man ohne weiteres verzichten könnte. Wer allerdings eine etwas untypische Weihnachtsgeschichte mit aktuellem Zeitbezug verschenken möchte (es muss ja nicht immer der olle Charles Dickens sein), sollte diese CD durchaus in Betracht ziehen.

|45 Minuten auf 1 CD|
http://www.hoerverlag.de

Mo Hayder – Tokio (Lesung)

Beklemmend: Der Teufel geht um in Nanking

Ein unaussprechliches Geheimnis treibt die englische Studentin Grey nach Tokio. Hier hofft sie, den Schlüssel zu einer Tragödie zu finden, die sie seit Jahren verfolgt. Ein Filmausschnitt, der Gräueltaten japanischer Soldaten im chinesischen Nanking 1937 zeigt, soll die Lösung des Rätsels enthalten. Doch der Besitzer des Films, ein chinesischer Wissenschaftler, ist nur unter einer Bedingung bereit, ihr die Bilder zu zeigen: Grey soll ein Elixier auftreiben, das sich in den Händen des einflussreichsten und gefährlichsten Mannes von Tokio befindet. Grey kann nicht ahnen, dass die Geschichte dieses Elixiers eng mit ihrer eigenen Tragödie verknüpft ist – eine blutige Spur von 1937 bis heute. (abgewandelte Verlagsinfo)
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[NEWS] Hansen Hoepner – Alle an Bord

Ahoi! Die unerschrockenen Zwillingsbrüder Hansen und Paul Hoepner sind wieder auf großer Abenteuerreise und haben wie immer einige besondere Herausforderungen im Gepäck: Nicht nur wagen sie sich diesmal auf Wasser und somit für sie weitgehend unbekanntes Terrain. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe werden sie ihre fünfmonatige Schiffsreise durch Europa zudem CO2-neutral bestreiten, unter anderem mithilfe nachhaltiger Self-Made-Energiequellen auf dem Schiffsdach. Tausende emissionsfreie Kilometer im selbst umgebauten Motorsegler über die Donau und entlang der Schwarzmeerküste, durchs Mittelmeer und westeuropäische Flussläufe zurück nach Deutschland sind den Brüdern allerdings nicht Abenteuer genug. Sie unternehmen die Reise in einer Konstellation, an die sie sich bisher in keinem ihrer zweisamen Zwillingsabenteuer herangewagt hätten: Pauls Lebensgefährtin, die Sozialpädagogin Anna König, ist unverzichtbarer Bestandteil der Abenteuer-Crew. Sie recherchiert nachhaltige und pädagogische Initiativen, die das Team in ganz Europa auf seiner Route besucht. Mit dabei sind außerdem Pauls und Annas Tochter Momo, sowie Ronny, Hansens aus der Ukraine geretteter Hundemischling. Wir dürfen gespannt sein, was die fünf unterwegs erwartet – und ob Platz (und Nerven) reichen für #alleanbord! (Verlagsinfo)


Broschiert ‏ : ‎ 352 Seiten
Goldmann

[NEWS] Colin Cotterill – Dr. Siri und das sitzende Skelett (Dr. Siri 13)

Der pensionierte Leichenbeschauer Dr. Siri Paiboun hat ein neues Hobby: seine schicke neue Kamera, mit der er eine laotische Adaption von Krieg und Frieden drehen will – vorausgesetzt er findet den Einschaltknopf. Doch vor seinem Regiedebüt muss er Polizeiinspektor Phosy bei Ermittlungen helfen. Mitten in der Nacht ist das Skelett einer Frau aufgetaucht – sitzend unter dem Triumphbogen der Stadt. Und obwohl die Tote erst kürzlich verstorben ist, ist nur noch ihr Skelett vorhanden. Als Dr. Siri feststellt, dass die Knochen abgenagt wurden, stehen er und Phosy vor einem Rätsel: Haben sie es mit einem wilden Tier oder mit einem Kannibalen zu tun? (Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
Goldmann

Victor Hugo (zugeschrieben) – Der Roman der kleinen Violette. Erotischer Roman

Lesbenakt im Doppelpack

Die kleine, noch unschuldige Violette, kaum fünfzehn Jahre alt, sucht spät in der Nacht vor den Nachstellungen des Mannes der Wäschehändlerin Beruchet, bei der sie arbeitet, Zuflucht bei dem wohlhabenden Junggesellen Christian. Zu ihm hat sie Vertrauen: die denkt an nichts Böses, wenn er sie küsst – auf eine besondere Art.

Christian bringt Violette in seine Junggesellenwohnung in der Rue Saint-Augustin, in der er schon viele herrliche Nächte verbracht hat. Doch Violettes Unschuld und ihr kindliches Vertrauen rühren ihn: Sehr behutsam lehrt er sie das „Alphabet der Liebe“.

Aber da ist die „Frau Gräfin“, die bei Madame Beruchet ihre Korsetts und Peignoirs kauft und Gefallen an der kleinen Violette gefunden hat. Sie kauft nur Wäschestücke, die durch Violettes Hände gegangen sind… Die Gräfin liebt die kleinen Mädchen, die noch von keinem Mann berührt wurden, und sie setzt alles daran, Violette für sich zu gewinnen.

Und so beginnt eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte, ein pikantes Liebesspiel, dem sich noch Florence, eine liebestolle lesbische Schauspielerin, zugesellt. (Verlagsinfo)…

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Fünf Freunde und die Geheimbotschaft in der Ruine (Folge 154)

Die Handlung:

Auf einer Fahrradtour machen die Fünf Freunde seltsame Entdeckungen: Ein alter Grabstein mitten im Wald, ein Mönch in einer Klosterruine, der ihnen vom „Stein der Weisen“ erzählt und schließlich findet Dick einen kompliziert gefalteten Brief, der sich nicht öffnen lässt. Handelt es sich um eine uralte Geheimbotschaft? Doch bevor sie dieser Frage nachgehen können, wird der Brief gestohlen und immer neue Fragen tauchen auf. Beharrlich folgen sie jedem kleinsten Hinweis und kommen schließlich einem gerissenen Betrug auf die Spur.  (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Moment … gabs nicht letzten Monat erst ein Hörspiel der Fünf Freunde? Gabs … dafür gibts aber im nächsten Monat leider keins.

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Christopher Priest – Prestige – Die Meister der Magie (Das Kabinett des Magiers)

SF-Thriller im magischen Gewand

Dieser verfilmte Roman ist nicht nur eine Geschichte über eine 100 Jahre währende Familienfehde, sondern eindeutig auch eine Geistergeschichte. Und eine ins 19. Jahrhundert verlegte Science-Fiction-Geschichte, die den feinen Grenzbereich zwischen „echter“ Wissenschaft und magischer Illusion untersucht. Wie sich zeigt, lässt sich das eine für das andere einsetzen bzw. missbrauchen.

Für diesen vielschichtigen, aber spannenden Roman erhielt Christopher Priest den begehrten World Fantasy Award.

Handlung

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Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.