Robert Silverberg (Hrsg.) – Das neue Atlantis. SF-Novellen

Anspruchsvolle Phantastik-Novellen

Diese Anthologie enthält drei literarisch anspruchsvolle Erzählungen von mehrfach ausgezeichneten Autoren der phantastischen Literatur: Gene Wolfe, Ursula K. Le Guin und James Tiptree jr., das ist die ehemalige CIA-Mitarbeiterin Alice Sheldon. Zwei Frauen also und ein Mann – ein gutes Verhältnis.

1) Die Story vom Kolonistenschiff, dessen Besatzung, eingelullt von der Routine, allmählich in sexueller und religiöser Obsession versinkt und ihr Ziel nie erreichen würde, hätten die Planer nicht vor 17 Jahren vorgesorgt und ein hinterlistiges Computerprogramm geschaffen, das nun, bei einer Planetenumkreisung, in Aktion tritt. Und dann sind da noch die Schatten, die sich selbständig machen…

2) Die poetische wie düstere Story von einer totalitären Zukunft Amerikas, in der eine unerschöpfliche Energiequelle alle Sorgen beheben könnte, fände sie zum Nutzen der Menschen Verwendung. Und dann sind da noch die Aliens, die aus der Tiefe des Ozeans auftauchen…

3) Die Story von dem Forschungsschiff, das die nächstgelegene Sonne Alpha Centauri erreicht, wo die Besatzung- buchstäbliche – ihre sexuelle und seelische Erfüllung findet. Denn dann sind da noch gewisse Alien-Erscheinungen an Bord des Schiffes…

Alle Novellen erschienen 1975 erstmals in dieser Anthologie.

Der Herausgeber

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Antholgist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichtenund Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Silverberg schrieb in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane, wie viele seiner Kollegen auch.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weitgespannten Saga, in der der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z.B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und –autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.

Die Erzählungen

1) Gene Wolfe: Silhouette (Silhouette, 1975)

Sie sind die letzten Überlebenden eines Krieges auf der Erde: Seit 17 Jahren ist das kilometerlange Raumschiff der Kolonisten unterwegs gewesen, nun hat es endlich einen erdähnlichen, aber ausgetrockneten Planeten erreicht, der Neuerddraht genannt wird (auch im englischen Original). Die Kapitänin hat eine Expedition ausgesandt, um Artefakte und Spuren von Leben zu suchen. Diese Expedition unter der Leitung von Helmut – alle sprechen einander nur mit dem Vornamen an – nur einen ausgetrockneten Ozean und ein paar kantige Steine gefunden, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht von einer verschwundenen Zivilisation stammen könnten. Eines ist aber sicher: Hier unten gibt es Geistererscheinungen – oder Halluzinationen …

Unter den Offizieren ist Johann der ranghöchste. Aus Angst, für verrückt und dienstunfähig erklärt zu werden, verschweigt er allen anderen, dass er einen Geist in seiner sehr schlecht beleuchteten Kabine hat. Es ist nur ein Schatten, aber einer mit Eigenleben. Und woher hat Johann neuerdings diese blutigen Kratzer am Bein? Grit und Greta, Uschi und die Leute von der Sekte – sie alle sehen den Geist nicht. Heinz und Rudi und wie sie alle heißen wollen Johann in ihre Sekte aufnehmen, denn sie wollen meutern und die Führung des Schiffes übernehmen.

Johann hat keinerlei Absicht, Meuterer zu werden und verrät diese Leute an die Kapitänin. Die beginnt, die Marinesoldaten aus dem Kälteschlaf zu wecken und sie zu bewaffnen. Aber Johann hat dank seines Schattens nicht nur die Fähigkeit erlangt, sich durch reine Gedankenkraft von Ort zu Ort zu bewegen – eine feine Sache -, sondern auch den Verdacht, dass der Schiffscomputer nicht auf der Seite der Kapitänin steht. Dieser „Übermonitor“ verhält sich nicht kooperativ. Und das soll sich während der Meuterei verhängnisvoll auswirken.

Die Lage spitzt sich zu, als der an Bord zurückgekehrte Expeditionsleiter Helmut Johann unter vier Augen beschuldigt, auf der Planetenoberfläche gewesen zu sein – ohne die vorgeschriebene Atemmaske. Nun heißt es schnell handeln: Johann bereitet ein Landeboot vor, indem er Ausrüstung und Proviant hineinpackt. Helmut, der ihn dabei erwischt, zückt eine Waffe und geht auf ihn los…

Mein Eindruck

Die Story endet dramatisch, actionreich – und mit Johann als neuem Käptn. Der Leser muss indes genau aufpassen, was in der Handlung passiert und wer was zu wem sagt. Dies ist ja schließlich kein Roman, sondern ein hochverdichteter Text, der anderen Autoren, zumal heutzutage, locker für eine Romantrilogie ausreichen würde.

Zu den „Augenöffnern“ gehören beispielsweise die die sexuellen Sitten an Bord dieses Schiffes. Die Damen suchen die offenbar zahlenmäßig etwas überlegenen Männern heraus, mit denen sie schlafen wollen, aber es scheint auch eine gewisse Verpflichtung dafür zu geben, zumal unter den Unteroffizierinnen, die gerne zum Offizier aufsteigen würden. (Die Übersetzung qualifiziert diese weiblichen Warranty Officers als „Schriftführerinnen“ ab.)

So ist stets für eine gewisse Erregung gesorgt. Hinzukommt aber noch die religiöse Obsession, in die sich eine Sekte hineinsteigert, die sich abgekürzt C.O.C. nennt, was beispielsweise Church of Christ heißen kann. Auf jeden Fall betrachten ihre Anhänger Johann als Glückskind, als Mittler. Und wenn er sich ihnen nicht anschließt, werden sie ihn wohl früh oder später umbringen müssen, tut ihnen ehrlich leid.

Der „Übermonitor“ genannte Bordcomputer erinnert an „Mutter“ an Bord der „Nostromo“ in „Alien“ (1979): Er ist rätselhaft, will keine Fragen beantworten, die menschliches verhalten betreffen, führt aber obskure Direktiven aus, die Johann erst herauskitzeln muss. Und was während der Meuterei auf den Bordbildschirmen der Kommandobrücke zu sehen ist, entspricht nicht der Wahrheit, wie nur Johann weiß: Der „Übermonitor“ versucht, ihn und vor allem die Kapitänin zu täuschen, um die Meuterei zu unterstützen. Ganz schön hinterhältig.

Auf jeden Fall ist diese Novelle ein aufregender und einfallsreicher Auftakt.

2) Ursula K. Le Guin: Das neue Atlantis (The new Atlantis, 1975)

In dieser Version der Vereinigten Staaten möchte man wirklich nicht leben müssen. Lebensmittel sind ebenso rationiert wie Gas, Wasser und Strom. Familien sind verpönt, die Bundesregierung propagiert Gruppensex und Homosexualität. Die Bundespolizei dieses totalitären Staates überwacht alle und jeden, so dass etliche unliebsame Zeitgenossen wie etwa ein harmloser Mathematiker ins Internierungs- und Umerziehungslager wandern.

Ein solcher Mathematiker ist Simon, der nach zwölf Tagen im Lager wieder zurück zu seiner Frau Belle in Portland, Oregon (der Heimatstadt der Autorin) zurückkehrt. Sie erkennt ihn zunächst nicht wieder: abgemagert, verletzt, von Alpträumen heimgesucht. Auf dem Schwarzmarkt kauft sie teures Aspirin für ihn, denn alle Medikamente, die die Bundesregierung ausgibt, taugen nichts.

Nach dem erneuten Besuch des FBI – Belle musste ja Simons Rückkehr beim Amt melden – bekommt Simon heimlich Besuch von Max, der dem Untergrund angehört, dem Samisdat. Zusammen tüfteln sie die fehlende Formel für ein neues Energiespeichergerät aus, das Sonnenenergie schon nach kurzer Ladedauer für lange Zeit speichern kann, sich aber fast wie ein USB-Stick transportieren und handhaben lässt – eine unerschöpfliche Energiequelle.

Aber war die Wanze, die das FBI im Zugang zum Badezimmer implantiert hat, wirklich unschädlich gemacht? Während kuriose Nachrichten über einen aus dem Ozean aufsteigenden Kontinent übers TV verbreitet werden, wartet Belle wie auf heißen Kohlen auf die Reaktion des Staates…

Mein Eindruck

Der ans Licht aufsteigende Kontinent mit seiner fühlenden (unbekannten) Bevölkerung entspricht einer Art kollektivem Unbewussten à la C.G. Jung. Sein Hunger nach Licht, Energie und Kontakt entspricht Belles Sehnsucht nach Licht, Energie und Kontakt in ihrem tristen, unterdrückten Leben in Portland, ihrem Hunger nach Hoffnung. Die Solarbatterie wird sozusagen zum Hoffnungsträger für sie wie auch für die Wesen aus der Tiefe (deren Blickpunkt rein subjektiv, aber sehr poetisch dargestellt wird).

Die Solarbatterie und die damit verbundene Technologie verspricht genau das, was heute, in den 2010er Jahren, endlich realisiert wird: unabhängige Stromproduktion, Entmachtung der Energiekonzerne, Entmachtung des darin investierten Kapitals und (ganz vielleicht) Entmachtung der mit dem Kapital verflochtenen Regierungsbehörden. Diese neue Bedrohung der Behörden muss natürlich in Portland in den Untergrund gehen, um nicht im Keim erstickt zu werden. In diesem Ansatz mutet die Geschichte wie ein Text von Stanislaw Lem (der im 2. Weltkrieg unter den Nazis dienen musste, um zu überleben) oder den Brüdern Strugatzki an.

Die Symbolik von Licht und Dunkel, Hoffnung und Kontakt ergänzt diesen Aspekt auf eine unnachahmlich Le-Guin-sche Weise. Dass die „oberirdische“ Handlung aus dem Blickwinkel einer Frau erzählt wird, kann bei einer Autorin, die über Frauen in Zeiten der Anarchie und Revolution („The Day Before the Revolution“, 1973) geschrieben hat, niemanden überraschen.

3) James Tiptree jr.: Ein flüchtiges Seinsgefühl (A momentary taste of being, 1975)

Die „Centaur“ ist schon seit zehn Jahren unterwegs zum Centauri-System, um es mit ihren Fähren zu erkunden. Sollte einer der Planeten für Menschen bewohnbar sein, soll sie grünes Licht nach Hause senden. Zu Hause, das ist eine übervölkerte und verschmutzte Erde, die bereits ihre Saatschiffe in Bereitschaft hält. Bislang sendeten die anderen Erkundungsschiffe immer nur Rot, doch der „Centaur“ scheint nun ein Glücksfall beschieden zu sein.

Aber was ist auf der Welt, die die Fähre erkundet hat, denn nun wirklich passiert? Das fragen sich nicht nur Kapitän Yelliston, sondern auch seine Xenobiologen und der Schiffsarzt Dr. Aaron Kay. Denn Kayes Schwester Lory war auf dieser paradiesischen Blumenwelt – und scheint wohlbehalten zusammen mit einem Alien zurückgekehrt zu sein. Nur dass bei ihrem Verhör einige Ungereimtheiten auftauchen. Das Verhör ist nötig, weil jemand sämtliche Aufzeichnungen zur Landung gelöscht hat.

So hat es offenbar vor dem Abflug Streit mit den anderen Gelandeten gegeben, die daraufhin entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen ihre Schutzhelme abnahmen. Und Commander Kuh, der Leiter des Landungstrupps, hat sich entschlossen, überhaupt nicht zurückzukehren. Leutnant Tighe, ein australischer Mineraloge, ist der einzige, der bei dieser irregulären Aktion verletzt worden zu sein scheint und befindet sich nun in der Quarantäne an Bord der „Centaur“. Was aber das Merkwürdigste ist: Seitdem wird er immer wieder auf den Korridoren gesichtet, obwohl er sich doch körperlich im Bett befindet.

Mitten in der „Nacht“, als Dr. Kaye bei seiner Geliebten Solange liegt, kommt es zu einem Alarm. Als Kaye den Tatort erreicht, fragt er nach dem Grund der Schlägerei. Einer der anderen Leutnants hat sich über den Befehl des Kapitäns hinweggesetzt und an die Erde „grünes Licht“ gesendet, zumindest an die Russen dort. Was aber, wenn die noch anstehende Untersuchung des Aliens ergibt, dass „Lorys Welt“ gar nicht so paradiesisch ist, wie alle meinen, sondern alles nur auf einer Illusion oder Halluzination beruht?

Mein Eindruck

Dieser Erstkontakt ist ein Geschlechtsakt. Dumm nur, dass die Menschen nur Spermien sind, die, nachdem sie ihren Befruchtungsdienst geleistet haben, entbehrlich sind und absterben. Das Alien ist die befruchtete Königin, auf telepathischen Befehl hin von Lory Kay an Bord geholt. Doch was könnte aus den befruchteten Eiern, den Zygoten, entstanden sein, fragt sich der betrunkene Dr. Aaron Kay in seinem Audio-Tagebuch. Sind es jene übergroßen Gestalten, die wie Geister im steuerlos gemachten Schiff umherwandeln? Oder sind andere Aliens nun auf Lorys Welt unterwegs?

Letzten Endes macht es für die „Centaur“ keinen Unterschied. Das Schiff ist mitsamt seiner Mission gescheitert, ein Opfer kollektiven Heilswahnsinns, der ausbrach, als das Gefängnis des Aliens geöffnet wurde. Doch weitere Schiffe werden kommen, mit vielen weiteren menschlichen Spermien an Bord – um sich ebenfalls in die Leere zwischen den Sternen zu ergießen als sinnlose Ejakulation des Lebens.

Selten wurde das Unternehmen der Raumfahrt an sich so verzweifelt, zweck- und hoffnungslos beschrieben. Ich habe drei Tage gebraucht, um diesen Kurzroman zu lesen. Erst das dritte Kapitel bringt die Action, die die aufgebaute Spannung löst. Den Schluss bildet Kayes Monolog, der mich an das „Penelope“-Kapitel in James Joyces Roman „Ulysses“ erinnert: ein Gedankenstrom, der aber nichtsdestotrotz mit weiteren Informationen aufwartet. Es hilft, wenn man ein wenig Latein beherrscht, so etwa die Zeile „post coitum [animal] tristum“: Nach dem Geschlechtsakt ist [das Tier] traurig…

Die Übersetzung

Sylvia Pukallus übersetzte diese anspruchsvollen Novellen mehr schlecht als recht ins Deutsche. Druckfehler gibt es zwar kaum (außer „wieter“ statt „weiter“), aber dafür umso stilistische und sachliche Unsicherheiten, die wahrscheinlich auf Fehlübersetzungen hinauslaufen. Ihre Übersetzung qualifiziert beispielsweise die weiblichen Warranty Officers in „Silhouette“ zu „Schriftführerinnen“ ab, als wäre sie ausgebeutete, hirnlose Tippsen. Sie sind das Gegenteil, nämlich selbständig denkende, frei wählende und einflussreiche Frauen – eine Rarität in der amerikanischen SF, selbst in den aufmüpfigen frühen siebziger Jahren.

Wofür die Übersetzung nichts kann, sind hingegen so schräge Namen wie „Neuerdraht“. Dieses Wort steht wirklich im O-Text von „Silhouette“. Dieses Original findet man in Wolfes Erzählband „Endangered Species“ aus dem Jahr 1989, der 15 Jahre Storyproduktion zusammenfasst (siehe meinen Bericht).

Unterm Strich

Was an dieser Auswahl am meisten auffällt, ist die Ähnlichkeit der beiden Novellen von gene Wolfe und Alice Sheldon (= Tiptree). So unterschiedlich die Autoren auch sind, so ähnlich sind doch die Prämissen ihrer Erzählungen. Das ist geradezu peinlich. Und dann geht es in beiden auch noch um Geister- bzw. Gespenstererscheinungen an Bord.

Interessant ist allerdings, wie die jeweilige Hauptfigur mit den geisterhaften Eindringlingen umgeht: Johann in „Silhouette“ ist eher fatalistisch eingestellt, sieht aber seinen Vorteil in den neu verliehenen Kräften und obsiegt schlussendlich. Dr. Aaron Kaye ist eher das Gegenteil. Von seiner Schwester ausgetrickst und von der Alienkönigin überwältigt, ergibt sich nicht etwa Macht-, sondern Erfüllungs- und Untergangsphantasien. Das ist laut Freud und Jung eine eher weibliche Phantasie: das Verschmelzen mit einem anderen Wesen unter Preisgabe der eigenen Identität. Dr. Kaye verhält sich also nicht wie ein Mann, sondern wie eine Frau.

Da hat sich die Autorin wohl einen Wunschtraum erfüllt. Der nächste Schritt in die Transzendenz fehlt nämlich: Es gibt zwar Zygoten, also befruchtete Eizellen, aber wozu diese sich entwickeln, bleibt unklar – es müsste wohl eine Kombination aus Mensch und Alien sein, die sich im Weltraum besser behaupten kann. Aber Kayes letzter Eintrag lautet: „Ich habe keine Träume mehr.“

Eigentlich aber müsste Kaye so etwas wie das aus dieser Verschmelzung resultierende Überwesen werden, selbst wenn dies nur in der Teilnahme am Bewusstsein der Alienkönigin bestünde. Mich hat diese Novelle jedenfalls in dieser Hinsicht unzufrieden zurückgelassen. Von der pechschwarzen Aussage über die Zukunft der Mensch- und Mannheit mal ganz abgesehen. Man kann sich vorstellen, wie Sheldon/Tiptrees Story damals für Aufruhr gesorgt hat. Na, wenigstens hatte Silverberg, der Tiptree zuerst für einen Mann gehalten hatte, entdeckt, dass es sich um eine Autorin handelte.

Das neue Atlantis

Ebenso anspruchsvoll wie diese beiden Geschichten ist bei näherer Betrachtung auch Ursula Le Guins titelgebende Erzählung. Sie ist in mehrfacher Hinsicht von bitterer Ironie. Die realistische Ebene zeigt einen totalitären Staat, der seine Bürger bespitzelt und unterdrückt. Um die Erfindung einer schier unerschöpflichen Energiequelle muss gerungen und gebangt werden. Sie wird, wenn überhaupt, nur im Untergrund Verbreitung finden.

Recht ironisch finde ich, dass der Kontinent, der nun aufsteigt, keineswegs ein Atlantis ist, denn das müsste ja gemäß dem Mythos untergehen. Die Frage ist also, welches nun der eigentliche untergehende Kontinent ist – vielleicht doch die Vereinigten Staaten? Das stimmt zumindest in sozialpolitischer Hinsicht.

Die Repression in diesem Land hat auf einer psychologischen Ebene zur Folge, dass mit dem aufsteigenden Volk aus der Tiefe – seien es Aliens oder nur Metaphern – kein Kontakt aufgenommen werden kann. Die Zeichen stehen auf Krieg, wie der Leser erfährt, und das bedeutet, dass die Militärs, paranoid wie immer, in dem Volk der Tiefe nur eine weitere Bedrohung sehen dürften.

Zwischensumme

So wirklich positiv und aufbauend ist in diesem Band unterm Strich nur die erste Geschichte, und das ist ein bisschen wenig, um Einsteiger in die SF zum Lesen dieses Buches zu motivieren. Die holprige Übersetzung könnte zusätzlich abschrecken, ebenso das nahezu schwarzweiße Titelbild.

Hinweise

Sammler der Erzählungen wichtiger SF-Autoren kommen an diesem Band aber nicht vorbei. Das liegt daran, dass „Silhouette“ nur hier abgedruckt zu finden ist. Die Geschichte Le Guins gibt es auch in ihrem Erzählband „Die Kompassrose“ zu finden , und „Ein flüchtiges Seinsgefühl“ wurde auch in „Sternenlieder eines alten Primaten“ abgedruckt (siehe meinen Bericht dazu), einem von Tiptrees wichtigsten Erzählbänden.

Taschenbuch: 208 Seiten.
O-Titel: The New Atlantis, 1975;
Aus dem US-Englischen von Sylvia Pukallus.
ISBN-13: 9783453306585

www.heyne.de

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