
Dieser Auswahlband umfasst fünf herausragende SF-Novellen aus den Jahren 1973 bis 1977, darunter zwei ausgezeichnete Erzählungen, nämlich:
– Gene Wolfe: Der Tod des Dr. Island (NEBULA Award 1973), und
– Spider Robinson: Nur nicht beim wirklichen Namen (HUGO 1977).
Außerdem:
– Jack Vance: Heimsuchung einer Stadt;
– Fritz Leiber: Riten des Abgangs, und
– Algis Budrys: Die schweigenden Augen der Zeit.
Alle Texte wurden von Aiga Rasch aufwändig illustriert.
Der Herausgeber
Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“. Er starb 2015.
Dafür und für seine Herausgebertätigkeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Kurd-Laßwitz-Preis (1981ff.) und den Harrison Award (1987).
Die Erzählungen
1) Jack Vance: Heimsuchung einer Stadt (Assault on a City, 1974)
In ferner Zukunft hat die Menschheit zahlreiche Welten besiedelt, aber während dieser Vorgangs haben sich Raumfahrer, Sternensiedler und irdische Städter auseinander entwickelt. Wie sehr, ist den einzelnen Gruppen allerdings selten bewusst, das sich ihre Wege selten kreuzen. Er als ein Gangster es auf eine Sternenprinzessin abgesehen hat, entwickelt sich aus dieser Entwicklung eine Tragödie…
Bodred Histledine ist ein ungekrönter König der Unterwelt von Hant, der schönsten und stolzesten Stadt auf der Erde. Allerdings buchtet ihn die Polizei wegen einer, wie er meint, Lappalie ein. Weil man ihm nur die unerlaubte Gedächtnislöschung nachweisen kann, kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon. Doch das Malochen im Metallhandwerk stinkt dem König der Unterwelt gewaltig.
Als ihn ein Auftrag in das feudale Heim der Tynnott-Familie führt, begegnet er dort der süßen Sternensiedlerin Alice und verliebt sich auf der Stelle in sie. Aber was heißt schon „Liebe“ bei Bo? Er will sie haben, oder besser: alles, wofür sie steht – Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung usw. Um die Aufmerksamkeit dieses, wie er empfindet, hochmütigen geschöpfs zu erringen, lässt er einen Schraubenschlüssel auf ihren Fuß fallen. Das tut weh! Alice beschwert sich bei ihrem Daddy, Commander Tynnott von der Raumflotte und Erschließungsgesellschaft. Der merkt gleich, dass der „Handwerker“ bloß die Aufmerksamkeit seiner Tochter erringen wollte.
Alice ist auf Studienreise zur Erde gekommen, um die Sitten und Gewohnheiten der Städter zu erforschen. Als der neureiche Jüngling Waldo sie auf einen vergnüglichen Abend einlädt, besteht ihre Vorstellung des Vergnügens darin, ausgerechnet das verrufenste Viertel von Hant zu besuchen. Zufällig hat dort Bodred sein Hauptquartier, Hongos Taverne zur blauen Laterne. Als er Alice neben diesem Schnösel Waldo sitzen und ihren Drink schlürfen sieht, platzt ihm der Kragen. Er lässt seine eigene Freundin sitzen und spielt Waldo einen Streich, der diesen in Körperkontakt mit ein paar empfindlichen Außerirdischen bringt. Die Jeeks entleeren ihre Stinkdrüsen über Waldo. Auch eine Verfolgung Bos nützt ihm nichts.
Wenigstens hat Alice ein Foto von Bo und seiner Freundin gemacht. Dieser Hinweis führt zu hilfreichen Auskünften seitens der Polizei, die Bo denn auch wiedererkennen. Am nächsten Tag macht sich Waldo an das Aufspüren Bos und wird in Hongos Bar fündig. Er staunt nicht schlecht, als er den Unterweltkönig neben Alice sitzen sieht. Was hat sie bloß mit dem Kerl vor, der sicherlich bereits ertwas im Schilde führt. Man weiß ja, dass die Urheber von Psycho-Pornos alle möglichen Methoden anwenden.
Und dann geht alles sehr schnell, als Bos Komplizen eingreifen…
Mein Eindruck
Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Diesmal behauptet sich nämlich die Frau, die ach so harmlos erscheinende Alice – die sicherlich nicht zufällig den Namen von Lewis Carrolls unsterblicher Heldin trägt. Alice beherrscht nicht nur diverse Zaubertricks, sondern zeichnet sich vor allem durch ihren Charakter aus, der dem der Städter diametral entgegengesetzt ist. Ihre Einmischung in die Angelegenheiten stellen die titelgebende „Heimsuchung einer Stadt“ dar, und das ist doch recht außergewöhnlich.
Alice kommt von einer Siedlerwelt, das heißt von dem, was in Hollywood als „Der Wilde Westen“ erfunden wurde. Sie hat ihre eigene Philosophie entwickelt, nicht nur über sich, sondern auch über die Städter, und macht sich im Rahmen ihrer Studien entsprechende Notizen. Das wiederum bringt Bo ebenso wie Waldo auf die Palme.
Woher der Autor diese Philosophie hat, ist mir unklar, aber sie ist nicht schwer aus den Ausführungen Alices abzuleiten. Die Menschen auf den Siedlerwelten, also an der Grenze, haben es ständig mit dem Leben an sich zu tun. Ihre Erfahrungswelt entspricht der „Obejektivität“, wie Alice sagt. Die Leute in den Städten allerdings müssen, in Ermangelung dieser Grenze, den Reiz von Erfahrungen durch Ersatzbefriedigung zu erlangen suchen.
Diese Erfahrungen aus zweiter Hand nennt Alice „Subjektivität“. Darunter fallen alle Arten von Medien wie Filme, Bücher usw., aber auch „Perzeptionen“, also Cyber-Pornos, die man sich durch eine Hirnbuchse reinziehen kann. Diese Pornos werden als „Gunk“ bezeichnet, ein amerikanisches Slangwort. (Jack Vance war Seemann bei der Handelsmarine und kannte alle möglichen Slangausdrücke.) Im Rotlichtviertel der Stadt Hant laufen Alice deshalb auch Gunk-Süchtige über den Weg, die sie schon mal um Knete für den nächsten „Schuss“ anbetteln.
Wie nicht anders zu erwarten, will Bo mit der süßen Alice einen Gunk-Porno drehen. Aber da gerät er an die Falsche. Und das ist einer der vielen Gründe, warum dieser Kurzroman so vergnüglich und kurzweilig zu lesen ist.
2) Fritz Leiber: Ritual des Abgangs (Rite of Spring, 1977)
Der Mathematiker Matthew Fortree lebt im Elfenbeinturm des supergeheimen Koexistenzinstituts irgendwo in New Mexico. Sein Alleinsein lässt ihn in einer dramatischen Gewitternacht in seinem Luxusappartement ein Stoßgebet zum „Großen Mathematiker“ schicken. Es wird prompt erhört…
Sieben Klingelzeichen ertönen an seiner Tür, und als er öffnet, steht eine bezaubernde Schönheit vor ihm. Als Mathematiker denkt er sofort an die sieben entscheidenden Stellen eines Mädchens (was ein gewaltiger Irrtum ist, denn es sind acht), weil diese vor ihm in elfenhaftem Grün leuchten. Sie suche ihren Bruder, sagt sie und stellt sich als Miss Severeign Saxon vor. Er bittet sie herein, doch dass er selbst in Morgenrock dasteht und sie im Pelzmantel, macht ihn ein wenig verlegen. Er bietet ihr Kaffee an und verstummt vor Verlegenheit. In Elfenbeintürmen wie dem Institut gibt es selten weibliche Wesen.
Sie bietet ihm ein Spiel an. Ein mathematisches Spiel, ein Wortspiel. Na, schön, aber bloß keine Numerologie, wehrt er ab, das sei Aberglaube. (Er hat’s nötig, nach seinem Stoßgebet.) Sie geht darauf ein. Und weil ihre Lieblingszahl die Sieben ist – ihr Name hat sieben Silben – einigen sie sich darauf, dass jeder von ihnen ein Beispiel für ein Siebenerzahl nennen muss oder er hat verloren.
Als sie zum zweiten Mal bei ihm erscheint, sind sie sich schon sehr nahe nahe gekommen und landen im Bett. Doch weil er belauscht, wie die Atomphysiker ein neues, achtes Isotop des Uraniums entdeckt hat, hofft er sie, beim dritten Wiedersehen damit überlisten zu können. Doch es kommt ganz anders als er erwartet, denn plötzlich donnert der Sicherheitsdienst an seine Tür…
Mein Eindruck
Was für eine bezaubernde Geschichte! Sie beginnt ganz romantisch in einer dunklen und stürmischen Nacht (die meisten Nächte sind dunkel), woraufhin die Liebe in das Leben des einsamen Wissenschaftlers tritt. Dies ist, wie schon der erste Satz, konstatiert, die Umkehrung von der romantischen Mär, dass ein Ritter in schimmernder Rüstung kommen werde, um das in einem Turm gefangene Burgfräulein aus seiner Not zu retten. Soweit, so ironisch.
Doch es kommt noch besser. Die Aufzählung der Möglichkeiten, die Sieben zu erwähnen, sind schier unerschöpflich, aber sie haben offensichtlich einen Schwerpunkt auf Altertum und Bibel. Besonders die „Offenbarung des Johannes“ ist reich an Siebenern. Dies ist jedoch keine Bildungsprotzerei seitens des Autors, sondern das eine führt zum anderen, und so landen Matthew und seine holde Severeign im Bett und treiben es miteinander – in sieben Gangarten.
Durch dieses titelgebende „Frühlingsritual“ – womit bei Strawinsky ein Opfer verbunden ist und bei Leiber ebenfalls – wird endlich die eigentliche Frage beantwortet, nämlich die, wer eigentlich der Bruder sei, den sie im Institut suche. Dies soll eigentlich nicht verraten werden, aber weiß, was Inzest ist, braucht nur zwei und zwei zusammenzuzählen.
3) Spider Robinson: Nur nicht beim wirklichen Namen (By Any Other Name, 1976)
Isham Stone sucht einen Massenmörder, den Mann, der 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung auslöschte: „Wendell Morgan Carlson“ steht auf dem Steckbrief, den Ishams Vater Jacob gezeichnet und gedruckt hat. Manhattan ist verödet und nur noch von Katzen und Ratten bewohnt. Aber das stimmt nicht. Es gibt hier auch Moschuks, fast substanzlose Wesen, die man zuertst riecht, bevor sie einem Mund und Nase verstopfen. Und so ist Isham auf der Hut, als er sich seinen Weg vorsichtig zur Columbia Universität bahnt, dem wahrscheinlichsten Versteck des Massenmörders: denn Carlson war einmal jener Wissenschaftler, der den Schnupfen besiegte…
Und er war ein Kollege und Freund von Dr. Jacob Stone, einem Forscher, der auch für das Pentagon arbeitete, und zwar bei der Entwicklung tödlicher Viren. Nachdem Carlson in ein Loch der Ablehnung und Erfolglosigkeit gefallen war, flößte ihm Stone jene verhängnisvolle Idee ein: Wie wäre es, wenn man ein Virus erfände, der selektiv bestimmte Gerüche auszublenden helfen würde? Sanitärhandwerker, Abwasseringenieure und viele andere wären ihm dankbar für solch eine Erfindung. Dafür wollte Stone sich an Carlsons Projekt beteiligen. Doch nach Wochen des Schweigens kehrte Carlson mit etwas viel Schrecklicherem zurück: einem Virus, der den geruchssinn des Menschen, der ständig unterdrückt wird, um das Hundertfache verstärkte. Stone schaffte es nicht, Carlson rechtzeitig davon abzubringen, das Virus freizusetzen.
So begann 1984 die Katastrophe, die die ganze Welt erfasste. Erst das gegenseitige Morden, dann der Exodus aus den Städten mit Überfällen auf die Landbevölkerung, schließlich der Krieg mit den Moschuks, die auf einen Schlag wahrnehmbar geworden waren. Die Stone-Familie verlor den älteren Sohn Israfel, der wahnsinnig wurde, und die Mutter, doch Dr. Stone und sein jüngerer Sohn schafften es in ein Bergtal, wo ein Freund ein Grundstück hatte, und gründeten mit anderen Freunden die Siedlung Neubeginn…
Isham, der nun die Columbia-Uni erreicht hat, ist von einem Ex-Marine und Polizeipräsidenten zwei Jahre lang ausgebildet worden und verfügt über reichlich Kampferfahrung und Reflexe, um es mit Moschuks, Heckenschützen und Plünderern aufnehmen zu können. Aber ist er auch bereit für ein ketzerisches Genie wie Wendell Morgan Carlson? Kaum hat er den Innenhof des Hauptkomplexes erreichen, greifen ihn Moschuks an und er wehrt sich nach Kräften. Da sieht er die verhüllte Gestalt Carlsons aus einer Tür auf den Hof treten. Kurz darauf verliert er das Bewusstsein…
Mein Eindruck
Spider Robinson ist ein eingefleischter Heinlein-Jünger. Man sollte wissen, dass er inzwischen einen nachgelassenen Roman des Großmeisters der SF vollendet hat („Variable Star“) und weiter an der Legende Heinleins strickt. Daher verwundert es mich nicht, dass Robinson die Welt praktisch untergehen lässt und nur ein patente Kerle mit wissenschaftlich-ingenieurmäßigem Hintergrund davonkommen, um einen Neubeginn zu begründen. Natürlich können sie nicht ohne Waffenschutz durchs Ex-Militär überleben. Diesmal sind es vor allem die selbstmörderischen „Grünen“, die den Ingenieuren den Garaus machen wollen. Aber bei „Sheriff“ Comaci geraten sie an den Falschen.
Geschickt pendelt die Erzählung zwischen den zwei Zeitebenen von Isham Stone in der Gegenwart und seinem Vater Jacob in der Vergangenheit, so dass sowohl Aufklärung über das Rätsel der Vergangenheit verlangt und geliefert wird, aber auch Spannung auf das Kommende entsteht. Denn irgendwann muss Isham, der vom Vater ausersehene Rächer, den Oberschurken Carlson erreichen und versuchen, ihn zur Strecke zu bringen.
Doch schon zuvor hat Isham nach dem Sinn dieses Rachemordes gefragt. Was soll es bringen, einen Mann zu töten, der vor 16 Jahren praktisch verschwunden ist? „Weil er es verdient“ und „weil dann dein Vater wieder gut schlafen kann“ lauteten die Standardantworten. Nicht sonderlich befriedigend für einen moralisch empfindenden Menschen wie Isham. Deshalb fällt es ihm schwer, den Abzug zu ziehen, als Carlson neben ihm am Krankenbett sitzt. Nachdem dieser ihn wochenlang gesundgepflegt hat.
Carlson ist nicht nur Ishams Wohltäter, sondern bietet auch Wiedergutmachung an. Er hat gelernt, mit den tödlichen Moschuks zu kommunizieren und kann sie dazu bringen, Menschen zu verschonen. Solange dies auch umgekehrt gilt. Isham erkennt diese Leistung und die daraus für die Menschheit resultierende Hoffnung an, verschont Carlson und belügt seinen Vater. Doch Carlson verrät ihm auch das größte Geheimnis von allen: das über den fehlenden Geruchssinn seines Vaters Jacob und was er an jenem schicksalhaften Tag im Jahr 1984 tat…
4) Algis Budrys: Die schweigenden Augen der Zeit (The Silent Eyes of Time, 1975)
An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1971 schreitet Clinton Gallard durch Flügel G des riesigen O’Hare-Flughafens von Chicago. Er will mit seiner Begleiterin Dr. Elisabeth Farrier in den verdienten Urlaub starten, denn man hat ihn soeben als Vorstandsvorsitzenden des Elektronikherstellers American Wireless Corporation hinausgeworfen. Und mit rund 65 Jahren hat sich Clint seinen Ruhestand redlich verdient, hat er doch AWC erst groß gemacht.
Jetzt jedoch tritt ihm Charles Treville, sein Nachfolger, in den Weg und verlangt, Clint solle seinen Flug absagen, um quasi Feuerwehr zu spielen: Der Erfinder Eduard Hessenbirger in der Niederlassung Churchville ist vier Jahre in die Zukunft gereist und hat Gegenstände zurückgebracht: Münzen, Zeitungen usw. Deren Authentizität wurde geprüft und bestätigt. Wenn man Hessenbirger nicht sofort Einhalt gebiete, könne die Geschichte aus dem Ruder laufen, fürchtet Treville – Hessenbirger hat sich einen Spaß daraus gemacht, seine Münzen beim Personal herumzuzeigen. Vom Aufsichtsratsvorsitzenden Elmo Daugherty holt sich Clint das Okay, für alle Fälle, dann düst er mit Elisabeth nach Churchville. Abends im Hotel gibt sie ihm seine tägliche Spritze.
Mangrum, der Leiter des AWC-Werks von Churchville kooperiert vollständig und berichtet, was er inzwischen getan, um die Eskalation der Situation zu verhindern. Die drei Hauptverdächtigen sind in einem Motel isoliert: Hessenbirger selbst, sein Technischer Zeichner Kurd Pogrobius und eine 19-jährige Sekretärin namens Grace Chute. Clint lässt die Sekretärin am nächsten Morgen antreten. Sie ist mit einer langfristigen Anstellung finanziellen Regelung zufrieden und geht, einen Vertrag in der Tasche.
Pogrobius, zu dem sich Clint selbst bemüht, ist weniger einfach zufriedenzustellen. Dem Schweden wird Einbürgerung gewährt, ebenso die Stellung des Stellv. Abteilungsleiters, mit Aufstiegsmöglichkeiten. Clint ist nicht zimperlich, und nur Treville zuckt jedesmal zusammen, wenn er Wohltaten verteilt.
Schließlich der Haupttäter: Hessenbirger himself. Der Erfinder träumt bereits von Bausätzen für Heimwerker, die kurz mal vier Jahre in die Zukunft sausen wollen. Zu mehr ist seine Maschine nicht in der Lage. Noch nicht. Hessenbirger, der geniale Feuerkopf mit dem Rotschopf, ist zum Glück von Dr. Elisabeth Farriers Anwesenheit hingerissen und betrachtet die geschasste Abtreibungsärztin als Verbündete gegen das System. Und weil Clint so interessiert fragt, ist er nur zu gern bereit, mal etwas zu protzen und mal etwas Besonderes aus der Zukunft zu holen. Schwupps, weg ist er.
Dann zieht Gallard der Zeitmaschine den Stecker heraus…
Mein Eindruck
Gäbe es die Zeitmaschine nicht, jenes uralte Standardzubehör der Science Fiction, dann wäre diese Erzählung eine ganz normale Mainstream-Story aus dem Alltag eines hohen Managers. Wir erhalten Einblick darauf, wie die Angelegenheiten der Beschäftigten eines amerikanischen Top-20-Konzerns gehandhabt werden, um ein Sicherheitsleck zu stopfen und die Regierung fernzuhalten.
Dies ist alles andere als jugendliche Abenteuerliteratur. Vielmehr erscheint die aufregendste Entdeckung des Jahres 1971 als eine Gefahr für den Fortbestand der Wirtschaft. Selbst die junge Sekretärin Grace hat dies erkannt: Das Geld wäre nichts mehr wert, ebenso die Aktien von AWC. Dies ist Literatur für Erwachsene, die sich mit Wirtschaft auskennen. Und darüber, wie skrupellos man sein muss, um einen Erfinder in der Zukunft stranden zu lassen. Natürlich ist fest damit zu rechnen, dass Hessenbirger am 14.4.1975 wieder AWC beehren wird, aber bis dann wird Treville das Problem schon längst in andere Hände übergeben haben. Und wer weiß? Vielleicht kann man dem Erfinder eine Falle stellen, die ihn ins Jahr 1979 transportiert. Und so weiter. Die Zeit heilt bekanntlich viele Wunde, auch diese.
Apropos Zeit. Davon verbleibt Gallard selbst äußerst wenig, wie er gegenüber den Managern und Ingenieuren zugibt. Daher ja auch die notwendige Anwesenheit von Elisabeth Farrier, um ihm eine Spritze zu geben. Er sehnt sich nach einer ruhigen Hacienda.
Die Gegenüberstellung der Möglichkeit, vier Jahre in die Zukunft zu reisen, und Gallards befristeter Lebenszeit erfolgt garantiert nicht ohne Absicht. Denn kranke Manager könnte ja kurz mal eine Spritztour in die Zukunft unternehmen. Dort gäbe es vielleicht schon eine Heilmethode für seine Krankheit. Aber er verzichtet darauf. Denn das Risiko, dass dies bekannt würde, ist viel zu groß. Und dann würde sein Lebenswerk, der Aufbau AWCs zum Konzern, zerstört werden. Er muss also zwei Zukünfte abwägen: seine persönliche oder die des Konzerns. Er wählt die des letzteren. Und so bleibt alles weiterhin im Lot.
5) Gene Wolfe: Der Tod des Dr. Island (The Death of Dr. Island, 1973)
Der junge Nicholas befindet sich zusammen mit anderen Patienten auf einer künstlichen Welt, die ihm als Therapie dienen soll. Er ist nämlich krankhaft aggressiv veranlagt und musste sogar eine Hirnoperation über sich ergehen lassen, bei der seine beiden Hirnhälften getrennt wurden. Aber seine Mitpatienten Ignacio und Diane sind auch nicht gerade angenehme Mitbewohner dieser merkwürdigen Tropeninsel. Ignacio redet von sich nur in der dritten Person und ist ebenfalls aggressiv, so dass er bei der ersten Begegnung sofort Nicholas verprügelt. Und Diane neigt zur Katatonie. Wenigstens ist sie dem Jungen sympathisch, obwohl oder weil sie stets unbekleidet herumläuft.
In allen Dingen versteckt sich der automatisierte Arzt dieses Sanatoriums, das in einer Umlaufbahn um den Planeten Jupiter kreist. Dieser Arzt, wie könnte es anders sein, nennt sich Dr. Eiland. Er spricht durch die Äffchen auf den Bäumen, durch die Wellen am Strand und die Bäume im Zentrum. Er versucht Nicholas klarzumachen, wie seine Therapie funktioniert. Er verkörpere die Gesellschaft, in die Nicholas in naher Zukunft wiedereingegliedert werden soll. Der Junge glaubt ihm nicht.
Und er hat recht, Dr. Eiland zu misstrauen, denn dieser lässt zu, dass Ignacio Diane tötet. Es sei nur zu Ignacios Bestem, behauptet Dr. Eiland, und Diane sei eh schon sterbenskrank gewesen. Für den Mord rächt sich Nicholas mit einer Attacke gegen Dr. Eiland selbst…
Mein Eindruck
Die preisgekrönte Geschichte erfordert vom Leser jede Menge Geduld, denn sie ist nicht nur rund 60 Seiten lang, sondern auch fast nur in Dialogen geschrieben. Diese sind zwar leicht lesbar, müssen aber dekodiert werden, um Rückschlüsse über die Position und Beschaffenheit dieser kleinen Satelliten-Welt zu erhalten. So ist es beispielsweise schwierig sich vorzustellen, wie sich einer der Bewohner nicht nur einmal selbst sehen kann – wegen der konkaven Krümmung des Horizonts -, sondern gleich vierfach.
Dass eine Künstliche Intelligenz diese Welt überwacht und ihre Bewohner betreut, ist ganz natürlich: Ein solcher Arzt muss allgegenwärtig sein. Sätze wie „Die Wellen flüsterten“ sind so erklärbar. Das Schwierige an dieser Irrenanstalt sind natürlich die Irren: Sie reden manchmal merkwürdiges Zeug, und dass sie sich gegenseitig umbringen wollen, macht es auch nicht einfacher.
Die dritte Ebene besteht in der Relevanz dieser Versuchsanordnung für unsere Welt. Der Arzt, die KI Dr. Eiland, lässt sich leicht als gesellschaftliches Über-Ich, als Gott oder transzendente Ebene auffassen, und die Patienten entsprechen dann uns. Soweit, so gut. Das Besondere ist nun das, was der Titel andeutet: Der Tod, den Dr. Eiland bereithält, ist ein ganz besonders schmerzhafter, wenn man seinen Nächsten liebt oder mag, so wie Nicholas Diane mag. Warum hat Dr. Eiland ihre Ermordung zugelassen, ist Nicholas’ zentrale Frage. Und Dr. Eiland antwortet, dass dieser Tod einen therapeutischen Zweck habe: „ein Tod, der einer anderen Person helfen könnte“ (S. 79).
Der Leser muss sich fragen, ob eine solche Art von therapeutischem Tod auch zulassen würde, dass Millionen von Juden vergast würden, um so „die arische Rasse“ zu retten (die bekanntlich eine Fiktion ist). Oder auch eugenische Experimente. Aber solche Assoziationen hatte der Autor wohl nicht im Sinn. Jedenfalls lädt Dr. Eiland in Nicholas’ Augen Schuld auf sich und soll dafür büßen. Selbst wenn es Nicholas’ Welt zerstören würde und damit auch ihn…
Diese Geschichte der Selbstbehauptung hat sicherlich die amerikanischen Leser erfreut, aber sie lässt sich auf vielerlei Weise deuten. Der Autor hat sich einen Spaß daraus gemacht, die drei Schlüsselwörter „Tod – Doktor – Eiland“ ein paarmal neu zu kombinieren und dazu jeweils eine Story zu schreiben. So erschien beispielsweise 1971 auch „Dr. Deaths Insel und andere Geschichten“ (in „Der Bonsai-Mensch“, vgl. meinen Bericht). Das Thema der Psychotherapie griff Wolfe auch in seinem Roman „Der fünfte Kopf des Zerberus“ wieder auf, ebenfalls mit einem Jungen.
Die Übersetzung
Auf Seite 123 heißt es beiläufig „die neuen Wettermacher“. Da es um Anarchie-Klüngel geht, sind hier nicht Wetter-Macher gemeint, sondern die historischen „Weathermen“, die vom kalifornischen Berkeley aus anarchistische Anschläge verübten und schließlich vom FBI ausgehoben wurden. Mit Wetter hat das nichts zu tun.
Auf Seite 169 ist die Rede davon, dass jemand so hungrig ist, dass er einen „Viertelgaul“ verschlingen könnte. Gemeint ist wohl im Original ein Quarter Horse. Das ist eine untersetzte Pferderasse in den USA, die angeblich die schnellste auf der Rennstrecke über eine Viertelmeile ist – daher ihr Name.
Auf S. 186 sollte es statt „Rehgeiß“ korrekter „Ricke“ heißen, denn Rehe haben mit Geißen oder Ziegen nichts zu tun. Auf der Seite darauf wird mehrmals der englische Begriff „Purchasing“ stehengelassen, so dass der Laie meinen könnte, es handle sich um einen Ort: „Paul in Purchasing“. In Wahrheit handelt es sich dabei um die Einkaufabteilung.
Auf S. 196 kommt der deutsch klingende Satz, es sei „…an der Zeit, sie über die Klippe springen zu lassen.“ Dies ist leider die falsche Verwendung der Redensart „jemanden über die Klinge springen lassen“, der nichts anderes bedeutet, als jemanden zu töten.
Neben diesen ziemlich krassen Fehlern in Sprache und Stil gibt es noch die allfälligen Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler wie etwa „mir“ statt „mit“ oder „läd“ statt „lädt“. Schwamm drüber.
Unterm Strich
Von allen fünf Novellen haben mir die ersten drei am besten gefallen. Jack Vance schafft es hier, wie so häufig, ein kleines Universum zu entwerfen und ein Problem auf den Punkt zu bringen, ohne den Leser zu langweilen. Seine typische schmunzelnde Ironie ist allenhalben zu spüren. Und der Showdown ist wie so oft bittersüß.
Fritz Leibers Story scheint zunächst mehr Spiel als sonstwas zu sein, doch wie ernst dieses Spiel werden kann, wenn es in einer Nuklearforschungsanstalt gespielt, zeigt der Showdown. Die Stimmung ist, anders als bei Strawinskys düsterer Orchestersuite, eher frivol-sinnlich und etwas für Leser mit Esprit.
Spider Robinson macht seinem Ziehvater Robert A. Heinlein alle Ehre und lässt erstmal die Welt untergehen – durch den Geruchssinn. Beachtlich. Dann dürfen die wenigen Überlebenden – siehe auch Heinleins „Farnhams Oase“ – ihre Messer wetzen und dem Übeltäter ans Leder gehen. Doch die Story geht weitaus versöhnlicher aus, als befürchtet. Und sie weiß einiges über den Verrat der Väter an ihren Söhnen auszusagen.
Algirdas Budrys ist der langjährige Herausgeber des renommierten „Magazine of Fantasy and Science Fiction“. Ich habe seinen klassischen SF-Roman „Projekt Luna“ besprochen. Er wendet sich an ein erwachsenes Publikum, das weiß, wie die Wirtschaft funktioniert. Diese kann eine revolutionäre Erfindung wie eine Zeitmaschine keinesfalls dulden – die Folgen wären katastrophal. Zwischen den Zeilen macht der Autor Aussagen über das Verhältnis des modernen Menschen im Kapitalismus zum Wesen der Zeit.
Gene Wolfes preisgekrönte Novelle über die Insassen eines psychiatrischen Sanatoriums auf einem Satelliten, der um den Jupiter kreist, ist im Vergleich dazu das reinste Kinderspiel. Obwohl es auch hier um Leben und Tod geht, sehen wir diese Welt, die Dr. Eiland beherrscht, mit den Augen eines Kindes und folglich jedesmal neu.
Nicht nur SF-Sammlern, sondern SF-Einsteiger sei diese Auswahl sehr empfohlen, wenn sie erstklassige Autoren lesen wollen. Die Illustrationen von Aiga Rasch erscheinen uns heute in ihrer Holzschnittoptik zwar sehr antiquiert, doch sie bringen eine Szene auf den Punkt: einen Mann in einer Zeitmaschine, die Konfrontation zweier Überlebender, schöne Frauen (z.B Severeigns sieben strategische Körperstellen) usw. Das ist mal verspielt, mal dramatisch, doch nie abstrakt.
Ein Schwachpunkt sind wie so oft die Übersetzungen, die diesmal vom Ehepaar Sylvia und Horst Pukallus stammt. Besonders bei den Texten von Sylvia Pukallus fand ich einige Sach- und Stilfehler (s.o.), die ein Korrektor hätte ausbügeln können. Das Buch selbst findet sich heute nur noch bei Booklooker, Ebay & Co., meist zu niedrigen Gebrauchtpreisen.
Fazit: vier von fünf Sternen.
Taschenbuch: 303 Seiten
Aus dem Englischen von Horst und Sylvia Pukallus, illustriert von Aiga Rasch.
ISBN-13: 9783453305939
www.heyne.de
Der Autor vergibt: 



