London 1932: Der Anwalt Thomas Keston hat, nachdem er ferne Länder – unter anderem Ägypten – bereist hat, nach Abschluss seines Studiums in London eine bescheidene Kammer bezogen und hält sich mit dem Verfassen von Artikeln für diverse Fachzeitschriften mehr schlecht als recht über Wasser. Eines Abends hat er ein unheimliches Erlebnis, das eine ganze Kette von Ereignissen nach sich zieht… Charles Webster Leadbater – Das ägyptische Parfüm (Gruselkabinett 103) weiterlesen →
Der Zeitreisende, den H. G. Wells als Erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sondern die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …
_Der Autor_
Herbert George Wells (1866-1946) beeinflusste die Entwicklung der Science-Fiction wie neben ihm nur noch Jules Verne. Seitdem er die Lehren von T. H. Huxley, einem eifrigen Verfechter von Charles Darwins Evolutionstheorie, gehört hatte, verfolgte er diese Theorien weiter. Weil ihm die Lehrerlaufbahn wegen angegriffener Gesundheit verwehrt blieb, wandte er sich dem Schreiben zu, um Geld zu verdienen. Schon die ersten Erzählungen wie „The Chronic Argonauts“, die 1888 erschien, erregten Aufsehen. Daraus formte er dann das vorliegende Buch „The Time Machine“, das 1895 erschien. Joseph Conrad und Henry James, die besten Autoren ihrer Zeit, hießen ihn in ihren Reihen willkommen.
_Der Sprecher_
Götz Otto, geboren 1967, studierte Theaterwissenschaft, Politologie und Philosophie in Berlin, bevor er seine Schauspielausbildung an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst und an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule absolvierte. 1991 spielte er bereits am Schiller-Theater Berlin und im Kinofilm „Kleine Haie“ von Sönke Wortmann. 1993 kam der Sprung nach Hollywood, wo er in Spielbergs „Schindlers Liste“ mitwirkte. Weltbekannt wurde er aber 1997 durch seine Rolle des Bösewichts Stamper im James-Bond-Thriller „Der Morgen stirbt nie“. 2003 trat er in „Der Untergang“ auf. Als Synchronsprecher lieh er seine Stimme dem Kater Snowball in „Stuart Little“. Zuletzt hat er in der britischen Kinokomödie „Alien Autopsy“ mitgewirkt.
Der Buchtext wurde von Dirk Kauffels gekürzt, der auch Regie führte. Die Tonaufnahme oblag Detlef Fischer, München. Die Mischung nahm Georg Niehusmann vom Sonic Yard Studio in Düsseldorf vor.
_Handlung_
Zwei Herrengesellschaften
Der Roman beginnt weder auf dem Mond noch in ferner Zukunft, sondern im schönen Themsetal bei Richmond, genauer: in der Bibliothek des Zeitreisenden, der nie einen Namen erhält. Bei ihm zu Besuch ist eine Herrengesellschaft, zu welcher der Ich-Erzähler als Chronist zählt, sowie ein gewisser Philby, offenbar die Stimme der Kritik. Ansonsten gibt es nur Namenlose: den Arzt, den Psychologen, den Bürgermeister „aus der Provinz“ und einen „jungen Mann“.
Ihnen setzt der Zeitreisende seine Idee auseinander, dass man sich in der Zeit als einer ähnlichen Dimensionen wie in den drei Dimensionen des Raumes bewegen könne. Und er stellt ihnen das Modell seines Vehikels vor. Mit dem Umlegen eines Hebels schickt der Psychologe es in die Zukunft. Natürlich nicht in die Vergangenheit, sonst hätten sie es ja bei früheren Besuchen bemerken müssen.
Nebenan wartet im Labor bereits die fast fertiggestellte richtige Zeitmaschine. Die Besucher sind verblüfft, nicht nur ob dieses Apparats, sondern auch wegen der Ankündigung des Gastgebers, er werde die Zeit erforschen.
Bei einem zweiten Besuch erwartet die Rückkehr des Zeitreisenden ebenfalls eine illustre Herrengesellschaft: der Herausgeber einer Tageszeitung, ein Journalist, ein „Schweigsamer“ und unser Chronist. Da taucht der lang Erwartete endlich auf, doch in zerfetzter Kleidung, schmutzig und verletzt, bleich, hinkend und schuhlos. Offenbar ist ihm einiges zugestoßen, doch die beiden Pressemenschen haben nur Spott für ihn übrig – was soll dieser abgeschmackte Zirkusauftritt? Nachdem er sich frisch gemacht hat, fällt der Gastgeber gierig über das Abendessen her. Im „Rauchzimmer“ erzählt er dann seine Geschichte. Wie erbeten, unterbricht ihn keiner der Anwesenden.
|Die Reise|
Er ist ins Jahr 802.701 gereist, aber im Themsetal geblieben. Auf einer Wiese kam er im Hagelsturm vor einer großen Bronzestatue zum Halten. Es handelte sich um eine Sphinx mit ausgebreiteten Schwingen, die auf einem Piedestal stand. Schöne Zwerge in feinen Gewändern tauchten nach dem Sturm auf, die ihn anlachten und zum Essen einluden, in einen nahegelegenen Palast. Dieser sei aber sehr heruntergekommen gewesen und habe ungepflegt ausgesehen. Da die Zwerge – sie nennen sich „Eloi“ – recht träge und dumm sind, hält er sie nicht für die Erbauer dieses Gebäudes, das von einem schönen, doch verwilderten Garten umgeben ist. Sie verfügen weder über Aufmerksamkeit noch Neugier, fürchten sich aber enorm vor jeder Art von Dunkelheit.
Auf einem Hügel entdeckt der Ankömmling eine Menge Ruinen, aber keinerlei Häuser oder Felder. Seine erste Theorie lautet daher: „Kommunismus“! Als er die Schlote entdeckt, über denen die Luft flimmert, und die tiefen trockenen Schächte, die Luft ansaugen, muss er seine Theorie angesichts dieses Ventilationssystems revidieren. Während seines Sinnens über den evolutionären Niedergang der Menschheit auf das Niveau der Eloi vergisst er seine einzige Reisemöglichkeit. Seine Maschine ist verschwunden, in den Sockel der Sphinx gezerrt worden. Es gibt offenbar noch andere Wesen außer den Eloi.
|Die Unterwelt|
Nachdem er in einer geretteten Eloifrau namens Weena eine Gefährtin gefunden hat, mit der er sich unterhalten kann (die Sprache ist rasch erlernt), macht er sich trotz ihrer Warnungen auf eine Expedition in einen der Schächte hinab, um einem seltsamen weißen Wesen zu folgen. Mit Hilfe seiner Streichhölzer dringt er in die Tunnel in der Tiefe vor. In der weitverzweigten Unterwelt stehen riesige Maschinen, die von den weißen affenähnlichen Wesen bedient werden. Es handelt sich nicht um Affen, sondern um eine weitere menschliche Spezies: Morlocks. Und auf einem ihrer Tische erblickt der Zeitreisende entsetzt die Überreste eines Eloi. Die Morlocks sind offenbar Kannibalen.
Mit knapper Not entgeht er den Zugriffsversuchen dieser Fleischfresser, doch er hat nur noch wenige Streichhölzer übrig, um sich gegen die nun nächtlich erfolgenden Morlockangriffe zu wehren. Wieder muss er seine Evolutionstheorie revidieren, um eine Verbindung zwischen dem 19. und dem 8028. Jahrhundert herzustellen. Durch mehrere dunkle Neumondnächte unternimmt er eine Wanderung mit Weena, die in den Verfilmungen stets weggelassen wird: in das Museum im „Grünen Porzellanpalast“.
|Das Museum|
In diesem Museum im früheren South Kensington stößt er auf eine Galerie von Urwelttieren, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert revolutionär war. Um sich und Weena vor herandrängenden Morlocks zu schützen, bricht er einen Hebel von einer Maschine ab und besorgt sich Kampfer sowie Streichhölzer: Er ist auf die Stufe eines Höhlenmenschen mit Feuer und Keule zurückgefallen. Schuhe hat er ebenfalls keine mehr.
Nach einer Lagerfeuernacht im Wald kommt es zur Schlacht. Die Morlocks wollen unbedingt Weena und ihn zum Frühstück verspeisen. Während Weena verschwindet, bricht im Wald Feuer aus, das die Morlocks in schwere Bedrängnis bringt: An die Dunkelheit der Tunnel längst angepasst, sind sie vom Feuer geblendet und rennen blindlings in die Flammen.
Doch die Morlocks haben immer noch seine Zeitmaschine in ihrer Gewalt. Er kann nicht mehr bleiben und muss sie zurückbekommen. Doch die Morlocks haben eine Falle für ihn vorbereitet …
_Mein Eindruck_
Dieser erste Roman von Wells hat die Zeitreise und das Instrument dafür in die Science-Fiction eingeführt; unzählige Nachahmer haben seine Idee aufgegriffen. Mit der Zeitmaschine begegnen die Zeitreisenden des Öfteren positiven oder negativen utopischen Gesellschaften, die gewöhnlich in kritischem Gegensatz zur Gesellschaft des Autors und seines Lesers stehen.
Da es sich bei dem Buch nach Wells‘ eigener Definition um eine „scientific romance“ handelt, also im Grunde um eine wissenschaftlich fundierte, aber eigentlich unglaubliche Abenteuergeschichte, konzentriert sich sein Interesse auf nicht auf die technischen Voraussetzungen der Zeitreise, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die im Jahr 802.701 anzutreffen sind.
Der eng umgrenzte Schauplatz der Handlung präsentiert sich ihm zunächst als grünes, fruchtbares Paradies (mit großer Ähnlichkeit zum Tal der Themse), das von den kindhaften Eloi bewohnt wird. Doch unter der Erde leben in düsteren Höhlen die verunstalteten Morlocks, die Nachkommen eines früheren Industrieproletariats. Die Auffassung des Zeitreisenden vom Verhältnis dieser beiden Rassen zueinander ändert sich unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse ständig.
Waren ihm die Eloi zu Anfang als die Herren der Welt (und zugleich eine Art englische „leisure class“) erschienen, so stellen sie sich schließlich als das Vieh heraus, das die Morlocks als Nahrung züchten. Diese Umkehrung der Verhältnisse, die Wells‘ Leser kannten, löst im Zeitreisenden Entsetzen aus, das viel von den Ängsten verrät, die Wells hinsichtlich seiner eigenen Klasse hegte. In den letzten Kapiteln malt er ein visionäres Schreckensbild von einer schwachen Sonne, wenn am Ende der Zeiten alle Energie dem Prozess der Entropie zum Opfer gefallen ist.
Aber mehr noch durch den Grundeinfall besticht „Die Zeitmaschine“ durch ihre Bildhftigkeit und ihre metaphernreiche Sprache. Daher wird das Buch als der beste Roman in Wells‘ Frühwerk angesehen. In einer Gesamtschau der Zukunft ist hier die erste bedeutende anti-utopische Horrorvision entstanden. Dem Buch war infolgedessen ein großer Erfolg beschieden und es wurde seit 1895 zweimal verfilmt, zuletzt von Wells‘ Enkel Simon.
(zitiert nach meinem eigenen Artikel in „Harenbergs Lexikon der Weltliteratur“, 1989, Seite 3130-3131)
|Der Sprecher|
Götz Otto hat eine Stimme, die einen Deut tiefer liegt als die von David Nathan. Er trägt auch ähnlich vor wie David Nathan: deutlich artikuliert und die Sätze und Satzteile betonend. So kann der Hörer seinem Vortrag sehr gut folgen. Aber das ist natürlich nicht alles, was ein Sprecher können muss.
Otto gelingt es, den insgesamt acht Männern eine einigermaßen individuelle Tonlage und Sprechweise zu verleihen, so dass sie halbwegs unterscheidbar sind. Der Zeitreisende, dessen Namen wir nie erfahren, spricht zunächst tief und bedeutungsschwer, denn was er zu berichten hat, ist einfach unerhört. Deshalb legt er sich ein Mäntelchen der Autorität zu – und leiht es sich von anderen Autoritäten, die er laufend zitiert. Der Ich-Erzähler, der uns von ihm berichtet, heißt vermutlich Hillyard. Seine Tonlage ist normal und meist entspannt.
Der Provinzbürgermeister und der Zeitungsverleger sind Skeptiker und klingen dementsprechend. Dito der Arzt und der Psychologe, wohingegen der Journalist quengelt, wo er jetzt zu nachtschlafender Zeit ein Taxi herbekommt. Kurz vor Schluss taucht ein Diener auf, der den Zeitreisenden sucht. Er klingt, als würde er wie ein klassischer englischer Buttler näselnd.
Die Stimmen von Weena und Ihresgleichen hören wir nie. Und die „Stimmen“ der Morlocks lassen sich besser unter „Geräusche“ subsumieren.
|Geräusche|
Diese „inszenierte Lesung“ wartet mit einer Vielfalt unterschiedlichster Geräusche auf, die dennoch nur vereinzelt auftreten. Sie ergänzen oder untermalen den Text. In den Räumen des Zeitreisenden knistert stets ein Kaminfeuer, und eine Uhr tickt vernehmlich. Den Übergang zu den Abenteuern im großen „Draußen“ bildet das leise Motorengeräusch der Zeitmaschine selbst. Der idyllische Schauplatz der Erlebnisse im Jahr 802.701 ist zunächst mit Vogelgezwitscher erfüllt, doch nach diversen Erkundungen, unter anderem in der Unterwelt, macht ein großer Brand mit intensivem Flammenknistern der Idylle ein jähes Ende.
In der Unterwelt und im Wald stößt der Zeitreisende stets auf die weißen, tierhaften Morlocks. Sie stoßen ein grunzendes Schnauben aus, das man ihre Sprache interpretieren könnte. Es lässt sie wegen der tiefen Tonlage zugleich als Gefahr erscheinen. Nicht zu Unrecht, wie sich erweisen soll. Die Schreie der Morlocks, wenn sie Schmerz fühlen, sind markerschütternd und erinnerten mich an das Trompeten von Elefanten.
Die letzte Fahrt führt den Reisenden in die fernste Zukunft, an einen trostlosen Strand. Ein Heulruf, den ein Riesenschmetterling ausstößt, wird von einem insektoiden Schaben von Riesenkrabben abgelöst. Der Reisende macht, dass er wegkommt.
|Die Musik|
Ein dicker Pluspunkt dieser schönen Lesung ist die Musik. Sie stammt nach Angaben des Verlags aus dem Soundtrack der Verfilmung von 1960, die George Pal mit Rod Taylor in der Hauptrolle inszenierte – siehe auch das Titelbild des Hörbuchs. Diese Musik stammt jedenfalls nicht aus der Verfilmung von 2002, die Klaus Badelt komponierte, sondern ist von dem Komponisten Russell Garcia.
Die Musik dient niemals als Untermalung, sondern nur als Pausenfüller, der eine klare Zäsur zwischen den einzelnen Kapiteln bildet. Auf diese Weise kann sich der Hörer zurücklehnen und das Gehörte „verdauen“. Selten ist die die Musik auf Action ausgelegt, vielmehr sind die kleinen Stücke in der Mehrzahl entspannend, zuweilen auch melancholisch (eine Oboe erklingt). Einmal werden auch unheilvolle Akkorde angeschlagen, doch das allerletzte Stück endet mit einem hellen Triumph.
|Das Booklet|
… ist höchst informativ und für den jungen Leser – Schüler oder Student – von hohem Erklärungswert. Nicht nur Sprecher und Autor werden detailliert vorgestellt, sondern auch das Buch selbst. Außerdem findet sich ein mehrseitiges Glossar, das Namen und Begriffe erklärt. Eine sehr willkommene Verständnishilfe, wie ich finde.
_Unterm Strich_
„Die Zeitmaschine“ ist Wells‘ praktische Anwendung von Huxleys Version der Darwin’schen Evolutionstheorie, allerdings in packender erzählerischer Form. Was in den Verfilmungen völlig fehlt, ist das ständige Räsonnieren des Zeitreisenden über die vorgefundene Situation: Eloi und Morlocks – in welcher Beziehung stehen sie zueinander, und wie konnte es dazu kommen? Das gibt Wells‘ Hauptfigur Gelegenheit, stellvertretend für seinen Autor über zentrale Grundlagen der Zivilisation nachzudenken und sie in Frage zu stellen: Intelligenz, Neugier, Erfindungsgeist, Werkzeuge, aber auch Familie, Geschlecht (alle Eloi sind unisex gekleidet, die Morlocks überhaupt nicht), Nachkommen, Zeitempfinden.
Das traurige Finale der Zeitreise führt weit in die Zukunft. Aufgrund heutiger Kenntnisse kommt es zu der geschilderten Situation zwar erst in einer Milliarde Jahren, aber dennoch: Der Schrecken, den die schaurige Endzeit-Szenerie am Strand eines toten Meeres unter einer sterbenden Sonne vermittelt, dürfte annähernd der gleiche sein, wenn es soweit ist. Wells stellt die Evolution des Menschen in den größeren Rahmen der Evolution des Sonnensystems und des gleichgültigen Universums. Später werden Autoren wie Olaf Stapledon noch weiter blicken und die menschliche Evolution in fernste Zukunft fortschreiben. Doch Wells zieht als Mensch und möglicherweise Romantiker ein erstes Fazit von dem, was unter dem kalten Funkeln der Sterne im menschlichen Leben zählt: Liebe zum Beispiel.
|Das Hörbuch|
Eine inszenierte Lesung als Hörbuchfassung der „Zeitmaschine“? Dieses Vorhaben ist jedenfalls gut gelungen und weitaus unterhaltsamer als die Nur-Text-Fassung, die der |Verlag u. Studio für Hörbuchproduktionen| im Jahr 1996 vorlegte. Dass der Text leicht gekürzt wurde, ist meines Erachtens kein Nachteil, sondern erspart dem Hörer vielmehr die ermüdenden Erklärungen und Spekulationen des Buchautors.
Götz Otto erweist sich als kompetenter Sprecher, wenn er auch weit von der Stimmakrobatik eines Rufus Beck entfernt ist. Die Geräusche verdecken nie den Vortrag, und die Filmmusik von Russell Garcia aus dem Jahr 1960 ist sowohl stimmungsvoll als auch entspannend. Das Gesamtergebnis ist zwar nicht berauschend, aber solide und könnte sich auch für Unterrichtszwecke eignen.
|Originaltitel: The Time Machine, 1895
Deutsch bei Zsolnay, 1980
Aus dem Englischen von Annie Reney & Alexandra Auer
244 Minuten auf 3 CDs|
http://www.patmos.de
|Siehe ergänzend dazu Dr. Michael Drewnioks [Rezension 1414 der Buchfassung.|
Endlich Frühling in der Millionenstadt! Tim, Karl, Gaby und Klößchen sitzen im Park und schlecken Eis, als vor ihren Augen eine alte Dame von einem Rowdy umgestoßen wird. Eine hilfsbereite Frau ist schnell zur Stelle. Auch TKKG schalten sich ein und verfolgen den Rüpel, der aber auf unerklärliche Weise verschwindet. Zu allem Überdruss muss die alte Dame feststellen, dass ihr gut gefüllter Geldbeutel gestohlen wurde. TKKG rekonstruieren die Ereignisse und finden eine Erklärung: Hier wurde eine Show abgezogen! Dass diese aber mit einem spektakulären Juwelenraub und den mystischen Seancen der Madame Dubois in einer heruntergekommenen Villa zusammenhängt, ahnen TKKG hier noch nicht. Denn die Show hat gerade erst begonnen! (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Wow, die längste Verlagsinfo für ein TKKG-Hörspiel ever? Und auch die seltsamste Trackliste, deren Tracknamen zwölf verschiedene Personen beschreiben. Könnte interessant und vor allem spannend werden. Dann greifen wir uns mal ein Eis und gucken uns die Überfall-Show an. Uuuuuuund bitte!
Frankensteins Ungeheuer ist der Inbegriff des Horrors: riesenhaft und hässlich, eine tödliche Maschine, erschaffen aus den Körperteilen Verstorbener und zum Leben erweckt durch den ungezügelten Forscherdrang eines Wissenschaftlers. Im Innern dieses Monsters jedoch schlägt ein empfindsames Herz – vielleicht ein Erbteil seiner literarischen Mutter Mary Wollstonecraft Shelley, die diese Figur mit nur 19 Jahren erschuf?
Wie genau kam es zu der Entstehung von Frankensteins Ungeheuer? Und was ist die wahre Geschichte seines Lebens? (abgewandelte Verlagsinfo)
Berlin 1913: Auf Wohnungssuche begegnet der Schriftsteller Dr. Gunther Lutzke dem unauffälligen Fritz Beckers, mit dem er sich fortan in eine Art Wohngemeinschaft begibt. Er ahnt nicht, dass der freundliche Mitbewohner hinter seiner Fassade etwas Grauenvolles verbirgt, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können… (Verlagsinfo)
Um die flammend vorgetragenen Predigten des charismatischen Mönchs Ambrosio in der Kirche des Kapuzinerklosters in Madrid zu hören, strömen die Gläubigen – besonders weibliche Gläubige – von weither herbei. Doch der vermeintlichen Lichtgestalt, die man allerorten schon „der Heilige“ nennt, sind auch die dunklen Seiten und Abgründe des menschlichen Charakters keinesfalls fremd, ganz im Gegenteil… (Verlagsinfo)
Zu Teil 2:
Um das durch Schlangengift gefährdete Leben Matildas zu retten, lässt sich der Mönch Ambrosio auf das Wagnis ein, sich mit ihr zu mitternächtlicher Stunde in das Grabgewölbe des Nonnenklosters Santa Clara zu schleichen. Was dort in den feuchten Katakomben geschieht, bleibt zunächst – auch wenn Ambrosio eine schlimme Ahnung beschleicht – das düstere Geheimnis der mysteriösen jungen Frau … (Verlagsinfo)
New York 1920: Peter Crane bricht mit Freunden zu einer Expedition in die unerforschten Weiten Labradors auf. Durch die Weissagung einer alten Zigeunerin war ihm in Kindertagen prophezeit worden, dass er einmal fernab der Heimat zu Tode komme würde, aber anschließend als Wiedergänger seiner Familie erscheinen würde … (Verlagsinfo) Carolyn Wells – Der Wiedergänger (Gruselkabinett 130) weiterlesen →
Sechs Horrorgeschichten versammelt dieses Hörbuch, darunter einige Spitzenkräfte des Genres wie etwa H. P. Lovecraft.
Es handelt sich um ein „inszeniertes Hörbuch“. Das heißt, es wurde mit Musik und dezenten Toneffekten wie Hall oder Stimmverzerrung produziert. Das Ergebnis ist fast ebenso perfekte Unterhaltung wie ein Film, nur viel näher am Original, wie es der Autor beabsichtigt hat.
_Die Autoren_
Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller. Zunächst eiferte er H. P. Lovecraft (s. u.) nach, doch mit seiner großen Vampir-Saga [„Necroscope“ 779 gelangte er zu Bestsellerehren.
Joe R. Lansdale, geboren 1951 in Texas, war zunächst Gelegenheitsarbeiter, bevor er sich 1981 ausschließlich dem Schreiben widmete. Er schrieb Western, Fantasy, Abenteuerbücher, Krimi, Horror und Thriller. Jedes seiner Werke sei originell und unverwechselbar, schreibt der Verlag. Aus dem Geheimtipp sei ein renommierter Erfolgsautor geworden. Leider ist er in Deutschland noch unterrepräsentiert.
H. P. Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.
Gustav Meyrink (1868-1932) zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Phantastik (und galt zu Lebzeiten als äußerst streitbar und politisch engagiert). Seine unheimlich-grotesken und esoterischen Werke wie „Der Golem“ und „Walpurgisnacht“ sind trotz vieler Nachahmungsversuche unerreicht geblieben.
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren. Erste kürzere Werke erschienen zu Beginn der 70er Jahre. Der Roman „The Cellar“ (1980) entwickelte sich zum weltweiten Bestseller. Laymon hatte etwa 50 Romane geschrieben, als er am Valentinstag, dem 14.2.2001, völlig unerwartet an einem Herzanfall starb.
Graham Masterton wurde 1946 im schottischen Edinburgh geboren. Zunächst arbeitete er als Journalist, seit 1970 lebt er als freier Schriftsteller. So veröffentlichte er sehr erfolgreiche Ratgeber zum Thema Sexualität und Partnerschaft. 1975 landete er mit dem unheimlichen Roman [„The Manitou“ 754 einen Bestsellererfolg, der auch verfilmt wurde. Seither hat er etwa 45 weitere Horrorromane veröffentlicht.
_Die Sprecher_
Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.
Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton und stellt hier wieder mal seine herausragenden Sprecherqualitäten unter Beweis.
Nana Spier leiht neben „Buffy“ auch Drew Barrymore ihre Stimme und überzeugt durch völliges Eintauchen in die jeweilige Rolle.
David Nathan ist Regisseur und gilt zudem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands, u. a. von Johnny Depp. Schade, dass man ihn nur sehr kurz mit einer einzigen Story zu hören bekommt: mit „Mein toter Hund Bobby“.
_Die Geschichten_
– |Brian Lumley: In der letzten Reihe| (1988; 21:26 Min.): Ein alter Mann geht mal wieder in sein Lieblingskino, weil ihn das an seine verstorbene Frau erinnert. Doch diesmal kann er sich nicht auf den Film konzentrieren. In der Reihe hinter ihm ist ein junges Pärchen heftig mit Liebesdingen beschäftigt und zwar so laut und eindeutig, dass er sich schließlich umdreht, um die beiden zur Ruhe zu gemahnen. Was er als Antwort hört, ist jedoch ein warnendes Knurren! Erst am Schluss der Vorstellung wagt er wieder, sich den beiden Radaubrüdern zuzuwenden. Was er erblickt, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Aber die eigentliche Pointe erfolgt erst mit den letzten Wörtern der Story.
– |Joe R. Lansdale: Mein toter Hund Bobby| (1987, 3:46 Min.): Selten eine derart makabre Story gehört! Ein Junge spielt mit „seinem toten Hund Bobby“, genau, nur dass dieser wirklich tot ist und der Junge ziemlich üble Dinge mit ihm anstellt. Danach kommt der Hund wieder in die Gefriertruhe, wo schon die tote Mutti wartet …
– |H. P. Lovecraft: Pickmans Modell| (1927, 43:18 Min.): Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend. +++ Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch dick und dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Copse Hill Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler. +++ Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als bislang Gesehene: Leichenfresser einer Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen. +++ Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …
– |Gustav Meyrink: Das Präparat| (1913, 14:40): Im Prag der Jahrhundertwende besprechen zwei Freunde namens Ottokar und Sinclair das Problem, dass ihr Freund Axel verschwunden ist. Aber sie haben einen Hinweis darauf erhalten, wo er sich befinden könnte: im Haus eines persischen Anatomen. Der Entschluss ist schnell gefasst; mit einem Trick haben sie den Mediziner fortgelockt. Im Haus selbst finden sie Axel – oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist. Viktor Frankenstein wäre stolz auf dieses „Präparat“ gewesen. Herz, Lungen, Adern sind noch vorhanden. Und der Kopf kann sprechen. – Leider fehlt dieser Story irgendwie die Pointe.
– |Richard Laymon: Der Pelzmantel| (1994, 23:08). Anfang und Mitte der neunziger Jahre machten militante Tierfreunde Jagd auf Leute, die Pelze trugen. In dieser Story treten sie in Gestalt zweier rabiater Frauen auf, die Janet, eine 36-jährige Witwe angreifen, weil sie einen Hermelinpelzmantel trägt. Obwohl Janet diese kostbare Erinnerung an ihren geliebten verstorbenen Gatten mit Klauen und Zähnen verteidigt und eine lange Verfolgungsjagd liefert, unterliegt sie am Ende doch. Allerdings geben sich die beiden Verfolgerinenn nicht damit zufrieden, wie sonst den Pelzmantel und das Haar der Trägerin mit roter Farbe zu besprühen. Sie wollen mehr. Schließlich werden ja auch die Tiere, die um ihres Fells wegen getötet werden, letztendlich gehäutet … – Diese Story geht wirklich bis zum Äußersten, konsequent bis zur entscheidenden Andeutung.
– |Graham Masterton: Ein gefundenes Fressen| (1990, 31.21): Die Brüder David und Malcolm sind Schweinezüchter im Gebiet zwischen Nordengland und Südschottland. Allerdings läuft das Geschäft sehr schlecht. Als David aus der Stadt in den Stall zurückkehrt, schaltet er die Lichter und die Futtermaschine ein. Ein markerschütternder Schrei ertönt! Die Schreie hören nicht auf, denn sie kommen aus der Futtermühle, einem sehr zuverlässigen deutschen Fabrikat. Malcolm steckt darin, und ist, bis David den Stopp-Knopf findet, bereits halb von den Scherblättern zermahlen. +++ Statt in Schmerzen zu vergehen, behauptet Malcolm jedoch, himmlische Ekstase zu empfinden. David tut ihm den Gefallen, ihn vollständig zu zermahlen. Tage später fällt David den Zähnen des tückischen alten Ebers Jeffries zum Opfer. Hoffnungslos zerbissen und blutend sehnt er sich nach der Ekstase, die Malcolm im Augenblick des Sterbens erfahren hat. Leider erlebt er eine böse Überraschung. – Auch diese Story geht bis zum Äußersten, liefert aber noch eine witzige Pointe am Schluss.
_Die Sprecher_
Joachim Kerzel ist ein Meister, der die Kunst, eine effektvolle Pause an der richtigen Stelle zu machen, perfektioniert hat. Daher sind die Geschichten, die er vorträgt, von höchster Wirkung, der sich niemand entziehen kann.
Lutz Riedel verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Kerzel und vermag den entsprechenden Gruseleffekt mühelos hervorzurufen. Nana Spier liest die Geschichte „Der Pelzmantel“, in der fast nur Frauen auftreten, mit Überzeugungskraft und ohne Zögern bei den intimeren weiblichen Details – die Geschichte ist nämlich auch sehr erotisch. David Nathans Auftritt ist, wie gesagt, leider viel zu kurz, aber einwandfrei.
Andy Materns Musik wird den Texten selbst sehr dezent unterlegt. Leise Pianotöne setzen an den Stellen ein, in denen die Story auf die Zielgerade gelangt. Dies steht im krassen Gegensatz zur Pausenmusik, die bombastischen Horror beschwört. Na ja.
_Unterm Strich_
Ob dies wirklich „die besten Horrorgeschichten der Welt“ sind, weiß ich nicht, aber sie gehören sicherlich in die oberste Liga, allen voran die klassische Story „Pickmans Modell“ von Lovecraft. Man kann auch nicht sagen, es wäre eine schwache darunter, allenfalls Meyrinks Geschichte kommt in diese Region, denn die Pointe scheint zu fehlen.
Die zweite CD geht mit den beiden jüngsten Geschichten weg vom subtilen Psychohorror und richtig ans Eingemachte. Das Einzige, was die Blutrünstigkeit der Masterton-Story noch übertreffen könnte, wäre eine Story von Clive Barker, etwa „Jacqueline Ess – ihr Wille und Vermächtnis“ oder „Das Leben des Todes“ aus den [„Büchern des Blutes“. 538
Und wieder einmal fehlt eine Geschichte von einer Frau. „Die gelbe Tapete“ von der Amerikanerin Gilman wäre nicht schlecht.
Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …
Hinweis
Auf diesem Kriminalthriller beruht der gleichnamige Film von Curt Hanson, der nach dem genialen Drehbuch von Brian Helgeland entstand. Doch die Unterschiede zwischen Romanvorlage und Drehbuch sind gravierend und weitreichend. Deshalb ist es ganz gut, mal die Vorlage zu kennen. Sie hat wesentlich mehr Biss als der OSCAR-prämierte Film.
Der ungeliebte Bauersjunge Trenk ist verzweifelt: sein Vater, Haug vom Tausendschlag, wird ständig vom gemeinen Rittersmann Wertold der Wüterich verprügelt, weil er seine Steuern nicht begleichen kann. Und dabei hat der stets bemühte Haug gar keine Chance, sich dieser Misere zu entziehen, denn die Äcker, die er bestellen muss, bieten kaum Ertrag und werfen dementsprechend auch nichts für den Wüterich ab.
Als Trenks Vater schließlich ein weiteres Mal zum Ritter gebeten wird, um nach einer kräftigen Tracht Prügel auch noch in den Kerker seines Schlosses eingesperrt zu werden, platzt Trenk der Kragen. Auf eigene Faust verlässt er gemeinsam mit seinem Ferkel das Dorf und seine Familie und zieht mit Hilfe eines reisenden Gauklers in die Stadt.
Zu Beginn des 22. Jahrhunderts: Die Situation für die Menschheit ist angespannt. Zwar sind die Kolonien frei, doch die Erde und der Mond umkreisen immer noch die ferne Sonne Akon. Nach wie vor besteht die Bedrohung durch die Überschweren, die das Arkon-Imperium erobert haben. Dort regt sich der Widerstand in der Bevölkerung.
Immerhin gibt es Pläne, die Heimatwelt der Menschen an ihren angestammten Platz zurückzuholen. Dabei gibt es nicht nur technische Herausforderungen: Viele Erdbewohner würden gern bei den Akonen leben und wollen nicht in ihre eigentliche Heimat umsiedeln.
Gerade noch haben die Fünf Freunde die neue Robbenkolonie auf der Sandbank beobachtet, als sie die Nachricht über einen weißen Hai vor der Kirriner Küste erreicht. Der wäre vor allem eine Gefahr für die Robbenjungen. Doch ganz Kirrin gerät in Angst und Schrecken vor dem großen Raubfisch. Nur George will die Sache nicht glauben und besteht darauf, jedem verdächtigen Hinweis nachzugehen. Während ein Polizeieinsatz versucht, den weißen Hai zu finden, sind die mutigen Freunde gleich mehreren Betrügern auf der Spur. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Dass wir es hier nicht mit einem echten weißen Hai zu tun haben werden, kann man schon erahnen, wenn man die Trackliste anschaut. Wem ist also warum daran gelegen, dass dennoch alle denken, es gäbe einen? Sollen die Bewohner vom Meer ferngehalten werden, weil jemand unbemerkt irgendwas Illegales betreiben will? Wäre ja nicht das erste Mal rund um Kirrin.
Schein oder Sein? Wahn oder Wirklichkeit? In Håkans Nessers Erzählungen ist nichts, wie es auf den ersten Blick scheint: Da werden die falschen Männer aus den falschen Motiven umgebracht, stehen mutmaßliche Mörder unter irrtümlichem Verdacht, nimmt die Eifersucht pathologische Züge an, wird aber immerhin ein unseliges Verbrechen nach Jahrzehnten aufgeklärt … (Verlagsinfo)
Niemals hätte der finnische Unternehmer Olli Rellonen mit so vielen Antworten auf seine Zeitungsanzeige gerechnet: „Du denkst an Selbstmord? Du bist nicht nicht allein …“ Olli entwickelt einen konkreten Plan und chartert zunächst einen Bus, um mit den unternehmungslustigen Selbstmordkandidaten gemeinschaftlich das Leben zu beenden. Sie besteigen guten Mutes, dass das Unternehmen gelingen möge, das gemietete Gefährt. Doch sie treten ihre einzigartige Reise, die ohne Hoffnung auf Wiederkehr beginnt, an, ohne zu ahnen, dass sie ganz anders enden wird als erwartet.
In tropischen Gewässern anno 1899: Ein fehlender Deckel auf einem Fass voller Salzfleisch löst an Bord der Viermast-Bark „Glen Doon“ eine tödliche Kettenreaktion aus, deren Ausmaß die gesamte Besatzung auslöschen könnte… (Verlagsinfo)
Jon Krakauers Katastrophenbericht ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere Berichte, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.
Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für zwei Hollywoodfilme. Aber Buch und Filme unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt. In jedem Fall kann der Konsument des Hörbuchs die ungekürzte Fassung des Textes begutachten – ein bemerkenswertes Detail, das nicht selbstverständlich ist.
Der betagte Reverend Arthur Maydew tauscht die Gemeinde mit einem Kollegen auf dem Lande. Seine unverheirateten Töchter Alice und Maggie begleiten ihn und nutzen die Zeit, um die idyllische Gegend zu durchstreifen. Bei einem ihrer Spaziergänge sehen sie in der Ferne ein einsam gelegenes Backsteinhaus, das eine der Töchter magisch anzuziehen scheint… (Verlagsinfo)
Die Liebe ist nicht immer da, wo man sie sucht. Als die Architektin Diana ein ehrgeiziges Stadtplanungsprojekt für Kingsbridge entwirft, findet sie sich zwischen drei Männern wieder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der attraktive und erfolgreiche Nick Lopez hat ihr den Auftrag verschafft, doch ihr alter Freund John sitzt im Stadtrat und muss es genehmigen. Wer es aber finanzieren muss, ist die Kirche, der der Grund und Boden gehört. Dekan Charles Boyd ist jedoch ein lediger Idealist. Auf wen wird ihre Wahl fallen? (Verlagsinfo)
Der Autor
Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein neuester Roman „Whiteout“ erschienen. Inzwischen liegt auch die Übersetzung „Eisfieber“ vor. Folletts Frau Barbara gehört dem britischen Unterhaus an. Vielleicht hilft das bei Recherchen.
Diese Horror-Erzählungen können sich sehen (und hören!) lassen. In „Draculas Gast“ erlebt Jonathan Harker eine unheimliche Begegnung in der bayerischen Provinz, in „Das Haus des Richters“ wird der jugendliche Held zur Zielscheibe des Hasses einer Riesenratte, und in „Die Squaw“ vollzieht eine schwarze Katze, deren Junges mutwillig getötet wurde, blutige Rache am Übeltäter.
Der Autor
Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des berühmten Theaterschauspielers Henry Irving (der zwecks PR auch in „Die Squaw“ erwähnt wird!) verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers [„Dracula“ 622 gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.
Alle hier vertretenen Erzählungen erschienen posthum im Jahr 1914 in London. „Das Haus des Richters“ und „Die Squaw“ erschienen zuerst 1893 in „Holly Leaves“. Später wurde „Die Squaw“ in „The Black Cat“ umbenannt – keine glückliche Wahl, denn diesen Titel trägt bereits eine bekannte Erzählung von E. A. Poe.
Der Sprecher
Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimmbandvertretung von „James Bond“ Timothy Dalton. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie. Ich schätze besonders seine Interpretation von H. P. Lovecrafts Schauergeschichten wie etwa [„Das Ding auf der Schwelle“. 589
Die Texte wurden nicht gekürzt, was doch bemerkenswert ist.
Die Erzählung „Draculas Gast“
Diese Story war ursprünglich ein Teil des Bestsellers „Dracula“. Daher kommen hier die Hauptfiguren vor, besonders Jonathan Harker.
Jonathan Harker macht sich per Kutsche von München aus auf den Weg nach Transsylvanien, um Graf Dracula zu besuchen, der ihn eingeladen hat. Der Hotelbesitzer Delbrück warnt Jonathan, denn heute Nacht sei Walpurgisnacht, und man wisse ja, dass dabei der Teufel umgehe. Den vernünftigen Engländer kümmert das wenig. Er glaubt nicht an Teufel und Hexen. Wir sind ja nicht mehr im Mittelalter, oder?
Als Harker ein merkwürdig abgelegenes Tal erspäht, befiehlt er dem Kutscher Johann, abzubiegen und dort hinunter zu fahren. Doch Johann weigert sich. Mal von der Tatsache abgesehen, dass an dieser Kreuzung ein Selbstmörder begraben liegt, sollen unten im verlassenen Dorf lauter Vampire gelebt haben, weshalb es ja auch schon seit hundert Jahren verlassen sei. Was der Herr wohl dort wolle?
Wölfe heulen, und ein Schneesturm ist im Anzug. Allmählich wird es ungemütlich. Trotzdem schickt Harker in seinem jugendlichen Hochmut Johann zurück nach München. Als in diesem Moment ein Fremder auf dem Hügelkamm auftaucht, gehen die Pferde durch. Gleich darauf ist der Fremde verschwunden. Wohl oder übel muss Harker allein und zu Fuß ins Tal hinabgehen.
Er beeilt sich, denn der Schneesturm kann gleich losbrechen. Nachdem er im Dunkeln einen düsteren Zypressenhain durchquert hat, landet er auf einem Friedhof und zwar direkt vor einem weißen Grabmal aus Marmor. Doch es wurde seltsamerweise einer Selbstmörderin errichtet. In Kyrillisch ist der Satz eingemeißelt: „Die Toten reisen schnell.“ Sehr lustig. Als er im Grabmal vor dem Hagelsturm Zuflucht sucht, erblickt er im Schein eines Blitzes die Gestalt einer schönen Frau auf dem Grab. Sie scheint sich aufzurichten und ihn anzulächeln.
Während der Sturm heult, wird Harker ganz schwummrig. Als er für einen Moment erwacht, liegt ein riesiger Wolf auf ihm und, äh, leckt ihm die Kehle! Harker wird gleich wieder ohnmächtig. Seine Konstitution ist eben nicht die allerbeste …
Die Erzählung „Das Haus des Richters“
Der junge Malcolm Malcolmson ist ein englischer Student der Mathematik, der sich für das Büffeln auf sein Abschlussexamen in einen ruhigen Ort zurückziehen möchte, statt sich wie seine Kommilitonen zwecks Ablenkung ins Vergnügen zu stürzen. Sehr löblich! Der erste Ort im Zugfahrplan ist Benchurch, also steigt er dort aus und fragt die Gastwirtin am Ort nach Quartier. Er hat am Ort ein stattliches Herrenhaus erspäht, das aber leer zu stehen scheint. Ob man sich da wohl einmieten könne, fragt er.
Die gute Mrs. Witham ist ein Frauenzimmer, das das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sie ist etwas entsetzt über Malcolms Plan, im „Haus des Richters“ gleich drei Monate zu verbringen. Dort wohnte vor mindestens hundert Jahren ein strenger und grausamer Richter. Immerhin hat das Haus eine Alarmglocke, falls dem armen Herrn Malcolmson irgendetwas, äh, nicht ganz in Ordnung vorkommen sollte. Tagsüber sorgt die gute Mrs. Dempster als Haushälterin für Essen und Sauberkeit. Sie hat kein Problem mit dem Haus.
Das liegt wohl daran, wie Malcolm feststellt, dass das Haus erst nachts zum Leben erwacht. Die Ratten veranstalten hinter der Wandvertäfelung einen Radau sondergleichen. Das stört den fleißig büffelnden Malcolm aber erst, als der Lärm abrupt aufhört. Er wundert sich und schaut sich um. Da sitzt doch tatsächlich eine riesige schwarze Ratte auf dem Stuhl neben dem Kamin und starrt ihn, Malcolm persönlich, mit bösen Augen an!
Doch bevor er sie mit dem Schürhaken erschlagen kann, rast sie schon das Seil der Alarmglocke, das neben dem Kamin baumelt, hinauf und verschwindet – ja, wo eigentlich? Nach der zweiten Nacht mit dem gleichen Erlebnis lässt Malcolm Licht darauf werfen: Es ist das Gemälde eines grausam und unerbittlich dreinblickenden Mannes, der genau auf jenem Stuhl sitzt, wo die Ratte saß: Es ist der Richter, dem das Haus gehörte. Und in dem Gemälde befindet sich das Loch, durch das die Ratte verschwindet und hartnäckig wieder erscheint.
Die brave Mrs. Witham ist vor Entsetzen schier einer Ohnmacht nahe, als Malcolm ihr minuziös von seinen nächtlichen Erlebnissen berichtet. Sie hat den guten Doktor Thornhill herbeigerufen, der Malcolm warnt. Jenes Glockenseil pflegte der Richter dazu zu verwenden, die Unglücklichen, die er verurteilte, daran aufzuhängen.
Die Nacht der Entscheidung ist gekommen. Zum dritten Mal dürfte die Riesenratte erscheinen, ahnt Malcom und trifft Vorbereitungen. In der letzten Nacht konnte nur die Bibel, die er nach ihr geworfen hatten, sie vertreiben. Doch was, wenn dies heute Nacht nicht ausreichen sollte?
Die Erzählung „Die Squaw“
Nürnberg, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, vor dem Touristenboom. Der Ich-Erzähler, ein Amerikaner, ist mit seiner jungen Frau Amelia auf seiner Hochzeitsreise in die mittelalterlich anmutende, nie eroberte oder zerstörte Stadt gekommen, um ihre pittoresken Schönheiten zu besichtigen. Begleitet werden sie von Elias P. Hutchison, einem wagemutigen Westmann, der von Karl May geschaffen sein könnte und sich ihnen einfach angeschlossen hat. Er unterhält sie mit Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen.
Die imposante und beherrschende Burg besuchen sie zuletzt, quasi als Höhepunkt ihres Aufenthalts. Sie verfügt über einen tiefen Burggraben, der nun mit Baumhainen und Cafés bedeckt ist. Herabblickend erspäht Hutchison mit seinem Adlerblick eine schwarze Katze, die mit ihrem Jungen spielt. Er will einen Stein hinabfallen lassen, um mit ihr zu spielen, natürlich nicht, um sie zu verletzen. Leider hat sich das Schicksal gegen ihn verschworen. Der Stein zerschmettert den Kopf des Kätzchens. Die empfindsame Amelia ist zutiefst entsetzt und fällt fast in Ohnmacht (was vielleicht auch an ihrem engen Korsett liegen mag).
Wütend springt die Katze an der Burgmauer hoch, doch sie schafft es nie bis zur Mauerkrone. In ihren Augen erblickt Amelia pure Mordlust. Der abgebrühte Hutchison lacht bloß darüber. Die Katze erinnere ihn an jene Squaw, deren Kind von einem Weißen getötet worden war und die dessen Mörder drei Jahre lang verfolgt und schließlich zur Strecke gebracht habe – nachdem sie ihn schrecklich gefoltert hatte. Hutchison erschoss die Frau. Als sich die Katze zu beruhigen scheint, hält er das für die Demut einer Squaw und vergisst die Katze.
Nicht so Amelia und ihr Mann. Sie bemerken bei ihrem Rundgang, wie die Katze ihnen nachschleicht, und gelangen schließlich zum Höhepunkt ihrer Tour: in den Folterturm. Alles ist noch genauso, wie es die Folterknechte und Scharfrichter vor Jahrhunderten zurückließen. Amelia kann einen zaghaften Schauder angesichts der blanken Richtschwerter, den Richtblocks und der unzähligen Marterinstrumente, mit denen man die Unglücklichen zum Geständnis bewegte, nicht unterdrücken.
Hutchison aber stürzt sich begierig auf das Herzstück der grotesken Sammlung: die berühmte Eiserne Jungfrau. Dieses sargähnliche Gebilde sieht keineswegs aus wie eine Frau, sondern eher so plump wie der Sarkophag eines Pharao. Nur das eine Ende trägt das Antlitz einer Frau, daher der Name. In diesen aufklappbaren Behälter wurde der gefesselte Delinquent gesteckt. Dann ließ man ganz langsam und schmerzhaft den an einem Halteseil und einem Flaschenzug befestigten Deckel hinab. Dessen Innenseite ist mit eisernen Stacheln versehen, die in die Augen, das Herz und in lebenswichtige Organe des Opfers eindringen …
Als der übermütige Hutchison sich vom Wächter fesseln und in die Eiserne Jungfrau stecken lässt, um die Top-Sensation seiner Reise zu erleben, taucht die rachedurstige Katze wieder auf …
Mein Eindruck
Das Hörbuch geht vom Bekannten und doch Neuen aus und steigert sich dann über eine interessante Zwischenstufe zu einem höchst blutigen Finale und Höhepunkt, das es mit dem Besten von Poe aufnehmen kann. Doch der Reihe nach.
Mein Eindruck von „Draculas Gast“
Jeder, der schon mal eine möglichst werkgetreue Verfilmung von Stokers „Dracula“ gesehen hat – am besten jene von Francis Ford Coppola -, wird sich sofort in die Lage von Jonathan Harker versetzen können, wird ihm vielleicht sogar das schmale, bleiche Gesicht von Keanu Reeves zuweisen. Harker hat ein morbides Interesse an allem Unheimlichen und verlangt daher sofort, in das Dorf der Vampire gefahren zu werden. Schließlich muss er doch laufen, begleitet von sämtlichen Vorboten des Unheils: ein am Kreuzweg begrabener Selbstmörder (in ungeweihter Erde bestattet), Sturm, Dunkelheit, Wolfsgeheul, Zypressen (typisch für südliche Gottesacker) und natürlich Gräber.
Natürlich bleibt das Unheil nicht aus. Blöd nur, dass Harker ständig das Bewusstsein verliert, was seiner Erzählung eine gewisse stroboskopartige Beleuchtung der laufenden Ereignisse verleiht. Ist aber vielleicht besser so, denn angesichts dessen, was Harker noch in Transsylvanien bei seinem Gastgeber erleben soll, darf der Autor nicht allzu viel vorwegnehmen, um die Spannung nicht zu verderben. Wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass Harker nicht doch von jenem Geisterwolf auf dem Friedhof gebissen wurde. Die Pointe kommt natürlich erst ganz am Schluss, als Harker ein seltsames Telegramm erhält …
Mein Eindruck von „Das Haus des Richters“
In dem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert trifft die moderne Kultur auf die alte. Im 17. Jahrhundert wurde Irland, die Heimat des Autors, von Oliver Cromwell quasi ein zweites Mal unterworfen, mit verheerenden Folgen für die einheimische Bevölkerung. Der Richter, der sich in eine Riesenratte verwandelt, verkörpert dieses grausame Regime, das bis heute geisterhaft nachwirkt – und somit auch den neuesten Bewohner jenes verfluchten Gebäudes nicht verschont, in dem die Verurteilten gleich an Ort und Stelle gehängt wurden.
Das Seil, das vermaledeite Seil! Es spielt eine zentrale und umkämpfte Rolle im Zweikampf zwischen dem jungen Malcolm und der Riesenratte. Allzu leicht lässt sich daraus nämlich eine Henkersschlinge knüpfen. Symbolisch verbindet es die Last der Vergangenheit, und ganz buchstäblich wird dem jungen vorwitzigen Bewohner „ein Strick daraus gedreht“. Dieser wehrt sich zunächst, lächerlich genug, mit dem Werfen von Matheüchern. Doch erst das fünfte trifft und vertreibt die Ratte: Es ist die Familienbibel. Das bedeutet zweierlei: Die Kraft des Glaubens schützt den jungen Mann ebenso wie die Verankerung in die Familie, die Tradition. Als er dies – warum auch immer – nicht tut, ist er verloren.
Es hat mich aber schon ein wenig misstrauisch gemacht, dass Malcolm alles mit sich anstellen lässt, sobald ihn der hypnotische Blick des leibhaftig auferstandenen Richters gebannt hat. Er ist quasi wie gelähmt – das ideale Opfer, wie das Kaninchen vor der Schlange. Es ist übrigens erwähnenswert, dass es keiner der braven Bürger des fiktiven Ortes Benchurch – von der namengebenden Kirche wird absolut nichts erwähnt – es für notwendig erachtet, Malcolm beizustehen. Über entsetztes Händezusammenschlagen und eine ernsthafte Warnung geht die „Hilfe“ aber leider nicht hinaus. Die Zugehfrau Mrs. Dempster darf ihr Armenhaus nächtens nicht verlassen – ein Hinweis auf die üblen Zustände an diesem Ort. Malcolm wird nicht nur ein Opfer der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart: kein gutes Omen für die Zukunft.
Mein Eindruck von „Die Squaw“
Die Vergangenheit schlägt mit voller Härte zu, als den Missetäter in „Die Squaw“ im mittelalterlichen Nürnberg die gerechte Strafe dafür ereilt, dass er das Kätzchen getötet hat. So wie er dessen Köpfchen zerschmettert hat, so wird auch ihm der Schädel traktiert – von jener teuflischen Foltervorrichtung, der einige weibliche Attribute gegeben werden. Dazu gehört zunächst der Name: „Eiserne Jungfrau“, dann das eingravierte Gesicht, zudem die Aufnahme in den Apparat wie in einen Mutterschoß.
Auffällig ist die durch den Titel hervorgehobene Parallele zu Hutchisons Ermordung der Squaw, die sich an einem Weißen für die Ermordung ihres Kindes gerächt hatte. Sein grausiger Tod ist also nicht nur die Strafe für das tote Kätzchen, sondern auch für die tote Indianerin. In beiden Fällen spielt der Aspekt verachteter Mutterliebe eine große Rolle. Wie ironisch und passend dann Hutchisons Tod im Mutterschoß der Eisernen Jungfrau! Der Mann glaubte sich dort sicher, weil er bereits einmal Ähnliches mit einem Pferd praktiziert hatte. Er versteckte sich in dessen Bauchhöhle, um sich vor anrückenden Indianern zu verstecken.
Hutchison verkörpert das lebensfeindliche Prinzip, das bei der Eroberung der Neuen Welt waltet. Die junge Frau des Erzählers, Amelia, ist wohl auch deshalb so angeekelt und entsetzt von Hutchisons Verhalten, weil ihre natürliche Rolle in der gerade erst eingegangenen Ehe die der Mutter ist. Man darf sogar mit Fug und Recht annehmen, dass sie bereits schwanger ist – die häufigen Ohnmachtsanfälle legen dies nahe. Wie abstoßend muss ihr daher Hutchisons Verhalten vorkommen, das sich unter anderem darin manifestiert, dass er eine Brieftasche aus Menschenhaut bei sich trägt.
Von allen drei Geschichten endet „Die Squaw“ am blutigsten und brutalsten. Das ist ein echter Tiefschlag für das Nervenkostüm des unvorbereiten Zuhörers, daher ist an dieser Stelle eine ernstgemeinte Warnung angebracht.
Der Sprecher
Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Die drei Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, wie bereits erwähnt. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szenen lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. Sehr witzig und gelungen fand ich auch, wie Riedel Frauen intoniert: Seine Stimme klettert in ungeahnte Höhen, ohne dabei jedoch irgendwie tuntenhaft zu klingen.
Die Musik von Andy Matern erklingt jeweils am Anfang und Ende einer CD sowie zwischen den Texten, passend in düsteren Klängen. Die Musik und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa [„Necroscope“ 779 oder „Necrophobia“.
Unterm Strich
|LPL records|, |Festa|-Verlag und |Lübbe Audio| produzieren ausgezeichnete Horror-Hörbücher, so auch das vorliegende. Passende Musik und ein jeweils hervorragender Sprecher gehen eine wirkungsvolle Verbindung ein, die das Grauen langsam vorbereitet, um schließlich im Finale vollen Schrecken zu entfalten. So muss solider Horror sein. Die sich steigernden drei Geschichten in „Draculas Gast“ liefern den schlagenden Beweis dafür.
Dennoch ist dies keine Kost für jedermann. Sie ist meines Erachtens erst für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet. Das gilt besonders für „Die Squaw“. Katzenfreunde kommen hier keineswegs auf ihre Kosten, sondern seien besonders davor gewarnt, was ihren Lieblingen hier angetan wird.
Schon in Thomas Morus’ Beschreibung der Gesellschaft der Insel Utopia (1517) war im Grunde eine „Wohlfahrtstyrannei“ angelegt, wie Aldous Huxley eine Gesellschaft nennt, in der sich der Einzelne den Zielen der Stabilität und Leistungsfähigkeit unterzuordnen hat. In seinem Roman „Schöne neue Welt“ von 1932 zeigte Huxley, wozu eine solche Gesellschaft nach ihrer militarisierten Technisierung imstande ist, wenn sie auf einen unverbildeten Fremden trifft.