
Dieser Auswahlband machte 1980 den deutschen Leser mit wichtigen neuen US-AutorInnen bekannt. Joe Haldeman, der Autor des Klassikers „Der ewige Krieg„, George R.R. Martin, der mittlerweile weltweit bekannte Autor der Buchvorlage zur TV-Serie „Game of Thrones“, und schließlich die erfolgreiche Newcomerin Joan D. Vinge, die für ihren Roman „Die Schneekönigin“ ausgezeichnet wurde. Bob Buckley und Arthur Jean Cox kennen nur SF-Aficionados.
Dieser Anthologieband enthält als Besonderheit ein Interview mit Altmeister Jack Williamson, der noch als Neunzigjähriger SF veröffentlichte.
Der Herausgeber
Hans Joachim Alpers, der Herausgeber der „Kopernikus“-Anthologien, war zugleich kenntnisreicher Herausgeber der Moewig SF-Reihe. Er war Mitautor und Mitherausgeber des Heyne SF-Lexikons. Bis vor wenigen Jahren war er Verleger beim Verlag Fantasy Productions in Düsseldorf.
Weitere Titel dieser Reihe
1) Countdown
2) Bestien für Norn
3) Die Grotte des tanzenden Wildes
4) Die Straße der Schlangen
5) Visum für die Ewigkeit
6) Planet ohne Hoffnung
7) Licht des Tages, Licht des Todes
DIE ERZÄHLUNGEN
1) Joe Haldeman: Sechsundzwanzig Tage auf der Erde (26 Days on Earth, 1972)
Jonathan Wu wird am 17. Januar 2131 von einer Leihmutter auf Luna geboren und seinen Eltern übergeben. Er gehört zu der Gattung Homo mutandis, das heißt sein IQ ist wesentlich höher als der des alten Homosapiens. Und damit fangen seine Probleme an. Sechs Jahre wächst er unter der niedrigen Schwerkraft auf, dann noch ein paar Jahre mehr an einer Technischen Hochschule, doch anschließend soll er den Rest an einer Uni auf der Erde erlernen und seinen Abschluss machen. Weil er sich nicht entscheiden kann, studiert er sowohl Literaturwissenschaft als auch Mathematik.
Hier schreibt er sein Tagebuch für 26 Tage. An der Uni ist er der Außenseiter, viel zu klein und trotz des vorherigen Trainings stets an Krücken gehend. Kein Wunder, dass er sich einsam fühlt. Er will eine Freundin, muss aber feststellen, dass die Paarungsrituale auf der Erde alles andere als logisch und rational sind. Auch Pamela Anderson macht da keine Ausnahme. Sie lässt sich obendrein vom Studenten Hill Beaumont beschützen. Da hätte Jonathan eine Warnung sein sollen. Doch der hat keine Ahnung von Eifersucht.
Im Debattierklub kocht ein neues Thema hoch: Homosapiens (Pamela) gegen Homo mutandis (Wu). Wu findet die Argumente dumm und unzulänglich, doch er hat für Pamela einen Essay zu diesem Thema geschrieben und muss ihn vortragen, als letzten Beitrag. Von da an ist seine Stellung klar: Außenseiter. Nur Chatham, auch ein Sonderling, hält zu ihm. Und angeblich auf Beaumont.
Dann findet er ein Drohschreiben von einem Verein, der sich STECOM, also „Steuerungskomitee für irdische Angelegenheiten“, nennt: Man will keine Mutandis hier haben und der Mutant soll gefälligst die Erde verlassen. Nie davon gehört, meint Chatham. Die Polizei dürfe man damit nicht behelligen. Obwohl oder weil er das Schreiben ignoriert, wird von zwei Halbstarken zusammengeschlagen. Auch jetzt interessiert das die Polizei nicht die Bohne. Ein zweites Schreiben lädt ihn zu einem Treffen am Sportplatz der Uni ein. Als die Gegner diesmal angreifen, wird es für Jonathan knapp…
Mein Eindruck
Die großen Fortschritte, die die Gentechnik in den siebziger Jahren machte, gaben, wie heute die KI, zu großen Hoffnungen Anlass. Würde endlich der befürchtete Übermensch oder Homo superior aus dem Reagenzglas gezüchtet werden? Und wenn es doch zu Mutanten kommen würde, wie würden die anderen darauf reagieren? Natürlich mit Rassismus, denn der Mensch hat auf das Fremde schon immer aggressiv reagiert.
Wir fühlen mit Jonathan, dem rationalen Verfechter der Mutandis, der nicht nur Mathe beherrscht, sondern auch antike Literatur und Sprachen. Kurzum: er ist ein Genie. Das beeindruckt die Vertreter des homo sapiens nicht, weder die männlichen noch die weiblichen. Hier zeigt sich die alte Wahrheit, die sich in vielen Sprachen findet: Das Wort für „Fremder“ ist das gleiche wie für „Feind“, im Englischen steht „strange“ auch für „seltsam“.
Am Ende zeigt sich, dass Eifersucht ein starker Beweggrund ist, um rassistisch zu reagieren. Und dass die Polizei ihre eigenen Gründe hat, nicht oder nur zur rechten Zeit einzuschreiten.
2) Bob Buckley: Erzwungene Veränderung (Forced Change, 1974)
Fremde Invasoren sind auf der felsigen, trockenen Welt Waena eingefallen. Sie haben ein ganzes Sippennest zerstört und die Weibchen entführt. Aber ein unbeholfenes Tier wie das Whae kann noch in Sicherheit gebracht werden, glauben die beiden Whae-Piloten Janh und Jehan. Sie schaffen es in eine Höhle, doch die wird „Nachtsteinen“ getroffen. Es gelingt ihnen, in biologische Schutzanzüge zu steigen und mit dem Whae zu entkommen. Weitere „Nachtsteine“ (Meteoriten?) treffen die Oberfläche – und das Whae. Es ist so schwer getroffen, dass es Janh und Jehan keinen Schutz mehr bietet. Janh stirbt sofort, doch Jehan purzelt aus dem Tier und versucht, der Gefahr zu entrinnen.
Er irrt über die luftlose Oberfläche dieser Welt und gerät in ein Labyrinth von Gängen, an dessen Ende ein Portal steht. Es ist kunstvoll verziert und verrät die Existenz von Künstlern, die schon längst ausgestorben sind. Auch das Innere des Berges, das sich hinter dem Portal erstreckt, zeugt von der Existenz seiner Vorfahren, und Jehan ist stolz darauf. Schließlich entdeckt ihn der Alte Mann.
Der Alte beschuldigt Jehan der Mitschuld am Tod seiner Gefährten. Um diese Schuld abzubauen, soll Jehan ihm gehorchen. Als erstes muss Jehan eine Substanz einnehmen, die ihn töten könnte. Er wacht in der Tat an einem ganz anderen Ort auf, einem Ort, wo die geliebte Jen lebt und andere Sippenangehörige. Sie alle kommen von einer Welt namens Terza, bis sie hier auf Waena strandeten.
Wird jetzt doch noch alles gut, fragt Jehan den Alten. Das hängt von den Neuankömmlingen und ihren Maschinen an, antwortet der Alte. Jehan Pfosten und Maschinen und ein Fahrzeug und Gestalten in Schutzanzügen, darüber schwebt in der Schwärze des Kosmos die Dritte Welt in einem wunderbaren Blau. Während der Alte hoffnungsvoll klingt, regt sich in Jehans Herz der erste Zweifel…
Mein Eindruck
Es ist eine sehr fremdartige Welt, aber wie Frank Herbert mit seinem Roman DUNE deutlich gemacht hat, kommt es darauf, nicht die Details, sondern das System verständlich zu machen, in dem sich alle Kreaturen zwecks Überleben zusammengefunden haben. Technik spielt zwischen den Lebewesen keine Rolle, vielmehr wird sie von den fremden Invasoren zerstörerisch verwendet. Ein großes, unintelligentes Tier wie das Whae hat zum Beispiel offen liegende Ganglien am Körper, und mit einem Druck darauf lässt es sich in die gewünschte Richtung steuern. Telepathie spielt dabei offenbar keine Rolle. Die „Menschen“ dieser Welt, die sich Schritt für Schritt als der Erdmond entpuppt – es könnte auch jeder andere Mond sein – leben in Symbiose mit den Tieren.
Die Dritte Welt ist die Erde, folglich ist Waena Luna. Doch die Whae stammen nicht von hier, sondern von Terza, einer ganz anderen Welt (vielleicht der Mars). Waena ist eine Zuflucht, und dies wird nun mehrfach angegriffen. Die Folge ist Angst, und der kleine Tod umfängt Jehan nicht lange, nachdem er den Alten getroffen hat. Er durchläuft die klassische Heldenreise, wie sie Joseph Campbell skizziert hat. Genau wie die Helden kennt Jehan weder seine Eltern noch seine Zukunft. Wie die alten Helden muss er um seinen Lebensraum kämpfen, denn der wird von außen bedroht, etwa von „Nachtsteinen“. Wenigstens muss er nicht um eine Frau kämpfen, den Jen ist offenbar zu einem leben an seiner Seite bereit.
3) Arthur Jean Cox: Ein denkwürdiger Abend (Writers of the Purple Page, 1976)
Der Western-Club „Schreiber der schwülstigen Seite“ versammelt sich alljährlich in einem Bar-Restaurant in Los Angeles. Unser Chronist berichtet keineswegs unparteiisch von den Ereignissen, die am nächsten Tag die größte Zeitung der Stadt zu der Schlagzeile „Schießerei im O.K. Corral“ veranlassten. So heißt nämlich das Lokal, benannt nach der berühmten Schießerei zwischen dem Marshal von Tombstone und den Dalton-Brüdern.
Was mag also tatsächlich passiert sein, fragt sich der Leser, und der Chronist bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Jedes Jahr soll ein Neuling den Club der Western-Schriftsteller bereichern. Der hat das Recht, einen Gast mitzubringen. Der Neuling ist ein Bursche, der sich Stanford Montagu Rhodes nennt, und stilecht ausstaffiert ist. Bemerkenswerter sind seine sechs Gäste: sechs der berühmtesten Indianerhäuptlinge, darunter Sitting Bull und Geronimo. Auch sie sind stilecht ausstaffiert und wirken lebensecht.
Sie haben einen Spezialtabak mitgebracht, der in dieser Runde in einer „Friedenspfeife“ geraucht wird. Dieser Tabak, so Rhodes und Häuptling Tecumseh, öffne den Geist und bringe Inspiration. Unser Chronist fühlt sich in der Tat benebelt und etwas schwummrig. Rhodes fordert zu einem Schreibwettbewerb auf, den der Vorsitzende genehmigt. Das Neue daran: Die per Text erfundenen Figuren werden zum Leben erwachen…
Mein Eindruck
Die anschließenden Auftritte sind dramatisch gestaltet. So etwa Belle Fontaine, die teils Jugendliebe, teils Romanfigur des Chronisten ist. Die blonde Madonna nennt ihn Johnny Rokesmith, denn auch sie kennt ihn aus ihrer Jugend an der gleichen Schule. Sie verschwindet, dafür wendet sich das Blatt. Ein wie ein Trapper ausstaffierter Kerl droht, sämtliche Indianer zu töten. Dabei löst sich ein – glücklich abgelenkter – Schuss, der dann dieses Ereignis zu einer „Schießerei“ machen wird.
Da auch die anderen Vereinsmitglieder die Macht der Schöpfung haben, wird der Trapper unschädlich gemacht und das Geheimnis des Zaubertabaks und seines Überbringers Rhodes gelüftet. Er habe als paranoider Schizophrener seine Autobiografie geschrieben und sich so selbst erfunden. Und die Indianer natürlich gleich mit. Seine Figur erinnert an Buffalo Bill Cody, der das Klischee des „Wilden Westens“ erfand.
Doch was wird am Schluss aus Belle Fontaine, fragt sich Johnny Rokesmith. Er steht im Rotlichtviertel des Santa Monica Boulevards, einem gefährlichen Pflaster. Wer weiß, was sich die anderen ausgedacht haben, der Anwalt Phil oder der ungläubige Herb? Da rollt ein Wagen vor seine Nase, und darin sitzt seine Jugendliebe.
Die in lebhaften Farben flott geschilderte Erzählung ist dem US-Autor Philip José Farmer gewidmet, dessen Namen ebenfalls darin vorkommt. Wie so häufig bei Farmer geht es um die besondere Beziehung zwischen Kunst und Erfindung einerseits und dem „realen Leben“ andererseits. Wie hier gehen sie eine enge Wechselwirkung ein. PJF war ein Fan der Tarzan-Legende, die ein anderer Autor, E.R. Burroughs, Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden hatte. Er nahm den Stoff und schrieb einen Tarzan-Roman, dem er den Titel „Lord Tyger“ gab (dt. bei Heyne).
„Tall tales“ wie diese sind Jägerlatein und Seemannsgarn in einem. Der Originaltitel „Writers of the Purple Page” ist eine ironische Hommage an den klassischen Western „Riders oft he Purple Sage“, den Zane Grey im Jahr 1912 veröffentlichte. Ein gewisser Lassiter wird darin der Beschützer einer Farmerin in Utah, die von Vertretern einer Sekte (unschwer zu erkennen: die Mormonen) bedrängt wird. Unzählige Verfilmungen begannen in der Stummfilmzeit und wurden bis ins Jahr 1996 fortgesetzt, als sich auch Ed Harris nicht zu schade war, als lässiger Lassiter der Gerechtigkeit zum Recht zu verhelfen.
Die alten Legenden leben weiter, lassen sich weiterverarbeiten, weil sie ewig gültige Wahrheiten vermitteln. Und darum, so der Autor, ist es völlig okay, auch Western zu schreiben, selbst wenn man dafür den „Wilden Westen“ völlig ummodeln muss.
4) George R.R. Martin: Ein neuer Moses (Call Him Moses, 1978)
In einer Bar wird Haviland Tuf von einem betrunkenen Mann angegriffen, aber von seiner telepathischen Katze Dax rechtzeitig genug gewarnt, um ausweichen zu können. Da der Mann ihn „Verbrecher“ nennt und uneinsichtig bleibt, bricht ihm Tuf beide Arme. Daraufhin landet Jaime Kreen im Gefängnis. Um seine unersättliche Neugier zu stillen, kauft Tuf ihn frei: Er will hinter den Grund dieses Angriffs kommen.
Nachdem er eine finanzielle Vereinbarung mit Kreen getroffen hat, arbeitet dieser für ihn – und erteilt Auskunft. Kreen stammt vom Planeten Charity, der vor Generationen von frommen Leuten besiedelt und urbar gemacht wurde. Doch die nächste Welle von Siedlern errichtete eine künstliche Ökologie, in der es der Bevölkerung viel besser ging. Deshalb wanderten die jungen Leute der Ursiedler alle dorthin, so dass schließlich nur noch eine Handvoll der Alten übrigblieb.
Sie wurden angeführt von Moses, dem Anführer der heiligen Altruistischen Kirche, die sich der Askese verschrieben hat. Er forderte: „Gebt mir mein Volk zurück!“ Als die Neulinge in der „Stadt der Hoffnung“ ihn auslachten, drohte er, die biblischen Plagen über sie zu bringen. Und so geschah es, dass tatsächlich sechs von zehn der Plagen, die angeblich einst Ägypten heimsuchten, über die Stadt der Hoffnung hereinbrachen: Wasser wurde zu Blut, dann kamen Frösche, Läuse, Fliegen, Heuschrecken, schließlich die Dunkelheit. Die Neulinge kapitulierten und wurden zu einem Leben in äußerster Bescheidenheit verdonnert.
Na, dreimal darf man raten, wer für die Plagen verantwortlich gemacht wurde: Tuf mit seinem verdammten Saatschiff. Denn schließlich handelte es sich um Öko-Plagen, und die „Arche“ ist für Öko-Krieg gebaut worden. Kreen, der seinen Job verlor, konnte Charity gerade noch verlassen, bevor Moses den Raumhafen schloss. Deshalb griff er später Tuf an, den Grund seiner Misere, wie er meint. Sofort fliegt die „Arche“ nach Charity.
Tuf lässt Kreen drei führende Mitglieder der ehemaligen Regierung an Bord bringen und die Lage erklären: Er, Tuf, habe damit nichts zu tun. Aber er werde die Missstände beseitigen – gegen anständige Bezahlung, versteht sich. Als Moses das nächste Mal seine abendliche Wanderung absolviert, erscheint ihm eine Feuersäule, aus der eine Stimme donnert: „Moses, gib mir mein Volk zurück!“
Mein Eindruck
Tuf halt also aufgrund eines Präzedenzfalls aus biblischer Zeit neuerdings Konkurrenz bekommen. Das ist schon recht ironisch. Allerdings nicht für die Betroffenen der Öko-Plagen, die Moses mit einfachen, durchschaubaren Mitteln über die „Stadt der Hoffnung“ gebracht hat. Tuf ist in der Lage, fast alle zehn biblischen Plagen über Charity zu bringen – aber die ersten beiden reichen aber völlig aus, um die Bevölkerung und die Jünger der Altruisten zu demoralisieren. Als Moses an Bord der „Arche“ geholt ist, demonstriert Tuf, was die nächsten sieben Plagen aus Chariry machen würden – eine tote Welt.
Was zu beweisen war: Tuf ist durch den Besitz der „Arche“ so mächtig geworden, als wäre er ein Gott. Moses gibt klein bei, und die Ex-Regierung darf die „Stadt der Hoffnung“ neu aufbauen. Aber wie hat Tuf die Sache mit dem Hagel hingekriegt, fragt sich Jaime Kreen. Tuf verrät es ihm nicht. War ja nur ’ne Simulation, oder?
5) Joan D. Vinge: Das Kristallschiff (The Crystal Ship, 1976)
Das Kristallschiff umkreist die verlassene Siedlerwelt seit fünf Jahrhunderten, doch nur noch rund 50 Menschen sind an Bord. Mit Hilfe der Droge Chitta, die von dieser Welt importiert wird, träumen sie zu den Klängen der Komponistin Mirro. Tarawassie ist eine der Schiffsbewohnerinnen, und so wird sie Zeugin von Andars Freitod. Andar, der immer so unzufrieden und ärgerlich war, zeigt nun auf seinem Antlitz ein entspanntes Lächeln. Er hat sich an die „Sternenquelle“ begeben und sie gebeten, sein Leben anzunehmen, und die Sternenquelle hat ihm seinen Wunsch erfüllt. „Es gibt einen Himmel, das ist der Tod“, rief er. Doch was ist diese rätselhafte Sternenquelle, fragt sich Tarawassie.
Sie macht das Angebot, Andars sterbliche Überreste hinab zur Siedlerwelt zu bringen, denn bei der Gelegenheit kann sie auch ihre kranke Mutter besuchen. Als sie ihrer Mutter von Andars Freitod erzählt, verlangt diese, dass auch sie an Bord des Kristallschiffs gebrachte werde, um dort in der Sternenquelle ihr Leben zu beschließen. Ja, die Worte Andars stimmen. Ihre Mutter stirbt friedlich und sanft. Doch als sich Tarawassie selbst diesen sanften Tod geben will, sträubt sich etwas in ihr. Auch Mirro hat keine Antwort, und die Träume bieten keinen Trost. Woher also hatte Andar seine Erkenntnis?
Da die Antwort auf der Siedlerwelt liegen muss, begibt sich Tarawassie dorthin. Die degenerierten Eingeborenen stellen die Droge her und spenden rohes Fleisch als Gabe. In der von den Siedlern verlassenen Stadt hausen nur Tiere, doch als Tarawassie von einem Turm stürzt, findet sie auch einen Eingeborenen, der ganz anders. Er versteht und spricht ihre Sprache rudimentär, macht Feuer und nennt sich den letzten der Sternenmänner. Sein Name sei Mondschatten. Einige Male habe er „Gelbhaar“ Andar dabei begleitet, wie dieser eine unterirdische Bunkeranlage betrat und dort gespeicherte Informationen abrief: Sprach- und Bildaufzeichnungen.
Nur Tarawassie hat mit ihren Fingerabdrücken den Zugang, der von der automatischen Anlage akzeptiert wird. Das erste Erlebnis mit der Anlage ist überwältigend und beschwört viele Fragen herauf. Hat Andar hier das Geheimnis dert „Sternenquelle“ gefunden? Sie findet die Antwort auf dieses Rätsel in Mondschattens Kopf. Er ist Telepath und verfügt über die Erinnerungen jener Generationen von Eingeborenen, die vor 500 Jahren erstmals den Zorn der erobernden Siedler zu spüren bekamen. Diese Erinnerungen kann er über Körperkontakt auch Tarawassie zugänglich machen.
So erfährt sie, dass die Apparate, die mittlerweile nur noch als „Sternenquellen“ bekannt sind, Transmittertore von der Alten Erde sind. Doch sie zu benutzt, hat einen Haken: Wer hindurchgeht, muss seine körperliche Hülle zurücklassen, transferiert wird nur das Bewusstsein. Und weil seit Jahrhunderten niemand mehr von der Erde gekommen ist und auch kein Schiff mit Versorgungsmitteln gekommen, scheiterten die Siedler dieser Welt. Was, wenn jemand den erneuten Kontaktversuch mit der Erde wagen würde? Dann hätte diese Welt vielleicht eine zweite Chance.
Zusammen entwickeln Mondschatten und Tarawassie eine Vision von einer künftigen Welt, in der Eingeborene und Sternenmenschen friedlich miteinander am Wiederaufbau wirken würden. Doch als sie mit dieser Vorstellung zum Schamanen der Eingeborenen gehen, erklärt dieser Mondschattens Ideen für böse und löscht alle seine Erinnerungen. Über diese verfügt nun nur noch Tarawassie. Doch was soll und kann sie damit anfangen, ohne sich darin wie in einem Chitta-Traum zu verlieren. Mit seinen letzten Worten schickt Mondschatten sie auf ein Himmelfahrtskommando…
Mein Eindruck
Wie der Leser bereits ahnt, kam die Idee zu dieser Geschichte der Autorin, nachdem sie den gleichnamigen Song von „The Doors“ gehört hatte. Es geht um die Kluft zwischen Realität und Illusion, welche, wie bei einem Hippie zu erwarten, drogeninduziert ist. Indem die Frau in der Zeit zurückgeht, als diese Welt von Siedlern erobert wurde und die Eingeborenen gewaltsam weichen mussten, erkennt sie eine Sackgasse, die schon vor 500 Jahren anfing sich zu entwickeln: Die Siedler waren abgeschnitten von ihrer Ursprungswelt, konnten sich aber den Eingeborenen nicht anpassen.
Die Autorin ist Indianerin und sie weiß, wovon sie schreibt. So wie ihr Volk einst von den Europäern dezimiert und von seinem Land verdrängt wurde, so erging es auch Tarawassies Siedlerwelt, mit einem Unterschied: Weil sich die Eingeborenen zurückzogen, entging sie der Auslöschung. Die traf vielmehr die Siedler, mit Mondschatten als letztem Mohikaner. Eine Kombination dieser restlichen „Sternenmenschen“ mit den einheimischen Kith wäre die letzte Möglichkeit für Fortbestand.
Weil sich aber die Kith diesem Weg zu einer neuen Zivilisation verweigern, ist es der Frau, die über die Erinnerungen und Lehren der Vergangenheit verfügt, überlassen, den letzten konsequenten Schritt zu gehen. Sie muss durch den Transmitter, ihren Körper aufgeben und hoffen, die nächste Welt zu erreichen, um dort ihre Botschaft zu verbreiten. Der Schluss stimmt mit einer zarten Andeutung des Erfolgs optimistisch: Es werden die Frauen sein, die den Unterschied ausmachen, um die Zivilisation vor dem Untergang zu bewahren. Wenn sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen.
Der Kurzroman ist wegen des verschachtelten Mittelteils, der auf mehreren Zeitebenen spielt, nicht einfach zu lesen. Aber wer sich die Mühe macht, wird mit einer sehr positiven Vision belohnt. Ein kleines Gedicht von einem Briten namens Russel Grattan spielt eine wichtige Rolle, um Tarawassies rasche Entwicklung und die Erkenntnis ihrer Aufgabe zu beschreiben:
„Wer will vergehen? Wer wieder erstehen?
Wer besiegt den Drachen und taucht in den Dunklen Schlund?
Still und lautlos gibt er sich dem Ozean hin.“
Der „dunkle Schlund“ ist der Transmitter, die Sternenquelle, und der Ozean ist das Sternenmeer. Nun muss Tarawassie herausfinden, wer der Drache ist und wie man ihn besiegt.
6) Interview mit Jack Williamson (von Darrell Schweitzer, 1976)
Jack Williamson (1908 bis 2006) gehört zum Urgestein der Science Fiction, besonders in den USA. 1926 entdeckte er das erste SF-Magazin, das so nennen konnte: „Amazing Stories“, nur zwei Jahre später veröffentlichte er seine erste Story „The Metal Man“. Über diesen Zeitraum des ersten Übergangs von der allgemeinen Phantastik eines H.G. Wells, Jules Verne und Abraham Merritt hin zur technizistischen Ingenieursliteratur der 1940er Jahre unter John Campbell weiß der Autor faszinierende Dinge und Ansichten zu Protokoll zu geben.
Durch diesen Wandel musste er nämlich ins Fach Horror & Fantasy wechseln und veröffentlichte den Roman „Darker Than You Think“, der noch heute ein Klassiker ist. Es folgte die noch heute – zumindest im Antiquariat – verfügbare „Legion of Space“, die deutsch bei Moewig erschien. Auch „Wing 4“ (The Humanoids“) ist ein Klassiker (dt. bei Heyne), doch dessen Autor ist bis heute nicht damit zufrieden. So viel Fähigkeit zur Selbstkritik findet man selten.
Der Autor schildert seine Arbeitsmethode, die sich am Exposé orientiert. Zuletzt wird er über den Zustand des Genres befragt. Williamson hat bis 1976 eine Art Vertrauensverlust in die Wissenschaft festgestellt, so als wäre sie eine latente Gefahr. Er selbst sieht stets die positive Kraft der Wissenschaft. (
Gut möglich, dass dies noch 1976, ein Jahr vor „Star Wars Episode 4“ so war. Wer sich „Der weiße Hai“ von 1973/74 anschaut, der findet auch hier Männerfiguren vor, die nicht genug Wissenschaft einsetzen, um gegen das Monster bestehen zu können. Einer hat bereits dran glauben müssen. Erst eine Verzweiflungstat lässt sie überleben.) Und wenn man vom Jahr 1976 auf das Jahr 1908 zurückschauen würde, hätte man wohl allen Anlass, an die Macht der Wissenschaft, etwa an die der Medizin, zu glauben.
Mein Eindruck
Ohne nun einen Aufschrei der Empörung auszulösen, zeigen die geschickten Fragen des Interviewers einen Autor, der die SF mitgestaltet hat und damals noch 30 Jahre Schaffenskraft vor sich hatte. Allerdings zeigt sich auch die konservative Haltung des Autors, der etliche Jahre als Professor an einer Uni lehrte. Er blieb jedoch weltoffen, wie seine vielen Reisen ins Ausland belegen.
Die Übersetzung
S. 15: „In diesem Fall mag die irrationale Natur einige[r] Vorschläge…“: Das R fehlt.
S. 34: „momentan hielt er [der Schrecken] jedoch sein geplagtes Gehirn noch immer wie ein lastender Alpdruck gefangen…“: Der Bezug auf „Schrecken“ ist keineswegs offensichtlich. Dieser Satz ist ein Beispiel für den adjektivlastigen Stil der Vorlage.
S. 50 / 51: “So standen sie hochaufgerichtet vor uns…“: Der Absatz ist ein abschreckendes Beispiel für den schwülstigen Erzählstil, auf den der Club so stolz ist. Nicht genug damit, wird der Absatz, weil er so schön war, auf S. 51 noch in variierter Form wiederholt.
S. 60: “Athena” statt “Athene”. Die Übersetzerin Ida Mader hat viele solcher Eins-zu-eins-Übersetzungen vorzuweisen. Sie sind der Beleg für ihre Faulheit.
Unterm Strich
Die Kernstücke dieser Auswahl sind die Novellen von George R.R. Martin und Joan D. Vinge. Über die Titelstory kann man streiten, mir war sie zu lang und zu verworren. Martin ist gut wie immer, bekam für diese Novelle aber ausnahmsweise mal keinen Preis. Seine Sternenhändler-Stories sind in dem empfehlenswerten Band „Planetenwanderer“ zusammengefasst.
Unter den übrigen Beiträgen ragen sicherlich die von Haldeman und Cox heraus. Haldeman thematisiert die Ausgrenzung von Andersartigen, in diesem Fall von lunaren Mutanten, die sozusagen KIs auf zwei Beinen sind. Cox hat eine Hommage Philip José Farmer und die Macht von Geschichten und Geschichtenerzählern geschrieben. Wenn man wollte, könnte man hier die Psychoanalyse von Western-Autoren finden. Aber das wäre nur halb so amüsant und humorvoll wie die Story selbst.
Buckleys Beitrag würde eine umfangreichere Ausarbeitung verdienen, so etwa als Episodenroman, bleibt als Story jedoch in vielversprechenden Ansätzen stecken. Laut Wikipedia schrieb er immerhin von 1970 bis 2004, vor allem für das traditionsreiche Magazin „Analog“.
Sehr interessant wie alle Interviews von Darrell Schweitzer ist sein hier abgedrucktes Gespräch mit Altmeister Jack Williamson (1908-2006). Dieser veröffentlichte schon 1928 eine der Geschichten über Roboter: „The Metal Man“. Informativ sind vor allem seine Darstellung des Wandels von der Mainstream-SF zur spezialisierten Techno-SF um das Jahr 1925 herum. Schuld daran ist ein Mann aus Luxemburg, der sich Hugo Gernsback nannte. Was hat er nicht alles angerichtet! Noch schlimmer trieb es nur Joseph W. Campbell, der auf wissenschaftliche Plausibilität pochte.
Der Schaden endete erst in den Fünfziger Jahren mit dem Zusammenbruch des Marktes für besagte Magazin-SF und der Aufstieg der gut bezahlten Hardcover-Buch-SF, so etwa bei Philip K. Dick, R.A. Heinlein. Isaac Asimov und Frank Herbert („DUNE“).
Taschenbuch: 192 Seiten.
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783426057261
Der Autor vergibt: 



