Rufin, Jean-Christophe – 100 Stunden

Wie viele Menschen verkraftet die Erde? Das ist eine der zentrale Fragen, mit denen Jean-Christophe Rufin den Leser/Hörer seines Romans „100 Stunden“ konfrontiert. Entwickelte Rufin in seinem ersten Roman „Globalia“ noch eine Anti-Utopie à la Orwell und Co., liest sich „100 Stunden“ mehr als eine Art Öko-Thriller.

Die französische Umweltaktivistin Juliette befreit im polnischen Wroclaw Tiere aus einem Versuchslabor, demoliert die Einrichtung und nimmt im Auftrag ihres Freundes Jonathan ein ominöses Fläschchen mit. Für wen die Ware bestimmt ist, weiß sie genauso wenig wie was sie enthält. Doch Juliette lässt sich nach Ausführung ihres Auftrag nicht so einfach abservieren. Die Umweltaktivistin will weiterhin an dem Projekt beteiligt bleiben und die Hintermänner der Aktion treffen. Also versteckt sie das Fläschchen, wodurch sie schon bald den Zorn eines Mannes auf sich zieht, der sich in seiner Arbeit nicht von Juliettes Motivation behindern lassen will …

Währenddessen wird in den USA der Arzt und Ex-Agent Paul Matisse von seinem alten Chef Archie erneut rekrutiert. Archie hat nach seinem Ausscheiden bei der CIA eine Art privaten Geheimdienst ins Leben gerufen, der nun auch mit den Ermittlungen in Sachen Wroclaw betraut wird. Dafür braucht Archie den Mediziner Paul, der prompt einwilligt und zusammen mit seiner früheren Partnerin Kerry die Hintergründe aufzuklären versucht.

Schon bald zeigt sich, dass der Cholera in der Sache eine zentrale Bedeutung zukommt. Paul und Kerry setzen sich auf die Fährte einer fanatischen, radikalen Umweltschutzorganisation, deren finstere Pläne zum Schutz des Planeten schon bald eine Bedrohung für die halbe Menschheit darstellen. Für Paul und Kerry beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, wenn sie die Pläne der Umweltfanatiker vereiteln wollen …

„100 Stunden“ ist ein Roman, der zwar einerseits durchaus als Thriller erscheint, andererseits aber als solcher eher ruhig daherkommt. Wer nervenaufreibende Spannung und haarsträubende Action erwartet, den dürfte das gemächliche Tempo von „100 Stunden“ vermutlich eher abschrecken. Schon in der (sicherlich gekürzten) Hörbuchfassung ist die Spannung zwar greifbar, liest man aber die Pressestimmen, so könnte man glatt auf die Idee kommen, Rufin habe einen actionreichen, atemlosen Thriller abgeliefert.

Dabei ist die Spannung eher subtiler Art. Paul und Kerry ermitteln im Umfeld einiger Umweltschutzorganisationen und reisen um den Globus, um die Spur der Fanatiker aufzunehmen. Das läuft schon mal sehr spannend ab, vor allem natürlich im Showdown, als die Zeit knapp wird, aber oft ist es eben auch schnöde Ermittlungsarbeit, bei der Rufin in den Gesprächen der Agenten die thematisierte Kernproblematik anklingen lässt. Insgesamt wirkt gerade auch die Agentenarbeit sehr realistisch – viel Recherche, wenig James-Bond-mäßige Action.

Der zentrale Aspekt des Buches ist das Problem der Überbevölkerung. Wie soll Umweltschutz funktionieren können, wenn die Erde einfach schlichtweg zu stark bevölkert ist, um ein halbwegs nachhaltiges Leben zu ermöglichen? Die Sichtweise der Umweltschützer in Rufins Roman ist höchst kontrovers. Ihr vorrangiges Ziel ist der Schutz der Erde, nur sind ihre Schlussfolgerungen zur Umsetzung des Ziels äußerst drastisch. Man landet am Ende bei der Frage, was eine höhere Priorität besitzt – der Schutz der Umwelt und damit die Sicherung der Lebensgrundlage für zukünftige Generationen oder das Leben des Einzelnen.

Durch diese Radikalisierung des Umweltschutzes zwingt Rufin auch den Leser/Hörer dazu, immer wieder Stellung zu beziehen. Er konfrontiert ihn mit der radikalst möglichen Ausrichtung. Die ist zwar sicherlich in gewisser Weise effektiv (wenngleich in der Lösung der radikalen Umweltschützer ein gewichtiger Denkfehler steckt), aber eben auch höchst unethisch. Aber wo genau verläuft dabei die Grenze? Wo ist der Punkt, ab dem sich die ethische Verantwortung gegenüber unser aller Lebensgrundlage anderen ethischen Fragen unterzuordnen hat? Und wie müsste die richtige Antwort auf das Problem der Überbevölkerung lauten?

Es ist vor allem dieser Aspekt, diese philosophische Komponente, die „100 Stunden“ so interessant macht. Das war auch schon in Rufins Vorgängerwerk „Globalia“ nicht anders. Rufin fordert den Leser/Hörer zum eigenständigen Denken heraus. Rufin selbst ist Wissenschaftler. Er ist Mitbegründer von |Ärzte ohne Grenzen|, arbeitete als Entwicklungshelfer und wurde 2007 französischer Botschafter im Senegal. Er weiß, wovon er schreibt, und so macht eben auch die philosophische Komponente, die sich hinter der Umweltschutz- und Dritte-Welt-Problematik verbirgt, einen sehr gut recherchierten Eindruck. Da mag man Rufin teilweise verzeihen, dass sein Roman als Thriller nicht immer ganz so wunderbar funktioniert wie andere Exemplare dieses Genres.

Ein weiterer Makel, der „100 Stunden“ anhaftet, ist die Figurenskizzierung. Die Protagonisten wirken teilweise sehr eindimensional. Man fiebert nicht so richtig mit ihnen mit und kann sich nicht sonderlich gut in sie hineinversetzen. Dieser Eindruck manifestiert sich besonders deutlich in der Figur der Juliette. Man kann nicht so ganz nachvollziehen, was sie motiviert, und so bleibt sie bis zum Schluss etwas zu schablonenhaft.

Die 451-minütige Lesung von |Argon Hörbuch| ist dabei eine sehr empfehlenswerte Variante, sich „100 Stunden“ zu Gemüte zu führen. Wolfram Kochs gekonnte Vortragsweise macht den Roman zu einem kurzweiligen Hörvergnügen.

Bleiben unterm Strich also etwas gemischte Gefühle zurück. „100 Stunden“ behandelte eine interessante und äußerst wichtige Problematik. Rufin regt den Leser zum Nachdenken an und verpackt die Problematiken von Umweltschutz und Überbevölkerung in einer Geschichte, die größtenteils spannend, aber nicht so actiongeladen und nervenaufreibend ist, wie man anhand des Presselobes vielleicht glauben möchte. Auch die Figurenskizzierung bleibt leider hinter den Erwartungen zurück. Dafür versteht Rufin sich eben darauf, seine philosophische Romankomponente interessant verpackt unters Volk zu bringen.

http://www.argon-verlag.de

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