Schlagwort-Archive: Erotik

Leopold von Sacher-Masoch – Die Toten sind unersättlich (Gruselkabinett 99)

Trugbild der Erotik: ein weiblicher Vampir

In den verschneiten Karpaten in den 1880er Jahren: Auf einem einsamen Felsen erhob sich einst das alte, halbverfallene Schloss Tartakow, von dem der Volksmund mancherlei unheimliche Sagen zu berichten wusste. Immer wieder fühlten sich junge Männer davon angezogen und wagten es, das alte Gemäuer zu betreten, um hinter sein Geheimnis zu kommen … (Verlagsinfo)

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James Tiptree jr. – Sternenlieder eines alten Primaten

Psychosexuelle Alpträume: klassische SF-Erzählungen

In dieser Storysammlung der geheimnisumwitterten SF-Kultfigur der siebziger Jahre ist endlich ihre Novelle „Dein haploides Herz“ enthalten, die in den bislang veröffentlichten Sammlungen „10.000 Lichtjahre von Zuhaus“, „Beam uns nachhaus“ und „Warme Welten und andere“ fehlte, obwohl sie bereits 1969 erschien. Außerdem ist die preisgekrönte Novelle „Houston, Houston, bitte melden!“ enthalten, in der weibliche Astronauten nach 300 Jahren auf verschollen geglaubte männliche Astronauten treffen…

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Laurell K. Hamilton – Finsteres Verlangen (Anita Blake 13)

„Finsteres Verlangen“, der dreizehnte Band der Anita-Blake-Reihe geht richtig gut, weil klassisch, los: Anita sitzt in ihrem Büro bei Animators Inc. einem Kunden gegenüber, der eine sehr gefährliche Aura ausstrahlt und einen Vorfahren erweckt haben will. Dieser Einstieg lässt hoffen, stellt sich dieser Kunde doch als Auftragskiller heraus, was zu allen möglichen Verwicklungen und Schießereien führen könnte. Könnte, denn Laurell K. Hamilton entscheidet sich stattdessen dafür, den viel versprechenden Auftakt für die nächsten paar Hundert Seiten unter den Tisch fallen zu lassen, um erst am Schluss wieder darauf zurückzukommen. Vielmehr füllt sie den gesamten Mittelteil des Romans mit Bettgeschichten und Machtspielchen, wobei sich die Bettgeschichten in vielen Fällen unter Machtspielchen subsumieren lassen. Belle Mortes Stellvertreterin Musette ist nämlich in St. Louis eingetroffen, um etwas Unruhe zu stiften. Scheinbar ist Belle Mortes Ego angekratzt, weil zwei Männer (Jean-Claude und Asher) sie verlassen haben und auch kein Interesse daran zeigen, zu ihr zurückzukehren. Diese Tatsache scheint ihr erst einige Jahrhunderte nach dem tatsächlichen Ereignis aufzufallen, aber dafür ist sie jetzt eben besonders eingeschnappt. Und eingeschnappte Vampire sind nie ein Vergnügen.
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Norman, John – The Totems of Abydos

Entdeckungen im Urwald: Totems, Monster, Wandlungen

In der fernen Zukunft besuchen zwei Anthropologen den abgelegenen Planeten Abydos. Die zwei sind sehr verschieden: Was dem älteren Rodriguez selbstverständlich erscheint, schockiert den jungen Brenner zutiefst. Beispielsweise menschliche Frauen, die sexuelle Bedürfnisse haben und quasi in Leibeigenschaft gehalten werden.

Aber die zwei Forscher sind hier, um die einheimische Spezies der Pons zu untersuchen. Diese hat sie eingeladen, sie in den tiefen Wäldern von Abydos zu besuchen. Was die Forscher vorfinden, ist eigentlich schon vordekretiert worden, doch als sich die Ereignisse bei den Pons überstürzen, erhalten die beiden Forscher eine Erkenntnis, die die Heimatwelt des menschlichen Sternenimperiums erschüttern würde …

Der Autor

In seinem bis dato 34 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der 1931 geborene US-amerikanische Geschichtsprofessor John Norman (eigentlich John Frederick Lange) die Abenteuer des Erdenmenschen Tarl Cabot auf Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Aber er hat noch etliche weitere Romane veröffentlicht, darunter die „Telnarischen Chroniken“, in deren Universum „Totems of Abydos“ spielt.

1: Gor – die Gegenerde (Tarnsman of Gor)
2: Der Geächtete von Gor (Outlaw of Gor)
3: Die Priesterkönige von Gor
4: Die Nomaden von Gor
5: Die Meuchelmörder von Gor
6: Die Piratenstadt von Gor
7: Die Sklavin von Gor
8: Die Jäger von Gor
9: Die Marodeure von Gor
10: Die Stammeskrieger von Gor
11: In Sklavenketten auf Gor
12: Bestien von Gor
13: Die Erforscher von Gor
14: Kampfsklave auf Gor (Jason Marshall #1)
15: Der Schurke von Gor (Jason Marshall #2)
16: Der Leibwächter von Gor (Jason Marshall #3)
17: Die Wilden von Gor
18: Die Blutsbrüder von Gor
19: Kajira von Gor
20: Die Spieler von Gor
21: Die Söldner von Gor
22: Dancer of Gor / Die Tänzerin
23: Die Verräter von Gor
24: Die Vagabunden von Gor
25: Die Zauberer von Gor
26: Witness of Gor
27: Prize of Gor
28: Kur of Gor
29: Swordsmen of Gor
30: Mariners of Gor
31: Conspirators of Gor
32: Smugglers of Gor
33: Rebels of Gor
34: Plunder of Gor

Handlung

PROLOG

Auf dem Planeten Abydos, der von Urwald bedeckt ist, lebt die Bruderschaft in einem kleinen wohlgeschützten Dorf. Denn im Urwald lauern wilde Tiere auf den unachtsamen Wanderer. Der alte Horemheb begibt sich dennoch immer wieder auf den unsichtbaren Pfad, der von seinem Dorf zu einer Plattform mitten im Wald führt. Indem er einen Faden aufnimmt, kann der Blinde dem Pfad folgen, bis er zur Plattform gelangt.

Hier tut er praktisch nichts, außer ein wenig von seinen Vorräten zu sich zu nehmen und zu warten. Niemals geschieht etwas, und selbst die Bestien, die ihn nach umschleichen, greifen ihn an. Was Horemheb hier in der Finsternis sucht, sind drei Dinge:

1) das Geheimnis
2) die Wahrheit
3) die Erinnerung

Er hat vor langer Zeit Bilder in seinem Verstand gesehen, die ihn vermuten lassen, dass es diese drei Dinge hinter der Wirklichkeit gibt, die die Bruderschaft kennt. Vielleicht liegt das Geheimnis in dem alten Pergament mit seinen Sprüchen und Anrufungen. Doch auf die Anrufung hin rührt sich auf der Plattform ebenfalls nichts. Die Frage ist allerdings, wer überhaupt diese Plattform errichtet hat. Sie ist groß und aus hartem Stein. Horemheb hat von Raumschiffen gehört, aber noch nie eines gesehen. Unverrichteter Dinge kehrt er ins Dorf zurück.

Haupthandlung

In der fernen Zukunft haben die Menschen das Universum erschlossen und den einen oder anderen Planeten besiedelt, aber es gibt viele Welten, mit denen sie Freundschaft schlossen. Der Kapitän des Raumschiffes, das die zwei Anthropologen Brenner und Rodriguez nach Abydos bringt, ist so ein Fremdwesen, ein Zard. Doch der Translator erlaubt ihm , sich mit ihnen zu verständigen.

Allan Brenner ist jung, naiv und ehrgeizig. Emilio Rodriguez hingegen nähert sich dem Ende seiner Laufbahn und genießt diverse Laster, wie etwa Alkohol und Tabak beziehungsweise deren Äquivalente in dieser Zukunft. Er sagt, er habe den Tod vielfach gesucht, um mehr über das Leben herauszufinden. Allein schon dieses Unterfangen wäre auf der Heimwelt verpönt, denn dort sind alle gleich und alle gleich zufrieden. Sie müssen es auch sein, denn die wohltätige Administration sorgt dafür, so oder so. Brenner hat herausgefunden, dass er selbst um ein Haar postnatal abgetrieben worden wäre. Kann eine Gesellschaft, die die absolute Macht über ihre Mitglieder beansprucht, wirklich so wohltätig sein, wie sie behauptet?

Die Bergbaugesellschaft, die eine Erschließungslizenz für Abydos hat, betreibt (ähnlich wie in „Avatar“) ein ausgedehntes Lager auf der Planetenoberfläche: Company Station. Diese Station ist ringsum von einem hohen Zaun gegen den Urwald abgeschottet – ob aus notwendigem Schutz gegen außen oder um den Diebstahl von wertvollem Gerät zu verhindern, bleibt offen. Mehrere nichtmenschliche Spezies leben hier, nicht zuletzt wieder die geschäftstüchtigen Zards.

Schon die erste Nacht hält für Brenner mehrere Schocks bereit. Auf der verregneten Straße stößt er mit einer vermummten Gestalt zusammen: eine barfuß gehende, sehr hübsche Frau, die unglaublicherweise unter ihrem Regenmantel ein „Kleid“ trägt. Ein derart antiquiertes und unzüchtiges Kleidungsstück kennt Brenner nur aus historischen Büchern. Denn auf der Commonworld gibt es weder Mann noch Frau, sondern nur Personen, und so etwas Sex ist seit Langem abgeschafft und durch künstliche Befruchtung ersetzt worden. Schließlich weiß der Staat ja am besten, was für seine Mitglieder am besten ist.

Der zweite Schock sind die Zimmermädchen, die gerade im Company Hostel das Zimmer der beiden Besucher herrichten. Auch sie tragen „Kleider“, aber obendrein noch kleine Fußkettchen, an denen eine kleine Scheibe angebracht ist. Rodriguez zeigt Brenner an einem Exemplar, was diese Scheibe zeigt: das Logo der Company. Das Fußkettchen ist also keineswegs Schmuck. Diese Zimmermädchen sind vielmehr vertragsgebundene Leibeigene der Company.

Doch es kommt für den armen Brenner noch viel schlimmer: Körperkontakt! Die erste Lokalität, die Rodriguez aufsucht, ist eine Bar. Dort süffelt er mit Genuss sein velasisches Bier namens „Heimat“. Fehlt nur noch, dass er sein bertinisches Kraut raucht, befürchtet Brenner. Der Barbesitzer ist ein Zard, der mit einer Gerte zweimal auf seinen Tisch knallt. Beim ersten Mal kommt eine Blondine in einem „Kleid“ zu den beiden Besuchern, doch die zeigen kein Interesse. Es ist klar, dass ihr Interesse nur gespielt ist, erkennt Brenner. Ganz anders das zweite Mädchen, eine Brünette. Ihre Unterwürdigkeit ist echt. Und wegen der Angst, die sie vor der Gerte des Besitzers hat, schmiegt sie sich mit Armen und Wange an Brenners linkes Bein.

Er möchte am liebsten vor Scham im Boden versinken. Nicht weil sie offensichtlich eine nicht ganz freie Person ist – auch sie trägt ein Kettchen am Fußgelenk -, sondern wegen seiner eigenen physischen Reaktion: Er begehrt sie. Er hat es Rodriguez bereits gestanden: Er habe sexuelle Bedürfnisse. Dafür hätten ihn die Behörden auf Commonworld ins Umerziehungslager geschickt. Oder postnatal abgetrieben.

Dass es einen erheblichen unterschied ausmacht, ob eine Frau, die sich ihm anbietet, eine Sklavin ohne jede Rechte oder eine freie Frau ist, lernt Brenner nicht nur durch Rodriguez‘ Lehren, sondern auch durch praktische Erfahrung. Die Brünette hat die Wahl, ob sie ihm in allen Belangen zu Willen ist, selbst wenn sie bei Weigerung ihren Vertragskalter, den Zard, dadurch vergraulen und dazu veranlassen würde, ihr eine Vertragsstrafe aufzubrummen. Eine Sklavin hingegen hätte keinerlei Wahl und könnte bei Weigerung ohne Folgen getötet werden.

Brenner hätte nie geglaubt, dass ihn eine Frau dazu bringen könnte, alle seine Prinzipien und indoktrinierten Überzeugungen zu überwinden, zu vergessen, aber die Brünette schafft es. Es ist genau das, was sie will: eine Frau zu sein, die mit einem Mann, dem sie sich freiwillig unterwirft, zusammen sein will. Umso besser, wenn der Kunde auch noch mit ihrem betragen und ihren Leistungen vollauf zufrieden ist!

Bei den Pons

So ein Pon sieht sehr unscheinbar aus: Gerade mal drei Fuß ragt er über den Boden hinaus, ist meist in eine grob gewebte Kutte gehüllt, hat ein, wie Brenner findet, äffisch aussehendes Gesicht und spricht meist kein Wort. Dieser erste Eindruck, so muss er feststellen, täuscht. Von den Händlern in der Company Station haben einige Pons durchaus Ausdrücke der Gemeinsprache aufgeschnappt, die sie sinnvoll einsetzen können. Sie können sogar zählen, solange man mit der Zahl, sagen wir: drei, einen konkreten, sichtbaren Gegenstand verbindet, sagen wir; einen Kieselstein. Das abstrakte Konzept einer Zahl „drei“, mit der sich rechnen ließe, ist ihnen unerreichbar.

Wie clever die Pons sind, zeigt sich Brenner, als er mit Rodriguez dem Pfad folgt, der kilometerweit durch den Urwald von Abydos führt: In jeweils 50 Metern Abstand liegt ein weißer Stein, der als Markierung des Wegs dient. Dass sich solche Steine auch versetzen lassen, um den Wanderer in die Irre zu führen, muss Brenner später zu seinem Leidwesen herausfinden. Die Pons benutzen auch Werkzeuge, nämlich einen Graber, und wahrscheinlich auch Werkzeuge zum Schneiden und Schnitzen. In ihrem Dorf ragt ein aus Holz errichteter Tempel zwischen den Holzhütten auf, zu dem ihnen die Pons den Zutritt verwehren.

Die Totems

Aber sie scheinen keine Waffen außer zugespitzten Stöcken zu haben. Was hat es nun mit ihren Totems auf sich, fragt sich Brenner, denn wegen denen ist er ja lichtjahreweit geflogen. So ein Totem sei eine vielschichtige Angelegenheit, doziert Rodriguez (zu unserem Nutzen). Es sei herauszufinden, welche Art von Totemkult die Pons pflegen.

So ein Totem sei an sich ein Schutzgeist, den eine Gruppe verehrt und dessen Regeln und Tabus sie befolgt. Jeder Tabubruch werde durch Buße bestraft. Ein Totem ist aber auch dessen Abbild, wie man etwa an den Totempfählen der Ureinwohner der amerikanischen Pazifikküsten sehen kann. Zu den strengsten Regeln des Totems gehört die Exogamie. Das bedeutet, dass jeder Gruppenangehörige keinen anderen Angehörigen seiner Gruppe berühren oder sich gar mit ihm paaren darf. Jede Paarung muss also mit den Mitgliedern einer anderen Totemgruppe erfolgen. Dumm nur, denkt Brenner, dass die Pons nur ein Totem haben, die Waldmaus: Wie wollen sie da Exogamie realisieren?

Monster

Dies ist nur eines der vielen Rätsel, auf die die beiden Forscher bei ihrem wochenlangen Aufenthalt stoßen. Die Pons sind auch Diebe. Auf einmal sind die beiden Walkie-Talkies verschwunden, ein Rasierspiegel, die Kamera, der Audiorekorder und vieles mehr. Nur sein als Teleskop getarntes Gewehr, das hier höchst illegal ist, hat Rodriguez bislang vor den Langfingern bewahren können.

Wie nützlich das Gewehr, das Explosivgeschosse abfeuert, ist, stellt sich heraus, als Brenner die ultimative Katastrophe auslöst. Zwei Gruppenmitglieder haben einander berührt und das Tabu verletzt. Sie sollen sterben. Brenner stellt sich zwischen Verteilte und Henker und behauptet, es sei in Ordnung, einander zu berühren. Hat er das bei seiner Begegnung mit der Brünetten gelernt? Auf seiner Heimatwelt nämlich herrscht strengstes Berührungsverbot, genau wie bei den Pons.

Die Pons sind erst vor Entsetzen wie erstarrt. Wer das tabu des Totems verletzt, hat nicht nur mit schlimmen Bestrafungen zu rechnen, sondern hebt die Gültigkeit des Tabus und somit des Totems an sich auf. Wenn es aber keine Totems mehr gibt, gibt es nichts mehr, das als Leitfaden fürs leben dienen kann. Übrig bliebe nur das blanke Chaos. Rodriguez, der Brenner auf diese Konsequenzen hinzuweisen versucht, dringt bei Brenner, der sich als Retter sieht, nicht durch.

Schon am nächsten Tag greift das erste Monster einen Pon an, der auf dem Feld arbeitet. Und dreimal darf man fragen, wem die Pons die Schuld daran geben werden, fragt sich Rodriguez. Er eilt mit Brenner in den Wald, um mit seinem Gewehr das Raubtier zu erlegen …

Mein Eindruck

In einem Interview hat John Norman gesagt, dass seine drei Lieblingsautoren Homer, Freud und Nietzsche seien. In „Totems von Abydos“ kann man ablesen, wie die Gedanken Nietzsches und die Theorien Freuds mit dem Abenteuergarn einer „Odyssee“ verknüpft worden sind. Ein guter Schuss H. Rider Haggard findet sich ebenfalls. Mehr dazu weiter unten.

Formal und werkchronologisch lässt sich der Einzelroman an die „Telnarischen Chroniken“ anknüpfen, eine SF & Fantasy-Trilogie, die von Warner Brooks rabiat abgewürgt wurde, als der zuständige Lektor wechselte. Dass der neue Lektor das Ideengut, das Norman verbreitet, ablehnte, ohne den bereits erzielten Bucherfolg zu berücksichtigen, ließ sich der Autor eine Lehre sein. Seitdem achtet er darauf, nur bei E-Reads zu veröffentlichen, und zwar ausschließlich ungekürzte Ausgaben.

Konditioniert

Auch in „Totems“ wird der Leser bereits im zweiten, rund 60 bis 70 Seiten langen Kapitel darauf gestoßen, dass die Gesellschaft von Commonworld, die mehrere Jahrtausende in der Zukunft existiert, von politischen Imperativen abgewürgt wird. Brenner ist das direkte Produkt dieser verkrüpppelnden psychosozialen Konditionierung. Doch Rodriguez ist sein Gegenteil, ein Außenseiter und Rebell. Dass sie zusammen zu den Pons geschickt werden, hat einen Grund, der erst sehr viel später enthüllt wird. Ohne den Nietzscheaner Rodriguez hätte der naive Brenner einfach nicht überlebt.

Vorgeblich soll das dynamische Duo die Pons als die „ideale Gesellschaft“ entdecken, eine sanfte, friedliebende Art des frühen Menschen, wie er von der Meta-Partei der Commonworld als Ideal propagiert wird, um die Massen ruhig und leicht regierbar zu halten. Es ist eine grandiose Ironie, die ans Satirische grenzt, dass sich die Pons als die Endstufe des Menschengeschlechts von der Heimatwelt erweisen: Sie sind unfruchtbar und nähern sich dem Aussterben ihrer Rasse.

Wahrheitssucher

Doch sowohl Brenner als auch der rebellische Rodriguez suchen die Wahrheit, als Wissenschaftler wie auch als Männer. Seine Männlichkeit muss Brenner erst noch im Bordell der Company Station entdecken, während Rodriguez dort etwas ganz anderes vorhat: Er schwängert die Leibeigene des Zard, die er gemietet hat. Beide Erfahrungen verwirren Brenner, doch das ist noch nichts im Vergleich zu den Entdeckungen, die er mit seinem Mitreisenden bei den Pons macht. Diese 250 Seiten des Anfangs erweisen sich später als notwendig, um sowohl die beiden Protagonisten als auch die Brünette verstehen, die am Schluss erneut auftaucht.

Nachdem die mühselige Kärrnerarbeit der Einführung erledigt ist, legt die Handlung mit hohem Tempo los. Ich meinte, mich stellenweise in einem Abenteuergarn von Henry Rider Haggard zu befinden, dem berühmten viktorianischen Autor solcher Klassiker wie „Sie“ und „König Salomons Minen“. Allerdings wäre dies kein John-Norman-Roman, wenn er nicht auch Nietzsches Ideen und Freuds Lehren mit einbrächte. So wird daraus etwas völlig Unerwartetes. Es ist schwierig, nicht zuviel davon zu verraten. Ich war jedenfalls mehrmals überrascht und am Schluss begeistert.

Die Totems

Dies ist kein Vorläufer von „Avatar“, denn es gibt keine ökologische Botschaft, und das vom Aussterben bedrohte Volk der Pons ist keine fremde Spezies, sondern die Endstufe der menschlichen. Nein, es geht um Entdeckungen, die im Bereich des Religiösen liegen und zwar in der frühesten Form jeder Religion: im Totemkult.

Wie oben erwähnt, dient der Totemkult zwei Hauptzwecken: Die Verehrung eines Schutzgeistes dient dem Schutz des Totemtiers ebenso wie der Errichtung von Regeln, die vom Totemgeist (lies: Gott, großer Geist, Schöpfer usw.) abgeleitet sind und Tabus rechtfertigen. Das wichtigste dieser Tabus ist das der Exogamie. Es legt fest, dass es keine Paarung innerhalb einer Totemgruppe geben darf. So lässt sich Inzest vermeiden, der zu negativen Mutationen im Erbgut der Gruppe führen würde. Das ist also ein sinnvolles Tabu.

Grüße von Oidipos rex

Doch Rodriguez, der ketzerische Nietzscheaner, hat in uralten, verborgenen Schriften, die sämtlich verboten sind, eine weitere Theorie gefunden, die den Totemkult rechtfertigt, ja, notwendig macht: das Ödipus-Syndrom. (Spätestens jetzt dürfte bei den Freud-Gegnern Alarmstufe Rot ausgelöst werden!) Es besagt, vereinfacht gesagt, dass die Nachkommenschaft eines Vaters und einer Mutter das Problem hat, den Vater zu wollen, um die Mutter begatten zu können. Bei König Ödipus, der sich blendete, erfolgte dies unwissentlich. Dennoch wurde er von den Göttern gestraft.

Aber wie verhält sich dies bei den so sanft und unschuldig erscheinenden Pons? Auch sie haben in ihren Totemkult, der keineswegs der Waldmaus gilt, eine Vaterfigur eingebaut: Es handelt sich um einen riesigen Löwen, der von einer anderen Welt importiert worden sein muss. Doch warum hat das über zehn Meter hohe Raubtier nicht schon längst sämtliche Pons zum Dessert verspeist? Im Gegenteil: Es scheint, wundert sich Brenner, die Pons vor den anderen Raubtieren des Urwaldes zu beschützen.

Wer aber Ödipus und Freud kennt, ahnt schon, worauf dies hinausläuft: Der Riesenlöwe mag eine Vaterfigur sein, die als totemistischer Schutzgeist dient, doch ihre Tage sind gezählt: Das Tier ist alt geworden. Die Pons zählen darauf, dass der Vater, anders als etwa der Titanenvater Chronos, seine Kinder nicht verspeisen wird. Ganz im Gegenteil: Es kommt der Tag, das sich der Vater für seine Kinder opfert und der Pakt so erneut besiegelt wird.

Die Aufgabe eines Helden

Wer aber wird das Riesentier erledigen und seinen Verehrern zum Fraß vorlegen? Ein Held wird dringend benötigt, ein Riesentöter, der den Wandel im Pakt einläutet. Brenner hätte sich nie träumen lassen, dass ausgerechnet er dieser Held zu sein hätte. Und dass er sein ganzes Leben lang für genau diese Aufgabe und was danach kommt, ausgewählt worden ist. Denn für Normans Ansichten gilt stets, dass das Ende stets der Beginn von etwas Neuem, etwas Anderem, vielleicht etwas Besserem darstellt. Die neue Form, die Brenner annimmt, kann man sich bereits denken…

Schwächen

Wie schon erwähnt, muss der Leser die Aufgabe bewältigen, die ersten 250 Seiten dichter Exposition zu überwinden. Zugegeben, es ist nicht uninteressant, was die beiden Forscher über sich und ihre Gesellschaft kundgeben. Und die Sexszene, die sich mit der Brünetten über Dutzende von Seiten entspinnt, hat ihren ganz eigenwilligen erotischen Reiz. Brenner ist, wie der goreanische Held John Marshall, ein sanfter Mann, der keiner Frau, die sich ihm unterwerfen will, etwas zuleide tun könnte. Er wird eines Besseren belehrt, als sich seine unterdrückten Leidenschaften regen, wenn sie ihre Verführungskünste anwendet.

Sobald dieser 250-Seiten-Komplex überwunden ist, kommt die Handlung richtig flott in die Gänge, und die Dialoge, die die beiden Forscher führen, führen den Leser von einer bemerkenswerten Entdeckung zur nächsten – bis Brenner die Katastrophe unter den Pons auslöst, indem er ihr stärkstes Tabu negiert: Es sei in Ordnung, wenn zwei Liebende aus der gleiche Totemgruppe zusammen seien. Das Ende des Exogamie-Tabus würde aber die Grundfesten der Pons-Religion und -Gesellschaftsordnung erschüttern…

Druckfehler

Was mich wirklich frustriert hat, sind jedoch nicht die langen Reden am Anfang, sondern die zahlreichen Druckfehler im Text. Irrelevante Zeichen und fehlerhafte Wortformen („amongstst“) tauchen zuhauf auf, und nicht selten stehen zwei Einsen für zwei L. Warum dieser Text nicht redigiert wurde, weiß ich nicht, aber die Kostenfrage dürfte eine Rolle gespielt haben. Die Textformen der Gor-Romane sehen jedenfalls viel besser aus.

Unterm Strich

Dieser Norman-Roman ist in vielerlei Hinsicht ein Solitär. Obwohl im Telnarischen Imperium (oder was davon noch übrig ist) angesiedelt, hat er nichts mit den typischen Master-and-Slave-Handlungen zu tun (außer in einer Sequenz am Anfang). Und mit den Gor-Romanen teilt er sich nur die Ansicht, dass es auf vielen Welten dieses Sternenreiches Sklaven, Arenen, Gladiatorenkämpfe usw. wie im alten Rom gibt. Die vielen Namen aus der bekannten Antike, wie Megara, Sybaris, Naxos, Chios usw. belegen, dass sich der Geschichtsprofessor bestens damit auskennt.

Wichtiger sind die philosophischen Konzepte, die hier – mal wieder – verhandelt werden: Was sind Wahrheit, Vernunft, Moral, Gut und Böse? Dies ist aber der erste Roman Normans, der sich explizit mit einem religiösen Konzept befasst, nämlich dem Totemkult. Das römische Wort „religio“, von dem unser Wort „Religion“ stammt, bedeutet „Hingabe, Verehrung“, und genau das tun die Pons mit ihrem Schutzgeist, dem Totem. Wer an die Totemtiere der nordamerikanischen Ureinwohner denkt oder an afrikanische Kulte, liegt richtig. Der Autor erklärt sie im Detail, so dass der Leser nichts selbst nachlesen muss – aber ein Blick in die Wikipedia wäre nützlich.

Ödipus lässt grüßen

Der verblüffende Kniff, den Norman einsetzt, besteht nun darin, dieses mehr oder weniger bekannte und verbreitete Konzept mit einem tiefenpsychologischen Phänomen zu begründen, nämlich dem Ödipus-Komplex. Klar stand hier Sigmund Freud Pate, aber die Umsetzung ist purer Norman, als in erzählerischer Form. Ich folgte den Ausführungen von Rodriguez, der mittlerweile ebenso wie Brenner stark verwandelt ist, mit großer Aufmerksamkeit und einigem Erstaunen.

Anschließend die Welt von Abydos aus der ungewohnten Sicht eines Riesenlöwen zu betrachten, der einen Pakt mit den winzigen Pons geschlossen hat, ist ein besonderes Erlebnis. Die Natur des Paktes zwischen den Pons und ihrem Totemtier hat sich merklich verändert: Der Pakt repräsentiert nun nicht mehr ein einengendes Tabu, das immer wieder Opfer fordert – es gibt nur noch 70 Pons -, sondern das nun zum Symbol der Freiheit geworden ist.

Freiheit – das ist die Kernbotschaft des Romans. Wie sie zu erringen ist, erfordert nicht nur Einsichten in das, was wahr und was wirklich ist, sondern auch den Mut, alte Barrieren und Denkverbote zu überwinden. Der Preis dafür ist manchmal hoch – mitunter das Menschsein selbst, sofern man Menschlichkeit als den Besitz eines menschlichen Bewusstseins in einem menschlichen Körper definiert. Es geht aber auch anders, wie dieser Roman zeigt.

Englischniveau

Aber auch hier ist, wie im gesamten Roman, ein sehr hohes Englischniveau vonnöten, um dem vielfach akademischen Sprachgebrauch folgen zu können. Wohl dem, der ein dickes Wörterbuch sein Eigen nennen kann – oder einen leichten Webzugang zu LEO und Co. Während die Gor-Romane meist vergleichsweise einfach im Vokabular und im Aufbau zu bewerten sind, kommen die Einzelromane Normans „Ghost Dance“, „Totems“ und „Time Slave“) ziemlich schwierig daher. Ganz besonders dann, wenn sie nicht redigiert worden sind.

Für wen sich das Buch eignet

Kurzum: Dieser Norman-Roman ist nur etwas für die allerentschlossensten und furchtlosesten Fans des Autors. Sie werden jedoch mit außergewöhnlich schönen Szenen und Entdeckungen belohnt werden. Wer Michael Bishops streckenweise anstrengenden Anthropologen-Roman „Transfigurationen“ (s. meinen Bericht) bewältigt hat, dürfte auch für „Totems“ fit sein. Nur dass Norman sich einiges bei H. Rider Haggard abgeguckt hat – zu seinem Vorteil und unserem Vergnügen.

Taschenbuch: 564 Seiten
ISBN-13: 978-1617564765

John Norman – Kur of Gor (Gor 28)

Unter Bestien: Robin Hood auf den Stahlwelten

Mehrere Male haben die fremdrassigen Kur bereits Gor, die Gegen-Erde, angegriffen, so etwa in Band 12, „Die Bestien von Gor“, als sie am Nordpol einen Stützpunkt errichteten, oder in Doppelband 17/18, als sie die Wilden der Prärien Gors aufstachelten, Tarl Cabot, den Diener der Priesterkönige, sowie goreanische Kavallerie anzugreifen. Wiederholt hat Tarl Cabot ihre Pläne vereitelt.

Doch nun ist Tarl Cabot der Gefangene der Bestien geworden. Sie sind keine Tiere, sondern verfügen über eine militärische Hierarchie, leben in ihren Raumschiffen – und warten auf die Invasion Gors, denn sie benötigen dringend eine eigene Welt, haben sie doch ihre eigene zugrunde gerichtet und verlassen müssen.

Tarl Cabot befindet sich irgendwo im Asteroidengürtel in einem Geheimgefängnis. Doch welche Pläne wollen die Kur mit ihm in die Tat umsetzen? Wie auch immer ihr Interesse aussehen mag, sie müssen bald feststellen, dass Tarl Cabot ein Mann ist, den sie ernstnehmen müssen …

Der Autor

In seinem bis dato 34 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der amerikanische Geschichts- und Philosophie-Professor John Norman (eigentlich John Frederick Lange, geb. 1932) die Abenteuer von Menschen auf der Welt Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Gor ist somit eine Art Zwillingswelt, allerdings weitaus wilder, altertümlicher, wenig erforscht und von zwei Alienspezies umkämpft, den auf Gor im Verborgenen herrschenden Priesterkönigen und den sie bedrängenden Kurii. Raumschiffe der Priesterkönige verkehren zwischen Erde und Gor: Sie bringen geheime Technik, Gold und entführte junge Damen auf die Gegenerde.

1: Gor – die Gegenerde (Tarnsman of Gor)
2: Der Geächtete von Gor (Outlaw of Gor)
3: Die Priesterkönige von Gor
4: Die Nomaden von Gor
5: Die Meuchelmörder von Gor
6: Die Piratenstadt von Gor
7: Die Sklavin von Gor
8: Die Jäger von Gor
9: Die Marodeure von Gor
10: Die Stammeskrieger von Gor
11: In Sklavenketten auf Gor
12: Bestien von Gor
13: Die Erforscher von Gor
14: Kampfsklave auf Gor (Jason Marshall #1)
15: Der Schurke von Gor (Jason Marshall #2)
16: Der Leibwächter von Gor (Jason Marshall #3)
17: Die Wilden von Gor
18: Die Blutsbrüder von Gor
19: Kajira von Gor
20: Die Spieler von Gor
21: Die Söldner von Gor
22: Dancer of Gor / Die Tänzerin
23: Die Verräter von Gor
24: Die Vagabunden von Gor
25: Die Zauberer von Gor
26: Witness of Gor
27: Prize of Gor
28: Kur of Gor
29: Swordsmen of Gor
30: Mariners of Gor
31: Conspirators of Gor
32: Smugglers of Gor
33: Rebels of Gor
34: Plunder of Gor

Handlung

Tarl Cabot findet sich nackt in einem ihm unbekannten Gefängnisbehälter wieder. Wie ist er hierher gekommen und wie kommt er wieder raus? Er weiß es nicht. Jede Gewalteinwirkung verpufft an der Glassinschale wirkungslos. Nur sein geduldiges Warten wird belohnt. Eine schöne Erdenfrau wird von Unbekannten in seinem Behälter abgelegt. Die offensichtlich freie Frau ist ebenso nackt wie das andere weibliche Wesen. Bei dieser Blondine handelt es sich offenbar um eine Sklavin, die über keine Sprechfähigkeit mehr verfügt. Aber woher kommt sie? Tarls Codex als Krieger verbietet es ihm, die Frauen wie Sklavinnen zu behandeln. Es kommt zu einer Krise, wer die Herrschaft im Behälter innehat.

Eine interessante Konstellation, die die Priesterkönige da mit Tarl Cabot aufgebaut haben. Das findet zumindest ein unbeteiligter Beobachter, der weder Priesterkönig noch Mensch noch Kur ist. Er weiß nicht einmal, wie ein Priesterkönig aussieht, und viele seine Erklärungsversuche wirken notdürftig und vorläufig. Die Frage ist deshalb, womit wir es bei diesem Erzähler zu tun haben, denn von einer dritten Macht war im Gor-Zyklus bislang noch nie die Rede.

Die Blondine ist unterwürfig und schmeichelt sich bei Tarl ein. Die Erdenfrau indes stammt wie Tarl aus „einem England“ und hat wie er, der aus Bristol stammt, in Oxford studiert. Dort hat sie offenbar die Männer mit ihrer Schönheit und ihren Allüren reihenweise zur Verzweiflung getrieben. Sie glaubt nicht, dass sie eine optimale Dienerin abgeben würde. Doch dies ändert sich schlagartig, als eine Explosion den Gefängnistrakt erschüttert: Riesige und schwerbewaffnete Kur-Krieger dringen ein und befreien die Insassen. Oder geht es nur um Tarl? Bevor er bewusstlos geschlagen wird, registriert Tarl drei wichtige Dinge:

1) Die Blondine hüpft einem der Kur praktisch in die pelzigen Arme, voller Freude über das Wiedersehen;
2) die Erdenfrau, eine gewisse Victoria Cecily Pym, erklärt sich in größter Panik zur Sklavin und redet die Kurii mit „Herren“ an – ein schwerer Fehler;
3) der Anführer der Kurkrieger ist Tarls alter Bekannter Zarendargar, mit dem er einst am Nordpol von Gor mal einen gehoben hat (in Band 12).

Die Kurii bringen Tarl und die beiden Frauen auf eines ihrer Raumschiffe: eine zylinderförmige Stahlwelt, die innen hohl ist und eine Landschaft beherbergt, die von künstlicher Schwerkraft an Ort und Stelle gehalten wird. Die Blondine ist verschwunden, doch Cecily, die Brünette, ist mit Tarl in einer Zelle angekettet. Er bringt ihr Goreanisch bei. Das ist von Vorteil, denn so kann sie verstehen, was er mit dem Gefängniswärter spricht. Dieser ist eine Züchtung aus Mensch und Kur; Tarl nennt ihn „Grendel“, nach dem Ungeheuer aus dem Heldenepos „Beowulf“. Grendel hat nur fünf Finger und wird deshalb von den Kurii ausgegrenzt. Er weiß nicht, wohin er gehört – genau wie Tarl im Moment.

Das aktuelle Oberhaupt der Kurii nennt sich Agamemnon, 11. Gesicht des Namenlosen, Theokrat der Stahlwelten. Doch Agamemnon hat kein Gesicht, sondern versteckt seinen geist in verschiedenen mechanischen Gestalten, etwa einem Riesenskorpion. Er hat es auf Gor und die Erde als neue Siedlungsgebiete abgesehen. Was ihn noch an der Invasion hindert, sind jedoch die Priesterkönige. Sein Wissen über sie gibt Tarl nicht preis, doch er erklärt, er sei weder Diener noch Freund der Herrscher über Gor. Prompt bietet ihm Agamemnon die Herrschaft über Gor an.

Dass dies eine Lüge ist, erkennt Tarl von Anfang an. Und dass Agamemnon nicht überall nur Freunde hat, wird ihm auch bald klar. Der Kur Pyrrhus etwa hat sich Cecily genommen und will Tarls Zuneigung für sie gegen ihn und Agamemnon verwenden. Doch daraus wird nichts, macht ihm Tarl klar. Denn mittlerweile ist Cecily nichts weiter als eine Sklavin wie Millionen andere auf Gor, und er empfinde weder Zuneigung noch Begehren für sie. Die Blondine hingegen verwöhnt wieder ihren Kur-Herrn Arcesilaus und ist dabei glücklich.

Als Agamemnon klar wird, dass Pyrrhus ihm nicht mehr treu ergeben ist, lässt er ihn in der Arena öffentlich fertigmachen. Das wiederum bringt etliche andere gegen den gegenwärtigen Herrscher auf, darunter den Menschen Peistratus, der in der Vergnügungs-Stahlwelt der Kurii ein angenehmes Leben führt. Als Tarl weiterhin zögert, die Informationen über die Priesterkönige herauszurücken, fällt er in Ungnade. Es wird Zeit, sich abzusetzen.

Für Tarl, Grendel und Peisistratus wendet sich das Blatt, als sich nicht nur der Kur Pyrrhus, sondern auch Arcesilaus für die Rebellion entscheiden. Nach Pyrrhus‘ Tod flüchten sie in die Wildnis der Stahlwelt, wo sich große Seen und Wälder erstrecken. Tarl hat Cecily bei sich, Grendel hat sich in die nunmehr sprechfähige Kur-Sklavin verliebt. Die Blondine hingegen schaut auf den halb-Kur herab, denn sie strebt nach Höherem: Sie will eine Ubara auf dem sicher schon bald unterworfenen Planeten Gor werden, eine Herrscherin.

Doch der Angriff der Flotte auf Kur scheitert und Agamemnons Machtstellung wankt. Zusammen mit Grendel, Peisistratus und den wilden Waldmenschen gründet Tarl eine Rebellentruppe, die Agamemnons Leibgarde das Leben schwer macht. Allerdings haben die Rebellen nicht mit dem Verrat ihres Helfers Flavion gerechnet …

Mein Eindruck

In seinem 28. Gor-Roman inszeniert John Norman den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf einer der Stahlwelten der Kur. Über diese haben wir bislang sehr wenig erfahren, deshalb ist der Schauplatz umso interessanter. Doch wer „Äon“ von Greg Bear oder „Rendezvous with Rama“ von Arthur C. Clarke gelesen hat, dürfte sich sofort zurechtfinden. Merke: Die Kurii sind den menschen in technischer Hinsicht weit überlegen. In dieser zylindrischen Kunstwelt sind Kur wie Menschen gleichermaßen zusammengepfercht, und es kommt zu einer existentiellen Krise: Werden die Menschen allesamt vernichtet werden?

Tarl Cabot ist nicht der Typ, der aufgibt, wenn es hart auf hart kommt. Er ist ein Angehöriger der Kriegerkaste und fertig als Erstes einen Langbogen an, der die jagenden und angreifenden Kurii, die Agamemnon ausschickt, um die Rebellen zu töten, Mores lehrt. Selbstverständlich stellt Tarl mit den abtrünnigen Waldmenschen und den vormals kollaborativen Kur-Freunden wie Peisistratus eine Rebellentruppe auf, die Robin Hood und seine lustigen Gesellen neidisch gemacht hätte. Da aber Agamemnon am längeren Hebel sitzt, müssen die Rebellen erst heiße Sommer, dann klirrend kalte Winter überstehen.

Immer wieder geht es in diesem Band um Entscheidungen, die die Beteiligten in Grenzsituationen treffen müssen. Tarl hat die einfachste Wahl: Kämpfen, die Erde und Gor verraten oder untergehen. Für Grendel ist die Wahl viel schwerer: Als Kur sollte er seine Welt verteidigen, doch Agamemnon zwingt ihn dazu, sich dem menschlichen Widerstand anzuschließen. Flavion schließlich ist ein schlauer, opportunistischer Grenzgänger: Er tut so, als wäre er als Kur ein Menschenfreund und wolle für sie einen Frieden mit Agamemnon aushandeln. In Wahrheit verrät er sie alle, um sich beim Herrscher lieb Kind zu machen.

Noch kniffliger wird die Wahl für die beiden Frauen, die mit Tarl auf dem Gefängnismond waren. Die Kur-Sklavin steigt über Arcesilaus und eine Sprachausbildung zu einer Ubara auf, die über das dumme menschliche Vieh herrschen darf, das die Kurii als Nahrung halten. Trotz ihres Hochmuts liebt Grendel sie weiterhin, statt sie, wie Tarl ihm ständig rät, zu seiner Sklavin zu machen und beherrschen. Stattdessen tanzt sie ihm fortwährend auf der Nase herum und verrät ihn natürlich, genau wie Flavion.

Schließlich ist auch Cecily Pym an der Reihe, sich endgültig zu entscheiden. Will sie auf die Erde zurück, nach Gor weiter oder auf der Stahlwelt bleiben? Soll sie nach dem Thron einer Ubara streben wie Grendels Lady Bina oder sich unterwerfen und eine Sklavin werden? Tarl macht ihr ziemlich schnell klar, dass sie sich bereits für das Sklavendasein entschieden hat, als sie sich gegenüber den Kurii Zarendargars selbst zur Sklavin erklärte und sie als „Gebieter“ bezeichnete.

Für Cecily ist jedoch der Weg dorthin, wo sie sich am liebsten sähe, ein sehr steiniger: Tarl will sie überhaupt nicht haben. Doch sie scheint ihn zu lieben und andere Männer, geschweige denn Kurii interessieren sie nicht. In ihrer wachsenden Verzweiflung ob Tarls Desinteresse begeht sie einen schweren Fehler, der seine ganze Rebellentruppe in tödliche Gefahr bringt.

Unterm Strich

Dieser 700-Seiten-Schmöker ist wahrlich ein Schwergewicht unter den Gor-Romanen. Er vereint einen kompletten Weltentwurf, schildert den Verlauf einer Revolution, die lange Zeit auf der Kippe steht, und zeichnet die alternativen Lebenswege von vier zentralen Figuren nach. Bei den männlichen Wesen muss sich entscheiden, welchen Stellenwert Menschen gegenüber Kurii einnehmen werden. Es kann nicht sein, dass Menschen als Vieh oder Vergnügungssklaven gehalten werden. Grendel hingegen, der Halb-Kur, muss sich auf eine Seite stellen und schwankt hin und her, wenn er auch einem treu bleibt: seinem Freund Tarl Cabot.

Die Frauen

Bei den Frauen ist der Verlauf der Entwicklung noch kurioser. Aus der kleinen Kur-Sklavin ohne Namen wird über die Ausbildung und die Beziehung zu Grendel die Parodie einer Freien Frau, die künftig als Ubara über einen Stadtstaat auf Gor herrschen will. Bei der Erdenfrau beobachten wir das genaue Gegenteil: Cecily unterwirft sich den Männern bedingungslos, denn sie liebt Tarl und sonst keinen.

Paradoxerweise findet sie erst dann, als sie sich ihm völlig unterworfen hat, zur völligen sexuellen Freiheit als Frau. Das ist natürlich für alle heutigen Leserinnen (sofern vorhanden) völlig inakzeptabel, und auch so manchem männlichen Leser, mich nicht ausgenommen, dürfte diese Vorstellung schwerfallen. Allerdings ist für Cecily die Wahl eine Überlebensfrage. Denn bei den Kurii gilt das Motto: Wer nicht pariert, wird als Nachtisch serviert …

Action & Co.

In regelmäßigen Abständen bietet der Roman Abenteuer, Rätsel und viel Action. Von der Arena über die Wälder bis hin zu einem finalen Showdown zwischen Grendel und Flavion erfreut die Geschichte den (meist) männlichen Leser. Dennoch stellen viele Passagen die Geduld des Lesers auf eine harte Probe, und wie so häufig in den Gor-Romanen ist der Anfang die höchste Hürde. Danach kommt die Handlung flott in Gang und steuert dem ersten Actionhöhepunkt zu.

Bindeglied

Innerhalb der Gor-Reihe stellt „Kur of Gor“ ein Bindeglied zwischen Band 25 („Zauberer“) und Band 29 („Swordsmen“) dar. Daher braucht der Leser, der die abwechslungsreichen Abenteuer Tarls mit Talena verfolgen möchte, diesen Band zwar nicht zu lesen, aber er erfährt, woher in „Swordsmen“ die Sklavin Cecily und der anhängliche Sleen Ramar kommen – und warum beide einem Typen wie Tarl in diesem nächsten Abenteuer folgen.

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