Schlagwort-Archive: Thriller

Eric Van Lustbader – Die Miko (Nicholas Linnear 2)

Fernost-Thriller mit Sex und Action

Nicholas Linnear hat den „Ninja“-Angriff überlebt, nun reist er mit seinem Boss und künftigen Schwiegervater nach Tokio, um einen Firmenfusion in die Wege zu leiten. Doch er kreuzt den Weg der Miko, einer gewissenlosen Hexe mit okkulten Kräften. Ihr Auftrag lautet, Rache an Nicholas zu nehmen. Nicholas muss alle seine erweiterten Sinne und kriegerischen Kräfte aufbieten, um gegen sie bestehen zu können. Doch für wen arbeitet sie?
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Michael Connelly – Fair Warning (Jack McEvoy 3)

Tote Frauen und die Gefahren der Stammbaumforschung

Jack McEvoy ist ein Reporter, der mehrere Erfolgsgeschichten über das Finden und Stellen eines Mörders vorweisen kann. Zu diesen gehören „Der Poet“ und „The Scarecrow“. Aber bislang wurde er noch nie beschuldigt, selbst ein Mörder zu sein. Bis zwei Beamte der Mordkommission des LAPD ihn befragen, was er mit der verstorbenen Christina Portrero zu tun gehabt habe.

Teils aus Trotz, teils wegen der bizarren Art und Weise, wie sein Beinahe-One-Night-Stand Tina zu Tode kam, beginnt er ihr nachzuforschen – und stößt auf eine Mordserie, die auf Genanalyse basiert. Während er diese Seite als „Verbraucherschutz“ an seinen Boss bei der Webseite „Fair Warning“ verkaufen kann, muss er sich entscheiden, welche Rolle er eigentlich selbst spielt: die des beobachtenden Reporters oder des beteiligten Ermittlers…
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Dan Simmons – Das Schlangenhaupt

Packender und bewegender Thriller

Dr. Darwin Minor ist als Spezialist für die Rekonstruktion von Unfallursachen im südlichen Kalifornien tätig. Als Gutachter wirkt er an der Aufdeckung von Versicherungsbetrügereien mit. Als er nach einem Einsatz nach Hause fährt, wird er von zwei russischen Killern verfolgt, die ihn bei 250 km/h auf einem Interstate Highway töten wollen. Das Ergebnis sind ein fliegender Mercedes und zwei tote Russen.

Nach diesem Zwischenfall wird eine Sonderkommission gebildet, in der Darwin mit der Chefermittlerin des Generalstaatsanwalts Sydney Olson gemeinsam ermittelt. Die beiden sind einem Versicherungsbetrug gigantischen Ausmaßes auf der Spur, der in höchste Kreise führt und bei dem Menschenleben bedeutungslos sind. (Verlagsinfo)
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John Birmingham – Der Effekt

Spannend: Die Amis sind weg – was machen wir jetzt?

Am 14. März 2003 verschwinden die Vereinigten Staaten von Amerika – aber wohin? Auch Teile der angrenzenden Länder werden von einer Energiewolke erfasst, die jedes Leben vernichtet. Wer oder was könnte diesen unglaublichen Effekt ausgelöst haben, fragen sich die überlebenden Amerikaner, die eigentlich gerade in den Irak einmarschieren wollten. Dieser wiederum erklärt zusammen mit dem Iran den USA den Krieg. Für die übrig gebliebenen Amis geht es nun ums nackte Überleben. Wer dachte, mit dem Verschwinden der Amis erfülle sich sein Wunschtraum, sollte einmal etwas über die möglichen Folgen lesen.
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Greg Bear – Mariposa (Quantico 2)

Techno-Thriller: ein Blick in den Abgrund

Das bewährte FBI-Team aus „Quantico“ bekommt einen neuen Auftrag. Das Unternehmen Talos, geleitet von Axel Price, schickt sich an, die wirtschaftliche Kontrolle über die bankrotten Vereinigten Staaten von Amerika zu übernehmen. Zum Glück hat das FBI einen Maulwurf in die Talos-Organisation einschleusen können: Fuad Al-Husam wartet auf die Sicherheitslücke, die ihm Jane Rowland, in der Talos-IT verschaffen soll. Jane arbeitet für Spider/Argus, einen Ableger der NSA…
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Reese, Laura – Außer Atem

Fantasy für S&M-Neugierige

Die 17-jährige Carly Tyler erwacht ohne Gedächtnis aus dem Koma. Sie hat zahlreiche Wunden erhalten, und die Ärzte müssen ihr Gesicht neu zusammensetzen. Wer ist sie in Wahrheit? In dem Winzer James McGuane meint sie nach 15 Jahren den Mann wiederzuerkennen, welcher der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit ist. Sie lässt sich als Köchin anstellen und spioniert ihm nach. Doch er hat Gelüste, die ziemlich ausgefallen sind. Carly steht jedoch auf Lust durch Schmerz und findet in James einen unbarmherzigen Lehrmeister. Aber ist er auch ihr Beinahemörder?

Die Autorin

Laura Reese lebt in der Universitätsstadt Davis in Nordkalifornien. Neben „Außer Atem“ hat sie auch den erotischen Roman „Brennende Fesseln“ verfasst, der in die Bestsellerlisten gelangte.

Handlung

Ein Bauer fand das halbtote Mädchen auf einem brachen Acker, sie lag in einem bereits ausgehobenen Grab. Etwas musste den Täter vertrieben haben. Die 17-Jährige ist derartig zerschlagen und entstellt, dass sie nach dem Erwachen aus dem Koma erst einmal zusammengeflickt werden muss. Am Schluss der Operationen hat sie ein völlig neues Gesicht, aber keine Erinnerung an das Geschehene. Als Namen legt sie sich „Carly Tyler“ zu. Ihre Eltern und Freunde haben sie nie besucht. Niemand erkennt sie.

Fünfzehn Jahre später hat Carly zwar immer noch keine Verbindung zu ihrer Identität und ihrer Vergangenheit, doch sie kann sich sehr gut als Köchin über Wasser halten. Einen Freund hat sie nicht. In einer Weinfachzeitschrift entdeckt sie eines Tages das Gesicht eines Prachtexemplars von Mann, das etwas in ihr anspricht. Der Name dieses kalifornischen Winzers aus dem berühmten Napa Valley ist James McGuane, etwa 43 Jahre alt, Herr des Weinguts „Byblos“. Sie beschließt, alles über ihn herauszufinden, denn er könnte der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit sein. Und sie hat noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen …

Carly lässt sich als Köchin auf „Byblos“ anstellen. James ist auch im wirklichen Leben ein imponierender Prachtkerl, der Carly um einen halben Meter überragt. Er hat eine Zwillingsschwester, Gina, mit der er das Weingut leitet. Seine verwitwete Mutter hat nichts dagegen, eine gute Köchin in den Haushalt aufzunehmen. Doch Carly, die im Haus eines verreisten Professors Unterkunft findet, befindet sich auf einer geheimen Mission und spioniert James nach. Schon in den ersten Nächten entdeckt sie, dass er es liebt, einer Frau Schmerzen zuzufügen. Mit angehaltenem Atem beobachtet Carly, wie er eine Frau auspeitscht, die das zu genießen scheint. Kein Wunder, sagt sie sich, dass James weder verheiratet ist noch eine feste Freundin hat. Sie fühlt sich sehr zu ihm hingezogen. Und Schmerzen sind ihr sehr vertraut …

Als die Durchsuchung seines Büros nichts bringt (außer dass sie verräterische Spuren hinterlässt), merkt Carly, dass sie sich näher mit ihm einlassen muss, um mehr zu erfahren. Sie lässt sich auf seine Sexspiele ein und bricht ein Tabu nach dem anderen. Und hat Erfolg: Er gibt zu, dass sie vor 15 Jahren hier war. Er zeigt ihr sogar eines der vielen Gemälde, die er seinerzeit von einem schwarzhaarigen Mädchen mit ärgerlichem Gesichtsausdruck gemalt hat. Sie befindet sich also auf der richtigen Spur! Sie entdeckt, dass seine junge Frau Anna Maria damals, vor 15 Jahren. ebenfalls starb, einen Monat vor Carlys Verschwinden. Gibt es einen Zusammenhang?

Doch die Wahrheit trägt ein bitteres Preisschild: Er gibt sie ihr nur, wenn sie ihm alles gibt, was sie zu geben hat. Und das ist nicht etwa ihr Geldbeutel, sondern ihre gesamte Existenz …

Mein Eindruck

Ich habe dieses flüssig erzählte und spannende Buch in nur zwei Tagen gelesen. Es beginnt wie ein Kriminalfall und endet auch wie einer, doch eingebettet in die Wartezeit am Anfang und Ende des Buches („Vor …“ bzw. „Nach dem Urteil“) verfolgen wir den Weg der Ich-Erzählerin in einen Bereich ausgefallener sexueller Praktiken. Eigentlich sollte statt „Roman“ auf dem Cover „Fantasy“ stehen. Denn obwohl das soziale Umfeld auf dem Weingut Byblos in sehr realistischen und stimmungsvollen Farben gemalt wird, so bilden doch die „Stellen“ mit den Sexszenen für den weiblichen oder männlichen Leser den Hauptanreiz, die Geschichte weiterzulesen. Er ist neugierig darauf, welche neue abwegige Teufelei sich James ausgedacht hat.

Ich schwanke immer noch in meinem Urteil, ob die prekäre psychologische Situation, in die sich die Hauptfigur wissentlich begibt, nicht kompletter Unsinn ist, oder doch zumindest fahrlässiger Unsinn. Wehe dem Leser oder der Leserin, die dies nachzuahmen versucht. Mein Bedenken gilt nicht so sehr den Praktiken, bei denen sich die Hauptfigur keine Verletzungen zuzieht (außer ein paar Peitschenstriemen), sondern vielmehr dem Verhältnis absoluter Hörigkeit, in das sie sich wissentlich und sehenden Auges begibt. Sie könnte jederzeit von Byblos weggehen, doch sie braucht den Sex mit James wie eine Droge.

Es finden sich über solche Master-Slave-Verhältnisse Unmengen von Literatur – die selbstverständlich zu 99 % verboten ist. Aber das Internet lässt sich nichts verbieten, und so findet der Suchende wie gesagt Unmengen von so genannten „Mind-Control“-Storys. Ich sehe davon ab, entsprechende Webadressen anzuführen, aber ein wenig Googeln fördert sie schnell zutage. Allen diesen MC-Storys liegt ein Publikations-Kodex zugrunde, der dem Leser sagt, dass es sich ausschließlich um eine Fantasy für Erwachsene handelt, die keinesfalls in die Hände von Minderjährigen fallen sollte. Dieser Hinweis fehlt im vorliegenden Buch.

Die Master-Slave-Verhältnisse sind im Gegensatz zu dem von der Autorin geschilderten Verhältnis stark formalisiert und es gibt an keiner Stelle die Möglichkeit, dass die Sub-Person, hier Carly Tyler, das Kommando übernimmt, nicht einmal zeitweilig (Sub = submission: Unterwerfung). Man kann allerdings vereinbaren, dass die Sub- zur Dom-Person (Dom = dominance: Vorherrschaft) gewählt wird, doch stets wird ein Konsens zwischen Erwachsenen vereinbart. Auch dies kann man nicht eindeutig von der Beziehung Carlys zu James behaupten. Diese ganze Beziehung ist von Anfang bis Ende reine Fantasy. Aber leider eine sehr clever ausformulierte Phantasie.

Die Autorin verknüpft die S&M-Beziehung Carlys mit ihrer völlig stümperhaften Ermittlung der zwei Verbrechen, die auf dem Weingut Byblos 15 Jahre zuvor stattgefunden haben. Damals kam James‘ Frau Anna zu Tode – wurde sie gestoßen oder war es ein Unfall? Auch Carly wurde einen Monat später aus dem Fenster gestoßen – wieder mit Absicht? Doch sie starb nicht, und nun kommt zu ihrer Amateurermittlung auch noch Rachsucht hinzu. Doch wen soll ihre Vergeltung treffen? Im Fadenkreuz ist von Anfang James, dann aber Gina – und schließlich sogar Carly selbst.

Doch da sie schon einmal hier ist, muss der Schrecken ohne Ende schließlich ein Ende mit Schrecken haben. Es gibt zwei Tote, aber der Leser darf davon ausgehen, dass Carly ihm nicht aus dem Gefängnis heraus berichtet. Ihre selbstgerechte Lynchjustiz ist vollzogen. Was das Gericht über sie verfügt, interessiert Carly nicht und es wird auch nicht für nötig gehalten, den Leser über die Urteilsfindung zu informieren. Nur das Ergebnis zählt. Auch ihre Identität hat sie nicht zurückerhalten.

Um ganz deutlich zu werden: Das ganze Drumherum um die so genannte Gerechtigkeit, die Carly ebenso sucht wie ihre Identität, ist nur ein Vorwand der Autorin, um die oben erwähnten Sexszenen erzählen zu können. Sie schildert sie zwar eingebettet in ein realistisches Umfeld, dennoch bilden sie den Kern des Buches, sollen sie doch belegen, warum Carly sich in ihre Hörigkeit zu James begibt und immer tiefer sinkt. Manchmal hat mich die Art und Weise, wie James die neue Carly zu einem Abbild der früheren, jungen Carly modelliert, an Hitchcocks „Vertigo“ erinnert. Allerdings ist dieser Thriller tausendmal besser erzählt als „Außer Atem“.

Schwächen

Ich habe mich aber auch über einige Aspekte geärgert. Obwohl es darin um handfesten S/M-Sex geht, wird an keiner Stelle erwähnt, geschweige denn empfohlen, auch die Sicherheitsrichtlinien von echten S/M-Praktizierern zu beachten. Dazu gehört in erster Linie die vorherige Vereinbarung eines so genannten „safe-words“, auf dessen Aussprache hin die jeweilige Sexpraktik abgebrochen wird, wenn der eine oder andere Partner das Gefühl hat, es nicht mehr ertragen zu können. Die einzige Sicherheitsvorrichtung, die James seiner Sklavin zeigt, besteht in einem Panikverschluss eines Geschirrs, welcher sich mit nur einem Handgriff öffnen lässt. Dies ist der „panic snap“, der dem Original den Titel verleiht.

Leser und Leserinnen, welche die hier geschilderten Praktiken nachahmenswert finden, bitte ich eindringlich um die Einhaltung der international gültigen und vereinbarten Sicherheitsrichtlinien. Sie lassen sich auf seriösen S&M-Webseiten nachlesen (meist leider nur auf Englisch, aber es gibt sicher auch eine Übersetzung).

Die Übersetzung

Auf Seite 33 und 276 stößt der Leser auf das ausgefallene Wort „kahmig“. Das gibt es tatsächlich im Deutschen, und es bedeutet so viel wie „schimmelig“. Natürlich wird das an keiner Stelle erklärt.

Ich fand eine ganze Reihe von Flüchtigkeits- oder Druckfehlern. Auf Seite 53 muss es statt „wir Kerzenschein“ besser „wie Kerzenschein“ heißen. Seite 145 amüsiert den Leser mit der Formulierung „ein großer Wagen, ein älteres Model (sic!) mit getönten Fensterscheiben“. Es sollte „Modell“ heißen. Auf Seite 255 findet sich der Druckfehler „gob“ statt „grob“.

Es gibt aber auch Stilschwächen. Ich kann zum Beispiel mit der Beschreibung „Er ist ein kerniger Mann“ nichts anfangen. Natürlich soll James beschrieben werden, aber ob das Adjektiv „kernig“ seine Gestalt richtig beschreibt, bezweifle ich. (Ich glaube allerdings ebenfalls nicht, dass dies irgendjemandem auffällt.)

Unterm Strich

Nach einem sehr guten und spannenden Start fand ich die Geschichte Carly Tylers zunehmend verlogener und selbstgerechter. Neben ihrer stümperhaften Kriminalermittlung und schwachen psychischen Leistung – es gibt kaum irgendwelche Aussprachen zwischen ihr, James und Gina – tritt dadurch überproportional ihr sexuelles Abenteuer als wehrhaft erduldetes Eigentum von James McGuane in den Vordergrund.

Allerdings ist dies kein Martyrium, wie sie es gerne suggerieren möchte, sondern ein passives Hinnehmen und Zurückweichen, um immer wieder die gleiche Droge erhalten zu können: Sex mit einem Prachtexemplar von Mann. Diese Selbststilisierung zur Märtyrerin, die ja bloß Gerechtigkeit und Wahrheit sucht, ist verlogen und dient letztes Endes nur als Vorwand für die geschilderten Sexszenen. Dass aus der Obsession nichts Gutes oder Kreatives entstehen kann, hätte man Carly gleich sagen können. Aber sie hätte ja nicht auf Rat gehört.

Letzten Endes bleibt von einem guten Start nur ein bitterer, etwas ekliger Nachgeschmack zurück. Ich würde das Buch kein zweites Mal in die Hand nehmen.

Originaltitel: Panic snap, 2000
319 Seiten
Aus dem US-Englischen von Jutta-Maria Piechulek

www.randomhouse.de

Michael Connelly – The Night Fire. (Thriller mit Bosch & Ballard 02)

Bosch & Ballard im doppelten Showdown

Drei Handlungsstränge, drei Ermittler: In L.A. wird ein Richter im Park erstochen, und Mickey Haller verteidigt den schizophrenen Mann, der dafür auf der Anklagebank sitzt. Sein Halbbruder Harry Bosch beschafft ihm den entscheidenden Zeugen…

Bosch bekommt von der Witwe seines Mentor John Jack Thompson eine Mordakte anvertraut: Darin befinden sich zahlreiche Unterlagen über den Tod eines Drogensüchtigen und Polizeispitzels – vor 29 Jahren. Da er selbst nicht mehr ermitteln darf, übergibt er die Mordakte an Detective Renee Ballard, die in der Nachtschicht der Hollywood-Kripo arbeitet. Ballard untersucht selbst bereits den Fall eines durch Feuer getöteten Obdachlosen. Doch wenige Tage später berichtet das CSI, dass der Brand gelegt wurde. Aber von wem?

Ob alle diese Fälle miteinander zu tun haben, muss sich noch erweisen. Ein Merkmal haben die Opfer bzw. Angeklagten gemeinsam: Sie sind bzw. waren alle ausgegrenzte Außenseiter…
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Lee Child – Blue Moon (Jack Reacher 24)

Reacher, die Ein-Mann-Armee

Eine namenlose Stadt im Südwesten der USA haben sich kriminelle Banden aus der Ukraine und Albanien unter sich aufgeteilt. Demarkationslinie ist die Center Street. Als Reacher sich durch die Unterstützung eines Schuldners einmischt, entfacht er unwissentlich einen Bandenkrieg. Er findet heraus, dass erst seit wenigen Monaten die Qualität der Unterdrückung drastisch zugenommen hat, verursacht durch die Hightech-Informatik eines gescheiterten IT-Unternehmers. Reachers Weg ist vorgezeichnet: Er muss das schwer bewachte „Adlernest“ ausräuchern. Doch um dies zu vollbringen, braucht er sehr kompetente Leute – und eine schlaue Freundin…

Der Titel verweist auf ein sehr unwahrscheinliches Ereignis: einen blauen Mond. Er ist in den USA sprichwörtlich.
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Parker, Robert B. – Stardust – Ein Spenser-Krimi

_Spenser auf Spurensuche: Das Kind in der Diva_

Seine Freundin Susan bittet Spenser, auf Jill Joyce, die Hauptdarstellerin der TV-Serie „50 Minutes“ aufzupassen und herauszufinden, wer sie belästigt. Nach dem Mord an Jills Double macht sich Spenser auf die Suche nach dem Hintergrund der zickigen Schauspielerin, die dem Alk verfallen ist. Was er findet, ermutigt ihn nicht gerade. Und als er zurückkehrt, verschwindet Jill auch noch. Ist sie entführt worden?

Der deutsche Titel dieses „Spenser“-Krimis lautet „Starallüren“. Wie einfallsreich.

_Der Autor_

Der US-Autor Robert B. Parker, 1932-2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Parker lebte in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen fast alle seine Krimis.

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) „Night and Day“
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) „Family Honor“
2) „Perish Twice“
3) „Shrink Rap“
4) „Melancholy Baby“
5) „Blue Screen“
6) „Spare Change“

Unter anderem in der „Spenser“-Reihe, die derzeit 39 Romane umfasst, erschienen:

[„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818 , „Widow’s Walk“, „Potshot“, „Hugger Mugger“, „Potshot“, „Small Vices“, „Bad Business“, „Back Story“ …

Und viele Weitere.

Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) „und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten „Chandler“-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

_Handlung_

Spensers Freundin Susan Silverman, die Psychologin, ist als „technische Beraterin“ von einer Filmproduktionsfirma angeheuert worden. Zenith Meridien dreht gerade in Boston eine Folge der TV-Serie „Fifty Minutes“, mit der etwa 40-jährigen Diva Jill Joyce in der Hauptrolle. Jill ist Amerikas Darling und der größte Zuschauermagnet seit dem „Denver-Clan“. Dumm nur, dass sie so eine Zicke ist, findet Spenser. Er soll herausfinden, wer sie am Telefon belästigt, doch als er sie zum ersten Mal allein sprechen kann, betrinkt sie sich und will ihn ins Bett kriegen. Dabei baumelt hinter ihr eine gehängte Puppe von ihr selbst von der Decke …

Klar, dass Jill jetzt irgendwie in Gefahr zu schweben scheint und Schutz braucht. Doch sie provoziert weiterhin ihre Beschützer. Eines Morgens will ein früherer Verehrer sie allein in seinem Auto sprechen, was Spenser nicht zulassen kann. Er schlägt den Bodyguard zusammen, was ihm bei ihr ein paar Pluspunkte einbringt. Vorerst. Als er den Herrn des Bodyguards, einen Mister Rojack, besucht, bringt die Unterhaltung ein wenig Licht in das Liebesleben der Diva, über das sie selbst absolut nichts sagen will. Es gibt sogar einen jungen Mann , der in den nahen Wäldern lebt, der tatsächlich noch mit ihr verheiratet ist. Die beiden stammen aus San Diego oder L. A. Wilfred Pomeroy ist harmlos, findet Spenser und erwähnt ihn der Polizei gegenüber nicht. Böser Fehler.

Als Jills Double erschossen aufgefunden wird, sieht Spenser keine andere Möglichkeit herauszufinden, wer es auf sie abgesehen hat, als selbst an die Westküste zu reisen und Jills Hintergrund zu recherchieren. Nacheinander treibt er folgende Individuen auf, von denen sie ihm nichts erzählt hat:

1) Ihre Mutter Vera, eine apathische und arbeitslose Alkoholikerin.
2) Den Vater ihrer Tochter, einen Gangsterboss, mit dem nicht zu spaßen ist.
3) Ihren Vater, einen alten, aber rüstigen Mann, der einen Revolver besitzt.
4) Und ihren Agenten, der Spenser auf die Palme bringt.

Mit so vielen Erkenntnissen, aber keiner Spur in der Tasche kehrt der Privatdetektiv nach Boston zurück. Nur um gesagt zu bekommen, dass sein Schützling ihren Beschützern ein Schnippchen geschlagen hat. Sie zog klammheimlich in ein anderes Hotel, doch von dort verschwand sie am nächsten Morgen spurlos. Wurde sie entführt?

_Mein Eindruck_

Obwohl dieser „Spenser“-Krimi die gleichen Zutaten aufweist wie die anderen, hat er mich nicht recht überzeugt. Wieder folgt Spenser den Spuren in die Vergangenheit einer Frau, genau wie in „Paper Doll“ und stößt dort auf zahlreiche Ungereimtheiten und sogar Verbrechen. Natürlich ist „Jill Joyce“ nur ihr Künstler- und nicht ihr richtiger Name: Sie wurde als Jill Zabriskie geboren. Da sie, wie Jesse Stones Exfrau Jenn, ebenfalls Schauspielerin werden sollte, nahm sie einige Demütigungen auf sich, ließ sich mit dem aufstrebenden Gangsterboss Victor del Rio ein und bekam von ihm ein Kind. Das gab sie zur „Adoption“ an ihn frei, im Gegenzug für zahlreiche Starthilfen bei Film und Fernsehen – ihr unaufhaltsamer Aufstieg begann.

Der Autor demontiert hier den Mythos der strahlenden Leinwandgöttin ebenso wie den der unschuldig handelnden, aber sexy aussehenden Seelenhelferin, den die Amis so lieben. Beides wird als Lüge entlarvt. Und wie schon in „Paper Doll“ haben der Alkoholismus und die Nymphomanie der Diva sehr viel mit dem zu tun, was ihr in der Kindheit und Jugend angetan wurde, auch in der eigenen Familie.

All die Wiederholungen der gleichen Motive lassen diesen Krimi – der drei Jahre vor „Paper Doll“ veröffentlicht wurde – auf mich nicht gerade originell wirken. Hinzukommt, dass der Autor mehrere seiner vorangegangenen Romane zitiert, die ich noch gar nicht gelesen habe – so als wolle er sich bei seiner Lesergemeinde anbiedern. So wird auf Paul Giacomin Bezug genommen, der in „Pastime“ eine wichtige Rolle neben Spenser spielt. Andererseits würde es merkwürdig wirken, täte sich der Detektiv NICHT an seine früheren Fälle erinnern, nicht wahr? Amnesie wirkt nicht geradezu professionell bei einem Ermittler.

Immerhin hat mir der Schluss sehr gut gefallen. Die wiederbeschaffte Jill muss sich von einem seelischen Zusammenbruch erholen und Spenser gewährt ihr die nötige Ruhe und Stille in einer einsamen Hütte im Wald. Nur die drei Hunde des dahingeschiedenen Wilfred Pomerey leisten den beiden Gesellschaft. Und tatsächlich sind die Hunde die einzigen, auf die die Frau wieder anspricht. Während die Filmgesellschaft, die Polizei, die Medien und natürlich Rojack allesamt durch Spenser abgewehrt werden, scheint sich Jill Zabriskie endlich wieder seelischer Gesundheit anzunähern. Doch kann Spenser allein bestehen? Er wird Hilfe brauchen …

|Fehler|

Auf Seite 79 verwechselt der Autor ganz klar die beiden Namen Rojack und Randall miteinander. Kann jedem Autor passieren, sollte aber jedem Lektor auffallen.

_Unterm Strich_

Dadurch, dass ich dieses ältere Buch vor dem drei Jahre später veröffentlichten Krimi „Paper Doll“ (1993) gelesen habe, wirken seine Ideen wie eine Wiederholung der gleichen Grundmuster und Kernmotive: Die Reise in die Vergangenheit einer bedrohten oder getöteten Frau rüttelt an den Legenden, die sie umgeben, sowie an diversen anderen Glaubenssätzen. Diesmal sind nicht der tiefe Süden oder ein Senator das Ziel der Kritik, sondern das Mediengeschäft, das erbarmungslos den Marktwert eines Menschen ausbeutet, um Kasse zu machen. Klar, dass dies nicht allzu lange gutgehen kann.

In seiner lässigen, aber unerschrockenen und integren Art führt Spenser die Ermittlung bis zu ihrem logischen Showdown. Das ist für Kenner und Neulinge sicher recht spannend, aber ich fand die langen detaillierten Beschreibungen der Umgebungen, in die der Held vordringt ermüdend und nutzlos. Außerdem sind die Cops immer die Guten, auch wenn es mal ein paar schwarze Schafe drunter gibt – im Großen und Ganzen sind sie alle okay. Dass dies nicht stimmt, zeigen die Krimis von Stuart MacBride, Ian Rankin und vor allem von Michael Connelly.

Für die besten Szenen sorgen Susan Silverman, Spenser und sein schwarzhäutiger Kumpel und Helfer Hawk. Diese dynamische Trio liefert nicht nur die besten Einzeiler, sondern auch jede Menge schwarzen Humor, der auch mich ins Schmunzeln brachte und gut unterhielt. Das bewahrt den Krimi vor weiteren Punktabzügen.

|Taschenbuch: 289 Seiten
ISBN-13: 978-0425127230|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/berkley.html

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066

Kerley, Jack (J. A.) – Buried Alive

_Jagdszenen in Kentucky: Ein Folterknecht geht um_

Carson Ryder, Alabama-Polizist mit Psychologieausbildung, nimmt Urlaub in Kentucky – und findet sich alsbald in eine Ermittlung von grausen Serienmorden verwickelt. Nicht genug damit, dass sein halbseidener Bruder nebenan wohnt, so verliebt sich Ryder auch noch in die Lokalpolizistin Donna Cherry. Kein Wunder, dass sie schon bald in höchster Lebensgefahr schwebt und er sein Leben einsetzen muss, um sie vor dem Rachefeldzug des Psychopathen zu bewahren.

_Der Autor_

J. A. Kerley ist ein ehemaliger Werbeautor und stammt aus Newport, Ohio, hat aber eine Zeitlang an der Küste von Alabama gelebt. Dort kennt er sich ebenso gut aus wie in Ohio und Kentucky. Kerley ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mehr Info findet man auf [seiner Webseite]http://www.jackkerley.com/aboutjack.html .

Romane aus der |Carson Ryder|-Reihe:

1) „The Hundredth Man (dt. Titel: „Einer von Hundert“ bei Ullstein)
2) „The Death Collectors“ (dt. Titel: [„Der letzte Moment“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2124 bei Ullstein)
3) „The Broken Souls“
4) „Blood Brother“ (dt. Titel „Bestialisch“, bei Ullstein)
5) „In the Blood“
6) „Little Girls Lost“
7) „Buried Alive“

_Handlung_

Carson Ryder ist Spezialermittler in Mobile, der Hauptstadt von Alabama. Weil er dazu beigetragen, ein paar böse Jungs hinter Gitter zu bringen, die psychisch höchst labil waren, ruft ihn die Leiterin des Institutes für die Behandlung geist gestörter Gewaltverbrecher an, um ihr zu helfen. Ein Anwalt aus Memphis, Tennessee, will unbedingt einen ihrer Patienten hypnotisieren, um Informationen über frühere Verbrechen aus ihm herauszuholen. Carson soll wie sie sein Veto einlegen. Als er den Namen des Kandidaten hört, zögert er nicht lange, sondern rast gleich los: Bobby Lee Crayline.

Crayline betritt das Behandlungszimmer, denn Ryder und die Leiterin haben es nicht geschafft, den Anwalt zu stoppen. Dieser Lackaffe mit dem sauteuren Anzug droht vielmehr damit, das Institut dichtzumachen, indem er ihm das Grundstück entziehen lässt. Crayline ist ein Muskelprotz, der in der XFL-Schaukämpfe absolviert hat: Die XFL ist die Extreme Fighting League – sie ist wesentlich härter als Kickboxen und Wrestling zusammen. Er schüchtert sogar den Bodyguard des Anwalts ein, bevor man ihn ankettet. Ryder und die Leiterin müssen draußen warten.

Als aus dem Raum Schreie dringen, dringt Ryder ein, um das Schlimmste zu verhüten. Zu spät! In einer übermenschlichen Kraftanstrengung reißt sich der XFL-Champion mitsamt Kette los, verdrischt den Leibwächter und stürmt aus dem Raum, dabei Ryder aus dem Weg fegend. In Nullkommanix legen den Hünen jedoch Lähmgewehre flach. Auf dem Rücktransport ins Gefängnis kommt es jedoch zu einem folgenschweren Unfall. Ryder sieht bloß die Rauchwolke, folgt ihr und entdeckt einen brennenden Transporter. Von Crayline keine Spur! Die Cops lassen alle Straßen sperren – doch Crayline scheint wie vom Erdboden verschluckt …

|Sechs Monate später|

Ryder nimmt den empfohlenen Urlaub und geht in Ost-Kentucky klettern. Dort erstreckt sich die malerische Felsenschlucht des Red River in den Appalachen. Man kann hier auch fabelhaft wandern, findet er, und einen Gefährten hat er auch: Seine Promenadenmischung Mix-up. Perfekt, findet Ryder. Er glaubt, er hat diese Ferien von der Vermieterin in einer Art Losziehung gewonnen und ließ sich nicht zweimal bitten. Doch es steckt jemand ganz anderes dahinter.

Er wandert gerade arglos durch den Bergwald, als sein Handy einen dringenden Notruf an ihn auffängt. Es ist definitiv eine Frauenstimme, doch der schlechte Empfang verstümmelt die Sätze. Er versteht nur „Donna Cherry“, eine Polizistin und eine GPS-Koordinate. Er eilt sofort hin – und macht sich dadurch unverhofft an einem Tatort verdächtigt. In einer verfallenden Hütte liegt ein gefesselter Mann, dem eine Lötlampe im Anus steckt. Dampfwolken steigen wie Geister aus den Nasenlöchern in seinem demolierten Gesicht. Vor Entsetzen gelähmt, wehrt sich Ryder nicht, als der Sheriff und sein Team wie eine Ladung Ziegelsteine über ihn kommen und ihn zusammenschlagen.

Es dauert eine ganze Weile, bis Donna Cherry ihre Abneigung gegen diesen verdächtigen Eindringling in ihrem Revier ablegen kann. Wenigstens kann sich Ryder als Polizist aus Mobile ausweisen, das ist ja schon mal was. Aber als die nächste Leiche gefunden wird, ist es ausgerechnet der Auswärtige, der die entscheidende Spur findet: Die Frau wurde vor ihrem Tod ebenfalls ausgiebig gefoltert – durch wiederholtes Ertränken in einem Stauweiher. Welche Irre kann es auf die ehemalige Lehrerin abgesehen und sie wie eine Hure aufgetakelt haben?

Doch dies ist nicht die letzte Leiche: Der fahrende Sandwichverkäufer Sonny Burton wurde, wie Ryder herausfindet, wiederholt von seinem eigenen Laster zerquetscht, bis ihm das Lebenslicht endgültig ausging. Die drei Leichen verbindet, dass ihre Fundkoordinaten auf einer Webseite zu finden sind, die mit einem merkwürdigen Symbol markiert ist: =(8)=. Dieses sagt niemandem etwas, auch nicht Ryder.

Nachdem die Leiche eines weiteren Toten auf dem Transport jedoch entführt worden ist, wissen Ryder und Cherry, dass ein extrem gewiefter und besessener Killer in der Gegend sein Unwesen treibt. Das FBI ist bereits im Anmarsch, um die Ermittlung aus den hilflosen Händen von Sheriff Beale zu übernehmen. Dessen Teamleiterin ist eine Eiskönigin namens Krenkler, die ihre Männern wie Laufburschen behandelt. Na prost, denken Ryder und die zur Wasserträgerin degradierte Ermittlerin Cherry. Sie gehen fortan heimlich eigene Wege.

|Entdeckungen|

Ryder macht zwei bestürzende Entdeckungen. Im Nachbarhaus wohnt nicht etwa der kanadische Professor Charpentier, wie alle glauben, sondern Ryders eigener Bruder, der psychopathische Exknacki Jeremy Ridgecliff. Weil Ryder weiß, dass Jeremy ein Meister der Verstellung ist, ahnt er bereits, wer jenen Notruf an sein Handy abgesetzt und ihn in diese Sache hineingezogen hat. Und vielleicht hat Bruderherz sogar den Beginn und die Verlängerung seines Bergaufenthaltes arrangiert. Ryder soll ihm die Cops vom Hals halten. Aber was hat sein Bruderherz in diese Waldeinsamkeit getrieben – doch wohl nicht eine kreative Pause, um an der Börse zu spekulieren, oder?

Die zweite Entdeckung macht Ryder, der seinen verschwundenen Hund sucht, auf einem der zahlreichen Campingplätze des Naturschutzgebiets: einen Wohnwagen mit allen Schikanen – und einer schweren Kawasaki, die nur ein Schwergewichtler auf eine so hoch angebrachte Halterung heben könnte. Sollte Crayline etwa hierher gekommen sein, hunderte Meilen von Alabama entfernt? Hat er mit den Serienmorden zu tun? Aber worin liegt sein Motiv?

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Crayline macht Jagd auf seinen Lieblingspolizisten. Schon bald muss Carson Ryder zeigen, was er an Kletterkünsten gelernt hat …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen Autor noch nicht gekannt, aber er wurde mir von amazon.de empfohlen, als ich mal wieder Stuart MacBride kaufte. Ich muss sagen, dass ich keinen Fehlgriff getan habe und froh bin, einen so kompetenten und einfallsreichen Autor wie J. A. Kerley kennengelernt zu haben.

Fernab von den abgegrasten Gefilden an der Ostküste – von Maine bis Florida (Patricia Cornwell) – oder in Los Angeles (Michael Connelly) lässt der Autor seinen Helden im unerforschten Hinterland aktiv werden. Im hintersten Kentucky und Alabama, also im Bibelgürtel, gibt es ebenfalls jede Menge böse Buben und Mädels, denen es auf die Finger zu klopfen gilt. Aber es gibt überall auch die Guten mit den weißen Hüten; man muss sie nur finden und sich mit ihnen anfreunden.

|Schatten der Vergangenheit |

Die obige Handlungsskizze lässt (hoffentlich) nicht vermuten, worum es im Grunde geht. Im Hinterland gibt es nicht allzu viele illegale Vergnügungsattraktionen, sieht man mal von Prostitution und Glückspiel ab. Hunde- und Hahnenkämpfe sind schon eher was Interessantes, die Extreme Fighting League (XFL) ist sogar noch besser – aber ebenso extrem teuer. 50 Dollar pro Ticket sind kein Pappenstiel.

Deshalb zogen vor 20 Jahren ein findiger Prediger und eine ebenso findige Exlehrerin die Vorstufe zur XFL auf: Sie bildeten Jungs dazu aus, vor Publikum superharte Kämpfe auszutragen, in einer Abart des Kickboxens. Allerdings ohne Handschuhe und nur mit einem Hodenschutz. Crayline war offenbar eine Zeitling Mitglied dieser knallharten Truppe. Und wie alle Jungs wurde auch er laufend sexuell missbraucht.

|Faktor X|

Kein Wunder also, dass jemand wie Crayline sich an seinen Peinigern von damals rächen will. Dumm nur für Ryder und Cherry, dass die Gleichung nicht ganz aufgeht. Es fehlen unbekannte Faktoren, so etwa die Frage, wer mit der Bezeichnung „Der Colonel“ gemeint war und wer nach Craylines Abgang die Serienmorde in Kentucky fortsetzt. Um die Antworten auf diese Fragen zu erhalten, müssen sich Ryder und Cherry in Lebensgefahr begeben. Sie landen im alten Ausbildungslager. Und wie vor 20 Jahren die Jungs werden auch sie jetzt den Hunden vorgeworfen …

Nicht genug mit diesen spannenden Fragen, so tritt auch noch ein weiterer Faktor hinzu: Ryders Bruder. Welche finstere Rolle hat er in diesem ganzen verzwickten Szenario zu spielen? Warum hat er Ryder überhaupt erst nach East Kentucky gelotst und ihn in die Polizeiarbeit vor Ort verwickelt? Nach allem, was Ryder über sein Bruderherz weiß, kann es nichts allzu Gutes sein. Umgekehrt gilt aber das Gleiche: Was weiß Jeremy über Carson so Unappetitliches, dass dieser ihn nicht sofort enttarnt und den Cops übergibt? Wie sich erweist, hat dies sehr viel mit ihrer eigenen Familie zu tun.

Ich fand es sehr spannend, eine Handlung mit mehreren doppelten Böden vorgelegt zu bekommen. Kaum war das erste Rätsel gelöst, tat sich bereits das nächste auf. Nicht genug damit, erreichten die Actionszenen einen hohen Grad von Spannung und Tempo. Die Action wechselte sich in wohltuendem Rhythmus mit Phasen der Erholung (Liebe mit Cherry) und des Nachdenkens (Cherry, Jeremy) ab. Um auch das Nachdenken nicht zu lässig werden zu lassen, sorgt das FBI für ständigen Druck auf der Ermittlung.

|Fehler oder nicht?|

Auf Seite 178 stieß ich auf einen unerklärlichen Fehler des Autors. Gleich in der dritten Zeile des 26. Kapitels (alle 56 Kapitel sind ziemlich kurz) wird der Name „Crayline“ als Täter genannt. Dabei suchen doch Ryder und Cherry immer noch den Urheber jener Folterszenen. Die Nennung kann nur ein Fehler sein, denn sie führt dazu, dass der Leser zu früh Bescheid weiß. Der Fehler ist ein Hinweis auf ein schlechtes Lektorat.

_Unterm Strich_

Dieser Krimi erschloss mir nicht nur einen mir bis dato unbekannten Autor, sondern auch eine reizvolle Geographie, nämlich die Schluchtenlandschaft von Ost-Kentucky. Ich war sofort an die alten Trapper-Romane von James Fenimore Cooper erinnert, aber auch McCarthys Endzeitroman „Die Straße“ spielt streckenweise hier in den Appalachen.

Mit Carson Ryder tritt ein interessanter Ermittler auf, der selbst einiges aus seiner Vergangenheit zu verbergen hat – nicht zuletzt auch die Exustenz eines Bruders, der nicht gerade zu den Lämmern mit der weißen Weste zählt. Diese Elemente machen auch die vorliegende Ermittlung recht knifflig, obwohl doch bereits Faktoren wie die Affäre mit einer Polizistin und der Auftritt von FBI-Agentin Krenkler, der Eiskönigin, nicht gerade einfache Hindernisse sind.

Die Ermittlung führt Ryder & Co. zwanzig Jahre in die Vergangenheit von Kentucky und Alabama, als Jungen ihren Familien weggenommen wurden und in einer Kämpfertruppe für illegale Schaukämpfe auf dem Lande ausgebildet wurden. Für die erlittenen Peinigungen rächt sich nun jemand wieder an den Übeltätern und Verantwortlichen. Abgründe der Perversion tun sich auf.

Doch das Ziel der Kritik ist nicht nur die Perversion, sondern deren moderne Fortsetzung mit den Mitteln von Fernsehen und Internet: Die XFL gibt es offenbar immer noch, von der Wrestling-Liga ganz zu schweigen. Aber warum? Welcher Trieb des Menschen wird mit der brutalen Gewalt befriedigt? Die Antwort wird keinem Leser gefallen: Es ist immer noch der uralte Adam, der Blut sehen und seinen Gegner im Dreck verenden sehen will. Was noch beunruhigender ist: Den Frauen am Ring gefällt dieses Geschehen auch.

|Taschenbuch: 390 Seiten
ISBN-13: 978-0007328130|
http://www.harpercollins.com

Eric Van Lustbader & Robert Ludlum – Die Bourne-Intrige (Jason Bourne 7)

Agenten-Duell: Treffen der Titanen

Nach ihrem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel in „Das Bourne Attentat“ tauschen Jason Bourne und Leonid Arkadin die Rollen von Jäger und Gejagtem. Als Bourne in einen Hinterhalt gerät und schwer verletzt wird, täuscht er seinen Tod vor und geht in den Untergrund. In dieser relativen Sicherheit nimmt er (wieder einmal) eine neue Identität an und begibt sich auf eine Mission, um herauszufinden, wer ihn töten wollte. Er beginnt zu hinterfragen, wer er in Wirklichkeit ist, wieviel von sich er der Bourne-Identität schuldet und was er werden könnte, wenn diese ihm fehlen würde.

Ein amerikanisches Passagierflugzeug wird über Ägypten abgeschossen, und der Verdacht fällt auf den Iran. Eine globale Ermittlungsgruppe wird zusammengestellt, um die Wahrheit herauszufinden, bevor die Sache sich zu einem Krieg auswächst. Auf seiner Mission gerät Bourne in Kontakt mit dieser Gruppe. Sein Weg führt ihn dadurch in eine der gefährlichsten und kritischsten Situationen, in denen er sich je befunden hat. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt – und gegen einen unbekannten Killer…
Eric Van Lustbader & Robert Ludlum – Die Bourne-Intrige (Jason Bourne 7) weiterlesen

Lustbader, Eric Van / Ludlum, Robert – Der Bourne-Betrug (Jason Bourne 5)

Agenten-Action nach Schema F

Jason Bournes einziger Freund Martin Lindros, der Stellvertretende Direktor des Geheimdienstes Central Intelligence, wird bei einem Kommandoeinsatz in Äthiopien von Terroristen gefangen genommen und verschleppt. Da Bourne der Einzige ist, der ihn befreien könnte, bittet ihn der CI-Direktor, Lindros zu befreien.

Doch vor Ort stößt Jason auf Spuren starker Radioaktivität. Womöglich wollen diese Terroristen eine Atombombe bauen. Er ahnt nicht, dass nicht nur der Geheimdienst CI und die Hauptstadt Washington, sondern besonders er selbst im Fadenkreuz der Terroristengruppe ist. Sie wollen sich für ein Verbrechen rächen, an das sich Jason nur in seinen schlimmsten Albträumen erinnern kann.
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Connelly, Michael – Spur der toten Mädchen

_Vorhersehbar und unoriginell: Ermittlung plus Gerichtsverfahren_

Strafverteidiger Mickey Haller wird vom Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles County eingeladen, an dessen Stelle einen freigelassenen Kindermörder erneut vor Gericht zu stellen. Obwohl Mickey riecht, dass er hier (wieder mal) übern Tisch gezogen werden soll, nimmt er die Herausforderung an. Jason Jessup tötete offenbar vor 24 Jahren die zwölfjährige Melissa Landy. Doch eine DBS-Probe entlastet ihn nun, er wird freigelassen.

Mickey und sein Hauptermittler Harry Bosch sind überzeugt, dass Jessup erneut töten würde. Also müssen Haller und sein Halbbruder, der LAPD-Veteran Harry Bosch, den Fall unbedingt gewinnen. Doch ohne es zu wollen, bringt Mickey damit seine eigene und auch Harrys Tochter in tödliche Gefahr …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Auch „Der Mandant“, der erste Mickey-Haller-Roman soll hochkarätig verfilmt werden, doch es gibt „künstlerische Differenzen“, und so wurde der Regisseur ebenso gefeuert wie der Star Matthew „Hochzeitsplaner“ McConnaughey.

Zuletzt erschienen „So wahr uns Gott helfe“, „The Overlook / Kalter Tod“, „The Scarecrow/Sein letzter Fall“ (siehe meine Berichte) und „Nine Dragons/Neun Drachen“.

Weitere wichtige Romane:

„Schwarze Engel“ (1998)
„Der Poet“ (1996)
Schwarzes Echo (1991)
„Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002)
„Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime)
„Letzte Warnung“ (Lost light)
„Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows)
The Overlook (2008)

_Handlung_

|Das Angebot |

Bei einem teuren Mittagessen bekommt Rechtsanwalt Mickey Haller vom Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles County, Gabriel Williams, ein ungewöhnliches Angebot, das er fast nicht ablehnen kann. Haller soll diesmal an Williams‘ Stelle treten und die Staatsanwaltschaft gegen Jason Jessup vertreten. Das bedeutet, die Seiten von der Verteidigungs- zur Anklagebank zu wechseln.

Dafür braucht Mickey einen echt guten Grund. Null Problemo: Jason Jessup wurde vor 24 Jahren für den Mord an einer Zwölfjährigen zu Lebenslang verurteilt, allerdings nur aufgrund von wenigen Indizien, darunter einer DNS-Spur. Diese DNS-Spur wurde kürzlich von einem bürgerlichen Überprüfungsinitiative, dem GJP (Genetic Justice Project), als nicht zu Jessup gehörig identifiziert. Daher hat der Oberste Gerichtshof Jessup freigesprochen. Gleich darauf erhob die Staatsanwaltschaft erneut Anklage, denn nicht nur die DNS-Spur hat seinerzeit zu Jessups Verurteilung geführt. Leider ist die Staatsanwaltschaft mit dem Makel behaftet, sie habe Beweise manipuliert. Folglich bracuht sie einen Juristen besten Rudes, einen wie Mickey Haller.

|Harry Bosch|

Mickey will nicht, dass der Mörder erneut frei herumläuft, denn er hat selbst eine Tochter im Teenageralter. Doch natürlich stellt er Bedingungen. Harry Bosch, ein Cop, soll sein Ermittler sein und Margaret McPherson, Mickeys Exfrau, soll seine rechte Hand sein und nach Zentral-L.A. ziehen dürfen. Williams willigt ein, denn er bangt um seine Karriere als Bezirksstaatsanwalt. Doch schon bei der ersten Pressekonferenz muss er Mickey zurechtweisen. Mickey nimmts gelassen: Williams‘ könne ihn nicht mehr entlassen, sonst würde er unglaubwürdiger wirken, als er es eh schon ist.

|Die Ermittlung|

Mit seinen beiden Helfern macht sich Mickey ans Werk. Bosch hat den Verbrecher ins Gerichtsgebäude überstellt und die Beweise und Akten besorgt. Maggie hat die Geschichte des Falls aufgerollt. Melissa Landy lebte bis zu ihrem Tod in einer wohlhabenden Gemeinde von L. A., die unweit einer beliebten Kirche lag. Um die Kirche kurvten sonntags Abschleppwagen, um unrechtmäßig abgestellte Autos der Kirchgänger abzuschleppen und so ein gutes Geschäft zu machen. Jason Jessup war so ein Fahrer. Er wurde von Melissas Schwester Sarah identifiziert: Er habe Melissa entführt. Deren Leiche wurde in einem Müllcontainer gefunden, wenigstens wurde sie nicht vergewaltigt.

Aber Bosch hat mit Jessup kurz gesprochen. Er stellt Mickey eine unangenehme Frage: Was, wenn es nicht Jessup um seine Haftentschädigung gehe, sondern auch der Staatsanwaltschaft darum, eine millionenschwere Entschädigungszahlung zu umgehen? Was, wenn keiner Jessup verurteilt haben wolle, sondern es in Wahrheit nur um Geld ginge? Mickey ist jedoch überzeugt, dass es Williams ernst meinte, als er Mickey auf Jessup ansetzte. Wirklich?

Bosch gelingt es, die wichtigste Zeugin selbst nach 24 Jahren ausfindig zu machen: Sarah, Melissas Schwester, lebt nahe Seattle. Als er mit der Staatsanwältin Maggie dort eintrifft, findet er Sarah bei einer ehrlichen Arbeit vor: Sie ist künstlerische Glasbläserin. Und endlich runter von den Drogen, die ihr Leben zerstört haben. Zum Glück erkennt sie Jessup auf dem Foto sofort. Und sie hat eine Erklärung für die DNS ihres Stiefvaters auf ihrem Kleid, das an jenem Tag von Melissa getragen wurde …

|Mulholland Drive|

Der Special Investigation Service des LAPD sorgt für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung von Jessup. Bosch liest die Protokolle und stößt auf eine Besonderheit. Während sich Jessup in der ganzen Stadt seiner neuen Freiheit erfreut, treibt er sich nachts im Rotlichtviertel herum – und in den Parks am Mulholland Drive, hoch über dem Lichtermeer der Stadt. Was hat er dort zu suchen, wundert sich Bosch. Die Überwacher sagen ihm, Jessup sitze bloß da. Mitten in der Nacht? Soll das wirklich alles sein? Bosch beschließt, der Sache selbst vor Ort auf den grund zu gehen.

Im Park findet Bosch eine Stelle am Fuße eines großen Baums, an der eine Kerze angezündet wurde. Aus welchem Grund, fragt er sich, und entgegen der Vorschrift, im Park kein offenes Feuer zu entzünden. Er trifft Rachel Walling, die FBI-Agentin, der er seine Unterlagen zum Durchlesen gegeben hat. Sie eröffnet ihm, dass der Fall Jessup von Anfang an falsch interpretiert worden sei. Und dass Jason Jessup ein Wiederholungstäter ist, der wieder anfangen könnte, Kinder zu ermorden …

_Mein Eindruck_

Im Roman führt der Autor die zwei Erzählfäden um Mickey Haller auf der einen Seiten und Harry Bosch auf der anderen annähernd parallel. Das ist gar nicht mal so langweilig. Denn was Bosch, der paranoide Schnüffler, herausfindet, läuft so ziemlich dem zuwider, was Mickey Haller vor Gericht beweisen möchte: Dass Jessup vor 24 Jahren Gelegenheit und Motiv hatte, um ein zwölfjähriges Mädchen zu töten – was es nun neu zu verhandeln gilt.

Bosch findet jedoch heraus, dass Jessup eine ganze Reihe von Mädchenmorden auf dem Gewissen haben könnte. Und was macht die Verteidigung? Jessups Anwalt mag zwar aus England kommen, ist aber mit allen Wassern gewaschen. Er will die Schuld von seinem Mandanten – logisch! – abwälzen und beschuldigt seinerseits die Kronzeugin, es mit ihrem Stiefvater getrieben zu haben. Dieser vielmehr habe ihre Schwester auf dem Gewissen, nicht etwa Jessup.

Vor Gott und vor Gericht sind die Menschen bekanntlich wehrlos. Und so ist einfach alles möglich. Das ist ebenfalls spannend zu lesen – falls man auf Gerichtsverfahren steht, deren Ausgang schon meilenweit im Voraus abzusehen ist. Und das ist hier leider der Fall, guter Mickey. Dass Jessups Verteidiger es ausgerechnet mit der Richterin des Verfahrens verdirbt, ist zwar schön für Mickey, aber schlecht für die Spannung der Story: Das Pendel schwingt viel zu früh auf die eine von zwei Seiten.

Die wirkliche – und so ziemlich einzige – Überraschung folgt NACH dem Schuldspruch, jedoch vor dem Urteil, das eine Jury aus Schöffen zu fällen hat. Und mehr soll darüber nicht verraten werden, um nicht die Spannung zu verderben.

_Die Übersetzung _

Der Veteran Sepp Leeb hat auch diesen Connelly-Titel bestens übertragen, so dass sich der Text flüssig liest und der Jargon natürlich klingt. Druckfehler, die ja besonders im Taschenbuch verbreitet sind, konnte ich erstaunlicherweise keine entdecken.

_Unterm Strich_

Mickey Hallers ungewöhnlicher neuer Fall findet ihn diesmal auf der anderen Seite des Gerichtssaales. Es ist eine Erfahrung, die er allerdings nicht wiederholen möchte. Das Gerichtsverfahren und die es begleitende Ermittlung durch Harry Bosch liefern Wendung auf Wendung, doch das Ziel ist von vornherein ebenso klar wie der Ausgang den Erwartungen entsprechend.

Die eigentliche Überraschung erfolgt bei diesem nur mäßig spannenden Verlauf erst NACH dem Schuldspruch. Doch wer hofft, nun käme Bosch endlich zu seinem Recht, irrt leider auch hier, und der Showdown ist viel zu kurz. Der Autor ist eben ein grundsolider Polizeireporter, aber als Thrillerautor hätte er hier noch ein oder zwei Schippen Spannungsmomente drauflegen sollen. Irgendwie fehlte mir hier der ersehnte Adrenalinschub.

|Der arme Staatsanwalt?|

Gut möglich, dass Hallers Schöpfer, der hochgelobte und folglich einflussreiche Thriller-Autor Michael Connelly, in seinem Gerichtsroman diesmal der anderen Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte. Ach, wie schwer ist doch das Werk des Staatsanwalts! So soll wohl der erwünschte Stoßseufzer des mitleidigen Lesers klingen.

Leider verfehlte die Story diese Wirkung bei mir völlig. Staatsanwälte werden nämlich in den USA gewählt, ähnlich wie Sheriffs oder Bürgermeister. Das ist OK. Das ist Demokratie, also Volksherrschaft. Weniger OK ist, dass sie ihre politische Karriere, die sie durchaus zum Amt des Gouverneurs führen kann (nicht jeder Gouverneur muss ein Filmstar wie Reagan oder Schwarzenegger sein), von entsprechenden Lobbyisten bezahlen lassen und natürlich nicht vermeiden können, sich diesen Lobbys gefällig zu erweisen.

Der einzige Pfiff an diesem Thema besteht also darin, im Roman den Staatsanwalt wg. Befangenheit außen vor zu lassen und stattdessen einen Verteidiger diese Position einnehmen zu lassen. Zwar unterlaufen Mickey Haller ein paar Schnitzer, weil er manchmal die Seiten verwechselt, aber mit Hilfe seiner tüchtigen Sekundantin MacPherson kriegt er den Ball doch noch ins Tor. Man fragt sich daher: Wann macht es Michael Connelly endlich wie der selige Robert P. Parker und schreibt einen Roman über eine weibliche Anwältin oder Detektivin?

Ich jedenfalls hatte das Gefühl, für mein Geld nicht die erhoffte Unterhaltung geboten bekommen zu haben. Connelly hat inzwischen schon den nächsten Mickey-Haller-Roman veröffentlicht: „The Fifth Witness“.

Fazit: vier von fünf Sternen.

|Taschenbuch: 493 Seiten
Originaltitel: The Reversal (2010)
Übersetzung: Sepp Leeb
ISBN-13: 978-3426507902|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[www.michaelconnelly.com]http://www.michaelconnelly.com

_Michael Connelly auf Buchwurm.info (in Veröffentlichungsreihenfolge):_
|Harry Bosch:|
[„Schwarzes Echo“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[„Schwarzes Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Die Frau im Beton“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3950
[„Das Comeback“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarze Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Dunkler als die Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4086
[„Kein Engel so rein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1703
[„Vergessene Stimmen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5362 (Hörbuch)

[„Das zweite Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5290
[„Der Poet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642
[„Im Schatten des Mondes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„Unbekannt verzogen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Der Mandant“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4068
[„L.A. Crime Report“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4418
[„So wahr uns Gott helfe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6291
[„Sein letzter Auftrag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7088

Ace Atkins – Robert B. Parkers Little White Lies. A Spenser Novel (Spenser Nr. 46)

Spenser kämpft gegen Schwindler, Prediger und Waffenschieber

Von einer Klientin seiner Freundin Susan Silverman wird Privatdetektiv Spenser angeheuert, um einen Betrüger zu finden, der diese seine Exgeliebte um 260.000 Dollar erleichtert hat. Spenser stößt auf eine Spur von betrogenen Leuten und auf eine lebende Legende, die sich ihre Biografie zusammengelogen hat. Als der Betrüger zurückkehrt, muss Spenser seine Auftraggeberin davon abhalten, sich erneut in den Scharlatan zu verlieben – vergeblich.

Er selbst hat Mühe, sich den Kugeln zu entziehen, die von Killern abgefeuert werden, die überall dort auftauchen, wo sich der Betrüger herumtreibt. Doch Spenser, verstärkt durch Hawk und Sixkill an seiner Seite, bleibt hartnäckig. Die Spur führt nach Atlanta, Georgia, wo ein mysteriöser Prediger sein Unwesen treibt…
Ace Atkins – Robert B. Parkers Little White Lies. A Spenser Novel (Spenser Nr. 46) weiterlesen

Kerley, Jack – Einer von hundert

_Explosiver Showdown in Mobile, Alabama_

Man muss ein Dieb sein, um einen Dieb zu überführen. Und wie fasst man einen Serienmörder? Detective Carson Ryder hat auch hierfür gute Voraussetzungen: Sein Bruder sitzt als Frauenkiller hinter Gittern und versorgt ihn immer wieder mit wertvollem Insiderwissen. Doch diesmal scheint der Mörder schneller zu sein … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Jack A. Kerley lebt in Newport, Kentucky, seine Hauptfigur Carson Ryder arbeitet jedoch bei der Polizei von Mobile, Alabama. Der frühere Werbetexter ist verheiratet und hat mehrere Kinder.

Romane aus der |Carson Ryder|-Reihe:

1) „Einer von hundert“ (The Hundredth Man, 2004)
2) „Der letzte Moment“ (The Death Collectors, 2005)
3) [„Den Wölfen zum Fraß“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7064 (A Garden of Vipers, 2006)
4) [„Bestialisch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7063 (Blood Brother, 2008)
5) [„Buried Alive“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6817 (2010)
6) „Little Girls Lost“
7) „In the Blood“
8) „The Broken Souls“

_Handlung_

Als der obduzierende Gerichtsmediziner Alexander Caulfield im Dickdarm einer männlichen Leiche eine Bombe, ist er zu überrascht, um schnell genug zu reagieren. Die Explosion reißt ihm die Finger ab. Seine Laufbahn, kaum begonnen, ist schon wieder zu Ende. Aber seine Chefin Clair Peltier, die ihn kurz zuvor eingestellt hat, sieht eine günstige Gelegenheit, das Institut für Rechtsmedizin von Mobile, Alabama, einmal gründlich renovieren zu lassen. Doch es warten bereits weitere unangenehme Entdeckungen auf sie …

Als Carson Ryder und sein Partner bei der PSET-Arbeitsgruppe, Harry Nautilus, zu der Leiche im Park von Mobile gerufen werden, bemerken sie erst einmal den Menschenauflauf. Und das mitten in der Nacht. Was die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist der Umstand, dass die Leiche des Mannes geköpft wurde. Aber wo ist das edle Haupt? Der frühere Polizeisprecher jetzige Ermittlungsleiter Captain Squill und sein schleimender Schatten Brewley haben schnell eine Theorie bei der Hand: ein Racheakt. Ryder kauft ihm dieses lächerliche Ermittlungsvorgehen nicht ab und sucht ein wenig: Schnell wird man im Gebüsch fündig. Squill schäumt ob dieser Bloßstellung und schwört seinerseits Rache. Es soll nicht bei diesem Zusammenstoß bleiben. Squill will die PSET demontieren, das psychopathologische und soziopathologische Ermittlungsteam.

Allerdings bleibt es nicht bei dieser ersten geköpften Leiche. Nachdem es sich bei der Ersten um einen jungen Tunichtgut handelte, ist diesmal ein Grafikdesigner an der Reihe. Nichts scheint die beiden Männer zu verbinden. Doch beide verfügen über einen auffallend guten Körperbau und makellose Haut. Eine ganze Weile tappen Carson und Harry im Dunkeln und klopfen den Hintergrund der beiden Opfer ab. Wie sich herausstellt, haben beide Bekanntschaftsanzeigen in einem bestimmten Magazin der alternativen Szene von Mobile geschaltet oder beantwortet. Ist es wirklich reiner Zufall, dass das Gebäude genau dieser Redaktion wenig später bis auf die Grundmauern niederbrennt?

Ryder verbirgt ein schlimmes Geheimnis vor den Behörden und seinem Arbeitgeber. Sein Bruder Jeremy Ridgefield sitzt als psychopathischer Frauenmörder in einer psychiatrischen Anstalt mit Hochsicherheitstrakt ein. Aber Jeremy Hat seinem Bruderherz schon einmal im Fall eines Pyromanen und Serienmörders geholfen, was Carson den Aufstieg in die PSET-Spezialeinheit einbrachte. Nun besucht er ihn wieder. Doch Jeremy macht ihm schnell klar, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung gibt …

Der unglückselige Alexander Caulfield hat in der Gerichtsmedizin eine Nachfolgerin: Ava Davanelle. Carson interessiert sich für die am Operationstisch so strenge Frau. Doch als er zufällig ihr Gespräch mit Dr. Peltier, ihrer Chefin, belauscht, macht Davanelle einen ganz anderen Eindruck: niedergeschlagen, wütend, kurzum: völlig außer Fassung. Carson hat dieses Syndrom schon einmal beobachtet: bei einem Alkoholiker. Als es ihm gelingt, Ava zu einem Abendessen einzuladen, bestätigt sich sein Verdacht. Ihr Alkoholkonsum kennt keine Grenzen. Wenige Tage sieht er sich vor der Aufgabe, der haltlos gewordenen Geliebten unter die Arme greifen zu müssen, bevor sie in die Hände von Vergewaltigern und Mädchenhändlern fällt. Doch plötzlich verschwindet sie spurlos.

Zusammen mit Harry und der Mordkommission durchkämmt Carson ein immer größeres Gebiet. Darin stößt er auf den einsam lebenden Alexander Caulfield. Steckt er etwa hinter Avas Entführung?

_Mein Eindruck_

Wie schon in dem phänomenal konstruierten „Buried Alive“ (siehe meinen Bericht) gelingt Kerley in seinem Romandebüt ein spannendes Garn, das mich mit zahlreichen herausragenden Eigenheiten nicht nur überzeugt, sondern mit seinem actionreichen Finale auch völlig begeistert hat.

Zunächst fängt die Ermittlung ebenso verwirrend an, wie es für die Emittler sein muss. Carson Ryder ist jedoch ein ehemaliger Psychologiestudent, der von Nautilus zur Polizeiarbeit gebracht wurde. Er verfügt nicht nur über Einfühlungsvermögen, sondern auch über Einfallsreichtum und Kombinationsgabe. Allerdings ist er kein zweiter Sherlock Holmes, denn er lässt sich von seinem verbrecherischen Bruder helfen, wenn es um das Finden ausgefallener psychologischer Zusammenhänge geht. Mit dem Bruderherz Jeremy verbindet ihn eine leidvolle Familiengeschichte. Sie spielt auch in späteren Bänden immer wieder eine Rolle, denn psychisch sind die beiden Brüder aneinandergekettet.

Während sich Carson und Nautilus auf den üblichen Krümelpfad von Hinweisen begeben, gibt es zwei folgenreiche Entwicklungen. Captain Squill hat Ryder weiterhin auf dem Kieker, denn er will zum stellvertretenden Polizeipräsidenten gewählt werden. Und Squill unternimmt zusammen mit Brewley alles, um dieses Ziel zu erreichen. Zum Glück ahnen wir bereits, dass er dabei gegen Ryder den Kürzeren ziehen wird.

Die andere Entwicklung ist Carsons wachsende Zuneigung zu der alkoholkranken Ava Davanelle. Diese tiefer werdende Beziehung dient nicht etwa bloß der Vermenschlichung des Junggesellen Ryder, sondern führt später auch direkt zum Serientäter; denn dieser hat es auf Ava abgesehen. Abgesehen davon zeigt sich im Umgang mit der Frau nicht nur Carsons humanes Engagement, sondern auch sein Humor.

Der Serientäter entfernt den Opfern nicht nur den Kopf, er hinterlässt auch Botschaften. Die Botschaften, die er in die Haut eintätowiert, muten Ryder zunächst völlig rätselhaft an. Doch sobald er einen Schlüssel hat, ergeben auch diese Inschriften einen – nicht wenig perversen – Sinn. Leider ist ihm der Mörder immer einen Schritt voraus, und Ryder fragt sich nach dem Grund. Dann endlich schaut er sich die Installationen der Gerichtsmedizin mal genauer an …

Wie gesagt, hat mich am meisten jedoch das Finale überzeugt. In einem Regensturm suchen Carson und Harry den Fluss ab, der nach Mobile fließt, um nach dem Versteck von Avas Entführer zu suchen. Einfacher gesagt als getan. Erst kentert das Boot, dann müssen sie auch noch den reißenden Fluss überqueren. Carson entkleidet sich bis auf die Haut – und wo steckt er jetzt sein Messer, seine einzige Waffe, hin? Da kommt guter Rat teuer, aber wir kennen Ryder nicht: Er steckt das Messer unter die eigene Haut (autsch!), um beide Hände freizuhaben. Wie sich bald zeigt, wird er das Ding noch dringend nötig haben …

Der Showdown ist nicht nur packend und voller Überraschungen, sondern auch, wie es sich für Amis gehört, höchst explosiv. Da kann man nur hoffen, dass Ryder und Nautilus diesmal den Richtigen erwischt haben.

_Die Übersetzung _

Andree Hesse übertrug nicht nur in den meisten Fällen genau in der Bedeutung, sondern auch im Jargon und Tonfall. So etwas findet man selten. Deshalb merkt man beim Lesen auch schnell, dass sich die Ermittler immer etwas sarkastisch und schnoddrig ausdrücken. Kann man ihnen ja angesichts ihrer meist blutigen Arbeit nicht verdenken. Leider wurde Hesse schon im nächsten Kerley-Roman abgelöst.

Seite 96: „Gesicht …, das an der Decke prankte“. Richtig heißt es „prangte“.

Seite 276 und 288: Zunächst kann sich der Leser nichts unter einer „lividen Verfärbung“ der Haut einer Leiche vorstellen. „Livid“ kommt in unserem täglichen Wortschatz einfach nicht vor, wenn man kein Mediziner ist. Nur aus dem Kontext können wir allmählich erschließen, dass es „bläulich“ bedeutet. Der Übersetzer wollte den Fachjargon offenbar beibehalten.

Seite 297: Was hat sich der Leser denn unter „Diätsodawasser“ vorzustellen? Ganz einfach: eine kalorienarme Limo. Das hätte man aber auch so ausdrücken können, oder? Möglicherweise ist diese umständliche Ausdrucksweise auf das Redigieren des Textes zurückzuführen, so dass eine zusätzliche Zeile vor einem Absatz gewonnen wurde. Sprache geht manchmal seltsame Wege.

_Unterm Strich_

Die Ermittlung selbst ist nicht gerade eine Offenbarung für den Krimikenner, und selbstverständlich führt sie erst einmal in die Irre. Dass die Vorgesetzten die Ermittlung sabotieren, um sich selbst zu profilieren, kennt man ja schon von anderen Krimiautoren, so etwa Michael Connelly. Auch die obligatorische Romanze des Detektivs gehört zum Standardrepertoire.

Ungewöhnlich ist hingegen die Beziehung Ryders zu seinem Bruder, dem Frauenmörder: Kann er ihm wirklich trauen? (Natürlich nicht.) Etwas verblüffender ist da schon die Psychologie des Serientäters, über die hier leider nichts verraten werden darf. Einigermaßen umwerfend fand ich hingegen die Auflösung des Falls und das explosive Finale. Lediglich die Klischees und die Druckfehler hindern mich daran, diesem Thrillerdebüt die volle Punktzahl zuzusprechen.

Der Buchtitel bezieht sich auf das Bewerbungsverfahren, bei dem „einer von hundert“ zum Zuge kommt. Denn wenn nicht Caulfield von Peltier ausgewählt worden wäre, dann wäre Ava Davanelle die Kandidatin mit den hundert Punkten gewesen – und mit der Bombe …

|Taschenbuch: 458 Seiten
Originaltitel: The Hundredth Man (2004)
Aus dem US-Englischen von Andree Hesse
ISBN-13: 978-3548259499|
[www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc]http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc

_Jack Kerley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der letzte Moment“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2124
[„Buried Alive“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6817
[„Bestialisch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7063
[„Den Wölfen zum Fraß“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7064

Eric Van Lustbader – Schwarzes Herz

Stark gekürzt: Prophetische Vorhersage von 9/11

John Holmgren, Gouverneur des Staates New York und Bewerber um das Präsidentenamt, stirbt in den Armen seiner Geliebten Moira Monserrat. Sein bester Freund und Wahlkampforganisator, Tracy Richter, nimmt zuerst an, dass es ein Herzinfarkt war. Doch dann findet man Moira tot auf. Gibt es zwischen den beiden Ereignissen Zusammenhänge? Noch während Tracy, einst als Geheimagent in Kambodscha eingesetzt, über diese Frage nachdenkt, überstürzen sich die Ereignisse. Tracys Weg führt ihn von Washington nach Hongkong und von New York nach Shanghai …
Eric Van Lustbader – Schwarzes Herz weiterlesen

Karin Slaughter – Pieces of Her (Thriller)

Mutter und Tochter im Überlebenskampf

Ein schrecklicher Akt der Gewalt ist alles, was nötig ist, Andrea Olivers Leben auf den Kopf zu stellen. Ein Mörder, der in einen Schnellimbiss eindringt und zwei Frauen erschießt. Dann gerät auch Andrea in sein Visier, denn sie trägt eine Art Polizeiuniform. Doch ihre Mutter Laura stellt sich dem Mann entgegen. Stellt ihn, redet auf ihn ein. Tötet ihn.

Andrea hat überlebt, Laura hat überlebt, doch es nicht der Mörder, den die Polizei nun zu jagen beginnt, sondern die beiden Überlebenden. „Tötungsmaschine“, nennt eine angebliche Freundin Andreas Laura, ihre Mutter. Nicht Heldin. Und im Handyvideo, das ein anderer Imbissgast gedreht, sieht sie genau so aus. In der nächsten Nacht muss Andrea die Anweisungen ihrer Mutter befolgen und verschwinden. Denn nun hat auch sie selbst getötet…

Dieser Thriller, der keiner Serie zugehört, soll demnächst von Netflix verfilmt werden. Das gleiche gilt für „The Good Daughter“ und „Cop Land“.
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Dahl, Arne – Rosenrot

Dag Lundmark war Leiter einer rasch und effektiv durchgeführten Razzia. Der illegale Einwanderer Winston Modisane musste dabei sterben – aber war der Tod des Südafrikaners wirklich unvermeidlich? Paul Hjelm und Kerstin Holm vom A-Team ermitteln in einem Fall, der mehr mit ihnen selbst zu tun hat, als sie wahrhaben wollen. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Arne Dahl, geboren 1963, ist das Pseudonym des schwedischen Krimiautors Jan Arnald, der für jene schwedische Akademie arbeitet, die alljährlich die Nobelpreise vergibt. Seine Romane um Inspektor Paul Hjelm werden laut Verlag von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. 2004 wurde er mit dem wichtigsten dänischen Krimipreis ausgezeichnet, dem „Pelle-Rosenkrantz-Preis“. Mehr Infos unter http://www.arnedahl.net

Die Dahl-Krimis in chronologischer Reihenfolge:

1) [„Misterioso“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2841
2) [„Böses Blut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2416
3) [„Falsche Opfer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3730
4) [„Tiefer Schmerz“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5512
5) [„Rosenrot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3091
6) [„Ungeschoren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5087
7) „Totenmesse“

_Handlung_

|Der Fall A|

Dies ist die Ausgangsszene. Eines Morgens dringen schwer bewaffnete schwedische Polizisten in die Wohngemeinschaft von fünf schwarzen Asylbewerbern, die abgeschoben werden sollen, ein. Sie können vier der fünf sofort am Boden festnageln, doch der fünfte Asylbewerber, Winston Modisane aus Südafrika, wird von Polizist Dag Lundmark – seine Kollegen nennen ihn Dagge – ins Schlafzimmer gedrängt, wo das Fenster immer offensteht. Kaum dreht sich Dagge um, ergreift Modisane die günstige Gelegenheit und steigt aus dem Fenster zur Brandleiter. Er erklimmt sie und steigt aufs Dach, um von dort den üblichen Fluchtweg ins Dachgeschoss zu nehmen. Doch heute ist die Tür seltsamerweise versperrt. Er gibt keinen Ausweg. Modisane dreht sich um und hält eine Computerdiskette hoch. Dann wird der unbewaffnete Mann mit einem einzigen Schuss hingerichtet.

Diese Aktion hat nicht nur ein Nachspiel, sondern eine ganze Menge. Paul Hjelm und Kerstin Holm sind Kriminalpolizisten in Stockholm. Als Angehörige der A-Gruppe zur Ermittlung in Verbrechen mit internationalem Charakter schalten sie sich ein. Und im Fall des erschossenen Asylbewerbers haben sie sich natürlich einzuschalten. Ihr Chef ist Jan-Olov Hultin, der sich wie ein Oberlehrer aufführt. Als er sie zu sich zitiert, steht bei ihm der Chef der Inneren Abteilung, Niklas Grundström. Die Dienstaufsicht? Haben sie etwas ausgefressen, fragen sich Hjelm und Holm, die früher mal ein intimes Verhältnis hatten.

Grundström sucht Nachwuchskommissare. Er will, dass sich Hjelm und Holm bewerben. Sie können sich bewähren, am besten sofort, indem sie den Fall Modisane übernehmen. Als Holm jedoch den Namen des Schützen hört, erstarrt sie: Dag Lundmark war bis vor sieben Jahren – von 1992 bis 1994 – ihr fester Freund. Doch sie trennte sich von ihm, woraufhin er dem Alkohol verfiel. Er musste eine Entziehungskur machen, aus der er erst vor zwei Monaten entlassen wurde. Die Polizei in einem Stadtteil nahm ihn wieder auf – mit den bekannten Folgen. Holm erklärt sich für befangen und lehnt den Auftrag ab.

Doch sie lässt sich breitschlagen, dass Befangenheit nicht gegeben sei, und geht mit Hjelm ins Vernehmungszimmer. Dort sitzt bereits Dag und begrüßt seine Ex mit zynisch-schmeichelnden Worten. Doch seine weiteren Worte sind seltsam. In der späteren Auswertung des Überwachungsvideos wird deutlich, dass er eigentlich gar nicht mit Holm und Hjelm redet, sondern mit den zwei Männern hinter dem Einwegspiegel: mit Hultin und Grundström. Wieso?

Seine Angaben müssen selbstverständlich überprüft und mit den Aussagen der vier anderen Polizisten verglichen werden. Also: Modisane flüchtete plötzlich und Lundmark folgte ihm bis aufs Dach des Hauses. Dort zog der Flüchtige eine Pistole Marke Weylander und zielte auf Lundmark. Dieser schoss sofort in Notwehr und traf Modisane tödlich. Saubere Sache.

Holm wendet ein: Aber gehörte die Weylander nicht möglicherweise Lundmark? Woher sollte der Südafrikaner eine so teure Pistole haben? Sie glaubt, Lundmark habe eine illegale Waffe in die Hand seines Opfers gelegt. Und überhaupt: Warum blieb Modisane denn stehen, statt zu flüchten? Doch Lundmark erinnert Kerstin lediglich an die Inschrift in ihrem Verlobungsring, denn sie immer noch trägt: Viele Wasser können die Liebe nicht löschen – ein Zitat aus dem Hohelied Salomos. Sie wird unsicher. Als Lundmark fragt, ob man ihn festhält oder ihn dem Staatsanwalt übergibt, verneint sie. Er kann gehen. Doch Lundmark taucht unter. Er hat noch viel vor …

Im Nachhinein entdecken die Ermittler des A-Teams, dass rein gar nichts an den Angaben zum Tathergang stimmt. Die Notwehr war kaltblütiger Mord, Lundmark handelte im Auftrag eines wichtigen Pharmaunternehmens, und die Asylbewerber sind natürlich auch keine. Zu Modisane erhalten Holm und Hjelm nicht einmal Lebensdaten. Ja, der Tipp für den Einsatz kam nicht einmal von der Migrationsbehörde, sondern von einem Tonband! Der Fall wird immer rätselhafter. Unterdessen wächst Kerstins Nervosität, und sie dreht manisch an ihrem Verlobungsring: Sie fühlt etwas wie ein Schwarzes Loch auf sich zukommen, gesteht sie Paul, und bittet ihn, sie in der Not keinesfalls im Stich zu lassen. Besorgt schwört er.

|Der Fall B|

Ein zweiter Fall scheint nichts mit Modisane und Lundmark zu tun zu haben. Im gleichen Stadtteil wird ein stinkender Einbrecher aufgegriffen. Björn Hagmann stinkt unverkennbar nach Leiche. Nach Zusicherung eines Schlupflochs führt er Arto Söderstedt und Viggo Norlander vom A-Team in die Wohnung von Ola Ragnarsson. Dort finden sie einen Abschiedsbrief vor, doch wie sich herausstellt, wurde der Mann vor zwei Wochen mit Rattengift ermordet. Sie flüchten vor dem Gestank und den wimmelnden Maden ins Freie. Der Einbrecher nutzt die einmalige Chance und verschwindet.

|Der Fall C|

In seinem Abschiedsbrief gibt sich Ragnarsson als Serienmörder aus. Er habe auf einem Acker in Schonen, Südschweden, seine Opfer vergraben. Die Beamten werden nach einigem Suchen fündig. In schwarzen Plastiksäcken finden sie die sterblichen Überreste eines lokalen Bauernpaars, das seit Wochen im Urlaub geglaubt wird. Doch wo ist ihr Adoptivsohn, der siebenjährige Anders Sjöberg?

|Die drei Fälle|

… hängen alle auf eine Weise miteinander zusammen, die sich die Ermittler der A-Gruppe nicht hätten träumen lassen. Kerstin Holm hat immer stärker das Gefühl, dass das Schwarze Loch kurz davor ist, sie zu verschlingen. Sie ahnt nicht, dass es nicht nur um sie geht, sondern um ihre gesamte Abteilung.

_Mein Eindruck_

Selten bin ich auf einen derart verzwickt ausgetüftelten Krimi gestoßen – allenfalls bei Meistern wie Michael Connelly. Drei scheinbar völlig verschiedene Fälle werden aufs Engste miteinander verknüpft und zu einem immer dichteren Geflecht von bösen Vorahnungen und unheilvollen Vorausverweisen verwoben – Kerstins „Schwarzes Loch“. Schon lange vor dem Finale ist mir daher angst und bange geworden, was da wohl auf Kerstin Holm zukommen könnte. Doch dann setzt der Autor noch einen drauf, indem er die Bedrohung auf die gesamte Belegschaft der A-Gruppe ausdehnt, inklusive der schwangeren Sara Svenhagen.

Anders als der Anfang vermuten lässt, geht es nicht um Asylbewerber und wie sie von skrupellosen Geschäftemachern ausgebeutet werden. Dieses Thema hat schon Ian Rankin in seinem Krimi „So soll er sterben“ (Fleshmarket Close) zur Genüge beackert, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich hoffe, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass zwei der Asylbewerber als Industriespione nach Schweden gekommen sind. Doch ihre Spionage dient einem guten und hehren Zweck: Sie wollen ein eigenes Anti-Aids-Medikament produzieren, einen HIV-Blocker. Damit soll die extrem hohe Infektionsrate in Südafrika gesenkt werden. Ob es ihnen wohl gelingt? Es wäre ihnen zu wünschen.

Dieses Vorhaben hat nur sehr am Rande mit dem zu tun, was Dag Lundmark mit seiner Ex Kerstin Holm und ihrem Team vorhat. Es ist ein Mittel zum Zweck, um sie in seine Falle zu locken. Doch halt! Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Kerstin zu seinem Fall hinzugezogen wurde? Schuld daran ist nämlich Grundström. Und auf diesen hat es Lundmark möglicherweise abgesehen. Ich hätte erwartet, dass mindestens Grundström, wenn nicht sogar Hultin mordsmäßig Dreck am Stecken haben, wie man es zuweilen bei Rankin vorfindet. Doch leider läuft dieser Verdacht ins Leere. Diesen führungskritischen Ansatz fand ich ziemlich unbefriedigend umgesetzt. Nur einer in der polizeilichen Führungsetage findet den Tod, aber nicht in Stockholm.

|Ekel und Blut|

Bei ihren Ermittlungen stoßen Arto, Viggo, Jorge und Gunnar nicht nur auf halbflüssige Leichen, die vor Maden wimmeln. Auch Leichen in Plastiksäcken schrecken sie nicht so sehr, wie es ein abgeschlagener Kopf tut, der von der Türkante auf den werten Polizistenschädel kullert. Jorge hätte sich fast eingemacht, doch Gunnar kann ihn gerade noch beruhigen. Dieser Schädel blutet zwar, doch er beißt nicht.

|Botschaften|

Ganz im Gegenteil: Der Schädel trägt eine Botschaft – eine Zigarrenhülle steckt in der Kehle. Und wieder einmal hat der Killer, der sie an der Nase herumführt, ein Bibelzitat als Botschaft an seine Verfolger hinterlassen. Zum Glück gibt es ein paar Leute in der A-Gruppe, die genügend bibelfest sind, um die Hinweise zu entschlüsseln und auf die Psyche des Killers ein Licht zu werfen. Der Autor kann es sich nicht verkneifen, von einem netten, kleinen Bibelseminar zu sprechen.

|Humor|

Überhaupt macht er sich ein Späßchen daraus, wo immer nur möglich Aspekte des Humors und der Ironie aus seinen Szenen und Figurenbeschreibungen herauszukitzeln. Solche Humorblitze lockern die ansonsten recht düstere und beklommene Gefühlslandschaft der A-Truppe etwas auf. Im Finale legt der Autor einige makabre Aspekte an den Tag, und spätestens hier schlägt der Humor um in Bitterkeit . Das tut der Spannung aber keinen Abbruch, sondern hilft, den Leser abzulenken. Dann trifft ihn die Wucht der Bedrohung umso härter – genauso wie es den Helden der A-Gruppe ergeht.

Reichlich fragwürdig finde ich den Kniff des Autors, den Showdown mit dem Morgen des 11. September 2001 zeitlich zusammenfallen zu lassen. Die Bilder aus dem Fernseher sind so albtraumhaft, dass der Killer fragt: !Ist das echt?! Die gleiche Frage könnte man ihm stellen. Ob diese Verbindung im moralischen Sinne legitim ist, bezweifle ich. Aber die Parallele dürfte den Leser wie ein Tiefschlag treffen.

_Unterm Strich_

„Rosenrot“ ist ein sehr unterhaltsamer Krimi, der zwar realitätsnah erzählt wird, aber doch mit einer umso ausgetüftelteren Storyline bis zum Finale für Spannung sorgt. Splattereffekte haben ebenso ihren Platz wie der Psychohorror, der sich in Kerstin Holm entwickelt. Humoristisch-ironische Szenen sorgen für ein entspannendes Element.

Unbefriedigend sind lediglich die abgedroschenen Bibelzitate und die fehlende Darstellung der Schuld der Verantwortlichen. Auch die Parallele zum 11. September ist nicht ohne Weiteres hinzunehmen. Für mich steht jedoch fest, dass ich auch Dahls andere Krimis gerne lesen werde.

Der Autor bringt seinen Figuren spürbar Sympathie entgegen, und dieses Verständnis gilt auch für den oder die Schurken im Stück. Denn was ist es, was einen Menschen „böse“ macht? Es ist bei Dahl manchmal reine Ansichtssache. Und so kommen zwar Einbrecher recht ungeschoren davon, aber der Killer nicht. Es ist keine Schwarzweißwelt, die Dahl zeichnet, sondern eine mit vielen Grauzonen und fließenden Übergängen. Genau deshalb ist sie so interessant.

|Taschenbuch: 399 Seiten
Originaltitel: De största vatten (2002)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt
ISBN-13: 978-3492048095|
http://www.piper.de

Tess Gerritsen – Blutmale

Blutiger Okkultthriller: Angriff des Nephilim

An Heiligabend wird in einem Bostoner Stadtteil die zerstückelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Der Täter hat die Polizei selbst gerufen. Alles weist auf ein satanistisches Ritual hin, so etwa das lateinische Wort für „Ich habe gesündigt“ und drei umgedrehte Kreuze. Eve Kassovitz muss sich bei diesem Anblick übergeben, was ihr einige Sticheleien der männlichen Kollegen einbringt. Pathologin Maura Isles stellt zu ihrem Erstaunen fest, dass die gefundene linke Hand nicht zu dieser Leiche gehört, sondern zu einer, die sie noch finden müssen.

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Gerritsen, Tess – Blutmale

_Blutiger Okkultthriller: Angriff des Nephilim_

An Heiligabend wird in einem Bostoner Stadtteil die zerstückelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Der Täter hat die Polizei selbst gerufen. Alles weist auf ein satanistisches Ritual hin, so etwa das lateinische Wort für „Ich habe gesündigt“ und drei umgedrehte Kreuze. Eve Kassovitz muss sich bei diesem Anblick übergeben, was ihr einige Sticheleien der männlichen Kollegen einbringt. Pathologin Maura Isles stellt zu ihrem Erstaunen fest, dass die gefundene linke Hand nicht zu dieser Leiche gehört, sondern zu einer, die sie noch finden müssen.

Wenige Tage später ist auch Eve Kassovitz tot, und in ihrer Nähe sind drei umgedrehte Kreuze an eine Tür geschmiert. Die Tür gehört zur Luxusvilla von Anthony Sansone, der eine „Mephisto-Stiftung“ leitet, die sich nach eigenen Angaben der internationalen Verbrechensbekämpfung widmet. Doch Jane Rizzoli traut ihm ebenso wenig wie Maura Isles, die von Sansones bohrendem Blick eingeschüchtert wird. Und Janes Mann kann partout nichts über Sansone herausfinden. Er hat offenbar mächtige Beschützer …

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department. „Body Double“ trägt in der Übersetzung den treffenden Titel „Schwesternmord“. „Blutmale“ ist der sechste Roman in ihrer Serie um Detective Jane Rizzoli und die Rechtsmedizinerin Dr. Maura Isles.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

|Tess Gerritsen bei Buchwurm.info:|

[„Scheintot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3913
[„Schwesternmord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1859
[„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451
[„Der Meister“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1345
[„Die Chirurgin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2436
[„Roter Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1783

_Die Sprecherin_

Mechthild Großmann, geboren in Münster, spielte u. a. in Bremen, Stuttgart und Bochum Theater. Seit 1979 ist sie in Produktionen des weltberühmten Wuppertaler Tanztheaters von Pina Bausch in verschiedenen Schauspielrollen zu sehen. Sie drehte mit Fassbinder und spielte in zahlreichen Kino-und TV-Produktionen. Seit 2002 ist sie als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Münsteraner „Tatort“ zu sehen. Ihre tiefe unverkennbare Stimme prägte bereits mehrere Audioproduktionen bei Random House Audio.

Die Aufnahme der Hörbuchfassung von Edgar Weiß leitete Ergin Music, Hamburg, unter der Regie von Sabine Buß.

_Handlung_

|PROLOG|

Als der Archäologe Montague Saul zu Grabe getragen wird, nehmen dessen Bruder Peter und seine Frau Amy den Halbwaisen bei sich auf, denn dessen Mutter, Montagues Frau, scheint sich nicht um ihn zu kümmern, wie der fünfzehnjährige Junge erhofft. Mit gefühllosem Interesse beobachtet der Junge, der nun in eine neue Familie kommt, seinen elfjährigen Cousin Teddy, einen Bücherwurm, und seine sechzehnjährige Cousine Lilly, die ihn ganz besonders genau mustert.

Als Lily sich mit ihren Freundinnen auf dem Rasen hinter dem Haus sonnt, bemerkt sie befremdet, wie ihr neuer „Bruder“ die halbnackten Mädchen ungeniert betrachtet. Als sie ihn zur Rede stellt, zeigt er weder Scham noch Reue. Stattdessen entdeckt sie bei ihm das „Ägyptische Totenbuch“, in dem es um Tote und Gräber geht. Ein seltsamer Typ, ihr Cousin. Als er behauptet, darin stünden Zaubersprüche, mit denen man Tote zum Leben erwecken könne, schaut sie ihn nur mitleidig an und geht wieder, während ihre Freundinnen spöttisch kichern.

Als sie weg sind, durchsucht er Lillys Zimmer und besorgt sich ihre Haare aus der Bürste. Als alle zum Eisessen fort sind, bleibt er als Einziger daheim und entdeckt in Peters Arbeitszimmer eine Pistole, offenbar ein Erbstück. Er legt sie zurück. Niemand darf etwas merken. In der Nacht träumt er von seiner Mutter, die ihn „den Auserwählten“ nennt. Sie habe ihn die richtigen Rituale ihrer Jahrtausende alten Sippe gelehrt und er solle sie üben.

In der Vollmondnacht des 1. Augusts schlachtet er nackt eine Ziege im Wald und wäscht sich im nahen See. Als er zurückkehrt, erwartet ihn Lilly auf dem Rasen und will wissen, was er getrieben hat. Als er behauptet, nackt im See geschwommen zu haben, und er sie an der Taille berührt, haut sie ihm eine runter. Diese Demütigung soll sie ihm büßen. Sie und ihre ganze dämliche Familie …

|Haupthandlung|

Die Pathologin Dr. Maura Isles war gerade in einem katholischen Weihnachtsgottesdient, den der von ihr heimlich geliebte Polizeipfarrer Daniel Brophy zelebrierte, als sie einen Anruf von der Mordkommission des Bostoner Police Department (BPD) erhält. Als sie am Tatort eintrifft, wird sie bereits von Detective Barry Frost vorgewarnt. Es sei ziemlich schlimm. Sie sieht, wie sich Detective Eve Kassovitz vor der Haustür in den Schnee übergibt. Drinnen ist es in der Tat schlimm. Die Schlafzimmerwände sind völlig blutbespritzt. Detective Jane Rizzoli bemerkt überflüssigerweise: helles arterielles Blut. Will heißen: Das Opfer war nur bewusstlos und lebte noch, als ihm der Täter die Kehle durchschnitt.

Der Täter war gründlich: Er trennte den Kopf ebenso ab wie einen Arm und eine Hand. Die Hand hat Isles zu ihrem Schreck bereits auf dem Esszimmertisch unter einer Serviette entdeckt. Der Tisch ist für vier Personen gedeckt – in einem Single-Haushalt … Der Kopf liegt auf dem Boden in einem roten Kreis, in dem fünf schwarze Kerzen stehen. Das Opfer heißt Laurie Ann Tucker und arbeitete im Naturwissenschaftlichen Museum. Ein Nobody. In ihrem Spiegel steht das in Spiegelschrift geschriebene Wort „PECCAVI“. Auf Latein bedeutet es „Ich habe gesündigt“.

Das Telefon klingelt. Wieso klingelt es mitten in der Nacht? Frost geht ran – aufgelegt. Eine Bostoner Nummer, die Rizzoli sofort anwählt: keine Antwort. Sie wählt die Nummer, die davor im Speicher des Telefons abgelegt wurde. Es ist der Anschluss von Dr. Joyce P. O’Donnell. Wie interessant! Ein Vampir …

Rizzoli und Frost fahren sofort hin. Die Neuropsychiaterin O’Donnell vertritt als Gutachterin Serienmörder, deshalb ist Rizzoli nicht gut auf sie zu sprechen. O’Donnell behauptet, von nichts zu wissen, da sie bei einem Freund war, sie will aber nicht sagen, wer dieser Freund ist. Verdächtig. Und den Anruf des Unbekannten habe sie leider schon gelöscht, da er keine Botschaft hinterließ. O’Donnell macht sich einen Spaß daraus, Rizzoli aufzuziehen und offenbart, was sie alles über Rizzolis Privatleben weiß. Als Rizzoli wütend geht, ist sie überzeugt, dass O’Donnell lügt. Was, wenn sie den Killer nach dem Anruf traf? Zuzutrauen sei es ihr. Wahrscheinlich wollte ihr der Killer ein Präsent machen, als Zeichen seiner Verehrung.

Maura Isles entdeckt, dass die linke Hand vom Esstisch nicht zur Leiche von Tucker passt. Ergo muss sie zu einer anderen Leiche gehören, die noch zu finden wäre. Die Fingerabdruckfahndung ergibt nichts. Aber wo ist Tuckers eigene Hand? Diese Frage wird beantwortet, als Isles tags darauf zu einer Luxusvilla in einer Nobelgegend gerufen wird. Man habe die Leiche von Detective Eve Kassovitz gefunden. Kassovitz erhielt einen Stich direkt ins Herz, der Täter schnitt ihr die Augenlider ab. Auf der Hintertür der Villa finden sich wieder drei umgedrehte Kreuze und ein Augensymbol, das zu Eves eigenen Augen passt. Wie sich herausstellt, ist es das „allsehende Auge des Horus“, des altägyptischen Sonnengottes. Und Tuckers vermisste Hand findet sich in einem Beutel darunter.

Doch was soll diese ganze Inszenierung? Und was hatte die Polizistin hier zu suchen? Rizzoli vermutet, dass sich Kassovitz profilieren wollte, um die Schmach des Kotzens an einem Tatort wieder auszugleichen. Deshalb sei sie O’Donnell ohne Kollegen zu diesem Haus gefolgt, was sich als verhängnisvoll erwies. „Dieses Haus“ – das ist die Villa von Anthony Sansone, wo die Psychologin an einer Dinnerparty teilnahm. Der Butler tritt aus der Tür und lädt Isles im Namen seines Herrn zu einem Kaffee ein.

Wie Isles feststellt, ist Anthony Sansone ein Mann von großem Charisma. Er blickt sie mit bohrendem Blick an, als er versucht, sie auszufragen. Er weiß sehr viel über die beiden Fälle. Offenbar hat er viele Quellen. Er erzählt nur sehr wenig von dem Klub, den er leite und der sich der internationalen Verbrechensbekämpfung widme. Das Böse trage viele Masken, doziert er, und die meisten seien freundlich. So wie die seines venezianischen Vorfahren aus dem Jahr 1561: Antonino sei zwar ein Priester gewesen, habe aber Schreckliches getan, das man durchaus als „böse“ bezeichnen könne. Rizzoli findet heraus, dass Sansone eine 1905 gegründete „Mephisto-Stiftung“ leitet, und Mephisto war bekanntlich ein Diener Satans. Na, toll.

Als Maura Isles die Leiche der unglücklichen Eve Kassovitz obduziert, stößt sie in ihrer Kehle auf etwas, das man dort hineingesteckt hat: eine Muschel. Pisania maculosa, so der Experte, komme vor allem bei den Azoren und im östlichen Mittelmeer vor. Rizzoli fällt auf, dass auch die rote Farbe, die bei Tucker für den Kreis verwendet wurde, ein seltener Ockerton war, den es nur in Südzypern gibt. Und das Auge des Horus führt ins nahe Ägypten. In Rizzolis Kopf beginnt sich ein Bild zu formen …

Aber wo kam Tuckers fremde Hand her? Die Antwort auf diese Frage erreicht Rizzoli aus dem Ort Purity, der im oberen Staat New York liegt. Rizzoli fährt mit Maura Isles hin. Isles hat nach einer Liebesnacht mit Daniel Brophy einige unheilvolle Symbole an ihrer Haustür gefunden und ist sehr nervös. In Purity stößt Anthony Sansone zu ihnen, und Rizzoli wundert sich abermals, wie es dieser Mann schafft, über alles an diesem Fall auf dem Laufenden zu sein. Ein Polizist öffnet ihnen das Haus, in dem die Leiche von Sara Palmley gefunden wurde. Das Schlafzimmer sieht, wieder mal, wie ein Schlachthaus aus. Sara musste lange leiden, bevor sie sterben durfte. Wozu hat der Mörder sie gefoltert? Was wollte er wissen?

|Florenz / Siena / Rom|

Seit acht Monaten ist Lily Saul auf der Flucht. Sie bleibt an keinem Ort, an dem sie als Fremdenführerin oder Antiquariatsverkäuferin arbeitet, länger als drei Monate. In Siena konnte sie gerade noch rechtzeitig vor einem Schatten fliehen, der sich in ihrem Zimmer aufhielt, das sie in einem viertklassigen Hotel der Innenstadt genommen hatte. Nun ist sie in Rom angekommen, verdient gutes Trinkgeld mit den Touristen, denen sie die Unterwelt Roms zeigt. Bis heute. Am Ausgang der Basilika stehen drei Männer, die sie professionell einkreisen. Verdammt, er hat sie gefunden! Aber es gibt kein Entkommen …

_Mein Eindruck_

In ihrem neuesten Thriller wendet sich die Autorin an ein neues Publikum. Es ist fast das gleiche Publikum, das sich für Dan Browns [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 begeistern konnte und nun nach weiteren mystischen Erfahrungen in der von der Bibel kolportierten Geschichtsschreibung sucht. Und dies bedeutet im Klartext: die Kreationisten.

|Kreationismus|

Unter Kreationismus versteht man in den USA – und zunehmend auch in Europa! – die an Schulen und Universitäten verbreitete Lehrmeinung, dass die Geschichte der Welt, wie sie die Bibel darstellt, die Wahrheit ist und das, was Darwin lehrt, nur ein Irrglaube. Um die Evolutionstheorie zu widerlegen, lassen sich dozierende Kreationisten einiges einfallen. Dieser Unsinn soll hier nicht weiter ausgebreitet werden. Es genügt zu sagen, dass man in den USA diese Glaubensrichtung der fundamentalistischen Christen ernst nehmen muss. Sie verbannen Bücher aus den Bibliotheken, errichten kreationistische Freizeitparks und verdrehen auch sonst jede Menge Köpfe.

|Nephilim|

Die Autorin kommt den Kreationisten scheinbar entgegen, indem sie die Idee von den Nephilim aufgreift, zu denen sich der Killer im Hause Saul und in Boston rechnet. Die Nephilim werden im Buch Genesis (Kap. 6, Vers 2-4), im apokryphen Buch Henoch, bei Jesaja und im Buch der Jubiläen erwähnt. Diese Quellen zitiert Lily im Verlauf der Handlung. Die Nephilim sind die Wächter, die über die sündhaften Menschen wachen. Sie sind zum Beispiel für die Opferung des im Buch Mose erwähnten Sünden-Bocks zuständig, der, beladen mit den Sünden der Israeliten, in die Wüste geschickt wird, um dort den wilden Tieren und den Wächtern zum Opfer zu fallen. Dies ist, wie Rizzoli und Isles herausfinden, der Grund, warum in Purity Ziegen verschwanden – der Nephilim hat sie geopfert. Wohin er auch kommt, hinterlässt er sein Zeichen: einen dreieckigen gehörnten Kopf mit den Schlitzaugen einer Ziege, manchmal mit einer Sense in der Hand.

|Die Wächter|

Doch woher nehmen die Nephilim das Recht, über die Menschen zu wachen und zu richten? Im Buch Genesis heißt es, sie seien die Kinder, die aus der Verbindung zwischen Engeln des Herrn mit Menschenfrauen hervorgegangen. Wohlgemerkt: Es handelt sich natürlich um gefallene Engel. Durch ihre engelhafte Abstammung beanspruchen sie eine höhere Stellung als die gewöhnlichen Menschen, die ständig Sünden begehen. Wenn ein Nephilim einen Menschen tötet, so ist dies in seinen Augen kein Verbrechen, sondern ein Dienst an Luzifer (dem „Lichtbringer“) und am Obernephilim Azazel: Das Sündige wird ausgemerzt. Daher auch der lateinische Spruch „PECCAVI: Ich habe gesündigt.“ Die drei umgedrehten Kreuze sind die von Golgatha, wo Jesus neben zwei anderen Sündern gekreuzigt wurde. Die Invertierung markiert die Kreuze als Satan geweiht.

|Die Darstellung|

Dieses ganze System präsentiert die Autorin als routinierte Erzählerin natürlich nicht geballt, denn das wäre viel zu langweilig und unglaubwürdig. Rizzoli fungiert als Stimme der Vernunft und zweifelt grundsätzlich alles an, was ihr Anthony Sansone und Lily Saul in dieser Hinsicht auftischen. Lily ist überzeugt, dass ihr Cousin, der Killer, kein Mensch sei, und da sie sich diesbezüglich mit Sansone einig ist, schließt sie sich den Dämonenjägern der Mephisto-Stiftung an. Sie ist die letzte ihrer Familie, die letzte, die sich an die Vorgänge vor zwölf Jahren erinnert.

Rizzoli bleibt trotzdem auf dem Teppich, denn das Gesetz kennt nur Menschen, keine Engel oder Dämonen. Dass Rizzoli auch nicht an Verschwörungstheorien glaubt, wird ihr allerdings um ein Haar zum Verhängnis. Angeblich um Lily vor dem Killer in Sicherheit zu bringen, schafft sie Lily in eine von Edwina Falway, Sansones Stiftungskollegin, empfohlene Berghütte. Dort findet unversehens der Showdown statt, denn die Berghütte stellt sich als raffiniert aufgestellte Falle heraus. Der Leser bzw. Hörer erlebt hier einige hübsche Überraschungen. Zum Beispiel, dass Lily gleich in zweifacher Hinsicht heldenhaft handeln kann.

|Biblische Ideologie|

Nephilim, Kreationisten, Golgatha – was soll der ganze Zinnober? An der Schnittstelle zwischen Kreationismus und mystisch verbrämter Bibelhistorie à la „Sakrileg“ greift die Autorin ein düsteres und obskures Kapitel in der Bibel heraus, um meiner Meinung nach zu zeigen, dass sich mit dem entsprechenden geistigen Rüstzeug jeder Psychopath erzeugen und lenken lässt.

Immer wieder schreibt der fünfzehnjährige Saul-Neffe (sein Name soll hier nicht verraten werden), wie sehr ihn seine Mutter ausgebildet und geprägt hat. Mit zehn Jahren musste er beispielsweise seine erste Ziege schlachten, dann kamen viele weitere Rituale hinzu. Dass er den ganzen Nephilim-Mumpitz – „Du bist der Auserwählte“ – nun verinnerlicht hat, verwundert nicht.

|Werdegang eines Nephilim|

Uns durch sein Tagebuch Einblick in seine Seele zu gewähren und so verstehen zu lassen, ist ein trickreicher Schachzug der Autorin. Ein Junge, der goldblond und blauäugig ist – würden wir ihm nicht ebenfalls vertrauen, ihm niemals die Morde zutrauen, die er begeht? Wie Sansone nicht müde wird zu erwähnen: Das Böse kann ein freundliches, schönes Gesicht haben. Blond auf blauäugig – das erinnert an den Mist von arischem Übermenschentum. Die Nephilim und der Kreationismus treffen sich an dieser Stelle mit den staatsfeindlichen Untergrundmilizen in Montana und Oregon, die als „Aryan Brotherhood“ auftreten.

Einen solchen Killer auftreten zu lassen, dient der Autorin meines Erachtens dazu, ihn und alles, wofür er steht, kritisierbar zu machen. Leser und Hörer, die nur die Oberfläche beachten, begeistern sich vielleicht für die simple Thrillerhandlung, die schnurstracks von A nach B führt. Aber dass dieser Killer sich einer höheren Wächterrasse zugehörig fühlt, sollte einige Alarmglocken schrillen lassen.

|Kritik der Autorin|

Eine Absicht der Autorin könnte darin liegen, die Auslegung der Bibel doch bitteschön etwas kritischer anzugehen. Denn am Ende glauben doch einige Wirrgeister an die Existenz von Wächterwesen, die Sünder für ihre Missetaten bestrafen. Maura Isles, eine der Hauptfiguren, ist eine solche Sünderin, denn sie hat mit einem Priester geschlafen, so dass dieser sein Keuschheitsgelübde brach. Prompt taucht an ihrer Tür das Zeichen des Azazel auf. Soll deshalb Isles das Urteil der Wächter demütig abwarten? Mitnichten! Wie dieser Konflikt auf psychologischer Ebene gelöst wird, zeigt die Autorin anschaulich und anrührend.

|Die Sprecherin|

(Hinweis: Am Anfang des Hörbuch wird weder der Titel noch der Sprecher vorgestellt, wie stets bei |Random House Audio|.) Mechthild Großmann hat eine so tiefe und rauchige Stimme, dass ich zunächst dachte, der Sprecher wäre männlich. Wenig später war ich nicht mehr sicher und wunderte mich, wie es ein Mann fertigbringt, gleichzeitig wie eine Frau zu klingen.

Erst als Maura Isles‘ Rolle zu sprechen anfing, wurde eindeutig, dass die Sprecherin weiblich ist. Maura Isles ist eine der zwei Frauen, die eine hohe Stimme haben. Die andere ist Lily Saul. Sowohl Edwina Falway als auch – diese erst recht – Jane Rizzoli sprechen mit tiefen, „männlichen“ Stimmen. Das mag dem einen oder anderen Hörer seltsam vorkommen.

Dass alle männlichen Figuren mit tiefen Stimmlagen gesprochen werden, dürfte zu erwarten gewesen sein. Hier stößt der Hörer auf recht wenige Variationen in der Stimmlage, und nur die Sprechweise verrät, dass die Figur gewechselt hat.

Wenn es um den Ausdruck von Emotionen geht, erweist sich die Sprecherin als einfühlsame Sprechkünstlerin. Dass Jane Rizzoli energisch und wütend sein kann, überrascht nicht, denn dies gehört schließlich zu ihrem Job. Aber Maura Isles ist ein ganz anderer Typ als Rizzoli. Isles ist 41 Jahre alt, alleinstehend und, nach einer gescheiterten Ehe, einsam und unwillig, mit einem Mann etwas anzufangen. Nichtsdestoweniger hat sie sich in Daniel Brophy verliebt, ausgerechnet in einen katholischen Priester. Deutlich ist ihre Sehnsucht und Zärtlichkeit herauszuhören, als Brophy neben ihr steht und sie sich fragt, ob sie mit ihm ins Bett gehen soll.

Eine schöne Szene, die mir ebenso in Erinnerung geblieben ist wie das Verhör, das Rizzoli der nach Amerika gebrachten Lily Saul zumutet. Lily versucht, Rizzolis Druck psychisch standzuhalten, und zunächst klingt sie wechselweise verzweifelt und teilnahmslos – nach dem Motto: „Was soll dieser Aufwand, es ist ja eh zwecklos.“ Als Rizzoli sie weiterhin mit absurden Unterstellungen provoziert (wir brauchen nicht ins Detail zu gehen), dementiert Lily wütend und weinerlich, ihre Stimme kippt schließlich in ein hysterisches Lachen um, bevor sie vollends aufgibt und mit Rizzoli kooperiert. Solche emotionalen tours des forces findet man selten so gut in Hörbüchern inszeniert.

_Unterm Strich_

Die Handlung ist wie üblich bei Gerritsen sehr spannend, aber leider auch voller ziemlich blutiger Schauplätze. Detective Jane Rizzoli, frischgebackene Mutter (siehe „Scheintot“) à la Maria, und Dr. Maura Isles, frischgebackene Sünderin, versuchen einen skrupellosen und offensichtlich besessenen Serienmörder zu fassen. Doch der Schlüssel zur Lösung der Rätsel, die die Symbole an den Tatorten darstellen, liegt nicht in der Gegenwart, sondern in einer zwölf Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Diese erschließt sich uns teils durch die das Tagebuch des Killers als fünfzehnjährigem Jungen, teils durch das Geständnis seiner Cousine Lily gegenüber Rizzoli. Das Puzzlespiel erzeugt ebenso viel Spannung wie der abschließende Showdown, der mit einigen bösen Überraschungen aufwartet.

So mancher Leser bzw. Hörer, der in der Bibel nicht bewandert ist oder überhaupt nichts von deren Inhalt hält, dürfte nicht gewillt sein, den entsprechenden Passagen in Gerritsens Buch zu folgen und sie ernst zu nehmen. Das erachte ich aber als unbedingt erforderlich. Denn nur hierdurch steigert sich das Buch über das Niveau eines gewöhnlichen blutigen Thrillers hinaus. Auf dieser „bibelfesten“ Ebene wendet sich das Buch an christliche Fundamentalisten. Es scheint die Fantasien der Kreationisten zu bedienen, ruft aber im Subtext dazu auf, die Bibelauslegung kritischer anzugehen. Diese Kritik der Autorin hat mir mehr gefallen als die Schlafzimmer, in denen das Blut bis an die Decke gespritzt ist.

|Das Hörbuch|

Der Vortrag der Sprecherin ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig (s. o.), doch nach einer Weile stellt man fest, dass ihre relativ emotionale Interpretation die Figuren zum Leben erweckt und man sich die Szenen lebhafter vorstellen kann. Der weiterhin hohe Preis der |Random House|-Hörbücher mindert den Gesamteindruck.

|Originaltitel: The Mephisto Club, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Jäger
455 Minuten auf 6 CDs|
http://www.random-house-audio.de
http://www.tess-gerritsen.de