Cixin Liu – Die drei Sonnen (The Three-Body Problem. Trisolaris 1)

Die Rache der Astronomin

China, Ende der 1960er-Jahre: Während im ganzen Land die Kulturrevolution tobt, beginnt eine kleine Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit – auf eine so erschreckende, umwälzende und globale Weise, dass dieser Kontakt das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird…


Diesem Bericht liegt die US-amerikanische Übersetzung zugrunde.

Der Autor

Cixin Liu (geboren 23. Juni 1963) ist ein chinesischer Science-Fiction-Autor. „Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten und produktivsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Seine Romane wurden bereits acht Mal mit dem Galaxy Award prämiert.“ (Amazon.de) Lius Werk wird als Hard Science Fiction angesehen, und die Trisolaris-Romane werden demnächst in China verfilmt.

Liu absolvierte eine Technikerausbildung an der North China University of Water Conservancy and Electric Power und arbeitete als Computertechniker für ein Kraftwerk in einem abgelegenen Dorf in der Provinz Shanxi.

Lius berühmtestes Werk, „Die drei Sonnen“, wurde 2006/07 veröffentlicht. Westlichen Lesern wurde es durch die englische Übersetzung von Ken Liu bekannt, die im November 2014 bei Tor Books erschien und 2015 – als erster Roman eines chinesischen Autors – den Hugo Award für den besten Roman 2015 erhielt. Der Kurd-Laßwitz-Preis 2017 folgte für „Die drei Sonnen“ in der Kategorie „Bestes ausländisches Werk“. 2018 soll die Verfilmung des o.g. Werks unter Regie von Zhang Fanfan in die Kinos kommen.

Weiterhin erschien 2017 die Novelle „Spiegel“ (Original: Jingzi) auf Deutsch, die bereits 2004 in China erschien. Darin gelingt es einem Mathematiker durch Einsatz eines Superstring-Computers, den Urknall und die Entstehung der Welt zu simulieren, und er weiß dadurch alles, was je war.

Der Zyklus „Die drei Sonnen“

1) The Three-Body Problem (2006/2014, dt. 2016 als „Drei Sonnen“)
2) The Dark Forest (2015, dt. als „Der dunkle Wald“ 2018)
3) Death’s End (2016)

Handlung

1967 ist die chinesische Kulturrevolution in vollem Gange, und verfeindete Rote Garden bekämpfen einander. Eines dieser Opfer ist Ye Weixue, die 15-jährige Tochter des Physikers Ye Zhetai. Sie wird auf den Zinnen eines belagerten Dorfes während des Schwankens einer roten Fahne erschossen. Wenig später wird ihr Vater Zhetai vor ein Tribunal gezerrt, um sich dort für seine konterrevolutionären und reaktionären Ansichten zu verantworten. So hat er nach Angaben seiner schlauen Frau Shao Lin offenbar die Theorie des kapitalistischen Speichelleckers Albert Einstein vertreten, die als Allgemeine Relativitätstheorie bekannt ist. Ja, er streitet nicht einmal ab, dass es einen Gott geben könnte. Erbost über seine Unbeugsamkeit prügeln vier 14-jährige Schülerinnen den alten Mann mit ihren Gürteln zu Tode.

Zhetais zweite Tochter Ye Wenjie (in Asien steht der Familienname immer vor dem Eigennamen, und „Wen“ deutet auf ein weibliches Geschlecht hin), hat dem inszenierten Schauspiel mit wachsender Wut zusehen müssen, gab aber keinen Mucks von sich, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Ihre Mentorin Prof. Ruan Wen hat lieber Selbstmord begangen, als die Demütigungen der Kulturrevolutionäre über sich ergehen zu lassen – ihre Wohnung, einst mit kostbaren westlichen Gütern vollgestopft, ist verwüstet und geplündert.

1969

Zwei Jahre später gerät Wenjie in ein politisches Komplott. Ein Redakteur, der den ökologischen Wahnsinn der Abholzung der Wälder erkannt hatte, hat einen besorgten Brief an die Parteileitung geschrieben. Drei Wochen kommt ein Politkommissar, um nicht den Redakteur, sondern Wenjie zur Rede zu stellen. Der Journalist hat angegeben, sie habe den aufrührerischen Brief verfasst, dabei hatte Wenjie ihn nur kopiert. Dass sie auch noch ein westliches Buch, „Silent Spring“ von Rachel Carson (1962), besitze, komme noch erschwerend hinzu, sagt der Kommissar. Wenjie weiß, dass die Widerrede, der Redakteur habe ihr das Buch ausgeliehen, alles nur schlimmer machen würde.

Sie landet im Gefängnis für die Politischen. Als sie sich weigert, einen verfänglichen Report zu bezeugen, den angeblich ihre Schwester Weixue geschrieben haben soll, wird sie krank gemacht. Erst zwei Militärs bewahren sie vor einer Lungenentzündung, indem sie sie aus diesem Loch holen. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Radar Peak 1969ff.

1966 hat Wenjie nämlich einen Aufsatz veröffentlicht, der sich mit Phasenübergängen der Sonnenstrahlung befasste. Dafür interessieren sich ein Politkommissar und der Physiker Yang Weining, ein früherer Student ihres Vaters. Sie arbeiten auf einer Forschungsbasis in eben jenen Bergen, in denen sie bis wenigen Wochen mit den Holzfällern arbeitete: auf dem ominösen Radar Peak.

Eine riesige Antenne, die elektromagnetische Strahlung aussendet, steht dort. Natürlich wird das Red Coast Projekt vom Militär geleitet, genauer von Armeekorps, das für die Atomwaffen Chinas zuständig ist. Einmal eingelassen, gibt es für Wenjie kein Entkommen mehr. Der Politkommissar behauptet zwar, angesichts ihrer „unwiderlegbaren konterrevolutionären Verbrechen“ könne sie sich hier „bewähren“, doch für Wenjie ist Radar Peak der einzige Ort auf der Welt, der noch ein wenig Sicherheit bereithält.

40 Jahre später

Wang Miao ist ein Nanotechnologe, der im Bereich Materialwissenschaft arbeitet. Deshalb hört er nur Gerüchte, dass andere Wissenschaftler, die in der theoretischen Grundlagenforschung gearbeitet haben, entweder verschwinden oder umgebracht werden. Ja, es tauchen sogar Berichte auf, dass große Anlagen wie etwa Teilchenbeschleuniger von unbekannten Gruppen zerstört oder sabotiert werden.

Eines Tages taucht ein gewiefter Kommissar bei ihm auf. Shi Qiang will wissen, ob Wang Probleme bei seiner Arbeit erlebt habe. Nein, Wang hat nur ein Problem: mit seiner Wahrnehmung. Er sieht permanent eine Illusion, die einen Countdown darstellt. Es verbleiben demnach nur etwa 1200 Stunden bis – ja, was passiert? Das Ende des Universums? Hin und wieder scheint der Nachthimmel, scheinen die Sterne mit der Schulter zu zucken – nur wieder eine Illusion, beruhigt sich Wang. Er findet kaum noch Schlaf und fragt sich bang: Verfalle ich dem Wahnsinn?

Das Spiel „Three Body / Trisolaris“

Doch er hat Kontakte in der Szene. Die führen ihn zu einem Online-Spiel, das sich „Three Body“ nennt. Dessen Betreiber sind obskur und halten sich bedeckt. Das Spiel lässt sich mit einem V-Anzug spielen, der einen Ganzkörpereindruck vom Geschehen vermittelt. Wang kommt sich vor, als sei er Teil des Spiels, inklusive seines Körpers. Das ist anfangs faszinierend, aber mit jeder mythischen Zivilisation aus den Anfängen Chinas, die in diesem Spiel untergeht, beginnt er sich mehr Sorgen zu machen. Die Zivilisationen sind der Stabilität der jeweiligen Sonne unterworfen: Instabile Sonne bedeutet raschen Untergang, stabile Sonne bringt (virtuelle) Jahre der Stabilität.

Das Besondere: Sobald die Weisen des Kaisers Stabilität vorhersagen, befiehlt der Herrscher das Bewässern der dehydrierten Körper seiner Untertanen. Sie haben als Dehydrierte Perioden der Instabilität unbeschadet überstanden. Doch in letzter Zeit liegen die Weisen falsch: Kaum (wie Instantkaffee) rehydriert, verbrennen die Untertanen unter einer gnadenlosen Sonne. Das Spiel beginnt, Wang Kopfschmerzen zu bereiten.

Der Auftrag

Kommissar Shi Quian taucht wieder auf, und diesmal lässt er sich nicht abwimmeln. Er schleppt Wang zu einem Meeting hochrangiger Wissenschaftler und Militärs, dem ein General namens Quang vorsitzt. Diese Zusammenkunft nennt sich hochtrabend „Befehlszentrum der Schlacht“. Aber in welchem Krieg? Zu Wangs Konsternation bestätigen die vorgetragenen Berichte, was er bislang nur gerüchteweise gehört hat: Wissenschaftler werden umgebracht, wichtige Anlagen zerstört.

Kurzum: Maschinenstürmer haben es darauf abgesehen, dass China seine führende Rolle in der technischen Entwicklung und Grundlagenforschung verliert. Die chinesische Führung ist in Gefahr, das Gesicht zu verlieren, und das darf auf keinen Fall passieren. Wang und Shi Quian bekommen den Auftrag, den Vorgängen auf den Grund zu gehen. Wang findet es nicht sonderlich beruhigend, dass Shi einen Zusammenhang zum Spiel „Three Body“ sieht.

Ye Wenjie & Red Coast

Über einen Kontakt erhält Wang Gelegenheit, Professor Emeritus Ye Wenjie zu besuchen. Seitdem jemand ein Buch über Radar Peak und die Basis Red Coast geschrieben hat, ist die Katze aus dem Sack: Dort wurden hochfrequente Strahlen ins All geschossen, um Botschaften zu den Sternen zu senden. Ist das nicht ein Ammenmärchen, wundert sich Wang und fragt die ehrwürdige Professorin danach, die nach der Kulturrevolution in Red Coast lebte. Zu seiner Überraschung ist sie bereit, ihm davon zu erzählen – und bei dieser Gelegenheit ein paar Unwahrheiten des Buches zu korrigieren.

Alles begann 1969…

Mein Eindruck

Es war Ye Wenjie selbst, die die Botschaften zum Alpha Centauri abstrahlte, heimlich und illegal, ein subversiver Akt der Rebellion. Die Entdeckung ihres Tuns kann nicht ausbleiben, doch als die beiden Vorgesetzten sie zur Rede stellen, nutzt sie ihre einmalige Chance und lässt beide in den Tod stürzen. In China ist Wissenschaft eine Sache auf Leben und Tod.

Sie hat Alpha Centauri als Ziel gewählt, weil diese Sonne uns am nächsten liegt und das Funksignal, mit entsprechend hoher Geschwindigkeit unterwegs, dort möglichst noch zu ihren Lebzeiten ankommen und beantwortet werden kann. Alpha Centauri ist ein ganz besonderes System: Es besteht aus den Sternen Alpha, Beta und Proxima Centauri – diese drei Sonnen kreisen um einander und bilden so ganz real das Drei-Körper-Problem, das dem Buch seinen Titel gibt: Trisolaris, das Vorbild für das Spiel „Three Body“. Es ist ein instabiles System, wie Wang anhand der Ereignisse im Spiel unschwer erkennen – und erfahren – kann.

Die fünfte Kolonne

Ye Wenjie ist von den Socken, als ein Radioteleskop eine Antwort von den Trisolariern erhält. Sie haben eine Flotte gestartet, die in etwa 450 solaren Jahren das Sonnensystem erreichen dürfte. Die kosmischen Dimensionen schnurren zu einem Schlachtfeld zusammen, das in der nicht allzu fernen Zukunft liegt. Bis zum Tag der Ankunft ist einiges zu unternehmen. Wang schlackern die Ohren, als er Ye sagen hört, dass sie die fünfte Kolonne der Trisolarier gegründet hat. Es ist ihr ultimativer Racheakt an den Leuten, die ihren Vater und ihre Schwester umgebracht und sie jahrelang ihrer Freiheit beraubt haben.

Mit ihrer Untergrundbewegung, die über das VR-Spiel weitere Anhänger rekrutiert, bereitet sie den Tag der Ankunft der Trisolarier vor. Die Bewegung ist zwar in zwei Gruppen gespalten, doch Yes Gruppe arbeitet daran, den Weg zu bereiten. Damit sich die Wissenschaft der Erde nicht so weit entwickelt, dass sie für die Trisolarier gefährlich wird, muss sie sabotiert werden. Daher die zahlreichen Meldungen über Sabotageakte und Morde an Wissenschaftler.

Das Virus

Doch die Trisolarier, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, konnten bereits ein Funksignal in die chinesischen Radioteleskope schicken, die es pflichtgemäß in Computersystemen abspeicherten. Es ist ein Virus, der sein Unwesen zu treiben beginnt, und zwar auf eine unglaubliche perfide Weise, die kaum zu entdecken ist. Wang beginnt jetzt allmählich ins Schwitzen zu geraten. Das Virus verfälscht sämtliche Messdaten, die die Computer empfangen und auswerten sollen, dergestalt, dass sie minimal vom wahren Wert abweichen. Folglich sind alle Berechnungen, auf denen etwaige Abwehrmaßnahmen beruhen könnten, falsch kalibriert – und wirkungslos. Kurz gesagt: Die Erde ist der kommenden Invasion der Trisolarier schutzlos preisgegeben. Falls keiner etwas dagegen unternimmt…

Vorbilder

Arthur C. Clarke hätte seine helle Freude an diesem Buch gehabt. Die Sterne sausen durchs All wie zu Newtons Zeiten, die Sternengucker kommen aus dem Staunen nicht heraus, die Radioastronomen jedoch erweisen sich als ein Völkchen von trügerischer Loyalität und übertriebenem Ehrgeiz. Der menschliche Faktor verbindet nicht nur die Erde mit dem fernen Trisolaris-System, als wären sie Nachbarn, nein, er sorgt auch dafür, dass die Erde schon in wenigen Jahrhunderten erobert und geplündert wird – höchstwahrscheinlich NACH dem Ende der Menschheit.

Ich kenne SF-Roman, der schon mal einen solchen Plot aufgewiesen hätte. Den Selbstmord der Erde herbeizuführen, widerspräche in den Augen eines US-amerikanischen Autors allem, woran er glaubt. Ein Brite oder Russe wäre schon eher dazu fähig, denn die Briten sind – aus unerfindlichen Gründen – Experten für Katastrophen aller Art. Russen und Chinesen sind hingegen durch den marxistischen Materialismus mit dem fundamentalen Prinzip des gesellschaftlichen Wandels vertraut, der auf der Änderung ökonomischer (und geistiger) Bedingungen beruht. Radikalen Wandel haben sie selbst miterlebt: Ye wurde Opfer der Kulturrevolution – die ultimative Katastrophe für das Nachkriegs-China. Dass die Ankunft der Trisolarier von zwei verfeindeten Aktivisten-Gruppen vorbereitet wird, ist also nichts Ungewöhnliches für Ye.

Cyberspace

Die andere Komponente des Romans ist die virtuelle Realität. Sie hat ihre Vorbilder in der Cyberpunk-Bewegung der SF, die ab 1983/1984 zahlreiche Klischees auf den Kopf stellte, bis sie selbst um etwa 1990 zum Klischee verkam. Damals wurde in der Informatik (z.B. von Jaron Lanier) die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine entwickelt, die wir heute als Head-up-Display (HUD) (vulgo „Cyberbrille“) und andere Hilfsmittel kennen. Der Ganzkörperanzug ist der nächste logische Schritt.

Doch der Anzug ist nur der Zugang zur virtuellen Welt des Spiel „Three Body“ bzw. „Drei Sonnen“. Zusammen mit Wang, dem Neuling bzw. Lehrling erfährt der Zuschauer, was es bedeutet, in einer derart instabilen kosmischen Umgebung zu leben. Wang durchlebt die gesamte chinesische Geschichte und muss immer wieder seine Hypothesen, Erkenntnisse und Theorien verwerfen, so wie es ein richtiger Wissenschaftler tun sollte.

Der Witz dabei: Die Dehydrierten und die Weisen existieren wirklich! Nur tun sie dies eben auf einem Planeten, der um Trisolaris kreist. Das bedeutet, dass Wang selbst durch das Spiel auf die kriegerische Ankunft der Trisolarier vorbereitet wird. Macht ihn dies zu einem subversiven Subjekt? Das hat Shi zu entscheiden, das kriminalistische Schlitzohr, das ganz in der hiesigen Realität verwurzelt ist.

Die englische Übersetzung…

.. stammt von SF-Autor Ken Liu. Er hat viele der für den Westler unverständlichen Details im Text erklärt, so etwa aus den Wirren der Kulturrevolution. Außerdem weist er auf etliche Wortspiele hin, mit denen der Autor seine Landsleute zum Schmunzeln brachte, als der Roman 2006 veröffentlicht wurde. Ken Liu hat ein eigenes kleines Nachwort beigefügt. Schade, dass er nicht auch Band 2 übersetzte.

Das Nachwort des Autors zur US-amerikanischen Ausgabe wartet mit einem biografischen Erlebnis auf, das ahnen lässt, aus welch elenden Verhältnissen sich der Junge emporarbeiten musste, bis er Geschichten schreiben und veröffentlichen durfte. Sehr lesenswert und anrührend. Die Skizze lässt ahnen, wie eine Erde aussähe, in der die Wissenschaft zusammengebrochen ist – denn um deren Fortbestand und Wert geht es in dieser Trilogie.

Unterm Strich

Der Aufbau des Romans ist für westliche Leser durchaus gewöhnungsbedürftig. Zwar ist das Prinzip der mehrsträngigen Handlung durchaus vertraut, denn dies sorgt für Abwechslung. Doch seitenlang ausgewalzte VR-Spiel-Szenen mit philosophischem Charakter erinnerten mit mehr als Stanislaw Lems kosmogonische Erzählungen als an US-amerikanische Entwürfe. In den USA tritt die Philosophie immer gegenüber der Action zurück, sei es bei David Brin (Uplift-Zyklus), Greg Bear oder Gregory Benford (CONTACT-Zyklus).

Auch die Beschreibung der astronomischen Probleme, mit denen sich Ye Wenjie herumschlägt, sind nicht von Pappe. Sehr gute Astrophysik-Kenntnisse sind ratsam. So ist ein wenig höhere Mathematik vonnöten, um die Ankunftszeit der trisolarischen Kampfflotte zu berechnen. Der Leser sollte sich auch nicht scheuen, Mathematik und Quantenphysik vorzufinden und sich damit zu beschäftigen. Dass Computer und VR eine Rolle spielen, habe ich bereits erwähnt.

Doch keine Sorge! Alle Szenen, in denen Wang in der Gegenwart sowie Ye Wenjie ca. 1969 auftreten, sind absolut realitätsnah. Ye Wenjie ist eine wunderbare Protagonistin. Vordergründig ist sie eine Musterschülerin des Systems – zwangsweise. Doch hintergründig leitet sie dessen Untergang in den Weg, indem sie den Trisolarier eine Einladung zur Invasion schickt: „Hey, hier gibt es eine leckere grüne Wasserwelt gar nicht weit weg von euch – und unsere Sonne ist superstabil!“ Welcher Herrscher über dehydrierte Untertanen könnte einer solchen Einladung widerstehen?

Ganz nebenbei erzählt der Autor von den Schrecken der Kulturrevolution, von dem menschlichen Leid, das sie verbreitete. Der größte Wert, der dabei verfolgt und vernichtet wurde, ist die Wissenschaft und alle ihre Vertreter. So viel Wissen wurde zerstört, dass China Jahrzehnte brauchte, um sich davon zu erholen. Die Ironie dabei ist umwerfend: Ye Wenjies Rache sorgt dafür, das sich dieser Vorgang wiederholt und so die Erde schutz- und wehrlos den Feinden ausliefert. Wenn nichts dagegen unternommen wird…

Wenn dies schon der faszinierende Auftakt war, so bin ich gespannt auf die Fortsetzung, die im März unter dem Titel „Der dunkle Wald“ bei Heyne erscheint.

Taschenbuch: 592 Seiten
Info: The Three Body Problem Trilogy Book 1 – Sanbuqu Santi, 2006
Ins Englische übersetzt von Ken Liu in 2014
Heyne, 2016, München
Aus dem US-Englischen von Martina Hasse
www.heyne.de

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