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Stephen King – Billy Summers

Die Handlung:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

In dieser Geschichte folgen wir dem titelspendenden Billy Summers. Früher war er Scharfschütze im Irak-Krieg, heute Attentäter gegen Bezahlung. Nach außen gibt er sich gern dümmlich, aber innerlich ist er hellwach und gut organisiert.

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Dark, Jason / Döring, Oliver – Don Harris, Psycho-Cop – Der Club der Höllensöhne (2. Folge)

_|Don Harris – Psycho Cop|:_

Folge 1: [„Das dritte Auge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3907
Folge 2: [„Der Club der Höllensöhne“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3922
Folge 3: [„Das schwarze Amulett“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6690
Folge 4: „Das Erbe der Wächter“
Folge 5: [„Das Killer-Kommando“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6701
Folge 6: [„Das Glastonbury-Rätsel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6709
Folge 7: [„Drei Gräber in Sibirien“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6711
Folge 8: „Triaden-Terror“ (erscheint am 10.12.2010)

_Mysteriös: Der Cop als Ödipus und Magier_

Don Harris ist Agent des europäischen Geheimdienstes European Special Intelligence (ESI) mit Sitz in London. Er verfügt bereits mit 15 Jahren über hellseherische Talente, von denen er aber selbst noch nichts weiß – bis zu einem gewissen Vorfall. 15 Jahre später führt ihn der Mord an einer ESI-Mitarbeiterin auf die Spur des „Clubs der Höllensöhne“, eines Geheimbundes, der die Weltherrschaft anstrebt.

Während Don den Hinweisen aus der Kanzlei von Archie Ramsay folgt und nach Glastonbury fährt, wird er von Visionen heimgesucht: Elektra, eine geheimnisvolle Frau, lockt ihn mit ihren telepathischen Kräften in ihr Landhaus. Don erkennt sie von Fotos wieder: Elektra war jahrzehntelang mit seinen Eltern befreundet – und ist in all den Jahren nicht um einen Tag gealtert! Während einer Geisterbeschwörung geraten sie und Don ins Visier der „Höllensöhne“ …

Wegen des hohen Gehalts an Gewalt und Sex (besonders in der 2. Episode) empfiehlt der Verlag das Hörspiel erst ab 16 Jahren.

_Der Autor_

Jason Dark ist das Pseudonym des Schriftstellers Helmut Rellergerd (geboren am 25.1.1945 in Dahle, Sauerland). Rellergerd wuchs in Dortmund auf, lebt heute in Bergisch Gladbach, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat die Romanfigur des Geisterjägers John Sinclair ins Leben gerufen. Die Abenteuer des englischen Helden entwickelten sich zur erfolgreichsten deutschen Gruselserie. „Don Harris, Psycho-Cop“ ist beruht auf einem Roman, dessen Buchausgabe 2006 bei |Blanvalet| in München erschien.

Die Serie „Don Harris, Psycho-Cop“ (1 & 2 bislang als Hörspiel)

Folge 1: [Das dritte Auge]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3907
Folge 2: Der Club der Höllensöhne
Folge 3: Das schwarze Amulett
Folge 4: Das Erbe der Wächter
Folge 5: Das Killer-Kommando
Folge 6: Das Glastonbury-Rätsel
Folge 7: Drei Gräber in Sibirien
Folge 8: Triaden-Terror
Folge 9: Dämonicus

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_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Das Hörspiel wurde nach Rellergerds Buchvorlage von Oliver Döring gestaltet, der schon etliche John-Sinclair-Folgen inszeniert hat. Regieassistenz ist Pe Simon, Schnittassistenz Jennifer Keßler, für die Produktion zeichnet Alex Stelkens von |WortArt| verantwortlich, der sonst vor allem mit |Lübbe Audio| zusammenarbeitet. Die Originalmusik hat Florian Göbels komponiert.

|Die wichtigsten Rollen und ihre Sprecher:|

Erzähler: Douglas Welbat (General Stuart in „Gods and Generals“)
Don Harris, ESI-Agent: Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Don „Basher Tarr“ Cheadle, Adam Sandler, Edward Norton)
Terry Sheridan, Scotland Yard: Gerrit Schmit-Foß (Leonardo DiCaprio, Scott „Turk Malloy“ Caan)
Mac „Silver“ Sterling, Dons Ausbilder bei ESI: Frank Glaubrecht (Al Pacino, Pierce Brosnan, Kevin Costner, Jeremy Irons, Christopher Walken u. v. a.)
Elektra: Claudia Urbschat-Mingues (Angelina Jolie)
James Fox, ein Höllensohn: Rainer Doering
Elaine Harris, Dons Mutter: Susanna Bonaséwicz (Sissy Spacek, Carrie „Leia“ Fisher, Isabelle Huppert)
Pfarrer: Martin May
Sowie Lutz Mackensy, Franziska Pigulla, Udo Schenk, Pe Simon sowie viele andere.

|Der Regisseur|

Regisseur Oliver Döring, geboren 1969, begann seine Karriere als freier Journalist, Autor und Comedy-Macher für diverse Rundfunkanstalten. Seine ersten Erfolge feierte er 1988 mit der in NRW sehr beliebten Radio-Comedy „Die EinsLive-Retter“. 1999 erhielt er ein Arbeitsstipendium im Hörspielbereich. Sein Durchbruch in dieser Branche gelang ihm im Jahr darauf als Autor und Regisseur der Hörspielserie „John Sinclair“.

Unter Verwendung hochwertiger Soundeffekte und mit einem fast ausnahmslos aus bekannten Synchronschauspielern bestehenden Ensemble betrieb er einen für eine kommerzielle Hörspielproduktion bis dato beispiellosen Aufwand. Die rasant geschnittene und mit selbstironischen Untertönen produzierte Serie fand bei Kritik und Publikum großen Anklang und eroberte mit zwei Sonderausgaben sogar die Longplay-Charts.

2006 verpflichtete Döring für seine dreiteilige Hörspielfassung des Romans [„Star Wars – Labyrinth des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3291 die Synchronschauspieler aus den Filmen und verwendete sowohl die originalen Soundeffekte als auch die Filmmusik von John Williams. Mittlerweile gilt Döring als einer der erfolgreichsten Regisseure des kommerziellen phantastischen Hörspiels. (Verlagsinfo)

_Vorgeschichte_

Elaine Harris, Gattin von Sir Edward of Glastonbury, stirbt bei der Geburt ihres Sohnes Don an Herzstillstand. Die Geburtshelfer holen das Baby per Kaiserschnitt. 15 Jahre später merkt der Internatsschüler Don, dass er über mehr Kräfte verfügt als andere Menschen. Er kann Ereignisse vorausahnen und psychische Verbindungen herstellen. Es ist ihm höchst peinlich, darüber mit seinem Freund Harry zu reden. Wenigstens dankt ihm der Vater der kleinen Lucy Taylor, die er vor dem Kältetod in einem zugefrorenen Teich bewahrt hat. Und Don kann alle Boxhiebe Harrys vorausahnen und ihn spielend besiegen.

Weitere fünfzehn Jahre später hat Don seine Talente in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Er arbeitet als Agent für die European Special Intelligence (ESI), wo man ihn neckisch als „Psycho-Cop“ tituliert. Sein bester Freund beim Scotland Yard ist Terry Sheridan. Der ruft ihn zum Tatort eines Mordes, der Don auf die Spur des „Clubs der Höllensöhne“ bringt.

_Handlung_

In Folge 1 rief der „Höllensohn“ Fox die Nummer von Archie Ramsay an, einem Anwalt in London. Um mehr über Ramsays Verwicklung herauszufinden, stieg Don mit seinem Mentor Mac „Silver“ Sterling in die Kanzlei Ramsays ein und Don sah sich dessen PC an. Dort stieß er auf eine komplette Biografie seiner selbst und auf ein Foto von Elektra, das sie neben seinen Eltern zeigt. Vor 30 Jahren sah sie genauso aus wie heute! Weitere Fotos zeigen Dons Gutshaus in Glastonbury sowie das nahegelegene Stonehenge. Ein Datum, der 16.4., wird mit dem Projekt „666“ in Verbindung gebracht. Das ist übermorgen …

Don und Mac trennen sich, doch als Don vor seinem Haus eintrifft, wartet ein Killerkommando der „Höllensöhne“ auf ihn. Sie macht allerdings durch eine ferngesteuerte Überwachungsdrohne auf sich aufmerksam, deren Auftauchen Don rechtzeitig warnt. Der Anschlag schlägt fehl. Mac meint zu der Drohne, dass sie bestimmt teuer war. Wer kann sich so etwas leisten – außer der ESI?

Auf dem Weg nach Glastonbury, wo er das Projekt 666 der Höllensöhne vereiteln will, trifft Don ein psychologischer Schlag. Es ist Elektra, die mit ihm telepathisch Kontakt aufnimmt und ihn zu ihrem Quartier lotst: einem Landhaus mitten in der Pampa. Don gibt seinem Beschützer Mac und dessen Truppe von Söldnern Bescheid, was Sache ist. Bestimmt sind auch die Höllensöhne irgendwo in der Gegend, wenn sie sich in Glastonbury treffen wollen, beispielsweise auf dem Glastonbury Tor, einem Burghügel, der das Land überragt.

In Elektras Landhaus erhält Don zwar keine Antworten auf brennende Fragen, dafür aber brennende Küsse auf den Mund und andere Körperteile. Nach eifrigem Bettsport richten sich Dons Sinne jedoch wieder auf die Vorgänge draußen. Er greift nach seiner Pistole, weil ihn seine Präkognition davor warnt, was gleich passieren wird: Eine MG-Salve durchlöchert die Eingangstür, dann tritt einer der Killer die Haustür ein, bereit, alles niederzumachen, was ihm in den Weg tritt. Und genau das tut Elektra. Don stockt das Blut. Schüsse fallen …

_Mein Eindruck_

Sind die Zeiten vorbei, in denen sich Hörspielgeschichten um expliziten Sex und Blutfontänen herumdrücken konnten? Offenbar schon, aber da wir nicht mehr im 19., sondern im 21. Jahrhundert leben, erscheint das vielleicht sogar angemessen. Folglich spritzt das Blut mal wieder schön hörbar, und was den Sex anbelangt, so kann sich der Fan in dieser Folge dementsprechend satthören. Zunächst hört man nur leidenschaftliche Küsse , dann Reißverschlüsse und schließlich geht es richtig gut zur Sache. Und dabei weiß Don noch nicht einmal, wie alt seine Sparringspartnerin beim Bettsport ist.

Was die Sexszene jedoch etwas grotesk wirken lässt, ist der ständige Szenenwechsel zu den sich anschleichenden Widersachern und der sich somit anbahnenden Gewalt. Dies ist ebenso grotesk wie die ständigen Ortsmeldungen, die Don an seinen vermeintlichen Beschützer Mac Silver durchgibt. Wir wissen ja inzwischen, dass Mac ein Verräter ist. Das ungerechtfertigte Vertrauen Dons, das er in Mac setzt, setzt Don in das Licht eines leichtgläubigen Idioten. Das kann wohl nicht ganz im Sinne des Erfinders sein.

Der Höhepunkt dieser Episode und der absolute Tiefpunkt an Plot-Intelligenz ist die Szene in der Burgruine auf dem Glastonbury Tor. Es ist schon schlimm genug, dass hier mittelalterliche Mystik und übernatürliche Erscheinungen mit dem Auftreten modern aufgerüsteter Söldner vermischt werden. Von Romantik kann daher keine Rede sein. Aber der Sinneswandel, den Don an den Tag bzw. die Nacht legt, als Mac ihn angreifen will, ist völlig unplausibel. Offenbar unter dem Diktat eines schnellen Szenenablaufs wird aus dem Leichtgläubigen ein Wütender, der sofort zum Angriff übergeht. Davon, dass eigentlich seine Welt ins Wanken geraten müsste, fällt kein Sterbenswörtchen. Wie auch immer: Mac findet sein verdientes Ende, wenn auch anders als erwartet. Zum Überlegen hat Don ja später noch Zeit. Die Kraft, mit der Don seinen Mentor ausschaltet – woher mag sie wohl kommen? Ein weiteres Rätsel, das der Aufklärung harrt.

Ebenfalls etwas unbefriedigend bleibt die Figur der Elektra. Wir vermuten mit Don, dass sie eine Langlebige ist. Aus welchem Grund dies so ist, bleibt (noch) im Dunkeln. Eine mystisch-archaische Gestalt ist diese Lehrerin und Geliebte, die mit so vielen Geheimnissen hinterm Berg hält, dass Don eigentlich frustriert sein müsste. Er stellt jedoch seine Neugier hintan, um diese aufregende Frau lieben zu können. Dass sie es schon mit seinem Vater getrieben hat und um ein Haar Dons Mutter geworden wäre, ist nur das Sahnehäubchen im ödipalen Inzest-Plot, der uns hier mehr oder weniger unverblümt geboten wird. Auf dem Titelbild wird sie folgerichtig mit einem aufregenden Vorbau dargestellt.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Dies ist die Stunde – das Hörspiel ist 54 Minuten lang – der Pistolen und Gewehre. Schon die erste Szene endet mit Schüssen vor Dons Haus, und im Landhaus Elektras geht das Geballere weiter, um schließlich auf dem Burghügel seinen Höhepunkt zu finden. Wenigstens lässt sich bei dieser dritten Szene der Regisseur einen Trick einfallen. Die Schüsse fallen zwar, werden aber nur über das Walkietalkie Mac Silvers hörbar. Dito die Schreie von Macs Männern. Dieser schon in der antiken Tragödie eingesetzte „Mauerschau“-Effekt distanziert den Zuhörer vom blutigen Geschehen, präsentiert uns aber gleichzeitig Macs entsetzte Reaktion auf das Gemetzel an seinen Männern. Außerdem stellt es ihn und uns vor ein Rätsel: Was konnte diese hochgerüsteten Baller-Männer so leicht töten? Diese Szene ist also relativ trickreich gestaltet.

Stichwort „Walkietalkie“. „Krks! Krks!“, tönt es fortwährend in der gesamten Glastonbury-Aktion. Dieser Ton gehörte auch schon in den „John Sinclair“-Hörspielen zum Standardrepertoire in Oliver Dörings Soundeffekt-Arsenal. Zum „Krks! Krks!“ kommt der Filter hinzu, der das aus dem Walkietalkie dringende Wort elektronisch verzerrt klingen lässt. Ein weiterer Verzerrfilter wird bei der Übertragung in der Kommunikation mit dem Meister der Höllensöhne eingesetzt. All diese moderne Technik steht in groteskem Kontrast zu den mittelalterlichen Erscheinungen auf dem Burghügel, die direkt aus einer Sage über Merlin und Artus stammen könnten. Für manche Hörer könnte dieser Kontrast jedoch erst den besonderen Reiz der neuen Hörspielserie ausmachen, wer weiß?

Der Einsatz von Musik ist absolut minimal. Eine Piano-Kadenz mit einem ständig wiederholten Motiv ist beispielsweise für den Übergang in eine neue Szenenfolge zuständig. Außerdem bestreitet das Titelmotiv der Serie das Intro und das Outro. Songs wie in der 1. Folge gibt es diesmal keine, was ich wirklich schade finde.

_Unterm Strich_

„Don Harris“ ist ein Geisterjäger der modernen Art. Und wie sein Schicksalsgenosse John Sinclair, Hauptfigur einer schier endlosen Horror-Serie aus den siebziger Jahren, ist er von höheren Mächten (seinem Autor) auserkoren worden, die Übel und Schurken der Gegenwart zu bekämpfen. Seltsamerweise agieren selbige „Höllensöhne“, als befänden sie sich noch im tiefsten Mittelalter. Da ist die Rede von der „Zahl des Tiers“, das heißt: der des Antichristen. Und folglich geht es wieder mal, interpretierend gesprochen, um den alten christlichen Kampf der Engel und Heiligen mit den Vertretern und Schergen des Widersachers alias Satan alias Luzifer.

Don Harris ist als Streiter des Lichts mit besonderen Psi-Gaben versehen, doch ob diese ihm immer wieder aus der Patsche helfen, ist noch offen. Anscheinend muss er noch stärker werden. Doch je stärker er wird, desto furchteinflößender werden auch seine Gegner. Zum Glück muss er nicht alleine kämpfen, Terry und Elektra stehen ihm bei.

Das Hörspiel ist von |WortArt| und |Random House| sorgfältig produziert worden und ich habe an der Technik nichts auszusetzen. Die Stimmen der Hollywoodschauspieler verleihen der trivialen Handlung etwas Filmglamour. Die zahlreichen Soundeffekte sind Dörings Markenzeichen – er setzt sie auch gerne in seinen „John Sinclair“-Hörspielen ein, um Authentizität zu vermitteln. Schließlich hat heute jeder Cop und Bösewicht so ein Walkietalkie oder Handy, oder? Nur die Figuren und ihre intelligenzfreien Dialoge stören mich.

Da auch diese Episode mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, ist es höchste Zeit für die Fortsetzung.

|54 Minuten auf 1 CD|
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Ariost, Ludovico / Koppelmann, Leonhard / Obexer, Margareth – Orlando Furioso (Hörspiel)

Europa im frühen 9. Jahrhundert. Kaiser Karl der Große und seine Paladine kämpfen gegen Sarazenen und Spanier (!). Paris wird belagert. Abenteuer und Ritteromantik bestimmen die Szenerie. Ludovico Ariostos „Orlando Furioso“ (dt. „Der rasende Roland“), zu beginn des 16. Jahrhunderts geschrieben, gehört laut Verlag zu den einflussreichsten Werken der Weltliteratur. Kaum ein Epos war so bildmächtig und schuf so viel Neues aus der Verbindung von historisch Verbürgtem und Fabulierlust. „Der Herr der Ringe“ wäre ohne Ariosto nicht möglich gewesen. (Verlagsinfo)

Diese letzte Behauptung ist natürlich völliger Käse. Prof. Tolkien schöpfte seine Mythen aus nordischen Quellen: aus den isländischen Eddas, dem „Beowulf“- und dem „Kalevala“-Epos. Man lese dazu auch die Tolkien-Biographien von Tom Shippey und Humphrey Carpenter. Allegorien wie im „Orlando Furioso“ lehnte er zudem rundweg ab. Solche Behauptungen kann auch bloß eine ahnungslose Marketingabteilung aufstellen, in der Hoffnung, die ebenso ahnungslosen Massen würden ihr glauben. Da hat sie sich aber geschnitten.

_Der Autor_

Ludovico Ariosto lebte von 1474 bis 1533. Er verfasste in den Jahren 1505 bis 1516 sein Versepos in 40 Gesängen, denen 1521 weitere sechs Gesänge folgten, „zur Belustigung und Erholung der Herrschaften und edelgesinnter Leute und Damen“. Konzipiert als Fortsetzung des hochgeschätzten „Orlando Innamorato“ (1486) von Matteo Maria Boiardo, widmete Ariost seine Gesänge dem mächtigen Kardinal Ippolito d’Este, für den er von 1503 bis 1517 arbeitete, als Preislied auf die Geschichte des prunkvollen Ferrareser Fürstengeschlechts.

Daher führt das Schicksal der Figuren Ruggiero und der Ritterin Bradamante zur Gründung des Hauses d’Este, wohingegen die Hauptfigur Orlando – nach zahllosen Ruhmestaten – in Einsamkeit endet, alldieweil seine Herzensdame Angelica von Cathay (= China) ihn nicht erhört.

Weitere Werke Ariostos:

Die Kastenkomödie (1508, dt. 1909)
Die Untergeschobenen (1509)
Der Nekromant (1520, dt. 1909)
Satiren (1525)
Lena, die Kupplerin (1529, dt. 1909)
Der rasende Roland (letzte Fassung, 1532)

Ariostos Dichtungen, wie etwa antikisierende Oden, Eklogen und Elegien, aber auch Lieder und Sonette, wurden ca. 1546 veröffentlicht. Die Potentaten setzten seine „Satiren“ 1534 und 1583 auf den Index. Die erste deutsche Übersetzung wurde von 1631 bis 1636 veröffentlicht, eine moderne Übersetzung erschien 1980.

_Die Inszenierung_

Der bekannte Regisseur Leonhard Koppelmann hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk eingerichtet und Regie geführt. Die Übertragung des italienischen Originals in Deutsche und dessen Hörspielbearbeitung besorgte Margareth Obexer. Die Kompositionen, Lieder sowie die sinfonische Musik steuerte Detlev Glanert bei, ein Schüler von Hans-Werner Henze. Ausführliche Angaben zu diesen drei Kreativen sind im ausgezeichneten 12-seitigen Booklet ebenso zu finden wie die Liste der wichtigsten Sprechrollen.

_Handlung_

Das Hörspiel umfasst in seinen fünf Teilen nur sechs der 46 Gesänge des Epos. Pro CD ist ein Teil des Epos aufgenommen worden. Insgesamt handelt es sich um folgende fünf Teile …

Teil 1: Die Prophezeiung am Orakel von Merlin
Teil 2: Orca der Mörderwal und der Fluch von Ebuda
Teil 3: Sturm der Sarazenen
Teil 4: Orlandos Wahnsinn und Astolfos Reise zum Mond
Teil 5: Der Ruhm des Hauses d’Este

Die Erzählsituation ist am Anfang des 16. Jahrhunderts zu lokalisieren (siehe oben unter „Autor“). Der Maure ist, hurra!, aus Spanien vertrieben – Granada fiel 1492, dem gleichen Jahr, in dem ein gewisser Cristoforo Colón aus Genua die Neue Welt entdeckte, die er zunächst für Indien hielt. In Paris herrscht der vortreffliche Kaiser Karl V. über das Hl. Römische Reich Deutscher Nation, kann aber solche Rebellen wie Martin Luther auch nicht verhindern.

Der Barde (Ariost) am Hofe des Kardinal Ippolito d’Este fühlt sich in diesen glorreichen Zeiten an die Epoche vor ziemlich genau 700 Jahren erinnert, als ein anderer Kaiser Karl herrschte – der Große nämlich. Und hol’s der Teufel, aber der Sarazene machte auch damals schon mächtig Schwierigkeiten, denn König Agramante fiel von Spanien aus in Südfrankreich ein. Und Carolus Magnus war natürlich auf die Tüchtigkeit seiner Paladine angewiesen, unter denen wir auf einen gewissen Rinaldo stoßen.

Dieser Orlando hat jedoch zu seines Königs Verdruss ganz andere Dinge im Sinne als die elenden Sarazenen. Ihn verlangt mit aller Macht nach Lady Angelica von Cathay, der schönsten der Schönen, und er ist jederzeit bereit, sich um ihre Gunst zu schlagen. Das kann er auch zur Genüge tun, so etwa gegen den Ritter Ferragú von Paris. Die Hand Angelicas wird Orlando außerdem von Ritter Rinaldo streitig gemacht. Wem sie gehören soll, soll ein Wettbewerb entscheiden, bei dessen Ausgang dem Mutigeren die Dame zugesprochen werden soll. (Was die Lady davon hält, interessiert offenbar nicht.)

Weil aber Rinaldo so pflichtvergessen war, schickt ihn sein Dienstherr nach England, um Hilfe zu holen gegen Agramante. Auf dem Weg dorthin verschlägt’s den Ritter jedoch an fremden Strand, und bei den freundlichen Mönchen, die den Schiffbrüchigen aufnehmen, hört er von einem weiteren schönen Frauenzimmer, dessen Ehre es zu retten gilt. Vergessen sind Dienstherr und Pflicht; wo es um die Ehre und Leben von Damen geht, darf sich ein braver Ritter wie Rinaldo von nichts abhalten lassen …

|Unterdessen …|

Rinaldo hat in Bradamante eine tapfere Schwester, die als Gräfin von Marseille und weiblicher Ritter (!) eigentlich ebenfalls gegen den anrückenden Sarazenen ziehen sollte. Doch auch sie ist in Liebesnöten und höchst pflichtvergessen. Ihr Herz gehört Ritter Ruggiero, der allerdings für ihren Feind Agramante kämpft. Bradamante und Ruggiero sind jedoch sehr wichtig für die Zukunft Italiens, wie ihr das Orakel Merlins prophezeit, denn daraus entsteht unter anderem das ruhmreiche Haus d’Este, dessen vortrefflichem Kardinal Ippolito der Barde vorzutragen die Ehre hat.

In ihrem ersten Abenteuer gilt es, den in einem Kampf gefangenen Ruggiero und seine Freunde aus dem erzenen Schloss des Zauberers Atlante zu befreien, der auf einem Hippogryph (siehe „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) durch die Lüfte reitet bzw. fliegt. Er streckt seine Feinde mit einem Schild nieder, dessen Strahlkraft sie lähmt, als wäre es der Blick eines Basilisken.

Doch Bradamante erfährt von einem Gegenmittel, nämlich Angelicas Zauberring, den ein Ritter namens Brunell geraubt und verloren hat. Sobald Bradamante in den Besitz dieses Ringes gelangt ist, vermag sie den Zauberer zu überwinden und ihren Ruggiero samt Freunde zu befreien. Doch der Liebste reitet auf jenem elenden Hippogryph davon, dem er schon bald auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist, weil er das Mischwesen aus Vogel Greif und Pferd nicht zu beherrschen vermag. Auf zum nächsten Abenteuer!

|Der Rahmen|

Der große Rahmen der Rahmen ist wegen dieser zahlreichen Einschübe leicht zu übersehen. Der Glaubenskampf zwischen Agramantes Muslimen und Karls Christen findet um das belagerte Paris statt, aber auch im südfranzösischen Arles und auf der sizilianischen Insel Lampedusa, wo – besonders wegen der Heldenhaftigkeit Orlandos – die muslimischen Truppen die entscheidende Niederlage erhalten.

_Die Inszenierung_

Bevor ich meinen Gesamteindruck zusammenfasse, ist es angebracht, die durchaus eigentümlichen Darstellungsformen dieser Inszenierung zu würdigen.

|Die Sprechrollen|

Anders als etwa in einem Hörbuch gibt es hier nicht einen zentralen Vortragenden, sondern verschiedene Erzähler auf scheinbar unterschiedlichen Zeitebenen. Da hören wir einen Schriftsteller – Ariost (Friedhelm Ptok) – mit seiner Feder einen Text zu Pergament oder Papier bringen.

Ein Erzähler am Hofe (Jens Wawrczeck) ergänzt seine Einlassungen, und ein Kriegsberichterstatter (Friedhelm Brebeck) nimmt uns zu den Brennpunkten der Action mit. Plötzlich und unvermittelt hören wir einen Kommentator wie bei einem Fußballspiel, der über einen Kampf oder eine Heldentat berichtet. Der Sound ist so verzerrt, als stamme er aus einem Funkgerät- oder Radiolautsprecher. Dementsprechend schlecht ist der enthusiastisch gesprochene Text zu verstehen. (Nein, dies ist nicht „Das Wunder von Bern“!)

Diese Erzähler werden abgelöst von einer Übersetzerin (Sascha Icks), die mit Diktaphon und PC-Tastatur hantiert. Da sie sowohl Italienisch rezitiert als auch Deutsch spricht, liegt die Vermutung nahe (ohne einen Blick ins Booklet), dass es sich um eine Übersetzerin handelt.

|Gesang|

Noch weniger zu verstehen als der Kriegsberichterstatter sind hingegen die hin und wieder eingestreuten Lieder, die von diversen Rittern und Maiden, gesungen von einem Countertenor, zu Gehör gebracht werden. Als einzige Begleitung dient eine von Axel Wolf meisterlich gespielte Konzertgitarre (das kann ich beurteilen, weil ich dieses Instrument selbst spiele). Der Inhalt der „Arien“: Da klagt beispielsweise der betrügerische Ritter Pinabell von Mainz um seine Herzallerliebste, die ihm der Magier der Festung Atlante auf einem Hippogryph entführt habe. Die Tonlage des Countertenors (hier: Yosemeh Adjai) befindet sich zwischen weiblichen und männlichen Stimmen, ist aber kein Falsett. Die Stimmlage gehört auf androgyne Weise beiden Geschlechtern. Bei anderer Gelegenheit ertönt ein „Gesang der Geister“, der ebenso wenig zu verstehen ist.

|Die Musik|

Das Beste in all diesem Sammelsurium an Formen ist jedoch die sinfonische Musik von Detlev Glanert. Sie genügt allen Kriterien für diese Gattung. So angenehm sie in manchen Momenten erklingen mag, so modern ist sie aber auch. Es kommen ungewöhnliche Instrumentkombinationen vor, die an Igor Strawinskys „Pulcinella-Suite“ erinnern und wohl nicht jedermanns Sache sein dürften. Der Booklet-Artikel über die Musik weist darauf hin, dass die Orchesterstücke mehrheitlich auf einer Messe von Heinrich Isaac basieren, der ein Zeitgenosse Ariostos war und von 1450 bis 1517 lebte.

Am Ende der ersten CD verlustiert sich diese Musik volle fünf Minuten lang, und ich habe mich gefragt, wann das Epos wohl weitergeht. Na, auf der nächsten CD natürlich. Die Einteilung in die sechs Gesänge bzw. fünf Teile wird ziemlich streng eingehalten (siehe oben unter „Handlung“).

_Mein Eindruck_

Es wäre ein Irrtum zu glauben, der Autor sei ein frommer Christ gewesen, der unbedingt Karls Ritter siegen lassen wolle, um so die Überlegenheit seines Glaubens zu demonstrieren und zu bekräftigen. Nein, Ariosto war ein Humanist und als solcher der Wiederentdeckung und -belebung der antiken Literatur verpflichtet. (Kein ungefährliche Haltung, denn nach Savonarolas Predigten Ende des 15. Jahrhunderts setzte eine Anti-Renaissance-Bewegung seitens der Kirche ein.)

|Antike Vorbilder|

Schon der Titel ist ein abgewandeltes Zitat von Senecas Tragödie „Der rasende Kerkules“ aus dem Jahr 65 n. Chr., und die einleitenden Worte des Epos zitieren Vergils Epos „Aeneis“, das die Gründung der Stadt Rom durch Flüchtlinge aus dem besiegten Troja besingt. Auch die Metamorphosen Ovids werden aufgegriffen, als Ruggiero auf den in einen Myrtenbaum verwandelten Astolfo trifft, den die Hexe Alcina, eine Gestalt wie die Kirke aus der „Odyssee“, verzaubert hat. Catull („Lieder“), Lukian (Mondfahrt) und Apuleius (das satirische Märchen „Der goldene Esel“) finden Wiederverwendung.

|Höfische Konventionen|

Das Epos diene „dem Vergnügen und der Enspannung der höfischen Damen und Herren“, schrieb der Autor 1528, als er die Druckerlaubnis beantragte (nicht jeder Hinz und Kunz durfte veröffentlichen!). Damit die edlen Herrschaften nicht vergrault wurden, hatte der Autor entsprechende Konventionen einzuhalten, nämlich die der Ritterepen und des höfischen Romans (in Deutschland gepflegt von 1150 bis ca. 1300) mit seinem genau festgelegten Liebes- und Ritterideal. Daher kommen nur Adelige und ein paar Geistliche, Bauern aber überhaupt nicht vor. Die scheinbare Einhaltung dieser Vorgaben hatte den Vorteil, dass sie die Verwendung der schief angesehenen antiken Vorlagen kaschierte. Für den Autor war es eine Gratwanderung, und dass seine 1525 veröffentlichten „Satiren“ 1534, nur ein Jahr nach seinem Tod, auf dem Index landeten, zeigt, wie schmal der Grat war.

Die deutsche höfische Dichtung zeigte Ritter im Zwiespalt zwischen Gott und Welt, Weltentsagung und Weltverfallenheit, zwischen Minne zur Dame des Herzens und der Pflicht, seinem Oberherrn im Krieg zu dienen. Erst Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ (1200-1210) zeigte einen Kompromiss auf. Doch 300 Jahre später interessierten die Damen und Herren in Ferrara solche Zwiespalten herzlich wenig, denn sie wollen vor allem vergnüglich unterhalten werden. Deshalb wird „Der rasende Roland“ in erster Linie als Parodie auf den klassischen Ritterroman angesehen. Diese Theorie hat einiges für sich.

|Nicht besonders höfische Zustände|

Die Lage ist verworren: Christliche Ritter wie Brunell und Gradass kämpfen auf Seiten des Muslimen Agramante gegen Kaiser Karl. Orlando und Rinaldo verstricken sich nicht in Kämpfe, sondern vielmehr in die Machenschaften, die Magier wie Atlante oder Hexen wie Alcina gestellt haben. Diese Figuren verkörpern Untugenden, so viel ist klar. Alcina ist die Verkörperung der niederen Lust, die sich in eine junge Frau verwandelt hat, um ihr wahres, hohes Alter zu verbergen. Ruggiero verfällt ihr wie einst Odysseus der Nymphe Kalypso.

Der Magier Atlante hingegen verkörpert Materialismus und Egozentrik, denen nur durch den Zauberring Angelicas, der Verkörperung reiner, unschuldiger Liebe beizukommen ist. Dieser Trick funktioniert auch bei Alcina. Kaum dreht Ruggiero den Ring, erkennt er die Wahrheit hinter dem Lustschloss Alcina und macht sich sogleich vom Acker. Allerdings diesmal nicht auf dem unbeherrschbaren Hippogryph, sondern auf seinem eigenen braven Klepper.

|Eine Parodie|

Die Theorie des Literaturhistorikers Francesco de Sanctis (1817-83) geht noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass die scheinbare Zusammenhanglosigkeit des „Orlando Furioso“ die einzig mögliche formale Gestaltung der Anliegen Ariosts gewesen sei. Der Autor schildere nicht mehr den strahlenden christlichen Helden à la Artus oder Lanzelot, noch den edlen höfischen Ritter (s. o.), der sich spezifischen „objektiven“ Werten verpflichtet fühlt: Ehre, Treue, Zucht, Pflicht usw. Sein parodierendes Epos beschreibe vielmehr Ritter, die nur mehr durch Wahnvorstellung und ein rein individualistisches Liebessehnen (das Orlando in den Wahnsinn treibt, da Angelica seine Liebe nicht erwidert), durch Materialismus und Egozentrik (s. Atlante-Episode) charakterisiert seien. Der „Orlando“ sei das literarische Zeugnis einer untergegangenen Kulturepoche. Diese These hat einiges für sich. Ariosto betrachte aus eigener Anschauung – er war Gouverneur einer Provinz sowie Diplomat – den Stand des adligen Politikers bereits als korrupt und setzt ihm das Ideal des humanistisch gebildeten Literaten gegenüber.

|Edle Damen, mehr oder weniger|

So schlecht die männlichen Ritter auch wegkommen, so gut stehen doch die meisten weiblichen Figuren da. Von der sinnlichen Kalypso-artigen Alcina mal abgesehen, spielen doch viele Damen eine positive Rolle. Allen voran überstrahlt die aktive Ritterin Bradamante von Marseille alle anderen Frauen. Bis sie ihren wankelmütigen und charakterschwachen Ritter Ruggiero bekommt, muss sie sich allerdings gewaltig anstrengen.

Prinzessin Angelica hingegen ist ein hoffnungsloser Fall. Die reine unschuldige Liebe ist zu kalt, als dass sie Orlandos Liebessehnsucht erwidern könnte und macht ihn so erst zum „rasenden“ Roland. Melissa hingegen ist ein gute Fee, die Bradamante hilft und ihr – als Merlins Orakel – die Zukunft vorhersagt, welche in der Gründung des Hauses d’Este besteht. Noch viele andere Damen gibt es, die gerettet – oder verführt – werden wollen, doch diese kurze Aufzählung soll erst einmal reichen. Unterschwellig stellt der Autor die Klischees und Vorurteile hinsichtlich der Stellung von Frau und Mann zur Debatte.

|Soap Opera|

Diese Episoden tragen sowieso zunächst zur Verwirrung bei: Welche Dame muss gerade vor wem mit welchen Mitteln durch wen gerettet werden? Welcher Ritter sitzt gerade in der Patsche und muss von einer Dame um welchen Preis gerettet werden? Dabei sind die bösen Mächte oftmals konkret als Fantasieprodukte gestaltet: als Hexe, als Magier, als Meeresgott Proteus, als dessen „Mordwal“ Orca und vieles mehr. Einhörner kommen ebenso vor wie Hippogryphen und viele andere Fabelwesen. Man wundert sich, mit welcher inneren Charakterstärke die Adeligen überhaupt überleben. Die Autorin des Booklets behauptet, es sei „die unzerstörbare Kraft der Liebe“. Wie romantisch.

Viel auffälliger ist eigentlich die durch Ariosts Anspruch (s.o.) begründete Episodenstruktur des Epos: Er will vergnüglich unterhalten, und das so lange wie nur irgend möglich. Folglich stopft er in den sehr dehnbaren Rahmen des Krieges zwischen Muslimen und Christen alle möglichen Episoden zwischen Männlein und Weiblein, Monstern und Zauberern hinein, bis ein Zusammenhang unkenntlich und nur das Vergnügen am Augenblick wichtig geworden ist. Dann bestimmt das Gesetz der Serie den Fortgang der Handlung: Liebende dürfen sich – wie etwa in „Spiderman“ und anderen Heldensagen – niemals bekommen, denn dann wäre die Spannung weg und die Serie zu Ende. So wie in „Sex and the City“ darf das Glück nie vollkommen sein – die Soap Opera muss bzw. darf weitergehen.

|Mein Hörerlebnis|

Die Inszenierung durch den renommierten Regisseur Leonhard Koppelmann unternimmt den Versuch, das Epos aus dem 16. Jahrhundert herauszureißen und für das 21. Jahrhundert irgendwie relevant zu machen. Ist es nun eine Illustration für den Angriff der Islamisten auf westliche Bollwerke des „christlichen“ Kapitalismus oder Imperialismus? Leider erweist es sich für diesen Zweck als wenig tauglich, denn die dafür nötige Rahmenhandlung ist denkbar unwichtig. Von Bedeutung sind vor allem die zahlreichen Abenteuer, die die Hauptfiguren erleben. Dass die Christen am Schluss obsiegen, ist reichlich sekundär und bedient lediglich Erwartungen der Zeitgenossen des Autors.

Dennoch hat man sich mit den auf modern getrimmten Formen der Darstellung auseinanderzusetzen: kratzende Schreibfedern, alte Lieder, sinfonische Musik à la Strawinsky – das geht ja noch, doch dann kommen Radiokommentatoren, Diktafone und tippende Übersetzerinnen vor. Wenigstens wurde der Bereich des Fernsehens ausgespart. Das hätte gerade noch gefehlt.

Die diversen Darstellungsmittel könnten ein harmonisches Ganzes ergeben, das durchaus interessant wäre, wenn sie nicht mitunter dazu beitrügen, dass Text unverständlich wird. Verzerrende Lautsprecher und Diktafone sowie in höchsten Tönen jodelnde Sänger verhindern eher die Rezeption des Textes, als sie zu fördern. Wenn der Text nicht zu verstehen ist, wozu dann noch weiterhören? Es wäre ja zu verschmerzen, wenn diese Elemente lediglich verzierende Schnörkel wären, aber nein: Sie erzählen vom Fortgang der Handlung. Unverstanden hinterlassen sie also ein Loch im Zusammenhang des Inhalts. Ich habe mich sehr darüber geärgert und das Anhören des Hörspiels nach der Hälfte der zweiten CD frustriert abgebrochen. Eine Besserung der besagten Malaise war nämlich nirgendwo in Sicht- und Hörweite. Ich kann nur hoffen, dass es anderen Hörern besser ergeht.

_Unterm Strich_

Die Bedeutung des „Orlando Furioso“ für die abendländische Dichtung bis hin zu Torquato Tasso, Goethe und Italo Calvino ist unbestritten und sollte nicht unterschätzt werden. Das Buch an sich ist ziemlich kurzweilig, denn ein Abenteuer jagt das andere, und die Liebenden bekommen einander erst ganz am Schluss (wobei die Titelfigur leider leer ausgeht, der arme Kerl). Für Fantasyfreunde gibt es ein fröhliches Wiedersehen mit etliche Gestalten, die einem schon diversen „Harry Potter“-Romanen vertraut sein dürften: mit Hippogryphen und dergleichen.

Aber die Welt der moralischen Verstrickungen führt die Herren Ritter und die Damen allzu oft in amouröse Nöte. Da fällt Ritter Ruggiero der Zauberin Alcina zum Opfer, die ihn auch gleich vernascht. Dort gerät die edle Prinzessin Angelica in die Klauen eines notgeilen Eremiten, dem dann leider sein wichtigstes Werkzeug den Dienst versagt, um sie vergewaltigen zu können. Liebe macht also nicht nur eine Menge Verdruss, sondern jede Menge Not und Anlass zu Ehrenhändel.

Dass Ritter Rinaldo vorkommt, hat er nämlich nur dem notwendigen Wettstreit mit Orlando zu verdanken: Beide streiten um Angelica, und derjenige soll ihre Hand erhalten, der sich als der Mutigere erweist. Über solchen Machismo ist Ritterin Bradamante erhaben, wie es scheint: Für ihren Ruggiero geht sie durch dick und dünn – mit entsprechendem Liebeslohn: Sie gründet das Haus d’Este. Die Zuhörer Ariostos werden’s mit Freuden vernommen haben.

|Das Hörspiel|

So unterhaltsam das Buch ist, so anstrengend und frustrierend war für mich seine Umsetzung als Hörspiel des Westdeutschen Rundfunks. Mit unglaublichem, doch keineswegs beeindruckendem Aufwand gestaltet, hat es doch vor allem zu meiner steigenden Verärgerung beigetragen. Es ist ja nicht so, dass ich unbedingt einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Episoden verlangen würde, um mich gut unterhalten zu fühlen. (Aber schön wäre es schon gewesen.)

Es war auch nicht die Unübersichtlichkeit der Episoden, in denen es vor Personal nur so wimmelt, das dann nie wieder auftaucht. Was mich viel mehr verärgerte, waren die Löcher im Erzähltext, die durch unverständliche Elemente verursacht wurden: extrem hoch vorgetragene Lieder, verzerrt wiedergegebene Berichte des Kriegsberichterstatters usw. Einen ähnlich frustrierenden Eindruck hatte ich übrigens auch von Koppelmanns Hörspiel-Inszenierung von Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“. Mann, war ich froh, als davon endlich die tolle Lesung von Joachim Kerzel zu haben war!

Mein Tipp daher: Das „Orlando“-Hörspiel meiden, das Buch hervorkramen.

|Originaltitel: Orlando Furioso, 1505-21 sowie letzte Fassung 1532
360 Minuten auf 5 CDs|

John Grisham – Die Schuld (Lesung)

Ein junger Pflichtverteidiger wird von einem geheimnisvollen Fremden dazu verführt, die juristische Drecksarbeit für einen Pharmakonzern zu erledigen. Zu spät erkennt Clay Carter, in welcher Klemme er nach nur wenigen Monaten steckt. – Grisham zeigt auf, wie verführbar junge, unterbezahlte Anwälte sind und wie das dreckige, aber völlig legale Geschäft mit den Sammelklagen in den USA funktioniert.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher _

Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“, „Der Richter“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Der junge Rechtsanwalt Clay Carter träumt von einer lukrativen Stelle in einer der großen Kanzleien. Leider fristet er vorerst sein Dasein als Pflichtverteidiger des Office of Public Defense (OPD). Da er gerade zufällig als Einziger vom OPD im Gerichtssal anwesend ist, bekommt er den merkwürdigen Fall des Tequila Watson aufs Auge gedrückt.

Tequila, gerade mal 20 Jahre jung, hat mitten auf der Straße scheinbar wahllos einen Mord begangen. Mitten in Washington, D.C., schoss er einen jungen Drogendealer nieder: Ramón Pumfrey. In Clays Verhören gibt der junge Tequila an, er habe einfach nur jemanden töten wollen, egal wen. Das wird ja immer seltsamer, denkt sich Clay.

Seine Nachforschungen im Umfeld ergeben: Watson war bis vor einem halbem Jahr noch Crack-Junkie, bevor er in eine Entzugsanstalt eingewiesen wurde. Im „Deliverance Camp“ herrschten militärische Zucht und Ordnung. Nach 90 Tagen war Tequila clean gewesen, erzählt der Anstaltsleiter, ein massiger Farbiger namens Talmage X. Nach 100 Tagen hatte Tequila erstmals Freigang gehabt. Am 115. Tag hatte er Ramón Pumfrey erschossen, aber keiner wusste, wieso, am allerwenigsten der Mörder selbst. Er war vorher Gewalt stets aus dem Weg gegangen.

Clay Carter hatte schon mal leichtere Fälle. Er verdient gerade mal 36.000 Dollar im Jahr (also nicht mal 3.000 Euro im Monat). {Oh mein Goth, wie schröckelich. Anm. d. Lektors.} Da kann man sich schon überlegen, sich nach etwas Lukrativerem umzusehen. Und Clay bekommt sein Chance. Ein gewisser Max Pace bietet ihm in einem Luxushotelzimmer die Chance seines Lebens an. Pace behauptet, für einen Pharmakonzern zu agieren, der ungenannt bleiben wolle.

Der Konzern habe ein Suchtheilmittel erprobt, nicht nur in drei Städten außerhalb der USA, sondern auch in Washington, D.C. – weil es hier ja viele Farbige gebe. Testlabors seien die Entzugskliniken gewesen, solche wie Deliverance Camp. Tequila Watson sei nur einer von etwa hundert Probanden gewesen. Leider habe sich gezeigt, dass das Medikament bei etwa acht Prozent der Testpersonen schwere Nebenwirkungen hervorrufe: zum Beispiel Mordlust.

Inzwischen seien zwar alle mit „Tarvan“ versorgten Kliniken weltweit geschlossen, doch sollten die Familien der Opfer entschädigt werden, um spätere Schadensersatzforderungen abzuwehren, falls die Sache doch einmal ruchbar werden sollte. Und hier kommt endlich Clay ins Spiel: Er soll die Entschädigungsverfahren mit außergerichtlichen Vergleichen zu einem glücklichen Ende bringen.

Als sich Clay hierbei bewährt, betraut Max Pace ihn mit einem Sammelklagenfall, gegen den sich die 50 Millionen Dollar des Tarvan-Falles wie Peanuts ausnehmen. Er, Clay, werde allein daran über 100 Millionen Dollar verdienen. Clay bleibt die Spucke weg.

Dieser Fall könnte Clay Carters Karriere zerstören, doch sollte er Erfolg haben, wäre er am Ende des Verfahrens nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein bekannter und berüchtigter Opferanwalt. Doch warum hat man ausgerechnet ihm diesen Fall angeboten? Wer ist der geheimnisvolle Fremde mit dem verlockenden Angebot?

Und tatsächlich: Schon etwa 15 Monate später steht das FBI bei Clay Carters kräftig gewachsener eigener Anwaltskanzlei auf der Matte.

_Mein Eindruck_

Grisham lässt seinen Helden noch zwei weitere Fälle mit Sammelklagen anpacken, aber das sind dann schon die heikleren Sachen – sie werden Clays Untergang herbeiführen. Der eigentliche Grund: Clays sinn- und grenzenlose Geldgier, seine Geltungssucht gegenüber den ebenso gierigen Anwaltskollegen.

_Und der Haifisch, der hat Zähne_

Das überhand genommene Sammelklagengeschäft (beispielsweise gegen die Bayer AG) ist ein einziger Haifischteich, und die Gelackmeierten sind nicht etwa die Beklagten, sondern die Kläger: die Geschädigten, die eh schon unter gesundheitlichen und sonstigen Schäden zu leiden haben. Aber da die Anwälte astronomische Honoraranteile verlangen, werden die Opfer ebenso wie die Beklagten um vernünftige Kompromisse und Vergleiche gebracht. Der Einzige, der bei diesem Scheißspiel gewinnt, so Grisham, ist der Anwalt.

Vorerst zumindest. Denn anhand des Falles von Clay Carter exerziert Grisham durch, wie dieser Schuss nach hinten losgehen kann. Anwälte wie Carter (und der uns aus „Der Richter“ vertraute Patton French aus Biloxi) lassen sich durch eine freie Presse, aber auch durch noch schärfere Fische im Haifischteich der Anwälte bekämpfen und zu Fall bringen. Und wenn sie dann auch noch so dumm sind, an der Börse Insidergeschäfte zu tätigen, schaltet eben bald die Börsenaufsicht das FBI ein.

_Auch der Haifisch ist nur ein Mensch_

Doch Clay Carter ist keineswegs nur der Haifisch, der den Hals nicht voll bekommen kann. Er ist ja selbst ein Opfer: Er ließ sich von dem Betrüger Max Pace vor dessen Karren und den der Konzerne spannen und muss dafür schließlich büßen (wie in jedem anständigen Krimi). Indirekt zeigt also Grisham, wie sich ahnungslose junge und unterbezahlte Anwälte zu Werkzeugen in den Intrigen der großen Konzerne machen lassen.

Clay Carter überlebt lediglich dank seiner Freunde aus dem OPD. Er hatte sie als erste in seine Kanzlei geholt und ihnen freiwillig (!) einen Bonus von je 10 Millionen gezahlt. So etwas vergisst man ihm nicht, und so üben sie eben auch Solidarität, als es ihm wieder dreckig geht: Er liegt mit gebrochenen Knochen im Hospital. (Und ich habe den starken Verdacht, dass im Hörbuch eine komplette Liebesgeschichte gestrichen worden ist. Das trüge noch stärker zu Clays menschlicher Seite bei.)

_Der Sprecher _

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

_Unterm Strich_

„Die Schuld“ hat eine überschaubare Handlung, die im Grunde aus vier bis fünf Komplexen besteht: Clays Fällen. Sie werden linear hintereinander abgehandelt, und es gibt kaum Rückblenden. Das klingt nicht sonderlich spannend, und psychologische Spannung kommt auch nur in den Gesprächen mit Max Pace und dem FBI auf.

Worauf es Grisham in erster Linie ankam, ist seine Absicht, uns zu zeigen: „Nun schaut euch mal an, wie diese Schweinerei vonstatten geht.“ Die „Schweinerei“ ist vor allem das Geschäft mit den riesigen Sammelklagen, bei denen mehrere spezialisierte Staranwälte Tausende von Mandanten sammeln und in einen Topf werfen, selbst wenn die das gar nicht wollen. Doch diese Masse erzeugt Druck auf den Beklagten. Und Zweck der Übung ist nicht etwa ein Prozess, sondern ein außergerichtlicher Vergleich, bei dem die Anwälte bis zu einem Drittel der Entschädigungssumme einsacken. Da kann es durchaus um Milliarden Dollar gehen. Ganz legal. Aber auch moralisch gerechtfertigt?

Genauso gut könnten wir also einem Paar Einbrecher bei seiner kriminellen Arbeit zusehen, so aufregend ist Grishams Story: Das ist informativ, lehrreich (für Nachwuchsjuristen?), engagiert, teilweise spannend, aber wenig bewegend. Wer mehr von der Story haben will, sollte das Buch lesen. Das ist dann wenigstens ungekürzt.

Umfang: 381 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

John Grisham – Der Polizist

Die Handlung:

Jake Brigance, Held der Bestseller „Die Jury“ und „Die Erbin“, ist zurück. Diesmal steht er als Pflichtverteidiger im Zentrum eines aufsehenerregenden Mordprozesses in Clanton, Mississippi. Sein Mandant Drew Gamble soll einen örtlichen Deputy umgebracht haben. Die Mehrheit von Clanton fordert lautstark einen kurzen Prozess und die Todesstrafe. Dabei ist Drew Gamble gerade einmal 16 Jahre alt. Jake Brigance arbeitet sich in den Fall ein und versteht schnell, dass er alles tun muss, um den Jungen zu retten. Auch wenn er in seinem Kampf für die Wahrheit nicht nur seine Karriere, sondern auch das Leben seiner Familie riskiert. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Bei der Menge an Justiz-Romanen (dies ist der 35.) ist es nicht schlimm, wenn dem einen oder anderen der Name Jake Brigance nichts sagt. „A Time to Kill“ (dt. DIE JURY) stammt aus dem Jahr 1989 und war der erste der Reihe. „Sycamore Row“ (2013, dt. DIE ERBIN, 2014) kam viele Jahre später.

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Poe, Edgar Allan – Edgar Allan Poes Meistererzähler

_Gute Sprecher für eine repräsentative Poe-Auswahl_

Zehn Meistererzählungen von Edgar Allan Poe, dargebracht von Meistererzählern wie Pinkas Braun, Martin Held, Wolfgang Kieling, Hannes Messemer, Richard Münch, Hans Paetsch, Heinz Reincke, Werner Rundshagen und Klaus Stieringer. Die Vorträge dieser Sprecher stammen aus der Zeit zwischen 1958 und 1983, als die Rundfunklesung noch eine geschätzte Kunst war. (gekürzte Verlagsinfo) Viele dieser Sprecher sind bzw. waren professionelle Schauspieler und wissen Poes bekannteste Erzählungen wirkungsvoll vorzutragen.

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49), das Kind verachteter Schauspieler, wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Während der Vater ihn nie akzeptierte, liebt Edgar seine Ziehmutter, die sich seiner annahm, umso mehr. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich 1827 von seinem strengen Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die allesamt finanzielle Misserfolge waren. 1828 starb mit Mrs. Allan seine wichtigste Bezugsperson, und er zog zu seiner Tante „Muddy“ Clemm in Baltimore.

Von der Offiziersakademie in West Point wurde er am 28. Januar 1831 verwiesen, sein Bruder William stirbt im August. 1833 gewann er 50 Dollar für seine Story „MS. Found in a Bottle“, die einen Kaufmann auf ihn aufmerksam machte, der ihn förderte. Dadurch konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. Allerdings schuf er sich durch seine scharfen Literaturkritiken zahlreiche Feinde.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, nachdem am 20. Januar 1845 sein Gedicht „The Raven“ auf größte Begeisterung gestoßen war, und das sowohl bei den Lesern als auch bei der Kritik. Er wurde Vortragsreisender und Partner bei einer Zeitschrift, die allerdings bankrott ging.

Dem Erfolg folgte bald ein ungewöhnlich starker Absturz, nachdem seine Frau Virginia, die Tochter seiner Tante (1822-1847, verheiratete Poe ab 1836, krank ab 1842), an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel mit der 45-jährigen Dichterin Sarah Helen Whitman – am 3. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden. Er starb an „Hirnfieber“ am 7. Oktober im Washington College Hospital. (Das Rätsel um seinen Tod wurde unter anderem von Matthew Pearl in [„Die Stunde des Raben“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3552 zu einem Roman verarbeitet.)

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert – in nur 17 Jahren des Publizierens.

_Die Erzählungen und Sprecher_

_1) Das Faß Amontillado_ (13:34 Minuten, gelesen von Werner Rundshagen)

Warum mauert Montresor seinen Freund Fortunato im Weinkeller des Familiengutes ein? „By the last breath of the four winds that blow / I’ll have revenge upon Fortunato …“ heißt es in Alan Parsons Song. „Nemo me impune lacessit“ lautet das Motto der Familie Montresor: „Niemand beleidige/verletze mich ungestraft“. Na, und der überhebliche Fortunato hat seine Strafe sicherlich verdient.

|Mein Eindruck|

Poe erzählt seine Rachestory sehr anschaulich, als habe er sie für einen Film schreiben wollen. Allerdings stammt der letzte verfügbare Wortlaut gar nicht von ihm, sondern von seinem schlimmsten Feind, der seinen Nachlass verwalten durfte …

|Der Sprecher|

Werner Rundshagen trägt mit einer kräftigen Stimme sehr deutlich und nuanciert vor. Wenn der betrunkene Fortunato mal spricht, lallt Rundshagen allerdings nicht, deutet nur eine „schwere Zunge“ an. Einmal lacht Fortunato leise in sich hinein, das klingt dann angesichts seiner Lage schon unheimlich. Leider spricht Rundshagen den Namen „Amontillado“ nicht wie es sich gehört spanisch aus, sondern deutsch, also mit einem L statt einem J.

_2) Das ovale Portrait_ (10:00 Minuten, gelesen von Wolfgang Kieling)

Der müde und fiebrige Wanderer hat Zuflucht in einem italienischen Bergschloss gefunden und ruht sich nun im Schlafzimmer aus. Es ist mit einer berühmten Gemäldesammlung ausgestattet, zu der er sogar einen Führer lesen kann. Als er den Kandelaber verschiebt, um das Buch besser lesen zu können, fällt das Licht auf ein kleines Bild in einer Nische: ein ovales Porträt einer jungen Frau. Es ist erstaunlich lebensecht.

Der Führer erzählt dazu die grauenerregende Geschichte seiner Entstehung … Die junge Frau liebte den Maler des Bildes so leidenschaftlich, dass sie bereit war, für ihn wochenlang Modell zu sitzen. Doch je länger der Maler pinselte, um das Bild so lebensecht wie möglich zu gestalten, desto blasser und kränklicher wurde dessen Vorlage. Und während die Bewunderer des Malers von der Qualität des Bildes schwärmten, merkten weder sie noch der Maler, wie schlecht es dem Modell ging. Kaum war der letzte Pinselstrich getan, starb sie!

|Mein Eindruck|

Die kurze aber anschaulich erzählte Geschichte behandelt den metaphysischen Zusammenhang zwischen Kunst und Liebe bzw. Leben. Die Rivalin der jungen Frau ist die Kunst, wie sie selbst weiß, und doch opfert sie sich dieser, um der Liebe zu ihrem Maler willen. Jeder Künstler bringt der Muse Opfer, um ihr dienen zu können, und allzu oft besteht das Opfer in Liebe, manchmal sogar in Leben. Vielleicht ist dies nicht nur ein romantisches Motiv.

|Der Sprecher|

Wolfgang Kieling ist mir als hervorragender Schauspieler bekannt. Seine Stimme ist tief und volltönend, er intoniert die Sätze deutlich und erzeugt gehörige Spannung. Wunderbar.

_3) Das verräterische Herz_ (14:10 Minuten, gelesen von Heinz Reincke)

Der verrückte Ich-Erzähler plant detailliert den perfekten Mord an einem alten Mann, dessen eines „Geierauge“ ihm Furcht und Wut einflößt. Die Tat gelingt, doch aufgrund seines überfeinen Gehörs vermeint der (wahnsinnige) Bösewicht, das Herz des Getöteten wieder schlagen zu hören, justament als er die Polizei im Hause hat …

|Mein Eindruck|

Wahnsinn, überfeinerte Sinne und vorzeitige Beerdigung sind die Standardthemen Poes. „Das verräterische Herz“ ist kurzer, psychologischer Thriller um Schuld und Sühne. Er ist nicht nur sehr anschaulich geschildert, sondern auch zu einem grauenerregenden Finale hin konzipiert.

|Der Sprecher|

Heinz Reincke ist bzw. war ein temperamentvoller Volksschauspieler, der in unzähligen TV-Serien des NDR auftrat. Bereits 1958 entstand diese unvergessliche Aufnahme. Reincke liest sehr flott vor, gestaltet seinen Erzähler als gehässigen und wahnsinnigen, aber auch ungeheuer selbstverliebten Typen. Wenn der Mord erfolgt, wird der Vortrag beschleunigt, drängend und angstvoll – wir fiebern geradezu mit. Nach diesem ersten Höhepunkt gelangt Reincke wieder in ruhiges Fahrwasser – Erleichterung macht sich breit. Dann folgt Nervosität, schließlich wieder Panik und Wahn. Am Schluss überschlägt sich Reinckes Stimme fast, wird richtig laut, als es das Unfassbare zu äußern gilt: Das Herz des Alten schlägt wieder!

_4) Der Massenmensch_ (27:45 Minuten, gelesen von Klaus Stieringer)

Der Erzähler sitzt eines Tages in einem Café in London und teilt die Passanten in Klassen ein. Er ist offenbar ein genauer Beobachter. Da bemerkt er einen ungewöhnlichen, alten Mann, weil er aussieht wie der „Erzfeind“, der Teufel, persönlich. Er folgt ihm den ganzen Tag hindurch, wie der sich durch die Menge schiebt und nirgendwo eine Rast einlegt, um sich zu stärken oder zu ruhen. Nein, der Mann, der Dolch und Diamant unter seinem Mantel stecken hat, sucht immerzu nur die Menge. Und als sich ihm sein Verfolger in den Weg stellt, schaut er nicht auf, sondern umgeht ihn einfach.

|Mein Eindruck|

Die ungewöhnliche, völlig handlungslose Story ist die detailliert beobachtende Studie eines neuen psychologischen Typus, wie er nur in der Stadt vorkommt: der Mensch, der nur zufrieden ist, wenn er in einer Menschenansammlung anonymen Kontakt findet. Dass dieser Typ keine menschlichen Bedürfnisse an den Tag legt, macht ihn zu unheimlich. Poe schreibt ihm Schuld zu, aber woher diese rührt, bleibt unklar.

|Der Sprecher|

Klaus Stieringer ist ein beherrscht und deutlich artikulierender Sprecher. Mit Pausen vor jedem wichtigen Wort hebt er dessen Bedeutung für jeden Satz und Gedankengang hervor. So entsteht vor dem geistigen Auge des Hörers ein lebendiges Bild, das zunehmend unheimlichere Züge gewinnt …

_5) Die Maske des Roten Todes_ (14:00 Minuten, gelesen von Hannes Messemer)

Diesmal hat Fürst Prospero sich in eine burgartige Abtei vor den Verheerungen, welche die Pestilenz in seinem Land anrichtet, zurückgezogen. Trotz des Todes draußen schmeißt er eine Party, bei der sich tausend Ritter und Damen verkleiden dürfen (Maske = Maskenball), um der Schönheit in den unterschiedlich ausgestatteten Zimmers seines Refugiums zu huldigen. Als er jedoch einen unverschämt auftretenden Burschen erblickt, der es wagt, als Pestkranker aufzutreten, kennt sein Zorn keine Grenzen. Er verfolgt ihn, treibt ihn in die Enge, um ihn zur Rede zu stellen – und erlebt sein rotes Wunder …

|Mein Eindruck|

Poe hat zahlreiche Gedichte über den Tod und dessen unentrinnbare Herrschaft geschrieben, denn er war ja selbst ständig vom Tod umgeben. Auch seine junge Frau Virginia Clemm starb an der Schwindsucht. Er nannte den Tod „den Zerstörer“ und „Eroberer Wurm“. Auch in „Die Maske des Roten Todes“ ist der Tod unentrinnbar, und alles Schöne muss vergehen, insbesondere, wenn es so frivol wie von Fürst Prospero zelebriert wird.

|Der Sprecher|

Hannes Messemer trägt auf eine recht altmodische Weise vor, die inzwischen überholt ist. Man merkt nämlich, dass er den Hörer bewegen und erreichen will. Er gestaltet den Text aber sehr abwechslungsreich: mal heiter, mal ahnungsvoll, mal schnell, dann wieder langsam. Mitunter versteigt er sich zu einer Emphase, die harte Konsonanten wie K geradezu hervorschleudert. Auch der Höhepunkt ist sehr effektvoll „inszeniert“, voll Dramatik.

_6) Der wahre Sachverhalt im Falle Waldemar_ (28:10 Minuten, Pinkas Braun)

Die esoterische Modewissenschaft Mesmerismus (nach einem gewissen Monsieur Mesmer) wurde auch als Magnetismus bezeichnet und erregte seinerzeit – also zwischen 1840 und 1850 – einiges Aufsehen. Sie ähnelt der Hypnose, wird aber anders angewandt.

In der Erzählung verlängert Poe damit die Existenz der Seele von M. Waldemar, einem Opfer der Schwindsucht, nach dem Ableben des hinfälligen Körpers. Alle Schritte beim Vorgehen werden minutiös aufgezeichnet, so dass ein sehr realistischer Eindruck entsteht. Kann der Einzug des Todes in den Körper von M. Waldemar wirklich aufgehalten werden, lautet die Kardinalfrage. Doch es gibt eine ziemlich grässliche Pointe.

|Mein Eindruck|

Der Ich-Erzähler weiß seine (inzwischen verfilmte) Geschichte von der Aufhebung des Todes wohldosiert zu vermitteln. Das Unbehagen an der ganzen unnatürlichen Sache wächst, bis ganz am Schluss, im letzten Satz, das Grauen mit voller Wucht zuschlägt: das ist die „punch-line“, die den Leser bzw. Hörer in die Magengrube trifft. Poe konnte schon immer sehr effektvoll erzählen, aber hier hat er ein Meisterstück abgeliefert. Die Übersetzung des „Ulysses“-Übersetzers Hans Wollschlägers trägt zusätzlich zur starken Wirkung bei. Allerdings wimmelt es vor Fachausdrücken. Aber das ist ja bei Poe stets der Fall.

|Der Sprecher|

Pinkas Braun verfügt über eine tiefe, sonore Stimme, mit der er seine Sätze sehr deutlich, beherrscht und analytisch hervorhebend vorträgt. Seine Aussprache des Französischen ist makellos. Nur ganz am Schluss lässt er zu, dass er seinem Ekel heftig Ausdruck verleiht.

_7) Der schwarze Kater_ (28:10 Minuten, gelesen von Martin Held)

Der Erzähler ist der trunksüchtige Ehemann einer zartfühlenden und tierlieben Gattin. Sie hat als liebstes Haustier einen Kater namens Pluto, der laut schnurrt, wenn man ihn streichelt. Das tut der Ehemann jedoch nie. Im Gegenteil: Die Augen der Katze lassen ihn sich irgendwie schuldig fühlen, dass die Trunksucht, der er sich hingibt, und die Misshandlungen, die er an seiner Frau begeht, ein großes Unrecht seien. Im Vollrausch sticht er Pluto ein Auge aus, später erhängt er das wehrlose Tier. Bei einem Feuer brennt das Haus bis auf die Grundmauern nieder und das mittellose Ehepaar muss umziehen.

Um diese Gedanken der Schuld zu vertreiben, ertränkt er sie immer öfter in Alkohol. Bis er schließlich auch im Wirtshaus eine schwarze Katze bemerkt, die er mit nach Hause nimmt. Doch aus Zuneigung wird schon wieder Hass und Abscheu gegen das vermaledeite Katzenvieh. Als er auf der Kellertreppe über es stolpert, will er es töten, doch seine Frau fällt ihm in den Arm. Er schlägt ihr den Schädel ein und mauert die Tote in einem „blinden“ Kamin (der nirgendwo hinführt) im Keller ein. Die Katze jedoch ist verschwunden und er kann wieder selig schlafen, selbst nach dem Mord. Doch der Fluch der bösen Tat fordert Sühne …

|Mein Eindruck|

Die Story ist ein psychologischer Thriller um Schuld und Sühne, mit einem typischen Poe-Motiv: lebendig begraben sein. Doch das Neue an der Geschichte besteht darin, dass die Bestrafung nicht von außen erfolgt, etwa durch göttliche oder fürstliche Intervention. Vielmehr kommt dieser Impuls von innen, aus der Psyche des unbestraften Verbrechers selbst: Er muss sich selbst entlarven, um Erlösung von der Last seiner Schuld zu erlangen. Schon lange vor Freud also wird tiefer schürfende Psychologie als Triebfeder einer Story-Handlung eingesetzt.

|Der Sprecher|

Martin Held war für mich einer der sympathischsten und integersten Schauspieler seiner Generation. Seine Stimme ist angenehm mitteltief, seine Intonation mitfühlend, sein Vortrag einfühlsam. Triumph und Erleichterung wechseln sich hörbar mit Angstpsychose ab. Wie bei Reincke mündet auch sein Vortrag in den Aufschrei eines gequälten Wahnsinnigen.

_8) Hopp-Frosch_ (17:30 Minuten, Hannes Messemer)

Froschhüpfer ist ein Krüppel und Zwerg, der als Hofnarr an des Königs Hof Possen treiben muss. Er wurde mit seiner wohlgestalten Freundin Tripetta aus seiner Heimat verschleppt, die man ebenfalls mies behandelt. Eines Tages wollen der König und seine sieben fetten Minister ganz besonders einfallsreiche Kostüme für den Maskenball tragen. Hüpfer hat eine „zündende“ Idee, wie er sich für erlittene Qualen rächen kann, schlägt ihnen Orang-Utan-Verkleidung vor und kettet sie aneinander. Das wird eine „feurige“ Überraschung.

|Mein Eindruck|

Poes letzte zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Erzählung wird häufig als Allegorie auf seine Rache an seinen Kritikern aufgefasst. Diese saßen vor allem in New York und unternahmen alles, um diesen unbequemen Mahner und Kritiker aus dem tiefen Süden zum Verstummen zu bringen. Sie erreichten ihr Ziel – fast.

|Der Sprecher|

Hannes Messemer trägt ebenfalls auf eine recht altmodische Weise vor. Sein König ist ein laut polternder Tyrann, dem jede Schlechtigkeit zuzutrauen ist und der grausam zischt, wenn er seinen Hofnarren, den Zwerg Hopp-Frosch, schikanieren will. Der Höhepunkt ist sehr effektvoll und dramatisch „inszeniert“.

_9) Berenice_ (27:50 Minuten, Hans Paetsch)

Der Träumer und die schöne Titelfigur sind Cousin und Kusine, doch während er sich schwächlich zurückhält, bewundert er an ihr das blühende Leben. Dieses Verhältnis ändert sich schlagartig, als Berenice – ähnlich wie Poes echte Frau Virginia Clemm – an Tuberkulose und Auszehrung erkrankt. Dabei verfällt sie mitunter in einen todesähnlichen Zustand der Trance.

Der Träumer wiederum ist einer Monomanie verfallen, die ihn in einen Geisteszustand verfallen lässt, in dem er sich stundenlang auf nur einen Gegenstand konzentriert. Er scheint dadurch in eine Art Geistesabwesenheit zu geraten. Trotzdem heiraten die beiden. Das Verhängnis ist unausweichlich, als ihm Berenices unglaublich weiße und lange Zähne auffallen …

|Mein Eindruck|

Vielfach ist diese unheimliche Erzählung als Vampirgeschichte interpretiert worden, denn wozu sonst sollte Berenice derart lange Zähne aufweisen? Das Thema der verbotenen Beinahe-Geschwisterliebe erinnert zudem an das unselige Geschwisterpaar Madeleine und Roderick Usher. Klar, dass daraus nichts Gutes entstehen kann.

Und dass es schließlich zu einer abscheulichen Grab- und Leichenschändung kommt, dürfte kaum noch jemanden verwundern. Allerdings ist die Schuldfrage nicht eindeutig zu klären. Hat Berenice Schuld an ihres Cousins somnambulem Zustand, so dass er unter Amnesie zu leiden beginnt? Wenn ja, dann kann er nicht für seine Untat verantwortlich gemacht werden.

|Der Sprecher|

Hans Paetsch ist die Stimme des „Märchenonkels“ schlechthin. Er unzählige Märchen aufgenommen. Hier zeigt er sich von seiner kultivierten Seite. Er spricht das Französische ebenso makellos aus wie das Latein, das der Erzähler zitiert – und das leider nicht übersetzt wird. Diese sprachlichen Hürden haben wohl dazu geführt, dass diese Erzählung nur selten abgedruckt wird. Paetsch trägt intensiv, deutlich und genau hervorhebend vor. Auch hier gibt es einen gruseligen und effektvollen Höhepunkt.

_10) Der Fall des Hauses Ascher_ (ca. 52:00 Minuten, Richard Münch)

Der Berichterstatter ist in das Haus Usher eingeladen, geradezu vorgeladen worden. Es entragt einem schwarzen Teich, der ominös schimmert und in dem ein Riss in der Fassade verschwindet. Das Gemütsleiden Roderick Ushers, des Letzten seines Geschlechtes, hat seine Sinne unglaublich verfeinert, so dass jede Sinneswahrnehmung für ihn Marter bedeutet. Daher sind alle Vorgänge zugezogen, jeder Laut ist gedämpft, und es brennt keine einzige Kerze. Erst nach einer Weile, als sich seine Augen angepasst haben, erkennt der Gast in der Düsternis Rodericks ausgemergeltes Gesicht und erschrickt. Der eigentliche erst 30 Jahre alte Mann sieht aus wie der Tod. Er sagt, er freue sich aufs Sterben wie auf eine Erlösung. Aber er warnt ihn vor dem Wahnsinn seiner Schwester Madeline.

Tatsächlich glaubt er sogar, seine verstorbene, geliebte Schwester Madeline sei noch am Leben und suche ihn jede Nacht heim. Roderick taucht nachts im Zimmer des Gastes auf und führt ihn in den Keller, um ihm etwas zu zeigen: Es sind die Katakomben des Herrensitzes. In einem riesigen Saal sieht man in Nischen in den Wänden Hunderte von Särgen liegen – Generationen von Ushers. Die Gruft liegt unterhalb der Oberfläche des Sees, der gegen ihre Mauern drückt. In zwei der Nischen stehen bereits die Särge für Madeline und Roderick bereit. Der Gast findet dies höchst makaber.

Tage vergehen. An einem Regentag teilt Roderick seinem Jugendfreund mit, dass Madeline gestorben sei. Ohne geistlichen Beistand wird die Schönheit im vorbereiteten Sarg bestattet. Hier soll sie liegen – volle vierzehn Tage lang, wie Roderick es angeordnet hat.

Was dem Gast so seltsam vorkam, enthüllt sich schon bald als wohlbegründet. Als ein Sturm heraufzieht und ein irisierendes Licht im Nebel über dem schwarzen Teich liegt, bemächtigt sich seiner eine panische Beklemmung. Durch Vorlesen eines Ritterromans versucht er, diese Stimmung zu vertreiben, doch vergeblich. Auf einmal hört er seltsame Geräusche vor der Tür, als würde Holz reißen und Metall poltern, genau wie in dem Ritterroman. Roderick starrt wie gebannt auf die Tür zu seinem Gemach, ein Klopfen ist zu hören, die Tür öffnet sich und davor steht: Lady Madeline!

|Mein Eindruck|

Geschwisterliebe, Inzucht, Lebendigbegrabensein, überfeinerte Sinne eines dekadenten Adeligen – hier feiert Poe das volle Arsenal seiner Obsessionen ab. Die Wirkung dieser Erzählung – zumal in Arno Schmidts fulminanter Übersetzung – auf den Hörer ist umwerfend, die Wirkung auf Poes Epigonen war enorm. Lovecraft versuchte immer wieder, diese Meisterschaft zu erreichen und erzählte von verruchten Ritualen in Neu-England, ging dann aber schließlich über Poe hinaus und schuf seinen eigenen Schöpfungsmythos.

|Der Sprecher|

Richard Münch trägt deutlich und genau betonend vor, sehr kontrolliert. Das ist auch nötig, um die komplizierten Schachtelsätze, die Arno Schmidt nach Poes Vorbild schuf, bewältigen zu können. Hier sind ein gutes Gedächtnis und viel Aufmerksamkeit gefordert. Es gibt nicht nur viele Fremdwörter, sondern auch befremdlich veraltete deutsche Ausdrücke. So gehen wohl auf Schmidts Konto Ausdrücke wie „Empfindnisse“, „altfränkisch“ oder „gaumig“.

In der Wiedergabe des Ritterromans passt die veraltete Ausdrucksweise, sonst aber weniger. Kurz vor dem Höhepunkt wird Münch recht leise, um Rodericks Gemurmel wiederzugeben, dann jedoch bricht der Wahn der Situation herein, als Lady Madeline ihren Bruder abholt …

_Unterm Strich_

Von diesen guten Sprechern vorgetragen, entfalten die schaurigen Erzählungen Edgar Allans Poes erst richtig ihren besonderen Reiz: das Grauen vor den zahlreichen Tabubrüchen, die hier entweder überfeinerte Hypochonder oder durchgeknallte Verrückte begehen. Schaurige Experimente wie der „Fall M. Waldemar“ oder triumphale Racheakte wie in „Hopp-Frosch“ weiten den Horizont der Ideen in der Literatur aus.

Es finden sich aber auch genaue Beobachtungen wie der „Massenmensch“, der zunächst wie ein ganz normaler Stadtbürger aussieht, aber zunehmend eine unheimliche Präsenz entfaltet, so dass man es sich zweimal überlegt, ob man abends noch auf die Straße geht. Die Rolle der Psychologie kommt auch in den Verbrechergeschichten „Der schwarze Kater“ und „Das verräterische Herz“ zum Tragen. Die Sühne für die Untat wird nun von innen angestoßen und nimmt so Freud vorweg.

Die Sprecher sind in der Regel gestandene und beliebte Schauspieler wie Heinz Reincke oder Martin Held, aber auch Sprechkünstler wie Pinkas Braun und Klaus Stieringer. Hannes Messemer, der Senior unter den Sprechern, befleißigt sich eines veralteten Stils. Mit gefühlvoller Emphase will er denjenigen Effekt des Textes, der ihm am wahrscheinlichsten scheint, auch im Hörer erzeugen, ihn also steuern. Das ist zwar löblich, wenn Messemer ein Lehrer und der Zuhörer sein Schüler wäre, aber für die anderen grenzt es doch an Oberlehrerhaftigkeit.

Wie immer bei Poe stellen die Texte hohe Ansprüche an die Allgemeinbildung. In „Berenice“ wird französisch und Latein gesprochen, ohne dass eine Übersetzung geliefert würde. Das könnte relativ frustrierend sein. Meine eigenen entsprechenden Kenntnisse sind schon längst eingerostet.

|235 Minuten auf 3 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Hans Wollschläger, Arno Schmidt und anderen|
http://schall-und-wahn.de
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Stephen King – Später

Die Handlung:

Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht…
Jamie Conklin wirkt wie ein normaler neunjähriger Junge. Seinen Vater kennt er nicht, seiner Mutter Tia, einer Literaturagentin, steht er sehr nahe. Die beiden haben ein Geheimnis: Jamie kann mit den Geistern kürzlich Verstorbener reden. Und sie müssen all seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner Bestsellersaga bleibt unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe… Die beiden treten eine Reihe unabsehbarer Ereignisse los, und schließlich geht es um, nun ja, Leben und Tod.(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Dies ist der dritte Roman, den Stephen King nach „Colorado Kid“ (2005) und „Joyland“ (2013) für die in den USA beliebte HARD-CASE-CRIME-Reihe geschrieben hat. Diese Geschichten orientieren sich auch von der Gestaltung der Cover her an den Krimis der 1940er-1960er. Außerdem erscheint dieser Roman stilecht in den USA direkt als Taschenbuch und nur als limitierte Auflage später noch mal mit zwei weiteren Cover als Hardcover-Variante.

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[NEWS] Elizabeth George – Keiner werfe den ersten Stein

In den schottischen Highlands herrscht tiefster Winter, und Westerbrae, ein malerisches Country-House, ist von der Welt abgeschnitten – ideale Voraussetzung für eine Londoner Theatergruppe, ein neues Stück zu proben. Doch dann wird Joy Sinclair, die Autorin, erdolcht. Die Ortspolizei weigert sich, die Untersuchungen zu übernehmen. Ein Fall für Inspector Lynley von New Scotland Yard, stammen doch fast alle Beteiligten aus den ihm wohlvertrauten, besten Kreisen der englischen Gesellschaft. (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung auf 2 mp3-CDs
Laufzeit: ca. 13h 20
Gelesen von Volker Niederfahrenhorst
Random House Audio

Gerritsen, Tess – Schwesternmord

_Spannend und dramatisch: Pathologin, hilf dir selbst!_

Dr. Maura Isles bestreitet ihren Lebensunterhalt mit dem Tod. Als Gerichtsmedizinerin in der Bostoner Innenstadt hat sie mehr als genug Leichen gesehen. Aber noch nie war der leblose Körper auf dem Obduktionstisch ihr eigener. Es hilft aber nichts, das Offensichtliche abzustreiten: Die tote Frau vor ihr und ihrer engen Freundin und Kollegon Detective Jane Rizzoli ist das genaue Spiegelbild Mauras, bis hin zu den intimsten körperlichen Einzelheiten.

Noch schauerlicher ist die Entdeckung, dass Maura das gleiche Geburtsdatum und die gleiche Blutgruppe wie die Tote hat. Als auch noch ein DNS-Test bestätigt, dass es sich um Mauras Zwillingsschwester handelt, wird aus einer bereits bizarren Morduntersuchung eine verstörende und gefährliche Exkusion in eine Vergangenheit voller dunkler und tödlicher Geheimnisse … (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department. „Body Double“ trägt in der Übersetzung den treffenden Titel „Schwesternmord“.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

|Rezensionen bei Buchwurm.info:|
[Die Chirurgin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189
[Der Meister]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1345
[Todsünde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451

|Die Sprecherin|

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Handlung_

Als Dr. Maura Isles von einem Gerichtsmediziner-Kongress in Paris wieder in Boston eintrifft, traut sie ihren übermüdeten Augen kaum. Vor ihrem Haus in diesem friedlichen Viertel flirren die Blaulichter von mehreren Polizeiautos, und eine Menschenmenge hat sich auf der Straße versammelt. Als sie aus dem Taxi steigt, wird sie zunächst angestarrt, als sei sie ein Geist. Kein Wunder: Jeder hält sie für tot!

Detective Jane Rizzoli und ihre Kollegen vom lokalen Police Department fragen sie erst einmal aus, bevor sie ihr sagen, was Sache ist. Behutsam wird sie auf den Schock ihres Lebens vorbereitet. Da steht ein Auto vor ihrer Tür, und auf der Innenseite der Beifahrertür sind drei parallele Schlitze im Polster zu erkennen, als hätte die Klaue eines Raubtiers hier zugeschlagen. Auf dem Fahrersitz hingegen sitzt eine zusammengesunkene Gestalt: Sie trägt Mauras Gesicht, befindet sich in Mauras Alter und hat sogar Mauras Haarfarbe, schwarz. Ein unschönes Einschussloch verunziert ihren Schädel. Da braucht Maura erst einmal eine Stärkung.

Die Tote wird anhand der Papiere als eine Anna Jessop identifiziert, aber anscheinend existiert Anna Jessop erst seit sechs Monaten. Sehr seltsam. Offenbar ist der Name gefälscht, aber warum? Wie ein Cop namens Rick Ballard erzählt, fühlte sich Anna verfolgt von ihrem Ex-Freund, einem Großindustriellen namens Casell. Seine Drohungen führten dazu, dass sie untertauchte und nach ihrer wahren Herkunft suchte. Sie erfuhr durch den Adoptionsvermittler Terence Van Gates, dass sie eine Schwester – Maura – hatte und woher ihre Familie stammt: aus dem kleinen Fischerort Fox Harbor in Maine. Dort, so Ballard, lebte sie eine Zeitlang, bis etwas sie vertrieb und sie nach Boston zurückkehrte. Leider nur, um hier den Tod zu finden.

Maura ist selbst eine adoptierte Tochter. Sie wuchs in Kalifornien auf, bevor sie vor zwei Jahren nach Boston zog. Nun fühlt sie sich entwurzelt, herausgerissen aus dem Kreislauf des Lebens. Die Frau, die da vor ihren Augen obduziert wird, ist tatsächlich ihre Zwillingsschwester, von der sie nie etwas ahnte. Aber wer sind dann ihre Mutter und ihre Vater, die sie vor 40 Jahren weggegeben haben?

Als sie das Frauengefängnis von Massachusetts besucht, sitzt sie einer alten Frau gegenüber, von der man ihr sagt, dass dies ihre leibliche Mutter sei: Amalthea Lank. Sie hat Schizophrenie und zittert von den falschen Medikamenten, mit denen man sie behandelte, erkennt Maura. Doch als Maura sich zum Gehen wendet, warnt Amalthea sie leise: „Er wird dich finden. Du wirst sterben.“

Der Schlüssel zu Mauras Vergangenheit liegt in Fox Harbor. Und dort warten schreckliche Entdeckungen auf sie und Rizzoli.

Denn dass Maura und Anna für je 20.000 Dollar in bar zur Adoption weggegeben wurden, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Mittlerweile wartet der Verkäufer nicht mehr, bis ein Baby zur Welt kommt, das er verkaufen kann. Er holt sich die Schwangere direkt in der Stadt, sperrt sie ein und wartet, bis der Tag der Geburt gekommen ist. Danach hat er leider keine Verwendung mehr für die Mutter. Allerdings gerät er diesmal an die Falsche.

_Mein Eindruck_

„Schwesternmord“ (Body Double) schließt direkt an „Todsünde“ (The Sinner) an. So ist Rizzolis Schwangerschaft bereits im achten Monat angelangt, so dass sich ihre Kollegen wundern, wie sie bei ihren ständigen Toilettenbesuchen und dem Watschelgang ihr Arbeitspensum schafft. Darüber habe ich mich auch gewundert, denn Rizzoli könnte schon längst in Mutterurlaub gehen. Zum Glück für Maura tut sie das aber nicht. Denn Mauras Privat- und Seelenleben gerät durch die Entdeckung ihrer Zwillingsschwester und ihrer Mutter völlig aus den Fugen. Zunächst einmal entsagt sie Vater Brophy, denn das wäre eh nur eine Beziehung ohne Aussicht auf Erfüllung geworden. Schließlich muss Brophy dem Zölibat gehorchen. Aber wenigstens erklärt er ihr, warum er überhaupt Priester geworden ist. Das tröstet sie über ihren Schmerz.

Und dann taucht da dieser überaus hilfsbereite und umsorgende Detective Rick Ballard auf. Mit dem würde Maura sogar liebend gerne ins Bett steigen, wenn es da nicht ein kleines Problem mit der Wahrheit gäbe, über das sie Rizzoli rechtzeitig in Kenntnis setzt. Hat sich Rick auch um Anna so fürsorglich gekümmert, liebte er sie? Beide Male ist die Antwort „ja“. Und soll Maura nun Annas Platz in Ricks Herzen einnehmen? Das wird sie sich dreimal überlegen. Und tut gut daran, denn was sie in Ricks Familie, der mit seiner Frau in Scheidung lebt, vorfindet, schreckt sie erst einmal gehörig ab.

|Es gibt viel zu tun: Graben wir’s aus!|

Bleibt also die Arbeit. Ohne nun zu viel verraten zu dürfen, findet Maura in Boston und Fox Harbor doch jede Menge an Rätseln und Geheimnissen, die sie (und Rizzoli) mächtig auf Trab halten. Stets ist ihre Expertise als die „Königin der Toten“ gefragt, wie die Cops sie halb im Scherz, halb voller Respekt nennen. Hierdurch macht die Autorin ihrer Kollegin Kathy Reichs auf sehr kompetente Weise Konkurrenz. Und meiner Ansicht nach macht sie dabei einen besseren Job als die etwas seichte Reichs.

Es gibt eine Szene in Fox Harbor, als Maura und Rizzoli den Keller des Lank-Hauses von einer Einheit Tatortuntersuchungs-Spezialisten nach allen Regeln der Kunst analysieren lassen. Das Vorgehen der Leute wirkt dabei ebenso authentisch wie ihre Sprache und ihr Verhalten. Als auch noch die Immobilienmaklerin Britta Clausen auftaucht und zu Recht fragt, wie die Cops dazu kommen, ohne Erlaubnis im Keller ihres Hauses zu buddeln, wird die Szene allmählich bizarr und symbolhaft. Genau wie das, was man zu Tage fördert, Aufschluss über die Bewohner gibt, so beginnt Clausen endlich auch zu enthüllen, was das für Bewohner waren. Einen davon, Elijah Lank, hat der Leser bereits im Prolog kennen gelernt, und zwar mit Schaudern.

|Danke, lieber Lehane!|

Von ihrem Bostoner Kollegen Dennis Lehane hat Gerritsen abgeschaut, wie wirkungsvoll es sein kann, auch mal die so genannten „besseren Kreise“ und ihre Marotten zu beschreiben. Wie Lehanes Ermittler Kenzie & Gennaro dringen Maura und Rizzoli in die abgefahrensten Villen ein, nur um dort den traurigsten Gestalten zu begegnen, z. B. einer lebenden Barbiepuppe. Leider musste ich feststellen, dass die porträtierte Psychologin J. O’Donnell direkt aus einem von Lehanes Büchern stammen könnte, in dem eine ebensolche Psychologin eine wichtige, aber leider zwielichtige Rolle spielt. O’Donnell wird als „Vampirin“ hingestellt, die sich an Erzählungen aus erster Hand über das „Böse“ aufgeilt. Nicht gerade schmeichelhaft, diese Beschreibung. Die heißblütige Italienerin Rizzoli würde sie natürlich am liebsten auf der Stelle umbringen. Wenigstens liefert O’Donnell einen wichtigen Hinweis.

|Spaß mit Sam und Frodo|

Hat Gerritsen zu viel „Herr der Ringe“ gesehen? Offenbar schon, denn Sam und Frodo treten persönlich auf. Natürlich nicht im Film-Outfit, sondern als zwei unzertrennliche Cops in einem Bostoner Pub. Sie verfügen über die richtige Statur: der eine etwas klein und beleibt, der andere etwas hager. Wer nun welcher Hobbit ist, ist überflüssig zu sagen.

Sie schließen dauernd Wetten darüber ab, welches Geschlecht Rizzolis Baby haben wird. Mädchen, Junge und Sonstige – welches wird das Rennen machen? Als Rizzoli darauf hinweist, dass sie auch Zwillinge haben könnte, nämlich einen Mädchen UND einen Jungen, geraten die beiden Hobbits in ein Dilemma, „so groß wie der Schicksalsberg“. Aber nur vorübergehend.

|Die Sprecherin|

Katharina Thalbach moduliert ihren Vortrag, wie es die jeweiligen Figuren und Situationen erfordern. Sie kann flüstern, aber durchaus auch mal schreien. Somit vermittelt sie nicht nur die Besonderheit einer Szene, sondern auch die emotionale Lage einer Figur. Einmal radelt Alice mit Elijah Lang den Berg hoch; dementsprechend atemlos wird ihr Text wiedergegeben. Das ist ausgezeichnet.
Thalbach hat nur ein großes Manko: Sie ist nicht fit in Englisch. Das ging mir ziemlich auf den Wecker, besonders wenn sie so einfache und im Text häufig vorkommende Wöter wie „talon“ (Kralle) und „stalker“ falsch aussprach. Sie sagt „tejlon“ statt „tällon“ und „stalker“ (also wie im Deutschen) statt „stålk(e)r“. Der im späteren Verlauf so wichtige Ort Fox Harbor ist ebenfalls falsch ausgesprochen. Es ließen sich noch weitere Beispiel anführen, aber ich denke, diese Belege reichen.

_Unterm Strich_

Auch „Schwesternmord“ ist mal wieder spannend bis zur vorletzten Szene. Wenn alle sich bereits in Sicherheit wiegen, weil der Täter gefasst ist, so fehlt doch noch eine Kleinigkeit, denkt der Leser: Der Mord an Anna ist noch unaufgeklärt. Und wo bitteschön kommt diese superseltene Kugel her, die man ihr ins Hirn schoss? Sowas muss doch schnell zu finden sein, oder? Glücklich also der Leser, der aufgepasst hat und sich nicht hat durch Mauras Jagd auf die Vergangenheit von der Spur abbringen lassen. Denn nun kann er sich auf einen zweiten Showdown freuen. Und nur wer supergenau aufgepasst hat, kann sagen, wer hier der Täter sein könnte.

Dieses Detail hat auch mich überrascht, aber die restliche Story konnte ich mir schon nach der Hälfte des Buches zusammenreimen, insbesondere wegen des hilfreichen Prologs über Elijah Lanks erste Untat. Das macht aber nichts, denn Spannung und Action sind nicht das primäre Ziel der Autorin. Diese bestehen vielmehr in der Untersuchung der Bedeutung einer Schwangerschaft – sie ist selbst zweifache Mutter – für eine jede Frau. Und zwar sowohl hinsichtlich der vielfältigen biologischen und anatomischen Veränderungen (die vielfach humorvoll dargestellt werden), aber vor allem hinsichtlich gesellschaftlichen Akzeptanz von Schwangeren – und somit auch von Babys.

|Du Kuh, du!|

Das neueste Opfer ist Mattie Purvis, eine junge naive Ehefrau im neunten Monat, die leider ein egoistisches Arschloch geheiratet hat, das sie betrügt. Er nennt als Grund, dass sie ihn an eine Kuh erinnere und er nichts mehr an ihr finden könne, das ihn reize. Ich kenne Frauen, die diese wenig schmeichelhafte Beschreibung tatsächlich übernommen haben und sich überhaupt nicht schön fanden – „wo ist meine Taille hingekommen“? Das häufig verinnerlichte Schönheitsideal, schlank wie ein Model sein zu müssen, steht dem Kinderwunsch diametral entgegen. Wenigstens hält Rizzolis Göttergatte Gabriel Dean voll zu ihr und dem kommenden Baby.

|Ätzende Kritik|

Dass es aber professionelle Adoptionsvermittler ohne Skrupel gibt, die sich an Babys – besonders an weißen Babys kaukasischer Abstammung – eine goldene Nase verdienen, gibt der Autorin Anlass zu ätzender Kritik. Die Kritik hat sie in den gesamten Roman verpackt, aber sie scheint hier und da deutlich durch, besonders dann, wenn die Folgen der Zwangsadoptionen sichtbar werden, z. B. an Anna und Maura. Und am ätzendsten wird die Kritik dort, wo Amalthea Lank das jahrelange Treiben ihrer Familie mit Mauras Job, Leichen aufzuschneiden, vergleicht. Sie tue für die Adoptionsvermittler auch nichts anderes: Nur dass die Körper dann noch leben …

|Das Hörbuch|

Die Vortragsweise der Kino- und Theaterschauspielerin Katharina Thalbach („Die Blechtrommel“ u. a.) erweckt die Szenen und Szenen und Figuren zum Leben, so dass sich der Hörer schnell darin einfühlen kann. Leider wird dieser positive Effekt bei Kennern des Englischen stark gestört, weil die Sprecherin des Öfteren die falsche Aussprache gewählt hat. Das betrifft nicht etwa komplizierte Wörter, sondern auch ganz einfache wie „talon“ oder „stalker“ (ein Begriff, der auch bei uns in die Umgangssprache Eingang gefunden hat, und zwar in der englischen Aussprache).

Deshalb würde ich das Hörbuch zwar empfehlen, aber eine andere Sprecherin bevorzugen.

|Originaltitel: Body Double, 2004
6 CDs, 420 Minuten
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Jäger|

[NEWS] John Lanchester – Die Mauer. Sonderausgabe

Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an. Er gehört nun zu den jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigen. Das Leben auf der Mauer verlangt Joseph einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie. Mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich. Für ein Leben hinter der Mauer setzen sie alles aufs Spiel … (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung mit Johannes Klaußner
6 CDs, 7:04 Std. Spieldauern
Random House Audio

[NEWS] Robert Galbraith – Weißer Tod (Cormoran Strike 4)

Der private Ermittler Cormoran Strike ist zutiefst beunruhigt: Ein verstörter junger Mann bittet ihn um Hilfe bei der Aufklärung eines Verbrechens, das er – so glaubt er – als Kind mit angesehen hat. Billy hat offensichtlich psychische Probleme und kann sich nur an wenig im Detail erinnern, doch er und seine Worte klingen glaubwürdig. Bevor Strike ihn allerdings ausführlich befragen kann, ergreift der Mann panisch die Flucht. (Verlagsinfo)

Ungekürzte Lesung: 21:36 Std.
Sprecher: Dietmar Wunder
Random House Audio

John Grisham – Das Manuskript

Die Handlung:

Hurrikan Leo steuert mit vernichtender Gewalt auf Camino Island zu. Die Insel wird evakuiert, doch der Buchhändler Bruce Cable bleibt trotz der Gefahr vor Ort. Leos Folgen sind verheerend: Mehr als zehn Menschen sterben. Eines der Opfer ist Nelson Kerr, ein Thrillerautor und Freund von Bruce. Aber stammen Nelsons tödliche Kopfverletzungen wirklich vom Sturm? In Bruce keimt der Verdacht, dass die zwielichtigen Figuren in Nelsons neuem Roman realer sind, als er bisher annahm. Er beginnt zu ermitteln und entdeckt etwas, was weit grausamer ist als Nelsons Geschichten. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nach drei Jahren (Echtzeit-)Pause sind wir wieder zurück auf Camino Island. Das letzte Mal gings noch um einen raffinierten Diebstahl, diesmal um Mord … mutmaßlich. Ob das wohl wieder so eine entspannt-spannende Strandlektüre wird, wie der erste Inseltrip?

John Grisham – Das Manuskript weiterlesen

Stephen King – Blutige Nachrichten

Die Handlung:

In der Vorweihnachtszeit richtet eine Paketbombe an einer Schule nahe Pittsburgh ein Massaker an. Kinder sterben. Holly Gibney verfolgt die furchtbaren Nachrichten im Fernsehen. Der Reporter vor Ort erinnert sie an den gestaltwandlerischen Outsider, den sie glaubt vor nicht allzu langer Zeit zur Strecke gebracht zu haben. Ist jene monströse, sich von Furcht nährende Kreatur wiedererwacht?

Die titelgebende Geschichte »Blutige Nachrichten« – eine Stand-alone-Fortsetzung des Bestsellers »Der Outsider« – ist nur einer von vier Kurzromanen in Stephen Kings neuer Kollektion, die uns an so fürchterliche wie faszinierende Orte entführt. Mit einem Nachwort des Autors zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ok, wer den „Outsider“ von Stephen King noch nicht gelesen oder die HBO-Fernsehverfilmung noch nicht gesehen hat, brauchts nun nicht mehr zu tun, der Klappentext spoilert mehr oder weniger schon das Wichtigste. Wer das Buch aber gelesen hat, wird sich über ein Wieder-Wiedersehen mit Holly Gibney freuen, die wir vor dem „Outsider“ schon bei „Mr. Mercedes“ getroffen haben.

Stephen King – Blutige Nachrichten weiterlesen

Mary Higgins Clark – Denn vergeben wird dir nie (Lesung)

Das Stöbern in der Vergangenheit wird für die Journalistin Ellie Cavanaugh zu einem lebensgefährlichen Unterfangen, denn der vor 22 Jahren ihretwegen verurteilte und jetzt freigelassene Mörder ihrer Schwester gehört einer mächtigen Familie an – und er ist absolut skrupellos.

Die Autorin
Mary Higgins Clark – Denn vergeben wird dir nie (Lesung) weiterlesen

[NEWS] Marc Elsberg – GIER – Wie weit würdest du gehen?: Sonderausgabe

Wenn Reichtum für alle möglich wäre, man dafür aber von seinem eigenen Geld abgeben müsste, würdest du teilen?

Auf der ganzen Welt sind die Menschen in Aufruhr. Sie demonstrieren gegen die Folgen einer neuen Wirtschaftskrise, die Banken, Unternehmen und Staaten in den Bankrott treibt. Konflikte eskalieren. Bei einem Sondergipfel will man Lösungen finden. Der renommierte Nobelpreisträger Herbert Thompson soll eine Rede halten, die die Welt verändern könnte, denn angeblich hat er die Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Doch kurz davor sterben er und sein Assistent bei einem Unfall – aber es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war, und der hineingezogen wird in ein gefährliches Spiel … (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung mit Dietmar Wunder
2 MP3-CDs, 8h 18min
Random House Audio

 

[NEWS] Charlotte Link – Die Rosenzüchterin

Charlotte Links Klassiker jetzt neu: stimmungsvoll gelesen von Gabriele Blum

Franca Palmer ist am Ende: In ihrer Ehe kriselt es und der Alltag überfordert sie. Sie flüchtet auf die Kanalinsel Guernsey, wo sie sich in einem alten Rosenzüchterhaus einmietet. Bald entwickelt sich zwischen ihr und der Gastgeberin Beatrice eine distanzierte Freundschaft. Die ältere Frau lebt auf dem Anwesen mit Helene Feldmann zusammen, der sie Hass und Abneigung entgegenbringt. Die Gründe dafür bleiben für Franca zunächst im Verborgenen. Und eines Tages, es ist der 1. Mai, gibt es eine Tote in Le Variouf … (Verlagsinfo)


Hörbuch MP3-CD (gekürzt), 3 CDs,
Laufzeit: ca. 18h 21min
Sprecherin: Gabriele Blum
Randmo House Audio

John Grisham – Die Wächter

Die Handlung:

In Seabrook, Florida wird der junge Anwalt Keith Russo erschossen. Der Mörder hinterlässt keine Spuren. Es gibt keine Zeugen, keine Verdächtigen, kein Motiv. Trotzdem wird Quincy Miller verhaftet, ein junger Afroamerikaner, der früher zu den Klienten des Anwalts zählte. Miller wird zum Tode verurteilt und sitzt 22 Jahre im Gefängnis. Dann schreibt er einen Brief an die Guardian Ministries, einen Zusammenschluss von Anwälten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Cullen Post übernimmt seinen Fall. Er ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

John Grisham gehört zu den wenigen Autoren, die nicht nur nicht aufhören können/wollen zu schreiben, sondern dabei auch kontinuierlich hohe Qualität abliefern. Dabei hat Grisham zwar in der Masse „Anwalts-Romane“ geschrieben, aber hin und wieder auch mal etwas anderes versucht. „Die Wächter“ ist aber wieder ein Klassiker und hat auch das Zeug dazu, einer zu werden.

John Grisham – Die Wächter weiterlesen

[NEWS] Jessica Barry – Freefall – Die Wahrheit ist dein Tod

Ein Flugzeug stürzt in den Rocky Mountains ab, einzige Überlebende ist die dreißigjährige Ally. Völlig auf sich gestellt, muss sie sich durch die Wildnis kämpfen. Doch jemand ist hinter ihr her – jemand, der finster entschlossen ist, dass niemand überleben wird.
(Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung auf 2 CDs
Laufzeit: ca. 9h 42 min
Sprecher: Gabriele Blum, Yara Blümel

Random House Audio

Christopher Paolini – Eragon. Das Vermächtnis der Drachenreiter (Eragon 1)

Schönes Hörbuch: Fantasy als Megaseller

Als Eragon auf der Jagd einen blauen Stein findet, ahnt er nicht, dass dieser Fund sein Leben verändern wird. Er freut sich, denn vielleicht kann er den Stein gegen Essen für seine Familie eintauschen. Doch dann entschlüpft dem Stein ein Drachenjunges und beschert Eragon ein Vermächtnis, das älter ist als die Welt selbst … (Verlagsinfo)

Der Autor

Christopher Paolini lebt in Paradise Valley, Montana, dem „Big Sky State“. Vielleicht kann man deswegen dort so schöne Bücher schreiben. Paolinis Vorliebe für Science-Fiction und Fantasy soll ihn zu „Eragon“ inspiriert haben, das er mit 15 verfasste. Inzwischen ist Paolini 22 und auch der zweite Band erschienen: „Der Auftrag des Ältesten“. Mittlerweile ist der Roman mit Jeremy Irons, John Malkovich, Djimon Hounsou und Edward Speelers verfilmt worden und der Autor schreibt am dritten Band seiner Drachenreitertrilogie.

Der Sprecher

Andreas Fröhlich wurde 1965 in Berlin geboren und mit sieben Jahren im Kinderchor des SFB als Synchronsprecher entdeckt (einen seiner frühen Einsätze hat er in „Die Herren Dracula“). Von Anfang bis Mitte der 70er sammelte er erste Hörspielerfahrungen und übernahm 1979 den Part des „Bob Andrews“ in der Serie „Die drei Fragezeichen“. Es folgten Arbeiten als Schauspieler für Film und Fernsehen sowie diverse Auftritte auf der Theaterbühne.

Fröhlich ist leidenschaftlicher „Hörspieler“, arbeitet als Drehbuch- und Dialogautor sowie als Synchronregisseur (Jacksons „Herr der Ringe“, Petersens „Troja“). Als Synchronsprecher leiht er seine Stimme u. a. John Cusack, Edward Norton und Ethan Hawke. In der deutschen Fassung von Jacksons „Herr der Ringe“ sprach er die (schizophrene!) Rolle des Gollum.

Fröhlich liest die ungekürzte Fassung.


Handlung

Das Land Alagaësia stöhnt unter dem Joch des grausamen Königs Galbatorix, denn er hat alle Drachenreiter, die früher für Recht, Ordnung und Frieden sorgten, getötet oder vertrieben. In einem abgelegenen Tal gibt es jedoch zwei Menschen, die Alagaësias Schicksal verändern werden.

Eragon ist etwa 15 Jahre alt, als er sich eines Tages in die Berge aufmacht, um dort Nahrung für sich, seinen Onkel Garrow und seinen Bruder Roran zu beschaffen. Er stößt auf einen großen blauen Edelstein, der sich aus dem Nichts heraus in einer Explosion vor ihm materialisiert. Eragon steckt den Stein ein, denn er hofft, ihn gegen Nahrung eintauschen zu können. Doch der Schlachter weigert sich, den Stein als Bezahlung anzunehmen. Nach einer Weile muss Eragon feststellen, dass er ein Ei gefunden hat – aus dem plötzlich ein Drachenjunges schlüpft. Aber gehören die Drachen und ihre Reiter nicht schon längst der Vergangenheit an? Hat König Galbatorix sie nicht durch seine harte Herrschaft ausgerottet?

Wenig später erfährt Eragon von Brom, dem Geschichtenerzähler seines Dorfes, dass Galbatorix drei Dracheneier in Gewahrsam habe und nur darauf warte, dass die mächtigen Kreaturen schlüpfen. Und damit nicht genug: Ein Drachenjunges schlüpft nur, wenn sein Reiter es berührt. Der Junge ist jedenfalls glücklich über seinen neuen Kameraden und zieht den Drachen liebevoll auf, allerdings im Geheimen.

Schon bald überragt der Drache seinen Herrn – was aber kein Hindernis für die entstandene Freundschaft ist. Sie verständigen sich telepathisch, mit Gedankenkraft, und das kann niemand sonst, den Eragon kennt. Er behält es für sich. Erst als ihm Brom von den Drachenreitern erzählt, fragt Eragon seinen Drachen, ob ihm der traditionsreiche Name „Saphira“ gefallen würde – ja, denn der Drache ist eine Sie.

Flucht

Doch der Frieden währt nicht lange. Zwei rätselhafte Wesen, die Ra’zac, tauchen im Dorf auf und foltern Garrow mit einem seltsamen Gift, das Verbrennungen verursacht. Eragons Onkel stirbt wenig später im Haus der Heilerin. Als er erfährt, dass diese wilden Reiter auf der Suche nach dem Drachenei sind, schwört er ihnen Rache und will abreisen. Mitten in seinen Reisevorbereitungen überrascht ihn Brom. Dieser bietet ihm seine Hilfe an und unterweist ihn in der Kunst des Drachenreitens – schließlich war er einst selbst einer der Drachenreiter. Eragon lernt einige magische Worte der Elfensprache, mit denen er Feinde abwehren, Wunden heilen und Gegenstände bewegen kann. Doch Brom warnt ihn: Magie verbraucht Energie, so wie jede Handlung. Und wenn man eine magische Handlung vollbringen will, die über die eigenen Kräfte geht, kann man unversehens daran sterben.

Die Drachin

Eragon lernt schnell, und sie reisen über die große Tiefebene und ans Meer. Dort hört Eragon mehr über die Varden, jene Rebellen, die in den Beor-Bergen des Südens dem König Widerstand leisten. Um zu den Varden zu gelangen, müssen sich also in den Süden. Am Ende seiner Unterweisung überreicht ihm Brom das Schwert Zarok, das von den Elfen geschmiedet wurde und einst einem Drachenreiter gehörte, dem Brom es abnahm. (Jener Drachenreiter war der Abtrünnige Morzan, der Vater von Murtagh.) Als Eragon, Brom und Saphira nach Dras-Leona ziehen, um die Ra’zac-Burg zu finden, schließt sich ihnen der junge Krieger Murtagh an. Er habe ebenfalls eine Rechnung mit den Ra’zac zu begleichen, behauptet er.

Die Gefährten geraten bei ihrer Flucht aus Dras-Leona jedoch in einen Hinterhalt von Urgalkriegern, der Brom das Leben kostet. Saphira verzaubert den Grabhügel in puren Diamant. Kurz vor seinem Tod eröffnet Brom Eragon, dass er selbst einmal ein Drachenreiter war, der jedoch seinen Drachen verlor. Bevor er stirbt, nimmt Brom Eragon das Versprechen ab, Saphira mit seinem Leben zu schützen. Denn zwischen Drache und Reiter besteht eine magische Lebensbindung: Ein Reiter kann ohne seinen getöteten Drachen weiterleben, doch ein Drache muss ohne seinen gefallenen Reiter unweigerlich sterben …

Gefangen

Zum Trauern bleibt keine Zeit. König Galbatorix weiß inzwischen, dass es einen neuen Drachenreiter gibt, und er setzt alles daran, Eragon in seine Gewalt zu bringen. In Gil’ead wird Eragon von dem Schattenzauberer Durza gefangen genommen. Doch Murtagh und Saphira gelingt es, ihn und eine verletzte Mitgefangene, die Elfenkriegerin Arya, zu befreien und auf Drachenschwingen zu entkommen.

Inzwischen ist das ganze Reich hinter ihnen her, und Eragon weiß nur noch einen Ausweg: Sie müssen durch die große Hadarac-Wüste zu den Beor-Bergen gelangen, die außerhalb der Reichsgrenzen liegen. Mühsam schleppen sie sich durch die Wüste und Arya, mit der Eragon in telepathischem Kontakt steht, droht an dem ihr vom Schattenzauberer verabreichten Gift zu sterben. Nach tagelangem Marsch erreichen sie endlich Trondjheim, die Stadt der Varden und Hauptstadt des Zwergenreiches. Arya kommt sofort in die Häuser der Heilung, doch Eragon wird zunächst einer telepathischen Prüfung unterzogen. Nur durch einen Trick, bei dem ihm Saphira hilft, kann er seine Geheimnisse vor den Prüfern verbergen. Und so kommt es, dass nicht bekannt wird, dass Murtagh der Sohn des abtrünnigen Drachenreiters Morzan ist.

EXKURS

Eragon erhält eine Audienz bei Ajihad, dem König der Varden. Ajihad erzählt ihm die Geschichte des Dracheneis. Brom hatte eines der Eier, die der König hortete, entwendet und nach Trondjheim gebracht. Daraufhin entbrannte ein Streit zwischen den Menschen und Elfen, wer den nächsten Drachenreiter stellen solle. Und so beschloss man als Kompromiss, das Ei ein Jahr lang bei den Elfen und im nächsten Jahr bei den Varden aufzubewahren. Die Elfenkriegerin Arya befand sich mit dem Ei auf dem Rückweg von Trondjheim nach Ellesméra, der Heimstatt der Elfen, als sie von Durzas Schergen angegriffen wurde. Ihre zwei Begleiter starben. Kurzerhand beförderte sie das Ei mit ihrer Magie an den einzig sicheren Ort, der ihr einfiel – in Broms Nähe, dessen Zufluchtsort sie kannte. Und so gelangte das Ei zu Eragon, und Saphira erkannte ihren Reiter …

EXKURS ENDE

Ajihad erklärt Eragon, er sei nun ihre Hoffnung, ein Symbol für Stärke und Macht und Zauberkräfte. Ajihad ermahnt den jungen Mann, sich dieser Verantwortung stets bewusst zu sein und ebenso seiner Rolle als Vorbild und Leitfigur, doch mehrere Fraktionen buhlen um Eragons Gunst und er trifft den König Zwerge.

Eines Morgens wird jedoch Alarm geschlagen. Eragons Feinde sind in die Tunnel, die zur Festung führen, gelangt: eine Heer aus Urgalmonstern, angeführt von Durza. Ein langer und harter Kampf entbrennt, in dem Eragon und Saphira alles geben müssen, was in ihnen steckt.

Mein Eindruck

Die aktuelle Verfilmung dieses Fantasyromans unterscheidet sich ganz erheblich von diesem Handlungsabriss, und so verwundert es nicht, dass der finale Showdown zwischen Eragon/Saphira und Durza völlig anders inszeniert worden ist. Während sich im Buch Eragon und Durza im Kampf der Schwerter, Körper und Geister gegenüberstehen, findet im Film die Auseinandersetzung ausschließlich in der Luft statt. Die beiden Kontrahenten sausen durch den Vulkanschlot von Farthen Dûr, als ritten sie eine Achterbahn, und das Ergebnis ist recht spektakulär. Anschaulicher jedenfalls als eine rein geistige Auseinandersetzung, wie sie im Buch den Ausschlag gibt.

Aber auch schon vorher sieht das Drehbuch eine Menge Kürzungen und Verdichtungen des Romanstoffes vor, so dass beispielsweise die Reise in die Hafenstadt Thirm völlig ausfällt und interessante Figuren wie die Heilerin Angela und die Werkatze Solembum, die sich bei Nacht in einen Jungen verwandeln kann, nicht auftauchen. Diese exotischeren Wesen machen den Reiz des Romans aus. Doch der Film muss seine Story auf hundert Minuten komprimieren, und wo grob gehobelt wird, fallen eben Späne.

Ärgern dürfte sich der Romanfreund auch über die grob vereinfachende Darstellung der Beziehung zwischen Saphira und ihrem Reiter. So ist Eragon keineswegs begierig darauf, seinen Drachen zu reiten, und als er sich beim ersten Ritt blutige Schenkel holt, ist es mit seiner Lust aufs Reiten für eine ganze Weile vorbei. Von solchen Strapazen ist im Film überhaupt nicht die Rede, sondern dort ist das Drachenreiten ein Spaß, den Kinder wie in Disneyland erleben, wenn sie Achterbahn fahren.

Und der Drache ist eine Art zu groß geratenes Kuscheltier, das alle möglichen Annehmlichkeiten bietet. Erst ganz am Schluss, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt, dass sie kämpft, darf sich Saphira in eine maßgeschneiderte Rüstung werfen und die Feinde angreifen. Sie erscheint uns wie eine Freundin und mütterliche Beraterin für den jungen Eragon. Brom ist ihr männliches Gegenstück, der aus dem bäurischen Landei Eragon einen Krieger und Magier macht.

Im Buch sind diese Rollen zwar ebenso verteilt, doch Brom ist noch weitaus strenger mit Eragon, als es Jeremy Irons im Film jemals erlaubt wäre. Und Saphira zeigt im Buch häufig ihre kämpferische Seite, wenn sie beispielsweise auf Urgals losgeht. Paradebeispiel ist ihre Schlacht vor den Toren von Farthen Dûr, als Eragon, Arya und Murtagh vor einer Horde von Urgal-Verfolgern fliehen.

Die Elfen

Sehr interessant fand ich immer, wenn Eragon etwas über die Elfen erfährt. Seine Neugierde entspricht der von Sam Gamdschie, der schon immer Elben sehen wollte. Brom erzählt ihm über dieses Volk, woher es kam, welche seine Fähigkeiten sind und warum es gegen die Zwerge und Drachenreiter Krieg führte. Zu Eragons Zeiten haben sich die Elfen in den hohen Norden zurückgezogen und sich hinter magischen Barrieren versteckt. Ihre Königin könnte Eragon einiges über seine Mutter Selena und seinen unbekannten Vater erzählen. In diesem Punkt unterscheidet sich Eragon von anderen Fantasyhelden: Er ist zwar als Vollwaise aufgewachsen, verdient diese Bezeichnung aber nur scheinbar, denn seine Mutter lebt wohl noch, ebenso wie sein – noch – unbekannter Vater.

Die Zwerge

Im Vulkanschlot von Farthen Dûr haben sich die Zwerge auf dem zentralen Burgberg eine schöne Stadt erbaut: Trondjheim. Das Gebirge ringsum ist mit Tunneln durchzogen, und sie können es von einer Seite bis zur anderen durch- bzw. unterqueren, ohne an die Oberfläche zu müssen. Dieses Zwergenreich entspricht dem alten Moria mit der Hauptstadt Zwergenbinge, bevor die Orks und der Balrog sie zerstörten, Jahrhunderte bevor die neun Gefährten dort eintreffen. Hrothgar, der aktuelle König Trondjheims, erzählt Eragon von vielen Schlachten, in einer Empfangshalle, in der die Statuen von vierzig Vorgängern stehen. Das Königreich der Zwerge ist alt, etwa 8000 Jahre, und Eragon könnte hier einiges über die Kriege gegen die Elfen und Drachenreiter erfahren. Leider hat er dafür zu wenig Zeit.

Ausblick

Am Schluss erfährt Eragon mit seiner Traumsicht von einem „traurigen Weisen“, der ihn zu sich ruft. Dieser Mann lebt am Meer, wahrscheinlich unweit der Elfenhauptstadt Ellesméra. Dorthin muss sich Eragon auf den Weg machen, will er sein Schicksal erfüllen und Alagaësia von dem Tyrannen Galbatorix befreien. Diese Geschichte wird in dem Roman „Der Auftrag des Ältesten“ erzählt.

Der Sprecher

Andreas Fröhlich ist ein wahrer Stimmkünstler. Es hat mich immer wieder verblüfft, wie er es vermag, seine Stimme so flexibel anzupassen, dass es ihm gelingt, die optimale Ausdruckskraft hervorzubringen. Schon in der ersten Actionszene, Durzas Überfall auf Arya, hört man ihn zischen und kreischen. Erstaunlich, dass diese Stimme Durzas ungefähr 900 Minuten später genauso klingt wie am Anfang. Ich vermute, dass die Durza-Szenen in einem Durchgang aufgenommen und später entsprechend der Chronologie geschnitten wurden.

Bei der Darstellung der zwei Zwerge Orik und Hrothgar gelingen Fröhlich weitere gute charakterisierende Effekte. Die Zwerge, so ist stark anzunehmen, sind kleinwüchsig und leiden daher unter Atemnot. Deshalb schnaufen und schnauben sie bei jeder Gelegenheit, spätestens aber nach jedem zweiten Atemzug. Außerdem sind ihre Stimmen die tiefsten innerhalb des gesamten Personals, wobei die von Hrothgar, alldieweil er der König ist, noch einen Tick tiefer und knurriger klingt als jene von Orik – Gimli bzw. John Rhys-Davis diente hierfür offensichtlich als Vorbild.

Wie schon aus dem Handlungsabriss ersichtlich ist, kommunizieren eine Reihe von Leute per Telepathie, natürlich auch Saphira. Fröhlich musste sich überlegen, wie man telepathisches Sprechen vom normalen Vokalisieren unterscheidbar machen konnte und kam mit seinem Aufnahmeleiter auf den Gedanken, diese Dialoge einfach mit Hall zu unterlegen. Der Unterschied ist technisch nicht aufwändig und der Hall verleiht der Telepathie einen Hauch Magie und Mystik, was ja auch recht passend ist. Weder Geräusche noch Musik waren dafür notwendig. Hall wird bei jedem Geist-Lesen eingesetzt, also dann, wenn die Kommunikation einseitig ist.

Der einzige Aussprachefehler, den ich als solchen bezeichnen könnte, besteht in „Alagäsia“. Wenn mich nicht alles täuscht, dann sieht das Original die Aussprache „Alaga-esia“ vor, denn auf dem „e“ befindet sich ein Trema-Zeichen: ë. Der Doppelvokal ae wird also nicht wie ä, sondern wie a-e ausgesprochen.

Die Verpackung

Die 17 CDs sind jeweils einzeln in einem Sleeve verpackt, welches mit Informationen bedruckt ist. Auf den ersten Sleeves sind die Inhaltsangabe (nicht die oben formulierte!) zu finden sowie Angaben zu Autor, Sprecher, und Ausführenden – und natürlich Werbung. Alle CDs sind einem schönen blauen Klappkarton untergebracht. Bei so viel Text ist ein Booklet natürlich überflüssig.

Unterm Strich

Dies sind also die Geschichten, die sich fünfzehnjährige Teenager abends auf der Wohnzimmercouch zusammenfantasieren. Paolini, der in Montana nie eine Schule außer der seiner Eltern besuchte, schrieb sein erstes Buch und verkaufte es dann im Selbstvertrieb auf Märkten und dergleichen. Erst als er schon die beachtliche Stückzahl von etwa zehntausend Exemplaren abgesetzt und eine Welle von Mundpropaganda in Bewegung gesetzt hatte, schlug der New Yorker Verlag |Alfred Knopf| zu, der nicht unbedingt für Fantasy bekannt ist.

Knopf gehört zum Random House-Medienimperium, das von |Bertelsmann| geleitet wird. In dieser Phase des Buchvertriebs wurde „Eragon“ zum weltweiten Phänomen. Das erklärt auch den erstaunlich geringen Preis von 19,90 Euro für die Leinenausgabe. Auch der Preis von knapp 40 Euro (bei amazon z. B. Sogar unter 25 €) für ein Hörbuch aus 17 CDs ist relativ niedrig. Er ist nur durch die hohen Stückzahlen zu erklären.

Erfolgsrezept eines Tolkienjüngers

Gegen Paolinis Erfolg ist nichts einzuwenden, denn er hat sich ihn mit einem guten Fantasyroman erschrieben. Der Autor erfüllt mit seinem Buch alle Anforderungen, die man an einen Tolkienjünger nur stellen kann. Er stellt den Kampf des Guten gegen das Böse dar und lässt das Gute obsiegen – vorerst. Er entfaltet einen tief gestaffelten Hintergrund, er auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Und er bietet uns schreckliche Schurken, gegen die sich viele Anhänger des Guten verbünden müssen, so dass klar wird, worin überhaupt das Gute besteht und wie es moralisch zu rechtfertigen ist, wenn die Guten zur Waffe greifen und andere Wesen töten.

Durza entspricht in vielen Wesenszügen Saruman, der vom Glauben an das Gute abgefallen ist und nun dem Bösen dient. Doch zuerst fällt Durza / Saruman, bevor Galbatorix / Sauron zu Fall gebracht werden kann. Durzas Schergen sind Razacs und seine Verbündeten die Urgals, beide unschwer als nahe Verwandte der Orks und Uruk-hai zu erkennen. Kaum einer von ihnen wird einer Namensgebung gewürdigt. Merke: Einen Gegner, der keinen Namen hat und kein Mensch ist, kann man viel leichter töten, weil es dagegen kaum Skrupel gibt.

Diese Schwarzweißmalerei ist für mich der Hauptgrund, solche Fantasien abzulehnen. Besonders dann, wenn sich der Held von seinem getöteten Gegner abwendet, ohne mit der Wimper zu zucken. Einzige Ausnahme: Eragon nach seinem Showdown gegen Durza. Hier rehabilitiert sich der Autor in meinen Augen für seine klischeebeladene Geschichte. Aber Eragon ist natürlich noch weit davon entfernt, ein zweiter Elric zu werden. Sein Schwert Zarok mag zwar fluchbeladen sein, doch es ist keineswegs ein Seelentrinker wie Elric von Melnibonés gieriges Schwert Sturmbringer.

Das Hörbuch

Das von Andreas Fröhlich ausgezeichnet vorgetragene Hörbuch wird in einer schönen Verpackung und Aufmachung geliefert, enthält zwar kein Booklet, doch auf den Hüllen abgedruckten Texte liefern umfassende Hintergrundinformationen. Wer die knapp 40 Euro für die 17 CDs berappt, erhält also ein schönes Produkt. Doch halt: Inzwischen gibt es ja das gleiche Hörbuch auf wenigen MP3-CDs, und das ist um zehn Euro günstiger. Das Gleiche gilt für die Fortsetzung „Der Auftrag des Ältesten“.

Originaltitel: Eragon – Inheritance Book One, 2003
Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis
1200 Minuten auf 17 CDs bzw. 3 MP3-CDs

http://www.eragon.de/
http://www.eragon-derfilm.de/

|Siehe ergänzend dazu unsere Rezensionen zu:|

[„Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1247 (Buchrezension von Dr. Maike Keuntje)
[„Eragon – Der Auftrag des Ältesten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1975 (Buchrezension von Dr. Maike Keuntje)
[„Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“]http://www.powermetal.de/video/review-977.html (Kinofilm-Besprechung von Michael Matzer)

[NEWS] Anne Jacobs – Zeit des Aufbruchs (Das Gutshaus 3)

So langsam scheint Ruhe im Gutshaus eingekehrt zu sein. Franziska hat ihre alte Heimat wiedergefunden und in Walter ihre große Liebe. Ihre Enkelin Jenny tut alles, um sich mit dem alten Anwesen eine Zukunft aufzubauen, und ist glücklich mit Uli, der neuen Schwung in seinen Bootsverleih gebracht hat. Aber so rosig ist leider nicht alles: Das neu eröffnete Restaurant läuft nicht richtig, und bei Bauarbeiten im Keller tritt ein Fund zutage, der längst Vergangenes wieder lebendig werden lässt. Franziska befürchtet, dass er etwas mit ihrer Schwester zu tun haben könnte. Und sie fragt sich: Wird ihre Vergangenheit sie niemals loslassen? (Verlagsinfo)


Lesung auf 2 MP3-CDs
Laufzeit: ca. 13:45 Std.
Sprecherin: Daniela Hoffmann
Random House Audio