Frank Herbert – Die Ketzer des Wüstenplaneten (DUNE 5)

Der Spice-Krieg: Geheimnisse sexueller Kriegsführung

Unter dem Gottkaiser Leto II. wurde die Menschheit über die Galaxis verstreut. 5000 Jahre später kehren ihre Abkömmlinge aus der Diaspora zurück. Neue Kräfte haben sich entfaltet, neue Technologien wurden entwickelt. Der uralte Orden der Bene Gesserit, der seit vielen Jahrtausenden über die Geschicke des Reiches wacht und die Fäden des genetischen Erbes der Atreides in der Hand hält, sieht sich mit Mächten konfrontiert, wie es sie bisher nicht gab.

Von Arrakis selbst, dem Wüstenplaneten, ist wenig Hilfe zu erwarten. Eine zerstrittene Priesterschaft, die den Gottkaiser Leto, den „Zerlegten Gott“, in Gestalt des Shai-Hulud, des gigantischen Sandwurms, anbetet, und Einheimische, die nur noch Schatten der einstigen stolzen Fremen sind. Doch da kommt ein Mädchen aus der Wüste, das mit geheimnisvollen Kräften über den Shai-Hulud gebietet und ihm seinen Willen aufzwingt. (Verlagsinfo)

Der Autor

Frank Herbert (1920-1986) wuchs im Nordwesten der USA auf, arbeitete als Reporter und Wahlkampfhelfer, bevor und während er ab 1952 seine ersten SF-Stories veröffentlichte, denen 1956 der erste Roman „Dragon in the Sea“ folgte. 1963 -1965 wurden seine Stories um den Wüstenplaneten Arrakis in „Astounding“ publiziert, doch um seinen daraus aufgebauten Roman „Der Wüstenplanet“ unterzubringen, musste Herbert erst 20 Ablehnungen kassieren, bevor es ihm 1965 gelang, den Verlag Chilton Book Co. zu gewinnen, der mehr für seine Autoreparaturratgeber bekannt war. Die DUNE-Saga umfasste schließlich sechs Romane aus Frank Herberts Schreibfabrik, von denen die ersten drei verfilmt worden sind. Herbert schrieb neben 20 anderen SF-Romanen auch einen interessanten Non-SF-Roman namens „Soul Catcher“, der noch nicht übersetzt worden ist.

Die DUNE-Saga:

1) Der Wüstenplanet (1965)
2) Der Herr des Wüstenplaneten (1969)
3) Die Kinder des Wüstenplaneten (1976)
4) Der Gottkaiser des Wüstenplaneten (1981)
5) Die Ketzer des Wüstenplaneten (1984)
6) Die Ordensburg des Wüstenplaneten (1985)

Herberts Sohn Brian und der SF-Autor Kevin J. Anderson taten sich zusammen, um die Vorgeschichte(n) des Wüstenplanet-Universum zu erzählen. Zunächst entstanden dabei zwei Trilogien, 1) die Trilogie der „Frühen Chroniken“ des Wüstenplaneten, die aus folgenden Bänden besteht:

1) Das Haus Atreides
2) Das Haus Harkonnen
3) Das Haus Corrino

Nun ist mittlerweile die zweite Trilogie „Der Wüstenplanet: Die Legenden“ abgeschlossen. Sie besteht aus folgenden Bänden:

1) Butlers Djihad (The Butlerian Djihad)
2) Der Kreuzzug (The Machine Crusade)
3) Die Schlacht um Corrin (The Battle of Corrin)

Ein weiterer Band namens „The Road to Dune“ ist 2005 erscheinen und bildet ein Zwischenspiel mit drei „Legenden“-Erzählungen, bevor Herbert & Anderson den zentralen DUNE-Zyklus fortführen, denn…

7) Die Jäger des Wüstenplaneten (Hunters of DUNE, August 2006)
8) Die Erlöser des Wüstenplaneten (Sandworms of DUNE, 2007)

…schließen den ersten DUNE-Zyklus so ab, wie Frank Herbert es vorsah, bevor ein unzeitiger Tod ihn am Weiterschreiben hinderte. 7 und 8 bilden eine Art Doppelroman, der zusammengehört. Weitere Romane folgen fast im Jahrestakt.

Handlung

1500 Jahre nach dem Tod des Gottkaisers Leto II Atreides, der 3500 Jahre lang über das Universum herrschte, werden die Gene der Atreides immer noch weitervererbt, sorgsam gehütet vom Schwesternorden der Bene Gesserit – und kontrolliert gekreuzt mit anderen Genlinien. Die Oberin Taraza sieht neue Gefahren heraufziehen, darunter eine Verschwörung auf Gammu, dem früheren Giedi Primus, der Heimatwelt der Harkonnen: Warum sonst stirbt einer der Gholas des antiken Kriegshelden Duncan Idaho nach dem anderen? Solche Klone sind weiß Gott nicht billig, denn die Tleilaxu verlangen gesalzene Preise. Elf Gholas mussten bereits ins Gras beißen, wie lange wird der zwölfte, der gerade mal 13 Jahre alt ist, überleben? Wer steckt hinter dieser Mordserie?

Die Ermittlerin

Um dies herauszufinden, schickt Taraza ihre Instruktorin Lucilla, eine dreifache Mutter, nach Gammu. Die dortige Festungsherrin Schwangyu hegt offensichtlich ketzerisches Gedankengut, das aber nur für ausgebildete Schwestern als solches zu erkennen ist. Der Ghola ist eindeutig in Gefahr. Nur gut, dass Mentat-Bashar Miles Teg, der Feldherr Tarazas, seine rechte Hand, den alten Soldaten Patrin, zur Bewachung des Ghola abgestellt hat. Teg, der aussieht wie Herzog Leto Atreides, der Großvater des Gottkaisers, befehligt die planetaren Abwehrsysteme.

Die „Huren“

Eine weitere Bedrohung stellen die Geehrten Matres dar, die nach 1500 Jahren aus der Diaspora zurückkehren und sehr sonderbare Ansichten hegen – Ansichten, die mit den Grundsätzen der Bene Gesserit unvereinbar sind. Um diese Leute soll sich Schwester Darwi Odrade kümmern, entscheidet Taraza. In Odrade, einer 19-fachen Mutter, fließt Atreides-Blut. Zusammen mit Lucilla soll sie die Lage auf Rakis, dem Wüstenplaneten, peilen: Ist die Förderung der Gewürz-Melange in Gefahr, die beispielsweise Taraza diese völlig blauen Augen verleiht (neben vielen anderen Dingen)?

Der Mentat Miles Teg braucht nicht lange, um festzustellen, dass Schwester Schwangyu eine Gefahr für den letzten Duncan Idaho darstellt – und dieser für sie, denn er hasst sie bis aufs Blut. Es ist jedoch der Befehl Oberin Tarazas gewesen, dass er den Ghola UM JEDEN PREIS beschützt. Das kann nicht lange gutgehen.

Bene Tleilax

Die Bene Tleilax, die den Ghola lieferten, sind ein islamisch denkendes und empfindendes Volk, das seine soziale Hierarchie nach dem obersten religiösen Lehrer und Führer ausrichtet. Dieser hasst die „Hexen“ vom Orden der Bene Gesserit, die Fortpflanzung zu einer kontrollierten Wissenschaft gemacht haben. Es ist leicht, sich mit ihren Widersacherinnen zu befassen, den Geehrten Matres. Leider haben diese anderen Hexen noch weniger Umgangsformen und keinerlei Respekt für führende Männer.

Als sich das religiöse Oberhaupt der Bene Tleilax mit einer der Geehrten Matres trifft, will er zuerst erfahren, was sie von ihm will. Sie hat sich provokativ angezogen, als betrachte sie ihn nur als willfährigen Hanswurst. Der Masheikh seinerseits entdeckt bald ihre größte Schwäche: Arroganz. Damit kann man viel anfangen, besonders wenn man bereits Gestaltwandler unter den Matres platziert hat. Sie will zwei Dinge erfahren: 1) Was haben die Hexen von der Gesserit-Konkurrenz mit dem Ghola vor und zweitens: Wie entdeckt man ein ixianisches Nicht-Schiff? Das Treffen entdeckt in tödlicher Gewalt und dem Austausch von Informationen. Der Masheikh überlebt mit knapper Not, ist aber nun entschlossen, die Matres-Schlampen zu bekämpfen, wo es nur geht.

Auf Rakis

Der alte Name des Planeten lautete Ar-Rakis, der seiner Hauptstadt Arra-Keen, doch 5000 Jahre später sind sie nur als Rakis und Keen bekannt. Dennoch leben hier Gott und Teufel weiterhin. Sheeana wächst am Rand der Wüste auf, doch als sie acht Jahre alt ist, kommt Shaitan in Gestalt eines großen Sandwurms und verwüstet ihr Dorf, so dass nur sie überlebt und entkommt. Statt sie ebenfalls zu fressen, trägt sie Shaitan nach Keen, wo sie den Priestern des Zerlegten Gottes praktisch vor die Füße fällt. Es ist so offenkundig ein Wunder, das Shai-Hulud vollbracht hat, dass die Priester ihr jede erdenkliche Pflege zukommen lassen. Selbst der Abt muss aus seinem Quartier ausziehen, um ihr Platz zu machen. Nach wenigen Jahren ist Sheeana, das unwissende Wüstenkind, eine Verheißene, ein Liebling Gottes – sorgfältig überwacht von den Bene Gesserit. Als sie sich gegen die bigotte, gespaltene Priesterschaft wendet, wird sie zum Objekt der Verehrung der ganzen Bevölkerung – und der umgebenden Region des Planeten…

Konkurrenz

Die Bene Gesserit fordern den Duncan-Ghola an, um Sheeana „beschützen“ bzw. kontrollirren zu können. Miles Teg wird zwecks Befehlsempfang auf ein Schiff der Navigatorengilde zitiert. Die Geheimsprache Tarazas ist unmissverständlich: Sie werden beobachtet und möglicherweise bedroht. Als Mentat kombiniert Miles messerscharf in kürzester Zeit und entlarvt den unterworfenen Spion der Geehrten Matres. Auch die Matres aus der Diaspora sind scharf auf einen so teuren Krieger wie den Ghola. Jede Wette, dass die Tleilaxu ihnen ein Exemplar gerne liefern würden – gegen harte Währung wie etwa die Spice-Mélange. Aber wozu warten, wenn es doch schon einen voll ausgebildeten Ghola auf Gammu gibt?

Anschlag

Die Priesterschaft auf Rakis ist gespalten. Diejenigen unter Stiros‘ Führung wollen Sheeana kontrollieren und wenn notwendig in die Wüste schicken, was, wie sie erwarten, ihren Tod zur Folge hätten. Doch die Fraktion unter Hohepriester Hedley Tuek ist Sheeana treu ergeben, denn sie ist offenkundig göttlichen Ursprungs. Im sechsten Jahr von Sheeanas Aufenthalt in Keen wird sie bereits von den Bene Gesserit ausgebildet, in der Gebärdensprache, im Denken, in der Manipulation von Männern und vielem mehr.

Die Schwesternschaft hat in der Festung Keen Schwester Tamalane durch Darwi Odrade abgelöst, die wie Sheeana von den Atreides abstammt – über ihren Vater Miles Teg. Ihre verschärften Sicherheitsmaßnahmen zahlen sich sofort aus. Ein heimtückischer Anschlag der Stiros-Fraktion, unterstützt von den Ixianern, kann in letzter Sekunde abgewehrt werden. Doch während Tuek Sheeana in Sicherheit bringt, bis die Bene Gesserit übernehmen, stirbt Schwester Kipuna in der Halsschlinge eines monomolekularen Shiga-Drahtes. Nun ist völlig klar, wer künftig über die Sicherheit der Prophetin wachen wird: die Ehrwürdigen Mütter.

Duncan auf der Flucht

Ungefähr zur gleichen Zeit schlagen Schwangyus Schergen zu. Vor den bestürzten Augen Lucillas feuern Wachleute der Festung Gammu auf den kostbaren Duncan-Ghola. Doch dieser bewegt sich mit unglaublicher Geschwindigkeit, entgeht dem Feuer und macht sich zum Gegenangriff bereit. Lucilla gehorcht Tarazas Befehl und wirft sich in die Feuerlinie. Dieser Ghola muss um jeden Preis beschützt werden. Die Tleilaxu, die zweifellos hinter dem Anschlag stecken – wie hinter den elf vorhergehenden Morden – , werden bitter dafür bezahlen, schwört sie sich. Gedeckt von Salven und Explosionen können Lucilla und Duncan unter der Führung des Mentaten Miles Teg die Festung lebend verlassen. Lucilla hat von Taraza einen Auftrag bezüglich Duncan erhalten, doch Miles durchschaut und stoppt sie…

Bezahlung

Taraza ist wütend, aber kontrolliert wütend, als sie sich auf einem Gildeschiff mit einem ranghohen Tleilax trifft. Sie ahnt nicht, dass Tylwyth Waff der oberste Masheikh der Bene Tleilax ist, doch schon bald ist ihr klar, dass er in seinen Ärmeln Pfeilwaffen versteckt hat. Sie droht ihm, dass sie den Geehrten Matres verraten werde, dass seine Gestaltwandler nicht nur deren Organisation unterwandert, sondern auch den Anschlag auf die Prophetin und den Ghola zu verantworten hätten. Wie könnte irgendjemand so blöd sein, den Tleilaxu jetzt noch zu vertrauen!?

Statt ihn fertigzumachen, bietet sie ihm etwas an, das die Tleilaxu schon immer haben wollten: Atreides-Genmaterial in Gestalt von Zuchtmüttern (bekanntlich manipulieren die BG Genlinien schon seit ihrer Gründung vor Tausenden von Jahren). Um ein Haar fängt Waff an zu sabbern. Im Gegenzug sollen die Tleilaxu Züchtungsgeheimnisse preisgeben. Das Sabbern endet abrupt. Sie erschüttert ihn weiter und erfährt endlich, welcher Religion Waff anhängt: Er ist ein mystischer Sufi der Zensunni. Na, damit kann man ja einiges anfangen. Sie wird ihn in eine Falle locken, die er erst sieht, wenn es schon zu spät ist. Aber das geht nur auf Rakis, denn nur dort findet er seinen Gott vor: den Sandwurm des Zerlegten Gottes…

Mein Eindruck

Nach Letos II. Tod in der großen Wüste sind 1500 Jahre vergangen, und aus der Diaspora tauchen nicht nur stark veränderte Bene Gesserit auf, sondern auch versprengte Bene Tleilax. Sie verfügen über neuartige Fähigkeiten, die sowohl alte Tleilax als auch alte Gesserit unter Kontrolle zu bringen suchen. Die Geehrten Matres werden von beiden Gruppen als „Huren“ eingestuft. Warum, das wird genau erst spät offenbart: Die Matres setzen Sex als Waffe ein. Ähnlich wie Gesserit mit „Stimme“ und Kampfkunst setzen die Matres ausgefeilte Sextechniken ein, um Männer zu unterwerfen und abhängig zu machen. Bis sie jetzt auf eine Kreatur stoßen, die ihre Existenz ebenso bedroht wie ihre Expansion…

Der Spice-Krieg

Der Anlass zum Krieg zwischen Gesserit, Tleilaxu und Matres ist wie eh und je die Vorherrschaft über die Spice-Melange. 3500 Jahre lang hatte der Gottkaiser das Monopol darüber ausgeübt, doch 1500 Jahre später verkaufen die Tleilaxu synthetisches Spice an den Meistbietenden, also nicht nur an die Gilde, Ixianer und die Gesserit, sondern offenbar auch an die Matres. Im Gegenzug schieben sie den Matres ihre Gestaltwandler unter, um so ein wenig Kontrolle auszuüben: Die Gestaltwandler sehen aus wie die orange-äugigen Matres, gehorchen aber natürlich ihren Schöpfern. Auch auf Rakis.

Verdacht

Es kommt zu merkwürdigen Bündnissen, die den Gesserit unter Taraza ebenso gegen den Strich gehen wie den Tleilaxu unter Waff. Taraza glaubt, sich mit den Tleilaxu verbünden zu können, um die Matres auszuschalten. Und dafür ist sie bereit, wertvolle Informationen und Schwestern zu opfern. Um weitere Kontrolle auszuüben, setzt sie Lucilla auf den Ghola an, um diesen jungen Kämpfer durch sexuelle Künste zu „prägen“. Zu ihrer wütenden Frustration weist der Ghola sie unter Morddrohungen von sich. Das nährt in Taraza, die von allen ihren Agentinnen Berichte erhält, den Verdacht, dass das Geschöpf, das die Tleilaxu ihr geliefert haben, mehr ist, als es zu sein scheint.

Wandlungen

Nach und nach enthüllt der nun 15-jährige Duncan Idaho, was in ihm steckt, und das ist einer der spannendsten Aspekte dieses fünften DUNE-Romans. Ist er ein Schläfer, der auf ein Codewort hin posthypnotische Befehle ausführt? Miles Teg, der Krieger-Mentat Tarazas, deduziert schon früh, dass in Duncan Idaho Nr. 12 ein Programm schlummert, das ihn gefährlich machen könnte. Als er und Lucilla sich auf Gammu (vormals Giedi Primus) in einer Nicht-Kammer der Harkonnens verstecken, hat er den Auftrag, die weitergehenden Erinnerungen des Gholas zu wecken. Auf einmal erinnert sich der Ghola an Paul Atreides, die Fremen, Dr. Yuehs Verrat und die Invasion durch den Imperator. Doch das ist noch nicht das Programm der Tleilaxu, sondern die Behandlung, die jeder Duncan-Idaho-Ghola erfahren hat, seit Leto II sie erschaffen ließ.

Miles Teg, der Ghola und Lucilla müssen ihr Versteck schließlich verlassen und sich in die Hauptstadt Ysai durchschlagen. Schon in der Wildnis kommt es zu schweren Gefechten mit Verfolgern, seien es Tleilaxu, Ixianer oder Matres. In der Stadt selbst gibt es eine Untergrundbewegung aus Schlachtenveteranen, die Miles Teg, ihren Feldmarschall, nur zu gerne unterstützt. Gleiches kann man von Duncan Idaho und Lucilla allerdings nicht behaupten.

Alle drei gehen den Matres schließlich in die Falle. Doch die Konsequenzen sind völlig verschieden. Miles Teg wird mit einer T-Sonde der Ixianer gefoltert, die seine Gedanken und Erinnerungen preisgeben soll: Dank seiner Mentatfähigkeiten kann er die Sonde neutralisieren und bekommt noch einen Bonus obendrein: Jetzt kann er vorhersehen, was passieren wird.

Lucilla muss sich als Kurtisane verkleiden, was bei ihr recht passend erscheint, denn sie ist ja eine Verführerin. Schließlich ist auch der Duncan-Ghola an der Reihe: Als er von der Geehrten Mater Murbella (die später noch häufig auftritt) unterworfen werden soll, passiert etwas völlig Unerwartetes: sein geheimes Anti-Gesserit-Programm wird aktiv… (Die Methode der Geehrten Matres wird auf S. 548 von Waff an Taraza verraten – reichlich spät.)

Lese-Frust

Es ist geradezu sträflich, wie das Buch in diesen letzten fünfzig Seiten gekürzt wurde – von wem auch immer. Etliche Actionszenen haben den Leser in seiner Erwartung bestärkt, dass das Finale ganz besonders von Kampf und Auseinandersetzung geprägt sein müsse. Pustekuchen! Miles Teg sieht sich eine Geehrten Mater und ihrem Lakaien gegenüber – was passiert? Eine Seite später wird uns berichtet, dass er rund 50 Leichen hinter sich zurückgelassen hat. Miles Teg schart Veteranen um sich, um ein Nicht-Schiff der Matres zu kapern? Zwei Seiten später erfahren wir, dass er sich schon im Anflug auf Rakis befindet. Von Kampf also keine Spur. Ganz zum Schluss wird uns mitgeteilt, der Planet Rakis sei von den Matres zerstört worden. Wurde das irgendwie geschildert? Natürlich nicht. Der Actionfan bleibt frustriert zurück.

Innen statt außen

Offenkundig zielt der Autor darauf ab, innere Wandlungen in den Vordergrund zur rücken und äußeren Veränderungen, wie etwa Auseinandersetzungen, in den Hintergrund. Szenen wie Waffs Ermordung einer Geehrten Mater sind also bereits das Äußerste an Aggression, das hier geschildert wird. Wie wichtig dem Autor innerer Wandel ist, zeigt das Beispiel Sheeana. Das Mädchen aus der Wüste gebietet dem Sandwurm, eine Fähigkeit, die die Priesterschaft in Keen und Schrecken und Aufruhr versetzt, aber auch die Gesserit auf den Plan ruft.

Nichts, was mit Religion zu tun hat, darf laut Gesserit-Doktrin unkontrolliert bleiben. Es gilt um jeden Preis einen erneuten Kwisatz Haderach, wie es einst Paul Atreides und dessen Sohn Leto II. waren, zu verhindern. Durch diverse Machenschaften – siehe oben – gelingt es Agentin Odrade (selbst eine Atreides), Sheena der Obhut der Priesterschaft zu entwinden und in die eigene Ausbildung zu überführen. Sheeana lernt Gehorsam, Disziplin und die Gesserit-Doktrinen. Durch ihre Vermittlung gelingt Odrade eine folgenschwere Entdeckung: Der Gottkaiser hat einen unermesslichen Schatz an Spice-Melange in seiner alten Burg Sietch Tabr versteckt gehalten – auf einen Schlag verschiebt sich im Spice-Krieg das Kräfteverhältnis.

Doch wie sieht der genetische Krieg jetzt aus? Es ist nicht Taraza, sondern Odrade, die sich ihr widersetzt, die Sheeana und den Ghola Duncan Idaho zusammenbringt. An Bord eines Nicht-Schiffes können sie dem Inferno entkommen, das die Geehrten Matres auf Rakis anrichten, um die Ghola-Bedrohung ebenso zu beseitigen wie den Spice-Hort. An Bord haben Duncan, Odrade und Sheeana den letzten lebenden Sandwurm – und so den Zugriff auf das einzige natürliche Spice im Universum.

Die Übersetzung

Wie in allen DUNE-Bänden finden sich zu jedem Kapitel vorangestellte Motti und Textauszüge von fiktiven Büchern und Gruppen. Liest man sie am Ende des jeweiligen Kapitels statt am Anfang, merkt man, dass sie dem Leser entweder einen Kommentar zum Text oder einen Hinweis zu dessen Deutung liefern.

Meine Auflage von 1994 ist als „Einmalige Sonderausgabe“ gekennzeichnet. Diese Bezeichnung verdient sie aufgrund der zahlreichen Illustrationen, die Klaus D. Schiemann beigesteuert hat. Außerdem stammt das Titelbild von H.R. Giger, dem Konzeptkünstler für Ridley Scotts Film „Alien“ (1979). Das Motiv ist Gigers Ausstattungsentwurf für David Lynchs Film „Dune“, passt aber eher als Darstellung von Leto II., dem Gottkaiser, der sich mit einem Sandwurm verband (DUNE 3 und 4). Die Karten auf S. 6/7 zeichnete Erhard Ringer. Diese findet man auch nicht in jeder Auflage.

Die Übersetzung von Ronald M. Hahn

S. 15: „Lucilla … fabrizierte ein sanftes Lächeln…“: Der ungewöhnliche Ausdruck „fabrizieren“ soll woll signalisieren, dass ihr Lächeln erzwungen war.

S. 51: „Quis custodiet ipsos custodiet?“ Dieses lateinische Zitat sollte wenigstens korrekt wiedergegeben werden. Es bedeutet: „Wer soll die Wächter [custodes] bewachen?“ Korrekt muss es lauten: „Quis custodiet ipsos custodes?“

S. 112: „Von der Vorstellung, die sie hier gab, konnte man vielerlei in Abzug bringen.“ Die „Phrase“ in Abzug bringen“ wird heutzutage nicht mehr verwendet, weil sie durch den Ausdruck „davon ableiten“ ersetzt wurde, der das Gleiche bedeutet.

S. 151: „auf des Problem an“: Druckfehler. Korrekt muss es „auf DAS Problem an“ heißen.

S. 294: „Taraza sah ihr eigenes Abbild auf dem dunklen Platz des Fensters.“ Statt „Platz“ muss es korrekt „Plaz“ (Plastikglas) heißen, denn es ist das Material gemeint.

S. 350: „absulutes Universum“ sollte korrekt „absolutes Universum“ heißen (im Motto).

S. 361: „Gammu hieß früher Giedi Primis.“ Eben nicht. Es hieß „Giedi Primus“.

S. 433: „zum improvisieren gezwungen“. Da es sich um die substantivierte Form des Verbs handelt, mus „Improvisieren“ groß geschrieben werden.

S. 518: „Teg bediente sich seiner neuen Fähigkeit der verdoppelten Vision…“ Teg hat keine Visionen, sondern vielmehr eine neue Sichtweise, aufgrund der Folterung mit einer T-Sonde der Ixianer.

S. 519: „etwas. Das dafür sor[g]te, dass…“ Das T fehlt.

S. 528: „Guldur“ ist der Name des Tyrannen von Gammu. Literaturkenner werden es aus der Ortsangabe „Dol Guldur“ wiedererkennen: „Hügel der dunklen Magie“ (aus Tolkiens „Hobbit“).

Unterm Strich

Nach dem nahezu statischen Vorgängerband bringt „Ketzer“ die DUNE-Saga etliche Schritte weiter. Der Spice-krieg tobt wie eh und je, doch nun greifen mit den Geehrten Matres wirklich fähige und furchterregende „Huren“ in die Kampfhandlungen ein. Sie vereinen die Menschenverachtung der vernichteten Harkonnens mit den Manipulationskünsten der Bene Gesserit, aus denen sie hervorgingen. Sie zögern nicht, Spice von den Tleilaxu zu kaufen und die Gesserit zu bekämpfen, wo sie nur können. Es kommt zu einem Drei-Fronten-Krieg.

Leider wird die Front zwischen Gesserit und Matres nur sehr am Rande beleuchtet, sieht man einmal von Waffs Begegnung mit einer Mater und den Vorgängen auf Gammu ab. Das wird sich hoffentlich im nächsten Band ändern. Die eigentlichen Raumschlachten findet man allerdings erst im Doppelband „Jäger“ und „Erlöser“.

Stattdessen stehen innere Wandlungen wie die von Miles Teg, Waff, Sheeana, Duncan Idaho und Odrade im Vordergrund. Das ist zwar interessant, aber auch sehr kompliziert: Die Übersetzung verlangt vom Leser höchste Konzentration, um die Gedankengänge von Taraza und Odrade nachvollziehen zu können. Sheeana hingegen scheint reichlich wenig Innenleben aufzuweisen, was doch angesichts ihrer Kontrolle des Sandwurms – und somit dessen Spice-Produktion – doch ziemlich verwunderlich ist.

Miles, der Atreides-Mentat

Diesen Band habe ich vor etwa dreißig zum ersten Mal gelesen. Ich fand ihn vor allem wegen der dynamischen und aktiven Figur des Miles Teg spannend und interessant. Miles, der Feldmarschall vieler Schlachten, ist bereits uralt, als Taraza ihn reaktiviert. Die Mutter Oberin will ihn als ihr Werkzeug benutzen, wie alle anderen auch, doch Miles verfügt über eine einzigartige Ausbildung: Seine Mutter war selbst eine Bene Gesserit und brachte ihm, wie er die tricks der Ordensschwestern abwehren und neutralisieren kann. Er ist selbst ein Atreides und seine Tochter Darwi Odrade ebenfalls: Alle Atreides sind in der Lage, Loyalität und Hingabe in ihren Gegenübern zu erzeugen. Das trifft sich gut, denn sobald er sich auf Gammu mithilfe seiner Fähigkeiten als Kämpfer und Mentat befreit hat, braucht er jede Hilfe, um ein Nicht-Schiff zu kapern. Er bekommt sie problemlos.

Leserfrust

Wie man es auch dreht und wendet: So richtig zufrieden dürfte keine Lesergruppe mit diesem offensichtlich stark gekürzten Band sein. Wie sonst wäre es zu erklären, dass drei wesentliche Ereignisse einfach nicht dargestellt werden? Miles Tegs Kampf mit einer Geehrten Mater, seine Kaperung eines Nicht-Schiffs der Matres und schließlich die Zerstörung von Rakis, dem Wüstenplaneten selbst – nichts davon wird geschildert. Stattdessen gibt es eine minutiöse Verführungsszene zu „bewundern“, die an Detailreichtum nichts der Phantasie überlässt. Für meinen Geschmack hat der Autor seine Prioritäten falsch gesetzt.

Die über 30 Jahre alte Übersetzung aus dem Jahr 1984 enthält einige Druckfehler und stellt hohe Anforderungen an den heutigen Leser.

Taschenbuch: 622 Seiten
Info: Heretics of DUNE, 1984; 1994)
Aus dem US-Englischen übertragen von Ronald M. Hahn; ISBN 3453186877 und 9783453074248 (Auflage 1994, Übersetzung von 1984)
www.heyne.de

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