Schlagwort-Archive: Krimi

Raymond Chandler – Das hohe Fenster (Philip Marlowe 3)

Viele Leichen, wenig Klarheit

Mrs. Elizabeth Bright Murdock beauftragt PHILIP MARLOWE damit, eine gestohlene seltene Goldmünze, die wertvolle Brasher-Dublone aus dem 18. Jahrhundert, wieder zu finden. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie von Linda Murdock – ihrer verhassten Schwiegertochter – gestohlen worden ist. Mrs. Murdock will keine Täterüberführung mit Verhaftung; vielmehr soll MARLOWE eine – möglichst kostenlose – Scheidung Lindas von ihrem Sohn Leslie erzwingen. Eigentlich nicht sein Ding. Doch MARLOWE nimmt an und konzentriert sich auf die Suche nach der Brasher-Dublone. Relativ schnell wird klar, wer die Münze genommen hat.

Der Fall bekommt aber eine weitere Dimension, als MARLOWE schon bald über ein paar Leichen „stolpert“ und merkwürdigerweise auf ein paar verschrobene Typen und die ermittelnden Polizeibeamten eine scheinbar anziehende Faszination ausübt…. (Amazon.de)
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Ross Macdonald – Unterwegs im Leichenwagen (Lew Archer 10)

Eigentlich hatte man Privatdetektiv Lew Archer nur auf Colonel Mark Blackwells ungeliebten Schwiegersohn in spe angesetzt. Doch kaum beginnt er zu ermitteln, stößt er auf eine heiße Spur, welche über verschiedene Leichen bis nach Mexiko und zurück nach Malibu führt. Dabei kreuzt ein als Fun Cruiser genutzter Leichenwagen immer wieder Archers Weg. Sixties, Surfkultur und Generationenkonflikt sorgen für Spannungen und für Spannung.

Besonderes Schmankerl dieser Neuübersetzung ist ein Nachwort der Krimiautorin Donna Leon, die ihren Commissario Guido Brunetti schon fast 30 Fälle hat lösen lassen.
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Donna Leon – Sanft entschlafen (Lesung)

Finstere Machenschaften „heiliger“ Männer

Commissario Brunettis sechster Fall. Er hat gerade nicht viel zu tun, denn Venedig erwacht erst allmählich aus seinem Winterschlaf. Doch da beginnen die Machenschaften der Kirche sein Berufs- und Privatleben zu überschatten: Suor Immacolata, die schöne Sizilianerin und aufopfernde Altenpflegerin von Brunettis Mutter, ist nach dem unerwarteten Tod von fünf Patienten aus ihrem Orden ausgetreten. Sie hegt einen schrecklichen Verdacht, denn die Verblichenen haben zuvor ihr gesamtes Vermögen der Kirche vermacht. Wird Brunettis Mutter das nächste Opfer sein? Brunetti stößt auf einen zwielichtigen Geheimorden.

Die Autorin

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

Der Sprecher

Christoph Lindert, 1938-2005, ist laut Verlag „einer der renommiertesten Hörbuchsprecher“. Nach seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München arbeitete er an verschiedenen Bühnen: Münchner Kammerspiele, Ateliertheater Bern, Theater am Dom in Köln. Er ist freier Film- und TV-Schauspieler und regelmäßig als Sprecher im Rundfunk zu hören. Zudem liest er leidenschaftlich gerne vor Publikum. (abgewandelte Verlagsinfo)

Lindert liest die ungekürzte Textfassung. Die Aufnahmeleitung hatte Guido Heidrich, die Technik steuerte Volker Gerth.

Handlung

Vicequestore Patta ist in Urlaub und Guido Brunetti vertritt ihn. Zunächst gibt’s nicht viel zu tun, doch der Besuch einer Ex-Nonne ändert dies. „Schwester Immacolata“ kommt ihm bekannt vor, aber da sie in Zivilkleidung auftritt, kann er sie nicht zuordnen. Als sie ihm auf die Sprünge hilft, fällt es ihm ein: Sie ist bzw. war eine der Pflegerinnen in dem Venediger Altenheim, in dem sich seine Mutter aufhält, in der Casa di Cura. Aber wieso ist sie aus ihrem Schwesternorden ausgetreten?

Maria Testa, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, berichtet, dass sie im Pflegeheim San Leonardo im vergangenen Jahr auf eine seltsame Häufung von Todesfällen gestoßen sei. Dabei waren die Patienten alle kerngesund, bevor sie starben. Sie alle vermachten ihr Vermögen dem Orden vom heiligen Sakrament, der das Pflegeheim betreibt. Als sie ihren Verdacht, man könnte beim Sterben etwas nachgeholfen haben, gegenüber dem Ordensvorsteher und der Mutter Oberin äußert – sie weiß wenig von der Welt –, wird sie bestraft, dann geht sie heimlich und unerlaubt von selbst. Maria übergibt Brunetti eine Liste der fünf Gestorbenen – es handelt sich um Angehörige der besseren Kreise Venedigs und des Umlandes.

Plötzlich macht sich Brunetti einige Sorgen um seine Mutter. Doch wie soll er Maria Testas Verdacht nachgehen? Er sagt sich: cui bono – wem nützt das? Folge der Spur des Geldes! Seine Sekretärin, die diskrete Signorina Elettra, hat den Zugangscode für den Standesamtcomputer und kommt an Kopien der fraglichen Testamente ebenso leicht heran wie an die Adressdaten. Brunetti will lieber nicht wissen, ob sie in jeden Rechner der öffentlichen Dienste hineinkommt. Nach dem Mittagessen, das Paola Brunetti so üppig und schmackhaft wie stets zubereitet und serviert, liegen die ersten Daten bereit.

Zusammen mit seinem Kollegen Sgt. Vianello besucht Brunetti die Angehörigen der drei venezianischen Erblasser. Lodovico da Pre ist der zwergwüchsige und bucklige Bruder einer der Verstorbenen, ein geldgieriger Sammler von Schnupftabaksdosen. Er prozessiert mit den Nonnen von Casa di Cura um nicht weniger als 100 Millionen Lire. „Aber sie werden sie nicht kriegen!“, triumphiert er etwas voreilig. Nummer 2 auf der Liste ist die ebenso fette wie übel riechende und arrogante Contessa Claudia Crivoni, die stets sehr auf die öffentliche Moral bedacht ist und den Verkauf von Kondomen in Apotheken verbieten lassen will. Sie weiß nichts davon, dass ihr Gatte jemand anderem Geld vermacht habe. Brunetti heuchelt immense Erleichterung und entfernt sich schleunigst aus dem Dunstkreis dieses Weibes.

Nr. 3 ist die frömmelnde Signorina Benedetta Lerini, die ein ganzes Zimmer voller silbergerahmter Autogramme von Papst, Kardinalen, Bischöfen und Nonnen hat, dass es Brunetti an das Zimmer eines Teenagers gemahnt, der Poster seiner Stars an die Wände pinnt. Sie ist offenbar ein großer Fan der Kirche. Auch Lerini will den Nonnen des Ordens, die ihren Vater pflegten, angeblich nichts vermacht haben. Das stellt sich als Lüge heraus, als Brunetti seine Schwiegermutter besucht. Gräfin Donnatella Falia erzählt ihm den neuesten Klatsch über die Lerini und die Crivoni, wobei sie sich köstlich amüsiert. Möglicherweise gehöre die Crivoni einer fundamentalistischen Bewegung der katholischen Kirche an, da sie beispielsweise Messen in Latein propagiert, nicht in profanem Italienisch. Die Contessa trifft den Nagel mit dieser Vermutung beinahe auf den Kopf.

Schon will Brunetti die Ermittlungen ergebnislos einstellen, zumal ja auch Patta zurückgekehrt ist, da gibt er Maria Testa noch eine letzte Chance. Er besucht ihren Beichtvater und Prior, Pater Pio Cavaletti. Dieser freundliche und würdevolle Mann stellt sich als großer Fan von Flieder heraus. Sogar aus Minne-sotà, so der Gärtner, lasse er Fliedersorten beschaffen. Maria Testas Verdacht gegen ihn tut der fromme Mann mit großem Bedauern über die Einbildungskraft der Jugend als Selbsttäuschung ab.

„Tja, das war’s dann wohl, Suor Immacolata“, sagt sich Brunetti. Da ereilt ihn die Kunde, dass Maria auf dem Lido von einem Auto angefahren wurde. Während der Fahrer sich aus dem Staub machte, landete die radelnde Maria im Graben, mit Rippenbrüchen, einer ausgerenkten Schulter, aber vor allem mit einer Schädelverletzung. Sie liegt seitdem im Koma. Das war bestimmt kein Versehen, sagt er zu Vianello. Das war ein Mordversuch. Könnte die junge Ex-Nonne am Ende doch mit ihrem Verdacht Recht haben? Dann befindet sich auch Brunetti in Gefahr.

Mein Eindruck

Das Buch ist anno 2006 zwar schon fast neun Jahre alt, doch das Eisen, das die Autorin anfasst, ist immer noch heiß. Der geheime Orden von katholischen Fundamentalisten wird hier zwar Opera Pia (fromme Werke) genannt, doch für jeden informierten Leser ist klar, dass es sich um eine Organisation handelt, die viel Ähnlichkeit mit Opus Dei hat. Diese Organisation ist direkt dem Papst unterstellt und hat sich einen üblen Leumund eingehandelt, unter anderem durch die Nachrichten, die über ihre strenge Behandlung ihrer Mitglieder an die Öffentlichkeit gedrungen sind.

Im Roman zieht Opera Pia alle Löhne seiner Mitglieder ein, zahlt aber keine Steuern. Obendrein werden Unverheiratete und Frauen benachteiligt, und Sex wird generell missbilligt. Brunetti findet es erstaunlich, dass gegen eine so repressive Organisation keine Prozesse geführt werden. Aber die entsprechenden Artikeln in den Zeitungen, die er sich in der Stadtbibliothek bringen lässt, sind sowieso alle von Unbekannten herausgeschnitten worden. Kein Wunder, dass man über Opera Pia hauptsächlich nur Gerüchte weiß.

Ehrenmänner wie Dottore Messini, der allein in Venedig fünf Pflegeheime des Geheimordens alias des Ordens vom heiligen Sakrament betreibt, bieten den Machenschaften das Deckmäntelchen ehrenwerter und vor allem legaler Tätigkeit. Dabei läuft es auf die Ausbeutung wehrloser Arbeitskräfte hinaus, denn es gibt selbstverständlich keinerlei Gewerkschaft in den Pflegeheimen. Die Arbeiterinnen halten sich zudem illegal im Land auf, getarnt als Touristen und Studenten. Dass auch noch die Patienten geschröpft werden, will Dr. Messini aber nicht zugeben. Und Pater Pio erst recht nicht.

Aber was hat dies alles mit Maria Testa zu tun? Nun, sie ist natürlich der Verräter, der „whistleblower“, der die Machenschaften aufdeckt und schleunigst zum Schweigen gebracht werden muss. Alles ist ruhig, solange Maria im Koma liegt, weiß Brunetti. Um die Ratten aus ihren Löchern zu locken, braucht er daher nur die Meldung verbreiten, dass Maria aufgewacht sei und es ihr besser gehe. Er findet es sehr interessant, dass seine Meldung von der Zeitung wider Erwarten nicht abgedruckt wird, dafür funktionieren aber die Buschtrommeln, die er eingesetzt hat, umso besser. Er hat Pater Pio, die Mutter Oberin und Messini persönlich angerufen, einfach um sicherzugehen.

In die Falle, die er, mit der bewusstlosen Maria als Köder, aufgestellt hat, tappt denn auch prompt ein Attentäter, der sich als Krankenschwester verkleidet hat und statt einer Tablette ein langes Messer mitbringt. In dem nachfolgenden Kampf wird der Wache haltende Brunetti verletzt, doch der Attentäter erweist sich als fanatisiert und paranoid – das ideale Werkzeug für einen Geheimorden. Ich verrate nicht, ob der Attentäter männlich oder weiblich ist.

Diesen schönen Erfolg aber hat sich Brunetti gegen seinen eigenen Vorgesetzten erkämpfen müssen. Offenbar hört Vicequestore Patta lieber blindlings auf die Einflüsterungen und Klagen von Kirchenmenschen wie Pater Pio als seinem Kriminalisteninstinkt zu folgen – falls er denn einen solchen hat. Denn Patta ist mehr mit Politik beschäftigt als mit Ermittlungen und bereit, jeden Preis für sein Prestige zu zahlen. Er zieht die Bewachung von Maria Testa ab und gibt sie schutzlos jedem Angriff preis. Brunettis Einwand wischt er weg. Doch Brunetti weiß, dass Patta wenigstens nicht über die Freizeit von Polizisten verfügen kann und bittet seine Kollegen, ihre Freizeit zu opfern, um das Leben der komatösen Ex-Nonne zu schützen.

Man fragt sich natürlich, aus welchem Grund sich ein Kommissar für eine junge Frau von 27 Jahren einsetzen sollte, die gar nicht ansprechbar ist und obendrein von ihren Vorgesetzten schlecht beurteilt wird (unterliegt einer Selbsttäuschung, aufsässig, immer noch den Regeln des Ordens unterworfen usw.). Und da an ihren Vorwürfen zunächst nichts dran zu sein scheint, will Brunetti den Fall einstellen. So muss er sich nicht gegenüber Patta wegen Zeitverschwendung rechtfertigen.

Doch drei Ereignisse ändern seinen Sinn: der als Unfall getarnte Mordversuch an Maria Testa, der ebenso als Unfall getarnte Mord an einem der drei besuchten Erben und schließlich das, was seine eigene Tochter Chiara in der Schule erlebt. Der Teenager ist sehr aufgeweckt und hat von seinen Eltern, die beide Atheisten sind, logisches Denken beigebracht bekommen. Folglich hat Chiara bei ihrem Religionslehrer, dem Pfarrer Don Luciano, gleich Anstoß erregt und ein gepfeffertes „Ungenügend“ ins Zeugnis geschrieben bekommen – ein Zeugnis, das bis auf diesen Schandfleck hervorragend ausgefallen ist.

Doch Don Luciano ist nicht nur dogmatisch, sondern legt auch ein ungebührliches und ungesundes Interesse an den sexuellen Untaten seiner Schülerinnen – und nur an diesen – an den Tag. Er nimmt den Mädchen die Beichte ab, doch statt ihnen zu vergeben, lässt er sich jedes Detail haarklein schildern, als ob er sich daran aufgeile. Was Chiara erzählt, lässt einen finsteren Verdacht in ihren Eltern aufsteigen. Als eine Mutter bei Paola Brunetti, die ja ebenfalls Lehrerin ist, anruft und erzählt, Don Luciano habe sich an ihrer Tochter Nicoletta womöglich vergangen, reicht es. Paola schwört, sie werde diesem Schmutzfink das Handwerk legen und ihn, so wörtlich, „vernichten“. Dass sie es mit der Hilfe ihres Vaters kann, zeigt der Schluss des Buches (siehe unten).

Hier greift die Autorin eine Reihe von Meldungen auf, denen zufolge sich katholische Priester an ihren Schützlingen vergangen haben, beispielsweise in Österreich. Nicht nur repressive Sexualmoral, sondern auch latente Homosexualität werden dafür verantwortlich gemacht. Und als Brunetti die Akte von Don Luciano durch Signorina Elettras Kanäle beschaffen lässt, erweist sich dieser Verdacht als berechtigt: Dessen Lebensweg ist eine Reihe von Versetzungen und einmal sogar ein Aufenthalt in einer Besserungsanstalt. Dass Luciano Benedetto indirekt auch ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Unterbewusst identifiziert er Chiara mit der jungen Maria Testa, die als 15-Jährige in den Orden eintrat. Er hofft unbewusst, dass, wenn er Marias Leben rettet, auch seine Tochter vor Schaden bewahren kann. Eine Haltung, die man von einem guten Vater erwartet.

Die Autorin ruft zu einem kritischeren Umgang mit kirchlichen Organisationen auf, nicht nur mit der katholischen Kirche, sondern auch mit deren angegliederten Orden. Das ist aber anno 1997 auch höchste Zeit gewesen, denn die Problematik um die Einstellung von Schwangerschaftsberatung bzgl. Abtreibung befand sich damals und heute immer noch in der Diskussion. Schließlich wurde die Abtreibungsberatung von höchster Stelle, dem Papst, verboten. Dies alles ist in der Presse nachzulesen.

Der Sprecher

Lindert stellt in dieser schönen Lesung sein bemerkenswertes Einfühlungsvermögen unter Beweis. Er charakterisiert jede Figur genau und unterscheidbar, ganz besonders aber die unangenehmen Typen, mit denen es Brunetti und sein Kollege Vianello zu tun bekommen. In der heuchlerischen Art und Weise, wie diese Begegnungen sich entwickeln, damit der Kommissar Zugang zu Person und Informationen findet, hat die Autorin Meisterstücke ironischer Charakterisierung geschrieben. Und mit Gusto macht sich Lindert daran, die grotesken Aspekte dieser Begegnungen herauszuarbeiten. Das ist zuweilen großartige Unterhaltung.

Ebenso große Lust bereitet es ihm zu schildern, welche Freude es Brunettis Frau Paola und seiner Schwiegermutter Contessa Donatella Falia bereitet, mit ihm Klatschgeschichten auszutauschen, dabei aber geflissentlich und diskret zu verbergen, woher sie selbst diese Informationen beziehen. Das trifft auch auf Brunettis Sekretärin Elettra zu, die das Passwort zum Computer des Standesamtes besitzt, aber keinesfalls sagen will, wie sie daran gekommen ist. Offenbar haben venezianische Frauen ebenso ihr Informationsnetzwerk wie die Polizei.

Einen der Höhepunkte von Linderts Vortragskunst bildet der letzte Dialog des Buches. Ohne sich vorzustellen, über gibt Brunetti dem Religionslehrer seiner Tochter, dem Pater Don Luciano, sein Versetzungsschreiben, das direkt vom Patriarchen Venedigs kommt. Aber nicht eine weitere Pfarrei ist sein Bestimmungsort, sondern eine einsame Gefängnisinsel für Schwerverbrecher. Zunächst reagiert Luciano mit Unverständnis, dann mit Protest, bevor er zu Jammern und Wüten übergeht. Doch anders als Signora Lerini geht Luciano nicht auf Brunetti los, der die ganze Zeit – etwa eine Viertelstunde – mit aller Macht an sich hält. Schließlich hat er es mit einem Mann zu tun, der kleine Mädchen missbraucht hat, von denen sich eines umbrachte, weil ihm niemand glauben wollte, was sie über Luciano erzählte. Die Versetzung ist das Werk von Brunettis Schwiegervater. Der Graf hat einen erstaunlich langen Arm, findet Brunetti.

Unterm Strich

Der sechste Fall führt Commissario Brunetti in das religiöse Unterholz der italienischen Gesellschaft, die sich anno 1997 sich noch stärker als heute zur Herrschaft und den Lehren der katholischen Kirche bekannte. Und seitdem der Papst zum Popstar geworden ist, dürfte der Einfluss des Vatikans eher zu- als abgenommen haben. Dabei haben seine Botschaften sich nur selten permissiv mit den Problemen der Frauen – Schwangerschaft, Verhütung, Abtreibung und vor allem Aids – auseinander gesetzt, sondern sind stets reaktionär geblieben.

Was Brunetti in der Lagunenstadt an Machenschaften vorfindet, wird der deutsche Leser nicht ohne weiteres auf seine heimatlichen Verhätlnisse übertragen können. Dennoch bleibt Brunettis Fall sehr interessant. Und unterhaltsam und spannend ist er allemal. Zwar ist Brunetti beileibe kein Wallander oder van Veeteren, aber das macht ihn uns so sympathisch. Er ist ein guter Vater, Gatte und Polizeibeamter, auch wenn er seine Fehler hat. Die zählt er sogar selbst auf.

Am Schluss, wenn es hart auf hart kommt, wird er selbst zum Opfer – und wieder sieht es wie ein Unfall aus. Wir können amüsiert darüber schmunzeln, wenn er phantasiert, wie schön es doch wäre, wenn er die vier Stockwerke in sein Büro nicht hochsteigen müsste, sondern einfach emporfliegen könnte. Dass seine Phantastereien einen ernsten Grund haben, kapieren weder Patta noch Elttra, sondern lediglich der Kollege Vianello. Da bleibt dem Leser bzw. Hörer das Lachen im Halse stecken. Aber die Szene zeigt, wie virtuos die Autorin es versteht, mit den Gefühlen ihres Publikums zu spielen.

Eine ungekürzte Lesung wie diese ist ein hartes und langes Stück Arbeit. Normalerweise. Nicht so bei Linderts Vortrag. Da wird Arbeit zum Vergnügen. Zum Vergnügen, einer Stimme zu lauschen, die die Figuren und die Stimmung der jeweiligen Umgebung zum Leben erweckt. Und dieses Vergnügen des Hörens spiegelt sich in Linderts Vergnügen, ja, seiner Lust daran, dies mit seinem Sprechorgan zu Wege zu bringen. Es ist, als betrachte er es als sein Privileg, einen so schönen und spannenden Text vortragen zu dürfen. Diese Freude hört man ihm an. Daher ist es ein doppelter Verlust, dass er im Jahr 2005 für immer verstummt ist.

Originaltitel: Quietly in their sleep, 1997
Aus dem US-Englischen übersetzt von Monika Elwenspoek
497 Minuten auf 7 CDs

http://www.sprechendebuecher.de/

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta (Lesung)

In einem Waffenversteck der sizilianischen Mafia findet Commissario Montalbano eine unheimliche Szene: ein eng umschlungenes Paar Leichen, bewacht von einem Hund aus Terrakotta.

Des Rätsels Lösung war bereits einmal im deutschen Fernsehen zu erfahren. Wer den Film verpasst hat, kann die Lösung in diesem Hörspiel herausfinden.

Der Autor

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Håkan Nesser – Der Kommissar und das Schweigen (Van Veeteren 5)

Die Erotik hinter den Mauern

Ein neuer Fall für Hauptkommissar Van Veeteren: Zwei Mädchen aus einem Ferienlager verschwinden spurlos und werden wenig später tot aufgefunden. Steckt ein obskurer Sektenführer hinter den Morden? Oder hat man es mit einem unbekannten Psychopathen zu tun? Vor allem aber: Kann Van Veeteren ihn stoppen, bevor er ein weiteres Mal zuschlägt? (Verlagsinfo)
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David Baldacci – Das Geschenk (Lesung)

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Anne Holt – Der norwegische Gast (Lesung)

Klassische Vorbilder: der Ermittler im Rollstuhl

Im norwegischen Bergdorf Finse sind wegen eines Schneesturms die Passagiere eines Zuges eingesperrt, unter ihnen die Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen. Der Zug ist entgleist, an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Da geschieht ein brutaler Mord – ein aus dem Fernsehen bekannter Pastor liegt erschossen in seinem Blut. Doch als Hanne einen Zeugen gefunden zu haben glaubt, wird auch dieser ermordet. Und das ist noch nicht alles …

Die Autorin

Anne Holt, 1958 geboren in Larvik, wuchs in Norwegen und den USA auf. Als freie Autorin lebt sie heute in Oslo und Südfrankreich. Mit ihren 13 Krimis gehört sie zu den wenigen skandinavischen Autoren, deren Bücher weltweit gelesen werden und sich über vier Millionen Mal verkauften. Zuletzt erschienen von ihr auf Deutsch „Die Präsidentin“ und „Der norwegische Gast“. (abgewandelte Verlagsinfo 2008)

Mehr von Anne Holt auf |Buchwurm.info|:

[„Die Wahrheit dahinter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1523
[„Was niemals geschah“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1971
[„Der norwegische Gast“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5168

Die Sprecherin

Ulrike Grote spielte nach ihrer Schauspielausbildung an renommierten Theaterbühnen und war in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. im „Tatort“. Seit 2004 arbeitet sie auch als Regisseurin, ihr Kurzfilm „Ausreißer“ war für den OSCAR nominiert.

Regie führte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, Gabriele Kreis. Grote liest eine gekürzte Fassung.

Handlung

Der Zug nach Bergen entgleist vor einem Tunnel wegen einer Schneewehe. Die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich nach einem Moment der Bewusstlosigkeit mit einem Baby im Arm neben den Gleisen wieder. Die Mutter grabscht sich das rosafarbene Bündel. Es herrschen 20 Grad unter Null, Schnee treibt in dicken Flocken. Die Retter fluchen und versuchen Hilfe aus einem nahen Berghotel in dem Dorf Finse zu holen. Einer der Retter weist auf Hannes Wade: Ein Skistock hat sich hindurchgebohrt, ohne dass sie etwas davon spürte. Sie ist seit einer verirrten Kugel, die sie sich vor fünf Jahren im Dienst einfing, querschnittsgelähmt. Hanne ist auf der Fahrt zu einem Rückgratspezialisten gewesen.

Im Berghotel Finse finden die acht Ärzte, die unterwegs zu einem Kongress waren, jede Menge Arbeit. Hanne wird von einem Zwerg behandelt, der sich als Magnus Streng vorstellt. Er unterstützt Hannes Bitte, dass einer der Retter ihren Rollstuhl vom Zug holt. Hanne robbt zum Tresen, der Hotelrezeption, wo sie der Ansprache eines Fettsacks lauscht, den sie aus dem Fernsehen kennt: Pastor Kato Hammer. Er bittet die fast 200 Anwesenden, für den Zugführer Einar Hultas zu beten, der beim Unglück gestorben sei. Neben Hanne flucht ein junger Mann, auf dessen EC-Karte „Adrian“ steht. Ihr fällt das mit Pistolen bewaffnete Ehepaar auf, das sie für Kurden hält. Die Pistolen halten sie versteckt. Eine Buchautorin namens Kare Tue, auch häufig im Fernsehen, schnauzt den Pfarrer an, die Klappe zu halten.

Schon bald machen Gerüchte über den letzten, außerplanmäßig angehängten Zugwaggon die Runde. Es heißt, die Kronprinzessin Mette-Marit sei an Bord gewesen. Alle seien in die Appartements des Hotels gebracht worden, wo nun Wachen stünden. Zu diesem Trakt gelangt man nur über einen alten Waggon, der die Verbindung zum Haupttrakt des Hotels bildet, in dem sich der Großteil der Fahrgäste versammelt hat. Geir Rukholmen, ein Anwalt, hat sich den Rettern angeschlossen und berichtet Hanne: Ein Schneesturm ist im Anzug, und die Temperatur ist auf 25 °C unter null gefallen. Es werde schlimm werden. Keine Chance auf Entkommen. Hanne ist klar, dass dies den mit Laptops bewaffneten Börsenkriegern nicht gefallen wird. Tatsächlich wird sogar einer von ihnen versuchen, durch den Schnee zu entkommen, und dabei umkommen.

Einer der Hunde wird eingesperrt. Erschöpft sinkt Hanne in den Schlaf. Geir Rukholmen weckt sie mitten in der Nacht. Draußen liege eine Leiche im Schnee, erschossen. Wer? Kato Hammer, der Pfarrer. Hanne ist nicht überrascht. Die Hoteldirektorin Berit Tverer hat die Leiche entdeckt und zeigt die Fotos auf ihrer Digitalkamera. Der Schuss erfolgte aus nächster Nähe ins Gesicht, das Ergebnis sieht schaurig aus. Die Leiche sei in der Küche, sagt Berit. Wohin damit? Hanne macht sich mehr Sorgen wegen des Mörders. Ach, sollen sich doch die Wachen der Royals darum kümmern, was geht sie das alles an.

Adrian, der Junge, tut ihr einen Gefallen und fertigt eine Liste mit Personen an, die er beschreiben kann. Es sind immerhin rund 50 Leute, sechs sogar namentlich. Marcus Streng, der Arzt, bittet Hanne in die Küche: Der Pastor war sein Patient. Berit erwähnt, sie habe gemessen, wie lange die Leiche gelegen habe: nur sehr kurz. Sie lässt die Leiche in den Kühlraum schaffen. Geir kehrt mit der Nachricht zurück, dass es in den Appartements keine Royals gebe, wohl aber eine bewaffnete Wache vor einem der Zimmer.

Am nächsten Morgen wundern sich die erwachenden Leute über die Abwesenheit des Pastors. Hanne fällt ein Mann in blauem Anorak auf: Ror Hansson, noch ein Pastor, aber auf Urlaub, wie er sagt. Hammer war sein Kommilitone, und Hansson weiß erstaunlicherweise, dass Hammer umgebracht wurde. Da bricht Panik aus, weil eine Falschmeldung, dass die Royal-Wachen schießen würden, wie eine Bombe einschlägt, Ein Mann namens Elias stirbt an einem Herzinfarkt, das dritte Opfer der Katastrophe. In dieser Lage kann Berit nicht anders, als den Tod von Kato Hammer bekanntzugeben und zu erklären: „Er starb an einer Hirnblutung.“ Eine glatte Lüge.

Hanne fragt Berit, wer im Zimmer mit der Wache sei. Berit berichtet von einem Anruf des norwegischen Geheimdienstes, der angeordnet habe, der letzte Wagen müsse in ein bestimmtes Zimmer evakuiert werden – aus Gründen der Staatssicherheit. Berit habe eine Telefonnummer genannt bekommen. Als Hanne diese Nummer anruft, nennt der allseits bekannte Außenminister seinen Namen, Hanne aber schweigt. Wenig später ist die Nummer „nicht mehr vergeben“. Was geht hier eigentlich vor? Ist unter den Fahrgästen etwa kein Royal, sondern ein Terrorist, der gefangengesetzt wurde?

In einer Stimmung depressiven Wartens kommt Ror Hansson wieder zu Hanne. Offenbar will er sein Herz erleichtern. Er glaubt, Kato Hammer sei wegen seiner Sünden umgebracht worden: Gier und Verrat. Er wisse, wer es gewesen sei. Gerade als er den Namen verraten will, vertreibt der junge Adrian ihn. Der schleimige Typ habe sich an Veronika, Adrians neue Freundin, heranmachen wollen, ist es zu fassen?!

Als ein Mädchen die Leiche im Kühlraum entdeckt, entsteht schon wieder Panik. Als der Sturm ein paar Fenster platzen lässt, die wie Explosionen klingen, verschärft sich die Panik. Kare Tue nutzt die verschärfte Angst ebenso aus wie ein Halbstarker, der eine Bande um sich schart, und die „Kurden“ zielen auf einen imaginären Feind. Jetzt übernimmt Hanne Wilhelmsen das Kommando, bevor alles in die Binsen geht.

Doch dann gibt es weitere Tote …

Mein Eindruck

Man sollte schon genau mitverfolgen, was Hanne beobachtet und mitgeteilt bekommt. Es sind lauter winzige Puzzleteilchen, die sie zusammensetzen muss, damit sie ein halbwegs sinnvolles Muster zu ergeben. Wie sich am Schluss herausstellt, geht es um weit mehr als nur um einen Terroristen, der vielleicht oder vielleicht nicht als Gefangener mitreist.

Die zahlreichen Beobachtungen in einer begrenzten Umgebung erinnern an etliche klassische Krimis, nicht zuletzt an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ (And then there were none), aber auch an Krimis mit Seriendetektiven wie Perry Mason und Nero Wolfe. Im Verlauf des Zwangsaufenthalts kommt Hanne einem Korruptionsskandal in der Staatskirche auf die Spur, an dem Kato Hammer und Ror Hansson beteiligt waren. Dabei gab es ein unschuldiges Opfer, das als Sündenbock verurteilt wurde. Die Gelegenheit zur Vergeltung für dieses himmelschreiende Unrecht bietet sich dem oder den Tätern in dem Berghotel von Finse.

Klassisch

Ebenso klassisch ist die Aufklärung dieses Falls. Zwei Morde werden dadurch erklärt. Niemand mag Hannes zwingend erklärte Täterermittlung glauben, zu bestürzend ist das Ergebnis, und Adrian rastet sogar aus. Die körperlich hilflose Hanne muss um ihr Leben bangen, denn da sind ja auch noch die mysteriösen Kurden mit den Bleispritzen.

Sie befindet sich in einem kuriosen Zwischenbereich der Berufstätigkeit: Sie ist nicht mehr Polizistin, aber auch noch nicht richtig Zivilistin, sondern wird zu einer Aufgabe genötigt, die eine Ermittlerin erforderlich macht. Darf sie deshalb jedoch die Wahrheit verdrehen oder verschweigen? Das ist eine knifflige moralische Frage. Doch der Status als Zivilistin bietet auch gewisse Freiheiten. Wie sich zeigt, ist sie die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man verleihe ihr einen Orden.

Windstärken

Explosionen, Schüsse – alles eingebildet, aber nicht weniger wirksam. Ansprachen, Streitigkeiten, Panik – auch dies dreht die Schraube der Anspannung weiter. Ein recht ungewöhnliches Stilmittel, um die Spannung zu steigern, bilden die Zitate aus dem Handbuch zur Beschreibung von Wetterphänomenen in den Bergen. Die Zitate stehen jedem Kapitel voran. Die Phänomene reichen vom lauen Lüftchen bis zum schweren Orkan. Während die Brise noch harmlos erscheint und als erfrischend begrüßt wird, fegt so ein schwerer Orkan schon mal das eine oder andere Haus ins Nichts.

Man kommt nicht umhin, die wachsende Windstärke, die fallenden Temperaturen, den dichteren Schneefall und die in der Kälte platzenden Fenster miteinander in Verbindung zu setzen. Es ist, als würde in einem Dampfkochtopf der Druck steigen, während sich gleichzeitig das Hotel in eine Eishölle verwandelt. Kein Wunder, dass es zu Kurzschlussreaktionen im Finse-Berghotel kommt. Die Frage lautet, ob Hanne, der einzige Ermittler vor Ort, diese Eskalation überleben wird.

Die Sprecherin

Ulrike Grote, eine erfahrene Schauspielerin, erzählt mit beherrschter, selbstbewusster Stimme. Man sich ihr anvertrauen, und schon bald verschwindet sie hinter den Figuren. So etwa dann, als Ror Hansson angstvoll und stockend sein Gewissen erleichtern will. Oder wenn Marcus Streng, der Zwerg, mit einem ungewöhnlichen, rollenden R seine Hilfsbereitschaft demonstriert, als Hanne ihre Puzzlesteinchen zusammenfügt. Einen kleinen Verdacht ob solcher Hilfsbereitschaft konnte ich allerdings nicht unterdrücken. Könnte nicht auch der Zwerg …?

Kontrastprogramm

Der Emotionalität dieser Figurendarstellung steht die Sachlichkeit entgegen, mit der die Sprecherin aus dem Handbuch über Windstärken im Gebirge zitiert. Das bildet einen sowohl reizvollen als auch notwendigen Kontrast. Denn anhand des Maßstabs der Sachlichkeit lässt sich ablesen, wie hoch die emotionalen Wogen in den erzählten Passagen bereits schlagen. Da es keinen allwissenden Erzähler gibt, der uns „objektiv“ bei der Beurteilung anleiten würde, was hier eigentlich los, müssen wir uns auf Hannes subjektive Sicht der Vorgänge verlassen. Wie sich zeigt, ist das eine gute Strategie. Wohl dem, der gut beobachten – und kombinieren – kann.

Alles klar?

Dennoch bleibt uns diese subjektive Schilderung die Erklärung schuldig, was denn bitteschön eine „Blåstür“ sein könnte. Vermutlich handelt es sich um die kleine Lobby am Haupteingang. Hoffentlich wird diese Bezeichnung wenigstens im Buch erklärt.

Unterm Strich

Beobachtungsgabe und gutes Kombinieren sind gefragt, wenn die eingepferchten Gestrandeten des Zugunglücks Mann um Mann dezimiert werden. Wer steckt hinter dieser Eliminierung, lautet die spannende Frage, die zunehmend auch eine Frage des Überlebens wird. Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich in der kuriosen Lage wieder, einerseits Zivilistin zu sein, andererseits aber auch die einzige kompetente Ermittlerin vor Ort.

Selbstredend klärt sie in einer großartigen Vollversammlungsrede sämtliche Fälle auf. Das heißt, zumindest die offensichtlichen Morde. Was jedoch mit den Royals oder dem Terroristen ist, kann sie lediglich vermuten. Den Außenminister kann sie jedenfalls nicht mehr anrufen. Ihre subjektive Sicht der Dinge ist keine Garantie dafür, dass sie immer richtig liegt. Aber das immer noch besser, als sich auf das Antiterrorkommando verlassen zu müssen, das sich unerkannt zwischen den Fahrgästen bewegt. Man darf annehmen, dass es ziemlich parteiisch und schweigsam ist.

Das Hörbuch

Ich hätte mir mehr Action gewünscht, doch wer darf von einer Querschnittsgelähmten Luftsprünge erwarten? Nach einer Weile kapiert auch der letzte Zuhörer, dass diese spezielle Ermittlung ganz anders abläuft. Erinnerungen an klassische Agatha-Christie- und Nero-Wolfe-Krimis werden wach. Man sollte sich an diese Vorbilder halten, denn sie bedeuten einen Aufruf, selbst zu beobachten und zu kombinieren.

Die Sprecherin trägt mit nie schwankender Stimme vor und verschwindet bald hinter den Figuren, die sie zum Leben erweckt. Das ist gar nicht so einfach, wenn wir alle Ereignisse durch Hannes Augen betrachten. Sie sagt ja herzlich wenig, sondern sammelt Aussagen und Eindrücke. Im Kontrast dazu stehen die sachlichen Zitate, die einen doch ziemlich erschreckenden Vorgang beschreiben: das Anschwellen des Schneesturms bis zum schweren Orkan.

Originaltitel: 1222
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
386 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 9783899036350

http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.piper-verlag.de

Ace Atkins – Robert B. Parkers Little White Lies. A Spenser Novel (Spenser Nr. 46)

Spenser kämpft gegen Schwindler, Prediger und Waffenschieber

Von einer Klientin seiner Freundin Susan Silverman wird Privatdetektiv Spenser angeheuert, um einen Betrüger zu finden, der diese seine Exgeliebte um 260.000 Dollar erleichtert hat. Spenser stößt auf eine Spur von betrogenen Leuten und auf eine lebende Legende, die sich ihre Biografie zusammengelogen hat. Als der Betrüger zurückkehrt, muss Spenser seine Auftraggeberin davon abhalten, sich erneut in den Scharlatan zu verlieben – vergeblich.

Er selbst hat Mühe, sich den Kugeln zu entziehen, die von Killern abgefeuert werden, die überall dort auftauchen, wo sich der Betrüger herumtreibt. Doch Spenser, verstärkt durch Hawk und Sixkill an seiner Seite, bleibt hartnäckig. Die Spur führt nach Atlanta, Georgia, wo ein mysteriöser Prediger sein Unwesen treibt…
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Ace Atkins – Robert B. Parkers Slow Burn. A Spenser Novel (Spenser Nr. 45)

Feuerteufel am Werk: Boston soll brennen!

Eine Serie von Brandstiftungen in Boston bringt sowohl die Feuerwehr als auch die Polizei in Bedrängnis. Drei Feuerwehrleute sterben in einer alten Kirche, doch kein Tatverdächtiger wird gefunden. Jack McGee, ein ehemaliger Feuerwehrmann, bittet Privatdetektiv Spenser um Hilfe. Der stößt auf einige Ungereimtheiten, Geheimnisse – und ein Wespennest von Gangstern.

Als seine eigene Wohnung abgefackelt wird, zieht er andere Saiten auf. Zusammen mit seinen Freunden Zebulon Sixkill, einem Cree-Indianer, und Hawk, dem Profikiller mit dem stilsicheren Auftritt, heizt er sowohl den Brandstiftern als auch einem der Gangster ein. Schon bald hagelt es Morddrohungen…

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James Patterson – Sonne, Mord und Sterne (Lesung)

Dieser frühe Alex-Cross-Roman ist mindestens so gut wie „Wenn Mäuse Katzen jagen“: enorme Spannung, genügend Action und vor allem tiefe psychologische Einsicht zeichnen den Roman aus. James Patterson hat kaum jemals besser oder spannender erzählt. Besonders seine kurzen Kapitel sorgen beim filmgeschulten Leser für Spannung und Aufmerksamkeit.

Der Autor

James Patterson ist einer der erfolgreichsten US-Krimiautoren. Mit seinen Alex-Cross-Romanen, von denen einige bereits verfilmt wurden („Im Netz der Spinne“, „Denn zum Küssen sind sie da“), schrieb er sich in die erste Reihe der Thrillerautoren. „Jack and Jill“ ist ein eminent politisches Buch.

Der Sprecher

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

Handlung

Die amerikanische Hauptstadt wird von zwei Mordserien in Angst und Schrecken versetzt. Ein Killerpaar, das sich selbst in postmortalen Botschaften nach einem alten Kinderlied poetisch als „Jack und Jill“ bezeichnet, killt Prominente mit dubioser Vergangenheit oder Moral. Dazu gehören Senatoren, aber auch bekannte Fernsehansagerinnen und Richter.

Und der letzte und wichtigste Kandidat auf ihrer Liste ist der Präsident himself. Der Geheimdienst ist gebührend geschockt: Der Präsident und die First Lady werden vom Secret Service und der CIA selbst mit den Codenamen „Jack und Jill“ bezeichnet. Werden die Morde also von Insidern verübt? Als ein dritter Killer alle Theorien über das Paar über den Haufen wirft, eskaliert der Konflikt. Alex Cross von der Mordkommission der Polizei wird hinzugezogen.

Er soll eigentlich die zweite Mordserie der Hauptstadt aufklären. In der Gegend der Schule, wo sein eigener Sohn Damon Unterricht erhält, werden mehrere Kinderleichen in grauenhaft verstümmeltem Zustand aufgefunden. Dr. Cross fühlt plötzlich sein eigenes Familienglück bedroht, das nach dem Tod seiner Frau Maria ohnehin schon ziemlich lädiert ist.

Zum Glück kann Cross die Bekanntschaft der neuen und sich als ‚tough‘ erweisenden Rektorin der Schule machen, Christine Johnson. In späteren Romanen wie „Wenn Mäuse Katzen jagen“ wird daraus eine intensive Liebe. Ms. Johnson taucht auch in „Wer hat Angst vorm Schattenmann?“ auf.

Cross sieht sich einem Dreifrontenkampf ausgesetzt: An der Heimatfront in Südost-Washington, im Weißen Haus, um den Präsidenten zu schützen, und schließlich im Stellungskampf gegen die drei Unsichtbaren, die unter „Jack und Jill“ firmieren.

Als der Präsident von diesem Grabenkrieg die Nase voll hat, weil die Regierung nicht mehr arbeiten kann, besucht er New York City mit seinem Tross – auf die Gefahr hin, dort tödlich angegriffen zu werden. Und tatsächlich: Eine Bombe explodiert direkt an seinem Rednerpult. Der Mörder muss ein Insider sein, denn nur das FBI, der Secret Service oder die CIA konnten so nahe an den First Man herankommen …

Mein Eindruck

Dieses Hörbuch ist eine Kombination aus Horror-Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ und Politthriller à la Grisham („Die Bruderschaft“) und Baldacci („Absolute Power“). Es zeigt uns Alex Cross als rechtschaffenen Mann, der sich zwischen zwei Welten fast zerreißen muss, um damit klarzukommen. Ohne seine Freunde und Familie würde er es garantiert nicht schaffen. Der psychologische Konflikt ist klar und anrührend herausgearbeitet.

Während er sich dem Präsidentenschutz und der Killerjagd auf Befehl von ganz oben zu widmen hat, bleibt ihm praktisch nur der Feierabend, um seine Familie und seine Nachbarschaft vor einem Psychopathen zu schützen. Das liegt daran, dass Südost-Washington nur sehr wenige Polizeibeamte zugestanden werden, weil es ganz unten auf der Prioritätenliste der Polizei steht, wohingegen die meist weißen Opfer von Jack und Jill Vorrang genießen – der alltägliche Rassismus also. Ist Pattersons Kritik an diesem Unrecht schon hier deutlich, so ist sie geradezu schneidend scharf in „Wer hat Angst vorm Schattenmann?“

Die Hintergründe hinter der Menschenjagd des Paares „Jack und Jill“ sind politischer Natur. Möglicherweise, so legt der Autor nahe, steckt eine Verschwörung wie jene dahinter, die zur Ermordung des unbequemen demokratischen Präsidenten John F. Kennedy und später auch zu der seines Bruders Robert führte. Jack und Jill sind offenbar nur Ausführungsgehilfen von Mächten, die einzig allein um den Erhalt ihrer Macht fürchten und dafür selbst Präsidenten opfern.

Die Horrorelemente halten sich in Grenzen. Natürlich reiht sich ein Blutbad an das andere, und laufend findet Cross Kinderleichen, aber das ist nicht mit dem Kannibalismus und den Untaten eines Hannibal Lecter zu vergleichen. Hörern ab 16 Jahren ist das Hörbuch durchaus zuzumuten.

Der Sprecher

Ulrich Pleitgen liest wie immer bewunderswert präzise und arbeitet Details heraus. Er verleiht jeder Figur eine eigene Stimme, so etwa dem verrückten Jungen, der die Morde in Cross‘ Nachbarschaft verübt: Pleitgen liest die Gedanken und Worte Dannys mit einer geradezu perversen Lust am Wahnsinn: |“happy happy, joy joy!“|

Und sogar die geheimsten Gedanken, die Alex Cross hegt, haben eine eigene Tonqualität: Diesmal hilft dem Sprecher die moderne Technik: Die Gedanken erklingen mit ihrem eigenen Hall-Effekt. Auch Videos profitieren von der Tontechnik: Die Videostimme klingt angemessen künstlich und von einem Lautsprecher verzerrt. Aber das sind nur technische Krücken – die natürliche Stimme reicht ansonsten vollkommen aus, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Unterm Strich

„Sonne, Mord und Sterne“ ist ein fesselndes Hörbuch, dem man zuhört wie einem spannenden Thriller, einem Film, der vor den Augen abläuft, der aber nur zu hören ist. Manche Szenen sind so hypnotisch faszinierend gesprochen, dass man sich ihrem Bann nicht entziehen kann – durchaus eine Gefahr für Auto fahrende Zuhörer. Zugleich kann man dem Geschehen, in dem drei verschiedene Mörder auftreten, durchaus einfach folgen.

Das Einzige, was sich gegen das Hörbuch einwenden lässt – vom hohen Preis abgesehen -, besteht darin, dass der Schluss sich recht lange hinzieht, weil der Autor wieder einmal viel erklärt – so als wolle er den Nachhall der Lösung des Auftretens von Jack & Jill weidlich ausnutzen.

Umfang: 308 Minuten auf 5 CDs.
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/alle-hoerbuecher/id_3429433

Mankell, Henning – Mörder ohne Gesicht (Lesung)

_Asylanten killen: die Mörder mit der Schrotflinte_

Auf einem abgelegenen Hof in der Nähe von Ystad wird ein altes Ehepaar überfallen und auf unerklärlich grausame Weise getötet. „Ausländer!“ hört man noch von der sterbenden Frau. Als die Öffentlichkeit davon erfährt, wird Schonen von einer Welle ausländerfeindlicher Gewalt überrollt. Wallander ermittelt, geplagt von privaten Problemen, die einen Höhepunkt erreichen, als seine Tochter sich mit einem Kenianer einlässt. (z. T. Verlagsinfo)

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Mocambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. 1994 wurde er mit dem „Bambi“ ausgezeichnet. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. Am bekanntesten ist er wohl für seine Mitwirkung an der POE-Hörspiel-Reihe des |Lübbe-Audio|-Verlags.

Regie führte Margrit Osterwold, den Ton steuerte Fabian Küttner. Pleitgen liest eine gekürzte Fassung, die aber immer noch dreimal so lang ist wie jene, die der |Hörverlag| anbietet. Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt eines Freskos von Giambattista Tiepolo.

_Handlung_

Es ist der 8. Januar 1990, als morgens um 4:45 Uhr der 70 Jahre alte Bauer Nyström aus dem südschwedischen Dorf Lenhap von der Stille erwacht. Normalerweise ist sein Pferd um diese Zeit schon unruhig, heute aber nicht. Als er zum Stall geht, sieht er, dass das Küchenfenster seines Nachbarn Lövgren offen steht. Dabei ist Johannes Lövgren immer so auf Sicherheit bedacht. Sonderbar. Dann hört er einen Schrei. Auch Nyströms Frau Hanna hört ihn – und das Küchenfenster wurde eingeschlagen! Nyström holt seine Taschenlampe und leuchtet ins Schlafzimmer der Lövgrens: Von Johannes sieht man nur den Fuß auf dem Boden, aber Maria sitzt an der Wand: blutüberströmt, gefesselt. Nyström ruft die Polizei.

Krimonalkommissar Kurt Wallander findet im Schlafzimmer der Lövgrens ein Schlachthaus vor. Blutspritzer bis an die Decke. Lövgren ist seinen schweren Verletzungen erlegen, aber die Frau lebt noch. Er lässt sie schleunigst ins Krankenhaus bringen, doch Stunden später erliegt sie ihren Verletzungen. Sie sagt nur ein letztes Wort: „… Ausländer …“.

Das hat Wallander gerade noch gefehlt. Statt eines „normalen“ Raubüberfalls, für das er diese Wahnsinnstag vorerst hält, soll nun eine Attacke von „Ausländern“ stattgefunden haben? In der Teambesprechung vergattert er alle Kollegen zum Schweigen, und auch in der Pressekonferenz sagt er kein Sterbenswörtchen von „Ausländern“. Dennoch muss es irgendwo ein Informationsleck gegeben haben, denn das schwedische Fernsehen behauptet, der Kommissar ermittle im Zusammenhang mit Ausländern und Asylbewerbern. Von seinen Kollegen beteuert jeder, er habe den Mund gehalten. Es hätte ja jemand aus dem Krankenhaus gewesen sein können. Auch wieder wahr.

Der 9.1.1990. In aller Frühe fährt Wallander zu Nyströms Hof und wird sofort beschossen! Er wirft sich auf den Boden in Deckung und ruft: „Polizei! Nicht schießen!“ Nyströms hat seine Schrotflinte nur in die Luft abgefeuert, ein Warnschuss. Dennoch kann man wohl den Alten als Doppelmörder ausschließen. Wallander überbringt die Nachricht, dass Maria Lövgren verstorben sei.

Lars Herdin, ein Landwirt aus Lenhap, sagt aus, der alte Lövgren sei „ein Schwein“ gewesen. Herdin ist Lövgrens Schwager: Maria war seine „kleine Schwester“. Lövgren habe sie nach Strich und Faden betrogen. Nicht nur hatte er seit den fünfziger Jahren ein Liebchen in Kristianstad, von dem er ein Kind hatte und für das er eine Menge Unterhalt zahlte – mehr als an Maria selbst. Außerdem war Lövgren stinkreich, seit er und sein Vater im Krieg Schlachtvieh an die Deutschen verhökert hatten. Tatsächlich, so findet Wallander heraus, stimmen Herdins Angaben, was das Geld betrifft: Lövgren hatte über eine Million schwedische Kronen in Aktien, Obligationen und Bargeld. Drei Tage vor seinem Tod, also am 4. Januar, hob er 27.000 Kronen ab und im Jahr zuvor jedes Quartal nochmals um die 25.000 Kronen. Wofür brauchte er so viel Geld? Für die Unterhaltszahlungen? Er steckte das Geld auf der Raiffeisenbank in eine braune Aktentasche, doch diese ist spurlos verschwunden. Also war es doch ein Raubüberfall, oder?

Doch die Gegend um Ystad und Malmö ist mittlerweile in Aufruhr. Die Rechtsextremen rufen Wallander an und setzen ihm eine Frist von drei Tagen, um den Täter zu schnappen. Ansonsten würden sie selbst für „Gerechtigkeit“ sorgen. Was dies bedeuten könnte, wird Wallander klar vor Augen geführt, als er am 10. Januar ein Auffanglager für Asylbewerber inspiziert. Ein Molotow-Cocktail setzt eine der Barracken in Brand. Schnell füllt sich die Hütte mit giftigem Rauch. Wallander schlägt beherzt die Scheibe ein und dringt in den Rauch vor. Zum Glück findet er niemanden darin, und was er für einen Schläfer gehalten hat, stellt sich als Matratze heraus. Aber nun greift das Feuer auf die anderen Hütten über. Er schlägt Alarm und befiehlt dem Lagerleiter, die Feuerwehr zu rufen. Auch Ambulanz und Polizei rücken ein.

Nachdem Wallander seine Wunden hat verarzten lassen, ist er der Held des Tages. Doch schon gibt es einen ersten Dämpfer, als die Einwanderungsbehörde anruft und sich über den mangelhaften Schutz der Asylantenheime beschwert. Er sagt der Beamtin gehörig die Meinung, die aufgebracht auflegt. Die Ministerin werde sich bei ihm melden, droht sie. Wallander kann es gar nicht erwarten.

Von seinem Vater, der schon fast 80 und ein erfolgreicher Landschaftsmaler ist, hat Wallander erfahren, dass seine Tochter Linda, die in der Gegend von Malmö lebt, offenbar einen netten Freund hat. Es ist ein Schwarzer, aus Afrika. Wallander weiß nicht, was er davon halten soll, aber er hat kein gutes Gefühl dabei. Als er nach Malmo fährt, um Mona, seine seit drei Monaten geschiedene Frau, zu treffen, entdeckt er Linda und ihren schwarzen Freund am Bahnhof. Er spioniert ihnen nach – und kommt sich dabei wie ein Idiot vor. Das Gespräch mit Mona bringt nichts außer Ärger. Die Info, der Schwarze sei ein angehender Mediziner, beruhigt ihn auch nicht gerade. Als sie geht, beschattet er auch sie. Ein Mann, der die ganze Zeit gewartet hat, holt sie im Auto ab. Wallander fühlt sich elend.

Wenig später wird in der Nähe des Asylantenauffanglagers Hageholm einem Somalier der Kopf mit einer Schrotflinte weggeschossen. Der Rechtsradikale, der Wallander schon zweimal angerufen hat, droht mit einem weiteren Mord: Der wäre die Vergeltung für Maria Lövgren. Der Aufruhr ist erheblich, und Wallander wird vom schwedischen Reichspolizeichef angerufen. Seine Ermittlung in Sachen Ausländermord habe oberste Priorität! Nun, immerhin stehen Wallander nun unbegrenzte Mittel zur Verfügung.

Die Jagd geht nun erst richtig los. Aber der Mordfall Lövgren wird dadurch in keiner Weise gelöst. Wallander bringt sich so gesehen völlig umsonst in höchste Lebensgefahr.

_Mein Eindruck_

Mankell kontrastiert wieder einmal das von seltenen Höhen und vielen Tiefpunkten gekennzeichnete Privatleben seines Helden mit dessen beruflichen Erfolgen, die doch ganz beträchtlich sind. Es ist merkwürdig, dass Wallanders Kollegen – zumindest bis zu einer gewissen Hierarchiegrenze, wo die Politik anfängt – durchweg alle auf seiner Seite stehen, und sogar die Staatsanwältin ihn bewundert und unterstützt. Sicher würde er sich insgeheim wünschen, dass auch sein Privatleben so funktionieren würde, aber das gesteht er sich erstens nicht ein und zweitens hat Kriminalkommissar Wallander auf privater Ebene eh nichts zu befehlen. Daraus resultiert eine ganze Menge Leid für ihn. Ich bewundere, dass es ihm gelingt, die beiden konträren Verhaltensweisen stets auseinander zu halten. Misslingt ihm dies auf privater Ebene, gibt es meist Stunk. Seine Entschuldigung: Er war angetrunken. Und er schickt Blumen.

Das Thema dieses Wallander-Romans ist unübersehbar die Ausländerproblematik. Sie war Anfang der neunziger Jahre nicht das alleinige Problem Schwedens, sondern aller europäischen Länder. Das Ende des Kalten Krieges, der Zusammenbruch der Sowjetunion, der neu entbrannte Balkankrieg, der zweite Golfkrieg – sie alle erzeugten damals eine Flut von Flüchtlingen, die in aller Herren Länder vertrieben wurden. Doch unter die berechtigten Asylsuchenden mischten sich auch skrupellose Verbrecher aus dem ehemaligen Ostblock. Und auf die Unterscheidung dieser beiden Gruppen achtete bis dahin niemand. Das Asylantengesetz Schwedens war ebenso großzügig ausgelegt wie das deutsche, und Leute, die aus den Asylantenlagern verschwanden, wurden nicht verfolgt. Die Erlebnisse Wallanders spiegeln genau die damalige Wirklichkeit wider.

Wallander ist, als er auf diese Zustände stößt, verständlicherweise aufgebracht, aber er wirkt hilflos: nur ein kleiner überarbeiteter Beamter, der von den Politikern und Bürokraten auch nur in den Hintern getreten wird, weil er angeblich nichts unternehme. Die sollten sich seiner Ansicht nach mal an die eigene Nase fassen und dafür sorgen, dass den Rechtsradikalen der geistig-moralische Nährboden entzogen wird statt über Symptome ihrer eigenen Politik zu jammern. (In „Der Tod des Tanzlehrers“ greift Mankell das Thema erneut auf und zeigt eine faschistische Untergrundorganisation mit Verbindungen zur hohen Politik.)

Über all diesem Tohuwabohu gerät der Doppelmord an den Lövgrens fast in Vergessenheit. Die ungewöhnliche Schlinge, das Wort „Ausländer!“, Lövgrens rätselhaftes Verhalten, vor allem aber die sinnlose Brutalität des Überfalls beschäftigen und erschüttern Wallander. Und der Fall wäre um ein Haar bei den Akten gelandet, wenn Wallander nicht Kommissar Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Dadurch wird dem Leser bzw. Hörer noch ein actionreiches Finale geliefert, das sich sehen lassen kann. Allerdings habe ich den beeindruckenden psychologischen Horror, den Mankell in „Die fünfte Frau“ evozieren konnte, sehr vermisst. Dafür ist die Handlung in „Mörder ohne Gesicht“ zu unausgeglichen, zu disparat.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen ist am besten, wenn er die Sprechweise von Männern gesetzteren Alters nutzen darf, um sie angemessen zu charakterisieren. Ein Wucherer, der sich als Eisenwarenhändler getarnt hat, wird beispielsweise von Wallander ausgefragt, bleibt aber die ganze Zeit äußerst ruhig und beherrscht. Die Stimmlage dieser Figur ist tief, die Sprechweise langsam, die Ausdrucksweise umgangssprachlich – ein selbstsicherer Typ aus der Arbeiterklasse.

Am beeindruckendsten ist hingegen die Figur von Rudberg, dem alten Mentor Wallander, der im Buch an Krebs stirbt. Er klingt heiser, langsam, insgesamt sehr alt, aber seine Meinung ist fest und willensstark: „Bring die Verbrecher zur Strecke, Kurt!“ Noch heftiger drückt sich Wallanders Vater aus, denn er legt seine volle väterliche Autorität in seine Ausdrucksweise. Als Wallander zaghaft protestiert, fühlt sich sein Vater angegriffen und brüllt ihn nieder. Kein netter Typ, der Opa, aber man muss sich dennoch um ihn kümmern.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist Pleitgens Darstellung von jüngeren Männern und von Frauen. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber Figuren wie Martinsson, ein junger Kriminaler, der beherzt zupacken kann, klingen doch nur etwas schwach im Vergleich zu den älteren Herrschaften. Am sympathischsten unter den Frauenrollen ragen Annett Brolin, die äußerst attraktive Staatsanwältin, und Britta Lena Bodén, die Bankangestellte mit dem phänomenalen Gedächtnis, heraus.

Was ich noch unbedingt erwähnen muss: Pleitgen spricht die schwedischen Namen einwandfrei aus, so dass sie genauso klingen wie aus dem Munde eines Einheimischen, aber natürlich ganz anders, als man sie auf gedrucktem Papier vorfinden würde. Lund wird „Lünd“ ausgesprochen, „Peters“ wie „petersch“ und „Kristianstad“ klingt wie „krischanstad“. Das ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ich verlasse mich darauf, dass das seine Richtigkeit hat, denn in den Liza-Marklund-Hörbüchern spricht Judy Winter ebenfalls auf diese Weise.

_Unterm Strich_

Nach einem horrormäßigen Anfang gleitet die Handlung unmerklich in einen ganz anderen Handlungsstrang hinüber, nur um nach dessen actionreicher Abwicklung in einer Sackgasse zu landen. Mankell kann es wirklich spannend machen, und erst kurz vorm Finale lässt er seinen Helden die rettende Erleuchtung zuteil werden. Ich kann mir gut vorstellen, aus welchen Gründen Wallander Millionen Lesern in aller Welt ans Herz gewachsen ist und sie ihm mittlerweile nachtrauern, weil Mankell ihn durch Wallanders Tochter Linda hat ablösen lassen.

Dieser Fall sorgt für etliche Überraschungen, Leidens- und Liebesszenen, aber auch für drei Verfolgungsjagden, bei denen ich mich wunderte, dass Wallander mit seinen 45 Jahren noch so sportlich agiert, wenn auch nicht immer glücklich. Einmal bricht er sich um ein Haar das Genick und wird zweimal fast erschossen. Offenbar hat der Kommissar einen wirkungsvollen „Schutzengel“. Dennoch fehlte mir die psychologische Spannung aus „Die fünfte Frau“.

Der Sprecher Ulrich Pleitgen macht seine Sache gewohnt gut und erweckt die Figuren zum Leben. Das zeigt sich besonders an den älteren Herrschaften, denen seine raue und tiefe Stimme am meisten zugute kommt. Auch zwei Frauengestalten gestaltet er auf sympathische Weise, wie es der Autor vorgesehen hat. Daher konnte ich mich kaum von Pleitgens Vortrag losreißen. Ständig wechselndes Personal und etliche Überraschungen sorgten dafür, dass ich wie gebannt zuhörte, was denn Wallander als nächstes widerfährt. Ein Wermutstropfen in dieser Freunde war lediglich der hohe Preis von knapp 30 Euroenen, aber bei Amazon.de gibt es das Hörbuch eventuell günstiger.

|Originaltitel: Mördare utan Ansikte, 1991
448 Minuten auf 6 CDs|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Leon, Donna – Verschwiegene Kanäle (Lesung)

In Commissario Brunettis zwölftem Fall steht eine zwielichtige Militärakademie im Mittelpunkt des Geschehens. Eines Morgens findet man dort im Duschraum den Kadetten Ernesto Moro erhängt auf. Ein Skandal, der unbedingt vertuscht werden muss. Also war es Selbstmord. Doch Brunetti ist anderer Ansicht. Und beißt auf Granit.

_Die Autorin_

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin in an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

_Die Produktion_

Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) u. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Corinne Frottier
Musik: Mario Schneider
Produktion: WDR Köln, 2004

_Handlung_

In der exklusiven venezianischen Militärakademie San Martino finden die Kadetten eines Morgens einen ihrer Kameraden erhängt im Duschraum auf. War es Selbstmord? Ernesto Moro hat den Hals in einer Seilschlinge, auf dem Boden liegt umgekippt ein Stuhl – ziemlich eindeutige Hinweise. Wenn da nicht die Kratzspuren an den Wänden der Duschkabine wären.

Die geben auch Commissario Guido Brunetti (Brückner) zu denken. Aber davon will Commandante Bempo, der Leiter der Militärschule nichts wissen. Und da die meisten Kadetten noch minderjährig sind, soll Brunetti bloß nicht versuchen, sie ohne Zustimmung ihrer Eltern zu verhören.

Ernesto Moro war 17, als er zu Tode kam, auf welche Weise auch immer. Er war der Sohn des ehemaligen Abgeordneten Dottor‘ Fernando Moro, der sich, in untröstlicher Trauer, überhaupt nicht vernehmen lassen will. Bleiben also nur noch andere Informations-Kanäle, möglichst verschwiegene. Prompt wird Brunettis Sekretärin Signorina Elettra (Sawatzki) fündig, wie auch immer. Anno 2002 hatte die Signora Moro eine Art Jagdunfall.

Eine „Art Unfall“?? Elettra und Brunettis Frau stöbern über weitere Kanäle die getrennt lebende Gattin Moros auf: Der „Jagdunfall“ war natürlich keiner, denn der Schütze hatte sich weder gemeldet noch entschuldigt. Seitdem braucht die Signora einen Rollstuhl. Sie ist sicher, dass sich ihr Sohn nicht umgebracht hat. Sein Tod war ebenso wie der Anschlag auf sie eine Warnung. Wovor?

Vor ein paar Jahren saß Moro einem Parlamentsausschuss vor, der die Korruption im Gesundheitswesen untersuchte. Er förderte eklatante Veruntreuungen zutage, und ebenso deckte Moro später auch im Bereich der militärischen Versorgung Interessenskonflikte auf. Zwei der Ausschussmitglieder hatten Aktien der liefernden Firmen.

Ist es nur ein böser Zufall, dass genau diese zwei Ausschussmitglieder, Colonel Toscano und Major Filippi, selbst oder über ihre Kinder an der Militärschule von San Martino vertreten sind – und dort auf Ernesto Moro stießen?

Brunetti mag ja ein Schlaukopf sein und über exzellente Informationskanäle verfügen, doch er hat noch einige harte Nüsse zu knacken, bis ihm das Ausmaß der Gefahr für die Familie Moro völlig klar wird …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal versetzt uns Donna Leon in die Lagunenstadt und umhüllt uns mit dem speziellen Zauber der „serenissima“. Wir folgen Brunetti und der Erzählerin über die diversen Piazzas, über kleine und große Kanäle, an Palazzi und Kirchen vorüber, bis wir ins mysteriöse Viertel der Giudecca gelangen, wo die Militärakademie San Martino die Umgebung beherrscht – und ihre sämtlichen Insassen, so kommt es Brunetti vor.

Doch wer nicht über das Hauptportal hineingelangt, nimmt – über „verschwiegene Kanäle“ – den Hintereingang, um herauszufinden, was hier eigentlich vor sich geht. Nicht nur der Commandante Bempo ist Brunetti gegenüber ein Geheimniskrämer und der Dottor‘ Moro sowieso, nein, auch Brunettis eigener Chef, Vicequestore Patta, würde den Fall am liebsten schon gestern zu den Akten legen. Bloß kein Aufsehen, bloß keinen Skandal! Es muss ein Selbstmord gewesen sein, nicht wahr, Commissario?

Wenn es nicht die Frauen gäbe, wäre Brunetti wohl wirklich ziemlich aufgeschmissen. Doch ihre Solidarität, wenn es um die Unterstützung der Gerechtigkeit geht, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur Signorina Elettra lässt ihre Verbindungen spielen, auch Paola, Brunettis Gattin mit den wahrhaft magischen Kochkünsten, kennt die eine oder andere Freundin aus der venezianischen Gesellschaft. Nicht nur Signora Moro selbst erteilt bereitwillig Auskünfte (zumindest bis sie untertauchen muss), sondern auch ihre malende Nachbarin mit dem klangvollen Namen Beatrice (Dante lässt grüßen!) Della Vedova. Q.e.d.: Wenn es diese Kanäle nicht gäbe, könnte der Herr Ermittler einpacken.

Aber auch Signora Brunetti Großmut kennt Grenzen: Was sie wohl täte, wenn er, der Commissario, sich von ihr trennen würde? Nun, bevor sie zum Brotmesser greift, erkennt sie noch rechtzeitig, dass das wohl eine hypothetische Frage sein muss. Sonst wäre es wohl um des Commissarios körperliche Unversehrtheit – und die seiner weltlichen Besitztümer! – schlecht bestellt.

Doch Scherz beiseite: Brunettis zwölfter Fall ist eine Anklage der „italienischen Krankheit“: nämlich die Korruption, die den Steuerzahler jährlich Unsummen kostet, einfach achselzuckend als Fatum hinzunehmen und einen – selten genug – aufgedeckten Skandal schon nach drei Tagen (spätestens) wieder zu vergessen. Dass auch das Militär nicht vor der Krankheit nicht gefeit ist, wagt nur selten jemand anzudeuten, geschweige denn mit tödlichen Folgen zu verknüpfen. Hier lehnt sich die Autorin ganz schön weit aus dem Fenster.

|Die Sprecher, die Inszenierung|

Mit Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) und Leuten wie Matthias Koeberlin („Das Jesus-Video“) oder Esther Hausmann (Paola Brunetti) verfügt die Regie von Corinne Frottier über erstklassige Könner ihres Fachs.

Brückner, geboren 1943 in Berlin, verleiht seinem Commissario die deutsche Stimme von Robert de Niro. Man kann ihn sich also gut als erfahrenen Ermittler vorstellen. Er verfügt inzwischen bei |Hoffmann & Campe| über seine eigene Hörbuchreihe. Der Reigen der oben erwähnten Damen umrahmt und, ähem, reguliert sein etwas autoritäres Auftreten.

Einziger Streitpunkt könnte – wieder einmal – die musikalische Untermalung des Hörspiels darstellen. Zwar ist es diesmal keine Kaffeehausmusik, die meine Nerven strapazierte, aber auch mit Mario Schneiders Streichern und Tasteninstrumenten wollte ich mich nicht so recht anfreunden. Aber das ist sicherlich von Hörer zu Hörer verschieden. John Williams oder Howard Shore zu engagieren, hätte wahrscheinlich das Budget gesprengt.

_Unterm Strich_

Es wird demnächst eine weitere Audio-Ausgabe dieses bei |Diogenes| erschienenen Buches geben: Auf sieben CDs sind dann die Ermittlungen Brunettis zu verfolgen. Ich muss sagen: Mir reichen die zwei CDs des |Hörverlags| vollständig aus, um der Handlung ein gehöriges Maß an Spannung und Vergnügen abzugewinnen.

Es ist für den Bearbeiter (diesmal die Regisseurin) immer eine Gratwanderung, den roten Faden der Ermittlungen herauszuarbeiten, doch diesmal ist es ihr ausgezeichnet gelungen. Die Handlungsführung ist derart ökonomisch, dass dem Erzähler sogar Zeit bleibt, den Commissario stehenbleiben zu lassen, um den Touristinnen nachzuschauen. Auch dies gehört dazu, um den Zauber des Mikrokosmos Venedig zu erwecken. Am Schluss bleibt nicht der Eindruck, einem Brachialkrimi gefolgt zu sein, sondern vielmehr der, ein rundes Bild gewonnen zu haben.

Während Sprecher und Musik eine künstlerische Einheit bilden, die das Werk adäquat vermittelt, so sollte doch nicht übersehen werden, dass sich die Autorin zu einer engagierten Aussage über die leidige „italienische Krankheit“ vorgewagt hat. Aber vermutlich juckt es keinen Italiener, wenn die Welt über die Krankheit Bescheid weiß, denn er liest es ja jeden Tag in der Zeitung, sei es nun |Il tempo| oder |Il gazzetto|.

Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Und die Großen lässt man laufen. Kommissar Beck ermittelt (Martin Beck 6)

Bleihaltige Luft im Savoy-Hotel

Schmutzige Geschäfte – doch Kommissar Beck jagt auch die Bosse In einem Hotel in Malmö wird der Konzernchef eines großen Unternehmens vor den Augen der anderen Gäste erschossen. Viktor Palmgren war zu einem Geschäftsessen dort, der Täter kann unbehelligt entkommen. Zunächst verhört die Stockholmer Polizei die Gäste des „Savoy“. Doch niemand hat den Mörder erkannt oder vermag ihn genau zu beschreiben. Also muss Martin Beck die Ermittlungen übernehmen… (Verlagsinfo)
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Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Der Mann, der sich in Luft auslöste – Ein Kommissar-Beck-Roman (Martin Beck ermittelt, Band 2)

Ein Fall mit vielen falschen Fährten

Der schwedische Reporter Alf Matsson verschwindet auf einer Reise nach Ungarn spurlos. Gepäck und Pass hat er im Hotel zurückgelassen. Die ungarische Polizei findet allerdings keine Leiche, und im Krankenhaus liegt auch kein bewusstloser Ausländer. Alle Anhaltspunkte verlaufen im Sand.

Inoffiziell reist Martin Beck hinter den Eisernen Vorhang, um den Journalisten zu suchen. Doch kurz nach seiner Ankunft wird er von Unbekannten zusammengeschlagen. Jemand versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass Alf Matsson gefunden wird… (Verlagsinfo)

Dies ist der zweite Band der weltberühmten Serie um den schwedischen Kommissar Martin Beck. Seit 2008 liegt er in neuer Übersetzung von Hedwig M. Binder und mit einem Vorwort von Anders Roslund und Börge Hellström vor.
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Ace Atkins – Robert B. Parker’s Wonderland. A Spenser Novel

Stilechter Spenser-Krimi: Casino-Krieg in Boston

Henry Cimoli und Spenser sind seit Jahrzehnten Freunde, doch der alte Boxtrainer hat den Privatdetektiv noch nie um einen Gefallen gebeten – bis jetzt. Eine Immobilienfirma will das Mietshaus, in dem Henry seit zehn Jahren wohnt, kaufen und alle Bewohner rauswerfen – wer nicht will, wie Henry, der wird von lokalen Schlägern bedroht.

Spenser nimmt sich mit seinem Lehrling Zebulon Sixkill, einem waschechten Cree-Indianer, der Sache an. Eine skrupelose Britin hat offenbar die Schläger geschickt. Sie arbeitet für einen Casiono-Tycoon aus Las Vegas, der neben Henrys Mietshaus auf der alten Hunderennbahn „Wonderland“ einen Casino-Komplex errichten will. Alle seine Freunde warnen Spenser davor, sich mit der dunklen Seite des Tycoons einzulassen, aber das spornt ihn nur noch mehr an …

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Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Das Ekel aus Säffle (Martin Beck ermittelt, Band 7)

Zorn des Gerechten: Blutiger Terror in Stockholm

Der Tote war Polizist. Ausbilder. Ein Schinder der übelsten Sorte. Martin Beck und seine Kollegen haben schon viele Tote gesehen, doch der Anblick des ermordeten Stig Nyman ist ein Schock: Der todkranke Kommissar wurde in seinem Krankenzimmer auf geradezu bestialische Weise abgeschlachtet. Wer hat den weithin geschätzten Kollegen so sehr gehasst? Und warum? Bei seinen Nachforschungen lernt Martin Beck den Verstorbenen von einer ganz anderen Seite kennen…

Dies ist der siebte Band der weltberühmten Serie um den schwedischen Kommissar Martin Beck. (Verlagsinfo)
Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Das Ekel aus Säffle (Martin Beck ermittelt, Band 7) weiterlesen

Grisham, John – Liste, Die

Eine junge Frau und Mutter wird im Bundesstaat Mississippi brutal vergewaltigt und ermordet. Der Täter ist bald gefunden und wird vor Gericht gestellt. Damit fangen die Schwierigkeiten an: Er droht den Geschworenen, sie alle umzubringen, sollte er wieder freikommen. Das ist bereits nach neun Jahren der Fall. Der Herausgeber der „Ford County Times“ verfolgt und schildert die Geschehnisse zwischen 1971 und 1980.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seiner Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

Sein vorletztes Buch trägt den Titel „Bleachers“, also Zuschauertribüne, und befasst sich mit den dunklen Machenschaften im Profisport. Deutscher Titel: „Der Coach“. „Die Liste“ ist Grishams neuestes Buch.

_Der Sprecher_

Charles Brauer, geboren 1935, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne/Ullstein bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ (siehe meine jeweiligen Rezensionen dazu) von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Im Jahre 1970 geht die Wochenzeitung „Ford County Times“, die in Clanton, Mississippi, erscheint, beinahe pleite, nachdem sich der Chefredakteur Wilson Cordle auf die Seite der rassischen Gleichberechtigung gestellt hat. So weit ist der Rest der weißen Bevölkerung noch nicht. Schon bald springen die Anzeigenkunden ab, ebenso die Abonnenten, die Gläubiger wollen alle auf einmal ihr Geld sehen. Der arme Wilson dreht fast durch.

Nach einem Gespräch mit Wilsons Anwalt Walter Sullivan kauft der 23 Jahre junge Times-Redakteur Willie Traynor, der aus Memphis, Tennessee, stammt, die Zeitung für schlappe 50.000 Dollar, die er von seiner Oma gepumpt hat. Die Gemeinde ist überrascht und ein wenig verärgert: Hier gehört man erst nach drei Generationen „dazu“. Zunächst ist die Auflage nur wenig höher als vor der Pleite.

Deshalb erweist sich die Story über den brutalen Mord an einer weißen Frau als wahrer Glücksfall, um Traynors Auflage in die Höhe zu treiben. Die Ermordete ist die 31 Jahre alte Witwe und Mutter zweier Kinder Rhoda Casselaw. Der mutmaßliche Mörder und Vergewaltiger, nach einem Unfall gefasst, ist der Alkoholiker Danny Padgitt.

Das ist ein kleines Problem, denn der gegenwärtige Sheriff wird von der kriminellen Sippe der Padgitts geschmiert. Die Padgitts haben den Drogenhandel im alten Süden der Staaten organisiert und sind schwerreiche Leute. Als Verteidiger haben sie den „niederträchtigen“ Wadenbeißer Lucien Willbanks engagiert. Richter Reed Lupus lässt sich aber von ihm nicht einschüchtern. Willbanks verklagt auch Traynor wegen Verleumdung, denn seine Zeitung habe die Geschworenen beeinflusst. Mit einer der Geschworenen, Celia Ruffin, einer schwarzen Mutter von acht Kindern, freundet sich Willie besonders an und schreibt über sie in der „Times“.

Kurz und gut: Der Prozess gegen Danny Padgitt, der dann schließlich doch noch in Clanton stattfinden kann, endet dramatisch: Der Verurteilte bedroht in aller Öffentlichkeit das Leben der Geschworenen. Die Auflage der „Times“ steigt wieder einmal.

Neun Jahre später kommt der Mörder, entgegen allen Anstrengungen Willies und seiner Freunde, unerwartet frei und zurück nach Ford County. Er jagt nicht nur die Geschworenen, sondern auch Willie Traynor, den Besitzer der „Times“. Schon bald sind erste Opfer unter den Geschworenen zu beklagen. Willie bangt um Celia Ruffin und andere Freunde. Aber ist es wirklich Danny, der hinter den Morden steckt?

_Mein Eindruck_

Manchmal ist ein Leser froh, wenn er nicht das ganze Buch lesen muss. „Die Liste“ ist offenbar so ein Fall. Nicht nur die Leserurteile bei Amazon.de bestätigen das, sondern auch meine eigene Erfahrung – und das nur mit der gekürzten Fassung des Hörbuchs. Die Leser fragen sich, worum es eigentlich dem Autor beim Schreiben dieses Romans ging. Denn dass eine Jury manipuliert wird, sah man ja vor kurzem in der gediegenen Verfilmung von Grishams „Das Urteil“ (The Runaway Jury). Das ist also nicht das Neue.

Auch die Rassendiskriminierung in Grishams eigenem Heimat-Bundesstaat Mississippi ist ja nicht gerade neu. Dieses Themas hatte er sich schon ziemlich früh angenommen – mir fällt jetzt leider der Titel nicht ein, aber auch dieser Roman wurde verfilmt. Dennoch erzählt uns der Autor wieder einmal vom Schicksal eines jungen Schwarzen, Sam Ruffin, dem Sohn von Celia Ruffin. Sam hat sich von der frustrierten weißen Ehefrau Iris Durant verführen lassen. Daraufhin wollte Mr. Durant, der Chef der Highway-Patrouille, ihn über den Haufen schießen. Sam floh und wird seitdem gesucht. Als er sich bei Willie meldet, ist er immer noch mit Iris zusammen, die von ihrem Ehemann mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt worden ist.

|Die Rolle der Medien in der Justiz|

Was bleibt also noch an Reiz, der einen Leser dazu bewegen könnte, diesen Roman zu lesen? Es ist die Rolle der Medien, auf die sich diesmal Grishams Augenmerk richtet. Willie Traynor ist der Besitzer und Chefredakteur einer stetig wachsenden Lokalzeitung. Er hat beträchtlichen Einfluss, seine Stimme, die sich in Leitartikeln am deutlichsten äußert, wird gehört und zählt. Was er und seine Reporter an schmutziger Wäsche aufdecken, kann sich als entscheidend bei Wahlen erweisen.

Doch schon mit dem ersten Foto von Danny Padgitt handelt er sich Ärger mit seinen Gegnern, den Kriminellen und Korrupten, ein. Das Foto zeigt einen Danny, der ein blutiges Hemd trägt, als er ins Gefängnis geführt wird. Es ist auch das Blut seines Mordopfers. Die Veröffentlichung des Fotos kommt einer Vorverurteilung gleich, denn wie kann irgendein Geschworener angesichts dieses Blutes unvoreingenommen über den Träger dieses Hemdes urteilen?

Genau diesen Umstand macht sich der gerissene Verteidiger Willbanks zunutze und klagt Willie der Beeinflussung der Jury an sowie die Geschworenen der Befangenheit. Diese Beeinträchtigung der Unschuldsvermutung (im Zweifel für den Angeklagten) ist ein ernsthaftes Problem – nicht nur vor Gericht, sondern auch etwa im Wahlkampf. Aber was macht Grisham daraus? Das ist der springende Punkt.

Immerhin gelingt es Grisham, deutlich zu machen, dass Willie Mist gebaut hat. Er hatte nur daran gedacht, mit dem Foto seine Auflage zu erhöhen. Das ist ihm gelungen. Aber er hat damit fast den Prozess unmöglich gemacht, zumindest in Clanton. Und als weitere Folge hat er die Stimmen der Jury beeinflusst. Um Danny die Höchststrafe zuzumessen, nämlich die Gaskammer, muss die Jury einstimmig votieren.

Das ist leider nicht der Fall (drei Geschworene stimmen mit „unschuldig“), und so kommt es nur zu einem doppelten „Lebenslänglich“. Und weil die Gefängnisverwaltung es so arrangieren kann, darf Danny beide Strafen von je zehn Jahren „gleichzeitig“ absitzen – unglaublich aber wahr. Und wegen „guter Führung“ käme er um ein Haar sogar schon nach acht Jahren frei, wenn Willie vor dem Bewährungsausschuss nicht eingegriffen hätte. Das gelingt ihm kein zweites Mal, und trotz des Auftritts des aktuellen Sheriffs wird Danny auf freien Fuß gesetzt. Mit tödlichen Folgen, wie es scheint.

Grisham steht zwar ziemlich deutlich auf der Seite seines Helden und Ich-Erzählers Willie Traynor. Es ist besser, eine freie Presse zu haben, als mit Bomben Geschworene und Redakteure einzuschüchtern. Doch auch die freie Presse sollte aufpassen, dass sie das Richtige tut, denn der Schuss kann leicht nach hinten losgehen, wie der Fall Danny Padgitt zeigt.

|Und sonst?|

Ich fand den Roman in der gekürzten Hörbuchfassung dann doch noch recht spannend und unterhaltsam. Die zentrale Story um Danny Padgitt erzeugt bis zum Schluss doch genügend Spannung, um einen bei der Stange zu halten. Aber manche Szenen sind auf der Kippe zwischen Horror und Komik, so etwa dann, als eine der drei unentschlossenen Geschworenen, Maxine Root, eine Bombe ins Haus geliefert bekommt, die als Geschenk von ihrer Schwester deklariert ist.

Die Art und Weise, wie diese Situation aufgelöst wird, ist genau die Mischung aus Horror (Bombe) und Komik (unfähige Hilfssheriffs, die das Höllending mit einem Schuss hochjagen), die mehrmals in Mississippi auftaucht. Auch Verrückte wie Hank Hooton, der als nackter Amokschütze auftritt, sorgen zunächst für Heiterkeit, aber auch für Schrecken. Ich fühlte mich an gewisse skurrile Kurzgeschichten von Mark Twain erinnert. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Grisham selbst in der großen amerikanischen Tradition der Local-Interest-Story sieht. (Genau wie Stephen King übrigens, der über Maine schreibt.)

Leider ist es Grisham unvermeidlich und angemessen erschienen, seine Heldin, Celia Ruffin, mit einem langen, weiß Gott tränenreichen Abgang zu würdigen – „the last juror“ heißt es im Originaltitel. Mit ihr geht eine Ära zu Ende, und so ist es auch für Willie Traynor Zeit, dem attraktiven Angebot eines Investors nachzugeben und seine Zeitung zu verkaufen – für 1,5 Millionen Dollar. Aus dem Studenten ist ein gemachter Mann geworden, dem im Grunde nur noch eine Ehefrau fehlt, um sein Glück perfekt zu machen. Meint er. Fortsetzung folgt?

|Der Sprecher|

Charles Brauer erledigt seinen Job fast einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, um die optimale Wirkung zu erzielen. Er erschließt eine Szene wie etwa im Gerichtssaal, indem er die Kontrahenten ihre jeweils individuell gestalteten Stimmen wirkungsvoll einsetzen lässt: Wut gegen Eiseskälte, Manipulation gegen aufrichtige Abwehr usw. Aber auch leise Ironie kommt zwischen den Zeilen zum Tragen, doch Brauer hat es nicht nötig, das dick aufzutragen – das muss der Zuhörer schon selbst bemerken. Deshalb: Ohren auf und genau hingehört.

_Unterm Strich_

„Die Liste“ weist eine Handlung auf, die stellenweise zu fesseln weiß, denn es geht ja um einen besonders brutalen Mordfall und dessen Bestrafung. Dass die Gefängsnisstrafe für den Verurteilten zur Farce wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Justizsystem vor Ort. Grishams Kritik, verkörpert in der Figur des Chefredakteurs und Zeitungsbesitzers Willie Traynor, trifft ziemliche viele Leute und Einrichtungen. Er zeigt, wie sich couragierte Medien sinnvoll einsetzen können, aber auch, welche Gefahren dabei lauern. Aktuelle Bezüge lassen sich zum US-Wahlkampf ziehen.

Charles Brauer macht seine Sache mal wieder sehr gut. Keine Aussprachefehler mehr wie in den frühen Grisham-Lesungen! Es ist eine reine Freude, ihm zuzuhören, besonders dann, wenn es mal wieder komisch und ironisch wird.

Umfang: 437 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2004ff

Doyle, Arthur Conan – geheimnisvolle Kiste, Die

_Beklemmend: Terroristen an Bord?_

Auf einer Seereise beobachtet der Schriftsteller Hammond zwei finstere Kerle, die sich an einer kleinen geheimnisvollen Kiste zu schaffen machen, die sie mit an Bord brachten. Für Hammond steht fest: Es muss eine Bombe sein. Zusammen mit seinem Freund Dick Martin versucht er die drohende Katastrophe zu verhindern und belauscht die Männer, fordert sie sogar mit Worten heraus. Schließlich muss er seine Feigheit überwinden und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Da macht er eine überraschende Entdeckung.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: [„The Lost World“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1780 erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon dreizehn Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater. Er hat u. a. die kompletten Narnia-Chroniken als Lesung aufgenommen (bei |Brendow|).

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Es ist Mittwoch neun Uhr in der Frühe, als der Ozeandampfer „Sparta“ vom Bostoner Hafen aus in See stechen soll, um nach Großbritannien zu fahren. In letzter Sekunde springen noch zwei Männer an Bord, die dem Schriftsteller und Ich-Erzähler Hammond dadurch auffallen und in Erinnerung bleiben. Hammond ist eigentlich Brite von Geburt, wurde aber von amerikanischen Bürgern adoptiert und, nach Jahren an einem englischen Internat, in den USA zum Schriftsteller. Er bezeichnet sich selbst als neurotisch und ängstlich von Natur aus. Positiv zu vermerken ist jedoch seine Neugier auf charakteristische Gesichtszüge, quasi eines seiner Hobbys.

Da er gerne abseits steht, zieht er sich hinter einen Stapel Gepäck zurück. So ungesehen, wird er Zeuge des ersten Gesprächs, das die beiden Spätankömmlinge nahe seinem Ohr führen. Der Große nennt sich Flanigan und ist offenbar ein Ire, und von den Iren weiß alle Welt, dass sie mit allen Mitteln um ihre Unabhängigkeit von den Briten kämpfen. Der Kleine heißt Müller, ist offenbar ein Deutscher, und von denen weiß ja alle Welt, dass sie sozialistisch gesinnt sind (man denke nur an Marx, Engels und Lassalle).

Die beiden haben eine kleine, etwa 30 Zentimeter lange Holzkiste an Bord geschmuggelt, in die sie nun ein weißes Granulat schütten, woraufhin es darin klickt. Auf der Kiste sitzt ein speziell angefertigter Auslöser. O mein Gott, eine Höllenmaschine!, schießt es Hammond durch den Kopf, und seine Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen. Während die beiden Terroristen unter Deck gehen, versucht sich Hammond, der Feigling, wieder in die Gewalt zu bekommen. Was soll er tun?

Da begegnet ihm zufällig sein alter Freund aus Internatstagen Dick Martin. Der ist zum Glück das genaue Gegenteil unseres Neurotikers: heiter, zuversichtlich, zupackend – und gelassen. Er tut Hammonds unbewiesene Befürchtungen ab, will ihnen aber trotzdem nachgehen, um seinen Freund zu beruhigen. Zusammen wollen sie die beiden vermeintlichen Terroristen beobachten und wenn möglich sogar verbal herausfordern, damit diese sich als Übeltäter verraten.

Im Raucherzimmer setzt sich das dynamische Duo in die Nähe der beiden zwielichtigen Gestalten, um ihnen zu lauschen. Flanigan und besonders Müller führen seltsame Reden, worin sie das Erscheinen einer „geheimnisvolle Macht“ erwähnen, und zwar noch heute Nacht! Hammond wird schon wieder ganz anders, aber Martin weist darauf hin, dass es sich immer noch um ein Missverständnis handeln können.

Sie sehen die beiden Männer erst wieder beim Abendessen, wo sie sie in das Gespräch verwickeln, das der Kapitän des Dampfers, seinem Rang gemäß, leitet. Keck bringt Hammond die Sprache auf Terroristen, und der Kapitän tut diese Gefahr als vernachlässigbar ab, doch Flanigan verteidigt die Ehre der so genannten irischen „Freiheitskämpfer“ und spricht ihnen einen gewissen Mut im Kampf für ihr Ideal nicht ab. Hammond glaubt, dass sich damit Flanigan endgültig verraten habe. Doch wie sieht es mit der Verantwortung aus, die aus diesem Wissen resultiert? Liegt diese nicht in den Händen der ach so fähigen Schiffsoffiziere?

Auch der strahlende Sonnenuntergang beruhigt Hammonds Nerven und er tröstet sich mit Philosophie. Dick Martin, der sich mit Flanigan unterhalten hat, fordert Hammond direkt auf, sich an den Kapitän zu wenden. Doch der Hasenfuß will abwarten, bis der Schiffsführer seinen Disput über eine nautische Frage beendet hat, und lauert in einem Rettungsboot auf ihn.

Es wird Abend, es wird Nacht, und bevor sich Hammond an den Kapitän wenden kann, treten Flanigan und Müller direkt ans Rettungsboot, in dem Hammond lauert, und bereiten die „Sache“ vor, wegen der sie an Bord gekommen sind. Der Countdown beginnt: noch fünf Minuten. Sie ziehen die ominöse kleine Kiste hervor und stellen sie auf. Noch drei Minuten – es ist alles bereit für das große Ereignis.

Hammond schwitzt inzwischen bereits Blut und Wasser, und als der Countdown bei eineinhalb Minuten steht, springt er aus seinem Versteck, um die „Terroristen“ zur Rede zu stellen und aufzuhalten. Doch er kann das „Ereignis“ nicht mehr verhindern. Da passiert etwas völlig Unerwartetes.

_Mein Eindruck_

Diese Geschichte des Schöpfers von Sherlock Holmes und Dr. Watson ist eine der frühesten veröffentlichten Erzählungen Doyles, geschrieben nur kurze Zeit nach seinen eigenen Seereisen als Schiffsarzt. Sie erschien 1881 erstmals in der Weihnachtsausgabe der „London Society“ und wurde 1890 als Teil des Erzählbandes „The Captain of the Pole Star and Other Tales“ in Buchform verlegt.

Die Geschichte ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens zeichnet Doyle mit der Figur des Hammond bereits den deduktiven Geist seines späteren Meisterdetektivs vor. Anders als in den Holmes-Storys werden diese Fähigkeiten hier jedoch satirisch gebrochen. Hammond ist kein Genie und mutiger Kämpfer, sondern ein neurotischer Anti-Held, und obwohl seine Schlussfolgerungen logisch einwandfrei sind, ist am Ende doch alles ganz anders, als er denkt. Immerhin teilt er mit Holmes das Interesse an „charakteristischen Gesichtszügen“, denn diese scheinen ihm Aufschluss über den Charakter eines Menschen zu geben.

Dies ist also der Aspekt, WIE die Geschichte erzählt wird. Der zweite Aspekt betrifft den Inhalt der Geschichte. Da es um vermeintliche Terroristen geht, entpuppt sich die Story als in höchstem Maße aktuell. Wie würde ich, als Zeitgenosse von Al-Qaida und Co., mich verhalten, wenn ich von einer Bombe erführe? Würde ich zur Polizei rennen, obwohl ich eventuell ein Hasenfuß bin? Oder würde ich mich den vermeintlichen Schurken heroisch in den Weg stellen, um ihnen bei ihrem Tun in die Hand zu fallen?

|Anarchie!|

Der Grund, warum der Ich-Erzähler überhaupt auf die Idee kommt, es könne sich bei der geheimnisvollen Kiste um eine Höllenmaschine handeln, sind nicht nur die aufgeschnappten Gesprächsfetzen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern auch das allgemeine Wissen um sogenannte Terroristen. In Russland werden von Anarchisten Attentate verübt (denen später ein Zar zum Opfer fällt), in Deutschland gewinnen die Sozialisten unter Lassalle an Einfluss, in Irland sind die aufrührerischen Rebellen am Werk (die schließlich ihre Unabhängigkeit erkämpfen).

Das gesamte spätviktorianische Zeitalter ist im Umbruch. Auch in England dürfte es erhebliche Unruhen gegeben haben, und ein kurzer Blick in die Chroniken würde darüber Klarheit verschaffen, dass beispielsweise die Fabian Society, der H. G. Wells und George Bernard Shaw angehörten, sich für soziale Reformen einsetzte.

|Aufklärung|

Hammonds Furcht stützt sich also nicht auf Beweise, sondern a) auf die allgemeine Lage und b) auf aufgeschnappte und beobachtete Hinweise. Beide verursachen bei dem Neurotiker akute Paranoia. Er glaubt, noch heute werde der Untergang des Schiffes herbeigeführt (das hier für eine Nation stehen kann). Als am Schluss das Geheimnis gelüftet wird, sieht er sich natürlich blamiert. Die beiden Gentlemen Flanigan und Müller haben zwar etwas Bahnbrechendes vollbracht, doch hat es ganz und gar nichts mit Höllenmaschinen zu tun. Ein Zeitungsartikel setzt den Leser bzw. Hörer davon in Kenntnis, welche Bedeutung das Treiben der beiden Gentlemen hat. (Und wer das genau wissen will, der höre sich die Story an oder lese sie nach.)

|Sherlock|

Schon in dieser Story macht Doyle wie in vielen seiner Holmes-Storys deutlich, dass es nicht genügt, Hinweise und Indizien zu sammeln und sie mittels deduktivem Denken mit einer Bedeutung zu versehen. Nein, der Beweis muss erbracht werden, dass es sich wie gedacht verhält. Wie dieser Beweis zu erbringen ist, dafür gibt es verschiedene Mittel und Wege. Zum Glück wählt Holmes stets die aktive Vorgehensweise statt passiv herumzusitzen und auf Beweise zu warten, wie Hammond es tut.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine Reihe unterschiedlichster Stimmen. Flanigan spricht ebenso tief wie der Kapitän, doch grob und barsch, während der Kapitän voll Zuversicht und Autorität formuliert. Auch Dick Martin gehört in diese Kategorie.

Ganz anders hingegen die beiden nervösen Typen Hammond und Müller. Ihre Stimmlage ist etwas höher: Hammond klingt etwas quengelig, wohingegen Müller wieder ungehobelt und nervös lamentiert oder droht. Eine Frau kommt im ganzen Text jedoch nicht vor.

Man muss allerdings schon genauer hinhören, um diese Unterschied im stimmlichen Ausdruck herauszuhören. Denn Schepmann tut alles, nur nicht übertreiben. Das überlässt er anderen Sprechern und tut es selbst höchstens in Kinderhörbüchern. In einer Erzählung über wohlerzogene Viktorianer ist Übertreibung jedoch in jedem Falle unangebracht.

|Geräusche|

Die vielfältigen Geräusche verleihen der Geschichte das Flair eines Kinofilms. Schon der erste Ton, den wir hören, ist das tiefe Nebelhorn eines Dampfers. Eine Schiffsglocke ertönt ebenso wie Möwengeschrei, später klappert Besteck auf Tellern, und im Raucherzimmer ist leise tickend eine Wanduhr zu vernehmen. An Deck selbst ist häufig eine steife Brise zu hören, wie es ja auch in der Realität der Fall wäre. Die Geräusche und Hintergrundstimmen – wie etwa amerikanisch quasselnde Passagiere – sind so dezent eingesetzt, dass sie niemals den Vortrag des Textes beeinträchtigen.

|Musik|

Die Musik ist ebenso dezent und steuert die Emotionen des Zuhörers auf fast unmerkliche Weise. Doch der Fachmann hört heraus, wann ein Moment heiter und dynamisch, ein anderer hingegen traurig, besinnlich oder gar verzweifelt klingen soll. Die Gemütlichkeit einer Schiffsreise wird ebenso ausgedrückt wie der dramatische Moment der vermeintliche Katastrophe oder vielmehr die Anbahnung desselben. Zum Einsatz kommen ausschließlich klassische Instrumente wie etwa Piano, Harfe und Oboe, aber auch ein Xylophon ist häufig zu vernehmen. Das Outro wird wieder von einem sanften Walzer bestritten.

|Das Booklet|

Das vierseitige Booklet erfreut mit umfassenden Informationen über den Autor Conan Doyle (s. o.) und einer Inhaltsangabe, die nicht zu viel verrät. Außerdem wird ein Interpretationsansatz geliefert, der dem einen oder anderen Literaturstudenten hilfreiche Hinweise liefern kann. Als i-Tüpfelchen verrät das Booklet auch, wann und wo der Text zuerst erschien und gedruckt wurde – so viel Service findet man bei Single-CD-Hörbüchern selten.

_Unterm Strich_

Die inszenierte Lesung lässt sich am ehesten als Vorstufe zu den Sherlock-Holmes-Geschichten verstehen, die den Autor später berühmt und wohlhabend machen sollten. Die Thematik ist durchaus aktuell, insofern als hier das Thema Terrorismus aufgegriffen wird – welches sich dann aber als völlig harmlos herausstellt. Der Ich-Erzähler wendet bereits Deduktion und Scharfsinn an, doch seine Befürchtungen werden von Leuten besänftigt, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, so wie später Dr. John Watson.

Der Unterhaltungswert ist nicht gerade hoch, denn so etwas wie dramatische Action gibt es lediglich am Schluss, und auch diese entpuppt sich als relativ unbegründet. So lässt sich die Geschichte am ehesten als eine Studie in Psychologie und Zeitstimmung – Freiheitsbewegungen, Anarchisten usw. – genießen und akzeptieren. Dass sie sprachlich gut formuliert und geschickt erzählt ist, versteht sich bei einem Autor wie Doyle fast von selbst. Die akustische Untermalung wechselt zwischen behaglicher Gemütlichkeit und dramatischer Bewegung, so dass für Abwechslung gesorgt ist.

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch sauber produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Der Gesamteindruck ist tadellos.

|Originaltitel: That little square box, 1881
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
55 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

Andrea Camilleri – Der Dieb der süßen Dinge (Lesung)

„Commissario Montalbano löst seinen dritten Fall“ – so lautet der Untertitel dieses Kriminalromans, der seine Fortsetzung in „Die Stimme der Violine“ findet. Es gibt also durchaus eine chronologische Reihenfolge in den Montalbano-Romanen, genau wie bei Mankells Kommissar Wallander.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.) Doch da sie nur 33 und er schon 44 Jahre alt ist, wünscht sie sich dringend ein Kind. Und das ist nicht so einfach, wie sie sich das vorstellt. Aber vielleicht klappt’s ja dieses Mal, Salvo zu überreden, sie zu heiraten.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten elf Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch elf weitere Sprecher in Nebenrollen. Die schöne, dezente Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Gleich zwei Morde halten Commissario Montalbano diesmal in Atem, und sie scheinen auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun zu haben. Signore Lapecora ist ein gut situierter Geschäftsmann, um die 60, verheiratet, mit einem Arzt als Sohn. Aber er ist leider genauso mausetot wie der tunesische Fischer, den ein italienisches Patrouillenboot draußen auf See aufgenommen hat, ein gewisser Ben Dahab (nicht sein richtiger Name). Zwischen den beiden Toten besteht eine ebenso pikante wie kriminelle Verbindung, und diese gilt es aufzudecken.

Signora Lapecora, die während des Fundes ihres toten Mannes mit dem Bus zu Verwandtenbesuch gefahren war, sagt Montalbano, sie sei überzeigt, ihr Mann sei von seiner tunesischen Geliebten erstochen worden, dieser Karima mit dem schrecklichen Parfüm, das nach verbranntem Stroh riecht (Volupté). Und sie, die Signora, habe bereits drei anonyme Briefe erhalten, sie aber sogleich verbrannt. Diese Briefe, so stellt sich heraus, wurden im Büro Signore Lapecoras zusammengeklebt, wobei die Buchstaben aus vorhandenen Magazinen ausgeschnitten worden war. Doch seltsam: Signore Lapecora besuchte sein Büro nur am Montag, Mittwoch und Freitag. Was hatte er also am Donnerstag, seinem letzten Morgen, vor, und noch dazu mit einer Flasche Wein unterm Arm?

Leider ist Karima, seine Geliebte, nicht aufzufinden. Nur ihre alte Haushälterin, Aischa, passt auf ihren fünfjährigen Sohn auf, Francois. Doch woher kommen die 500 Millionen Lire auf Karimas Sparkonto? Doch wohl kaum vom Putzjob, den sie ausübte? Doch da hilft dem Commissario eine Nachbarin weiter: Clementina Cozzo hatte in die Wohnung Signore Lapecoras einen fabelhaften Einblick, und sie berichtet von einem weiteren Mann, der sich dort aufgehalten und einen metallicgrauen BMW gefahren habe. Wie sich herausstellt, war der zweite Lover Karimas Signore Lapecoras Neffe, Farid. Was war er von Beruf? Verdiente er Karimas Sparvermögen?

Salvos langjährige Freundin Livia ist aus Genua zu Besuch gekommen. Sie gibt ihm den entscheidenden Tipp auf Francois. Der Junge streunt in der Stadt herum und stiehlt, vor allem „süße Dinge“. Nachdem Salvo ihn wieder eingefangen hat, erkennt der Junge seinen Onkel im Fernsehen: Ben Dahab, der tote tunesische Fischer, heißt in Wahrheit Ahmed Moussa und ist ein von der tunesischen Geheimpolizei gesuchter Terrorist und Drogenhändler!

Nun schwant Montalbano Übles: Terrorismus, Drogen, Geheimpolizei – und mittendrin Karima und Francois. Er lässt den Jungen sofort in Sicherheit bringen. Aber was hatte Signore Lapecora mit alldem zu tun? Die Antwort liefert der italienische Geheimdienst, in Gestalt eines Zwerges.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Camilleri ein paar heiße Eisen an und lässt die wenigsten der braven Brüger ungeschoren davonkommen. Geheimpolizei, Drogenfahndung, gedungene Killer – sie alle sorgen für ständige Gefahr im Hintergrund. Im Vordergrund verfolgen wir die Ermittlungen Montalbanos, seine Vorgehensweise Schritt für Schritt. Die Vernehmungen und Konversationen scheinen harmlos zu sein, doch die Ergebnisse sind es nicht: Lapecoras Witwe ist eine ebenso geizige Person wie sein Sohn, an den sich Lapecoras vergeblich um Hilfe gewandt hatte.

Doch Karima ist ein Opfer der braven Gesellschaft: Dort, wo sie putzte, verdiente sie damit lumpige 50.000 Lire pro Job (etwa 25 Euro). Doch für ihre Liebesdienste, wie auch immer sie aussahen, erhielt sie 150.000 Lire! Und zwar von alten Knackern, deren Frauen nichts davon wissen durften. Und da sie unverheiratet war, galt sie bei diesen Gattinnen durchweg als Nutte.

Diese Heuchelei und der unterschwellige Rassismus gehen soweit, dass, wie Salvon einmal in der Zeitung liest, 30 Dorfbuben ungestraft ein junges Ausländermädchen (Eritreerin, Tunesierin – das ist unwichtig) vergewaltigen dürfen – „sie war sowieso eine Nutte“, lautet die Entschuldigung der Eltern.

Von den 25 bis 50 Euro pro Tag, die Karima verdiente, musste sie sich und ihre Sohn ernähren und kleiden sowie die Miete zahlen. Wohl deshalb ließ sie sich auf den Drogenhandel mit ihrem Bruder Farid ein. Und wer weiß, wozu sie Signore Laprecora noch gebracht hätte.

Diesen deprimierenden Verhältnissen versucht der Commissario zu entfliehen. Das gute Essen, das ihm seine Haushälterin Adelina bereitet, wird aus diesem Grund detailliert beschrieben, was vielleicht manchen Leser oder Zuhörer verwundern wird. Das andere Gegengewicht stellt seine Freundin Livia dar, die sofort ihr mütterliches Herz für Francois entdeckt. Es wird manche Zuhörerin vor den Kopf stoßen, auf welche Weise Salvon mit ihr umspringt: Er kommandiert sie herum, ohne dass sie nach dem Grund für seine Befehle fragen darf. Nun ja – es geht um das Leben des Jungen. Eine deutsche Frau würde sicherlich nicht so ohne Weiteres gehorchen.

_Das Hörspiel_

Wie stets ist die SWR-Produktion makellos; die Sprecher sind ebenso ausgezeichnet eingesetzt wie die zahllosen Geräusche. Wie immer jagen sich die Dialoge und Telefonate, so dass es kaum einmal eine Verschnaufpause gibt und die jeweils etwa 55 Minuten wie im Fluge vorüber sind.

Diesmal ist auch die Musik von Henrik Albrechts SWR-Orchester dezent und passend an den entsprechenden Stellen eingesetzt. Ruhige Passagen wechseln sich mit schnelleren ab, wenn etwas Fahrt in das Geschehen kommt.

_Unterm Strich_

„Der Dieb der süßen Dinge“ ist etwas vielschichtiger angelegt als die vorherigen Romane (Form des Wassers, Hund aus Terrakotta). Nicht nur, weil es diesmal gleich um zwei Leichen geht, sondern weil Montalbanos Ermittlungen zu Ergebnissen führen, die sich in überraschenden Richtungen ergeben.

Diese dienstliche Seite steht der privaten Situation des Kommissars gegenüber, in der sich mehrere Entwicklungen ergeben: Er soll heiraten, könnte ein Kind (die Waise Francois) adoptieren und soll obendrein befördert werden. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wofür sich der Commissario entscheidet, solltet ihr selbst hören.

_Hinweise_

Die Verfilmung dieses Romans lief am 2003 auf ARTE-TV unter dem Titel „Tödliche Sühne“. Leider mal wieder zu nachtschlafender Zeit gegen Mitternacht. Auch „Der Hund aus Terrakotta“ und „Die Stimme der Violine“, „Die Form des Wassers“ und „Der Kavalier der späten Stunde“ wurden verfilmt. Es gibt ein Montalbano-Spiel und einen Camilleri-Fanclub, der alle Aktivitäten und News im Internet dokumentiert. Kurzum: Montalbano ist auf dem besten Wege, Kommissar Maigret den Rang abzulaufen. Nach der Erklärung Camilleris ist Maigret das Vorbild für Montalbano gewesen, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten von ihm.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Andrea Camilleri – Das Spiel des Patriarchen (Lesung)

Der Commissario guckt sich Pornofilme an?! Nicht auszudenken, was aus seinem guten Ruf wird! — Aber alles ist halb so wild, und im Grunde geht es um ein brandheißes Thema: Organhandel. Da stellt sich die Frage: Was soll nur aus Sizilien werden? Und wer will überhaupt in Olivenöl eingelegte Organe?!

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Krimialromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch neun weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Bearbeitung – die ich recht gut gelungen finde, denn sie arbeitet den roten Faden und humoristische Aspekte heraus – stammt von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Commissario Montalbano beobachtet mit Skepsis den Einzug von Computer und Internet im Kommissariat und fühlt sich allmählich etwas antiquiert. Da kommt ihm der neue Fall gerade recht, in dem er seine Spürhundqualitäten unter Beweis stellen kann.

In Vigata finden zwei Morde statt, zwischen denen auf den ersten Blick kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Nene San Filippo war zu Lebzeiten ein lediger Nichtstuer, der als 21-Jähriger seinen Hormondrang an etlichen Freundinnen austobte. Signore Grifo hingegen, ein braver Beamter aus Messina, vermisst seine Eltern, die über Nenes Wohnung, also im gleichen Haus, lebten. Das Ehepaar war von einem Busausflug nach Tindari (vgl. O-Titel) nicht zurückgekehrt.

Montalbanos Mitarbeiter machen sich, ausgestattet mit hypermoderner Technik, sofort an die Arbeit, allen voran sein Assi, der rührige Fazio. Montalbano hingegen verlässt sich auf Bewährtes und kommt auch so weiter. Und stößt auf höchst Pikantes. Nene und seine Geliebte schrieben einander gepfefferte Liebesbriefe, in denen sie einander ihre Erfahrung des vorangegegangenen Liebesspiels schilderten. Wozu? Nene schrieb offenbar an einem erotischen Roman. Und deshalb wohl auch seine Vorliebe für scharfe Pornofilme, oder?

Doch Nenes Geliebte ist die Gattin des berühmten Transplantationsexperten Dottore Eugenio Ingrò. Vania Titulescu stammt aus Rumänien. Gab der Arzt den Mord an Nene aus Eifersucht in Auftrag? Aber warum mussten dann die unschuldigen Grifos sterben? Die ausnehmend hübsche Reisebegleiterin mit dem schönen Namen Beatrice weist dem hingerissenen Assistenten Fazio den Weg durch das Dickicht der Hinweise.

Da bekommt Montalbano einen wichtigen Anruf: Avvocato Guttadauro, allseits bestens bekannt als Mafia-Anwalt, lässt dem Commissario schöne Grüße ausrichten von Don Balduccio Sinagra, dem Mafiapaten. Ob er wohl einen kleinen Besuch einrichten könnte? Montalbano kann. Einen Paten lässt man nicht ungestraft links liegen. Nicht in Sizilien und schon gar nicht, wenn man einen so verzwickten Fall lösen möchte. Wie es scheint, war der verblichene Nene eine Art Enkel des alten Don…

Auf die richtige Spur bringen ihn schließlich ein sarazenischer Olivenbaum, ein Buch von Joseph Conrad und der verschlüsselte Hinweis des berüchtigten alten Mafiapaten, der bei einem gefährlichen Spiel im Hintergrund die Fäden in der Hand hält.

_Mein Eindruck: Die Handlung_

Die Schnitzeljagd, aus der Montalbanos Fälle oft bestehen, wird in „Patriarch“ fast schon bis zum Exzess getrieben – und ist umso spannender, je mehr retardierende Momente wie Beatrice und Nenes erotischer Roman die Auflösung des kniffligen Falls hinauszögern. Man fiebert regelrecht mit, bis sich zunehmend erschreckendere Abgründe auftun, in die uns der Autor nichts ahnend gelockt hat. Aber da ist es fürs Aufhören bereits zu spät.

Erotik, Busfahrten und schöne Frauen – darunter des Commissarios Freundin – gehören zu den angenehmen, mitunter komischen Nebenerscheinungen im Verlauf der Handlung. Doch keine Angst: Hier wird nicht „abgeschwiffen“, sondern jedes Details hat seine Funktion im größeren Gewebe der Handlung.

Der Commissario ist ein verschmitzt denkender Bursche, fast wie der selige Father Brown von G.K. Chesterton. Doch Montalbanos sizilianischer Humor ist durchzogen von einer Skepsis gegenüber der Güte des Schicksals (oder Gottes). Allerdings hilft ihm der Humor dabei, in einer Welt zu überleben, die, auch wenn sie eine erfundene Welt ist, sich nicht allzusehr von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Vermutlich findet auch in Italien so etwas wie Organhandel statt, auch wenn diese Tatsache gerne unter den Teppich gekehrt wird. Zumindest im Roman passiert eben dies nicht: Die nationale Presse erfährt von der Schweinerei, die der Commissario da aufgedeckt hat.

_Mein Eindruck: Die Produktion_

Wie schon in den anderen Camilleri-Hörspielen machen alle SprecherInnen einen hervorragenden Job aus ihrer Aufgabe. Schließlich arbeitet man hier nicht in der Privatwirtschaft, sondern beim gebührenfinanzierten Rundfunk! Die Musik von Henrik Albrecht ist diesmal ein wahrer Hochgenuss: stilechte, original sizilianisch klingende Cafémusik! Und obendrein nicht aufdringlich, sondern meist schön dezent im Hintergrund.

_Unterm Strich_

„Das Spiel des Patriarchen“ ist ein rundum gelungenes Hörspiel. Es ist keineswegs ein gekürzter Bestseller aus Amiland, sondern stellt vielmehr Ansprüche an die Aufmerksamkeit des Zuhörers und – am Schluss – an dessen moralische Urteilsfähigkeit. Erst wenn der Zuhörer empört ist, hat der Autor sein Ziel erreicht.

Komische und romantische Szenen lockern die Nachforschungen Montalbanos auf und geben Gelegenheit, entweder mal eine Pause zu machen oder auch mal lauthals aufzulachen: Der untadelige Kommissar wird von seinem Assi beim Pornogucken vor einem Stapel Cassetten ertappt: ein Bild für Götter!

Ich hingegen ertappe mich gerade dabei, dass ich Camilleri-süchtig geworden bin. Öha: ein Junkie!

_Michael Matzer_ © 2003ff