Schlagwort-Archive: Krimi

Arnaldur Indriðason – Eiseskälte: Erlendur Sveinssons 11. Fall: Island-Krimi

Gruselkrimi: Von Untoten, Grabräubern und der Liebe der Fischer

Ohne Abschied zu nehmen, ist Kommissar Erlendur in die Ostfjorde gereist – dorthin, wo er als Kind seinen kleinen Bruder im Schneesturm verloren hat. Jahrzehnte zuvor hatten sich hier dramatische Szenen abgespielt: Englische Soldaten gerieten in ein tödliches Unwetter und eine junge Frau verschwand spurlos. Deren Schicksal zieht Erlendur in seinen Bann: Er will unbedingt herausfinden, was sich damals zugetragen hat, so schmerzlich es für ihn auch sein mag, Ereignisse aus dieser Zeit ans Licht zu bringen. (Verlagsinfo)

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Harry Kemelman – Am Dienstag sah der Rabbi rot (Lesung)

Ein Rabbi-Krimi par excellence

An einem bislang unbescholtenen College in Boston, Massachusetts, ereignet sich eine Bombenexplosion, der offenbar einer der Dozenten zum Opfer fällt. Doch Rabbi David Small hält weder die fünf aufrührerischen Studenten für die Täter noch sich selbst, wie der Staatsanwalt behauptet, sondern findet etliche Ungereimtheiten in der Beweiskette. Um den Täter zu überführen, muss er seine talmudische Gelehrsamkeit bemühen.

Der Autor
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Garry Disher – Bitter Wash Road (Constable Hirschhausen 01)

Mädchenmorde verlangen Gerechtigkeit

In der Nähe von Tiverton, einer Kleinstadt, in Australiens Nirgendwo, wird ein Mädchen tot am Straßenrand gefunden. Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, übernimmt den Fall. Er glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht. Hirsch rüttelt an der trügerischen Stille und wirbelt nicht nur den Staub der ausgedörrten Straßen auf…(Verlagsinfo)

Der Autor
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Dick Francis – Verrechnet (Lesung)

Britische Krimikunst der obersten Liga

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. Die dichte und spannende Inszenierung fasziniert durch ein überraschendes Ende und die unvergleichliche Stimme von Rolf Hoppe als Sir Ivan. (Verlagsinfo)

Der Autor
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Interview mit Jutta Weber-Bock anlässlich der Veröffentlich ihres Romans „Das Mündel des Hofmedicus“

Die Stuttgarter Schriftstellerin Jutta Weber-Bock hat am 8. September 2020 im Hospitalhof Stuttgart ihren ersten historischen Roman „Das Mündel des Hofmedicus“ vorgestellt.

Kurz zum Inhalt:

Stuttgart 1804. In einem Stuttgarter Gasthof bringt eine adelige Dame heimlich das Mädchen Christiane zur Welt. Der Hofmedicus nimmt es seiner Mutter weg und unterwirft es einem Erziehungsexperiment. Die Spielkarten Herzsieben und Ecksteinsieben spielen dabei eine geheimnisvolle Rolle. Bis zu ihrem achten Lebensjahr wächst Christiane kindgerecht in einer Pfarrersfamilie auf, dann wird sie von der Schwester des Hofmedicus nach Stuttgart geholt. Diese gibt sich als Christianes wahre Mutter aus. Beim geringsten Vergehen züchtigt sie das Kind. Christiane lernt, sich zu wehren. Der Hofmedicus unterstützt das Mädchen heimlich. Christianes Versuch, mit der Mutter Frieden zu schließen, nutzt ihr nichts, ihre Zeit bei der Schwester des Hofmedicus endet dramatisch. Mit siebzehn Jahren tanzt Christiane auf einem Maskenball und verliebt sich unglücklich. Aus Verzweiflung isst sie eine ganze Schokoladentorte, doch diese ist vergiftet. Zufall oder Mordversuch?
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Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Der Mann, der sich in Luft auflöste (Martin Beck ermittelt 02)

Ein Fall mit vielen falschen Fährten

Der schwedische Reporter Alf Matsson verschwindet auf einer Reise nach Ungarn spurlos. Gepäck und Pass hat er im Hotel zurückgelassen. Die ungarische Polizei findet allerdings keine Leiche, und im Krankenhaus liegt auch kein bewusstloser Ausländer. Alle Anhaltspunkte verlaufen im Sand.

Inoffiziell reist Martin Beck hinter den Eisernen Vorhang, um den Journalisten zu suchen. Doch kurz nach seiner Ankunft wird er von Unbekannten zusammengeschlagen. Jemand versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass Alf Matsson gefunden wird… (Verlagsinfo)

Dies ist der zweite Band der weltberühmten Serie um den schwedischen Kommissar Martin Beck. Seit 2008 liegt er in neuer Übersetzung von Hedwig M. Binder und mit einem Vorwort von Anders Roslund und Börge Hellström vor.
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Susan Fletcher – Eve Green (Lesung)

Drama in Wales: ein Mordfall in Kinderaugen

Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein kleines, walisisches Dorf, das Schauplatz eines Verbrechens wird. Als die zwölfjährige Rosie verschwindet, legt sich ein tiefer Schatten über die vermeintliche Idylle. Die achtjährige Eve Green, die nach dem Tod ihrer Mutter hier bei den Großeltern aufwächst, befreundet sich mit dem Herumtreiber Billy, der von den Leuten mit Rosies Verschwinden in Verbindung gebracht wird. Unterdessen versucht Eve, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen, über den absolut niemand mit ihr sprechen will. Warum bloß?

|Die Autorin|

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Raymond Chandler – Das hohe Fenster (Philip Marlowe 3)

Viele Leichen, wenig Klarheit

Mrs. Elizabeth Bright Murdock beauftragt PHILIP MARLOWE damit, eine gestohlene seltene Goldmünze, die wertvolle Brasher-Dublone aus dem 18. Jahrhundert, wieder zu finden. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie von Linda Murdock – ihrer verhassten Schwiegertochter – gestohlen worden ist. Mrs. Murdock will keine Täterüberführung mit Verhaftung; vielmehr soll MARLOWE eine – möglichst kostenlose – Scheidung Lindas von ihrem Sohn Leslie erzwingen. Eigentlich nicht sein Ding. Doch MARLOWE nimmt an und konzentriert sich auf die Suche nach der Brasher-Dublone. Relativ schnell wird klar, wer die Münze genommen hat.

Der Fall bekommt aber eine weitere Dimension, als MARLOWE schon bald über ein paar Leichen „stolpert“ und merkwürdigerweise auf ein paar verschrobene Typen und die ermittelnden Polizeibeamten eine scheinbar anziehende Faszination ausübt…. (Amazon.de)
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Håkan Nesser – Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod (Van Veeteren 9)

Der literarische Frauenmörder

Ein Priester, der von einem Zug überfahren wird. Ein Mädchen, das spurlos verschwindet. Eine Mutter, die niemand vermisst. Welche Verbindung besteht zwischen den dreien? Als Van Veeteren sein Antiquariat verlässt, um einigen mysteriösen Todesfällen nachzugehen, weiß er noch nicht, dass sein Gegenspieler ein zu allem entschlossener Serienmörder ist … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Der Sprecher

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen.

Handlung

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

Mein Eindruck

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

Der Sprecher

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

Ein Autorenfehler?

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen. Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben.

Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der potentielle Fehler ist auch im Hörbuch enthalten. Oder der Autor wollte die Aufmerksamkeit seiner Leser bzw. Hörer testen…

Unterm Strich

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Das Hörbuch

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Audio: 420 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Svalan, katten, rosen, döden
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3898306645

www.randomhouse.de

Ross Macdonald – Der Fall Galton. Ein Fall für Lew Archer (Archer 8)

Der Abgrund des Bösen

Anthony Galton ist vor zwanzig Jahren spurlos verschwunden. Nun soll Lew Archer ihn wiederfinden – im Auftrag der Mutter, einer steinreichen, alternden Frau. Die Indizien, die Archer findet, sind wenig schön – und sie sind gefährlich. Denn noch immer ist jemand bereit, ihretwegen zu töten.

Der Autor
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Interview mit der Stuttgarter Krimiautorin Sigrid Ramge

BUCHWURM.org: Hallo Sigrid, was machst du gerade? Schreibst du an einem neuen Krimi?

Sigrid Ramge: Ein neuer Roman? Da muss ich dich wie alle meine Fans enttäuschen. Die Corona-Pandemie hat nicht nur meine Schreibsucht, sondern auch meine öffentlichen Lesungen ausgebremst. Doch da es jetzt scheint, als ob hierzulande die Pandemie abflaut, hoffe ich, meine Ideen, die darauf warten, in Geschichten verwandelt zu werden, bald aus dem Corona-Schlaf befreien zu können.

Wie fühlst du dich? Bist du bedrückt durch die Folgen der Corona-Pandemie? Gibt es auch Grund zur Freude?

Wer fühlt sich in dieser Hinsicht nicht bedrückt? – Du fragst gleichzeitig, ob es auch Grund zur Freude gibt. Falls die Frage in Verbindung mit der Corona-Pandemie gemeint ist – dann freue ich mich, dass die Luft sauberer ist, weniger Autoverkehr herrscht und der Himmel nicht von Kondensstreifen zerstückelt wird. Grund zur Freude ist auch, dass der Umweltschutz ernster genommen wird als je zuvor.

Du schreibst ja schon viele Jahre. Wie kam es, dass du angefangen hast, auch oder nur noch Krimis zu schreiben? Aus Vorliebe oder wegen eines gewissen Interesses deiner Leser oder deines Verlags?

Bevor 2009 mein erster Krimi veröffentlicht wurde, waren von mir bereits mehrere Bücher anderer Genres in verschiedenen Verlagen erschienen (siehe unten).
Mein erstes Krimi-Manuskript hatte den Arbeitstitel „Endstation Sahara“, weil eine wichtige Nebenhandlung in Tunesien spielt.
Die Haupthandlung ist in und um Stuttgart angesiedelt. Da das Mordopfer mit vergiftetem Trollinger umgebracht wird, schlug der Silberburg-Verlag, der ausschließlich Regionales für Baden-Württemberg herausgibt, den Titel Tod im Trollinger vor. Damit war mein erster Weinkrimi geboren.

Jeder Titel deiner Krimis trägt, wenn ich das richtig deute, den Namen eines lokalen Weins. Wie kam es dazu? Und wie reagieren deine Leser darauf?

Der Krimi Tod im Trollinger war auf Anhieb so erfolgreich, dass die Leser und der Verlag eine Fortsetzung verlangten. In den folgenden zehn Jahren entstanden vier weitere Krimis mit Weinsorten aus der Region Baden-Württemberg im Titel: Cannstatter Zuckerle, Lemberger Leiche, Das Riesling-Ritual und Blutburgunder.

Meine Leser lieben die Weintitel und zusätzlich stieg mit jedem neuen Krimi die Beliebtheit des Ermittlerteams. Jeder, der einen Krimi aus der Serie kennengelernt hatten, wollte wissen, welchen Mordfall das Stuttgarter Ermittlerteam als nächsten zu lösen hat. Hauptkommissar Schmoll, ein gestandenes Mannsbild und hervorragender Weinkenner, die junge clevere Kommissarin Irma Eichhorn aus Itzehoe und der Urschwabe Kommissar Steffen Katz waren den Lesern schon beim ersten Krimi der Reihe ans Herz gewachsen. Die positive Reaktion der Leser zeigt sich an hohen Verkaufszahlen, begeisterter Fanpost und vollen Sälen bei Leseveranstaltungen.

Ist es dir wichtig, in deinen Kriminalgeschichten einen lokalen Bezug zu haben, und wenn ja, warum?

Ich denke, dass jedes Buch und jede Geschichte einen lokalen Bezug braucht, sei es ein fiktiver Ort oder wie in meinen Krimis, eine reale Region. Für den Haupthandlungsort in allen fünf Krimis habe ich Stuttgart gewählt, weil ich seit vielen Jahren in dieser Stadt lebe und mich auskenne. Es hat Spaß gemacht, altbekannte Orte durch die Augen meiner Romanpersonen neu zu entdecken.

Um dem Schwäbischen etwas Exotik beizumischen, spielen die Nebenhandlungen jeweils in einem anderen Land. In Gegenden, in denen ebenfalls Wein angebaut wird. Der Leser lernt nicht nur Stuttgart und besonders schöne Flecken in Baden-Württemberg kennen, sondern wird nach Tunesien, Ägypten, Mallorca, Sizilien und im fünften und vorläufig letzten Krimi in eine der geheimnisvollen Höhlenstädte Kappadokiens geführt. Für mich war es eine dankbare und spannende Möglichkeit, meine Reisetagebücher aufzuarbeiten oder neue Recherchereisen zu unternehmen.

Bist du mit dem Erfolg deiner Krimis zufrieden? Könntest du dir auch andersartige Bücher vorstellen? Und wenn ja welche?

Der Erfolg der Krimireihe ist für mich und auch für den der Verlag durchaus zufriedenstellend. Du fragst, ob ich mir vorstellen kann, andersartige Bücher zu schreiben.

Bevor 2009 Tod im Trollinger erschienen ist, waren von mir bereits mehrere Bücher in anderen Genres veröffentlicht. Zwei Bände mit Erzählungen Die Fäden der Träume und Das Lächeln der Steine.

Inspiriert durch Aufenthalte in Kenia entstand der Jugendroman Wanjiko und die schwarzen Störche. 2006 erschien der Roman Strahlenkinder, 20 Jahre nach Tschernobyl und im gleichen Jahr das Kinderbuch Die unsichtbare Wilhelmine. Diese Bücher mit sozialkritischem Unterton sind auch außerhalb Baden-Württembergs für Schullesungen begehrt.

Zwischen dem vierten und fünften Krimi habe ich mir endlich Zeit genommen für das Manuskript des Romans, der mir, seit ich zu schreiben angefangen habe, am Herzen liegt. Maifrost, eine deutsch-deutsche Familiensaga, erzählt von menschlichen Schicksalen, wie sie in Deutschland im letzten Jahrhundert unzählige Familien erleben und erleiden mussten. Das Buch erschien 2016.

Hinweis

Wer mehr über mich und meine Bücher wissen möchte, findet auf meiner Homepage www.sigrid-ramge.de eine kurze Vita und alle Buchveröffentlichungen mit Inhaltsangaben, Leseproben, Presseberichten und Fotos von Lesungen.

Eigene Lebensbeschreibung:

„Sigrid Ramge stammt aus Bad Köstritz, einer Kleinstadt in Thüringen, in der Schwarzbier gebraut wird und der Komponist Heinrich Schütz geboren ist.
19-jährig floh sie aus der DDR in die Freiheit und studierte Gartenarchitektur. In diesem Beruf arbeitete sie zwei Jahre lang in Zürich.
Zarte Bande führten nach Stuttgart und endeten in Ehe und Sesshaftigkeit.
Nach gelungener Brutpflege folgten beharrliche Schreibversuche und Weiterbildung in Sachen Literatur.
Reisen und Auslandsaufenthalte nach Ägypten, Kenia und Kanada lieferten Ideen für den ersten Erzählungsband.
2001: Der 1. Preis für Kinder- und Jugendliteratur finanzierte eine neue PC-Ausrüstung, aus der sogleich ein hochgelobter Jugendroman purzelte, der aber letztendlich, genau wie vier weitere Bücher, zwar zu Ehre, aber leider nicht zu Weltruhm führte.

Sigrid Ramge hat bisher (Stand 2019) mehr als 100 Lesungen in Buchhandlungen, in Bibliotheken, auf Buchwochen und in Schulen gehalten. Außer im süddeutschen Raum auch in Thüringen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und in Berlin.

Sie leitete zehn Jahre lang die Schreibwerkstatt an der Universität Stuttgart im Studium Generale und gab Schreibseminare in verschiedenen literarischen Institutionen. Sie ist Mitglied des Schriftstellerverbandes.“

Das schriftliche Interview führte Michael Matzer.

Andrea Camilleri – Die Form des Wassers (Lesung)

Die Leiche eines bekannten Politikers wird auf dem Strich von Vigata gefunden – ein Skandal erster Güte droht loszubrechen. Commissario Montalbano wundert sich. Dieser Fall verhält sich wie Wasser: Es hat immer die Form, die man ihm gibt. – Dieser Krimi war der erste, mit dem das Werk Andrea Camilleris dem deutschen Publikum vorgestellt wurde – mit größtem Erfolg, wie sich herausgestellt hat.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch 16 weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Stimme der Violine
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge

_Handlung_

Der angesehene Ingenieur und Politiker Silvio Luparello wird eines frühen Morgens von zwei Straßenfegern an einem anrüchigen Strand tot in seinem Auto aufgefunden. An diesem Strand pflegen sich die Huren mit ihren Freiern zum Stelldichein zu treffen. Hatte der honorige Ingenieur so etwas nötig? Falls ja, wäre das ein Skandal ersten Grades und besonders schädlich für das Ansehen seiner konservativen Partei. Die Polizei entscheidet diplomatisch, dass der Tote einem Herzinfarkt zum Opfer fiel – wir wollen doch keinen Skandal in Vigata, oder?

Commissario Salvo Montalbano jedoch kommt die ganze Sache nicht koscher vor. Da scheint doch mehr dahinter zu stecken. Schon am nächsten Tag nämlich wird dringend ein wertvolles Collier gesucht, das an der Unfallstelle vermisst wird. Einer der Müllmänner hat das Collier gefunden und heimlich eingesteckt. Merkwürdig ist nun, dass ausgerechnet Ingenieur Luparellos schärfster politischer Gegner, der Anwalt Rizzo, danach suchen lässt…

Schon bald ereignen sich bei Montalbanos Ermittlungen unverhoffte Enthüllungen, die schaurige Einblicke in die Abgründe der lokalen Gesellschaft gestatten. Und die Lösung des Falles stellt sich je nach Blickwinkel anders dar: genau wie die Form des Wassers sich mit dem jeweiligen Gefäß ändert.

_Mein Eindruck_

Der sehr kurzweilig zu lesende Krimi macht den Leser auf unterhaltsame Weise mit dem sizilianischen Alltag bekannt, wie er sich der Polizei darstellt: Mafiabandenkriege, Morde, Intrigen und Korruption, durchgedrehte Rentner, unschuldige Attentatsopfer und vieles mehr. Ein menschliches Panorama, beobachtet mit dem scharfen Blick der Erfahrung und des Mitfühlens.

Dabei kommt jedoch die Spannung keineswegs zu kurz. Baustein für Baustein setzt der attraktive und intelligente Commissario die Kette der Zusammenhänge zusammen, die den Eindruck vermitteln sollen, das Opfer sei von alleine gestorben. Dumm nur, dass es schon lange tot gewesen war, bevor es den „Tatort“ erreicht hatte. Und welche Rolle eine gewisse hochgewachsene Schwedin namens Ingrid spielen sollte, wird ihm auch bald klar. Die ganze Sache ist höchst politisch, doch Montalbano beweist Fingerspitzengefühl.

_Das Hörspiel_

Die Sprecher sind wieder die gleichen wie bei allen Camilleri-Hörspielen und von professioneller Qualität. Hier gibt’s nichts auszusetzen, genausowenig an dem Einsatz von Geräuschen usw. Lediglich die Hintergrundmusik besteht aus dem nervenden Jazz-Gedudel Henrik Albrechts, das in den jüngeren Camilleri-Produktionen zum Glück ersetzt wurde.

Was an der Bearbeitung auffällt, sind erstens die zahlreichen witzigen Pointen und zweitens die drastischen Äußerungen, zu denen sich der Commissario hinreißen lässt und die weit unter die Gürtellinie zielen. Das dürfte zu einige hochgezogenen Augenbrauen bei den Zuhörerinnen führen.

_Unterm Strich_

„Die Form des Wassers“ verlangt zwar große Aufmerksamkeit beim Zuhören, doch der Zuhörer wird mit vielen witzigen Situationen belohnt. Besonders auf den Gerichtsmediziner hat es Salvo Montalbano abgesehen, weil der sofort alles ausplaudert, selbst wenn er hoch und heilig Stillschweigen geschworen hat. Dies nützt Salvo listig aus, um den politischen Gegner aufs Kreuz zu legen. (Polizeiarbeit ist in Sizilien immer politisch.)

Und einen Dauer-Gag bilden Assistent Gallos miserable Fahrkünste sowie die Tatsache, dass Gallo nie lernt, dass in Italien das Reifenaufschlitzen ein Volkssport ist. Außerdem ist Inspektorin Anna Ferrara hinter Salvo her. Leider versteht sie die Anwesenheit von Ingrid der Schwedin in Salvos Schlafzimmer miss…

Abgesehen davon ist „Die Form des Wassers“ eine ordentlich spannende Episode im Leben des Commissario Montalbano.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Uta-Maria Heim – Das Rattenprinzip

Ein Wendeporträt: Ermittlung im Stuttgarter Misthaufen

Eine Mordserie erschüttert den Stuttgarter Norden im Jahr 1990. Lokaljournalist Udo Winterhalter ermittelt in einem Sumpf aus Kulturmanipulation und Kritikerbestechung. Einer dieser Kritker, sein Kollege Leif Götzberg, ist nach einem Theaterbesuch tot: in eine Mauer gerast. Seltsamerweise stirbt kurz danach auch Götzbergs Freundin Yasmina Finke, die auch das Theater besuchte. Und der Kieferorthopäde und Buchautor Dr. Martin Koneffke, der Götzberg schmierte, verschob Geld – an wen, für was? Udo Winterhalter ermittelt schneller, als die Polizei glauben mag …

Die Autorin

Uta-Maria Heim, geboren 1963 in Schramberg, Schwarzwald, lebt als Dramaturgin und Autorin in Baden-Baden. Sie schrieb zahlreiche Romane, Krimis, Hörspiele und Features. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen wie den Deutschen Krimi-Preis, den Förderpreis Literatur des Kunstpreises Berlin und den Friedrich Glauser Preis. „Das Rattenprinzip“ war ihr erster Roman und Krimi. Er erschien erstmals 1991 bei Rowohlt und avancierte schnell zum sogenannten „Kultbuch“. Die Fortsetzung von 2009 trägt den Titel „Wespennest“.

Romane und Erzählungen

1990 Vergelt’s Gott: Schwarzwälder Novellen (Erzählungen, Schlack, Stuttgart)
1991 Das Rattenprinzip (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43013-4, Neuauflage 1992
1992 Der harte Kern (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43045-2
1993 Die Kakerlakenstadt (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43068-1
1993 Die Widersacherin (Roman, Nagel und Kimche, Zürich und Frauenfeld). ISBN 3-312-00190-0
1994 Der Wüstenfuchs (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43110-6
1994 Die Wut der Weibchen (Kriminal-Stories, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43143-2
1995 Bullenhitze (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43176-9
1996 Durchkommen (Roman, Kiepenheuer, Leipzig). ISBN 3-378-00592-0
1996 Die Zecke (Kriminalroman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-43237-4
1998 Sturzflug (Kriminalroman, Hamburger Abendblatt, Hamburg). ISBN 3-921305-42-X
1999 Engelchens Ende (Roman, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-26150-2
2000 Glücklich ist, wer nicht vergißt (Roman, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-22938-2
2000 Ihr Zweites Gesicht (Roman, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg). ISBN 3-499-26218-5
2002 Ruth sucht Ruth (Roman, Berlin-Verlag, Berlin). ISBN 3-442-76023-2
2002 Schwesterkuß (Roman, Berlin-Verlag, Berlin). ISBN 3-442-76052-6
2006 Dreckskind (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 3-89977-661-5
2007 Totschweigen (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 3-89977-704-2
2008 Das Rattenprinzip (Kriminalroman, überarbeitete Neuauflage von 1992, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-89977-745-1, Neuauflage 2009.[1][2][3]
2009 Wespennest (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-89977-809-0[2][4]
2010 Totenkuss (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-8392-1059-8
2011 Feierabend (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch), ISBN 978-3-8392-1178-6
2013 Wem sonst als Dir. (Roman, Klöpfer & Meyer, Tübingen), ISBN 978-3-86351-064-0[5]
2016 Heimstadt muss sterben (Roman, Klöpfer & Meyer, Tübingen). ISBN 978-3-86351-413-6
2017 Toskanische Beichte (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-8392-2125-9
2018 Toskanisches Feuer (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-8392-2348-2
2019 Toskanisches Blut (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-8392-2488-5
2020 Toskanisches Erbe (Kriminalroman, Gmeiner, Meßkirch). ISBN 978-3-8392-2765-7

Handlung

PROLOG

Claudi Roth, jetzt verheiratet mit zwei Kindern, erhält nach 15 Jahren ungebetenen Besuch von „Ossi“ Oswald, ehemals Kommissar in Stuttgart. Ungute Erinnerungen an jene Zeit werden wach, an die Sache mit Udo. Oswald ermittelt immer noch, sagt er. Er will einen Blick in die Werkstatt ihres Vaters werfen. Vater Karl Roth, von allen der Rote Karle genannt, war ein Kommunist. Wer weiß, wozu er im Stande gewesen ist …

Anno 1990

Es ist kurz vor Ostern, als Udo Winterhalter, frisch gebackener Chef der Lokalredaktion des „Stuttgarter Tagblatts“ (fiktiv) mit seiner Freundin Claudi Roth das Kleintheater „Die Wespe“ in Stuttgart besucht. Es ist eines der letzten Kleintheater der Landeshauptstadt, den anderen wurden die Subventionen gestrichen. Das Stück präsentiert Hölderlin-Gedichte, die Claudi und Udo zu Herzen gehen, denn sie handeln von ihrem Ländle, zwischen Schwarzwald, Bodensee und Neckar.

Doch auch die Besucher sind wichtig. Da ist Udos Kollege Leif Götzberg mit seiner blonden Freundin Yasmina Finke, und da ist Häffner vom Feuilleton sowie Dr. Martin Koneffke, gönnerhafter Buchautor, Kunstmagazinherausgeber und Kieferorthopäde. Wenig später erfährt Udo, dass Koneffke sowohl Götzberg als auch Häffner mit hohen Beträgen geschmiert hat, das Theaterstück vorab über den grünen Klee zu loben. Häffner hat danach Gelegenheit, das Stück in seiner Tageszeitung zu verreißen – ausgleichende Gerechtigkeit oder Schizophrenie des Gewerbes?

Am Tag danach dann die Nachricht, die Udo wie ein Blitz rührt: Götzberg ist mit seinem Wagen ungebremst (!) in eine Mauer gefahren, nur wenige Stäffele (Treppen) vom Zeitungshaus entfernt. Offenbar Selbstmord, glaubt Udos Kumpel, Kommissar „Ossi“ Oswald. Blödsinn, meint Udo, der Götzberg hatte Erfolg. Also ein Unfall? Götzberg kannte die Kurve wie seine Westentasche. Also was jetzt?

In der Nacht darauf stirbt Yasmina Finke, Götzbergs Freundin, erstochen mit einem spitzen Gegenstand. Was wusste sie? Womöglich zu viel über Koneffkes Machenschaften? Von der Leiterin des Literarischen Zentrums, Brigitte Heckmann, erfährt Udo, dass Koneffkes Magazin von der Pressestelle des Autokonzerns Schwäbische Motoren Werke SWM (fiktiv) gesponsert worden sei. Diese Pressestelle habe auch dem Literarischen Zentrum Geld angeboten, immerhin 50 Riesen. Der Vorstand sei darob gespalten. Und wenig später kommt es zum Verrat: Die Verlockung dieser Summe ist zu groß.

Udo schreibt an einer Enthüllungsstory „Das Maffiäle“, doch sein Chefredakteur will mehr Beweise sehen. Claudi weist ihn auf die elementare Frage hin, die ihr Vater gestellt hätte: „Wem nützt das?“ In der Tat: wem? Und wozu? Udo sollte die Antwort besser schneller finden, denn wenn er weiter so stänkert und enthüllt, gerät er schnell selbst ins Visier …

Mein Eindruck

Dies ist ein Krimi, der im Schwabenland handelt, wie man es sich auswärts vorstellt. Doch das ist nur zur Hälfte richtig, denn neben dem Schauplatz Stuttgart, das nach allgemeiner Ansicht in Schwaben liegt, spielt die andere Hälfte des Romans in Udos und Claudis Heimat, im schwarzwälder Mariabronn, und dort spricht man alemannisch. Mit Schwäbisch könnte man hier noch halbwegs durchkommen, aber Kenntnisse des Schwyzerdütschen sind ebenfalls hilfreich, um beispielsweise das Wort „gsi“ (= gewesen) zu verstehen. Aus diesen unterschiedlichen Lokalitäten, Mentalitäten und Sprechweisen ergeben sich reizvolle Kontraste, die die Autorin gewinnbringend auszunutzen weiß.

Schwaben und SMW

Zwei, drei Dinge sollte man nämlich in diesem Buch über das Schwabenland lernen, falls man es nicht schon vorher sonnenklar gesehen hat: „Schwabenland = Autoland“. Und: „Wenn der Daimler hustet, kriegt Stuttgart eine Lungenentzündung.“ Will heißen: Wenn die Autobauer von Mercedes-Benz schlechte Zahlen schreiben, dann kassiert die Region Stuttgart weniger Gewerbesteuer und kann somit weniger investieren. Sindelfingen, einer der Mercedes-Produktionsstandorte hier in meiner Nähe, war mal in den achtziger, neunziger Jahren die reichste Gemeinde Deutschlands, nicht ohne Grund. Das Werk dort erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer, ebenso das in Untertürkheim. Von Porsche wollen wir gar nicht erst anfangen. Zusammen bilden sie die fiktiven „Schwäbischen Motoren Werke“ SMW (analog zu BMW).

Armer Irrer

Und mit denen legt sich unser Udole jetzt an. Ist er noch bei Sinnen? Nein, natürlich nicht, denn er ist ein armer Narr, der (noch) nicht weiß, was er tut bzw. wer mit ihm Schlitten fährt. Aber im Zuge seiner Ermittlungen, die er zusammen mit dem schlauen und zwielichtigen ehemaligen Verfassungsschützer „Ossi“ Oswald durchführt, stößt er auf einen Sumpf aus Kulturpolitik, die zugleich Industriepolitik ist. Das kann der Lokaljournalist Udo erst einmal nicht glauben. Kultur, die von der Industrie gelenkt wird? Wozu das denn?

Einfache Frage: Wem nützt das auf welche Weise? Anhand des fiktiven Kulturmagazins ARTemis zeigt die Autorin, wie die Pressestelle der SMW Geld zuschießt, um ihr genehme Artikel zu lancieren, die von geschmierten Journalisten verfasst werden. Dass diese Skribenten zugleich auch für die maßgebliche Tageszeitung, das (fiktive) „Stuttgarter Tagblatt“ (unschwer als „Stuttgarter Zeitung + Stuttgarter Nachrichten“ zu entziffern) schreiben und dort in Lohn und Brot stehen, ist eine Erscheinung des Sumpfes. Diese Skribenten bereiten den Boden für das Automobil als unverzichtbares Vehikel des gebildeten Bürgers. Und Wehe dem, der nicht das heiligs Blechle als Wirtschaftsfaktor verehrt und ihm huldigt! Dem geht es so wie Götzberg und den späteren Opfern. Auch Udo kann sich die Finger verbrennen.

Udo schlackert mit den Ohren, als er sich mit der Leiterin des Literaturzentrums einlässt, seine Claudi betrügt und sich diese Brigitte Heckmann schlussendlich als bezahlte Komplizin von SWM und Konsorten entpuppt. (Herrliche Szene: Die Kripo in der ersten Reihe bei einer Dichterlesung!) Das bricht ihm nun wirklich das Herz, so dass er erst nach Rom düst und dann wieder in der Heimat landet. Hier war beider Zeitung der King und hatte alle Chancen, doch Claudi will er trotzdem nicht heiraten, weiß der Geier warum.

Kommunisten

Vielleicht liegt es an Claudis grantigem Vater, dem kommunistischen Roten Karle, dass es ihm im Rothschen Haushalt nicht so recht gemütlich werden will. Der Karle von der 1956 verbotenen DKP wettert mit seinen Marx/Engels-Sprüchen gegen das Kapital, seine Druckmittel, die Ausbeuter usw. Dabei weigert er sich selbst, seine Produktionsmittel konkurrenzfähig zu machen und beutet lieber seine Familie aus. Es sind seine drei Kinder, die ihn „verraten“, wenn man so will. Die zwei Söhne kaufen eine neue, konkurrenzfähige Maschine, wie sie der Wettbewerber Stump besitzt, und Claudi erpresst die Gattin von Stump dahingehend, dass Stump die Lieferung drei Wochen lang einstellt. Es hängt eben alles zusammen: Das Geheimnis um die Vergewaltigung der Marianne Stump durch ihren debilen Bruder Heinz ist ebenso ein Druckmittel wie alles andere, das sich etwa die SMW einfallen lassen würde. Unschuld vom Lande? Gang mer fort!

Udo, vom Karle entsprechend erleuchtet, erklärt auch kurz und bündig das titelgebende Rattenprinip: „Wer pariert (= gehorcht), dem wird’s in den Rachen geschoben (der wird ordentlich gefüttert)!“ (Seite 128) Und weil der Karle kein Blatt vor den Mund nimmt, ruft er auch mehr als einmal „Scheißdreck!“.

Dialekt

Womit wir beim Dialekt wären, der einen Großteil der speziellen Sprachform dieses Krimis bestimmt. Die zwei Dialekte des Schwäbischen und des Alemannischen bestimmen wahrscheinlich auch, warum dieser Krimi zu einem „Kultbuch“ geworden ist: Nur ganz bestimmte Leute können es überhaupt zur Gänze verstehen und finden sich dementsprechend wieder, als ginge es um sie selbst. Insofern könnte man das Buch sogar als Schlüsselroman lesen – ein pikanter Reiz für die Eingeweihten jener Zeit um 1990.

Wer nun fürchtet, vor lauter Dialekt nichts mehr zu kapieren, der sei beruhigt. Die Autorin oder der Verlag oder beide sind einen Kompromiss zwischen Total-Dialekt als authentische Variante und Total-Hochdeutsch als maximalverständliche Variante eingegangen. Den Puristen behagt der Kompromiss sicher nicht, aber dafür ist die Leserschaft jenseits der Schwaben größer, ohne dass das berühmt-berüchtigte „Lokalkolorit“ verleugnet wird. In manchen Dialogen fangen die Figuren mit Dialekt an und sprechen nach zwei, drei Sätzen hochdeutsch weiter. Das sieht zwar etwas merkwürdig aus, ist aber umso lesbarer. Ein Konstrukt wie „Stuegert“ ist typisch, und es dreht einem Schwaben den Magen um. Da es sich um einen europäischen Roman handelt, sind auch Schwyzerdütsch und Italienisch vertreten.

Ich hatte mit keinem der Dialekte Probleme außer dem Alemannischen. Was ein „Daudel“ ist, konnte ich noch aus dem Kontext erschließen (ein Trottel), aber was „drimmelig“ sein soll, rätsele ich immer noch. Vielleicht „verträumt“? Wer weiß. Fußnoten und Glossar fehlen, doch sie hätten auch etwas seltsam ausgesehen, so als hätte die Autorin vorgehabt, ihren Schwabenkrimi zu einem Exportschlager zu machen. Dieses Vorgehen ist der Automafia vorbehalten.

Erzählstil

Von der ersten Zeile an hat mich der Erzählstil fasziniert. Alle Sätze sind ziemlich kurz und in ihrem Satzbau sehr einfach gehalten. Das hat nichts mit der Maulfaulheit von Schwaben zu tun, sondern mit dem Darstellungsstill. Jeder Satz setzt wie in einem Bild einen Farbtupfer, und erst wenn der Leser mehrere Farbtupfer zusammensetzt, ergibt sich das angedeutete Bild. Nun sind diese Sätze aber recht skurril, selbst dann, wenn sie nicht im Dialekt daherkommen. Manchmal handelt es sich nur um Gedankenfetzen, die Udo und Claudi durch den Sinn gehen. Auf diese Weise kann die Autorin Innenwelt und Außenwelt fließend ineinander übergehen lassen. Die Außenwelt ist immer eine beobachtete, also interpretierte, und wird so zu einer Ebene der Innenwelt.

Dadurch kommen recht lustige, skurrile, wenn nicht sogar bizarre Ergebnisse zu Stande. Einer dieser Beobachter ist nämlich ein Tier. Claudis Langhaardackel Maier hat immer wieder Auftritte im Buch und wir erleben seine Umgebung nur durch seine Augen und Nase, also als Hell-Dunkel-Kontrast oder Rot vs. Weiß usw. Maier fungiert sowohl als Joker wie als Gegenbild zu den seltsamen Menschenwesen, aber er spielt auch eine ganz entscheidende Rolle bei der Aufklärung des Mordfalles Yasmina Finke. Da tun sich Abgründe auf – von wegen Unschuld vom Lande! Das Land kann auch Bigotterie aufweisen, die sich mit tödlicher Konsequenz zeigt.

Dialektik _(SPOILER!)

Wie sehr die Industrie in Gestalt der SMW-Pressestelle die Kulturszene manipuliert und mit welchem Ziel sie dies tut, erkennt Udo in der theoretischsten Passage des Buches zwischen Seite 124 und 129. Ein komplettes Zitat wäre sinnlos und zu lang, aber zwei Passagen sollen die Intelligenz hinter dieser Stelle beleuchten.

Udo sitzt im Theater und wundert sich. „Wem nützt das, dachte er. Er verstand nichts vom Theater, aber er begriff mit einem Schlag, dass die Bosheit von Kresniks Inszenierung, die sich an der Verblödung der Massen ergötzte, nicht die andern meinte, nicht das dumpfe Volk draußen, sondern die Besseren hier drin im Theater. Die Symbole der geistigen Verelendung wurden vorgeführt, Boris [Becker] und Daimler, der Medienterror schlug denen ins Gesicht zurück, die ihn für das Volk inszenierten: den Bildungsbürgern. Sie verachteten das Volk, sie gaben ihm Dummheit zu fressen, und das Volk rächte sich, indem es ihnen die Dummheit vor die Füße kotzte. Dass sich das Stück gegen die selbstverantwortete Verdummung der Massen richtete, bewirkte Abwehr, und Abwehr bewirkte Beifall.“ (S. 124)

Fünf Seiten später auf Seite 129 heißt es: „Udo war verwirrt. Er hatte immer gedacht, Gleichschaltung bedeutet, dass man das Subversive ausmerzt. Und das Subversive ist immer das Kritische. Jetzt sah er, dass es grad andersrum war. Die Bosse waren schlauer. Mit dem Skandal erkauften sie sich jene Selbstliebe, die das liberale Bürgertum zum Funktionieren brauchte.“ Und die Liberalen stammen, wie man weiß, vor allem aus Baden-Württemberg …

Immer wieder finden sich solche Dreisprünge der Dialektik des Materialismus, für die Marx, Engels, Lenin und viele andere stehen. Die Dialektik bringt nicht nur interessante Ergebnisse hervor, sie ist auch der Ansatz für die Kritik am schwäbischen System der Bildungsbürger und Autobosse. Sobald Udo die Dialektik anwendet, zuerst im Theater, gelangt er endlich zur Erkenntnis seiner eigenen Rolle als Chef der Lokalredaktion: Herausgeber und Chefredakteur haben einen Deppen vom Land gesucht und ihn gefunden. Er dachte, er würde Wunder was in Stuttgart bewirken, dabei sollte er bloß der Idiot vom Dienst sein, der nix kapiert. Da haben sich seine Chefs aber geschnitten!

Unterm Strich

1990 ereignete sich die ostwestdeutsche Wende, nicht bloß in der Hochpolitik, sondern auch ganz unten im Volk. Die Schwaben sehen sich in einem geistigen Umschwung mitgenommen, den noch kaum einer registriert. Während in den Achtzigern noch AKW-Gegner und Pazifisten die Menschenkette bildeten, gehen jetzt die Feministinnen mit Plakaten auf Beerdigungen. Die Technologie siegt, und große Autokonzerne sponsern die Kulturszene mundtot, bis auch der letzte Bildungsbürger kapiert hat, dass am heiligs Blechle alles hängt und alles zu ihm drängt, als wär’s eitel Gold. Und der Verfassungsschutz, vertreten durch seinen ehemaligen Mitarbeiter „Ossi“ Oswald, jetzt Hauptkommissar, sorgt für die rechte (!) Gesinnung.

Schon wird die beginnende Konkurrenz aus dem „Ostblock“ und die Globalisierung selbst draußen auf dem Land in Mariabronn spürbar, dann können die kleinen Meisterbetriebe dicht machen. Udo, der Lokaljournalist, ermittelt im Stuttgarter Sumpf und gerät um ein Haar unter die Räder. Erst in Rom kommt er wieder zur Besinnung, denn dorthin führen bekanntlich alle Wege.

In der Heimat, so der hinterlistige Witz der Geschichte, klärt er einen Mord auf, der in Stuttgart passierte. Die Handlung schlingert am Schluss assoziativ vor sich hin, scheinbar ziellos, und man kann dies für eine Schwäche halten. Manchmal fördert aber das Ziellose das eigentliche Ergebnis zu Tage, so wie es Maier, der Dackel, mit einem Stöckelschuh in einem Misthaufen tut. Ein Bild, das Bände spricht.

Ich fand die Lektüre äußerst kurzweilig und interessant, außerdem fühlte ich mich köstlich amüsiert. Die Sprache, die Figurenzeichnung, die ironische Brechung der Kontraste – das verrät schon einen Routinier. Nur bei der Handlungsführung und dem offenen Schluss müsste ich Abstriche machen. Dialekt sollte man allerdings schon verstehen: Schwäbisch, Alemannisch usw.
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-13: 9783899777451

www.Gmeiner-Verlag.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Maj Sjöwall / Per Wahlöö – Terroristen (Martin Beck ermittelt 10)

Beim Besuch eines amerikanischen Senators in der schwedischen Hauptstadt muss die Reichspolizei eine spezielle Antiterroreinheit bilden. Internationale Terroristen der ULAG bereiten laut CIA einen Anschlag vor. Kommissar Martin Beck muss alle Hebel in Bewegung setzen, um das Bombenattentat zu vereiteln. Doch auch die besten Pläne haben oft einen Makel, wenn die Planenden einen blinden Fleck besitzen, von dem sie nichts ahnen.

Die Autoren

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt. „Die Terroristen“ wurde im Todesjahr von Per Wahlöö 1975 veröffentlicht. Der Roman sorgte Jahre nach seinem Erscheinen für Aufregung, als 1986 der schwedische Ministerpräsident Olof Palme ermordet wurde. Es entstand der Eindruck, als habe das Buch dieses traurige Ereignis vorhergesagt.

|Die Sprecher / Produktion|

1979 produzierte der WDR zusammen mit dem SWR dieses Hörspiel in der Bearbeitung von Walter Adler (u. a. [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 ) und unter der Regie von Klaus Wirbitzky. Zu der Starbesetzung gehören:

Charles Wirths als: Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision
Horst Frank als: Gunvald Larsson
Gert Haucke als: Malm
Charles Brauer als: Skakke (wichtig im Showdown)
Christian Brückner (Stimme von u. a. Robert de Niro) als: Rönn (Sondereinsatzkommandochef)
Manfred Seipold als: Reinhard Heydt, der Kopf der Terroristen in Stockholm
… und andere, so etwa Achim Strietzel.

_Handlung_

Die Story verschlingt zwei separate Stränge, so dass man leicht Gefahr läuft, den jeweils kleineren aus dem Blick zu verlieren.

Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision der Rikspolis in Stockholm, bekommt die Aufgabe übertragen, den Besuch eines US-Senators, der in einigen Monaten die Hauptstadt besuchen will, sicherheitstechnisch zu übernehmen. Doch Anfang der siebziger Jahre führen die USA noch Krieg in Südostasien und die Studenten gehen deswegen überall in Europa auf die Barrikaden. Man rechnet mit Zusammenstößen und Übergriffen. Na prächtig, denkt sich Beck.

Unterdessen wird sein Kollege Gunvald Larsson, Inspektor beim Dezernat für Gewaltverbrechen, nach Mexiko als Sicherheitsberater abkommandiert, um im Juni 1974 den Besuch eines Präsidenten und dessen Wagenkolonne zu schützen. Da dies gründlich schiefgeht, weil die Präsidentenkarosse mit Donnerschlag in die Luft fliegt, freut sich Beck schon begierig auf die Zusammenarbeit mit diesem Versager.

Er wird anstelle von Larsson zum Kopf eines operativen Kommandos zum Schutz des US-Senators befördert. Während Beck die Kontrolle über den Fernschutz behält, muss er den Nahschutz einem Mann namens Möller von der Sicherheitspolizei übergeben, der mehr von linken Spionen und Extremisten versteht als von Terroristen.

Denn Terroristen sind wirklich auf dem Weg in die schwedische Hauptstadt, wie Becks Einheit von der CIA erfährt. Die Organisation „ULAG“, die weltweit Anschläge auf Amerikaner verübt, hat vier Männer in Marsch gesetzt: einen Franzosen, zwei Japaner und den Kopf der Zelle, den südafrikanischen Ex-Söldner Reinhard Heydt. Sie besorgen sich als erstes Pläne vom Untergrund strategisch wichtiger Plätze in Stockholm. Dort wollen sie an Gasleitungen oder ähnlichem ihre Sprengsätze platzieren und per Funk fernzünden.

|Zwischenspiel.|

Rebecca Lindhs Leben ist vollends den Bach runtergegangen, seitdem sie von einem amerikanischen Soldaten ein Kind bekommen, ihn aber verloren hat. Obwohl Jim Cosgrove als Deserteur mit Sanktionen zu rechnen hat, fliegt er zurück in die Staaten, die weltfremde Rebecca zurücklassend. Auf Briefe an seine Eltern erhält sie erst sehr spät Antwort: Jim sei im Gefängnis, nachdem man ihn verhaftet habe. Rebecca Lindh weiß nun, wer schuld ist an ihrem verpfuschten Leben: die amerikanische Regierung. Und sie gedenkt etwas dagegen zu unternehmen.

|Unterdessen …|

… begeht Reinhard Heydt, Topterrorist, einen winzigen Fehler. In einer Bar gabelt er eine junge Frau auf, die als Polizeianwärterin arbeitet. Sie verbringen die Nacht zusammen, doch Ruth Salomonsen kennt auch Kommissar Beck. So kommt Becks Antiterroreinheit den ULAG-Leuten auf die Spur und rückt ihnen schließlich auf den Pelz. Beck hat auch eine geniale Idee, wie er den Bombenlegern ein Schnippchen schlagen kann.

Dann ist der entscheidende Tag da. Becks Plan scheint aufzugehen, doch mit Rebecca Lindh hat niemand gerechnet.

_Mein Eindruck_

Die Terroristengruppe ULAG, die weltweit operiert und unterschiedlichste Angehörigen zählt, erinnert heute fatal an Osama Bin-Ladens in Zellen aufgebaute Organisation Al-Kaida. Mit einem wichtigen Unterschied: Es gibt keine religiöse Motivation für die Mitglieder und ihre Taten. Verantwortlich dafür sind lediglich der Hass auf die Amerikaner und die Israelis („Zionisten“). Dass genau der gleiche Hass aber auch quasi an der Heimatfront entstehen kann – und zwar nicht von maoistischen Splittergruppen wie in Liza Marklunds neuem Roman [„Der rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 -, kann nicht in das Kalkül von Antiterroreinheiten wie die von Beck eingehen. Es ist ein blinder Fleck, der auch prompt zu einer Katastrophe führt.

Der gesamten Geschichte merkt man an, wie genau und detailliert die beiden erfolgreichen Autoren recherchiert haben müssen. Die Organisation der Sicherheitskräfte ist authentisch abgebildet, das Vorgehen der Terroristen aber auch. Lediglich im doppelten Showdown spielen denn doch ein wenig Heldentum und Glück mit, um den Erfolg Becks komplett zu machen. Nun ja, soviel Freiheit darf sich die Literatur wohl herausnehmen. Immerhin gibt es beim zweiten Finale auch Opfer unter den Mannen Becks.

Der Topterrorist Heydt kam mir ein wenig sentimental vor, wenn man ihn mit heutigen Terroristen vergleicht. Er lässt sich mit einer „Zivilistin“ ein (Frauen, Kinder, Greise werden im Jargon alle als „Zivilisten“ bezeichnet), und er weigert sich, den Tod einer Frau in Kauf zu nehmen, obwohl der Schuss Beck erfolgreich treffen könnte. Ob dies Mangel an Realismus oder Vorstellungsvermögen seitens der beiden Autoren verrät oder nur eine gewisse Rücksichtnahme gegenüber dem Lesepublikum, wer kann das heute noch beurteilen?

|Die Sprecher / Produktion|

Es stellt sich als sehr nützlich heraus, das Hörbuch zwei- oder mehrmals anzuhören (oder gleich das |Rowohlt|-Buch zu lesen), denn die schiere Anzahl der beteiligten Figuren trägt zunächst einmal zur Verwirrung des Hörers bei. Beim ersten Hören ist man stark damit beschäftigt, die Struktur der drei Handlungsstränge (um Beck, Heydt, Lindh) auseinanderzuklamüsern, bevor man sich mit dem Verhalten der einzelnen Figuren sowie ihren Sätzen näher beschäftigt.

Die Handlung wurde für das Hörbuch auf das Notwendigste gekürzt, und da kann schon mal der eine oder andere Zusammenhang verloren gehen. Mir sind aber keine gravierenden Fehler aufgefallen. Man braucht sich einfach nur an bestimmte Besuche von US-Präsidenten etc. zu erinnern, um sich den D-Day des Senatorenbesuchs, der hier geschildert wird, lebhaft vorstellen zu können. Und dies war wie gesagt bereits 1974.

Die Sprecher machen einen ausgezeichneten Job. Alle scheinen ihren Text aus dem Effeff zu beherrschen, so dass sich die Aufmerksamkeit ganz auf die Intonation richten kann. Es ist schon faszinierend, wenn Christian Brückner seine De-Niro-Stimme erklingen lässt. Ich kann ihn mir lebhaft als Figur in einem SEK-Outfit vorstellen, wie er sein Bombenentschärfungskommando dirigiert oder seinem Chef, Beck, Bericht erstattet.

Eindeutig zu kurz kommen eigentlich nur weibliche Sprechrollen. Aber das muss nicht unbedingt am Hörspielskript liegen. Dafür kann auch die literarische Vorlage verantwortlich sein.

|Musik & Geräusche|

Im Vergleich zu gewissen anderen Hörspielen aus den siebziger Jahren ist „Die Terroristen“ mit einer voll ausgebauten, komplett repräsentativen Hintergrund- und Pausenmusik ausgestattet. Hier macht sich die gute finanzielle Situation beim WDR positiv bemerkbar. Die Musik von Hans-Martin Majewski ist sehr abwechslungsreich und passt sich der jeweiligen Situation mit einem Stilwechsel optimal an.

Es gibt nicht allzu viele Geräusche im Hörspiel. Sie sollen offensichtlich nicht vom Text ablenken. Doch an bestimmten Stellen sind Geräusche unerlässlich, so etwa im Prolog, als eine Explosion ertönt. Und ganz sicher bei den zwei Schusswechseln mit den Terroristen. Leider nehmen sich die zu hörenden Schüsse aus wie feuchte Knallfrösche. Vielleicht wollte man das Gehör der Zuhörer nicht schädigen? Da bietet das Mankell-Hörspiel [„Die Pyramide“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (2004) doch wesentlich kraftvolleren bzw. realistischeren Sound.

_Unterm Strich_

Dieser Thriller braucht sich hinter keinem der heute veröffentlichten Schwedenkrimis zu verstecken. Die zahlreichen Fakten aus der Realität der in den Anfängen steckenden Terrorismusabwehr vermitteln ein gutes Gefühl beim Publikum, dass die beiden bekannten Autoren wussten, wovon sie schrieben. Zuweilen hat man eher den Eindruck, einem Protokoll der laufenden Ereignisse zu folgen als einer Erzählung.

Dass aufgrund des Mordes an Ministerpräsident Olof Palme dieser Roman prophetische Eigenschaften zugeschrieben bekam, verwundert nicht. Und wenn man die Pläne der weltweit operierenden Al-Kaida-Anhänger gegen England, Italien, Polen usw. berücksichtigt, so kann einem angesichts des möglichen Szenarios bange werden, ob es so ausgehen wird wie bei Sjöwall/Wahlöö.

Das Hörspiel ist eine professionelle Umsetzung des Romans, fordert den Hörer aber ungemein. Denn er muss nicht nur die Struktur dreier Handlungsstränge auf die Reihe bekommen, sondern über ein Dutzend Sprechrollen zuordnen. Daher empfiehlt es sich, das Hörspiel mehrmals zu hören – wozu sonst kann man es nun endlich auch auf CD genießen? Für spannende Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt.

|Umfang: 101 Minuten auf 2 CDs|

Ross Macdonald – Unterwegs im Leichenwagen (Lew Archer 10)

Eigentlich hatte man Privatdetektiv Lew Archer nur auf Colonel Mark Blackwells ungeliebten Schwiegersohn in spe angesetzt. Doch kaum beginnt er zu ermitteln, stößt er auf eine heiße Spur, welche über verschiedene Leichen bis nach Mexiko und zurück nach Malibu führt. Dabei kreuzt ein als Fun Cruiser genutzter Leichenwagen immer wieder Archers Weg. Sixties, Surfkultur und Generationenkonflikt sorgen für Spannungen und für Spannung.

Besonderes Schmankerl dieser Neuübersetzung ist ein Nachwort der Krimiautorin Donna Leon, die ihren Commissario Guido Brunetti schon fast 30 Fälle hat lösen lassen.
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Donna Leon – Sanft entschlafen (Lesung)

Finstere Machenschaften „heiliger“ Männer

Commissario Brunettis sechster Fall. Er hat gerade nicht viel zu tun, denn Venedig erwacht erst allmählich aus seinem Winterschlaf. Doch da beginnen die Machenschaften der Kirche sein Berufs- und Privatleben zu überschatten: Suor Immacolata, die schöne Sizilianerin und aufopfernde Altenpflegerin von Brunettis Mutter, ist nach dem unerwarteten Tod von fünf Patienten aus ihrem Orden ausgetreten. Sie hegt einen schrecklichen Verdacht, denn die Verblichenen haben zuvor ihr gesamtes Vermögen der Kirche vermacht. Wird Brunettis Mutter das nächste Opfer sein? Brunetti stößt auf einen zwielichtigen Geheimorden.
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Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta (Lesung)

In einem Waffenversteck der sizilianischen Mafia findet Commissario Montalbano eine unheimliche Szene: ein eng umschlungenes Paar Leichen, bewacht von einem Hund aus Terrakotta.

Des Rätsels Lösung war bereits einmal im deutschen Fernsehen zu erfahren. Wer den Film verpasst hat, kann die Lösung in diesem Hörspiel herausfinden.

Der Autor

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Håkan Nesser – Der Kommissar und das Schweigen (Van Veeteren 5)

Die Erotik hinter den Mauern

Ein neuer Fall für Hauptkommissar Van Veeteren: Zwei Mädchen aus einem Ferienlager verschwinden spurlos und werden wenig später tot aufgefunden. Steckt ein obskurer Sektenführer hinter den Morden? Oder hat man es mit einem unbekannten Psychopathen zu tun? Vor allem aber: Kann Van Veeteren ihn stoppen, bevor er ein weiteres Mal zuschlägt? (Verlagsinfo)
Håkan Nesser – Der Kommissar und das Schweigen (Van Veeteren 5) weiterlesen

David Baldacci – Das Geschenk (Lesung)

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Anne Holt – Der norwegische Gast (Lesung)

Klassische Vorbilder: der Ermittler im Rollstuhl

Im norwegischen Bergdorf Finse sind wegen eines Schneesturms die Passagiere eines Zuges eingesperrt, unter ihnen die Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen. Der Zug ist entgleist, an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Da geschieht ein brutaler Mord – ein aus dem Fernsehen bekannter Pastor liegt erschossen in seinem Blut. Doch als Hanne einen Zeugen gefunden zu haben glaubt, wird auch dieser ermordet. Und das ist noch nicht alles …

Die Autorin

Anne Holt, 1958 geboren in Larvik, wuchs in Norwegen und den USA auf. Als freie Autorin lebt sie heute in Oslo und Südfrankreich. Mit ihren 13 Krimis gehört sie zu den wenigen skandinavischen Autoren, deren Bücher weltweit gelesen werden und sich über vier Millionen Mal verkauften. Zuletzt erschienen von ihr auf Deutsch „Die Präsidentin“ und „Der norwegische Gast“. (abgewandelte Verlagsinfo 2008)

Mehr von Anne Holt auf |Buchwurm.info|:

[„Die Wahrheit dahinter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1523
[„Was niemals geschah“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1971
[„Der norwegische Gast“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5168

Die Sprecherin

Ulrike Grote spielte nach ihrer Schauspielausbildung an renommierten Theaterbühnen und war in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. im „Tatort“. Seit 2004 arbeitet sie auch als Regisseurin, ihr Kurzfilm „Ausreißer“ war für den OSCAR nominiert.

Regie führte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, Gabriele Kreis. Grote liest eine gekürzte Fassung.

Handlung

Der Zug nach Bergen entgleist vor einem Tunnel wegen einer Schneewehe. Die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich nach einem Moment der Bewusstlosigkeit mit einem Baby im Arm neben den Gleisen wieder. Die Mutter grabscht sich das rosafarbene Bündel. Es herrschen 20 Grad unter Null, Schnee treibt in dicken Flocken. Die Retter fluchen und versuchen Hilfe aus einem nahen Berghotel in dem Dorf Finse zu holen. Einer der Retter weist auf Hannes Wade: Ein Skistock hat sich hindurchgebohrt, ohne dass sie etwas davon spürte. Sie ist seit einer verirrten Kugel, die sie sich vor fünf Jahren im Dienst einfing, querschnittsgelähmt. Hanne ist auf der Fahrt zu einem Rückgratspezialisten gewesen.

Im Berghotel Finse finden die acht Ärzte, die unterwegs zu einem Kongress waren, jede Menge Arbeit. Hanne wird von einem Zwerg behandelt, der sich als Magnus Streng vorstellt. Er unterstützt Hannes Bitte, dass einer der Retter ihren Rollstuhl vom Zug holt. Hanne robbt zum Tresen, der Hotelrezeption, wo sie der Ansprache eines Fettsacks lauscht, den sie aus dem Fernsehen kennt: Pastor Kato Hammer. Er bittet die fast 200 Anwesenden, für den Zugführer Einar Hultas zu beten, der beim Unglück gestorben sei. Neben Hanne flucht ein junger Mann, auf dessen EC-Karte „Adrian“ steht. Ihr fällt das mit Pistolen bewaffnete Ehepaar auf, das sie für Kurden hält. Die Pistolen halten sie versteckt. Eine Buchautorin namens Kare Tue, auch häufig im Fernsehen, schnauzt den Pfarrer an, die Klappe zu halten.

Schon bald machen Gerüchte über den letzten, außerplanmäßig angehängten Zugwaggon die Runde. Es heißt, die Kronprinzessin Mette-Marit sei an Bord gewesen. Alle seien in die Appartements des Hotels gebracht worden, wo nun Wachen stünden. Zu diesem Trakt gelangt man nur über einen alten Waggon, der die Verbindung zum Haupttrakt des Hotels bildet, in dem sich der Großteil der Fahrgäste versammelt hat. Geir Rukholmen, ein Anwalt, hat sich den Rettern angeschlossen und berichtet Hanne: Ein Schneesturm ist im Anzug, und die Temperatur ist auf 25 °C unter null gefallen. Es werde schlimm werden. Keine Chance auf Entkommen. Hanne ist klar, dass dies den mit Laptops bewaffneten Börsenkriegern nicht gefallen wird. Tatsächlich wird sogar einer von ihnen versuchen, durch den Schnee zu entkommen, und dabei umkommen.

Einer der Hunde wird eingesperrt. Erschöpft sinkt Hanne in den Schlaf. Geir Rukholmen weckt sie mitten in der Nacht. Draußen liege eine Leiche im Schnee, erschossen. Wer? Kato Hammer, der Pfarrer. Hanne ist nicht überrascht. Die Hoteldirektorin Berit Tverer hat die Leiche entdeckt und zeigt die Fotos auf ihrer Digitalkamera. Der Schuss erfolgte aus nächster Nähe ins Gesicht, das Ergebnis sieht schaurig aus. Die Leiche sei in der Küche, sagt Berit. Wohin damit? Hanne macht sich mehr Sorgen wegen des Mörders. Ach, sollen sich doch die Wachen der Royals darum kümmern, was geht sie das alles an.

Adrian, der Junge, tut ihr einen Gefallen und fertigt eine Liste mit Personen an, die er beschreiben kann. Es sind immerhin rund 50 Leute, sechs sogar namentlich. Marcus Streng, der Arzt, bittet Hanne in die Küche: Der Pastor war sein Patient. Berit erwähnt, sie habe gemessen, wie lange die Leiche gelegen habe: nur sehr kurz. Sie lässt die Leiche in den Kühlraum schaffen. Geir kehrt mit der Nachricht zurück, dass es in den Appartements keine Royals gebe, wohl aber eine bewaffnete Wache vor einem der Zimmer.

Am nächsten Morgen wundern sich die erwachenden Leute über die Abwesenheit des Pastors. Hanne fällt ein Mann in blauem Anorak auf: Ror Hansson, noch ein Pastor, aber auf Urlaub, wie er sagt. Hammer war sein Kommilitone, und Hansson weiß erstaunlicherweise, dass Hammer umgebracht wurde. Da bricht Panik aus, weil eine Falschmeldung, dass die Royal-Wachen schießen würden, wie eine Bombe einschlägt, Ein Mann namens Elias stirbt an einem Herzinfarkt, das dritte Opfer der Katastrophe. In dieser Lage kann Berit nicht anders, als den Tod von Kato Hammer bekanntzugeben und zu erklären: „Er starb an einer Hirnblutung.“ Eine glatte Lüge.

Hanne fragt Berit, wer im Zimmer mit der Wache sei. Berit berichtet von einem Anruf des norwegischen Geheimdienstes, der angeordnet habe, der letzte Wagen müsse in ein bestimmtes Zimmer evakuiert werden – aus Gründen der Staatssicherheit. Berit habe eine Telefonnummer genannt bekommen. Als Hanne diese Nummer anruft, nennt der allseits bekannte Außenminister seinen Namen, Hanne aber schweigt. Wenig später ist die Nummer „nicht mehr vergeben“. Was geht hier eigentlich vor? Ist unter den Fahrgästen etwa kein Royal, sondern ein Terrorist, der gefangengesetzt wurde?

In einer Stimmung depressiven Wartens kommt Ror Hansson wieder zu Hanne. Offenbar will er sein Herz erleichtern. Er glaubt, Kato Hammer sei wegen seiner Sünden umgebracht worden: Gier und Verrat. Er wisse, wer es gewesen sei. Gerade als er den Namen verraten will, vertreibt der junge Adrian ihn. Der schleimige Typ habe sich an Veronika, Adrians neue Freundin, heranmachen wollen, ist es zu fassen?!

Als ein Mädchen die Leiche im Kühlraum entdeckt, entsteht schon wieder Panik. Als der Sturm ein paar Fenster platzen lässt, die wie Explosionen klingen, verschärft sich die Panik. Kare Tue nutzt die verschärfte Angst ebenso aus wie ein Halbstarker, der eine Bande um sich schart, und die „Kurden“ zielen auf einen imaginären Feind. Jetzt übernimmt Hanne Wilhelmsen das Kommando, bevor alles in die Binsen geht.

Doch dann gibt es weitere Tote …

Mein Eindruck

Man sollte schon genau mitverfolgen, was Hanne beobachtet und mitgeteilt bekommt. Es sind lauter winzige Puzzleteilchen, die sie zusammensetzen muss, damit sie ein halbwegs sinnvolles Muster zu ergeben. Wie sich am Schluss herausstellt, geht es um weit mehr als nur um einen Terroristen, der vielleicht oder vielleicht nicht als Gefangener mitreist.

Die zahlreichen Beobachtungen in einer begrenzten Umgebung erinnern an etliche klassische Krimis, nicht zuletzt an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ (And then there were none), aber auch an Krimis mit Seriendetektiven wie Perry Mason und Nero Wolfe. Im Verlauf des Zwangsaufenthalts kommt Hanne einem Korruptionsskandal in der Staatskirche auf die Spur, an dem Kato Hammer und Ror Hansson beteiligt waren. Dabei gab es ein unschuldiges Opfer, das als Sündenbock verurteilt wurde. Die Gelegenheit zur Vergeltung für dieses himmelschreiende Unrecht bietet sich dem oder den Tätern in dem Berghotel von Finse.

Klassisch

Ebenso klassisch ist die Aufklärung dieses Falls. Zwei Morde werden dadurch erklärt. Niemand mag Hannes zwingend erklärte Täterermittlung glauben, zu bestürzend ist das Ergebnis, und Adrian rastet sogar aus. Die körperlich hilflose Hanne muss um ihr Leben bangen, denn da sind ja auch noch die mysteriösen Kurden mit den Bleispritzen.

Sie befindet sich in einem kuriosen Zwischenbereich der Berufstätigkeit: Sie ist nicht mehr Polizistin, aber auch noch nicht richtig Zivilistin, sondern wird zu einer Aufgabe genötigt, die eine Ermittlerin erforderlich macht. Darf sie deshalb jedoch die Wahrheit verdrehen oder verschweigen? Das ist eine knifflige moralische Frage. Doch der Status als Zivilistin bietet auch gewisse Freiheiten. Wie sich zeigt, ist sie die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man verleihe ihr einen Orden.

Windstärken

Explosionen, Schüsse – alles eingebildet, aber nicht weniger wirksam. Ansprachen, Streitigkeiten, Panik – auch dies dreht die Schraube der Anspannung weiter. Ein recht ungewöhnliches Stilmittel, um die Spannung zu steigern, bilden die Zitate aus dem Handbuch zur Beschreibung von Wetterphänomenen in den Bergen. Die Zitate stehen jedem Kapitel voran. Die Phänomene reichen vom lauen Lüftchen bis zum schweren Orkan. Während die Brise noch harmlos erscheint und als erfrischend begrüßt wird, fegt so ein schwerer Orkan schon mal das eine oder andere Haus ins Nichts.

Man kommt nicht umhin, die wachsende Windstärke, die fallenden Temperaturen, den dichteren Schneefall und die in der Kälte platzenden Fenster miteinander in Verbindung zu setzen. Es ist, als würde in einem Dampfkochtopf der Druck steigen, während sich gleichzeitig das Hotel in eine Eishölle verwandelt. Kein Wunder, dass es zu Kurzschlussreaktionen im Finse-Berghotel kommt. Die Frage lautet, ob Hanne, der einzige Ermittler vor Ort, diese Eskalation überleben wird.

Die Sprecherin

Ulrike Grote, eine erfahrene Schauspielerin, erzählt mit beherrschter, selbstbewusster Stimme. Man sich ihr anvertrauen, und schon bald verschwindet sie hinter den Figuren. So etwa dann, als Ror Hansson angstvoll und stockend sein Gewissen erleichtern will. Oder wenn Marcus Streng, der Zwerg, mit einem ungewöhnlichen, rollenden R seine Hilfsbereitschaft demonstriert, als Hanne ihre Puzzlesteinchen zusammenfügt. Einen kleinen Verdacht ob solcher Hilfsbereitschaft konnte ich allerdings nicht unterdrücken. Könnte nicht auch der Zwerg …?

Kontrastprogramm

Der Emotionalität dieser Figurendarstellung steht die Sachlichkeit entgegen, mit der die Sprecherin aus dem Handbuch über Windstärken im Gebirge zitiert. Das bildet einen sowohl reizvollen als auch notwendigen Kontrast. Denn anhand des Maßstabs der Sachlichkeit lässt sich ablesen, wie hoch die emotionalen Wogen in den erzählten Passagen bereits schlagen. Da es keinen allwissenden Erzähler gibt, der uns „objektiv“ bei der Beurteilung anleiten würde, was hier eigentlich los, müssen wir uns auf Hannes subjektive Sicht der Vorgänge verlassen. Wie sich zeigt, ist das eine gute Strategie. Wohl dem, der gut beobachten – und kombinieren – kann.

Alles klar?

Dennoch bleibt uns diese subjektive Schilderung die Erklärung schuldig, was denn bitteschön eine „Blåstür“ sein könnte. Vermutlich handelt es sich um die kleine Lobby am Haupteingang. Hoffentlich wird diese Bezeichnung wenigstens im Buch erklärt.

Unterm Strich

Beobachtungsgabe und gutes Kombinieren sind gefragt, wenn die eingepferchten Gestrandeten des Zugunglücks Mann um Mann dezimiert werden. Wer steckt hinter dieser Eliminierung, lautet die spannende Frage, die zunehmend auch eine Frage des Überlebens wird. Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich in der kuriosen Lage wieder, einerseits Zivilistin zu sein, andererseits aber auch die einzige kompetente Ermittlerin vor Ort.

Selbstredend klärt sie in einer großartigen Vollversammlungsrede sämtliche Fälle auf. Das heißt, zumindest die offensichtlichen Morde. Was jedoch mit den Royals oder dem Terroristen ist, kann sie lediglich vermuten. Den Außenminister kann sie jedenfalls nicht mehr anrufen. Ihre subjektive Sicht der Dinge ist keine Garantie dafür, dass sie immer richtig liegt. Aber das immer noch besser, als sich auf das Antiterrorkommando verlassen zu müssen, das sich unerkannt zwischen den Fahrgästen bewegt. Man darf annehmen, dass es ziemlich parteiisch und schweigsam ist.

Das Hörbuch

Ich hätte mir mehr Action gewünscht, doch wer darf von einer Querschnittsgelähmten Luftsprünge erwarten? Nach einer Weile kapiert auch der letzte Zuhörer, dass diese spezielle Ermittlung ganz anders abläuft. Erinnerungen an klassische Agatha-Christie- und Nero-Wolfe-Krimis werden wach. Man sollte sich an diese Vorbilder halten, denn sie bedeuten einen Aufruf, selbst zu beobachten und zu kombinieren.

Die Sprecherin trägt mit nie schwankender Stimme vor und verschwindet bald hinter den Figuren, die sie zum Leben erweckt. Das ist gar nicht so einfach, wenn wir alle Ereignisse durch Hannes Augen betrachten. Sie sagt ja herzlich wenig, sondern sammelt Aussagen und Eindrücke. Im Kontrast dazu stehen die sachlichen Zitate, die einen doch ziemlich erschreckenden Vorgang beschreiben: das Anschwellen des Schneesturms bis zum schweren Orkan.

Originaltitel: 1222
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
386 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 9783899036350

http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.piper-verlag.de