Jonathan Lethem – Knarre mit Begleitmusik

SF-Krimi: Whisky trinkende Babys

„Conrad Metcalf ist Privatinquisitor – also so etwas wie ein Privatdetektiv, wie man es 250 Jahre früher genannt hätte, zu Zeiten von Raymond Chandler und seinem Marlow, mit dem er eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit hat.

Ein lustiger Science Fiction-Krimi – bei dem einem freilich das Lachen manchmal im Halse steckenbleibt. Ein Muss für jeden Chandler-Fan und für alle, die schießwütige Kängurus in Dinner Jacketts hassen.“ (Verlagsinfo)


Der Autor

Jonathan Allen Lethem (* 19. Februar 1964 in Brooklyn, New York) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er wuchs erst in Kansas City, dann in Brooklyn auf. Sein Vater Richard Brown Lethem ist Bildender Künstler, seine Mutter Judith starb an Krebs, als er ein Teenager war. Einige Semester studierte Lethem mit Bret Easton Ellis am Bennington College in Vermont, bevor er nach Kalifornien zog und mit dem Schreiben begann. Ende der 1980er Jahre veröffentlichte er erste Kurzgeschichten, doch erst mit seinen Romanen verschaffte er sich in den 1990er Jahren international Beachtung.

Mit seinem Roman „Gun, with Occasional Music“, einer futuristischen Detektivgeschichte im Stil Raymond Chandlers, war er 1994 Finalist des Nebula Awards und gewann 1995 den Locus Award in der Kategorie der „Best First Novel“ bei einer Leserabstimmung des Locus Magazines. Der Roman, dessen deutscher Titel „Der kurze Schlaf“ (erschienen 2005 im Tropen Verlag) lautet, spielt in einer nahezu postmodernen Landschaft und ist von bizarren, evolutionstechnisch manipulierten Gestalten bevölkert, in deren Welt die Nachrichten durch Musik ersetzt wurden und legale Drogen wie Forgettol und Akzeptol ein sorgenfreies Leben ermöglichen.

In den späten 1990er Jahren zog Lethem aus der Bay Area zurück nach Brooklyn. Sein nächstes Buch nach dem Umzug war „Girl in Landscape“. Der Plot weist Ähnlichkeiten mit dem John-Wayne-Klassiker „The Searchers“ auf. Ein junges Mädchen muss seine Pubertät durchmachen und sich mit einer neuen Welt, die von Aliens, die als „Archbuilders“ bekannt sind, bevölkert ist, auseinandersetzen.

Der erste Roman, den Lethem nach seiner Rückkehr zu schreiben begann, war „Motherless Brooklyn“ (dt. „Motherless Brooklyn“, 2005) der das Detektivthema wieder aufgreift. Der beliebte Ganove Frank Minna taucht eines Tages im Waisenhaus St. Vincent auf und nimmt den Sonderling Lionel und drei weitere Jungs mit auf seine mysteriösen Jobs quer durch Brooklyn. Als Frank niedergestochen wird, macht sich Lionel, der unter dem Tourette-Syndrom leidet, auf eine schwierige Suche nach dem Mörder. Der Roman gewann den National Book Critics Circle Award, den Macallan Gold Dagger Award for crime fiction, den Buchpreis von Salon.com und wurde vom Esquire zum Buch des Jahres ernannt.

2003 veröffentlichte Lethem den autobiografisch inspirierten Bildungsroman „The Fortress of Solitude“ (dt. „Die Festung der Einsamkeit“, Tropen Verlag 2004). Dieser erzählt von dem weißen Jungen Dylan Ebdus, der Anfang der siebziger Jahre mit seinen Eltern in das raue Herz Brooklyns zieht, wo jede Zuneigung erkämpft werden muss wie das Stück Asphalt beim Spielen auf der Straße. Nur beschützt von seinem schwarzen Freund Mingus Rude erkundet er das pulsierende Universum aus den Stimmen der Straße, den mit Superkräften begabten Helden zerlesener Comichefte und der Energie von Funk, Graffiti und Drogen. „The Fortress of Solitude“ wurde von der New York Times zum besten Buch des Jahres gekürt und in mehrere Sprachen übersetzt. (Quelle: Wikipedia.de)

Handlung

In naher Zukunft, so um das Jahr 2020, ist Schluss mit lustig in San Francisco. Es gibt keine Richter mehr, sondern nur noch Polizisten, die aber Justizbefugnisse haben: Inquisitoren. Das klingt nicht nur nach Mittelalter, das ist es auch. So hat jeder Bürger – es gibt natürlich auch „gleichere“ Bürger – ein Guthaben von 75 Karmapunkten, das sich aber durch Gesetzesverstöße rapide verringern kann. Bei null Punkten auf der elektronisch lesbaren „Karmakarte“ kommt man in den Tiefkühlschlaf, in den „Froster“. Die dort abgeleistete Zeit kommt den Staat wesentlich billiger als das Gefängnis. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile. Die Bürger? Jeder bekommt zu Sonderpreisen seine Mischung an Drogen. Viele bevorzugen „Forgettol“, denn es gibt nicht einmal mehr Fernsehen, um die Leute zu unterhalten.

Der Schnüffler

Conrad Metcalf ist ein Privatinquisitor, der früher mal selbst bei den Bullen war. Nun geht es ihm nicht mehr so gut, vor allem weil er sich für einen brisanten Mordfall interessant, in den einer der Drogen- und Sklavenbarone der Stadt verwickelt ist. Dieser Phoneblum, eine Art Marlon Brando in seinen schlechtesten Jahren, hat natürlich die Polizei in der Tasche. Über kurz oder lang ist Metcalf alle seine Karmapunkte los.

Nach sechs Jahren im Froster erscheinen ihm jedoch die Geschehnisse vor seiner „Einbuchtung“ wie gestern, und er macht sich mit Erfolg daran, den Fall aufzuklären. Es gelingt ihm, die Unschuld eines seiner ursprünglichen Auftraggeber, Orton Angwine, zu beweisen und ihn aus dem Froster zu holen. Conrad ist ein guter Mann.

Mann? Er verfügt zwar über die körperliche Ausstattung, häufig aber nicht über das seelische Stehvermögen, um es mit dem schönen Geschlecht aufzunehmen. Gelegenheiten zu Liebeshändel bieten sich ihm, wie jedem Detektiv Chandler’scher Prägung, in schöner Regelmäßigkeit. Schließlich schafft es eine junge Polizistin mit dem schönen Namen Ms. Teleprompter, ihn ins Bett zu kriegen. Am nächsten Tag ist er im Froster. Pech gehabt.

Der Gegner

Conrad gerät bei seinen Ermittlungen an ein schießwütiges Känguru im Trenchcoat. Die Technik der Gentherapie macht es möglich, Tiere mit menschlicher Intelligenz auszustatten. Auch Babys verfügen von frühesten Kindesbeinen an über die Intelligenz von Erwachsenen – Baby Herman lässt grüßen. Allerdings legen einige davon auch die kriminelle Energie und den Hang zum Alkohol von Erwachsenen an den Tag…

Mein Eindruck

„Knarre mit Begleitmusik“ soll laut Klappentext ein „lustiger“ Science-Fiction-Krimi sein. Der einzige Humor, der sich jedoch darin findet, ist entweder sehr schwarz oder der der Satire. Schwarzen Humor kennt man aber von Chandler und Hammett schon – nichts Neues. Die Satire ist hingegen eine ätzende Kritik an der möglichen soziopolitischen Entwicklung im Staate Kalifornien, wenn nicht gar der gesamten Vereinigten Staaten.

Durch den Kniff, dass Conrad seine Geschichte in der Ich-Form erzählt, erfahren wir als Leser zwar viel über seine Gefühle und Ansichten, aber dies erlaubt es dem Erzähler auch, relativ viel über seine Eigenschaften zu verschweigen. So kann beispielsweise der Verdacht aufkommen, bei Conrad handle es sich in Wahrheit um einen Transsexuellen, der sich im Niemandsland zwischen den Geschlechtern befindet. Conrad scheint jedoch ein Mann – und zudem ein Mensch – zu sein. All dies ist keineswegs selbstverständlich in Anbetracht des über die „EvoluTiere“ und „Babyköpfe“ Gesagten.

Auch wenn „Knarre mit Begleitmusik“ – der Titel stammt von den Musik spielenden Pistolen der Zukunft – eine Satire ist, so liest man den postmodernen Roman doch in erster Linie nicht wegen der Gesellschaftskritik, sondern weil der Leser wissen will, wie der Fall schließlich aufgeklärt wird. Lethem macht einen guten Job: Die Lösung erfährt der Leser erst auf den allerletzten Seiten.

Taschenbuch: 334 Seiten
Originaltitel: Gun, with occasional music, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Biggy Winter
ISBN-13: 9783453133204

www.heyne.de

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