Archiv der Kategorie: Zeitgeschichte & Gesellschaft

Thomas D. Seeley – Auf der Spur der wilden Bienen

In seinem neuen Buch ›Auf der Spur der wilden Bienen‹ beschreibt der renommierte Bienen-Experte Thomas D. Seeley, wie sich der Mensch über Jahrtausende auf die Spuren wilder Bienen machte, um ihren Honig zu erbeuten. Erst die Erfindung der Bienenstöcke machte diese Jagd überflüssig. Doch zunehmend mehr Menschen schätzen diese traditionsreiche Beschäftigung, die großes Geschick erfordert und Einblick in das Leben der Bienen ermöglicht, ohne ihnen Schaden zuzufügen. In seinem neuen, reich bebilderten Buch erzählt Seeley von der aufregenden Jagd nach Honig, gibt Tipps und erklärt liebevoll die Hintergründe dieser alten Kulturtechnik. Entstanden ist sowohl eine anekdotenreiche Kulturgeschichte der Biene als auch ein Leitfaden der Zeidlerei – geschrieben mit großem Charme von einem, der seine Bienen wahrhaftig kennt und liebt.
(Verlagsinfo)

Auf der Spur der wilden Bienen – mir als Honigliebhaber drängen sich sofort Bilder auf von Waldbäumen, Felsenritzen oder verfallenem Mauerwerk als Unterkunft für wilde Bienen. Sollen Bienen doch, wenn man dem allgemeinen imkerlichen Tenor folgt, in der Wildnis überhaupt nicht mehr überlebensfähig sein, suggeriert der Titel die Suche nach der Ausnahme, nach dem Volk, das der mannigfaltigen modernen Krankheiten der Honigbiene zum Trotz selbstständig überlebt. Der Autor ist als Bienenforscher bekannt und in bestimmten imkerlichen Kreisen ein Begriff für den Versuch, dem größten Feind der Bienen, der Varroa-Milbe, resistente Völker entgegen zu setzen. Vor diesem Hintergrund scheint es naheliegend, von ihm ein Buch über ebendiese Angelegenheit vorgelegt zu bekommen. Auf der Spur der wilden Bienen: Erfolggekrönte Forschungsgeschichte?

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James Ellroy – Crime Wave. Auf der Nachtseite von L. A.

Elf „True-Crime“-Storys, Kurzgeschichten und Autobiografisches aus der Feder von James Ellroy. Die Beiträge erschienen ursprünglich in einem US-Magazin und beschäftigen sich mit der fiktiven und tatsächlichen Geschichte der Filmstadt Los Angeles, wobei Ellroy sich auf die kriminellen Aspekte konzentriert, zu denen er, ein ehemaliger Verbrecher, selbst Substanzielles beizutragen weiß: interessant und intensiv, zumal die Leidenschaft des Verfassers sich jederzeit mitteilt.
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Peter Wohlleben – Gebrauchsanweisung für den Wald

Die Wälder sind sein berufliches Zuhause, und die Arbeit mit Bäumen ist sein Leben. Bei geführten Waldwanderungen gibt der passionierte Förster und Autor Peter Wohlleben sein enormes Wissen über Bäume weiter. Seine Gebrauchsanweisung ist eine ebenso handfeste wie stimmungsvolle Entdeckungstour. Fundiert und unterhaltsam weist er ein in die wichtigsten Laub- und Nadelbaumarten: was sie kennzeichnet, welchen die Zukunft gehört, welche bei Gewitter wirklich Schutz bieten. Wie man sich im Wald auch ohne Kompass oder GPS orientiert. Welche Beeren und Pilze zu empfehlen sind; wo und was Sie sammeln, pflücken und essen dürfen. Wo Campen, Feuer machen und Grillen erlaubt sind. Wie Sie Tierspuren richtig lesen – und die besten Zeiten und Plätze, an denen man Wild beobachten kann. Wie Sie sich am natürlichsten gegen Mücken, Waldameisen und Zecken schützen. Was man mit Kindern erlebt und was bei einer Nacht allein im Wald. Wie ein Waldspaziergang im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter zu einer besonderen Erfahrung wird.
(Verlagsinfo)

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Lucas Vogelsang – Heimaterde

Heimat leuchtet:

Vietnamesen, die Zuwanderern Deutsch beibringen, Türken, die auf die Mittagsruhe pochen, Iraner, die ihre Gartenzwerge bemalen, oder ein Politiker mit palästinensischen Wurzeln, der dem Stammtisch erklärt, was Deutschsein heute bedeutet. Lucas Vogelsang fährt vom Berliner Wedding aus quer durch die Bundesrepublik und trifft Menschen, die von Herkunft und Identität erzählen.
In Pforzheim, Rostock – Lichtenhagen oder Castrop-Rauxel. So reist er hinein in die Gegenwart unseres Landes – „Heimaterde“ stellt sich der großen Frage, wer wir sind.(Verlagsinfo)

Inhalt und Einrücke:

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William Shatner – Spock und ich. Mein Freund Leonard Nimoy

Leonard Nimoy wurde durch seine Rolle als Mr. Spock in der Serie Star Trek berühmt. Mit dem stets auf Logik bedachten Vulkanier schuf er einen Charakter, der wie kaum ein zweiter die Popkultur bis heute prägt. Am Set lernte Nimoy William Shatner alias Captain Kirk kennen, mit dem ihn 50 Jahre lang eine enge Freundschaft verband. Gemeinsam gingen die beiden Männer durch Höhen und Tiefen, beruflich wie privat. Anhand zahlreicher Anekdoten zeichnet William Shatner nun das faszinierende Leben seines besten Freundes nach und zeigt uns den Mann hinter dem unemotionalen Vulkanier: den feinfühligen Poeten, Fotografen, gläubigen Juden und trockenen Alkoholiker.

Eine berührende Biografie und die Geschichte einer großen Freundschaft – nicht nur für Star-Trek-Fans!
(Verlagsinfo)

Zwei Jungs mit Migrationshintergrund in Amerika, der halbe Kontinent liegt zwischen ihnen. Und sie teilen einen Traum. Den einen führt es nach New York, den anderen nach Hollywood. Zwei Jungs, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und die das Schicksal zusammen führt zur Begründung eines der größten Mythen unserer Zeit.

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Joseph Mitchell – Joe Goulds Geheimnis

Ein Journalist aus New York verfolgt über viele Jahre die Spuren eines unbehausten Stadtstreichers, der von sich behauptet, die Geschichte der Menschheit von ganz unten zu schreiben, und damit im intellektuellen Milieu Beachtung findet. Nach dem Tod dieses Mannes erzählt der Journalist dessen wahre Geschichte … und die ahnt man zwar, kann sie aber dennoch kaum glauben. Die Geschichte des Joe Gould wird von Joseph Mitchell mit harten Fakten, aber mitfühlend, fast poetisch erzählt und verdichtet sich zu einem Lebensbild, das tragisch und eindrucksvoll gleichzeitig ist.
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Ulf Küch – Soko Asyl

Soko Asyl – Eine Sonderkommission offenbart überraschende Wahrheiten über Flüchtlingskriminalität

Die Ladendiebstähle schnellten plötzlich nach oben. Die Zahl der Einbrüche verdoppelte sich in einigen Gegenden. Manche Bürger trauten sich nicht mehr auf die Straße, als im benachbarten Auffanglager plötzlich über 4000 statt 500 Flüchtlinge lebten. Die Kriminalpolizei von Braunschweig reagierte schneller als jede andere in Deutschland. Kripo-Chef Ulf Küch richtete bereits im Sommer 2015 die erste Sonderkommission zur Flüchtlingskriminalität ein. Er weiß deshalb genau, wovon er spricht. In seinem Buch berichten er und seine Soko-Kollegen von ihrem Alltag und ihrem Kampf gegen eingeschleuste organisierte Kriminelle, Raubüberfälle und Drogenhandel. Sie gelten als Spezialisten für Flüchtlingskriminalität. Nicht erst seit den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln werden sie von Kollegen deutschlandweit um Hilfe gebeten. Küch und seine Beamten benennen schonungslos Probleme, erklären, mit welchen Tricks kriminelle Asylbewerber arbeiten und offenbaren die Fehler und Versäumnisse der Politik. Sie distanzieren sich jedoch auch von falschen Gerüchten, die den Menschen in Deutschland Angst machen. Ein wichtiges Buch, um zu verstehen, was der Zustrom von Flüchtlingen wirklich für unsere Gesellschaft bedeutet und wie wir den Herausforderungen gegenübertreten können. (Verlagsinfo)

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Anja Reschke (HG.) – Und das ist erst der Anfang

Und das ist erst der Anfang: Deutschland und die Flüchtlinge

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ein kleiner Prozentsatz davon macht sich auf den gefährlichen Weg nach Europa. Einige werden mit Applaus am Bahnhof begrüßt, andere mit fremdenfeindlichen Parolen. Die aktuellen Ereignisse sind der Beginn einer nachhaltigen Veränderung unserer Gesellschaft, die aktiv und vorausschauend politisch und gesellschaftlich gestaltet werden muss.

Experten und Expertinnen informieren in diesem Buch über Fluchtursachen, die Wege der Flüchtlinge, die Situation in Deutschland und diskutieren die dringlichen Fragen: Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge? Verändert sich dieses Land? Wie muss Europa auf die Herausforderung reagieren? Der Band gibt Orientierung und Hintergrundwissen zu einer Entwicklung, die wie keine andere die Politik und das Leben im 21. Jahrhundert prägen wird. (Verlagsinfo)

Inhalt und Eindrücke

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Jürgen Todenhöfer – Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‘

Sie sitzen uns noch arg im Nacken, die Terroranschläge in Paris, bei denen die westliche Welt nicht nur auf empfindliche Weise getroffen wurde, sondern die uns auch gezeigt haben, wie verwundbar und ohnmächtig selbst diejenigen Bürger sind, die sich in ihrer hiesigen Heimat in Sicherheit wähnen. Das Phänomen des Islamischen Staates, jener Organisation, die sich relativ schnell zu den Attentaten bekannt hat, ist nicht erst seit gestern ein Thema, das Politik und Gesellschaft gleichermaßen beschäftigt. Tagtäglich werden in Syrien und im Irak unzählige Menschen Opfer der radikalen Gesinnung jenes selbst ernannten Kalifats, das sich mit aller brutalen Macht über all jene hinwegsetzt, die der mittelalterlichen Interpretation des Islams nicht folgen. Und dennoch scheint all das immer so weit entfernt bzw. schien es das – bis eben an jenem 13. November dieses Jahres 130 unschuldige Menschen mit Waffengewalt aus dem Leben gerissen wurden.

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Johannes Clair – Vier Tage im November

Worum gehts?

Afghanistan – Ein Land, in dem seit vielen Jahren Krieg herrscht. Johannes Clair, ist einer der vielen deutschen Soldaten, die im Herbst 2010, ihre Reise dorthin antreten. Sie legen einen Eid ab und wollen für die Sicherheit und Gerechtigkeit in diesem Land kämpfen. Nur gemeinsam sind sie stark und können etwas bewegen. Voller Motivation tritt Johannes seine Reise an, theoretisch ist er sich bewusst, was ihn erwartet. Doch die Realität ist härter, als alles, was er sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hat und gerät in einen Gewissenskonflikt.

Inhalt

Johannes Clair ist ein deutscher Soldat, der die wohl beste Ausbildung der Bundeswehr genossen hat – Fallschirmjäger. Diesen Kameraden sagt man besonderen Teamgeist und Kampfbereitschaft nach. Auch er ist voller Motivation, als er im Herbst 2010 nach Kundus aufbricht, auch wenn seine Freundin, Familie und Freunde diese Entscheidung nicht teilen können.

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Micael Dahlén – Monster. Rendezvous mit fünf Mördern

Ein Mann und sein Hobby

Micael Dahlén ist Universitätsgelehrter mit einem sorgfältig verborgenen Hobby: Tagsüber doziert er über Marketing und Kundenverhalten, nach Feierabend pflegt er sein umfangreiches Archiv über Serienmörder. Sein Interesse entzündete sich an der Frage, wieso diese Menschen, die grausame Taten oft in Serie begehen, in der populären Kultur sowie in der modernen Medienwelt allgegenwärtig sind und eigene Fangemeinden besitzen, die sie wie Filmstars oder ähnlich prominente Zeitgenossen verehren.

Dahlén beschließt, Nachforschungen anzustellen. Sein Gelehrtenstatus hilft ihm, persönlichen Kontakt zu Serienkillern aufzunehmen, die normalerweise öffentlichkeitsfern abgeschottet in Gefängnissen sitzen. In seinem Buch stellt er fünf von ihnen vor bzw. berichtet von seinen Begegnungen mit diesen Menschen.

Fünf Begegnungen der besonderen Art

„Der japanische Riese“ ist Issei Sagawa, ein körperlich kleingewachsener Japaner, der 1981 als Student in Paris eine Kommilitonin erschoss und ihre Leiche verzehrte. Nach kurzer Haft schob man ihn nach Japan ab. Da er hier kein Verbrechen begangen hatte, konnte er unter Nutzung einer juristischen Lücke freikommen. Seitdem ist Sagawa prominent, lässt sich als feinfühliger Kannibale vermarkten und kann als Künstler, Autor und Medienstar gut davon leben.

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David W. Shaw – Die Eroberung des Horizonts

Inhalt:

Im Juli 1896 sitzen irgendwo auf dem Atlantischen Ozean auf halbem Weg zwischen Nordamerika und Europa zwei Männer in einem fünfeinhalb Meter ‚langen‘, mastlosen und offenen Boot und rudern aus Leibeskräften. Die Besatzungen der seltenen Großschiffe, die diese Route steuern, glauben die Überlebenden einer Katastrophe auf See zu sichten und eilen zur Rettung herbei. Sie können kaum glauben, was sie erfahren: Die beiden Männer kämpfen nicht um ihr Leben, sondern um Ruhm und Geld. Vor einem Monat haben sie New York abgelegt, um nur mit Muskelkraft die 3000 Seemeilen zum französischen Zielhafen Le Havre zurückzulegen!

Eine Wahnsinnsidee nicht nur in den Augen der Zeitgenossen. Bis zu ihrer spektakulären Reise arbeiteten George Harbo und Frank Samuelsen als Muschelfischer an der Küste von New Jersey. Ein Jahrzehnt zuvor hatten sie ihre Heimat Norwegern verlassen, um ihr Glück in den Vereinigten Staaten zu suchen. George und Frank mussten rasch die Erfahrung machen, dass sich für sie der amerikanische Traum nicht verwirklichen würde. Eine die USA ab 1890 schüttelnde Rezession verschärft die Not weiter.

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Douglas Preston / Mario Spezi – Der Engel mit den Eisaugen

Amanda Knox ist des Mordes an der britischen Studentin Meredith Kercher schuldig. So zumindest die Auffassung des Berufungsgerichts in Florenz, das vor wenigen Tagen in dritter Instanz über den Fall des “Engels mit den Eisaugen” zu entscheiden hatte und den Freispruch der Vorinstanz kassierte. Anderer Auffassung sind da Douglas Preston und Mario Spezi, Autoren des Buches “Der Engel mit den Eisaugen”, einer kommentierten Rückblende über die Ereignisse im Falle Amanda Knox seit dem grausamen Mord an Meredith Kercher im Jahre 2007 im italienischen Perugia.

“Hier in ‚Der Engel mit den Eisaugen‘ kommt nun endlich die erschreckende Wahrheit ans Licht”. Mit unter anderem diesen Worten eröffnet Autor Douglas Preston dieses Werk. Anmaßend, wie ich finde, angesichts dessen, dass wohl Millionen Menschen, einschließlich der italienischen Justiz, seit Jahren auf der verzweifelten Suche nach eben dieser wahren Geschichte sind. Und marktschreierisch, ebenso unsachlich wie weitere Teile des Buches, wie ich leider schnell feststellen muss. Hatte ich mir eine detaillierte und fundierte Darstellung der Geschichte und der Abläufe des Falles gewünscht, ist “Der Engel mit den Eisaugen” im Grunde ein Propaganda-Werk für die Unschuld der jungen Amerikanerin. Voller Hohn wird die Arbeit der italienischen Behörden diskreditiert, Schlagworte wie “Hexenjagd” sind omnipräsent, die örtliche Polizei wird sogar der Folter bezichtigt, unter der Amanda Knox ihr umstrittenes Geständnis abgegeben haben soll.

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Eugen Ruge – Cabo de Gata

Die Stadt der Katzen. Hierher, ins Nirgendwo an der spanischen Küste, verschlägt es den Icherzähler während der kalten Jahreszeit. Wo die Reiseführer von brummendem Tourismus und urtümlicher Idylle reden, findet er kaum eine Menschenseele.

Eigentlich ist er auf der Suche nach sich selbst, auch wenn er seine Auszeit als künstlerische Klausur darstellt. Er ist Schriftsteller und in einer Schaffens- und Lebenskrise, aus der ihn die Einsamkeit und das täglich sich wiederholende Schema in dem heruntergekommenen Örtchen reißen sollen. So kennt man das von berühmten Schriftstellern, und so möchte auch er zu seinem Erfolg finden. Er entwickelt einen gleichgültigen, sich aber in ständiger Wiederholung abspielenden Tagesablauf mit dem Ziel, seinen Geist soweit zu leeren, bis er von der Eingebung erfüllt werden kann. Jeden Morgen beginnt er mit einem leeren Blatt Papier, beschreibt es und verwirft das Ergebnis.

Mit der Zeit nimmt er als neuer Bestandteil des Dorfes einfache, ferne Kontakte mit den Einwohnern auf, die sich auf repetitive Geplänkel oder wortkarge Gespräche beschränken. Hin und wieder wird er von einzeln auftauchenden tatsächlichen Touristen als Gesell für den Abend genutzt und hat dabei ein einschneidendes Erlebnis, das seine Routine für die kommende Zeit etwas abwandelt.
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Sattler, Elfriede – Nabelfrei. Mein Leben – kein Roman

„_Kein Roman, aber genauso fesselnd_“

Geboren 1931, ungeliebt aufgewachsen, von Erwachsenen immer wieder physisch und psychisch misshandelt, vom Stiefvater missbraucht sowie selbst nach ihrer Flucht vom elterlichen Hof noch von ihrer Mutter verfolgt und fast zur Rückkehr ins Martyrium gezwungen – der erste Teil von Elfriede Sattlers Lebensgeschichte liest sich wie ein nicht enden wollender Alptraum. Da kann man kaum glauben, dass es sich dabei um die wohlproportionierte junge Frau handeln soll, die dem Leser insbesondere vom rückwärtigen Umschlagbild in einer anmutigen Tanzpose entgegenstrahlt. Doch Elfriede hat eine starke Persönlichkeit und einen unbändigen Überlebenswillen und, was sich für sie als noch viel wichtiger erweisen wird, sie hat den unbedingten Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen.

Während im Nachkriegsdeutschland für die Frauen noch die Heirat als erstrebenswertestes Ziel gilt, will Elfriede sich nie von einem Mann abhängig machen. Innerlich immer auf der Hut vor zu viel Nähe, lernt sie erst nach und nach zu verstehen, dass sie von der Natur mit einem wunderschönen und begehrenswerten Körper ausgestattet wurde, der die Männer geradezu hypnotisch anzieht. So hat sie schnell beruflichen Erfolg als Modell. Als Komparsin beim Film kommt sie gut an, doch Elfriede will mehr. Sie will Deutschland hinter sich lassen. Sie wird Tänzerin und tourt mit einer kleinen Gruppe durch Clubs und Cabarets. Auch wenn „tanzen“ in diesem Zusammenhang noch nicht mehr bedeutete, als in Unterwäsche und Negligé zur Musik über ein Podest zu spazieren, ist es der erste Schritt zu mehr Körpergefühl und zur Akzeptanz ihres Körpers.

Das lang ersehnte Engagement in Zypern endet zwar als große Enttäuschung, aber Elfriede findet einen Ausweg und macht eine Tanzausbildung, nach der sie sich bei Agenturen als Solotänzerin vorstellen kann. Schließlich trifft sie auf Artin Bahadourian und damit auf einen Agenten, der ihr Engagements in Griechenland und auch im Orient vermittelt. So ist es unvermeidlich, dass sie in Ägypten dem orientalischen Tanz begegnet. Dieser setzt ihrer inzwischen erwachten Liebe zum Orient das i-Tüpfelchen auf. „Mir war es, als hätte jemand ein bis dahin fest um mich geschnürtes Korsett zerschnitten. Und zwar jedes Band einzeln. Als zöge meine Seele in ein anderes Haus. In ein viel Schöneres. Von einer schäbigen Hütte in eine Villa. Ich legte eine Schicht von meinem Panzer ab und wurde mehr und mehr zu einer empfindenden, fühlenden Frau.“, beschreibt Elfriede Sattler ihre Gefühle nach den ersten Tanzstunden bei Samia Gamal, welche in dieser Zeit eine der gefragtesten Tänzerinnen ist und in vielen ägyptischen Filmen mitspielt. Somit beginnt ihre Leidenschaft für den orientalischen Tanz, in dem sie es in einigen Jahren zu einer Meisterschaft bringt, bei der sie mit den besten orientalischen Tänzerinnen mithalten kann und viele Stars der Szene kennenlernt.

Dennoch ist es übertrieben, wenn man diese Lebensgeschichte als „Märchen aus 1001 Nacht“ beschreibt. Trotz der märchenhaften Umgebung und Elfriedes märchenhaftem Aufstieg zu der in der orientalischen Welt hoch angesehen Tänzerin Ulfat Sharif, lässt die Autorin keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Lebensgeschichten solcher Tänzerinnen selten ein gutes Ende nahmen. Mit diesem Bewusstsein hält sie sich vor allem von den Männern fern. Obwohl sie im Laufe der Jahre einige innige Beziehungen führt, ist sie immer bestrebt, ihre Unabhängigkeit zu wahren, Geld zurückzulegen und sich nie ganz auf eine Beziehung einzulassen, bis sie eines Tages einem jordanischen Prinzen begegnet und erkennen muss, dass man seinem Herzen doch kein ganzes Leben lang davonlaufen kann.

Die knapp 400 Seiten fassende Biografie liest sich aber nicht nur als Lebensgeschichte einer Frau, der man großen Respekt entgegenbringen muss, sondern auch wie ein Panorama seiner Zeit. Die aus heutiger Sicht erschütternd emotionslose Einstellung zur Kindererziehung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sowie die Dramatik des Zweiten Weltkrieges und die Veränderungen in Deutschland kommen dabei genauso zum Ausdruck wie das kosmopolitische Leben in der international geprägten High Society im Orient, das einen krassen Gegensatz zum Leben der einfachen Orientalen darstellte. Mit Elfriede Sattler dürfen die Leser auch bei orientalischen Familienfesten dabei sein. Sie beschreibt Auftritte in Privathäusern und gibt damit Einblicke in die orientalische Lebensweise und orientalische Gebräuche. Man erlebt den sprichwörtlichen Kulturschock mit, als Elfriede in den 50ern zurück nach Europa geht, und hat mal wieder reichlich Grund, sich für den eigenen Kulturkreis fremdzuschämen, in dem eine solche Tänzerin sofort in die Schublade „leichtes Mädchen“ gesteckt wird, während man im Ursprungsland den Tanz völlig zurecht als hohe Kunstform betrachtet, deren Perfektion nur mit jahrelanger Übung und Leidenschaft zu erreichen ist.

_“Nabelfrei“ ist dabei_ keine große Literatur, sondern das in einfachen Worten aufgeschriebene bewegende Schicksal einer Frau, die sich trotz einer unvorstellbar schlechten Ausgangsposition, ein selbständiges und freies Leben in einer Welt erarbeitet hat, die sich über wenige Jahrzehnte extrem veränderte. Es ist die Geschichte einer misshandelten Frau, die mit dem orientalischen Tanz zu sich selbst und ihrem Körper gefunden hat und im späteren Leben auch in Europa für ihre Träume und ihre unabhängige Lebensweise eingetreten ist. Elfriede Sattler gibt ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man sich im Leben nicht unterkriegen lassen darf, dass man wissen muss, wohin man will – kurz, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, selbst wenn es mit dem Traumprinzen nicht klappen sollte. Wenn man das Buch erst einmal aufgeschlagen hat, kann man es nur schwer wieder zur Seite legen, denn von „ungeheuerlich“ bis „unglaublich“ ist alles dabei.

|400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3426655191|
http://www.knaur.de

Knopp, Guido – Wettlauf zum Südpol, Der: Das größte Abenteuer der Geschichte

Als sich im vergangenen Jahr die Entdeckung des Südpols exakt und genau zum einhundertsten Mal jährte, schien dies in der Wissenschaft lediglich ein Randthema zu bleiben, auch wenn die Verdienste der damaligen ‚Wettkämpfer‘ Roald Amundsen und Robert Falcon Scott insbesondere für die geografische Sparte eine immens große Errungenschaft werden sollte. Guido Knopp, bekannt aus zahlreichen geschichtsträchtigen Dokumentationen, hat diesen Anlass jedoch genutzt, um die einstige Legende noch einmal wiederzubeleben, gleichzeitig aber auch einen modernen Wettbewerb auszuschreiben, bei dem sich zwei Teams aus Österreich ähnlich wie seinerzeit Norweger und Briten darum ’streiten‘ sollten, wer nun tatsächlich als Erstes den südlichsten Punkt des Erdballs erreichen würde. Parallel dazu wurde das Projekt auch in Buchform aufbereitet und liefert neben einigen Szenenbeschreibungen des aktuellen Rennens auch alle essentiellen Details zur vergleichsweise wesentlich beschwerlicheren Mission aus dem Jahr 1911.

Allerdings beschränkt sich der Professor in erster Linie darauf, die wesentlichen Dinge zu analysieren und nicht zwingend Stellung zu den zahlreichen Fehlern zu beziehen, die vor allem die Expedition des britischen Stoßtrupps unter der Führung von Robert Falcon Scott begleitet haben. Zwar deckt Knopp anhand der Tagebucheinträge von Scott und seinen Gefährten immer wieder auf, mit welch leichtsinnigen Trugschlüssen sich die Briten seinerzeit selber das Leben schwer gemacht und ihre Mission schließlich auch in den persönlichen Exitus getrieben haben, allerdings bezieht er in einem Schlusswort noch einmal ganz klar Stellung und warnt davor, sich einer zu einseitigen Darstellung hinzugeben, die ausschließlich den ‚Sieger‘ Amundsen als unfehlbare Instanz der Südpol-Forschung auf den Thron hievt. Denn, das stellt Knopp ganz klar heraus, Scott hatte neben seinen weniger günstigen Entscheidungen auch noch mit einer Reihe ungewöhnlicher Wetterkapriolen und unverhältnismäßig vielen anderen Pechfaktoren zu kämpfen, die nicht nur auf sein schwächer ausgeprägtes Planungsgenie zurückzuführen sind, sondern in der Summe als unglückliche Schicksalsfügung gewertet werden müssen. Und genau diese Neutralität, mit der man dieser Mission in „Der Wettlauf zum Südpol: Das größte Abenteuer der Geschichte“ entgegentritt, macht die hiesige Aufbereitung auch zu einer der sympathischsten zu dieser Materie, ohne dabei bedeutsame Fakten außen vor zu lassen bzw. den wissenschaftlichen Standpunkt zu ignorieren.

Doch bevor man sich überhaupt dem Resultat des damals nicht zwingend als Wettrennen initiierten Schaulaufens von Amundsen und Scott widmet, wird man erst einmal mit der ebenfalls eminent wichtigen Vorgeschichte vertraut gemacht und mit den Ereignissen konfrontiert, die erst dazu führten, dass sich Amundsen und sein britischer Kontrahent auf den Weg zum Südpol machten. Ränke wurden geschmiedet, für die ‚gute Sache‘ gelogen, unzählige Täuschungsmanöver vorgenommen und schließlich doch für beide Parteien unmissverständlich klargestellt, dass es bei dieser Reise nur einen Sieger und einen absoluten Verlierer geben wird. Und Letztgenannter musste diese Niederlage sowie seine zahlreichen Fehler mit dem Leben bezahlen.

_Die Art und Weise_, wie sich Knopp nun diesem Thema nähert, mag vielleicht eine eher massenkompatible sein, jedoch beinhaltet sie schlussendlich all jene Fakten, die für das Verständnis, die Entwicklung der Missionen, das besondere Prestige und vor allem auch für die Wissenschaft von entscheidender Aussagekraft sind. Darüber hinaus zeichnet er nicht nur von den beiden Hauptakteuren ein sehr aufschlussreiches Psychogramm, durchdringt ihr teils sehr depressives Seelenleben (Scott) und analysiert überdies immer wieder die menschliche Seite der beiden Kämpfernaturen. Dabei stellt der Autor auch klar die elementaren Unterschiede zwischen dem treu ergebenen Marine-Kapitän Robert Falcon Scott und dem – so würde man es heute wahrscheinlich beschreiben – fast schon alternativ ausgerichteten Organisationstalent Roald Amundsen heraus. Zwar fuhren beide eine klare Linie, jedoch bewahrte der hart durchgreifende Norweger bis zuletzt seinen Verstand und ließ sich nicht von persönlichen Fehden und Missgunstentscheidungen beeinflussen – und dies sollte am Ende auch ausschlaggebend für den Erfolg sowie die unbeschadete Rückkehr in den Heimathafen sein.

Doch was ist nun mit den Helden von heute? Die Teams, die von Markus Lanz respektive Joey Kelly angeführt wurden, erlebten mit den Hilfsmitteln der heutigen Zeit eine ähnlich beschwerliche Reise, musssten sich aber selbstredend nie Gedanken über ein mögliches Ende im ewigen eis machen. bestens ausgestattet, zur Not von den TV-Teams unterstützt, durchlebten sie dennoch einige Extreme und mussten an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit gehen. Inwieweit dies jedoch tatsächlich mit dem vergleichbar ist, was die Vorbilder dieses Wettkampfes leisten mussten, sei definitiv dahingestellt. Denn auch wenn eine ausgesprochen stabile Psyche und eine überdurchschnittliche physische Fitness erforderlich sind, um die immensen Strapazen einer solchen Expedition zu bestehen, so sind die Beweggründe natürlich völlig anders gewesen. Und insofern sollte man den Wettbewerb aus dem Jahr 2011 auch nicht zwingend mit jenem 100 Jahre zuvor vergleichen. Er ist eine Erinnerung und eine Ehrerweisung an Amundsen und Scott, das sicherlich. Aber unterm Strich it er natürlich auch gewissermaßen eine Show für die Medien, die jedoch – und das ist eben das schöne – weder sensationslüstern noch aufgeblasen war und ist, sondern ausschließlich dokumentieren sollte, wie strapaziös ein Reise in den absoluten Süden und die damit verbundenen Bedingungen sein würden. Und die Darstellung dessen ist Guido Knopp wirklich gut gelungen.

Zur Aufteilung des Inhalts sei zum Schluss gesagt, dass die historische Aufarbeitung den Löwenanteil der 336 Seiten verschlingt und es nur gelegentlich kurze Zwischeneinwürfe mit der Darstellung der jüngeren Mission gibt. Hier werden Materialfragen geklärt, die Physis analysiert, ab und zu auch ein Blick auf die Mittel der Technik geworfen und schließlich auch mal ein Wort über die wunderbare Eislandschaft verloren. Diese Strukturierung ist für das Lesevergnügen grundsätzlich von Vorteil; nur hätte man vielleicht beherzigen sollen, dass es nicht viel Sinn macht, ein Kapitel immer wieder mit derartigen Sequenzen zu unterbrechen, da man ständig hin und her blättern muss, um nicht den Faden zu verlieren. An den jeweiligen Enden einer Episode zum Wettkampf Scott vs. Amundsen wäre ebenfalls ausreichend Raum für diese Skizzierungen gewesen.

_Weitere Kritikpunkte sind_ dann aber nicht zu benennen; im Gegenteil: Professor Guido Knopp hat hier einen sehr kurzweiligen Erlebnisbericht mit einem authentischen Bezug zu den legendären Expeditionen aus dem Jahr 1911 geschaffen, der nicht nur einen genauen Überblick über die damaligen Geschehnisse liefert, sondern mehr oder weniger unbewusst auch die Entwicklungen in der Polarforschung anhand der jeweiligen Missionsresultate vor Augen führt. Prädikat: Absolut lesenswert!

|Taschenbuch: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3442744503|
http://www.randomhouse.de/btb

_Guido Knopp bei |Buchwurm.info|:_
[„Hitlers Manager“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1239

Belli, Giaconda – Republik der Frauen, Die

_Politik mit „gesundem Menschenverstand“_

Vermutlich macht das Cover des neuen Romans der nicaraguanischen Autorin Giaconda Belli, das riesige rote Pumps zeigt, vor allem Frauen neugierig. Was soll das sein – diese Frauenrepublik? Eine Amazonengesellschaft in Louboutins? Mich ließ der Titel sofort an Robert Merles etwas in die Jahre gekommene Dystopie „Die geschützten Männer“ (1974) denken, in der die Frauen die Herrschaft über die ganze Welt übernehmen, weil ein ausschließlich Männer befallender Virus diese in Scharen dahinrafft, bis nur noch wenige von ihnen übrig sind, welche dann in Camps gehalten und vor dem Virus geschützt werden müssen.

Bei Giaconda Bellis Behandlung des Themas fällt jedoch sofort auf, dass schreibende Frauen und Männer in unterschiedlichen Dimensionen denken: Muss es bei einem Mann wie Merle gleich die ganze Welt sein, nimmt sich eine Frau erst mal nur ein kleines Land vor. Was außerdem in „Die geschützten Männer“ heute befremdlich anmutet, ist die Tatsache, dass Merle seine Geschichte so konstruiert, dass die Frauen genau die gleichen Verhaltensmuster an den Tag legen wie die Männer vorher. Belli hingegen wird der Tatsache gerecht, dass Frauen und Männer doch recht unterschiedlich denken und handeln.

Das fängt schon dabei an, dass eine Frau einen weniger aggressiven Grund dafür findet, warum den Männern die Macht entgleiten kann. So müssen diese nicht gleich sterben, sondern ein Vulkanausbruch und die Stoffe in der Luft sind daran schuld, dass der Testosteronspiegel im Blut der Männer des kleinen südamerikanischen Staates „Faguas“ erheblich sinkt, so dass sich bei den anstehenden Wahlen im Land der ungewollten Softies eine neue Frauenpartei durchsetzen kann und es bis zur Präsidentschaft bringt. Sie mobilisiert vor allem Frauen, die mit den Zuständen in ihrem Land (Müllproblem, Arbeitslosigkeit, mangelnde Kinderbetreuung, Wasserknappheit etc.) nicht zufrieden sind, dahingehend, wieder andere Frauen von ihrer Partei zu überzeugen, „die sich vornimmt, dem Land das zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt, es in Ordnung hält, wie eine Frau ihr Haus in Ordnung hält“. Auf diese Art verbreiten sich die Ideen der „Partei der Erotischen Linken“ wie ein Lauffeuer.

Bei Belli müssen die Frauen das Weibliche nicht ablegen, um Macht ausüben zu dürfen. Im Gegenteil, die Präsidentin Viviana Sansón ist eine attraktive Journalistin, die sich schon immer traute, anzuecken und Missstände in ihrem Land aufzudecken. Gleich zu Beginn des Buches wird sie jedoch angeschossen und muss aufgrund ihrer Verletzung ins Koma versetzt werden. Während Freunde und Verwandte am Krankenbett um ihr Schicksal bangen, erfährt der Leser die ganze Geschichte der Parteigründung, der Wahlen und der Veränderungen in Faguas aus der Sicht der unterschiedlichen Charaktere. So lernt man auch die einzelnen Schicksale des harten Kerns um die Präsidentin kennen. Da ist von der braven Hausfrau bis zu einer jungen Frau, die als Mädchen verkauft und sexuell missbraucht wurde, alles dabei.

Das Symbol der Partei ist ein Fuß mit roten Zehennägeln, denn die Anfangsbuchstaben der Partei „PIE “ bedeuten in der spanischen Landessprache „Fuß“. Und genau so wollen die Politikerinnen das Land auch voranbringen: indem sie einen Fuß vor den anderen setzen. Die Anhänger der Partei lackieren nicht nur ihre Nägel rot, um ihre Weiblichkeit zu betonen, sondern tragen auch T-Shirts mit der Aufschrift „Ich segne mein Geschlecht“. Die Ziele der Partei kann man ebenso als „weiblich“ definieren. Als sie gewonnen haben, organisieren sie das Leben in diesem Staat völlig um. Wie Kinder nehmen sie die Menschen an eine liebende aber fordernde Mutterhand. Statt wie es bisher in der Politik üblich war, alle Anstrengungen in die militärische Richtung zu lenken, verpflichten sie die Einwohner, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie führen das Studienfach „Mutterschaft “ ein, um dafür zu sorgen, dass alle Kinder einen guten Start ins Leben bekommen. Die Wirtschaft wird vorangebracht, indem der Anbau und Export von Blumen gefördert wird. Damit stoßen sie auf großen Anklang. Auch die Einführung einer Aktion, bei der das sauberste Viertel einer Stadt keine Wasserkosten bezahlen muss, wird positiv gesehen.

Bei Belli wird aber auch deutlich, dass man einen ganz rigorosen Schnitt machen muss, weil die Männer sonst an den über Jahrhunderte etablierten Strukturen festhalten und solche tiefgreifenden Veränderungen blockieren wollen. Also schickt man alle Männer des öffentlichen Dienstes für sechs Monate nach Hause und ersetzt ihre Stellen durch Frauen. Die Männer erhalten zwar vollen Lohnausgleich und manche finden auch ihr Gutes an der Situation, aber nicht bei allen stößt sie auf Gegenliebe. Auch die öffentliche Ausstellung und Tätowierung von Vergewaltigern wird vor allem von Männern kritisch gesehen. Die Autorin zeigt also, dass es keinen langsamen Übergang geben kann, weil die Ideen zu weit auseinandergehen. Doch das Attentat auf die Präsidentin macht klar, dass es wieder eine Annäherung geben muss. Ein „Frauen gegen Männer “ ist nicht möglich. Man muss beide Geschlechter auf seiner Seite haben, um langfristig an der Macht zu bleiben, denn mit einer gewonnen Wahl steht man eben erst am Anfang.

In ihrer Danksagung schreibt Giaconda Belli, dass sie in den 80er Jahren selbst einer geheimen „Partei der Erotischen Linken“ angehört hat. Obwohl diese nie zu Einfluss gelangte, war die Gruppe „eine Erfahrung in Kameradschaft und Kreativität, die uns alle bereicherte“. In „Die Republik der Frauen“ hat Belli die damals entstandenen Träume und Visionen gedanklich weitergesponnen, denn das Land „Faguas“ ist unschwer als „Nicaragua“ auszumachen, da sie dieses Pseudonym bereits in ihrem Roman „Bewohnte Frau“ (1988) für die Hauptstadt ihres Landes benutzte. Allerdings erinnern die Probleme von „Faguas“ und damit der südamerikanischen Länder auch an die Probleme der Länder Europas – beispielsweise an das Müllproblem in Neapel, die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder alles blockierende Verwaltungsapparate in Griechenland sowie Mitglieder der Exekutive und Legislative, die sich aufgrund von Geld und Einfluss alles erlauben können. In Faguas halten sie sich extravagant Pinguine und in Europa veranstalten sie Bunga-Bunga-Partys, schachern sich Kredite zu oder schmuggeln Teppiche am Fiskus vorbei. Selbst Menschenhandel, die sexuelle Ausbeutung von Frauen oder häusliche Gewalt gegen sie sind in Europa nicht fremd. Von daher ist „Die Republik der Frauen“ ein Buch, das globale Probleme auf eine zeitgemäße Art und Weise mit feministischen Anliegen zusammenführt und Lösungen sucht. „Die Ideen in meinem Roman sind einfach gesunder Menschenverstand. Ich bin erstaunt, dass wir Frauen sie noch nicht in die Tat umgesetzt haben. “

|Originaltitel: El país de las mujeres
Übersetzung: Lutz Kliche
304 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426199152|
http://www.droemer.de

_Corinna Hein_

Jens Bisky – Unser König: Friedrich der Große und seine Zeit

_Der König_

Friedrich II. (1712-1786) erstaunte die europäische Welt zuerst durch seine Jugend als künstlerisch interessierter junger Mann. Als Sohn des Soldatenkönigs, der durch sein sparsames und militantes Regime, das allerdings zu keinem großen Kriege führte, bekam er die Härte von dessen Erziehung zu spüren, so dass er schon mit seinem Freund Katte durchbrennen wollte, was ihm die väterliche Anklage wegen Hochverrats eintrug und er zusehen musste, wie Katte in Küstrin hingerichtet wurde.

Als er dann 1740 selbst an die Macht kommt, wandelt er sich abrupt zum Eroberer, der unter fadenscheinigen Gründen Schlesien annektiert. Im Siebenjährigen Krieg hat er dann einer Übermacht zu widerstehen, die Preußen an den Rand der Katastrophe bringt, denn Preußen liegt als Flickenteppich zwischen den Großmächten Russland, Österreich und Frankreich. Immerhin gelingt es ihm, in Besitz von Schlesien zu bleiben, auch wenn ihn das teuer zu stehen kommt.

Der Alte Fritz, wie man Friedrich den Großen in späteren Jahren vertraulich nannte, bläst dann täglich drei Stunden die Querflöte, verbringt die Tage mit Regieren, Dinieren und Erzählungen der immer wieder gleichen Anekdoten, und die Nächte nicht in den Armen einer Maitresse, sondern an der Seite einer Hündin, seinen Windspielen, von denen er einige Dutzend hielt.

Ab und an regiert er auch mal in die eigene Justiz hinein und bringt schon einmal ein paar Gerichtsmänner hinter Schloss und Riegel, weil sie im Falle des Müllers Arnoldt, dem angeblich das Wasser abgegraben wurde, seiner Meinung nach falsch entschieden haben. Das rückt erst sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. wieder gerade, der aber nicht nur das Maitressenwesen wieder einführte, sondern auch die Friederizianische Gedankenfreiheit wieder zurückdrehte.

_Das Buch_

Der Autor Jens Bisky hat ein Gespür für aktuelle Stoffe. Hat er zum 200. Todestag Kleists eine Biographie herausgebracht, so lässt er den 300. Geburtstag Friedrichs ebenfalls nicht aus. Jugend, Glanz, Krieg und Alter heißen die vier Bestandteile seines Kleeblatts, das er uns offeriert, und jeden Abschnitt durch einen eigenen Text einleitet. Dass Bisky, wie schon bei Kleist, auch für Friedrich kein inniges Verhältnis findet, kann man nachempfinden, denn er war eben ein Monarch, der, auch wenn er uns die Kartoffel als Feldfrucht geschenkt hat, immer eine gewisse Distanz verlangt. Zwei Drittel des Buches sind allerdings Originaldokumente, die recht bunt sind und auf bequeme Weise aus der überschaubaren Arbeit ein umfängliches Werk machen.

_Fazit_

Bisky bringt die reichhaltigen Quellen zu Friedrich dem Großen in überschaubarem Umfang in unsere Bücherregale. Die Aktualität findet er vor allem darin, dass sich der König als „erster Diener“ seines Staates ansah. Diese Pflichttreue, obgleich er vielleicht lieber Musiker und Schöngeist hatte sein wollen, hält zum Muster heutiger Politiker her. Wiederentdeckt wurde diese Tugend schon zu DDR-Zeiten, als man das Rauchsche Reiterdenkmal wieder unter die Linden brachte, aber auch heute ist noch kein Ende in der Faszination erkennbar, stattdessen vielleicht sogar die Sehnsucht nach einem guten König.

|Hardcover, 400 Seiten
ISBN-13: 978-3871347214|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Chinua Achebe – Alles zerfällt

Als „Alles zerfällt“ im Jahre 1958 veröffentlicht wurde, rückte es den jungen Schriftsteller Chinua Achebe schnell in den Fokus aller Fans von Afrika-Literatur, da es zu den wenigen Werken zählte, die nicht über Afrika, sondern sozusagen aus Afrika erzählt wurde. Von einem Nigerianer, der über die jüngste Geschichte seines eigenen Volkes, dem in Nigeria beheimateten Igbo-Stamm, erzählt. Nicht umsonst entwickelte sich das Werk zu einem Klassiker der afrikanischen Literatur, das heute mehr als zehn Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurde.

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Kastrop, Jessica – Liebe in Zeiten der Champions League

_“Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.“_

Spätestens wenn in Büros, auf Laternenmasten und von Wohnzimmerfenstern deutsche Flaggen wehen, fällt es jedem – auch dem letzten nicht an Fußball interessierten Menschen – auf, dass sich entweder eine Fußball-EM oder gar eine -WM nähert. Glaubt man allen Versicherungen und Statistiken, bricht die damit zusammenhängende Hysterie tatsächlich nur alle zwei Jahre aus. Gefühlt tritt ein solches sportliches Großereignis aber wesentlich häufiger auf, und man kann ihm durch nichts – nicht einmal durch geschickte Urlaubsplanung – entgehen. Für diejenigen, denen erst jetzt die Schuppen von den Augen fallen, wäre es für dieses Vorhaben vermutlich ohnehin zu spät. Auch vielen anderen weniger Begeisterten wird eine Flucht nicht vergönnt sein, wenn schon in diesem Sommer wieder der EM-Ball rollt. Sehen wir also der Tatsache gefasst ins Auge und hören mit dem Jammern auf! Was bleibt, ist, sich in nahezu unmenschlicher Toleranz zu üben und sich auf die Zeit nach der EM zu freuen oder zu versuchen, mit Jessica Kastrop die Flucht nach vorn anzutreten.

Die attraktive Sportjournalistin moderiert die Bundesliga und die Europa League auf |Sky| und ist unter einem fußballbegeisterten Vater zu einer Liebhaberin des runden Leders herangewachsen. So etwas kann vorkommen und passiert durchaus häufiger, als man annimmt. Auch eine meiner Arbeitskolleginnen wuchs auf dem Rasen auf, während ihr Vater seine Schiedsrichterfunktion bekleidete. Vermutlich konnte sie eher „Tor“ als „Mama“ rufen. Dennoch hält sie nicht viel von Jessica Kastrop und warnte mich bereits vor dem Lesen des Beziehungsratgebers „Liebe in Zeiten der Champions League“, dass der Ball, welcher die blonde Reporterin dereinst während einer Moderation unsanft am Kopf getroffen hatte, damals schon keinen größeren Schaden mehr anzurichten vermochte. Nun, ja, beim Fußball geht es nicht immer sanft zu – auch nicht verbal und schon gar nicht außerhalb des Rasens. Vielleicht ist Frau Kastrop also gar keine Quotenfrau sondern tatsächlich kompetent, steht jedoch auf den falschen Verein und kann deswegen bei meiner Kollegin nicht punkten. Egal! Wie oben beschrieben, droht die EM, und, da ich in einem Fußballland wie Italien mit einem fußballbegeisterten Lebensgefährten und seiner fußballbegeisterten Familie diesem Großereignis ebenso wenig wie den wöchentlichen Spielen des mittelmäßig erfolgreichen AS Bari entgehen können werde, schlug ich alle Warnung in den Wind und wollte die „besten Beziehungstipps für fußballgeplagte Frauen“ (so der Untertitel) studieren, auf dass der kommende EM-Sommer nicht gleichzeitig der Sommer unseres Beziehungsendes werde.

Der Ratgeber teilt sich in fünf große Abschnitte. Der erste Abschnitt, „Anpfiff“, behandelt, wie man in einem Stadion ganz leicht einen Fußballfan kennenlernt und Verständnis für sein Hobby entwickelt. Kastrop beschreibt den Fußball für den Mann als Ausgleich zur Arbeit, Ventil für Emotionen sowie zum Aggressionsabbau. Er diene dazu, Teamgeist zu entwickeln und siegen oder verlieren zu lernen. Erwachsenen Frauen gelingt es scheinbar nur in einem gefühlsmäßigen Ausnahmezustand und „geschützt durch die rosarote Brille“, Gefallen am Fußball zu finden. In dieser Zeit müsse die Frau das Verständnis für den Fußballmann entwickeln, um späterhin zu lernen, wie seine Beziehung zu einer Frau mit der frühkindlich geprägten Liebe zum Verein auf einen Nenner gebracht werden könne. Die Autorin rührt die Werbetrommel für Fußball als Gemeinschaft fördernden, identitätsstiftenden und grenzüberschreitenden Sport, der zudem auch familienbezogen sei, weil er Väter und Kinder zusammenschweiße.

Teil zwei geht davon aus, dass man sich den Fußballfan nun erfolgreich geangelt hat und versuchen muss, das gemeinsame Zusammenleben um das Hobby herum zu organisieren. Kompromisse und Kooperation stellt sie als Grundpfeiler der funktionierenden Partnerschaft heraus und wirbt auch hier um Verständnis: „Männer bleiben immer kleine Jungs und man soll sie an der langen Leine lassen.“ Wenn man also davon genervt sei, dass der Partner seine Wochenenden nur mit Fußball verbringe, helfe es, sich an die guten Seiten des Partners zu erinnern, sich selbst und den Partner liebevoll anzunehmen, herauszufinden, ob wirklich Probleme vorliegen, fair zu kommunizieren und vor allem die Schuld nicht auf den Fußball zu schieben. Was die Journalistin meint, beschreibt sie in allen Kapiteln anhand von Anekdoten aus der Bundesliga. Dennoch stellt man sich immer häufiger die Frage, ob die „Fußballplage“ nicht vielmehr mit jedem exzessiv ausgeübten und deswegen beziehungstötenden Hobby gleichzusetzen sein könnte. Außerdem verfestigt sich immer mehr das Gefühl von Absurdität, welches die geneigte Leserin bereits im ersten Teil beschlichen hat: Warum sollte man sich einen Fußballfan zum Freund wünschen, wenn man mit dessen Hobby nicht leben kann?

Die Teile drei und vier widmen sich im Grunde vom Sport gänzlich unabhängigen Beziehungsthemen: wie Frau sie selbst bleibt, Freundschaften pflegt, mit Seitensprüngen oder Burnout umgeht, wann Paartherapie sinnvoll ist, was Torschlusspanik bedeuten kann und dass man Lebensziele realistisch stecken sollte. Im Leben ginge es darum, Selbstzufriedenheit zu erreichen und für den Partner begehrenswert zu bleiben.

Teil fünf befasst sich mit dem Ende von Beziehungen. Auch hier arbeitet Kastrop mit Fußballvergleichen; „… haben Sie schon einmal eine Fußballmannschaft gesehen, die sich direkt nach der Niederlage wieder in ein Spiel gegen die Siegermannschaft stürzt? … und zwischen Hin- und Rückrunde der Bundesliga gibt es nicht zufällig sogar eine Winterpause! Da sollen die Spieler auftanken, Mannschaften werden ergänzt, alten Wunden geleckt, Trainer manchmal entlassen und neu berufen.“ Fußballer sind also Menschen mit einer relativ normalen Psyche und haben bestimmte Strategien entwickelt, mit Niederlagen fertig zu werden. Wenn Fußballer das können, kann es die verlassene Frau selbstverständlich auch. Am Beispiel von Kate Middleton wird betrachtet, wie man sich seinen Prinzen wieder zurück erobert, und es werden entsprechende Verhaltensregeln aufgestellt. Für den Fall, dass es damit trotzdem nicht klappt, hat Jessica Kastrop ebenfalls einen Ratschlag und ein passendes Zitat parat: „Niederlagen einzustecken, zählt ganz sicher nicht zu den leichtesten Aufgaben im Leben. Aber trösten Sie sich mit einem Fußballzitat: ‚Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war‘ (Fredi Bobic).“ Für die Zeit danach gibt sie ebenfalls zahllose Ratschläge und empfiehlt z. B. Internetdating. Darf man ketzerisch fragen, warum sie nicht vorschlägt, sich einen anderen von den Tausenden Männern im Fußballstadion zu angeln?

Der letzte Teil, „Das Finale“, ist jedoch wieder auf einen Fußballfan bezogen. Hier finden sich konkret wertvolle Tipps, die eine Hochzeit mit einem Fan nicht zum Desaster werden lassen – beispielsweise den Hochzeitstermin in die Sommerpause eines ungeraden Jahres zu legen, damit einem die Eingangs besprochenen Großereignisse nicht in die Quere kommen. Im Anhang sind schließlich die Sprüche versammelt, mit denen man bei Fußballfans punkten können soll. Problem ist nur, dass man diese genauso schnell wieder vergisst, wie man sie gelesen hat, wenn man sich dafür einfach nicht interessiert. Schon beim Lesen des ersten Teils des Buches stellt man sich als Leserin die Frage, warum man sich in einem Stadion einen Freund suchen sollte, wenn man sich nicht für Fußball interessiert und die ganze Atmosphäre dort als befremdlich empfindet.

Kastrop schreibt für ein – vorsichtig formuliert – „blondes“ Klientel, das damit rechnet, dass „die klassische Viererkette“ im Sport etwas mit Schmuck zu tun habe. Außerdem wird den Leserinnen von vornherein unterstellt, dass sie sich im Grunde nicht für Fußball, sondern für Schuhe interessieren, denn immer wieder weist sie auf den „Sex and the City“ liebenden Shoemaniac hin (S. 28, 41, 48). Allerdings sind manche Vergleiche mit Klatschpressethemen zur besseren Illustration der Vorgänge in einem Fußballfanherzen durchaus witzig und erleichtern das Verständnis: „Nur mit ‚eigenen Pokalgesetzen‘ lässt es sich erklären, warum zum Beispiel der FC Bayern im Jahr 1994 am unterklassigen TSV Vestenbergsgreuth scheiterte. Bis dato eine Riesenschmach für alle Bayern-Fans. So in etwa würde sich Brad Pitt fühlen, wenn ihn Angelina Jolie wegen Guido Westerwelle verlassen würde. So in etwa …“ Um eine Fußballanfängerin zu beeindrucken, lässt sie also genügend Sachkenntnis und Erfahrung blitzen. Dennoch darf bezweifelt werden, dass ihre Anleitung dafür, sich als Interessierte zu maskieren, einem Laien viel nutzen wird, wenn das nötige Herzblut fehlt. Schlimmstenfalls manövriert man sich mit dem gefährlichen Halbwissen aus vorgeschlagenen Kommentaren und der Kenntnis vereinzelter Anekdötchen in eine ausweglose Situation der Bloßstellung, wenn der Mann interessiert auf einen solchen Kommentar eingeht. Ich jedenfalls werde mir trotz der Lektüre des Ratgebers meine eigene Strategie im Umgang mit Fußballfans bis zum Beginn der EM zurechtlegen müssen. Vermutlich werde ich mich wie immer völlig desinteressiert zeigen und milde lächeln, wenn sich die Fans vor dem TV versammeln. Die Spielzeiten der Champions League haben sich beispielsweise als wertvolle Leseminuten erwiesen. Das lässt sich mit Sicherheit auf die Europameistermeisterschaftsspiele übertragen. Bei mir stapeln sich bereits die dicksten Wälzer.

„Liebe in Zeiten der Champions League“ liest sich durch den lockeren Ton auch für einen Nicht-Shoemaniac, der nie „Sex and the City“ gesehen hat, schnell und flüssig. Das Buch ist sogar manchmal amüsant; z. B. zeugt der Buchtitel, der, wenn man ihn als Anspielung auf „Liebe in Zeiten der Cholera“ liest, den Fußball mit einem gefährlichen Brechdurchfall gleichsetzt, von einer gewissen Komik, die hoffentlich beabsichtigt war. Leider habe ich auf Seite 58 des Ratgebers beschlossen, mich der Kopfballtheorie meiner fußballaffinen Arbeitskollegin anzuschließen. An dieser Stelle konnte sich die Autorin nicht zurückhalten, von ihrer Beziehung mit einem Süditaliener zu berichten. Sie tritt dafür ein, die Beziehungen mit einem Italiener zu überdenken und lieber auf einen weniger charmanten, aber dafür weniger familiär gebundenen deutschen Mann zurückzugreifen. Als Einzelkind war es ihr offensichtlich nicht vergönnt, deutsche Großfamilien kennenzulernen. Dadurch wäre sie vielleicht mit entsprechendem Verständnis für größere Familien ausgestattet worden – so wie ihr Aufwachsen unter Fußballfans sie für das Leben mit Fußballfans abgehärtet hat. Kurz und gut: „Liebe in Zeiten der Champions League“ kann man lesen, muss man aber nicht.

|240 Seiten, Paperback
ISBN-13: 978-3426785454|
http://www.droemer-knaur.de
http://jessica-kastrop.de