Simmons, Dan – Hard Freeze

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo, New York State, gar nicht so einfach. Er gerät nicht nur zwischen die Fronten zweier verfeindeter Mafiafamilien, sondern kommt auch einem psychopathischen Serienkiller in die Quere, der momentan auf der „richtigen“ Seite des Gesetzes arbeitet.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne).

Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wird. Simmons lebt in Colorado, wuchs aber in Buffalo, dem Schauplatz der Kurtz-Romane, auf.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder ein paar Fälle an. Leider sitzt ihm die Polizei genauso im Nacken wie die Mafia. Im eisigen Winter auf Buffalos Straßen entkommt er den Kontraktkillern um Haaresbreite.

Doch wer hat den Kontrakt für ihn ausgeschrieben? Ist es Angelina Farino Ferrara, die aus Italien zurückgekehrte Mafiaerbin des in Attica einsitzenden Bosses Stephen „Little Skag“ Farino, den Kurtz bestens in schlechter Erinnerung hat? Oder ist es ihr Gegenspieler, der schmierige Drogenschieber Emilio Gonzaga mit dem miserablen Geschmack und dem noch übleren Mundgeruch, mit dem sie sich zum Schein arrangieren muss?

Als sei dies noch nicht genug Kummer, bekommt Kurtz auch noch Besuch von einem relativ betuchten, aber todkranken Schwarzen namens John Wellington Frears, der nach Jahren endlich den immer noch frei herumlaufenden Mörder seiner Tochter Crystal finden will. Da hat sich Kurtz auf was eingelassen: Der berechnende Mädchenserienkiller, ein Meister der Verkleidung, hat nun eine Rechnung mit Kurtz offen und alle Trümpfe in der Hand: James B. Hansen arbeitet im Augenblick unter falscher Identität auf der Seite der Gesetzeshüter, hat eine respektable Familie und ein respektables Haus in einem vornehmen Viertel. Sein finsteres Geheimnis bewahrt er in einer Titanschachtel in einem Safe seines stets abgesperrten Arbeitszimmers auf. Zumindest so lange, bis Joe Kurtz es dort aufspürt.

So oder so wird es für Joe Kurtz ein heißer Winter in Buffalo, der kältesten Stadt im Bundestaat New York, gleich neben den Niagara-Fällen. Der Showdown findet folgerichtig während eines Schneesturms am totesten und kältesten Ort der Stadt statt: in den verfallenen dunklen Gewölben des alten verfallenen Hauptbahnhofs.

_Mein Eindruck_

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen.

Kurtz hat eine Tochter namens Rachel, die er wegen seiner 12-jährigen Haft nie kennen lernen durfte. Samantha, ihre Mutter, war Kurtz‘ Geliebte und berufliche Partnerin. Emilio Gonzaga hat sie auf dem Gewissen. Kurtz‘ Feldzug gegen Gonzaga entspringt also seinem Wunsch nach Vergeltung. Rachel hat inzwischen einen Pflegevater namens Donald Rafferty, doch der stellt sich als saufender und hurender Taugenichts heraus. Als er auch Rachel an die Wäsche will, läuft sie davon. Kurtz hat Abhörgeräte in Raffertys Haus angebracht, doch die neueste Entwicklung überrascht auch ihn. Plötzlich sind seine Qualitäten als Vater gefragt. Und wie sich zeigt, ist dies für Donnie Rafferty äußerst ungesund.

Auch gegenüber Frauen zeigt sich Kurtz souverän. Während er mit seiner Berufspartnerin Arlene DiMarco hervorragend auskommt, ohne zu persönlich zu werden, handhabt er die Mafiaerbin Angelina Farino Ferrara, wie es sich gebührt: eiskalt, vorsichtig und geschäftsmäßig. Für jeden muss etwas dabei herausspringen, wenn man etwas erreichen will. Ferrara will Gonzaga ebenso aus dem Weg haben wie ihren „kleinen Bruder“ Little Skag, der vom Bundesgefängnis in Attica weiterhin die Familiengeschäfte leitet. Als Angelina merkt, dass Kurtz imstande sein könnte, es mit den beiden aufzunehmen, will sie ihn benutzen. Dummerweise hat er eine Tonbandaufnahme von ihr, auf der sie gesteht, ihr Baby, das sie von Emilio Gonzaga gegen ihren Willen bekommen hatte, getötet zu haben …

In einer Welt der Psychopathen, Bodyguards, eiskalten Drogenschieber und Kindermörder nimmt sich ein Killer wie Joe Kurtz dennoch recht normal aus. Für einen Killer ist er sogar außerordentlich belesen und gebildet. In Attica hatte er zwölf Jahre Zeit fürs Lesen. Er liebt Shakespeare, und der Showdown im Hauptbahnhof gemahnt ihn an den Schlussakt von Shakespeares „Titus Andronicus“: eine wahre Schlachtplatte (inzwischen verfilmt mit Sir Anthony Hopkins).

Ungewöhnlich für einen Hardboiled-Thriller: Kurtz‘ geistiger Mentor, ein Ex-Professor in Princeton, wartet mit einer Theorie der moralischen Entwicklung auf. Wie Jean Piaget bewiesen hat, dass sich jeder Mensch in einer geistigen und sozialen Entwicklung befindet und es verschiedene Entwicklungsphasen gibt, so postuliert der Ex-Professor sieben Entwicklungsstufen des moralischen Empfindens und Bewusstseins. Ein Kinderschänder und Mahatma Gandhi mögen zwar beide der Spezies Mensch angehören, stehen aber wohl kaum auf der gleichen sittlichen Stufe. Kurtz‘ Beitrag zu dieser Theorie: Es gibt eine Nullstufe, und er kenne einige Vertreter dieser Stufe persönlich. Der Ex-Prof muss ihm widerwillig zustimmen. Ein solcher Vertreter hat gerade kalblütig seinen Doppelgänger erschossen. Man nennt diese Leute gemeinhin „Monster“.

Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie der Kurtz-Thriller. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht. Zu guter Letzt sind hier nicht nur die Winter besonders hart und lang, sondern es gibt am Lake Erie ein spezielles Wetterphänomen: einen extrem starken Schneesturm, der von Westen über die Weite des Sees heranbraust, bis er die Stadt mit ungeheurer Wucht trifft. Keine Frage, dass dies genau dann eintritt, als der Showdown des Buches stattfindet. Daher auch der Titel.

_Unterm Strich_

„Hard Freeze“ ist als zweiter Band der Kurtz-Serie vielleicht nicht so gewalttätig wie der erste, auf dessen Ereignisse ständig verwiesen wird. Aber „Hard Freeze“ entwickelt eine unaufhaltsam wirkende Wucht, die wie der sich zusammenbrauende Sturm irgendwann zum Ausbruch kommen muss.

Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise.

Dies bedeutet nicht, dass Gewalt Selbstzweck ist. Im Gegenteil. Jeder der Schurken wird nicht nur in seinem Handeln, Reden und Denken dargestellt, sondern auch anhand der Konsequenzen seines Tuns. James B. Hansen, den wir wie keine andere Figur im Buch kennen lernen, ist beispielsweise ein vorbildliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und Polizei, doch die Tatsache, dass er bereits über zwei Dutzend zwölfjährige Mädchen vergewaltigt und brutal umgebracht hat, macht ihn zum Monster.

Sobald eine seiner vielen Identitäten ausgedient hat, bringt er seine Gastfamilie um und hinterlässt die Leiche eines Unschuldigen im brennenden Haus, so dass man Hansen für tot hält. Eine Spur der Vernichtung kennzeichnet seinen Lebensweg. Kurtz‘ Tochter könnte sein nächstes Opfer sein.

Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hard Freeze“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen. Dass Simmons sich nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird.

Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, diebische Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |