Alexandre Dumas – Der Graf von Monte Christo (Vollständige Ausgabe)

Zur Story

Der junge, redliche Edmond Dantès ist Erster Offizier an Bord des Handelsschiffes „Pharaon“. Als der Kapitän auf der Rückfahrt nach Marseilles unerwartet verstirbt, übernimmt er kommissarisch das Kommando. Bei einem Zwischenstopp auf der Insel Elba hatte Käpt’n Leclère zuvor ein konspiratives Treffen mit dem dort im Exil befindlichen Ex-Kaiser Napoleon Bonaparte, der diesem einen wichtigen Brief offenbar brisantem Inhalts anvertraute. Der letzte Wille des Dahingeschiedenen war nun, dass Edmond eben jenes ominöse Schriftstück statt seiner nach Paris überstelle. Sein treuer Erster Offizier gedenkt genau dies zu tun, nachdem er die „Pharaon“ und ihre Ladung mit sicherer Hand in den Hafen bugsiert, sich an Land über den Zustand seines armen und kränklichen Vaters informiert und dann noch rasch seine Verlobte Mercédès geehelicht hat. Der Reeder Morrel hat dem wackeren Seemann bereits in Aussicht gestellt, dass er auch zukünftig das Kommando über den Dreimaster innehaben wird. Die Beförderung ist quasi reine Formsache.

Doch Dantès hat Feinde. Der Zahlmeister Danglars neidet ihm seinen raschen Aufstieg und wäre selbst gern zum Kapitän der „Pharaon“ geworden. Währenddessen grollt ein anderer ihm die Verlobung mit Mercédès, da er die unglaublich liebreizende Katalanin sofort heiraten würde, wenn ihr Herz nicht voll und ganz Edmond gehören würde: Fernand Mondego. Zusammen mit dem versoffenen Nachbarn des alten Dantès – Caderousse – entsteht ein Komplott, dessen vollständige Ausmaße wohl kaum einer der Intriganten wirklich hat voraussehen können. Durch einen anonym an die Justiz gerichteten Brief denunzieren sie den ahnungslosen Edmond ein Bonapartist zu sein. Noch am Tage seiner Hochzeit wird Dantès verhaftet und dem stellvertretenden Staatsanwalt de Villefort vorgeführt. Dort nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn der fragliche Brief den Dantès in Paris abliefern soll, ist tatsächlich von belastender, nationaler Brisanz. Und auch die Karriere des stellvertretenden Staatsanwalts bedroht – politisch wie persönlich. Der Adressat des konspirativen Schreibens ist nämlich niemand anderer, als dessen Vater, was Dantès allerdings weder wissen noch ahnen kann.

Obwohl de Villefort also von der generellen Unschuld Dantès‘ weiß, lässt er den armen Schlucker sicherheitshalber von jetzt auf gleich in die gefürchtete Gefängnisfestung „Chateau d’If“ vor der Küste verschleppen, um den vermeintlichen Mitwisser dauerhaft zu neutralisieren. So kommt es, dass der neunzehnjährige, eben noch von Glück und Erfolg geküsste, aufstrebende Bursche fürderhin im Kerker versauert. Dort lernt der Verzweifelte den Abbé Faria kennen, der seinen Fluchttunnel versehentlich in Edmonds Zelle gebuddelt hat. Der gemeinhin bei den Wärtern als verrückt geltende, aber hochgebildete, Alte ist bald Ersatzvater sowie Lehrer für Edmond und gemeinsam arbeiten sie an ihrer Flucht. Dessen gelegentliches Gerede von einem unermesslichen Schatz in seinem Besitz, glaubt Edmond allerdings auch nicht. Dann stirbt Faria plötzlich und Edmond ergreift seine Chance. Er kann entkommen und stellt bald darauf fest, dass der alte Abbé doch kein Spinner war. Unermesslich reich kehrt Dantès nach vierzehn Jahren Haft als geheimnisvoller „Graf von Monte Cristo“ zurück, um sich erbittert an seinen Peinigern zu rächen.

Eindrücke

Zwei Jahre nach seinem ebenfalls berühmten Werk „Die drei Musketiere“ erschien der „Graf von Monte Christo“ als eine der ersten Fortsetzungsgeschichten in einer Pariser Zeitung. Zwei Jahre begleiteten die Leser Edmond Dantès auf seinem legendären Rachefeldzug, der schon bald darauf auch in deutscher Übersetzung als Buch veröffentlicht wurde. Die vorliegende Taschenbuch-Gesamtausgabe von dtv basiert auf eben jener und wurde von Thomas Zirnbauer überarbeitet sowie mit einer Zeittafel und einem Nachwort versehen, der die Story und ihr Drumherum ausleuchtet. Die Geschichte selbst gliedert sich in die Teile: Komplott/Verhaftung und Einkerkerung ins Chateau d’If, Abbé Faria und die Flucht/Der Schatz auf Monte Cristo, Zwischenspiel in Rom, Rückkehr nach Frankreich/Belohnung der Treuen, Bestrafung der Feinde, Sühne, Vergeltung und Vergebung. Die über 1400 Seiten sind mit einem kleinen Schriftbild so eng bedruckt, sodass man auch als geübter Buchwurm schon eine Weile benötigt sich durch das – endlich vollständig in einem Band vorliegende – Werk zu wühlen.

Zumal Alexandre Dumas (pére) oftmals detailverliebt in unwichtig scheinende Nebenhandlungen und – schauplätze abschweift, die zwar auch auf irgendeine Art stets Inhaltsbezug (und somit durchaus auch eine Berechtigung) haben, jedoch nicht immer wirklich unabdingbar erscheinen, da sie die Handlung häufig künstlich ausbremsen. Vermutlich geschah dies nicht ganz ohne Absicht. Hier tritt der Charakter des zugrunde liegenden Fortsetzungsromans nämlich deutlich zutage, vor allem da jedes Kapitel für den Autoren damals sicher bares Geld bedeutete, weswegen es daher auch nicht verwundert, dass er Verleger und Publikum gleichermaßen zuweilen arg auf die Folter spannte, wenn Handlungsstränge ausgebaut wurden, die zu streichen der Geschichte prinzipiell keinen Abbruch getan hätten – so wie es die wiederholten Verfilmungen des Stoffes immer bewiesen haben. Auf der anderen Seite dient es selbstverständlich der Tiefe des Ganzen und wirft ein interessantes gesellschaftliches Bild auf die Epoche und die darin eingebetteten Figuren mit ihrem für heutige Begriffe unverständlichen Wert- und Ehrvorstellungen.

Die Charaktere sind nach modernem psychologischem und dramaturgischen Verständnis teils überzeichnet, teils sehr klischeebehaftet und agieren nicht immer wirklich logisch. Sie entwickeln sich aber allesamt auch weiter. Selbst den Antagonisten wird das zugestanden. Dumas entpuppt sich als profunder Kenner der menschlichen Psyche – und vermutlich auch praktische Erfahrung mit der Wirkung von Haschisch auf selbige. Monte Cristo ist bekennender Freund dieser Droge und konsumiert sie sowohl selbst, als er sie auch zu medizinischen Zwecken anwendet. Wer nur die Filme kennt, wird von so mancher dunklen Seite des (Anti-)Helden vielleicht überrascht sein. Die Gratwanderung – zwischen menschlich-warmen, gelehrtem Wohltäter und zynischem Misanthrop – dieser Figur macht einen Gutteil der Faszination aus, die der Roman ausübt. Letztendlich muss man den Chapeau ziehen, auf welch subtile Art die Übeltäter mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden, wobei u. a. etwa die unterschiedlichen Maskeraden von Dantès/Abbé Busoni/Lord Wilmore/Monte Cristo unter strengen Gesichtspunkten der Logik und Durchführbarkeit nicht zu 100% schlüssig ausfallen. Sei’s drum. Spannend ist es allemal.

Fazit

Zurecht gilt dieser Roman als kultiger Klassiker und alle bisherigen Verfilmungen kommen nicht an das geschriebene Wort heran – allenfalls mal in die Nähe. Apropos Worte: Gelegentlich nervt selbst die „überarbeitete“ Übersetzung mit immer wiederkehrenden Worten und Phrasen, eine abwechslungsreichere Wortwahl an den entsprechenden Stellen hätte den Lesefluss sicher verbessert. Doch nun gut, Original ist eben Original. Mit dem Roman taucht der Leser halt nicht nur in beinahe vergessene sprachliche Gefilde, sondern vielmehr in längst vergangene Strukturen zu Zeiten Napoleons ab. Die gesellschaftskritischen Töne und Nuancen sind unübersehbar und künden beredt von Dumas‘ für damalige Verhältnisse schon recht moderner Einstellung. Dass so manches Handlungselement bei genauerer Betrachtung nicht ganz hinhaut, fällt unter künstlerische Freiheit, die man dem Autoren aufgrund seines spannenden und vielschichtigen Abenteuerromans von Vergeltung und Vergebung gerne bereitwillig einräumt. Für die gelegentlich abschweifigen Umwege über allzu üppige Nebenhandlungen gilt selbiges. Der rächende Rezensentendaumen signalisiert jedenfalls fünf konspirative Sterne.

Taschenbuch, 1500 Seiten
OT: „Le Comte de Monte-Cristo“
von Alexandre Dumas (père – Der Ältere)
Paris 1844-46
Übersetzung von 1846 überarbeitet von Thomas Zirnbauer
Vollständige Ausgabe – dtv, Mai 2010
ISBN 9783423139557

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