Archiv der Kategorie: Musik

Chris Welch – Led Zeppelin: Dazed And Confused. The Stories Behind Every Song

Gute Band-Biografie mit Song-Kritiken

Als eine der zahlreichen Biografien über Led Zeppelin (LZ) herausgebracht, unterscheidet sich „Dazed and Confused“ grundlegend im Konzept: Der Hauptteil des Buches wird durch Besprechungen der Alben und ihrer Tracks bestritten. Diese Besprechungen reichen bis ins Jahr 1994/95, also auch bis Page/Plant’s „No Quarter“ und den Remasters/Remastered-Alben.
Chris Welch – Led Zeppelin: Dazed And Confused. The Stories Behind Every Song weiterlesen

Moers/Meier/Bühring/Budéus – Die Beatles. Geschichte und Chronologie

Eine umfangreiche Beatles-Enzyklopädie

Dies ist die präzise und umfassende Chronologie des gesamten Schaffens einer Band aus Liverpool, die schließlich unter dem Namen „The Beatles“ doch noch recht bekannt wurde (statt unter „The Quarrymen“). Auf rund 700 Seiten Umfang liefert diese Chronologie eine Detailfülle, die den Leser schier erschlägt. Die Lust am Lesen kommt also erst am Detail. Man kann daher jede beliebige Seite außer dem Register aufschlagen und entdeckt interessante, kuriose oder einfach nur entdeckenswerte Informationen – und schon hat einen die Beatlemania am Wickel.
Moers/Meier/Bühring/Budéus – Die Beatles. Geschichte und Chronologie weiterlesen

Giles Smith – Lost in Music. Eine Pop-Odyssee

Eine Pop-Odyssee mit den Smiths

Der heutige Reporter und frühere „Popmusiker“ Giles Smith erzählt uns von seine lange währenden Liebesaffäre mit der Popmusik, die schon mit neun Jahren beim Hören eines T.Rex-Songs begann. Aber was heißt hier „Affäre“? Smith ist fest mit der kapriziösen Dame verheiratet, und das führte im Laufe der Jahre zu mehreren tragikomischen Situationen. Unterhaltsame, lesenswerte und informative Lektüre für jeden Pop-Fan (sind wir das nicht alle?) – und außerdem stellenweise saukomisch. In England zählt „Lost in Music“ neben Nick Hornbys „High Fidelity“ zum Standardwerk in Sachen Popliteratur.
Giles Smith – Lost in Music. Eine Pop-Odyssee weiterlesen

Geoff Emerick / Howard Massey – Here, There and Everywhere. My Life Recording the Music of The Beatles

The BEATLES 1966-1969: Die Klang-Revolution der 60er Jahre

Der Autor war der Toningenieur, der bei der englischen Plattenfirma EMI jahrelang für die Aufnahmen der ersten Beatles-Alben zuständig war. Er revolutionierte deren Sound mit den Alben „Revolver“ und „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, die zu den einflussreichsten Platten der sechziger Jahre gehören. Dies ist seine Lebensgeschichte, fokussiert auf die Jahre, in denen er sich mit den Beatles herumschlug…

In diesem Buch findet der Leser heraus:

1) Welche BEATLES-Songs sofort nach Erscheinen von der BBC verboten wurden;
2) auf welchem Stück Paul McCartney (ganz leise) „F**king hell!“ flucht;
3) auf welchen zwei Stücken jeweils ein Ton fehlt;
4) wie der „endlose“ Klavierakkord am Ende von „A day in the life“ zustandegebracht werden konnte;
5) auf welchem Stück „Paul is dead“ gesagt wurde (oder auch nicht);
und vieles mehr.
Geoff Emerick / Howard Massey – Here, There and Everywhere. My Life Recording the Music of The Beatles weiterlesen

Jerry Hopkins/Daniel Sugerman – Keiner kommt hier lebend raus. Die Jim Morrison Biographie

Jim Morrison wird (wieder einmal) exhumiert

Rechtzeitig zu Jim Morrison Exhumierung am 6. Juli 2001 erscheint bei Heyne erneut die bereits 1995 „erweiterte und überarbeitete Ausgabe“ der klassischen und umfassendsten Morrison-Biografie. Anno 1980 fachte diese Biografie durch ihren Erfolg den ganzen Star-Biografie-Rummel erst an. Doch die Erweiterungen beschränken sich vor allem auf den Epilog von Ko-Autor Jerry Hopkins und das Nachwort von Morrisons Dichterkollegen Michael McClure. Zudem wurden die Disko- und Bibliografien durch Updates ergänzt.
Jerry Hopkins/Daniel Sugerman – Keiner kommt hier lebend raus. Die Jim Morrison Biographie weiterlesen

Marcus Hearn (Hrsg.) – A Tribute to Pink Floyd – Fotografien

Zeitgeschichte: Von Psychedelia bis Stadionrock

„A Tribute to Pink Floyd“ illustriert die Geschichte der Band anhand der gelungensten und aussagekräftigsten Fotos aus dem Archiv der Fotoagentur Rex Collection. Der Bildband enthält Aufnahmen von ihrem ersten Pressetermin bis zum letzten Bild des Bandes, auf dem man die Trauerkarte eines Fans vor dem Haus von Syd Barrett sieht, kurz nach dessen Tod im Juli 2006.

„Dies ist der bisher umfassendste Bildband über die Ausnahmeband Pink Floyd. Das Bildmaterial in dem hochwertigen Fotoband erstreckt sich von den Anfängen ihrer Karriere – ihrer psychedelischen Phase der sechziger Jahre mit dem Songwriter-Genie Syd Barrett – über die Phase der Umorientierung und des weltweiten Durchbruchs in den Siebzigern bis zum Auftritt beim Live-8-Konzert im Jahr 2005.

Die Fotos zeigen die Band bei unzähligen Liveauftritten und den unterschiedlichsten Fotosessions genauso wie jenseits der Bühne. Sie zeigen zum Beispiel David Gilmour beim Suppeessen, die Band bei einer Pressekonferenz zugunsten von Greenpeace sowie Porträtaufnahmen der Bandmitglieder über viele Jahrzehnte.

Das Buch entstand in enger Zusammenarbeit mit der legendären Londoner Fotoagentur Rex Features, aus deren Beständen bereits die Bildbände zu Queen, den Sex Pistols, The Who und Jimi Hendrix erschienen sind.“ (Verlagsinfo)
Marcus Hearn (Hrsg.) – A Tribute to Pink Floyd – Fotografien weiterlesen

Burnett, David / Salewicz, Chris / Murray, Chris – Bob Marley – Soul Rebel

_Guru oder Protestsänger? Marley ohne Nimbus_

Am 6. Februar 2009 wäre Bob Marley 64 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint der vorliegende prachtvolle Bildband, der ausgezeichnete und zum Teil unveröffentlichte Fotos vom Karrierestart eines der einflussreichsten Musiker des vorigen Jahrhunderts zeigt, darunter viele Fotos von der ersten Exodus-Tour 1977 durch Europa. Die Aufnahmen stammen vom |TIME|-Fotografen David Burnett, der den Musiker vor Ort in Kingston besuchte und ihn auf seiner Tournee begleitete.

_Die Autoren_

1) Der Fotograf: David Burnett

Burnett, geboren 1962 in Salt Lake City, begann seine Karriere 1967 als Praktikant beim |TIME Magazine|. Von 1970 bis 1972 berichtete er für die Zeitschrift |Life| über den Vietnamkrieg. 1975 war er Mitbegründer der Agentur |Contact Press Images| in New York City. Burnett reiste in über 75 Länder und veröffentlichte Fotoreportagen in |Time|, |Life|, |Fortune|, |The New Yorker| und |The New York Times Sunday Magazine|. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

2) Autor des Vorworts: Chris Salewicz

Der Journalist Chris Salewicz schreibt seit mehr als 20 Jahren über Popkultur, besonders über Reggae, Er war für den |New Musical Express| (NME) tätig, arbeitete für die |Sunday Times|, |The Face| sowie die Zeitschrift |Q| und schrieb die autorisierte Biographie „Bob Marley: Songs of Freedom“. Mit „Rude Boy“ veröffentlichte er seine Erinnerungen an die Insel Jamaika. Er war verantwortlich für das Booklet der preisgekrönten Vier-CD-Box „Tougher than Tough: The Story of Jamaican Music“ und schrieb mit am Drehbuch zu dem jamaikanischen Actionfilm „Third World Cop“.

|3) Autor der Einleitung: Chris Murray|

Chris Murray ist Gründer und Leiter der |Govinda Gallery| in Washington, D.C. In mehr als 30 Jahren hat er über 200 Ausstellungen organisiert, oft mit den führenden amerikanischen Künstlern. Murray zeigte in den 1970er Jahren Andy Warhol und veranstaltete 1983 die erste Ausstellung der Starfotografin Annie Leibovitz. Seit damals hat sich die |Govinda| zu einer der innovativsten Galerien der Vereinigten Staaten entwickelt.

_Inhalte_

|a) Texte|

Wie nähert man sich einem Idol? Sehr vorsichtig und schrittweise. Deshalb gibt es a) ein Vorwort, b) eine Einleitung und c) die eigentlichen Begleittexte zu den vier Kapiteln.

|Das Vorwort|

Salewicz holt in seinem Vorwort gleich das Weihrauchgefäß raus und beginn es über dem „klassischen mythologischen Helden“ Bob Marley zu schwenken. Das ist leider wenig hilfreich, denn Weihrauchwolken tendieren dazu, die Sicht auf die wirklichen Dinge zu vernebeln. Eine Aufzählung von Stilisierungen taugt nicht, um diese Wolken zu vertreiben. Zur Sache kommt der offenbar ergriffene Journalist erst in der dritten Spalte, als er endlich die Biografie des derart auf den Sockel gehobenen Stars erzählt.

Robert Nesta Marley wurde am 6. Februar 1945 in Nine Miles in der Gemeinde Saint Ann auf Jamaika geboren. Sein Vater, ein britischer Offizier, verließ ihn zweimal, einmal nach der Geburt in Nine Miles und etwa neun Jahre später erneut in der rauen städtischen Umgebung von Kingstons Slumviertel Trenchtown. (Marley singt über Trenchtown in einem seiner bekanntesten Songs, „No Woman No Cry“.) 1964 begann er seine Musikkarriere mit den |Wailers|, ergatterte in London bei |Island Records| einen Plattenvertrag und verkaufte von seinem 1982 posthum veröffentlichten Album „Legend“ 15 Millionen Kopien – was für ein Aufstieg.

Marley starb am 11. Mai 1981 an Krebs. Dazwischen lag eine mühevolle und einzigartige Karriere, die der Autor detailliert beschreibt, in der neuen Musikrichtung des Reggae. (Um was es dabei geht, muss hier aus Platzgründen vorausgesetzt werden, außerdem will ich keine Eulen nach Athen tragen.) Heute sei Marley einer der wichtigsten Musiker der Dritten Welt, praktisch auf einer Stufe mit John Lennon, und zwar vor allem wegen seiner Botschaft aus Liebe und Freiheit.

|Die Einleitung|

… wird wesentlich konkreter, indem Murray, der Galeriebetreiber aus der US-Hauptstadt, erst den Fotografen Burnett beschreibt und dann dessen Aufenthalt auf Jamaika, bei dem es zu den Aufnahmen mit Marley kam. Burnett und seine journalistischen Gefährten sollten 1976 das neue Phänomen des „Reggae“, einen Nachfolger des Rocksteady (1966 ff) kennenlernen. Sie stießen an der Nordküste auf eine rebellische Subkultur, komplett mit Religion, chiliastischem Heilsversprechen und weltlichem Gott, dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie – wow! Und dann rauchten diese Musiker auch noch Ganja – Marihuana – am laufenden Band – cool!

Gar nicht so cool war die Szene, auf die sie in der Hauptstadt Kingston trafen. Zwei Parteien standen einander bis an die Zähne bewaffnet gegenüber, und wer in die Zone der anderen geriet, war des Todes. In diese Auseinandersetzungen, die das Land zerrissen und die Bevölkerung dezimierten, geriet auch der aufstrebende Musiker und Freiheitspoet Robert Marley. Er wurde mitsamt seiner Frau und seinem Manager niedergeschossen. Glücklicherweise wurde bei diesem Attentat niemand getötet, aber Verletzungen hinterlassen nicht nur äußerlich ihre Spuren.

Es sind solche umwerfenden Informationen, die auch Salewicz hätte bringen können. Doch stets ist es die Frage für einen Autor, ob er sich mehr auf die Musik bzw. das Werk eines Künstlers konzentrieren soll oder auf dessen Biografie. Salewicz kümmert sich um beides und weiß doch nicht recht zu befriedigen. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich wüsste, was Marley antrieb. Aber die genannten erschreckenden Fakten über Kingstons Beinahe-Bürgerkrieg vermitteln doch eine Ahnung dessen, worum es bei Marley gegangen sein muss: Freiheit, Versöhnung, Liebe, kurzum: Erlösung.

|Die Kapiteltexte|

Endlich kommt der Fotograf selbst zu Wort. Burnett bemüht sich um Fassung und Selbstkontrolle, doch vielfach kann er nicht umhin, das Objekt seiner Aufnahmen zu loben: die Geduld, die Freundlichkeit, die hochintelligente und doch innovative Redeweise des bekannten Jamaikaners. Man kann also nicht sagen, dass er, wie manche von Marleys Fans, den Musiker für den wiedergekehrten Jesus hielt. Das ist wahrlich eine Erleichterung.

Ein Fotograf war damals noch in der heute völlig undenkbaren Lage, einen Star direkt und ohne PR-Geschwader aufzunehmen und ihm sogar Regieanweisungen zu geben, selbiger Star möge doch kurz mal fünf Meter rennen, damit er mit seiner Spezialkamera ein Bild anfertigen könne. Auch die Close-up-Bühnenfotos von den Konzerten in Europa wären heute so nicht mehr zu machen. Burnett gehörte damals praktisch zur Familie, kickte Fußball, begleitete den Soundcheck, fuhr im Tourbus mit. Hoffentlich kochte er auch mal Kaffee.

|b) Fotos|

Der Bildteil des Bandes ist gewissermaßen viergeteilt. Nach einem einleitenden Teil mit allgemeinen Fotos von Marley folgt ein Backgrounder. Der Fototrip der Amis begann 1976 ja in Ocho Rios an der Nordküste. Dort spielten Vorläufer Marleys wie die Band |Burning Spear| und natürlich Peter Tosh. Dieser Hintergrund, der das Phänomen Marley erst möglich machte, ist wichtig, um die Entstehung Marleys und des Reggae verstehen zu können.

Der zweite und wesentlich umfangreichere Teil stellt uns den Meister himself vor. Die Aufnahmen erfolgten vor und in seinem Haus in Kingston. Er trägt die Dreadlocks, den Negus-Bart, ein weißes Hemd, eine Westerngitarre mit dem Foto des Negus darauf (Negus: Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, der „Löwe von Juda“). Und fast immer befindet sich in seinen Fingern ein Joint von Ganja. (Marley starb unter anderem an Lungenkrebs.)

Doppelseitige, ausklappbare Schwarzweißfotos machen das Idol tauglich zum Poster fürs Teenie-Zimmer – und vielleicht auch für die eine oder andere Galerie. Hier sieht man „das Weiße im Auge“ des „monstre sacré“, wie die Franzosen sagen.

Den letzten und farbigsten, geradezu farbenfrohe Teil bestreiten die Fotos, die 1977 auf der „Exodus“-Tour aufgenommen wurden. Aufnahmen auf, vor und hinter der Bühne vermitteln fast schon das Gefühl, live dabei zu sein. Im Mittelpunkt steht häufig Marley solo, aber er hatte auch eine Menge Mitstreiter, darunter die Begleitmusiker und Choristinnen. Die Credits und Danksagungen schließen diesen Teil ab.

Ich will nicht verschweigen, dass ich zwischen Seite 109 und 112 auf beschädigte Seiten stieß. Das Papier war am unteren Seitenrand, nahe beim Bund, eingerissen. Hier ging offenbar beim Druck etwas schief. Um diesen Fehler zu vermeiden, sollte der Käufer darauf achten. Das ist allerdings schwierig, wenn das Buch, wie meines, in eine Plastikfolie eingeschweißt angeboten oder geliefert wird.

_Mein Eindruck_

Es ist heutzutage schwer geworden, sich einem Künstler so stark zu nähern, wie es David Burnett 1976/77 konnte. Da ist man heute auf die Gunst der PR-Maschinerie angewiesen. Burnett stellt in seinem Text selbst einige Vergleiche an, die nicht gerade schmeichelhaft für den heutigen Medienbetrieb ausfallen. Deshalb wirken seine Aufnahmen von einem Bob Marley ohne jedes Brimborium authentisch, sympathisch und glaubwürdig. Hier wurde nicht retuschiert, und von einer digitalen Bearbeitung konnte man 1976 nur träumen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Fotos nun grobkörnig wie in einer Schnupftabakdose daherkämen. Ganz im Gegenteil. Die Bilder sind besonders bei den Bühnenaufnahmen derart hochauflösend, dass keinerlei Korn festzustellen ist. Die einzigen Aufnahmen, die Werkstattcharakter aufweisen, sind die Kontaktabzüge auf Seite 66/67. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie ein Fotoreporter mit seinem Ergebnis arbeitet: streichen, akzeptieren, vergrößern, einen Ausschnitt nehmen usw. Das ist Fotografie alter Schule, die möglicherweise gar nicht mehr gelehrt bzw. gelernt wird.

Sehr willkommen ist die Abwesenheit jeder Art von Spezialeffekten, wie etwa Strahler, Speziallinsen, Filter oder gar Überblendungen. Das Ergebnis ist pure Fotografie im Sinne eines Capra oder Bresson, den großen Vorbildern Burnetts: verité. Man kann sich sehr gut Burnetts Bilder vom Vietnamkrieg vorstellen (sein Kollege nahm das bekannteste Foto dieses Kriegs auf: das schreiende nackte Mädchen, das vor einem Napalmangriff flieht). Wenn Marley jemals ein Heiliger war, dann holen ihn diese Fotos wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Auch Jesus war zuerst und vor allem ein Mensch.

|Die Übersetzung|

Bis auf ein oder zwei vergessene Buchstaben („senen“ statt „seinen“) konnte ich keine Fehler finden. Die Übersetzung hält sich, dem Sprachstil nach zu urteilen, häufig eng an das Original. Das ist zum einen gut, wegen der Worttreue, zum anderen wirkt aber der Stil im Deutschen dann nicht mehr so flüssig. Ich lege mehr Wert auf die Worttreue.

_Unterm Strich_

Das Titelbild zeigt einen Mann mit einer Klampfe – einer ganz speziellen: sie trägt (verdeckt) das Foto des Kaisers Haile Selassie, was den Mann als einen Rastafarian ausweist. Dieser „Soul Rebel“ hat also nicht nur Musik zu geben, sondern ist erfüllt von einer Religion und einer Botschaft, ein Mann auf einer Mission. Die Botschaft lautet Freiheit, Liebe, Versöhnung, kurzum: Erlösung. Songs wie „I shot the sheriff“, „Get up stand up“ und „Redemption Song“ (eben der „Erlösungs-Song“) lösten die Mission ein und trugen sie rund um die Welt. Marley hat in manchen Kreisen, wen wundert’s, den Status eines Gurus und Heiligen.

Daher war ein Bildband wie der vorliegende, der ihn vom Sockel holt, durchaus notwendig. Auch wenn Marleys Familienleben komplett ausgeblendet ist (es sei denn, man rechnet die Tourneebus-Crew dazu), erscheint er nun nur wie der logische Exponent einer Bewegung, die schon in Burning Spear, Peter Tosh, Jimmy Cliff und Johnny Nash wichtige Vertreter hervorgebracht hatte, bevor er in den Vordergrund trat. In diesem Band ist er wieder der Mann mit der Klampfe, teils Protestler in Bob-Dylan-Manier, teils Prediger einer besseren Welt.

Als Bilddokumentation erfüllt dieser Band seine Aufgabe ausgezeichnet und kann sogar als Posterfundus dienen. Die Begleittexte machen neugierig auf den Menschen Marley und auf die Insel, auf der der Reggae erfunden wurde. Burnett nimmt uns quasi mit auf eine Expedition in den unbekannten Kontinent des Reggae, wo die Dreadlocks-tragenden Rastafari in letzten Exemplaren vorkommen sollen, die sicherlich kurz vor dem Aussterben stehen. Zum Glück stießen Burnett und seine schreibenden Kollegen nicht auf das „Herz der Finsternis“ (außer in Kingston), sondern auf ein neues Licht, das von einer befreienden Botschaft und einer wichtigen neuen Stimme verbreitet wurde: Bob Marley. So, jetzt hab ich mein Scherflein zur Heiligenlegende beigetragen.

Dass der Erwerb eines solchen Bildbandes nicht ganz billig ist, dürfte wohl einleuchten, aber gebrauchte Exemplare wird es nicht so schnell geben: Es ist einfach ein Sammlerstück. Und wenn die Papierqualität stimmt (siehe oben), will es wohl kein Sammler so schnell wieder hergeben.

|Originalausgabe 2009 bei Insight Editions, San Rafael, CA, USA
Aus dem US-Englischen von Madeleine Lampe
Vorwort von Chris Salewicz
Einleitung von Chris Murra
144 Seiten Großformat, mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißfotos und 4 Ausklapptafeln
ISBN-13: 978-3-89602-873-0|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Crisafulli, Chuck – Nirvana – Teen Spirit – Die Story zu jedem Song

Die zweite herausragende Neuerscheinung im aktuellen Programm des Rockbuchverlags beschäftigt sich mit der wohl einzigen Rock-Band, die man mögen *muss*. „Nirvana – Teen Spirit – die Story zu jedem Song“ erzählt uns auf 136 wiederum sehr ausführlich mit guten Fotos bebilderten Seiten die Geschichte des letzten großen Rockstars unserer Generation, lässt uns einen Blick in sein Leben werfen und analysiert auf beachtliche Weise die eher impressionistischen Gedankengebilde von Kurt Cobain, dem John Lennon der Neunziger.

Es gab und gibt nur wenige Bands, die einen derartigen Fleck auf der musikalischen Landkarte hinterlassen haben wie NIRVANA, die eine ganze Kultur in eine Prä- und eine Post-Phase eingeteilt haben, die ein Genre so maßgeblich geprägt, die den Rock derart exzessiv und originalgetreu gelebt haben und dann mit einem Big Bang untergegangen sind. Better to burn out than to fade away.

Der freie Schriftsteller und Journalist Chuck Crisafulli, der auch selbst eines der seltenen Cobain-Interviews am Ende der Laufbahn der Band geführt hat (welches selbstverständlich in „Teen Spirit“ enthalten ist) und regelmäßig als Musikjournalist (u.a. für den amerikanischen „Rolling Stone“) in Erscheinung getreten ist, hat Ahnung von der Materie, vielleicht mehr als viele andere vor ihm, das merkt man sofort, wenn man in „Teen Spirit“ zu lesen beginnt: Er stellt schlüssig und nachvollziehbar dar, wie es dieser Band gelingen konnte, zu genau jenem Zeitpunkt die Charts zu stürmen und derart erfolgreich zu werden und zeichnet insgesamt ein Bild von NIRVANA, wie es wohl dem, was diese Band wirklich ausmachte, kaum näher kommen kann.

Kernstück des Buches bilden auch in „Teen Spirit“ ausführliche Besprechungen der einzelnen Platten und der dazugehörigen Songs und Texte. Hier lehnt sich Crisafully zwar teilweise auch sehr weit aus dem Fenster, was die Interpretation angeht, kann aber zu jeder Zeit einen Querverweis zu Cobains Leben liefern, der deutlich macht, wie er zu seinen Argumentationen kommt, und weiß so schlussendlich zu überzeugen und die Cobain’schen Wortfragmentpuzzles zu stimmigen Entstehungs- und Hintergrund-bildern der Kompositionen werden zu lassen, wie man sie selten zuvor in einem deutschen Buch gesehen hat. Ironischerweise macht Crisafully hier aber auch leider genau das, was Kurt Cobain im Opener ‚Serve The Servants‘ von „In Utero“ der Presse vorwirft: Er biographisiert die Texte, um sie zu deuten. Im Endeffekt handelt er zwar richtig, denn eben dieses muss man mit Cobains Texten machen, um sie zu entschlüsseln, aber ein etwas dummer Nachgeschmack für den wirklichen Fan bleibt dabei schon.

Wirkliche Kritikpunkte gibt es hingegen nur einige wenige: Zum Einen bleibt auch nach der Lektüre noch einigermaßen unklar, warum man unbedingt die Live-Alben „MTV Unplugged In New York“ und „From The Muddy Banks Of The Wishkah“ ebenfalls so ausführlich besprechen musste wie die Studiowerke und zum anderen stört es gerade bei der Rezension der „Unplugged“-Stücke etwas, wie der Autor hier unbedingt seine prophetischen Qualitäten beweisen muss, indem er, gegensätzlich zu seiner sonst sehr kompetenten Herangehensweise, jedes noch so unpassende Fitzelchen auf den folgenden Selbstmord Cobains bezieht

Insgesamt muss man auch hier, wie im Falle von METALLICA, ganz klar attestieren: Klares Highlight und unbedingte Kaufempfehlung für den NIRVANA-Liebhaber. Das Referenzwerk zur Band an sich ist „Teen Spirit“ zwar nicht (da gibt es deutlich ausführlichere Werke) geworden, wer sich aber explizit für die Person Cobain und die Texte der Band interessiert, kommt an „Teen Spirit“ nicht mehr vorbei.

Ingham, Chris – Metallica – Hit The Lights – Die Story zu ihren größten Songs

Was sind eigentlich die Wurzeln der größten Metalband der Welt? Welche Gedanken und Ereignisse sind es, die hinter den wütenden Lyrics von „St.Anger“ stehen? Was meint James Hetfield eigentlich mit ‚Until It Sleeps‘? Und wie war das noch damals, bei den Aufnahmen von „Master Of Puppets“?

Diese und weitere Fragen will das neue METALLICA-Buch „Hit The Lights – Die Story zu ihren größten Songs“ klären, das kürzlich im Rockbuch-Verlag erschienen ist. Der Autor, kein Geringerer als Chris Ingham, der Herausgeber der wohl neben „Kerrang“ wichtigsten Rock- und Metal-Zeitschrift der Welt ist (nämlich dem ebenfalls englischen „Metal Hammer“), zeichnet in 150 reichlich und gut bebilderten Geschichten die Geschichte METALLICAs nach, wie man sie zwar präsent irgendwie im Hinterkopf kennt, aber bisher nie so kompakt und gut geschrieben parat hatte.

Das Buch startet relativ glanzlos mit dem kurzen Kapitel „Einflüsse“, das man als treuer Fan fast überspringen könnte, denn bei der Beschreibung der NWOBHM-Bands und der Punk-Combos, die zu den Wurzeln METALLICAs gehören, bleibt Ingham doch sehr auf der Oberfläche und liefert kaum mehr als jeweils eine kurze Bio des jeweiligen Acts und einen passenden Kommentar von Lars Ulrich (von wem auch sonst *g*). Richtig interessant wird es im Anschluss, wenn im zweiten Teil die Gründung und die frühen Jahre der Band näher beleuchtet werden, wobei auch Dave Mustaine und MEGADETH ein ganzes Unterkapitel gewidmet ist.

Der eigentliche Kern des Buches sind und bleiben allerdings die ausführlichen Kapitel zu allen Studioalben mit den Songbesprechungen und jeweils mehr oder weniger kurzen Lyric-Analysen, die den Hauptteil von „Hit The Lights“ ausmachen. Wer weiß schon wirklich aus dem Gedächtnis, dass „Kill ‚Em All“ nur 12.000 $ gekostet hat, wie lange man mit „Ride The Lightning“ auf Tour war oder wie das Meisterstück „Master Of Puppets“ Gestalt annahm?

Das größte Problem an „Hit The Lights“ sind unterdessen nicht die fesselnden Beschreibungen von jedem einzelnen Song, den diese Band bis dato auf eine Studioplatte gebracht hat, sondern die immer wieder eingestreuten textlichen Interpretationen, die Chris Ingham vornimmt. Dass ‚One‘ ursprünglich nicht als Anti-Kriegs-Song gedacht war, weiß man aus Interviews mit Hetfield, aber an vielen Stellen sind es einfach nur lose Assoziationen und Ideen, die vom Autor absolut gesetzt werden, obwohl dieses gerade mit James Hetfields zu jeder Zeit schwerstens mehrdeutigen oder relativ schwammigen Texten eigentlich kaum möglich ist. ‚Mama Said‘ ist freilich nicht das Problem, aber zum Beispiel ‚Fight Fire With Fire‘ eine politsche Komponente zu verpassen, die dieses gar nicht hat, oder in ‚King Nothing‘ eine König-Midas-Analogie zu lesen, ist dann doch etwas weit hergeholt.

Trotz dieser kleinen Mängel ist „Hit The Lights“ (natürlich auch mangels Konkurrenz) ein großartiges Buch geworden. Liest man die nie störenden oder aufdringlichen Interpretationen zu den Lyrics als bloße Anregungen eines vielleicht ein bisschen übereifrigen Autors, kann man sogar wunschlos glücklich mit diesem Buch werden.

Machen wir das Fazit kurz und schmerzlos: Das hier ist im Print-Bereich ganz eindeutig das neue Referenz-Werk zum Thema METALLICA in deutscher Sprache, bietet Tonnen von zwar nicht unbedingt enorm tiefen aber dafür topaktuellen Infos, die zudem völlig ausreichend sind für den Hausgebrauch und hat außerdem auf 152 Seiten massenweise tolle Fotos von der Band zu bieten. Klare Kaufempfehlung.

Gerry McAvoy & Pete Chrisp – On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero

Im Juni 2007 war es zwölf Jahre her, dass der große irische Blues- und Rockgitarrist RORY GALLAGHER gestorben ist. Nicht einmal fünf Jahre nach STEVIE RAY VAUGHANs Tod im Hubschrauberwrack waren die Musikfans tief getroffen, wieder einen bedeutenden Gitarristen, der mit großen musikalischen Leistungen statt mit Skandalen auffiel, so früh verloren zu haben. Gerry McAvoy, der fast die ganze Zeit Bassist in GALLAGHERs Band war, hat 2005 mit seinem Co-Autor Pete Chrisp ein Buch über die gemeinsame Zeit geschrieben, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Gerry McAvoy & Pete Chrisp – On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero weiterlesen

Reto Wehrli – Verteufelter Heavy Metal

Ein Sachbuch zu unserem innig geliebten Musikgenre steht diesmal auf dem Rezensionsprogramm. Und welch edler Fund überdies! „Verteufelter Heavy Metal – Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz“ – Der auf den ersten Blick irreführende Titel scheint auf ein weiteres Hetz-Pamphlet hinzuweisen, das im Metal das Wirken Satans ausmachen möchte. Doch mehr als weit gefehlt; das Wörtchen „Fundamentalismus“ sollte stutzen lassen und ein Blick auf Buchrückseite sowie Inhaltsverzeichnis räumt dann jeden Zweifel aus, welche Seite dieses scheinbar endlosen Feldzuges für Anstand und Moral in diesem Werk unter Beschuss stehen wird. Zudem erschien Reto Wehrlis umfassende Schrift im Telos-Verlag, geführt von Dr. Roland Seim, der auch im Netz durch verschiedene Anti-Zensur-Webseiten präsent und wirkungsvoll in Aktion tritt. Wehrli selbst ist Psychologe, scheinbar eine für die Thematik unwesentliche Fachausbildung, doch auch hier: weit gefehlt. Die psychologischen Aspekte in dieser ganzen Streit-Thematik sind absolut wesentlich, und da sich der Autor seit fast zwanzig Jahren mit dem Phänomen Heavy Metal – selbst ein kritischer und merklich kundiger Fan – befasst und zudem das Augenmerk fachkundig auf Medienzensur richtet, sind hier optimale Voraussetzungen für eine vielversprechende Auseinandersetzung gegeben.

„Verteufelter Heavy Metal“ ist ein Fachbuch, eine wissenschaftliche Studie und Arbeit, die durchaus voraussetzungsvoll ist und sich gelegentlich in akademischen Ausdrucksformen ergeht, aber dennoch in erfrischender und faszinierender Weise geschrieben wurde, stets begleitet von einem geradezu sarkastischen Unterton und persönlichen Einwürfen, ohne dadurch unsachlich zu werden. Und die Sachlichkeit hat es in sich: Im Gegensatz zu den oberflächlichen Anwürfen der fundamentalistischen Apologeten und staatlichen Kontrollinstanzen ist hier jedes Faktum sorgsam recherchiert und durch unzählige Quellen belegt. Ein endloses Literaturverzeichnis sowie ein ausgiebiges Sachwortregister und Autorenverzeichnis runden die Wissenschaftlichkeit der Arbeit ab. Wehrli bemüht zudem ausgiebig Originalquellen sowie sorgsame Eigenrecherchen und vermeidet es, Aussagen von Abgeschriebenem abzuschreiben, wie dies so gern und bequem anderenorts praktiziert wird – was die ärgsten Peinlichkeiten verursacht und zu Gelächter einlüde, wären die Folgeerscheinungen nicht gar so unerfreulich. Kulturhistorische Details, psychologische, soziologische, politische und musikwissenschaftliche Informationen in Hülle und Fülle porträtieren ein umfassendes Bild von Rock- und Metal-Szene, moderner Musikentwicklung, Medienlandschaft, Moralgebäuden und Zensurbemühungen.

Zensur? Minderheiten- und Randgruppendiskriminierung? In einer Demokratie? Gar in Deutschland? Unsinn! möchte der Leser an dieser Stelle vielleicht abwinkend ausrufen. Nun, gesetzlich gibt es eine Zensur natürlich nicht, doch betrachtet man sich die reale Umsetzung verschiedener Grundrechte wie Meinungs­- und Religionsfreiheit usw. genauer, hat man vielleicht eine Andeutung davon, wie es mit zensorischen Maßnahmen aussieht. Hier kann man vielleicht eher von einer gezielt aufgebauten ‚Filterung‘ sprechen, einer geradezu automatisierten und durch Zwänge und Gegebenheiten bestimmten Selbstkontrolle – allerdings nicht ganz so freiwillig, wie die bekannte Kontrollinstanz dies namentlich vermuten lassen möchte. Die Demokratie ist hier gezwungen, subtiler vorzugehen, doch die Wirkungsweise ist effektiver als man glauben würde. Bis zu direkten Zugriffen, Polizeirazzien etc. reicht das Repertoire der besorgten Ordnungsinstanzen in der Musik- und Kunstlandschaft allerdings ebenfalls, auch wenn der Durchschnittsbürger solche Szenarien allzu leicht ins Reich der paranoiden Phantasterei verbannen möchte. Wehrli geht hierauf ausführlich und mit belegten Fallbeispielen vor allem aus den USA (wo Bücher-Barbecue ein recht beliebtes Spektakel zu sein scheint; ein Schelm, wer dabei Parallelen zieht), Skandinavien und dem deutschsprachigen Raum ein, doch dazu später mehr, zunächst der Reihe nach zum Buchinhalt (Ihr merkt, ich könnte mich diesmal wieder etwas ausführlicher auslassen. Ich hoffe, der Kaffee steht griffbereit.):

Bereits der Einleitungstext meißelt zentrale Probleme und Fragwürdigkeiten im Umgang mit der Thematik des Heavy Metal und seiner Subkultur heraus, von Gesellschaftsunterwanderung und Amoralität bis hin zu Satanismusprojektionen und der Frage, wie gesichert und vertrauenswürdig so manche Studie sein mag, die sich letztlich auf nichts als urbane Mythen berufen kann.

Damit überhaupt fachkundig auf die zentralen Themen eingegangen werden kann, muss zunächst abgeklärt und analysiert werden, wovon überhaupt die Rede sein soll und worum es sich beim Heavy Metal eigentlich handelt. Dazu bietet Reto Wehrli in den ersten vier Kapiteln einen ausführlichen Überblick zur musikwissenschaftlichen Entwicklung des Metal, zur kulturhistorischen Bedeutung und Einordnung, zu den verschiedenen Metal-Stilen, zur Subkultur und den damit verbundenen soziologischen, politischen und psychologischen Mustern. Hierbei wird, das muss angemerkt werden, deutlich, durchaus nicht einseitig argumentiert und so manche Skurilität, (chauvinistische) Klischeelastigkeit und Blöße der Metal-‚Philosophie‘ aufgezeigt. Für jeden Metal-Fan eine bildende Bereicherung und für jeden Schimpftiradenkanonier Pflichtlektüre, denn wie sagte Dieter Nuhr so beflügelnd: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!“

Wie wenig Ahnung die Ankläger im Regelfall von ihrem Streitobjekt haben, zeigt Wehrli in einem Hauptblock des Buches, nachdem er mit Kapitel 5 vorweg einige der beständig gleichen Kernvorwürfe und interessante Statistiken und Begebenheiten kurz als Appetizer anreißt. In diesem zentralen und sehr umfangreichen Kapitel „…And Justice for All“ gibt der Autor einen Überblick über alle historisch wesentlichen Bands, die für die Thematik bedeutsam sind, von den BEATLES 1960 bis zu MARILYN MANSON 1989. Die Großmeister des Heavy Metal fehlen dazwischen natürlich auch nicht. Dabei wird jeweils die Bandgeschichte präsentiert, teils mit interessanten Details gespickt, sowie die jeweils mit der Band verknüpften Skandale, Prozesse und zensorischen Maßnahmen aufgeführt. Zugleich wird der Großteil dieser Anwürfe als unsinnig zerpflückt, prozessierte Texte im Original verglichen und interpretiert, beschlagnahmte Platten-Cover präsentiert und desgleichen mehr. Da wird es manchmal schwierig, den Text im Auge zu behalten, da der Kopf beständig in ungläubigem Staunen (oder Entsetzen?) hin und her geschüttelt wird. Bei soviel kirchlichem, staatlichem, in jedem Falle aber amtlichem Stumpfsinn musste meine Schreibtischkante arg leiden, da ich mich veranlasst sah, allzu oft mit einem Homer Simpson’schen „Nein!“ auf den Lippen die Stirn gegen selbige zu schlagen. Kann man für geistige Schmerzen eigentlich Schadensersatzforderungen einklagen?

Auf den offenbar fragwürdigen geistigen Zustand der Ausführenden solch fabulöser Hexenjagden geht Wehrli angebrachterweise später noch ein, doch zunächst widmet er sich einer der beliebtesten urbanen Legenden des Heavy Metal: der „Backward Maskings“ oder unterschwelligen Botschaften. Hier wird zum ersten Mal in der mir bekannten Fachliteratur wirklich wissenschaftlich argumentiert. Dies mit der durch keinen Gegenbeleg zu entkräftenden Folgerung, dass diese heiß geliebten „Satansbotschaften“ etwa so wirkungsvoll sind wie Hufeisen über der Haustür und in den meisten Fällen überdies gar nicht vorhanden und krampfhaft in Gehörtes hineininterpretiert – da kann man die Tonspur noch so besessen [sic] rückwärts laufen lassen. Darauf geht der Autor bei den einzelnen Bands und im Verlauf des Buches gelegentlich jeweils noch ausführlicher ein.

Es schließt sich ein wahres Genusskapitel an, in dem sich Wehrli nun genauer den Gegnern des Heavy Metal widmet, sie institutionell und psychologisch durchleuchtet und die Beweggründe aufzuspüren sucht. Traditionalisten, Fundamentalisten, Christensekten und Anthroposophen bilden hier den Schwerpunkt.

Hernach folgt ein ausführliches Rezensionskapitel, in dem der Autor die führenden und gern als Fachreferenz herangezogenen Pamphlete, Entschuldigung, Fachbücher über Rock, Metal und ihr satanisches Wirken komplett und genüsslich zerpflückt und dabei nicht im geringsten zimperlich oder verbal zurückhalten verfährt. Da kommt Freude auf.

Die folgenden beiden Kernkapitel widmen sich nun den Zensurinstanzen und ihrem Wirken sowie den einzelnen Zensurfällen, die bedeutsam waren. Hier gibt es übrigens allerlei Bild- und Schriftmaterial für Genießer zu begutachten. Da das meiste davon indiziert wurde, wundert es mich, dass diese schwer beschaffbaren Quellen hier in dieser öffentlichen Form herangezogen werden konnten, ohne die Fürsorge des Großen Bruders auf den Plan zu rufen. In jedem Falle: Respekt! Da gehen einem wahrhaft die Augen über und die permanente Scheibenwischergeste beim Lesen ist vorprogrammiert; man mag kaum glauben, zu welchen Einzelfällen es dabei auch hier in deutschen Landen kam, aber auch die Lage in Übersee wird natürlich ausgiebig beleuchtet. Wehrli wirft auch einen vielsagenden Blick auf andere Medienbereiche, vornehmlich Horrorfilme und Comics. Auch da gibt es allerlei Auswüchse von beiden Seiten der Front.

Das letzte Kapitel vor dem nachdenklichen Schlusswort richtet den Blick gen Norden, zu den Auswüchsen des Metal-Underground in Skandinavien. Hier gibt es dann tatsächlich einmal Grund zu aufrichtig angebrachter Sorge, denn was sich hier in einer Vermischung aus Pseudosatanismus, Nationalsozialismus und hartem Metal zusammengebraut hat und auch vor Folgeerscheinungen in Deutschland nicht Halt machte, ist in der Tat erschreckend. So werden also wirkliche Problemzonen, wie eingangs schon angemerkt, nicht ausgeblendet oder beschönigt. Was glänzend und völlig daneben ist, wird von Wehrli ebenso beim Namen genannt wie er dies bei den etwas fehlgeleiteten Metalgegnern und Randgruppenhetzern (Gesellschaftliche Feindbilder sind noch immer eines der wirksamsten Werkzeuge der Macht.) zuvor tat. Allerdings kommt auch hier letztlich zum Ausdruck, dass nicht der Metal, wie gern angeführt, das ursächliche Problem, sondern nur ein Symptom der Krankheit ist, von deren Wurzeln die Gesellschaft anklagend ablenken möchte, um sich nicht mit den wahren Pathologien ihres Daseins befassen zu müssen.

Alles in allem ist „Verteufelter Heavy Metal“ zum Thema das zweifelsohne umfassendste und bestrecherchierte Werk im Buchsektor. Für den Fan finden sich zahllose Fakten und Details und die Aufmerksamkeit für Problemzonen der scheinbar freien Demokratie wird deutlich geschärft. Für Szenegegner ist dieses Buch unverzichtbar, wenn sie ernsthaft an einer Diskussion interessiert sein sollten und bestrebt sind, sich mit wahrhaften Hintergründen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Betrüblich ist, dass dieses Mitte 2001 erschienene Buch noch immer in der ersten Auflage von 750 Exemplaren steckt, während allerlei Schundwerke sich zu Zehntausenden verkauft haben und als Referenzmaterial herhalten müssen. Auch preislich bewegt sich das Buch im grünen Bereich, denn die 400 kleinstbedruckten Seiten mit mehr als 100 Abbildungen entsprechen etwa dem Umfang eines 800-seitigen Taschenbuches. Und für Fachliteratur, gerade von Kleinverlagen, sind die Kosten normalerweise geradezu exorbital. In jedem Falle: Zwei enthusiastisch erhobene Daumen für diese Glanzleistung.

Grobes Inhaltsverzeichnis:

Intro
1. Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal
2. „Stampfen, Toben, Fäuste schwingen“ – Eskapismus als Lebensrealität
3. Schwer und leicht, schwarz und weiß
4. „Recognize your age – it’s a teenage rampage!“
5. „Sex, Gewalt und Satanismus“: Auf jeder Platte ein Dämon!
6. „…And Justice for All“: Die verteufelten Bands im Überblick
7. Der Satan kommt von hinten: ‚Backward Maskings‘
8. Jäger des verlorenen Schamgefühls – Wer sind die Gegner des Heavy Metal?
9. Am Anfang war das letzte Wort: Bücher gegen den Heavy Metal
10. Wer zensiert was? Die Unterschiedlichkeit des Unzulässigen
11. Große allgemeine Verunsicherung! Musikzensur in Deutschland
12. Auswüchse aus dem Untergrund
13. Schluss
Literatur
Diskografien
Autorenverzeichnis
Register

Verlags-Homepage: http://www.telos-verlag.de

_Nachtrag:_ Am 21. März 2005 erschien die stark erweiterte Neuauflage des Buches.

Reto Wehrli: Verteufelter Heavy Metal – Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte
Münster: Telos Verlag 2005, 2. Auflage (März)
ISBN [3-933060-15-X]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/393306015X/powermetalde-21
740 Seiten
ca. 300 Abbildungen
Bilderdruckpapier, broschiert, Farbcover
Format: 21 x 15 cm
Bibliographie, Diskographie
EUR 37,50
http://www.telos-verlag.de/seiten/buch5rw.htm

The Beatles – The Beatles Bible. 100 unverzichtbare Beatles-Songs mit Text und Akkorden

Sie sind die wohl wichtigste Band der gesamten Musikgeschichte und gleichzeitig die erste und für viele einzig wahre Boygroup. Ihre Lieder erreichten vor mehr als drei Dekaden ein Millionenpublikum, sind seitdem unvergessen und gelten als Inspiration für eine Heerschar von mittlerweile ebenfalls prominenten Musikern. Was John Lennon, Ringo Starr, George Harrison und Paul McCartney auch anpackten, es wurde zu Gold. Wie viele Hits haben THE BEATLES geschrieben? Man mag sie kaum noch zählen, und eine Auswahl der bekanntesten Stücke zu benennen ist wohl eine ebenso knifflige Aufgabe wie ihre besten Songs herauszusuchen.

Die Bosworth Music GmbH hat uns diese undankbare Arbeit abgenommen und in einem Sammelband 100 der unverzichtbarsten Lieder dieser unsterblichen (man verzeihe mir, wenn dies makaber anmutet, doch damit ist lediglich der Status gemeint) Kapelle zusammengefasst. Völlig zu Recht heißt dieses schmucke Taschenbuch-Sammelwerk „The Beatles Bible“, denn für die vielen nach wie vor verbliebenen Fans wird dieses simpel aufgemachte Büchlein garantiert die Stellung eines Gebetbuches einnehmen.

100 Songs, darunter Sachen wie ‚I Am The Walrus‘, ‚Come Together‘, ‚Day Tripper‘, ‚Penny Lane‘, ‚Yellow Submarine‘, ‚Let It Be‘, ‚Eleanor Rigby‘, ‚Hey Jude‘, ‚Help‘ und natürlich der wohl bekannteste McCartney-Hit ‚Yesterday‘ sind enthalten, und dies sowohl in der reinen Notenfassung mit Text als auch mit Grifftabelle für die Gitarre. Somit ist das Teil nicht nur ein recht umfassendes Songbook, sondern auch eine gute Einstiegshilfe für gerade mit der Ausbildung beginnende Gitarrenspieler, denn wirklich schwer zu spielen sind die BEATLES-Songs in der Regel nicht.

Das Schöne dabei: Die hier vorliegende Ausgabe ist sehr handlich, kann überall hin mitgeschleppt werden und braucht nicht so viel Stauraum wie die ansonsten immer im DIN-A4-Format herausgegebenen Notenbücher. Mit anderen Worten ist dieses kleine aber feine Werk ein echter Goldschatz, den man nicht mehr aus der Hand geben will, sobald man sich in all die alten Kamellen wieder eingesungen hat.

Ich bin zum Beispiel eben bei ‚Let It Be‘ stehen geblieben, habe mir dazu die fabelhafte Version von TORI AMOS angehört und bin der Sache total verfallen. Was bleibt also noch zu sagen? Whisper words of wisdom …

Unterm Strich

Tolle Idee, kompaktes Format, geniale Songs – so sieht eine Musikerbibel aus.

Gebunden: 213 Seiten
ISBN-13: 978-3865431905

https://www.bosworth-print.de/

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Oidium, Jan – Wacken Open Air History

15 Jahre |Wacken Open-Air| sind für die Veranstalter sicherlich ein legitimer Grund zum Feiern und zur Veröffentlichung einer ‚Festschrift‘. Das Buch „15th Anniversary Wacken Open Air – Die offizielle History“ wurde anlässlich des diesjährigen Festivals von der |Oidium Verlags GmbH| im Auftrag der Wacken-Organisatoren geschrieben und sollte schnellstens zur Pflichtlektüre jedes W:O:A:-Fans avancieren. Wer während des Festivals sein Taschengeld lieber in Getränke, Verpflegung oder Merchandise investiert hat, kann das Buch mittlerweile für 19,99 € regulär über den Buchhandel beziehen. Dafür erwarten den Fan 140 großformatige Glanzseiten Geschichte in Sachen Heavy Metal mit einer lesenswerten Vielfalt an Eindrücken und Hintergründen, teils informativ und wissenswert, teils auch einfach nur witzig.

Wie jede gute Festschrift beginnt auch diese mit Grußworten lokaler Offizieller, darunter auch ein bemerkenswerter Brief von Ute Erdsieck-Rave, der Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Die Dame muss über eine gute Presseabteilung verfügen, in der zumindest ein eingeweihter Metalhead an ihren Briefen arbeitet. Anders ist es kaum erklärbar, dass sie ihren Brief mit ‚Louder than hell‘ beginnt, vom ‚legendären Wacken Open-Air‘ schreibt und sich über die ‚friedliche Metal-Invasion im Norden‘ freut. Ein gelungenes Grußwort von einer Stelle, von der man solches sicherlich nicht erwartet hätte. Im weiteren Verlauf gliedert sich das Werk in vier Teile: Zuerst kommen Crew, Bands und Fans zu Wort, bevor das Buch mit knapp vierzig Seiten weitgehend unkommentierter Bilder endet.

Wer schon immer mehr über die Geschichte des W:O:A: erfahren wollte, wird von den Organisatoren Thomas Jensen, Holger Hübner und Sheree Hesse bestens bedient. Die Macher schreiben von ihren ersten Versuchen, eine mehr oder minder private Metalparty zu organisieren und gehen auf jedes Jahr W:O:A: mit allen Hochs und Tiefs, Erfolgen und Rückschlägen ausführlich ein. Dabei machen sie vor bisher sicherlich kaum bekannten organisatorischen, persönlichen und auch finanziellen Dingen keinen Halt und bieten einen tiefen und intimen Einblick in das ‚Hinter-den-Kulissen‘. Deutliche Worte fallen auch zu dem Disput mit dem |RockHard| bezüglich des Festivals 2002 und stellen die Situation aus Sicht der Veranstalter dar, fairerweise kommt aber auch Chefredakteur Götz Kühnemund zu Wort. Komplettiert wird der Teil durch einige Berichte der vielen Helfer und Mitarbeiter, ohne die das Festival in der jetzigen Form wohl kaum auf die Beine zu stellen wäre.

Was Jan Oidium und sein Team an Redakteuren danach an Berichten, Statements und Interviews von den beteiligten Bands zusammengetragen hat, ist schlicht beachtlich. Auf gut vierzig der A4-Seiten kommen insgesamt 104 Bands aus aller Welt in alphabetischer Reihenfolge mit mal mehr, mal weniger langen Aufsätzen zu Wort und berichten von Erinnerungen an ihren Auftritt und ihrer Sicht des Festivals sowie ihren witzigsten und auch gelegentlich peinlichsten Momenten. Besonders sei der Bericht von Sabina Classen (TEMPLE OF THE ABSURD/HOLY MOSES) erwähnt, der vom reinen Umfang her nicht mehr weit von einem eigenen Buch zu Wacken entfernt ist und sich mit genauso viel Spaß liest, wie ihn die Autorin beim Schreiben gehabt haben muss. Dass auch der eine oder andere ‚Maulfaule‘ dabei ist, sollte hier nicht weiter stören. Alleine, dass so viele Bands es sich nicht nehmen ließen, zu dem Buch beizutragen, spricht für den Stellenwert, den das W:O:A: bei den Musikern genießt.
Wenig Informatives, aber umso Witzigeres ist im darauf folgenden ‚Fan‘-Teil zu erwarten, in dem die von Oidium per Internet aufgerufenen Besucher zu Worte kommen und ihre ’schönsten Reiseerlebnisse‘ wiedergeben. Wenn diese jemals als Schulaufsätze eingereicht worden wären, hätte vermutlich mindestens die Hälfte der Schreiber niemals einen Schulabschluss erreicht. Und damit sind nicht die häufig zu verzeichnenden orthographischen und grammatischen Pannen gemeint – die Redaktion hat nur in groben Fällen der reinen Lesbarkeit wegen eingegriffen und ansonsten die Statements weitgehend im Original belassen – sondern schlicht der bedenkliche Lebenswandel, den die metallische Jugend anscheinend pflegt. Zumindest scheint in fast allen Berichten die Musik eine dem reichlichen Genuss von alkoholischen Getränken mit dementsprechenden Ausfallerscheinungen eher untergeordnete Rolle zu spielen, und so ergibt sich von der ewig präsenten Zeltsuche in betrunkenem Zustand über Erlebnisse mit vollkommen weggetretenen Besuchern, merkwürdigerweise meist skandinavischer Herkunft, ein Bild, das nicht so recht zu den Worten einer Ministerin für |Kultur| und |Bildung| zur Eröffnung des Buchs passen will (da sich Smilies und Ähnliches in einer Rezension verbieten, sei dies alles mit einem gehörigen Augenzwinkern verstanden). Auch wer noch nicht selbst dabei war, wird aufgrund der ‚plastischen‘ Beschreibungen sowie der bildlichen Impressionen von Fans in allen erdenkbaren körperlichen Zuständen nicht mehr aus dem Lachen herauskommen. Für Wacken-Besucher, die den ständigen Wahnsinn bereits hautnah haben erleben durften, dürfte die Lektüre einige längst vergessene bzw. in dunklen Alkholnebeln verblasste Erinnerungen heraufbeschwören, auffrischen und immer wieder für ein: ‚Ja, genau, den/das habe ich auch gesehen‘ (oder im schlimmsten Fall für ein: ‚Upps, das war ich‘) sorgen.

Es wird wohl nicht viele Wacken-Besucher geben, die ohne irgendwelches eigenes Bildmaterial nach Hause zurückkehren. Insofern ist die Bilderabteilung eher ein nettes Beiwerk, dafür aber qualitativ deutlich hochwertiger als die Schnappschüsse aus der hauseigenen Familienfotoknipse. Jedem Festival hat Oidium jeweils eine Doppelseite gewidmet, alle aufgetretenen Bands gelistet, mit einem Bild des jeweiligen Konzertplakats gewürzt und Aufnahmen von Musikern auf und hinter der Bühne beigefügt. Auf jeden Fall eine gute Abrundung des Gesamtwerks und ein gelungener Ausklang.

Die „Wacken Open Air History“ ist nicht nur ein Buch für Fans und Besucher des Festivals, sondern sollte jedem Metaller mit Sinn für Humor und Interesse an der ‚Szene‘ Spaß machen. Und wer bisher keine Lust hatte, das Festival zu besuchen, wird spätestens nach diesem kurzweiligen und unterhaltsamen Buch seine Karte für das nächste Jahr bestellen. Kurzum, ein gelungenes Werk, mit dem Autor und Redaktionsteam genauso zufrieden sein können wie Auftraggeber und Fans.

[Informationsseite des Verlages]http://www.oidium-comics.de/verlag/Deutsch/D14__Artikel/SHOP/WOA__Historie/woa__historie.html (mit Bestellmöglichkeiten und großformatiger Muster-Abbildung aus dem Buch)

Das Buch ist über den Verlag und jede Buchhandlung zum Preis von 19,99 Euro unter der ISBN [3-9809697-0-3]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3980969703/powermetalde-21 zu beziehen. Eine englische Version ist unter der ISBN 3-9809697-1-1 bestellbar.

Neil Daniels – Robert Plant – Led Zeppelin, Jimmy Page & die Solo-Jahre

Wenn man sich bereits mit „Hammer Of The Gods„, der Mutter aller Led -Zeppelin-Biografien auseinandergesetzt hat, darf man ruhigen Gewissens der Ansicht sein, dass man die wichtigsten Details über die Karriere der Band sowie den individuellen Werdegang ihrer Mitglieder bereits aufgesogen hat. Die skandalträchtige Ansammlung der wichtigsten Stationen einer wohlverdienten Legende mag sich zwar vorrangig von ihren düsteren Episoden nähren, gehört aber als nahezu lückenlose Zusammenstellung einer klischeehaften, daher vielleicht auch typischen Band-Laufbahn zu den essenziellen Werken des gesamten Musikbusiness‘.
Neil Daniels – Robert Plant – Led Zeppelin, Jimmy Page & die Solo-Jahre weiterlesen

Marc Canter / Jason Porath – It\’s (not) so easy – Guns N\‘ Roses: Der steinige Weg zum Erfolg

Die finale Doku für Fans: ein Fest fürs Auge, ein Füllhorn an Infos

Marc Canter begleitete seinen Freund Saul Hudson, später bekannt als Gitarrist Slash, von der Highschool bis zum Olymp der Erfolgs. Er wurde Zeuge der Anfänge des Erfolgs von Guns N‘ Roses und der Entstehung ihres legendären Albums „Appetite for Destruction“. Canters Fotos und Tonaufnahmen fingen private Momente der Band ein und hielten fest, wie sich GNR in ihren Anfängen auf der Bühne durchkämpfte. Erinnerungsstücke wie Flyer, Kartenabrisse, Setlists, Presseberichte und handgeschriebene Songtexte runden die Texte, Fotos und Grafiken ab. In Interviews kommen die Bandmitglieder und Personen, die ihnen damals nahestanden, zu Wort.
Marc Canter / Jason Porath – It\’s (not) so easy – Guns N\‘ Roses: Der steinige Weg zum Erfolg weiterlesen

Martin, Harald – Paul McCartney

Als Teil des vermeintlich besten Songschreiber-Duos aller Zeiten (Lennon/McCartney) ist Paul McCartney ein unbestreitbarer Platz im Musik-Himmel sicher. Die Biographie des Saarbrücker Journalisten Harald Martin würdigt den gebürtigen Liverpooler aus einfachsten Verhältnissen, der mit seinem BEATLES-Bandkollegen John Lennon in den Sechzigern eine wohl nie wieder erreichbare und beinahe perfekte künstlerische Symbiose einzugehen vermochte, die solche Meisterwerke wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967) oder „A Hard Days Night“ (1964) hervorbrachte. Aber auch in der Folge mit dem grandiosen WINGS-Drittwerk „Band On The Run“ (1973) oder dem anerkannten Meilenstein seiner Solo-Karriere „Tug Of War“ (1982) ließ Paul McCartney immer wieder seine Genialität aufblitzen, die laut Martin einzig von seiner relativen Unfähigkeit, Kritik von außen zu akzeptieren, überschattet wurde.

Von seinen Fans liebevoll „Macca“ genannt, bekommt Paul McCartney in der Biographie durch Martin fünf unterschiedlich lange Kapitel sowie das „Ein Mythos namens Paul McCartney“ betitelte Vorwort sprichwörtlich auf den Leib geschrieben. Im ersten Teil geht es, wie schon der Titel eindeutig verrät, um den Aufstieg und den gegenwärtigen Status des Lieblings-BEATLES vieler, vor allem weiblicher Fans. Die aktuell in den Medien omnipräsente Scheidungs-Schlacht mit McCartneys zweiter Frau Heather Mills verdeutlicht, wie schnell einen die Aktualität einholen kann, endet die Darstellung doch in chronologischer Hinsicht am Beginn des 21. Jahrhunderts, auch wenn Martin in dieser Biographie über weite Strecken alles andere als chronologisch vorgeht. Genau diese erfrischende Herangehensweise gibt dem Leser genug Luft zum Atmen. Das zweite Kapitel „Das andere Ich“ beleuchtet das mit dem Ausdruck „Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ treffend beschriebene Musikerleben der vergangenen Jahrzehnte. Weitere Unterpunkte sind die Malerei McCartneys sowie die Fähigkeit, mit Geld umzugehen bzw. zunächst erst einmal – und das recht erfolgreich – dieses zu generieren. Mit „Weggefährten“ betitelt ist dann jenes Kapitel, das sich u. a. mit Maccas Verhältnis zu den anderen BEATLES Lennon, Starr und Harrison sowie mit dem WINGS-Kollegen Denny Laine, dem Songwriter Eric Stewart sowie Elvis Costello befasst. „Perfekte Harmonie“ beschreibt am ehesten die Persönlichkeit und die Eigenarten des Musik-Genies und Idols ganzer Generationen. Am Ende steht mit „Täglich werden neue Fans geboren“ eine kurze Momentaufnahme von McCartneys Status in jüngster Zeit, bevor eine sehr gute Diskographie, eine umfassende Bibliographie und ein unverzichtbares Personenregister Licht in die lange und teilweise unüberschaubare Karriere des BEATLES-Bassisten bringen.

Martin schafft es, dem Leser die Person und den Musiker Paul McCartney näher zu bringen und erfrischenderweise gleichzeitig auch ein wenig an dem oft überhöhten Thron McCartneys zu wackeln und die Dinge zu relativieren. Von diesem Standpunkt aus gesehen, wird Martin im Lager der McCartney-Anhänger nicht nur Freunde finden, der Durchschnitts-Leser jedoch wird diese reflektierte Haltung auch einem unbestrittenen Genie gegenüber zu schätzen wissen. Die Widersprüchlichkeit McCartneys wird herausgearbeitet, der einerseits, obwohl unvorstellbar reich, seine Kinder so normal wie möglich oder beinahe knauserig erzog, andererseits einfacher Herkunft ist, was sich im Hang nach Höherem offenbart, der sich spätestens ab Mitte der Sechziger mit dem Riesenerfolg der Pilzköpfe bei McCartney zeigte.

Neben dem sehr lesenswerten und episodenhaften Stil der Darstellung überzeugt Martin auch mit einer sehr gründlichen Diskografie (BEATLES, WINGS und Solo) und vor allem mit der über weite Strecken nicht unkritischen Würdigung des Gesamtwerkes und der Persönlichkeit McCartneys. Dieses Buch wird für den Durchschnitts-Musikfan sehr viel und für McCartney-Fans immer noch genug interessante Details, Ereignisse und Querverweise bereithalten. Ich für mein Teil habe nach der Lektüre von „Paul McCartney“ jedenfalls meine wenigen noch vorhandenen Lücken in der Diskografie „Maccas“ geschlossen und sehe jetzt einzelne Werke in einem völlig anderen Licht als zuvor.

http://www.dtv.de

Andreas Speit (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien

Neben der klaren rassistischen und faschistischen Musikkultur – wie dem Neo-Nazi-Skinhead-Rock – hat sich in den letzten Jahren etwas etabliert, das nicht einzuordnen zu sein scheint. Die Gothics (vormals Gruftibewegung genannt) gerieten sehr schnell aus dem Fahrwasser der Satanistenvorwürfe in den Bereich der rechtsradikalen Mythen. Vor allem der Neofolk-Bereich ist davon betroffen, denn gerade die romantischen Lagerfeuerklänge und ihre Bezüge zur Naturreligion und Mystik geben Anlass, darüber Vermutungen anzustellen und zu recherchieren. Innerhalb der Gothic-Szene entstand schon vor Jahren die Gruftie-gegen-Rechts-Bewegung, die das alles sehr genau im Auge behält. Nun hat sich eine Reihe von Autoren aus dem Antifa-Bereich die Mühe gemacht und zeigt diese ganzen Verstrickungen schonungslos auf.

Andreas Speit (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien weiterlesen

Grünwald, Jan G. – Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal

Vor ein paar Monaten habe ich im Fernsehen eine Reportage über Männer auf der Suche nach ihrer Männlichkeit gesehen: Nachdem die Frauen heute alle Männerdomänen erobert haben – sei es nun in Sport, Beruf oder Politik -, treffen sich die suchenden Männer der Gegenwart beim Männerseminar im Indianercamp, springen nackt ums Feuer und spüren ihren verborgenen archaischen Anteilen nach.

Bands wie IMMORTAL, EMPEROR und DIMMU BORGIR haben es da einfacher. Sie dürfen sich unsanktioniert als archaische Kerle präsentieren, die den Frauen überlegen sind und die raue Natur beherrschen. Um all das auszuleben, erweist sich der Black Metal als ungemein praktisch. Mithilfe des Musikvideos steht den Künstlern eine geeignete Bühne zur Verfügung, auf der sie sich abseits des Zeitgeistes archaisch selbst inszenieren können.

Wen interessiert das? Die Rezipienten des Black Metal – vermutlich doch zu einem höheren Anteil Männer – werden kaum einräumen, dass Black Metal eine wunderbare Projektionsfläche für ihre archaischen Träume ist.

Bleibt also wieder mal nur die Wissenschaft, die den Metal und seine Spielarten als Forschungsfeld für sich entdeckt hat. Diesmal ist es der Fachbereich Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik in Frankfurt am Main. Hier forscht Jan G. Grünwald, seines Zeichens Dr. phil. und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dunstkreis von Prof. Birgid Richard, die dem forschungsinteressierten Metalfan bereits von der Braunschweiger Tagung „Metal Matters“ aus dem Jahre 2010 bekannt ist, bei der Richard und Grünwald sich mit einem Vortrag bereits des Themas „Mediale Bilder archaischer Männlichkeit im Black Metal“ annahmen.

Nun liegen unter dem Titel „Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal“ Grünwalds komplette Forschungsergebnisse vor. Und man muss es noch einmal deutlich sagen: Das ist eine wissenschaftliche Arbeit. Staubtrocken, mit vielen Fußnoten sowie der Anforderung an den Leser, Hintergrundwissen aus dem Bereich der Medienanalyse mitzubringen. Wer das nicht hat, für den wird die Lektüre des Buches zu einem harten Nüsschen.

Und so geht es auch inhaltlich überwiegend darum, darzulegen, mit welchen Methoden Filme gemacht und analysiert werden. Man lernt dabei, dass in einem Musikvideo unterschiedliche Räume inszeniert werden, die die Medienwissenschaftler als ‚Naturraum‘, ‚Filmraum‘, ‚Andere Orte‘ oder als ‚Heterotopie‘ kategorisieren. Wer Lust hat, sich mit derartig intellektueller Akrobatik zu befassen, der ist bei Jan G. Grünwald richtig.

Der Erkenntnisgewinn speziell zum Black Metal ist für mich hingegen nicht besonders groß. Die Hauptbotschaft legt ja bereits der Buchtitel offen, nämlich, dass Black Metal sich archaischer Männlichkeitsbilder bedient. Beim Durchkämpfen des Buches habe ich festgestellt, dass mich weniger die Frage interessiert, mit welchen Mitteln die dunklen Helden sich filmisch inszenieren als vielmehr a) warum sie das tun und vor allem b) warum archaische Männlichkeitsinszenierungen im 21. Jahrhundert, das den emanzipierten Mann kennt, so erfolgreich sind.

Aber das ist wohl eine andere Forschungsarbeit, die eher am Fachbereich Soziologie denn bei den Neuen Medien geleistet werden müsste.

Wer sich trotzdem an die Bildanalyse heranwagen will, der findet „Male Spaces“ für 34,90 € im Frankfurter |Campus|-Verlag.

|229 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3-593-39645-3|
http://www.campus.de

_Erika Becker_

Belisle, David – R.E.M. – Hello. Fotografien von David Belisle

_Visuelles Andocken am Planeten R.E.M._

Auf knapp 200 Seiten präsentiert dieser Bildband die Rockband |R.E.M.| auf Hochglanzfotos, die der Fotograf David Belisle in den Jahren zwischen 2003 und 2007 geschossen hat. Alles Weitere und Nähere lest ihr im Folgenden. Der aktuelle Anlass: das Erscheinen des Albums „Accelerate“ (Beschleunige).

_Die Band_

Von der kleinen unbekannten Band „Twisted Kites“ aus Athens, Georgia, bis zu |R.E.M.|, die weltweit die Konzerthallen füllen, war es ein weiter Weg, den Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills gegangen sind. Der Name |R.E.M.| steht für Rapid Eye Movement, also schnelle Augenbewegung. Dies bezeichnet diejenige Schlafphase, in der, so die Annahme oder Diagnose, der Schläfer träumt.

Obwohl in den Achtzigerjahren noch relativ unbekannt, galten |R.E.M.|, inspiriert von Patti Smith, bald als Vorreiter des College- und Alternative Rock. Sie waren Vorbild für Musiker wie Kurt Cobain von |Nirvana|. Im Jahr 1991 gelang ihnen mit dem Album „Out of time“ und der Single „Losing my religion“ der internationale Durchbruch. Auch die LP „Automatic for the people“ wurde ein Riesenerfolg.

Es folgten Hits wie „Man on the moon“, „Everybody hurts“ oder „It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)“. Dazu kommen die große Bühnenpräsenz und die clever inszenierten Live-Shows der Band. |R.E.M.| wird heute als eine Art Gesamtkunstwerk betrachtet, mit dem androgynen Michael Stipe als Frontman. Im März 2008 veröffentlichten sie ihr vierzehntes Studioalbum. Mit „Accelerate“ wollen sie nun die Bühnen der Welt erobern.

_Der Fotograf_

Der Fotograf David Belisle, der mit der Band eng befreundet ist, hat sie in den letzten sechs Jahren auf ihren Tourneen begleitet sowie auf und hinter der Bühne fotografiert. Mit seiner Kamera hat er seltene Momente und intime Einblicke festgehalten – für jeden Fan ist ein Augenöffner dabei. Wie den Bildunterschriften (s. u.) zu entnehmen ist, wurden viele Aufnahmen in den Jahren 2003 und 2004 gemacht, auf ihrer Welttournee.

_Die Fotos und Bildunterschriften_

Die über 150 Fotografien dieses Bildbandes umfassen farbige und schwarzweiße Fotografien der drei Bandmitglieder Stipe, Buck und Mills nicht nur bei Live-Auftritten, bei Dreharbeiten zu Videoclips oder mit Musikerkollegen wie Bruce Springsteen, Patti Smith, Neil Young und Thom Yorke von |Radiohead|, sondern auch jenseits des Rampenlichts, wie sie nur ihre engsten Freunde kennen. Auch Michael Moore und Woody Harrelson tauchen auf.

Belisle schreckte nicht einmal davor zurück, Stipe auf der Toilette oder unter der Dusche zu fotografieren. Kein Wunder, denn, wie Stipe im Vorwort schreibt, ist „das Klicken von Belisles Leica oftmals so leise, dass er wahrscheinlich schon Fotos gemacht hat, bevor irgendjemandem aufgefallen ist, dass er die Kamera in der Hand hält“. Dabei beweist Belisle nicht nur Vorwitz, sondern auch Humor. Einmal machte Stipe ein Video für die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam. Man sieht, wie er mit einer weißen Flüssigkeit übergossen wird. „Ich stank eine Woche lang nach Babybrei“, kommentiert Stipe. Das Stipe sich für solche Inititativen engagiert, zeigen auch das „Vote for Change“-Konzert und sein Bild der burmesischen Dissidentin Aung San Suu Kyi.

Viele Aufnahmen zeigen den Charakterkopf Stipes mit einer dunkelblauen Färbung um die Ohren-, Stirn- und Augenpartie. Es handelt sich allerdings nicht um ein „Veilchen“ aus einer Schlägerei, sondern um bodypaint, das mit seinem Tourdesign zu tun hat. Stipe macht einen auf wildes Tier oder Kannibale. Ob dies etwas mit dem Video „Animal“ zu tun hat, kann ich nicht sagen, denn ich habe es nie gesehen.

Bei Fotos zählt nicht nur das Motiv, sondern auch Auswahl und Kombination. Vielfach werden Bühnenaufnahmen mit Hochglanzmotiven den schwarzweiß gehaltenen Backstage-Motiven gegenübergestellt, um zu sagen: Leute, das Leben auf der Tour hält nicht nur schöne Momente bereit, sondern kann auch ganz schon banal und trist sein. Stipe regt mit einer seiner Bildunterschriften an, dies mal zur Diskussion zu stellen. Danach sehen glamouröse Events wie die Aufnahme in die |Rock ’n‘ Roll Hall of Fame| anno 2007 etwas weniger schillernd aus (S. 168/169).

Auch die Töchter von Peter Buck, Zoe und Zelda sind zu sehen (z. B. Seite 50), aber sie starren direkt in die Kamera und sind sich des Geknipstwerdens voll bewusst. Am Schluss stößt der Betrachter auf eine doppelseitige Collage aller Motive, die nicht auf eine Einzelseite passten: Ausschnitte aus rund 500 Schnappschüssen wurden von Kim Buchanan zusammengefügt und collagiert. Wer sich Zeit nimmt und länger auf die Details Acht gibt, wird noch sehr viel mehr Beachtenswertes über die Band und ihre Satelliten erfahren. Es lohnt sich.

Die Bandmitglieder haben vielen, aber beileibe nicht allen Fotos einen handgeschriebenen Kommentar als Bildunterschrift beigefügt. Leider sind diese Zeilen nicht ohne weiteres zu entziffern, aber nach einer Weile des Überlegens ist es mir immer gelungen, die schiefen Buchstaben zu sinnvollen Wörtern zusammenzusetzen. Die Zeile der zwei Mädchen auf S. 51 über ihren Vater Peter Buck ist am besten zu entziffern.

|Nachwort von Belisle|

In seinem Nachwort „Der Westen von Seattle“ schildert Belisle, wie er es schaffte, Tourfotograf einer so berühmten Band wie |R.E.M.| zu werden. Der erste Schritt war sicherlich das Aha-Erlebnis 1982 beim letzten Konzert von |The Who|, der zweite war der Kontakt zum späteren |R.E.M.|-Tourmanager Bob Whittaker (alle Crewmitglieder werden in separaten Fotos vorgestellt). 2001 wurde Belisle dann offizieller Hausfotograf der Band und begleitete sie überallhin. Der vorliegende Band ist ein Destillat aus seinen professionellen Arbeiten.

_Unterm Strich_

Der Bildband bietet einen interessanten und optisch reizvollen Querschnitt nicht nur aus dem Schaffen des Fotografen, sondern auch aus den Aktivitäten der Band. Dazu gehören nicht nur Live-Auftritte, sondern auch Foto- und Video-Shootings, die Teilnahme an Multistar-Konzerten und der Auftritt bei der Aufnahme in die Ruhmeshalle der Rockmusik.

Hinter diesem öffentlichen Erscheinungsbild gibt es aber auch die privaten Bandmitglieder zu entdecken. Während sich Peter Buck und Mike Mills meist hinter ihren Gitarren verschanzen, zeigt sich Frontmann und Sänger Michael Stipe in allen möglichen Variationen, so dass ich wirklich neugierig auf diesen ungewöhnlichen Menschen wurde. Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigt er sich sogar in seinen Privaträumen, so etwa im kleinen Gästehaus beim Schlafen.

Was fehlt, ist eine Monografie über die Band und ihr Umfeld, ja sogar über ihr politisches und ästhetisches Programm. All dies kann der ahnungslose Laie nur über die hier vorgestellten Freunde wie Neil Young, Patti Smith und Bruce Springsteen erschließen – oder über Auftritte für den US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry, für Aung San Suu Kyi und für die Welthungerhilfe Oxfam (Oxford Famine Relief). Das ist nur ein kümmerlicher Anfang und sollte den Betrachter dieses fantastisch gut aussehenden Bildbandes motivieren, sich näher mit der Geschichte und dem Werk dieses bemerkenswerten Band zu beschäftigen. (Am 12./13.4.2008 erschien beispielsweise in der SZ-Wochenendbeilage ein Artikel über Stipe und seine geistige Mutter Patti Smith, die bei |Cartier| in Paris auftraten.)

Es gibt viele Wege, sich dem |R.E.M.|-Planeten anzunähern und dort anzudocken, und dieser Bildband ist nicht der schlechteste Zugang. Auf jeden Fall einer der optisch reizvollsten und makellos produzierten.

|Originaltitel: R.E.M. – Hello
Aus dem US-Englischen von Thorsten Wortmann
192 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89602-841-9|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Putterford, Mark – Metallica – Talking

„Metallica – Talking“ lautet der Titel des neuen Werkes einer existierenden Buchreihe des Verlages |Schwarzkopf & Schwarzkopf|, in der bisher auch langjährige Musikgötter wie OZZY OSBOURNE oder LED ZEPPELIN (siehe [Rezension) 434 ihre Geschichte zu Papier bringen durften. Wer bei den Schlagworten METALLICA und Interview nun spontan an Lars Ulrich denkt, der liegt nah an der Realität, denn es ist vor allen der Mann am Schlagzeug, der einen Großteil des hier vorliegenden Textes in die Tonbandgeräte verschiedener Journalisten gesprochen hat.

Auf den gut 150 Seiten des Buches kommen aber neben der kompletten „inneren“ Band auch andere zu Wort: Der leider viel zu früh verstorbene Cliff Burton, Dave Mustaine (dem sogar ein eigenes Kapitel gewidmet ist, das vielleicht das interessanteste überhaupt in diesem Buch ist), Jason Newstedt und der Neue am Bass, Rob Trujillo. Das Werk, verfasst, oder besser zusammengestellt von Mark Putterford, ist chronologisch aufgebaut, beginnt bei den unvermeidlichen „Einflüssen“ und „Anfängen“, führt über sämtliche Alben, die von der Band ausführlich kommentiert werden, bis hin zu den aktuellsten Entwicklungen und „St. Anger“. Das eigentlich Interessante an dieser Bandbiographie ist die Tatsache, auf die schon der Titel hinweist: Es handelt sich beim Text ausschließlich um eine Sammlung von Originalzitaten der Band und der Menschen aus deren näherer Umgebung, die dazu jeweils aus der Zeitperiode stammen, die das entsprechende Kapitel näher beleuchtet. Dabei treten neben einigen witzigen Einlagen (zum Beispiel lobt Lars Ulrich so ziemliche jedes einzelne Album als „unglaublich“ oder „Wahnsinn“ in den Himmel, um es beim nächsten Werk wieder schlecht zu reden und das Ganze von vorn durchzuspielen) vor allem viele interne Sachen zutage, die man so wohl schon mal gelesen hat, die aber hier natürlich durch den O-Ton ein ganzes Stück „näher“ an der Realität sind. Selbiges macht, neben vielen guten Farb- und Schwarzweißfotos der Band aus den verschiedenen Perioden, wohl das Hauptargument für dieses Buch aus, das sich ansonsten etwas zu sehr auf die neuere Geschichte von Metallica konzentriert und die tatsächlichen Glanzzeiten der Band etwas in den Hintergrund rücken lässt. Erfreulich auch, wie teilweise zu fast jeder Platte einzelne Songs kommentiert werden, und der Einblick, den man in die Songwriting- und Textentstehungsprozesse bekommt.

Im Endeffekt muss wohl jeder für sich entscheiden, ob er „Metallica – Talking“ unbedingt braucht. Uneingeschränkt empfehlenswert ist es aufgrund der etwas auffälligen Kürze leider nicht, was der niedrige Preis allerdings wieder wettmacht. Fakt ist, dass das Buch einen relativ lesenswerten Überblick über die Geschichte einer der größten Metalbands der Welt gibt und dazu sicherlich zum Teil denkwürdige Originalzitate verwendet, die in sich ein stimmiges Bild ergeben (abgesehen von den erwähnten Wertungen von Plaudertasche Lars Ulrich) und damit insgesamt die normale Form einer Bandbiographie, bei der ein Autor über eine Band schreibt, einmal umdreht. Allzu viel Neues kommt dabei natürlich nicht ans Tageslicht, dennoch kann man das hier vorliegende Experiment ohne Zweifel als geglückt bezeichnen, bei dem vor allem das Herzstück, in dem alle Alben kommentiert werden, zum wiederholten Schmökern einlädt. Hoffen wir auf eine Fortsetzung der Reihe mit weiteren Metal- und Rockgrößen.