Gerry McAvoy & Pete Chrisp – On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero

Im Juni war es zwölf Jahre her, dass der große irische Blues- und Rockgitarrist RORY GALLAGHER gestorben ist. Nicht einmal fünf Jahre nach STEVIE RAY VAUGHANs Tod im Hubschrauberwrack waren die Musikfans tief getroffen, wieder einen bedeutenden Gitarristen, der mit großen musikalischen Leistungen statt mit Skandalen auffiel, so früh verloren zu haben. Gerry McAvoy, der fast die ganze Zeit Bassist in GALLAGHERs Band war, hat 2005 mit seinem Co-Autor Pete Chrisp ein Buch über die gemeinsame Zeit geschrieben, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Dabei ist „On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero“ eher eine Autobiographie McAvoys, nur dass ein beträchtlicher Teil seines Lebens an der Seite Gallaghers stattfand. Er erzählt von seiner Jugend als Hobbymusiker in Nord-Irland. Die wenigen irischen Rockstars wie TASTE mit ihrem Gitarristen Rory Gallagher werden wie Nationalhelden verehrt. Als sich TASTE um die Jahreswende 1970/71 auflösen und Gallagher unter eigenem Namen weiterzumachen plant, holt er den jungen Bassisten McAvoy in seine Begleitband, der für die nächsten 20 Jahre an seiner Seite bleiben soll, während die Schlagzeuger mehrfach wechseln werden. McAvoy schildert den schnellen internationalen Erfolg in den nächsten Jahren, die Zeit bei den Aufnahmen der anfangs häufigen Alben und auf den Tourneen auf verschiedenen Kontinenten. Doch allmählich wachsen die Spannungen, die Plattenveröffentlichungen werden seltener, Gallagher wird abhängig von Alkohol und Medikamenten. Anfang der 90er Jahre steigt McAvoy bei Gallagher aus und schließt sich der Reunion von NINE BELOW ZERO an. Rory Gallagher, früher ein hochangesehener Livemusiker, macht bei seinen letzten Konzerten keine gute Figur mehr. Am 14. Juni 1995 stirbt er nach Komplikationen bei einer Lebertransplantation.

McAvoy und Chrisp haben ihr Buch in einem lockeren Plauderton geschrieben. Wie in Musikerbiographien üblich, werden etliche Begegnungen mit Prominenten innerhalb und außerhalb der Musikwelt berichtet und viele Anekdoten zum Besten gegeben. Dabei ist Gerry McAvoy erstaunlich offen. Eigene Rückschläge und Fehler nennt er ebenso ehrlich, wie er über bekannte Musikerkollegen einige nette, aber auch einige gar nicht schmeichelhafte Dinge sagt. Auch seinen Freund Rory Gallagher schildert er sehr differenziert. Als Leser lernt man Gallagher als höflichen und hilfsbereiten Menschen und hart arbeitenden Musiker, aber auch als geizigen und manchmal menschenscheuen Eigenbrötler kennen. Sehr schön ist dabei, dass die Musik nicht vergessen wird. Zu fast jedem Album werden die Lieder einzeln vorgestellt und kurz beschrieben, oder die Stimmung bei den Konzerten Gallaghers – der sehr gerne vor einem übersichtlichen Publikum auftrat, zu dem er den Kontakt nicht verlor – wird wiedergegeben. Auch ist zu erfahren, dass Rory Gallagher nicht nur ein guter Sänger und überragender Gitarrist war, sondern auch das Saxophon beherrschte und es manchmal auf seinen Alben spielte.

Die Anlage des Buches als Autobiographie eines Bandmitgliedes bringt neben den Stärken der Ehrlichkeit und des Blickes aus nächster Nähe auch einige Nachteile mit sich: Die Zeiten, in denen Gallagher und McAvoy nicht zusammen spielten, werden nur sehr knapp behandelt. TASTE etwa werden nur aus der Sicht eines jugendlichen Fans geschildert, und Gallaghers letzte Jahre so, wie es McAvoy aus nur noch seltenen Begegnungen und dem Hörensagen wiedergeben kann. So bleibt ein bedeutendes Lied wie ‚It happened before‘ ebenso unerwähnt wie Gallaghers letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Platte, die von ihm selbst zusammengestellte Kompilation „Edged in Blue“ (1992). Besonders schmerzlich ist die Lücke jedoch für die Zeit von RORY GALLAGHERS größter Veröffentlichungspause zwischen den Alben „Jinx“ (1982) und „Defender“ (1987). In diesen fünf Jahren, in denen sich die beiden Musiker nur zu wenigen Konzertverpflichtungen trafen, scheint Gallaghers Verfall begonnen zu haben. Was in dieser Zeit mit dem großen Gitarristen geschah, bleibt dunkel. An ihrem Ende ist er alkoholsüchtig, und die Ärzte verschreiben ihm starke Medikamente.

Interessant ist die Lektüre aber auch abseits des Hauptthemas. Durch seinen Stil dokumentiert das Buch auch ein wenig Zeit- und Mentalitätsgeschichte. Man spürt den Familiensinn der Iren und begegnet geradezu ergebenen Fans wie Gallaghers Roadie Tom O’Driscoll, der seinem Meister fast wie ein Knappe seinem Ritter diente. Man wird Zeuge des wilden Lebens von Rockmusikern in der 70er Jahren. Und nicht zuletzt ahnt man etwas von der Stimmung und der Gefahr in Nord-Irland während des Bürgerkriegs. So wurde der Laden von Vater McAvoy, einem IRA-Sympathisanten, Ziel eines Bombenanschlags der IRA.

„On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero“ ist das Buch eines Freundes über einen Freund, das von großer Sympathie und Bewunderung getragen ist, aber dennoch vermutlich nichts beschönigt oder verschweigt, allerdings unter den erwähnten Lücken leidet. Die vielen teils farbigen Fotos und die als Kapitelüberschriften zitierten Liedtitel Gallaghers verleihen dem Ganzen eine besonders persönliche Note. Dass McAvoy gegen Ende des Buches noch etwas Werbung für seine heutige Band NINE BELOW ZERO macht, geht in Ordnung. Störend sind aber die vielen Druckfehler und Ungenauigkeiten wie Ungereimtheiten in der Zeitrechnung. Nichtsdestotrotz ist es ein lesenswerter Bericht über die wichtigsten Jahre eines herausragenden Musikers und seines Umfelds. Zu loben ist abschließend noch der Anhang mit Diskografie und etlichen Büchern zum Thema Rock.

E-Book
Dateigröße: 6116 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 346 Seiten
http://www.rorygallagher.com
http://www.ninebelowzero.com
http://www.heel-verlag.de